JEAN PAUL
SAMTLICHE WERKE
Abteilung I
Band 4
JEAN PAUL
Kleinere erzahlende Schriften
1796-1801
ZWEITAUSENDEINS
Herausgegeben von Norbert Miller
Nachwort von Walter Hollerer
l.Auflage, Marz 1996.
2. Auflage, Marz 1996.
Lizenzausgabe mit freundlicher Genehmigung
des Carl Hanser Verlages.
© 1962 Carl Hanser Verlag Mtinchen.
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In der Schweiz tiber buch 2000,
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ISBN 3-86150-152-X
INHALTSUBERSICHT
Leben des Quintus Fixlein 7
Biographische Belustigungen 261
Der Jubelsenior 409
Das Kampaner Tal 561
Palingenesien 717
Briefe und bevorstehender Lebenslauf 925
Das heimliche Klaglied 1081
Anhang 1139
Anmerkungen 1141
Nachwort 1 226
Inhaltsverzeichnis 1253,
LEBEN DES QUINTUS FIXLEIN
aus funfzehn Zettelkasten gezogen;
nebst einem MuBteil und einigen
Jus de tablette
BlLLETT AN MEINE FREUNDE
anstatt der Vorrede
Kaufleute, Autoren, Madchen und Quaker nennen alle Leute, mit
denen sie verkehren, Freunde; und meine Leser sind also meine
Gast- und Universitatsfreunde. Nun beschenk' ich zwar so viele
hundert Freunde mit ebenso vielen hundert Freiexemplaren - und
die Buchhandlung hat den Auftrag, jedem nach der Messe seines
auf Verlangen auszuliefern gegen ein elendes Gratial und don
gratuit fur Setzer, Drucker und andere Leute -; aber da ich die
10 ganze Auflage nicht wie die franzosischen Autoren zum Buchbin-
der schicken konnte: so fehlt natiirlichvornen das leere Buchbin-
derblatt, und ich konnte also dem Empfanger des Geschenks nichts
Schmeichelhaftes daraufschreiben. Ich liefi deswegen nach dem
Titel einige leere Blatter einziehen; auf diese wird hier gedruckt.
Mein Buch zerfallt, wie die BuBe, in drei Teile.
Den ersten oder sogenannten MuB teil, der aus zwei Erzahlungen
besteht und den die Reichserbkuchenmeisterin der Phantasie mit
Blumenwerk und Blumenmehl (wenigstens bestellt' ichs so) gar-
nieren sollte, bescher* ich, lieben Freunde, bloB lieben Freun-
20 dinnen : wahrhaftig mit beiden Erzahlungen werd' ich ihnen eine
ebenso groBe Freude machen, als bracht* ich ihnen von Leipzig
anstatt dieses MeBprasentes ein ganzes Ohrrosen-Bouquet oder
Visitenbilletts auf hollandischem Papier silbern gerandelt mit -
oder em Trauerneglige oder doch einen Facher von Sandelholz
mit einem Medaillon. Sie sind geborne Blumistinnen und selber
gut gezeichnete Blumenstiicke und lieben mithin auch in Btichern,
was sie so oft begiefien, sticken und brechen, - Bliimchen. Das
Schicksal, als Weginspektor, bestecke damit auch euere staubige
Lebens-KunststraBe, und Freudenrosen sollen euere Wegmesser
30 und Werstenzeiger sein: ich wiiBte keinen bessern Einhaucher
IO LEBEN DES QUINTUS FIXLEIN
oder inhalery gegen tiefere Brustschmerzen, als der Wundarzt
Mudge mit der Maschine jenes Namens lindert, keinen bessern
Einhaucher, sag* ich, als eueren trostenden Mund; und eben dar-
um schenke euch der Himmel, indes unsere FuBsohlen im heiBen
Sand an dem Krater des biirgerlichen Lebens waten, tiefer unten
die stille fruchtbare blumige Region an diesem Vesuv und setze
besonders euern Mannern oder Vatern, wie die Kalendermacher
der Sonne, ein menschliches Antlitz an, das auf eine schdne Weise
das mannliche wie das solarische Blenden mildert.
Der zweite und groBte Teil des Buches enthalt das Leben eines i0
Schulmanns, das - neun oder zehn Kapitel ausgenommen — schon
weniger fur Madchen passet: desto besser fur sie und fur mich,
wenn ich mich liber die sechs oder funf andern Kapitel betriige.
Mit dieser Biographie will nun der Verfasser euch, lieben Freunde,
nicht sowohl ein Vergniigen machen als euch lehren, eines zu ge-
nieBen. Wahrlich Xerxes hatte nicht auf die Erfindung neuer Freu-
den, sondern auf eine gute Methodologie und Haustafel, die alten
zu genieBen, Preismedaillen bieten sollen.
Ich konnteniemehralsdrei Wege, glucklicher (nicht glucklich)
zu werden, auskundschaften. Der erste, der in die Hohe geht, ist: 20
so weit iiber das Gewolke des Lebens hinauszudringen, daB man
die ganze auBere Welt mit ihren Wolfsgruben, Beinhausern und
Gewitterableitern von weitem unter seinen FxiBen nur wie ein
eingeschrumpftes Kindergartchen liegen sieht. - Der zweite ist:
— gerade herabzufallen ins Gartchen und da sich so einheimisch in
eine Furche einzunisten, daB, wenn man aus seinem warmen Ler-
chennest heraussieht, man ebenfalls keine Wolfsgruben, Bein-
hauser und Stangen, sondern nur Ahren erblickt, deren jede fur
den Nestvogel ein Baum und ein Sonnen- und Regenschirm ist. —
Der dritte endlich - den ich fur den schwersten und kliigsten halte 30
— ist der, mit den beiden andern zu wechseln. -
Das will ich jetzt den Menschen recht gut erklaren.
Der Held - der Reformator - Brutus - Howard - der Repu-
blikaner, den biirgerliche Stiirme, das Genie, das artistische be-
wegen - kurz jeder Mensch mit einem groBen EntschluB oder
auch nur mit einer perennierenden Leidenschaft (und war* es die,
BILLETT AN MEINE FREUNDE II
den groBten Folianten zu schreiben), alle diese bauen sich mit
ihrer innern Welt gegen die Kalte und Glut der aufiern ein, wie
der Wahnsinnige im schlimmern Sinn : jede fixe Idee, die jedes
Genie und jeden Enthusiasten wenigstens periodisch regiert,
scheidet den Menschen erhaben von Tisch und Bett der Erde,
von ihren Hundsgrotten und Stechdornen und Teufelsmauern -
— gleich dem Paradiesvogel schlaft er fliegend, und auf den aus-
gebreiteten Fltigeln verschlummert er blind in seiner Hohe die
untern ErdstoBe und Brandungen des Lebens im langen schonen
io Traume von seinem idealischen Mutterland. . . . Ach! wenigen
ist dieser Traum beschert, und diese wenigen werden so oft von
fliegenden Hunden1 geweckt! -
Diese Himmelfahrt ist aber nur fur den gefliigelten Teil des
Menschengeschlechts, fur den kleinsten. Was kann sie die armen
Kanzleiverwandten angehen, deren Seele oft nicht einmal Fliigel-
decken hat, geschweige etwas darunter - oder die gebundnen
Menschen mit den besten Bauch-, Riicken- und OhrenfloBfedern,
die im Fischkasten des Staates stille stehen und nicht schwimmen
sollen, well schon der ans Ufer lang gekettete Kasten oder Staat
20 im Namen der Fische schwimmt? Was soil ich dem stehenden
und schreibenden Heere beladener Staats-Hausknechte, Korn-
schreiber, Kanzelisten aller Departements und alien im Krebs-
kober der Staats-Schreibstube aufeinandergesetzten Krebsen, die
zur Labung mit einigen Brennesseln iiberlegt sind, was soil ich
solchen fur einen Weg, kier selig zu werden, zeigen? -
BloB meinen zweiten; und das ist der: ein zusammengesetztes
Mikroskop zu nehmen und damit zu ersehen, daB ihr Tropfe Bur-
gunder eigentlkh ein rotes Meer, der Schmetterlingsstaub Pfauen-
gefieder, der Schimmel ein bliihendes Feld und der Sand ein
30 Juwelenhaufe ist. Diese mikroskopischen Belustigungen sind
dauerhafter als alle teuern Brunnenbelustigungen. . . . Ich muB
aber diese Metaphern erklaren durch neue. Die Absicht, warum
ich Fixleins Leben in die Liibecksche Buchhandlung geschickt,
ist eben, in diesem Leben - daher ichs in diesem Billett wenig
brauche - der ganzen Welt zu entdecken, daB man kleine sinn-
1 So heifien die Vampyren.
12 LEBEN DES QUINTUS FIXLEIN
liche Freuden hoher achten miisse als groBe, den Schlafrock hoher
als den Bratenrock, daB man Plutos Quinterne seinen Ausiilgen
nachstehen lassen' miisse, einen NNd'or dem Notpfennig, und
daB uns nicht groBe, sondern nur kleine Gluckszufalle begliicken.
— Gelingt mir das : so erzieh* ich durch mein Buch der Nachwelt
Manner, die sich an allem erquicken, an der Warme ihrer Stuben
und ihrer Schlafmiitzen - an ihrem Kopfkissen - an den heiligen
drei Festen - an bloBen Aposteltagen - an den abend lichen mo-
ralischen Erzahlungen ihrer Weiber, wenn sie nachmittags als
Ambassadricen einen Besuch auf irgendeinem Wkwensitz, wo- 10
hin der Mann nicht zu bringen war, gemacht hatten - am Ader-
laBtage dieser ihrer Novel listinnen - an dem Tage, wo einge-
schlachtet, eingemacht, eingepokelt wird gegen den grimmigen
Winter und so fort. Man sieht, ich dringe darauf, daB der Mensch
ein Schneidervogel werde, der nicht zwischen den schlagenden
Asten des brausenden, von Sttirmen hin- und hergebognen un-
ermeBlichen Lebensbaumes, sondern auf eines seiner Blatter sich
ein Nest aufnahet und sich darirv warm macht. - Die notigste
Predigt, die man unserm Jahrhundert halten kann, ist die, zu
Hause zu bleiben. 20
Der dritte Himmelsweg ist der Wechsel mit dem ersten und
zweiten. Der vorige \weite ist nicht gut genug fur den Menschen,
der hier auf der Erde nicht bloB den Obstbrecher, sondern auch
die Pflugschar in die Hande nehmen soil. Der erste ist zu gut fur
ihn. Er hat nicht immer die Kraft, wie Rugendas mitten in emer
Schlacht nichts zu machen als Schlachtstiicke und wie Bakkuisen
im Schiffbruche kein Brett zu ergreifen als ein Zeichenbrett, um
ihn zu malen. Und dann halten seine Schmer^en so lange an als
seine Ermattungen. Noch ofter fehlet der Spielraum der Kraft:
nur der kleinste Teil des Lebens gibt einer arbekenden Seele 30
Alpen - Revolutionen - Rheinfalle - Wormser Reichstage - und
Kriege mit Xerxes, und es ist so furs Ganze auch besser; der lan-
gere Teil des Lebens ist ein wie eine Tenne platt geschlagener
Anger ohne erhabene Gotthardsberge, oft ein langweiliges Eis-
feld ohne einen einzigen Gletscher voll Morgenrot.
Eben aber durch Gehen ruhet und holet der Mensch zum Stei-
BILLETT AN MEINE FREUNDE 13
gen aus, durch kleine Freuden und Pflichten zu groDen. Der sie-
gende Diktator muB das Schlacht-Marzfeld zu einem Flachs- und
Rubenfeld umzuackern, das Kriegstheater zu einem Haustheater
umzustellen wissen, worauf seine Kinder einige gute Stucke aus
dem Kinderfreund auffuhren. Kann er das, kann er so schon aus
dem Weg des genialischen Gliicks in den des hauslichen einbeu-
gen : so ist er wenig verschieden von mir selber, der ich jetzt -
wiewohl mir die Bescheidenheit verbieten sollte, es merken zu
lassen - der ich jetzt, sag* ich, mitten unter der Schopfung dieses
10 Billetts doch imstande war, daran zu denken, daB,wenn es fertig
ist, die gebacknen Rosen und Holundertrauben auch fertig wer-
den, die man fur den Verfasser dieses in Butter siedet.
Da ich zu diesem Billett noch ein Postskript (am Ende des
Buchs) anstoBen will : so spar* ich einiges, was ich noch iiber den
dritten, halb satirischen, halb philosophischen Teil des Werks zu
sagen hatte, absichtlich fur die Nachschrift auf.
Hier lasset der Verfasser, aus Achtung fur die Rechte eines
Billetts, seine halbe Anonymitat fahren und unterschreibt sich
zum ersten Male mit se'mem gan%en wahren Namen. Hof im Voigt-
20 land, den 29. Jun. 1795.
Jean Paul Friedrich Richter
Geschichte meiner Vorrede
zur zweiten auflage des
QUINTUS FlXLEIN
Geschichte der Vorrede
zur zweiten Auflage
Ein Schweizer voltigierte (nach dem Berichte Stolbergs) einst
so heftig als er konnte von der Stube auf den Sessel und von
diesem wieder herunter- da man ihn dariiber befragte, gab er an:
»er mache sich lebhaft«. - Aber Normanner wie ich brauchen
schon halbe Tagreisen, wenn sie so feurig werden wollen, daB sie
den Plan eines Kapitels gliicklich entwerfen. Schon Erasmus ar-
beitete sein Lob der Narrheit auf dem Sattel aus (da er nach
Italien ritt), und der englische Dichter Savage sein Trauerspiel 10
Overbury auf den Londner Gassen - wiewohl sein Leben selber
eines war, kein burgerliches, sondern ein adeliges, da er sich von
seiner natiirlichen Mutter, der Grafin von Macclesfield, jahrlich
200 Pf. auszahlen lieB, damit er kein Pasquill auf sie machte, son-
dern eben dadurch nur eines auf sie ware — ; von mir aber ist gar
bekannt, daB ich vor einigen Jahren die groBe Tour machte, bis
ich gleich einem jungen Herrn mit dem Risse oder Knochenge-
baude der »Mumien« wiederkommen konnte; ja sollt' ich mich
einmal zu einem epischen Werke wie die Odyssee entschlieBen,
so miiBte sich wohl der Sanger so lange auf seiner pittoresken Ent- 20
deckungsreise aufhalten als der Held selber.
Hingegen zur Zeugungeiner Vorrede zur zwei ten Auflage nab*
ich nie mehr no tig erachtet als eine FuBreise von Hof nach Bai-
reuth7 einen Katzensprung iiber drei Poststationen. Ich such* aber
etwas darin, wenn ich das Erstaunen der Nachwelt und ihrer Vor-
fahren dadurch erregen kann, daB ich beide auf die baireuthische
KunststraBe mitnehme, auf der ich hinlaufe - im Webstuhl der
Vorrede eingesperrt und mit dem Weberschiffchen werfend -,
ohne doch etwas Rechtes herauszubringen. Ich trug namlich die
offne Schreibtafel vor mir her, um die Vorrede, wie sie mir Satz 50
GESCHICHTE MEINER VORREDE 17
fur Satz entfiel, darin aufzufangen ; aber wenige Autoren wurden
noch so in ihren Vorreden gestort. Ich will es ausfuhrlich erzahlen.
Der moralische Gang des Menschen gleicht seinem physischen,
der nichts ist als ein fortgesetzter Fall.
Schon der Hofer Schlagbaum, unter dem man den Chaussee-
zoll erlegt und der hinter dem Vis-a-vis einer Dame niedersank,
die ihn abgetragen, fiel hart wie ein StoBvogel und Eierbrecher
auf den Kopf des Vorberichts: denn ich wollte der Dame durch-
aus vorlaufen, um ihr ins Gesicht zu sehen; und mithin wurde
10 unter dem Nachdringen wenig an die Weberei der Vorrede ge-
dacht, wiewohl ich dem Vis-a-vis fruchtlos nachsetzte. Mit unbe-
kannten Frauenzimmern ists ganz anders wie mit unbekannten
Biichern. Ich nehme nie ein Buch, das ich noch nicht gelesen, in
die Hande, ohne wie ein Rezensent vorauszusetzen, es sei elend.
Hingegen bei einer unbekannten Frau nimmt jeder Mann, gesetzt
er hatte schon 30000 Abgottinnen* kennen und vergessen gelernt,
von neuem an, diese 3oooiste sei erst die echte unverfalschte hei-
lige Jungfrau - die Gottesgebarerin - die Gottin selber. Das nahm
ich gleichfalls an auf dem Straflendamm; wenigstens konnt' ich
20 doch eine Frau, an deren gepuderten und aufgelockten Hinter-
kopf die Morgenrote so deutlich anfiel, zu den gebildeten weib-
lichen Kopfen zahlen, welche — da nach Rousseau Eisen und Ge-
treide die Europaer kultivieret haben — den feinern Fabrikaten aus
beiden, den Haarnadeln und dem Puder, jene Bildung verdanken,
die nun, hofF ich, unter den weiblichen Kopfen burgerlichen
Standes schon etwas Gemeines ist. Gegen diese auBere Kultur
einer Frau sollte sich kein Ehemann sperren, der an der seinigen
einegutgemachtepapinianischeKochmaschine-eineSchaferische
Waschmaschine - eine englische Spinnmaschine - und eine Gir-
30 tannerische Respirationsmaschine besitzen will: er zeigt sonst,
daB er eine unschuldige Ausbildung mit der innern, von der
iiberhaupt Honorationnnen im ganzen frei sind, verwechsele.
Kultur ist, gleich dem Arsenik, den Blei-Solutionen und den
Wundarzten, bloB aufierlich gebraucht etwas Herrliches und Heil-
sames: innen im weiblichen Kopf, der so leicht brennend wird,
1 Varro bringt eine Zahl von 30000 heidnischen Gottern zusammen.
l8 LEBEN DES QUINTUS FIXLEIN
schneuzet oder blaset der Ehemann das Licht aus Vorsicht aus,
so wie man aus derselben Vorsorge nachts nie ein physisches in
die kaiserliche Bibliothek in Wien einlasset.
Nun schlang gar der Wald die Dame hinein, und ich stand leer
auf der offnen Chaussee. Mein Verlust brachte mich auf die Vor-
rede zur zweiten Auflage zuriick. Ich flng sie in der Schreibtafel
an ; und hier folgt sie, so viel als ich davon nahe bei Hof fertig-
brachte.
Vorrede iur iweiten Auflage
»Der Poet tragt sehr oft wie ein gebratener Kapaun unter seinen 10
Fliigeln, womit er vor alien besetzten Fenstern der gelehrten Welt
aufsteigt, rechts seinen Magen, links seine Leber. Oberhaupt
denkt der Mensch hundertmal, er habe den alten Adam ausge-
zogen, indes er ihn nur zuriickgeschlagen, wie man die Neger-
Schwarte des Schinkens zwar unterhohlet und aufrollet, aber
doch mit aufsetzt und noch dazu mit Blumen garniert.« . . .
Allein jetzt ging hinter mir die Sonne auf. - Wie werden vor
dieser Erleuchtung des ewigen, sich selber aus- und ineinander
schiebenden Theaters voll Orchester und Galerien die Vorreden
und das Krebsleuchten der Rezensenten und die phosphoreszie- 20
renden Tiere, die Autoren, so blaB und so matt und so gelb ! -
Ich hab' es oft versucht, vor der jahrlichen Gemalde-Ausstellung
der langen unabsehlichen Bildergalerie der Natur an Buchdrucker-
stocke, an Finalstocke, an Schmutzblatter und an Spatia der Buch-
drucker zu denken aber es ging nicht an, ausgenommen
mittags, hingegen abends und morgens nie. Denn gerade am
Morgen und am Abende und noch mehr in der Jugend und im
Alter richtet der Mensch sein erdiges Haupt voll Traum- und
Sternbilder gegen den stillen Himmel auf und schauet ihn lange
an und sehnet sich bewegt; hingegen in der schwiilen Mitte des 3°
Lebens und des Tages biickt er die Stirn voll SchweiBtropfen
gegen die Erde und gegen ihre TriifTeln und Knollengewachse.
So ist die mittlere Lage einer Spielkarte aus Makulatur gemacht,
GESCHICHTE MEINER VORREDE 19
nur die zwei aufiersten Lagen aber aus feinem Druckpapier; oder
so richtet sich der Regenbogen nur in Morgen und Abend, nie in
Siiden auf.
Als mich die StraBe immer hoher uber die Taler hob, wurd*
ich zweifelhaft, wem ich treu bleiben sollte — ob der erhabenen
Allee und Kolonnade von Bergen, die ich linker Hand, oder dem
magischen Vis-a-vis mit dem gebildeten Kopfe, das ich geradeaus
vor mir hatte — ich sah ein, auf der linken Tabor-Berg-Kette ver-
klare sich der Geist und stehe in ausgehauenen FuBtritten wegge-
10 flatterter Engel fest, aber im Vis-a-vis saB ja der herabgeflogene
Engel selber.
An Vorberichte war nicht zu denken. Zum Gliick nahm ich un-
weit Munchberg neben den groBen Geriisten der Natur, welche
die Seele wie Reben stengeln, noch eines wahr, das sie zur Kriech-
und Zwergbohne eindriickt, namlich den Rabenstein und einen
wohlgekleideten Herrn, der darauf botanisierte. - Beilaufigl kein
Gras auf Rasenbanken oder in Festungen oder auf Wouvermans
Leinwand ist ein so schones bowling-green als das auf Raben-
steinen, das gleichsam ein Ernte- und Belagerungkranz (corona
20 obsidionalis) der siegenden Menschheit ist. Ach es stehen ohne-
hin so viele rote Wolken voll Blutregen iiber der Erde und trop-
fenl - Ich fassete mich jetzt als Vorredner und stellte mir vor:
»Es ist nicht zu verhehlen, daB du vor der ersten Station, vor
Munchberg, stehest und noch wenig rnehr von dem Vorbericht
herausgetrieben hast als den ersten SchuB : auf diese Art wirst
du durch Gefrees, durch Berneck und Bindloch kommen ohne den
geringsten Zuwachs der Vorrede, besonders wenn du darin kein
Wort sagen willst, als was zu einem vorigen und kiinftigen wie
ein Zwickstein passet. Steht es dir denn nicht frei, wie Herr von
30 Moser zu arbeiten (der Gevatter und Vorlaufer deiner Zettel-
kasten), der in seinem Leben keinen zusammenhangenden Bogen
geschrieben, sondern nur Aphorismen, Gnomen, Sinnspruche,
kurz nichts mit Flechtwerk?« Ich muBte mir recht geben; und
fuhr demnach bandfrei wie gute Klaviere und in thesibus magi-
stralibus, ohne andere Verbindungen und Bastpflanzen als denen
auf dem Rabenstein, so fort in der
20 LEBEN DES QUINTUS FIXLEIN
V or rede ^ur ^weiten Auflage
wEs ist eine ewige Unart der Menschen, daB sie alle Schrammen
und Pockengruben ausgestandener Jahrhunderte, alle Nachwe-
hen und Feuermaler der vorigen Barbarei nie angers wegschafTen
lassen als iweimal - erstlich durch die Zeit, dann zweitens (ob-
gleich bald darauf, oft im nachsten Jahrhundert) durch Ediktey
Kreisschliisse, Rekhsabschiede, Landtagabschiede, pragmaticas
sanctiones und Vikariatkonklusa dergestalt, daB unsere ver-
dammten skorbutischen, rostigen, kanigen Narrheiten und Ge-
brauche ganzlich den fiirstlichen Leibern gleichen, die ebenfalls i
zweimal begraben werden, das erstemal heimlich, wenn sie stinken,
das zweitemal offentlich in einem leeren zweigehausigen Parade-
s:*rg, dem Trauerfahnen, Trauermantel, Trauerstuten niederge-
schlagen folgen.« —
Die Fortsetzung der Vorrede folgt.
Der Botaniker der Galgen-Flora hatte mich unter dem Schrei-
ben eingeholt und gestort. Ich erstaunte, den Herrn Kunstrat
Fraischdorfer aus Haarhaar1 vor mir zu haben, der nach Bamberg
ging, um von einem Dache oder Berge irgendeiner zu hoftenden
Hauptschlacht zuzusehen, die er als Galerieinspektor so vieler 5
Schlachtstiicke, ja selber als Kritiker der homerischen nicht gut
entbehren kann. - Mein Gesicht hingegen war ihm ein unbekann-
tes inneres Afrika. Ein Mann muB sich wenig in der Hterarischen
Weltgeschichte umgesehen haben, dem man es erst zu sagen
braucht, daB der Kunstrat sowohl in der neuen allgemeinen deut-
schen bibliothekarischen als in der haarhaarischen, scheerauischen
und flachsenfingischen Rezensier-Faktorei mitarbeite als einer der
besten Handlungdiener. Wie man einen Kiirbis in einen Karpfen-
teich als Karpfenfutter einsetzt: so senkt er seinen nahrhaften
Kopf in manches ausgehungerte Journalistikum ein als Bouillon-
kugel. Da nun der Kunstrat, dem ich doch nie etwas zuleide ge-
tan, schon an mehren Orten deutliche Winke fallen lassen, er
1 So heiBet bekanntlich das Fiirstentum, in welchem die Geschichte, die
ich nun bald unter dem Namen Titan ediere, vorfallt. Daher kenn' ich den
Kunstrat Fraischdorfer recht gut, er aber mich gar nicht.
GESCHICHTE MEINER VORREDE 21
wolle mich in kurzem rezensieren: so war mir fatal zumute; denn
es gibt zwischen nichts eine groBere Ahnlichkeit und Antipathie
zugleich als zwischen einem Rezensenten und Autor, wiewohl
derselbe Fall auch beim Wolf und Hunde ist. Ich miinzte daher
meinen Namen als mein eigner Falschmunzer um und sagte mich
als einen ganz andern Menschen an : »Sie sehen hier«, sagt* ich
zum Kunstrat, »den bekannten Egidius Zebedaus Fixlein vor sich,
von dessen Leben mein Herr Gevatter Jean Paul der Welt eine
zweite Auflage zu schenken gesonnen - wiewohl ich taglich noch
io fortlebe und mithin immer neues Leben, das man beschreiben
kann, nachschieBe.« - Die Seele des Kunstrates war jetzt nicht
wie die nachgestochene im orbis pictus aus Punkten zusammen-
gesetzt, sondern aus Ausrufungieichen; andere Seelen bestehen
aus Parenthesen, aus GansefiiBen, die meinige aus Gedanken-
strichen. Er forschte mich, da er mich fur den Quintus hielt, nun
aus, ob mein Charakter und mein Haushalten zu dem gedruckten
paBten. Ich teilte ihm viele neue Zuge von Fixlein mit, die aber in
der zweiten Auflage stehen, weil er mir sonst offend ich vorwirft,
ich hatte mein Original mager portratiert. Er brachte alle meine
20 StraBenreden sogleich zu Pergament, weil er nichts behalten
konnte; daher hatt' er einige hauptstarkende Krauter zu einer
Krautermutze auf dem Rabensteine gesammelt. Fraischdorfer ge-
stand mir, steckte einer seine Studierstube mit den Exzerpten und
Btichern in Brand, so waren ihm auf einmal alle seine Kenntnisse
und Meinungen geraubt, weil er beide in jenen aufbewahre; daher
sei er auf der StraBe ordentlich unwissend und dumm, gleichsam
nur ein schwacher SchattenriB und Nachstich seines eignen Ichs,
ein Figurant und curator absentis desselben.
Oberhaupt ist der Tempel des deutschen Ruhms eine schone
3° Nachahmung des athenischen Tempels der Minerva, worin ein
groBer Altar fur die Vergessenheit stand.1 Ja wie die Florentiner
sich ihren Pandekten nur ehrerbietig in einem Staatkleide und mit
Fackeln nahern, so nehmen wir aus derselben Ehrfurcht dieWerke
unserer Dichter nur in Bratenrocken in Gesellschaft zur Hand
und nahern solche selber den Kerzen und fachen damit das Feuer
1 Plutarch Sympos. 1. 9. qu. 6.
22 LEBEN DES QUINTUS FIXLEIN
in alien guten Kopfen aus - Meerschaum an. - Ich bin oft gefragt
worden, woher es komme, daB der alternden Welt, in deren Ge-
dachtnis sich doch die altesten Werke von tausend Messen her,
die eines Plato, Cicero, sogar Sanchuniathons, erhalten, gleich-
wohl die allerneuesten, z. B. die Ritterromane von den letz-
ten Messen, kantianische, wolffianische, theologische Streit-
schriften, Bunkels Leben, die besten Inauguraldisputationen und
pieces du jour, Hirtenbriefe und gelehrte Zeitungen, oft in dem
Monate entfallen, worin sie davon hort. Meine Antwort war gut
und hiefi: da es wohl keine mystische Person von einem solchen i
Alter gibt als die Welt, die ein wahrer alter eingerunzelter Kopf
von Denner ist und die nun anfangt (wie es wohl kein Wunder
ist), vor Marasmus schwach und fast kindisch zu werden : so ist
sie naturlicherweise von dem Ubel alter Personen nicht frei, die
alles, was sie in ihrer Jugend gehort und gelesen, trefFlich fest-
halten, hingegen was sie in ihren alten Tagen erfahren, in einer
Stunde vergessen. Daher denn unsere Bucher den Lumpen in der
Papiermuhle gleichen, von denen sie genommen sind, unter wel-
chen der Papiermiiller die frischen allzeit friiher zur Faulnis bringt
als die alten. - i
Im Grunde hatt' ich das als einen abgesonderten Satz in der
Vorrede zur zweiten Auflage aufstellen konnen.
t)ber Miinchberg erbosete sich der Kunstrat ungemein: ent-
weder die Hauser oben auf dem Berge oder die unten sollten weg;
er fragte mich, ob Gebaude etwas anders als architektonische
Kunstwerke waren, die mehr zum Beschauen als zum Bewohnen
gehorten und in die man nur miBbrauchsweise zoge, weil sie ge-
rade wie Fldten und Kanonen hohl gebohret waren, wie die Bie-
nen sich im hohlen Baum ansetzen, anstatt um dessen Bliiten zu
spielen. Er zeigte das Lacherliche, sich in einem Kunstwerk ein- :
zuquartieren, und sagte, es sei so viel, als wollte man Heems1
Gefafie zu Kasenapfen und Federtopfen verbrauchen, oder den
Laokoon zum BaBgeigenfutteral und die mediceische Venus zur
Haubenschachtel aushohlen. Er wunderte sich uberhaupt, wie der
Konig Dorfer Ieiden konnte; und gestand frei, es mach' ihm als
1 Der beste Maler in Topf-Stucken.
GESCHICHTE MEINER VORREDE 23
Artisten eben kein MiBvergnugen, wenn eine ganze Stadt in
Rauch aufginge, weil er alsdann doch die Hoffnung einer neuen
schonern fasse.
Er war nicht von mir wegzubringen : jetzt griff er, auBerhalb
Miinchberg, statt der Miinchberger mich sejber an und staupte
meine opera. Ach die Vorrede zur zweiten Auflage sowohl als das
fliehende Vis-a-vis lieBen mich und meine Wunsche immer wei-
ter hinter sich, und ich hatte von der ganzen Dame wie von einer
gestorbnen nichts mehr im Auge als den fernen -nachfliegenden
10 Staub, den ich indes fur viel Marzenstaub und Punsch- und De-
mantpulver nicht weggegeben hatte. Der Kunstrat und Fraisherr
kielholte und sackte jetzt meinen Gevatter - Jean Paul, denn mich
hielt er, wie gesagt, fur den Quintus - und verdacht* es jenem,
daB er seinen biographischen Brei nicht wie Landleute recht glatt
auftrage, und daB er sich uberhaupt nicht vor dem Spiegel der
Kritik anputze. Ich nahm mich des gekrankten abwesenden Man-
nes an und sagte, so viel ich aus seinem Munde wisse, so neb* er
sich gerade auf den Schwungbrettern und an den Springstaben
und Steigeisen der Kritik mehr als mit den Oberfiugeln seiner
20 Psyche auf, ja er habe kritische Briefe unter der Feder, worin er
die Kritik auf Kosten der Kritiker preise und ube - eben diese
kritische Manipulation schwelle seine Werke so sehr auf, wie die
Nasen groBer und langer werden durch haufiges Schneuzen. -
Und wahrhaftig so ist es : ich begreif ' es nicht, wie ein Mensch
ein Werkchen schreiben kann, das kaum ein halbes Alphabet
stark ist; ein Bogen in der Feme breitet sich ja notwendig in der
Nahe zu einem Buche aus, und ein Buch zum Ries: ein opus, das,
wenn ich es eben hinwerfe, gleich einem neugebornen Baren
nicht groBer ist als eine Ratze, leek* ich mit der Zeit zu einem
30 breiten Landbaren auf. Der Kritiker sieht freilich nur, wie viel
der Autor behalten hat, aber nicht, wie viel er weggeworfen;
daher zu wunschen ware, die Autoren hingen ihren Werken hin-
ten fur die Rezensenten die vollstandige Sammlung aller der elen-
den dummen Gedanken an, die sie vornen ohne Schonen ausge-
strichen, um so mehr, da sie es ja, wie z. B. Voltaire, bei der letz-
ten Herausgabe ihrer opera wirklich tun und hinten fur feinere
24 LEBEN DES QUINTUS FIXLEIN
Leser einen Lumpenboden des Auskehrigs der ersten Editionen
anstoBen und aufsparen, wie etwan einige preuBische Regimen ter
den Pferdestaub zuriicklegen und vorratig halten mussen, zum
Beweise, daB sie gestriegelt haben. -
Jetzt sauerte er aHmahlich aus Bieressig zu Weinessig: er sagte
mir geradeheraus : »Sie wissen nicht, fiir wen Sie fechten : Ihr Herr
Gevatter hat Dero Kniestiick selber zu einer Bambocchiade ge-
macht und Sie nicht mit den intellektuellen Vorziigen ausge-
steuert und ausgestellt, die Sie doch, wie ich jetzt hore, wirklich
haben. Ich konnte auf dem Druckpapier wenigen Anteil an Ihro 10
Hochehrwiirden nehmen, erst auf der Chaussee.« Ich wiinschte,
er zoge auch diesen zuriick, und flel absichtlich aus meinem Fix-
leinischen Charakter heraus, indem ich pikiert sagte: »Wenn Le-
ser, zumal Leserinnen meinen komischen Charakter oder uber-
haupt einen unvollkommnen nicht goutieren, so erklaV ich mir
es gut: sie haben keinen Geschmack an schreibenden Humoristen,
geschweige an handelnden; auch wird es einer engen Phantasie
schwerer, sich in unvollkommne Charaktere zu denken als in
vollkommne und sich fiir sie zu interessieren - endlich hat der
Leser einen Helden lieber, der ihm ahnlich ist, als einen unahn- 20
lichen ; unter einem ahnlichen meint er aber allzeit einen herrlichen
Menschen.« — GewiB ! Denn wie Plutarch in seinen Biographien
jeden groBen Mann gegen einen zweiten groBen wiegt und ver-
gleicht, so halt der Leser jeden groBen Charakter einer Biogra-
phie leise mit einem zweiten groBen zusammen (welches seiner
ist) und gibt acht, was dabei herauskommt. Aus diesem Grunde
schatzen Madchen eine vollkommene weibliche Schonheit und
Grazie ungemein hoch in der Schilderei des Romans (so sehr ver-
schonert der Dichter das Fatalste), und sehnen sich wenig da-
nach in der Plastlk und Skulptur der Wirklichkeit - so wie haB- 30
Hche Dinge, Eidechsen und Furien, nur von der Malerei, aber
nicht von der Bildhauerkunst gefallend darzustellen sind -; fiir
das Madchen ist namlich der Roman ein treuer Spiegel, und es
kann darin die Heldin sehen.
Der Kunstrat tat jetzt vor dem Dorf, »die drei Bratwiirste« ge-
nannt, den Wunsch, Ziegenmilch darin zu tnnken. Ich fragte ihn,
GESCHICHTE MEINER VORREDE 25
ob ers wie die vornehmen Leute mache, die - weil Huart einen
achttagigenTrank von Ziegenmilch als ein Hausmittel vorschlagt,
ein Genie zu zeugen - sich eben deshalb zum GeiB-Kordial ent-
schlieBen und dann sehen, wozu es fiihrt. DaB sie, wenigstens die
Fiirsten, ihn nicht der Schwindsucht halber trinken, beweisen
wohl die Versuche, die sie.nachher machen. Aber der Kunstrat
wurde nur darum der Milchbruder Jupiters, weil die Parzen den
Lebensfaden vollig von den Spindeln seiner Beine abgeweifet
hatten : er stand gleichsam schon als ein ausgebalgter, gutgetrock-
10 neter, mit Ather gefullter Vogel im Naturalien-Glasschrank da.
Er sagte, man miiBte entweder sich und die Bucher oder die Kin-
der aufopfern, so wie der Landwirt, setzt' ich hinzu, eines von
beiden schlecht annehmen muB, entweder den Leindotter oder
den Flachs.
Wahrend der Milchkur wurden wir beide einander noch ver-
haBter, als wirs schon waren, und das eingeschluckte Krotenlaich
unserer Antipathie wurde durch die gelinde Warme der edeln
Teile zu ordentlichen Kroten ausgebriitet. Ich wurde ihm gram,
weil ich hier in den drei Bratwursten stehen muBte und allem An-
20 schein nach in Gefrees ankam, ohne irgend etwas Schones gesehen
oder geschrieben zu haben (ich rede von dem Vis-a-vis und der
Vorrede), und uberhaupt weil Fraischdorfer zugleich Mattgold,
Katzengold und Platzgold war. Eine elendere Mixtur gibt es nicht.
Zog er nicht sogar unter dem Kauen sich wie ein Dentist seine
Schneidezahne aus, weil bloB die Hundidhne echt waren und
genuin? Konnt* ich nicht, als er den Rock aufknopfte, deutlich
sehen, daB der Bauch seiner Weste seiden und marmoriert, hin-
gegen der Riicken derselben weiB und leinen war, als war' er ein
Dachs, der, wie Buffon bemerkt, als Widerspiel aller Tiere lich-
30 tere Haare auf dem Riicken hat und die dunklern unter dem
Bauch? - Und was seinen Zopf anlangt, so ist wohl gewiB, daB
seiner nur an der Spitze eignes Haar aufzeigt und ubrigens lang
und falsch ist, meiner aber klein und echt, gerade als hatte uns die
NaturundLinnauswie zwei bekannte Tiere unterscheidenwollen.1
1 Ich equus cauda undique setosa - er equus cauda extremo setosa. Linn.
Syst. Nat. CI. 1. Ord. 4.
7.6 LEBEN DES QUINTUS FIXLEIN
Er fur seine Person setzte gleichfalls den Lavendelessig des In-
grimms auf einer guten Essigmutter an und wollte mich damit
wie einen Pestkranken besprengen: er bildete sich namlich ein,
ich belog' ihn oder hatt' ihn zum Narren und ware gar der Quin-
tus nicht, wofur ich mich gab, sondern etwan wohl mein Gevatter
selber. Er schloB das aus meinem Scharfsinn. Um hinter mich zu
kommen, so HeB er den Lumpenhacker seiner Miihle los und stieB
damit unter alle meine Werke auf einmal. Ich werde sogleich
seine eignen Worte hersetzen. Ich habe zwar oft den Himmel ge-
beten, mir einen Hahn in die gelehrten Anzeigen zu schicken, der 10
krahete, wenn ich als literarischer Petrus falle, und der iiber den
Fall mich zu Tranen brachte - oder doch einen bloBen Kapaun,
der, wie aridere Kapaunen, meine Kiichlein aussaBe und herum-
fiihrte; aber um diesen Greifgeier derselben hab' ich ihn nie er-
sucht, und ich sen* es ein, ich wurde erhitzt. Er fing denn schon bei
den drei Bratwiirsten an und hielt damit aus bis nach Gefrees - wo-
bei er doch mich immer Se. Hochehrwurden und Jean Paul meinen
Herrn Gevatter hieB — und behauptete: »es gebe weiter keine
schone Form als die griechische, die man durch Verzicht auf die
Materie am leichtesten erreiche— . * (Daherbewegt man sich jetzt 20
nach der griechischen Choreographie am besten, wenn man das
wissenschaftliche Gepack der spatern Jahrhunderte abwirft und
sich es sozusagen leicht macht.) - Auf den Kubikinhalt komm' es
der Form so wenig an, daB sie kaum einen brauche, wie denn
schon der reine Wille eine Form ohne alle Materie sei (und sozu-
sagen im Wollen des Wollens besteht, so wie der unreine im Wol-
len des Nichtwollens, so daB die asthetische und die moralische
Form sich zu ihrer Materie verhalt wie die geometrische Flache
zu jeder gegebenen wirklichen). — Daher lasse sich der Ausspruch
Schlegels erklaren, daB, so wie es ein reines Denken ohne alien 30
Stoffgebe (dergleichen ist volliger Unsinn), es auch vortrerTliche
poetische Darstellungen ohne StofT geben konne (die sozusagen
bloB sich selber tauschend darstellen). - Oberhaupt miisse man
aus der Form immer mehr alle Fiille auskernen und ausspelzen,
wenn anders ein Kunstwerk jene Vollkommenheit erreichen solle,
1 Alle Parenthesen sind meine Zusatze und erlautern den Kunstrat.
GESCHICHTE MEINEK VORREDE TJ
die Schiller fordere, daB es namlich den Menschen zum Spiele
und zum Ernste gleich frei und tauglich nachlasse (welchen hohen
Grad die erhabenen Gattungen der Dichtung z. B. die Epopoe,
die Ode, wegen der Einrichtung der menschlichen Natur unmog-
lich anders ersteigen als entweder durch einen unbedeutenden
leeren Stoff oder durch die leere unbedeutende Behandlung eines
wichtigen. Da aber gerade diese nur bei platten Kunstwerken
anzutreffen ist: so haben die schlechten demnach mit den voll-
kommensten das Unterscheidungzeichen von mittelmaBigen ge-
io mein1). - Vollends Humor, dieser sei ebenso verwerflich als un-
genieBbar, da er bei keinem Alten eigentlich anzutreffen sei« . . .
Fraischdorfer soil sogleich fortfahren, wenn ich nur dieses ein-
geschoben habe : ich werde einmal in einem kritischen Werkchen
geschickt dartun, daB alle deutsche Kunstrichter (den neuesten
ausgenommen) den Humor nicht bloB jammerlich zergliedern,
sondern auch (was ich nicht vermutet hatte, da das Vergniigen
an der Schonheit durch die Unwissenheit in ihrer Anatomie so-
sehr gewinnt) noch erbarmlicher genieBen, wiewohl sie als Rich-
ter in der Finsternis den Areopagiten gleichen, denen verboten
20 war, uber einen SpaB zu lachen (Aschin. in Timarch.) oder einen
zu schreiben (Plut. de glor. Athen.) - ferner daB die krumme
Linie des Humors zwar schwerer zu rektifizieren sei, daB er aber
nichts Regelloses und Willkurliches vornehme, weil er sonst nie-
mand ergotzen konnte als seinen Inhaber - daB er mit dem Tra-
gischen die Form und die Kunstgriffe, obwohl nicht die Materie
teile - daB der Humor (namlich der asthetische, der vom prak-
tischen so verschieden und zertrennlich ist wie jede Darstellung
von ihrer dargestellten oder darstellenden Empfindung) nur die
Frucht einer langen Vernunft-Kultur sei und daB er mit dem Alter
30 der Welt so wie mit dem Alter eines Individuums wachsen musse.
Fraischdorfer fuhr fort: »halte man an diesen Probierstein die
Werke meines Herrn Gevatters, in denen fast nur auf Materie
1 Den Mangel an Wirkung teilen die niedrigsten Kunstwerke mit den
vollkommensten, so wie die Unempfindlichkeit nach Montaigne oder die
Unwissenheit nach Pascal gerade an zweierlei Menschen ist, an den niedrig-
sten und an den edelsteny angeboren bei jenen, miihsam erworben bei diesen.
28 LEBEN DES QUINTUS FIXLEIN
gesehen werde: so begreife man nicht, wie der Rezensent der
Literaturzeitung ihn noch dazu wegen der Wahl solcher zwei-
deutiger Materien wie z. B. Gottheit, Unsterblichkeit der Seele,
Verachtung des Lebens usw. preisen konnen.«
- Bei diesen Worten wanderten wir gerade in Gefrees ein, und
ich sah die mir halb bekannte Dame wie eine Netzmelone sich
wieder in ihren Schleier wickeln und abfahren : hatte also der Un-
gliickvogel, der Kunstrat, nicht seinen GeiB-Scherbet in den drei
Bratwursten eingenommen, so wtird' ich das Gliick errungen ha-
ben, sie gerade bei Herrn Lochmuller zu ertappen, als sie dem 10
Kutscher und den Pferden etwas geben lieB. So aber hatt* ich
nichts. Ich fuhr entsetzlich auf in meinem Herzen und tat inner-
lich folgenden Ausfall gegen den Kunstrat: »Du elende frostige
Lothssalzsaule ! Du ausgehohlter Hohlbohrer voller Herzen ! Aus-
geblasenes Lerchen-Ei, aus dem nie das Schicksal ein vollschla-
gendes, auffliegendes, freudentrunknes Herz ausbriiten kann!
Sage, was du willst, denn ich schreibe, was ich will. - Du sollst
weder meine ReiBfeder noch mein Auge von dem Eisgebirge der
Ewigkeit abwenden, an dem die Flammen der verhiillten Sonne
spielen, noch vom Nebelstern der zweiten Welt, die so weit zu- 20
riickliegt und nur die Parallaxe einer Sekunde hat, und yon allem,
was die fliegende Hitze des fliegenden Lebens mildert und was
den in der Puppe zusammengekrummten Fliigel ofFnet und was
uns warmt und tragt!« -
Da jetzt gar der griechenzende Formschneider den schonen Tag
und die blaue Glasglocke der atherischen Halbkugel lobpries und
sagte: er rede hier nicht als Maler, weil dieser nicht gern unbe-
wolkte Himmel male, sondern als Poet, dem schone Tage sehr
zustatten kommen in seinen Versen : so bracht* ich mich mit FleiB
immer mehr in Harnisch gegen ihn, besonders da nach Platner 3°
Ingrimm dem Unterleibe augenscheinlich zupasse kommt - daher
sollten Gelehrte, die immer auf den elendesten Unterleibern woh-
nen, einander wechselseitig auf antikritischen Intelligenzblattern
noch starker erbittern -; und ich bewegte ohne Bedenken die Lip-
pen und lieB ihn etwas hart mit folgenden leisen Invektiven an,
die ich, wiewohl innerlich, heraussagte: »Der formlose Former
GESCHICHTE MEINER VORREDE 29
vor mir achtet am ganzen Universum nichts, als dafi es ihm sitzen
kann - er wtirde wie Parrhasius und jener Italiener Menschen fol-
tern, um nach den Studien und Vorrissen ihres Schmerzes einen
Prometheus und eine Kreuzigung zu malen - der Tod einesSohn-
chens ist ihm nicht unerwiinscht, weil die Asche des Kleinen in der
Rolle einer Elektra einem Polus weiter hilft als drei Komodien-
proben - das unzahlige Landvolk ist doch von einigem Nutzen in
landlichen Gedichten und selber in komischen Opern, wie die
Schafereien genug abwerfen fur Idyllenmacher - der Eustathius
10 Nero illustriert mit dem flammenden Rom schone homerische
Schildereien, und der General Orlow hilft den Bataillen- und See-
malern mit den notigen Akademien aus, mit Schlachtfeldern und
aufgesprengten SchifTen.« -
Das hole der Teufel.
Laut indessen sagt' ich aus Verachtung wenig mehr zum Kunst-
rat. Ich eilte Berneck zu, wo die fliegende Bienenkonigin im Vis-a-
vis wenigstens vorder Suppenschiissel halten muBte, Ich wiinschte
von Herzen, ein oder zwei Wagenrader fingen an zu rauchen
und sie mtiBte halten, um schwarze Waldschnecken einzufangen
20 und damit in Ermangelung alles Teers die Nabe einzuolen. Mein
kunftiger Rezensent wurde sehr matt und hungrig und wo lite,
da es ihm mehr an Gelenkschmiere als an Magensaft fehlt, die
peri pate tischen Bewegungen mit peristaltischen vertauschen ; aber
ich war nicht still zu halten, und er folgte mit seinem Hunger hin-
tennach : »Sein Sie froh,« sagt* ich, »daB Sie jetzt zwei Zustande,
die der Maler und der Dichter schwer oder gar nicht aus sich
mitzuteilen wissen, lebendig fuhlen - Hunger und Miidigkeit. -
Sooft ich einen Bauermann mit einem ganzen Hemde sehe (dort
felget einer), so ist er mir ein Anstofi ; ich berechne, wie lang es
30 noch dauert, bis das Hemd unter den Hadernschneider taugt und
zu Konzeptpapier, an das ein Gelehrter den Laich seiner Ideen
streicht.« Da er meine Satire verstand, so ging sie gar nicht auf
ihn: denn Satiren und Todesanzeichen gehen nur auf den, der
nichts von beiden innen wird.
30 LEBEN DES QUINTUS FIXLEIN
Meine Gleichgultigkeit gegen den Kunstrat setzte mich in den
Stand, vor ihm herzugehen und auBer der Reise die Vorrede zur
zweiten Aufjage in meiner Schreibtafel fortzusetzen und einzu-
schreiben.
Fortgeset^te Vorrede ^ur iweiten Auf [age1
»Und allerdings hat Kant das seltne Gliick, auf einer Biihne zu
agieren, der es nicht an einer Einfassung und Mauer von Kopfen
fehlt, aus denen seine Laute heller und resonierend zuriickschla-
gen, so wie die Alten in ihre Theater leere Topfe versteckten, die
der Stimme der Schauspieler rait Resonanzen nachhalfen.2 Ein 10
Autor, der Gedanken hat, verfalschet haufig damit fremde, die er
verbreiten soil, und gesetzt, er schwiire, wie in den altern Zeiten
die Biicherabschreiber wirklich schworen muBten, rein und red-
lich abzuschreiben: so wiirde er doch immer sehr vom leeren
Kopfe verschieden bleiben, dessen obere toricellische Leere wie
in der Physik der beste Leker der Funken ist. — Hingegen im
System selbst muB man die Liicken, worin keine.Wahrheiten sind,
durch die Gewander derselben, durch lange neue Termen, ab-
wenden, wie denkende Maler durch Draperie ihren leeren Raum. -
Etwas anders ist es mit der Moral, worin wie in der Medizin 20
der Theorist sich ganz vom Empiriker trennt. Wie in dem alten
Theater der eine Akteur den Gesang hatte und der andere die kor-
perliche Aktion dazu machte und wie die Kunst eben durch diese
Teilung hoher stieg, so kann es in der schweren Kunst der Tu-
gend nicht eher zu etwas getrieben werden, als bis (wie jetzt hau-
figer geschieht) die Theorie und die Praxis gesondert werden,
und der eine sich auf das Reden iiber die Tugend einschrankt,
indes der andere die dazu gehorigen Hqndlungen versucht.«
Die Fortsetzung der Vorrede folgt.
Denn nun sanken wir in das griinende Tempe von Berneck 30
hinein, und ich sperrte die Schreibtafel zu : sonst hatt* ich ohne
1 Man schiage allemal zur fruhern Fortsetzung zuriick, um den Zusarn-
menhang zu nnden.
2 Winkelmarins Anmerk. iiber d. Baukunst. K. 1. S. 10.
GESCHICHTE MEINER VORREDE 31
Grobheit weiter darin schreiben konnen, weil es ja so viel war, als
sprach' ich mit dem Kunstrat selber, da ich ihn darin meinte.
Der Kron-, der Elias- und der Sonnenwagen hielt vor der Post,
und die Direktrice meines Wegs stieg heraus. Ich sprang an -
wer hatt' es gedacht (ich wohl am wenigsten), daB es nichts ge-
ringers war als eine Primadonna, die schon einmal in einer von
meinen Vorreden1 agierend aufgetreten war, namlich die gute,die
Hebe, bekannte - Pauline, des sel. Hauptmanns und Kaufherrns
Oehrmann nachgelassene Tochter.
10 Ich ward ordentlich ein Kind vor Freuden, wie alle Bernecker
wissen. »Herr Jean Paul, wie kommen wir da zusammen ?« sagte
die MiB, deren Angesicht jetzt im Brautstand ein hoheres Rot als
im Laden hatte, gleichsam die rote Soldatenbinde des nahen
Ehedienstes, die Band- und Vorsteckrose auf dem ehelichen Bande.
Fraischdorfer sott sich gleichfalls rot zu einem warmen Krebs:
er horte nun, ich sei wirklich der Autor selber, den er auf dem
StraBendamm rezensiert hatte, Er sagte, es sei nur ein Gliick fur
die Kunst, daB ich bloB in der Wirklichkeit, und in keinem Druck
gelogen hatte, wo mehr daran gelegen ware, den Charakter des
20 wahrhaften Mannes durchzusetzen und zu halten. In drei Terzien
war er weg wie Mai-Schnee. Er wird mirs aber gedenken und sich
wenigstens in den Busch und Jagerschirm der allgemeinen deut-
schen Bibliothek stellen und daraus mit Windbiichsen nach sei-
nem Reisegefahrten schieBen. Ich hielt es daher fur no tig, dem
Publikum schon vorher davon Nachricht zu geben : es ist nun auf
jeden Pfeil seiner Armbrust (wie nach Montesquieu die Tatarn
tun muBten) der Name geschrieben, der Schutze heiBet Fraisch-
dorfer. Es ist im ganzen ein Mann von Betracht und gut genug, er
besieht die bambergischen Kriegstroublen und macht sich, wie
30 ich an seinen Fingern2 sah, seine notigen deutlichen Begriffe und
noch spitzige Einfalle dabei, und wir schatzen einander. - Ich will
einen davon hereinsetzen, der zugleich ein Beweis sein mag, wie
gern ich seinen Lorbeer aussae : »Die Feile,« sagte der lose Kunst-
1 in der zum Siebenkas.
8 Nach Buffon geben die zerteilten Zehen uns deutliche Begriffe, und da-
her ist der ungegliederte Fisch so dumm.
32 LEBEN DES QUINTUS FIXLEIN
rat, »welche die Autoren ihren Werken zu geben unterlassen,
brauchen ihre Verleger fleiBig an den Goldstiicken, die sie ihnen
dafur zahlen.« Recht gut turniert! -
Ich dmierte froh mit der Jungfer Braut, deren kiinftiger Ehe-
mann und Ehe-Peischwa oder Ehe-Bey und maitre des plaisirs
niemand wird als der uns alien recht gut bekannte Herr Gericht-
halter Weyerman.1 Ich lass* es zu, ich suchte die Braut mehr, als
daB ich sie floh, und glich mehr dem weisen Ulysses, der sich mit
ofThen Ohren an den Mastbaum schniiren lieB und sie dem Sire-
nengesange gelassen schenkte, als seinen Begleitern, die ihre mit 10
Wachs wie hohle Stockzahne plombierten. Aber sie war auch das
leuchtende Christuskind, das die fatale Correggios-Nacht, die der
Kunstrat in mein Herz gemalet hatte, mit dem schonsten Wider-
schein versilberte : sie war doch unschuldig und gut und weich
und ohne die poetischen Harten der Empfindelei, und die vielen
scharfen zweischneidigen Leiden bei ihrem Vater hatten ihrem
Herzen mehr gegeben als ihrem Kopfe genommen; sie duftete
gleich dem Rosenholz auf der scharfen Drechselbank des Un-
glxicks so suB wie Rosen selber. Ihr knausernder Vater hatt* ihr
freilich nur die Vorgrunds-Kultur, die auBere oder korperliche, 20
namlich vornehme Kleidung, aber nicht vornehme Bildung ver-
stattet (die gute Gerichthalter abends gratis in biographischen
Berichten anboten), und sie glich den meisten Madchen um mich
her, an denen wie in Wien die Vorstadte modern sind, die innere
Stadt selber aber mit alien ihren Vierteln verdammt altvaterisch.
Indes hatten ich und sie doch wie alle Freunde - und wie alle zu-
sammengewachsene Menschen nach Haller - nur ein Herz, ob-
wohl zwei Kopfe. Das tut denn vieles.
Wir fuhren spat ab, und ich saB ihr im Vis-a-vis - vis-a-vis.
Hinter unsern griinen Bergen lag die Wuste der Kinder Israel und 30
vor uns das gelobte Land der sanften Baireuther Ebene. Ich und
die Sonne sahen Paulinen immerfort ins Angesicht und mit glei-
cher Warme, und mich riihrte endlich die kleine stille Gestalt.
Woher kam das? Nicht bloB daher, weil ich iiber das gewohn-
liche herrnhutische Ehe-Loseziehen der Madchen nachsann, die
1 Siebenkas, Tl. 1.
GESCHICHTE MEINER VORREDE 33
in gewissen Jahren groBere Gefiihle als Kenntnisse und im leeren
Herzen ein anonymes Opfer-Feuer ohne Gegenstand haben - wie
im jungfraulichen Tempel der Vesta kein Gotterbild, sondern nur
Feuer war - und die dann an die erste beste Erscheinung von
Maschinengott ihren Altar hinschieben; - auch nicht davon bloB
kam meine Riihrung, daB sie nun, wie ihre meisten Schwestern,
gleich weichen Beeren, von der harten Manneshand zugleich ab-
gerissen und zerdrucket werde; - oder daB ihr weiblicher Friih-
ling so viele Wolken und so wenige Tage und Blumen hatte und
10 daB ich sie wie mehre Braute mit dem schlafenden Kinde verglkh,
das Garofalo mit einem Engel, der eine Dornenkrone daruber-
halt, gemalet, auf das aber, wenn es die Ehe weckt, der Engel die
Krone herunterdriickt: - Sondern das machte meine Seele weich,
daB ich, sooft ich dieses freundlkhe rot- und weiBbluhende zu-
friedene Gesicht ansah, es gleichsam innerlich anreden muBte: »0
sei nicht so frohlich, armes Opferl Du weiBt nicht, daB dein scho-
nes Herz etwas Besseres und Warmeres braucht als Blut und dein
Kopf hohere Traume, als die das Kopfkissen beschert - daB die
duftenden Blumenblatter deiner Jugend sich nun zu geruchlosen
20 Kelchbldttern1 zusammenziehen, zum HoniggefaBe fur den Mann,
der jetzt bald von dir weder ein weiches Herz noch einen lichten
Kopf, sondern nur rohe Arbeitiinger, LauferfiiBe, SchweiBtrop-
fen, wunde Arme und bloB eine ruhende paralytische Zunge for-
dern wird. Dieses ganze weite Sprachgewolbe des Ewigen, die
blaue Rotunda des Universums verschrumpft zu deinem Wirt-
schaftgebaude, zur Speck- und Holzkammer und zum Spinnhaus,
und an glucklichern Tagen zur Visitenstube - die Sonne wird fur
dich ein herunterhangender ■ Ballonofen und Stubenheizer der
Welt, und der Mond eine Schusters-Nachtkugel auf dem Licht-
30 halter einer Wolke - der Rhein trocknet in dir zur Schwemme
und zum Schwenkkessel deines WeiBzeugs ein und der Ozean
zum Herings-Teich - du haltst in der groBen Lese-Gesellschaft
aller Zeitschriften den jahrlichen Kalender mit und kannsrwegen
deines kosmologischen Nexus kaum vor Neugier die politische
Zeitung erwarten, um in ihrem angebognen Intelligenzblatt den
1 Wie verschiedene Blumen tun, z. B. die Ahrennelke.
34 LEBEN DES QUINTUS FIXLEIN
Torzettel unbekannter Herren nachzulesen, die in den drei Periik-
ken logieret haben, und ein Universalgenie stellest du dir um nicht
viel, aber um etwas gescheuter vor als deinen Eheherrn. Du
bist zu etwas Besserem geschafFen, aber du wirst es nicht werden
(wofur dein armer Weyermann nichts kann, dem es der Staat
selber nicht besser macht). Und so wird der Tod deine von den
Jahren entblatterte Seele voll eingedorrter Knospen antreffen, und
er erst wird sie unter einen gunstigern Himmelstrich verpflanzen.u1
— Warum sollte mich das nicht betriiben? Sen* ichs nicht jede
Woche, wie man Seelen opfert, sobald sie nur einen weiblichen 10
Korper umhaben ? Wenn dann nun die reichste beste Seele unter
der Morgenrote des Lebens mit dem unerwiderten Herzen, mit
versagten Wiinschen, mit den ungesattigten verschmahten An-
lagen eingesenket wird ins ubermauerte Burgverlies der Ehe -
wobei sie freilich besonders von Gliick zu sagen hat, wenn das
Verlies keine tausendschneidige Oubliette oderwenn gar derMann
ein sanfter Kanker ist, den die Bastille-Gefangne zahmen kann -:
so fuhlt sich die Arme ungemein wohl dabei - die goldnen Luft-
und Zauberschlosser der fruhern Jahre erblassen bald und zer-
fallen unvermerkt - ihre Sonne schleicht ungesehen uber ihren 20
bewolkten und unterirdischen Lebenstag von einem Grade zum
andern, und unter Schmerzen und Pflichten kommt die Dunkle
an dem Abend ihres kleinen Daseins an - und sie hat es nie erfah-
ren, wessen sie wiirdig war, und im Alter hat sie alles vergessen,
was sie sonst in der Morgenrote etwan haben wollte: nur zuwei-
len in einer Stunde, wo ein ausgegrabenes altes Gotterbild eines
sonst angebeteten Herzens oder eine wehmutige Musik oder ein
Buch auf den Winterschlaf des Herzens einigen warmen Sonnen-
schein werfen, da regt sie sich und blickt beklommen und schlaf-
1 Unter der Bildung, die man den Tochtern »burgerlicher Herkunft« so 30
grausam entzieht und bei der Hermes und Campe nicht einsehen, wie sie
nachher noch die Heloten fur uns Sparter bleiben konnen, versteh* ich nicht
elende franzosische oder musikalische Klimperei, sondern alles, was aus der
Naturgeschichte, Physik, Philosophic, Geschichte, aus den schonen Kiin-
sten und Wissenschaften und aus der Sternkunde fur den ewigen Menschen
und nicht fur den Virtuosen gehdrt. Ich lasse uber diese Materie ein Werk
aus meiner Feder hoffen.
GESCHICHTE MEINER VORREDE 35
" trunken umher und sagt: »Sonst war es ja anders um mich her -
es ist aber wohl schon lange, und ich glaub* auch, ich habe mich
damals geirrt.« Und dann schlaft sie ruhig wieder ein. . . .
Wahrlich, ihr Eltern und Manner, ich stelle dieses qualende Ge-
malde nicht auf, damit es der wunden Seele, der es gleicht, eine
Trane mehr abpresse, sondern euch zeig' ich die gemalten Wun-
den, damit ihr die wahren heilt und euere Marterinstrumente weg-
werft.
Wie mir jetzt ist, und aus demselben Grunde, so war mir auch
10 im Vis-a-vis - die hinabziehende Sonne und die s&hone geduldige
Gestalt vor mir und am meisten meine vorigen Dissonanzen, mit
denen ich mich vor dem Kunstrat horen lassen, loseten mich und
sich in diesen Mollton auf. Kurz nach der Lykanthropie1 ist man
ein wahres Gottes-Lamm; nach einer Siinde (sagt Lavater) ist
man am frommsten; - daher solche Heiligen, denen um eine aus-
gezeichnete Frommigkeit in jenem Leben zu tun ist, sich auf rechte
Siinden in diesem legen. Ich schlug vor der Braut ganz in Zitro-
nenbliiten der Dichtkunst aus - so wie ich vorher eine Salzsaule
aus satirischem Zitronensalz gewesen war, welches beilaufig ein
20 neuerBeweis ist, daB Rezensenten nie ihren Namen sagen undnie
anders als im Dunkeln hantieren sollten, weil man sonst keinen
Respekt fur sie zeigt, so wie auch Minervens Wappentier, die
Nachteule, in der Nacht ohne Schande wiirgt und fliegt, am Tage
aber als ein seltsamer narrischer Abortus der Natur unter das zu-
fliegende neckende Gevogel einriickt. Um wieder zuriickzukom-
men : der Mensch auf seiner Reise zum uberirdischen Paradies
und ich auf meiner ins baireuthische und die Menschheit auf ihrer
langen zum Jiingsten Tage werden wie die braunschweigische
Mumme unter dem Verfahren mehr als einmal sauer; aber herr-
30 lich und suB kommen wir alle und die Mumme an: ich meine, ich
erzahlte schon nach einer halben Stunde hinter Berneck Paulinen
das MuBteil im Quintus Fixlein.
Mir war, als ob es gar keine Vorberichte zu zweiten Auflagen
mehr gabe in der Welt Ach du weiche Braut ! ich wollte dich
sehr riihren durch Erzahlen, aber du riihrtest mich noch mehr
1 Lykanthropen sind Menschen, die sich in Wolfe umzaubern.
36 LEBEN DES QUINTUS FIXLEIN
durch Zuhoren. Es muB iiberhaupt noch mehre Paulinen und Jean
Pauls in Deutschland geben: sonst ware gegenwartige zweite Auf-
lage gar nicht zu machen gewesen, wofur ich bei dieser Gelegen-
heit meihen warmsten Dank abstatte - aber gar nicht den pauli-
nischen Lesern, denn meinetwegen haben sie nichts getan, und
ich hatte wenig davon, vielmehr war ich, indem sie alle vor mir
meine Sachen auf dem SchoBe hatten und lasen, der einzige, der
nichts darauf hatte, wie in Nordamerika unter den Gasten eines
Schmauses bloB der Gastgeber keinen Bissen anruhrt, - sondern
ich statte den besagten Dank dem Schicksal ab, und zwar dafur, 10
daB es die Menschen nicht einander gleich gemacht (sonst stiirben
wir alle vor Langweile) noch undhnlick (sonst konnte keiner den
andern ertragen und fassen), sondern recht d/inlich, so daB ich
gleichsam fur den einen runden Stock der spartischen Skytale zu
nehmen bin, um den der groBe Genius beschriebene Blatter wik-
kelt, und der Leser fiir den zweiten, an dem die Blatter, weil er
ebenso gehobelt ist, geradeso aufzuwickeln und abzulesen sind
wie an mir selber.
Ich war jetzt, da ich und die Braut eben nicht so gar weit gen
Bindloch hatten, wo ich absteigen wollte, weil ichs fur unschick- 20
lich hielt, mit der Verlobten starr und aufrecht unter das Baireu-
ther Tor zu fahren und noch obendrein mich als einpassierend in
das Intelligenzblatt gedruckt niederzulassen, ich war jetzt, sag*
ich, eben deswegen viel zu betrubt, besonders vor dem wehenden
Rauschgolde des Abends und unter den Abendliedern der freien
Volieren uber mir und so nahe am Verlust der weinenden Braut,
zu betrubt, sagt* ich, um bis Bindloch etwan den Quintus Fixlein
nach der ersten oder zweiten Auf lage zu referieren : ich konnte
unmoglich.
Ich holte aber meine Schreibtafel heraus und setzte etwas auf. 3°
Man sehe etwan keiner fortgesetzten Vorrede zur zweiten Auf lage
entgegen : »Ich beschaftige mich hier mit einer Grabschrift, Gute !«
sagt' ich zu ihr. Sie hatte von ihrem sel. Vater und dessen mann-
lichen Gasten Langweile und Vernachlassigung schon gewohnt:
also vergab sie leicht mein Schreiben; allein es war ja eben etwas
Riihrendes fur sie, und ich wollt' ihrs in Bindloch vorlesen. Auch
GESCHICHTE MEINER VORREDE 37
dem Leser wird die Grabschrift am Schlusse dieser Geschichte,
urn ihn fur den entzognen, nun unmoglichen Schlufi der Vorrede
zu entschadigen, mit geringen und passenden Anderungen zuge-
wandt. Ich schrieb und schrieb, und meine Augen wurden dunkel,
weil ich die tiefe Sonne auf dem Riicken und iiberhaupt weniger
Licht als Wasser in den Augen hatte. Du gute Seele! du wuBtest
nicht, warum meine tropften, und doch gingen dir auch deine
iiber! - Als wir den ausgestreckten Bindlocher Berg hinunter-
fuhren : nahm die Vertiefung uns die vor Freude wallende Sonne;
10 aberwie beieinerVersteigerung in Bremen oderLauenburgwurde
uns durch das Ausloschen des Lichts gleichsam der ganze von
Silber-Sonnen starrende Nachthimmel zugeschlagen mit dem
Auktion- und Glockenhammer von 7 Uhr.
Die Welt ruhte - auf dem Berg sproBte der Mond wie eine
geschlossene Lilienglocke heraus - mein, Aufsatz war fertig - wir
waren den schnellen Berg herab - und ich sagte zur Braut, ich
sprange herab und wiird' ihr drauBen etwas vorlesen, wenn sie
mit abstiege, weil ich drinnen erst das WagengeroIIe iiberschreien
muBte.
20 Wir stiegen beide unten aus unweit einer alten Saule, vor der
ich nie ohne einen Seufzer iiber den -rauhen Druck, womit die
harten Riesenhande des Schicksals uns weiche Raupen und Gul-
liver ergreifen und tragen, vorbeigegangen bin ; diese Riesenhande
schienen heute die Saule wie eine Hermes- und Gedachtnissaule
hingestellt zu haben fur das schwache Gedachtnis des Menschen-
herzens. Pauline wufite von nichts; aber ich.fuhrte sie an den un-
scheinbaren Pilaster und erklarte ihr - indem ich ihrs vorher
zeigte -, was die verwitterte briichige weibliche Gestalt, iiber die
ein Wagen geht, auf der elenden erhobenen Arbeit des Pilasters
30 bedeute. Die umliegenden Dorfschaften berichten namlich, daB
einmal eine Braut, die auf dem Kammerwagen von dem sonst
steilern Bindlocher Berg den Armen ihres Brautigams unter einem
Gewitter mit scheugewordenen Pferden entgegenfuhr, unter die
Rader gestiirzt und vor seinen gemarterten Augen den getausch-
ten hoffenden Geist aufgegeben habe. Pauline konnte schwerlich,
zumal da der Mond hinter dem Abendrauche dammerte, die ver-
38 LEBEN DES QUINTUS FIXLEIN
waschene Skulptur dieses veralteten Jammers mehr lesen; aber
ihr getroffnes weiches Herz goB, besonders so nahe an der ahn-
lichen Lage, gern das Abendopfer einer fortrinnenden Trane uber
die unbekannte zerstorte Schwester nieder, deren gebrochenes
Gebein nun schon als Staub - vielleicht aus dem Staubbeutel einer
Blume- umhenrret, indes der Geist, der es sonst bewegte, auf der
ewigen BergstraBe durch die Zeit den auffliegenden Staub, den er
einmal machte und zuriicklieB, kaum mehr, wenn er sich umsieht,
wird bemerken konnen. Und hier neben der Siegessaule der Mar-
ter und unter dem groBen Himmel der Nacht gab ich Paulinen die 10
kleine Dichtung, die ich hier den Herzen aller ihrer Schwestern
bringe.
Die Mondfinsternis
Auf den Lilienfluren des Mondes wohnet die Mutter der Men-
schen mit alien ihren zahllosen Tochtern in stiller ewiger Liebe.
Das Himmelblau, das nur fern uber der Erde flatten, ruht dort
hereinge sunken auf dem Auenschnee aus Blumenstaub - keine
frostige Wolke tragt einen verkleinerten Abend durch den klaren
Ather - kein HaB zerfrisset die milden Seelen - wie sich die Re-
genbogen eines Wasserfalls durchschlingen, so windet die Liebe 20
und die Ruhe alle Umarmungen in eine zusammen - und wenn
in ihrer stillen Nacht die Erde ausgebreitet und glanzend unter
den Sternen hangt, so blicken die Seelen, die auf ihr gelitten und
genossen haben, nur mit siiBefn Sehnen und Erinnern auf die ver-
Iassene Insel hin, wo noch Geliebte wohnen und die weggelegten
Korper ruhen, und wenn dann die einschlafernde schwere Erde
blendend naher an die zusinkenden Augen tritt, so ziehen die
vorigen Friihlinge der Erde in glanzenden Traumen voriiber,
und wenn das Auge erwacht, hangt es voll Morgentau der Freu-*
den-Tranen. 30
Aber dann, wenn der Schattenzeiger der Ewigkeit auf einneues
Jahrhundert zeigt, dann schlagt der Blitz eines heiBen Schmerzes
durch die Brust der Mutter der Menschen: denn die geliebten
Tochter, die noch nicht auf der Erde waren, ziehen aus demMond
in ihre Korper, sobald die Erde sie mit ihrem kalten Erdschatten
GESCHICHTE MEINER VORREDE 39
beriihrt und betaubt, und die Mutter der Menschen sieht sie wei-
nend gehen, weil nicht alle, nur die unbefleckten zu ihr aus der
Erde wiederkehren in den reinen Mond. So nimmt ein Jahrhun-
dert um das andere der verarmenden Mutter die Kinder, und sie
zittert, wenn sie am Tage unsere raubende Kugel als eine breite
feste Wolke nahe an der Sonne erblickt.
Der Zeiger der Ewigkeit nahete dem achtzehnten Jahrhundert
- und die Erde voll Nacht zog gegen die Sonne - die Mutter
driickte schon heiB und beklommen alle Tochter ans He.rz, die
io noch nicht den Flor des Korpers getragen hatten, und flehte wei-
nend : »0 sinket nicht, ihr Teuern, bleibet engelrein und kehret
wieder!«- Jetzt stand der Riesen-Schatte am Jahrhundert und die
dunkle Erde uber der ganzen Sonne - ein Donner schlug die
Stunde — am flnstern Himmel hing ein durchgluhtes Kometen-
schwert herab - die MilchstraBe wurde erschiittert, und eine Srim-
me rief aus ihr: »Erscheine, Versucher der Menschen !«
Jedem Jahrhundert sendet der Unendliche einen bosen Genius
zu, der es versuche. - Fern vom kleinen Auge steht der gestirnte,
die Ewigkeiten umziehende Plan des Unendlichen im Himmel als
20 ein unauflosllcher Nebelfleck.1
Als der Versucher gerufen wurde, bebte die Mutter mit alien
ihren Kindern, und die weichen Seelen weinten alle, auch die ver-
klarten, die hienieden schon gewesen waren. Nun baumte sich
ungeheuer mit dem Erdschatten eine Riesenschlange auf der Erde
auf und reichte an den Mond und sagte:»Ich will euch verfuhren.«
Es war der bose Genius des achtzehnten Jahrhunderts. DieLilien-
glocken des Mondes biickten sich welk und zusammenfallend -
das Kometenschwert schwankte hin und her, wie ein Richtschwert
sich selber bewegt, zum Zeichen, daB es richten werde - die
30 Schlange bog sich mit spielenden seelenmorderischen Augen, mit
blutrotem Kamm, mit beleckten durchbissenen Lippen und mit
geziickterZunge ins sanfteEden herein, derSchweif zuckte hung-
rig und schadenfroh in einem Grabe der Erde, und eine Erd-
1 Ein unaufloslicher Nebelfleck ist ein ganzer in unendliche Fernen zu-
riickgeworfener Sternenhimmel, worin alle Glaser die Sonnen nicht mehr
zeigen.
4<D LEBEN DES QUINTUS FIXLEIN
erschutterung auf unserer Kugel wirbelte die laufenden Ringe und
die bunten giftigen Safte wie ein fliissiges schillerndes Gewitter
herauf. O, es war der schwarze Genius, der langst die jammernde
Mutter verfuhret hatte. Sie konnte ihn nicht anschauen; aber die
Schlange fing an : »Kennst du die Schlange nicht, Eva? - Ich will
deine Tochter verfuhren, deine weiBen Schmetterlinge will ich
auf dem Morast versammeln. Sehet, Schwestern, damitkoder' ich
euch alle.« - (Und hier spiegelten die Vipernaugen mannliche Ge-
stalten nach, die bunten Ringe Eheringe und die gelben Schuppen
Goldstucke.) »Und dafur nehm' ich euch den Mond und die Tu- 10
gend ab. In der Schlinge von seidnen Bandern und im Spiegel-
garn von Stoffen fang' ich euch; mit meiner roten Krone lock' ich
euch, und ihr wollt sie tragen; in euerer Brust fang* ich an zu
reden und euch zu loben, und dann kriech' ich in eine mannliche
Kehle und fahre fort und bestatige es, und in euere Zunge schieb'
ich meine und mache sie scharf und giftig. — Erst wenn es euch
iibel geht oder kurz vor dem Tode tu* ich den unnutzen Gewis-
sensbiB recht scharf und warm ins Herz. Nimm ewigen Ab-
schied, Eva; was ich ihnen hier sage, das vergessen sie zum Gluck,
ehe sie geboren werden.« — 20
Die ungebornen Seelen verbargen sich zitternd ineinander vor
dem so nahen kalten dampfenden Giftbaum, und die Seelen, die
rein wie Blumendiifte wieder aus der Erde aufgestiegen waren,
umfasseten sich weinend in furchtsamer Freude, in siiBem Zittern
vor einer uberwundenen Vergangenheit. Die geliebteste Tochter,
Maria, und die Mutter aller Menschen hielten einander an ihrem
Herzen, und sie knieten in der Umarmung nieder und hoben die
betenden Augen auf, und die Tranen, die aus ihnen rannen, fleh-
ten: »0, Alliebender, nimm dich ihrer an!« - Und siehe, als das
Ungeheuer die diinne lange, wie eine Hummerschere gespaltene 30
Zunge iiber den Mond hinschoB und die Lilien entzweischnitt
und, wenn es einen schwarzen Mondfleck gemacht hatte, sagte:
»Ich will sie verfiihren« : siehe, da schlug spruhend hinter der Erde
der erste Strahl der Sonne herauf, und das goldne Licht beschien
die Stirn eines hohen schonen JiingHngs, der ungesehen unterden
zitternden Seelen gewesen war. Eine Lilie deckte sein Herz, und
GESCHICHTE MEINER VORREDE 41
ein Lorbeerkranz voll Rosenknospen grimte an seiner Stirn, und
blau wie der Himmel war sein Gewand. Er blickte im milden
Weinen und warm in Liebe strahlend auf die triiben Seelen nieder
- wie die Sonne auf einen Regenbogen - und sagte : »Ich will euch
beschiitzen.« Es war der Genius der Religion. Die wallende Rie-
senschlange gerann vor ihm, und versteinert stand sie auf der Erde
und am Mond, ein Pulverturm mit stillem schwarzem Tod gefiillt.
Und die Sonne warf einen groBern Morgen in des Jiinglings
Angesicht, und er hob sein Auge groB zu den Sternen und sagte
10 zu dem Unendlichen: »Vater, ich gehe mit meinen Schwestern
hinab ins Leben und beschirme alle, die mich dulden. Bedecke die
atherische Flamme mit einem schonen Tempel: sie soil ihn nicht
entstellen und verwiisten. Schmiicke die schone Seele mit dem
Laube aus Erdenreizen, es soil ihre Friichte nur beschirmen, nicht
verschatten. Gib ihr ein schones Auge, ich will es bewegen und
begieBen ; und leg in die Brust ein weiches Herz : es soil nicht aus-
einanderfallen, eh' es fur dich und die Tugend geschlagen. Und
unbefleckt und unzerriittet will ich die Blume, in eine Frucht ver-
wandelt, aus der Erde wiederbringen, Denn auf die Berge und
20 auf die Sonne und unter die Sterne will ich fliegen und sie an dich
erinnern und an die Welt iiber der Erde. In das weiBe Licht dieses
Monds will ich die Lilie meiner Brust verwandeln und in das
Abendrot der Friihlingnacht die Rosenknospen in meinem Kranz
und sie an ihren Bruder erinnern - in den Tonen der Musik will
ich sie rufen und von deinem Himmel mit ihr reden und ihn auf-
tun vor dem harmonischen Herzen - mit den Armen ihrer Eltern
will ich sie an mich schlieBen, und in die Stimme der Dichtkunst
will ich meine verbergen und mit derGestalt ihres Geliebten meine
verschonern - Ja mit dem Gewitter der Leiden will ich iiber sie
30 ziehen und den leuchtenden Regen in ihre Augen werfen und ihre
Augen nach den Hohen und nach den Verwandten richten, von
denen sie kommt. O ihr Geliebten, die ihr eueren Bruder nicht
verstoBet, wenn euch nach einer schonen Tat, nach einem harten
Sieg ein siiBes Sehnen euer Herz ausdehnt, wenn in der Sternen-
nacht und vor dem Abendrot euer Auge an einer unaussprech-
lichen Wonne zergeht, und euer ganzes Wesen sich hebt und sich
42 LEBEN DES QUINTUS FIXLEIN
aufwarts drangt und liebend und ruhig und unruhig und weinend
und schmachtend die Arme ausbreitet: dann bin ich in euern Her-
zen und geb* euch das Zeichen, da6 ich euch umarme und da6 ihr
meine Schwestern seid. - Und dann nach einem kurzen Traume
und Schlafe brech* ich dem Diamant die Rinde ab und lass' ihn
als lichten Tau in die Lilien des Mondes fallen, O zartliche
Mutter der Menschen, blicke deine geliebten Kinder nicht so
schmerzlich an und scheide froher, du verlierst nur wenige!« —
Die Sonne loderte unbedeckt vor dem Mond, und die ungebor-
nen Seelen zogen auf die Erde, und der Genius der Tugend ging 10
mit ihnen - und wie sie der Erde entgegenflogen, dehnte sich ein
melodisches Floten durch das Blau, wie wenn Schwanen uber Win-
ternachte fliegen und in den Luften Tone statt der Wellen lassen.
Die Riesenschlange senkte sich im weiten Bogen einer gliihen-
den fliegenden Bombe und endlich gekriimmt zum ziindenden
Pechkranz auf die Erde zuriick, und "wie eine hereingebogene
Wasserhose iiber einem Schiffe zerbricht, so fiel sie uber die Erde
und flocht sich, in tausend Schlingen und Knoten gerunzelt, er-
wurgend und fangend durch alle Volker der Welt. Und das Richt-
schwert zuckte wieder, aber das Nachtonen des durchflognen 20
Athers wahrte langer. -
*
Als ich geschlossen hatte, trocknete Pauline die sanften Augen,
die sich unwillkurlich gegen den hellern Mond und seine weiten
Flecken aufhoben. Ich schied von ihr - und der Wunsch, den ich
hier fur alle liebende Schwestern des guten Genius tue, war mein
letztes Wort an sie: »Es gehe dir nie anders als wohl, und die
kleine Fruhlingnacht des Lebens verflieBe dir ruhig und hell - der
iiberirdische Verhiillte schenke dir darin einige Sternbilder liber
dir - Nachtviolen unter dir - einige Nachtgedanken in dir - und
nicht mehr Gewolk, als zu einem schonen Abendrot vonnoten 30
ist, und nicht mehr Regen, als etwan ein Regenbogen im Mond-
schein braucht!« -
Hof im Voigtland, den 22. August 1796.
Jean Paul Fr. Richter.
MUSSTEIL FUR MaDCHEN
i. Der Tod eines Engels.
2. Der Mond, eine phantasierende Geschichte.
i. Der Tod eines Engels1
Zum Engel der letzten Stunde, den wir so hart den Tod nennen,
wird uns der weichste, giitigste Engel zugeschickt, damit er ge-
Hnde und sanft das niedersinkende Herz des Menschen vom Leben
abpflucke und es in warmen Handen und ungedriickt aus der kal-
ten Brust in das hohe warmende Eden trage. Sein Bruder ist der
Engel der ersten Stunde, der den Menschen zweimal kiisset, das
erstemal, damit er dieses Leben anfange, das zweitemal, damit er
droben ohne Wunden aufwache und in das andere lachelnd kom-
to me, wie in dieses Leben weinend.
Da die Schlachtfelder voll Blut und Tranen standen und da der
Engel der letzten Stunde zitternde Seelen aus ihnen zog: so zer-
floB sein mildes Auge, und er sagte: »Ach, ich will einmal sterben
wie ein Mensch, damit ich seinen letzten Schmerz erforsche und
ihn stille, wenn ich sein Leben auflose.« Der unermeBliche Kreis
von Engeln, die sich droben lieben, trat um den mitleidigen Engel
und verhieB dem Geliebten, ihn nach dem Augenblick seines To-
des mit ihrem Strahlenhimmel zu umringen, damit er wiiBte, daB
es der Tod gewesen; - und sein Bruder, dessen KuB unsere er-
20 starrten Lippen wie der Morgenstrahl kalte Blumen offnet, legte
sich zartlich an sein Angesicht und sagte: »Wenn ich dich wieder
kiisse, mein Bruder, so bist du gestorben auf der Erde und schon
wieder bei uns.«
Gertihrt und liebend sank der Engel auf ein Schlachtfeld nie-
der, wo nur ein einziger schoner feuriger Jungling noch zuckte
und die zerschmetterte Brust noch regte: um den Helden war
nichts mehr als seine Braut, ihre heiBen Zahren konnt* er nicht
1 Diese Erzahlung steht schon im Dezemberstiick des deutschen Museums
von 1788; aber seit dieser Zeit hab' ich sie so veriindert wie mich selber.
j\6 LEBEN DES QUINTUS FIXLEIN
mehr fiihlen, und ihr Jammer zog unkenntlich als ein femes
Schlachtgeschrei um ihn. 0 da bedeckte ihn der Engel schnell
und ruhte in der Gestalt der GeKebten an ihm und sog mit einem
heiBen Kusse die wunde Seele aus der zerspaltenen Brust - und
er gab die Seele seinem Bruder, der Bruder kiiBte sie droben zum
zweitenmal, und dann lachelte sie schon.
Der Engel der letzten Stunde zuckte wie ein Blitzstrahl in die
ode Hiille hinein, durchloderte den Leichnam und trieb mit dem
gestarkten Herzen die erwarmten Lebensstrome wieder um. Aber
wie ergriffihn die neue Verkorperung! Sein Lichtauge wurde im 10
Strudel des neuen Nervengeistes untergetaucht — seine sonst flie-
genden Gedanken wateten jetzt trage durch den Dunstkreis des
Gehirns — an alien Gegenstanden vertrocknete der feuchte, weiche
Farbenduft, der bisher herbstlich uber ihnen wogend gehangen,
und sie stachen auf ihn aus der heiBen Luft mit einbrennenden,
schmerzlichen Farbenflecken - alle Empfindungen traten dunkler,
aber sturmischer und naher an sein Ich und dunkten ihm Instinkt
zu sein, wie uns die der Tiere - der Hunger riB an ihm, der Durst
brannte an ihm, der Schmerz schnitt an ihm. — O seine zertrennte
Brust hob sich blutend auf, und sein erster Atemzug war sein 20
erster Seufzer nach dem verlassenen Himmel! - »Ist dieses das
Sterben der Menschen?« dacht' er; aber da er das versprochene
Zeichen des Todes nicht sah, keinen Engel und keinen umflam-
menden Himmel : so merkt' er wohl, daB dieses nur das Leben
derselben sei.
Abends vergingen dem Engel die irdischen Krafte, und ein
quetschender Erdball schien sich uber sein Haupt zu walzen; -
denn der 5cA/a/ schickte seine Boten. Die innern Bilder riickten
aus ihrem Sonnenschein in ein dampfendes Feuer, die ins Gehirn
geworfnen Schatten des Tages fuhren verwirrt und kolossalisch 30
durcheinander, und eine sich aufbaumende unbandige Sinnen-
welt stiirzte sich iiber ihn ; - denn der Traum schickte seine Boten.
Endlich faltete sich der Leickenschleier des Schlafes doppelt um
ihn, und in die Gruft der Nacht eingesunken, lag er einsam und
starr, wie wir armen Menschen, dort. Aber dann flogest du, himm-
lischer Traum, mit deinen tausend Spiegeln vor seine Seele und
DER TOD EINES ENGELS 47
zeigtest ihm in alien Spiegeln einen Engelskreis und einen Strah-
lenhimmel; und der erdige Leib schien mit alien Stacheln von
ihm loszu fallen. »Ach,« sagt' er in vergeblicher Entziickung, »mein
Entschlafen war also mein Verscheiden !« - Aber da er wieder mit
dem eingeklemmten Herzen voll schwerem Menschenblut auf-
wachte und die Erde und die Nacht erblickte, so sagt* er: »Das
war nicht der Tod, sondern bloB das Bild desselben, ob ich gleich
den Sternhimmel und die Engel gesehen.«
Die Braut des emporgetragenen Helden merkte nicht, daB in
io der Brust ihres Geliebten nur ein Engel wohne: sie liebte noch
die aufgerichtete Bildsaule der verschwundnen Seele und hielt
noch frohlich die Hand dessen, der so weit von ihr gezogen war.
Aber der Engel liebte ihr getauschtes Herz mit einem Menschen-
herzen wieder, eifersuchtig auf seine eigne Gestalt - er wiinschte,
nicht fruher als sie zu sterben, um sie so lange zu lieben, bis sie
ihm es einmal im Himmel vergabe, daB sie an einer Brust zugleich
einen Engel und einen Geliebten umfangen. Aber sie starb fruher:
der vorige Kummer hatte das Haupt dieser Blume zu tief nieder-
gebogen, und es blieb gebrochen auf dem Grabe liegen. O sie
20 ging unter vor dem weinenden Engel, nicht wie die Sonne, die
sich prachtig vor der zuschauenden Natur ins Meer wirft, daB
seine roten Wellen am Himmel hinaufschlagen, sondern wie der
stille Mond, der um Mitternacht einen Duft versilbert und mit
dem bleichen Dufte ungesehen niedersinkt - Der Tod schickte
seine sanftere Schwester, die Ohnmacht, voraus - sie beriihrte das
Herz der Braut, und das warme Angesicht gefror - die Wangen-
blumen krochen ein - der bleiche Schnee des Winters, unter dem
der Fruhling der Ewigkeit grunet, deckte ihre Stirn und Hande
zu Da zerrifi das schwellende Auge des Engels in eine bren-
3o nende Trane; und als er dachte, sein Herz mache sich in Gestalt
einer Trane wie eine Perle aus der murben Muschel los: so be-
wegte die Braut, die zum letzten Wahnsinn erwachte, noch ein-
mal die Augen und zog ihn an ihr Herz und starb, als sie ihn
kiiBte und sagte: »Nun bin ich bei dir, mein Bruder« Da
wahnte der Engel, sein Himmelsbruder hah' ihm das Zeichen des
Kusses und Todes gegeben; aber ihn umzog kein Strahlenhim-
48 LEBEN DES QUINTUS FIXLEIN
mel, sondern ein Trauerdunkel, und er seufzete, dafi das nicht
sein Tod, sondern nur die Menschenqual uber einen fremden sei.
»0 ihr gedriickten Menschen,« rief er,»wie iiberlebt ihr Miiden
es, o wie konnt ihr denn alt werden, wenn der Kreis der Jugend-
gestalten zerbricht und endlich ganz umliegt, wenn die Graber
eurer Freunde wie Stufen zu euerem eignen hinuntergehen, und
wenn das Alter die stumme leere Abendstunde eines erkalteten
Schlachtfeldes ist, o ihr armen Menschen, wie kann es euer Herz
ertragen ?«
Der Korper der aufgeflogenen Heldenseele stellte den sanften 10
Engel unter die harten Menschen - unter ihre Ungerechtigkeiten
— unter die Verzerrungen des Lasters und der Leidenschaften -
auch seiner Gestalt wurde der Stachelgiirtel von verbundnen Zep-
tern angelegt, der Weltteile mit Stichen zusammendruckt und den
die GroBen immer enger schnuren - er sah die Krallen gekronter
Wappentiere am entiiederten Raube hacken und horte diesen mit
matten Fliigelschlagen zucken - er erblickte den ganzen Erdball
von der Riesenschlange des Lasters in durchkreuzenden, schwarz-
bunten Ringen umwickelt, die ihren giftigen Kopf tief in die
menschliche Brust hineinschiebt und versteckt - - Ach, da muBte 20
durch sein weiches Herz, das eine Ewigkeit lang nur an liebe-
vollen warmen Engeln gelegen war, der heifie Stich der Feind-
schaft schieBen, und die heilige Seele voll Liebe muBte iiber eine
innere Zertrennung erschrecken: »Ach,« sagt* er, »der mensch-
liche Tod tut wehe.« - Aber es war keiner: denn kein Engel er-
schien.
Nun wurd' er eines Lebens, das wir ein halbes Jahrhundert
tragen, in wenig Tagen miide und sehnte sich zuriick. Die Abend-
sonne zog seine verwandte Seele. Die Splitter seiner verletzten
Brust matteten ihn durch Schmerzen ab. Er ging, mit der Abend- 30
glut auf den blassen Wangen, hinaus auf den Gottesacker, den
griinen H inter grund des Lebens, wo die Hiillen aller schonen See-
len^die er sonst ausgekleidet hatte, auseinandergenommen wur-
den. Er stellte sich mit wehmutiger Sehnsucht auf das nackte Grab
der unaussprechlich geliebten, eingesunkenen Braut und sah in die
verbluhende Abendsonne. Auf diesem geliebten Hugel schauete
DER TOD EINES ENGELS 49
er seinen schmerzenden Kdrper an und dachte : »Du wiirdest auch
schon hierdich auseinanderlegen, lockere Brust, und keineSchmer-
zen mehr geben, wenn ich dich nicht aufrecht erhielte.«- Da iiber-
dachte er sanft das schwere Menschenleben, und die Zuckungen
der Brustwunde zeigten ihm die Schmerzen, mit denen die Men-
schen ihre Tugend und ihren Tod erkaufen und die er freudig der
edeln entflohnen Seele dieses Korpers ersparte — Tief riihrte ihn
die menschliche Tugend, und er weinte aus unendlicher Liebe
gegen die Menschen, die unter dem Anbellen ihrer eignen Be-
10 durfhisse, unter herabgesunknen Wolken, hinter langen Nebeln
auf der einschneidenden LebensstraBe dennoch vom hohen Son-
nenstern der Pflicht nicht wegblicken, sondern die liebenden Ar-
me in ihrer Finsternis aufbreiten fur jeden gequalten Busen, der
ihnen begegnet, und um die nichts schimmert als die Hoffnung,
gleich der Sonne in der alten Welt unterzugehen, um in der neuen
aufzugehen Da ofYnete die Entziickung seine Wunde, und
das Blut, die Trane der Seele, floB aus dem Herzen auf den gelieb-
ten Hiigel - der zergehende Korper sank siiBverblutend der Ge-
liebten nach — Wonne-Tranen brachen die fallende Sonne in ein
20 rosenrotes schwimmendes Meer - femes Echo-Getone, als wenn
die Erde von weitem im klingenden Ather voruberzoge, spielte
durch den nassen Glanz - Dann schoB eine dunkle Wolke oder
eine kleine Nacht vor dem Engel vorbei und war voll Schlaf -
Und nun war ein Strahlenhimmel aufgetan und iiberwallete ihn,
und tausend Engel flammten ; »bist du schon wieder da, du'spie-
lender Traum?« sagte er. - Aber der Engel der ersten Stunde trat
durch die Strahlen zu ihm und gab ihm das Zeichen des Kusses
und sagte: »Das war der Tod, du ewiger Bruder und Himmels-
freund !« - Und der Jiingling und seine Geliebte sagten es leise
30 nach.
5<D LEBEN DES QUINTUS FIXLEIN
2. Der Mond
Phantasierende Geschichte
Dedxkation an meine Pflegeschw ester Philippine
Ich habe mich noch in keinem Buche dariiber-aufgehalten, gute
Pflegeschwester, daB ihr Madchen aus dem Monde so viel macht,
da/3 er der Joujou eueres Herzens ist und das Nestei, um das ihr
die andern Sterne herumlegt, wenn ihr Phantasien aus ihnen aus-
sitzt. Er soil auch ferner das Zifferblattsrad der Ideen bleiben, auf
die euer Gesicht als eine Monduhr zeigt (denn unseres ist eine
Sonnenuhr), da er wie ein blinkendes Stahlschild im schwarzen At- 10
lasgiirtel des Himmels steht — da er nichts schwarzt — da er viel-
mehr ein Licht wirft, gegen das man' keinen Schleier uberhangen
muB, weil es selber wie einer auf dem Gesichte liegt - da er iiber-
haupt die Sanftmut und Liebe selber ist. Aber iiber etwas anders
konnte man zanken - daruber, daB ihr den guten Mond und sei-
nen da ansassigen Mann mehr lieben und sehen als kennen lernen
wo lit, wie ihrs auch bei Mannern unter dem Monde tut. Es ist
leider kein Geheimnis, beste Schwester, daB schon tausend Mad-
chen kopulieret und beerdigt worden, die jene silberne Welt dro-
ben wirklich fur nichts anders gehalten haben als fiir einen recht 20
hubschen Suppenteller von himmlischen Zinn, das mit dem
Monds-Mann, wie das englische mit einem Engel, gestempelt ist.
Beste, es ist sogar die Frage, ob du es selber noch weiBt, daB der
Mond um wenige Meilen kleiner ist als Asien. Wie oft muBt' ich
dirs am Fensterstocke vorsingen, ehe du es behieltest, daB nicht
nur sein Tag einen halben Monat wahrt, sondern auch - was sich
noch eher horen lasset - seine Nacht, so daB also da ein lustiges
Madchen, das von der Mutter schon um Mitternacht vom Balle
nach Haus gezerret wurde, doch wenigstens seine guten andert-
halbhundert Stunden gewalzt und geschliffen hatte! - Sage mir 30
einmal, Philippine, ob du es noch im Kopfe hast, daB der Mond
DER MOND 51
oder vielmehr seine Leute in einer so langen Nacht so gut wie wir
sehen und promeniereri wollen und daB sie also einen groBern
Mond bediirfen als wir, wenigstens keinen schmalern, als ein raa-
Biges Kutschenrad ist! Ich hab* es von guter Hand, daB du es
nicht mehr weiBt, was der Mond fiir einen Mond uber sich sehe -
Unsere Erde ist seiner, Flatterhafte, und kommt ihnen droben
nicht groBer vor als ein Brautkuchen. Ich setze hier wegen meiner
folgenden Erzahlung noch das hinzu, daB wir ihnen kein Licht
(Mond- oder Erdschein) hinaufwerfen konnen, wenn wir hier
10 unten selber keines haben, welches der Fall bei der Sonnenfinster-
nis ist; daher konnen die Mondsohne bei unserer Sonnenfinster-
nis nicht anders sagen als : »Wir haben heute eine Erdfinsternis.«
Ich bitte dich recht sehr, Philippine, lies diese Personalien des
Mondes, auf die die ganze phantasierende Erzahlung fuBet, deinen
Zuhorerinnen einige zwanzig Male vor: sonst ist euch alles ent-
fallen, eh* ich nur angefangen.
Oberhaupt verdenk* ichs euern Eltern ungemein, daB sie euch
statt des Franzosischen, das euch wie ein Bund Titularkammer-
herrn-Schlussel nur zum Klingeln des seelenverderbenden Par-
20 lierens und nie zum Aufsperren eines einzigen franzosischen Bu-
ches niitzt, weil euch Ritterromane lieber sind, daB sie euch, sag*
ich, nicht lieber haben Sternkunde lernen lassen, sie, die dem
Menschen ein erhabenes Herz gibt und ein Auge, das uber die
Erde hinausreicht, und Fliigel, die in die UnerraeBlichkeit heben,
und einen Gott, der nicht endlich, sondern unendlich ist.
Man darf uber alles unter dem Monde und uber ihn selber
Phantasien haben, wenn man nur nicht die Phantasien fur Wahr-
heiten nimmt - oder das Schattenspiel fiir ein Bilderkabinett -
oder das Bilderkabinett fiir ein Naturalienkabinett. Der Astro-
30 nom inventiert und taxiert den Himmel und fehlet um wenige
Pfunde; der Dichter moblieret und bereichert ihn; jener fasset
das Flurbuch von Auen ab, worein dieser Perlenbache leitet samt
einigen Goldfischchen; jener legt MeBschniire, dieser Girlanden
um den Mond - auch um die Erde. Also kannst du recht gut,
Liebe, dich mit deinen Nah-Schulkameradinnen auf einen Lin-
denaltan begeben und ihnen Phantasien wie meine geriihrt vor-
52 LEBEN DES QUINTUS FIXLEIN
lesen, wenns nur nicht am hellen lichten Tage geschieht und wenn
nur nicht der Gottesdienst der Mutterkirche der Erde iiber das
Mondsfilial vergessen wird.
Du aber, du milde, blasse Gestalt, an die ich so oft blicke, um
mein Herz zu mildern - die so bescheiden schimmert und so be-
scheiden macht - die ihren Wert nur dem stillen Himmel zeigt,
nicht der lauten Erde - und zu der ich das Auge gern aufhebe, '
wenn ein paar Tropfen zu viel darin stehen, die in den auf der
Erinnerung bluhenden Herbstflor der Freuden niederfallen, und
vor der ich am liebsten an das iiber die Wolken geriickte Mutter- 10
land unserer verpflanzten Wunsche denke, du gute Gestalt!
Philippine, es tut dem Herzen deines Bruders wohl, daD es zwei-
felhaft ist, wen er hier angeredet habe, ob den Mond oder dich.
Einen solchen Zweifel zu verdienen, Schwester, ist so schon, dafi
ich nur noch etwas Schoners kenne: namlich, ihn gar zu bench-
men^ indem man sich vom Monde in nichts unterscheidet als in
den Flecken und in der Veranderlichkeit.
Ich bin, wiewohl bloB mit dem letzteren Unterschiede,
dein B ruder.
Die Er^ahlung 20
Als ich zum ersten Male, Eugenius und Rosamunde, denen ich
den wahren Namen nicht mehr geben darf, eure kleine Geschichte
erzahlen wollte, gingen meine Freunde und ich in einen engli-
schen Garten. Wir kamen vor einem neubemalten Sarg vorbei,
auf dessen Fufibrett stand : »Ich gehe voriiber.« t)ber den griinen-
den Garten ragte ein weiBer Obelisk hervor, womit zwei ver-
schwisterte Fiirstinnen die Stelle ihrer Wiedervereinigung und
Umarmung bezeichneten und an dem die Inschrift war: »Hier
fanden wir uns wieder.« Die Spitze des Obeliskus blinkte schon
im Vollmond; und hier erzahlte ich die einfache Geschichte. - 30
Du aber, lieber Leser, ziehe - welches so viel als Sarg und Obelis-
kus ist - die Unterschrift des Sarges in die Asche der Vergangen-
DER MOND 53
heit, und die Buchstaben des Obeliskus zeichne mit warmem edelm
Herzensblute in dein Inneres.
Manche Seelen entfallen dem Himmel wie Bliiten; aber mit den
weiBen Knospen werden sie in den Erdenschmutz getreten und
liegen oft besudelt und zerdruckt in den Fufistapfen eines Hufs.
Auch ihr wurdet zerdruckt, Eugenius und Rosamunde! Zarte
Seelen wie euere werden von drei Raubern ihrer Freuden ange-
fallen: vom Volke, dessen rohe Griffe ihrem weichen Herzen
nichts als Narben geben - vom Schicksal, das an einer schonen
10 Seele voll Glanz die Trane nicht wegnimmt, weil sonst der Glanz
verginge, wie man den feuchten Demant nicht abwischt, damit
er nicht erbleiche - vom eignen Herzen, das zu viel bedarf, zu
wenig genieBet, zu viel hofft, zu wenig ertragt. - Rosamunde war
eine vom Schmerz durchbohrte helle Perle - abgetrennt von den
Ihrigen, zuckte sie nur noch bei Leiden fort, wie ein abgeschnit-
tener Zweig der Sensitive bei Einbruch der Nacht - ihr Leben
war ein stiller warmer Regen, so wie das ihres Gatten ein heller
heiBer Sonnenschein - sie kehrte vor ihm ihre Augen weg, wenn
sie gerade auf ihrem zweijahrigen siechen Kinde gewesen waren,
20 das in diesem Leben ein dunngefliigelter wankender Schmetter-
ling unter einem Schlagregen war. - Eugenius* Phantasie zer-
schlug mit ihren zu groBen Fliigeln das zu weiche diinne Korper-
gewebe; die Lilienglocke des zarten Leibes faBte seine machtige
Seele nicht; der Ort, wo die Seufzer entstehen, seine Brust, war
zerstort wie sein Gliick; er hatte nichts mehr in der Welt als sein
liebendes Herz und nur noch zwei Menschen fiir dieses Herz.
Diese Menschen wollten im Fruhling aus dem Strudel der
Menschen gehen, der so hart und kalt an ihre Herzen anschlug: sie
lieBen sich eine stille Sennenhutte auf einer hohen AIpe, die der
30 Silberkette des Staubbachs gegeniiberlag, bereiten. Am ersten
schonen Friihlingsmorgen traten sie den langen Weg zur hohen
Alpe an. Es gibt eine Heiligkeit, die nur die Leiden geben und
lautern; der Strom des Lebens wird schneeweifi, wenn ihn Klippen
zerspHttern. Es gibt eine Hohe, wo zwischen die erhabenen Ge-
danken nicht einmal mehr kleine treten, wie man auf einer Alpe
die Berggipfel nebeneinander stehen sieht ohne ihre Verkniip-
54 LEBEN DES QUINTUS FIXLEIN
fung durch Tiefen. Du hattest jene Heiligkeit, Rosamunde, - und
du diese H ohe, Eugenius ! — Um den FuB der Alpe zog ein Morgen-
nebel, in dem drei flatternde Gestalten hingen : die Spiegelbilder
der drei Reisenden waren es, und die scheue Rosamunde erschrak
und dachte, sie sehe sich selber. Eugenius dachte: was der un-
sterbliche Geist umhat, ist nur ein dickerer Nebel. Und das Kind
griff nach der Wolke und wollte spielen mit seinem kleinen Bru-
der aus Nebel. Ein einziger unsichtbarer Engel der Zukunft ging
mit ihnen durch das Leben und auf den Berg: sie waren so gut
und einander so ahnlich, daB sie nur elnen Engel brauchten.
Unter dem Steigen schlug der Engel das Buch des Schicksals
auf, worin ein Blatt der AbriB eines dreifachen Lebens war - jede
Zeile war ein Tag - und als der Engel die heutige Zeile gelesen
hatte, so weinte er und schloB das Buch auf ewig.
Die Schwachen bedurften beinahe elnen Tag zur Ankunft. Die
Erde kroch zuriick in die Taler, der Himmel lagerte sich auf die
Berge. Die miide, nur blinkende Sonne wurde unserem Eugenius
der Spiegel des Mondes; er sagte, als schon die Eisgebiirge Flam-
men iiber die Erde warfen, zu seiner Geliebten : »Ich bin so miide
und doch so wohl. Ist es uns so, wenn wir aus zwei Traumen :
gehen, aus dem Traum des Lebens und aus dem Traum des Todes,
wenn wir einmal in den wolkenlosen Mond als die erste Kiiste
hinter den Orkanen des Lebens treten?« - Rosamunde antwor-
tete: »Noch besser wird uns sein; denn im Monde wohnen ja, wie
du mkh lehrest, die kleinen Kinder dieser Erde, und ihre Eltern
bleiben so lange unter ihnen, bis sie selber so mild und ruhig sind
wie die Kinder, und dann ziehen sie weiter.« -»Von Himmel zu
Himmel, von Welt zu Welt!« sagte erhoben Eugenius.
Sie stiegen, wie die Sonne sank: wenn sie trager klimmten, so
schlugen Berggipfel wie losgebundene auffahrende Zweige ver- =
hiillend vor die Sonne. Dann eilten sie in den hinaufriickenden
Abendschimmer nach; aber als sie auf der Sennenalpe waren, tra-
ten die ewigen Berge vor die Sonne - dann verhiillte die Erde ihre
Graber und Stadte anbetend vor dem Himmel, eh' er sie mit alien
Sternenaugen ansah, und die Wasserfalle legten ihre Regenbogen
ab - und hoher breitete die Erde dem Himmel, der sich iiber sie
DER MONO 55
hereinbog mit ausgestreckten Wolkenarmen, einen Flor aus
Goldduft unter und hing ihn von einem Geburge zum andern -
und die Eisberge waren angeziindet, damit sie bis in die Mitter-
nacht gliihten, und ihnen gegenuber war auf dem Grabe der Sonne
ein Scheiterhaufen von Gewolk aus Abend-Glut und Abend-
Asche aufgeturmt. — Durch den glimmenden Flor aber lieB der
gute Himmel seine Abend tranen tief in die Erde hinunterfallen,
bis auf das niedrigste Grab, bis auf die kleinste Blume darauf. -
O Eugenius, wie grofi muBte jetzt deine Seele werden! Das
io Erdenleben lag entfernt und in der Tiefe vor dir ohne alle die
Verzerrungen, die wir daran sehen, weil wir zu nahe davor stehen,
so wie die Dekorationen kurzerer Szenen in der Nahe aus Land-
schaften zu ungestalten Strichen werden. -
Die zwei Liebenden umarmten sich sanft und lange vor der
Hiitte, und Eugenius sagte : »0 stiller, ewiger Himmel, jetzt nimm
uns nichts mehr!« - Aber sein blasses Kind stand mit dem
geknickten LiHenhaupte vor ihm, er sah die Mutter an, und diese
lag mit dem weiten feuchten Auge im Himmel und sagte leise:
»Oder nimm uns alle auf einmal!«
20 Der Engel der Zukunft, den ich den Engel der Ruhe nennen
will, weinte lachelnd, und sein Flugel verwehte mit einem Abend-
luftchen die Seufzer der Eltern, damit sie einander nicht traurig
machten.
Der transparente Abend floB um die rote Alpe wie ein heller
See und spiilte sie mit den Zirkeln kiihler Abendwogen an. Je
mehr sich der Abend und die Erde stillte, desto mehr fiihlten die
zwei Seelen, daB sie am rechten Orte waren: sie hatten keine
Trane zu viel, keine zu wenig, und ihr Gluck hatte keine andere
Vermehrung vonnoten als seine Wiederholung. Eugenius lieB in
30 den reinen Alpenhimmel die ersten Harmonikatone wie Schwa-
nen flieBen. Das miide Kind spielte, in einem Ringe von Blumen
eingefasset, an eine Sonnenuhr gelehnt, mit den Blumen, die es
um sich auszog, um sie in seinen Zirkel einzuschlichten. Endlich
wurde die Mutter aus der harmonischen Entziickung wach - ihr
Auge fiel in die groBen, weit auf sie gerichteten Augen ihres Kin-
des -, singend und anlachelnd und mit uberschwellender Mutter-
56 LEBEN DES QUINTUS FIXLEIN
Hebe tritt sie zum kleinen Engel, der kalt war und - gestorben.
Denn sein vom Himmel herabgesenktes Leben war im Dunst-
kreis der Erde auseinandergeflossen wie andere Tone - der Tod
hatte den Schmetterling angehaucht, und dieser stieg aus den rei-
Benden Luftstromen in den ewigen ruhenden Ather auf, von den
Blumen der Erde zu den Blumen des Paradieses.
O flatten immer davon, selige Kinder! Euch wiegt der Engel
der Ruhe in der Morgenstunde des Lebens mit Wiegenliedern ein
— zwei Arme tragen euch und euern kleinen Sarg, und an einer
Blumenkette gleitet euer Leib mit zwei Rosenwangen, mit einer 10
Stirn ohne Gram-Einschnitte und mit weiBen Handen in die zweite
Wiege herab, und ihr habt die Paradiese nur getauscht. - Aber
wir, ach wir brechen zusammen unter den Sturmwinden des Le-
bens, und unser Herz ist mude, unser Angesicht zerschnitten von
irdischem Kummer und irdischer Miih', und unsere Seele klam-
mert sich noch erstarret an den ErdenkloB!
Duwende deinAugeweg von Rosamundens durchstechendem
Schrei, starrendem Blick und versteinernden Ziigen, du, wenn du
eine Mutter bist und diesen Schmerz schon gehabt hast - schaue
nicht auf die Mutter, die mit sinnloser Liebe die Leiche hart an 20
sich quetschet, die sie nicht mehr erdrucken kann, sondern auf
den Vater, der seine Brust uber sein kampfendes Herz schweigend
deckt, ob es gleich der schwarze Kummer mit Otterringen umzog
und mit Otterzahnen vollgoB. Ach als er den Schmerz davon end-
lich weggehoben hatte, war das Herz vergiftet und aufgelost. Der
Mann verbeiBet die Wunde und erliegt an der Narbe - das Weib
bekampft den Kummer selten und iiberlebt ihn doch. - »Bleibe
hier« (sagt* er mit uberwaltigter Stimme) - »ich will es zur
Ruhe legen, eh der Mond aufgeht.« Sie sagte nichts, kliBte es
stumm, zerbrockelte seinen Blumenring, sank an die Sonnenuhr 30
und legte das kalte Angesicht auf den Arm, um das Wegtragen
des Kindes nicht zu sehen.
Unterweges erhellete das Morgenrot des Mondes den wanken-
den Saugling; der Vater sagte: »Brich herauf, Mond, damit ich
das Land sehe, wo Er wohnet. - Steig empor, Elysium, damit ich
mir darin die Seele der Leiche denke - o Kind, Kind, kennst du
DER MOND 57
mich, horst du mich - ach hast du droben ein so schones Ange-
sicht wie deines da, einen so schonen Mund - o du himmlischer
Mund, du himmlisches Auge, kein Geist zieht mehr in dich.« -
Er bettete dem Kinde statt alles dessen, worauf man uns zum
letzten Male legt, Blumen unter; aber sein Herz brach, als er die
blassen Lippen, die offnen Augen mit Blumen und mit Erde uber-
deckte, und ein Strom von Tranen fiel zuerst ins Grab. Als er
mit der grunenden Rinde der Erdschollen die kleine Erhebung
iiberbauet hatte : fuhlte er, daB er von der Reise und dem Leber*
io miide sei und daB in der diinnen Bergluft seine kranke Brust ein-
falle; und das Eis des Todes setzte sich in seinem Herzen an. Er
blickte sich sehnend nach der verarmten Mutter um - diese hatte
schon lange hinter ihm gezittert — , und sie fielen einander schwei-
gend in die Arme, und ihre Augen konnten kaum mehr weinen. -
Endlich quoll hinter.einem ausglimmenden Gletscher der ver-
klarte Mond einsam uber die zwei stummen Ungliicklichen her-
auf und zeigte ihnen seine weiBen unbestiirmten Auen und sein
Dammerlicht, womit er den Menschen besanftigt. - »Mutter ! blick
auf,« (sagte Eugenius) »dort ist dein Sohn - sieh, dort uber den
20 Mond gehen die weiBen Bliitenhaine hin, in denen unser Kind
spielen wird.« - Jetzt fullete ein brennendes Feuer verzehrend
sein Inneres - sein Auge erblindete am Monde gegen alles, was
kein Licht war, und im Lichtstrome walleten erhabene Gestalten
vor ihm voruber, und neue Gedanken, die im Menschen nicht
einheimisch sind und die fur die Erinnerung iu groft ' sind, horte er
in seiner Seele, wie im Traume oft Melodien vor den Menschen
kommen, der im Wachen keine schaffen kann. — Der Tod und
die Wonne driickten seine schwere Zunge: »Rosamunde, warum
sagst du nichts? - Siehst du dein Kind? Ich schaue hiniiber uber
30 die lange Erde, bis dahin, wo der Mond angeht: da flieget mein
Sohn zwischen Engeln. Hohe Blumen wiegen ihn - der Erden-
Friihling weht iiber ihn - Kinder fiihren ihn - Engel lehren ihn -
Gott liebt ihn - O du Guter, du lachelst ja, das Silberlicht des
Paradieses flieBet ja himmlisch um deinen kleinen Mund, und du
kennst niemand und rufest deine Eltern - Rosamunde, gib mir
deine Hand, wir wollen kommen und sterben.« —
58 LEBEN DES QUINTUS FIXLEIN
Die diinnen Korperfesseln wurden langer. Sein ziehender Geist
flatterte hoher an den Grenzen des Lebens. Er fassete die Betaubte
mit zuckender Kraft und lallete erblindend und sinkend: »Rosa-
munde, wo bist du? Ich fiiege - ich sterbe - wir bleiben beisam-
men.«
Sein Herz zerriB, sein Geist entflog. Aber Rosamunde blieb
nicht bei ihm, sondern das Schicksal riB sie aus der sterbenden
Hand und warf sie lebendig auf die Erde zuriick. Sie fiihlte seine
Hand an, ob sie totenkalt sei : und da sie es war, so legte sie sie
sanft auf ihr Herz, fiel langsam auf ihre brechenden Knie, hob j
ihr Angesicht unaussprechlich ausgeheitert gegen die Sternen-
nacht hinauf, ihre Augen drangen aus den tranenleeren Hohlen
trocken, groB und selig in den Himmel und schaueten darin ruhig
nach einer uberirdischen Gestalt umher, die herunterfliegen und
sie emportragen werde. Sie wahnte fest, sie sterbe sogleich, und
betete : »Komm nun, Engel der Ruhe, komm und nimm mein Herz
und bring es meinen Geliebten hinauf- Engel der Ruhe, laB mich
nicht so lange allein unter den Leichen - o Gott ! ist denn nichts
Unsichtbares um mich ? - Engel des Todes, du muBt hier sein, du
hast ja erst neben mir zwei Seelen abgerissen und steigen lassen. - 2
Ich bin auch gestorben, ziehe nur meine gliihende Seele aus ihrem
knienden kalten Leichnamlu —
Sie blickte mit einer wahnsinnigen Unruhe im leeren Himmel
herum. Plotzlich entbrannte in seiner stillen Wiiste ein Stern und
schlangelte sich gegen die Erde zu. Sie breitete ihre entziickten
Arme aus und glaubte, der Engel der Ruhe schwinge sich hinein.
Ach der Stern verging, aber sie nicht. »Noch nicht? Sterb' ich
noch nicht, Allgutiger?« - seufzete die Arme.
In Osten richtete sich eine Wolke empor - fuhr iiber den Mond
hinauf und zog einsam am heitern Himmel heran - und stand 3
iiber der gequaltesten Brust der Erde. Diese bog das Haupt zuriick
und zu ihr hinauf und bat flehend den Blitz: »Schlag ein in diese
Brust und erlose mein Herz!« - Aber als die Wolke finster iiber
das zuriickgedriickte Haupt hiniiberging und den Himmel hin-
unterfloh und hinter den Gebirgen versank: so rief sie mit tau-
send Tranen: »Sterb* ich nicht, sterb* ich nicht ?« ...
DER MOND 59
Du Arme! nun rollte sich der Schmerz zusammen und tat den
erziirnten Schlangensprung an deme Brust und druckte alle seine
Giftzahne hinein. Aber ein weinender Geist goB das Opium der
Ohnmacht iiber dein Herz, und die Krampfe der Pein zerflossen
in ein sanftes Zucken.
Ach sie erwachte am Morgen, aber zerriittet; sie sah noch die
Sonne und den Toten, aber ihr Auge hatte alle Tranen, ihr zer-
sprungenes Herz gleich einer zerborstenen Glocke alle Tone ver-
loren: sie murmelte bloB: »Warum darf ich nicht sterben?« - Sie
10 ging kalt in die Hiitte zuriick und sagte nichts weiter als diese
Worte. Jede Nacht ging sie eine halbe Stunde spater zum Leich-
nam und traf jedesmal mit dem aufgehenden zerstiickten Monde
zusammen und sagte, indem sie ohne Tranen das Trauerauge an
seine Dammerungsauen andriickte : »Warum darf ich nicht ster-
ben?«
Jawohl ! warum darfst du es nicht, gute Seele, da die kalte Erde
aus alien deinen Wunden den heiBen Gift ausgesogen hatte, womit
das Menschenherz unter sie geleget wird, wie die Hand in der
Erde vom Bienenstich geneset? Aber ich wende mein Auge weg
20 von diesem Schmerz und sehe hinauf auf den schimmernden
Mond, wo Eugenius die Augen aufschlagt unter lachelnden Kin-
dern, und sein eignes fallet geflugelt auf seiri Herz Wie 1st
alles so still im dammernden Vorhof der zweiten Welt - ein Ne-
belregen von Licht ubersilbert die hellen Gefilde des ersten Him-
mels, und Lichtkugelchen hangen statt des funkelnden Taues um
Bluten und Gipfel - das Blau des Himmels1 blahet sich dunkler
uber die Lilien-Ebenen, alle Melodien sind in den dunnern Liiften
nur zerflossene Echo - nur Nachtblumen duften und gaukeln
wankend um ruhige Blicke — die schwankenden Ebenen wiegen
30 die hier zerstoBenen Seelen, und die hohen Lebenswogen fallen
gleitend auseinander - da ruht das Herz, da trocknet das Auge, da
verstummet der Wunsch - Kinder flattern wie Bienengetone um
die noch pochende, in Blumen eingesenkte Brust, und der Traum
nach dem Tode spielet das Erdenleben, wie ein hiesiger Traum
1 Die blaue Farbe der Luft mufl im Monde dunkler sein, weil diese diinner
ist, so wie beides auf Bergen zutriflt.
60 LEBEN DES QUINTUS FIXLEIN
die hiesige Kindheit, magisch, stillend, kummerfrei und gemil-
dert nach —
Eugenius blickte aus dem Monde nach der Erde, die an dem
langen Mondstag aus zwei Erdenwochen wie eine weiBe dtinne
Wolke im blauen Himmel schwebte; aber er erkannte sein altes
Mutterland nicht. Endlich ging auf dem Monde die Sonne unter,
und unsere Erde ruhte unbeweglich, groB und schimmernd am
reinen Horizont des Elysiums und iibergoB wie das Wasserrad
einer Aue den wehenden elysischen Garten mit flieBendem Schim-
mer. Da erkannte er die Erde, auf der er in einer so geliebteh Brust 10
ein so bekummertes Herz zuriickgelassen, und seine in Wonne
ruhende Seele wurde voll Wehmut und voll unendlicher Sehn-
sucht nach der Geliebten des alten Lebens, die noch drunten litt. -
»0, meine Rosamunde! warum ziehest du nicht aus einer Kugel
fort, wo dich nichts mehr liebt?« und er blickte bittend den Engel
der Ruhe an und sagte: »Geliebter! nimm mich aus dem Lande
der Ruhe und fiihre mich hinab zu der treuen Seele, damit ich sie
sehe und wieder Schmerzen habe, damit sie nicht allein sich
quale.«
Da fing plotzlich sein Herz gleichsam ohne Banden zu schwim- 20
men an - Lufte flatterten um ihn, als wenn sie ihn im Fliehen
hoben und ihn schwellend verwehten und in Fluten verhullten -
er sank durch Abendroten wie durch Blumen, und durch Nachte
wie durch Lauben, und durch einen nassen Dunstkreis, und sein
Auge wurde darin voll Tropfen - dann lispelte es um ihn, als
kamen alte Traume aus der Kindheit wieder - dann zog eine
Klage aus der Feme naher, die alle seine geschlossenen Wunden
aufschnitt - die Klage wurde Rosamundens Stimme - endlich
stand sie selber vor ihm, unkenntlich, allein, ohne Trost, ohne
Trane, ohne Farbe 30
Und Rosamunde traumte auf der Erde, und ihr war, als wenn
die Sonne sich befliigle und ein Engel werde - und der Engel,
traumte ihr, ziehe den Mond hernieder, der ein sanftes Angesicht
werde - und unter dem annahernden Angesicht bilde sich endlich
ein Herz Es war Eugenius; und seine Geliebte hob sich ent-
gegen, und als sie entziickt ausrief:»Nun bin ich gestorben!« ver-
DER MOND 6l
schwanden die zwei Traume, der ihrige unci der seiriige, und die
zwei Menschen waren wieder getrennt.
Eugenius erwachte droben, die schimmernde Erde stand noch
am Himmel, sein Herz war beklommen, sein Auge erhkzt von
einer Trane, die nicht auf den Mond gefallen war. Rosamunde
erwachte unten, und ein groBer warmer Tautropfen hing in einer
Blume ihres Busens - da fiel der heiBe Nebel ihrer Seele in einem
leisen Tranenregen nieder, ihr Inneres wurde leicht und sonnen-
hell, ihr Auge hing sanft am tagenden Himmel, die Erde war ihr
10 fremd, aber nicht verhaBt, und ihre beiden Hande bewegten sich,
als fuhrten sie die, die ihr gestorben waren
Der Engel der Ruhe sah auf den Mond, er sah auf die Erde und
wurde weich uber die Seufzer der Menschen. - Er sah auf der
Morgenerde eine Sonnenfinsternis und eine Verlassene, er sah Ro-
samunden in der voriiberfliegenden Nacht auf die Blumen, die
unter der Verfinsterung einschliefen, und in den kalten Abendtau,
der in den Morgentau fiel, umsinken und die Hande ausstrecken
gegen den eingeschatteten Himmel voll Ziehen der Nacht vogel und
mit unendlichem Sehnen auf blicken zum Monde, der bebend in der
20 Sonne schwebte. - Der Engel sah auf den Mond, und neben ihm
weinte der Selige, der die Erde tief unter einer Schattenflut schwim-
mend und in einen Feuerring geschmiedet erblickte, und dem die
wimmernde Gestalt, die noch auf ihr wohnte, die ganze Seligkeit
des Himmels nahm. - Da brach dem Engel des Friedens das
himmlische Herz - er ergrifT Eugenius* Hand und des Kindes
seine - riB beide durch die zweite Welt und trug sie auf die fin-
stere Erde herab. - Rosamunde sah im Dunkel drei Gestalten
wandeln, deren Schimmer an den Sternenhimmel anschlug und
oben mit ihnen ging - ihr Geliebter und ihr Kind flogen wie
30 Friihlinge an ihr Herz und sagten eilend: »0 Teuere, geh mit
uns!«-Ihr Mutterherz zersprang vorMutterliebe-das Erdenblut
stockte - ihr Leben war aus - selig, selig stammelte sie an den
zwei geliebten Herzen: »Darf ich denn noch nicht sterben?« -
»Du bist schon gestorben,« sagte der freudig weinende Engel der
drei Liebenden, »und dort steht die Erdkugel, aus der du kom-
mest, noch im Schatten« . . . Und die Wellen der Wonne schlugen
6z LEBEN DES QUINTUS FIXLEIN
hoch iiber die selige Welt zusammen, und alle Gliickliche und alle
Kinder sahen unsere Kugel an, die noch im Schatten zkterte.
Ja wohl ist sie im Schatten. Aber der Mensch ist hoher als sein
Ort: er sieht empor und schlagt die Flligel seiner Seele auf, und
wenn die sechzig Minuten, die wir sechzig Jahre nennen, ausge-
schlagen haben: so erhebt er sich und entzlindet sich steigend,
und die Asche seines Gefieders fallet zuriick, und die enthiillte
Seele kommt allein, ohne Erde und rein wie ein Ton, in der Hohe
an — Hier aber sieht er mitten im verdunkelten Leben die Ge-
birge der kiinftigen Welt im Morgengolde einer Sonne stehen,
die hienieden nicht aufgeht: so erblickt der Einwohner am Nord-
pol in der Iangen Nacht, wo keine Sonne mehr aufsteigt, doch
urn zwolf Uhr ein vergiildendes Morgenrot an den hochsten Ber-
gen, und er denkt an seinen Iangen Sommer, wo sie niemals unter-
geht.
DES QUINTUS FIXLEIN
LEBEN BIS AUF UNSERE ZE1TEN;
in funfzehn Zettelkasten
Erster Zettelkasten
Hundstagsferien — Visiten — eine Hausnrme von Adel
Egidius Zebedaus Fixlein war gerade acht Tage wirklicher Quin-
tus gewesen und hatte sich warm dozieret, als das Gliick ihm vier
erquickende, mit Blumen und Streuzucker uberschuttete Kolla-
tionen und Gange auf den EBtisch setzte: es waren die vier Kani-
kularwochen. Ich mochte noch den Totenkopf des guten Mannes
strekheln, der die Hundsferien erfand; ich kann nie in ihnen spa-
zieren gehen, ohne-zu denken : jetzt richten sich im Freien tausend
to gekriimmte Schulleute empor, und der harte Ranzeh liegt abge-
schnallet zu ihren FiiBen, und sie konnen doch suchen, was ihre
Seele lieb hat, Schmetterlinge - oder Wurzeln von Zahlen - oder
die von Worten - oder Krauter - oder ihre Geburtsdorfer.
Seines suchte unser Fixlein. Er riickte aber erst am Sonntage -
denn man will auch wissen, wie Fenen in der Stadt schmecken -
mit seinem Pudel und einem Quintaner, der seinen griinen Schlaf-
rock trug, aus dem Stadttor aus: es tauete noch, und als er schon
hinter den Garten lief, stieBen erst die Waisenhauskinder mit
einem Morgenliede in die Kehlen aus Trompetentextur. Die Stadt
20 hieB Flachsenfingen, das Dorf Hukelum^ der Hund Schill und die
Jahrszahl 1791.
»Mannlein,« (sagt* er zum Quintaner; denn er redete gern wie
die Liebe, die Kinder und die Wiener in Diminutiven) »Mannlein,
gib mir den Bundel her bis ans Dorf- lauf dich aus und suche dir
einen kleinen Vogel, wie du bist, damit du was zu atzen hast unter
den Ferien.« - Denn das Mannlein war zugleich sein Edelknabe -
Zimmerfrotteur - Stubenkamerad - Gesellschaftkavalier und
Laufmadchen; und der Pudel war zugleich sein Mannlein.
Er schritt langsam fort durch die mit kouleurten Tau-Glas-
30 kugelchen vollgehangenen, gekrauselten fCohlbeete und sah den
66 LEBEN DES QUINTUS FIXLEIN
Gebiischen zu, aus denen, wenn sie der Morgenwind auseinander-
zog, ein Flug Juwelenkolibri aufzusteigen schien, so funkelten
sie. Er zog von Zeit zu Zeit die Klingschnur des - Pfeifens, damit
sich der Kleine nicht versprange, und kiirzte sich seine andert-
halbe Stunden dadurch ab, daB er den Weg nicht nach ihnen,
sondern nach Dorfern ausmaB. Es ist angenehmer fiir den FuB-
ganger — fiir den Geographen gar nicht — , nach Wersten als nach
Meilen zu rechnen. Unterweges lernte der Quintus die wenigen
Felder auswendig, worauf schon geschnitten war. -
Aber jetzt streife noch langsamer, Fixlein, durch den Herr- io
schaftsgarten von Hukelum, nicht etwa deswegen, damit du mit
deinem Rocke keine Tulpenstaubfaden abburstest, sondern damit
deine gute Mutter nur so viel Zeit gewinne, um ihre Amorsbinde
von schwarzem Taft um die glatte Stirn zu legen. Es argert mich,
daB es der guten Frau die Leserinnen iibelnehmen, daB sie die
Binde erst platten will: sie miissen nicht wissen, daB sie keine
Magd hat und daB sie heute das ganze Meisteressen - die Geld-
prastationen dazu hatte der Gast drei Tage vorher ubermacht —
allein, ohne eine Erbkiichenmeisterin beschicken muBte. Und
iiberhaupt tragt der dritte Stand (sie war eine Kunstgartnerin) 20
allemal wie ein Rebhuhn die Schalen des Werkeltags-Eies, aus
dem er sich hackt, noch unter der Vormittagskirche am SteiBe
herum.
Man kann sich denken, wie die herzensgute Mutter den ganzen
Morgen auf ihren Schulherrn mag gelauert haben, den sie Hebte
wie ihren Augapfel, da sie auf der ganzen vollen Erde niemand
weiter - Mann und erster Sohn waren gestorben - fiir ihre in
Liebe iiberquellende Seele hatte, niemand weiter als ihren Zebe-
daus. Konnte sie jemals irgend etwas von ihm erzahlen, ich meine
nur etwas Freudiges, ohne zehnmal die Augen abzuwischen? 3o
Verschnitt sie nicht einmal ihren einzigen Kirmeskuchen an zwei
Bettelstudenten, weil sie dachte, Gott strafe sie, daB sie so
schmause, indes ihr Kind in Leipzig nichts zu beiBen habe und an
den Kuchengarten nur wie an andere Garten rieche?
»Tausend! Du bists schon, Zebedaus!«- sagte die Mutter und
lachelte verlegen, um nicht zu weinen, als der Sohn, der sich unter
ERSTER ZETTELKASTEN 6j
dem Fenster weggeduckt und an die mit Grummet gepolsterte
Tiir nicht angeklopft hatte, plotzlich eingetreten war. Sie konnte
vor Vergniigen den Plattstein nicht in die Platte schutteln, da der
vornehme Schulmann sie unter dem lauten Sieden des Bratens
zartlich auf die nackte Stirn kiifite und gar Mama sagte - welcher
Name sich an sie so weich anlegte wie ein Herzkissen. Alle Fen-
ster waren offen, und der Garten war mit seinem Blumenrauche
und Vogelgeschrei und Schmetterlingssammlungen fast halb in
der Stube: ich werde aber noch nicht berichtet haben, daB das
io kleine Gartnerhauschen, das mehr eine Stube als ein Haus war, in
der westlichen Landspitze des SchloBgartens belegen war. Der
Edelmann lieB die Witwe aus Gnaden diesen Witwensitz behal-
ten, weil der Skz ohnehin leer gestanden ware, da er keinen Gart-
ner mehr hielt.
Fixlein konnt' aber trotz der Freude nicht lange bleiben, weil
er in die Kirche muBte, die fur seinen geistigen Magen eine Hof-
kiiche, eine mutterliche war. Ihm geflel eine Predigt, bloB weil sie
eine Predigt war und weil er schon eine gehalten hatte. Der Mut-
ter wars recht: die guten Weiber glauben schon die Gaste zu
20 genieBen, wenn sie ihnen nur zu geniefien geben.
Er lachelte im Chore, diesem Freihafen und Heidenvorhof aus-
landischer Kirchenganger, alle imparochierte an und schauete wie
in seiner Kindheit unter dem Holzfittich eines Erzengels herab
auf das gehaubte Parterre. Seine Kinderjahre schlossen ihn jetzt
wie Kinder in ihren lachelnden Kreis, und eine lange Girlande
durchflocht sie ringelnd, und sie rupften zuweilen Blumen daraus,
urn sie ihm ins Gesicht zu werfen: stand nicht auf dem Kanzel-
ParnaB der alte Senior Astmann^ der ihn so oft gepriigelt hatte,
*weil er bei ihm das Griechische aus einer lateinischedierten Gram-
30 matik schopfen muBte, die er nicht exponieren, obwohl merken
konnte? Stand nicht hinter der Kanzeltreppe die Sakristei-Kajiite,
worin eine Kirchenbibliothek von Bedeutung - ein Schulknabe
hatte sie gar nicht in seinen Bucherriemen schnallen konnen -
unter dem Grauwerk von Pastell-Staub eigentlich lag? und be-
stand sie nicht noch aus der Polyglotta in Folio, die er - ange-
frischt durch Pfeiffers critica sacra - in friihern Jahren Blatt fiir
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Blatt umgeschlagen hatte, um daraus die Iitteras inversas, majus-
culas, minusculas etc. mit der groBten Miihe zu exzerpieren? Er
hatt* aber heute lieber als morgen dieses Buchstaben-Rauchfutter
in einen hebraischen Schriftkasten werfen sollen, an den die orien-
talischen Rhizophagen gehangen sind, da sie ohnehin fast ohne
alles Vokalen-Hartfutter erhalten werden. - Stand nicht neben
ihm der Orgelstuhl als der Thron, auf den ihn allemal an Apostel-
tagen der Schulmeister durch drei Winke gesetzt hatte, damit er
durch ein platscherndes Murki den Kirchensprengel tanzend die
Treppen niederfuhrte ? 10
Die Leser werden selber immer lustiger werden, wenn sie jetzt
horen, daB unser Quintus vom Senior, dem geistlichen Ortskur-
fiirsten, unter dem Ausschiitten des Klingelbeutels invitiert wird
auf Nachmittag ; und es wird ihnen so lieb sein, als invitierte der
Senior sie selber. Was werden sie aber erst sagen, wenn sie mit
dem Quintus zur Mutter und zum EBtisch, die beide schon den
weiflen gewiirfelten Sonntagsanzug umhaben, nach Hause kom-
men und den groBen Kuchen erblicken, den Fraulein Thiennette
(Stephanie) von der Backscheibe laufen lassen? Sie werden aber
freilich zuallererst wissen wollen, wer die ist. 20
Sie ist - denn wenn man (nach Lessing) eben uber die Vor-
trefflichkeit der Iliade die Personalien ihres Verfassers vernach-
lassigte: so mag das wohl auf das Schicksal mehrerer Verfasser,
z. B. auf mein eignes passen; aber die Verfasserin des Kuchens
soil uber ihr Backwerk nicht vergessen werden - Thiennette'ist,
ein hausarmes, insolventes Fraulein - hat nicht viel, ausgenom-
men Jahre, deren sie fiinfundzwanzig hat - besitzt keine nahen
Anverwandten mehr - hat keine Kenntnisse (da sie nicht einmal
den Werther aus Biichern kennt) als okonomische - lieset keine
Biicher, meine gar nicht - bewohnt; d. h. bewacht als SchloB- 30
hauptmannin ganz allein die dreizehn oden erledigten Zimmerdes
Schlosses zu Hukelum, das dem im Filial Schadeck seBhaften
Dragonerrittmeister Auf hammer zugehoret - kommandieret und
bekostigt seine Froner und Magde und kann sich von Gottes
Gnaden - welches im dreizehnten Jahrhunderte die landsassigen
Edelleute so gut wie die Fiirsten taten - schreiben, weil sie von
ERSTER ZETTELKASTEN 69
menschlicher Gnade lebt, wenigstens von der adeligen der Ritt-
meisterin, die allemal die Untertanen segnet, denen ihr Mann
flucht. - Aber in der Brust der verwaiseten Thiennette hing ein
verzuckertes Marzipanherz, das man vor Liebe hatte fressen mo-
gen - ihr Schicksal war hart, aber ihre Seele weich - sie war be-
scheiden, hoflich und furchtsam, aber zu sehr - sie nahm schnei-
dende Demiitigungen gern und kalt in Schadeck auf und fuhlte
keinen Schmerz, aber einige Tage darauf sann sie sich erst alles
aus, und die Einschnitte fingen heifl an zu bluten, wie Verwun-
10 dungen in der Starrsucht erst nach dem Voriibergang der letztern
schmerzen, und sie weinte dann ganz allein iiber ihr Los
Es wird mir schwer, wieder einen hellen Klang zu geben nach
diesem tiefen und hinzuzufugen, daB Fixlein fast mit ihr aufer-
zogen wurde und daB sie, als seine Schul-Moitistin driiben beim
Senior, da er ihn fur die Stadtebank der Tertianer stimmfahig
machte, mit ihm die verba anomala erlernte.
Das Achilles-Schild des Kuchens, den ein erhobnes Bildwerk von
braunen Schuppen auszackte, ging im Quintus als ein Schwung-
rad hungriger und dankbarer Ideen um: er hatte von jener Philo-
20 sophie, die das Essen verachtet, und von jener groBen Welt, die
es verschleudert, nicht so viel bei sich, als zur Undankbarkeit der
Weltweisen und Weltleute gehort, sondern er konnte sich fur eine
Schlachtschussel, fiir ein Linsengericht gar nicht satt bedanken.
Unschuldig und zufrieden beging jetzt die viersitzige Tisch-
genossenschaft - denn der Hund kann mit seinem Couvert unter
dem Ofen nicht ausgelassen werden - das Fest der siiBen Brote,
das Dankfest gegen Thiennette, das Laubhiittenfest im Garten.
Man sollte sich freilich wundern, wie ein Mensch mit einigem
Vergntigen essen konne, ohne wie der Konig in Frankreich 448
30 Menschen (161 gargons de la Maison-bouche zahl* ich gar nicht)
in der Kiiche, ohne eine Fruiterie von 31 Kerls, oder eine Mund-
backerei von 23 Ditos und ohne den taglichen Aufwand von 387
Livres 21 Sous zu haben. Inzwischen ist mir eine kochende Mutter
so lieb wie ein ganzer mich mehr fressender als fiitternder Kii-
chen-Hofstaat. Der kostliche Abhub, den der Biograph und die
Welt von einer solchen Tafel nehmen diirfen, ist eine und die
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andere Tischrede von Erhebiichkeit. Die Mutter erzahlte vieles.
Thiennette ziehet heute abends - hinterbringt sie - zum ersten
Male einen Morgenpromenadehabit von weifier Mousseline an,
desgleichen einen Atlasgiirtel und Stahlschild ; es wird ihr aber -
sagt sie - nicht lassen, da die Rittmeisterin (denn diese hing an
Thiennetten ihre abgeworfnen Kleider, wie Katholiken an Schutz-
heilige abgelegte Kriicken und Schaden) dicker sei. GuteWeiber
gonnen einander alles, ausgenommen Kleider, Manner und Flachs.
In der Phantasie des Quintus wuchsen Thiennetten jetzt durch
die Kleidung Engelsschwingen aus den Schulterblattern : ihm war 10
ein Kleid ein halber ausgebalgter Mensch, dem bloB die edlern
Teile und die ersten Wege fehlten; er verehrte diese Duten und
Hulsen um unsern Kern, nicht als Elegant oder als Schonheits-
Zensor, sondern weil er unmoglich etwas verachten konnte, was
andere verehrten. — Ferner las sie ihm gleichsam aus dem Grab-
stein seines Vaters vor, der im zweiunddreifiigsten Jahre seines
Alters dem Tode aus einer Ursache in die Arme gesunken war,
die ich erst in einem spatern Zettelkasten bringe, weil ichs zu gut
mit dem Leser meine. Man konnte dem Quintus nicht genug von
seinem Vater erzahlen. 20
Die schonste Nachricht war, daB ihr Fraulein Thiennette heute
sagen lassen : »morgen konn' er bei der gnadigen Frau vorkom-
men, denn sein gnadiger Herr Pat fahre in die Stadt.« Das muB
ich freilich erst klarmachen. Der alte Aufhammer hieB Egi-
dius und war Fixleins Pate; aber er hatte ihm - obwohl die Ritt-
meisterin die Wiege des Kindes mit nachtlichen Brotspenden,
Fleisch- und Sackzehenden bedeck te - sparsam mit nichts ande-
rem ein Patengeschenk gemacht als bloB mit seinem Namen, wel-
ches gerade das Fatalste war. Unser Egidius Fixlein war namlich
mit seinem Pudel, der wegen der franzosischen Unruhen mit an- 3o
dern Emigranten aus Nantes fortgelaufen war, nicht lange von
Akademien zuriick, als er und der Hund miteinander ungluck-
licherweise im Hukelumer Waldchen spazieren gingen. Denn da
der Quintus immer zu seinem Begleiter sagte: »Kusch, Schill
(couche Gilles)«, so wirds wahrscheinlich der Teufel gewesen
sein, der den von Aufhammer so wie Unkraut zwischen die Bau-
EHSTER ZETTELKASTEN 7 1
me eingesaet hatte, daB ihm die ganze Travestierung und Wip-
perei seines Namens - denn Gilles heiBt Egidius - leichtlich in die
Ohren fallen konnte. Fixlein konnte weder parlieren noch injuri-
ieren, er wuBte nicht ein Wort davon, was couche bedeute, das
jetzt in Paris biirgerliche Hunde selber zu ihren Valets de chiens
sagen; aber von Auf hammer nahm drei Dinge nie zuruck, seinen
Irrtum, seinen Groll und sein Wort. Der Provokat setzte sich jetzt
vor, den bjirgerlichen Provokanten und Ehrendieb nicht mehr zu
sehen und zu - beschenken.
io Ich komme zuruck. Nach dem Diner guckte ef zum Fenster-
chen hinaus in den Garten und sah seinen Lebensweg sich in vier
Steige spalten zu ebenso vielen Himmelfahrten : zur Himmelfahrt
in den Pfarrhof und in das SchloB zu Thiennetten - auf heute -
und zur dritten nach Schadeck auf morgen und in alle hukelumi-
sche Hauser zur vierten. Als nun die Mutter lange genug frohlich
auf gespitzten FuBen herumgeschlichen war, um ihn nicht im
Studieren seiner lateinischen Bibel (vulgata) zu storen, namlich im
Lesen der Literaturzeitung: so macht' er sich endlich auf seine
eignen, und die demutige Freude der Mutter lief dem herzhaften
20 Sohne lange hinterdrein, der sich getrauete, mit einem Senior
ganz wohlgemutet zu sprechen. Gleichwohl trat er mit Ehrfurcht
in das Haus seines alten, mehr grau- als kahlkopfigen Lehrers, der
nicht nur die Tugend selber war, sondern auch der Hunger; denn
er aB mehr als der hochstselige Konig. Ein Schulmann, der ein Pro-
fessor werden will, sieht einen Pastor kaum an; einer aber, der
selber ein Pfarrhaus zu seinem Werk- und Gebarhaus verlangt,
weiB den Inwohner zu schatzen. Die neue Pfarrwohnung - gleich-
sam als ware sie wie eine casa santa aus der FriederichsstraBe oder
aus Erlang aufgeflogen und in Hukelum niedergefallen — war fur
3o den Quintus ein Sonnentempel und der Senior der Sonnenprie-
ster. Pfarrer da zu werden, war ein mit Lindenhonig uberstrich-
ner Gedanke, der in der Geschichte nur noch einmal vorkommt,
namlich in Hannibals Kopf, als er den hatte, iiber die Alpen zu
schreiten, d. h. iiber Roms Turschwelle.
Der Wirt und der Gast formierten ein vortreffliches bureau
d'esprit: Leute in Amtern, zumal in ahnlichen, haben einander
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mehr zu sagen - namlich ihre eigne Geschichte - als die mtiBigen
Wonnemonds-Kafer und Hof-Seligen, die nur eine fremde do-
zieren diirfen. - Der Senior kam dann von seinen eisernen Stuk-
ken (im Stalle) auf die Aktenstiicke seines akademischen Lebens,
dessen sich solche Leute so gern wie Dichter der Kindheit er-
innern. So gut er war, so dacht* er doch halb freudig daran, daB
ers einmal weniger gewesen ; aber frohe Erinnerungen fehlerhaf-
ter Handlungen sind ihre halbe Wiederholung, so wie reuige Er-
innerungen der guten ihre halbe Aufhebung.
Freundlich und hoflich horchte Zebedaus, der nicht einmal in 10
seine Schreibtafel den Namen eines vornehmen Herrns ohne ein
H. eintrug, den akademischen Flegeljahren des alten Mannes zu,
der in Wittenberg ebensooft eingeschenkt als eingetunkt und
gleich sehr nach der Hippokrene und nach Guckguck1 gedlirstet
hatte. -
Jerusalem bemerkt schon, daB die Barbarei, die oft hart hinter
dem buntesten Flor der Wissenschaften aufsteigt, eine Art von
starkendem Schlammbad sei und die Oberverfeinerung abwende,
mit der jener Flor bedrohe. Ich glaube, daB einer, der erwagt, wie
weit die Wissenschaften bei dem Primaner steigen - vollends bei 20
einem Patriziers-Sohn aus Nurnberg, dem die Stadt 1000 fl. zum
Studieren schenken muB -, ich glaube, daB ein solcher dem Mu-
sensohne ein gewisses barbarisches Mittelalter (das sogenannte
Burschenleben) gonnen werde, das ihn wieder so stahlet, daB
seine Verfeinerung nicht tiber die Grenzen geht. Der Senior hatte
in Wittenberg 180 akademische Freiheiten - so viel hat deren
Petrus Rebuffus aufsummiert* - gegen Verjahrung geschutzt und
1 Ein Universitatsbier.
8 Ich will nur einige diesem Peter nachschreiben, die sonst beim Auf kei-
men der Universitaten alle galten: z. B. ein Student kann den Burger zwin- 30
gen, ihm Haus und Pferd zu vermieten; - ein sogar seinen Verwandten zu-
gefiigter Schade wird vierfach ersetzt; - er braucht keine schriftlichen Befehle
des Papstes zu vollziehen; - die Nachbarschaft mufi ihm fur das haften, was
ihm gestohlen worden; — wenn er und zugleich ein Nichtstudent anstoBig
lebten, so konnte nur der letztere aus dem Miethause gewiesen werden; -
ein Doktor muB einen armen Studenten nahren; - wenn sein Morder nicht
entdeckt wird, so bleiben die nachsten zehn Hauser unter dem Interdikt;
seine Legaten werden durch die falcidia nicht verkurzt etc.
ERSTER ZETTELKASTEN 73
keine verloren als seine moralische, aus der ein Mensch, sogar im
Konvente, nicht viel macht. Dieses gab dem Quintus Mut, seine
lustigen Reisesprunge zu referieren, die er in Leipzig unter dem
Alpdriicken der Durftigkeit machte. Man hore: sein Hauswirt,
der zugleich Professor und Geizhalz war, bekostigte in dem um-
mauerten Hofe eine ganze Fasanerie von Huhnern. Fixlein samt
einer Mitbelehnschaft von drei Stubengenossen bestritten den
Mietzins einer Stube leicht; sie hatten iiberhaupt wichtige Dinge
wie Phonixe nur elnmal: ein Bene, worin allemal das eine Paar
10 Vormitternacht, das andere Nachmitternacht gleich Nachtwach-
tern schlief - elnen Rock, in dem einer um den andern ausging
und der wie ein Wachtrock die Nationalkleidung der Kompagnie
war - und mehrere Einheiten des Interesse und des Orts. Nir-
gends sammelt man die Not- und Belagerungsmiinzen der Ar-
mut lustiger und philosophischer als auf der Universitat: der aka-
demische Burger tut dar, wie viel Humoristen und Diogenesse
Deutschland habe. Unsere Unitarier hatten nur eine Sache vier-
mal, den Hunger. Der Quintus erzahlte es vielleicht mit einem zu
freudigen GenuB der Erinnerung, daB einer aus diesem darben-
20 den coro ein Mittel ersann, die Hiihner des ordentlichen Profes-
sors wie Abgaben oder Steuern zu erheben. Er sagte (er war ein
Jurist), sie sollten einmal die juristische Fiktion aus dem Lehn-
rechte entlehnen, daB sie den Professor fur den Erbzinsbauer, dem
ganz die NutznieBung des Hiihnerhofes und Hauses zustehe, sich
aber fur die Zinsherren ansiihen, denen er seine Zinshuhner or-
dentlich entrichten miiBte. Damit nun die Fiktion der Naturfolgte,
fuhr er fort - fictio sequitur naturam -: so miaBten sie solche
Fasnachtshuhner ihm wirklich abfangen. Aber in den Hof war
nicht zu kommen. Der Feudalist machte sich daher eine Angel,
30 klebte eine Brotpille an den Angelhaken und hielt fischend seine
Angelrute in den Hof hinab. In wenig Terzien griff der Haken in
einen Huhnerschlund, und die angeohrte Henne, die nun mit dem
zinsherrlichen Feudalisten kommunizierte, konnte still, wie vom
Archimedes SchifTe, in die Hohe gezogen werden zur hungrigen
Luftfischerei-Sozietat, wo ihrer nach MaBgabe der Umstande der
rechte Feudal-Name und Besitz-Titel wartete: denn die resor-
74 LEBEN DES QJJINTUS FIXLEIN
bierten Hiihner muBten bald Rauchhuhner, bald Wald-, Forst-,
Vogtei-j Pfingst-, Sommerhennen benannt werden. »Ich fange
damit an,« sagte der angelnde Majoratsherr, »daB ich Rutscher-
linsen erhebe; denn so nennt man das Tripel und Quintupel des
Zinses, wenn ihn der Zinsbauer, wie hier der Fall ist, lange zu er-
legen versaumet hat.« Der Professor bemerkte, wie ein Furst,
traurig die verminderte Volksmenge der Hiihner, die wie Juden
am Zahlen starben. Endlich hatt' er das Gliick, als er sein Kolle-
gium las — er stand gerade beim Forst-, Sal^- und Mun^regal -,
durch das Fenster des Auditoriums eine wie der betende Ignazius 10
Loyola oder wie die gestrafte Juno mitten in die Luft fixierte
Zinshenne wahrzunehmen ; - er ging der unbegreif lichen geraden
Aszension des aronautischen Tiers nach und sah endlich oben
denHebungsbedienten mit seinem tierischen Magnetismus stehen,
der aus dem Huhnerhofe die Lose zum Essen zog Er machte
aber der Htihnerbeize wider alles Erwarten noch friiher ein Ende
als dem Regal-Kollegio. -
Fixlein schritt nach Hause unter dem Abend-Trompeterstiick-
chen der Turm-Schallocher und nahm unterweges hof lich vor den
leeren Fenstern des Schlosses den Hut ab : vornehme Hauser wa- 20
ren ihm so viel wie vornehme Leute, wie in Indien die Pagode
zugleich den Tempel und den Gott bedeutet. Der Mutter brachte
er erlogene GriiBe mit, die ihm authendsche zuriickgab, well sie
nachmittags mit ihrer historischen Zunge und mit ihren natur-
forschenden Augen bei der weiBmousselinenen Thiennette gewe-
sen war. Die Mutter wies ihr jeden Notpfennig, den der Sohn in
ihre groBe leere Geldtasche fallen HeB, und setzte ihn in Gunst
beim Fraulein : denn Weiber neigen einem Sohn, der seiner Mut-
ter zartlich einige ihrer Wohltaten zuruckzahlt, mehr und warmer
ihre Seele zu als wie einer den Vater versorgenden Tochter, viel- 30
leicht aus hundert Griinden und auch aus dem, weil sie von Soh-
nen und Mannern mehr gewohnt sind, daB diese bloB fiinf FuB
lange - Donnerwetter, behoste Wasserhosen oder doch aus-
ruhende Orkane sind.
Seliger Quintus! an dessen Leben noch der Vorzug wie ein
Adlerorden schimmert, daB du es deiner Mutter erzahlen kannst,
ERSTER ZETTELKASTEN 75
wie z. B. den heutigen Nachmittag im Seniorat. Deine Freude
flieBet in ein fremdes Herz und stromet daraus verdoppelt in dei-
nes zuruck. Es gibt eine groBere Nahe der Herzen, so wie des
Schalles, als die des Echos; die hochste Nahe schmilzt Ton und
Echo in die Resonant zusammen.
Es ist historisch-gewiB, daB beide abends aBen und statt des
Abhubs vom Diner, der morgen selber eines vorstellen konnte,
bloB den Opferkuchen oder Matzen auf den Brand-Opferaltardes
Tisches legten. Die Mutter, die fur ihr leibliches.Kind nicht bloB
10 sich, sondern auch die ubrigen Menschen willig hingegeben hatte,
tat ihm den Vorschlag, dem Quintaner, der drauBen spielte und
einen Vogel statt sich aufatzte, keine Krume vom kostbaren Back-
werk zu geben, sondern nur Hausbrot ohne Rinde. Aber der
Schulmann dachte christlich und sagte, es sei Sonntag und der
junge Mensch esse so gern etwas Delikates wie er. Fixlein ga-
stierte, dotierte und schonte - als GegenfuBler der GroBen und
Gerries — lieber den dienenden Hausgenossen als einen Menschen,
der das erstemal durchs Tor passieret und auf der nachsten Station
seinen Gastfreund und den letzten Postmeister vergisset. Ober-
zo haupt hatte der Quintus Ehre im Leibe, und ungeachtet seiner
Schonung und Latrie des Geldes, gab ers doch gern hin in Fallen
der Ehre, und ungern in Fallen eines siegenden Mitleidens, das
zu schmerzlich seinen Herzbeutel auffullte und seinen Geld-
beutel ausleerte. - Als der Quintaner das jus compascui auf dem
Matzen exerzierte und als sechs Arme auf Thiennettens Freitisch
ruhig lagen: las Fixlein sich und der Gesellschaft den flachsen-
fingischen AdreBkalender vor ; etwas Hoheres konnt* er sich auBer
Meusels gelehrtes Deutschland nicht gedenken - die Kammer-
herrn und geheime Rate des Kalenders Hefen ihm, wie die Rosi-
3o nen des Kuchens, kitzelnd iiber die Zunge, und von den reichern
Pastoraten erhob er gleichsam durch Vorlesen den Sackzehend.
Er blieb absichtlich seine eigne Ausgabe auf sonntagigemVe-
linpapier; ich meine, er zog den Sonntagsrock sogar unter dem
Gebetlauten nicht aus: denn er hatte noch viel vor.
Nach dem Essen wollt' er zum Fraulein, als er sie wie eine Lilie
in die rote Dammerung getaucht zu sehen bekam, im Schlofi-
j6 LEBEN DES QUINTUS FIXLEIN
garten, dessen westliche Grenzen sein Haus formierte, wie dessen
siidliche die sinesische Mauer des Schlosses Beilaufig, wie ich
zu allem diesen gekommen bin, was Zettelkasten sind, ob ich selber
dort war etc. etc. - das soil, so wahr ich lebe, dem Leser bald und
getreulich uberliefert werden, und das noch in diesem Buche. -
Fixlein hiipfte wie ein Irrlicht in den Garten, dessen Blumen-
dampf an seinen Suppendampf anstieB. Niemand biickte sichtiefer
vor einem Edelmann als er, nicht aus pobelhafter Demut, noch
aus gewinnsiich tiger Selbsterniedrigung, sondern weil er dachte:
»Ein Edelmann bleibt doch immer das, was er ist.« Aber sein Buck- 10
ling flel (anstatt vorwarts) in die Quere rechts hinaus, gleichsam
dem Hute nach : denn er hatte nicht gewagt, einen Stock mitzu-
nehmen; Hut und Stock aber waren das Druckwerk und die
Balancierstange, kurz das Bucklingsgetriebe, ohne das er sich in
keine hofliche Bewegung zu setzen vermochte, und hatte man ihn
dafur in das Hamburger Hauptpastorat voziert. Thiennettens Lu-
stigkeit spannte seine zusammengerollte Seele bald wieder gerade
und in den rechten Ton. Er hielt an sie eine lange nette Dank-
und Erntepredigt fur den schuppigen Kuchen, die ihr gut und
langweilig zugleich vorkam. Madchen ohne groBe Welt rechnen 20
langweilige Pedanterie bloB wie das Schnupfen zu den notwen-
digen Ingredienzien eines Mannes; sie verehren uns unendlich,
und wie Lambert den Konig in PreuBen wegen seiner Sonnen-
augen nur im Finstern zu sprechen vermdgend war, so ists ihnen
oft, glaub* ich, lieber - eben wegen unsers erhabnen Airs -, wenn
sie uns im Finstern erwischen konnen. - Ihn erbauete Thiennet-
tens Reichsgeschichte und Kaiserhistorie vom Herrn von Auf-
hammer und der gnadigen Frau, die ihn ins Testament setzen will ;
sie erbauete seine Gelehrtenhistorie, die ihn und den Subrektor
betraf, wie er selber z. B. in der Sekunda vikariere und uber 30
Schuler regiere, so lang gewachsen wie er. Und so gingen beide
zufrieden zwischen roten Bohnenbliiten, roten Maikafern, vor der
immer defer am Horizonte niederbrennenden Abendrote den Gar-
ten auf und ab und kehrten allemal lachelnd vor dem Kopfe der
Gartnerin um, der wie ein Scheibenbild in das kleine Schiebfen-
ster eingesetzet stand, das wieder in ein groBeres gefasset war.
ERSTER ZETTELKASTEN 77
Mir ists unbegreiflich, daB er sich nicht verliebte. Ich weiB
zwar seine Griinde; erstlich hatte sie nichts; zweitens er nichts
und Schuldenlast dazu; drittens war ihr Stammbaum ein Grenz-
baum und Verwahrungsstock ; viertens band ihm noch ein edlerer
Gedanke die Hande, der aus guten Griinden dem Leser noch ver-
nal ten wird. Gleichwohl - Fixlein ! hatt* ich nicht an deinem Platze
sein diirfen I Ich hatte sie angesehen und mich an ihre Tugenden
und an unsere Schuljahre erinnert und dann mein weichfliissiges
Herz hervorgezogen und es ihr wie einen Wechselbrief prasen-
io tieret oder wie ein Ratsdekret insinuieret. Denn ich hatte erwogen,
daB sie es einer Nonne in zweierlei nachtue, im guten Herz und im
guten Backwerk - dafi sie trotz ihres Umganges mit mannlichen
Fronern doch keine Karl Genofeva Louise Auguste Timothee Eon
von Beaumont sei, sondern eine glatte, blonde, gehaubte Taube -
daB sie mehr ihrem Geschlechte als unserem zu gefallen suche —
daB sie ein zerflieBendes Herz, das nicht erst vom Biicherverleiher
abgeholet ist, in Tranen zeige, deren sie sich aus Unschuld mehr
schamt als ruhmt — Schon vor der dritten Rabatte war' ich bei
solchen Griinden dagewesen mit der Spende meines Herzens. -
20 Hatt* ich vollends bedacht, Quinte! daB ich sie kenne wie mich
selber, daB ihr und mir (war' ich namlich du gewesen) von dem-
selben Senior die lateinischen Hande zum Schreiben gefiihret wor-
den sind - daB wir uns als unschuldige Kinder vor dem Spiegel
gekusset, urn zu sehen, ob es die beiden Vexierkinder im Spiegel
nachmachen - daB wir oft die Hande beiderlei Geschlechts in
einen Muffgeschoben und sie darin Versteckens spielen lassen; —
hatt' ich endlich iiberdacht, daB wir ja gerade vor dem in der
Schmelzmalerei des Abends glimmenden Glashause standen, an
dessen kalten Scheiben wir beide (sie innen, ich auBen) die heiBen
30 Wangen, bloB durch den glasernen Ofenschirm gespalten, ein-
ander entgegengepresset hatten : so hatt* ich die arme, vom Schick-
sal auseinandergedruckteSeele>die gegen ihrWettergewolk keine
groBere Erhohung zur Wetterscheide vor sich sieht als das Grab,
an meine gezogen und sie an meinem Herzen erwarmt und mit
meinen Augen umgiirtet
Wahrlich der Quintus hatt' es auch getan, hatt* es der oben
7§ LEBEN DES QUINTUS FIXLEIN
gedachte edlere Gedanke, den ich verhalte, erlaubt! - Weich,
ohne die Ursache zu wissen - daher er seine Mutter kuBte-, und
selig, ohne ein gelehrtes Gesprach gefiihret zu haben, und mit
einer Fracht von untertanigen Empfehlungen entlassen, die er
morgen vor der Dragonerrittmeisterin abzuladen hat, kam er im
kleinen Hauschen an und sah noch so lange aus seinen dunkeln
Fenstern an die leuchtenden des Schlosses. - Und noch als schon
das erste Viertehdes Mondes im Untergehen war, um 12 Uhr,
schloB er vor dem kiihlen Anwehen eines milden, duftenden,
feuchten und dasHerz beim Namen rufenden Nachtluftchens noch
einmal die Augenlider eines schon traumenden Blickes auf
Schlafe, denn du hast heute noch nichts Boses getan!- Ich will,
wahrend die hangende geschlosseneBlumenglocke deines Geistes
sich auf dasKopfkissen senkt,hinausschauen indiewehendeNacht
auf deinen morgendlichen FuBsteig, der dich durch transparente
Waldchen nach Schadeck zu deiner Gonnerin fuhrt. Der Ritt-
meister bricht schon um ein Uhr auf. Du und deine Schutzpatro-
nin sitzen also morgen allein beisammen. Es gelinge dir alles,
narrischer Quintus! -
ZWEITER ZETTELKASTEN 20
Frau von Aufhammer — Kindheits-Resonanz — Schriftstellerei
Das friihe Gepiepe nach Atzung, das die gestern vom Quintaner
aus dem Neste adoptierte Drossel schon um zwei Uhr anfing,
trieb den Quintus bald in die Kleider, deren Glanzpresse und
Parallellineal die Hande der besorgten Mutter waren, die ihn zur
Rittmeisterin nicht wie einen »liiderlichen Hund« lassen wollte.
Der Pudel wurde inkarzeriert, der Quintaner mitgenommen, des-
gleichen gute Reglements von der Fixleinin, wie er sich gegen die
Rittmeisterin aufzufiihren habe. Aber der Sohn versetzte : »Mama,
wenn man mit der grofien Welt umgeht wie ich, mit einer Frau- 30
lein von Thiennette: so muB man doch wissen, wen man vor
sich hat und was feine Sitten und Sawer di Wiwer (savoir vivre)
ZWEITER ZETTELKASTEN 79
fodern.« - Er langte mit dem Quintaner und griinen Fingern
(von den Saftfarben des zerdruckten Laubes am Steige) und mit
einer abgefressenen Rose zwischen den Zahnen vor den dicken
Lakaien in Schadeck an Wenn die Weiber B lumen sind — wie-
wohl ebensooft seidene und italienische und Kupferblumen als
botanische — : so war die Frau von Auf hammer eine gefullte, mit
ihrem Fett-Bauchkissen und Speck-Kubus. Durch die Apoplexie
schon mit dem halben Korper vom Leben abgeschnitten, lag sie
auf ihrem Fettpolster nur wie in ihrem weicheren Grab; gleich-
10 wohl war das, was noch von ihr iibrig war, zugleich lebhaft,
fromm und stolz. Ihr Herz war ein giefiendes Fruchthorn gegen
alle Menschen, aber nicht aus Menschenliebe, sondern aus stren-
ger Andacht; sie begliickte, beschenkte und verschmahte die
Burgerlichen und achtete an ihnen nichts als hochstens Frommig-
keit. Sie nahm den nickenden Quintus mit dem zuriicknickenden
Air einer Patronatsherrin auf und erheiterte sich menschenfreund-
lich bei der AusschifTung der GruBe von Thiennetten.
Sie fing das Gesprach an und setzte es lange allein fort und
sagte — ohne daB deswegen die Trommelsucht des Stolzes ihr
20 Gesicht verlieB -: »sie werde bald sterben, aber sie werde die
Pate ihres Gemahls (den Endes-Untergestellten) schon in ihrem
letzten Willen bedenken.« - Ferner sagte sie ihm gerade ins Ge-
sicht, das ganz mit der vierten Bitte vollgeschrieben vor ihr stand :
»auf eine Versorgung in Hukelum soil' er nicht bauen; aber zum
Flachsenfinger Konrektorat (das Burgermeister und Rat besetzt)
hofle sie ihm zu verhelfen, da sie bei dem regierenden Biirger-
meister ihren KafFee und beim Stadtsyndikus die Lichter (er trieb
einigen Grossohandel mit Hamburger Lichtern) kaufe.« -
Nun kam er zum untertanigen Wort, da sie von ihm Kranken-
30 berichte iiber ihren Senior Astmann abforderte, der sich mehr von
Luthers Katechismus als vom Gesundheitskatechismus raten lieB.
Sie war weniger Astmanns Patronatsherrin als Patronin und ge-
stand sogar, sie wiirde einem so treuen Seelenhirten bald nach-
folgen, wenn sie auf ihrem Gute hier sein Sterbegelaute vernahme.
So sonderbare chymischeVerwandtschaften sind zwischen unsern
Schlacken und unsern Silberadern, z. B. hier zwischen Stolz und
80 LEBEN DES QUINTUS FIXLEIN
Liebe; und ich wiinschte, wirverziehen diese hypostatische Union
alien sogernwiedenSchonen,dievon unsmit alien ihren Fehlern,
wie nach Du Fay vom Magnet das mit andern Metallen ver-
mengte Eisen, gleichwohl angezogen werden.
Gesetzt auch, der Teufel hatte in irgendeiner miiBigen Minute
eine oder zwei Hande voll Samenkorner des Neides in die Seele
des Quintus gesaet: sie waren doch nicht aufgeschossen; und
heute vollends nicht, da ihm ein Mann gepriesen wurde, der sein
Lehrer und - was er fur einen Titulado der Erde hielt, nicht aus
Eitelkeit, sondern aus Frommigkeit - ein Geistlicher war. So viel :
ist freilich nach der Geschichte auch nicht zu leugnen, da6 er bei
der Edelfrau geradezu mit der Supplik nachkam : »er wolle zwar
gern noch einige Jahre sich in der Schule gedulden, aber dann
sehn* er sich wohl in ein geruhiges Pfarr-Amtchen.« Auf ihre
Frage, ob er aber orthodox sei, versetzte er : »er hofF es, er habe in
Leipzig nicht nur alle publica des Doktor Burschers gehoret, son-
dern auch bei einigen rechtglaubigen Magistern hospitieret, weil
er wohl gewuBt, daB das Konsistorium jetzt strenger wie sonst
auf reine Lehre examiniere.«
Die Kranke ersuchte ihn, einen ProbeschuB zu tun, ihr nam- ;
lich eine Vermahnung am Krankenbette zu halten. — Beim Him-
mel ! er hielt eine der besten. Ihr Adelsstolz kroch jetzt vor seinem
Arms- und Priesterstolz zuriick: denn ob er gleich nicht mit dem
Dominikanermonch Alanus de Rupe glauben konnte, daB ein
Priester groBer sei als Gott, da dieser nur eine Welt, jener aber
einen Gott (in der Messe) erschaffen konne: so muBte er doch
einem Hostlensis beifallen, welcher gezeigt, daB die priesterliche
Wurde 7644mal groBer sei als die konigliche, weil die Sonne so
vielmal groBer sei als der Mond. - Vollends aber eine Edelfrau -
diese verschrumpfet ganz vor einem Pfarrer. 3
In der Domestikenstube hielt er bei dem Lakaien um den vorigen
Jahrgang des Hamburger politischen Journals an, weil er sah, daB
man mit diesen historischen Belegen der Zeit siindlich die Knopfe
der Reisekleider papillotierte. In verdriaBlichen Herbstabenden
konnt* er sich doch hinsetzen und nachlesen, was sich etwan
gutes Neues in der politischen Welt zutrage - im vorigen Jahr.
ZWEITER ZETTELKASTEN 8 I
Auf einem ganz mit Lorbeer vollgeladenen Triumphwagen, an
den lauter Hoffnungen gespannt waren, fuhr er abends nach Hause
und riet unterwegs dem Quintaner, sich keiner Sache ruhmredig
zu iiberheben, sondern still Gott zu danken, wie er da tue.
Die nebeneinander aufbliihenden Lusthaine seiner vier Kani-
kularwochen und das fliegende Gewimmel von Bliiten darin sind
bald auf drei Seiteh gemalt. Ich will blindlings in seine Tage grei-
fen und einen herausfangen: einer lachelt und duftet wie der an-
dere.
3 Man nehme z. B. den Namenstag seiner Mutter Clara, den
12. August. Am Morgen hatt* er perennierende, feuerbestandige
Freuden, d. h. Geschafte. Denn er schrieb, wie ich; wahrlich,
wenn Xerxes einen Preis auf die Erfindung eines neuen Vergnu-
gens aussetzte: so hatte der, der nur iiber die Preisfrage seine Ge-
danken niederschrieb, das neue Vergniigen schon wirklich aufder
Zunge. Ich kenne nur eine Sache, die siiBer ist, als ein Buch zu
machen, namlich eines zu entwerfen. Fixlein schrieb kleine Werk-
lein von 1I12 Alphabet, die er im Manuskript, vom Buchbinder
in goldne Fliigeldecken geschniirt und auf dem Riicken mit ge-
3 druckten Lettern betitelt, in die literarische Stufensammlung sei-
nes Bucherbrettes mit einstellte. Jedermann dachte, es waren No-
vitaten, mit Schreiblettern gedruckt. Er arbeitete - ich will die
unerheblichen Werke auslassen - an einer Sammlung der Druck-
fehler in deutschen Schriften; er verglich die Errata untereinander,
zeigte, welche am meisten vorkamen, bemerkte, daB daraus wich-
tige Resultate zu Ziehen waren, und riet dem Leser, sie zu ziehen.
Ferner trat er unter den deutschen Masorethen auf. Erbemerkte
ganz richtig in der Vorrede: »Die Juden hatten ihre Masora auf-
zuweisen, die ihnen sagte, wie oft jeder Buchstabe in ihrer Bibel
3 vorkomme, z. B. das Aleph (das A) 43 277 mal - wie viel Verse
darin stehen, wo alle Konsonanten auftreten (26 Verse sinds) -
oder nur achtzig (3 sinds) - wie viele Verse man habe, worin gar
42 Worter und 160 Konsonanten erscheinen (nur einer ist da,
Jerem. XXL 7) - welches der mittelste Buchstabe in einzelnen
Biichern sei (im Pentateuch 3. B. Mos. XL 42 ists1 das adelige V)
1 wie im Staate.
52 LEBEN DES QUINTUS F1XLEIN
oder gar in der ganzen Bibel. - Wo haben aber wir Christen
einen ahnlichen Masorethen fur Luthers Bibel aufzuzeigen ? 1st es
genau untersucht, welches in ihr das mittelste Wort oder der
mittelste Buchstabe sei, welcher Vokal am wenigsten vorkomme,
und wie oft jeder? - Tausend Bibelfreunde gehen aus der Welt,
ohne zu erfahren, daB dasdeutsche A 32301 5 mal (also iiber 7mal
ofter als das hebraische) in ihrer Bibel stehe.« -
Ich wunschte, daB Bibelforscher unter den Rezensenten es 6f-
fentlich anzeigten, wenn sie diese Zahl nach einer genauern Nach-
zahlung unrichtig befanden.1 10
Auch sammelte der Qumtus vieles: er hatte eine schone Kalen-
der- und Katechismus- und Sedezbuchersa'rnmlung - auch eine
Sammlung von Avertissements, die er angefangen, ist nicht so
unvollstandig, als man sie meistens antriflt. Er schatzet sehr sein
alphabetisches Lexikon von deutschen Bucherpranumeranten,wo
mein Name auch mit vorkommt unter dem J.
Am liebsten gebar er Entwiirfe zu Buchern. Daher nahete er
ein starkes Werk, worm er bloB den Gelehrten net, was sie zu
schreiben hatten in der Gelehrtengeschichte, die er einige Zolle
hoher setzte als die Welt- und Kaiserhistorie. Er hielt im Pro- 20
drom der gelehrten Republik fliichtig vor, daB Hommelem Re-
gister von Juristen gegeben, die Hurenkinder gewesen', von an-
dern, die Heilige geworden - Bernhardwon Gelehrten, deren Fata
und Lebenslauf im Mutterleibe erheblich waren - daB Ballet die
Gelehrten zusammengezahlt, die etwas hatten schreiben wollen -
und Ancillon die, die gar nichts geschrieben - und der Liibecksche
Superintend Got^e die, die Schuster waren, die, die ersoffen usw.
Das (konnt' er jetzt fortfahren) sollte, wie es scheint, uns zu ahn-
lichen Matrikeln und Musterrollen von andern Gelehrten ermun-
tert haben, deren er einige vorschlage - z. B. von Gelehrten, die 30
ungelehrt waren - von ganz boshaften - von solchen, die ihr
1 Dieser Bitte gab man in Erlang Gehor. Die dasige Bibelanstalt fand statt
der 116301 A, die der Quintus anfangs mit solcher GewiBheit im Bibel-
werke gefunden haben wollte (daher auch diese falsche Angabe in die erste
Edition dieses Buchs p. 8 1 wirklich kam), die besagten 32301 5, welches (unge-
mein sonderbar) gerade die Summe aller Buchstaben im Koran iiberhaupt ist.
S. Liidekes Beschr. des ttirk. Reichs. Neue AufJage 1780.
ZWEITER ZETTELKASTEN 83
eignes Haar getragen - von Zopfpredigern, Zopf-Psalmisten,
Zopfannalisten etc. — von Gelehrten, die schwarzlederne Hosen,
von andern, die StoBdegen getragen - von Gelehrten, die im
eilften Jahre starben - im zwanzigsten - einundzwanzigsten etc. -
im hundertundfunfzigsten, wovon er gar kein Beispiel kenne,
wenn nicht der Bettler Thomas Parre hergezogen werden so lie -
von Gelehrten, die eine noch abscheulichere Hand als andere Ge-
lehrte schrieben (wovon man nur Rolfinken und seine Lettern
kenne, die so lang waren wie seine Hande1) - oder von Gelehrten,
10 die einander in keine Haare gerieten als in die am Kinn (wovon
keine als nur Philelphus und Timotheus bekannt sind).*
Solche Nebenstudien trieb er neben seinen Amtsarbeiten; aber
ich glaube, ein Staat ist iiber so etwas toll: er vergleicht den, der
in Philosophic und Belletrie groB ist auf Kosten des Amts-Schlen-
drians, mit den Koniertuhren, die ihre Stunden - ob sie sie gleich
mit Flotenmelodien einfassen — schlechter schlagen als dumme
plumpe Turmuhren.
Um auf den Namenstag zuriickzukommen : so lief Fixlein nach
solchen Anstrengungen hinaus unter die Sang-Stauden und
20 Rausch-Baume und kehrte nicht eher aus der warmen Natur zu-
ruck, als bis Schussel und Stuhle schon an den Tisch gestellet
waren. - Unter dem Essen fiel etwas vor, das ein Biograph nicht
entbehren kann : seine Mutter muBt* ihm namlich die Landkarte
seiner kindlichen Welt unter dem Kauen mappieren und ihm alle
Ziige erzahlen, woraus von ihm auf seine jetzige Jahre etwas zu
schlieBen war. Diesen perspektivischen AufriB seiner kindlichen
Vergangenheit trug er dann auf kleine Blatter auf, die alle unsere
Aufmerksamkeit verdienen. Denn lauter solche Blatter, welche
Szenen, Akte, Schauspiele seiner Kinder jahre enthielten, schlich-
30 tete er chronologisch in besondere Schubladen einer Kinder-
Kommode und teilte seine Lebensbeschreibung, wie Moser seine
publizistischen Materialien, in besondere Zettelkasten ein.Erhatte
1 Paravicini singularia de viris claris. Cent. I. 2.
* Ejusd. Cent. II. 18. Philelphus zerfiel mit dem Griechen iiber das Mali
einer Silbe; der Preis oder die Wette war der Bart des Besiegten - Timo-
theus buflete seinen ein.
$4 LEBEN DES QUINTUS FIXLEIN
Kasten fur Erinnerungszettel aus dem zwolften, dreizehnten, vier-
zehnten etc., aus dem einundzwanzigsten Jahre und so fort.Wollt'
er sich nach einem padagogischen Baufron-Tag einen Rastabend
machen: so riB er bloB ein Zettelfach, einen Registerzug seiner
Lebensorgel, heraus und besann sich auf alles.
Ich muB die rezensierenden Stummen, die mir den kurzen Pro-
zeB des Strangulierens an den Hals werfen wollen, ganz besonders
bitten, doch nur vorher, ehe sie es darum tun, weil ich meine
Kapitel Zettelkasten nenne, nachzusehen, wer daran schuld ist,
und nachzudenken, ob ich anders konnte, da der Quintus selber 10
seine Biographie in solche Kasten abteilt: sie sind ja sonst billig.
Nur iiber seinen altern Bruder tat er an seine Mutter keine
krankende Frage: denn diesen hatte das Schicksal auf eine eigne
Art mit alien seinen genialischen Anlagen am Eisberg des Todes
zertrummert. Er sprang namlich auf eine Eisscholle, die zwischen
andern Schollen stockte — diese wichen aber zuriick, und seine
schoB mit ihm fort, schmolz schwimmend unter ihm ein und HeB
also das Feuerherz zwischen Eis und Wogen untersinken. Es tat
der Mutter wehe, daB er nicht gefunden, daB sie nicht erschuttert
wurde mit dem Anstarren der geschwollenen Leiche - o gute 2D
Mutter, danke lieber Gott dafiir! -
Nach dem Essen ging er, um sich mit neuen Kraften fur den
Schreibtisch zu riisten, bloB muBig im Hause herum und durch-
zog wie eine Feuerschau der Palizei alle Ecken seiner Hutte, um
aus ihnen irgendeine Kohle der ausgeglommenen Freudenfeuer
seiner Kindheit aufzulesen. Er stieg unter das Dach zu den leeren
Vogelhausern seines Vaters, der im Winter ein Vogler war, und
musterte fluchtig die Rumpelkammer seiner alten Spielwaren, die
im groBen Gebarhaus einer Kanarienhecke lag. In Kinderseelen
driicken sich regelmaBige kleine Gestalten, besonders Kugel und 30
Wurfel, am tiefsten ein und ab. Daraus erklare sich der Leser Fix-
leins Wohlgefallen am roten Eichhornchen-Stockhaus, an dem
aus Kartoffelnsamenkapseln und weiBen Spanen zusammenge-
steckten Sparrwerk, an dem heitern Glashaus einer wurfelformi-
gen Laterne. Aber ganz anders erklar' ich mir folgendes: erwagte
sich ohne Baubegnadigung an die Baute eines Lehmhauses, nicht
ZWEITER ZETTELKASTEN 85
fur Bauern, sondern fur Fliegen; daher man es gut in die Tasche
stecken konnte. Dieses Miickenhospital hatte seine Glasscheiben
und einen roten Anstrich und besonders viele Alkoven und drei
Erker: denn Erker liebte er als ein Haus am Hause von jeher so
sehr, dafi es ihm in Jerusalem schlecht gefallen hatte, wo (nach
Lightfoot) keine gebaut werden durften. Aus den blitzenden
Augen, womit der Baudirektor seine Mietsleute an den Fenstern
herumkriechen oder aus dem Zuckertroge naschen sah - dehn sie
frafien, wie der Graf St. Germain, nichts wie Zucker — , aus dieser
10 Freude hatte ein Erziehungsrat leicht seinen Hang zur hauslichen
Einengung prophezeien konnen: fur seine Phantasie waren da-
mals noch Gartnerhiitten zu wuste Archen und Hallen, und nur
ein solches Miicken-Louvre war gerade ein nettes Biirgerhaus. -
Er befiihlte seinen alten hohen Kinderstuhl, der der sedes explora-
toria des Papstes glich; er riickte seine Kinderkutsche, aber er
begriff nicht, welche Salbung und Heiligkeit sie so sehr von an-
dern Kinderkutschen unterscheide. Er wunderte sich, dafi ihm
Kinderspiele an Kindern nicht so gefielen als die Schilderungen
derselben, wenn das Kind, das sie getrieben, schon aufgeschossen
20 vor ihm stand.
Vor einer einzigen Sache im Hause stand er sehnsuchtig und
wehmutig, vor einem winzigen Kleiderschrank, der nicht hoher
war als mein Tisch und der seinem armen ertrunkenen Bruder
angehoret hatte. Da dieser mit dem Schlussel dazu von den Flu-
ten verschlungen worden: so tat die zerknirschte Mutter das Ge-
lubde, seinen Spielschrank nie gewalttatig aufzubrechen. Wahr-
scheinlich sind nur die Spielwaren des Armen darin. Lasset uns
wegsehen von dieser blutigen Urne!
Da Baco die Erinnerungen aus der Kindheit unter die gesun-
30 den, offizinellen Dinge rechnet: so waren sie ganz naturlich ein
Digestivpulver fur den Quintus. Nun konnt* er sich wieder an
den Arbeitstisch begeben und etwas ganz Besonders machen -
Suppliken um Pfarrdienste. Er nahm den AdreBkalender vor und
machte fur jedes Pfarrdorf, das er darin fand, eine Bittschrift vor-
ratig, die er so lange beiseite legte, bis sein Antezessor verstarb.
BloB um Hukelum hielt er nicht an. Es ist eine schone Observanz
86 LEBEN DES QUINTUS FIXLEIN
in Flachsenfingen, daB man sich urn alle Amter melden muB, die
offen stehen. So wie der hohere Nutzen des Gebets nicht in seiner
Erfullung besteht, sondern darin, daB man sich im Beten iibt: so
sollen Bittschreiben aufgesetzet werden, nicht damit man Amter
erhalte - das muB durch Geld geschehen -, sondern damit man
eine Supplik schreiben lerne. Freilich wird, wenn schon bei den
Kalmucken das Drehen einer Kapsel1 die Stelle des Gebetes ver-
tritt, eine geringe Bewegung des Beutels so viel sein, als suppli-
ziere man wortlich.
Gegen Abend — Sonntags gar - schweifte er im Dorfe herum, 10
wallfahrtete zu seinen Spielplatzen und auf den Gemeindeanger,
auf den er sonst seine Schnecken zur Weide getrieben - suchte den
Bauer auf, der ihn von der Schule her zum Erstaunen der andern
duzen durfte — ging als akademischer Lehrer zum Schulmeister,
dann zum Senior — dann in die Episkopalscheune oder Kirche.
Das letztere versteht kein Mensch : es brannten namlich vor drei-
undvierzig Jahren die Kirche (der Turm nicht), das Pfarrhaus
und - was nicht wieder herzustellen war - die Kirchenbiicher ab.
Daher wufiten in Hukelum die wenigsten Leute, wie alt sie waren,
und des Quintus Gedachtnisfibern selber schwankten zwischen 20
dem zwei- und dreiunddreiBigsten Jahre. Folglich muBte da ge-
prediget werden, wo sonst gedroschen wird, und der Same des
gottlichen Worts wurde mit dem physischen auf einer Tenne ge-
worfelt: der Kantor und die Schuljugend besetzten die Tenne, die
v/eiblichen Mutterkirch leute standen in der einen Panse, die Scha-
decker Filial- Weiber in der andern, und ihre Manner hockten py ra-
midenweise, wie Groschen- und Hellergalerien, an den Scheun-
Leitern hinauf, und oben vom Strohboden horchten vermischte
Seelen herunter. Eine kleine Flote war das Orgelwerk und eine
umgestiirzte Bierkufe der Altar, um den man gehen muBte. Ich 3°
gestehe, ich selber wiirde da nicht ohne Laune gepredigt haben.
Der Senior (damals war er noch Junior) wohnte und dozierte
1 Ihr Gebetradlein, Kiiriidu, ist eine hohle Kapsel voll aufgero liter Bet-
formeln, die geschwenkt wird und dann wirkt. Philosophischer genommen,
ists, da beim Gebet nur die Gesinnung in Anschlag kommt, emerlei, ob sie
sich durch Bewegung des Mundes oder der Kapsel aufiert.
DRITTER ZETTELKASTEN 87
unter dem Pfarrbau im Schlosse;daherFixlein daselbst mit dem
Fraulein die Anomala trieb.
Waren diese Entdeckungsreisen zuriickgelegt : so konnte unser
Hukelumsfahrer noch nach dem Abendgebet mit Thiennetten
Blattlause von den Rosen, Regenwurmer von den Beeten nehmen
und einen Freudenhimmel von jeder Minute - jeder Abendtau-
tropfen war mit Freuden- und Nelkenol gefarbt - jeder Stern war
ein Sonnenblick der Gluckssonne — und im zugeschnurten Her-
zen des Madchens lag nahe an ihm hinter einer kleinen Scheide-
10 wand (wie nahe am Heiligen hinter dem diinnen Leben) ein aus-
gedehntes Bliitenparadies Ich meine, sie liebte ihn ein wenig.
Er sollt' es wissen. Aber seine beklommene Wonne verdiinnte
er, wenn er zu Bette ging, durch kindische Erinnerungen auf der
Treppe. AIs Kind betete er namlich wie einen Rosenkranz unter
dem Bett-Zudeck als Abendgebet vierzehn biblische Spriiche, den
ersten Vers »Nun danket alle Gott«, das Zehnte Gebot und noch
einen langen Segen. Um nun eher fertig zu Werden, fing er seine
Gebete nicht bloB unten auf der Treppe, sondern schon an dem
Orte an, wo Alexander den Menschen und Semler dumme Skri-
20 ben ten studierte. - Liefer am Hafen der Flaumwogen ein: so war
er mit seiner Abendandacht fertig, und er konnte nun ohne eine
weitere Anstrengung mit zugedriickten Augen gerade in die Fe-
dern und in den Schlummer plumpen. — So steckt im kleinsten
homunculus schon der BauriB zur - katholischen Kirche.
So weit die Hundstage des Quintus Zebedaus Egidius Fixlein.
- Ich schlieBe schon zum zweitenmal die Kapitel dieser Lebens-
beschreibung, wie ein Leben, mit einem Schlaf.
Dritter Zettelkasten
Weihnachts-Chiliasmus - neuer Zufall
30 Uns alle zieht eine Garnitur von faden flachen Tagen wie von
Glasperlen ins Grab, die nur zuweilen eine orientalische wie ein
Knoten abteilt. Aber man stirbt murrend, wenn man nicht wie
88 JLEBEN DES QUINTUS FIXLEIN
der Quintus sein Leben fur eine Trommel ansieht: diese hat nur
einen ein^igen Ton, aber die Verschiedenheit des Zeitmafies gibt
diesem Tone Belustigung genug. Der Quintus dozierte in quarta,
vikarierte in secunda, schrieb am Pulte in der gewohnlichen Mo-
notonie des Lebens fort - von den Ferien an - bis zu dem heiligen
Weihnachtsabend 179 1, und nichts war denkwiirdig als bloB die-
ser Abend, den ich nun malen will.
Aber ich werde diesen Abend allezeit noch malen konnen,
wenn ich vorher mit wenigem berichtet habe, wie er sich gleich
Zugvogeln uber den dustern nebelnden Herbst wegschwang. Er 10
machte sich namlich uber das Hamburger politische Journal, wo-
mit der Bediente Knopfe kouvertieren wollen. Er konnte ruhig
und mit dem Riicken am Ofen die Winterkampagnen des vorigen
Jahrs mitmachen - und jeder Schlacht, wie die Aasgeier der phar-
salischen, nachfliegen - er konnte auf dem Druckpapier froh und
wundernd um die deutschen Triumphbogen und Geriiste zu Freu-
denfeuerwerken herumgehen, indes die Leute in der Stadt, die
nur die neuesten Zeitungen hielten, kaum die Trummer der von
den Frankreichern boshaft niedergerissenen Trophaen behielten
- ja er konnte schon mit alten Planen die Feinde zuriicktreiben, 2o
indes neuere Leser sich vergeblich mit neuen wehrten.
Aber nicht bloB die Leichtigkeit, die Gallier zu ubermeistern,
bestach ihn fur das Journal, sondern aucbder Umstand, daB letz-
teres - gratis war. Er war auffallend auf frankierte Lektiire er-
sessen. 1st es nicht daraus zu erklaren,daB er sich, wie Morhof rat,
die einzelnen Hefte von Makulaturbogen, wie sie der Kramladen
ausgab, fleiBig sammelte und in solchen wie Virgil im Ennius
scharrte? Ja fur ihn war der Kramer ein Fortius (der Gelehrte)
oder ein Friedrich (der Konig), weil beide letztere sich aus kom-
pletten Biichern nur die Blatter schnitten, an denen etwas war. 30
Eben diese Achtung fur alle Makulatur nahm ihn fur die Vor-
schiirzen gallischer Koche ein, welche bekanntlich aus vollge-
drucktem Papier bestehen; und er wiinschte oft, ein Deutscher
iibersetzte die Schiirzen: ich berede mich gern, daB eine gute Ver-
sion von mehr als einem solchen papiernen Burzel und Schurz
unsere Literatur (diese Muse a belles fesses) emporbringen und
DRITTER ZETTELKASTEN 89
ihr statt eines Geifertuches dienen konnte. - Der Mensch legt auf
viele Sachen ein pretium affectionis, bloB weil er sie halb gestoh-
len zu haben hofft: aus diesem mit dem vorigen zusammenhan-
genden Grunde fing der Quintus alles glaubig auf, was er ent-
weder in einem collegio publico oder als hospes wegschnappte;
nur Meinungen, fur die er den Professor bezahlen muBte, pruft*
er streng. - Ich komme wieder auf den verschobenen Weihnachts-
abend zuriick.
Eben da war Egidius froh, daB drauBen Miiller und Backer ein-
10 ander schlugen - wie man das wehende Schneien in groBen Flok-
ken nennt - und daB die Eisblumen der Fenster aufbluhten -
denn er hatte auBern Frost bei Stubenhitze gem -: er konnte nun
Pechholz in den Ofen und MohrenkafTee in den Magen nachlegen
und den rechten FuB (statt in den Pantoffel) in die warme Hiifte
des Pudels schieben und doch noch auf dem linken den Starmatz
schaukeln, der die Nase des alten Schilles abraupte, indes er mit
der rechten Hand - mit der linken hielt er die Pfeife — so unge-
stort, eingemummt, umnebelt und ohne ein frostiges Liiftchen
das Wichtigste anfing, was ein Quintus machen kann - den Lek-
20 tionskatalog des flachsenfingischen Gymnasiums, namlich das
Achtel davon. Ich halte den ersten Druck in der Geschichte eines
Gelehrten fiir wichtiger als die ersten Drucke in der Geschichte
der Buchdrucker: Fixlein konnt* es gar nicht satt kriegen, das zu
spezifizieren, was er kunftiges Jahr g. G. traktieren wollte, und
reihete deshalb, mehr Drucks als Nutzens wegen, noch drei bis
vier padagogische Fingerzeige dem Operationsplane samtlicher
Schulherren an.
Er trug nur noch einige Gedankenstriche als Faden der Rede
nach und sah dann das Opus nicht mehr an, weil er es vergessen
30 wollte, damit er nach dem Abdrucke iiber seine eignen Gedanken
erstaunte. Nun konnt' er den MeBkatalog, den er jahrlich statt der
Biicher desselben kaufte, ohne Seufzer aufschlagen : er war auch
gedruckt wie ich.
Der freudige Narr hatte unter dem Schreibeh den Kopf ge-
schaukelt, die Hande gerieben, mit dem SteiBe gehiipfet, das Ge-
sicht gebohnt und an dem Zopfe gesogen. Jetzt konnt* er
$>0 LEBEN DES QUINTUS FIXLEIN
abends um funf Uhr aufspringen, urn sich zu erholen, und durch
den magischen Dampf der Pfeife in seinem Bauer wie ein frisch-
gefangener Vogel auf- und niederfahren. In den warmen Rauch
leuchtete die lange MilchstraBe der StraBenlaternen, und an sei-
nem Bettvorhang hinauf lag rotend der bewegliche Widerschein
der brennenden Fenster und illuminierten Baume in der Nach-
barschaft. Nun nahm er den Schnee der Zeit von dem Winter-
griin der Erinnerung hinweg und sah die schonen Jahre seiner
Kindheit aufgedeckt, frisch, grun und duftend vor sich darunter
stehen. O es ist schon, daB der Rauch, der iiber unserem verpuf- 10
fenden Leben aufsteigt, sich wie bei demvergehendenSpieBglas in
neuen, obwohl poetischen Freuden-Blumen anlegt! - Er schauete
aus seiner Feme von zwanzig Jahren in die stille Stube seiner El-
tern hinein, wo sein Vater und sein Bruder noch nicht auf dem
Welkboden und Darrofen des Todes einschwanden. Er sagte:
»Ich will den heiligen Weihnachts-Abend gleich von fruh an
durchnehmen.« Schon beim Aufstehen traf er auf dem Tische
heilige Flitter von der Gold- und Silberfolie an, mit der das Chri-
stuskind seine Apfel und Niisse des Nachts blasonieret und be-
schlagen hatte.-Auf derMunzprobationswaage der Freude ziehet *°
dieser metallische Schaum mehr als die goldnen Kalber, die gold-
nen Pythagoras-Huften und die guldnen Philister-Arse der Kapi-
talisten. - Dann brachte ihm seine Mutter zugleich das Christen-
tum und die Kleider bei: indem sie ihm die Hosen anzog, rekapi-
tulierte sie leicht die Gebote, und unter dem Binden der Striimpfe
die Hauptstiicke. Wenn man kein Talglicht mehr brauchte: so
maB er, auf dem Arm des GroBvaterstuhles stehend, den nacht-
lichen SchuB des gelben klebrigen Laubes der Weihnachtsbirke
ab und wandte viel weniger Aufmerksamkeit als sonst auf den
kleinen weiBen Winterflor, den die Hanfkorner, die die oben han- 30
gende Voliere verzettelte, aus den nassen Fensterfugen auftrie-
ben. - Ich verdenke dem J. J. Rousseau seine flora petrinsularis1
gar nicht; aber er nehme auch dem Quintus seine Fenster-Flora
nicht libel. - Da den ganzen Tag keine Schule war: so war Zeit
genug ubrig, den Metzger (seinen Bruder) zu bestellen und das
1 Die er von seiner Petersinsel im Bielersee Iiefern wollte.
DRITTER ZETTELKASTEN 91
Hausschlachten (wenn war besseres Frostwetter dazu?) vorzu-
nehmen. Der Bruder hatte einige Tage vorher mit Lebens- und
Priigelgefahr das Maststiick in dem Luftloch eines SchloBfensters
gefangen, indem er, auf der Fensterbriistung stehend, die hinaus-
gebogene Hand auf das Nachtlager des darin hockenden Mast-
ochsen - so nennten sie den Spatzen - deckte. Es fehlte der
Schlachterei weder an einem holzernen Beile, noch an Wiirsten,
Pokelfleisch u. dgl. - Um drei Uhr setzte sich der alte Gartner,
den die Leute den Kunstgartner nennen muBten, mit einer kolni-
10 schen Pfeife in seinen groBen Stuhl, und dann durfte kein Mensch
mehr arbeiten. Er erzahlte bloB Liigen vom aronautischen Chri-
stuskind und vom rauschenden Ruprecht mit Schellen. In der
Dammerung nahm der kleine Quintus einen Apfel, zerfallte ihn
in alle Figuren der Stereometrie und breitete sie in zwei Abtei-
lungen auf dem Tische auf; wurde nachher das Licht eingetragen :
so fing er an zu erstaunen uber den Fund und sagte zum Bruder:
»Sieh nur, wie das fromme Christkindlein mir und dir bescheret
hat, und ich habe einen Fliigel von ihm schimmern sehen.« Und
auf dieses Schimmern lauerte er selber den ganzen Abend auf. -
20 Schon um acht Uhr - er steifet sich hier meistens auf die Chro-
nik seiner Zettel-Kommode - wurden beide mit wundgeriebe-
nem Halse und in frischer Wasche und der allgemeinen Besorgnis,
daB der heilige Christ sie noch auBer den Betten erblicke, in diese
geschafft. Welche lange Zaubernacht ! - Welches Getiimmel der
traumenden HofFnungen ! - Die gestalten voile, schimmernde Bau-
mannshohle der Phantasie zieht sich in der Lange der Nacht und
in der Ermattung des traumerischen Abarbeitens immer dunkler
und voller und grotesker hin - aber das Erwachen gibt dem diir-
stenden Herzen seine Hoffnungen wieder. - Alle Tone des Zu-
jo falls, der Tiere, des Nachrwachters sind der furchtsam-andachti-
gen Phantasie Klange aus dem Himmel, Singstimmen der Engel
in den Liiften, Kirchenmusik des morgendlichen Gottesdienstes.-
Ach das bloBe SchlarafTenland von EB- und Spielwaren war es
nicht, was damals mit seiner Perspektive wie ein Freudenstrom
gegen die Kammern unsers Herzens sturmte und was ja noch jetzt
im Mondlicht der Erinnerung mit seinen dammernden Land-
92 LEBEN DES QUINTUS FIXLEIN
schaften unsere Herzen sufi aufloset. - Ach das war es, das ists,
daB es damals fur unsere grenzenlosen Wiinsche noch grenzen-
lose HofFnungen gab; aber jetzt hat uns die Wirklichkeit nichts
gelassen als die Wiinsche!
EndlichliefenschnelleLichterderNachbarschaftiiber die Wand,
und das Weihnachts-Trommeten und Hahnengeschrei vom Turin
riB beide Kinder aus den Betten. Mit den Kleidern in den Handen
— ohne Bangigkeit vor dem Dunkel - ohne Gefuhl des Morgen-
frostes - rauschend - trunken - schreiend stiirzen sie von der
Treppe in die dunkle Stube. — Die Phantasie wiihlet im Back-
und Obstgeruche der verfinsterten Schatze und malet ihre Luft-
schlosser beim Glimmen der Hesperidenfruchte am Baume. -
Unter dem Feuerschlagen der Mutter decken die fallenden Fun-
ken das Lustlager auf dem Tisch und den bunteri Lusthain an der
Wand spielend auf und zu, und ein einziger Glut-Atom tragt den
hangenden Garten von Eden.
Plotzlich wurd' es licht, und der Quintus bekam das - Konrek-
torat und eine Stutzuhr
VlERTER ZETTELKASTEN
Amter-VerschleiB - Entdeckung des versprochenen Geheimnisses -
Hans von Fiichslein
Indem namlich der gewesene Quintus in seiner dampfenden Stube,
dem Resonanzboden seiner Kinderjahre, auf- und ablief : kam der
Ratsdiener mit einer Laterne und mit der Vokation, hinter ihm
der Jager der Frau von Aufhammer mit einem Briefchen und mit
einer Stutzuhr. Die Rittmeisterin hatte den Ehrensold fur seine
Kanikularvermahnung am Krankenbette in ein Weihnachtsge-
schenk verwandelt, das bestand i) aus einer Stutzuhr, an der ein
holzerner Affe mit dem Glockenschlage vortrat und es nachtrom-
melte, wie viel Uhr es sci - 2) aus dem Konrektorat, das ste ihm 3o
ausgewirkt.
Da man auswarts uber diese Vokation des Flachsenfinger innern
VIERTER ZETTELKASTEN 93
Rats gar nicht so geurteilt hat, wie man hatte sollen : so halt* ichs
fur meine Pflicht, fur den gesamten Rat lieber hier eine Defension
zu fuhren als im Reichsanzeiger. Ich habe schon oben im zweiten
Zettelkasten erwahnt, daB derStadtsyndikus mitHamburger Lich-
tern und der regierendeBurgermeister mitKaffeebohnen handelte,
sowohl mit halben als mit gemahlnen. Der Kompagnie-Stichhan-
del aber, den sie gemeinschaftlich betrieben, war mit den acht
Schulamtern; die andern Ratsglieder saBen nur als Ballenbinder,
Ladendiener und Kontoristen in der Ratsschreibstube. Das ganze
10 Rathaus ist iiberhaupt ein ostindisches Haus, wo nicht bloB De-
krete oder Vokationen, sondern auch Schuhe und Tiicher feil-
gehalten werden. Eigentlich ftihret der Rat seine Amterhandels-
Freiheit aus dem Grundsatze des romischen Rechtes her: cui jus
est donandi, eidem et vendendi jus est, d. h. wer das Recht hat,
eine Sache zu verschenken, der darf sie auch kauflich erlassen,
wenn er mag. Da nun den Ratsgliedern offenbar das Recht zu-
steht, Amter gratis zu erteilen: so muB sich wohl das, sie zu ver-
kaufen, von selber verstehen.
Nur ein Extrawort uber die Vokationen-Agioteurs iiberhaupt
20 Ich sorge im ganzen, die Akademien-Produkten-VerschleiB-
Kommission1 des Staats betreibe den Amterhandel schlafT. Wer
aber anders als das gemeine Wesen muB am Ende leiden, wenn
wichtige Posten nicht nach dem Kaufschilling, der fur sie erleget
wird, sondern nachKonnexionen,Verwandtschaften, parteiischen
Empfehlungen und Bucklingen weggegeben werden? Ists nicht ein
Widerspruch, Titularamter teuerer abzustehen als wirkliche?
Sollte man nicht eher hoffen, daB der wirkliche Hofrat urns
alterum tantum im Verhaltnis des Titularhofrats versteigert
werde? - Das Geld ist nun bei den europaischen Nationen das
3o Aquivalent und der Reprasentant des Wertes aller Dinge und
folglich des Verstandes, um so mehr, da ein Kopffarzut steht;
die Kaufsumme des Amtes aufzahlen, ist also nichts als ein ex-
1 Entlehnt von der k. k. Bergwerks-Produkten-VerschleiB-Kommission
in Wien; sogar in Namen zeigt der Wiener Geschmack.
94 LEBEN DES QUINTUS FIXLEIN
amen rigorosum aushalten, das nach einem guten Schema exami-
nandi gehalten wird. Es umkehren und seine Geschkklichkeit
statt deren Surrogate und Assignate und Miinzen de conflance
zeigen wollen, heiBet nichts als den narrischen Philosophen in
Gullivers Reisen gleich werden, die statt der Namen der Dinge
die Dinge selber in Sacken getragen brachten zum gesellschaft-
Hchen Verkehr ; und das heiBet doch klar in die Zeiten des Tausch-
handels zuriickfallen wollen, wo die Romer, anstatt des abgebil-
deten Ochsen auf ihren Ledermunzen, das Rindvieh selber vor-
fuhrten. 10
Ich bin von alien solchen unrichtigen MaBregeln so weit ent-
fernt, dafi ich oft, wenn ich las, daB der Konig in Frankreich neue
Amter ersinne, um mit ihnen unter der Bude seines Baldachins
feilzustehen, auf etwas Ahnliches dachte. Ich will es ruhig wenig-
stens vorschlagen und mich nicht daruber abharmen, ob es die
Staaten annehmen oder nicht. Da der Landesherr uns nicht ver-
gdnnt, die Amter bloB zum Verkaufe zu vervielfaltigen, weil er
vielmehr Tag und Nacht (wie Regisseurs der wandernden Trup-
pen) einem Staats-Akteur mehrere Rollen zudenkt, um zu den
drei theatralischen Einheiten die vierte der Spieler zu setzen; da 20
also das obige nicht geht: konnten wir nicht wenigstens einige
Tugenden, die mit den Amtern harmonieren, als Titel zugleich
mit diesen verkaufen? — Konnte man nicht z. B. mit dem Amte
eines Referendars zugleich Titular-Unbestechlichkeit verkauf lich
losschlagen, so aber, daB diese Tugend, als nicht zum Amte ge-
horig, besonders vom Kandidaten bezahlet wiirde? - Ein solcher
Kauftitel und Briefadel konnte keinen Referendarius verunzieren.
Man bedenkt nicht, daB ahnliche schone Titel sonst alle Posten
schmiickten : der scholastische Professor schrieb sich damals (noch
auBer seinem Amtstitel) »der seraphische - der unwiderlegliche — 30
der scharfsinnige« - der Konig schrieb sich »der groBe - der kahle
- der kuhne - der einfaltige« - und so auch der Rabbiner. Wurd'
es den Mannern in den hohern Justizstellen unangenehm sein,
wenn ihnen die Titel der Unparteilichkeit, der Schnelligkeit etc.
so gut kauflich erlassen wurden als die Posten selber? So konnte
mit einer Kammerratsstelle die Tugend der Untertanenliebe schon
VIERTER ZETTELKASTEN 95
als Titel verknupfet werden ; und ich glaube, wenige Advokaten
wiirden sich bedenken, sich den Titel der Rechtschaffenheit - so
gut wie den gewohnlichen der Regierungsadvokatie - anzuschaf-
fen, war* er anders zu haben. Wollt* indes ein Kandidat seinen
Posten ohne die Tugenden haben : so stand' es bei ihm, und der
Staat durfV ihn zu dieser Vexier-Moralitat nicht zwingen.
Es kann sein, daB, wie nach Tristram Shandy Kleider, nach
Walther Shandy und Lavater nomina propria auf den Menschen
zuruckwirken, appellativa es noch mehr tun, da ohnehin an uns,
10 wie an den Schaltieren, sick der Schaum so oft %ur Schale verstei-
nerty aber diese Moralitat ists nicht, worauf ein Staat sehen kann:
wie bei den schdnen Kiinsten ist nicht sie, sondern Darstellung
sein wahrer Zweck.
Es wurde mir oben ordentlich sauer, fiir die verschiedenen
Amter mir verschiedene Verbaltugenden zu erdenken; aber ich
sollte glauben, es waren noch viele dergleichen Abteilungen der
Tugend (jetzt fallt mir selber noch der Freiheitsgeist, die Auf-
richtigkeit und der gerade Sinn ein) auszukundschaften, wollte
nur ein moralischer Staatsminister eine ordentliche Tugenddivi-
20 sions-Kammer oder ein moralisches Adrefi-Departement mit eini-
gen Kanzelisten anstellen, die gegen geringen Gehalt die ver-
schiedenen Tugenden fiir die verschiedenen Amter ersannen. Ich
wiirde an ihrem Platze ein gutes Prisma vor den weiBen Strahl
der Tugend halten, das ihn gehorig zersetzte. Zu wiinschen war*
es, es betrafe Verbrechen - deren Subsubdivision namlich - : so
konnten Gerichtshalter dazu genommen werden. Denn in den
Gerichtsstellen, wo nur niedere Gerichtsbarkeit und keine Strafe
iiber 5 ft. frankischer Wahrung stattfindet, haben sie ein tagliches
Exerzitium, wie sie aus jedem Unfug mehrere kleinere machen
30 wollen, wovon sie jeden niemals iiber 5 fl. bestrafen. Es ist dieses
ein gutes moralisches Rolfiriken, das die Juristen gliicklich dem
Siinden-Prosektor, dem heiligen Augustin, und seiner Sorbonne
absahen, die beide in Adams Sundenapfel mehr Siinden einschnit-
ten, als jener in einen Kirschkern Gesichter. Wie verschieden ist
der Gerichtshalter vom papstlichen Kasuisten, der die beste Tod-
siinde durch Seitenschnitte in eine laBliche zu verdiinnen weiB ! -
<)6 LEBEN DES QUINTUS FIXLEIN
Schulamter (urn auf diese zu kommen) sind zwar ein kleiner
Handelsartikel; sie sind aber doch allemal Monarchien - Schul-
monarchien namlich — , die der polnischen Krone gleichen, die
nach Popes Verse zweimal in einem Jahrhundert feilsteht, wel-
ches arithmetisch falsch ist, weii Newton die Regiments-Jahre im
Durchschnitt auf zweiundzwanzig Jahre ansetzt. Ob iibrigens der
innere Rat die Stadtjugend einem Hamelschen Ratten- und Kin-
derfanger oder einem WeiBeschen Kinderfreunde zufuhre - das
kann fur den Rat keinen Unterschied machen, da der Schulmann
kein Gaul ist, fur dessen unsichtbare Mangel der RoBtauscher zu i0
haften hat. Es ist genug, wenn Stadtsyndikus et Compagnie sich
nicht vorwerfen konnen, daB sie ein Genie ausgeklaubet haben;
denn ein Genie wiirde, da es nur zur Zierde und Belustigung des
Staates zu verbrauchen ist, allerd'ings den schlechtern, kaltern
Kopf verdrangen, der eigentlich der wahre Nutzen und Kuxe des
Staates ist, so wie gute Lot- und Zahlperlen bloB zum Putze,
schlechte Samenperlen aber zum Medizinieren dienen.Wenn iiber-
haupt ein Schullehrer vermogend ist, seinen Scholaren auszu-
wichsen: so kann er im ganzen genug; und ich tadle es, daB
die Oberexaminationskommission keinen Schulmann vor ihren 20
Augen einige odermehrerejungeLeute aus seinerKlasse zur Probe
prugeln lasset, urn zu sehen, was an ihm ist.
Ende des Extrawortes uber Vokationen-Agioteurs uberhaupt
Nun wieder zur Geschichte ! Die Rats-Bewindheber erkannten
meinem Helden das Konrektorat nicht bloB des groBern Lichter-
und Bohnen-Absatzes wegen zu, sondern wegen einer ganz tollen
Vermutung: sie glaubten namlich, der Quintus verfahre bald
Todes.
- Und hier steh* ich vor einem wichtigen Platze dieser Ge-
schichte, in den ich bis jetzt niemand sehen lassen; jetzt aber 50
kommts nicht mehr auf meinen Willen an, die bisherige spani-
sche Wand wegzuschieben oder nicht, sondern ich muB sogar
Reverberierlaternen dariiber aufhangen. Es ist namlich in der
medizinischen Geschichte etwas ganz Bekanntes, daB man in ge-
wissen Familien gerade in einem Alter stirbt, wie man darin auch
VIERTER ZETTELKASTEN 97
in einem Alter (namlich von neun Monaten) geboren wird; ja aus
Voltaire entsinn' ich mich einer Familie, worin die Verwandten
sich immer in demselben Alter entleibten. In der Fixleinischen
Verwandtschaft war nun die Gewohnheit, daB die mannlichen
Aszendenten immer im zweiunddreiBigsten Jahre am Kantate-
sonntag sich hinlegten und starben : es muB sichs jeder in sein
Exemplar vom dreiBigjahrigen Kriege, weils Schiller ganzlich
weggelassen, nachtragen, daB darin ein Fixlein an der Pest, einer
am Hunger und einer an einer Flintenkugel starb, alle im zwei-
10 unddreiBigsten Jahre. Wahre Philosophic erklart sich das Fak-
tum so: »Die ersten paar Male traf sichs nur zufalligerweise so; -
und die ubrigen Male verstarben die Leute an der bloBen Angst:
widrigenfalls miiBte man das ganze Faktum lieber in Zweifel
Ziehen. «
Was machte aber Fixlein aus der Sache? - Wenig oder nichts:
das einzige, was er tat, war, daB er sich wenig oder nicht befliB,
sich in Thiennette zu verlieben, damit kein anderer seinetwegen
in Angst geriete. Er selber aber schor sich aus fiinf Griinden so
wenig darum, daB er alter als der Senior Astmann zu werden ver-
so hoffte: erstlich, weil drei Zigeunerinnen in verschiedenen Orts-
und Zeitraumen, und ohne etwas voneinander zu wissen, darin
zusammengetrorTen hatten, daB sie ihn dieselbe Hauptallee langer
Jahre in ihren Zauberspiegeln erblicken lieBen - zweitens, weil er
kerngesund war - drittens, weil sein eigner Bruder eine Ausnah-
me gemacht hatte und vor den D reiBigern ersofFen war - viertens
darum : als kleiner Knabe wurd' er gerade an dem Kantatesonn-
tage, wo man seinen Vater aufs Leichenbrett band, vor Kummer
krank und nur durch sein Spielzeug geheilt; mit diesem Kantate-
Siechtum aber glaubte er den mordenschen Genius seines Stamms
30 recht gut abgefunden zu haben. Funftens konnt' er, weil die Kir-
chenbiicher und mithin die GewiBheit seines Alters zusammen-
gebrennt waren, niemals in eine bestimmte todliche Angst ge-
raten: wlch kann heimlich«, sagt* er, »schon iiber das Schelmjahr
weggewischet sein, ohne daB es ein Henker gemerkt hat.«- Ich
verhehr es nicht, schon im vorigen Jahre dacht* er, er sei ein Zwei-
unddreiBiger: »Sollt' ichs dennoch« (sagte er) »erst im kiinftigen
98 LEBEN DES QUINTUS FIXLEIN
(1792) g. G. werden: so kanns so gut ablaufen wie im vorigen,
und der Herr kann mich ja iiberall finden. Und war* es denn un-
recht, wenn die hiibschen Jahre, die dem Leben meines Bruders
abgebrochen wurden, meinem zugeschlagen wurden ?« - -
So sucht sich der Mensch unter dem kalten Schnee der Gegenwart
zu erwarmen oder sich aus ihm einen schonen Schneemann zu
kneten.
Hingegen die ratsherrliche Oligarchic fuBete aufs Widerspiel
und hob eben wie eine Gotthek den Quintus plotzlich aus der
Quintei ins Konrektorat, weil sie darauf schwur, er erledig' es 10
bald. Eigentlich hatte nach der Schul-Anciennete dieser heilige
Stuhl dem Subrektor Hans von Filckslein gebiihrt; aber er mocht'
ihn nicht, weil er Hukelumer Pfarrer werden wo lite, zumal da Ast-
manns Todesengel nach sichern Nachrichten die Tiire zu diesem
Schafstall immer weiter aufschloB. »Treibts der Kerl noch hoch-
stens ein Jahr, so ists viel«, sagte Hans.
Dieser Hans war so grob, daB es schade ist, daB er nicht ein
kurhannoverischer Postbediente war, weil er dann durch das
Mandat der hannoverischen Regierung, das alle Postamter zu
feinen Sitten verwies, sich mit hatte umbessern konnen. Er war 20
unserem armen Quintus, den kein Mensch anfocht und der wieder
keinenMenschen haBte,allein aufsatzig,bloB weilFixIeln sich nicht
Fuchslein schrieb und sich nicht mit ihm hatte adeln wollen lassen.
Der Subrektor muBte auf seinem adeligen Triumphwagen, den
die Vorspann von vier vorausgegebenen Ahnen zog, den Quin-
tus, der mit ihm verwandt war, hinten in den Lakaienriemen des
Wagens greifen sehen und ihn mit dem jammerlichsten Aufzuge
von der Welt zu dem Gefolge sagen horen : »Der da fahrt, ist mein
Vetter und ein Mensch, und ich erinnere ihn immer daran.« Der
milde nachgiebige Quintus wurde die groBe Wespen-Giftblase 30
im Subrektor gar nicht gewahr und nahm sie fur den Honig-
magen; ja durch seine bruderliche Warme, die der Edelmann fur
Schein ansah, kochte er dessen giftigen Safte nur noch dicker.
Der Quintus sah aus Einfalt die Verachtung fur Neid iiber seine
padagogischen Talente an.
Einen Katharinenhof - einen Annenhof - einen Elisabeth-,
VIERTER ZETTELKASTEN 99
Strahlen- und Petershof, alle diese russische Lustschlosser kann
einer entraten (wenn nicht verachten), der eine Stube hat, worm
er am heiligen Weihnachtsabend m'it einer Vokation herumstreift.
Der neue Konrektor wiinschte sich nun nichts als - hellen Tag:
Freuden (Sorgen nie) frafien ihm wie Spatzen die Schlummer-
korner weg, und heute trommelte ihm noch dazu der Rechnungs-
fiihrer seiner frohen Zeit, der Uhr-Affe, alle Stunden vor, die er
freudig vertraumte, anstatt verschnarchte.
Am Weihnachtsmorgen erblickt* er seinen Lektionskatalog
io und machte nicht viel daraus: er wuBte kaum, was er von seinem
gestrigen narrischen Aufblahen iiber seine Quintur nun denken
sollte: »Die Quintus-Stelle«, sagt* er zu sich, »kommt gegen em
Konrektorat in gar keine Betrachtung - mich wunderts, wie ich
gestern damit stolzieren konnte vor meiner Veranderung - heute
hatte ich doch eher Fug dazu.« Heute speisete er, wie an alien
Sonn- und Festtagen, beim Metzgermeister Steinberger, seinem
vormaligen Vormund. Fixlein war gegen ihn das, was gemeine
Leute immer, was aber vornehme und philosophische und gefuhl-
volle selten sind - dankbar: der Mensch dankt desto weniger fur
20 fremde Geschenke, je. geneigter er ist, eigne zu machen, und der
Freigebige ist selten ein Dankbarer. Meister Steinberger hatte als
Proviantmeister an den Drahtkafig der Dachstube, worin Fixlein
als Student in Leipzig hing, vollgedriickte FreBnapfchen mit
Kanarienfutter von Gerauchertem, von Hausbrot und Sauerkraut
angesteckt. Geld aber war ihm niemals abzubetteln: es ist be-
kannt, daB er oft die besten Kalbshaute zu Stiefelleder fur den
Quintus zum Gerber gratis schickte; aber die Gerb-Kosten muBte
der Miindel tragen. Als Fixlein kam^ wurd' ihm wie allemal ein
kleineres gemodeltes Tischtuch aufs grobe gedeckt - der GroB-
30 vaterstuhl, ein silbernes Besteck und eine Weinsuppe gereicht;
lauter Aufwand, der sich, wie der Vormund sagte, nur fur einen
Gelehrten schickte, aber fur keinen Fleischer. Fixlein aB erst, eh'
er entdeckte, daB er Konrektor geworden. »Mundel, wenn Er«
(sagte Steinberger) »das geworden ist: so ists.recht gut. - Siehst
du, Eva, jetzt kauf ich keinen Schwanz von deinen Kiihen - ich
muB es gerochen haben.« Er sagte seiner Tochter damit, daB er
IOO LEBEN DES QUINTUS FIXLEIN
den fur die Schweizerei bestimmten Kaufschilling fur das Kon-
rektorat verwenden miisse: er streckte namlich dem Mundel alle-
zeit die Amter-Spesen vor, zu 4 1/2 Prozent. Funfzig Gulden hatt'
er dem Quintus schon zur Quintus- Werdung geliehen, die rich-
tig verzinset werden muBten; an dem Zinstage aber bekam Fix-
lein allemal noch Geld heraus, weil er die Tochter des Vormundes
alle Sonntage nach dem Essen im Rechnen, Schreiben und in der
Landerkunde vornehmen muBte. Steinberger foderte mit Recht
von seiner leiblichen achtzehnjahrigen Tochter, daB sie alleStadte
wissen sollte,worin er auf seiner Wanderschaftgeschlachtet hatte; 10
und wenn sie nicht aufpaBte, oder krumm schrieb, oder falsch
subtrahierte: so stand er als akademischer Senat und Freischoppe
hinter ihrem Stuhl und zackte sozusagen mit dem Zainhammer
seiner Faust das im Ruckgrat fortgesetzte Gehirn zur Kultur mit
wenig Schlagen aus. Der sanfte Quintus hatte sie ohnehin nie
gepriigelt. Deswegen hatte sie ihm vielleicht mit einigen Blicken
ihr Herz legiert und testiert. Der alte Fleischer hatte - eben weil
seine Frau gestorben war - immer mit Grubenlichtern und Stor-
stangen den Inhalt aller Winkel, die nur im Herzen einer Tochter
liegen, ausgeforscht; und hatte daher langst das gemerkt - was *°
der Quintus niemals merkte-, daB sie letztern haben wolle. Mad-
chen verstecken ihren Kummer leichter als ihre Freuden: heute
war Eva iiber das Konrektorat ungewohnlich rot geworden.
Als sie heute nach dem Essen den Kaffee holte, den der Mundel
bis auf den Bodensatz austrinken muBte - »ich schlage meine Eva
tot, wenn sie ihn nur anleckt«, sagte er -: so^agt' er zu Fixlein:
»Hor' Er, Herr Mundel, hat Er niemals ein Auge auf meine Eva
geworfen? - Sie kann Ihn leiden, und wenn Er sie will, kriegt Er
sie, aber wir sind geschiedene Leute: denn ein gelehrter Herr
braucht eine ganz andere.« — ?°
»Herr Regimentsquartiermeister«, sagte Fixlein (denn diesen
Posten bekleidete Steinberger bei der Landmiliz), »eine solche
Partie ware ohnehin viel zu reich fur einen Schulmann.« Der
Quartiermeister nickte mit dem Kopfe siebenzigmal und sagte
zur wiederkehrenden Eva, indem er ein Krummholz, woran er
Kalber aufspreizte und aufhing, vom Gesimse nahm : »Bleib ste-
VIERTER ZETTELKASTEN IOI
hen! - Hore, willst du gegenwartigen Herrn Konrektor zu dei-
nem Ehegemahl haben?« - »Ach du groBer Gott!« sagte Eva. -
»Du magst ihn nun wollen oder nicht,« fuhr der Metzger fort,
»so schlagt dir dein Vater mit dem Krummholz das Gehirn ein,
wenn du nur an einen gelehrten Herrn denkst - mach jetzt seinen
KafTee.« So war durch das Trennmesser des Krummholzes leicht
eine Liebe zerschlagen, die in einem hohern Stande durch dieses
Dazwischenschlagen mit dem Schwerte nur desto mehr geschau-
met und gegischet hatte.
10 Fixlein konnte nun zu jeder Stunde 50 fl. frankisch erheben
und den padagogischen Reichsapfel ergreifen und Koadjutor des
Rektors, d. h. Konrektor werden. Man kann annehmen, daB es
mit den Schulden wie mit den Verhaltnissen in der Baukunst ist,
von denen Wolf erwies, daB die die schonsten skid, die sich mit
den kleinsten Zahlen ausdriicken lassen. Inzwischen griff der
Quartiermeister Gelehrten willig unter die Arme: denn die Mei-
nung, daB der Schuldner im zweiunddreiBigsten Jahre sterben
und daB so dem Tod als Glaubiger in der ersten Klasse die Schuld
der Natur eher bezahlet werde als andern Kreditoren die ihrigen,
20 diese Meinung nannt' er Viehdummheit und Narretei; er war
weder aber- noch rechtglaubig und handelte nach festen Grund-
satzen, die der gemeine Mann weit ofter hat als der prahlende
Literatus und der ode weiche GroBe.
Da ich nur einzelne helle Marientage- warme Walpurgisnachte
- hochstens bunte Rosenwochen aus dem in Alltagsschlacken
vererzten Leben Fixleins wie Silberadern scheide und sie fur den
Leser poche, schmelze und glatte : so mufi ich jetzt mit dem Bache
seines Lebens gehen bis an den Kantatesonntag 1792, bevor ich
einige Handvoll Goldkorner zur Wasche in diese biographische
30 Goldhutte tragen kann. Dieser Sonntag hingegen ist sehr gold-
haltig: man denke nur daran, daB Fixlein doch nicht weifi (weil
die Asche der Kirchenbucher unleserlich ist), ob er da nicht ins
zweiunddreiBigste Jahr einlaufe.
Von Weihnachten bis dahin tat er weiter nichts, als daB er
Konrektor wurde. Der neue Katheder war ein Sonnenaltar, auf
dem sich aus der Quintus-Asche ein junger Phonix zusammenzog.
102 LEBEN DES QUINTUS FIXLEIN
GroBe Veranderungen verjiingen - in Amtern, Ehen, Reisen -,
weil man das Leben allezeit von der letzten Revolution an
datiert, wie die Franzosen von der ihrigen an. Ein Obrist, der in
die Wesenleiter der Anciennete den FuB als Korporal eingesetzet
hatte, ist fiinfmal j linger als ein Konig, der in seinem Leben nichts
weiter war als ein - Kronprinz.
FiJNFTER ZETTELKASTEN
Der Kantatesonntag — zwei Testamente — Pontak - Blut - Liebe
Die Friihlingsmonate kleiden die Erde neu und bunt, aber den
Menschen meistens schwarz. Gerade wenn unsere Eisregionen zu 10
fruchtbaren werden und die Blumenwellen der Auen uber unsern
Weltteil zusammenschlagen : so stoBen uns iiberall Menschen in
Floren auf, deren Friihlingsanfang voll Tranen ist. Aber auf der
andern Seite ist ja das Aufbliihen der verjiingten Erde die beste
Kurzeit gegen den Schmerz uber die, die in ihr liegen, und Blu-
men verhiillen uns Graber besser als Schnee. - - Der alte Lehrer
des Konrektors, Astmann, begegnete im April, der weniger ver-
anderlich als todlich ist,, dem Tode, der ihm das am Magen sie-
chende Gehirn eindriickte. Man wollte seinen Abschied der Ritt-
meisterin verdecken ; aber das ungewohnliche Leichengelaute trug 20
ihr seinen Schwanengesang ans Herz und setzte die Abendglocke
ihres Lebens allmahlich in ahnlichen Schwung. Alter und Leiden
hatten an ihr schon dem Tode die ersten Einschnitte vorgezeich-
net, daB er wenig Miihe brauchte, sie ganz zu fallen; denn den
Menschen geht es wie den Baumen, die lange vor dem Umsagen
eingekerbet werden, damit ihnen der Lebenssaft entflieBe. Der
zweite SchlagfluB traf sie in geringer Entfernung vom letzten: es
ist sbnderbar, daB der Tod, wie Gerichte, die Schlagfliissigen
dreimal zitieret.
Die Menschen schieben ihren letzten Willen gern so lange hin- 3°
aus wie ihren bessern: die Rittmeisterin hatte vielleicht alle ihre
Stunden bis auf die sprachlose und taube ohne Testament ver-
FUNFTER ZETTELKASTEN IO3
rollen lassen, hatte nicht Thiennette in der letzten Nacht, ehe sie
aus der Krankenwarterin die Leichenfrau wurde, die Sieche auf
den armen Konrektor gebracht und auf sein darbendes Leben
und auf die schmalen Lebensdiaten und Alimentengelder, die ihm
das Gliick ausgeworfen, und auf seine leere Zukunft, wo er als
gelbes mattes Gewachs in den trockenen Dielen-Fugen derSchul-
stube zwischen Schiilern und Glaubigern welken werde. Ihre
Durftigkeit war ihr das Modell zur seinigen, und ihre innern
Tranen waren die flussigen Tuschen ihres Gemaldes. Da die Ritt-
10 meisterin nur fiir Domestiken testierte und bei den mannlichen
anflng: so stand Fixlein obenan - und der Tod, der ein beson-
derer Hausfreund des Konrektors sein muB, hob nicht eher seine
Sense auf und tat den letzten Schnitt, als bis sein Muttersohnchen
mit vernehmlicher Stimme zum Testamentserben erklaret war:
dann schnitt er alles ab, Leben, Testament und Hoffnungen. -
Als der Konrektor auf einem Waschezettel seiner Mutter diese
zwei Todes- und Hiobsposten in seiner Sekunda erfuhr: so war
das erste, was er tat, daB er die Sekundaner entlieB und in Tranen
ausbrach, ehe er im Konrektorat angekommen war. Ob ihm gleich
20 die Mutter mit geschrieben hatte, daB er im Testament bedacht
geworden - ich wiinschte aber, der Gerichtshalter hatte ausge-
plaudert, wie viel es gewesen -: so fielen ihm fast mit jedem O,
das er masorethisch in der deutschen Bibel assortierte und ein-
trug, groBeTropfen in die Feder und machten die Dinte zu blaB.
Ihn zerfraB nicht der poetische Schmerz des Dichters, der die
klaffenden Wunden in Leichenschleier hullet und den Schrei
durch sanftes Trauergetone bricht, noch der Schmerz des Philo-
sophen, den ein offnes Grab in das ganze Katakomben-Geklufte
der Vergangenheit einschauen lasset und vor dem sich der Todes-
30 schatten eines Freundes zum Schattenkegel der ganzen Erde auf-
richtet - sondern ihn preBte das Weh eines Kindes, einer Mutter,
die schon der Gedanke - ohne Nebenbetrachtungen - bitter
zerknirscht : »So soil ich dich nicht mehr sehen, so sollst du ver-
wesen, und ich sehe dich, du gute Seele, niemals, niemals mehr.« -
Eben weil er weder den poetischen noch philosophischen Kummer
hatte, machte jede Kleinigkeit einen Absatz, eine Liicke in dem
104 LEBEN DES QUINTUS FIXLEIN
seinigen ; und er war wie ein Weib noch denselben Abend fahig,
sich einige kunftige Gebrauchszettel seiner angekundigten Erb-
schaftsmasse zu entwerfen.
Vier Wochen darauf, d. h. den 5. Mai, wurden die Testaments-
siegel aufgebrochen ; aber er ging erst den 6. (am Kantatesonntag)
nach Hukelum ab. Seine Mutter lief seinen GriiBen mit Tranen
entgegen, die sie iiber die Leiche vergoB - vor Trauer - und uber
das Testament - vor Freude. — Dem zeitigen Konrektor Egidius
Zebedaus war verehrt: erstlich ein adeliges groBes Bette mit einer
Spiegeldecke, in dem der Riese Goliath sich hatte umwenden 10
konnen und an das nachher ich und die Leserin naher treten wol-
len, um es zu priifen - zweitens wurde ihm als rtickstandiges
Osterpatengeld fiir jedes Jahr, das er zuriickgelegt, ein Zopf-
dukaten legiert— drittens sollen ihm alleRezeptions- undStations-
gelder, die ihn die Kreuzeserhohung in das Quintat und Konrek-
torat gekostet, bei Heller und Pfennig erstattet werden. — »Und
weiBt du denn,« fuhr die Mutter fort, »was die arme Frohlen
krlegt? - Ach Gott! nichtsl nicht den roten Heller da!« - Denn
der Tod hatte die Hand starr gemacht, die sich gerade ausstrecken
und der armen Thiennette einen kleinen Regenschirm gegen die 20
Strichgewitter und Blutregen ihres Lebens reichen wollte. Die
Mutter berichtete diesen FuBstoB des Glucks mit wahrem Mit-
leid, das bei den Weibern den Neid abloset und das ihnen leichter
wird als die Mitfreude, die mehr mannlich ist. In manchen weib-
lichen Herzenskammern sind Mitleiden und Neid so nahe Wand-
nachbarn, daB sie nirgends tugendhaft waren als in der Holle, wo
die Menschen so erschrecklich viel ausstehen, und nirgends feh-
lerhaft als im Himmel, wo die Leute des Guten zu viel haben.
Der Konrektor hatte nun auf Erden den Himmel, in den seine
Wohltaterin aufgeflohen war. Zuallererst sprang er - ohne sein 3°
Schnupftuch einzustecken, in dem seine Riihrung war- die Treppe
hinauf, um das groBe testierte Bette aufgeschlagen zu sehen : denn
er hatte eine weiblicke Vorliebe fiir Moblen. Ich weiB nicht, ob
der Leser schon in alte Ritterbetten geschauet hat oder gestiegen
ist, in die man durch eine kleine Treppe ohne Gelander, die daran
hangt, leichtlich kommen kann und in denen man im Grunde
FUNFTER 2ETTELKASTEN IOf
allemal eineTreppe hoch schlaft. Na^ianien berichtet (Orat.XVI),
daB schon die Juden hohe Betten mit solchen Huhnerleitern ge-
habt, aber bloB des Ungeziefers wegen. Die legierte Bette-Arche
war gerade so groB - und ein Floh hatte sie nicht mit Erddiametern,
sondern mit Siriusweiten gemessen. Als Fixlein von diesem
kolossalischen Dormitorium die Vorhange zuriickgeschoben und
den Bettehimmel in einem grofien Spiegel offen gesehen hatte:
war* er gern darin gewesen; und wenn er au:> dem Nachtkegel
in Amerika einen Kegelschnitt hatte nehmen konnen, er hatte sich
10 damit eingebauet, um nur eine halbe Stunde mit seiner dunnen
Rutentaille im Flaum-Weiher herumzuschwimmen. Die Mutter
hatte ihn durch Iangere Kettenschliisse und Kettenrechnungen,
als das Bette war, nicht dahin lenken konnen, den breiten Spiegel
oben ausbrechen zu lassen, obgleich sein groBer Spiegeltisch sich
in nichts besehen konnte als in einem Rasierspiegel; — er lieB den
Spiegel oben daran: »Sollt' ich einmal g. G. heuraten,« sagt* er,
»so kann ich doch gegen Morgen meine schlafende Frau ansehen,
ohne dafi ich mich im Bette aufsetze.«
Was den zweiten Artikel anlangt, namlich die legierten Paten-
20 pfennige: so macht' es gestern seine Mutter recht gut. Der Ge-
richtshalter horte sie iiber die Jahre des Erben ab, und sie legte
diesem geradezu die Dental-Zahl zweiunddreiBig bei. Sie hatte
gern gelogen und den Sohn wie eine Inschrift fur alter verkauft;
aber gegen diese veniam aetatis wurden, sah sie, die Rechte mit
Rechten exzipieret haben: »es sei erlogen und erstunken; ware
der Sohn zweiunddreiBig alt : so war' er ja langst Todes verfahren,
wie nun wohl nicht anders zu prasumieren.«
Und gerade unter der Erzahlung sprach ein Auf hammerischer
Bedienter ein und reichte gegen Revers und gegen Ratiflkation
30 des von der Mutter ausgestellten Geburtsscheines die Goldstange
von zweiunddreiBig Rechen-Pfennigen des Alters dem Konrek-
tor wie eine Lebens-Ruderstange zu: Herr von Aufhammer war
zu einem knauserischen Hader iiber einen biirgerlichen Geburts-
schein zu stolz.
Und so ging durch eine stolze Freigebigkek einer der besten
Prozesse vor die Hunde, da man die Goldstange auf der Ziehbank
106 LEBEN DES QUINTUS FIXLEIN
der Richtersbanke zu dem feinsten Golddraht hatte ausziehen *
konnen. Aus der Flocke, die nicht auszuwirren war - denn erst-
Hch konnte Fixleins Alter mit nichts dokumentiert werden, zwei-
tens muBte man, so lange als er lebte, prasumieren, daB er noch
nicht zweiunddreiBig Jahre alt geworden1 -, aus dieser Flocke
waren nicht bloB Seide und Strangulier-Schmachtriemen, son-
dern ganze Prellgarne zu spinnen und zu zwirnen gewesen. Die
KHenten iiberhaupt hatten sich weniger uber Prozesse zu bekla-
gen, wenn diese langer dauerten: die Philosophen streiten jahr-
tausendelang iiber philosophische Fragen, und es fallt daher auf, 10
daB Advokaten die juristischen in ihren Akten schon in sechzig,
achtzig Jahren von der Hand schlagen wollen. Aber das ist nicht die
Schuld der Rechtsfreunde: vielmehr wie Lessing von der Wahr-
heit behauptet, daB nicht das Finden, sondern das Suchen dersel-
ben den Menschen begliicke und daB er selber dem Geschenke
aller Wahrheiten fur die siiBe Miihe des Forschens entsagen wiirde,
so wird der Rechtsfreund nicht glucklich durch das Finden und
Entscheiden, sondern durch das Untersuchen einer juristischen
Wahrheit - welches man eben prozessieren und praktizieren
nennt -, und er wiirde sich gern ewig der Wahrheit, wie die 20
Hyperbel der Asymptote, nahern wollen, ohne sie zu erreichen, da
er mit Weib und Kind als ein ehrlicher Mann bei dieser ewigen
Approximation bestehen konnte. -
Der abgeschickte Bediente hatte auBer dem Gold-Legat noch
ein Dekret vom Gerichtshalter, worin dem Testamentserben auf-
erleget war, von den Pragekosten, die er zahlen miissen, da er als
Quintus und Konrektor unter der Randelmaschine seiner Vorge-
setzten lag, Belege und Scheine beizubringen, worauf er seinGeld
wiederbekommen sollte.
Der Konrektor, der sich gegenwartig an die Reihe der Millio- 30
nare anschloB, hielt die kurze Geldrolle wie einen Zepter in der
1 Da wir jetzt nach den vorliegenden Akten auf keine andere Prasumtion
bauen konnen als auf die, daB er im zweiunddreiBigsten Jahre abstirbt: so
konnte ihm, im Falle er zweiunddreiBig Jahre nach dem Tode der Erb-
lasserin stiirbe, gar kein Heller abgereicht werden, weil er nach unserer
Fiktion bei Abfassung des Testamentes nicht einmal ein Jahr git gewesen
FUNFTER ZETTELKASTEN 107
Hand, wie eine herausgezogene Teichdocke des Meeres der Zu-
kunft, das nun ablaufen und ihm alle Besetzfische langgewachsen,
trocken und festliegend anbieten muB.
Ich kann nicht alles auf einmal erzahlen, sonst hatt' ichs dem
Leser, der schon lange darauf passen wird, eher gesagt, daB dem
bemittelten Konrektor die zweiunddreiBig Patenpfennige mehr
als zu sehr die zweiunddreiBig Jahre vormalten, an die noch dazu
heute der Kantatesonntag, diese Bartholomausnacht und dieser
zweite September seiner Familie, anstieB. Die Mutter, die das
10 Alter ihres Kindes hatte wissen sollen, sagte, es war* ihr entfallen,
sie woll' aber wetten, schon vor einem Jahre war' er zweiund-
dreiBig gewesen, und der Gerichtshalter hatte nur nicht mit sich
- reden lassen. »Ich wollte selber schworen«, sagte der Kapitalist,
»ich weiB, wie dumm mir vorm Jahre am Kantatesonntag war.«
Er sah uberhaupt den Tod nicht, wie der Dichter, im aufturmen-
den, auseinandertreibenden Hohlspiegel der Phantasie, sondern
wie das Kind, wie der Wilde, wie der Landmann und wie das
Weib sah er ihn im planen Oktav-Spiegel vorn an der Schale eines
Gesangbuches, und er kam ihm wie der gesunkne, in einem Git-
20 terstuhl der Kirche schlafende Greisen-Kopf vor. -
Und doch dacht' er heute ofter an ihn wie vorm Jahre: denn
die Freude schmilzet gern zur Wehmut ein, und das lackierte
Gliicksrad ist das Schopfrad, das sich in die Augen ergieBet —
Aber der freundliche Genius dieser Erd- oder vielmehr Wasser-
kugel - denn in der physischen und in der moralischen Welt sind
mehr Tranenseen als festes Land - hat den armen Wasserinsek-
ten, die darauf herumschieBen, uns namlich, eine ganz besondere
Schweersche Essenz fur die Bleikoliken unserer Seele aufgeho-
ben: ich behaupte, der Genius muB die ganze Pathologie der
30 Menschheit mit FleiB studieret haben; denn er hat fiir den armen
Teufel, welcher keinen Stoiker und keinen Seelensorger bezahlen
kann, der fiir die Fissuren seiner Hirnschale und seiner Brust kost-
bare Rezepte und Krauter zusammensetzte, ein herrliches Wund-
wasser in alle Kellereien fasserweise eingeleget, das der Patient
nur nehmen und auf die Knochensplitterung und Schmarren gie-
Ben darf — Fusel namlich, oder Bier, oder etwas Wein... Beim
108 LEBEN DES QUINTUS FIXLEIN
Himmel ! es ist entweder dummer Undank gegen den medizini-
schen Genius auf der einen Seite oder theologische Verwechs-
lung erlaubter Betrunkenheit mit verbotner Besoffenheit auf der
andern, wenn die Menschen nicht Gott danken, daB sie in der Ge-
schwindigkeit etwas haben, was in der Nervenschwindsucht des
Lebens Philosophie, Christentum, Judentum, Heidentum und
Zeit ersetzt - Getrank, wie gesagt.
Der Konrektor hatte lange vor Sonnenuntergang dem Gemein-
boten drei ggr. Botenlohn gegeben und HeB sich - denn er hatte
ja ein ganzes Dukaten-Kabinett in der Tasche, das er den ganzen 10
Tag im Finstern mit der Hand durchblatterte — fur drei Taler
Pontak aus der Stadt abholen. »Ich muB mir heute«, sagt* er, »eine
Kantates-Lust machen; ists mein letzter Tag, wohl! nun so ists
auch mein lustigster.« Ich wiinscht', er hatte eine groBere Bestel-
lung gemacht; aber er hatte uberall den Zaum der MaBigkeit zwi-
schen den Zahnen, sogar vor einer gedrohten Vexier-Todesnacht
und mitten im Jubel. Es ist die Frage, ob er nicht auf eine Bouteille
sich eingeschranket hatte, wenn er nicht mit den zwei andern die
Mutter und das Fraulein hatte freihalten wollen. Hatt' er in dem
zehnten Sakulum gelebt, wo man den Jiingsten Tag, oder in an- 20
dern Sakuln, wo man Siindrluten erwartete und wo man des-
wegen, wie Matrosen im Schiffbruch, alles versoff: er hatte darum
nicht einen Kreuzer mehr verzehrt. Seine Freude war, daB er mit
dem Legat seinen Hauptkreditor Steinberger abfinden und als
ein ehrlicher Mann aus der Welt gehen konnte: gerade Leute, die
sich viel aus dem Gelde machen, zahlen ihre Schulden am ehr-
lichsten.
Der purpurne Pontak kam an zu einer Zeit, da Fixlein die Ro-
telzeichnungen und roten Titelbuchstaben der Freude, die jener
auf die Wangen seines Trinkers und seiner Trinkerinnen ziehen 3°
wird, mit dem Abend-Inkarnat der letzten Wolken um die Sonne
zusammenhalten konnte. . . .
Wahrlich unter alien Zuschauern dieser Geschichte kann kei-
ner mehr an die arme Thiennette denken als ich; aber ich kann sie
doch wahrlich nicht vor der Zeit aus ihrer Anzugsstube auf mei-
nen historischen Schauplatz jagen. Die Arme! der Konrektor
FUNFTER ZETTELKASTEN . IO9
kann nkht heiBer wunschen als sein Biograph, da6 am Tem-
pel der Natur wie am jerusalemitischen eine besondere Pforte
- auBer der des Todes - offen sei, durchdie bloBe Bedrangte gehen,
damit sie ein Priester aufrichte. Aber Thiennettens Brustschmer-
zen uber alle ihre versunknen Aussichten, uber die eingesargte
Wohltaterin, uber ein ganzes mit dem Leichenflor zugesponnenes
Leben hatten ihr bisher in einem Jammer, den der steinichte Ritt-
meister mehr blutigals gelinder machte, alles verwehrt, Geschafte
ausgenommen, alle Schritte gelahmt, die nicht zu einer Arbeit
10 geschahen, und ihren Augen nichts gegeben, was sie trocknen
oder freuen konnte, als ein niederfallendes Augenlid voll Traume
und Schlaf.
Aller Kummer erhebt uber die biirgerlichen Zeremonialgesetze
und macht den Prosaisten zum Psalmisten: bloB im Kummer
wagen die Weiber. Thiennette ging nur abends und nur im Gar-
ten aus.
Der Konrektor konnt* es kaum abwarten, seiner Hausfreundin
zu erscheinen, ihr seinen Dank - und heute seinen Pontak - zu
bringen. Drei Pontakkelche und drei Kelchglaser waren auBen
20 auf die Fensterkiiste seiner Hiitte gestellet, und sooft er von dem
dunkeln Hohlwege zwischen Bliiten-Waldungen zuriickkam,
nippte er aus seinem Glase - und die Mutter trank in der Stube
hinein durch das Schubfenster.
Ich habe schon gesagt, sein Lebens-Laboratorium lag im siid-
westlichen Winkel des Gartens, gegeniiber dem ins Dorf hinein-
reichenden SchloB-Eskurial. Im nordwestlichen Winkel bliihte
eine Akazien-Laube, gleichsam die Blumenkrone des Gartens.
Fixlein trat auch dahin seine Lustfahrt an, um etwan aus der weit
gegitterten Laube einen glucklichen Blick in die langen Wiesen
30 nach Thiennetten auszuwerfen. Er fuhr ein wenig zuriick vor
zwei steinernen Staffeln, die in den Weiher, der auf seinem Gang
zur Laube lag, mit frischem Blute betropfet hinuntergingen. Auch
an den nahen Binsen hing Blut. Den Menschen schauert vor die-
sem Ole unseres Lebens-Dochtes, wo er es vergossen findet: es
ist ihm die rote Todesunterschrift des Wiirgengels. Fixlein elite
sorgend in die Laube - und fand hier seine bleichere Wohltaterin
HO LEBEN DES QUINTUS FIXLEIN
an Bliitenbuschen angelehnt, ihre Hande waren mit dem Strick-
zeug in den SchoB gesunken, ihre Augen Iagen in den Augen-
Iidern gleichsam im Verbande des Schlummers, so wie ihr linker
Arm im wirklichen Verbande der AderlaB, und mit Wangen,
denen die Abendrote so viel gab, als ihnen die bisherigen Ver-
wundungen - die heutige dazugerechnet - genommen hatten.
Fixlein fing nach dem ersten Schrecken - nicht iiber diesen Blu-
menschlaf, sondern iiber sein lautes Hereintraben — an, die
Schmetterlingsspiralsauglinie seines Auges auseinanderzurollen
und sie auf die stillstehenden Blatter dieser Blume hinzulegen. Im 10
Grunde, darf ich behaupten, wars heute das erstemal, daB er s"ie
ansah: er war in die DreiBig gekommen und glaubte noch fort,
an einem Fraulein durf ' er nur die Kleider, nicht den Korper be-
merken, und er habe ihr nur mit den Ohren, nicht mit den Augen
aufzuwarten.
Ich mess* es dem hebenden Flaschenzuge der elektrischen Ver-
starkungsflasche des Pontaks bei, daB der Konrektor den Mut
faBte, umzu- - kehren, um wiederzukommen und die erwecken-
den Mittel des Hustens, Niesens, Trabens und Rufens nach dem
Pudel in starkern Dosen an der Schlaferin zu brauchen. - Sie 20
etwan bei der Hand zu nehmen und unter einer medizinischen
Entschuldigung aus dem Schlafe zu ziehen, das ware ein Wag-
stuck gewesen, dessen der Konrektor, solang* er noch vor Pon-
tak stehen konnte und seinen Verstand hatte, niemals fahig war.
Kurz, er weckte sie anders auch auf.
Miide, Bedrangte! wie langsam geht dein Auge auf! Das
warmste Heilpflaster der Erde, der Schlaf, hat sich verschoben,
und die Nachtluft der Erinnerung wehet wieder deine nackte
Wunde an ! — Und doch war dein lachelnder Jugendfreund noch
das Schonste, auf was dein Auge fallen konnte, wenn es aus dem 30
hangenden Garten des Traums in den niedrigen um dich sank. -
Sie wuBte selber wenig davon - und der Konrektor gar nichts -,
daB sie ihre Blumenblatter unvermerkt nach dem Stande dieses
. Weltkorpers beuge, namlich nach Fixlein : sie glich einer italie-
nischen Blume, die einen fein versteckten Neujahrwunsch auf-
bewahrt, den der Empfanger nicht sogleich herauszuziehen weiB.
FUNFTER ZETTELKASTEN III
Jetzt schloB die goldne Pansterkette ihrer Wohltat sie ebensogut
an ihn als ihn an sie. - Sie gab sogleich ihrem Auge und Tone eine
freudige Maske: denn sie stellte ihre Tranen nicht, wie Katho-
liken Christus seine, in Reliquien-Phiolen auf Altaren zur An-
betung aus. Er konnte die Einladung zu seiner" Pontaks-Kranken-
kommunion recht schicklich mit einem langen Dank fur die Ver-
mittluhg anfangen, die ihm die Hulfsquellen dazu geoffnet hatte.
Sie stand langsam auf und ging mit zum Weinlager; aber er war
nicht so gescheut, daB er sie anfangs gefuhret hatte, oder viel-
io mehr so herzhaft; er hatte leichter einem Madchen seine Hand
(namlich mit Eheringen) als seinen Arm angeboten. Ein einziges
Mai in seinem Leben hatte er eine mailandische Grafin aus dem
Schauspielhause heimgefuhret - welches freilich nicht zu glauben
ware, wenn es nicht die Bewandtnis hatte, daB er muBte, weil sie,
als eine Fremde, nach der Verirrung von alien ihren Leuten, in
einer kotigen Nacht ihn als einen schwarzen Abbate beim Arme
ergriffen und sie in ihren Gasthof zu bringen befehligt hatte. Er
aber wuBte zu leben und geleitete sie bloB bis an das Portal seiner
Quintei und wies ihr mit dem Finger den Gasthof, der aus einer
20 andern Gasse mit dreiBig lichten Fenstern vorschauete.
Dafur kann er nichts. Aber heute war er kaum mit der Muden
bis ans Ufer des Teichs, worein die aberglaubische Furcht vor
dem hexenden MiBbrauch das relne Blut ihres linken Arms ge-
gossen hatte, gekommen : als er in der Angst, sie falle mit ihrem
ubrigen Blute die Ktiste hinunter, sich des siechen Armes ganz
kiihn bemachtigte. So setzen viel Pontak und ein wenig Mut
einen Konrektor allzeit instand, ein Fraulein zu fassen. Ich be-
teuere, noch vor dem Lagerbaum des Weins, vor dem Fenster,
verharrte er in der fuhrenden Stellung. Welche sanfte Gruppe im
30 Halbschatten der Erde, da das dunkle Gewasser der Nacht immer
tiefer fiel, weil das Silberlicht des Mondes schon am kupfernen
Turmknopf widerprallte 1 Ich nenne die Gruppe sanft, weil sie
aus einem doppelt verbluteten Madchen, aus einer Mutter, die ihr
den Dank fur das Gliick ihres Kindes noch einmal mit Tranen
bringt, und aus einem frommen, bescheidnen Menschen besteht,
der beiden einschenkt und zutrinkt, und der in seinem Geader
112 LEBEN DES QUINTUS FIXLEIN
einen brennenden Lavastrom verspiirt, der durch sein Herz
kochend zieht und der es endlich Stuck vor Stuck zu zerschmel-
zen und mitzutreiben droht. - EinTalglicht stand auBen zwischen
den drei Bouteillen und den drei Glasern, wie die Vernunft
zwischen den Leidenschaften - deswegen schauete der Konrek-
tor in einem fort an die Fensterscheiben ; denn auf ihnen farbte
sich (die Finsternis der Stube diente zur Spiegelfolie) unter an-
dern Gesichtern, die Fixlein gern hatte, auch das liebste ab, das
er nur im Widerschein anzublicken wagte, das von Thiennette. -
Jede Minute wurde ein Foderationsfest, und jede Sekunde 10
wurde der Vorsabbat dazu. Der Mond schimmerte schon aus dem
Abendtau und der Pontak aus den Augen, und die Bohnenstangen
warfen kiirzeres Schattengegitter. - Die Quecksilberkiigelchen
der Sterne hingen, immer mehr zusammenflieBend, im Flor der
Nacht. — Der heiBe Dunst des Weines setzte beide wieder wie
Dampfmaschinen in Gang.
Nichts macht das Herz voller und kuhner als Auf- und Ab-
gehen in der Nacht. Fixlein fuhrte jetzt das Fraulein ohne Be-
denken. Des zerritzten Armes wegen konnte Thiennette nur die
Hand umklammernd in seinen legen, und er, um ihr das Fest- 20
halten durch seines halb abzunehmen, druckte ihre Finger, so gut
er konnte, mit seinem Arme an seine Brust. Man muBte keine
Lebensart haben, um seine zu meistern. Inzwischen sind Gering-
fugigkeiten die Proviantbackerei der Liebe; - die Finger sind die
elektrischen Auslader eines an alien Fibern glimmenden Feuers;
— Seufzer sind Leittone konvergierender Herzen, und das Aller-
schlimmste und Starkste dabei ist ein Ungluck: denn die Flamme
der Liebe schwimmt, wie die von Naphtha, gern auf Tranen-
wasser. - Zwei Tranentropfen, einer im fremden, einer im eignen
Auge, setzten aus zwei konvexen Linsenglasern ein Mikroskop 30
zusammen,das alles vergroBerte und alleLeiden zu Reizen machte.
Gutes Geschlecht! Auch ich halte jede Ungluckliche fur schon,
und vielleicht bist du schon darum den Namen des schonen wert,
weil du das leidende bist I
Und wenn der Professor Hunczovsky in Wien die Wunden
aller GHeder in Wachs nachbildete, um seinen Schiilern ihre Hei-
FUNFTER ZETTELKASTEN 1 13
lung zu lehren : so stell' ich, du gutes Geschlecht, die Risse und
Narben deiner Seele in kleinen Bildern dar, wiewohl nur um rohe
Hande abzuwehren, damit sie dir keine neuen machen. —
Thiennette empfand nicht den Verlust der Erbschaft, sondern
der Erblasserin so tief ; - und das eines Zuges wegen, den sie
schon seiner Mutter so erzahlet hatte wie jetzt ihm. Wenn sie
namlich in den zwei letzten Krankennachten der Rittmeisterin, in
denen ihr das fieberhafte Wachen nichts zeigte als die Nachtleiche
und die Trauerkutschen ihrer Gonnerin, am FuBe des Bettes den
10 starren Augen gegeniiber saB: so glitten ihr oft, aber ohne es zu
merken, schnelle Tropfen iiber die Wangen, weil sie in Gedan-
ken sich das schwere unbehiilfliche Ankleiden der Wohltaterin
fiir den Sarg vormalte. Einmal nach Mitternacht wies die Kranke
mit dem Zeigefinger auf ihre eignen Lippen. — Thiennette ver-
stand sie nicht - stand auf und bog sich iiber ihr Angesicht. - Die
Schwache wollt' es entgegenheben und vermocht' es nicht — und
riindete bloB die Lippen. - Endlich durchfuhr Thiennetten die
MutmaBung, daB sie die Gelahmte, deren erstorbene Arme kein
geliebtes Herz mehr an ihres ziehen konnten, selber umarmen
20 sollte. - O da druckte sie plotzlich heiB und tranend ihren heiBen
Mund an den kaltern - und sie schwieg auch wie die Sprachlose -
und umarmte allein, ohne umarmt zu werden. Gegen vier Uhr
zuckte der Finger wieder; - sie sank wieder auf den starren
Mund - aber es war kein Zeichen gewesen : denn der Mund ihrer
Freundin war unter dem Iangen Kusse starr und kalt geworden
Wie tief ging jetzt nicht vor dem unendlichen Ewigkeits-Ant-
Htz der Nacht die Schneide des Gedankens in Fixleins warme
Seele: »0 du Arme neben mir! Keinen Gliickszufall, kein Abend-
rot hast du, wie jetzt am Himmel nachglimmt, etwan zu einer
30 Aussicht auf einen Sonnentag; - ohne Eltern bist du, ohne Bru-
der, ohne Freunde, nur so allein auf einem ausbluhenden aus-
geleerten Platze der Erde, und du zuriickgelassene Herbstblume
schwankest einsam und erfroren iiber den Grummetstoppeln der
Vergangenheit.« - Das war der Sinn seiner Gedanken, deren
innere Worte waren: »Das arme Fraulein! nicht einmal einen
Lehnsvetter hat sie, es nimmt sie keiner von Adel, und sie altert
114 LEBEN DES QUINTUS FIXLEIN
so vergessen, und sie ist doch so herzensgut - mich hat sie gluck-
lich gemacht - ach hatt* ich die Vokation zur hukelumischen
Pfarrei in der Tasche, ich machte einen Versuch.« Ihr beider-
seitiges Leben, das ein enges schneidendes Bindwerk des Schick-
sals so nahe ineinanderknupfte, trat jetzt mit Flor behangen vor
ihn, und er lenkte geradezu - denn ein bloder Mann ist in andert-
halben Stunden in den kuhnsten umgesetzt und verbleibt es nach-
her - seine Freundin zur letzten Flasche zuriick, um damit alle auf-
schieBende Disteln und Passionsblumen der Traurigkeit zu ersau-
fen. Ich merke im Vorbeigehen an, daB das dumm ist: die zerritzte 10
Rebe ist voll Wasseradern wie voll Trauben, und ein sanft beklom-
menes Herz weichen die Getranke der Freude nur zu Tranen auf.
Wer mir nicht beipflichtet, den bitt* ich jetzt nur den Konrek-
tor anzusehen, der'meinen Erfahrungssatz wie ein Syllogismus
beweiset. - Man konnte auf philosophische Aussichten kommen,
wenn man den Ursachen nachginge, warum gerade Getranke
- d. h. am Ende reichlichere Sekretion des Nervengeistes - den
Menschen zugleich fromm, weich und dichterisch machen. Der
Dichter ist, wie sein Musenvater, ein ewiger Jungling und ist das,
was andere Menschen nur einmal sind - namlich verliebt - oder 20
nur nach dem Pontak - namlich berauscht -, den ganzen Tag,
das ganze Leben hindurch. Fixlein, der kein Dichter am Morgen
war, wurde jetzt in der Nacht einer: Wein machte ihn fromm
und weich; — die Harmonikaglocken im Menschen, die der
hohern Welt nachtonen, rnussen, wie die glasernen, um hier zu
gehen, nafi erhalten werden.
Jetzt stand er mit ihr wieder vor dem wogenden Teiche, in dem
die zweite blaue Halbkugel des Himmels mit wankenden Sternen
und flatternden Baumen zitterte; — iiber die griinen Hugel liefen
die weifien gekriimmten StraBen dunkel hinauf ; - auf dem einen 30
Berg sank die Abendrote zusammen, auf dem andern richtete
sich der Nebel der Nacht auf - und uber alle diese ringenden
Diinste des Lebens hing unbeweglich und flammend der tausend-
armige Kronleuchter des Sternenhimmels herab, und jeder Arm
hielt eine brennende MilchstraBe ....
Jetzt schlug es 11 Uhr... Bei solchen Szenen streckt sich im
FUNFTER ZETTELKASTEN 1 1 5
Menschen eine unbekannte Hand aus und schreibet mit fremder
Sprache an sein Herz jenes furchterliche Mene, Tekel etc. - »Viel-
leicht bin ich gestorben um 12 Uhr«, dachte unser Freund,. in
dessen Seele jetzt der Kantatesonntag mit alien seinen schwarz-
gefarbten Blutgerusten aufstieg.
Der ganze kiinftige Lebens-Kreuzgang seiner Freundin lag
gestachelt und bedomet vor ihm, und er sah jede blutige Spur,
aus der sie ihren FuB gezogen - sie, die seinen eignen Weg mit
Blumen und Blattern weich gemacht. Da konnt* er sich nicht
10 mehr enthalten, zu zittern mit Korper und Stimme und zu ihr
feierlich zu sagen: »Und sollte der Herr heute noch iiber mich
gebieten, so sei Ihnen mein ganzes halbes Vermdgen vermacht:
denn Ihrer unbeschreiblichen Giite nab' ich es ja zu danken, daB
ich schuldenfrei bin wie wenige Schulmanner.«
Thiennette, unbekannt mit unserem Geschlecht, muBte dieses
irrig fur einen Antrag der Ehe nehmen und druckte dem einzigen
lebendigen Menschen, durch dessen Arm sich noch die Freude,
die Liebe und die Erde mit ihrer Brust verband, heute zum ersten-
mal mit den Fingern des wunden Armes bebend seinen, worin
20 sie Iagen. Der Konrektor, freudig-erschrocken iiber den ersten
Andruck einer weiblichen Hand, suchte mit seiner heriibergebog-
nen rechten ihre linke zu erfassen, und Thiennette hob, da sie
seine vergebliche Krummung merkte, die Finger auf vom Arm
und legte den verbundnen in seinen und ihre ganze linke Hand
in seine rechte. Zwei Liebende wohnen in der Flispergalerie1, wo
der dunneste Hauch sich zu einem Laute beseelet. Der gute Kon-
rektor empfing und verdoppelte den seligen Druck der Liebe,
womit die arme unmachtige Seele stammelnd, eingesperrt, lech-
zend und wahnsinnig eine heiBe Sprache sucht, die es nicht gibt;
30 .— er wurde iibermannt - er hatte nicht den Mut, sie anzublicken,
sondern sah geradeaus in die Abendrote und sagte (und hier ran-
nen vor unaussprechlicher Liebe die Tranen heiB iiber seine
Wangen): »Ach ich will Ihnen alles geben, Gut und Blut und
alles, was ich habe, mein Herz und meine Hand.«
1 In der Paulskirche zu London, wo der kleinste Laut iiber einen Raum
von 143 Fufl hiniibertont.
Il6 LEBEN DES QUINTUS FIXLEIN
Sie wollte antworten, aber sie tat nach einem Seitenblicke den
Schrei des Schreckens: »Ach Gott!« - Er fuhr gegen sie und sah
den weiB-mousselinenen Armel mit ihrem Blute vollgequollen,
weil sie die AderlaBbinde durch das Hineinriicken des Armes ab-
geschoben hatte. Blitzschnell rifl er sie in die Akazienlaube, wo
sie sich setzen konnte. Das nachdringende Blut tropfte schon
vom Kleide, und er wurde bleicher als sie, denn jeder Tropfe
wurde aus seinem Herzensblut geschopft. Der blau-weiBe post-
papierne Arm wurde enthiillt — die Binde wurde aufgewunden —
er riB aus der Tasche ein Goldstuck heraus - deckte es, wie man 10
bei offnen Arterien tut, auf die sprudelnde Quelle und verschloB
mit diesem goldnen Gesperre und mit der Binde dariiber die
Pforte, aus der ihr gequaltes Leben drang. —
Als es voriiber war, sah sie auf zu ihm, erblasset, aber ihre
Augen waren zwei schimmernde Quellen einer unbeschreiblichen
Liebe voll Schmerz und voll Dank. - Die ermattende Verblutung
legte ihre Seele in Seufzer auseinander. Thiennette war unaus-
sprechlich weich, und das von so vielen Jahren, von so vielen
Pfeilen aufgerissene Herz tauchte sich mit alien seinen Wunden
in warme Tranenstrome unter, um zuzuheilen, wie sich zersprun- 20
gene Floten durch das Liegen im Wasser schlieBen und darin ihre
Tone wiederfinden. - Vor einer solchen magischen Gestalt, vor
einer solchen verklarten Liebe zerschmolz ihr mitleidender Freund
zwischen den Flammen der Freuden und Schmerzen und ver-
sank, mit erstickten Lauten und von Liebe und Wonne nieder-
gezogen, auf das gute blasse himmlische Angesicht, dessen Lip-
pen er blode druckte, ohne sie zu kiissen, bis die allmachtige
Liebe alle ihre Giirtel um sie wand und beide enger und enger
zusammenzog, und bis die zwei Seelen, in vier Arme verstrickt,
wie Tranen ineinanderrannen. O da es jetzt zwolf Uhr wie 30
zum Sterben schlug, so muBte ja der Gluckliche denken, ihre
Lippen sogen seine Seele weg, und alle Fibern und alle Nerven
seines Lebens kriimmten sich zuckend und fest um das letzte
Herz der Erde, um seine letzte Wonne Ja, Glucklicher, du
driicktest deine Liebe aus, denn du dachtest, an deiner Liebe zu
vergehen. . . .
SECHSTER ZETTELKASTEN I 17
Er verging aber nicht. Nach zwolf Uhr schwamm ein leben-
diger Morgenwind durch die erschutterten Bliiten, und der ganze
Friihling atmete voll. Der Selige, der sogar einem Freudenmeere
Damme setzte, erinnerte die Verblutete, die nun seine Braut war,
an die Gefahr der Nachtkalte, und sich an die Gefahr der langern
Nachtkalte des Todes, die nun auf lange Jahre uberstanden war.
- Unschuldig und selig traten sie aus der mit weiBen Akazien-
bliiten und Mondsflittern durchbrochnen Verlobungs-Damme-
rung. - Und drauBen war ihnen, als ware eine ganze weite Ver-
io gangenheit wie durch einen Erdfall vor ihnen eingesunken: alles
war neu, licht und Jung. - Der Himmel stand voll blinkender
Tautropfen des ewigen Morgens, und die Sterne zitterten freudig
auseinander und sanken, in Strahlen aufgeloset, in das Herz der
Menschen herunter. - Der Mond hatte mit seiner Lichtquelle den
ganzen Garten iiberdeckt und angeziindet und hing oben in einem
ungestirnten Blau, als wenn er sich von den nachsten Sternen
nahrte, und schien ein entriickter kleinerer Friihling zu sein und
ein aus Menschenliebe lachelnder Christuskopf. -
Unter diesem Lichte sahen sie sich an zum ersten Male nach
20 dem ersten Worte der Liebe, und der Himmel schimmerte zau-
berisch in die mild zerflossenen Zuge, mit denen die erste Ent-
ziickung der Liebe noch auf ihren Angesichtern stand . . .
Traumet, ihr Lieben, wie ihr wachtet, so gliicklich wie im
Paradies, so schuldlos wie im Paradies!
Sechster Zettelkasten
Amter-Impost - eine der wichtigsten Suppliken
Das Herrlichste war sein Erwachen in seiner europaischen Nie-
derlassung im Ritterbette ! - Mit dem inflammatorischen kitzelnd-
nagenden Fieber der Liebe in der Brust, mit dem Frohlocken,
30 daB er nun das Antrittsprogramm der Liebeserklarung gliicklich
hinter sich hatte, und mit der siiBen Auferstehung aus der leben-
digen prophetischen Begrabung und mit der Freude, daB er nun
Il8 LEBEN DES QUINTUS FIXLEIN
in seinen DreiBigern zum ersten Male die Hoffnung zu einem
langern Leben - und ist das nicht wenigstens zu einem siebzig-
jahrigen? — hatte als vor zehn Jahren, mit allem diesen garenden
Lebensbalsam, in dem das lebendige Feuerrad seines Herzens
spruhend umlief, lag er da und lachte zu seinem blkzenden Por-
trat im gespiegelten Betthimmel hinauf; aber er vermocht' es
nicht lange, er muBte sich bewegen. Einem minder Gliicklichen
war* es hinreichend gewesen, den Flacheninhalt des Bettes - wie
es manche Pilger mit der Lange ihrer Wallfahrt taten - nicht so-
wohl durch Schritte als durch Korperlangen wie durch Erd- 10
diameter herauszumessen. Aber Fixlein muBte mir nichts, dir
nichts aus dem Bette setzen gleichsam mitten ins warme fiutende
Leben hinein — er hatte nun seine Hebe gute Erde wieder beim
Fliigel und das Konrektorat darauf und obendrein eine Braut.
Noch dazu bekannte ihm unten die Mutter, daB er heute nacht
wirklich dem Freund Hein unter der Sichel durchgeschliipfet sei
wie biegsames Gras, und daB sie es ihm nur gestern aus Furcht
vor seiner Furcht nicht habe sagen wollen. Noch jetzt iiberliefs
ihn kalt - zumal da er heute niichtern war -, wenn er zu dem nun
vier Stunden abgelegenen hohen tarpejischen Felsen hinaufsah, 20
auf dessen Zinne er gestern mit dem Tode beisammen gestanden
war.
Das einzige, was ihn argerte, war, daB es Montag war und er
zuriick ins Gymnasium muBte. Eine solche Oberfracht von Freu-
den hatt' er nie auf seiner StraBe zur Stadt. Jetzt nach vier Uhr
tritt er aus dem Hause voll Kaffee (den er in Hukelum nur der
Mutter wegen trank, die diesen weiblichen Wein noch zwei Tage
darauf uber die Hefen des Bodensatzes abzog) in den kuhlenden
dammernden Maimorgen hinein (denn die Freude braucht Kuhle,
der Kummer Sonne) - seine Verlobte kommt ihm (zwar nicht 30
entgegen, aber doch) zu Ohren durch ihr femes Morgenlied - er
macht nur einen augenblicklichen Abstecher in den Gliickshafen
der blutetrunknen Akazienlaube, die noch wie der Bund, der
darin geschlossen wurde, keine Stacheln hat - er taucht seine
heiBe Hand in das Kiihlbad des betaueten Laubes - er watet mit
Lust durch das iiber die Fluren gesprengte Schonheitswasser des
SECHSTER ZETTELKASTEN II9
Taues, das den Stiefeln die Farbe wegfrisset, die es den Gesich-
tern erteilt (»denn nun mit 30 Dukaten kann sich ein Konrektor
schon zwei Paar Stiefel auf der Streu halten«) - Jetzt taucht sich
der Mond (gleichsam das hangende Siegel an seiner gestrigen
Wonne) in Abend ein als ein ausgeleerter Eimer des Lichts, und
in Morgen ging der zweite ubervollgeschopfte Eimer, die Sonne,
in die Hohe, und die Giisse des Lichtes flatterten immer breiter. -
Die Stadt stand in himmlischen Morgenfiammen : hier ring
seine Wiinschelrute (die Goldstange, die er bis auf den abgebro-
10 chenen 1/16 Zoll bei sich trug) iiber alien Stellen zu schlagen an,
wo sich Ausbeuten und Silberadern der Lust versteckten, und
unser Rutenganger entdeckte leicht, da6 die Stadt und die Zu-
kunft ein wahres ganzes Freuden-Potosi waren.
In seinem Konrektorats-Stubchen fiel er auf die Knie und
dankte Gott - nicht sowohl fur Erbschaft und Braut als - fur sein
Leben: denn er war mit Zweifeln Sonntags friih fortgegangen,
ob er wiederkommen werde, und ich habe nur aus Liebe zum
Leser, weil ich dachte, er angstige sich, Fixleins Reise mehr seiner
Begierde, das Testament zu wissen, als dem Wunsche, sein eig-
20 nes bloB bei seiner Mutter zu machen, oben listig zugeschrieben.
Jede Genesung ist eine Wiederbringung und Palingenesie unserer
Jugend: man liebt die Erde und die, die darauf sind, mit einem
neuen Herzen. - Der Konrektor hatte die ganze Sekunda beim
Kopfe nehmen und abherzen mogen; aber er tats nur seinem
Adjutanten, dem Quartaner, der im ersten Zettelkasten noch als
Quintaner saB . . .
Sein erster Gang aus der Nachmittagsschule war ins Haus des
Meister Steinbergers, worin er, ohne ein Wort zu sagen, 50 fl. in
Dukaten bar auf den Tisch zahlte: »Endlich stofi* ich«, sagte Fix-
3o lein, »doch die Halbscheid meiner Schuld ab mit vielem Danke.«
- »Ei, Herr Konrektor,« (sagte der Regimentsquartiermeister
und wurstete ungestort fort) »in meiner Obligation steht: >heim-
zuzahlen nach vierteljahriger beiderseitiger Aufkiindigung.< -
Wie wollte unsereiner sonst bestehen ? - Aber auswechseln will
ich Ihm die Goldstiicke.« - Darauf riet er ihm, es ware gescheu-
ter, wenn er ein paar Gulden davon nahme und sich einen bessern
120 LEBEN DES QUINTUS FIXLEIN
Hut und ganze Schuhe bestellte: »Wenn Er sich«, setzte er hinzu,
»die Kalbshaut und sechs Hasenfelle ziirichten lassen will: dro-
ben liegen sie.« - Ich sollte doch denken, meinen Lesern sei es
ebensowenig gleichgiiltig als dem Metzger, ob der Held einer
solchen Geschichte ihm mit einem abgegriffenen Pfanndeckel
von Hut und mit einem Pumpenstiefel und Beinharnisch von
Stiefel entgegenkomme oder nicht. - Kurz der Mann trug sich
noch vor Johannistag mit Geschmack und Pracht.
Jetzt aber waren zwei auBerst wichtige Aufsatze - im Grunde
nur einer, die Supplik um die Hukelumer Pfarrei - auszuarbeiten, 10
wobei mir ist, als muBt* ich selber mithelfen . . . . Es ware ein-
faltig, wenn gerade jetzt das gesamte Publikum nicht achtgabe.
Zuvorderst suchte und schlichtete der Konrektor alle Konsi-
storial- und Ratsquittungen oder vielmehr die Zollscheine des
Weggeldes zusammen, das er geben miissen, eh' ihm die Schlag-
baume am Quintat und Konrektorat aufgezogen wurden: denn
der Exekutor des rittmeisterlichen Testamentes muBte ihm alles,
wie Quittung besagen wiirde, bei Heller und Pfennig gut tun.
Ein anderer hatte diese ganze Amts-Akzise leichter zusammen-
summiert, indem er bloB nachgesehen hatte, was er - schuldig 20
ware, weil diese Schuld- und jene Zollscheine wie Parallelstellen
einander gegenseitig erklaren und vidimieren. Aber bei Fixlein
waltete ein Nebenumstand vor, den ich nicht eher referieren
kann afs nach dem folgenden.
Es verdroB ihn ein wenig, daB er fiir seine zwei Amter nicht
mehr als 135 fl. 41 kr. x/2 Pf. hatte zahlen und borgen miissen. Die
Erbschaft ging zwar sogleich aus des testamentlichen Vollstrek-
kers Handen in des Regimentsquartiermeisters seine; er hatt* es
aber doch gern gesehen, er hatte - denn ein Mensch ist ein Narr
von Haus aus — mehr zu zahlen und also zu erben gehabt. Das j0
ganze Konrektorat hatte er durch einen Einsatz von wenigen
90 fl. gleichsam aus dem Glucksrade gezogen; und eine so kleine
Debetsumme wird den Leser wunder nehmen; was wird er aber
erst denken, wenn ich ihm sage, daB es Lander gibt, wo die
Entreegelder in Schulstuben noch maBiger sind? Im Scheerau-
ischen kostet ein Konrektor nur 88 fl., und er hat vielleicht noch
SECHSTER ZETTELKASTEN 121
das Triplum dieser Summe einzunehmen. Ohne an Sachsen zu
denken - was freilich von der Wiege der Reformation in der
Religion und in der schonen Literatur nicht anders zu erwarten
ist -, wo ein Schul- und Pfarrherr namlich gar nidus zahlt: so ist
es schon im Baireuthischen, z. B. in Hof, mit der Aufklarung so
weit, daB ein Quartus - was sag1 ich ein Quartus -7 ein Tertius! -
was sag' ich ein Tertius - ein Konrektor vor Antritt seines Po-
stens nicht mehr zu erlegen braucht als:
fl. rhein. kr. rhein.
10 30 49 . fur Verpftichtung bei dem Konsistorio.
4 dem Stadtsyndikus fur die Vokation.
2 dem regierenden Burgermeister.
45 7V2 fiir das Regierungsdekret.
Summa 81 rl. 56V2 kf-
Laufen auch die Druckkosten eines Rektors in einigen Artikeln
hoher auf: so kommt hingegen ein Tertius, Quartus etc. noch
wohlfeiler aus der Presse als selber ein Konrektor. Ich gesteh' es,
dabei kann ein Schulmann auskommen, da er schon im ersten
Jahr einen UberschuB iiber dieses Schwan^geld seines Amtes ein-
20 nimmt. Es muB ein Schullehrer schon wie seine Schiiler von einer
Klasse zur andern avancieret sein, ehe seine Staatsanleihen samt
den Verzogerungszinsen so viel betragen, als er in der hochsten
eiunimmt. Noch dazu sind unsere Einrichtungen nicht dagegen -
welches doch die athenischen taten -, daB man die Amter ver-
schuldet antritt, sondern jeder ersteigt mit dem Ranzen seiner
Schuldenlast unangefochten eine Stufe nach der andern. Der
Papst erhebt bei groBen Pfriinden die Einkunfte des ersten Jahres
unter dem Titel Annaten, und er schenkt daher eine groBe allzeit
dem Inhaber einer kleinern, um fremde und eigne Intraden zu-
30 gleich zu mehren; - es zeigt aber, diinkt mich, einen schonen Un-
terschied zwischen Papst- und Luthertum, daB die Konsistorien
des letztern den Schul- und Kirchendienern vielleicht kaum zwei
Drittel der ersten jahrlichen Amtes-Einkiinfte abnehmen, ob sie
gleich sonst wie der Papst auf die Erledigungen der Stellen aus sind.
122 LEBEN DES QUINTUS FIXLEIN
Es kann sein, daB ich hier mit Kur-Mainz zerfalle, wenn ich
gestehe, daB ich in SchmauBens Corp. jur. pupL germ, die Kur-
Mainzische-Reichs-Hof-Kanzlei-Taxordnung von 1659 den
6. Jan. nachgeschlagen und daraus ersehen habe, wie viel die
Reichs-Hof-Kanzlei haben will, mit einem Konsistorium kolla-
tionieret. Z. B. wer zu einem gekronten Poeten (poeta laureatus)
ausgesotten oder ausgebrannt sein will, hat 50 fl. Tax und 20 fl.
Kanzlei Jura zu erlegen, da er doch mit 20 fl. mehr ein Konrektor
hatte werden konnen, der ein dergleichen Poet nebenbei und ex
officio ist. - Die Errichtung eines Gymnasiums wird fur 1000 fl. ;
verstattet; eine ungemeine Summe, mit der samtliche Lehrer des
errichteten Gymnasiums die EinlaBgelder ihrer Schulstuben zu
bestreiten vermogen. - Ein Freiherr, der ohnehin oft alt wird,
ohne zu wissen wie, muB die venia aetatis mit 200 baren Gulden
kaufen, indes er mit der Halfte davon ein Schulmann hatte wer-
den konnen, worauf ihm das Alter von selber zugefallen ware. -
Und tausend solche Dinge! - Sie beweisen aber, daB es nicht libel
um Staaten und Reichskreise stehen musse, wo der Torheit
Standeserhohungen teurer gegeben werden als dem FleiBe, und
wo es mehr kostet, eine Schule zu errichten als zu bedienen. ;
Was ich hieriiber zu einem Fiirsten gesagt habe, ist, so wie das,
was mir hieriiber ein Stadtsyndikus gesagt, zu merkwurdig, um
aus bloBer Furcht vor Ausschweifungen hier ubergangen zu
werden.
Der Stadtsyndikus - ein Mann von Einsichten und von feuri-
gem Patriotismus, der desto wohltatiger warmte, da er dessen
Strahlen in einem Fokus sammelte und auf sich und seine Familie
richtete — gab mir (ich mochte damals vielleicht jede Schulbank
und jede Schultreppe fur eine Bank und Letter halten, auf die
man Leute zum Torquieren legt) die beste Antwort auf vieles : 3
»Wenn ein Schulmann nichts vertut als 3ortl.1; wenn er nicht
mehr Fabrikwaren jahrlich kauft, als die Politiker fur jedes In-
dividuum berechnet haben, namlich fur 5 rtl, und nicht mehr
Zentner Nahrung, als diese annehmen, namlich 10; kurz, wenn
er wie ein wohlhabender Holzhacker lebt : so miiBte der Teufel
1
1 So viel braucht man nach den 'Politikern jahrlich in Deutschland.
SECHSTER ZETTELKASTEN I 23
sein Spiel haben, wenn er nicht jahrlich soviel reinen Profit zu-
riicklegen wollte, als die Zinsen seiner Amtsschulden am Ende
betragen.« -
Der Syndikus muB mich doch damals nicht uberredet haben,
weil ich nachher zum flachsenfingischen Fiirsten1 sagte : »Gnadig-
ster Herr, Sie wissen es nicht, aber ich - kein Akteur unter Ihrer
Truppe wiirde den Schulmeister in Engels verlornen Sohn urn
das Geld drei Abende lang machen, um das ihn jeder wirkliche
Schulmeister alle ganze Tage des Jahres hindurch machen muB. -
10 Im Brandenburgischen werden die Invaliden Schullehrer; bei
uns werden die Schullehrer Invaliden. «
Aber zur Geschichte 1 Fixlein setzte das Register seiner Kron-
schulden auf, aber aus einer ganz andern Absicht, als der Leser
denken wird, dem immer das Testament im Kopfe steckt. Kurz,
er wollte Pfarrer in Hukelum werden. Ach an dem Orte es zu
werden, wo seine Wiege stand und alle Gartchen seiner Kindheit
- ferner seine Mutter - und die Verlobungslaube: das war ein
o fines Tor in ein neues Jerusalem, gesetzt auch die S telle ware
eine hagere Ponitenzpfarre gewesen. Die Hauptsache war, er
20 konnte heiraten, wenn er voziert wurde. Denn als diinner Kon-
rektor im Schmachtriemen seiner Weste, mit Intraden, womit
kaum der Kaufschilling des - Geldbeutels zu bestreiten ist, da
konnt' er eher den Docht und Talg zur Leichen- als zur Braut-
fackel zusammenbringen.
Denn die Schuldienerschaft darf uberhaupt in guten Staaten
so wenig heiraten wie die Soldateska. Im Conringio de antiqui-
tatibus academicis, wo auf alien Blattern bewiesen wird, daB die
Kloster ursprunglich Schulen waren, kam ich darhinter, warum.
Jetzt sind die Schulen Kloster, und folglich sucht man die Lehrer
30 wenigstens zu einigen Nachahmungen der drei Klostergeliibde
anzuhalten. Das Geliibde des Gehorsams 1st vielleicht am ersten
1 Dieser sonderbare Ton, aus dem ich mit einem Fiirsten spreche, wird
nur durch ein ebenso sonderbares Verhaltnis entschuldigt, in dem der Bio-
graph mit dem Flachsenfinger Fiirsten stent, und das er hier gern entdecken
wiirde, wenn ich der Welt nicht alles schon in meinem Buche, das ich ihr
unter dem Titel Hundsposttage 1795 zu Ostern schenken werde, deutlich
genug zu enthiillen hoffte.
124 LEBEN DES QUINTUS FIXLEIN
durch Scholarchen zu erzwingen; aber das zweite Geliibde der
Ehelosigkeit wiirde schwerer erfiillet werden, wenn nicht durch
eine der besten Staats-Verfugungen fiir das dritte, ich meine fur
eine schone Gleichheit der Armut, so gesorget ware, daB kein
Mann mehrere testimonia paupertatis braucht als einer, der sie
macht - dann greife dieser Mann nur zu einer ehelichen Halfte,
wenn von den zwei Halften jede einen ganzen Magen hat, und
nichts dazu als Halbmetalle und Halbbier
Ich weiB, Millionen meiner Leser setzten dem Konrektor sel-
ber das Bittschreiben auf und ritten damit nach Schadeck zum to
Herrn, damit nur der arme Schelm den Schafstall bekame, samt
dem angebaueten Hochzeithaus, weil ihnen wohl einleuchtet, daB
nachher einer der besten Zettelkasten wiirde geschrieben werden,
der je aus einem Letternkasten ausgehoben wiirde.
Fixleins Bittschrift war auBerordentlich gut und auffallend:
sie stellte dem Rittmeister vier Griinde vor: i) »Er ware ein Dorf-
kind, seine Eltern und Voreltern hatten sich schon um Hukelum
verdient gemacht, also bat* er etc.«
2) »Er konne leicht die hier dokumentierten Passivschulden
von 135 fl. fr. 41 kr. und 1/2 Pf., deren Tilgungsfond ihm ein un- 20
vergefiliches Testament anbiete, selber abfiihren, falls er die Pfar-
rei bekame, und entsage hiemit dem Legat etc.«
. Freie Note von mir. Man sieht, er will seinen Herrn Paten be-
stechen, den das Testament der Frau in Harnisch gebracht. Aber
halte, lieber Leser, einem armen, bedrangten, schwertragenden
Schulmann und Schulpferd eine uhdelikate Wendung, die freilich
niemals die unsere ware, zugute. Bedenke: Fixlein wuBte, daB der
Rittmeister ein Filz war gegen Biirgerliche, so wie ein wegschen-
kender Rupfhase fur Adelige. Auch kann der Konrektor ein-
oder ein paarmal von Patronatsherren auf der Ritterbank gehoret 30
haben, die wirklich nicht sowohl Kirchen und Gottesacker - wo-
mit man doch in England Handel treibt - als deren treue Bestel-
lung verkaufet oder vielmehr verpachtet haben an die Pacht-
Kandidaten. Ich weiB aus Lange1, daB die Kirche ihren Patron
bekostigen muB, wenn er gar nichts mehr zu leben hat: konnte
1 dessen geistliches Recht p. 551.
SECHSTER ZETTELKASTEN 125
nun nicht ein Edelmann, noch eh* er bettelte, etwas auf Abschlag,
eine Vorausbezahlung von seinen Alimentengeldern annehmen
aus den Handen des Kanzel-Pachters? -
3) »Er habe sich seit kurzem mit dem gnadigen Fraulein von
Thiennette verlobt und ihr ein Goldstiick auf die Ehe gegeben
und konnte also solche heiraten, wenn er versorgt wurde etc.«
Freie Note von mir. Ich halte diesen Grund fiir den starksten
in der ganzen Supplik. In Herrn von Aufhammers Augen war
Thiennettens Stammbaum langst gestutzt, entblattert, wurm-
jo stichig und voll Bohrkafer; sie war ja seine Okonoma, SchloB-
Intendantin und a latere-Legatin fur das SchloBgesinde, die ihm
mit ihren Anspriichen auf seine Almosenkasse in die Lange eine
Biirde wurde. Sein erziirnter Wunsch, dafi sie mit Fixleins Erb-
schaft hatte abgefunden werden mogen, wurde jetzt durch diesen
erfullt. Kurz, wenn Fixlein Pfarrer wird, so hat ers dem dritten
Grunde zu danken, weit weniger dem tollen vierten
4) »Er habe betrubt vernommen, daB der Name seines Pudels,
den er in Leipzig einem Emigranten abgekauft, auf deutsch Egi-
dius bedeute, und daB der Hund ihm die Ungnade seines gnadi-
20 gen Herrn zugezogen. Es sei feme von ihm, den Pudel kiinftig-
hin also zu benamsen ; er werd* es aber fur eine groBe Gnade er-
kennen, wenn sein gnadiger Herr Pat' fiir den Hund, den er jetzt
ohne Namen riefe, selber einen resolvierten.«
Meine freie Note. Der Hund, bei dem bisher der Edelmann zu
Gevatter gestanden war, soil also seinen Namen zum ^weitenmal
von ihm empfangen Wie soil aber der darbende Gartners-
Sohn, dessen Laufbahn'nie hoher stieg als von der Schulbank zur
Schulkanzel, und der mit den Frauenzimmern nie gesprochen
hatte als singend, namlich in der Kirche, wie soil der bei einem
30 solchen Saitenbezuge einen feinern als den pedantischen Ton.an-
schlagen? - Und doch Iiegt der Grund tiefer: nicht die einge-
schrankte Lage, sondern der eingeschrankte Blick, nicht eine
Lieblingswissenschaft, sondern eine enge burgerliche Seele macht
pedantisch, die die konientrischen Zirkel des menschlichen Wis-
sens und Tuns nicht messen und trennen kann, die den Fokus des
ganzen Menschenlebens wegen des Fokalabstandes mit jedem
126 LEBEN DES QUINTUS FIXLEIN
Paar konvergierender Strahlen vermengt, und die nicht alles sieht
und alles duldet Kurz, der wahre Pedant ist der Intolerante.
Der Konrektor schrieb die Supplik prachtig ab in fiinf gliick-
lichen Abenden - setzte eine besondere Dinte dazu an - arbeitete
zwar nicht so lange an ihr wie der dumme Manutius an einem
lateinischen Briefe, namlich etliche Monate - wenn dem Sciop-
pius zu glauben ist — , noch weniger so lange wie ein anderer Ge-
lehrter an einer lateinischen Epistel, der — freilich miissen wirs
bloB dem Morhof glauben - vier voile Monate daran heckte, Va-
riationen, Adjektiven, Pedes samt den Autoritaten seiner Phrases 10
genau zwischen den Zeilen anmerkte. Er hatte ein flinkeres Genie
und war mit dem ganzen Gesuch in sechzehn Tagen ins reine.
Als ers petschierte, dacht' er daran, gleich uns alien: wie dieses
Couvert das Samengehause einer ganzen groBen Zukunft, die
Hiilse vieler siiBen oder herben Friichte, die Windel seines restie-
renden Lebens sei.
Der Himmel segne sein Couvert; aber ich lasse mich vom
babylonischen Turm hinunterwerfen, wenn er die Pfarre kriegt:
will denn niemand einsehen, daB Aufhammer nicht kann ? - Trotz
seiner andern Fehler oder eben darum halt er eisenfest sein Wort, *o
das er so lange dem Subrektor gegeben. Ein anderes war* es, war'
er am Hofe seBhaft : denn da, wo noch alte deutsche Sitten sind,
wird kein Versprechen gehalten; denn weil nach Moser die alten
Deutschen nur Versprechungen hielten, die sie vormittags ge-
geben - nachmittags waren sie schon besoffen — : so halten Hof-
Deutsche auch keine nachmittagigen; - vormittagige wurden sie
halten, wenn sie sie gaben, welches aber der Fall nie sein kann,
weil sie da noch - schlafen.
SlEBENTER ZETTELKASTEN
Predigt - Schulaktus - prachtiger Irrtum
Der Konrektor bekam seine 135 fl. 41 kr. 1/8 Pf. frankisch, aber
keine Antwort: der Hund blieb ohne Namen, sein Herr ohne
Pfarre. Inzwischen verlief der Sommer, und der Dragonerritt-
SIEBENTER ZETTELKASTEN I 27
meister hatte noch immer keinen geistlichen Hecht mit einem
Kopf voll Passionsknochen aus dem Kandidaten- Besetiteiche aus-
gezogen und in den Streckteich der Hukelumer Pfarre geworfen :
es tat ihm wohl, mit Suppliken behangen zu werden wie ein spa-
nischer Schutzheiliger, und er zauderte (ob er gleich den Sub-
rektor vozieren wollte) mit der Erhorung einer Supplik so lange,
bis er siebenunddreiBig Farbers-, Knopfmachers-, ZinngieBers-
Sohnen die ihrigen auf einmal abschlagen konnte. Denn die
jetzigen Lehrer des Christentums werden gern den ersten oder
10 diesem selber ahnlich gewahlt, das wie Venedig und Petersburg
sich anfangs an Fischerhiitten anbauete. Gonnet dem von Auf-
hammer die Verlangerung seiner Stimmfahigkeit zur geistlichen
Parlamentswahl ! Er weiB, dafi ein Edelmann dem Timoleon
gleicht, der seine groBten Siege an seinem Geburtstage gewann,
daB namlich das Wichtigste, was er zu tun hatte, war, eine Frei-
herrin, Semperfreiin usw. zur Mutter zu nehmen. Man kann einen,
der schon~als Fotus in den Adelstand erhoben wird, noch besser
mit der Spinnfliege vergleichen, die wider die Weise aller Insek-
ten sich schon im Mutterleibe entpuppt und verwandelt. -
20 Aber weiter! Fixlein war jetzt doch nicht ohne Geld. Es wird
so viel sein, als wenn ichs dem Leser schenkte, wenn ich ihm
hinterbringe, daB er vom Legate, das den Gemeinschuldner ab-
speisete, noch 35ft. iibrig behielt als Allodium und Schatull-Geld,
womit er sich kaufen konnte, was er wollte. Und wie kam er zu
einer so bedeutenden Summe, zu einem solchen Kompetenz-
stiick? - BloB dadurch, daB er, sooft er ein grofies Stuck Geld in
kleinere zersetzte, und iiberhaupt bei jeder Einnahme zwei, drei,
vier Petermannchen unbesehen und blind unter die Papiere seines
Koffers warf. Seine Absicht war, einmal zu erstaunen, wenn ers
30 endlich aufsummierte und das Kapkal erhobe. Und beim Himmel 1
die erreichte er auch, als er bei der Thronbesteigung seiner Quin-
tur diese Sparpfennige aus den Papieren zog und sie zu den Kro-
nungskosten schlug. - Jetzt saete er sie wieder unter die Verbrie-
fungen. Narrisch! Ich meine, hatt* er nicht gliicklicherweise sein
Legat bloBgestellt, da ers als positive Belohnung und Kuppelpelz
fur den Patronatsherrn ausbot: so hatt' ihn der Fehlgriff nach
128 LEBEN DES QUINTUS FIXLEIN
dem Klopfer der hukelumischen Kirchentiire verdrossen; so aber
erwischt* er doch, da er den Klopfer verfehlte, den Pelz wieder
und konnte froh sein.
Jetzt schreite ich in seiner Geschichte weiter und stoBe im
Gestein seines Lebens auf eine so schone Silberader, ich meine
auf einen so schonen Tag, daB ich (glaub* ich) sogar den dreiund-
zwanzigsten Posttrinitatis, wo er doch seinem geliebten Vater-
dorfe eine Vakanzpredigtvorhielt, hier nur leichtbestreifen werde.
An sich war die Predigt gut und herrlich und der Tag ein reen-
ter Wonnetag; aber ich rmiBte iiberhatipt mehr Stunden ubrig 10
haben, als ich dem Mai abstehle, worin ich jetzt lebe und schreibe,
und mehr Krafte, als mir die Lustfahrten durch schone Tage zu
clen Landschaftsgemalden derselben frei lassen, wenn ich mit
einiger HofFnung es versuchen wollte, von der Lange und Dicke
der Saiten und ihren Vibrationen und den konsonen Verhalt-
nissen derselben untereinander, die insgesamt an jenem Post-
trinitatis seinen Herzohren eine Spharenmusik machten, einen
mathematischen Bericht abzustatten, der mir so sehr gefiele wie
andern . . . Man verlang' es nicht! Ich denke, wenn ein Mann an
einem Sonntage vor alien Fronern, die ihn sonst als den Kunst- 20
gartners-Buben auf dem Arm hatten, ferner vor seiner Mutter,
die ihre selige ZerflieBung in die Gosse des Samt-MurFs ableitet,
ferner vor seinem gnadigen Herrn, dem er geradezu befehlen
kann, selig zu werden, und endlich vor seiner mousselinenen
Braut, die schon selig ist, weil sie fast zu Stein daruber wird, daB
dieselben Lippen kussen und predigen konnen, ich denke, sagt*
ich, w7enn ein Mann das leistet: so hat er wohl einiges Recht, vom
Biographen, der seinen Zustand schildern will, zu begehren, daB
er das — Maul halte, und vom Leser, der solchen nachempfinden
will, daB er seines aufmache und selber predige. — 30
Aber was ich ex officio malen muB, ist der Tag, wozu der
Sonntag nur der Vorschabbes, die Vigilie und das Voressen war
- namlich der Vorschabbes, die Vigilie und das Voressen vor
clem Martlni-Aktus. Am Sonntag hielt er die Predigt, am Mitt-
woch den Aktus und am Dienstag die Probe. -
Der Dienstag soil jetzt der Welt beschrieben werden.
SIEBENTER ZETTELKASTEN 129
Ich zahle darauf, daB ich nicht bloB von lauter Weltleuten ge-
lesen werde, denen freilich ein Schulaktus nicht viel anders und
besser als eine bischofliche Investitur oder eine Frankfurter Kro-
nungs-opera seria vorkommt, sondern daB ich auch Leute vor
mir habe, die auf Schulen waren, und die wissen, was sie vom
Schuldrama eines Aktus und vom Maschinenmeister und von
dem Komodienzettel (dem Programm) zu denken haben, ohne
darum dessen Vorziige zu iibertreiben.
Eh* ich die Probekomodie des Martini-Aktus gebe, leg' ich
10 mir selber als Dramaturg des Schauspiels auf, die Einladungs-
schrift des Konrektors, wenn nicht zu exzerpieren, doch zu regi-
strieren. Er sagte darin manches und machte (welches einem
Verfasser so wohltut) Vorschlage statt Vorwiirfe und erinnerte,
ob nicht bei den bekannten Donatschnitzern der Magnaten in
Pest und Polen die Schulgebaude am besten als Kontumazhauser
gegen infizierende Barbarismen schirmten. Auch verteidigte er
ah Schulen, was zu verteidigen war (und nichts in der Welt ist
siiBer oder leichter als eine Defension), und sagte, Schulleute, die
nicht ohne Unrecht gleich gewissen Hofen nur lateinisch mit sich
20 sprechen HeBen und selber sprachen, konnten die Romer vor-
schutzen, deren Untertanen und deren Konige samt denJBrie'fen
und Verhandlungen der letztern sich des Lateins befleiBigen
muBten. Er verwunderte sich, warum nur die griechischen und
nicht auch die lateinischen Grammatiken lateinisch abgefasset
waren, und tat die auffallende Frage : ob denn die Romer, wenn
sie ihre kleinen Kinder die lateinische Sprache lehrten, es in einer
andern taten als in eben dieser? - Darauf ging er auf den Aktus
iiber und sagte folgendes mit seinen eignen Worten :
»Ich bin willens, es in einer andern Einladungsschrift zu be-
30 weisen, daB alles, was uber den groBen Stifter unserer Refor-
mation, den Gegenstand unserer heutigen Martini-Redeubungen,
zu wissen und zu sagen ist, schon langst erschopft worden, so-
wohl durch Seckendorf als andere. In der Tat kann von Luthers
Personalien, von seinen Tischreden, Einkiinften, Reisen, Klei-
dern usw. nichts Neues mehr vorgebracht werden, zumal wenn
I30 LEBEN DES QUINTUS FIXLEIN
es zugleich etwas Wahres sein soli. Indessen 1st doch das Feld der
Reformationsgeschichte, bildlich zu reden, bei weitem nicht ganz
angebauet; und es will mir vorkommen, als muBte sich der Ge-
lehrte noch heutiges Tages vergeblich nach echten, bis an unsere
Zeiten reichenden Nachrichten von den Kindern, Enkeln, Kinds-
kindern etc. dieses groBen Reformators umsehen, die doch alle
entfernter in die Reformationsgeschichte einschlagen, so wie er
naher. Du drischest vielleicht nicht ganz, sagt' ich zu mir, leeres
Stroh, wenn du nach deinen geringen Kraften diesen versaumten
historischen Zweig hervorziehest und bearbeitest. Und so wagte 10
ich es denn, mit dem letzten mannlichen Nachkommen Luthers,
namlich mit dem Advokaten Martin Gottlob Luther, der in Dres-
den praktizierte und 1759 da verstarb, den Anfang einer spezieU
lern Reformationshistorie zu machen. Mein schwacher Versuch
iiber diesen zur Reformation gehorigen Advokaten wird beloh-
net genug sein, wenn er zu bessern Werken dariiber ermuntert;
das wenige aber, was ich von ihm aufgetrieben und gesammelt
habe, ersuch* ich untertanig, gehorsamst und gehorsam alle Gon-
ner und Freunde des flachsenfingischen Gymnasiums den vier-
zehnten November aus dem Munde sechs gutgearteter Peroran- 20
ten anzuhoren. Anfangs wird
Gottlieb Spiesglas, ein Flachsenfinger, in Iateinischer Rede zu
zeigen suchen,daB Martin Gottlob Luther uberhaupt ein Schwert-
magen des Doktor Luther gewesen. Nach ihm bemuhet sich
Fried rich Christian Krabler aus Hukelum in deutscher Prosa
den EinfluB zu bestimmen, den Martin Gottlob Luther noch auf
die schon daseiende Reformation gehabt; worauf hinter ihm
Daniel Lorenz Sten^inger in lateinische Verse die Nachrichten
von Martin Gottlob Luthers Prozessen und uberhaupt die wahr-
scheinlichen der Advokaten um die Kirchenverbesserung zu- 30
sammenfassen will; - welches sodann einem
Nikol Tobias Pfi^mann Gelegenheit geben wird, franzosisch
aufzutreten und das Wissenswiirdigste aus Martin Gottlob Lu-
thers Schuljahren, Universitatenleben und mannlichen Jahren
auszuheben. Und wenn nun
Andreas Eintarm in deutschen Versen die etwaigen Fehltritte
SIEBENTER ZETTELKASTEN I3I
dieses Stammhalters des groBen Luthers wird zu entschuldigen
gesucht haben : so wird
Justus Stroke! \n lateinischen seine RechtschafFenheit und Ehr-
lichkeit im Advokatenstande nach seinen Kraften besingen; -
worauf ich selber den Katheder besteigen und alien Patronen der
Flachsenfmger Schule gehorsamst danken und diejenigen Stiicke
aus dem Leben dieses merkwiirdigen Dresdners noch anfuhren
werde, von denen wir noch gar nichts wissen, weil sie sich fur die
Redner des nachsten Martini-Aktus g. G. aufsparen.«
10 Der Tag vor dem Aktus lieferte gleichsam die Probeschiisse
und Aushangebogen des Mittwochs. Leute, die des Anzugs we-
gen vom giroBen Schulfest wegbleiben muBten, besonders Da-
men, erschienen Dienstags in den sechs Probereden. Niemand
ordnet zwar bereitwilliger als ich den Probeaktus dem Mittwochs-
aktus unter, und mich braucht man am wenigsten erst aufzufo-
dern, das Trommetenfest einer Schule gehorig zu wiirdigen; aber
auf der andern Seite bin ich ebenso gewiB uberzeugt, daB einer,
der Mittwochs nicht in den echten Aktus gegangen ist, sich etwas
Glanzenderes als den Probetag vorher gar nicht gedenken konnte,
20 weil er nichts hatte, womit er die Pracht vergleichen konnte, in
der der Primas des Festes vor Damen und Ratsherren das an sei-
nen Triumphwagen vorgelegte Gespann von Sechsen - um die
sechs Gebriider Redner Gaule zu nennen - einfuhr auf morgen.
Lachle immer, Fixlein, uber das Anstaunen deiner heutigen Ora-
tion, die dem morgendlkhen Triumph entgegenfahrt: auf deinem
auseinanderflieBenden Gesichte zuckt das gluckliche, sich und
den Weihrauch wiederkauende Ich - aber eine Eitelkeit wie deine,
und nur diese, die genieBet, ohne zu vergleichen oder zu ver-
schmahen, kann man erdulden, will man ernahren. Was aber uber
30 sein ganzes wachsernes Herz wie ein schmelzender Sonnenschein
fiel, war seine Mutter, die es auf vieles Zureden gewagt hatte, sich
in BuBtagskleidern ganz unten an die Prima-Flugelture demlitig
anzulegen. Es ware schwer zu sagen, wer begliickter ist, ob die
Mutter, die zusieht, wie der, den sie unter ihrem Herzen getragen,
I32 LEBEN DES QUINTUS FIXLEIN
die vornehmsten jungen Herren in halbseidenen Westen be-
ordern und regieren kann, und die zuhoret, wie er samt ihnen
lauter hohe Sachen sagt und auch versteht — oder ob der Sohn
gliicklicher ist, der, wie einige Helden des Altertums, das Gliick
hat, noch bei Lebzeiten seiner Mutter zu triumphieren. Ich habe
niemals in meinen Schriften und Taten einen Stein aufgehoben
gegen den sel. Burchardt Grofimann^ der in die Initialbuchstaben
der Stanzen im Liede: »Brich an, du liebe Morgenrote« seine Na-
menslettern verteilte, und noch weniger bewarf ich arme Krauter-
weiber, die schon bei Lebzeiten ihren Leichenkattun ausplatten 10
und 1/12 Dutzend Totenhemden fiir sich ausnahen. Ich halte auch
den Mann nicht fiir weise - obwohl fiir recht klug und pedan-
tisch -, der sich die Gallenblase voll argern kann, daB jeder von
uns Blattminierern das Herzblatt, worauf er sich nagend herum-
schiebt, fiir einen Augarten, fur einen funften Weltteil ansieht
wegen der Nahe und Weide, die Blattporen fiir Tempe-Taler,
das Blatterskelett fur einen Freiheits-, Brot- und Lebensbaum
und den Tautropfen fiir die Flut. - Wir Tag-, Abend- und Nacht-
raupen fallen samtlich in den namlichen Irrtum, aber nur auf
andern Blattern, und wer (welches ich tue) iiber die wichtige 20
Miene lacht, mit der der Rektor Landesprogrammen, der Dra-
maturgKomodienzettel?einKennikottischerVarianten-Almosen-
sammler Buchstaben aufkauft: der tut es, wenn er weise ist - wie
hier der Fall ist-, mit dem BewuBtsein seiner dhnlichen Narrheit und
lacht an seinem Nachsten nichts aus als die Menschheit und sich. —
Die Mutter war nicht zu halten: sie muBte diesen Abend noch
fort nach Hukelum und Thiennetten nur wenigstens etwas be-
richten von dieser Herrlichkeit. -
Jetzt wird die Welt hundert gegen eins wetten, daB ich nun
biographisches Wachs nehmen und ein Wachsfigurenkabinett von 30
dem Aktus selber bossieren werde, das einzig in seiner Art sei. —
Aber Mittwoch morgens, als sich der hoffnungstrunkene Kon-
rektor eben anzukleiden dachte: klopfte etwas an —
Es war der bekannte Bediente des Rittmeisters, der die Vo-
kation an den Subrektor Filchslein hatte. Zum letztern sollte der
gute Mensch diesen Wildruf ins Pfarramt tragen; aber er distin-
SIEBENTER ZETTELKASTEN I33
guierte elend zwischen Sub- und 7&?/z-Rektor und hatte uberhaupt
seine guten Griinde,. warum er zu diesem kam ; denn er dachte :
»Wer wills weiter kriegen, als der den vorigen Sonntag predigte
und aus dem Dorfe her ist, und der ja mit unserer Fraulein Thien-
nette im Gerede ist und dem ich ja schon eine Uhr und die
Zopfdukaten habe bringen miissen.« - Er stellte sich gar nicht
vor, daB sein gnadiger Herr den leiblichen Paten iibergehen
konnte.
Fixlein las die Adresse der Bestallung: »An des Pfarrer Fixlein
10 zu Hukelum Wohl-Ehrwurden.« Er muBte notwendig den Fehl-
griff des Lakaien tun und die fremde Bestallung erbrechen als
eigene; und da er noch dazu in der Vokation nur von einem
Schul-Unterbefehlshaber (statt Subrektor) etwas fand, so muBt' er
in seinem Irrtum verharren. Eh* ichs gut erklare, warum der
Gerichtshalter, der Former der Vokation, diese so dumm auf-
setzte: wollen wir zwei, ich und der Leser, d. h. mehr Menschen,
als je in einen Kirchensprengel gehen, uns bei Fixleins freudigen
SpringfiiBen aufhalten - bei seinen dankbar-nassen Augen - bei
seiner hammernden Brust - bei seinen bringenden Handen, die-
20 sen Handhaben eines verschenkten MuBteils - beim Gratial von
zwei Zopfdukaten, die er an den Infultrager so gern fahren lasset
als den padagogischen Zopf der ihm nachstens auf der Kanzel ab-
fallet. — WuBt' er wohl, was er denken sollte (vom Rittmeister)
oder schreiben (an eben diesen) oder auftischen (fur den Lakai) ?
- Zog er nicht Erkundigungen von dem gnadigen Befinden sei-
nes Wohltaters zu wiederholten Malen ein, ob ihm gleich der Be-
diente schon recht gut auf die erste geantwortet hatte? - Und
wurde nicht dieser Mensch, der zum spottsiichtigen, achselzuk-
kenden und achseltragerischen Menschen-Sortiment gehorte,
30 durch die Freude, die er mitgebracht, endlich so geriihrt, daB er
sich auf der Stelle vornahm, dem Aktus des neuen Herrn Pfarrers.
obgleich kein einziger vom Adel darin war, seine Gegenwart zu
schenken? - Fixlein siegelte vorher die Dankadresse ein und hielt
hoflich beim Adelsbrief-Trager an, ihn oft in der Pfarre zu be-
suchen und heute bei seiner Mutter vorbeizugehen und ihr den
Text zu lesen, warum sie gestern nicht geblieben sei, da sie heute
134 LEBEN DES QUINTUS FIXLEIN
bei der Vokation durch seine gnadige Patronatsherrschaft hatte
mit sein konnen.
Als der fort war, fmg er vor Freude ordentlich an, skeptisch zu
werden - und angstlich, daher er das Vokations-Instrument, der
Mauserei wegen, gut in den Koffer mit zwei Vorlegschlossern
einsperrte (— und andachtig und weich, weil er Gott ohne Scheu
fur alles dankte, dessen ewigen Namen er sogar nie anders schrieb
als mit Kanzleischrift und mit bunter Dime, wie der judische Ab-
schreiber diesen namenlosen Namen nur im Ornat und frisch-
gewaschen schrieb1 — und taub wurde der Pfarrer), daB er kaum 10
die Aktus-Schaferstunde schlagen horte - und zerstreuet, weil
eine schonere bei Thiennetten mit ihren Rosenstauden und ihrem
Rosenhonig nicht aus seiner Seele wollte. Er, der schon das Gltick,
wenn es ihm ein schiefes Maul schnitt, so lange, wie Kinder ein-
ander, anlachte, bis er wirklich selber anfangen mufite zu lacheln
- er flog jetzt gleichsam immer hoher geschnellet auf einem '
Schwungbrette empor. . .
Aber vor dem Aktus wollen wir den Gerichtshalter verhoren.
Fixlein statt Fiichslein schrieb er aus einer Unwissenheit in der
Namen-Orthographie, die durch die Rechtschreibung des Testa- 20
ments noch groBer und nattirlichergeworden war. »Fi?/z«, diesen
Ehrenbogen, durft' er nicht vor Fiichsleins neuen Namen stellen,
weils Aufhammer untersagte, der dessen ahnen-reine Abkunft
anfiel und nicht bedachte, was iiberhaupt ein Edelmann sich zu
getrosten habe, da schon Christus in seinem von Matthaus gefer-
tigten Stammbaum vier bekannte - Huren zahlt, die Thamar,
Rahab, Bathseba und Ruth. Endlich hatte der Bestallungs-Macher
die Unart Campens an sich, daB er alles verdeutschen wollte, was
man erst nach der Verdeutschung nicht mehr verstand, als wenn
ein Wort sich um eine bessere Naturalisationsakte zu bewerben 30
hatte, als die ihm seine allgemeine Verstandlichkeit erteilt. An
und fur sich ists doch einerlei - um so mehr, da alle Sprachen wie
alle Menschen miteinander verschwistert und verschwagert sind-,
ob ein Wilder oder ein Auslander ein Wort erfand, ob es wie
Moos unter den deutschen Waldern aufwuchs oder wie Festungs-
1 Eichhorns Einleit. ins A. T. 2. T.
SIEBENTER ZETTELKASTEN 135
gras in den Pflastersteinen des romischen Forums. Der Gerichts-
halter hingegen verfocht, es ist zweierlei, und lieB es seinen Par-
teien unverhohlen, daB Tagefahrt Termin bedeute und Appel-
lieren Berufen. Daher zog er dem Wort Subrektor die fremde
Livree Unterbefehlshaber an. Und diese Version vertierte audi
den Schulherrn in einen Pfarrherrn : so sehr wachset unser burger-
liches Gliick - nicht unser menschliches, sich auf unserem inneren
Grund und Boden nahrendes Wohlsein — bloB auf der Flugerde
von Zufalligkeiten, Konnexionen, Bekanntschaften und der Hen-
10 ker oder der Himmel weiB von was. -
Bei Gelegenheit! Von einem Gerichtshalter wiird' ich mehr
Verstand erwarten, ich wiirde (ich kann mich irren) voraus-
setzen, er wisse, daB die Akten, die sonst (s. Hofmanns deutsche
oder undeutsche Rekhspraxis § 766) lateinisch ausgefertigt wur-
den, wie vor Joseph die ungarischen, heutzutage, wenn man es
ohne Beleidigung sagen darf, vielleicht mehr deutsch als lateinisch
geschrieben werden ; und ich darf mich hierin auf ganze deutsche
Zeilen steifen, die in den Reichs-Kammergerichts-Erkenntnissen
stehen. Ich will aber nicht glauben, daB der Jurist darum, weil
zo Inchhofer die romische Sprache fiir die Muttersprache des zweiten
Lebens erklart, sich von einem Dialekte loszumachen suche, durch
den er so viel wie der romische Adler oder spater der romische
Fischreiger (der romische Stuhl) in seinen Adlers-Fangen ent-
fuhrte. - -
Man laute immerhin den Aktus ein, man strome immer hinein:
wer fragt darnach? Weder ich noch der Ex-Konrektor. Die sechs
pygmaischen Ciceros wollen sich vergeblich vor uns in prach-
tiger Einkleidung ihrer Gedanken und Leiber vortun. Der Zug-
wind des Zufalls hat vom Aktus den Strahlen- und Pudernimbus
30 weggeblasen, und der gewesene Konrektor hat eingesehen, wie
wenig man sich mit einem Katheder briisten konne (der nicht
voll SchifFs-, sondern voll Gelbschnabel ist), und wie viel im
Gegenteil mit einer Kanzel : »Ich hatte nicht gedacht,« (dachte er
jetzt) »da ich Konrektor wurde, daB es noch etwas GroBeres
geben konne, ich meine einen Pfarrer.« Der Mensch hinter seiner
ewigen Augen-Binde, die er nur anders farbt, und nicht diinner
I36 LEBEN DES QUINTUS FIXLEIN
legt, tragt seinen Stolz von einer Stufe zur andern und tadelt auf
jeder hohern nur den Stolz auf der tiefern.
Das Beste am Aktus war, daB ihm der Regimentsquartier- und
Metzgermeister Steinberger beiwohnte, emballiert in einen langen
Schafspelz. Unter der Feierlichkeit warf der Subrektor Hans von
Fuchslein mehrere vergnugte und fragende Blicke auf den Scha-
decker Bedienten, der ihn gar nicht ansah: Hans hatte sich darauf
totschlagen lassen, nach dem Aktus beruP ihn der Kerl. Als end-
lich die sechs-halsige kleine Hahnen-Voliere auf ihrem Miste ab-
gekrahet hatte, d. h. peroriert: bestieg der amtierende Schuldie- 10
ner, iiber den nun eine hohere Dienstfahne flatterte, selber die
Biihne und stattete dem Scholarchat, dem Subrektorat, der Vor-
mundschaft und der Herrndienerschaft seinen gehorsamen Dank
fiir ihre Gegenwart ab, meldete ihnen aber mit wenigem dabei:
»Gott nab' ihn indes von seinem Posten zu einem andern ab-
gerufen und ihm die Seelsorge iiber dieHukelumerPfarrgemeinde
so wie iiber das Schadecker imparochierte Filial unwiirdiger-
maBen anvertrauet.«
— Diese kleine Anrede schofi dem Ansehen nach den zeitigen
Subrektor Hans von Fuchslein beinahe vom Sessel herab, und 20
sein Gesicht sah vermengt aus wie roter Bolus, griine Kreide,
Rauschgelb und vomissement de la reine. >
Der lange Quartiermeister richtete sich in seinem Pelze ziem-
lich auf und sumsete, in glucklichem Selbstvergessen, laut genug:
»Der Daus! - Pfarrer??« -
Der Subrektor fuhr wie ein Schwanzstern vor dem Bedienten
vorbei, befahl ihm, er sollte bei ihm ein Billett an seinen Herrn
mitnehmen, sprang nach Haus und setzte da an den Patronats-
herrn, der daheim auf einen langen Dankpsalm aufsah, so gut er
in der Eile konnte, eine kurze satirische Epistel auf und unter- 30
mengte sie mit einigen Verbalinjurien.
Der Staatsdiener iiberreichte seinem Herrn miteinander Fix-
leins Dankgesange und Fiichsleins Invektiven. Der Dragoner-
rittmeister, aufgebracht iiber den Grobian und gebunden an sein
Wort, das der Konrektor offentlich im Aktus abgelesen, schrieb
dem neuen Pfarrer zugleich die Verwechslung und die Rati-
ACHTER ZETTEMCASTEN I37
fikation derselben zuriick - und Fixlein ist und bleibt nun zu un-
serer aller Freude ordentlicher wohlbestallter Pfarrer zuHukelum.
Sein zuriickgesetzter Nebenbuhler Fiichslein hat noch den
Trost, daB er im Wespenneste der Neuen allgemeinen deutschen
Bibliothek mitsitzet. - Sollte einmal der Pfarrer sich in einen
Autor verpuppen: so kann die Schlupfwespe herausfliegen und
ihren Stachel in die Puppe driicken und ihre Brut an die Stelle des
erstochenen Schmetterlings setzen. Da der Subrektor liberal!
herumschlich und frei drohte, seinen Kollegen zu rezensieren: so
10 wundere sich das Publikum nicht, daB es Fixleins errata und seine
masorethischen exercitationes noch bis diese Stunde nicht in
Handen hat.
Im Friihling macht das Gnadenjahr der Witwe seinen Sabbats-
jahren Platz - und wie es da zugehen wird, wenn er unter einem
Thronhimmel von Blutenbaumen die Braut Christi (die christ-
Hche Kirche) in die eine Hand nimmt, und seine eigne in die
andere, das wiirde ohne einen achten Zettelkasten, der in diesem
Falle ein wahres Schmuckkastchen und eine Regenbogenschus-
sel1 werden kann, sich niemand denken konnen als der Sponsus
20 allein.
ACHTER ZETTELKASTEN
Einzug in die Pfarre
Den I5ten April 1793 kann der Leser tief im Hohlweg drei Ba-
gagewagen waten sehen. - Die Giiterwagen fahren den Hausrat
des neuen Pfarrers nach Hukelum: der Eigentumer marschieret
selber mit den Beichtkindern, damit an seinem Ton-Service und
Ameublement nichts im achtzehnten Sakulum zerstoBen werde?
da es aus dem siebzehnten ganz heruberkam. Fixlein horet hinter
sich die Schulglocke lauten; aber dieses Glockenspiel orgelt ihm
30 wie eine Abendglocke die Lieder kiinftiger Ruhe vor: er ist nun
aus dem Jammertal des Gymnasiums erloset und in den Sitz der
1 Der Aberglaube nimmt an, auf der Stelle, wo der Regenbogen aufstehet,
sei eine goldne Schussel.
I38 LEBEN DES QUINTUS FIXLEIN
Seligen aufgenommen. - Hier wohnet kein Neid, kein Kollege,
kein Subrektor - hier im Himmelreich arbeitet niemand an der
Neuen allgemeinen deutschen Bibliothek mit - hier im himm-
lischen hukelumischen Jerusalem tut man nichts als Gott preisen
in der Kirche, und hier hat der Vollendete keinen Zuwachs an
Kenntnis mehr notig . . . Auch hat man hier keinen Kummer
mehr dariiber, da6 oft Sonntag und Aposteltag in einen Tag zu-
sammenfallen.
Die Wahrheit zu sagen, geht der Pfarrer zu weit; es war aber
von jeher seine Art, sich die ganzen und halben Schatten einer 10
Lage erst auszumalen, wenn er schon in einer neuen war und also
diese durch die Kontraste der alten heben konnte. Denn man
braucht nicht viel Nachdenken, um einzusehen, daB die Hollen-
leiden eines Schulmanns nicht so auBerordentlich, sondern viel-
mehr, da er am Gymnasium von einer Stufe zur andern steigt,
den wahren Hollenstrafen ahnlich sind, die trotz ihrer Ewigkeit
von Sakulum zu Sakulum schwacher werden. Da noch dazu nach
dem Aiisspruch eines Franzosen deux afflictions mises ensemble
peuvent devenir une consolation: so hat man in einer Schule
Leiden genug zum Troste, da aus acht zusammengegossenen 20
Affliktionen - ich rechne nur auf jeden Lehrer eine - gewiB mehr
Trost zu schopfen ist als aus zweien. Nur schlimm ists, daB sich
Schulleute nie so vertragen wollen wie Hofleute: nur polierte
Menschen und polierte Glaser koharieren leicht. Noch dazu wird
man in Schulen - und iiberhaupt in Amtern - allemal belohnt;
denn wie im zweiten Leben eine groBere Tugend der Lohn der
hiesigen ist: so werden dem Schulmann seine Verdienste durch
immer mehrere Gelegenheiten zu neuen bezahlt, und er wird oft
gar nicht aus seinem Amte fortgelassen. -
Acht Gymnasiasten trabten im Pfarrhause herum, stellten auf, 30
nagelten an, schleppten zu: ich denke, als ein Schuler Plutarchs
durft' ich solche Kleinigkeiten einmischen. Wen Erwachsene lie-
ben, den lieben Kinder noch starker. Die ganze Schule hatte dem
lachelnden Fixlein nachgelachelt und ihn gern gehabt, weil er
nicht donnerte, sondern spielte mit ihnen - weil er Sie zu den
Sekundanern sagte, und der Subrektor Ihr - weil sein sich auf-
ACHTER ZETTELKASTEN 1 39
baumender Zeigefinger sein einziger Zepter und Bakel war - weil
er in der Sekunda mit seinen Schiilern lateinische Briefe wech-
selte und in der Quinta mit Zuckerstengeln statt mit Neperischen
Staben (oder statt mit noch langern) die vier Spezies eingefloBt
hatte. - Sein Kirchdorf kam ihm heute so feierlich und festlich
vor, daB er sich - ob es gleich Montag war - wunderte, warum
die Pfarrkinder und die Eingepfarrten nicht in der Festtags-
Draperie steckten, sondern im Alltags-Balg. Unter der Pfarrture
stand eine weinende Frau : denn sie war zu glucklich, und er war
io ihr - Sohn. Die Mutter vermochte es in der groBten Zerschmel-
zung ganz leicht, die Fuhrleute unter dem Abladen anzumahnen,
nicht die vier Globen aus der altfrankischen Kommode auszu-
drehen. Ihr Sohn erschien ihr jetzt so ehrwiirdig, als stellete er in
ihrer Bilderbibel einen in Kupfer gestochnen Figuranten vor —
und das darum, weil er den padagogischen Zopf, wie der reifende
Frosch den Schwanz, abgeworfen hatte und nun in einer kanoni-
schen Perucke dastand : er war jetzt ein Komet, der sich von der
profanen Erde entfernet, und der mithin wie jeder himmlische
aus einem Schwan^stern zu einem Haarstern wird.
20 Auch seine Braut hatte tags vorher recht viel an einer ver-
besserten prachtigen Edition seines Hauses mitgearbeitet, unter
andern Dekorateurs und Dekrotteurs desselben. Aber heute blieb
sie weg; denn sie war zu gut, um iiber die Braut das Madchen zu
vergessen. Die Liebe stirbt wie die Menschen ofter am ObermaB
als am Hunger; sie lebt von Liebe, aber sie gleicht den Alpen-
pflanzen, die sich vom Einsaugen der nassen Wolken ernahren,
und die zugrunde gehen, wenn man sie besprengt. -
Jetzt ist der Pfarrer eingezogen, und er wird auf der Stelle -
denn ich kenne die Leserinnen, die darauf erpicht sind, als waren
30 sie Kranzeljungfern - heiraten sollen. Aber er mag nicht: vor
Himmelfahrt wird nichts daraus, und dahin sind vierthalb Wo-
chen gut. Die Sache ist die: er wollte nur erst den Brandsonntag,
namlich den Kantatesonntag, iibersteigen; nicht etwan, weil er
an seiner Erden-Fortdauer zweifelte, aber er wollte (schon der
Braut wegen) auch nicht die kleinste Todesangst in seine Flitter-
wochen bringen.
I4O LEBEN DES QUINTUS FIXLEIN
Die Hauptsache war, er wolhe sich nicht gern verheiraten vor
der Verlobung, die samt der Anzugspredigt auf den nachsten
Sonntag verlegt wird. Es ist der Kantate-Sonntag. Der Leser lasse
sich nur keine Angst einjagen. Ich hatte uberhaupt mit diesem
phantastischen Sonntags-Wauwau eines der aufgeklartesten Jahr-
hunderte nicht behelligt, zeichnete ich nicht so auBerst treu. Fix-
lein wurde — zumal da ihn der Quartiermeister fragte, ob er denn
ein Kind ware - endlich selber so gescheut, daB er die Narrheit
einsah; ja er ging so weit, daB er eine groBere beging: da namlich
ein Traum, daB man sterbe, nach der exegetischen regula falsi 10
nichts bedeutet als langes Leben und Wohlergehen: so zog cr
sich leicht den SchluB ab, sein Todes-Wahn sei ein solcher guter
Traum, um so mehr, da gerade an den Kantate-Sonntagen die
Fortuna ihr Fruchthorn iiber ihn gehalten und umgestiirzet hatte,
um ihn mit einer Braut, einer Vokation und mit Zopfdukaten zu
beschutten. So wachsen dem Aberglauben die Federn, der Zufall
mag ihm dienen oder schaden.
Ein Staatssekretar, ein Friedens-Instrumentenmacher, ein No-
tarius, ein solcher Baugefangener am Pulte fuhlt es recht gut, wie
weit er unter einem Pfarrer sitze, der seine Anzugspredigt fertigt: 20
dieser (man sehe nur meinen Fixlein an) hockt dort — sprutzet
das Geader seines Predigt-Praparats mit bunter Dinte aus — hat
eine Spruchkonkordanz auf der rechten Seite, eine Liederkonkor-
danz auf der linken, kernet dort Kernspriiche aus, schneidet hier
Lieder-Blumen ab, um mit beiden sein homiletisches Backwerk
zu garnieren - zeichnet den feinsten Operationsplan hin, um
nicht etwa, wie ein Weltmann, das Herz einer Frau, sondern die
Herzen aller zuhorenden Weiber und der Manner ihre dazu zu
gewinnen — ziehet jeden vor dem Fenster vorbeifahrenden Bauer
mit in seinen Plan und sticht letztlich die Butter der weichen 30
glatten Haupt- und Kanzellieder aus dem Gesangbuch aus und
fettet damit bestens die schwarze Suppe der Predigt bei der Spei-
sung der 5000 Mann. —
Endlich kann er abends mit einem Herzen ohne Schuld auf-
stehen und abbrechen, weil die rote Sonne auf dem Schreibtisch
blendet, und kann zwischen schreienden Spatzen und Finken so
ACHTER ZETTELKASTEN 141
lange uber.die um die Pfarre gezognen Kirschenbaume nach
Abend schauen, bis nichts mehr am Himmel ist als ein mattes
Nachglimmen des Gewolkes. - Und wenn dann Fixlein die
Treppe unter dem Gebetlauten langsam hinuntergeht zur kochen-
den Mutter: so muBt' es nicht naturlich zugehen, wenn er nicht
alles recht und gut finden wollte, was drunten getan oder ge-
backen oder aufgetragen wurde.
Ein Sprung nach dem Abendessen ins SchloB - ein Blick in ein
gutes zartliches Auge - ein Wort ohne Falsch gegen eine Braut
io ohne Falsch - und eine sanft atmende Brust unter dem Deckbette,
in der nichts ist als das Paradies, eine Predigt und ein Abend-
gebet. . ... beim Himmel 1 damit will ich einen mythischen Gott zu-
friedenstellen, der seinen Himmel verlassen hat, um einen neuen
hier unter uns zu finden.
Kann ein Sterblicher, kann ein Ich im feuchten ErdenkloBe,
den der Tod bald zu Staub austrocknet, mehr in einer Woche
fodern, als Fixlein in sein Herz einschopfte? Ich sehe nicht ein,
wienach: ich sollte wenigstens glauben, wenn ein solches ein-
gestaubtes Wesen nach einer solchen Quaterne aus dem Lotto
20 des Zufalls noch etwas verlangen konnte, so war's hochstens die
Quinterne, namlich die Ein- oder Anzugspredigt selber. -
Und diesen Gewinst zog unser Zebedaus denn wirklich am
Sonntage: er predigte - er predigte einziehend - er tats vor dran-
genden knisternden Emporen, vor dem Vormund und vor dem
Herrn von Aufhammer, dem Namensvetter vom Pfarrer und
Hund - er weidete Beichtkinder, mit denen er sonst als Kind
das SchloBvieh auf die Weide klatschte, jetzt selber als Seelen-
Schmierschafer -er stand mit seinen FiiBen bis an die Knorren in
Kandidaten und Schulleuten wie in Gras, weil er heute (was sie
3o alle nicht dikfen) auf dem Altar mit der Atznadel des Fingers ein
groBes Kreuz in die Luft einsagen durfte^ Taufen und Kopulieren
nicht einmal gerechnet — Ich glaube, ich sollte mich weniger
bedenken, als ich tue, uber diese sonnenhelle Esplanade den
schmalen Grabesschatten ziehen zu lassen, den der Pfarrer darauf
warf, da er in der Nutzanwendung mit schweren nassen Blicken
in der stummen lauschenden Kirche umhersah, als wollt' er
142 LEBEN DES QUINTUS FIXLEIN
gleichsam in irgendeinem Kirchenstuhl oder in dem Beichtstuhl
den verstaubenden Lehrer seiner Jugend und dieser Gemeinde
suchen, der drauBen unter dem weiBen Grabesstein, der Kehr-
seite des Lebens, die Hiille seines frommen Herzens ablegte. -
Und als er, selber fortgeschwemmt von innern Stromen, unaus-
sprechlich erweicht durch die vierfache Erinnerung an seine
Todesfurcht an eben diesem Tage, an sein mit Blumen und Wohl-
taten durchbrochenes Leben, an seine unter seiner Kanzel ruhende
eingesargte Wohltaterin, als er da vor dem zerflossenen Ange-
sicht ihrer Freundin, seiner Thiennette, hingerissen und starr 10
und tranend von der Kanzel auf die Tike zur rittmeisterlichen
Familiengruft hinuntersah und sagte : »Habe Dank, du. fromme
Seele, fur alles, was du Gutes an dieser Gemeinde und an ihrem
neuen Lehrer getan, und der Staub deiner gottesfurchtigen und
menschenfreundlichen Brust lege sich einmal verklaret wie Gold-
staub um dein auferwecktes himmlisches Herz!« war da wohl ein
Auge in der Gemeinde noch trocken? Ihr Gatte schluchzete laut,
und ihre Geliebte, Thiennette, biickte das von trostlosen Erinne-
rungen niederfallende Haupt auf das Pult des Kirchenstuhls wie
Verwandte eines Trauergefolges. - 20
Kein schonerer Vormittag als dieser konnte einem Nachmittag
vorarbeiten, wo man sich auf ewig verlobt, und wo man die ge-
wechselten Ringe mit dem Ringe der Ewigkeit zusammenkettet.
AuBer dem Brautpaar war niemand dabei als ein altes Paar, die
Mutter und der lange Vormund..Der Brautigam setzte selber
eigenhandig den Ehekontrakt oder Ehezarter auf,.worin er ihr
seine ganze fahrende Habe - nicht etwan seine Handbibliothek,
sondern seine ganze Bibliothek, anstatt daB man im Mittelalter
den Edeltochtern nur einige Biicher zum Brautschatz gab - von
heute -an verhieB, - wogegen sie freilich genug zubrachte, nam- 30
lich einen ganzen Braut- oder Kammerwagen oder doch Kammer-
oder Brautkarren. Auf diesen Eliaswagen, mit dem Madchen in
den Bette-Himmel hinauffahren, waren geschlichtet: neun Pfund
Federn, nicht gelehrte, historische oder poetische Federn, noch
solche, die man tragt, sondern die kleinern, die uns selber tragen
— ein prachtiges Dutzend Patenteller und PatenlofTel samt einem
ACHTER ZETTELKASTEN 1 43
Fischloffel - von Seide nicht nur Striimpfe (wiewohl selber ein
Konig Heinrich II. von Frankreich nichts in Seide kleiden konnte
als sein Bein), sondern ganze Rocke - und Kleinodien und Mo-
blen von kleinerem Wert. Gute Thiennette ! auf dem Wagen dei-
ner Psyche liegt der wahre Brautschatz, namlich dein edles, sanf-
tes, bescheidenes Herz, die Morgengabe der Natur ! -
Der Pfarrer, der nicht aus MiBtrauen, sondern »Lebens und
Sterbens wegen« auf alle Dinge gern ein Notariatssiegel gehabt
hatte, dem keine Versicherung zuverlassig schien als eine hypo-
10 thekarische, und der iiber jedes Staubchen Belege, Quittungen
und Kontrakte abverlangte, hatte nun, als der Ehezarter zustande
war, ein leich teres Herz; und fur das Eingebrachte dankte der
gute Mann den ganzen Abend der Braut. Aber fur mich ware ein
Ehekontrakt etwas so Peinliches und Widersinniges - ich gesteh'
es aufrichtig, und riickte man immerhin mir deswegen meine
groBe Jugend vor — , als wenn ich meine Liebesbriefe erst von
einem kaiserlichen Notarius miiBte vidimieren und kontrasi-
gnieren lassen : beim Himmell die leichte Blume der Liebe, deren
Duft den Waagbalken nicht zieht, wie Tulpenzwiebeln, so auf
20 der Heuwaage der Justiz zu sehen, zwei Herzen auf der kalten
Rats- und Fleischwaage der Eltern und Advokaten, die in die
Schalen bloB Hauser, Felder und Zinn auftiirmen das mag
den Interessenten so wohltun wie dem trunknen Saugling und
Zogling einer Muse und der Philosophie, wenn er die Abend-
und Morgenandachten vor seiner Gottin in den Buchladen tragen
und nun die Andachten ins Geld setzen und an sie Kontrakte und
EllenmaB applizieren muB. —
Vom Kantate-Sonntag bis zur Himmelfahrt, d. h. zur Heim-
fahrt oder Hochzeit, sind anderthalb Wochen - oder anderthalb
30 selige Ewigkeiten. Wenn es schon ist, daB Nachte oder Winter
die Tags- oder Jahreszeiten der Freude ziemlich weit auseinander-
halten, wenn es z. B. schon ist, daB man nicht den Geburts-,
Namens-, Verlobungs-, Hochzeit- und Tauftag auf einem Tage
erlebt - denn bei den wenigsten fallt z. B. Hochieit- und Tauftag
wie Fest- und Aposteltag zusammen -: so ists noch schoner,
den Zwischenraum, die Blumenrabatte zwischen Verlobung und
144 LEBEN DES QUINTUS FIXLEIN
Hochzeit auBerordentlich weit zu machen. Vor dem Hochzeittag
sind die wahren Honigwochen — dann koramen die Wachs-
wochen — dann die Honigessigwochen.
Im neunten Zettelkasten schlagt der Pfarrer schon sein Braut-
bette auf - und ich will hier im achten nur kurz daruber weg-
fahren, wie es ihm bis dahin erging: natiirlicherweise himmlisch
genug. Es gliickt wenigen so wie ihm, schon vor der Hochzeit
so groBe Flugel und so groBe Blumen (auf die er fliegen kann) zu
haben, es gliickt wenigen, denk' ich, Mehl und Gefliigel selber
einzukaufen auf den besagten Tag, wie Fixlein tat - den Ver- 10
mahlungs-Truthahn mit Henkersmahlzeiten zu stopfen — alle
Abende in den Stall zu gehen, um nachzusehen, ob das hochzeit-
liche Schwein, womit der Vormund das Hochzeitgeschenk ge-
macht, noch steht und frisset — der kiinftigen Frau die Flachs-
Kammern und Kleiderschrank-Nischen auszusuchen im Hause —
neue Lagerbaume (nicht Lagerbier) im Pfarrkeller einzulegen
Winters wegen — vom Konsistorium sogleich und fiir weniges
Sundengeld die Dispensationsbulle, namlich den NachlaB der
dreimaligen Proklamation, in die Tasche zu bekommen - in
keiner Stadt zu wohnen, wo man zu jedem Narren (weil man 20
selber einer ist) schicken muB, um ihm zu eroffnen, man lasse
sich kopulieren, sondern in einem wmzigen Dorfchen, wo man
niemand etwas zu berichten hat als dem Schulmeister, damit er
spater laute und einen Kniepolster ans Altargelander breite.
O wenn der Ritter Michaelis behauptet hat, das Paradies ware
klein gewesen, damit sich die Menschen nicht auseinander ver-
liefen: so ist ja ein Dorf und seine Freude klein und eng, damit
doch ein etwaiger NachriB von Eden noch auf unserer Kugel
stehe.
Ich habe es nicht einmal angefuhret, daB tags vor der Hochzeit 30
der Regimentsquartiermeister ungerufen kam und das Schwein ab-
stach und gratis Wiirste machte, wie man noch an keinem Hofe aB.
Und doch, lieber Fixlein, schwamm auf diesem lindernden
fetten Freudenol obenauf noch umsonst eine Fruhlingssonne -
und Abendroten - und Blumenketten - und eine halbe berstende
Knospen-Welt! ...
NEUNTER ZETTELKASTEN 145
Wie benahmst du dich in diesen heiBen Strudeln der Lust? - Du
bewegtest deinen Fischschwanz (die Vernunft) und schriebest dir
damit eine rechtlaufige Bahn durch die Wogen vor. Denn schon
halb so viel wurde einen andern Pfarrer aus seiner Studierstube
fortgerissen haben; aber eben was unsern so begliickte, war der
Grenzhiigel der MaBigkeit, auf dem er wie eingewurzelt verblieb
und von da herab erblickte, was tausend andere verscherzen. Er
war, den SchloBfenstern gegeniiber, doch imstande, es auszuzah-
len, daB Amen in der Bibel hundertunddreiBigmal vorkomme.
jo Ja er stieB an sein altes gelehrtes Laboratorium noch einen neuen
chemischen Ofen an: er wollte nach Niirnberg und nach Baireuth
an die Senftischen Gebriider schreiben und ihnen seine Feder an-
tragen, sowohl fur die Kalender-Praktika hinten als fur einzelne
Aufsatze vornen unter jedes Monatskupfer, weil er in die Den-
kungsweise des gemeinen Mannes reformierend einzugreifen wil-
lens war Und da er jetzt als Pfarrer weniger zu tun hatte und
an den heiligen Ruhetag der Gemeinde sechs literarische Schop-
furigstage schlieBen korinte: so wollt' er (schon in diesen Fa-
schingswochen) in die noch ganz brach HegendeLandesgeschichte
20 von Hukelum seinen Pflug einsetzen und mit der Saemaschine
nachkommen
So rollen seine Minuten auf lauter Glucksradern iiber die
zwolf Tage, die der blinkende, mit kleinen Gliickssternen (statt
Gluckssonnen) musivisch ausgelegte Himmelsweg zum dritten
Himmel des dreizehnten sind, d. h. zum
Neunten Zettelkasten
oder zur Hochzeit
Geh auf, schoner Himmelfahrts- und Hochzeittag, und erfreue
auch Leser! Schmiicke dich mit dem reinsten Juwel, mit der
30 Braut, deren Seele so rein und glanzend ist wie ihre Hiille, so wie
zugleich die Perle und die Perlenmuschel schimmern und putzen !
- Und so dringt jeder Leser iiber das bluhende Spalier, dessen
I46 LEBEN DES QUINTUS FIXLEIN
Fruchthecke bisher unsern Liebling von seinem Eden trennte,
hinter ihm nach! -
Den 9ten Mai 1793 morgens urn drei Uhr fuhr wie ein Licht-
strahl ein helles Posthorn-Geschmetter durch die graue und dun-
kelrote Maien-Nacht : zwei gewundene Horner starreten zwischen
einer steifen Trompete, wie Fragezeichen zwischen Ausrufungs-
zeichen, aus einem Hause heraus, worin nur ein Beichtsohn (nicht
der Beichtvater) wohnte und anblies: das Beichtkind hatte nam-
lich die Hochzeit, die der Seelenhirt heute vorhatte, gestern ge-
halten. Der freudige Wildruf trieb den Pfarrer aus dem breiten 10
Bette - und den Pudel unten hervor, der schon seit einigen Wo-
chen aus dem gleiBend-gewaschenen Deckbette vertrieben war -,
und zwar so fruhe, daB er im abspiegelnden Betthimmel, in dem
er bisher jeden Morgen sein rotes Gesichtchen und sein Bett-
WeiBzeug observierte, alles nur dunkel und getuscht sehen konnte.
Ich gesteh* es, die neu-getunchte Stube und ein Abfarben des
Morgenrots an der Wand machten es hell genug, daB er seine
Beinkleiderschnallen konnte schimmern sehen. Er weckte darauf
seine Mutter leise - die Gaste sollten eben noch lange in ihren -
Federn bleiben -, und diese hatte die Stadtkochin zu wecken, die, 20
wie mehrere Hochzeitmoblen, der Stadt auf wenige Tage ab-
geliehen war. Er pochte vergeblich an zwei Tiiren ohne Antwort:
denn alles stand schon unten am Herde und kochte und schiirte
und ordnete.
O wie erquickend legt allmahlich der Friihlingstag den Non- ,
nenflor zuriick, und die Erde hellet sich auf, als war* es der Mor-
gen einer Auferstehung. - Die Quecksilber-Saule des Barometers,
die fuhrende Feuer-Saule der Wetter-Propheten, ruhet fest iiber
Fixleins Bundeslade. - Die Sonne hebt sich rein und kuhl ins
Morgenblau, statt ins Morgenrot. - Die Zugschwalben schieBen 30
kreuzend statt der Wolken durch die klingende Luft. . . . O der
gute Genius des schonen Wetters, der mehrere Tempel und Fest-
tage verdient (weil wir ohne ihn keine Feste haben), hob einen
atherreinen himmelblauen Tag gleichsam aus der quellenklaren
Atmosphare des Mondes aus und lieB ihn mit blauen Schmetter-
lingsschwingen - als war's ein blauer Montag - unter der Sonne
NEUNTER ZETTELKASTEN I47 "
schillernd im Zickzack des wollustigen Niederzitterns auf den
engen Raum der Erde niedersinken, den jetzt unsere feurigen
Phantasien'beschauen. . . . Und auf dem fruhlingshellen Raum
stehen in Blumen, auf die die Baume Bliiten statt der Blatter nie-
derschiitteln, eine Braut und ein Brautigam. . . . Glucklicher!
wie will ich dich malen, ohne die Seufzer der Sehnsucht in den
schonsten Seelen zu vermehren?
Aber gemachl wir wollen den Zauberkelch der Phantasie nicht
schon um sechs Uhr austrinken, sondern niichtern bleiben bis
10 gegen Abend!
In der Friihe des Gebetlautens ging der Brautigam, weil das
Getose der Zuriistungen sein stilles Beten aufhielt, in den Gottes-
acker hinaus, der (wie an mehrern Orten) samt der Kirche gleich-
sam als Pfarrhof um sein Pfarrhaus lag. Hier auf dem nassen
Griin, uber dessen geschlossene Blumen die Kirchhofsmauer noch
breite Schatten deckte, kiihlte sich seine Seele von den heifien
Traumen der Erde ab : hier, wo ihm die weiBe Leichenplatte sei-
nes Lehrers wie das zugefallene Tor am Janustempel des Lebens
vorkam, oder wie die nach der sturmischen Erde gekehrte Wet-
20 terseite der letzten Behausung, hier, wo ihm das aufgesprungene
metallene Turchen am gegitterten Kreuze seines Vaters die In-
schriften des Todes und das Sterbejahr seines Vaters aufdeckte
und alle darunter ins Blech geatzten Ermahnungen zu ernsthaften
Gedanken - da, sag* ich, wurde er weicher und ernster, als andere
an diesem Tage werden, und verrichtete seine Morgenandacht,
die er sonst las, auswendig,und bat Gott, ihn zu segnen in seinem
Amte und seiner Mutter das Leben zu fristen und zu seinem heu-
tigen Vorhaben sein Gedeihen zu geben. - Dann ging er iiber die
Graber hinauf in sein zaunloses Winkel-Blumengartchen und
30 driickte, beruhigt und auf die gottliche Obhut vertrauend, die
Stabe seiner Tulpen tiefer in die miirbe Erde ein.
Aber als er ins Haus kam: traf er alles im Schellengelaute und
in der Janitscharenmusik der hochzeitlichen Freude an - alle
Hochzeitgaste hatten die Nachtmiitzen heruntergetan und tran-
ken sehr - es wurde geplappert, gekocht, frisiert - Tee-Servicen,
Kaffee-Servicen und warme Bier-Servicen zogen hintereinander,
I48 LEBEN DES QUINTUS FIXLEIN
und Suppenteller voll Brautkuchen gingen wie Topfers-Scheiben
und Schopfrader urn. — Der Schulmeister probierte aus seinem
Hause mit drei Jungen ein Arioso heriiber und wollte nach deni
Ende der Singstunde seinen Vorgesetzten damit uberraschen. -
Aber dann fielen alle Arme der schaumenden Freudenstrome in-
einander, als die mit Herzen und Vexierblumen behangene Him-
melskonigin, die Braut, auf die Erde niederkam voll zaghafter
Freude, voll zitternder demiitiger Liebe - als die Glocken anfin-
gen — als die Marschsaule ausriickte - als sich das Dorf noch eher
zusammenstellte - als die Orgel, die Gemeinde, der Konfrater 10
und die Spatzen an den Baumen der Kirchenfenster die Wirbel
auf der Heerpauke des Jubelfestes immer langer schlugen. . . .
Das Herz wollte dem singenden Brautigam vor Freude aus der
Weste hiipfen, »daB es bei seinem Brauttage so ordentlich und
prachtig hergehe.« - BloB unter dem Kopulieren konnt* er ein
wenig beten.
Noch arger und lauter wurde alles unter dem Essen, als Paste-
ten und Marzipandevisen aufgemacht wurden - als Glaser und
krepierte Fische (unter der Serviette, um die Gaste zu erschrek-
ken) herumgingen - und als die Gaste aufstanden und selber 20
herumgingen und endlich herumtanzten : denn es war Instrumen-
talmusik aus der Stadt da.
Eine Minute iibergab der andern die Zucker-Streubuchse und
das Flaschenfutter der Lust — die Gaste horten und sahen immer
weniger, und die Beichtkinder fingen immer mehr an zu horen
und zu sehen und trieben sich gegen Abend wie einen Keil in die
ofTne Pfarrture - ja zwei Jungen wagten es sogar, mitten im
Pfarrhofe auf einem Brette, das quer iiber einem Zimmerbalken
lag, sich auf- und niederzuschaukeln. — Der glimmende Nebel der
zergangnen Sonne umrang drauBen die Erde, der Abendstern 30
blinkte iiber dem Pfarr- und Kirchhofe, niemand bemerkte es.
Inzwischen gegen neun Uhr hin - als schon die Hochzeitleute
die Brautleute vergaBen und allein forttranken oder forttanzten,
als die armen Menschen in diesem Sonnenschein des Schicksals,
wie die Fische im andern, aus ihrem naBkalten Elemente auf-
schnalzten, und als der Brautigam unter dem Stern des Glucks
NEUNTER ZETTELKASTEN 149
und der Liebe, der wie ein Komet einen langen Schweif durch
seinen Himmel warf, insgeheim seine mit ausgetrunknen Freu-
denbechern angefiillte Brust an seine Braut und an seine Mutter
angedriicket hatte da riegelte er einen Schnitt Hochzeitbrot
verstohlens in einen Wandschrank ein, in der alten aberglaubigen
Hoffnung, daB dieses Uberbleibsel flir die ganze Ehe Brot ver-
biirge. Da er zuriickkam mit groBerer Liebe fur die ewige Genos-
sin seines Lebens: so begegnete ihm diese mit seiner Mutter, um
ihm allein den Brautigamsschlafrock und das Brautigamshemde
10 nach alter Sitte zu schenken. Manche Gesichter erblassen in hef-
tigen Riihrungen, selber in freudigen: Thiennettens Wachs-
gesicht lag auf dieser Wachsbleiche unter der Sonne des Gliicks.
O falle niemals ab, du Lilie des Himmels, und vier Friihlinge statt
der vier Jahrszeiten schHeBen deine Bliitenglocken der Sonne auf
und zu ! - Alle Polypenarme seiner Seele zuckten schwimmend auf
dem Freudenmeer und wollten das zarte warme Herz der Gelieb-
ten umringen und es fest und weich umstrickt in seines ziehen
Er fuhrte sie aus dem schwiilen Tanzsaal in den kiihlenden
Abend. Warum legt der Abend, warum die Nacht heiBere Liebe
20 in unser Herz? Ists der nachtliche Druck der Hiilflosigkeit, oder
ists die erhebende Absonderung aus dem Lebensgewiihle, die
Verhiillung der Welt, worin der Seele nichts mehr bleibt als See-
len, ists darum, weswegen die Buchstaben, womit der geliebte
Name in unserem Innern steht, gleich als waren sie Phosphor-
Schrift, zu nachts brennend erscheinen, indes sie am Tage nur im
bewolkten UmriB rauchen? -
Er ging mit seiner Braut in den SchloBgarten : sie eilte schnell
durch das Schlofi und vor dessen Gesindstube voriiber, wo die
schonen Blumen des Jugendlebens unter einem langen Druckwerk
30 breit und trocken gepresset wurden, und ihre Seele tat sich groB
und atmend im freien offnen Garten auf, in dessen Blumenerde
das Schicksal den ersten Blumensamen ihres heutigenLebensflores
ausgeworfen hatte. Stilles Eden! Grimes, mit Bliiten zitterndes
Helldunkel! - Der Mond ruht unter der Erde wie ein Toter; aber
jenseits des Gartens sind der Sonne helle rote Abendwolken wie
Rosenblatter abgefallen, und der Abendstern, der Brautfiihrer der
I50 LEBEN DES QUINTUS FIXLEIN
Sonne, schwebt wie ein glanzender Schmetterling iiber dem Ro-
senrot und nimmt, bescheiden wie eine Braut, keinem einzigen
Sternchen sein Licht.
Die zwei Menschen kamen an die alte Gartners-Hiitte, die zu-
geschlossen und stumm mit finstern Stuben im Iichten Garten
stand, wie eine Vergangenheit in der Gegenwart. EntbloBtes Ge-
zweig der Baume verschrankte sich mit fetten halben Blattern
iiber dem dichten, sich durchgreifenden Laubwerk der Stauden. -
Der Friihling stand als Sieger neben dem zu FiiBen Hegenden Win-
ter. — Im blauen Teiche ohne Blut war ein dunkler Abendhimmel 10
ausgegraben, und sein AbfluB wasserte rauschend die Beete. — Die
Silberfunken derSternbilder sprangen auf demAltaredesMorgens
auf und fielen erloschen in das rote Meer des Abends nieder. —
Der Wind schwirrte wie ein Nachtvogel lauter durch die Bau-
me und gab der Akazienlaube Tone, und die Tone riefen den
Menschen, die in ihr einstmals gliicklich wurden, zu: »Trete
herein, neues Menschenpaar, und denk an das, was vergangen ist,
und an mein Verwelken und an deines, und sei heilig wie die
Ewigkeit, und weine nicht bloB vor Freude, sondern auch vor
Dankbarkeit!« - Und der Weinende zog die Weinende unter die 20
Bliiten und legte seine Seele wie eine Blume an ihr Herz und
sagte: »Beste Thiennette, ich bin unaussprechlich gliicklich und
mochte viel reden und kann doch nicht - ach, du Teuere, wir
wollen wie Engel, wie Kinder zusammenleben. - Wahrlich alles
will ich tun, was dich freuet; vor zwei Jahren hatt' ich ja nichts,
gar nichts, ach durch dich, du Liebe, bin ich so gliicklich. - Ich
sage nun du, du, du liebe Seele !« - Sie zog ihn enger an sich und
sagte, wiewohl ohne ihn zu kiissen : »Sagen Sie nur du, Teuerster l«
Und als sie wieder aus der heiligen Laube in den magisch-
dunkeln Garten traten, nahm er den Hut ab, erstlich urn innerlich 30
Gott zu danken, und zweitens weil er in den unaussprechlich-
schonen Himmel schauen wollte.
Sie kamen vor dem rauschenden leuchtenden Hochzeithause
an ; aber ihre erweichten Herzen suchten Stille auf, und fremdes
Anstreifen storte, wie am bliihenden Wein, die Blumen-Vermah-
lung der Seelen : sie kehrten lieber wieder um und wandten sich
ZEHNTER ZETTELKASTEN 151
in den Gottesacker hinauf, urn ihre Riihrungen zu bewahren.
GroB stand auf Grabern und ^Bergen die Nacht vor dem Herzen
und machte es groB. Ober dem weiflen Turm-Obeliskus ruhte der
Himmel blauer und dunkler, und hinter ihm flatterte der abge-
dorrte Gipfel des niedrigern Maienbaums mit entfarbter Fahne.
Da erblickte der Sohn das Grab seines Vaters, auf dem der Wind
die kleine Ture des metallenen Kreuzes knarrend auf- und zu-
schlug, um das auf Messing eingeatzte Jahr seines Todes lesen zu
lassen. — Eine heiBeWehmut ergriff mit heftigen Tranenstromen
10 sein losgerissenes Herz und trieb ihn an den verfallenen Hiigel,
und er fiihrte seine Braut an das Grab und sagte : »Hier schlaft er,
mein guter Vater — schon im zweiunddreiBigsten Jahre ging er
hier ein zur ewigen Ruhe. - O du guter, teuerer Vater, konntest
du doch heute die Freude deines Sohnes sehen wie meine Mutter!
- Ach du bester Vater, deine Augenhohle ist leer und deine Brust
voll Asche, und du siehst uns nicht.« - Er verstummte. - Die be-
drangte Braut weinte laut, sie sah die morschen Sarge ihrer Eltern
aufgehen und die zwei Toten sich aufrichten und sich umschauen
nach ihrer Tochter, die so lange von ihnen verlassen auf der Erde
20 blieb. - Sie sturzte an sein Herz und stammelte: »0 Teuerer, ich
habe weder Vater noch Mutter, verlaB mich niemals.«
O du, der du noch einen Vater oder eine Mutter hast, danke
Gott an dem Tage dafiir, wo deine Seele voll Freudentranen ist
und eine Brust bedarf, an der sie sie ver^ieBen kann
Und mit dieser edeln Umarmung am Grabe eines Vaters
schlieBe sich heilig dieser Freudentag! -
Zehnter Zettelkasten
Der Thomas- und Geburtstag
Der Autor ist eine Art Bienenwirt fiir den Leser-Schwarm, dem
30 zu Gefallen er die Flora, die er fur ihn halt, in verschiedene Zeiten
verteilt und die Aufbliite mancher Blumen hier beschleunigt,
dort verschiebt, damit es in alien Kapiteln bliihe. -
I 52 LEBEN DES QUINTUS FIXLEIN
Die Gottin der Liebe und der Engel des Friedens fuhrten das
Ehepaar auf Steigen, die iiber voile Auen liefen, durch den Friih-
ling und auf FuBpfaden, die in hohen Kornfeldern verborgen
waren, durch den Sommer — und der Herbst streuete ihnen, als
sie auf den Winter losgingen, seine marmorierten Blatter unter.
Und so kamen sie an vor der niedrigen dunkeln Pforte des Win-
ters, voll Leben, voll Liebe, zuversichtlich, zufrieden, gesund
und rot.
Am Thomastag hatte Thiennette wie der Winter ihren Ge-
burtstag. Wir wollen gerade, wenn in der nahen Kirche das Sin- 10
gen aufhort, urn 9V4 in das Pfarrhaus. durch die Fenster gucken.
Es ist nichts darin auBer die alte Mutter, die den ganzen Tag,
weil sie der Sohn auBer Arbeit und zur Ruhe gesetzt, herum-
schleicht und bohnt und bugelt und scheuert und wischt; - jedes
gelockte Stuhlbein und jeder Messingnagel des in Wachstuch ge-
kleideten Tisches gleiBet; - alles hangt, wie bei alien Eheleuten
ohne Kinder, am rechten Platze, Biirste und Fliegenklatsche und
Kalender; - die Sessel sind von der Stuben-Polizei in ihre ver-
jahrten Winkel verteilt; - ein mit dem Diadem oder der Scharpe
eines himmelblauen Bandes umwickelter Flachsrocken stent am 20
Ritterbette, weil heute am halben Feiertage gesponnen werden
kann; - die banderbreiten Papierabschnitzel, worauf Predigt-
Dispositionen kommen, liegen weiB neben den zugeschnittenen
Predigten selber, namlich neben den Oktav-Heften dazu, denn
der Pfarrer und sein Arbeitstisch sind der Kalte wegen aus der
Studier- in die Wohnstube heruntergezogen ; - seine groBe MufT-
Wamme hangt neben dem reinen Brautigamsschlafrock - was wir
in der.Stube vermissen, ist bloB er und sie, Denn er predigte sie
heute in die bloBe Aposteltagskirche hinein, damit ihre Mutter
ohne Zeugen - auBer die paar tausend Leser, die mit mir ins 30
Fenster sehen - die Proviantbackerei und den ganzen Kiichen-
wagen des Geburtsfestes beschicken und das beste Tischzeug und
Eingemachte ungesehen auftragen konnte.
Der Seelensorger hielt es fur keine Siinde, die Kirchleute so
lange zu ermahnen und aufzurichten und zu bedrohen, bis er
dachte, die Suppe dampfe iiber die Teller. Dann fiihrte er die
ZEHNTER ZETTELKASTEN I 53
Neugeborne nach Hause und stellte sie plotzlich vor den Altar
mit Speisopfer, vor einen suBen Buchdruckerstock aus Brot-
torte, worauf ihr Name mit echter Monchsschrift aus Gaumbuch-
staben von Mandeln eingebacken war. Im Hintergrunde der Zeit
und der Stube verberg* ich gleichwohl noch zwei - Flaschen
Pontak.- Wie schnell werden am Strahle der Freuden deine Wan-
gen reif, Thiennette, als dein Eheherr feierlich sagte : »Es ist heute
dein Geburtstag, und der Herr segne dich und behiite dich und
lasse sein Angesicht iiber dich leuchten und schenke dir zur
io Freude deiner Schwiegermutter und deines Mannes insbesondere
ein gluckliches frohliches Kindbette, Amen !« - Und da Thien-
nette sah, daB die alte Frau alles dieses selber gekocht und auf-
getragen hatte : so fiel sie ihr um den Hals, als wenn es ihre Mutter
gewesen ware.
Riihrung besiegt den Appetit. Aber Fixleins Magen war so
stark wie sein Herz, und keine Art Bewegung wurde iiber seine
peristaltische Herr. Getrank ist der Gelenksaft der Zunge, wie
Essen ihr Hemmschuh. Aber friiher, als bis er manches gegessen
und gesagt hatte, schenkt' er nicht ein. Dann hob er die Teich-
20 Docke von Kork aus der Bouteille und lieB den geistreichen Wei-
her ab. Die sieche Mutter eines noch in ihr Leben gehiillten Men-
schen heftete in der verlegnen Riihrung ihre dankbaren Augen
bloB auf die alte Frau und konnte kaum zanken, daB er ihrent-
wegen in die Stadt zum Weinhandler geschickt hatte. Er nahm
in jede Hand fur jede, die er liebte, ein Glas und reichte es der
Mutter und der Frau und sagte: » Auf dein langes, langes Leben,
Thiennette! - Und auf Ihr Wohlergehen, Mama! - Und auf eine
recht gliickliche Geburt unsers Kleinen, wenn mir Gott einen
schenkt !« — »Mein Sohn,« sagte die Kunst-Gartnerin, »aber auf
30 dein langes Leben miissen wir hauptsachlich trinken, weil wir
von dir erhalten werden. - Gott mache dich ja alt!« - fiigte sie
beklommen hinzu, und ihre Augen verrieten ihr Herz.
Ich habe nie von dem schrankenlosen Flattersinne des weib-
lichen Geschlechtes eine lebhaftere Vorstellung als zur Zeit, wo
eine Frau den Engel des Todes unter ihrem Herzen tragt, und
doch in den neun Monaten voll Todesanzeigen keinen groBern
154 LEBEN DES QUINTUS FIXLEIN
Gedanken hat als den an ihre Gevattern und an das, was bei der
Taufe gekocht werden soil. Aber du, Thiennette, hattest edlere
Gedanken, obwohl jene auch mit. - Der noch eingehiillte Lieb-
ling deines Herzens ruhte vor deinen Augen wie ein kleiner, auf
einen Grabstein gebildeter Engel, der mit seiner kleinen Hand
immer auf dein Sterbejahr hinzeigte, und jeden Morgen und jeden
Abend dachtest du mit einer GewiBheit des Todes, von der ich
die Gninde noch nicht weiB, daran, daB die Erde eine dunkle
Baumannshohle ist, wo das Menschenblut wie Tropfstein, indem
es tropft, Gestalten aufrichtet, die so fluchtig blinken, und so m
fruh zerflieBen! - Und das wars eben, warum deine Tranen un-
aufhaltsam aus deinen sanften Augen quollen und alle deine
angstlichen Gedanken an dein Kind verrieten; aber du machtest
den traurigen ErguB deines Herzens durch die Umarmung wie-
der gut, worin du mit neuer entzundeter Liebe an deinen Gatten
fielest und sagtest: »Es gehe, wie es will, Gottes Wille geschehe,
wenn nur du und mein Kind am Leben bleiben — aber ich weiB
wohl, daB du mich, Bester, so sehr liebest wie ich dich.« . . . Lege
deine Hand, Mutter, voll Segen auf sie; und du, gutes Schicksal,
ziehe deine niemals ab von ihnen ! - 20
Ich stehe zwar voll Riihrung und voll Gluckwiinsche neben
dem Kusse zweier Freundinnen und neben der Umarmung von
zwei tugendhaften Liebenden, und aus dem Feuer ihrer Altare
fliegen Funken in mich; aber was ist diese Erwarmung gegen die
sympathetische Erhebung, wenn ich zwei Menschen, gebuckt
unter einerlei Burden, verknupft zu einerlei Pflichten, angefeuert
von derselben Sorge fiir einerlei kleine Lieblinge, einander in
einer schonen Stunde an die uberwallenden Herzen fallen sehe!
Und wenn es vollends zwei Menschen tun, die schon die Trauer-
schleppe des Lebens, namlich das Alter, tragen, deren Haare und 30
Wangen schon ohne Farbe, deren Augen ohne Feuer sind und
deren Angesicht tausend Dornen zu Bildern der Leiden aus-
gestochen haben, wenn diese sich umfangen mit so muden alten
Armen und so nahe am Abhange ihrer Graber, und wenn sie
sagen oder denken: »Es ist an uns alles abgestorben, aber doch
unsere Liebe nicht — o wir haben lange miteinander gelebt und
ZEHNTER ZETTELKASTEN I}5
gelitten, nun wollen wir auch zugleich dem Tode die Hande ge-
ben und uns miteinander wegfiihren lassen«: — so rufet alles
in uns aus: o Liebe, dein Funke ist uber der Zeit, er glimmt
weder an der Freude noch an der Rosenwange, er erlischt nicht,
weder unter tausend Tranen noch unter dem Schnee des Alters
. noch unter der Asche deines - Geliebten. Er erlischt nie; und du
Allgutiger, wenn es keine ewige Liebe gabe, so gab' es ja gar
keine ! . . .
Dem Pfarrer ward es leichter als mir, sich einen Obergang vom
10 Herzen zum Magen zu bahnen. Er trug jetzt Thiennetten, deren
1 Stimme sich sogleich erheiterte - indes ihr Auge einmal urns an-
dere zu glanzen anfing -, sein Vorhaben vor, das Frostwetter zu
beniit2en und so viel ins Haus einzuschlachten, als sie haben:
»Das Schwein kann kaum mehr aufstehen«, sagt* er und bestimmte
den EntschluB der Weiber, ferner den Metzger und den Tag
und die Zahl der Schlachtschusseln : er besprach alles mit einer
Piinktlichkeit, mit der die Kriegsinnung (welche den Trokar der
uberfullten Menschheit, namlich das Marsschwert ansetzt) einen
Tag vorher zu Werke geht, ehe sie eine Provinz ins Hatz- und
20 Schlachthaus treibt.
Darauf fing er an, ganz froh uber Winters-Anfang, der heute
um acht Uhr zweiundzwanzig Minuten morgens eingetreten war,
zu tun und zu reden, »weil es doch wieder«, sagt* er, »stark aufs
Friihjahr losgehe, und man morgen nicht so viel Licht verbren-
nen diirfe als heute.« Die Mutter fiel ihn zwar mit dem Gewehr
ihrer funf Sinne an ,* aber er hielt ihr die astronqmischen Tabellen
entgegen und bewies, die Zunahme des Tages sei ebenso unleug-
bar als unmerkbar. Letztlich fragte er wie die meisten Amt- und
Eheleute nichts darnach, ob ihn seine Weiber fasseten oder nicht,
30 und benachrichtigte sie in juristisch-theologischer Einkleidung:
»heute nachmittags schieb* ers nicht mehr auf, sondern hake
beim hochpreislichen Konsistorium, welches jus circa sacra habe,
um einen neuen Knopf fur den Kirchturm an, um so mehr, da er
bis auf das Friihjahr eine reichliche milde Beisteuer von der Par-
ochie herausgebettelt zu haben verhoffe.« - »Wenn uns Gott
den Friihling erleben lasset« (setzte er auBerst frohlich hinzu)
I56 LEBEN DES QUINTUS FIXLEIN
»und du gliicklich niederkommst : so konnt* ich alles so disponie-
ren, daB der Knopf gerade aufgesetzet wiirde, wenn du deinen
Kirchgang hieltest, AIte!«
Darauf riickte er den Stuhl leicht vom Schenk- und Nachtisch
an den Arbeitstisch und versaB den halben Nachmittag an der
Supplik urn den Turmknauf. Da er noch ein wenig Zeit bis zur
Dammerung hatte, so setzte er das Arbeitszeug an sein neues ge-
lehrtes Opus an. Es stand namlich bei Hukelum im Schnee drau-
Ben ein Zehntel von einem alten RaubschloB, das er im Herbste
alle Tage wie ein revenant besucht hatte, um es auszuklaftern, ich- 10
nographisch zu silhouettieren, jeden Fensterstab und jeden restie-
renden Anwurf desselben genau zu Papier zu bringen. Er glaubte,
er hoffe nicht zu viel, wenn er dadurch - und durch einige Zeich-
nungen der weniger steil- als waagrechten Mauern - seinem
»Architektonischen Briefwechsel zweier Freunde iiber das Huke-
lumische RaubschloB« jene letzte Hand und Reife zu erteilen
meine, die Rezensenten zufriedenstellet. Denn er hatte gegen die
kritischen Reichsgerichte der Rezensenten nichts von derjenigen
Verachtung, die einige Schriftsteller wirklich besitzen - oder nur
affektieren wie z. B. ich. Aus dem umgefallenen Raub-Louvre 20
wuchsen fiir ihn mehr Freudenblumen als sonst vielleicht aus
dem aufrechtstehenden fiir den Eigner.
Es ist meines Wissens noch eine unbekannte Anekdote, daB
alles dieses niemand zu verantworten hat als Buscking. Fixlein
stoberte unlangst in dem Kirchenbriefgewolbe ein Handschrei-
ben auf, worin der Geograph sich Spezialberichte vomDorfe aus-
bat. Biisching erwischte freilich nichts - daher mangelt wirklich
das ganze Hukelum noch seiner Erdbeschreibung -; aber dieser
verpestete Brief steckte Fixleins Herz mit dem anhaltenden Fruh-
lingsfieber der Ruhmsucht an, so daB sein pulsierendes Herz nur 30
mit dem Lukaszettel einer Rezension zu stillen und zu halten war.
Mit der Schriftstellerei ists wie mit der Liebe: man kann beide
jahrzehentelang zugleich begehren und entraten; ist aber einmal
der erste Funke von ihnen in dein Pulverlager gefallen: dann
brennts fort bis ans Ende.
BloB Winters- Anfang wegen muBte heute eine besonders war-
ZEHNTER ZETTELKASTEN I 57
me Stube gertiacht werden, die er wie groBe Miiffe und Baren-
miitzen mehr liebte, als man dachte. Die Dammerung, dieses
schone Chiaroscuro des Tages, diesen farbigen Vorgrund der
Nacht, dehnte er so lang wie moglich aus, um darin auf Weih-
nachten zu - studieren; und doch konnt' es seine Frau ohne Be-
denken wagen, ihm gerade, wenn er mit dem umgehangenen
Saetuch voll gottlichen Worts-Samen die Stube auf- und abging,
einen Loffel voll Bieressig vorzuhalten, damit er ihn dem Gau-
men anprobierte, ob er abzugieBen sei von der Essigmutter. LieB
io er denn nicht sogar, ob er gleich Rogner lieber speiste, allemal
einen Milchner aus der Heringstonne ziehen, nur der geliebten
Frau wegen? -
Jetzt kam Licht; und da gerade der Winter seine Glasmalerei
auf den Scheiben anfing, seine Eis-Blumenstucke und seinen
Schnee-Baumschlag: so sah der Pfarrer, es sei Zeit, etwas Kaltes
zu lesen, was er seine kalte Kiiche nennte, namlich die Beschrei-
bung eines entsetzlich-frostigen Landes. Dasmal wars die Win-
tergeschichte der vier russischen Matrosen auf Nova Zembla. Ich
meines Orts hefte im Sommer, wenn der wiihlende Zephyr Blu-
20 tenglocken aufblaht, die Landkarten und Aufrisse von Welsch-
und Morgenland noch als neue Landschaften an die, worin ich
sitze. Und doch nahm er heute noch die Stadtchronik von Flach-
senfingen zur Hand, um mitten unter den Schiissen, Pestilenzen,
Hungersnoten, Kometen mit Ian gen Scharpen und dem Rauschen
aller Hollenflusse des dreiBigjahrigen Kriegs mit einem Ohre
nach der Gesindestube hinzuhoren, wo man den Krautsalat fur
seinen Entenbraten zerschneidet.
Gute Nacht, Alter! ich bin matt. Der gute Himmel schicke dir
im Friihjahr 1794, wenn die Erde ihre Menschen wie kostbare
30 Nachtraupen auf Blattern und Blumen herumtragt, den neuen
Turmknopf und einen dicken wohlgestalteten - Buben dazul
I58 LEBEN DES QUINTUS FIXLEIN
ElLFTER ZETTELKASTEN
Friihling - Investitur — und Niederkunft
Ich stehe von einem wunderbaren Traume auf; aber der vorige
Kasten macht ihn natiirlich. Mir traumte: alles griine - alles dufte
- ich schaue nach einem unter der Sonne blitzenden Turmknopf
hinaus, ruhend im Fenster eines weiBen Gartenhauschens, die
Augenlider voll Blumenstaub, die Achseln voll diinne Kirschen-
bliiten, die Ohren voll Gesumse des benachbarten Bienenstandes.
— Darauf trete langsam zwischen die Rabatten der hukelumische
Pfarrer und steige ins Gartenhaus und sage feierlich zu mir: 10
wWohlgeborner Herr, eben ist meine Frau von einem Knablein
entbunden worden, und ich unterfange mich, Dieselben zu bit-
ten, an solchem das heilige Werk zu verrichten, wenn es in den
SchoB der Kirche aufgenommen wird.« —
Ich Tuhr ganz natiirlich auf, und der - Pfarrer Fixlein stand
noch leibhaftig neben meinem Bette und bat mich zu Gevatter:
denn Thiennette war heute nachts urn 1 Uhr niedergekommen.
Die Geburt war darum so glucklich als wie in einem Gebarhause
voriibergegangen, weil der Vater schon etliche Monate darauf ge-
dacht hatte, den sogenannten Klapperstein, der im Horste des 20
Adlers gefunden wird, beizuschafFen und Geburtshulfe damit zu
leisten: denn dieser Stein verrichtet in seiner Art alles, was die
Mlitze eines alten Minoriten in Neapel, von dem Gorani erzahlt,
an solchen KreiBenden erzwingt, die sie aufsetzen
- Ich konnte den Leser noch langer kranken; aber ich lasse
willig nach und decke ihm die Sachen auf.
Einen solchen Mai wie den diesjahrigen (von 1794) hat die
Natur bei Menschengedenken nicht - angefangen : denn wir ha-
ben erst den funfzehnten. Leute von Einsichten muBten sich seit
Jahrhunderten jedes Jahr einmal argern, daB die deutschen San- 30
ger Mailieder machten, da andere Monate eine poetische Nacht-
musik weit eher verdienen; und ich bin oft so weit gegangen,
daB ich den Sprachgebrauch der Marktweiber angriff und statt
Maibutter Juniusbutter sagte, desgleichen nur Junius-, Marz-,
EILFTER ZETTELKASTEN I 59
Aprillieder. - Aber du, diesjahriger Mai ! verdienest alle Lieder
auf deine rauhen Namensvettern auf einmal ! - Beim Himmel I
wenn ich jetzt aus der gaukelnden helldunkeln Akazienlaube des
SchloBgartens, in der ich dieses Kapitel schreibe, heraustrete in
den weiten lebendigen Tag und zum warmenden Himmel auf-
sehe und iiber seine unter ihm aufquellende Erde : so tut sich vor
mir der Friihling wie ein voiles kraftiges Gewitter mit einem
blauen und griinen Glanze auf. - Ich sehe die Sonne am Abend-
himmel in Rosen stehen, in die sie ihren Strahlenpinsel, womit sie
io heute die Erde ausgemalet, hineinwirft - und wenn ich mich ein
wenig umsehe in ihrer Gemaldeausstellung: so ist ihre Schmelz-
malerei auf den Bergen noch heiB - auf dem nassen Kalk der
nassen Erde trocknen die Blumen mit Saftfarben gefiillt, und an
den Bachen die VergiBmeinnicht mit Miniaturfarben — unter die
Glasur der Strome hat die Majerin ihr eignes Auge gefasset, und
die Wolken hat sie wie ein Dekorationsmaler nur mit wilden Um-
rissen und einfachen Farben gezeichnet; und so steht sie am Rande
der Erde und blickt ihren groBen, vor ihr stehenden Friihling an,
dessen Faltenwurf Taler sind, dessen Brustbouquet Garten und
20 dessen Erroten ein Friihlingsabend ist und der, wenn er sich auf-
richtet, der - Sommer wird.
Aber weiter! In jedem Friihling - und in einem solchen gar —
gen' ich zu FuBe den Zugvogeln entgegen und verreise den hypo-
chondrischen Bodensatz des Winters. Ich glaube aber nicht, daB
ich nur den Turmknopf von Hukelum, der in einigen Tagen ab-
gehoben wird, geschweige die Pfarrleute gesehen hatte, war' ich
nicht beim flachsenfingischen Superintendenten und Konsisto-
rialrat gewesen. Bei diesem kundschaftete ich Fixleins Lebens-
lauf - jeder Kandidat muB seinen an das Konsistorium liefern -
30 und sein noch tolleres Bittschreiben um den Turmgiebel aus,
Ich ersah mit Vergnugen, wie lustig der Kauz in seinem Enten-
pfuhl und Milchbad von Leben schnalze und platschere - und
nahm mir die Reise zu seinem Ufer vor. Es ist sonderbar, d. h.
menschlich, daB wir originelle Menschen und originelle Biicher
dasganzejahr langwunschen und preisen: haben und sehen wir
sie aber, so erziirnen sie uns - sie sollen uns ganz anstehen und
l6o LEBEN DES QUINTUS FIXLEIN
schmecken, als ob das eine andere Originalitat konnte als unsere
eigene.
Es war Sonnabends, den dritten Mai, daB ich, der Superinten-
dent, der Senior capituli und einige weltliche Rate aufbrachen
und einstiegen und uns in zwei Wagen vor die Haustiire des
Pfarrers bringen lieBen. Die Sache war: er war noch nicht - in-
vestierety und morgen sollt' ers werden. Ich dachte nicht, als wir
am weiBen Spalier des SchloBgartens vorbeifuhren, daB ich darin
ein neues Werkchen schreiben wiirde.
Ich sehe den Pfarrer noch in seinem Periicken-Grauwerk und 10
Kopfgehause an die Wagentiire anspringen und uns herausziehen
- so lachelnd - so verbindlich - so eitel als aufmerksam auf die
herausgezogne Fracht. - Es schien, als hatt' er den Reiseflor des
Schmerzes auf der Lebensreise gar niemals umgenommen — und
Thiennette schien ihren niemals zuriickgeschlagen zu haben. Wie
war alles im Hause so nett, aufgeschmiickt und poliert ! Und doch
so still, ohne das verdammte Sturmlauten der Bedientenglocken
und ohne die faulen Trommelbasse des Treppen-PedalierensI -
Indes die Herren im obern Zimmer anstandig saBen, zog ich nach
meiner Art wie ein Geruch im ganzen Hause herum, und mem 20
Weg fuhrte mich durch die Wohnstube, liber die Kiiche und end-
lich in den Kirchhof am Hause. Guter Sonnabend, ich will deine
Stunden, so gut ich kann, mit schwarzem Judenpech von Dinte
in die Uhrblatter fremder Seelen zeichnen! — In der Wohnstube
hob ich vom Schreibtisch einen an Riicken und Ecken vergol-
deten Band mit dem Riickendekret : »Heilige Reden von Fixlein,
erste" Sammlung« auf - und da ich nach dem Druckort sehen
wollte, war die heilige Sammlung geschrieben. Ich fiihlte die
Schreibspulen an und tunkte in die Negerschwarze der Dinte ein
— und ich befand, daB alles ganz gut war: bei herumfliegenden 30
Gelehrten, die nur ein Departement der auswartigen Angelegen-
heiten haben und keines der innern, ist auBer einigen andern Din-
gen nichts schlechter als Dinte und Federn. Auch fand ich eine
Kupferplatte, auf die ich wieder zuruckkommen werde. -
In der Kiiche, die man zum Schreiben eines englischen Romans
nicht notiger hat wie zum Spielen eines deutschen, konnt' ich
EILFTER ZETTELKASTEN l6l
mich neben Thiennetten stellen und mit schiiren helfen und in
ihr Gesicht und in ihr Kochfeuer zugleich sehen. Ob sie gleich in
der Ehe war, wo weiBe Rosen auf den Wangen zu roten werden -
worin die Madchen einem Gleichnis in der Note1 gleichen -, und
obgleich das Bratenholz eine erlogene Schminke auf sie warf : so
erriet ich doch, wie blaB sie ungefahr sonst gewesen war, und
meine Ruhrung iiber ihre Farbe stieg durch den Gedanken an ihre
Biirde noch hdher, die ihr heute nachts das Schicksal nicht so-
wohl abgenommen als bloB in ihre Arme und naher an ihr Herz
io geleget hat. Wahrlich ein Mann muB nie liber die mit einer Ewig-
keit bedeckte Schopfungsminute der Welt nachgesonnen haben,
der nicht eine Frau, deren Lebensfaden eine verhiillte unendliche
Hand zu einem zweiten spinnt, und die den Obergang vom Nichts
zum Sein, von der Ewigkeit in die Zeit verhiillt, mit philosophic
scher Verehrung anblickt; - aber noch weniger muB ein Mann je
empfunden haben, dessen Seele vor einer Frau in einem Zustande,
wo sie einem unbekannten ungesehenen Wesen noch mehr auf-
opfert als wir den bekannten, namlich Nachte, Freuden und oft
das Leben, sich nicht defer und mit groBerer Ruhrung biickt als
20 vor einem ganzen singenden Nonnen-Orchester auf ihrer Sara-
wuste; und schlimmer als beide ist einer, dem nicht seine Mutter
alle andere Mutter verehrungswiirdig macht. -
»Es ist dir weiter nicht dienlich, arme Thiennette,« (dacht* ich)
»daB sich jetzt unter dem VollgieBen deines bittern Kranken-
kelches die larmenden Feste haufen.« Die Investitur und die
Knopf-Erhohung meint' ich. Mein Rang, dessen Diplom der
Leser in den »Hundsposttagen« eingeheftet findet und der sonst
der ihrige war, hetzte mir ein Heer zuriickhaltender, verlegner
und schwankender AuBerungen von ihr auf den Hals, die ich
3o mit Muhe zerstreuete, und womit allemal die Leute vor Hohern
oder Niedern aufziehen, zu denen sie sonst gehort hatten. Ich
konnte weder mit ihr noch mit ihm den Sonnabend und Sonntag
recht ins Geleise kommen, bis die andern Herren fort waren. Die
alte Mutter wirkte, wie dunkle Ideen, stark und fortdauernd, aber
1 Dem Friihling namlich, der mit weiften Schneeblumen anfangt, und mit
Rosen und Nelken schlieBet.
l6l LEBEN DES QUINTUS FIXLEIN
ohne sich zu zeigen : das wird durch ihre abgottische Scheu vor
uns erklart und zum Teil durch einen stillen Kummer, der sich
wie eine Wolke in ihr (wahrscheinlich iiber die Niederkunft ihrer
Schwiegertochter) aufzog.
Ich kreuzte, solange das Mond-Achtel noch flimmerte, auf dem
Gottesacker herum und milderte meine Phantasien, die zu leicht
mit dem Braun zerbrockelter Mumien malen, nicht nur durch das
Abendrot, sondern auch durch die Erwagung, wie leicht unser
Aug und Herz sich sogar mit den Triimmern des Todes ver-
sohne, eine Erwagung, zu der mir der pfeifende Schulmeister, der 10
das Gebeinhaus auf morgen ordnete, und die singende Pfarrmagd
verhalf, die Graber abgrasete. Warum wollen wir uns diese An-
gewohnung an alle Gestalten des Schicksals nicht auch auf die
andere Welt von unserer Natur und von unserem Erhalter ver-
sprechen? -Ich blatterte die Leichensteine durch und denke noch
jetzt, der Aberglaubige1 hat recht, der dem Lesen derselben Ver-
lieren des Gedachtnisses beilegt: - allerdings vergisset man tau-
send Dinge dieser Erde
Die Investitur am Sonntage, dessen Evangelium vom guten
Hirten auf den Aktus paBte, mu6 icn kurz abfertigen, weil alles 20
Erhabene die Redseligkeit nicht Ieideh kann. Ich werde aber doch
das Wichtigste mitgeteilet haben, wenn ich berichte, daB dabei
getrunken wurde - im Pfarrhaus -, gepauket - im Chor -, vor-
gelesen - vom Senior die Vokation, vom weltlichen Rate das
Ratifikationsreskript - und gepredigt - vom Konsistorialrate,
der den Seelsorger nahm und ihn der Gemeinde und diese jenem
prasentierte, gab und zusicherte. Fixlein fiihlte, er gehe als ein
Hoherpriester aus der Kirche, in die er als ein Landpfarrer gekom-
men war, und hatte den ganzen Tag nicht das Herz, einmal zu
fluchen. Wenn der Mensch feierlich behandelt wird, so sieht er 30
sich selber fur ein hoheres Wesen an und begeht sein Namensfest
mit Andacht.
Dieses Aufdingen, diesen KlosterprofeB ordnen die geistlichen
Oberrabbi und Logemeister - die Superintendenten - sonst
1 Dieser christliche Aberglaube ist nicht blofl ein rabbinischer, sondern
auch ein romischer. Cicero de Senectute.
EILFTER ZETTELKASTEN 163
gerne an, wenn der Pfarrer schon einige Jahre der Gemeinde vor-
gestanden ist, der sie ihn vorzustellen haben, wie die ersten Chri-
sten die Einweihung und Investitur zum Christentum, die Taufe,
gern in den Tag ihres Todes verlegten; - ja ich glaube nicht ein-
mal, daI3 die Investitur etwas von ihrem Nutzen verlore, wenn sie
und das Amtsjubilaum auf einen Tag aufgesparet wiirden, um so
mehr, da dieser Nutzen ganz in dem besteht, was Superintendent
und Rate teils schmausen, teils kriegen.
Erst gegen Abend lernten wir beide uns kennen. Die Investi-
10 tur-Offizianten und Hebungsbedienten hatten namlich den gan-
zen Abend sehr — geatmet. Ich meine so: da die Herren aus den
altesten Meinungen und neuesten Versuchen wissen muBten,
Luft sei nichts .als verdiinntes, auseinandergeschlagenes Wasser:
so konnten sie doch leicht erraten, daB umgekehrt Wasser nichts
sei als eine dickere Luft. Und Weintrinken ist nichts als das At-
men einer zusammengekelterten, mit einigen Wohlgeruchen be- '
streueten Luft. Nun kann in unsern Tagen nicht genug (fliissiger)
Atem von geistlichen Personen geholet werden durch den Mund,
da ihre Verhaltnisse ihnen das Atmen durch die kle'tnern Poren
20 untersagen, das Abernethy unter dem Namen Luftbad so anemp-
fiehlt : soil denn der Speiseschlund bei ihnen etwas anders sein als
der Wand- und Turnachbar der Luftrohre, der Mitlauter, der
NebenschoBling der letztern? - Ich verlaufe mich: ich wollte be-
richten, daB ich abends der namlichen Meinung zugetan war, daB
ich aber diese Luft oder diesen Ather nicht wie jene zum lauten
Gelachter verbrauchte, sondern zum stillern Beschauen des Le-
bens. Ich lieB sogar gegen meinen Gevatter einige Reden schieBen,
die Gottesfurcht verrieten, welches er anfangs fur SpaB nehmen
wollte, weil er wuBte, ich ware von Hofe und Rang. Aber der
30 Hohlspiegel des Weinnebels hing mir endlich die Bilder meiner
Seele vergroBert und verkorpert als Geister-Gestalten mitten in
die Luft hin. - Das Leben schattete sich mir zu einer eiligen Jo-
hannisnacht ein, die wir schieBende Johanniswiirmchen glim-
mend durchschneiden - ich sagte zu ihm, der Mensch miiBte sich,
wie die Blatter der groBen Malve, in den verschiedenen Tags-
zeiten seines Lebens bald nach Morgen, bald nach Abend richten,
164 LEBEN DES QUINTUS FIXLEIN
bald in der Nacht gegen die Erde und gegen ihre Graber zu - ich
sagte, die Allmacht des Guten trieb' uns und die Jahrhunderte
den Toren der Stadt Gottes zu, wie der Widerstand des Athers
nach Euler die umkreisende Erde der Sonne zuftihrt usw.
Er hielt mich dieses Einschiebessens wegen fur den ersten
Theologen seiner Zeit und hatte von mir, wenn er Kriege hatte
anfangen miissen, vorher Gutachten eingeholt, wie sonst krieg-
fiihrende Machte von den Reformationstheologen. Ich verhalte
mir aber doch nicht, das, was die Pfarrer Eitelkeit der Erde nen-
nen, ist etwas ganz anders, als was die Philosophic so nennt. Als 10
ich ihm vollends eroflnete, ich schamte mich nicht, ein Autor zu
sein, sondern beschriebe dieses und jenes Leben, und ich hatte
seine eigne Biographie beim Herrn Superintendenten zu Gesichte
bekommen und ware imstande, daraus eine gedruckte zu fertigen,
falls er mir mit einer und der andern Fleischfarbe zu Hiilfe kom-
men wollte: so war bloB meine Seide, die leider nicht bloB gegen
das elektrische Feuer, sondern auch gegen ein besseres isoliert,
das Gitter, das sich zwischen mich und seine Arme stellte: denn
er war wie die meisten armen Landpastoren nicht imstande, ir-
gendeinen Rang zu vergessen oder seinen mit dem hohern zu zo
verquicken. Er sagte: »er wurd* es venerierlich erkennen, wenn
ich seiner im Drucke gedachte; aber er befahre zu sehr, sein
Leben sei zu einer Beschreibung zu gemein und zu schlecht.«
Gleichwohl machte er mir die Schublade seiner Zettelkasten auf
und sagte, er glaube mir damit vorgearbeitet zu haben.
Die Hauptsache aber war, er hofFte, seine errata, seine exer-
citationes und seine Briefe iiber das RaubschloB wiirden, wenn
ich vorher ihnen den Lebenslauf ihres Verfassers vorausschickte,
besser aufgenommen, und es ware so vielj als begleitete ich sie
mit einer Vorrede. 3°
Kurz ich blieb, als den Montag die andern Herren mit ihrem
Nimbus wegdampften, allein bei ihm als Niederschlag sitzen -
und sitze noch fest, d. h. vom fiinften Mai an bis (das Publikum
sollte den Kalender von 1794 neben sich aufgeschlagen hinlegen)
zum funfzehnten - heute ist Donnerstag, morgen ist der sech-
zehnte und Freitag und die sogenannte Spinatkirmes und die
EILFTER ZETTELKASTEN 1 65
Aufziehung des Turmknopfes, die ich nur abzuwarten vorhatte,
eh* ich g'inge. Jetzt geh* ich aber nicht, weil ich Sonntags den
Taufbund als Tauf-Agent fur mein Patchen schlieBen muB. Wer
mir gehorcht und den Kalender aufgeschlagen hat, der kann sich
leicht vorstellen, warum mans auf den Sonntag verschiebt: es
fallet da jener denkwiirdige Kantatesonntag ein, der einmal in
unserer Geschichte wegen seiner narrischen, narkotischen Schier-
lings-Krafte- jetzt aber nur wegen der schonenVerlobung wichtig
ist, die man nach zwei Jahren mit einer Taufe zelebrieren will.
10 Ich bin zwar nicht imstande - aus Armut an Farben und Pres-
sen - , die weiche duftende Blumenkette von vierzehn Tagen, die
sich hier um mein krankes Leben ringelt, aufs Papier abzufarben
oder abzupressen; aber mit einem einzigen Tage kann ichs ver-
suchen. Ich weiB wohl, der Mensch kann weder seine Freuden
noch Leiden erraten, noch weniger kann er sie wiederholen, im
Leben oder Schreiben.
Die schwarze Stunde des KofTees hat Gold im Munde fur uns
und Honig: hier in der Morgenkuhle sind wir alle beisammen,
wir halten populare Gesprache, damit die Pfarrerin und die Kunst-
20 gartnerin sich darein mischen konnen. Der Friihgottesdienst in
der Kirche, worin oft das ganze Volk1 sitzt und singt, wirft uns
auseinander. Ich marschiere unter dem Glockengelaute mit mei-
nem Stachel-Schreibzeug in den singenden SchloBgarten und
setze mich in der frischen Akazienlaube an den betaueten zwei-
beinigen Tisch. Fixleins Zettelkasten nab* ich schon in der Tasche
bei mir, und ich darf nur nachschauen und aus seinen nehmen,
was in meine taugt. Sonderbar! so leicht vergisset der Mensch
eine Sache iiber ihre Beschreibung: ich dachte jetzt wahrlich
nicht ein wenig daran, daB ich ja eben auf dem zweibeinigen Lau-
30 bentische, von dem ich rede, jetzt alles dieses schreibe.
Mein Gevatter arbeitet unterdessen auch fiir die Welt. Seine
Studierstube ist die Sakristei, und der PreBbengel 1st die Kanzel,
die er braucht, um die ganze Welt anzupredigen : denn ein Autor
ist der Stadtpfarrer des Universums. Ein Mensch, der ein Buch
macht, hangt sich schwerlich; daher sollten alle reiche Lords-
1 Denn funfzehn Personen machen nach den Juristen schon eines.
l66 LEBEN DES QUINTUS FIXLEIN
Sonne fur die Presse arbeiten: denn man hat doch, wenn man zu
friih im Bette erwacht, einen Plan, ein Ziel und also eine Ur-
sache vor sich, warum man daraus steigen soil. Am besten fahret
dabei ein Autor, der mehr sammelt als erfindet - weil das letztere
mit einem angstlichen Feuer das Herz kalzinieret — ; ich lobe den
Antiquar, Heraldiker, Notenmacher, Sammler, ich preise den
Titelbarsch (ein Fisch, namens perca diagramma, wegen seiner
Buchstaben auf den Schuppen) und den Buchdrucker (ein Speck-
kafer, namens scarabaeus typographus, der in die Rinde der Kien-
baume Lettern wuhlt) - beide braucheri keinen groBern oder :
schonern Schauplatz der Welt als den auf dem Lumpenpapier
und keinen andern Legestachel als einen spitzigen Kiel, um damit
ihre vierundzwanzig Lettern-Eier zu legen. - In Rucksicht des
rasonierenden Katalogs, den der Gevatter von deutschen Druck-
fehlern machen will, sagt' ich ihm einige Male : »er ware gut und
griinde sich auf die Regel, nach der man ausgezahlet hat, daB
z. B. zu einem Zentner Cicero-Fraktur vierhundertundfunfzig
Punkte, dreihundert SchlieBquadratchen etc. notig sind; aber er
sollte doch in politischen Schriften und in Dedikationen nach-
rechnen, ob fur einen Zentner Cicero-Fraktur nicht funfzig Aus- :
rufungszeichen viel zu wenig waren, so wie sechstausend Spatia
in philosophischen Werken und in Romanen.«
An manchen Tagen schrieb er nichts; sondern steckte sich in
den Schlauch und Rauchfang seines Priesterrocks und HeB im
Ornate driiben beim Schulmeister die wenigen ^c-Schutzen, die
nicht wie andere Schiitzen des Friihlings wegen auf Urlaub wa-
ren, in der Fibel exerzieren. Er tat nie mehr als seine Pflicht, aber
auch nie weniger. Es iiberlief sein Herz mit einer gelinden War-
me, daB er, der sonst unter einem Scholarchat sich duckte, jetzt
selber eines war. 3
Um zehn Uhr begegnen wir uns aus unsern verschiedenen
Museen und besichtigen das Dorf und besonders die biographi-
schen Moblen und heiligen Orter, die ich gerade diesen Morgen
unter meiner Feder oder meinem Storchschnabel gehabt, weil ich
sie mit mehr Interesse nach meiner Beschreibung betrachte als
vor ihr. —
EILFTER ZETTELKASTEN \6j
Dann wird gespeiset.
Nach dem Tischgebet, das zu lang ist, tragen wir beide die
Karitativsubsidien oder Kammerzieler und milden Spenden, wo-
mit die Eingepfarrten dem Religions- und Tilgungsfond des
Gotteskastens beispringen wollen zum Kauf des neuen Turm-
globus, in doppelte Handelsbiicher ein: das eine davon wird mit
dem Namen der Kollatoren oder - hat einer auch fur seine Kin-
der dotiert — mit der Ietztern ihrem in eine bleierne Kapsel ein-
gesargt und in den Turmknopf aufgebahrt; das andere bleibt un-
io ten, bei der Registratur. Es ist nicht zu beschreiben, welche Liefe-
rungen die Ehrbegierde, in den Knopf hinaufzukommen, macht -
ich beteure, Bauern, die schon gut gegeben hatten, steuerten noch
einmal, wenn sie taufen lieBen : der Junge sollte auch in den Knopf.
Nach dieser Buchhaltung stach der Gevatter in Kupfer. Er war
so gliicklich gewesen, herauszubringen, daC aus einem Zuge, der
einem umgekehrten lateinischen S gleichsieht, alle Anfangsbuch-
staben der Kanzleischrift so schon und so verschlungen, als sie in
Lehr- und Adelsbriefen stehen, herauszuspinnen sind. »Bis Sie
sechzig zahlen,« sagt' er zu mir, »hab' ich aus meinem Stammzuge
20 einen Buchstaben gemacht.« Ich kehrte es bloB um und zahlte so
lange sechzig, bis er ihn hin hatte. Diese Schonheitslinie, in alle
Buchstaben verzogen, will er durch Kupferplatten, die er selber
sticht, fur die Kanzleien gemeiner machen, und ich darf dem rus-
sischen, dem preuBischen Hofe und auch einigen kleinern in sei-
nem Namen HofTnung zu den ersten Abdriicken machen : fur ex-
pedierende Sekretare sind sie unentbehrlich.
Nun wird es Abend, und es ist Zeit, vom gelehrten Baum des
Erkenntnisses, auf dem wir beide mit Obstbrechern halsbrechend
herumgabeln, wieder hinabzurutschen in die Feld-BIumen und
30 Grasereien der landlichen Freude. - Wir warteten aber doch, bis
die emsige Thiennette, die wir nun als eine Mutter Gottes in unser
Wesen zogen, keine andere Gange mehr hatte als die zwischen
uns. - Wir schritten dann langsam - die Kranke war matt - durch
die Wirtschaftsgebaude, d. h. durch Stalle und deren Inven-
tariums-maBige Schweizerei und vor einer abscheulichen Lache
voll Enten voriiber und vor einem Milchkeller voll Karpfen, de-
l68 LEBEN DES QUINTUS FIXLEIN
nen beiden wir, ich und die andern, wie Fursten Brot gaben, weil
wir sie am Sonntage nach der Taufe - zum Brote selber verspei-
sen wollten.
Dann wurde der Himmel immer freundlicher und roter, die
Schwalben und die Blutenbaume immer lauter, die Hauserschat-
ten breiter - und der Mensch vergniigter. Die Blutentrauben der
Akazienlaube hingen in unsere kalte Kuche, und die Schinken
waren nicht — welches mich allemal argert - mit Blumen besteckt,
sondern damit von weitem beschattet
Dann macht mich der tiefere Abend und die Nachtigall wei- ;
cher; und ich erweiche wieder die sanften Menschen um mich,
besonders die blasse Thiennette, der oder deren Herzen die hefti-
gen Freudenschlage nach den apoplektischen Lahmungen einer
gedriickten Jugend schwerer werden als die Regungen der Weh-
mut. Und so rinnt unser transparentes reines Leben schon unter
dem Bluten-Oberhang des Maies hinweg, und wir schauen im be-
scheidenen Genusse scheu weder voraus noch zuruck, wie Leute,
die Schatze heben, sich auf dem Hin- und Herwege nicht um-
blicken.
So gehen unsere Tage voriiber. - Nur der heutige war anders: ;
sonst sind wir um diese Zeit schon mit dem Nachtmahl fertig,
und der Pudel hat schon die Knochen-Praparate unsers Soupers
zwischen den Kinnbacken; aber heute sitz* ich noch allein im
Garten hier und schreibe den eilften Kasten und gucke jeden
Augenblick auf die Wiesen hinaus, ob mein Gevatter nicht
kommt.
Er ist namlich in die Stadt gegangen, um ein ganzes Waren-
lager von Gewiirzen zu holen: er hat weite Rocktaschen. Ja er
macht kein Geheimnis daraus, daB er manchen Fleischzehenten
bloB in der Rocktasche vom Vormund, bei dem sein Absteig- 3
quartier ist, heimtrage, wiewohl freilich Umgang mit der feinern
Welt und Stadt und die daraus fliefiende Sittenbildung - denn er
geht zum Buchhandler, zu Schulkollegen und zu geringern Stadt-
leuten - weit mehr als das Fleischholen die Absicht seiner Stadt-
reisen ist. Er machte mich heute am Morgen zum regierenden
Haupt des Hauses und gab mir die Faszes und den Thronhimmel.
EILFTER ZETTELKASTEN 169
Ich saB den ganzen Tag bei der Wochnerin und hatte ordentlich,
bloB weil mich der Mann als seinen Ehe-Figuranten dagelassen,
die schone Seele lieber. Sie muBte dunkle Farben nehmen und
mir die Winterlandschaft und Eisregion ihrer verjammerten
Jugend zeichnen; aber ich machte oft ihr stilles Auge durch ein
leichtes elegisches Wort wider mein Vermuten naB, weil das noch
von keiner empfindsamen Druckpresse ausgekelterte ubervolle
Herz beim geringsten Andruck UberfloB. Hundertmal wollt' ich
unter ihrem Berichte sagen: o ja eben deswegen fing Ihr Leben
10 zugleich mit dem Winter an, weil es so viele Ahnlichkeiten mit
ihm erhalten sollte. - Du windstiller, wolkenloser Tag! noch drei
Worte iiber dich wird mir doch die Welt nicht ubernehmen?
Ich kam immer naher ans Herzens-Zentralfeuer der Weiber zu
stehen; und sie zogen letzlich milde iiber den Pfarrer los: die
besten Weiber verklagen oft gegen einen Fremden ihre Manner,
ohne sie darum im geringsten minder zu lieben. Mutter und Frau
meisterten es unter dem Essen, daB er aus jeder Biicherauktion
Opera erstehe; und in der Tat haschte und rang er nicht sowohl
nach guten oder schlechten Biichern - oder nach alten - oder
20 neuen - oder solchen, die er las - oder nach Lieblingsbiichern -
sondern bloB nach Biichern. Die Mutter schalt es hauptsachlich,
daB er so viel in Kupferplatten verschleudere : einige Stunden
darauf machte sie den fur den Turmknopf Geldprastationen lei-
stenden SchultheiB, der eine herrliche Hand schrieb, darauf auf-
merksam, wie gut ihr Sohn steche, und es lohne der Miihe, bei
solchen Anfangsbuchstaben einen Groschen nicht anzusehen.
Sie trugen mir darauf- denn wenn die Weiber einmal im offen-
herzigen ErgieBen sind, so schiitten sie (nur muB man nicht den
Zapfhahn der Fragen umdrehen) gern alles aus - ein Ringkast-
30 chen hin, worin er einen gefundnen Kammerherrnschliissel kon-
servierte, und fragten mich, ob ich nicht wiiBte, wer ihn verloren.
Wer will das wissen, da es beinahe mehr Kammerherren als
Dieteriche gibt? -
Endlich fassete ich Herz, auch nach dem Schrankchen des Er-
trunknen zu fragen, das ich bisher im ganzen Hause vergeblich
gesucht. Fixlein selber inquirierte fruchtlos darnach. Thiennette
I7O LEBEN DES QUINTUS FIXLEIN
gab der Alten einen zuredenden Wink voll Liebe, und ich wurde
von dieser zu einem ausgespreizten Reifrock hinaufgefiihrt, der
das Schrankchen uberbauete. Unterweges sagte die Mutter, sie
hielten es vor ihrem Sohne versteckt, weil ihn das Angedenken
an seinen Bruder schmerzen wiirde. Als wir diese Depositenkasse
der Zeit, woran das Schlofi abgerissen war, gedffnet hatten, und
als ich in dieses Gebeinhauschen voll Trummer einer kindlichen
spielenden Vorzeit geschauet hatte : setzt' ich mir, ohn' ein Wort
zu sagen, vor, diese Spielwaren der Gebriider Fixlein noch vor
meiner Abreise vor dem lebenden auszupacken: konnt' es denn 10
etwas Schoners geben, als die uberschiitteten eingesunknen her-
kulaneischen Ruinen der Kindheit ausgegraben zu erblicken und
frei an der Luft? -
■ Die Wochnerin lieB schon zweimal bei mir fragen, ob er zu-
ruckgekommen. Er und sie haben gegeneinander, eben weil sie
ihrer Liebe nicht den schwachenden Ausdruck durch Phrasen,
sondern den starkenden durch Taten geben, eine unaussprech-
liche. Andere Brautleute nagen einander die Lippen und das Herz
und die Liebe durch Kiissen ab, wie von Christi Statue in Rom
(von Angelo) der FuB durch Kiissen abgegangen, den man des- 20
wegen mit Blech versehen; bei andern Brautleuten kann man die
Zahl ihrer Entziindungen und Ausbriiche, wie beim Vesuv die
der seinigen, deren noch dreiundvierzig sind, voraus ansagen: -
aber in diesen Menschen stieg das griechische Feuer einer maBi-
gen und ewigen Liebe auf, warmte, ohne Funken zu versprengen,
und loderte aufrecht, ohne zu knistern. - Jetzt schlaget magischer
die Abend lohe aus den Fenstern der Gartnershutte in meine Lau-
be, und mir ist, als miiBt* ich zum Schicksal sagen : »Hast du einen
scharfen Schmerz, so wirf ihn nur lieber in meine Brust und ver-
schone damit drei gute Menschen, die zu gliicklich sind, um nicht 30
daran zu verbluten, und zu eingeschrankt auf ihr kleines dunkles
Dorf, um nicht zuriickzufahren vor dem Wetterstrahl, der ein
erschiittertes Ich aus der Erde iiber die Wolken reifiet.« —
Du guter Mann! jetzt kommt er eilig iiber die Pfarrwiesen.
Welche schmachtende Blicke voll Liebe ruhen schon im Auge
deiner Thiennette! - Was wirst du uns heute Neues aus der -
ZWOLFTER ZETTELKASTEN 171
Stadt mitbringen! - Wie wird dich morgen der aufsteigende
Turmknopf laben ! -
ZwOLFTER ZETTELKASTEN
Turmknopfs-Aszension - das Schrankchen
Wie heute, den sechzehnten Mai, der alte Knopf vom Hukelumer
Turm abgedrehet und ein neuer ihm aufgesetzet worden, das will
ich jetzt bestens beschreiben, aber in jenem einfachen historischen
Stile der Alten, der vielleicht groBen Begebenheiten am besten zu-
sagt.
10 Sehr friih kamen in einem Wagen derHerr Hofvergolder Zeddel
und der Schlossermeister Wdchser und die neue Peters-Kuppel
des Turmes an. Gegen acht Uhr lief die Gemeinde zusehends zu-
sammen, die aus Nutritoren des Knopfes bestand. Ein wenig spa-
ter trafen Herr Dragonerrittmeister von Aufhammer als Patro-
natsherr der Kirche und des Turms und der Gotteshausvor-
steher Streichert ein. Hierauf begaben ich und mein Herr Gevat-
ter Fixlein uns samt den Personen, die ich schon genannt habe, in
die Kirche und hielten da vor unzahligen Zuhorern eine Wochen-
Betstunde. Sodann erschien mein Herr Gevatter oben auf der
20 Kanzel und suchte eine Rede zu halten, die der feierlichen Hand-
lung angemessen war; - er verlas nach ihr sofort die Namen der
Gonner und guten Seelen, durch deren Gratiale der Knopf zu-
sammengebracht worden, und zeigte der ganzen Gemeinde die
bleierne Biichse vor, worin sie namentlich war, und bemerkte,
das Buch, woraus er sie abgelesen, werde bloB in die Pfarregistra-
tur beigelegt. Darauf hielt ers fiir notig, ihr und Gott zu danken,
daB er zum Entrepreneur eines solchen Werks wider sein Ver-
dienst ausersehen worden. Das Ganze beschloB er mit einem kur-
zen Gebet fiir den Schieferdecker Steckmann, der schon auBen
30 am Turm hing und den alten Schaft ablosete, - und bat, daB er
nicht den Hals oder sonst ein GliedmaB brechen moge. Nun
wurde ein geistliches Liedchen gesungen, das die meisten auBen
vor der Kirche mitsangen, weil sie schon zum Turm hinaufsahen.
172 LEBEN DES QUINTUS FIXLEIN
Nun kamen wir auch alle heraus, und der abgedankte Knopf,
gleichsam der abgeschnittene Hahnenkamm des Turmes, wurde
niedergesenkt und abgebunden. Der Gotteshausvorsteher Strei-
chert zog ein bleiernes Besteck aus dem miirben Knopf, das mein
Herr Gevatter zu sich steckte, um es gelegentlich durchzulesen ;
ich aber sagte zu einigen Bauern: »Sehet, so werden sich euere
Namen auch erhalten im neuen Knopfe, und wenn er nach spaten
Jahren heruntergezogen wird: so ist die Biichse darin, und der
damalige Pfarrer lernt euch alle kennen.« - Und nun wurde der
neue Turmglobus mit dem Blei-Napf, worin sich die Namen der 10
Umstehenden aufhielten, sozusagen voll geladen und saturieret
und ans Zugseil geheftet - und jetzt machte sich der bisher der
Pfarrgemeinde aufgesetzte Schropf kopf in die Hohe
Beim Himmel! jetzt ist der ungeschmuckte Stil eine Sache
auBer meinem Vermogen - denn als der Knopf riickte, schwebte,
stieg: trommelte es mitten im Turm, und der Schulmeister, der
vorher aus dem gegen die Gemeinde gerichteten Schalloch her-
niedergesehen hatte, stieB jetzt mit einer Trompete zu einem ein-
samen Seiten-Schalloch heraus, vor dem der steigende Knopf
nicht vorbeizog. - Aber als der ganze Kirchsprengel zappelte und 20
jubelte, je hoher das Kapitell seinem Halse kam - und als es der
Schieferdecker empfing und herumdrehte und der Spitze gluck-
lich inkorporierte - und als er eine Baurede, an den Knopf sich
lehnend, zwischen Himmel und Erde, auf diese und auf uns alle
herunterhielt - und als meinem Gevatter vor Wonne, der zeitige
Pfarrer zu sein, die Tranen in den Priesterornat herabliefen: so
war ich der einzige - wie seine Mutter die einzige -, in deren
Seelen ein gemeinschaftlicher Kummer eingrifT, um sie zu pressen
bis aufs Bluten: denn ich und die Mutter hatten, was ich nachher
weitlauftiger sagen werde, gestern im Kastchen des Ertrunknen 30
von seines Vaters Hand gefunden, daB er ubermorgen, am Kan-
tate- und Taufsonntag, - zweiunddreiBig Jahre alt werde. - O
(dacht* ich, indem ich den blauen Himmel, die grlinen Graber,
den glimmenden Knopf, den weinenden Pfarrer anschauete), so
steht der arme Mensch allemal mit zugebundenen Augen vor
deinem scharfen Schwerte, unbegreif liches Schicksal ! Und wenn
DREIZEHNTER ZETTELKASTEN I73
du es aufziehest und schwingest, ergotzet ihn das Pfeifen und
Wehen desselben kurz vor dem Schlage! -
Schon gestern wuBt' ichs; aber ich wollte dem Leser, den ich
von weitem darauf bereitete, nichts von der traurigen Nachricht
sagen, dafi ich im Schrankchen des untergegangnen Bruders eine
alte Hausbibel, worin die Jungen buchstabieren lernten, mit
einem weiBen Buchbinderblatte gefunden, auf das der Vater die
Geburtsjahre seiner Kinder geschrieben hatte. Und eben dieses
gab dir, du arme Mutter, zeither den Kummer, den wir kleinern
10 Ursachen beimaBen, und dein Herz stand bisher mitten in dem
Regen, der uns schon voriibergezogen und in einen Regenbogen
verwandelt zu sein schien! - Nur aus Liebe zu ihm hatte sie jahr-
lich einmal gelogen und sein Alter verdeckt. Recht glucklicher-
weise machten wir den Schrank ohne sein Beisein auf. Ich habe
noch immer die Absicht, ihm nach dem fatalen Sonntage mit dem .
bunten Nachlasse seiner Kindheit und mit alten Christgeschen-
ken neue zu machen. Indes wenn wir nur, ich und die Mutter,
ihm morgen und iibermorgen unablassig wie Angelschwimm-
federn und FuBblocke nachriicken, damit kein morderischer Zu-
zo fall den Vorhang vor seinem Geburtsschein lufte: so ist es schon
zu machen. Denn jetzt wiirde freilich das Geburtsdatum seinen
Augen im metamorphotischen Spiegel seiner aberglaubigen
Phantasie und hinter dem vergroBernden Zauberdunst seiner
jetzigen Freuden wie eine rote Todes-Unterschrift entgegen-
brennen. . . . Aber noch dazu sitzt das Blatt aus der Bibel schon
hoher als wir alle, namlich im neuen Turmknopf, in den ichs
heute vorsichtig eingeschoben habe. Eigentlich hats gar keine
Not.
Dreizehnter Zettelkasten
30 Tauftag
Heute ist der einfaltige Kantatesonntag: aber es ist nichts mehr
von ihm noch da als eine Stunde. - Beim Himmel! vergniigt
waren wir heute sehr. Ich glaube, ich habe so gut getrunken wie
174 LEBEN DES QUINTUS FIXLEIN
ein anderer. - Man sollte sich aber freilich in allem maBigen, im
Schreiben, Trinken und Freuen; und wie man den Bienen Stroh-
halme in den Honig legt, damit sie nicht in ihrem Zucker ertrin-
ken, so sollte man allezeit einige feste Grundsatze und Zweige
vom Baume des Erkenntnisses in seinen Lebenssirup statt jener
Strohhalme werfen, damit man sich darauf erhielte und nicht
darin wie eine Ratte ersoffe. Ich will aber jetzt im Ernste ordent-
lich — schreiben (und auch leben) und daher, um kalter den Tauf-
aktus zu referieren, mein Feuer mit Nachttau ausgieBen und noch
eine Stunde hinauslaufen in die mit Bliiten und Wellen gestickte 10
Nacht, wo ein lauer Morgenwind sich diiftetrunken aus Bluten-
gipfeln auf gebogne Blumen herunterwirft und uber Wiesen
streicht und endlich auf eine Woge fliegt und auf ihr den schim-
mernden Bach herunterfahrt. O drauBen unter den Sternen, un-
ter den Tonen der Nachtigall, die nicht am Echo, sondern an den
fernen herabschimmernden Welten zuriickzuschlagen scheinen,
neben dem Monde, den der sprudelnde Bach am gestickten ge-
wasserten Bande fortzieht und der unter die kleinen Schatten des
Ufers wie unter Wolken einkriecht, o unter solchen Gestalten
und Tonen wird der Mensch ernst, und wie das Abendlauten 20
sonst erklang, um den Wanderer durch die groBen Waldungen
in die Nachtheimat zuriickzuweisen, so sind in der Nacht solche
Stimmen in uns und um uns, die uns aus unsern Irrgangen rufen
und die uns stiller machen, damit wir unsere Freuden maBigen
und fremde malen konnen. . .
Ich komme ruhig und kiihl genug zurtick zur Erzahlung. Ge-
stern HeB ich meinen Gevatter, wie eine alte Niirnbergerin ihren
Juden, keine Stunde aus den Augen, damit ich ihn vor der Brun-
nenvergiftung seines eignen Lebens beschiitzte. Er gab voll Va-
terfreude und mit dem Skelett der Predigt in der Hand, die er auf 30
heute memorierte, alles her, Fischhamen, Zinnschrankschiisseln
und Gewurzbuchsen, und machte mich auf die Fruchtkorbchen
voll Freuden aufmerksam, die der Kantatesonntag allemal fur ihn
pfliickte und fiillte. Er zahlte mir, weil ich nicht wegging, seine
DREIZEHNTER ZETTELKASTEN I75
Kindtaufsgerichte vor, seine Amtsfalle, seine Verwandten und
benahm mir meine Unwissenheit in den ofTentlichen Einkiinften
- seiner Pfarre, in der Volksmenge der Beichtkinder und der
kunftigen Katechumenen. Hier aber bin ich in der Angst, daB
mancher Leser sich vergeblich hinsetzen und es doch nicht her-
ausbringen werde, warum ich zu Fixlein sagte : »Herr Gevatter,
besser wird sichs wohl kein Mensch wiinschen.« Ich log nicht;
denn es ist so Man lese aber die Note.1
Endlich ging der Sonntag auf, der heutige, und es wurde an
10 diesem heiligen Tage, bloB weil mein Patchen zum Christentum,
obwohl ohne eine groBere niirnbergische Konvertitenbibliothek
als die Taufagende, iibertreten wo lite, ein groBer Larm gemacht:
sooft sich jemand bekehrt, zumal Volker, so wird gelarmt und
geschossen; ich berufe mich auf zwei dreiBigjahrige Kriege, auf
den neuern und auf den, den Karl ebensolange mit den heidni-
schen Sachsen fiihrte; so schieBet die Sonne im Palais royal bei
ihrem Durchgang durch den Mittagszirkel eine Kanone los. Aber
gerade nach dem kleinen Unchristen, nach meinem Patchen,
wurde am Morgen am wenigsten gefragt; weil man wegen der
20 Taufe keine Zeit hatte, an den Tauf ling zu denken. Daher setzte
ich allein.mit ihm den halben Vormittag herum und erteilte ihm
unterweges im Fluge die Nottaufe, indem ich ihn fruher Jean
Paul nannte als der Taufer. Mittags lieBen wir das Rindfleisch
wegtragen, wie es gekommen war: die Gliickssonne hatte alien
Magensaft aufgetrocknet. Nun sahen wir uns nach Pracht um, ich
nach kiinstlichen Verkropfungen an meiner Haar-Baute, das Pat-
chen nach dem Taufhemde und die Kindbetterin nach einer Vi-
sitenhaube. Noch ehe man die Kinderklapper des Taufglock-
chens schuttelte, stellten ich und die Hebamme neben dem Bette
30 der Mutter auf dem Gesichte des kleinen Nichtchristen physio-
gnomische Reisen an und brachten davon die Entdeckung mit,
daB einige Ziige der Mutter und viele feste Teile mir nachgebos-
selt waren, welche doppelte Ahnlichkeit den Leser nicht interes-
1 Hier ist eine lange philosophische Erlauterung unentbehrlich, die man
unter dem Titel Naturliche Magie der Einbildungskraft in diesem Buche
antriffr.
I76 LEBEN DES QUINTUS FIXLEIN
sieren soil. Jean Paul sieht nach seinen Jahren schon auBerordent-
lich gescheut aus, oder vielmehr nach seinen Minuten, denn ich
rede vom kleinen. —
Jetzt indent' ich aber fragen; welcher deutsche Schriftsteller
getrauete sich wohl, ein groBes historisches Blatt aufzuspannen
und vollzumalen, auf dem wir alle standen, wie wir in die Kirche
zogen? MiiBt' er nicht den Kindesvater entwerfen, mit ausgebiir-
stetem Priesterornate, langsam, andachtig und gcriihrt einher-
gehend? — Hatt' er nicht den Gevatter zu skizzieren, der heute
seinen Namen ausleihen will, welchen er von zwei Aposteln her 10
hat (von Johannes und Paulus), wie Julius Cdsar den seinigen
zweien noch bis auf den heutigen Tag lebenden Dingen verlieh
(einem Monat und einem Throne)? - Und miiBt' er nicht das
Patchen aufs Blatt setzen, mit dem sogar der Kaiser Joseph Milch-
briiderschaft in seinen alten Tagen trinken wurde, wenn er noch
darin ware? -
Ich habe mir hundertmal in der Stube iiber Feierlichkeiten zu
lacheln vorgenommen, bei denen ich nachher, wenn ich ihnen bei-
wohnte, unwillkurlich ein petnfiziertes Gesicht hatte voll An-
stand und Ernst. Denn als der Schulmeister vor dem Aktus zu 2o
orgeln anfing - welches wohl noch keinem Kinde in Hukelum
widerfuhr - und als der holzerne Taufengel, wie ein Genius nie-
dergeflogen, seine angemalten Holz-Arme der Taufschiissel un-
terbreitete und als ich am nachsten an seinem iibergoldeten Fit-
tich stand: so zog mein Blut langsam-feierlich, warm und dicht
durch meinen pulsierenden Kopf und durcri meine Lunge voll
Seufzer; und ich wiinschte trauriger, als ich mir tue, dem stillen,
in meine Arme gesenkten Liebling, dem die Natur noch die un-
reifen Augen vor der vollen Perspektive der Erde zuhielt, fiir die
Zukunft einen so sanften Schlaf wie heute, einen so guten Engel 30
wie heute, nur aber einen lebendigern, damit er ihn in eine le-
bendigere Religion geleite und ihn mit seiner unsichtbaren Hand
durch die Waldung des Lebens und durch ihre fallenden Baume
und wilde Jager und Sturme unverloren bringe. . . . Sollt* ich
mich nicht vor der Welt dariiber entschuldigen konnen, daB ich,
als ich seitwarts auf dem vaterlichen Gesichte Gebete fiir den
VIERZEHNTER ZETTELKASTEN 1 77
Sohn und Freudentranen sah, die in die Gebete tropften, und als
ich auf dem Gesichte der GroBmutter weit dunklere, schnell ver-
wischte Tropfen erblickte, die sie nicht bezwingen konnte, weil
ich, nach der alten Frage, fur das Kind bei Ableben der Eltern zu
sorgen verhieB, bin ich nicht zu entschuldigen, daB ich dann die
Augen tief auf das Patchen niederschlug, bloB um es zu verber-
gen, daB sie mir ubergingen? - Denn ich dachte ja daran, daB
sein Vater vielleicht heute vor einer vorspringenden Larve des
Todes erstarren kann; ich dachte ja daran, daB der arme Kleine
10 die zusammengebogene Lage im Mutterleib mit einer freiern nur
vertauschet habe, um sich bald noch heftiger im engen Spielraum
des Lebens einzukrummen; ich dachte an seine notwendigen
Narrheiten und Irrtiimer und Siinden, an diese beschmutzten
Stufen zum griechischen Tempel unserer Vervollkommung; ich
dachte daran, daB einmal sein eignes Feuer des Genies ihn ein-
aschern konne, wie einer, der sich elektrisieren lasset, sich mit
seinem eignen Blitze erschlagen kann. . . . Alle theologische
Wiinsche, die ich ihm auf dem damit bedruckten Patenzettel an
seinen jungen Busen steckte, gliihten in meinem noch einmal ge-
20 schrieben Aber die weiBe Federnelke meiner Freude hatte dann
wieder wie allemal einen blutigen Punkt - ich trug gleich einem
Spechte wieder wie allemal in einen Totenschadel zu Nest. . . .
Und da ichs leider jetzt auch wieder tue: so soil die Schilderung
des Tauftages heute aus sein und morgen fortschreiten. . . .
VlERZEHNTER ZETTELKASTEN
*
O so ists immer! So ziindet das Schicksal das Theater unserer
kleinen Lustspiele an und den schon gemalten Vorhang der Zu-
kunft! So windet sich die Schlange der Ewigkeit um uns und
unsere Freuden und zerdriickt wie die Konigsschlange durch
30 ihre Ringe, was sie nicht vergiftet! Du guter Fixleinl - Ach ich
konnte gestern nachts mir nicht vorstellen, daB du Armer, indem
ich neben dir schrieb, schon in den giftigen Erdschatten des Todes
ruck test.
I78 LEBEN DES QUINTUS FIXLEIN
Er machte gestern noch so spat die im alten Turmknopf ge-
fundne Bleibuchse auf- das Verzeichnis derer, die zum vorigen
Turmbau gegeben hatten, war darin, und er las es erst jetzt, weil
ihn bisher meine Gegenwart und seine Geschafte darin gestoret
hatten. - O wie soil ichs nennen, daB er gerade sein Geburtsjahr,
das ich in den neuen Knopf verhehlet, in dem alten finden muBte,
daB im Register der Leute, die den Bau unterstutzet hatten, ge-
rade der Name seines Vaters mit dem Zusatz eingeschrieben
stand : »er schenk' es fur seinen neugebornen SohnEgidius etc.«? -
Dieser Schlag ging tief in seine Brust bis zum Spalten - in die- 10
ser warmen Stunde voll Vaterfreude, nach so schonen Tagen,
nach so schonen Einrichtungen, nach so oft iiberlebter Todes-
angst steigt in das helle glatte Meer, das ihn wiegend fiihrte,
schnaubend das Seeungeheuer des Todes aus dem vermoderten
Abgrund herauf - und des Untiers Rachen klafft, und das stille
Meer zieht in Wirbeln in den Rachen und nimmt ihn mit.
Aber der Geduldige Iegte still und langsam und mit einem, ob-
wohl todlich-erkalteten, doch schweigenden Herzen die Blatter
zusammen — blickte sanft und fest iiber den Gottesacker, auf dem
er im Mondschein den Hiigel seines Vaters unterscheiden konnte 20
- schauete furchtsam auf zum Himmel voll Sterne, iiber den sich
ein weiBer Wetterbaum ausstreckte - und ob er sich gleich ins
Bette sehnte, um sich einzubauen und alles zu verschlafen, so
betete er doch vorher am Fenster fur Weib und Kind, im Falle
diese Nacht die letzte ware.
Hier schlug es auf dem Turm zwolf Uhr; aber eine ausge-
brochene Eisenzacke lieB die Gewichter in einem fort rollen und
den Glockenhammer fortschlagen - und er horte schauerlich die
Drahte und die Rader rasseln,^und ihm war, als lieBe jetzt der
Tod alle langere Stunden, die er noch zu leben gehabt, hinterein- 30
ander ausschlagen - und nun wurd' ihm der Gottesacker beweg-
lich und zitternd, das Mondslicht flackerte an den Kirchfenstern,
und in der Kirche schossen Lichter herum, und im Gebeinhause
rings an, sich zu regen.
Da schauerte ihn, und er Iegte sich ins Bette und schloB die
Augen, um nichts zu sehen; - aber die Phantasie blies jetzt im
VIERZEHNTER ZETTELKASTEN I79
Dunkel den Staub der Toten auf und trieb ihn zu aufgerichteten
Riesen zusammen und jagte die hohlen aufgerissenen Larven
wechselnd in Blitze und Schatten hinein. - Dann wurden endlich
farbige Traume aus den durchsichtigen Gedanken, und es traumte
ihn: er sehe aus seinem Fenster in den Gottesacker, und der Tod
krieche klein wie ein Skorpion darauf herum und suche sich seine
Glieder. Darauf fand der Tod Armrohren und Schienbeine auf
den Grabern und sagte: »Es sind meine Gebeine«, und er nahm
ein Riickgrat und die Knochen und stand damit, und die zwei
10 Armrohren und griff damit, und fand am Grabe des Vaters von
Fixlein einen Totenschadel und setzte ihn auf. — Alsdann hob er
eine Grassichel neben dem Blumengartchen auf und rief : »Fix-
lein, wo bist du? Mein Finger ist ein Eiszapfen und kein Finger,
und ich will damit an dein Herz tippen.« - Jetzt suchte das zu-
sammengestoppelte Gerippe den, der am Fenster stand und nicht
weg konnte, und trug statt der Sanduhr die ewig aiisschlagende
Turmuhr in der andern Hand und hielt den Finger aus Eis weit
in die Liift wie einen Dolch. ...
Da sah er den Sohn oben am Fenster und richtete sich so hoch
20 bis an den Wetterbaum auf, um ihm den Finger gerade in die
Brust zu stoBen - und schritt wider ihn. Aber so wie er weiter-
schritt, wurden seine gebleichten Knochen roter, und Dufte
flossen wollicht um seine stechende Gestalt. - Blumen schlugen
schnellend auf, und er blieb, verklart und ohne Knochenerde,
iiber ihnen schweben, und der Balsamatem aus den Blumen-
kelchen hauchte ihn wiegend weiter - und als er naherkam, war
Uhr und Sichel weggeflossen, und er hatte im Brust-Gerippe ein
Herz und auf dem Knochenschadel einen roten Mund - und noch
naher ring ein weichendes, durchsichtiges, in Rosenduft getauch-
30 tes Fleisch gleichsam den Widerschein eines hinter dem Sternen-
blau fliegenden Engels auf - und am nachsten wars ein Engel mit
geschlossenen schneeweiBen Augenlidern
Das wie eine Harmonikaglocke zitterhde Herz meines Freun-
des zerfloB selig in die weite Brust - und als der Engel die himm-
lischen Augen aufschlug: so wurden seine von der schweren
Himmelswonne zugedriickt, und sein Traum zerrann.
l8o LEBEN DES QUlNTUS FIXLEIN
Aber sein Leben nicht: er offnete die heiBen Augen, und - sein
gutes Weib hatte seine fieberhafte Hand und stand am Platze des
Engels.
Das Fieber setzte am Morgen ab; aber der Glaube ans Sterben
pulsierte im ganzen Geader des Armen. Er lieB sich sein schones
Kind in das Krankenbette reichen und driickte es schweigend, ob
es gleich zu schreien anfing, zu hart an seine vaterlich beklom-
mene Brust. Dann gegen Mittag wurde seine Seele ganz kiihl, und
das schwiile Gewolk zog in ihr zuriick. - Und hier erzahlt' er uns
eben die bisherigen (gleichsam arsenikalischen) Phantasien seines 10
sonst beruhigteh Kopfes. Aber eben die straffen Nerven, die sich
nicht so wie die eines Dichters unter den Griffen und Rissen einer
poetischen, den Schmerz abspielenden Hand gezogen haben,
springen und reiBen unter der gewaltsamen Faust des Schicksals
leichter, die den MiBton heftig in die angespannten Saiten greift.
Aber gegen Abend rannten seine Ideen wieder in einem Fackel-
tanz wie Feuersaulen um seine Seele : jede Ader wurde eine Zund-
rute, und das Herz trieb brennende Naphthaquellen in das Ge-
hirn. Jetzt wurde alles in seiner Seele blutig; das Blut seines er-
trunknen Bruders floB mit dem Blute, das aus Thiennettens Ader- 20
laBwunde langst gedrungen war, in einen Blutregen zusammen -
ihm kam immer vor, er sei in der Verlobungsnacht in dem Gar-
ten, und er begehrte immer Schrauben zum Blutstillen und wollte
sein Haupt in den Turmknopf verstecken. Nichts tut weher, als
einen maBigen vernunftigen Menschen, ders sogar in Leiden-
schaften blieb, im poetischen Unsinn des Fiebers toben zu sehen.
Und doch, wenn nur die kiihle Verwesung das heiBe Gehirn be-
sanftigt und wenn, wahrend der Qualm und Schwaden eines auf-
brausenden Nervengeistes und wahrend die zischenden Wasser-
hosen der Adern die erstickte Seele umfassen und verfinstern, 30
wenn ein hoherer Finger in den Nebel dringt und den armen be-
taubten Geist plotzlich aus dem Brodem auf eine Sonne hebt:
wollen wir denn lieber klagen als bedenken, daB das Schicksal
dem Augen- Wundarzte gleicht, der gerade in der Minute, eh' er
dem einen blinden Auge die Lichtwelt aufschlieBet, auch das an-
dere sehende zubindet und verdunkelt?
LETZTES KAPITEL l8l
Aber der Schmerz tut mir zu wehe, den ich von Thiennettens
blassen Lippen lese, wiewohl nicht hore. Es ist nicht das Ver-
ziehen eines Marter-Krampfes, noch das Entzunden eines ver-
siegten Auges, noch das laute Jammern oder das heftige Be-
wegen eines geangstigten Korpers, was ich an ihr sehe : sondern
das, was ich an ihr sehen muB und was das mitleidende Herz zu
heftig zerreiBet, das ist ein bleiches, stilles, unbewegliches, nicht
verzognes Angesicht, ein blasses blutloses Haupt, das der Schmerz
nach dem Schlage gleichsam wie das Haupt einer Gekopften
10 leichenweift in die Luft hinhalt; denn o! auf dieser Gestalt sind
alle Wunden, aus denen sich der dreischneidige Dolch gezogen,
fest wieder zugefallen, und das Blut quillet verdeckt unter der
Wunde in das. erstickende Herz. O Thiennette, gehe vom Kran-
ken weg und verbirg das Angesicht, das uns sagt: »Nun weiB ich
doch, daB ich niemals auf der Erde glucklich sein soil - nun hofF
ich nicht mehr - mdcht' es nur bald voriiber sein mit diesem
Leben 1«
Man begreifet meine Betriibnis nicht, wenn man das nicht
weiB, was mir vor einigen Stunden die zu laut klagende Mutter
zo, gestanden. Thiennette, die langst und immer vor seinem zwei-
unddreiBigsten Jahre gezittert hatte, war diesem Aberglauben mit
einem andern edlern entgegengegangen : sie war namlich absicht-
lich am Traualtar weiter zuriickgestanden und in der Brautnacht
fruher eingeschlafen,als er, urn dadurch - wie es der Volks-Wahn
ist - zuwege zu bringen, daB sie auch fruher sterbe. Ja, sie ist
entschlossen, wenn er stirbt, seiner Leiche eines ihrer Kleidungs-
stiicke mitzugeben, um fruher in die Nachbarschaft seiner kalten
Hohle hinabzukommen. Du gute, du treue Gattin, aber du un-
gliickliche!-
30 ' Letztes Kapitel
Ich bin aus Hukelum und mein Gevatter aus dem Bette, und
einer ist so gesund wie der andere. Die Kur war so narrisch wie
die Krankheit.
Ich fiel zuerst darauf, ob nicht, wie Boerhaave Konvulsionen
l82 LEBEN DES QUINTUS FIXLEIN
durch Konvulsionen heilte, bei ihm Einbildung durch Einbildung
zu kurieren ware, durch die namlich, er sei noch kein Zweiund-
dreiBiger, sondern etwan ein Sechser, ein Neuner. Phantasien
sind Traume, die kein Schlaf umgibt, und alle Traume tragen uns
in die Jugend zuriick: warum nicht auch Phantasien? - Ich be-
fahl also alien die Entfernung vom Patienten: blofi die Mutter
sollte, wahrend die feurigsten Meteoren vor seiner fieberhaften
Seele flogen und zischten, allein bei ihm sitzen und ihn anreden,
als wenn er ein Kind von acht Jahren ware. Auch sollte sie den
Bettspiegel verhangen. Sie tats — machte ihm weis, er habe das 10
Ausbruchsfieber der Blattern - und als er sagte : »Der Tod steht
mit zweiunddreiBig spitzigen Zahnen vor mir und will damit mein
Herz zerkauen«, so sagte sie : »Kleiner, ich gebe dir deinen Fall-
hut und dein Schreibbuch und dein Besteck und deinen Husaren-
pelz wieder und noch mehr, wenn du fromm bist.« Etwas Ver-
nunftiges hatt' er weniger aufgefasset und begriffen als dieses
Narrische.
Endlich sagte sie - denn im groBten Schmerze werden einer
Frau Rollen der Verstellung leicht -: »Ich wills nur noch einmal
probieren und dir deine Spiel waren geben; aber komme mir wie- 20
der, Schelm, und werfe dich so im Bette herum mit deinen Blat-
tern l« - Und nun schiittete sie aus der gefullten Schiirze alle Spiel-
und Kleidungswaren, die ich in dem Schranklein des ertrunknen
Bruders gefunden, in das Bette hinein. Zuallererst sein Schreib-
buch, worauf er selber damals seinen achtjahrigen Namen ge-
schrieben, den er fur seine Hand rekognoszieren muBte - dann
den schwarz-samtnen Fallhut - dann die rot-weiBen Lauf bander
- sein Kindermesser-tBesteck mit einem Heft von Zinnblattchen -
seinen griinen Husarenpelz, dessen Aufschlage sich harten - und
einen ganzen orbis pictus oder fictus der Niirnberger figurierten 30
Marionetten-Welt
Der Kranke erkannte den Augenblick diese vorragenden
Spitzen einer im Strome der Zeit untergegangnen Friihlingswelt
- diesen Halbschatten, diese Dammerung versunkner Tage -
diese Brand- und Schadelstatte einer himmlischen Zeit, die wir
nie vergessen, die wir ewig lieben und nach der wir noch auf dem1
LETZTES KAPITEL 1 83
Grabe zuriicksehen. . . . Und als er das sah, drehte er langsam
den Kopf umher, wie wenn ein langer triiber Traum aufgehoret
hatte, und sein ganzes Herz floB in warmen Tranenregen herab,
und er sagte, indem sich seine vollen Augen an die Augen der
Mutter anschlossen: »Lebet denn aber mein Vater und mein
Bruder noch?« - »Sie sind nicht langst gestorben«, sagte die
wunde Mutter; aber ihr Herz war iiberwaltigt, und sie kehrte das
Auge weg, und bittere Tranen fielen aus dem niedergebiickten
Haupte ungesehen. Und hier ubergoB auf einmal jener Abend,
10 wo er durch den Tod seines Vaters bettlagerig und durch seine
Spielwaren genesen war, seine Seele mit Glanz und Lichtern und
Vergangenheit.
Nun farbte sich der Wahnsinn Rosenftiigel in der Aurora un-
sers Lebens und fachelte die schwiile Seele - er schiittelte Schmet-
terlings-Goldstaub von seinem Gefleder auf den Steig, auf das
Blumenwerk des Leidenden - in der Feme gingen schone Tone,
in der Feme flogen schone Wolken — o das Herz wollte sich zer-
legen, aber bloB in flatternde Staubfaden, in weiche fassende Ner-
ven; das Auge wollte zerfliefien, aber bloB in Tautropfen fur die
20 Kelche der Freudenblumen, in Blutstropfen fur fremde Herzen;
die Seele wallete, zuckte, st6hnte,.sog und schwamm im heiBen,
losenden Rosenduft des schonsten Warms
Die Wonne ziigelte sein fleberhaftes Herz, und seine tobenden
Pulse stillten sich. Am Morgen darauf wollte die Mutter, als sie
sah, es gelinge alles, gar zur Kirche lauten lassen, um ihm weis-
zumachen, er sei schon beim zweiten Sonntag. Aber die Frau ver-
warf (vielleicht aus Scham vor mir) das Beliigen und sagte, man
konne ja, es sei dasselbe, den Datumszeiger an seiner Stutzuhr
(aber anders wie Hiskias Sonnenuhr) um acht Tage vorwarts-
50 rucken, um so mehr, da er bisher lieber aufstand und nach der
Uhr schauete, »den wievielten er habe«, als hinlangte und im
Kalender nachsah. Ich meines Orts ging bloB hinauf zu ihm und
befragte ihn: »ob er toll ware - was er denn mit seiner narrischen
Todesfurcht noch haben wolle, da er so lange liege und sehe, daB
er den Kantatesonntag schon hinter sich habe, und doch an der
bloBen Angst verdorre zu einer Dachschindel.«
184 LEBEN DES QUINTUS FIXLEIN
Eine herrliche Verstarkung stieB zu mir, der Fleischer oder
Quartiermeister. Er brach angstlich, ohne die Weiber zu salu-
tieren, herein, und ich nahm sofort das laute Wort: »Mein Ge-
vatter geht mir nahe genug, Herr Regimentsquartiermeister; -
gestern lieB er sich einreden, er sei wenig alter als sein leiblicher
Sohn, und hier ist noch der Fallhut, den er aufsetzen wollte.« -
Der Vormund sakramentierte und sagte: »MiindeI! ist Er denn
ein Pfarrer oder ein Narr? - Hah' Ihms doch so oft vorgehalten,
daB es hierin mit Ihm hapert!« -
Endlich sah er selber, er sei nicht recht gescheut, und wurde 10
gesund; auBer den vormundschaftlichen Invektiven trugen viel
meine Eide dazu bei, ich wiird' ihn fur keinen rechtschaffenen Ge-
vatter erkennen und kein Wort von seiner Biographie edieren,
wenn er nicht nachstens aufstande und genase. . . .
- Kurz, er hatte gegen mich so viel Lebensart und Welt, daB
er sich aufsetzte und genas. — Er krankelte wohl noch am Sonn-
abend und konnte am Sonntage noch keine Predigt halten (etwas
Ahnliches las der Schulmeister ab), aber doch eine Beicht am
Sonnabend, und auf dem Altar teilte der Rekonvaleszent das
Nachtmahl aus. Nach Endigung des Gottesdienstes wurde das 20
Dankfest seiner Genesung begangen, in das noch mein Valet-
schmaus fiel, weil ich nachmktags gehen wollte.
Ich will diesen letzten Nachmittag so weitlauftig als moglich
entwerfen und nachher den RiB doch noch mit dem Storch-
schnabel angenehmer Hommelscher Plapperei ins GroBe aus-
zeichnen.
Unter dem Gedachtnismahle kamen Personensteuern von den
Katechumenen ein und MeBprasente als Freudenfeuer bei seiner
Genesung, welche bewiesen, wie sehr ihn die Gemeinde Iiebte
und wie sehr ers verdiente: denn man wird .von der Menge ofter 30
ohne Grund gehasset als ohne Grund geliebt. Er war aber audi
freundlich gegen jedes Kind, war keiner von den Geistlichen, die
ihren Feinden nie anders vergeben als an - Gottes Statt, und
lobte zugleich die ganze Welt, seine eigne Frau und sich,
Ich wohnte sodann seiner nachmittagigen Kinderlehre bei und
sah - wie er im ersten Zettelkasten - im Chore hinter dem Flugel
LETZTES KAPITEL 185
des holzernen Cherubims hinunter. Hinter diesem Engel zog ich
meine Schreibtafel heraus und stellete mich mehr hinter das
schwarze Brett voll weiBer Lieder-ZifTern und schrieb auf, was
ich jetzt - dachte. Ich wuBte, wenn ich heute, am funfundzwan-
zigsten Mai, aus dieser salernitaniscken Spinn-Schule, wo man
den Lebensfaden auf eine schonere Weise ohne das Anfeuchten
mit Mixturen langer ziehen lernt, ich wuBte (sag* ich), wenn ich
fortginge, ich wurde mehrere Elementarkenntnisse der Gliick-
seligkeitslehre hinwegbringen, als das ganze Kammerherrn-
10 Piquet im Kopfe fuhret. Ich notierte den ersten Eindruck in fol-
gende Lebensregeln fur mich und die Presse auf:
Kleine Freuden laben wie Hausbrot immer ohne Ekel, groBe
wie Zuckerbrot zeitig mit Ekel. - Wir sollten uns von den Klei-
nigkeiten nicht bloB plagen, sondern auch erfreuen lassen, nicht
bloB ihre Gift-, sondern auch ihre Honigblase auffangen; und
wenn uns oft die Mucke an der Wand irren kann, so sollten uns
auch die Miicken wie den Domitian belustigen, oder wie einen
noch lebenden Kurfursten bekostigen. - Man muB dem burger-
lichen Leben und seinen Mikrologien, wofur der Pfarrer einen
20 angebornen Geschmack hat, einen kunstlichen abgewinnen, in-
dem man es Hebt, ohne es zu achten, indem man dasselbe, so tief
es auch unter dem menschlichen stehe, doch als eine andere Ver-
astung des menschlichen so poetisch genieBet, als man bei dessen
Darstellungen in Romanen tut. Der erhabenste Mensch liebt und
sucht mit dem am tiefsten gestellten Menschen einerlei Dinge,
nur aus hohern Griinden, nur auf hohern Wegen. - Jede Minute,
Mensch, sei dir ein voiles Leben 1 - Verachte die Angst und den
Wunsch, die Zukunft und die Vergangenheit! - Wenn der
Sekundenweiser dir kein Wegweiser in ein Eden deiner Seele wird,
30 so wirds der Monatsweiser noch minder, denn du lebst nicht von
Monat zu Monat, sondern von Sekunde zu Sekunde! - GenieBe
dein Sein mehr als deine Art zu sein, und der liebste Gegenstand
deines BewuBtseins sei dieses BewuBtsein selber! - Mache deine
Gegenwart zu keinem Mittel der Zukunft, denn diese ist ja nichts
als eine kommende Gegenwart, und jede verachtete Gegenwart
war ja eine begehrte Zukunft! - Setze in keine Lotterien - bleibe
l86 LEBEN DES QUINTUS FIXLEIN
zu Hause - gib und besuche keine groBen Gastmahle - verreise
nicht zu halben Jahren ! - Verdecke dir nicht durch lange Plane
dein Hauswesen, deine Stube, deine Bekannten! - Verachte das
Leben, urn es zu genieBen! - Besichtige die Nachbarschaft deines
Lebens, jedes Stubenbrett, jede Ecke, und quartiere dich, zusam-
menkriechend, in die letzte und hauslichste Windung deines
Schneckenhauses ein! Hake eine Residenzstadt nur fur eine Kol-
lekte von Dorfern, und ein Dorf fur die Sackgasse aus einer
Stadt, den Ruhm fur das nachbarliche Gesprach unter der Haus-
tiire, eine Bibliothek fiir eine gelehrte Unterredung, die Freude 10
fur eine Sekunde, den Schmerz fiir eine Minute, das Leben fiir
einen Tag und drei Dinge fiir alles: Gott, die Schopfung, dit
Tugend !
Und wenn ich mir selber und diesen Regeln folgen will: so
muB ich auch nicht so viel aus dieser Lebensbeschreibung machen,
sondern sie einmal wie ein maBiger Mensch ausklingen lassen.
Nach der Kinderlehre stieg ich herab zum weit- und schwarz-
rockigen Gevatter. Wir trabten nach AbfluB der Pfarrgemeinde
alle Emporen hinauf - lasen die Bleche der Kirchenstiihle - ich
blatterte am Altare in der mit dem Sediment der Zeit inkrustierten 26
Agende (ich rede nicht metaphorisch) - ich orgelte, der Gevatter
trat den Balg - ich erstieg die Kanzel und war so glucklich, da
einen Rosenstock zu treffen, den ich in der Valetminute noch in
den Rosengarten meines Fixleins setzen konnte. Ich nahm nam-
lich droben an einem holzernen Apostel den Namen Lavater
wahr, den der Zurcher eigenhandig als eine Votivtafel am heiligen
Torso hatte lassen wollen im Durchmarsch. Fixlein kannte die
Hand nicht, aber ich: - denn ich hatte sie ofters in Flachsenfingen
nicht nur auf der Wandtapete einer Hofdame, sondern auch auf
seiner Handbibliothek1 und in vielen Landeskirchen angetroffen, 30
die gleichsam der AdreBkalender und Vokabelnsaal dieses wan-
dernden Namens waren, weil Lavater in Kanzeln, wie eine Scha-
1Ein kleines, mit Drucklettern gesetztes Manuskript, womit er wenig
andere als Fiirsten beschenkt. Diese Druckschrift floBet er vorsichtig als
eine Handschrift den GroBen ein, weil diese mehr und lieber Geschriebenes
als Gedrucktes lesen.
LETZTES KAPITEL I 87
ferin in Baume, gern den Namen des Geliebten schreibt. Ich
konnte also meinem Gevatter wohl raten, aus dem Apostel den
Namen samt dem Hobelspan, worauf er sitzt, vorsichtig heraus-
zuschneiden und die Handschrift gut zu verwahren.
Beim Eintritte ins Pfarrhaus wollt' ich Hut und Stock nehmen,
aber das Dessein, gleichsam die Projektion und der Kontur eines
Abendessens in der Akazienlaube war schon. von Thiennetten
entworfen. Ich beteuerte, ich bliebe bis abends, falls nur die
Wochnerin auch mit zum dekretierten Sou per hinaufginge . . .
I0 und wahrhaftig der Biograph behielt endlich iiber das Kindbet-
terin-Marschreglement die Oberhand.
Ich notigte darauf den Pfarrer, seine Krautermutze, die er sich
zur Roboration seiner Memorie ausfiittern lassen, aufzusetzen:
»Wollte Gott,« sagt' ich, »die Fiirsten taten statt der Furstenhute,
die Doktores und Kardinale statt der ihrigen, die Heiligen statt
der Martyrerkronen solche Gedachtnis-Mutzen auf den Kopf !« -
Alsdann marschierten wir allein, unter dem Braten und Kochen,
auf die Pfarrfelder hinaus und sprachen gelehrt. Wir verfiigten
uns ins ruinierte Raubschlofl hinein, von dem mein Gevatter das
20 bekannte Werk unter der Feder hat. Ich billigte es sehr - zumal
da das Kaper-SchloB einmal einem von Auf hammer eigentiimlich
zugehoret hatte -, daB er die Beschreibung dem Dragonerritt-
meister zueignen wollte: dieser lasset lieber, denk* ich, der Schrift
als dem Pudel seinen Namen vorsetzen. Ich sprach auch meinem
Handwerksgenossen uberhaupt literarischen Trost ein und sagte:
»Herr Gevatter, keck geschrieben ! Sei auch der Subrektor Hans
von Fiichslein der apokalyptische Drache, der auf die Entbin-
dung des nuchtigen Weibes auflauert, um die Geburt zu ver-
schlucken: so bin ich auch da und habe meinen Freund, den
30 Redakteur der Literaturzeitung, zur Seite, der mir gern verstattet,
eine Antikritik gegen Inseratgeblihren einzuschicken.« - Be-
sonders munterte ich ihn zu neuen Inseraten und Retourladun-
gen seiner Zettelkasten auf: ich habe es nicht verschworen, in
diese biographische Kommode noch nach Jahren einen neuen
Kasten einzuschieben. »Und meinem Patchen, Herr Gevatter,
wird es eben auch nichts verschlagen, daB man das Kind der Lese-
l88 LEBEN DES QUINTUS FIXLEIN
welt schon prasentieret, wenn das Hebe nicht mehrere Monate
hat, als Horaz Jahre zu einem literarischen fordert, namlich neun.«
Unter dem Nachhausegehen pries ich seine Frau. »Wenn die
Ehe«, sagt* ich zu ihm, »der Krapp ist, der an Madchen wie an
Kattunen die Farben sichtbar macht: so verfecht' ich, Thien-
nette war als Madchen schwerlich so gut wie jetzt als Frau. Beim
Himmell in einer solchen Ehe wollt* ich Biicher schreiben -
namlich ganz andere, gottliche - in einer Ehe mem' ich, wo neben
dem Schreibetisch (wie neben den groBen Votiertafeln des Re-
gensburger Reichstages kleine Konfekttischchen sind) - wenn 10
auch dergleichen, sag' ich, auch eine Ingwermarmelade neben mir
stande, namlich ein abgesuBetes, herrliches, in den Zettelkasten-
Skribenten vernarrtes Gesichtchen, Gevattersmann ! Ihre Ehe
wird gerade der Akazienlaube gleichen, auf die wir zugehen, an
der sich das Laub eben in der Hitze und im Sommer verdichtet,
wo andere Gewachse nur diirre porose Schatten werfen.«
Da wir durch die obere Gartentiire in diese Laube traten, war
wahrhaftig schon das Essen und das gute Weib darin. Nichts ist
moralischer und zarter als die Achtung, womit eine gute Ehefrau
den Wohltater oder SpieBgesellen ihres Mannes behandelt - und 20
gliicklicherweise war eben der Biograph dieser SpieBgesell und
das Objekt dieser Achtung. Unsere Gesprache waren frohlich,
aber mein Inneres beklommen. Die Fesseln, die den bloBen Leser
an meine Helden binden, werden dreifach bei mir, indem ich zu-
gleich ihr Gast und ihr Portratmaler bin. Ich sagte zum Pfarrer,
er werde alter als ich, weil sein temperiertes Temperament gleich-
sam von einem Arzte gleich zwischen Nervenschwache der Kul-
tur und zwischen dem feurigen dichten Blute des Landmanns ab-
gewogen sei. Fixlein sagte, wenn er nur noch einmal so lange
lebe als bisher, namlich zweiunddreiBig Jahre: so betrage es ohne 30
die Schalttage doch 280320 Stunden, welches etwas Ansehnliches
sei ; und er iiberzahle oft mk Vergniigen die vielen Tausend Zwei-
unddreiBiger, die mit ihm gehen muBten.
Endlich muBt' ich doch aufbrechen, da die roten Lichter der
falienden Sonne an der Laube aufstiegen und uns immer tiefer in
den Nachtschatten eintauchten: der Abendtau hatte die Woch-
LETZTES KAPITEL I 89
nerin erkaltet. Ich ersuchte verwirrt den Pfarrer, bald in die Stadt
zu kommen, wo ich ihm nicht bloB alle Zimmer des Schlosses
zeigen wollte, sondern auch den Fiirsten. Frohers gab es heute
auf der alten Welt nichts als das Gesicht, dem ichs sagte, und als
das andere, das der milde Widerschein von jenem war. Der Bio-
graph hatte zu viel eingebiiBet, wenn ihm jetzt in der Minute, wo
ihm seine Phantasie wie die Spiegelteleskopen alle Gegensta'nde
nur litternd vorstellt, hatte davonlaufen miissen, ich will sagen,.
wenn ihm nicht beigefallen ware, daB es der Kindbetterin wenig
io schaden (aber viel nutzen) wiirde, wenn sie zu einer kleinen Mo-
tion kame und noch iiber den Garten hinaus den Verfasser und
Bauherrn gegenwartiger Zettelkasten begleiten halfe.
Kurz ich nahm in jede Hand statt unter jedem Arm eine vom
Ehepaar und zog mit ihnen zum Garten hinaus auf den Flachsen-
flnger Steig..Ich drehte oft gewaltsam zwischen ihnen meinen
Kopf zuriick, als ob ich jemand uns nachschreiten horte; aber in
der Tat wollt' ich nur noch einmal, obwohl wehmiitig, ins gliick-
liche Dorfchen zuriickschauen, das aus lauter Wohnungen einer
stillen satten Sabbatsfreude bestand und das gliicklich genug ist,
20 obgleich iiber seine weit auseinandergelegten Pflastersteine nur
alle Wochen ein Raseur, alle Festtage1 ein Friseur und alle Jahre
ein Parasol-Ausrufer zieht. Dann muBt* ich freilich den Kopf
wieder umwenden und die zwei Begliickten mit Augen anblicken,
die bald ubergingen. Mein sonst guter Gevatter konnte sich nicht
recht in diese Trauerzeichen schicken; aber in deinem Herzen, du
, gutes, so oft gequaltes Geschlecht, trifft jede Trauerglocke leicht
ihren Einklang an, und die mit dem diinnen zitternden Resonani-
boden einer nachtonenden Brust veredelte Thiennette gab mir
alle Tone mit den Schonheiten eines Echo wieder. Endlich
30 standen wir auf dem Grenzhiigel, iiber den man Thiennetten
nicht lassen durfte, und ich muBte nun von dem Gevatter, mit
dem ich alle Morgen so lustig zusammen gesprochen - jeder aus
seinem Bette heraus -, und aus dem stillen Kreise bescheidener
HofFnung weichen, um in den garenden bellenden Hof-Cercle
zuriickzutreten, wo man dem Schicksal ein Lebens-SuBholz ab-
trotzt und abfordert, so armsdick wie das botanische an der
I90 LEBEN DES QUINTUS FIXLEIN
Wolga, weniger um die siifien Balken selber auszukauen als urn
andere damit totzuschlagen.
Als ich mir dachte, ich wiirde zu ihnen sagen: lebet wohl! so
traten alle kiinftige Plagen, alle Leichen und alle Wiinsche dieses
geliebten Gespanns vor mein Herz, und ich dachte daran, daB
nichts als einschlummernde Freudenblumen ihren (wie meinen
und jeden) Lebenstag abmarken. - Und doch ists schoner, wenn
sie ihre Jahre nicht nach der Wasseruhr fallender Tranen, sondern
nach der Blumenuhr1 einschlafender Blumen ausmessen, deren
Kelche, ach! vor uns Armen von Stunde zu Stunde zufallen. — 10
Ich wollte eben jetzt - weil ich mich noch daran erinnere, wie
ich mit einem stromenden Auge iiber den zwei Geliebten wie
iiber Leichen hing - mich anreden und sagen: viel zu weicher
Jean Paul, dessen Kreide immer auf dem Flor der Melancholie die
Modelle der Natur nachzeichnet, harte dein Herz ab wie deinen
Leib, um nicht dich und andere aufzureiben. Aber warum soil
ichs tun, warum soli ichs nicht geradezu bekennen, was ich in der
weichsten Running zu den zwei Menschen sagte? »Es gehe euch
recht wohl, ihr sanften Menschen« - sagf ich, denn ich dachte an
keine Hoflichkeit mehr - »die Vorsehung trage wiegend euere 20
zerritzten Herzen — der gute Gott iiber alien den Sonnen, die zu
uns jetzt herunterblicken, lasse euch immer verkniipft und neb*
euch nur verbunden an sein Herz und an seinen Mund.« — »Sein
Sie nur auch recht gliicklich und froh«, sagte Thiennette. »Und
Ihnen, Thiennette,« (fuhr ich fort) »ach Ihrer bleichen Wange,
Ihrem gedriickten Herzen, o Ihrer langen kalten gemiBhandelten
Jugend kann ich niemals, niemals genug wlinschen. Nein! Aber
alles, was eine wunde Seele.laben, was einer schonen wohlgefal-
len, was den verborgenen Seufzer stillen kann, ach alles, was Sie
verdienen, das falle Ihnen zu, und wenn Sie mich wieder sehen, 30
so sagen Sie: ich bin jetzt viel glucklicher!«
Wir wurden alle zu sehr bewegt. Wir rissen uns endlich aus
wiederholten Umarmungen, und mein Freund entwich mit der
Seele, die er liebt - ich blieb allein zuruck be! der Nacht.
1 Linne legte in Upsal eine Blumenuhr an, deren Blumen durch ihre ver-
schiedenen Zeiten, einzuschlafen, die Stunden sagen.
LETZTES KAPITEL 191
Und ich ging ohne Ziel durch Walder, durch Taler und iiber
Bache und durch schlafende Dorfer, um die groBe Nacht zu ge-
nieBen wie einen Tag. Ich ging und sah, gleich dem Magnet, im-
mer auf die Mitternachtsgegend hin, um das Herz an der nach-
glimmenden Abendrote zu starken, an dieser heraufreichenden
Aurora eines Morgens unter unsern FiiBen. WeiBe Nacht-
schmetterlinge zogen, weiBe Bliiten flatterten, weiBe Sterne fielen,
und das lichte Schneegestober staubte silbern in dem hohen
Schatten der Erde, der iiber den Mond steigt und der unsere
10 Nacht 1st. Da fing die Aols-Harfe der Schopfung an zu zittern
und zu klingen, von oben herunter angeweht, und meine un-
sterbliche Seele war eine Saite auf dieser Laute. — Das Herz des
verwandten ewigen Menschen schwoll unter dem ewigen Him-
mel, wie die Meere schwellen unter der Sonne und unter dem
Mond. - Die fernen Dorfglocken schlugen um Mitternacht
gleichsam in das fortsummende Gelaute der alten Ewigkeit. -
Die Glieder meiner Toten beruhrten kalt meine Seele und ver-
'trieben ihre Flecken, wie tote Hande Hautausschlage heilen. —
Ich ging still durch kleine Dorfer hindurch und nahe an ihren
20 auBern Kirchhofen vorbei, auf denen morsche herausgeworfene
Sargbretter glimmten, indes die funkelnden Augen, die in ihnen
gewesen waren, als graue Asche staiibten. - Kalter Gedanke!
greife nicht wie ein kaltes Gespenst an mein Herz: ich schaue auf
zum Sternenhimmel, und eine ewige Reihe zieht sich hinauf und
hinuber und hinunter, und alles ist Leben und Glut und Licht,
und alles ist gottlich oder Gott . . .
Gegen Morgen sah' ich deine spaten Lichter, kleine Wohn-
stadt, in die ich gehore diesseits des Sarges; ich kam auf die Erde
zuriick, und in deinen Turmen schlug es, hinter der voruber-
30 gezogenen groBen Mitternacht, halb drei Uhr: da ging um diese
Stunde 1794 der Mars in Westen unter und der Mond in Morgen
auf; und meine Seele wiinschte, beklommen vom Bedauern des
edlen kriegerischen Bluts, das noch auf die Fruhlingsblumen
stromt : »Ach, blutiger Krieg, weiche wie der rotliche Mars, und,
stiller Friede, komme wie der milde zerteilte Mondl« -
elnige jus de tablette fur
Mannspersonen
i. Ober die naturliche Magie der Einbildungskraft.
2. Des Amts-Vogts Freudels KlagHbell gegen seinen verfiuch-
ten Damon.
3. Es gibt weder eine eigenniitzige Liebe noch eine Selbstliebe,
sondern nur eigenniitzige Handlungen.
4. Des Rektor Falbels und seiner Primaner Reise nach dem
Fichtelberg.
5. Postskript des Billetts.
I.
Uber die naturliche Magie der Einbildungskraft
Gedachtnis ist nur eine eingeschranktere Phantasie. Erinnerung
ist nicht die bloBe Wahrnehmung der Identitat zweier Bilder,
sondern sie ist die Wahrnehmung der Verschiedenheit des raum-
lichen und ^eitlichen Verhaltnisses gleicher Bilder. Folglich breitet
sich die Erinnerung uber die Verhaltnisse der Zeit und des Orts
und also uber Reih und Folge aus; aber blofies Ein- und Vor-
bilden stellet einen Gegenstand nur abgerissen dar.
io Die fiinf Sinne heben mir auBerhalb, die Phantasie innerhalb
meines Kopfes einen Blumengarten vor die Seele; jene gestalten
und fnalen, diese tut es auch; jene drucken die Natur mit funf
verschiedenen Platteh ab, diese als sensorium commune Hefert sie
alle mit einer. Die Phantasie ist zwar nicht der matte Nachklang
der Sinne, wie Helvetius meint, aber doch das Unisono derselben.
Wie die Fuhlfaden der Sinnennerven zu den Empftndungen, so
verhalten sich die Gehirnkiigelchen (oder welches korperliche
adjuvans einer annehmen will) zu den innern Bildern; und ob
wir gleich nur diese zu er{eugeny und jene zu empfangen glauben:
zo so ists doch bei den Empfindungen falsch, die wir, wie Kant genug
erwiesen, ebensogut (nach und mit einer unbegreif lichen plasti-
schen Form in uns) er^eugen als innere Bilder. Da der Spielraum
der Sinne enger ist als der Phantasie: so entsteht die Tauschung,
daB wir uns jene nur in den Ketten des Korpers und diese nur in
den Zugeln des Willens denken, da wir doch ebensowohl in
einem fort phantasieren als empfinden mussen. Die Empfindung
stellet mit dem Kolorit der Schmelz- oder Musivmalerei z. B.
einen Menschen vor mich, die Phantasie tuts mit der Blasse der
schwarzen Kunst oder (in einem Dichter) mit aqua tinta. DaB
30 beide sich bloB im Kolorit unterscheiden, sieht man am meisten
I96 LEBEN DES QUINTUS FIXLEIN
dann, wenn die Lebhaftigkek der Phantasie diesen Unterschiecl
der Farbengebung aufhebt - ich meine im hitzigen Fieber, wo
der bleiche Leichnam (ich meine die Vorstellung von einem
Menschen) in dem Kopfe mit so viel Lebensgeistern und Blut aus-
gespriitzet wird, daB ihn der Fieberkranke wirklich als einen
Lebendigen aufier seinem Kopfe zu erblicken meint; und dann
sieht die Vorstellung so Iebhaft und ganz so aus wie eine Emp-
findung.
Allerdings ist noch ein Unterschied und ein groBerer - denn
ich suche mit jenen Ahnlichkeiten nicht die Phantasie zu ver- 10
korpern, sondern bloB die Sinne zu vergeistigen — ; es ist riamlich
der, daB unser bekanntes Ich die Suk{ession in der Phantasie (wie
das Simultaneum in der Empfindung) ordnet und regelt, sogar im
Chaos des Traums, da die drei Gesetze der Ideenassoziation bloB
vom Korper auf keine Weise beobachtet werden konnten.
Zufolge jener Ahnlichkeit ist also Starke der (funf-sinnigen)
Empfindung immer um und neben der Starke der Phantasie (die-
ser transzendenten und verpflanzten Empfindung). Daher sind
beide in Wilden, Landleuten und Weibern kraftiger und feiner:
denn Schauspiele, Erzahlungen, Tone und Traume ziehen tiefere 20
Furchen in ihren Seelen. Auch der Rausch macht zugleich die
Phantasie und die Sinne scharfer. Freilich sind oft am dichteri-
schen Genie alle auBere Sinnen-Nerven verdorret und abgewelkt;
aber der Wuchs des einen Zweiges hatte nur die andern ausge-
sogen, so wie ja auch die Sinne - z. B. Aug und Ohr - einander
gegenseitig berauben und erstatten. Unter den Wilden wird bloB
das Genie die scharfsten Sinne haben.
Jetzt hab' ich zweierlei zu tun. Ich muB erweisen, wie diesem
alien ungeachtet die Phantasie uns in ihren Landereien mit Zau1-
berspiegeln und Zauberrloten so suB betoren und so magisch 30
blenden konne; - zwekens muB ich vorher die meisten dieser
magischen Kunststucke aufzahlen.
Alle Personen, die bloB auf dem Zauberboden der Phantasie
stehen, verklaren sich unbeschreiblich vor uns, z. B. Tote - Ab- .
wesende - Unbekannte. - Der Held einer Biographie sei uns
noch so treu vorgezeichnet: gleichwohl fangt ihn unsere meta-
UEER DIE NATURLICHE MAG IE DER EINBILDUNGSKRAFT I97
morphotische Einbildung groBer auf, als unsere plane Net^haut
ihn malen wiirde, wie in der Malerei ein treu abgemalter Men-
schenkopf groBer scheint als sein Urbild von gl'eichem Quadrat-
inhalt. Daher stehet der Landmann auf dem elektrischen Isola-
torium des Idyllendichters strahlend und mit einem Heiligen-
schein umzogen; ebenso steht auch der Wilde in Rousseaus Kopf
und die Kinder in jedem dichterischen.
So zieht das Fernrohr der Phantasie einen bunten DifTusions-
raum um die gliicklichen Inseln der Vergangenheit, um das ge-
10 lobte Land der Zukunft.
Die Personen aller dramatischen Gedichte, selber die bosen,
empfangen in ihrem Dunst- und Zauberkreise Reize, die ihnen
alle im kahlen lichten gemeinen Leben abfallen wiirden, wenn sie
darin erschienen.
Der Traum ist das Tempe-Tal und Mutterland der Phantasie:
die Konzerte, die in diesem dammernden Arkadien ertonen, die
elysischen Felder, die es bedecken, die himmlischen Gestalten,
die es bewohnen, leiden keine Vergleichung mit irgend etwas,
das die Erde gibt, und ich habe oft gedacht: »Da der Mensch aus
20 so mancherlei schonen Traumen erwacht, aus denen der Jugend,
der HofTnung, des Gliicks, der Liebe: ach konnt* er nur - sie
waren ihm dann alle wiedergegeben - in den schonen Traumen
des Schlummers langer bleiben!«
Noch groBer ist die phantasierende Kraft, wenn sie auswarts
reicht und die Gegenwart selber zum Marmorblock oder Teige
ihrer Gebilde macht. Ich will mehr als ein Beispiel geben. Das
erste ist nicht das deutlichste: bei rauschenden Freudenfesten,
auf Ballen, auf nachtlichen Freudengelagen schmuckt sich jeder
Augenblick mit dem Widerschein des nachsten kiinftigen; und
30 solange dieses dauert, vermengen wir den siiBen Durst des Her-
zens mit dem Trank; - denn der Mensch hat so wenig, daB er nur
froh ist, wenn er stark begehren kann, und daB er die Starke seiner
Wiinsche zu ihren Befriedlgungen rechnet. - Aber es kommt eine
trunknere Stunde, wo im langen Freudengelage unsere Phan-
tasien unsere Sinnen iibertonen, wo die Gegenwart mehr zum
Traume, die Musik mehr zum Echo ermattet und wo wir im wir-
I98 LEBEN DES QUINTUS FIXLEIN
belnden bunten Rauche urn uns schwindeln und dann im Schwin-
del unsere Umkreisungen fiir fremde nehmen; dann sind wir ge-
sattigt und voll, ach! fast vor Ermiidung! -
Im Rausche dringen die Wolken der innen brennenden Rau-
cherkerzen hinaus und legen sich auBen an den Gegenstanden an
und geben ihnen eine vergroBerte, abgeriindete, zitternde Gestalt.
In der Liebe ist das Amalgama der Gegenwart mit der Phan-
tasie noch inniger. Schauc die Gestalt an, die du einmal geliebt
hattest und die nun mit alien ihren Reizen nicht einmal den ideali-
schen Zauber einer Bildsaule fiir dich hat! Warum sonst ist sie io
jetzt ein lackierter Blumenstab fur dich, als bloB weil alle Rosen,
die deine Phantasie an diesem Stabe hinaufgezogen, nun aus-
gerissen sind? — Ich wiinschte, der Leser liebte eine Schwester,
die besondere Familienahnlichkeit mit ihrem Bruder hatte, den er
nicht leiden konnte: er wiirde dann am leichtesten das geliebte
Gesicht von dem Brautschmuck, womit seine Phantasie als Folien-
schlagerin es blasoniert und ubergoldet, trennen konnen. Kurz
eine geliebte Person hat den Nimbus einer abwesenden - einer
gestorbenen — einer dramatischen. -
Noch mehr. Leute, deren Kopf voll poetischer Kreaturen ist, 20
finden auch auBerhalb desselben keine geringern. Dem echten
Dichter ist das ganze Leben dramatisch, alle Nachbarn sind ihm
Charaktere, alle fremde Schmerzen sind ihm siiBe der Illusion,
alles erscheint ihm beweglich, erhoben, arkadisch, fiiehend und
froh, und er kommt nie darhinter, wie biirgerlich-eng einem
armen Archivsekretar mit sechs Kindern - gesetzt er ware das
selber - zumute ist. Denn ist er selber burgerlich unglucklich,
z. B. ein Trager des Lazarus-Orden: so kommt es ihm vor, als
mach' er eine Gastrolle in Gays Bettleroper; das Schicksal ist der
Theaterdichter, und Frau und Kind sind die stehende Truppe. 30
— Und wahrlich, der Philosoph und der Mensch diirfen hier
nicht anders denken als der Dichter; und der, fiir den das dufiere
(biirgerliche, physische) Leben mehr ist als eine Rolle: der ist
ein Komodiantenkind, das seine Rolle mit seinem Leben verwirrt
und das aufdem Theater {u weinen anfdngt. Dieser Gesichtspunkt,
der metaphorischer scheint, als er ist, erhebt zu einer Stand-
UBER DIE NATURLICHE MAGIE DER EINBILDUNGSKRAFT 1 99
haftigkeit, die erhabener, seltener und stiBer ist als die stoische
Apathie und die uns an der Freude alles empfinden lasset, aus-
genommen ihren Verlust.
Belesene Madchen, die im Sommer aufs Land gehen, machen
aus den Landleuten wandelnde GeBnerische Idyllen-Ideale. Die
Landleute idealisieren ihrerseits wieder die Madchen zu Prinzes-
sinnen der Marionetten und der Historienbiicher hinauf. Und
ebenso nab* ich im dreizehnten Kapitel der vorigen Biographie
den Pfarrer und den mir sonst verhaBten Zwinger und Schuld-
10 turm des biirgerlichen Lebens gepriesen, weil ich an ihm und an
seinem Notstall schon den biographischen und idealischen Mond-
schein glimmen sah, den ich nachher auf ihn warf. Auch im
Komischen kann man wirkliche Toren, die man handeln sieht,
insgeheim zu komischen Akteurs und zu gut durchgefuhrten ko-
mischen Charakteren idealisieren. —
Woher kommt nun, da die Phantasie nur der goldene Abend-
Widerschein der Sinne ist, dieser Reiz eigner Art, der an Trau-
men, Abwesenden, Geliebten, entriickten Zeiten und Landern,
an Kinderjahren und - was ich kaum zu nennen brauchte - an den
20 von den Dichtern in die Welt geschickten Blumengottinnen und
Blumenparterren haftet? - Wenn wir heraushaben, warum uns
die Dichter gefallen : so wissen wir das iibrige auch.
Davon konnte man mehrere Ursachen angeben, die richtig
waren, ohne zureichend zu sein. Z. B. Wir denken das ganze Jahr
weniger mit Bildern als mit Zeichen, d. h. zwar mit Bildern, aber
nur mit dunklern kleinern, mit Klangen und Lettern: der Dichter
aber rucket nicht nur in unserem Kopfe alle Bilder und Farben zu
einem einzigen Altarblatte zusammen, sondern er frischet uns
auch jedes einzelne Bild und Farbenkorn durch folgenden Kunst-
30 griff auf. Indem er durch die Metapher einen Korper zur Hulle
von etwas Geistigen macht (z. B. Bliite einer Wissenschaft) : so
zwingt er uns, dieses Korperliche, also hier »Bliite«, heller zu
sehen, als in einer Botanik geschahe. Und wieder umgekehrt gibt
er, wie vermittelst der Metapher dem Korperlichen durch das
Geistige, ebenso vermittelst der Personiflkation dem Geistigen
durch das Korperliche hohere Farben. '
20O LEBEN DES QUINTUS FIXLEIN
Ferner konnte man - und kann auch - sagen : der dramatische
Dichter tiberwaltigt uns durch die Verwandlung der Wochen in
Minuten und erweckt, indem er die tragische, vielleicht iiber
Jahre hingesponnene Geschichte in wenige Stun den zusammen-
zieht, unsere Leidenschaften bloB darum, weil er ihnen gleicht,
da sie auch wie Taschenspieler und Heerfuhrer uns durch Ge-
schwindigkeit beriicken.
Aber ich eile zu dem, was mich befriedigt. Die Arme des Men-
schen strecken sich nach der Unendlichkeit aus: alle unsere Be-
gierden sind nur Abteilungen eines groBen unendlichen Wun- 10
sches. Es ist sonderbar, daB man von der Phantasie, deren Fliigel
einen unendlichen Raum und eine unendliche Zelt bedecken wol-
len, weil sie iiber jede endliche reichen, und von der Vernunft, die
keine endliche Kausalreihe denken kann, nicht weiter fort-
geschlossen hat auf den Willen. Alle unsere AfFekten fuhren ein
unvertilgbares Gefuhl ihrer Ewigkeit und Uberschwenglichkeit
bei sich — jede Liebe und jeder HaB, jeder Schmerz und jede
Freude fuhlen sich ewig und unendlich. So gibt es auch eine
Furcht vor etwas Unendlichen, wovon die Gespensterfurcht, wie
ich anderswo1 bewiesen, eine AuBerung ist. Wir sind unvermo- 20
gend, uns nur eine Gliickseligkeit vorzutraumen, die uns ausfullte
und ewig befriedigte. - Dein Genius entfuhre dich und lege dich
in der schonsten Pappelinsel dieser Erde nieder — er ziehe Lust-
haine durch die Insel, und Garten urn die Haine, und Blumen urn
die Garten - er offne dein Auge und zeige dir alles, was du hast:
einen stillen Himmel und zwei Menschen, die du liebst - er fliege
in dein Herz zuriick und wohne darin unter dem Namen der Tu-
gend und Weisheir: - Glucklicher! wirst du niemals seufzen? -
Und steigt dein erster Seufzer als Ubersatdgung auf, mit der sich
jakein Wunsch, kein Hunger gesellen konnte? -All unser Ringen 30
nach Freude soil nur unser Schmachten ubertauben : wir liegen brii-
tend auf der kalten Erde wie die Vogel auf Kreide, nicht um etwas
auszubruten, sondern um die Bruthitze der siechen Brust zu lindern.
Was nun unserem Sinne des Grenienlosen - so will ich immer
der Kiirze wegen sagen - die scharfabgeteilten Felder der Natur
1 Mumien. 1. T. S. 278. 279.
UBER DIE NATURLICHE MAGIE DER EI NBI LDUNGSKRAFT 201
verweigern, das vergonnen ihm die schwimmenden nebligen
elysischen der Phantasie. Kant setzet schon das Erhabene der
Dichtkunst und der Natur in ein angeschauetes Unendliche. Die
Natur zwar selber als Sinnengegenstand ist nicht erhaben, d. h.
unendlich, weil sie alle ihre Massen wenigstens mit optischen
Grenzen scharf abschneidet, das unabsehliche Meer mit Nebel
oder Morgenrot, den unergriindlichen Himmel mit Blau, die Ab-
grtinde mit Schwarz. Gleichwohl sind das Meer, der Himmel, der
Abgrund erhaben; aber nicht durch die Gabe der Sinne, sondern
10 der Phantasie, die sich an die optischen Grenzen, an jene schein-
bare Grenzenlosigkeit hinstellet, urn in eine wahre hinuberzu-
schauen. Man konnte fragen: warum tut sie es nicht bei jedem
Blau, bei jedem Schwarz? - Man konnte antworten: weil nicht
jedes Blau einen so groBen Gegenstand umschlieBet. Man konnte
wieder fragen: warum denn eine dem Meere an GroBe gleiche
Blumenebene sich mit Nebeln schlieBe, ohne so erhaben zu sein
wie das Meer. Die letzte Antwort aber bleibt: weil alles GroBe
einfarbig sein muB, da jede neue Farbe einen neuen Gegenstand
anfangt. Im einfachen Blau des Himmels wiegt die Seele ihre
20 Fliigel auf und nieder - unci aus dem letzten Stern stiirzt sie sich
mit ausgebreiteten Schwingen in die UnermeBlichkeit.
Stelle dir ein Arkadien vor: in dem, worauf du trittst, halten
uberall Herkules-Saulen deine Geniisse auf und lassen bloB deine
Wunsche iiber die Saulen fliegen; aber in einem dichterischen
kann ja dein Wunsch nicht groBer sein als dein Bezirk, und das,
was du wiinschest, hast du ja eben vorher erschaflen. -
Der Steig der Wirklichkeit ist nicht bloB steiniger, sondern
auch langer als der der Phantasie, die iiber ihm schweifet; aber
wenn du einen Dichter liesest, so hast du noch dazu die Freude,
30 den blumigen Irrgang einer fremden Phantasie mit deiner eignen
zu durchkreuzen. Wie wird die Phantasie, die schon die Wirk-
lichkeit aufschmiickt, erst Traume verzieren! -
Wenn ich oft meiner Phantasie in- schonen Landschaften er-
laubte, Landschaftsmalereien zu machen fur mich, nicht fiir das
Publikum : so fand ich - und auch sonst -, daB die aus mir auf-
steigenden Fluren nur Inseln und Erdstriche aus der langst ver-
202 LEBEN DES QUINTlfS FIXLEIN
sunknen Kindheit waren. Der Traum fuhret auch (wie schon
Herder bemerkt) die langst weggeschobenen bunten Glasmale-
reien der Kindheit wieder in die dunkle Kammer des Schlafes zu-
ruck. Die Kindheits-Erinnerungen konnen aber nicht als Erin-
nerungen, deren uns ja aus jedem Alter bleiben, so sehr laben:
sondern es muB darum sein, weil ihre magische Dunkelheit und
das Andenken an unsere damalige kindliche Erwartung eines un-
endlichen Genusses, mit der uns die vollen jungen Krafte und die
Unbekanntschaft mit dem Leben belogen, unserem Sinne des
Grenzenlosen mehr schmeicheln. 10
Das Idealische in der Poesie ist nichts anders als diese vor-
gespiegelte Unendlichkeit; ohne diese Unendlichkeit gibt die
Poesie nur platte abgefarbte Schieferabdriicke, aber keine Blu-
menstiicke der hohen Natur. Folglich muB alle Poesie idealisie-
ren: die Teile mussen wirklich, aber das Ganze idealisch sein. Die
richtigste Beschreibung einer Gegend gehoret darum noch in
keinen Musenalmanach, sondern mehr in ein Flurbuch - ein
Protokoll ist darum noch keine Szene aus einem Lustspiel — die
Nachahmung der Natur ist noch keine Dichtkunst, weil die Ko-
pie nicht mehr enthalten kann als das Urbild. - 20
Die Poesie ist eigentlich dramatisch und malt Empfindungen,
fremde oder eigene : das iibrige - die Bilder, der Flug, der Wohl-
klang, die Nachahmung der Natur - diese Dinge sind nur die
ReiBkohlen, Malerschatullen und Geruste zu jener Malerei. Diese
Werkzeuge verhalten sich zur Poesie wie der GeneralbaB oder
die Harmonie zur Melodie, wie das Kolorit zur Zeichnung. Dazu
setz* ich nun weiter: alle Quantitaten sind fur uns endlich, alle
Qualitdten sind unendlich. Von jenen konnen wir durch die
auBern Sinne Kenntnis haben, von diesen nur durch den innern.
Folglich ist jede Quaiitat fiir uns eine geistige Eigenschaft. Geister 30
und ihre AuBerungen stellen sich unserem Innern ebenso grenzen-
los als dunkel dar. Mi thin muB das in uns geworfene Sonnenbild , das
wir uns vom Dichter machen, vergroBert , vervielfaltigt und schim-
mernd in den Wellen zittern, die er selber in uns zusammentrieb. l
1 Ohne die Erwagung des Geistes, der schuf, war* es nicht zu erklaren,
warum eine Szene aus Shakespeare nur halb gefiele, wenn wir wiiBten, er
UBER DIE NATURLICHE MAGIE DER EINBI LDUNGSKRAFT 203
Aber das wars nicht, worauf ich kommen wollte, sondern dar-
auf, wodurch und womit die schonen Kiinste auf uns wirken.
Durchaus nur mit und durch Phantasie: das, was die Gebilde der
Malerei und Plastik von andern Korpern absondert, muB ein be-
sonderes Verhaltnis zu unserer Phantasie sein. Dieses Verhaltnis
kann nicht auf die bloBe kahle Vergleichung hinauslaufen, die
wir zwischen dem Ur- und Abbilde anstellen und aus der wir nur
das matte Vergnugen besiegter Schwierigkeiten schopfen konn-
ten. Sulier sagt: ein Gemalde gefallet uns, aber nicht das treuere
. Bild im Spiegel, eine Statue entzuckt uns, aber nicht die treuere
Wachsfigur: denn die Ahnlichkeit muB ihre Grenzen haben. Ich
frage aber: warum? Weswegen soil die vollendete Ahnlichkeit
(die Gleichheit) weniger vermogen als die unvollendete? Es ist
in diesem Sinne nicht einmal wahr, und ein Portrat, dem zum
Spiegelbilde nichts abginge als die Beweglichkeit, wiirde uns um
so mehr bezaubern.
Aber in einem andern Sinne ist allerdings eine Unahnlichkeit
vonnoten: diejenige, die in die Materie die Pantomine eines
Geistes eindruckt, kurz das Idealische. Wir stellen uns am Chri-
■ stuskopfe nicht den gemalten, sondern den gedachten vor, der
vor der Seele des Kunstlers ruhte, kurz die Seele des Kiinstlers,
eine Qualitat, eine Kraft, etwas Unendliches. Wie die Schau-
spieler nur die Lettern, nur die trocknen Tuschen sind, womit
der Theaterdichter seine Ideale auf das Theater malet - daher
wird jedes Trauerspiel mit groBerem Vorteil seines Idealischen
im Kopfe als auf dem Schauplatz aufgefiihret -: so sind die Far-
ben und Linien nur die Lettern des Malers. Die typographische
Pracht dieser Lettern vermenge man nicht mit dem erhabenen
Sinn, dessen unwillkurliche Zeichen sie sind.
Ich sagte unwillkurliche. Unsere Seele schreibt mit vierund-
zwanzig Zeichen der Zeichen (d. h. mit vierundzwanzig Buch-
staben der Worter) an Seelen ; die Natur mit MilHonen. Sie zwingt
uns, an fremde Ichs neben unserem zu glauben, da wir ewig nur
Korper sehen - also unsere Seele in fremde Augen, Nasen, Lip-
hatte sie von Wort zu Wort aus irgendeinem wirklichen Zufall, Protokoll,
Dialoge ausgeschrieben.
204 LEBEN DES QUINTUS FIXLEIN
pen iiberzutragen. Kurz, durch Physiognomik unci Pathogno-
mic beseelen wir erstlich alle Leiber - sparer alle unorganisierte
Korper. Dem Baume, dem Kirchturme, dem Milchtopfe teilen
wir eine feme Menschenbildung zu wnd mit dieser den Geist. Die
Schonheit des Gesichts putzet sich nicht mit der Schonheit der
Linien an, sondern umgekehrt ist alle Linien- und Farbenschon-
heit nur ein iibertragener Widerschein der menschlichen. Unser /
Unvermogen, uns etwas Lebloses existierend, d. h. lebend zu
denken, verkniipft mit unserer Angewohnung an ein ewiges Per-
sonifizieren der ganzen Schopfung, macht, daB eine schone Ge- 10
gend uns ein malerischer oder poetischer Gedanke ist - daB groBe
Massen uns anreden, als wohnte ein groBer Geist in ihnen oder
ein unendlicher-und daB ein gebildeter Apollos- und ein gemal-
ter Johanneskopf nichts sind als die schone echte Physiognomie
der groBen Seelen, die beide geschaffen, um in homogenern Kor-
pern zu wohnen, als die eignen sind. —
Als Tithon sich vom Jupiter die Unsterblichkeit erflehte, hatte
er in seine Bitte nicht die Jugend eingeschlossen, und er schwand
zuletzt ein zu einer unsterblichen -Stimme: So verfallet, erblei-
chet das Leben hinter uns, und unserer einschwindenden vertrock- 20
nenden Vergangenheit bleibt nur etwas Unster,bliches - eine
Stimme: die Musih. DaB nun die Tone, die in einem dunkeln
Mondlicht mit Kraften ohne Korper unser Herz umflieBen, die
unsere Seele so verdoppeln, daB sie sich selber zuhort, und mit
denen unsere tief heraufgewuhlten unendlichen exaltierten HorT-
nungen und Erinnerungen gleichsam im Schlafe reden, daB nun
die Tone ihre Allmacht von dem Sinne des Grenzenlosen uber-
kommen, das brauch' ich nicht weiter zu sagen. Die Harmonic
fullet uns zum Teil durch ihre arithmedschen Verhaltnisse; aber
die Melodic^ der Lebensgei'st der Musik, erklaret sich aus nichts 30
als etwan aus der poetischen reinen Nachahmung der rohern
Tone, die unsere Freuden und unsere Schmerzen von sich geben.
Die auBere Musik erzeugt also im eigentlichen Sinn innere; daher
auch alle Tone uns einen Reiz zum Singen geben. —
Aber genug! Ich schlieBe, wie ein Schauspiel, mit der geliebten
Tonkunst. Ich hatte noch viel einzuschranken, zu beantworten
UBER DIE NATURLICHE MAGIE DER EI NBI LDUNGSKRAFT 20$
und nachzuholen, z. B. das, daB es eine genieBende und eine
schafTende Phantasie gebe und da6 jenes die poetische Seele sei,
die den Sinn des Unendlichen feiner hat, und dieses die schopfe-
rische, die ihrt versorgt und nahrt, oft ohne ihn zu haben; ich
konnte noch mit den Kraften des Mondscheins, der Nacht, der
bunten Farbenwqgen in Tautropfen meinen Satz befestigen: aber
einer, der bei Tageslicht blind ware, wurde auch bei wolken-
losem Sonnenlicht nichts sehen. Es ist mir — so sehr personifi-
zieret der Mensch sogar seine eignen Teile -, als muBt* ich jetzt
10 der Phantasie, iiber die ich zu lange geschrieben und unter deren
heiBen Linie wie unter der andern ein ewiger Morgenwind der
Jugend weht, als muBt' ich ihr dankbare Empfindungen fur die
Stunden, fur die Garten, fur die Blumen, selber fur die Wiinsche
bringen, die sie wie Girlanden um das einfarbige Leben flicht.
Aber hier will wieder der Mensch, wie so oft, lieber der Gabe als
dem Geber danken. — Und was soil unser. Dank sein? - Zufrie-
denheit! Abscheu vor der Unart, den kostlichen Ersatz der Wirk-
lichkeit und die Wirklichkeit zugleich zu begehren, zu den un-
verwelklichen B lumens tucken der Phantasie noch die diinnen
20 Blumen der irdischen Freude dazu zu fordern und iiberhaupt das
zu vergessen, daB der dichterische Regenbogen (wie der optische)
sich gerade beim niedrigsten Stande der Sonne (im Abend und
Winter) am hochsten wolbe. - Wohl gleichen wir hier mit un-
serer lechzenden Brust Schlafenden, die so lange dursten, als sie
den Mund qffhen: sie sind gestillet, wenn sie ihn schlieften, und
wir auch, wenn unsern die letzte Hand zudriickt. Aber wir sind
voll himmlischer Traume, die uns tranken - und wenn dann die
Wonne oder die Erwartung der traumerischen Labung zu groB
wird, dann werden wir etwas Bessers als satt - wach.
Des Amts-Vogts Josuah Freudel Klaglibell gegen seinen
VERFLUCHTEN DaMON
Dieses zierliche Klaglibell, worin ein zerstreueter Gelehrter ohne
sein Wissen seine Zerstreuung schildert, kam durch die Giite des
Herrn Pfarrers Fixlein in meine Hande, ders in der Kirchenagende
seiner Sakristei gefunden hatte. Ich glaube, ich kann das Libell
ohne Diebstahl zu meinen Aufsatzen und EfTekten schlagen, da
Freudel hinten eine Arbeit von mir in seine einfugt; denn ich
mache, da commixtio und confusio ein modus adquirendi ist, aus :
rechtlichen Griinden aufs Ganze Anspruch. Wenigstens ge-
horenT da er das Papier dazu aus der Sakristei erhob, meinem
Gevatter als Herrn des Prinzipale die darauf gesetzten Gedanken
des Vogts als accessorium. Der Konzipient hatte sich aus Ver-
sehen am BuBtage in die Hukelumer Kirche sperren lassen : - um
nun die Langweile sich so lange vom Leibe zu halten, bis ihn
beim Gebetlauten jemand hinausIieB, verschrieb er die Zeit bis
dahin in diesen Klagen :
Gewisser ist wohl nichts, als daB manchen Menschen ein tuk-
kischer Damon verfolgt und ihm lange Sperrhaken ins Getriebe 20
seines Lebens steckt, wenn es gerade am besten umlauft und eben
ausschlagen will. Jeder muB Menschen kennen, die lauter Un-
gliick im Spielen - Kriegen - Heiraten - in allem haben, so wie
andere wieder lauter Gliick. Bei mir wird gar Gluck und Un-
gliick mutschierungsweise neben und auf einander verpackt in
eine Tonne, anstatt daB es Jupiter in zwei verfiillte. Ist vollends
das Vergniigen, die Ehrenbezeugung, die riihrende Empfindung,
die ich habe, groB, sehr groB : so verlass' ich mich darauf, daB es
nun der Damon gewahr werden und mir alles hinterdrein geseg-
DES AMTS-VOGTS JOSUAH FREUDEL KLAGLIBELL 207
nen werde. So versalzet er mir gern schone Lustfahrten durch
einen hauslichen Hader; und ein Ehrenbogen ist fiir mich ein
Regenbogen, der drei elende Tage ankiindigt. So hat er mir heute
in diese Kirche nachgesetzt, weil er voraussah, die bliihende Pre-
digt werde mir einiges Vergniigen reichen; und nun sen' ich
mich seit der Vesperpredigt in das Gotteshaus inhaftiert, und das
Schicksal weiB, wenn ich hinausgelassen werde. Denn ich kann
weder Tiir noch Fenster ausbrechen, und das groBte Ungliick
ist, daB gerade heute BuBtag ist, wo keine Magd auf den Gottes-
io acker geht; unter alien meinen dummen Schreibern hat ohnehin
keiner so viel Verstand, daB er mich in der Sakristei aufsuchte.
Diese Kirche ist mir iiberhaupt aufsatzig; ich habe darin schon
ein Ungliick gehabt, und es war heute nichts als der Widerschein
eines alten, daB ich unter der Hand der ganzen Gemeinde ab-
gefangen wurde, indem ich still und vergnugt in meinem Kirchen-
stuhle saB und meine ungedruckte Anweisung zu einem gericht-
Hch-bliihenden Stil in Gedanken priifte. Denn ich bin leider in
viele Sattel gerecht, eben weil mich der Damon immer aus jedem
hebt.
20 Ich habe mich sonst mit Versen abgegeben - welches jetzt
wenigstens meinem Stile zuschlagt - und nachher umgesattelt:
denn ich wollte ein Pfarrer werden, und kein Amtsvogt. Die
Geschichte ist im Grunde unterhaltend, obwohl auf meine Kosten.
Ich wollte namlich als Student in meinem Geburts-Dorfe (eben
hier in der Kirche) mit einer Gastpredigt ausstehen und hatte des-
halb eine groBe Periicke mit einem hohen Toupet-Gemauer mei-
ner Mutter zuliebe aufgesetzt. Gleich im Exordio stieB ich auf ein
Abenteuer, indem ich die Nutzanwendung, die sich auch wie
jenes mit: »teuerste etc. Zuhorer« anhebt, ungliicklich mit dem
30 Eingange verwechselte; aber ich hielt - leicht und mit zweck-
maBigen Veranderungen - den Zuhorern den Schwanz so in
meiner Hand hin wie ein Endchen Kopf. Tausend andere hatten
von der Kanzel gemuBt; ich hingegen kam wohlbehalten vor dem
Kanzelliede an und sagte: »Nun wollen wir ein andachtiges Lied
miteinander singen« - und das war mein Ungliick. Denn da ich
mich - wie es auf den meisten Kanzeln Sitte ist - so mit dem
208 LEBEN DES QUINTUS FIXLEIN
Kopfe aufs Pult hinlegte und niederkrempte, daB ich nichts mehr
sehen konnte als den Kanzel-Frack - so wie von mir audi nichts
zu sehen war als mein Knauf, die Periicke mit dem Wall -: so
muBt* ich (wollt* ich nicht dumm sein und ins Kanzeltuch hin-
einsingen) aus Mangel an Gesichtsempfindungen wahrend dem
Singen denken. - Ich suchte also auf dem Pulte den Eingang, wo-
mit ich schlieBen wollte, zur Nutzanwendung umzufarben - ich
wurde von einer Subdivision auf die andere verschlagen — ich
hatte mich Vie ein Nachtwandler unter meine Gedanken ver-
stiegen, als ich plotzlich mit Erstarren vermerkte, daB schon 10
langst nichts mehr sange und daB ich nachdachte, wahrend die
samtliche Kirche auflauerte. Je langer ich erstaunte in meiner
Periicke, desto mehr Zeit verlief, und ich iiberlegte, ob es noch
schicklich sei,so spat das Toupet-Fallgatter aufzuheben und dar-
unter den Kirchleuten wieder zu erscheinen. Jetzt war — denn
der Kanzel-Uhrsand lief in einem fort - noch mehr .Zeit verstri-
chen; die auBerordentliche Windstille der Gemeinde lag ganz
schwiil auf meiner Brust, und ich konnte, so lacherlich mir zu-
letzt der ganze, Ohr und FuB spitzende Kirchenhaufe vorkam
und so sicher ich hinter meinem Haar-Stechhelm lag, doch leicht 20
einsehen, daB ich weder ewig niedergestulpet bleiben noch mit
Ehren in die Hohe kommen konnte. Ich hielts also fur das An-
standigste, mich zu haren und mit dem Kopfe langsam aus der
Periicke wie aus einem Ei auszukriechen und mich heimlich mit
bloBem Haupte in die an die Kanzeltreppe stoBende Sakristei
hinunterzumachen. Ich tats und lieB die ausgekernte ausgeblasene
Periicke droben vikarieren. Ich verhalt' es nicht: indes ich in der
Sakristei mit dem unbefiederten Kopfe auf- und abging : so passete
jetzt (denn mein brachliegender Adjunktus und Geschaftstrager
schauete in einem fort schweigend auf die Seelen herunter als An- 30
fang eines Seelenhirten), so passete, gesteh' ich, jetzt GroB und
Klein, Mann und Weib darauf, daB der Kopf-Socken anfinge sich
aufzurichten und ihnen vorzulesen und jeden so zu erbauen, wie
ja homiietische Kollegien uns alle, hoff ' ich, abrichten. Ich brau-
che den Lesern nicht zu sagen, daB die erledigte Periicke nicht
aufstand, beraubt aller Inlage und ihres Einsatzes. Zum Gliick
DES AMTS-VOGTS JOSUAH FREUDEL KLAGLIBELL 209
stellte sich der Kantor auf die FuBzehen und sah in die Kanzel
herein - er stieg sans facon herab und hinauf und zog meine Ka-
puze beim Schwanze in die Hohe und zeigte der Parochie, daB
wenig oder nichts drinnen ware, was erbauen konnte, kein See-
lensorger - »die Fulle ist schon aus der Pastete heraus«, bemerkt'
er ofTentlich bei diesem Kopf-Hiatus und steckte meinen Vikarius
zu sich. - Und seitdem nab' ich diese Kanzel nicht mehr gesehen,
geschweige betreten
Wahrlich ich schreib' ihr jetzt gerade gegenuber, und ich sah
10 heute hinauf; ich wollt* aber, ich konnte hinaus, und ich mufi
schon lange.geschrieben haben. Beilaufig! gerade diese Historie,
die ich ausschweifungsweise beigebracht, dient mehr als eine, das
Dasein eines Damons, der den mit den besten Projekten schwan-
gern Menschen in Ratten-Y orm unter die Fiifie schieBet, zu be-
glaubigen - aber Muttermale sind die Nachwehen davon.
Ich schwamm wohl niemals mehr im Wonnemeer als einmal,
da der hiesige regierende Biirgermeister zur Erde bestattet wurde
- dennoch wuBte rnir mein Damon Unrat in meine Leichensuppe
zu schmeiBen. Ich wurde abkommen von dem Leichenbegangnis,
20 wenn ich weitlauftig berichten wollte, wie wenig dieser Haus-
teufel darnach fragt, wenn er mich um eine Hinrichtung - urn
eine Kronung - um eine Sonnenfinsternis zu bringen vermag.
Da diese Dinge leider keine Palingenesie, kein Ancora und kei-
nen Refrain verstatten: so hab' ich dieses Trio von Dingen, das
sonst wohl wenig Ahnlichkeit miteinander hat, niemals be-
schauen konnen - es war vorbei, eh' ich daran dachte, daB es
komme.
Ich sollte Leichenmarschall beim Begrabnis sein und fing es
auch an: der Biirgermeister, dem der Tod die Sanduhr in die
30 Augen geschiittet hatte, war ein Mann, der verdiente, einen guten
Leichenmarschall zu haben, einen gestabten Leichen-Turnier-
Vogt; denn er war in der ganzen Gegend selber bei alien Leichen
von Stand der allgemeine Undertaker, der GroBkreuz des me-
mento mori-Ordens gewesen, der maitre de plaisirs des Toten-
tanzes. Er hatte - so gut fand er sich in die Charge - Leichen-
Obermarschall in London bei der Beerdigung der magna charta
2IO LEBEN des quintus fixlein
sein konnen, ware sie kein bloBer SpaB gewesen; und falls man
den alten Publizisten Reichsherkommen in den Residenzstadten
einmal im Ernste begriibe, so konnte der Biirgermeister den Sarg
unterstiitzen, lag' er nicht selber darin.
Ich muB noch vorher erzahlen, daB ich abends vor der Be-
stattung, weil ich mit dem Biirgermeister einerlei Natur hatte,
mir an ihm ein Beispiel nahm und meine Friihlingskur, namlich
i1/2 Loffel echte Rhabarber gebrauchte. Ich wollte, ich hatte et-
was von jenen Gelehrten an mir, die aus Zerstreuung eines iiber
das andere vergessen: eine kleine Zerstreuung, worm ich iiber 10
die Leiche die Kur vergessen hatte, wiirde mir den andern Tag
zupassegekommen sein. Ich sollte fast mich schamen, etwas so
viele lesen zu lassen, was ich ohnehin so viele sehen lieB. Im
Grunde wars wohl unvermeidlich und wahres splanchnologisches
Fatum : denn ich trank im Trauerhause viel nach - muBte lang-
sam neben der schleichenden Bahre waten und noch dazu einem
ltiftenden Wind entgegen, der den ehrwiirdigsten Mannern den
Leichenmantel zu einem Fettschwanz aufflocht (den faltigen Bett-
zopf und Troddel steckt* er ihnen dann wie ein Stichblatt an die
rechte Seite), und ich fiihrte noch dazu die satanische Friihlings- 20
purganz im Magen bei mir. Inzwischen muBte einer, der mir
nachsah, wenn er nicht horndumm war, sogleich bemerken, daB
ich lange genug meine physiologischen Verhaltnisse zum Besten
meiner Pflicht verbiB und verwand und hinter dem schwarzen
fliegenden Sommer und Flor-Labarum des Huts und mit dem
eingewindelten hohen Marschalls-Taktstock das samtliche Lei- •
chenkondukt gut genug kommandierte und begleitete, obwohl
ich im Wasser der Tranen und der Laxanz als ein gebrochener
Stab erschien. - Denn mir tat es wehe, so viel (am Biirgermeister)
verloren und so viel eingenommen zu haben. Meinet.wegenl.30
Unser Land kommt doch darhinter : kurz der mitsingende Wind
mochte uns kaum bis an zehn Schritte vor die Kirchtiire ge-
schoben haben, als ich wirklich und ohne freien Willen, gleich
dem Kaiser Vespasian - und auch am namlichen Orte -, meinen
verbitterten Zepter fallen lieB. ...
Viele lachten wohl.
DES AMTS-VOGTS JOSUAH FREUDEL KLAGLIBELL 211
In andern Fallen weiB ich mir gegen Arzneien zu helfen. Da
ich z. B. einmal dem vorigen Obristforstmeister, mit dem ichs
nicht verderben durfte, auf seinem Jagdhause am Martinitag zu
essen brief lich versprochen hatte: so traf sichs zum Gliick, daB
ich an dem namlichen Tage beim hiesigen Pfarrer zu speisen
miindlich zugesagt hatte. Nun war ich vor Nachteil verwahret,
da es am Martinitag nicht bloB in der Pfarre drunter und driiber
ging, sondern auch in meinem Magen; bloB weil ich mich mit
einem hiibschen Brechmittel ausbiirstete. - Denn als mir um
10 zwolf Uhr der Pfarrer sagen HeB, »es wiirde alles kalt«: so wuBt*
ich recht gut, wie viel Uhr es geschlagen hatte, und nahm ia der
Stadt, in die ich in einer Viertelstunde lief, auf der Post ein Ku-
rierpferd und kam beim Forstmeister gerade angesprengt, als die
Suppe noch heifier rauchte wie mein Gaul.
Ich weiB gewiB, ich wo lite dem Leser noch einen recht frap-
panten Kasus auftischen; aber er will mir jetzt durchaus nicht
beifallen. - Andern Leuten muB es noch ofter so gehen : denn ich
habe eine ganze ausgewahlte Bibliothek durch Diebstahl gewon-
nen und eine verloren, weil die einen, die mir jene Hehen, und die
20 andern, die mir diese abborgten, vergessen hatten, mit wem sie
zu tun gehabt - und dann kamen mir die Leute auch aus dem
Kopfe.
Jetzt fallet mir alles bei: es war so. Fatalien waren mir, da ich
noch Advokat war, in jedem Prozesse MiBpickel und Ratten-
pulver, und merne Appellationen wollten (wie alle lang lebende
Gewachse) nie schon in zehn Tagen zeitigen; dennoch erwiderte
ich einen gut ausgedachten Streich des bosen Damons mit einem
bessern. Oberhaupt sollten die Kollegien so gut Fatalien zu fiirch-
ten haben wie die Advokaten : ist nicht oft das Beste, was die Par-
30 teien verlieren konnen, Zeit? Und warum soil diese der schuldige
und der unschuldige Teil zugleich verlieren? - Was helfen alle
Lduferschuhe der Advokaten (und die Hetipeitschen der ProzeB-
ordnung dazu), wenn die hohern Kollegien, an die alle Akten
indossieret werden, in Hemmschuhen und Hemmketten einher-
waten? - Kurz die Advokaten und die hohern Instanzen (denn
uns niedrigen ziigelt man schon, und ich darf kaum mehr spre-
212 LEBEN DES QUINTUS FIXLEIN
chen, so verlangen die Leute die Apostel) siechen an demselben
Marasmus der Dilation, an derselben Frakturschrift der Schrei-
ber, an derselben Geld- und Gesichterschneiderei Ich schweife
hier vielleicht ab; aber ich bekenne, ich fass' es niemals, wie ich
im Schreiben von einem aufs andre komme, da ichs doch im
Denken nicht tue.
Aber wie gesagt, es war an meinem Hochzeittag: - er war
schon ganz vorbei bis auf eine Viertelstunde. — Die finstere Hoch-
zeitnacht war hereingebrochen - ich hatte meine Repetieruhr und
mein Zopfband schon unter den Spiegel gehangen und das vor- 10
letzte Licht ausgetan und beim letzten drei Viertel auf zwolf Uhr
gelesen und so feurig als wenige an meine Hebe Braut, als Tur-
und Wandnachbarin meiner Seele, gedacht, als ich im sogenann-
ten Ehekalender, der neuerer Zeiten das Kirchenbuch und den
Geburtsschein um dreiviertel Jahr antizipieret, nachschauete, urn
das heutige Datum zu unterlinieren : nun kam ich im Kalender,
worin zugleich meine juristischen Fatalien und Termine stehen,
zum Gliicke mit darhinter, da£ ich innerhalb zwei Tagen appel-
lieren miiBte, und daB der letzte Viertelhammer der zwolften
Stunde den achten gar erschluge. Ich raffte mich zusammen, be- 20
schnitt Papier (in Baiern war's unnotig) und legte stehendes
FuBes die Appellation ein, die einzulegen war, und petschierte sie
zusammen. »Ich habe nur« - meldete ich ausgefroren der Braut -
»vom Judex a quo zum Judex ad quern appelliert; und du kannst
dir denken, ob man es appellatischerseits werde erwartet haben.«-
Da der Teufel eine eigne Liebhaberei fiir Zwiespalt hat: so
sucht er mir gerade, wenn ich durch einen Ehrenbogen gehe, den
Grimm meiner Freunde zuzuwenden. Ich erinnere mich, daB ich
oft vermischten Gesellschaften mit der groBten Deutlichkeit La-
vaters Tierstucke aus seinem physiognomischen Schwabenspiegel 30
repetierte und ihnen die Anwendung der Vieh- und Insekten-
kopfe auf die menschlichen so leicht machte, als ohne Kupfer-
stiche moglich ist, ich erinnere mich, sag* ich, daB ich mich, wenn
ich mich dann nach einiger Beistimmung umschauete, in einem
Zirkel oder Trapezium von fatalen verdruBHchen Gesichtern mit
gekrauselten Nasen, faltigen Lippen, gestirnten iiberschriebnen
DES AMTS-VOGTS JOSUAH FREUDEL KLAGLIBELL 213
Stirnen stehen sah - und wer mir aus der Gesellschaft die nach-
sten Wochen darauf ein Bein unterstellen konnte, der tats. Wenn
ich nicht zuweilen in Gesellschaft einschliefe, so konnten alle
nichts aufbringen, womit ich ihnen zu nahe trate: alles, was ich
darin wage, ist, daB ich vor ihnen im Kopfe einige juristische
Opuscula ausarbeite^ anstatt daB Zimmermann ihnen im Kopfe
gar seine philosophischen vorlieset. Newton sah den Finger einer
Dame fiir einen Zwerghirschchen-FuB an, den man zum Pfeifen-
stopfer nimmt; ich aber habe nichts auf mir, als daB ich einmal,
. da ich meine Pfeife ausklopfte, aus Hoflichkeit einigemal rief:
herein! weil ich dachte, man klopfe clrauBen an.
So werf ' ichs mehr einem bosen Damon als mir selber vor, daB
ich in einem Jahre meinen Gevatter und meinen Beichtvater zu-
gleich geargert. Ich war sehr krank und lieB auf drei Sonntage
eine Kirchenvorbitte fiir meine Genesung bestellen. Am dritten
Sonntag saB ich wahrend der Vorbitte selber mit unter den Leu-
ten und schauete - wahrend der Pfarrer oben an meiner Rekon-
valeszenz arbeitete - unten aus meinem Gitterstuhl mit einem
narrischen Gesichte genesen heraus. Teh wuBt* aber am besten,
) warum ich mich als Rekonvaleszent ofFentlich vorstelle: die Ge-
meinde sollte sehen, wie ihre Vorbitte angeschlagen, und zwei-
tens sollte sie ermuntert werden zu Vorbitten gegen das Rezidiv.
Was meinen Gevatter, den Marschkommissar, anlangt, so ritt
ich zu ihm bei der ersten Niederkunft meiner Frau und wollt' ihn,
da er mein alter Universitats-Jonathan und Orest ist und in der
Nahe wohnt, zu Gevatter bitten, als er gerade reisefertig im Stalle
auf den Durchmarsch der Ungarn paBte. Da sein erstes Wort war,
ich mochte auf dem Pferde mit ihm reden und mitreiten: so ver-
ritt ich einen halben Tag, und erst vier Meilen vom Taufling
3 macht' ich ihn bei einem Setzteiche zu meinem Gevatter in Bei-
sein der Kompagnie. Den andern Tag erreichten ich und er mit
zwei solchen Jagdpferden, wie wir reiten, leicht den Taufstein
beizeiten.
Ich kann nkht erzahlen, wie ich meinen Gevatter grimmig und
zwietrachtig gemacht, wenn man mich nicht vorher iiber die
Tiicke meines Damons abhort, der mir, solang' ich Geburtstage
214 LEBEN DES QUINTUS FIXLEIN
in meinem Leben antraf, noch keinen einzigen zu begehen er-
laubte. Kurz vor, kurz nach den Geburtstagen veranstalt' ich viel
und schaffe Vorreiter und Voressen an; ist aber einer von den
Geburtstagen da, so merk* ich nichts von ihm, und ich kann ihn
also nicht durchfeiern. Endlich dacht' ich, es wurde zu etwas fuh-
ren und gescheut sein, wenn ich satteln lieBe und schon vier
Wochen vorher meinen Gevatter auf Barnabas-Tag - da fiel
meine Geburt - samt den sieben lieben Kleinen invitierte, mit mir
vorlieb zu nehmen. Ich saB auf und iiberraschte und iiberredete
den Marschkommissar, ohne ihm jedoch etwas vom Geburtsfeste 10
zu entdecken : ich setzte nicht eher einen Fufl in den Steigbiigel,
als bis er - weil er kaum aus den Reisekleidern wegen der Durch-
marsche kam, die halb-frankieret waren und nicht viel anderes
Geld gaben als Fersengeld — doch in meinem Beisein ein vier-
sitziges Fuhrwerk auf Barnabas bestanden hatte. Nun hatt' ich
alles abgetan und brauchte nicht weiter daran zu denken: ich
wuBte, der Kommissar vergesse nichts. - Unter dieser Zeit lieB
ich das schone Bau- Wetter nicht wieder verstreichen, sondern
machte mich einmal im Ernste iiber die Hauptreparatur und Re-
produktion meines bruchigen Hauses her. Als nun am Barnabas- 20
termin bei friiher Tageszeit der alte Marschkommissar samt seiner
jungen Frau und sieben lebendigen, meinetwegen in Putz gesetz-
ten, vergniigten Kindern wirklich unten vor meinem Hause
gleich ihrem Fahr- und Fuhrmann, der schon vom Bocke war,
freudig auszusteigen gesonnen waren : wars eine platte Unmog-
lichkeit, weil um das Haus mehrere Schutt-Kettengebirge um-
hersaBen und weil besonders die Beine und Pfahlwerke des Ge-
riistes die ganze Anfurt verschrankten. - Ich selber spazierte
oben auf letzterem mit einem abgekiirzten strangulierten giim-
mierten Schlafrock herum, reine Luft zu schopfen, und guckte 30
staunend auf den groBen Kutschkasten herunter, ungemein neu-
gierig, was wohl aus dem Kasten springe. Aber der Fuhrmann
schwang sich wieder uber das Rad hinauf und fuhr die Familie
vor einen wohlfeilen Gasthof, an dem ich erst, weil er meinem
Geriiste gegeniiber stand, beim Aussteigen und Hineinziehen
meinen guten Gevatter und seine geputzte Familie leicht wie
DES AMTS-VOGTS JOSUAH FREUDEL KLACLIBELL 21 5
Dokumente rekognoszierte. Ich Iiefi sie erst druben allein essen,
weil ich nicht gern schmarutziere, und dann kam ich schleunig
nach. Ich trat mit dem Scherze vor ihr Tischtuch, ich konne sie
heute nicht in meinen vier Pfahlen, sondern in meinen zwanzig
Pfahlen - aufs Geriiste wird angespielet - empfangen; »aber bei
uns zu Hause«, setzt' ich hinzu, »kann sich kaum der Mauer-
meister mit dem Borstpinsel umkehren.« - Ich bekenne mit Dank
- so sehr mkh jetzt mein Gevatter anfeindet — , dieser letzte Nach-
mittag, den ich bei ihm versaB, war einer meiner heitersten. Ich
10 notigte ihn, die Nacht dazubleiben; und ich hielt mich beimKom-
missar von Vormitternacht bis ein wenig gegen den Morgen auf,
weil er, ob er gleich so schlafrig war wie seine von der Apoplexie
des Schlafes um ihn hingestreckten Kinder, doch aus Zerstreu-
ung nicht merken muBte, welche Zeit es sei : denn der Mann hat
einen auBerordentlich zerstreueten Kopf, und seine Gehirnkam-
mern sind bis an die Decke mit Marschreglements vollgeschlich-
tet. . . . Ich hatte an so einem vergniigten Tage noch gar wissen
sollen, daB es der meiner Geburt ist.
Oberhaupt aber war ich nie fur ordentliche FreB-Gelage und
20 erschien ungern darauf. Ich war ein einziges Mai bei einer Rats-
mahlzeit, die ich als Amtsvogt mitessen muBte nach der Rats-
wahl: denn ich habe ja schon erzahlt> daB der Vorfahrer des
neuen Biirgermeisters begraben worden, als ich Leichenmarschall
war. Ich wiirde mich von allem ausgeschlossen haben, ware nicht
in einem Marktflecken wie unserem, der Stadtgerechtigkeit be-
gehrt, Biirgermeister und Rat viel: in Rom vertauschte der Dik-
tator den Pflug gegen das Staatsruder; - hier bei uns halt man
beide leicht in einer Hand, und wir besitzen Ratsherren, denen
es einerlei ist, ob sie votieren oder gerben, mahen oder strafen,
30 an- oder unterschreiben und also die Kreide oder die Feder
fiihren.
BloB der narrische Ratsherr und Lohgerber Ran% bringt dem
Kollegio Nachteil, weil er bei den Mahlzeiten solcher Parlaments-
wahlen so entsetzlich isset. Es zirkuliert iiber die ganze Ratsmahl-
zeit, zu der ich mich ex officio mit setzen muBte, und besonders
iiber diesen Lohgerber eine hiibsche Satire, die ein Unbekannter
2l6 LEBEN DES QUINTUS FIXLEIN
im Manuskript herumschickt urid die ich hier unkastriert ein-
rucken kann:
»Zuerst muB die Phantasie des Lesers die konsularische Tisch-
genossenschaft nehmen und ihr alle menschliche Glieder ab-
schneiden, abbeiBen und wegstreifen, nur Schlund und Magen
ausgenommen, die wir bei der Sache keine Minute entraten kon-
nen. Hierauf miissen wir, ich und der Leser, die Magen samt ihren
angeschraubten Stechhebern von Schlunden um den Tisch, auf
dem die Ratsmahlzeit raucht, die der jungste zum Ratsherrn er-
wahlte Magen kochen Iassen, titularisch auf den Stiihlen herum- 10
legen und dann zuschauen und aufschreiben, wie diese einsau-
gende GefaBe sich einbeiBen - wie sie eintunken - wie sie aus-
. trinken - wie sie schneiden - wie sie stechen - und was sie fort-
tragen im Magen, Darmkanal und auf dem Teller. - Aber der
Gerber-Meister Rani wirft einen langen Schatten iiber die ganze
Tafel und iibermannt und iiberfrisset jeden, sich ausgenommen.
Eh* ich protokolliere: so will ich vorher sechs Bierhahne wie
Quellen gegen diesen Streckteich richten und den Weiher voll
lassen und die Hechte unter - Bier setzen. Nun schwimmt! -
Was uns auBerst frappieret und aufierst interessieret, ist bloB 20
der Ratsherr und Lohgerber Ranz, der gleich der Natur voll
Wunder ist und sie nun anfangt zu tun . . . Er bringt, als Wider-
spiel eines Wasserscheuen, nichts Festes in seinen Leib, aber nicht
weil sein Leib selber fest ist, und genieBet, als Widerspiel eines
Katholiken, dieses Abendmahl unter einerlei Gestalt, namlich
unter der fliissigen, aber nicht weil er glaubt, die feste stecke
schon mit darin - er schopfet mit dem Pumpenstiefel seiner Hand
alles Feuchte auf und ziehet mit den Punschloffeln seines Wasser-
rades alle Suppenschiisseln in seine Schlund-Gosse und ins Ma-
genbassin ab, nicht weil er ein Abfuhrungsmittel damit abfiihren 30
will, womit er erst morgen das heutige abzufuhren gedenkt - er
wischet mit seinem Brotschwamm alle Briihen weg und halt
seinen Gabel-Saugstachel iiber jede Senf- und Meerrettich-Lache,
nicht um seine Magenhaut mit dieser Gerberslohe erst gar zu
machen - er setzt sich wie Schimmel auf Brot und schlagt darauf
DES AMTS-VOGTS JOSUAH FREUDEL KLAGLIBELL 21 7
mit seinem Gebisse Wurzel, nicht weil er ein Franzos oder sein
Pferd ist -und Brot liebt - er macht seinen inkommensurablen
Magen zum zweiten Einmachglas ernes jeden Eingemachten, zur
Grummetpanse eines jeden Geniuses, zum Treibscherben eines
jeden Salats, nicht weil er einen Bissen Fleisch dazu absagt - er
mauert das ZorngefaB und den Schmelztiegel seines Magens mit
Breien aus, aber nicht weil dieser Spriinge hat und die Velutie-
rung braucht
Sondem er vollfuhrt diese schopferische Scheidung der Was-
10 ser vom Festen, er befestiget diese Kluft zwischen seinem Teller
und seinem Magen, bloB um in beiden eine gleiche Masse aufzu-
schutten und wegzubringen, bloB um auf dem Zimmerplatz des
Tellers mit dem EBhandwerkszeug ein Fruchtmagazin und
Speisegewolbe aus Fleisch-Quadern aufzufuhren fur sich und
seine Kinder. . . . Beim Himmel! er sollte noch sitzen und mau-
ern hinter seinem Viktualien-Verhau aus Beinen, Graten und
Rinden, er sollte nbch schweben wie ein durres Jahr iiber der
Tafel und jede nasse Stelle austrocknen: so waren wir imstande,
mit ihm nach Hause zu gehen, wo sich das Messer dieses Schwert-
20 flsches gerade umgekehrt nur ans Fleischige ansetzt, sobald das
aus den verlaufnen Wassern abgesetzte Viktualien-Flozgebirge
nur anlangt. Der Meister - und der Gesell - und die Gerberin -
und die Gerbersbuben - und der Dachshund bohren sich jetzt in
den gebrachten Berg bis an die Fersen hinein, und wir konnen sie
nagen horen. Fresset zu! - Hat sich euer armer Ranz, dieses
atzende fressende Mittel, nicht genug gequalt, um nicht wie
KnochenfraB alles anzugireifen? Hat er nicht mit alien peristal-
tischen Bewegungen seines Schlundes den Magen-Luftballon
bloB mit Windsbrauten aufgefullet und gehoben und mit einer
30 Wasserhose die Blase? - Aber sollt* ich einmal eines auBer-
ordentlichen Typus vonnoten haben, um damit ein auBerordent-
liches Chaos zu erlautern und anzuleuchten, das Chaos und den
Zank eines Nonnenklosters oder einer Theatertruppe oder eines
heiligen deutschen romischen Reichs - so bring* ich bloB deinen
aufgesteiften gespannten Magenglobus mit seinen Briihen und
Luftarten getragen als Typus, Ranz !« . . .
2l8 LEBEN DES QUINTUS FIXLEIN
- Ei, ganz herrlich - lieblich - und recht erwiinscht und ver-
dammtl - Ich will mir aber den Schreib-Arm absagen lassen,
wenn ich hier noch einen Buchstaben schreibe. Wahrlich der
Kirchner ist dagewesen, und ich hab' ihn uber den entsetzlichen
VielfraB verpasset ...
Concep. z. Amtsvogt Freudel.
Es GIBT WEDER EINE EIGENNUTZIGE LlEBE NOCH EINE SeLBSTLIEBE,
SONDERN NUR EIGENNUTZIGE HANDLUNGEN
I. Ich habe meinen ersten Satz erwiesen, wenn ich dargetan, daB
die Liebe, die ein geiziger Universalerbe gegen seinen Erblasser
nach der Publikation des Testamentes empfindet, ebenso rein
und uneigenniitzig sei - der Art, nicht dem Grade nach - als die,
die uns sanft das Herz erwarmt fiir die grofien Wohltater der
Menschheit im Plutarch und fiir den Onkel Toby im Tristram,
10 obgleich jene nicht mehr sind und dieser niemals war.
Wenn der Universalerbe ebensoviel Gold, als die Erbschafts-
masse betragt, im hohlen Kopfe einer Statue fande: so empfand'
er darum nicht einmal so viel Liebe gegen sie, als ein schwar-
merischer Artist vielleicht fiir sie hat. - Wenn der Erbe dieselbe
Summe im Sarge des Erblassers antrafe: so hatt' er wieder keine
Liebe fiir ihn. Ja wenn der Erblasser wahnsinnig ware und ihn
mit dieser Summe beschenkte: so fiihlte er dennoch keine ange-
messene Liebe gegen den Verriickten, trotz.der Aussicht zu wie-
derkommenden Geschenken; denn ich recline eine kleine Re-
20 gung der Liebe ab, die dem Menschen durch eine Tauschung der
Personifikation gegen das rettende Brett im Schiffbruch, gegen
ein altes Hausgerate und gegen Menschen, die ihm ohne ihren
Willen nutzten, eingefloBet wird. Folglich Hebt der Erbe am
Wohltater nicht seine metallische Niitzlichkeit - diese hatt* er
schon vor dem Geben lieb — , sondern seine- Gesinnung gegen ihn,
d. h. seine Liebe, also den fremden Seelenzustand, und die Be-
friedigung des Eigennutzes war nur das notwendige Mittel, jene
Liebe aufzudecken und vor die Seele des andern zu bringen.
Jetzt behaupt* ich aber weiter: die Liebe des Erben gegen den
30 Testator ist von unserer gegen den milden Onkel Toby nicht in
der Art yerschieden, sondern im Grade. Ich sage: nicht in der Art.
220 LEBEN DES QUINTUS FIXLEIN
Alle Liebe liebt nur Liebe, sie ist ihr eigner Gegenstand. Unsere
AfFekten sind iiberhaupt gleichsam Verkorperungen des sitt-
lichen Triebes, und in ihnen ist die Gestalt des letztern, wie in
den Tieren die menschliche, ausgedriickt, aber nur anagram-
matisch, in- und auseinander geschoben und ohne Eurhythmie.
Der Zorn ist gleichsam ein plethorisches Gefuhl der moralischen
HaBlichkeit, der Neid ist das Gefuhl des MiBverhaltnisses zwi-
schen unserem oder fremdem Schicksal und Wert, und so der
Ehrgeiz, die Liebe usw. So ist sogar die Liebe gegen weibliche
Schonheit - abgesondert vom asthetischen Gefallen daran, das 10
am Ende nur eine kiihlere Liebe ist - nichts als die Liebe gegen die .
durch Farben- und Linien-Reize hieroglyphisch abgemalte und in
. Menschen-Wachs bossierte Liebe oder moralische Schonheit.
Wir ahmen den fremden Zustand der Menschenliebe nach, wir
oder andere mogen der Gegenstand der letztern sein; ich meine,
unsere Liebe gegen den Wohltater ist gleich rein, obwohl nicht
gleich stark, er mag es gegen andere oder gegen uns sein. Da un-
sere Liebe ihr Objekt hat im Zustand eines fremden Ichs: so kann
wenigstens sie nicht als Empfindung oder Trieb die reflektierende
Berechnung anstellen, ob jener Zustand mich oder andere zum 20
Ziele habe.
Allerdings reget die Menschenliebe des andern in mir eine
groBere Liebe an, wenn ich ihr Gegenstand bin, als wenn andere
es sind. Aber der Grund benimmt der Liebe des Universalerbens
von ihrer Reinheit nichts. Von meinen Vorziigen, von meiner
Wiirdigkeit, geliebt zu werden, hab' ich eine tausendmal leben-
digere Vorstellung als von fremden Vorziigen. Zweitens hab' ich
von der fremden Liebe und ihrer Einwirkung, sobald ich sie er-
fahre, einen lebhaftern Begriff. Drittens verstarkt meine Eigen-
liebe meine Menschenliebe, ohne sie zu verfdlschen: kein Trieb 30
kann den andern unmittelbar erzeugen oder erhohen, sondern
nur sein Gegenstand; aber der schlimme Trieb kann unsere
Phantasie befeuern, den bessern mit helleren und mehreren
Gegenstanden zu umringen und anzufachen. Die eigensuchtige
Phantasie steigert also die uneigenniitzige Liebe. Hatten wir nicht
nur vom Werte jenes Galeerensklavens, den ein gottlicher Monch
ES GIBT WEDER EINE EIGENNUTZIGE LIEBE USW. 221
loskettete, um sich selber in seine Banden zu begeben, sondern
auch von seinem Wohlbehagen nach der Rettung einen so hellen
BegrifF, wie er selber von beiden hatte: so miiBten wir den
Monch, ohne die Schuldner seines schonen Herzens zu sein wie
der Sklave, doch fast ebenso lieben wie der Sklave. Ja eine feinere
Seele stellet die Liebe, die ihr Liebhaber fur sie hat, so weit von
ihrem Selbste weg, daB sie ihn so zart und verdienstlich lieben
kann, als war* er der Liebhaber eines fremden Ichs.
II. Es kann keine Selbstliebe geben so wie keinen SelbsthaB.
10 Ich miiBte zweimal da sein, damit das liebende Ich nicht ins ge-
Hebte zerflosse. Da Liebe nur gegen Liebe entbrennt: so miiBte
die Selbstliebe sich lieben, eh* sie sich liebte, und die Wirkung
brachte die Ursache hervor, welches so viel ware, als sahe das
Auge sein Sehen. - Freilich steht in unserem Kopfe ein Zwillings-
bruder unsers Ichs, d. h. ein Bild von diesem Ich; und diesen
Schieferabdruck unsers Ichs lieben wir freilich: aber das ist so
wenig Selbstliebe, als es eine ware, wenn wir eine fremde, uns
bis auf alle Punkte und Striche nachgestochene Person lieb hat-
ten. - Nur Eigenschaften werden geliebt, allein Substanzen lie-
20 ben. Aber unsere sogenannte Selbstliebe wachset ja nicht mit un-
sern Vorziigen - hochstens mit unsern Fehlern -; und sie ist
ebenso warm, wenn wir uns selber verachten - denn sonst wiir-
den wir uns im Siinden-Sumpfe lassen -, als wenn wir einen Teil
unserer eignen Natur verehren miissen.
Es ist noch mehr meiner Meinung gemaB, den obigen Satz um-
gekehrt auszudriicken und zu sagen: nur Substanzen werden ge-
liebt. Die nackte federlose luftige Eigenschaft ist an und fur sich
kein warmerer Gegenstand meiner Liebe als das ihr zusagende
Wort im Vokabelnsaal oder Kompendium. - Jede Eigenschaft
30 muB an einem Ich - das wieder fur uns, obwohl unbegreiflich,
etwas Bessers ist als eine andere Eigenschaft - glanzen, um geliebt
zu werden. Dieses lebendige Ich, diese Bedingung aller geistigen
Eigenschaften, lieben wir allein in diesen. Nach dieser Definition
ist Selbstliebe noch unmoglicher, d. h. Liebe vom Ich gegen das
Ich. Unsere Selbstverachtung kann sich nicht auf unser ganzes
Wesen richten, weil der Teil, worin sie ist, doch keine verdienen
222 LEBEN DES QUINTUS FIXLEIN
kann; und so wiirde die Selbstliebe nur immer bloB Eigenschaf-
ten, nie das Wesen selber, weil sie ja von diesem selber etwas ein-
nimmt, umfassen konnen. Ich besorge, dieses scheinet spitzfiin-
diger, als es ist. Aber in den triiben Abgrund der Selbstliebe mus-
sen mehrere Kantische Sonnen fallen, um ihn licht zu machen.
Die Liebe, womit uns der gute andere umfangt, ist so etwas
Mystisches, daB wir uns gar nicht in seine Seele denken mogen,
weil wir seinen guten BegrirT von unserem Ich nicht teilen kon-
nen - wir begreifen (trotz dem BewuBtsein unsers Wertes) nicht,
wie man uns lieben konne; aber wir finden uns darein, wenn wir 10
bedenken, daB der andere seinerseits ebensowenig unsere Liebe
gegen ihn musse fassen konnen. —
Man erlaube mir, noch eine clausula salutaris oder ein zier-
liches Kodizill zu machen; um so mehr, da niemand schuld ist als
Plainer, Dieser behauptet, die Empfindung sei eigenniitzig, weil
sie als diese nur unsern eignen Zustand darstelle; und nichts sei
uneigenniitzig als unsere Vernunft. Aber erstlich muB der Begriff
von Uneigenniitzigkeit, wenn er kein ausgehohltes Vexier-Wort
sein soli, ja bloB der Abdruck irgendeines uneigenniitzigen Zu-
stand es in uns sein. Zweitens setzet das Gefuhl des Eigennutzes 20
das seines Gegenteils voraus. Wie der Blinde nicht nur kein Licht,
sondern auch kein Dunkel kennt : so wuBten wir ohne Uneigen-
nutz nichts vom Eigennutz, ohne Freiheit nichts von Sklaverei,
so wie vielleicht eine Menge Dinge aus Mangel ihres Wechsels
mit dem Gegenteil fur uns auf dieser Welt im Dunkeln bleiben.
Drittens frag* ich: wenn z. B. das Mitleid bloB darum eigen-
niitzig heiBen soil, weil ein fremder Zustand voll Schmerzen zu
unserem eigenen artet: welche hohere Uneigenniitzigkeit denn
nur denkbar sei? Ich kenne nur die eine denkbare, daB man das
fremde Ich noch heiBer wie seines versorge, daB man seines ver- 30
gesse, verschmahe, verstoBe. - Aber dann ware ja im eigentlichen
Sinne das fremde Selbst in meines verkehrt - der Trieb ware nur
verpflanzet, nicht veredelt - und ich hatte bloB die Ichs ge-
tauscht. Denn eben darin beruhet der Nicht-Eigennutz, daB
meine Natur trotz ihrer Selbststandigkeit in den Zustand einer
fremden eingeht und daB ein Ich mehreren Ichs nachfiihlt. Wie
ES GIBT WEDER EINE EIGENNUTZIGE LIEBE USW. 223
gesagt, war's moglich, eine fremde Gluckseligkeit durchaus ohne
Wunsch einer eigenen zu begehren und ein fremdes Ich mit etwas
anderem zu lieben als mit dem eignen - eine Unmoglichkeit sel-
ber bei Gott -: so ware nichts erbeutet, denn ich besaBe ja nur
den fremden Trieb, und meln Eigennut^ ware bloB in ein fremdes
Ich gezogen aus meinem. ...
Da ich diesen Aufsatz zweimal umgeschrieben: so hab' ich
zweimal jenes starkende Vergniigen gekostet, das uns erfrischet,
wenn der Kopf die Wiinsche des Herzens vidimieret und asse-
10 kurieret. Indessen war ich doch nie so ungliicklich, daB ich je-
mals - selber in den friihern Jahren, wo die junge Seele die Seelen-
wanderung durch die Philosophen wie durch Tiere anstellt und
bald in jenen Kopf, bald in diesen fahrt - in den Korper des Hel-
vetius gefahren ware und mit ihm mich im schmutzigen Glauben
an einen allgemeinen Eigennutz aller Menschen - und zuletzt der
ganzen Schopfung, weil die Beweise dieselben sind - gewalzet
hatte. Wahrlich ich wuBte nicht, was man an sich noch zu lieben
hatte auBer jener Liebe fur andere, und ob uns irgendein Eigen-
nutz unausstehlicher sein konnte als eigner. Gliicklich ist der
20 Mann, dem ein reifendes Herz und gute Menschen wie er und ein
Horizont ohne Gewitter endlich die Oberzeugung bescheret
haben, daB - so wie die magnetische und elektrische Materie der-
selbe Universalgeist ist, der die Wolken, die Zitterfische und die
Magneten zieht, der im Nordschein als milder Schimmer, im Ge-
witter als Wetterstrahl, im Menschen als Heiligenschein, in den
Fischen1 als Zug und Schlag und in den Nerven als Lebensgeist
wirkt - gliicklich ist der, sag' ich, der immer mehr glaubt, daB die
Liebe, dieser menschliche Magnetismus, immer dieselbe geistige
Elektrizitat und Desorganisation verbleibe, sie mag als Blitz in
30 der Geschlechter-Liebe - oder als sanfter Nord- und Heiligen-
schein in der Menschenliebe-oder als Lichtmagnet in der Freund-
schaft - oder als Nervengeist in der Mutterliebe erscheinen.
1 Die hiezu gehorige Note will ich, weil der Mensch glaubt, er masse No-
ten schneller und kalter lesen, nachher in den Text versetzen.
224 LEBEN DES QUINTUS FIXLEIN
Ich preise diesen Mann darum glucklich, weil er dann nicht nur
Menschen wie B ruder, sondern auch Briider wie Menschen lieben
wird; ich meine, weil er, auf den Stufen der Blutsfreundschaft zu
dem Gipfel /der Geisterfreundschaft getragen, dann wieder jene
durch diese veredeln und im Vater, Sohne,Geliebten, Freunde
noch etwas Hoheres aufier dem Genannten lieben wird den
Menschen. — Es gibt hinter diesem hohen Namen noch etwas
Hoheres, das wir an der ganzen Geisterwelt lieben konnen:
Gott. -
Physische Note iiher den Zitteraal 10
Der Zitterfisch war gleichsam der erste Paragraph1, der magne-
tische und elektrische Materie verband, da er (nach Hunter) zu-
gleich positiv und negativ elektrisch ist und ordentliche Bat-
terien an sich hat, und da er, wie die Aale, Neunaugen, Quappen,
Schleien, Karauschen, am Magnet erlahmt. Vielleicht wird der
Fisch auf eine bessere Art als der Fisch Oannes - der, nach einem
Fragment des Berosus, alle Wissenschaften den Menschen gab -
der Lehrer der Physik, da an ihm in dieser Materie wegen der
Einfachheit der Kombinationen leichter etwas zu lernen ist als
am magnetisierten Menschen, so wie ich eben darum glaube, daB 20
die Pflanien uns mehr Fensterladen und Fenstervorhange am
Lehrgebaude der Er^eugung offnen konnen als die niedern Tiere,
und diese mehr als wir. So wird die tierische Elektrizitat der
Fackeltrager des tierischen Magnetismus werden.
Ich habe mich oft geargert, daB die Physiker meistens nur
sehen und lesen, anstatt das Gelesene und Gesehene zu kombinie-
ren ; noch mehr aber uber die Naturgeschichtsschreiber, um deren
Kopfe oft mehr Heiligenschein ist als wissenschaftlicher innen,
weil sie, bei ihrer Einschrankung auf einen Ast und Blattstiel ihrer
1 Der zweite oder zwanzigste ware der Demant, den der Magnet zieht und 30
der, gerieben, selber den Mastix zieht und der aus dem Orient ein Nicht-
Ieiter ist, und aus'Brasilien ein Leiter.
ES GIBT WEDER EINE EIGENNUTZIGE LIEBE USW. 225
Wissenschaft,' so leicht ihrem optischen und mikroskopischen
FleiGe den Schein des Scharfsinns zu erteilen wissen. - Ich wiirde
mich schamen, wenn ich vor Franklin ein groBer Physiker ge-
wesen ware; - denn ich wiirde dann so gut wie andere zu meiner
Schande die Witterung und die Gewitter beleuchtet und erklaret
haben ohne das Licht der elektrischen Materie. Und so steht jetzt
ein Montblanc von aufgehauften elektrischen Erfahrungen vor
alien Kathedern, und alien fehlet noch das Senfkorn des Glaubens
zum Heben des Bergs.
10 Ich habe zuweilen gewunscht, man sollte nach nichts fragen,
sondern die physikalischen Data ordentlich zusammenwurfeln
und kombinieren wie Lessing die philosophischen oder andere
die Musiknoten. Man wiirde doch sehen, was herauskame, wenn
man z. B. den Zitterflsch an desorganisierte Menschen, an Ge-
witterstangen, an Magnetnadeln vor- und nachmittags (weil sie
nach den Tagszeiten verschieden deklinieren) hielte - oder wenn
man in Hinsicht der elektrischen Fische bedachte, daB das Wasser
ein Leiter und ein Leidenscher Kondensator ist, daB die Fische in
einem vom Blitz getroffnen Teiche sterben und also sich so kalt
20 anfiihlen wie ein isolierter Mensch, den einer auBer Rapport be-
ruhrt. Kurz ein Physiker sollte wie der Arzt wenig schrei-
ben, wenn er nicht so viel wissenschaftlichen Witz zu physikali-
schen Kombinationen hatte als - Lichtenberg, und dieser sollte
seines Orts wieder mehr schreiben. -
Des Rektors Florian Falbels und seiner Primaner Reise
nach dem flchtelberg
Ich lese nichts lieber als Bucher von einigen Seiten. Jene alten
Folianten-Goldbarren, die man nur auf zwei Sesseln offnen kann,
sollten in mehrere Goldkorner zerlegt, ich meine, jedes Blatt
sollte in ein Bandchen eingebunden werden: jeder kame dann
leicht mit ihnen durch. Jetzt aber muB der Gelehrte die Quar-
tanten aus Ratsbibliotheken entsetzlich Iange behalten, weil er sie
nicht heftweise zuriicktragen kann. Ja, da der anomalische Fortius 10
auf seinen Reisen nichts von Biichern bei sich fuhrte als die besten
Stellen, die er vorher herausschnitt, eh' er die kastrierte Ausgabe
verkaufte : so schlag' ich mit Vorbedacht akademischen Senaten
ordentliche Universitatsbibliotheken aus solchen ausgerissenen
Blattern vor.
Den Vorzug der Kleinheit, der den groBten Werken fehlet,
besitzt nun das Programm des Herrn Rektors, das ich hier der
Welt einhandige. Es teilt gut geschriebene Nachrichten von eirier
Reise mit, die ein Muster sein kann, wie Schulleute mit den Saug-
lingen und Fechsern ihrer Seele zu reisen haben; auch sind ver- 20
standige Schulmanner von jeher so gereiset. Ich wollte anfangs
das Programm aus dem Deutschen ins - Deutsche vertieren; aber
ich glaubte, es hieBe den Schwanengesang und den letzten Akt
der Schulgelehrsamkeit gar absichtlich beschleunigen, wenn man
den lateinischen und ciceronianischen Stil vollends aus dem deut-
schen wurfe, da er ohnehin aus lateinischen Werken langst ent-
wichen ist.
Vorher nur ein Wort liber die Reisenden selber.
Da ich die Hunde nie mitzahlen werde - sie bestanden aus
zwei Spitz-, drei Wachtelhunden der Primaner und einem Sau- 30
finder des Rektors -, so setz* ich die Marschsaule nur vierzehn
DES REKTORS FALBELS REISE NACH DEM FICHTELBERG 227
Mann stark an, namlich einen Dozenten, zwolf Eleven und
eine Tochter des Schul-Doge. Letztere fuhr, wie eine Athenerin,
allein in einem Kabriolett: auf beiden Seiten faBte das mitschrei-
tende FuBvolk das Fahrzeug ein, wie eine Wache den an den
Leiterwagen befestigten Arrestanten, und auf dem Bocke saB die
Primanerbank, wie die regensburgische Kurfiirstenbank, alter-
nierend, wie etwan beim Bauertanze die Pursche einander im
Streichen und Raspeln der BaBgeige ablosen. Im Kabriolett war
hinter dem Futterkasten fiir den Gaul einer fur den Reise-Kon-
io greB; der Lehrer kannte die Bosheit vieler Wirte zu gut; daher
wurden auf seinen Rat von der Prima (plana), die ihn horte und
begleitete, mehrere Stecken geraucherter Wiirste zusammen-
geschossen, und er gab noch dazu die Tochter her, die alles samt
der Beikost kochte.
An jeder linken Hufte - so leicht ist Krieg mit Wissenschaft zu
paaren — lag eine Harpune, ein accentus acutus; und die zwolf
Schwert-Fische hatten damit den alten Weisel boshaft nieder-
stechen konnen, wenns ware begehret worden. Der Schul-Maire
selber hatte nichts an den Hiiften als eine geschmackvolle robe
zo de fantaisie : in ihnen hatt* er weniger.
Vom Rektor sag' ich nichts: sein Programm selber sagt es, wie
er lehrte, lernte und schrieb: im Wirtshaus resorbierte er mit den
lymphatischen MilchgefaBen des Papiers alien gelehrten Milch-
saft, den eine Reise kocht, und unterweges hielt er seine Schreib-
tafel den wichtigsten Exkrementen des Zufalls und Bleistifts un-
ter und fing auf, was kam. Aber das sei mir erlaubt, die zwolf
Musensohne zu betrachten, die ebenfalls zwolf pergamentene
Rezipienten und Behalter alles Merkwiirdigen hinhalten und alles
nicht sowohl wie Hogarth auf den Daumen-Nagel skizzieren als
30 mit solchem; ists denn gar zu ubertrieben, wenn ich denke: in
zwolf solchen ausgespannten Prell- und Zuggarnen muBte sich
wahrlich ja alles, was nur gelehrten Zungen und Gaumen vor-
zulegen ist, bis auf jede Spitzmaus und jeden Hotel-Floh ver-
fangen, und es verblieb, wars auch durch eilf Game hindurch,
doch im zwolften seBhaft? - Sogar die sechs Hunde reiseten nicht
vollig ohne Beobachtungsgeist, sondern strichen und merkten
228 LEBEN DES QUINTUS FIXLEIN'
iiberall, wo sie auf etwas Erhebliches stieBen, es sofort mit weni-
gem an und hoben beteuerungsweise das Hinterbein auf. - Nein,
eine so gescheute Reise kann gar nicht mehr gemacht werden, so-
lange die Erde auf ihrer ist.
Und hier ist sie selber: nur werd' ich zuweilen personlich aus
dem Parterre unter die Spieler steigen und dareinsprechen, weil
mir sonst das Abschreiben des Programms zu langweilig ist und
weil auch der Programmenmacher eines und. das andere sagt, das
ich besser weiB. Ein armer Teufel, den ich studieren lasse und der
mitlief, ist meine Quelle.
Michaelis-Programm etc.
»Mein lateinisches Osterprogramm, das erweisen sollte, daB
schon die altesten Volker und Menschen, besonders die Patriar-
chen und klassischen Autoren, sich auf Reisen gemacht - von
welchen letztern ich nur den Xenophon und Casar, die zwei
tapfersten Stilisten, mit ihren Armeen wieder zitiere -, fiihret
vielleicht einige Autoritaten auf, die den Schulmann decken, der
mit seinen Untergebenen kurze Ausfluge in deutsche Kreise tut.
Ich hielt es fiir schicklich, in einem vorhergehenden Programm
meine Schulreise im voraus zu rechtfertigen, bevor ich ans jetzige :
ginge, das ich fur ein kleines Inventarium mancher aufgelesenen
Schatze zu nehmen bitte.
Inzwischen da in den engen Flacheninhalt eines Michaelis-
Programma wichtigerer topographischer, statistischer etc. Ku-
bikinhalt unmoglich zu bringen war, und da ich uberhaupt mei-
nen stereometrischen und sonstigen Fund einem geraumigern
Werke aufspare : so suche der Leser auf diesen Blattern mehr die
Geschichte als die Entdeckungen der Pilger- es lassen wohl beide
sich lesen.
Die Herren Sal^mann und Weifie - anderer zu geschweigen - >
haben der Welt (ich entscheide nicht, mit welchem Gliick) zu
zeigen gesucht, wie ein Lehrer halbwuchsige Zoglinge gleichsam
auf die Weide einer Reise treiben mtisse; aber sie haben immer
andern Schulmannern das Recht nicht benommen, ihre Wall-
DES REKTORS FALBELS REISE NACH DEM FICHTELBERG 229
fahrten mit einer bejahrten Schuljugend, die im Gangelwagen
weniger steht als %iehty ans Licht zu bringen.
Ganz mutig diirft' ich den Herren Scholarchen und Nutritoren
unserer Schule iiber Zeit- und Geldaufwand zur Rede stehen, so-
bald ich meine Bleifeder vorwiese, die ich auf dem ganzen Mar-
sche nicht in die Tasche brachte, sondern wie eine Leimrute auf-
steckte, an die sich, was sehenswiirdig war, leicht ansetzte. Eben-
so schoB der Salpeter des Merkwiirdigen an den zwolf Salpeter-
wanden meiner Schuler an, wenn ich die zwolf protokollierenden
10 Schreibtafeln so nennen darf, womit sie ausgerustet waren; und
wurde ihnen denn nicht einige Apharesis, Synkope und Apo-
kope der Lust reichlich genug durch wahre Prothesis, Epenthesis
und Paragoge des Wissens erstattet? - Ich unterwinde mich
nicht, zu bestimmen, inwiefern wir uns von einem und dem an-
dern jungen Edelmanne1 abtrennen, der bloB fur sein Vergniigen
durch Europa fahrt und oft auf seinem Reisewagen aus einer
Ballei in die andere rollet, ohne eine Schreibtafel einzustecken,
geschweige herauszubringen. Sollt' er aber mit seinen fiinf Sin-
nen betrachtliche Kenntnisse aus alien Grenz- und Hauptstadten
20 einfassen und einsargen, sie aber samtlich im Fahren rein wieder
durchsickern und durchfallen lassen: so mocht* er der mensch-
lichen Seele gleichen, die (nach dem pythagoreischen System) die
grande tour durch Tiere und Menschen macht und die doch,
wenn sie sich im letzten Menschen einsetzt, nur gerade so viel von
- alien ihren Schulreisen noch im Kopfe mitbringt, als sie in der
Minute besaB, da sie ins erste Tier einstieg, namlich platterdings
nichts.
Wenn ein groBer Casar in seinen Kommentarien oder Fried-
rich II. in den seinigen bescheiden das Ich mit der dritten Person
30 vertauschten: so geziemet es mir noch mehr, an die Stelle meines
Ichs nur meinen Amtsnamen zu setzen.
Den zwanzigsten Juli brach der Rektor (der Verfasser dieses)
mit seinen Nomaden auf, nachdem er ihnen vorher eine leichte
1 Die Troglodyten und Schaltiere der Museen, wie Falbel, teilen alle Men-
schen in geraumige Logen ab - z. B. den hohen, niedern, Land-, Stadt-Adel,
den Adel im Dienst, bei Hofe, in Amtern teilen sie in lauter Edelleute ein.
23O LEBEN DES QUINTUS FIXLEIN
Rede vorgelesen, worin er ihnen die Anmut der Reisen uber-
haupt dartat und von den Schulreisen insbesondere foderte, daB
sie sich vom Lukubrieren in nichts unterschieden als im Sitzen.
Auf dieses Marschreglement und Missiv wies er nachher auf dem
ganzen Wege absichtlich zuriick. Es ist mehr stadt- als landkiin-
dig, daB eine hiibsche acerra - nicht philologica, sondern - culi-
naria, namlich ein vierradiges ProviantschifF samt dem darauf
fahrenden Kiichen-Personale, welches die Tochter des Rektors
war, und die Strafkasse von 12 fl. frank, als Diatengelder gleich-
sam die frohliche Morgenrote waren, zu der die Reisegesellschaft 10
auf ihrer Turschwelle hoffend aufsah. Jeder Pnmaner fuhrte statt
einer elenden Badinen-Gerte oder statt der Narrenkolbe eines
Geniepfahls einen niitzlichen MeBstab - denn MeBtisch und
-schnure Iagen samt einigen Autoren schon im Kabriolett -, weil
ja der Fichtelberg und die StraBe dahin von den herrlichsten Ge-
genstanden zum Messen wimmeln.
Am ersten Morgen hatte man zwei Reisen auf einmal zu tun,
die auf dem Wege und die auf der Karte davon, welches unge-
mein beschwerlich und Iehrreich ist. Der Exkurrens1 trug eine
aufgeschlagene Spezialkarte vor sich hin, auf der Falbel alien 20
leicht das Dorf zeigte, wo sie jedesmal waren; und da man auf
diese Weise allemal den FiiBen mit den Fingern (wiewohl vier
Schuhe hoher auf der Karte) nachreisete: so war vielleicht Motion
mit Geographie nicht ungeschickt verkettet. Gegenden, Merk-
wiirdigkeiten, Gebaude, die naturlkh nicht auf der Karte vorzu-
weisen waren und vor denen man doch eben vorbeipassierte,
muBten aus dem Biisching geschopft und gelehret werden, den
der vife Pflegsohn des Herrn ***«, Monsieur Feckser, der Gesell-
schaft allezeit iiber die Ortschaften vorlas, wodurch sie eben zog.
Der Rektor wiirde von Herzen gem von den meisten Dorfern 30
1 Ist unter den Schiilern jeder Klasse der frere servant.
2 Es ist mein Pflegsohn; ich losche aber hier mit Recht Lobspriiche weg,
die der Herr Rektor wohl nur meinem Stande und dem Zufalle entrichtet, daB
ich fur das Gymnasium einen Schiiler mehr dotiere und apanagiere. Auf
alien kunftigen Blattern des Programms, wo ich vorkomme, will ich Falbels
Titulaturen wegstreichen und dafur in den Text setzen : Herr Pflegvater des
Monsieur Fechsers.
DES REKTORS FALBELS REISE NACH DEM FICHTELBERG 23 I
neben der neuern Geographie auch die mittlere und alte mit-
genommen haben: waren beide letztere Geographien von ihnen
zu haben gewesen; aber leider zeigen nur wenige europaische
Lander, wie etwan die Tiirkei, Ortschaften mit doppelten Namen
auf. Obrigens ist der Rektor seitdem vollkommen uberzeugt, daB
die homannischen Karten mchts taugen - in der Tat, wenn auf
ihnen (nicht auf der Gegend) ganze Einoden, Wasenmeisterhiit-
ten, ausspringende Winkel der Ufer entweder ganz mangeln (wie
z. B. ein Pulvermagazin nahe bei Hof und ein etwas welter ab-
10 gelegenes Spinnhaus) oder doch dasitzen in ganz falschen Ent-
fernungen: so kann man wohl fragen: ob, wenn man von diesen
Gegenden mit der camera obscura einen Aufrifi nahme und dann
die Karte iiber den AufriB legte, ob da wohl beide einander decken
wiirden wie zwei gleiche A ? -
Abends wanderte die padagogische Knappschaft und ihr Laden-
vater im adeligen Pfarrdorfe Topen in Voigtland ein. Das all-
gemeine Logement war im Wirtshaus, das der Vatikan oder das
Louvre des adeligen Rittergutsbesitzers stets anschauet - ich sage
Louvre, nicht in Vergleichung mit dem Palast des Nero, der ein
20 kleines Rom im groBen war, eine Stadt in der Stadt (conf. Voss.
var. observat.), sondern in Vergleichung mit den zellulosen
Kartausen und vier Pfahlen und Hattonischen Mausetiirmen eines
und des andern Schulmannes. Sapienti sat! —
Als der Rektor hinter seiner Tochter und seinen Sohnen ein-
trat: stieB ihm das Ungliick zu, daB er seinen Wirt nicht griiBen
konnte. Die samtlichen Hunde der Reisenden hatten zwei Tope-
ner (es war der Spitz- des Hauswirts und der Huhnerhund des
Jagers) bei den Haaren und Ohren. Die Tierhatze wurde all-
gemein, und kein Hund kannte mehr den andern. Der Wirt, ein
30 Mann von Mut und Kopf, legte sich zuerst zwischen die beiBen-
den Machte als Mediateur und suchte sich zuvoderst den Schwanz
seines Hundes herauszufangen und wollte ihn an diesem Hefte
aus der verdrtiBlichen AfTare ziehen. Mehrere folgten nach, und
jeder ergriff den Schwanz des seinigen. Und in diesem Wirrwarr,
als die Tochter des Rektors dareinschrie - als der Jager darein-
schlug mit einer Reichsexekutionspeitsche auf Menschen und
232 LEBEN DES QUINTUS FIXLEIN
Vieh - als die Eigner dastanden und gleichsam die sechs Schwanz-
Register herausgezogen hatten und als daher sozusagen das
Schnarrwerk des Orgelwerks ging und die Tumultuanten bollen
- und als der Rektor selber bei diesem FriedenskongreB ein Frie-
densinstrument, namlich den Schwanz seines Saufinders, in Han-
den hatte: so war er mit Not imstande, das Salutieren nachzu-
holen und zum Wirte zu sagen: >Guten Abend!< - Plutarch, der
durch Kleinigkeiten, seine Helden am besten malet, und die Odys-
see und das Buch Tobias, die beide Hunde haben, mussen hin-
reichen, gegenwartige Aufnahme einer kleinen scherzhaften Gato- 10
und Onoskia-Machie zu decken.«
— Herr Falbel triffts. Ich argere rmch, wenn die Menschen mit
dem Namen »Kleinigkeiten« schelten. Was habt ihr denn anders?
1st denn nicht das ganze Leben — bloB seine erste und seine letzte
Minute ausgenommen — daraus gesponnen, und kann man nicht
alles Wichtige in einen zusammengedrehten Strang von mehrerern
Bagatellen zerzausen? — Unsere Gedanken ausgenommen, aber
nicht unsere Handlungen, kriecht alles iiber Sekunden, jede groBe
Tat, jedes groBe Leben zerspringt in den Staub der Zeitteile; -
aber eben deswegen, da alles GroBe nichts ist als eine grofiere 20
Zahl von Kleinigkeiten, da also die Vorsehung entweder Kleinig-
keiten und Individuen oder gar nichts auf unserem Rund besor-
gen muB, weil diese nur das Ganze unter einem langern Namen
sind: so kommt die GewiBheit zu uns, daB der uberirdische Ge-
nius nicht bloB die Schwungrader des Universums und die Stro-
me dazu schuf, sondern auch jeden einzelnen Zahn der Rader
"Abends wollten einige Schiiler auf die Berge gehen, andere
im Dorfe herum, zwei gar zu den allergemeinsten Leuten; aber
der Rektor setzte sich dagegen: er stellete denen, die abends die
Natur beschauen wollten, vor, daB morgen ohnehin (nach seinem 30
Operations- und Reiseplan) natiirliche Theologie und Vergnu-
gen an der Natur dozieret und rekapitulieret werden muBte. Der
Rektor, welcher gerne glaubt, ein Schulherr miisse seine. Scho-
laren auf Reisen zu belustigen trachten, wie sogar der Neger-
DES REKTORS FALBELS REISE NACH DEM FICHTELBERG 233
Handelsherr die Sklaven zu tanzen, zu singen, zu lachen notigt,
dieser gab ihnen Befehle zum Lachen, setzte sie um sich herum
und scherzte ihnen an einem ovalen Tische nach Vermogen vor.
Ich gestehe, Scherz ist statthaft, und wenn der selber scherzhafte
Cicero richtig bemerkt, daB gerade ernste Manner gern und gliick-
lich spaBen : so mochte wohl mancher bestaubte Schulmann mehr
echten Ansatz zu lachenden Saturen1 verschlieBen als viele ge-
puderte PossenreiBer; auf ahnliche Weise bemerkte auch der
Graf von BufFon, daB die meisten Nachtvogel, besonders die
10 Schubut-Eule (Minervens und Athens Vogel), trotz ihrer alt-
vaterischen AuBenseite iiberstromen von Schnurren, Schnacken
und Charakterzugen.
Der Abend verlief ungestort: bloB liber den vollen Stecken
geschwarzter Leberwiirste, den Falbel hereinzuholen befahl und
auf den sich die Kirwane gleichsam wie auf einen Fruchtast setzte
zum soupierenden Abpflucken, ringelte und falbelte der Wirt
sein Gesicht selber zu einem Wurst-Endchen zusammen (wenns
nicht iiber etwas anders war) - genug Falbel bekiimmerte sich
wenig um das Gesicht und lieB es falbeln. Er bestellte Heber fur
20 sich und seine Gesellschaftskavaliere den ganzen FuBboden zum
Nachtlager; bloB ein Merseburger Fuhrmann lag neben seiner
Tochter, als Strohnachbar.
Dennoch iibersetzte uns samtlich am Morgen darauf der Wirt
in seiner Liquidation um zwei bis drei Kreuzer leicht Geld, und
zwar an demselben Morgen, wo der Rektor das Vergniigen an
der Natur vorzutragen hatte. Aber Falbel glaubte seinen Schii-
lern das Muster einer erlaubten Sparsamkeit dadurch zu geben,
daB er anfing, mit dem Traiteur zu fechten und ihm seinen Ab-
stand von den Herrnhuter und Londner Kramern,4ie nichts dar-
30 iiberschlagen, so lange unter die Augen zu halten, daB er wirk-
Hch einen Groschen herunterhandelte und daB der mude Wirt
giftig fluchte und schwor, er wollte den Rektor und seinen Rudel
trotz ihren BratspieBen, wenn sie wieder Gerauchertes bei ihm
1 So schreib* ich Satire, weil diese nach Casaubon vom Wort Satura her-
kommt, d. h. eine Schrift von buntscheckigem Inhalt; daher lanx satura eine
Kompotiere mit allerlei Obst.
234 LEBEN DES QUINTUS FIXLEIN
zehren wollten, mit Heugabeln und Dreschflegeln empfangen.
Ein lacherlicher Mann !
Falbels Methode auf lehrreichen Schulreisen ist, jeden Tag eine
andere Wissenschaft kursorisch vorzunehmen : heute sollte
die Gesellschaft vier Ackerlangen vom fluchenden Garkoch die
schone Natur betrachten unter Anleitung von Sturms Betrachtun-
gen der Natur den ersten Band. Sturm wurde ausgepackt und auf-
geschlagen, und jetzt war erforderlich, daB man die Augen ver-
gniigt in der ganzen Gegend herumwarf ; aber ganz fatal liefs ab.
Nicht etwa darum, weil Regenwolken mit der Sonne aufgingen 10
und weil der Rektor die Sturmische Betrachtung iiber den dritten
Juni und iiber die Sonne plotzlich wieder zumachen muBte, da er
kaum die schonen Worte abgelesen: >Ich selbst fiihle die be-
lebende Kraft der Sonne. Sobald sie iiber meinen Scheitel aufgeht,
breitet sich neue Heiterkeit in meiner Seele aus.< — Denn das ver-
schlug wenig, da ja zum Gliick in den namlichen Band auch eine
Betrachtung auf den siebenzehnten April und iiber den Regen
eingebunden war, die man denn augenblicklich aufsuchte und
verlas; sondern das eigentliche Ungliick dabei war, daB, da (es
wird wegen der Kurze eines so langen Programmes der Rektor 20
kiinftig sagen ich) ich folgendes hatte vorbetrachten lassen: >In
dem eigentlichsten Verstand verdient der Regen ein Geschenk
des Himmels genannt zu werden. Wer ist imstande, alle Vorteile
des Regens zu beschreiben? Lasset uns, meine Briider, nur einige
derselben betrachten !< — daB ich dann abschnappte, weil ich
muBte und wahrlich, wenn vor einem Prazeptor, der mit den
Seinigen Sturmische und eigne Betrachtungen iiber den Regen
auf der KunststraBe anzustellen vorhat, jede Minute kreischende
Fuhrmannsw^gen mit stinkendem Kabljau voruberziehen, unter
denen ein keifender Hund unversehrt mit hinspringt — wenn 30
ferner taumelnde Kohorten von Rekruten, die den Schulmann
noch starker ansingen und auslachen als feinere Werbeofflziere
selber, und wenn Extraposten, die er griiBen soil, ihm iiber den
StraBendamm entgegentanzen : so mufi er wohl den Pastor Sturm
einstecken, es mag regnen oder nicht.
Unverrichteter Sachen kamen wir nach Zedwiti herab. Eine
DES REKTORS F ALB ELS REISE NACH DEM FICHTELBERG 235
schone englische Pappelinsel - dem Gutsherrn angehorig - suchte
uns iiber eine kouleurte Holzbriicke in sich zu ziehen; aber der
Rektor wurde sich diesen Eintritt in ein fremdes Gebiet nicht
herausgenommen haben, wenn nicht der erorterte Monsieur
Fechser versichert hatte, >er verantworte es, er kenne den Koch<.
In der Insel wurde so viel auslandische Botanik, als da sozusagen
wuchs, getrieben, und ich ging mit meinen Schulern um die Bau-
me herum und klassifizierte sie meistens : die botanische Lektion
hielt vielleicht fur die Sturmische schadlos.« -
I0 - Unter der Klassifikation konnte Kordula^ seine Tochter, hin-
gehen, wohin sie wollte. Der groBe Edukationsrat oder Edu-
kationsprasident fragte niemals viel nach ihr oder nach Weibern :
»Weiber«, sagte er, »sind wahre Solozismen "der Natur, deren
peccata splendida und Patavinitat, oder geborne Kolumbinen
und schlafende Monaden.« Die arme Kordula hatte langst ihre
Mutter, die zugleich ihr Vater war, durch den Todesengel von
ihrem Herzen wegfuhren sehen; der alte Sturmische Betrachter
hatte sie in die letzte Hiitte - gleichsam die Stiftshiitte eines kiinf-
tigen Tempels - hinuntergezankt. Kordula wuBte wenig, las
20 nichts, als was sie Sonntags sang, und schrieb keinen Buchstaben
als den, womit sie schwarze Wasche signierte, und sie war weiter
nichts als schuldlos und hulf los. Ihr Vater lieB wie die meisten
Schulleute - durch die Romer verwohnt - nichts einer Frau zu,
als da8 der Korper ein Koch wurde und die Seek eine Kochin.
Sie schlich sich heute mit ihrem zusammengedruckten Herzen, in
dem noch keine Leiden gewesen als wahre, und das noch nicht
von artistischer Empfindsamkeit bis zum Lahm- und Schlaffwer-
den auf- und zugezogen worden, von der gelehrten Menge ab
und setzte sich an das Ufer des Wasser-Ringes, der die schone
30 Insel, wie ein dunstvoller Hof den Mond, umfasset, und sah eine
Pyramide jenseits des Wassers fur ein Grabmal an, weil sie keine
andere Pyramiden kannte als die iiber Sargen und weil ihr heute
getraumet hatte, ihre Mutter habe wieder mit unverwesten Lip-
pen gelachelt und ihren Arm liebend nach ihr ausgestreckt, aber
er sei zu kurz gewesen, weil die Hand davon weggefallen war.
236 LEBEN DES QUINTUS FIXLEIN
Die kunstlose Kordula wuBte nicht, welches Druckwerk ihr Herz
auseinanderpresse - sie erriet es nicht, daB der mit einer blutigen
Morgenrote uberspritzte Himmel und daB die zusammenfiieBende
Grasmucken-Kirchenmusik im Tempel der Natur, daB das ruhige
Wiegen und Taumeln der Pappeln und die Regentropfen, die
ihr Schwanken gleichsam vergoB, daB alles dieses ihre einsame
Seele triiber machte und das ode Herz schwerer und das kalte
Auge heiBer. Sie hielt die Schiirze, mit deren Frisur die Mut-
ter ihre Naharbeiten beschlossen hatte, aufmerksam und nah an
die Augen und begriff nicht, warum sie heute die Naht daran nicht 10
deutlich sehe, und dachte, als sie die Tropfen aus den Augen
wegstreifte, sie waren von den Pappeln gefallen Aber der
Alte, der befahren muBte, sie werde zu naB, pfiffdie Beklommene
von ihrer Schiirze weg ins Zelt unter die Primaner zuriick.
O es ist mir jetzt, als sari' und hort' ich in alle eure Hauser hinein,
wo ihr, Vater und Ehemanner mit vierschrotigem Herzen und
dickstammiger Seele, beherrschet, ausscheltet, abhartet und ein-
quetschet die weiche Seele, die euch lieben will und hassen soil -
das zerrinnende Herz, das eure kotigen schwulichten Fauste hand-
haben - das bittende Auge, das ihr anbohrt, vielleicht zu ewigen 20
Tranen — o ihr milden, weichen, unter schweren rmstern Schnee
gebuckten Blumen, was will ich euch wiinschen, als daB der
Gram, eh' ihr mit besudelten, entfarbten, zerdruckten Blattern
verweset, euch mit den Knospen umbeuge und abbreche fiir den
Fruhling einer andern Erde? - Und ihr seid'schuld, daB ich mich
nicht so freuen kann, wenn ich zuweilen eine zartfuhlende, unter
einer ewigen Sonne bliihende Schwester von euch finde, eine
hauchende Blume im Wonnemond: denn ich muB denken an die-
jenigen von euch, deren odes. Leben eine in einer dustern Obst-
kammer durchfrorne Dezembernacht ist. Und doch kann 30
euer Herz etwas Schoners tun als sterben : - sich ergeben.
Ich wiinschte, ich ware mit neben dem Kabriolett hergegangen
und hatte die stille Kordula in einerri fort angeschauet.
»Auf der StraBe nach Hofsagt* ich meinen Primanern, sie soil-
ten die Bemerkung machen, daB das baireuthische Voigtland
DES REKTORS FALBELS REISE NACH DEM FICHTELBERG 237
mit mehrerern Produkten ausgesteuert sei, mit Korn, Hafer,
Kartoffeln, einigem Obst (frischem und getrocknetem) und so
weiter; aber man konnte nicht angeben, wie viel.
Auf dem Turm blies man gerade herab, als man mich und
meine Genossenschaft die Gassensteine Hofs betreten sah. Ich
werd* es darum niemals wie andere aus affektierter Furcht vor
Eigenlobe unterdriicken — denn eben dadurch verrat man das
groBte; und es miissen j a nicht gerade schmeichelhafte Ursachen
gewesen sein - daB bei unserem Einmarsch alle Fenster auf- und
10 alle Kopfe darhinter herausfuhren ; deutsche Schul- und latei-
nische Gymnasiumsjugend sah uns nach, Ladenjungen standen
barhaupt unter den Ladentiiren, und wer in ein Haus wollte,
stockte unter dem Portal. Ich erfragte muhsam einen Gasthof fiir
Fuhrleute, weil ich, wie Swift, da am liebsten logiere. Es hatte
mich in Verlegenheit setzen sollen, daB, da ich vor der sachsischen
Post das Kabriolett und dessen Kronwache halten HeB, weil ich
einen frankierten Brief da abzugeben hatte, den ich selber so weit
getragen, um ein maBigeres Porto zu erschwingen, daB alsdann,
sag* ich, ein schoner angenehmer Mensch mit einer griin-taftenen
20 Schiirze unter uns trat, der — weil er uns leider fiir frische Ein-
kehr ansah; denn das Posthaus ist zugleich im groBen branden-
burgischen Gasthof - meine Tochter herabheben und uns alle
empfangen wollte. Ich kam aber nicht sehr auBer mir und repe-
tierte gleichgultig meine Nachfrage nach einem gemeinern Gast-
hof; und es war schon, daB der jungeMensch uns mit einem freund-
lichen Lachen zum Tore wieder hinauswies - was wir denn taten.
Ich lieB meinen Bart mitten in der weiten Wirtsstube und un-
ter kauenden Fuhrmanns-Gekliiften yon einem Primaner ab-
nehmen und mein Haar vom Exkurrens auf locken, indes unsere
30 Erbkiichenmeisterin unser gerauchertes Gedarm ans Feuer stellte.
Mochte der Himmel es fiigen, daB ich das arbeitsame Kind bald
in einem guten adeligen Hause als Zofe anbrachte!
Ein Reisediener aus einem Handelshause in Pontak diablierte
und sakredieurte am- Fenster ungefragt iiber die besten deutschen
politischen Zeitungen und beschmitzte besonders die Herrn S. T.
Girtanner und Hofmann mit solchen Ekelnamen und Verbalin-
238 LEBEN DES QUINTUS FIXLEIN
jurien - wo von ich mir keine nachzusprechen getraue als die ge-
ringern von Narren, von Falsariern der Zeit und von geistigen
Myrmidonen — , daB ich unter dem Einseifen wiinschte, statt
meiner wiirde der Reichsfiskal barbiert oder exzitiert und nahme
einen solchen Fratzen beim Fliigel. Der gallikanische Tropf gab
sich Miihe, sich anzustellen, als wenn er mich und mein reisendes
Schnepfenthal gar nicht sahe oder wurdigte, obgleich der Gering-.
ste unter meinen Leuten mehr von Rebellionen und Regierungs-
formen — zumal alten — wissen muB als dieser Frankreicher. Ich
konnte nur leider unter dem Rasiermesser die Kinnbacken nicht jo
bewegen, um seinem Unsinn entgegenzuarbeiten; aber kaum war
ich unter dem Messer hervor, so naherte ich mich dem Menschen
hoflich und war willens, ihm seinen Irrweg und seinen demokra-
tischen Augenstar zu nehmen und ihn aufzuhellen. Ich verbarg es
ihm nicht, ich hatte nie etwas aus der Nationalversammlung ge-
macht, und die Begriffe, die ich meinen Untergebenen' von der
jetzigen franzosischen Vergatterung beigebracht hatte, waren
ganz von seinen verschieden. >Ich gebe indessen doch zu,< (sagt*
ich und ging mit dem Schlucker wider meinen Willen wie mit
einem Gelehrten um) >daB die franzosische Rottierung weniger 20
diesen Namen als den eines fdrmlichen Aufstandes verdiene, da
sie nicht nur so viele Menschen, als die Gesetze zu einer Rebellion
oder turba erfordern, namlich funfzehn Mann (L. 4. §. 3. de vi
bon. rapt.), wirklich aufzeigt, sondern noch mehrere. Aber Sie
miissen mir auch wieder die Strafe einraumen, die die alten, ob-
wohl republikanischen Romer auf Aufstande legten, Kreuzestod,
Deportation, VorschmeiBen vor Tiere; ja wenn Sie auch als
Christ es mildern und wie Kaiser Justinian, unser Gesetzgeber,
sich nur des Galgens bedienen wollen — und das miissen Sie, da
sogar die Deutschen, die sonst Morder und StraBenrauber leben 30
lieBen, dennoch Tumultuanten henkten - sehen Sie nur Hell-
felden nach — : so sind Sie immer nicht so mild als die alliierten
Machte^ die die Nation, weil sie sich in eine Soldateska verkehret
hat, auch bloB nach dem Kriegsrecht strafen und nur arkebusie-
ren wollen. < Da ich sah, daB ich dem Reisediener zu schwer ward :
so bewarb ich mich um Deutlichkeit auf Kosten der Gnindlich-
DES REKT0RS FALBELS REISE NACH DEM FICHTELBERG 239
keit und wies ihn darauf hin, daB Deszendenten ihren Vater
(oder primum adquirentem), Gymnasiasten ihren Rektor und
folglich Landeskinder ihren Landesvater unmoglich beherrschen,
geschweige absetzen konnten. Ich legte ihm die Frage vor, ob
denn wohl das frankreichische Hysteronproteron mdglich ge-
wesen ware, wenn jeder statt der franzosischen Philosophen die
alten Autores edieret und mit Anmerkungen versehen hatte; und
ich ersuchte ihn, mir es doch einigermaBen aufzulosen, warum
denn gerade mir noch nie ein insurgierender Gedanke gegen
10 meinen gnadigsten Landesherrn eingekommen ware. >Der Grund
davon ist,< sagt' ich selber, >ich treibe meine Klassiker und ver-
achte Painen und seines Gelichters - obwohl ich sie alle gelesen -
ganz.< - Mich argerts, daB ich dem Haselanten noch vorhalten
wollte, daB schon die Konige der Tiere, z. B. der Geierkomg, der
Adler, der Lowe, ihre eigne Untertanen aufzehrten-daB ein Furst,
wenn er auch nicht einem ganzen Volke wohlwolle, doch einige
Individ uen daraus versorge und also immer gerade das Urn-
gekehrte jener von franzosischen Philosophen ersonnenen gott-
lichen Vorsehung sei, die nur Gattungy nicht Individuen beglucke
20 - und daB iiberhaupt gerade unter einer donnernden und blitzen-
den Regierung sich ein treues und geduldiges Landeskind am
meisten erprobe, so wie sich der Christ gerade in Noten zeige.
Kurz ich wollte den Merischen eines offentlichen Zeitungskolle-
giums werthalten; aber der republikanische Hase sang pfeifend
in meine Belehrung hinein und ging, ohne ein prosaisches Wort
zu sagen, so zur Ture hinaus, daB mir fast vorkam, als verachtete
er meine Reden und mich. Indessen bracht* ich diese Belehrung
bei meiner Jugend an, wo sie mehr verfing; ich habe sogar vor,
wenn wir die Rede gegen den Katilina zu exponieren bekommen,
30 ihnen deutlicher zu zeigen, daB die Pariser Katilinen^ Cdsars und
Pisistraten sind, die ins alte Staatsgebaude ihre Mauerbrecher
setzen
Man verstatte mir folgende Digression : ich forschte einen hal-
ben Tag in meiner Bibliothek und unter den Nachrichten von
den offentlichen Lehrern des hiesigen Gymnasiums nach, wervon
ihnen gegen seinen Landesfursten rebellieret habe. Ich kann aber
24O LEBEN DES QUINTUS FIXLEIN
zu meiner unbeschreiblichen Freude melden, daB sowohldie groB-
ten Philologen und Humanisten - ein Camerarius, Minellius,
Danz, Ernesti, der ciceronianische Sprachwerkzeuge und romi-
sche Sprachwellen besaB, Herr Heyne, die Chrestomathen Stroth
und andere etc. - als auch besonders die verstorbne Session hie-
siger Schuldienerschaft von den Rektoren bis zu den Quintussen
(inclus.) niemals tumultuieret haben. Manner spielen oder defen-
dieren nie Insurgenten gegen Landesvater und -mutter, Manner,
die samtlich fleiBig und kranklich in ihren verschiedenen Klassen
von acht Uhr bis eilf Uhr dozieren und die zwar Republiken er-
heben, aber ofienbar nur die zwei bekannten auf klassischem
Grund und Boden, und das nur wegen der Iateinischen und grie-
chischen Sprache.
Das Dozieren und Speisen war vorbei; und wir hatten gut die
Hike nehmen und Hofs offentliche Gebaude besehen konnen:
ware mir nicht die Sorge fur ein primum mobile obgelegen - fur
Gestus. Ich sprach den Wirt um seine obere Stube nur borgs-
weise an (das Bezahlen verlohnten wohl die wenigen Minuten
nicht), weil wir droben nichts zu machen hatten als wenige leise
elegante Bewegungen. ;
Ich Iiefi es namlich schon lange durch einen meiner Schuler
(des groBern Eindrucks wegen) in einer offentlichen Redeiibung
feststellen, daB der auBere Anstand nicht ganz ohne sei. Fremde
Menschen sind gleichsam das Pedal und Manual, welches gelenk
zu bearbeiten ohne eine Bachische Finger- und FiiBesetzung nicht
moglich ist. tch merke am allerersten, wie sehr ich dadurch von
sonst gelehrten Mannern abweiche, die solche poetische Figuren
des auBern Korpers nicht einmal anempfehlen, geschweige damit
selber vorzuleuchten wissen. Es sagt aber Seneka c. 3. de tranquill.
ganz gut: >Niemals ist die Bemiihung eines guten Burgers ganz =
unniitz; denn er kann durch bloBes Anhoren, Ansehen, Aussehen,
Winken, durch stumme Hartnackigkeit, sogar durch den Einher-
gang selber fruchten (prodest)^1 Und sollte so etwas denn nicht
zuweilen einen Schullehrer erwecken, immer seinen Kopf, Hut,
1 Doch hier ist das bessere Original : nunquam inutilis est opera civis boni ;
auditu enim, visu, vultu, nutu, obstinatione tacita incessuque ipso prodest.
DES REKTORS FALBELS REISE NACH DEM FICHTELBERG 24I
Stock, Leib und Handschuh so zu halten, daB seine Klasse nichts
einbiiBet, wenn sie sich nach dieser Antike modelt ? - > Wir wer-
den heute<, sagt' ich in der obern Stube zu den Mimikern, >Men-
schen von dem vornehmsten Stande sehen miissen, wir werden
uns ins Schulgebaude und in das Billard verfugen - iiberhaupt
werden wir in einer Stadt auf- und abschreiten, die den Ruhm
auBerer Politur schon lange behauptet und in der ich am wenig-
sten wollte, daB ihr den eurigen verspieltet — zum' Beispiel : wie
wurdet ihr lacheln, wenn ihr auf Ansuchen in Gesellschaft etwas
10 zu belacheln hattet? Monsieur Fechser, lachl' Er saturischl< Er
trafs nicht ganz - ich linierte ihnen also auf meinen Lippen jenes
feine, wohl auseinandergewundne Normal-Lacheln vor, das stets
passet; darauf wies ich ihnen das peccierende Lachen, erstlich
das bleirechte, wo der SpaB den Mund, wie ein Pflock den Eber-
Riissel auf dem Purschwagen, aufstiilpt, zweitens das waagrechtey
das insofern schnitzerhaft werden kann, wenn es den Mund bis zu
den Ohrlappen aufschneidet.
Mein Auditorium kopierte mein Lacheln nach, und ich fand
solches zwar richtig, aber zu laut. Nun wurden Verbeugungen
20 rekapituliert, und ich nahm alle gymnastische Ubungen der Hof-
lichkeit bis auf die kleinste Schwenkung durch. Ich zeigte ihnen,
daB ein Mann von echter Lebensart selten den Hintern vorweise,
welches ihm freilich entsetzliche Miihe macht. Ich ging daher zur
Tiire hinaus und kam wieder herein und zog sie mit der leeren
Hand so nach der Anstands-Syntaxis zu, daB ich nichts zeigte -
>man soll<, sagt* ich, >da man das Ende des Menschen wie das
eines Garten durchaus verstecket halten muB, Heber mit dem
Ende selber die Tiire zudriicken oder gar sie offen lassen, welches
viele tun.< Jetzt muBte ein Detachement so hinausriicken, daB es
30 mir immer ins Gesicht guckte, und so wieder herein. >In meiner
Jugend< (sagt' ich) >hab' ich mich oft Viertelstunden lange her-
umgeschoben und riickwarts getrieben, um nur diese Ruckpas
in meine Gewalt und FuBe zu bringen.<
Der eitle Gallier trauet uns nicht zu, daB wir Generalverbeu-
gungen an ein ganzes Zimmer leicht und zierlich zutage fordern;
ich aber schwenkte wenigstens eine allgemeine Verbeugung als
242 LEBEN DES QUINTUS FIXLEIN
Paradigma fltichtig vor und war schon beruhigt, daB meine Leute
nur die Spezial-Verbeugung an jeden dasigen Sessel, die faBlicher
ist, leidlich nachbrachten. Nach diesen syntaktischen Figuren
trabte man eiligst die Treppe hinab, und meine Mimiker repe-
tierten und probierten (zum SpaBe) beim Eintritte vor dem Wirte
die obige Gestikulation.
Unten in der Stube hatten die zwei Kinder des Wirts eine Brezel
angefasset und zerrten spielend daran, wer unter dem AbreiBen
den groBten Bogen behielte. Das Madchen hatte schon vor dem
Essen die linke Hand auf eine rechte Fingerspitze gelegt und an- 10
dern gewiesen, >so lang nur hatte sie den Mann (mich) lieb; hin-
gegen die Frau (Kordula) hatte sie so lang lieb<, wobei sie die
linke Hand oben an den Ellenbogen einsetzte. Ich verbargs als
Erzieher dem Wirte nicht, daB es seinen Kindern an allgemeiner
Menschenliebe fehle, und das BrezelreiBen verdiirbe sie vollends
und nahrte Zerstreuung, Eigennutz und Hang zu lappischen Din-
gen. >Wo habt ihr euere Schreib- oder Schmierbucher? Setzt euch
und schreibt euer Pensum!< sagt' ich gebieterisch.« -
- Erwachsene, zumal Weiber, haben sich ordentlich ange-
wohnt, den Kindern immerfbrt zu verbieten — wenigstens vorher, 20
eh sie es ihnen erlauben — und alle ihre kleinen Unternehmungen
zu schelten, zumal ihre Freuden.
Aber seid doch froh, daB sie sich noch selber keine vergallen !
Konnt ihr ihnen denn eine einzige vom Munde weggerissene
spaterhin wiederholen? Und war's auch: konnt ihr ihnen denn
den jungen durstigen Mund und Gaumen wiederbringen, womit
sie sonst jeder stiBen Frucht einwuchsen und sich ansogen an sie?
Der ewig sparende Mensch, der jedes spatere Vergniigen fur ein
groBeres und weiseres halt, der im Friihling nur wie im Vorzim-
mer des Sommers lauert und dem an der Gegenwart nichts ge- 30
fallet als die Nachbarschaft der Zukunft, dieser verrenkt denKopf
des springenden Kindes, das, ob es gleich weder vor- noch riick-
warts blicken kann, doch bloB vor- und riickwarts genieBen soil.
Wann mir Eltern durch Gesetzeshammer und Ruten das Laub-
hiittenfest der goldnen Kindheit in einen Aschermittwoch ver-
DES REKTORS FALBELS REISE NACH DEM FICHTELBERG 243
kehret haben und den freien Augarten in einen bangen Geth-
semane- Garten: wer reibt mir denn die Farben und malet mir,
sobald nur hektische Jugenderinnerungen wie Martyrologien vor
mir sitzen, meinen dustern Kopf mit frischen erquickenden Land-
schaftsstucken des Jugend-Otaheitis in jenen trocknen mann-
lichen Stunden aus, wo man ein amtierendes geschatztes Ding
und ein gesetzter ordentlicher Mann ist und auBer seinem Brot-
studium noch sein hiibsches Stiickchen Brot und auch sein biB-
chen Ehre dabei hat und so vor lauter Fort- und Auskommen in
10 der Welt nun nichts weiter in der Welt wer den will a Is des -
Teufels?
- »Ich fuhrte um ein Uhr meine Leute durch die HauptstraBen
ins Hofische Gymnasium, und wir konnten um so leichter und
genauer die ganze Bauart aller Klassen, der Banke und eines Ka-
theders besichtigen, da glucklicherweise wegen der Ferien keine
Seele darin war als der Alumnus, der uns herumfiihrte, Ich ver-
geude vom groBen Kapital meines statistlschen Reisejournals
noch immer wenig, wenn ich in diesem biographischen im allge-
meinen mitteile, daB die Stadt ein Rathaus und vier Kirchen hat.
20 Um diese fiinf corpora pia gingen wir bloB prozessionsweise her-
um, und sie sind ganz gut. Vom letzten offentlichen Gebaude, in
das wir wollten, vermiBt' ich sogar die Ruinen, vom Pranger
mem* ich.
'Ich harte gern junge Leute gegen den Eindruck, den groBe
Zirkel auf sie machen, durch Obung ab. Nach diesem Prinzip
fuhrte ich ohne Bedenken meine kleine gelehrte, aber verlegene
Sozietat aufs Billard; auch weiB ich nicht, ob einem Schulmann
gerade jene fagon aisee gebrechen miisse, womit man Assem-
bleen besticht. Ich traf zu meiner groBten Freude einen alten
30 Leser meiner unbedeutenden Programmen an, namlich den vori-
gen Setzer der hiesigen Offizin. Einige griechische Handelsleute
hatten Billard- Queues und zahlten neu-griechisch ; da ich spater
auf mein Gesuch mit von der Partie sein durfte: so zahlt* ich so
gut wie die Griechen meine Balle neu-griechisch, weil es doch
wenigstens verniinftiger ist als franzosisch mitten in Deutschland.
244 LEBEN DES QUINTUS FIXLEIN
Ehe wir von Hof abschieden, muBt' ich mit dem Wirte noch
einen kleinen Exekutiv- und InjurienprozeB iiber die Stube fun-
ren, wo wir uns verbeugt und gelachelt hatten, weil er sie an-
schreiben wollte. Ich warf ihm aber nichts hin als den Fehde-
Handschuh. In solchen Umstanden ists Beste, hinter dem nach-
geschrienen Pereat und dem NachstoBen in Famas zweke Trom-
pete gelassen davonzumarschieren und sich nach Ekelnamen, wie
der groBe Themistokles nach Schlagen, aus hohern Absichten
nicht umzusehen.
Eine niederfallende Siindflut, die mit uns bis nach Schwarien- jo
bach an der Saale zog, wasserte den Pastor Sturm aus Versehen
wie einen Stockfisch ein, und dieser ganze Weg wurde verdriiB-
lich unter wenigen Lehren zuriickgelegt. Ich beruhigte meine
Armee iiber ihre Fatiquen mit den weit groBeren der Xenophon-
tischen. Glekhwohl schickte ich im Marktflecken Schwarzenbach,
wo wir pernoktierten, einige Primaner herum, die sich iiberall
erkundigen muBten, ob im Flecken kein InsaB oder Fremder
wohnhaft ware, der ein lahmes elendes Bein hatte, woran er
spiirte, obs fortregnete oder nicht. Denn Hiihneraugen sind
gleichsam die Fiihlhorner und erfrorne FuBzehen die Zeigefinger 20
kunftigen Wetters. Dem ganzen Ort aber gebrach es an einem
solchen weissagenden FuB. Ich ware vermutlich gar umgekehret,
wenn mir nicht Mr. Fechser eroffnet hatte, wir konnten seinem
vom Fichtelberg zuruckmtissenden Herrn Pflegevater entgegen-
gehen, der mehr vom Wetter voraussage als ein Sturmvogel: in
Hoffnung eines meteorologischen Responsums beschloB ich den
Fortsatz der Schulreise.
Abends reichten bei mir einige fleiBige Primaner die Bittschrift
urn Dispensation zum Kartenspielen ein; ich erteilte sie, aber
unter der Einschrankung> ich verstatte so etwas nur auf Reisen 30
(wie geringe Lehrer zu Fastnacht), etwa so wie den Branntewein.
Solche, die gar keine Karte kannten, wiirdigte ich mehr und
mahnte sie zum Beharren an; ja urn sie gleichsam zu belohnen,
setzte ich mich mit ihnen an einen Tisch und gab ihnen - weil
hier theoretische Kenntnis ebenso ersprieBHch ist, als praktische
Obung verderblich - in den gewohnlichsten Spielarten Unter-
DES REKTORS FALBELS REISE NACH DEM FICHTELBERG 245
richt, im Farbeln, im Kauf labeten, Sticheln, im Saufaus und Kuh-
schwanz. — Darauf muBt' ich mir von der Wirtsmagd den rechten
nassen Stiefel, indem ich mich mit dem linken auf ihr Riickgrat
aufstemmte, herunterreiten lassen, so arg hatte uns das Wetter
zugesetzt.
Morgens wartete ich, nachdem ich eine Falbelmutze um gerin-
ges Geld erstanden - der Winter uberteuert alle Mutzen — , dem
da seBhaften Adel auf, um meine Tochter gleichsam im Hafen
einer Domestikenstube abzusetzen. Ich brachte sie nirgends un-
10 ter; um so reiner ist das Lob, das ich dem dasigen Landadel fur
die Herablassung erteile, womit er einen Schulmann empfmg. Ich
wurde - ich kann es nie vergessen - in die Wohnzimmer selber
gezogen, iiber die Zahl meiner Dienstjahre, Intraden und Kinder
aufmerksamst ausgefragt und nicht immer ungern (obwohl un-
wiirdig) angehort, wenn ich zuweilen in jener saturischen Manier
repartierte, von der ich im Valerius Maximus schone attische Salz-
scheiben gekostet und geleckt. In der Tat, ein hoher und niederer
Adel ist stets gesonnen, Gelehrte mit ehrenhafter Auszeichnung
zu empfangen, nur mussen weder die Korper der Gelehrten (ver-
20 langt er) in adeligen Salons Pillorys und Schandpfahle daran ge-
bundener Seelen vorstellen, noch muB der Anzug den Panzern
in der Bastille gleichen, die jedes GliedmaB starr und unbeweglich
machten. Und ich lehne mich gar nicht dagegen auf, wenn der
Adel noch auBer dem Savoir vivre, das aus Biichern geschopfet
werden kann, von burgerlichen Gasten begehrt, daB sie das wei-
che Wachs der Biegsamkeit und der Lobspriiche (so wie die Bie-
nen Wachsscheiben aus alien Fugen ihres Unterleibes driicken)
in Mienen und Worten nicht knauserisch von sich geben. Jetzt
ist iiberhaupt die Zeit, wo der hof liche Deutsche den frankreichi-
30 schen Grobian, der sonst den Vorsprung hatte, uberfliigeln kann.
Wir lieBen unter abscheulichem windigen Wetter den Markt-
flecken hinter uns; dennoch hielt uns - da heute lateinischer Dia-
log getrieben werden sollte, wozu ich ihnen abends vorher den
Terenz und Plautus zum Praparieren hergegeben - nichts ab,
durch den ganzen Kirchenlamit^er Wald Lateinisch zu sprechen.
Es ist aber wenig durch bloBe Kollegien fur den Humanisten er-
246 LEBEN DES QUINTUS FIXLEIN
beutet, wenn man nicht wie ich die Materien der Diskurse eigen-
sinnig aushebt und absondert, wie die Grammatiken neuerer
Sprachen wirklich tun. Ein Lehrer muB, wenn er das Fruchthorn
sachdienlicher Phrasesbticher bis an die Spitze ausschiitten will,
heute z. B. blofi iiber die Verehrung der Gottheit oder Gottheiten
— morgen blofi iiber Kleider — iibermorgen iiber Haustiere in der
herrlichen Staats- und Hofsprache der Alten reden und jeden
andern, fur die heutigen Phrases fremden Gedanken verweisen.
Nach diesem Normal hatten wir heute - als eines der gewohn-
Hchsten Entrevuen-Kapitel im gemeinen Leben - lateinisch das 10
Fluchen und Schworen vorzunehmen und abzutun, womit ich
noch das Schimpfen verband. Mr. Fechser tat schone Fliiche, die
wohl zeigten, da(3 er den Plautus nicht bestauben lassen; wieder
andere stachen durch Schwiire und mehrere durch Schimpfreden
hervor, je nachdem die Memorie gliicklich war oder der FleiB
anhaltend oder beide eisern.
In Kirchenlamiti trieb uns ein GuB ins Wirtshaus, wo wir das
Fluchen fortsetzten. Ich beobachtete mit einiger Belustigung das
Erstaunen so pobelhafter Menschen, als Wirtsleute sind, das sie
befiel, da ich meinen Schiilern - an einem solchen Schimpffeste, 20
als die Alten wirklich am Bachusfeste und die Ephesier am 22. Ja-
nuar begingen und jetzt noch die Neuern an Weinlesen und
auf der Themse - schwere Schimpfreden und Fliiche aus Sach-
senhausen zum Vertieren vorlegte, als: >Der Teufel soil dich zer-
reiBen, das Donnerwetter soil dich neun Millionen Meilen in den
Erdboden schlagen<; wobei der Lehrer immer mit Phrasen dem
Lehrling unter die Arme greifen muB. Ich zog meinen Vorteil
davon, als zwei Schiiler sich iiber ihr scherzhaftes Schimpfen im
Ernste entzweiten, und verstattete ihnen gern, aufeinander los-
zuziehen, aber nur in toter Sprache. 30
Der Himmel durchstach ordentlich seine Damme, und das Re-
genwasser hielt uns wie belagerte Hollander im Wirtshause, wo
anfangs kein Heller verzehret werden sollte, auf achtzehn Stun-
den fest. Ich schreibe mit Bedacht nur achtzehn Stunden. Wir
wurden nach und nach dem Wirte verdachtig durch mein Fluchen
sowohl als durch unser >Rotwelsch und Judendeutsch<, um so
DES REKTORS FALBELS REISE NACH DEM FICHTELBERG 247
mehr da ich meiner Tochter - sie hat einige Latinitat - alles in
lateinischer Mundart anbefahl, was sie - als lebende versio inter-
Hnearis - vom Garkoche in deurscher fordern sollte. Dieser
Mensch zweifelte, ob es richtig mit uns sei. O dreimal selig ist der
Mann, der in einer lateinischen Stadt, die Maupertuis zu bauen
angeraten, das Burgerrecht hat und ein Haus! Dreimal elend ists
in Deutschland, wo der gelehrte Mann neben dem allerdummsten
in einer Gasse wohnen muB, indes den Leviten im Alten Testa-
ment vierzig eigne Stadte zu ihrer Behausung ausgeworfen wa-
10 renl - Da die Zwecke meiner Herodotschen Reise auch statistisch
waren: so wollt' ich ganz naturlich auch hmter die Volks- oder
Pobelmenge in Kirchenlamitz kommen, befragte aber nicht den
Restaurateur darum - ich wiinsche mir jetzt selber Gluck zu die-
ser und der andern Vorsicht — , sondern schickte meine Kompa-
gnie (aber in Piketts zerstuckt, um keinem aufzufallen) im Flecken
hausieren herum, um das Personale jeder Familie von weitem
auszukundschaften. Dennoch wurde man aufmerksam: abends
rottierten sich die Bauern in der Wirtsstube zusammen — schopf-
ten Verdacht aus unserm fahrenden Hundestall und aus unsern
20 geometrischen Sturm- und Laternenpfahlen - und sahen sie an -
spitzten vollends die Ohren, da ich sie (zum Schein) mit schmei-
chelnden Nachrichten von der Gluckssonne der sich auf gleiche
Weise rottierenden Franzosen bestach - und gingen (ich wartete
es vergeblich ab und blieb auf) nicht von der Stelle. Ich lieB uns
eine Stube geben und berichtete leise meinen Leuten: >ich ware
nur heraufgegangen, um ihnen zu sagen, daB hier unsers Bleibens
nicht ware, sondern daB wir, wenn wir nicht totgeschlagen sein
wollten, im ersten Schlafe uns noch mitten in der Nacht aufma-
chen miiBten.< Kurz wir wagten es und brachen nach Mitter nacht
30 samtHch kiihn genug auf, ohne daB sich die Biergaste - es sei nun
wegen uriseres mathematischen Gewehrs, oder weil ich wie der
groBe Marius aussah, der bloB mit Mienen seinen Morder von
sich hielt - getraueten, uns im geringsten anzupacken.
Als wir in Marktleuthen eintrafen, wuBt* ich im Finstern, daB
die Briicke, woriiber wir gingen, auf sechs Bogen liegen muBte -
nach Biisching; es freuet aber ungemein, gedruckte Sachen nach-
248 LEBEN DES QUINTUS FIXLEIN
her als wirkliche vor sich zu sehen. Wir schliefen in einem an-
standigen Wirtshaus bis um neun Uhr auf dem Stroh, weil der
Regen auf den Dachern forttrommelte, bis uns ein anderesTrom-
meln aufstorte. Es sollte namlich ein Hungar erschossen werden,
der von seinem nach den schismatischen Niederlanden gehenden
Regimente mehrere Male deserteuret war. Als ich und mein Kol-
legium hinauskamen, war schon ein Kreis oder ein Stachelgurtel
aus Sabeln um den Inquisiten geschlossen. Ich machte gegen
einen vornehmen Offizier die scherzhafte Bemerkung, der Kerl
ziehe aus der Festung seines Lebens, die man jetzt erobere, ganz 10
ehrenhaft ab, namlich mit klingendem Spiel, brennender Lunte
und einer Kugel im Munde, wenn man ihn anders dahin treffe.
Darauf hielt der Malefikant in lateinischer Sprache an: man
mochte ihm verstatten, einige Kleidungsstiicke, eh' er angefasset
und ausgezogen wiirde, selber herunterzutun, weil er sie gern
der alten Waschfrau beim Regimente an Zahlungsstatt fur Wa-
scherlohn vermachen wollte. Ich bekenn' es, einen Mann, der
fur klassischen Purismus ist, kranken Donatschnitzer, die er nicht
korrigieren darf, auf eine eigne Art; so daB ich, als der Delin-
quent sein militarisches Testament im schnitzerhaftesten Hun- 20
garlateine verfertigte, aufgebracht zu meiner Prima sagte: >Schon
fur sein Kauderwelsch verdient er das Arkebusieren ; auf syn-
taxin figuratam und Idiodsmen dring' ich nicht einmal, aber die
Felonien gegen den Priszian mufi jeder vermeiden.< Gleich darauf
warfen ihn drei Kugeln nieder, deren ich mich glekhsam als Saat-
korner des Unterrichts oder als Zwirnsterne bediente, um eine
und die andere archaologische Bemerkung liber die alten Kriegs-
strafen daran zu kniipfen und aufzuwickeln. Ich zerstreuete damit
gliicklich jenes Mitleiden mit dem Malefikanten, gegen das sich
schon die Stoiker so deutlich erklarten und das ich nur dem 30
schwachern Geschlechte zugute halte; daher wird es der Billige
mit dem Augen-Tau wetter meiner Tochter wegen des Inkulpaten
nicht so genau nehmen.« -
- Als ich damals vom Fichtelberg zuruckkam; fragt* ich in
Marktleuthen selbst das kurze Marty rologium des armen Ungars
DES REKTORS FALBELS REISE NACH DEM FICHTELBERG 249
bei einem Metzger aus, der vor fiinf Jahren in Klein-Rom oder
Tirnau (der Vaterstadt des Unglucklichen) geschlachtet hatte:
der Ungliickliche zog mich schon durch das Arkebusieren an, das
fur meine Phantasie die grausendste Todesart ist, und ich mag
einen solchen knienden Armen kaum gemalt sehen. Der groBte
Verstofi des arkebusierten Warlimini war, daB er dreimal davon-
laufen wollte nicht vor den Feinden, sondern vor seinen Kamera-
den, die ihn eben deswegen erlegen muBten. Ein Gemeiner sollte
meines Bedunkens den Bruch seines militarischen Taufbundes
10 wenigstens versparen, bis er Generalissimus oder so etwas wiirde.
Einem Fiirsten, einem Generalfeldmarschall bringt es keinen Vor-
teil, wenn er die Kapitulation halt, weil das so viel ist, als redu-
ziert* er die Regimenter; hingegen dem Fiiselier, Grenadier etc.
bringt das Halten der seinigen wahren Nutzen: er tritt dadurch
mit seinen edlern Teilen einer exekutierenden Kugel-Terne aus
dem Weg und sparet mithin allezeit seine Brust und sein Kra-
nium einer feindlichen und ehrenvollen Kugel auf, die ihn ins
Bette der Ehren herabschieBet.
Warlimini war ein guter Narr. Ich und der Fleischer haben
20 nichts davon, daB wir ihn loben und seinem zersplitterten schlaf-
fen Kopfe noch einige Lorbeer-Streu unterbetten; aber warum
sollen wir es dem Gelehrten- und Militarstande verbergen, daB
der gute Kerl wochentlich von seinem Madchen ein oder zwei
Schustaks zu Lausewenzel uberkam - denn das ganze Mobiliar-
vermogen bestand in einem warm- und ehrlichschlagenden Her-
zen - daB sein Wirt, bei dem er sein Traktament vertrank, ihm
keinen Heller zu viel anschrieb - daB der Regimentsfeldscher ihm
bei jedem Verbande seiner Hiebwunde eine Pfote voll recht gu-
tem Tabak zusteckte - und daB er in seinem ganzen Leben uber
30 niemahd einen Fluch ausstieB als iiber sich? Es tat jedem weh,
sagte der Fleischer, der eineFlinte auf ihn halten muBte.»Druben«
(sagt' er; denn er ging ein wenig mit mir aus Marktleuthen heraus)
»sitzt ein Schafjunge auf seinem Grabe, der pfeift: gleich dar-
neben haben sie ihn nun erschossen. - Als wir den Abend vorher
ihn bedauerten, sagt' er, es gehor' ihm nichts Bessers als eine
Kugel vor den Kopf, aber er hatte doch, schwur er, fur tausend
25O LEBEN DES QUINTUS FIXLEIN
Gulden nicht langer beim Regimente bleiben konnen.« Ich wollte,
ich ware dazugekommen; ich hatte dem armen Teufel durch die
hereinhangende, stinkende Pestwolke auf der letzten Lebens-
Strecke statt des elenden Lausewenzels oder statt des noch elen-
dern hier gedruckten Weihrauchs echten Knaster hineingelangt,
ob ich gleich nicht rauche. Aber den andern Tag hatt' ich nicht
abwarten und es etwan von meiner Anhohe herunter ansehen
mogen, wie der arme Kerl in seinem blinkeriden Kreise so allein
seine Kleider fur seine Wascherin auszog, eine Viertelstunde vor
der Ewigkeit — wie man ihm die weiBe Binde urn die Augen legte, 10
die nun die ganze griine Erde und den leuchtenden Himmel
gleichsam in sein tief ausgehohltes Grab vor ihm vorauswarf und
alles mit einer festen Nacht wie mit einem Grabstein zudeckte -
Und wenn sie nun vollends uber sein tobendes, von qualendem
Blute steigendes Herz das papierne kalte gehangen hatten, um das
warme gewisser hinter diesem zu durchlochern : so ware ja jeder
weiche Mensch wankend den Hiigel auf der andern Seite hin-
untergegangen, um den Umsturz des Zerrissenen nicht zu er-
blicken, und hatte sich die Ohren verstopft, um den fallenden
Donnerschlag nicht zu horen - Aber die Phantasie wiirde mir 20
dann den Armen desto diisterer gezeigt haben, wie er dakniet in
seiner weiten Nacht, abgerissen von den Lebendigen, entfernt
von den Toten, von niemand in der Finsternis umgeben als vom
witternden Tod, der unsichtbar die eisernen Hande aufzieht und
sie zusammenschlagt und zwischen ihnen das blutige Herz zer-
driickt O nach Aonen miiBte, wenn der Mensch uber das Grab
hinauslitte, diese bange Minute noch wie eine diistre Wolke allein
am ausgehellten Eden hangen und nie zerflieBen !
Alle diese dunkeln Phantasien konimen mir wieder, wenn ich
drauBen gehe und hore: hier haben sie den erschossen, don jene 30
Schlacht geliefert; und es ist ein Gliick, daB die Zeit die Graber-
haufen der Erde abtragt und die Kirchhofe der Schlachtfelder
eindriickt und unter Blumen versenkt; weil wir sonst alle von
unsern Spaziergangen mit einer Brust voll Seufzer zuriickkamen.
Ich uberlass' es dem Leser, sich den Halbschatten selber hinein-
zumalen, uber den sein Auge leichter den Weg von meinem Erd-
DES REKTORS FALBELS REISE NACH DEM FICHTELBERG 25 I
schatten zu Falbels Lichtern nimmt. In unserem Leben ist die Zeit
der Halbschatten zwischen Lust und Schmerz, der Zwischenwind
zwischen Orkan und Zephyr.
»Da der Himmel noch immer voll Regen war, erachtete ich es
fur notig, aufzubrechen und demHerrnPflegevater des Mr.Fech-
sers bis nach Thiersheim, wo er eintreffen muBte, entgegenzu-
reisen, um es lieber einen Tag friiher als sparer zu erfahren, was
er vom Wetter halte. Auch wollt' ich da noch auBerdem einen
allda gehenkten Postrauber in Augenschein nehmen, weil ich
10 einige Moralen aus ihm fur die Meinigen ziehen wollte. Aber wir
taten uns vor Thiersheim vergeblich nach einem Galgen um: der
Spitzbube saB noch und hing noch an nichts als an Ketten.
Hier muBten wir nun zu meinem groBten Schaden funfzehn
voile Tage mit Hunden und Pferden liegen bleiben und kostbar
zehren, im fruchtlosen Lauern auf durres Wetter und auf den
Herrn Pflegevater des Mr. Fechsers. Und doch soil ich, gleichsam
zumDanke fiir meineEinbuBe, hier vor demPublikum dieHand-
lungsbiicher dessen, was ich da mit meiner Klasse getrieben, auf-
schlagen und extrahieren, weil einige (zu meiner groBten Be-
20 fremdung) sich, wie ich hore, dariiber aufgehalten haben, daB ich
fur jene funfzehn Tage, die in meine Hundsferien einfielen und
in denen ich doch dozieren muBte wie in der Klasse, mich durch
eine funfzehntagige Erweiterung der Kanikularferien meines
Schadens nab' erholen miissen: solche Zungen-Kritikaster sollen
hier beschamt werden durch den funfzehntagigen Lektionskata-
log eines Mannes, dem man gern die Halfte seines Hundstags-
Sabbats verkiirzte.
Am ersten Hundstag muBte die Klasse schriftlichen Rapport
von den Personalien und Realien unserer Reise erstatten. - Am
30 zweiten korrigiert' ich den Rapport - setzte die Korrektur am
dritten fort - und schloB die Zensur am vierten. -
Den funften lieB ich an einer Thiersheimer Flora arbeiten, den
sechsten an einer dergleichen Fauna. Der siebente Tag ist uberall
frei und des Herrn Ruhetag. Den achten wurde der Plan, gleich-
sam die Didos-Kiihhaut, zu einem neuen Idiotikon der Sechsamter
2J2 LEBEN DES QUINTUS. FIXLEIN
auseinandergebreitet, und der geringste Bauer wurde durch die
Lieferung eines einzigen Provinzialismus zum Mitarbeiter daran
angenommen. - Ein solcher Idiot hilft sich nur durch einen Idio-
lismus, den er Gelehrten zinset, wieder ein wenig aus seiner Ver-
achtlichkeit auf. Da ich vor der ganzen Gemeinde unsern ver-
reckten Wachtelhund ungescheuet anfafite, hinaustrug und ein-
scharrte — wie Prosektores gekopfte Kadaver handhaben — , so
nahm ich das allgemeine Erstarren iiber meine Kiihnheit wahr
und zugleich die allgemeine Verblendung; ein solcher Abstand
aber zwischen dem Vorurteil und der Aufklarung macht es oft 10
einem Gelehrten, der ihn fuhlet, sauerer, als man denkt, beschei-
den zu sein.
Den neunten setzt* ich bloB aus Liebe zum Gymnasium mein
Leben aufs Spiel oder auf den Spielteller. Der Mond setzte nach-
mittags, als er im Nadir stand, den Gussen einen kleinen Damm,
und ich zog daher eilends mit meinem peripatetischen Audito-
rium, armieret mit geometrischem Heergerate, aus Thiersheim
hinaus, des Vorhabens, Felder zu messen. DrauBen war nun noch
auf keinem geschnitten; und Boshafte sahen mir uberhaupt mit
einer so langen anfeindenden Aufmerksamkeit nach - welches 20
mich auf Platos Diktum brachte, gegen einen Rechtschaffenen
verschwiire sich am Ende die ganze Welt -, daB ich es nicht pro-
bieren wo lite, einen Pfahl einzustecken. Zum Gliick lagen zwei
Fleischersknechte unterentferntenBaumen aufRainenimSchlafe.
Ich sagte zu meinen Geometern (und zeigte auf die Metzger):
> Wir wollen leise die Weite zweier Orter oder Schlucker messen,
zu deren keinem man kommen kann.< Wir nahmen auf dem Ge-
meindeanger alles in der groBten Sonnenferne von den zwei
Schliffeln vor (man verzeihe : denn indignatio facit versus). Von
fernen und still bohrt' ich selber den MeBstab ein und setzte die 30
Mensul in den zweiten Standort. Ich visierte nach dem Stabe und
nach dem schlafenden groben Bloch A und nach dem andern
Bloch B, lieB den Abstand zwischen dem Stabe und Tische mes-
sen und verjiingte ihn richtig auf letzterem. Kurz (denn Nicht-
Feldmessern wtird* ich doch nicht faBlich) wir kamen Wolfen,
Kastnern und alien groBen Messern piinktlich nach; und hatten
DES REKTORS FALBELS REISE NACH DEM FICHTELBERG 253
endlich wirklich den zwei schnarchenden Grobianen A und B die
Ehre angetan, die SchuB-und Brennweite zwischen ihnen akkurat
(war nicht Kastner unser Fliigelmann?) herauszumessen. Un-
glucklicherweise wollt* ich meinen Zoglingen die sinnliche Proba
iiber das Exempel vormachen und befahl Monsieur Fechsern, mit
der Mefischnur zum Fleischer A zu schleichen, indeB ich mich
mit dem Ende der Schnur zum Fleischer B hinaufmachte. Mein
Fechser mochte (der Mensch kann nichts dafur) etwan, indem er
sich mit der Schnur an den groben Knopf und Kopf A nieder-
10 kauerte, mit dem Degen dessen Nase leicht iiberfahren : kurz der
Kerl fuhr wie ein FlintenschuB auf und schrie, da er mich iiber
seinen Schlafgesellen mit derMeBschnur hereingeneiget erblickte,
die ich an sein Gesicht applizieren wollte, seinem Raubergenos-
sen zu: >Michel! es verschniirt dir einer den Hals!< - Urplotzlich
erwacht der Wuterich B - schnellet den Faust-Fallbock gegen
mein zu tief hereinsehendes Angesicht — fangt mich mit der an-
dern Klaue wie mit einer FuBangei bei meinem Stiefel und wirft
mich durch seinen Wurzelheber notwendig aus dem Gleichge-
wicht auf den Rain hin — und wiirde mich vermutlich maustot
±0 gemacht haben, waren mir nicht redliche Zoglinge gegen den
Meuchelmorder beigesprungen.
Dem Unmenschen (ich meine seiner Moralitat) schaden meine
passiven Priigel mehr als mir selber, da ich, als Martyrer der Geo-
metric, wie der altere Plinius als einer der Physik, nichts davon
habe als - Ehre; auch sauberte ich unterweges die Denkungsart
meiner Leute iiber die Ohrfeigen, indem ich ihnen bewies, daB
diese nur bei den groBten Feierlichkeiten und Standeserhebungen
- bei Zeugschaften, Manumissionen, Freisprechungen der tech-
nischen Kornuten, bei Erhebungen aus dem Pagenstand - im
30 Schwange gewesen und noch sind.
Inzwischen mag die gelehrte Welt es diesem Zer-Fleischer
(nicht mir) beimessen, wenn ich nachher - aus naturlichem Scheu
vor ahnlichen MiBhandlungen - Bedenken trug, von Haus zu
Haus zu gehen und zum Vorteil der Landeshistorie (der wich-
tigsten Resultate zu geschweigen, die daraus zu ziehen waren) die
Speichen der Weifen und Wagenrader und die Zacken der Querl
254 LEBEN DES QUINTUS FIXLEIN
zu zahlen, ferner die Zylinder der Dreschflegel und der Sonntags-
stocke stereometrisch zu bestimmen - man konnte dadurch frei-
lich hinter die Krafte derer, die sie bewegen, kommen - und die
Gabelweite der Stiefelknechte durch die Longimetrie und die
Untiefe der EBIofTel und Suppenschiisseln mit Visierstaben aus-
zuforschen, um aus der erstern auf die GroBe der FuBe, aus der
letztern auf die GroBe der Magen die leichtesten Schliisse zu Zie-
hen. Ohne die Schlage wiird' ich mich, ich gesteh* es, ganz gewiB
dieser Miihe unterzogen haben; aber Behandlungen der vorigen
Art und kleinere, wie die folgende, frischen wahrlich einen Ge- 10
lehrten schlecht zur Landesgeschichte an. Ich teilte dem Wirte,
als ich auf den Flachsrocken seiner Tochter hinsah, den guten
Rat mit, von der Achse des Spinnrades ein dem Wegmesser ahn-
liches Rad treiben zu lassen, das die Umwalzungen des groBen
Rades richtig auf einer Scheibe summierte. >Er kann<, setzt* ich
hinzu, >leicht wissen, wenn Er wieder nach Hause kommt, wie
viel seine Tochter gesponnen und ob sie nicht gefaulenzet hat.<
Darauf lachte mir das junge Ding ins Gesicht und sagte: >Gim-
pel! das sieht ja der Vater schon am Garne.< Aber Gelehrten leg*
ich obiges Projekt zum Beurteilen vor. 20
Uberhaupt schrankte der Faustschlag des Fleischers meinen
Eifer fur die Wissenschaften sehr ein. Ich hatte aus wichtigen
Griinden vor, den inhaftierten Postdieb Mergenthal zu besuchen;
aber ich versagt* es mir. Ich mache namlich nach meinen Kraften
schon seit einigen Jahren ein ganz verwachsenes Feld der Landes-
geschichte urbar: die Gerichtsplatze und Rabensteine; ich meine,
ich werfe auf die Landesspitzbuben und Landesmorder die notig-
sten historischen Blicke und Iiefere aus dem peinlichen Potosi
von Kriminalakten und Diebslisten einen und den andern Aus-
beutetaler, weil ich mich uberhaupt iiberrede, jeder Schulmann 30
miisse sich schamen, der nichts iiber sein Land oder seine Stadt
herausgibt. Sollte nicht jede Schuldienerschaft sich in die Aste
der Spezial-Geschichte teilen? Konnte nicht der Rektor die Spitz-
buben bearbeiten und liefern, die Dekollierten, die Gehenkten?
Konnte nicht jeder Unterlehrer seine besondere Landplage neh-
men? Der Konrektor die Pestilenzen oder bloBen Epidemien -
DES REKTORS FALBELS REISE NACH DEM FICHTELBERG 255
der Tertius die Viehseuchen — der Kantor die Wassers — der
Quartus die Hungersnoten — der Quintus die Feuersbriinste ?
Mir also, als Malefikanten-Plutarch, wiird' es sehr wohl ange-
standen haben, ein historisches Subjekt, noch eh* es gehenkt wird,
zu besichtigen; ich stellte aber denen, die mirs rieten, vor, ich
fuhrte in den peinlichen Memoires, die ich unter der Feder hatte,
die Geschichte eines armen Hofer Schullehrers auf, den ein Dieb,
dem er einmal ein Almosen scheltend gereicht, in Leipzig als sei-
nen Komplizen falschlicherweise angegeben, worauf der ehrliche
10 Schulmann abgeholt, in Leipzig torquiert und mit Not dem Spren-
kel des Galgens entrissen worden. Das konnte nun mehrerern
rechtschaffenen Leuten begegnen - es konnte mich z. B. der De-
linquent Mergenthal, wenn ich ihn besuchte und ihn entweder
durch mein Trink- und Saufgeld oder durch mein Gesicht auf-
brachte, aus Bosheit denunzieren und aussagen, ich hatte gestoh-
len mit ihm. Wer haftete mir fiir das Gegenteil, und wer nahme
sich eines unschuldigen Rektors an, wenn ihn ein solcher Post-
und Ehrenrauber auf die Folter und Galgenleiter versetzet
hatte? -
20 Nachmittags kam endlich der sehnlich erlauerte Herr Pflege-
vater des Monsieur Fechsers vom Fichtelberge herab und konnte
mir sagen, ob ich hinauf konnte, Wetters halber. Er hielt anfangs
an sich, und dieser gelehrte Herr auBerte sich zuletzt (viel zu be-
scheiden) nur dahin: >er sei wider Willen ein (Wetter-) Prophet
in seinem Vaterlande: er konne weissagen, aber mehr auf ganze
Quatember voraus als auf den nachsten Tag, so wie die vier gro-
Ben Propheten leichter eine fremde, erst in Jahrhunderten ein-
fallende Hinrichtung erblickten als ihre eigne, die sich noch bei
ihren Lebzeiten begab, oder so wie (eigne Ausdriicke dieses Ge-
30 lehrten) der Mensch richtiger den Weg der Vorsehung auf
Jahrtausende als auf Jahrzehente voraussagt. "Qberdies^ da wir
(nach Kant) der Natur die Gesetze geben: so sei ihm wie dem
Moralisten mehr daran gelegen, zu bestimmen, wie das Wetter
(nach den einfachsten Prinzipien) sein sollte, als wie es wirklich
sei, und er habe wohl nicht die Schuld, wenn es die besten Regeln
ubertrete, die er feststelle.< -Indessen verhielt mirs dieser meteo-
256 LEBEN DES QUINTUS FIXLEIN
rologische Augur doch nicht, daB es jetzt sich aufhelle. Auch trafs
bis auf die kleinste Wolke ein: es will etwas sagen.
Inzwischen kam mirs nicht zustatten : der Herr Pflegevater des
M'onsieur Fechser eroffnete mir, daB ein anderer Gelehrter, Herr
Konrektor Helfreckt aus Hof, das Fichtelgebirge, das ich bereisen
und beschreiben wollen, schon vollig wortlich abgeschildert und
inKupfer gestochen habe. Da nun niemand weniger als ich irgend-
einem Menschen ein Rad aus seinem Triumphwagen aushebt: so
war ich auf der Stelle bereit, auf den Fichtelberg, den ich nun
doch nicht mehr beschreiben kann, keinen FuB zu setzen; viel- 10
leicht sticht mir das Schicksal irgendeinen andern Berg zum Posta-
ment und Pindus meiner Feder aus.«
- Seit Herr Rektor Falbel jenes geschrieben, hat der gelehrte
und rechtschaffene Mann, von dem ich mit ihm sprach, den An-
fang zu seinem Werke geliefert; aber ich wiinschte, er mochte
seine mit einer so fleiBigen, wahrheitsliebenden, kenntnisreichen
und uneigenniitzigen Piinktlichkeit entworfene Ichnographie des
erhabnen Natur-Festungswerkes, die einen wichtigern Beifall als
meinen verdient, endlich gan% unter die Augen des Publikums
bringen, damit ihn wenigstens der Unterschied zwischen dem 20
Publikum und einer Stadt aufmunterte, wo man dem eignen indi-
viduellen Wohl nicht mehr schaden kann als durch (besonders
padagogische) Verdienste urns allgemeine . . . Ich konnte eben-
sogut jede andere deutsche Stadt dafiir setzen; denn nur vom Ver-
dienste wird das Verdienst erkannt, und es gehoret oft mehr Pa-
triotismus dazu, Verdienste zu belohnen, als sie zu haben. -
VWas mich ferner vom Fichtelberg herabgezogen hielt, war,
daB unser metallenes Schwungrader-Werk zu stocken anting, das
Geld; um aber Fersen-Ge\d zu geben, muB man vorher Hand-
Geld haben, wie alle Regimenter wissen. Ja wir konnten nicht 30
nur nicht vorwarts, sondern auch nicht einmal riickwarts. Und
als ich dem Wirte fruchtlos meinen Handschlag als ein Faust-
pfand und mein Ehrenwort als ein Expektanzdekret ehrlicher Be-
zahlung offerieret hatte: mufit* ich nur froh sein, daB er meine
DES REKTORS FALBELS REISE NACH DEM FICHTELBERG 2J7
Tochter als eine Pfandschaft und ein Grundstuck zum Versatz
annahm und behielt, und ich hatte das Gliick, den Agyptern (den
heutigen Kopten) zu ahnlichen, bei denen einer gegen Verpfan-
dung seiner einbalsamierten Blutsverwandten schone Privatan-
leihen machen konnte. Ich fuhr daher auf dem leeren Kabriolett,
so schnell als meine Klasse und mein Pferd laufen konnten, nach
Hause und konnte sowohl der Eile als des Rasselns wegen nicht
so viel dozieren, als man wiinschen mochte. Hier hatte der Herr
Pflegevater des Monsieur Fechsers die ungemeine Giite, mir fur
10 eine schwache Beschreibung unserer muhsamen und lehrreichen
Klassen-Reise einen Platz in seinen herrlichen Werken auszu-
leeren und einzuraumen und mir den Ehrensold dafur schon vor
der Messe vorzuschieBen, damit ich mit dem Gratial meine ver-
setzte Tochter beim Thiersheimer Wirte auslosete. Curate ut
valeatis !« -
5-
POSTSKRIPT
Wahrhaftig ich wollte mich anfanglich, so nahe an der SchluB-
vignette und dem RetraiteschuB des Buchs, noch mit den Lesern
uberwerfen : man wird durch hundert Dinge aufgebracht, wovon
ich nur zwei nenne. Erstlich dadurch, daB sie alle Biicher wie die
Gebetbiicher nur in der Not ergreifen, wie der Gasthof in Dover
eine schone Bibliothek bloB fur Leute doriert, die darin so lange
lesen, als ungunstiger Wind blaset. Zweitens dadurch, daB sie
schlecht lachen: ich weiB, der Nordpol verderbt den meisten 10
SpaB1, und die physische Kalte schadet dem Lachen so viel, als
ihm die moralische niitzt. Aber mich krankt hier etwas im Namen
des deutschen Reichs. Ich weiB besser als ein andrer, welches
reiche Warenlager von schonen Materialien zum Lacherlichen
dieses Reich ohne sein Wissen auf behalt und welche Frachten von
diesem satirischen StofT ganz roh gegen alle Staatswirtschaft ins
Ausland gehen, das uns nachher unsre eigne rohen Produkte, in
Satiren verarbeitet, fur Siindengeld wieder verkaufet. Konnten
wir denn nicht diese Satiren auf uns hier in Deutschland selber
verfertigen, um doch den Schlagschatz einzustecken ? - Aber 20
satirische Miinzmeister werden schlecht aufgemuntert: wie die
Fabriken auf die GefaBe von Semilor ein »s« einzeichnen miissen,
um dasselbe vom wakren Golde zu unterscheiden : so muB ein
solcher Miinzer den Anfangsbuchstaben der Satire (auch ein »s«)
iiberall einhauen, weil das Publikum alles in der Welt eher ver-
steht (so gar seinen Kant) als SpaB, und dieses buckstabliche Si-
1 Nach Flogels Bemerkung nimmt das Lachen immer mehr ab, je naher
die Menschen den Polen wohnen. Auf den zwei Polen konnten also zwei
Kato, der altere und der jungere, sitzen. Aber die Skurrilitat der Gronlander
und Kamtschadalen entkraftet jenen Satz. 3°
POSTSKRIPT 259
gnieren (damit das Publikum nicht aus SpaB Ernst mache) ver-
dirbt jedes Subjekt, es sei Schafwolle, oder Satire, oder eine Men-
schenstirne. Dariiber wiirde ich mit dem Ensoph der Lese-
welt, dessen Hirnschale wie (nach dem R. Ismael im Talmud) die
des rabbinischen Gottes dreiBigtausend Meilen lang und breit ist,
' da die Beinchen der Schale wieder ganze Kopfe sind, dariiber
wiird* ich, sag* ich, mit diesem mystischen Riesen-Korper hier
im Postskript unerschrocken angebunden haben, hatt* es meine
Weichheit erlaubt...
10 Diese verbot es: hier unter der Schwelle, indem die Abend-
glocke meines Buches lautet, wiird* es mir wie eine zersplitternde
Bleikugel im Herzen sitzen bleiben, wenn ich etwas anders -
etwan : leset wohl ! - zu den Lesern sagte als : lebet wohl ! - Beim
Himmel ! ich mag nicht : schon ein Mensch, der mit Sack und Pack
aus einer Stadt in die andere zieht, machet fast mit alien Gassen
Friede, eh' er in den Postwagen steigt; und drinnen denkt ernoch
dazu, indem er die ofFentlichen Zisternen und ihre Danaiden an-
sieht: hatt' ichs eher bedacht, ich ware geblieben.
Lebt also wohl! — Vergebet mir, wenn ich, da an den Wagen
20 meiner Psyche so verschiedene Pferde angeschirret sind, Eng-
ender, Polacken, Rosinanten, sogar Steckenpferde, wenn ich im
Biindel so vieler Ziigel fur einen ganzen Marstall zuweilen fehl-
greife oder ermatte. - Kommt recht frohlich wieder vor mein
kunftiges Titelblatt I - Ertragt Biicher, Menschen und euch ! - Und
da der Stachel des lang vergangnen Ungliicks noch in der Erinne-
rung sticht,wie der ausgerissene Stachel. einer zerquetschten Wespe:
so behaltet nichts im Gedachtnis als - Autoren ! - Und ubrigens
wiinsch' ich euch einen kalten, aber blauen Morgen des Lebens,
worin keine Blume zugeschlossen bleibt ■*- gegen zehn Uhr hin eine
30 Wolke voll warmer Regentropfen - in der Mittagshitze einen See-
wind - nachmittags die Sieste des Lebens - und abends, und abends
kein Gewitter, sondern eine sanfte Sonne und ein langes Abendrot
hinter Nachtviolen und irgend jemand in der Finsternis —
Aber dich, du Geliebter, den ich am Ende jedes Buchs anrede,
wie konnt' ich dich am jetzigen in dieser Stimmung anreden oder
der Stimme antworten, die mich fragte: waswiinschest du ihm? —
JEAN PAULS
BIOGRAPHISCHE BELUSTIGUNGEN
unter der Gehirnschale einer Riesin
Erstes Bandchen
VORREDE
Ich schreibe sie bloB, damit man nicht das erste Kapitel fur eine
nimmt und nicht dieses uberhupft, sondern diese Vorrede. Denn
ich habe nichts darin zu sagen als sechs kurze Gedanken - und
kaum diese - und das Datum.
i ) SpieBens Munzbelustigungen, Rosels Insektenbelustigungen
und der Patienten Brunnenbelustigungen sind nicht nur die Vor-
gangerinnen und Muster der gegenwartigen biographischen, son-
dern auch die (metaphorischen) Bestandteile davon.
10 2) Der Rest des Titels wird im zweiten Kapitel schon erklart
und gerettet.
3) Zuweilen kommen in den besten Menschen und Autor und
in die Werke von beiden auf eine ebenso unbegreif Hche Weise
Heripolypen und Gries und Gallensteine hinein als in weiBen Mar-
mor und feste Stamme lebende — Kroten ■ man sollte aber uber die
Kroten Heber natur-historisch nachsinnen als inquisitorisch ab-
urteln, sonst wird man ein Infinitesimalteilchen des Pobels, der
Kroten nur fur kleinere Hexen und Teufel halt.
4) Der sogenannte Appendix dieses Buchs, der die Salat-Kirch-
20 weih von Obersees beschreibt, ist wegen seines satirischen Grund-
tons und Musikschliissels zwar fiir Leser - und wenig fur Leserin-
nen - gemacht; indessen ist doch eine schone Geschichte darein
verwoben, die es wohl verdient, daB man sie herauszieht.
5) Im Alter werfen sich zwar Menschen und Holzer krumm;
ich aber werde und gehe in Schriften immer mehr gerade und
mache wenig Ausschweifungen mehr, die gedruckt werden.
6) Moge der Leser im Buche entweder Erinnerungen oder Hoff-
nungen antreffen, um sich (wie der Verfasser) wechselsweise durch
die einen fiir die andern zu entschadigen. - Denn wir genieBen
7.66 BIOGRAPHISCHE BELUSTIGUNGEN
alle nur aus beiden, und gleich den Nachteulen sehen und fliegen
und jagen und haschen wir nur in beiden Ddmmerungen,
Hof im Voigtlande, den 24. Febr. 1796 (d. h. am Schalttage,
an dem man, weil er an die 365 andern Schalttage und an unser
Transito-Leben und an das dissonierende Intervall von 70
Jahren erinnert, wohl etwas GroBers machen sollte als eine
kleine Vorrede, die ja - ungleich der Prafation unsers Lebens
— zu keiner groBern Belustigung fiihrt als zur folgenden bio-
graphischen: )
Jean Paul Friedrich Richter.
JEAN PAULS
BIOGRAPHISCHE BELUSTIGUNGEN
unter der Gehirnschale einer Riesin
Eine Geistergeschichte
Erste biographische Belustigung
Die bleierne Jungfer Europa - das Schlachtfeld - die Melancholie -
der Frtihling.
Auf der Chaussee, den 28. April 1795.
Auf nichts ist die Welt in Blichern so erpicht als auf das, wovor
ihr auf den Theatern so ekelt - aufs Erzahlen. Der Leser hat sich
kaum in sein Schlaf-, Lese- und Schreibkanapee gesetzt und ich
mich in meinen Reisewagen: - sofort soil ich eintunken und
meine Historie anfangen. Ich beteur' es ihm, ich erzahP ihm eine -
10 und die auBerordentlichste dazu ; - aber hier auf dem Schreibe-
tische des Reisewagens ist nicht daran zu denken: es muB abge-
wartet werden, bis ich die erste biographische Belustigung zu
Ende gebracht, die nicht langer wahren kann als der Weg nach
Waldkappel Bin ich freilich in diesem Lustschlosse, das prachtig
wie ein Obeliskus in der SchultheiBerei Neuengleichen stent, uber-
morgen ausgestiegen : so setz* ich mich - ich verpfande mein
Ehrenwort darauf — nieder und erhekre mein Auge an den ent-
falteten Pfauenspiegeln der Auen, an der Goldlasur des Horizonts
und an den kouleurten griinen und weiBen Lustfeuern des so eilig
20 abbrennenden Friihlings und zeichne dann, mitten in diesen Lich-
tern, der Nachwelt die sonderbare Geschichte des vorigen Win-
ters ab, die man schon im ersten Kapitel verlangte. Ich konnte sie
auch unmoglich hier im Furstentume Flachsenfingen^ wo ich fahre,
schon geben, hier, wo ich noch alle Geriiste, Kulissen und Opern-
kleider der ausgespielten Szenen samt dem eng zusammengeroll-
ten TheaterVbrhang der vergangnen Zukunft urn mich sehe.
.Ach ich diirfte ja nur das Wagenfenster niederlassen und hinaus-
schauen: so wiirde der Wagen gerade vor der Statte voriiber-
rollen, wo meine Seele in dem Erdbeben zitterte, von dem meine
30 Feder, wie ein von'Salsano in Neapel erfundner Erdbebenmesser,
die Richtung, die seine StoBe nahmen, jetzt auf dem Papierenach-
malt ! . . . .
27O BIOGRAPHISCHE BELUSTIGUNGEN
Solang' ich fahre, schreib' ich oder schlaP ich : denn unter der
ganzen Fahrt kommt der Wagenfenster-Vorhang nicht weg, und
ich werfe keinen Blick hinaus; und das bloB deswegen:
Es ist aus astronomischen Griinden erweislich - im Grunde
darf man nur die Augen auftun — , daB in Flachsenfingen heute,
den 28sten April, wo ich abreisete, die dekollierte Allee noch aus-
sah wie abgewetzte Besemen, womit der Winter den Friihlings-
himmel rein gefegt — daB der Hofgartner noch alle Gemiiser aus
den Mistbeeten liefern muBte - und daB die Wiesen, wodurch ich
diesen Morgen kam, nichts Bessers waren als lebendige Herbarien 10
mit der aufgeklebten falben flachsenfingischen Flora; die Fauna
ist noch nicht einmal aus der Erde. Das ist nun besser, als ich
mirs wiinschen konnte.
Denn in Waldkappel, wohin ich iibermorgen gebracht werde,
ist dafur schon ein ganzer'voller lichter Friihling wie eine Sonne
aufgegangen, der die dasige Natur mit Brautnachten und Schop-
fungstagen uberhauft: alles quillt, bluht, schillert und singt schon
dort. Ich kann also, wenn ichs recht mache, aus dem flachsen-
fingischen braun-gegitterten Sparrwerk des Lenzes auf einmal in
den ausgebauten blendenden Sonnentempel desselben treten. Und 20
zu diesem Zwecke wird die erste Belustigung geschrieben; und
ich bitte die guten Leser, es gern zu sehen, daB ich mir die Lange-
weile der drei Tag- und der zwei Nachtreisen dahin, die ich vollig
eingemauert unter der Himmelhaut der Kutsche versitze, durch
schones Ausschweifen und Sprechen mit ihnen verkiirze: ihnen
kommts ja auch zustatten, wenn ich nachher den Friihling prach-
tiger nachsteche. Welch ein einfaltiger Mann miifite iiberhaupt
der sein, der unter dem Fahren aus dem Wagen gucken und sich
von den Landern, wodurch er rollt, den Friihling heft- und schei-
benweise in den SchoB wollte schneiden lassen - zuerst Gras- 30
spitzen — dann Staudenblatter — dann sechs gelbe Schmetterlinge
und ebensoviel gelbe Blumen - und endlich mehrere griine Bir-
kengipfel als Bier- oder Birkensaftzeichen ! Konnte denn ein sol-
cher Mann nicht bedenken, es sei kein Unterschied, ob er sich von
der Zeit oder dem Raum den Friihling wie einen zerlegten Glie-
dermann Glied vor Glied zubrockeln lasse? - Beim Himmel! die
ERSTE BIOGRAPHISCHE BELUSTIGUNG 27I
Natur soil ubermorgen wie eine riesenhafte Gottin mit alien ihren
Strahlen, Adern, Reizen und Girlanden Knall und Fall aufrecht
vor mir stehen, und ihren Schleier sollen Friihlingsliifte weit auf-
heben und iiber mich wegwehen: ich werde schon zu seiner Zeit,
wenn mirs zuviel wird, erblinden und umfallen.
Solange Schnee fallt, will der Mensch alle vier Welt-Ecken be-
reisen; - bricht aber das Friihjahr an, so schlagt er zwei seiner
besten Vorsatze aus der Acht, erstlich den, friiher aufzustehen,
und zweitens eben den obengedachten. Ich bin - das sieht Europa
10 — anders und feise jahrlich. Aber in diesem Jahre ist noch dazu der
Fall dringend.
Es ist namlich wenigen Menschen in Deutschland unbekannt,
daB ich in der Stadt Flachsenfingen im Schlosse des Fiirsten
wohne, und zwar (in gewissem Sinn) als apanagierter Prinz: ich
darf das bei Deutschen voraussetzen, da ich in den Hundspost-
tagen, deren Ballen vielleicht heute (den 28sten April) ohne mein
Wissen neben ihrem Verfasser vorbei und auf die Ostermesse
fahren, iiber meine wichtigsten Personalien deutlich genug her-
ausgegangen bin. Nun wurzF ich hier am Throne und Hofe, wo
20 man alles in der Welt bequemer machen kann als ein Buch. Man
hat keine Zeit - kaum eriibrigt man soviel, um noch etwas Wich-
tigers zu machen, namlich so viele Besucke wie ein Arzt, deren
z. B. der Arzt Antonio Porcio inNeapel taglich dreihundert ablegt.
Ich ging also meinen Herrn Vater - ich will Se. Durchlaucht so
nennen - um eine Dispensation von der Hoftrauer, d. h. um die
Erlaubnis an, nach seinem Lustschlosse Waldkappel zu reisenund
da im bliihenden singenden Freudenhimmel - worein ohnehin so
wenig einer vom Hofstaat will als in den kiinftigen - das Friih-
jahr einsam zu verschwelgen, d. h. zu verschreiben. Denn in der
30 Tat, da will ich eben gleich der webenden Gartenspinne unter
freiem Himmel, und von nichts eingeschlossen als von Bliiten,
wieder mein biographisches WeberschirT durch historische Faden
werfen. Wahrlich, ich kann nicht genug schreiben, nicht einmal
fur mich selber; so viel lieset heutigestags ein Mensch.
Aber auch ohne DintenfaB und Federbiichse hatt' ich nach
Neuengleichen fahren miissen, schon bloB des Friihlings wegen:
272 BIOGRAPHISCHE BELUSTIGUNGEN
denn hier denke man nur nicht daran, nur in einen GieBbach oder
in ein grunes Kabinett auf eine gescheute, d. h. geriihrte Art hin-
einzusehen, ich meine hier unter den durch Glanzpressen und
Druckwerke schlank und fein gezognen Hoffiguren, die die Nu-
delmaschine dieses Sakuls wie Nurnberger Makkaroni in Kellern
als zartes Gewiirm ins Leben driickte. Ich besiegP es hier mit
meinem Ehrenwort, wir warten es allemal ab, bis die Blutezeit in
etwas verstrichen ist; dann nehmen wir Pferde und eilen samtlich
in die englischen Anlagen, Villen und Lusthofyer hinaus - dann
durchziehen wir in geselHgen Marschsaulen die Einsiedleien oder 10
Solituden und suchen, ohne den Transitozoll des Ennui zu um-
fahren, durch unsern gemeinschaftlichen Genufi das Vorurteil zu
schwachen, als ob Hoflinge, Damen und Leipziger Lerchen ma-
dig wurden, wenn sie so gepackt sind, daB sie einander beriihren
— und endlich schieBen wir uns aus den 24 Stunden eines astro-
nomischen Tages gerade die wenigen freien zum Promenieren
aus, die zwischen das Dinieren und Spielen fallen. Es wtirde alles
noch besser genossen werden, wenn das Herz des einen und des
andern nicht so eng zusammengezogen und eingeschniirt wiirde
durch etwas, was seine Pflicht ist - so eng, daB er in seinen Herz- 20
kammern kaum fur eine fremde Blume, geschweige fur eine ganze
Abendsonne, oder eindringende Fruhlingswelt, oder gar fur
einen vollen Sternenhimmel Platz zu machen imstande ist - und
dieses pflichtmaBige Etwas, was man ihm ansinnen kann, ist
jenes Kaimans-Lauern auf die kleinste moralische Liicke und
BloBe, die entweder ein Fiirst oder seine Diener geben, und die
stets von Bedeutung ist, weil alsdann entweder in den erstern der
Saug- und Legestachel, oder in die andern der Giftstachel einge-
setzt werden kann. Etwas Ahnliches findet sich - wie ich in
Krunitz lese - auf Madagaskar, namlich ein Insekt, namens Aka- 30
dandef, das, gleich unsern RoBbremsen, iiber den Tieren dem
Augenblicke des Stallens auflauert, um sofort in ihre Eingeweide
zu schleichen, die es zernagen will. Der beste Fiirst kann zugleich
der Erbfeind, der Augenzeuge und der Blutzeuge oder Martyrer
eines Akadandefs sein. -
Es ist lacherlich; aber ich lasse mir doch jetzt aus einem Gast-
ERSTE BIOGRAPHISCHE BELUSTIGUNG 273
hofe auBer meinem Gouter ein Licht in meinen Wagen geben,
weil es hier bei mir wie bei Tal-Insassen fruher finster wird. Bei
solchen Verleugnungen und Absichten konnt' ich daher einem
blumigen Kammerherrn - sonst dem glatten Stockknopf des gan-
zenKammerherrn-Stahs~ur\m6g\ich willfahren, als er michSonn-
tags anlag, unterweges in Wirzburg auszusteigen und beim Guar-
dian des Minoritenkloster, P. Bonavita Blank, einzusprechen,
der die ganze Natur von jedem Bergkessel bis zu jedem Blumen-
kelch zu seinem Farbekessel und Schmuckkastchen macht. Dieser-
10 malerische Pater (das hab' ich auch von andern, die alles gesehen)
malt oder schafft seine Landschaften nicht aus oder mit Farben-
kornern, sondern aus oder mit ordentlichen Samereien, gleichsam
aus der Musaik des Ewigen - die Vogel aus ihren eignen Federn -
Weiberschuhe aus Tulpen-, nicht Schuhblattern - den Staubbach
aus Moosen - das Abendrot aus herbstlichem roten Laube - kurz
die groBe Natur aus der kleinen. »Der groBte Maler,« (sagt'
ich ernsthaft zum Kammerherrn) »den ich je in diesem Fache
noch gesehen und dessen Stiicke der Minoriten-Guardian viel-
leicht in der Schweiz oder in Franken zu studieren Gelegenheit
20 gehabt, dieser Maler, der imstande ist, zu Waldungen keine
kleinere trockne Tusche zu nehmen als ganze Fichtenbaume
und zu Gebirgen Felsen, zu Menschen Erdschollen und Ather,
zu Himmeln Sonnen, dieser Artist, Herr Kammerherr, bei dessen
Blattern ich Sie einmal vorzutreten rate, das ist unser Herr
Gott.«
Jetzt leg' ich mich an den Seitenpolster und schlaf ' ein und aus.
Den 29. April.
Ich gehe jetzt durch den Morgenglanz, und aus dem kalten
blauen Himmel quillt eine landerbreite Flut von stahlenden Friih-
30 lingsliiften nieder, dringt in Tropfen durch meine Wagenfugen
und badet meinen heiBen Mund - die Lerchen fahren in ganzen
Singschulen, gleichsam mit den Fliigeln prall-trillernd, vor mei-
nem Kasten empor, und iiberall schlagt ein frisch aufgequollnes
Lebensmeer iiber meine Taucherglocke zusammen. - Aber ich
muB jetzt die Feder wegwerfen, sonst notigt mich meine vorlaute
274 BIOGRAPHISCHE BELUSTIGUNGEN
durstige Natur, nach rrichts zu fragen und die Fenster einzusto-
Ben und auf den guten Fruhling mit meinen Blicken loszufahren,
eh* er sich nur halb in die Kleider geworfen
Schon an der gekerbten, schartigen StraBen-Treppe vermerk'
ich, daB wir jetzt uber die flachsenfingischen und **lichen Her-
kulessaulen heute nacht hinausgekommen sind. Auch werden die
Gegenden immer warmer. Denn Waldkappel liegt sehr sudost-
ostlich Beilaufig! ich werde doch nicht zu besorgen haben,
daB irgend jemand (etwan ein Auslander) mein Waldkappel mit
einem ganz andern, in der Landschaft an der Werra belegnen 10
Waldkappel vermenge, oder meine SchultheiBerei Neuengleichen
darneben mit einer Namensbase in Katzenelnbogen ? Die beiden
Ortschaften, die Sr. Durchlaucht gehoren, liegen ja an- und in-
einander, aber die zwei andern gleichnamigen bekanntlich nicht.
Ich hofTe iiberhaupt, daB niemand einen dermaBen abbrevierten
Kursus in der Erdbeschreibung absolviert hat, daB er nicht weiB,
wie sehr das Fiirstentum Flachsennngen, gleich dem niederrhei-
nischen Kreise oder gleich Abdera, fast in alle deutsche Kreise
verzettelt und zerworfen ist.
Eben lauten die voriibergetragnen Viehglocken die larmende 20
Messe des Tages ein - die Hirten klatschen - Rebhuhnervolker
knattern wie Raketen auf- mein Sattelgaul wiehert zu dem unten
in den Wiesen naschenden Marstall hinab - betaute Aste schla-
gen, vom Kutscher abprallend, an den Wagen - und alles Iarmt
und lebt.
Es ist dem Publikum nicht zu verdenken, wenn es jetzt hofft,
ich werde meine Zeichnungsmaschine mit dem Transparentspie-
gel aufsetzen und ihm damit einen vorlaufigen UmriB von Wald-
kappel geben; aber ich war noch nicht dort und kann also nichts
davon liefern als statt der Gemalde Aussagen. Was ich vernom- 30
men habe, ist, daB die Gegend sehr reizend ist und daB die Jung-
fer Europa darin stent. Von dieser Jungfer, auf die ich mich sehr
freue, erstatt' ich fur die, die nicht in Flachsenfingen wohnen (wer
es schon weiB, uberschlagt es), folgenden Bericht:
Mein GroBvater, regierender Fiirst von Flachsenfingen, der
ein bekannter lebenslanger Rival von Hessenkassel - namlich
ERSTE BIOGRAPHISCHE BELUSTIGUNG 275
vom dasigen Landgrafen Friedrich - war, konnte sich iiber nichts
so sehr entrusten als iiber dessen » Winterkasten« und am meisten
iiber den kupfernen Herhules darauf, - und das darum, weil er
einen solchen Kasten und metallnen Goliath nirgends in seinem
Territorium vorzuweisen hatte. Wenn zuweilen ein hoher Rei-
sender oder gar ein vornehmer Hesse, der nichts von der Neben-
buhlerei gehort hatte, iiber der Tafel den hochstammigen Enaks-
Sohn oder Christoffel - so nennt ihn der kasselsche Pobel — , so
gut er konnte, nach dem Leben schilderte, wenn er deswegen
10 anfuhrte, daB der Titan 31 FuB messe (ohne das Stativ), daB
folglich sein Ellenbogen unter kein preuBisches RekrutenmaB
gehe, und wenn endlich der hohe Reisende mit dem letzten auf-
gesparten Zuge zu iiberraschen gedachte, daB der Orlogskopf
zehn Mann, die noch dazu die herrlichsten Aussichten aus dem
Schadel haben, recht bequem logiere und sein Keulen-Bloch nur
die Halfte: so wurde meinem GroBvater vor Arger nicht nur
griin und gelb vor den Augen, sondern sein Gesicht nahm selber
diese Farben an, und alle Hofkavaliere sahen es schon voraus, daB
er mehr Bauernkrieg1 als gewohnlich (das sicherste Zeichen seines
20 Grimms) sich werde servieren lassen. Das Beste ware die Baute
eines ahnlichen Winterkastens samt Zubebor gewesen, damit wie-
der der Landgraf von Hessenkassel seinerseits von hohen Reisen-
den iiber der Tafel durch Erzahlungen hatte geargert werden
konnen. — Das wollt* auch mein GroBvater langst, konnt' aber
nicht, weil der dem Winterkasten zur Unterlage notige Geld-
kasten die einzige Stelle im Lande war, die man nicht durch Geld
besetzen konnte.
Er sann iiberall dariiber nach, auf der Jagd, in der Oper, in den
Alleen, aber umsonst - er wollte (um nur Geld zu kriegen) gern
30 alles tun, was einem Fiirsten erlaubt ist - er wollte alles stempeln,
sogar das Loschpapier, die Brandbriefe der Spitzbuben, jeden
Privatbrief und alle Wappen und Pitschaften - er wollte die
toricellische Leere richtig halbieren zwischen dem Kammerbeutel
und der Chargenkasse - er wollte verpfanden und vermieten
1 So heiCet oder hieB ein Rheinwein, der so alt wie dieser Namensvetter
war, — ich denk', in StraBburg.
276 BIOGRAPHISCHE BELUSTIGUNGEN
(namlich Schatullgiiter und Landesstiefkinder) - er wollte die
Justiz wie einen vornehmen Fremden an den Hof ziehen und die
plumpe Gerechtigkeitswaage umarbeiten lassen zu einer Perlen-
und Probierwaage fur die Themis als Hof bankierin erwollte
das alles mit dem groBten Vergnugen tun; aber es war nicht zu
tun: denn eben alles dieses hatt* er — schon getan fiir geringere
S taa tsausgaben.
Der Kammerprasident und sein Sohn dachten noch mehr dar-
iiber nach, und brachten fast noch weniger heraus.
Zum Gliick hielt gerade damals der Oberbau- und Garten- 10
direktor um seine Entlassung an, um nach Wien zu gehen und da
etwan in der Akademie der bildenden Kunste »Lehrer der Orna-
mente« zu werden. Wie wenig er aus MiBvergniigen iiber seinen
Dienst weg wollte, das suchte er dem Fiirsten dadurch zu zeigen,
daB er um eine mundliche Unterredung ansuchte und ihm darin
nicht nur einen neuen RiB zu einem prachtigen Sommerkasten -
eben zum Waldkappel, wohin ich gehe — , sondern auch die besten
Ratschlage gab, die Baukosten zu erschwingen. Er dachte viel
dabei ; das sieht man, weil ihm mein GroBvater statt der Dimis-
sion durchaus nichts gab als das uneingeschrankte Inspektorat 20
iiber die Kasten-Baute.
Was er vorschlug und durchtrieb, war zusammengesetzt: »Man
sollte auf dem nachsten Landtage den Syndikussen sagen, eine
neue Steuer legten diesesmal Ihro Durchlaucht, obwohlen Sie
konnten, gar nicht auf, sondern auf einen SteuernachlaB war's
alles abgesehen. Se. Durchlaucht miiBten bekanntlich nach dem
Reichsmatrikularanschlag dem Reiche Vieh und Menschen stel-
len: das konnten Sie nun dem Lande wieder abfodern; aber Sie
mochten nicht - bloB als einen seinsollenden Ersatz bedingten
Sie sich fur jede 25 fl. rhnl., die einer habe, einen elenden Ntirn- 50
berger Bleisoldaten zu Pferde (oder das Geld dafiir), welches
bleierne Kontingent noch dazu bloB zu einer groBen Jungfer
Europa vergossen werden sollte. - Sie wiiBten recht gut, daB ein
Untertan als ein zweiter Milo leicht das wachsende Kalb der Ab-
gaben und Lasten trage und daB mit dem Kalbe das Tragver-
mogen wachse, und daB das zum Ochsen ausgestreckte Tier so
ERSTE BIOGRAPHISCHE BELUSTIGUNG 277
leicht wie ein Taufpate in den zahen Armen herunterhange. In-
zwischen hofften Sie, bisher die Tragemuskeln, wenn nicht ge-
starkt, doch auch nicht sehr geschwacht zu haben; und Sie hielten
es fiir moralisch-, wenn auch nicht fur politisch-gut, in den nach-
sten 25 Schaltjahren1 nicht einen Heller Steuer anzunehmen. Sie
hatten sich vielraehr entschlossen, aufier dem Gelde auch das Blut
der Landeskinder zu besparen und zu bewachen; und daher wollten
Sie, da den Badern mehr Blut und Leben aufgeopfert wiirde als
dem Fiirsten, eine Kopf- oder FuBsteuer, die als Strafe abhalten
10 sollte, auf jede AderlaB und auf jedes Schropfen ausschreiben.«
Es ging gut. Da man aber nicht wissen konnte, ob nicht ein
Steuer-Defraudant heimlich Blut lasse: so muBte jeder in Pausch
und Bogen die Blut-Gebiihren entrichten, und Reiche, bei denen
Plethora und Blutlassen zu prasumieren waren, muBten sie jeden
Quatember abfiihren, wie die Kloster viermal jahrlich zur Ader
lassen - und so war die Krone sozusagen selber der transzendente
Schropfkopf, wie der Zepter der Schnepper. Dieser Blutzehent lief
unter dem Namen der Jungfern-Schropf- und Europas-Steuer ein.
Beilaufig! Sonst wurde der Mortel zum Staatsgebaude, wie
20 anderer, mit der Wolle oder den Haaren und dem Blute des
Untertans zugleich festgeknetet; jetzt aber wird mit dem Blute
dieses Tiers bloB im Kriege der Zucker des Friedens rafflniert.
So wenig hat eine freie Regierungsform, wo nur die Gelder der
Landessassen zu nehmen stehen, mit einer despotischen gemein,
wo man auch das Leben anpackt; auf gleiche Weise wurde dem
Teufel (besonders anfangs) nur vergonnt, Hiobs Effekten und
Immobiliarvermogen anzutasten, nicht aber sein Leben, was viel
spater geschah.
Aus der Blei-Soldateska und aus der Blut-Akzise wurde nun
30 eine kolossalische Jungfer Europa gegossen, die drei Ruten lang
ist und also 5 rheinlandische Zolle mehr halt als der hessische
Herkules. Ich werde ubermorgen erstaunen, wenn ich sie ansehe.
1 Diese alle vier Jahre gefallige Steuerfreiheit fallt Sr. jetzt regierenden
Durchlaucht am meisten zur Last; daher kommt auch mein Herr Vater nie-
mals nach Waldkappel und hat im Sinne, es gar an einen apanagierten Prin-
zen zu verschenken.
278 BIOGRAPHISCHE BELUSTIGUNGEN
Im Kopfe des rhodischen Kolossus soil man (les* ich) wie in Her-
schels Teleskop ein musizierendes Orchester eingestellt haben;
aber unter dem Kranium der MiB Europa soil (hor' ich) ein gan-
zes besetztes Inquisitions-Gericht mit seinen Sessionstafeln Platz
genug vor sich haben. Das ist keine Unmoglichkek; - aber noch
gemachlicher muB im Kopfe ein kleines Schreibepult und ein
Sessel aufzustejlen sein. Wenns also bei jetziger Jahrszeit in der
Blei-Riesin nicht zu kalt ist: so wird iibermorgen der erste Aus-
flug, den ich in Waldkappel tue, der in Europas Kopf sein (es
geht innen eine Treppe bis an den Hals); und ich gedenke, unter 10
ihrer Hirnschale meinen Schreibetisch wie ein Nahkissen einzu-
schrauben und daselbst - indem ich zugleich aus ihren Augen-
hohlen die herrlichste Aussicht von der Welt genieBe - den grofi-
ten Teil der gegenwartigen Belustigungen und Memoires unge-
mein heiter abzufassen
Ich habe mich und den Leser schlafrig geschrieben. - Morgen
mehr! — Ich wollt', ich war* in Europa! —
Den 30. April.
Mit Vergnugen horch* ich oft, wenn gefuttert wird, den mei-
nen Wagen umkreisenden Satelliten zu, die meine Feder auf dem 20
Papiere scharren horen und die doch vom Kopfe dazu nichts an- .
sichtig werden konnen als den oben aufgepackten Hut seines
Huts. Es ist ein neues Lustgefuhl, so mitten im Gewimmel, durch
den Gyges-Ring der Wagenkartause vergittert und unsichtbar,
festzusitzen.
Als kleiner Junge wurd* ich oft von einem SchloBdrescher mit
zugedriickten Augen durch alle Winkel getragen, und ich be-
lustigte mich, fest an ihn geschlungen, an meiner eignen Angst
iiber den verhullten Weg, den ich zu vergessen und nicht zu
erraten suchte : - wenn er endlich hart an einer Mauer stockte und 30
ich aufsah und umher und ich konnte aus dem metamorphoti-
schen Flachen-Chaos nicht sogleich ein bekanntes Zimmer zu-
sammenschieben — wie suB losete sich da meine freiwillige Be-
klemmung auf!
ERSTE BIOGRAPHISCHE BELUSTIGUNG 279
Die Kutsche ist dieser SchloBdrescher: denn die Kinder ma-
chen uberhaupt den Erwachsenen nicht mehr nach als diese jenen,
und unser Kothurn ist oft aus lauter ausgezognen Kinderschuhen
genaht. Ich kann nicht dreimal eintunken, ohne mich zu fragen :
wobei wird es wohl jetzt vorubergehen? Manchmal hor* ich, daB
ich vor der Ecke einer orgelnden Kirche - vor den offnen Fen-
stern einer schreienden Knabenschule - durch Schafherden -
durch Wochenmarkte - vor Walkmuhlen voruberkomme. Jetzt
um 8 Uhr (sagt* ich heute) muB die Deichsel gerade in ein Land-
10 chen beugen, wo es noch mehr Landschaftsmaler geben sollte als
Landleute. Es wird da fiir alle schone Kiinstler, die in Griechen-
land bloB durch das Studium des lebendigen Nackten so hoch
emporfiogen, gewiB dadurch nicht am schlechtesten gesorgt, daB
der Staat sie iiberall, wo sie nur einen Bossierstuhl oder ein
Malergestelle setzen konnen, mit lauter Bauern umringt, die -
well sie nichts haben - so nackt sind, als rangen sie miteinander
fur Lorbeern in athenischen Gymnasien.
Ich wuBt' es gestern nachts aus der bloBen StraBenbeleuch-
tung, die gerade vor den engen, flnstern, fiir Beutel- und Kopf-
20 abschneider zugeschnittnen Sackgassen abbrach, wo ich ware,
namlich in einer Residenzstadt, wo gerade die Armen das wenig-
ste Licht haben so lien und das meiste der Hof.
Wenn ich jetzt meinen Kutscher fragen und ihn mit der Lenk-
schnur an den Kasten ziehen wollte: so wiird* ichs horen, daB wir
neben einem fiirstlichen Lustgeholz - denn ich kenne das Schaf-
Glockengeldute der japanesischen Tempel - fahren, wo der Mini-
ster an einer ahnlichen Lenkschnur den seinigen auf dem Throne
zerrt, weil der Mann sich in diesen republikanischen Passatwin-
den den ganzen Tag angstigt, jede KannengieBerei werde eine
30 Stiick- und SturmglockengieBerei und man laute ihn mit der neu
gegoBnen Sturmglocke aus dem Lande, die doch (wie die Glocke
im Franekerischen Wappen) gegenwartig keinen Kloppel hat. -
Aus welchen Spinnenfaden ist oft das Band der Liebe gewebt !
Ich sah, wie oft ein Mann mehr Interesse an einem andern nahm,
bloB weil dieser den NamCn seines Hundes gelobt — oder weil sie
einerlei Leibgerichte oder Leibgetranke hatten - oder einerlei
28O BIOGRAPHISCHE BELUSTIGUNGEN
Schneider — kurz die kleinen Ahnlichkeiten des Zufalls, des
Schicksals, des Korpers fHcken die in ihren Nahrahmen gespann-
ten Menschen oft fester zusammen als die grofien des Charakters.
Und so bin ich selber: ich wurde ordentlich die Leute mit mehr
Interesse sprechen - und diese werden mich ihrerseits mit gro-
Cerem lesen — , vor denen ich in der ledernen Nische hermetisch
versiegelt voriiberzog; - und wers unter meinen Lesern machen
kann, der sollt' es ausrechnen, ob ihm vom 28sten April bis zum
isten Mai 1795 kein fest zugemachter Barenkasten mit einem klei-
nen Gewitterableiter aufstieB: der Kasten enthielt eben den Ver- 10
fasser dieser Belustigungen; und unter jenen Lesern und Zu-
schauern miissen (ich wollte drauf schworen) Leute von jedem
Geschlechte gewesen sein - und Reise- und Staatsdiener - Pri-
maner und Buchhandler, die alle Leipzig beziehen, um Kennt-
nisse mitzubringen und wegzubringen — Rechtsfreunde, die mit
ihrer Dia^ten-Reiterzehrung zu einem fremden Gerichtsstand rei-
ten, um nachzusehen, ob der venerierliche Gerichtsstand die Fa-
kultats-Siegel des zuriickkommenden Urtels so unzerbrochen ge-
lassen, als der Reiter prasumieren muB - rote Madchen auf dem
Felde mit einem roten schafwollenen Strick-GIobus, und blekhe 20
am Fenster mit einem weiBen baumwollenen - einige, die mich
rezensieren miissen und die den Geschlechtsnamen eines Autors
ausplaudern und ihren eignen verkappen - Reichskammerge-
richts- und Eilboten - verakzisete k. Kammerknechte — Land-
und andere Stande - Mendikanten - Obristkuchen- und Hammer-
meister - Pupillenrate - Nicolai - mein eigner Verleger - du ! -
der Minister von Hardenberg (wenn er anders schon aus Basel
ist) und
- Beim Himmel! alle Menschen! - Wie einfaltig ists auf der
einen Seite, alle die nennen zu wollen, vor denen mein zugeknopf- 30
tes Geschirre kann vorbeigegangen sein, da ich ja die Namen des
ganzenAdreBkalenders und allerKirchenbucher hersetzenkonnte
- und wie schwer auf der andern, gerade wenn 1000 Millionen
Menschen sich vor der Feder hinauf- und hinunterstellen, auf
einige das Schnupftuch zu werfen.
Gute Nacht! Morten schlaF ich nicht mehr steilrecht.
ERSTE BIOGRAPHISCHE BELUSTIGUNG 28l
Den 1. Mai.
So schrieb ich beim Erwachen; es ist aber falsch, und der 30Ste
April dauert noch: ich vermengte - wie ein Schwarmer - die
■ Abendrote mit der Morgenrote. Nach welchen Gesetzen ist der
Schlaf ein so zweideutiger Schrittzahler unsers schmalen Lebens-
weges und misset die Zeit bald mit Wersten, bald mit Meilen,
bald so genauj dafi man sein eigner Wecker sein und aufwachen
kann, wenn man will? - Mit einem bangen Gefiihle, wie man
etwan eine aufwachende Schein-Leiche anfassen wiirde, warmet
10 man das vorgebliche kalte Gestern wieder zum Heute auf...
Herrliche Abendrote! Widerschein einer langen, um Eden ge-
zognen Rosenhecke! Die vier roten Strahlen, die die Sonne an
meine Seek wirft, adeln mehr als die vier roten Linien im ara-
gonischen Wappen, und alle nagenden Vampyre fallen vor ihrem
Scheine welk vom entkrafteten Herzen herunter Ich habe
mir hundertmal gedacht, wenn ich ein Engel ware und Fliigel
hatte und keine spezifische Schwere : so schwang* ich mich gerade
so weit auf, dafi ich die Abendsonne am Erdenrande glimmen
sahe, und erhielte mich, indem ich mit der Erde floge und zu-
20 gleich ihrer Achsebewegung entgegenfuhre, immer in einer sol-
chen Richtung, dafi ich der Abendsonne ein ganzes Jahr lang ins
milde weite Auge blicken konnte Aber am Ende sank' ich
glanz-trunken, wie eine mit Honig uberfiillte Biene, siiB-betaubt
aufs Gras herab!
Den 1. Mai.
Nachmittags um i Uhr* Eine Sache oft denken, heifit, sie auf den
Objektentrager des geistigen VergroBerungsglases bringen, unter
welchem sie Farben und Erhabenheiten - beide gehen unter dem
physischen verloren - gewinnt. Ein kleiner Tag, ein geringfiigiges
30 Ziel, worauf man vier Tage Vorbereitungen und vier Umwege
durch ebenso viele Vorsale macht, wird zuletzt mit fieberhafter
Erwartung ergrifFen. Aber da bei mir noch dazu von keiner
Kleinigkeit die Rede ist - denn vor der erhabnen Rotunda des
Fruhlings darf man schon mit einigen siiBen Fiebern auszusteigen
denken -, und da ich wirklich um 6 Uhr abends aussteige : so
282 BIOGRAPHISCHE BELUSTIGUNGEN
waren solche labende Wallungen nicht im geringsten unrecht; -
aber ich habe keine einzige. -
Von einem kleinen Umstande kommt es, der mich in den Augen
eines versuchten Gliedes vom Generalstab lacherlich machen
kann. Mein Kutscher sah namlich einen abgezehrten Bauer nicht
weit von uns aus einem Wasserbeete eine Kanonenkugel mit der
Pflugschar ausackern; und sagte mir es in den Wagen mit dem
Zusatze, daB wir eben iiber das - Schlachtfeld fuhren, wo vor
einiger Zeit Frankreicher und Aristokraten ein ebenso blutiges
als unnutzes TrefTen geliefert hatten. Einem, der das erstemal 10
iiber eine solche Brandstatte und Arafnens-Tenne der Mensch-
heit reitet oder fahrt, greift eine solche Nachbarschaft nach dem
Atem, er mag sich immerhin mehr als zehnmal fragen, ob denn
nicht die ganze Erde ein ahnliches Schlachtfeld sei und jedesMeer
eine Greve-Platz. Man nimmt keine Vernunft an: so weiB man
z. B. recht gut, daB die ganze Erdkugel mit Begrabnen gleichsam
iiberbaut ist und daB jeder Acker ein Iiegender Gottesacker ist,
wie jeder Mensch ein stehender, weil unser Fleisch aus Toten-
staube anflog ; gleichwohl fasset uns ein Partikular-Kirchhof
neben einer Kirche noch ebenso an, als ware jenes alles gar nicht 20
wahr.
Ich gab also meiner Phantasie lieber den Pinsel und Blut dazu
und lieB sie eintauchen und malen. Aber als sie mir die von Wun-
den aufrauchende Ebne vorhielt und den ruhenden Gottesacker
aufdeckte und lebendig machte, wo ein Schmerz neben dem an-
dern liegt: so schlug der stechende Gedanke wie eine durchwan-
derte Dornenhecke am tiefsten in die zerritzte Brust zuriick, daB
es einen Jammer gebe, den unser Mitleiden nicht umreichen kann,
eine unabsehliche wimmernde Wiiste, vor der das zergangne Herz
gerinnt und erstarrt, weil es nicht mehr Gequdlte, sondern nur 30
eine weite namenlose Qual evblickt; denn ich konnte mit keinem
Verwundeten neben mir seufzen, weil tausend andere, den Berg
hinauf und die langen Graben hinunter wie gefallne Blatter ge-
worfne ja diesen Seufzer auch begehrten. O ! nur vor Dem, der die
Zukunft und die unendliche Liebe hat und den unendlichen Bal-
sam, durfen sich alle nasse Augen und alle roten Wunden der
ERSTE BIOGRAPHISCHE BELUSTIGUNG 283
Menschheit auf einmal aufschlieBen; - aber vor dem kleinen zu-
sammengezognen Menschenherzen nicht. Als ich das Schlacht-
feld aufriB und den stillenden Blutschwamm des Rasens von den
Rissen aller Hiilflosen und Namenlosen und Schuldlosen weg-
hob; als ich das gebogne Heer noch einmal fallen und noch ein-
mal sterben sah: so wunscht* ich mir bloB eine eigne Wunde, um
wenigstens auf diese Art mitzuleiden mit einer niedergebrochnen
Generation, weil das enge Auge nicht mehr die Menschen bewei-
nen konnte, sondern die Menschheit. Diirftiger Erdensohn! dein
10 Arm kann Tausende auf einmal zerschlagen; aber kaum zwei
Verwundete davon kann er an deine Brust Ziehen, damit sie auf
dem warmenden Herzen ausbluten und zuheilen ! Mehr Raum fur
mehrere Zerschlagne ist auf der Menschenbrust nicht; und darum
ist es gut fur das Leiden und fur das Mitleiden, daB der Schopfer
die Unglticklichen auseinanderriickte, daB er jedes Herz nur an
die Schmerzen und an das Sterben seiner eignen Freunde stellte.
Aber der grausame Mensch wirft tausend zerstreute Sterbende,
deren jeder auf der weiten Erde ein verwandtes Auge vol! Trauer
und Liebe und sein weiches Sterbekissen hatte, auf ein einziges
20 hartes Schlachtfeld zusammen und lasset jeden allein vergehen
auf einem kalten Grabe und fern von dem Auge, das ihn beweint
hatte....
Diese Betrachtungen wurden von einem landlichen Hochzeit-
gefolge, das mit heller Musik iiber die griinende Walstatt zog,
nicht unterbrochen, nur gemildert: ach! ich wurde nur desto
weicher iiber die Nachbarschaft, worin die funften Akte unsrer
Lustspiele so hart neben und nach deri funften Akten unsrer
Trauerspiele gegeben werden. Was konnten die Fruhlingslufte,
die sich flatternd in meinen Wagen einwiihlten und ihn zugleich
30 mit gedampften Freudentonen und mit Apfel-Diiften ausfullten,
mir auf dem traurigen Platze, iiber dessen Blumen sie gingen,
anders zuwehen als den ernsten Gedanken : wie nahe liegt in un-
serm Leben wie auf den Alpen unser Sommer neben unserm Win-
ter, wie klein ist der Schritt aus unsern Blumengarten in unsre
Eisfelder! - Und doch wirft sich der Mensch in der Freude vor,
daB er sie so leicht iiber den Kummer vergesse - und in dem
284 BIOGRAPHISCHE BELUSTIGUNGEN
Kummer, dafi er ihn so leicht iiber die Freude vergesse. Aber der
Vorwurf der Tauschungen ist oft nur selber eine triibere.
Um 4 Uhr abends. Obgleich in zwei Stunden der Friihling den
Vorhang seines Operntheaters vor mir aufzieht: so will doch der
beklommne Herzschlag, den .mir die Ruinen meines Weges gaben
und den die sanften Kirchengesange in alien Dorfern am heutigen
Aposteltage nur schwerer machen, in kein freudiges Pochen uber-
gehen. Auf der auBern Welt Hegt allemal der Widerschein unsrer
innern, wie auf dem Meer der Widerschein des Himmels Hegt,
entweder als diisteres Grau, oder als helles Griin. Dieser schone 10
Abend miiBte einem Hchtern Tage zugehoren als dem heutigen,
wenn mich das Flustern und Duften der Saulenreihe von Obst-
baumen nicht beklemmen sollte, die sich jetzt iiber meinenWa-
gen ihre mit Bliiten-Girlanden umwundnen Arme rtichen und
die auf jedem Arm eine neugeborne Welt voll singender, voll
honigtrunkner Kinder tragen und sie bebend auf- und nieder-
wiegen. Ja, in zwei Stunden springen am Friihling alle Tore
seines griechischen Tempels vor mir auf - und seine Mauern
fallen um — und ich schaue hell zwischen seine Waldung von
Saulen hinein, aus denen iiberall Blikengehange und Laubwerk 20
bricht - und drange die Augen durch das Gewimmel von Son-
nenaltaren und Altarlichtern und Rauchwolken und Choren hin-
durch — und dann lass' ich sie ruhen an den aufstrebenden Alpen-
pfeilern, die das blaue Tempelgewolbe tragen, bis sie sich erheben
und sich oben am Portal des hereinbrennenden Glanzes gesattigt
und geblendet schlieBen.
Aber heute nicht! - Heute ist der Spiegel meiner Seele mit
einem Dunste angelaufen, den ja wohl die Blicke auf ein Schlacht-
feld im Auge wie in der Seele zuriicklassen durften. Sondern mor-
gen, wenn der Schlaf diesen Dunst weggewischt hat, wird die 30
griinende Natur ihren zitternden Widerschein in meiner hellern
Seele beschauen, und wenn sie ihr Lacheln und ihre Glieder vor
mir regt, so wird sich mein Herz bewegen, und es wird allemal
zittern und lacheln wie sie. Nein, heute will ich nichts sehen !
Ach! mein Herz schwillt auch ohne das von Minute zu Minute
mebr von den Bienenstichen auf, die ihm der Gedanke gibt, wes-
ERSTE BIOGRAPHISCHE BELUSTIGUNG 285
wegen und wohin ich komme - welche Geschichte ich hier im
singenden Lustlager des Friihlings niederschreiben muB — und
welche himmlische unvergangliche Gestalten das wunde Auge
meiner Phantasie unter dem Abzeichnen anzublicken hat, vor
denen es sich wohl hundertmal voll und dunkel wird abkehren
miissen, ohne die Ziige gesehen zu haben, die ich malen will. —
O ! wie konnt* ich heute abends frdhlich sein und den Friihling
ansehen? -
Abends um 5X\% Uhr. Das Schicksal zieht unser diinnes Gewebe
10 als einen einzigen Faden in seines und kettet unsre kleinen Her-
zen und unsre nassen Augen als bloBe Farbenpunkte in die gro-
Ben Figuren des Vorhangs, der nicht vor uns herniederhangt,
sondern der aus uns gemacht ist. Jetzt spielt es neben mir und mit
mir und will es, daB ich weifi, es spiele. Warum soil es ihm wichti-
ger sein, die Facetten eines Kaferauges zu schleifen und die Flug-
haut eines Schmetterlings zu befiedern, als den Gedanken eines
Menschen zu wenden und zu kolorieren? — Schmelzende Korper
zerflieBen, wenn man sie erschuttert — und mich erschiittert die
unbekannte Hand in dieser weichen Stunde mit zwei widerspre-
20 chenden Tonen, gleichsam mit dem Zusammenlauten der Sturm-
und Harmonikaglocken auf einmal.
Ich hore namlich eine Singstimme und eine Sterbeglocke —
Jetzt schwankt mein Wagen, sich zuriicklehnend und wiegend,
zwischen den Koloraturen der Abendstimmen den Berg hinauf,
wo ich wohnen will - der Tag stirbt sanft im Bliitennebel an sei-
nem Schwanengesang - die Alleen und die Garten reden wie ge-
riihrte Menschen nur leise, und um die Blatter fliegen die Luft-
chen und um c(ie Bliiten die Bienen mit zartlichem Gelispel - nur
die Lerchen steigen wie der Mensch schmetternd in die Hohe, um
30 dann wie er schweigend in die Furche zuriickzufallen, anstatt daB
die groBe Seele lind das Meer sich ungehort und ungesehn in den
Himmel erheben und rauschend und erhaben und befruchtend, in
Wasserfallen und Gewittergiissen/in die Taler niederstiirzen. —
Ein unaussprechlich-siiBer Ton steigt aus einer weiblichen
Brust wie eine zitternde Lerche auf, in einem Landhause am Ab-
hange der BergstraBe. Sie tont, als wenn der Friihling singend aus
286 BIOGRAPHISCHE BELUSTIGUNGEN
dem Himmel floge und in einem entzlickten Tone aushaltend mit
aufgeschlagnen Fliigeln so lange iiber der Erde hinge, bis Blunien
zu seinem wallenden Lager unter ihm aufgesproBt waren.
Aber deine Zunge, grausame Tonkunst, zieht sich, wie die Lo-
wenzunge, so lange kitzelnd und warmend auf dem nackten Her-
zen hin und her, bis alle seine Adern bluten.
Und hart greift in diese Singstimme das Gelaute ein, das aus
einem Kloster hinter Neuengleichen dringt. Es ist das sogenannte
Zugenglockchen, das die Monche immer ziehen, wenn ein Mensch
im Sterben ist, damit eine sympathetische Seele fur den Liegenden 10
bete, um den der letzte Engel eine Nacht gezogen, um ihm darin
das Herz abzulosen, wie man uns beim Ablosen der Glieder die
Augen zubindet. - Wenns auf mich ankame, scheidender Unbe- '
kannter, ich wiirde dieTotenglocke halten und sprachlos machen,
damit jetzt in deinen verfinsterten Totenkampfplatz kein Nach-
hall der entfallnen Erde hineintonte, der dir (weil das Ohr alle
Sinne iiberlebt) so grausam die Minute ansagt, wo du fur uns
verloren bist, wie sich aufsteigende Luftschiffer durch einen Ka-
nonenschuB den Augenblick melden lassen, wo sie vor den Zu-
schauern verschwinden. — Aber ich tat' es heute auch um meinet- 20
willen, weil die ^wei Tone wie die Parzenschere auseinandergehn
und dann zusammenfallen und dann tief im wunden Herzen auf-
einanderschneiden —
Ach, fiihret keinen Menschen, dessen Wunden nicht alle recht
fest verbunden sind, in den Tempel des Friihlings! Die stiBen
Wallungen driicken sonst das Blut durch seinen Verband. - Aber
wie Arzte die Verbluteten in eine horiiohtale Lage bringen lassen :
so legt ja der Schlaf (oder der Tod) jeden Verbluteten in die waag-
rechte Lage, die alles stillt —
- Ich komme jetzt an - aber ich trage mit geschloBnen Augen 30
eine Brust, die jetzt zu sehr zittert und schlagt, bloB unter den
warmen dunkeln Fliigel des Schlafs und kniee erst morgen
vor dem Friihling nieder
Nachts um 12 Uhr. Ach! ich konnt' es nicht - ich nab' alles
gesehen, und nicht langst ist die nachgluhende und iiberwolkte
Seele gleich der Nacht wieder heiter und kiihl. Was ich jetzt male,
ERSTE BIOGRAPHISCHE BELUSTIGUNG 287
ist das Bild eines kranklichen fieberhaften Herzens; aber der Ge-
sunde hore vergebend die schmerzlichen Fiebertraume seines lie-
genden durstenden Freundes an und sage sich immer: »Der
Kranke wird sich auch wieder aufrichten, und du wirst dich auch
niederlegen, und dann wird er ebenso nachsichtig an deinem
Bette stehen.« -
Als der Wagen oben auf der breiten abgeriindeten Platteforme
des Berges, die lauter bliihende konzentrische Zirkel von Lust-
hecken und Lusthainen bedeckten, stille stand und seine Tiire wie
10 eine Jubelpforte des Friihlings aufging: so glitt mein Auge un-
willktirlich auf etwas nahes Glanzendes hinaus: es war ein um
den Berg laufender Zauberkreis von Buschwerk aus der weiBen
Nessel (urtica nivea), deren Blatter mit ihrer schwarz angelaufnen
obern Seite und einer blendend-weiB geschminkten untern einen
blutroten Blattstiel und drei rote Adern prachtig grundieren. Der
Wind wiihlte dieses Blut und diesen Schnee und diesen RuB un-
tereinander und griff den schwermutigen Dreiklang auf diesem
bewegteri Farbenklavier. Und als ich in dieses blutige Ineinander-
flattern sah, zog der erste gelbe Schmetteriing dieses Jahrs dar-
20 iiber hinweg und den Berg hinab ; und herauf flogen unbehiilflich
drei Pfauen mit ihren niederhangenden Farben-Schleppen und
schauten, einsinkend, sich auf der Lusthecke um nach den nach-
sten Asten des Kastanien-Zirkus, um darauf zu iibernachten. —
Nun ubermannte der Friihling meine Seele, und ich vergaB
alles und stiirzte mich hinein ins Meer der Natur. -
Ach! ich wurde nicht gliicklich
Der groBe Friihling hing iiber der Welt wie ein breites, mit
Licht und Glut und NaB gefulltes Gewitter und goB seine leuch-
tenden Lebenstropfen in einer unubersehlichen Katarakte nieder
30 - und aus alien Pulsadern und Saftrohren sprang der GewitterguB
wieder in Fontanen auf — und aus dem schwellenden ausgebrei-
teten Lebensstrome ragten die Menschen nur wie Wasserpflanzen
hervor und die Erden wie Klippen - und unter dem schopferi-
schen Brausen gingen die kleinen Stimmen der erquickten Leben-
digen nur wie Gewittersturmer und Glockengelaute umher —
Aber iiber das wie eine Konchylie geschloBne liegende Herz
288 BIOGRAPHISCHE BELUSTIGUNGEN
zog das grol3e Meer vergeblich: nur der aufgerichtete SchifTer,
nicht der hinabgezogne Taucher kann den Ozean fassen. In sol-
chen Stunden ist der Mensch nur fur Menschen, nicht fur Gotter
gemacht, und die von einem zu schweren Tropfen gebiickte
Sonnenblume kann der Sonne nicht mehr folgen.
Ich schamte mich der Erweichung, als ich vor der bluhenden
Natur stand, die vor dem brennenden Abend wie vor einem roten
spharischen Spiegel purpurrot anlief - als die Berge aufstanden
und die blaue Waldung und den Friihling mit ewigem Schnee
durchschnitten, wie hohe weiBe Hagelwolken das Himmelsblau — 10
als die Sonne schon auf dem weiBen Geburge lag, in das Gold-
gefaB der letzten Wolken als ein vergangnes Herz der Himmels-
konigin gelegt, wie oben auf Trajans Saule die Asche seiner Hiille
in einer goldnen Urne steht. — Aber alle Zweige der zu weichen
Sensitive in mir fielen unter der Bertihrung der schopferischen
Hand zuckend zuriick und konnten nichts ertragen als eine zweite
Sensitive; in der erhabnen Einsamkeit sagt dann der verlaBne
Mensch: »Allgutiger, erscheine mir heute nicht so grofi, erscheine
mir lieber in einem geliebten Bruderangesicht, an diesem will ich
mich verhullen und es unaussprechlich lieben.« 20
Mich driickte eine Stockung der Empfindung, ein banges Zwie-
licht zwischen heller Freude und dunkler Trauer, wogegen es nur
zwei Mittel gibt : entweder jene oder diese zu verdoppeln. — Ach !
das letztere war leichter . . . Wenn dumpfe namenlose Schmerzen
sich ans Herz anlegen : so gib ihnen groBere Stacheln, damit sie
es tiefer ritzen; und das wegflieBende Blut macht den Busen leich-
ter, so wie ein kleiner RiB einer Glocke einen dumpfen Klang
nachlaBt, bis ihr ein weiter den hellen wieder schafft.
Ich ging zu meinem Wagen und opferte den Wein, der den
Musen zugehorte, dem Genius der Trauer. Und als ich trank vor 30
der hinabgliihenden Sonne - und als es um die Brandstatte der
niedergebrannten Sonne weit umher rauchte wie Blut - als die
Rauchsaulen des Dorfs unter mir den Goldrand des Abends, der
an der grauen Masse glimmte, ablegten und sie wie aufgerichtete
Regenwolken emporstanden - als auf den Wassern eine diistre
Leichendecke iiber die hiipfenden Brennpunkte und schillernden
ERSTE BIOGRAPHISCHE BELUSTIGUNG 289
Farbenpulver gebreitet war - und als alle Schlosser und Walder
und Berge solche vom Abendglanze in die Luft gezogne Gebilde
waren, wie sie die Feuerwerke der Menschen schaffen: so stellte
meine tranentrunkne Phantasie auf die rote Begrabnisstatte der
Sonne alle Gestalten und Zeiten, die mich je betrubt oder ver-
lassen hatten — ich hob alle miirbe Leichenschleier auf, die in
Sargen lagen - ich entfernte den erhabnen Trost der Ergebung,
bloB um mir immerfort zu sagen : »Ach ! so war es ja sonst nicht —
tausend Freuden sind auf ewig nachgeworfen in Griifte, und du
10 stehst allein hier und iiberrechnest sie.« ...
Jetzt war es leichter, traurig zu werden; aber ich wollte die
ganze diinne Briicke, die die Vergessenheit iiber den Hollen-
oder FegfeuerfluB des Kummers schlagt, abbrechen. - Und da
ich mir ferner vormalte, wie viel mir jeder Fruhling genommen
und wie wenig dieser gebe - wie langsam unsre Weisheit, wie
langsamer unsre Tugend zunehme und wie so schnell unser Alter
und die Scheiterhaufen unserer Freuden und Freunde - und da
ich daran dachte, daB im Tode nur wenige Schuhe Erde, aber im
Leben die ganze Erde mit der Schwere ihrer Foderungen iiber
20 unsre schwache Brust gewalzt sei, wie iiber jenen Riesen der
Atna: so fragte mich unaufhorlich etwas in mir: »Bist du denn
noch nicht traurig genug? Siehe! wie bist du allein! wie siehest
du mit so nassen Augen in den aufbluhenden Fruhling! Und bist
du nicht tausendmal so mit dieser zusammengedriickten schmach-
tenden Brust vor der unermeBlichen Fiille des Himmels gestan-
den? O, wie bist du arm und allein! - Kannst du deine Hand aus-
strecken in den Nachthimmel und die zu dir herunterziehen, die
hinubergeflogen sind ? Kannst du die vergessen, die dich verges-
sen haben? - Diirftiger! Diirftiger! schlage nicht das ganze zer-
30 riBne Buch der Vergangenheit auf - zahl es nicht wieder, wie
manches Gliick, wie manches Jahr, wie mancher Freund darin
durchstrichen ist. Bist du noch nicht traurig genug ?«
Ich konnte nicht Nein sagen; und als ich dachte: »das ist der
erste Mai«, so war es genug-....
Aber nach einer erschopften verdunkelten Stunde sah ich gen
Himmel, und der Mond schwamm in seiner blauen Mitte - ein
29O BIOGRAPHISCHE BELUSTIGUNGEN
Nachtwind wiihlte sich durch den ganzen betauten Friihling und
warf einen Wasserstrahl von der Kaskade, an der ich lag, erquik-
kend in mein brennendes Angesicht. - Und als noch dazu drei
Windmiihlen anfingen durch die Nacht zu schlagen und als unten
im Groin des tiefen Dorfes aus dem Hause eines Topfers eine ge-
bogne Flamme sich zwischen den griinen Gipfeln auseinander-
rollte und aufbaumte: da war mir, als hobe das Wehen den be-
ladnen Busen vom Herzen ab und in der aufgedeckten abgekuhl-
ten Brusthohle wieg* es sich jetzt ohne Last und stet und in einem
kuhlern Dunstkreis als in der Seufzer ihrem. — Es war mir, als 10
wenn die gegen Morgen riickende Abendrote heller bluhte, weil
ein Engel in sie geflogen sei, der meiner Seele vorher zugelispelt
habe: dasBuch eurerVergangenheit,Menschen,istnureinTraum-
buch, das das Widerspiel der Zukunft bedeutet. - Der Abend-
schmetterling der Zeit, der in der Dammerung und nahe auf den
Grabern mit Totenkopfen auf den Fliigeln und mit angstlichen
Lauten im Saugerussel mich umkreiset hatte, war, je weiter er
gen Himmel stieg, unterweges eine unsterbliche Psyche mit glan-
zenden Schwingen geworden.
Ich stand auf und ging sanft iiberweht in den dammernden 20
Lustgangen — und die Maikafer rauschten um mich, und der
Nachtschmetterling deckte seine offnen Flugel auf die Schlehen-
bliite, und die fliissige Schnecke wallte unzerritzt die Dornen
hinauf. - Denn die Nachte des Fruhlings gehen iiber die Erde
mcht einsam wie die unfruchtbaren Wi^tertage, sondern wie
gluckliche Mutter, und tausend spielende Kinder hiipfen ihnen
leise nach. - Aber ich war ein Kind, das nicht langst geweint
hatte. — Und als ich das alles gedacht hatte : sah ich, gleichsam um
Verzeihung flehend, auf die Erde, und der dunkle blutige Gurtel
von der schneeweiBen Nessel1 faBte mich und seine Garten mit 30
einem bliihend-weiBen Zauberkreis und Mondhof ein. -
Ich schauete zum hellen, in Abendrote gefaBten Nachtblau hin-
an, und mein Blick fiel auf die Goldzinne eines unter dem Monde
schillernden Gewitterableiters. •-
1 Dieses am Tage dunkelgrune Gewachs hebt zu nacht die Blatter empor
und sieht mit den aufgerichteten untern Blattseiten ganz weiB aus.
ZWEITE BIOGRAPHISCHE BELUSTIGUN'G 29I
Ich blickte endlich auf zum Sternenfeld, und die ewig-bliihen-
den Lilienbeete zitterten droben und schlaferten mit sanften Be-
taubungen unsre brausende Seek ein, wie Kinder durch Lilien
im Schlafzimmer einsehlummern
Nun lag ich ganz in den Armen des Friihlings und spielte mit
den groBen Blumen seiner Brust. O ! du Allgutiger, ich bin
ja noch in seinen Armen - und in deinen!
ZWEITE BIOGRAPHISCHE BeLUSTIGUNG
Die Jungfer Europa - Baurede
10 Es gibt in keiner Geschichte zwei so wichtige oder sonderbare
Echo als in meiner
Denn beilaufig! ich hebe die Geschichte schon an. Ich wiirde
freilich jetzt dem Leser die waldkappelischen Anlagen und die
heilige Jungfrau Europa und selber meinen Warter recht ver-
gnugt und gut geschildert haben, wenn er nicht so hungrig nach
dem Mannabrot der Geschichte aufsahe, das im heutigen Kapitel
fallen muB, weil im ersten Sabbatskapitel keines kam; ja ich ware
noch dazu schon diesen Vormittag - eh' noch mein Aufwarter
mit seiner Egge urn seinen Hafer herum ware — . damit fertig ge-
20 worden mit der Baute des Vorhofs zu meinem historischen Bil-
dersaal, wenn sich, wie gesagt, der Leser maBigen konnte; aber
man macht ein corpus mysticum wie ihn zu leicht wild. Aller-
dings treibt und sticht der kleinste Kornak von Autor den breiten
Elefanten von Publikum, wie er will; hat er aber dem Elefanten
einmal einen historischen Branntwein versprochen, namlich eine
Historie : so wird der Kornak ertreten, wenn er nicht einschenkt
und erzahlt wie folgt:
Nur die zwei Echo, die ich in die erste Zeile setzte, nehm' ich
wieder zuriick, da sie in der Partitur dieser Geschichte noch einige
30 Bogen und Takte pausieren. —
- Auch nehm' ich den ganzen Anfang der Belustigung wieder
zuriick, da ich erst recht nachgesonnen und bedacht habe, daB der
292 BIOGRAPHISCHE BELUSTIGUNGEN
Leser weit mehr auf den Sommerkasten und auf die darein ge-
pflanzte europaische Jungfer erpicht sein muB - weil ich schon
so viel Redens davon machte - als auf die ganze plombierte
Geschichte. Ich will ihm nichts Unschuldiges abschlagen.
Haben wir aber einmal die zweite Belustigung gliicklich hin-
ter uns gelassen: so ist die groBte Wahrscheinlichkeit vorhan-
den, daB ich - und also er mit mir - schon in der dritten auf
den Anfang der Historie treffen werden; - ich wenigstens
werde auf viele Stunden lang kein Drehkreuz, keinen Holzweg
oder spanischen Reiter ansichtig, der mich sekwarts treiben 10
konnte.
Man kopfe eine Alpe und baue sie voll : so hat man Waldkap-
pel? dem der Berggipfel wie einer Weide weggestutzt ist. Hier
am Orte, wo ich dariiber schreibe - er wird bald mit Namen
vorkommen -, bin ich nicht ernsthaft genug, um dem Leser eine
wiirdige Ansicht dieser Aussicht mitzuteilen, um es, mein' ich,
ausfuhrlicher zu beschreiben,wie sich derweiteZirkus der Schop-
fung mit den an den Stadtmauern der Ebne hinaufgezognen
Spalierwanden, namlich mit den an die Berge gesteckten Wal-
dern, um diesen waldkappelischen Fenstertritt der Erde lagert - 20
wie sich um das von einem unermeBIichen Zuggarn gefaBte Herz
schon verstrickt tausend Ketten und Seile der Liebe legen, die
Blumenketten aufgesproBter Auen, die Perlenschniire perlender
Bache, die Frucht- oder vielmehr Bliitenschnure der Obstalleen,
die schlaff zwischen den zusammengekniipften Dorfern schwan-
ken, und die eiserne Bergkette, an der wie an einer Jupiters-Kette
alle weichere Bander niederhangen. -
Ich konnte noch stundenlang beschreiben; aber ich bezwinge
mich lieber.
Dieser Berg ist nun der niedlich-gearbeitete Prasentier- Teller 30
von Diminutiv-Hauserchen fur meinen GroBvater und seinen
TroB - er tragt im Grunde eine runde Fuggerei auseinanderge-
saeter kouleurter Zimmer, die ohne Dach und Fach im Freien
stehen und zwischen denen die Lusthecken als Korridore laufen -
es sind Putz- und Glasschranke fur aufgespieBte Hof-Papillons,
unter Laubwerk gestellt - Bilderblinden fiir einen Mann, der an-
ZWEITE BIOGRAPHISCHE BELUSTIGUNG 293
betet, oder fiir eine Frau, die er meint - gesprenkelte, an Zweige
'geklebte Schnecken- und Kartenhauser.
Ich kenne nichts Niedlichers, und" ich schlafe selber in einem —
in einem andern aber fruhstuck' ich, in Nro. 10 - in Nro. 5 dinier*
ich - und in Nr. 3 konnt' ich mich pudern, wenn ich wollte. -
Eine ganze Zelt-Gasse solcher Laubhutten fiillet jetzt - denn
niemand hat die Aufsicht dariiber als der Aufseher - dieser selber
als SchloBkastellan und Nachtwachter mit seinem schmutzigen
Hausgerate an. Hat er nicht sogar sein Heu in den rechten FuB
10 der Jungfer Europa und sein Grummet in ihre linke Panse ein-
gefahren? Ich mag nur dem Kastellan den Text nicht lesen, da
mir seine Frau und Kinder, solang' ich hiesiger Bergbewohner
bin, aufwarten und zugleich meine Silberdiener - Laufer - Bei-
koche - Hofkellerschreiber - Bettmeister und Zimmerfrotteurs
sind; aber eine Baurede als Hofprediger oder als Zimmermeister
indent* ich vom Giebel eines neuen Schlosses an den gekronten
Bauherrn halten, des Inhalts : ob er denn dachte, daB er mit dem
wenigen Brot, das er den Arbeitern gebe, die Fehler seiner Bau-
risse so leicht auswischen konne, als man mit Brotrinden Pastell-
20 gemalde korrigiert - ob er nicht seine furstlichen Storchsnester,
die den Dachstuhl des Staats eindriicken, offenbar in waagrechte,
dem Ackerbau abgehobne Pflugrader mache - ob er nicht wie
Timur in gewissem Sinne seine Gebaude aus Menschenknochen
und Schadeln auffiihre etc. -
Auf der andern Seite kann einer, der billig und witzig sein will
und der unten steht, dem Zimmermeister wieder so viel hinauf-
antworten :
»Im Staate miissen Palaste friiher als Hiitten und uberhaupt
wie in jedem Bienenstocke die obern Zellen zuerst gezimmert
30 werden, wie amLeibe derKopf skh friiher ausbaue alsderRumpf.
Auch baue man, wie Fried rich II. , der ganze Dorfer schuf, von
Zeit zu Zeit einige morsche Bauernhtitten auf- in den englischen
Garten, um zu zeigen, wie wenig man sich ihrer schame; und am
Ende reichten schon die artistischen Dorfschaften, die man zu
Ofenaufsatzen oder zu englischen Partien brauche, uberhaupt
statt aller wirklichen hin, und man konnte die wahren auf dem
294 BIOGRAPHISCHE BELUSTIGUNGEN
Lande leicht wie auf den homannischen Karten durch eine Nulle
andeuten, da ohnehin die Felder den englischen Garten das beste
und meiste Erdreich entzogen. Mit dem Prunke der Palaste - der
aber so geschontwerden sollte,daB man fur solcheHauserordent-
liche Oberhauser, wie fur das Loretto-Hauschen, nach Art der
englischen tragbaren Hospitaler aus Eisen, besorgen sollte, wie
man ja auch die Stiihle darin immer in papierne Uberhosen stecke
— mit diesem Prunke sei ein Fiirst oft deswegen so verschwen-
derisch, damit der Kastellan und sein kleines Schloflgesinde, die
es immer nach einigen Jahren beziehen, desto mehr GelaB und 10
Freude haben. So ungeheuer groB und mit so vielen Gemachern,
als Silberschlag die erste Arche fur alle, sogar unentdeckte Tiere
machte, lege man eine furstliche darum an, damit sie wie furst-
liche Kommoden leer bleiben konne, welches im einfachen Ge-
schmacke andrer Tempel, der ersten griechischen und agypti-
schen, sei, in denen nicht einmal ein SchattenriB eines Gottes
stand. Auch konnten die GroBen, die der Wurmstock von Gril-
len, Langweile und Ekel annage, dem Labyrinthe ihres Innern
nur in ein auBeres voll Zimmer entwischen, und ein Generalfeld-
marschall brauche daher oft so viel Platz wie seine Armee; so 20
mache, wie die Verwalter wohl wissen, eine Metze Korn, sobald
der Wurm hineingekommen, ein ganzes Achtel voll. Nicht zu ge-
denken, daB man die Abzugsgraben so vieler moralischer Un-
reinigkeiten und zugleich der drTentlichen Einkiinfte von auBen
ebensogut zierlich iiberbauen und verdecken miisse, als man in
Garten bald unter einem Holz-Obeliskus, bald unter einem ge-
fallten HolzstoB, bald unter einer schonen Nische den Abtritt
verberge.«
Lasset uns zur Jungfer Europa kommen. Sie steht, von kon-
zentrischen bliihenden Ringen und Irrgangen umzogen, mitten 30
auf dem Berge und ist so entsetzlich hoch, daB sie eine Pots-
damerin etwan als eine goldne Hemdnadel an sich steckenkonnte.
Ware die Felsen-Paste der Semiramis, d. h. ihr steinerner Nach-
stich, zustande gekommen: so weiB ich, der Stich hatte nicht an
die Jungfer gereicht. Statt des Ruckenmarkes und statt der gan-
zen Osteologie ist die Riesin, wie alle Blei-Gebilde, mit guten
ZWEITE BIOGRAPHISCHE BELUSTIGUNG 295
Eisenstangen oder Kanoneneisen- Barren durchstoBen. Diese sind
zugleich die Wetter stangen, die eine so hohe Person keinen Nach-
mittag entraten kann. Da nun aber Eisen und Blei den Fehler
haben, daB sie sich zu Rost verkalken, mit dem sich gerade ein
Gewitterableiter am wenigsten anfangen darf ; und da zweitens
der Kopf der Jungfer von Natur nichts ist als ein plumper Wil-
sonscher Knopf, auf den ein ganzes Gewitter mit elnem Schlage
niederfahren wiirde, wenn man nichts dagegen versuchte : so ver-
suchte man - und mit ungemeinem Gliick - beiden Obeln mit
10 den Franklinischen Spit%en, denen man mit alien Physikussen den
Vorzug lieB, namlich mit 72 goldnen Zacken in der Lange der
Bajonette entgegenzuarbeiten. Es muBte gehen, da Gold, die ge-
wohnliche Krone der Gewitterstangen, nicht rostet. Es will ein
gutes Gesicht dazu gehoren, zumal wenn man unten vom Tal
heraufsieht, daB man den umgesturzten goldnen Stahlkamm oder
Strahlenreif nicht fur eine Zachenkrone nehme, oder fur eine
Dornenkrone. Letzteres ware noch richtiger, da sie gerade 72
Stachelsporen hat, welches eben die Zahl der Wunden ist, die
nach den Katholiken die Dornenkrone ritzte; aber man muB nie-
20 mals vergessen, daB diese Stechpalmen bloB auswarts stehen und
stechen, nicht nach der eignen Kopf haut selber, was doch immer
etwas tut. Da nun noch dazu die alten Gelehrten beweisen, daB
die goldnen Strahlenspitzen an den Statuen der Gotter das Gevo-
gel hindern sollten, sich oder noch etwas Schlimmers auf deren
Kopf zu setzen: so wird das Diadem nie ohne Nutzen fur die
Jungfer sein.
Man wiirde meinen GroBvater in der Erde kranken, wenn man
schlosse, er habe noch keine Karte von Europa aufgemacht, bloB
weil er die Fontange dieser Dogaressa in eine Krone umschnitt.
30 Aber beim Himmel! wenn nicht ein regierender Herr an Europa
den Kopfputi in eine Stachelkrone verwandeln darf, so sen' ich
nicht ein, wer sonst das Recht dazu haben soil, oder wie mit einem
groBeren die Hollander den Freiheitshut - die Jakobiner die Frei-
heitsmutie — die Staatsinquisitoren die Dogenmiitie — und die Fiir-
sten ihren eignen Furstenhut m eine Krone umzustiilpen Befugnis
hatten: das seh* ich niemals ein.
296 BIOGRAPHISCHE BELUSTIGUNGEN
Was die Jungfer anhat und anfasset, diese Insignien sollen auf
einen Kronwagen geworfen werden, der schon in einer eignen
Kapitel-Remise halt.
Die Jungfer selber hat - wie grofien Figuren nattirlich ist,
wenigstens sein soil, daher man sie mit dem sogenannten Noyau
oder Kern aus Heu und Ton aushohlt - bloB leere Partien, die
FiiBe ausgenommen, die die Scheune meines Aufwarters sind,
und den Kopf, in dem ich jetzt selber sitze und arbeite. Bis ich
heme morgens mit meinen Papieren innen nur das Her^ der Jung-
fer erstieg, hustete ich mich halb tot; und dann hat man gleich- 10
wohl noch einen ganzen gradus ad Parnassum bis zum Kopfe
zu klettern. Inzwischen sitzt man einmal da in solchen Gehirn-
kammern mit seinen eignen: so ist kein Fiirst glucklicher als der
Insasse, um so mehr, da der Kopf des letztern von der groBten
Krone unter dem Himmel durch nichts abgesondert wird als die
bleierne Hirnschale uber ihm. Schieb' ich ihre Augapfel weg: so
hah' ich aus ihren Augenhohlen die prachtigste Aussicht vor
mir, die ich nur zu radieren und in eine Kunsthandlung zu geben
brauche. Auch darf ich mich nur ein wenig zu ihrem Nasenloche
herauslehnen : so wird mir das ganze Blumenbrett, das mir der 20
Kastellan auf ihre vorliegende Unterlippe heraussetzen muBte,
reichlich zuteil.
Allerdings ist wohl noch aus keinem weiblichen Kopf- diesen
ausgenommen - ein so tolles und brauchbares Buch gegangen
als meines: ich kann mich ohne Unbescheidenheit als den in der
europaischen Zirbeldruse seBhaften Spiritus rector und Archaeus
und geistigen Beherrscher Europens betrachten. Der rhodische
Kolossus, der nach den Zeugnissen der Alten mit einer Laterne
die Schiffe heimleuchtete, konnte dem Himmel danken, wenn er
meiner europaischen Kolosserin, die seit heute eine lange Miet- 3°
fackel in die Welt halt und solche damit uberleuchtet - ich als
LichtgieBer stehe fur meine Arbeit -, er konnte froh sein, sag* ich,
wenn er der Riesin sich als Sponsus antragen diirfte - Morgen
begeben wir uns denn wirklich in die Historie unter vorteilhaf-
tern Zufalligkeiten, als den meisten Schreibern zugute kommen.
Das Wetterglas steht nicht viele Zolle defer als ich Schuhe. Der
DRITTE BIOGRAPHISCHE BELUSTIGUNG 297
Osten halt den Blasbalg an meine Kohlen und Flammen und gibt
mir den Morgenwind, der der Seele orientalische Perlen zuftihrt,
wie der Abendwind nur okzidentalische. Schon Doktor Fried-
rich Hoffmann hats erwiesen, daB der Ostwind den Verstand, den
Appetit und die Sinnen scharfe. - Auf den Anschlagszetteln der
Wiener Feuerwerke steht: »wenn die Witterung es zulaBt«; -
und wahrhaftig, die belletristischen brauchen diese Bedingung
noch eher. Ohne Ostwind kann ein Gelehrter - gesetzt auch, er
sei kein Theolog von Profession - selber nur wenigen machen.
id Tlssot bemerkte schon, daB der Siidwind uns Gelehrte wie ein
Samierwind ordentlich umwehe; und sooft dieser schwindsiich-
tige laue Wind vom Aquator herunter mich anhustet: so hust*
ich nach und will umfallen.
So aber - wenn die Flut des Windes sich wie die des Welt-
meers von Morgen gegen Abend treibt - hebt man die Fliigel-
decken und die Fliigel gewaltig auf und sumset uber die Wolken
hinaus und beginnt nichts Geringeres als die
DRITTE BIOGRAPHISCHE BELUSTIGUNG
Anfang der Historie — die magnetische Hand - das miitterliche Gesprach —
20 das Echo bei Genetay
Der Graf Lismore aus Schottland, dessen Landgut dicht bei
Rosneath liegt, hatte sich unter einem franzosischen Namen nach
Frankreich und als eine Luftwelle mehr unter die Stiirme gewor-
fen, die im Fruhlings-Aquinoktium des gallischen Freistaats weh-
ten, anstatt daB sie sonst das Herbs t-Aquinoktium andrer Repu-
bliken begleiten. Als das Schicksal in Gestalt der Sphinx vor
dieses Reich trat und ihm das Ratsel aufgab, wie ein Land aus
einem vierfiiBigen Tiere ein zweifiiBiges werde, aus einem ge-
biickten ein freies; - ferner als diese furchterliche Sphinx wie die
30 agyptische jede irrige Auflosung mit Verschlingen bestrafte: so
gab sich der junge Lismore gern fur einen Gallier aus, um mit
unter denen zu sein, die entweder errieten oder erlagen. Noch
298 BIOGRAPHISCHE BELUSTIGUNGEN
jetzt ruht die grimmige Sphinx mitten im Lande und graset zu-
gleich Arznei- und Giftpflanzen ab; aber im Jahre 93, diesem
Stufenjahre der Freiheit, war sie noch hungriger: was konnte nun
in jener blutigen Zeit- da der Statthalter des bosen Gottes, Robes-
pierre^ den Tempel der Freiheits-Gottin mit Grabern unterminierte
und da seine und fremde Mineurs sich unter der Erde in Kata-
komben feindlich begegneten - was konnte da ein edler, vom
Laster und Schicksal zugleich FreigelaBner anders tun in der trii-
ben Wahl zwischen Morden und Sterben, als sein Angesicht be-
decken, sein tatiges Herz bezahmen und so resignierend und ver- 10
hiillt es auf dem zitternden Boden abwarten, ob das Erdbeben
gliickselige Inseln versenke oder erhebe?
Lismore wollte daher seine miBliche und unfruchtbare Rolle
und Frankreich verlassen. Sein Landweg von Paris aus war zum
Gliick der gekriimmte der Seine und fiihrte ihn, wie diesen Strom,
dem Meere erst durch einen Umweg zu, namlich durch Rouen.
Eh' er in Schottland ankam, hielt ihn in Rouen etwas auf -
eine Mutter und eine Tochter, die mit verzognen Namen in einem
armseligen Hause, das Diogenes nicht ausgeschlagen hatte, sich
verbargen und sich gramten. Lismore hatte die Mutter - ich 20
nenne sie Grafin von Mladotta^ ob das gleich nur der Name ihres
Namens ist — schon in Paris gesprochen und sie ihrer Sicherheit
wegen daraus vertrieben, zwei Tage vorher, eh* ihren Gemahl
die Menschen-Sdgemilhle der Guillotine ergriff. Sie war eine durch
Philosophic, Welt und Tugend veredelte FYau, die nicht wie ein
Kind iiber jedes harte Anfassen des Schicksals schrie und die es
aus einem langen Leben wuBte, daB uns, eh' wir es endigen und
ehe der Tod uns zum zweitenmal saet, alle Fliigel abgerissen wer-
den miissen, wie dem Tannensamen, eh* er in die Erde kommt.
Ihre zwei Fliigel waren ihr Gemahl und ihre Tochter. Sie hatte 30
also wenig mehr, was sie iiber der letzten Grube noch schwebend
erhielt. Das Ertragen des Kummers ermiidet oft den Korper so
sehr wie das Erliegen darunter: die standhafte Grafin reichte ge-
duldig dem Schmerze ihr Haupt, das der SchlagfluB traf.
Als Lismore sie wiederfand: war ihr vom Schlage nichts ge-
blieben als ein merkliches Zittern des Armes und die GewiBheit
DRITTE BIOGRAPHISCHE BELUSTIGUNG 299
seiner Wiederkehr. Er zwang ihr — um es gleichsam gutzuma-
chen, daB er unter der Fahne einer Partei gedient, die ihr soviel
geraubt - das Versprechen ab, jetzt mit ihm nach Schottland zu
fliehen, um da, wenn nicht glucklich, doch sicher zu sein.
Aber der Gram, der nur in ihrem Herzen ruhte, war noch im
Auge ihrer Tochter Adeline, die ihren geraubten Vater nicht ver-
gessen konnte. Sie sah oft lange ihre Mutter an, und wenn sie
dachte, sie weine vor Freude und Liebe, war es bloB aus Schmerz
und Anteil. Ihre Trauer iiber den entruckten Vater machte ihre
10 Liebe gegen die zuruckgelaCne Mutter heiBer; - und umgekehrt
diese jene; und zuweilen hielt sie eine fur die andre* Mit weniger
Erziehung oder Tugend ware Adeline zu sehr verschlossen, d. h.
versteckt geworden; aber beide hatten ihren schonen Gefiihlen
bloB die fehlerhaften Schleier genommen, namlich die undurch-
sichtigen. In der Freude, im Gutestun sah sie einem Kinde ahn-
lich, das im Schlafe lachelt, weil es Engel erblickt. War auf des
Grafen ungliickliche riesenhafte Brust der Erdball wie ein Atna
gewalzt, daB sie nur unter fremden Erschutterungen und Ver-
wiistungen sichrecht zum Atmen aufhob : so trug AdelinensBusen
20 das Leben geduldig wie ein Leichenstein, oder so wie eine er-
blaBte Mutter den an sie gelegten bleichen Saugling tragt, gleichsam
als schliefen beide aneinander auBer dem Grabe: die einsinkende
Brust geht sanft unter der stillen morschen Biirde auseinander.
So war sonst ihr Schmerz; aber der jetzige nicht: er war wohl
nicht wild, doch romantisch: denn ihr Geschlecht hat die schwei-
gende Geduld nur fiir die Schlage, die auf dasselbe im gewohn-
lichen Kreise seines biirgerlichen Lebens fallen ; aber der Verlust
dieses Kreises und die Schreckbilder auBerhalb desselben mar-
tern es zu sehr, wie hier Adels -Verlust und Hinrichtung.
30 Dieses UbermaB eines hyperbolischen Kummers gab, zumal
. im Larme einer Revolution, wo das Schwanken der biirgerlichen
Scheidewande alle Gefiihle mehr entbloBt, ihrem so weiblichen
Herzen einen mannlichen Enthusiasmus, ihrer Zunge Beredsam-
keit und ihrem kalten Auge Feuer, obwohl unter Tranen. - Und
deswegen brach der Graf einen Vorsatz, den er so lange gehalten:
nicht mehr zu lieben.
300 BIOGRAPHISCHE BELUSTIGUNGEN
Bei ihm war ein solcher Vorsatz unvermeidlich: er suchte ein
Madchen, das auch noch etwas anders ware - ein Jiingling. Wir
wissen vom Grafen noch zu wenig ; ich muB wenigstens ein Brust-
bild von ihm aus der romischen Erde der Vergangenheit graben
und hieher stellen:
Er hatte eine unzufriedne Seele, die in der vollen Bliite aller
ihrer Kra'fte stand, deren jede fast bei ihm eine eigne Seele war:
so sehr gebot eine um die andre herrisch iiber ihn, gleichsam orte-
rungsweise. Daher brach die iippige, berstende Knospe seines
Geistes, wie die einer iiberfullten Nelke, ohne EbenmaB derReize 10
auf. Bei dieser Kraft war ihm die genieBende Untatigkeit des vor-
nehmen Lebens — jener ekelhafte Wechsel zwischen geistigem
und leiblichem Schlummer - ein Greuel. Ihm mangelte kein an-
deres Haus als ein Arbeitshaus und kein Konfekt-, sondern ein
Arbeitstisch und einiger Hunger und SchweiB: eine arbeitsame
Durftigkeit hatte seinem treibenden Lebensbaum die Wasser-
schoBlinge verwehrt und eben dadurch seinen ganzen Wuchs
geregelt. Hatt' er weniger Zerstreuung - mehr Zeit - mehr Ge-
duld — oder eine herrschende Kraft: so stand ihm fur alles gewit-
terhafte Feuer ein herrlicher Ableiter bereit - die Schreibfeder: - 2o
wahrhaftig, das Feuer des Genies, das Lander entzundete, schlagt
hundertmal nur ins DintenfaB, und dann ist die Wolke erschopft.
Daher behaupt' ich, verschwendet ein Shakespeare und Garrick
die Krafte, womit er einem groBen Mann hatte nachkommen kon-
nen, in der Schilderung desselben. Man nehme manchem Genie
die Feder: so wird es den Freiheitsdegen, und manchem General
diesen: so muB er jene ergreifen.1 Daher wird man in aufgeklar-
tert Reichskreisen, wo man sich noch etwas aus echtem Freiheits-
geiste macht, diesen nie in Schriften dulden, sondern ihn wie
Brunnengeist hermetisch in den Autoren verpetschieren, damit 30
er nicht verrauche; sie sollen weniger frei schreiben, damit sie
(hofft man) mehr frei handeln. Daher schadets einem Autor an
der Moralitat, wenn er zu tugendhaft schreibt; wenigstens such-
ten allezeit Skribenten, die ein reines Leben fiihren wollten, wie
1 Daher wurde sonst in Frankreich und Deutschland mehr fur die Freiheit
geschrieben als in der Schweiz und in England.
DRITTE BIOGRAPHISCHE BELUSTIGUNG 3OI
Martial, Katull, Sanchez1, die unreinsten Werke zu fertigen, um
mit ihnen, wie mit gut angebrachten Ventilatoren oder SchifTs-
pumpen oder Abzugsgraben, den StindenstofT aus ihren Seelen
abzufuhren.
Was ohnehin die Moral anlangt : so kann man fodern, dafi an-
gesehene Adjunkten der philosophischen Fakultat auf ihren Ka-
thedern, und unangesehene Adjunkten der theologischen auf
ihren Kanzeln, da sie keine freres servants, sondern schon Ge-
brilder-Redner der Tugend sind, daB sie, sag* ich, als Kunstrichter
10 der Tugend die hochsten Gesetze aufstellen, um deren Befolgung
sich niemand als die Schopfer guter Werke zu bekiimmern haben:
beide Adjunkten sind ihre eigne kantische Gesetzgeber und haben
also in sich die geset^gebende Gewalt vollkommen; von dieser
aber kann in Menschen wie in Staaten die ausubende nicht genug
gesondert werden.
Der Graf streckte, wie alle idealische Leute seiner Art, mit
gleicher Heftigkeit seine Hande nach der Wahrheit — nach der
Tugend - und nach einem weiblichen Herzen aus und zog sie
immer voll Schauni zuriick. Dieser gute Leolin Lismore mutete
20 einem Weibe alle Tugenden zu, auch seine, ja sogar die, die ihm
mangehen. Wenigstens muBt' er, wenn er sich auch im Handel
noch einige Vollkommenheiten abbrechen lieB, doch durchaus
auf zwei — oder es war sonst Lasion iiber die Halfte - dringen:
1) auf ein Herz, wie ein Engel tragt, zart, unschuldig und milde -
2) auf einen Kopf, wie er fiihrt, voll beredten aufbrennenden
genialischen Enthusiasmus fur alles Edle und GroBe. Seine Tau-
schung fing allezeit beim ersten Artikel an, und dann war sie
beim zweiten naturlich.
Einem Lismore veriibP ich solche Fqderungen nicht; aber was
30 soil man sagen oder schreiben, wenn Libertins, die in ihrem gan-
zen Leben nichts taten, als gute Engel zum Abfall verlocken, am
Ende als Gratial ihrer wohlverlebten Jugend weiter nichts be-
gehren als einen Seraphim, wenn der vierzigjahrige Schopfer
1 Sanchez schrieb das Buch de matrimonio; aber er fiihrte ein jungfrau-
lich-reines Leben, und seine bluhende Leiche wurde wie ein ausgestellter
Heiligenkorper gekiiBt. Bayle, Sanchez.
3<D2 BIOGRAPHISCHE BELUSTIGUNGEN
schuldiger Mutter und ungliicklicher Kinder bloB die Unschul-
digste, wenn der Treuloseste bloB die Treueste als einen geringen
Preis seines redlichen Wandels fodert, weil er nicht gern mehr
am Trauungsaltar verlangen will, als etwan der rechtschaffenste
Jungling im Lande fodern kann? - Noch besser war* es, ein sol-
cher Plus-Lizitans hauste in Paris: er konnte dann in die rue
St. Martin ins bureau de confiance Nro. 225 gehen und dieser
Heirats-Borse, die in alien Provinzen die besten Unter-bureaux
halt, folgende Affiche zu publizieren geben:
»Endesunterschriebener sucht eine Frau, bei der er alle die Tu- 10
genden haben kann, die ihm ausgegangen sind - die so lange in
diesem Leben ein Engel 1st, bis sie im andern einer wird - die
alles ertragt, sogar einen Mann oder seine H. — die nichts vor
ihm verbirgt als ihre Tranen und seine Kinder. — Dafur bringt
ihr Sponsus seines Orts wieder (er macht sich dazu anheischig)
ein adliges Alter von 6000 Jahren und ein hiibsches Warenlager
von Sklaven, womit er in ^wei Welten handelt, und die Horner
zu, die sonst erst nach der Hochzeit angeschafft werden mussen;
wobei er aber fodern muB, daB die Person, mit der er sich in sol-
che Heiratsunterhandlungen einlassen soil, entweder die heilige 20
Jungfrau Maria selber, oder deren Base, Stieftochter oder Enkelin
sei, weil niemand mehr an seiner Ehre gelegen ist als dem
Beelzebub.«
Ach! es war eine gliickliche Zeit fur den edlern Lismore, da
zwei Tropfen, die aus zwei schonen jungen Augen Helen, noch
sein mit ungeloschtem Kalk befrachtetes SchifFin Brand setzten -
da er zu einer seligen, aber kurzen Idylle nichts vonnoten hatte
als eine schone Landschaft und eine schone Schaferin, die zugleich
das schone Schaf darin war - und da er noch nicht sagte, eine
Frau sei nichts als eine geborne - Kastratin. 30
Er nahm es erst in Rouen zuriick; aber bis ers tat, wie viele
geistige Getranke fur das Herz muBt' er nicht auf verungliickende
Weinproben setzen ! -Wie viele versufite Kapweine muBt* er nicht
mit seinem liquor probatorius oder der sogenannten sympathe-
DRITTE BIOGRAPHISCHE BELUSTIGUNG 3O3
tischen Dinte untersuchen, bis er den schwarzen Niederschlag
im Spitzglase vor Augen sah ! - Ich will nur einen und den andern
Wein nennen.
Z. B. die oden, lustigen, gutartigen Madchen, die statt des
Kopfes nichts haben als zwei FiiBe, nichts konnen als lachen,
singen und plaudern, und die nie beseelt sind, als wenn sie tanzen,
wie die holzernen Trommelschlager aus Niirnberg nur so lange
trommeln und arbeiten, als das spielende Kind sie in der Stube
herumzieht. -
10 - Oder die, die statt der Menschenliebe nur das, was sie oft
damit verwechseln, haben, Mannerliebe — die wie Misogyne keine
Frau lieben als die im Spiegel und die nicht bloB hinunter-, son-
dern auch hinaufwarts hassen, wie die AfTenweibchen unsre nicht
ausstehen konnen. - (Ein Affe hingegen schatzet den Menschen
stets, er sei von seinem oder vom zweiten Geschlecht.) -
- Oder die, die nur heiraten, um zu kochen - die gerade so gut
und so bose sind, als ihr Mann sie haben will — fur die ein Mann
eine Erbschaft, eine quarta falddia der Schopfung, eine kleine
Welt ist, und die nicht seine Liebe, sondern seinen Namen und
20 sein Geld verlangen, und die die Fortuna so abbilden wiirden wie
die Romer: mit einem. Barte. -
- Oder die leidlichen, die so lange gut bleiben, als man sie ein-
sperrt, und deren Gesang unter fremden Weibern und Mannern
wie der Kanarienvogel ihrer ausartet, wenn sie den Kaflg mit
dem Walde vertauschen. -
- Oder die, die die Tugend lieben, aber einen Tugendkaften
noch ein wenig mehr - die mit alien guten Anlagen des Kopfes
und Herzens gegen alle herumschleichende Unter-Teufel recht
gut gedeckt sind, nur aber gegen gute Engel nicht; wie man denn
30 iiberall, selber in den hochsten Standen, noch Weiber findet (frei-
lich sind solche schone Ausnahmen selten), die den Sklaven ihrer
Reize, wie der Plantagenbesitzer clen seinigen, nicht bloB nach
auBerlichem Gehalt, nach Zahnen, Jugend, Gesundheit, aus-
suchen, sondern die auch wirklich, wie der Sklavenhandler, ein
gutes Herz und einen guten Verstand mit im Kaufe drein haben
wollen oder gar mit bezahlen. —
304 BIOGRAPHISCHE BELUSTIGUNGEN
- Oder die, die nicht sowohl weich als flussig sind und die man
wegen den weichen Knochen ihrer Seele wohl lieben, aber nicht
heiraten kann - deren feines Gefuhl der gutmeinende Mann von
friih bis abends in einem fort beleidigt und ritzet, und in deren
Herz er Scharten stoBt, wenn er nur mit einem Bartharchen an
solches streift, so daB der gequalte Schelm sie nur wie eine von
der Kopfnaht bis auf die Ferse geschundne Person voll Empfin-
dung handhaben kann.
Alle diese Madchen sind gut; nur nicht die besten.
Adeline war die einzige in Leolins Augen, die nicht unter jene, 10
sondern unter diese gehorte. Ihre Mutter, die als eine Frau von
Welt einen mannlichen Schatz fast aus alien Wissenschaften be-
saB, hatte ihn auf ihre Tochter vererbt; und diesen Schatz trug
sie nicht als ein prahlendes Schmuck-Gehange, sondern als einen
auf der Brust verborgen liegenden offizinellen Edelstein. Der.
EinfluB dieses Amuletts gab ihr — was bei ihrem Geschlechte
ebenso reizend als selten ist- ein bescheidenes Interesse an Dingen
— und an den Gesprachen dariiber — , die vielleicht einer Frau so
wichtig wie Kiichen- und Putztisch sein sollte'n, namlich an der
Natur, an alien Welten,. an dem Vaterlande und allem GroBen. 20
Das Getose der Revolution machte ihre sanfte Stimme, wie das
Rollen der Wagen oder eine nahe Muhle die physische der nach-
sten Anwohner, ein wenig starker. Kraftige Menschen jagen ge-
rade ihren Ebenbildern am wenigsten nach; daher war das milde
Ol, das statt des Blutes aus ihrem Herzen in ihr sanftes Leben
floB, die anfachende Nahrung des Feuers in Lismorens seinem.
Was braucht ein Mensch mehr, um auf der Stelle sich zu sei-
nem ersten Liebesbriefe niederzusetzen, als eine Adeline mit die-
ser Milde - mit dieser Trauer iiber den Vater - mit diesem Herzen
voll Gefuhl und vol! Teilnahme an Wahrheiten und Menschen - 30
mit dieser Hiilflosigkeit, die der Liebhaber halb verursachte und
ganz heben will — was braucht er mehr? frag' ich. - Wenigstens
fand Lismore mehr: die treuste Tochter, die je an einem mutter-
lichen Herzen mit blinder Liebe hing; je sanfter und je weiblicher
eine Tochter ist, je fester sie einmal ihr Herz an ihren Gatten
heften wird : desto lieber und naher ist ihrem dasjenige, unter dem
DRITTE BIOGRAPHISCHE BELUSTIGUNG 307
sie einmal lag. O ! warum mussen die stillen, anscheinend-kalten
weiblichen Seelen so oft gemiBdeutet werden, da sie doch gerade
fur die nachsten Menschen, fur Mutter, Gemahl und Kind, die
groBte Warme und die groBten Opfer aufbewahren? - BloB des-
wegen: weil die meisten nur eine Warme glauben, namlich die
sichtbare, d. h. die Flamme.
Der Graf war genug unter Menschen und Jahren herumge-
worfen worden, um es zu wissen, wie man das Herz voll Neigung
mit der rechten Glastiire versperren miisse; auch war er schon
langst gegen jene Treibhaus-Liebe eingenommen, die einen Tanz-
Abend braucht zur Bliite und einen Vormittag zum Abfallen der-
selben. Ein unerfahrner Jungling ware durch Adelinens Kalte
traurig und irre geworden: er wurd* es nicht; er dachte sich
erstlich in das scheue Herz der Tochter, die jetzt so nahe und
so mitten innen zwischen dem Tode des Vaters und der Krank-
heit der Mutter das Verhehlen ihrer frohern Empfindungen zu
ihren kindlichen Pflichten machen muBte. Zweitens war ihm,
der immer gliicklicher bei Schonen war als sie bei ihm, oft
aus Bitterkeit und selten aus Eitelkeit die Voraussetzung gelaufig,
daB eine ihn liebe. Drittens fragte er nach nichts, er konnte
alles verwinden, alles verlieren; »wenn Resignation** (sagt* er
immer) »als Resignation einen Wert behauptet: so macht die
GroBe eines Verlustes sie nur notiger und edler; kurz der Mensch
muB entweder nichts oder alles verschmerzen, sogar die Holle
und die Vernichtung.« Denn an letztere glaubt' er fest. Er liebte
also Adeline unaussprechlich ; aber er schwieg, nicht weil sie
schwieg, sondern weil sie zu schweigen zu sehr den Anschein
hatte.
Dabei war er (im guten Sinne), wenn nicht ein Hof-, doch ein
Weltmann: der Steig vom Genie zum Weltmann ist kurzer, als
die Leute sagen, die eines von beiden sind. Seine unbiegsamen
Bestandteile hatten unter Weibern und Geschaften ihre Sprodig-
keit abgelegt; aber der wenige Gift, der sie fliissig machte, war in
der Einsamkeit wieder verflogen, und er hatte in zwei sehr ent-
gegengesetzten Lagen nichts verloren als die Mangel derselben;
so macht Achard&as sprode weiBe Gold durch Arsenik so weich,
306* biographische belustigungen
daB man es in GefaBe formen kann; dann jagt er durch heftiges
Feuer den Arsenik wieder heraus.
Der Graf war so verwohnt, daB er sogar in Sachen des Ge-
fuhls immer Plane und Modelle machte: er vermaledeite seine
Plansucht und sein - BewuBtsein derselben: »Wenn ich nur we-
nigstens« (dacht* er) »nicht wiiBte, daB ichs auf etwas anlege.«
Ihm fiel - zu seiner Argernis — gerade in die schonsten Tauschun-
gen des Enthusiasmus, in die schimmerndste Beleuchtung der
Opernbiihne immer durch eine zufallig-aufgehende Pforte das
Tageslicht der Besonnenheit ein. Ihn verfolgte jetzt das BewuBt- 1
sein des Plans, daB er bloB die Freundschaft der Mutter zu ge-
winnen und zu erwidern brauche,um dieLiebe derTochterdrein-
zubekommen. Seine Absicht war schon und sein Mittel unschul-
dig; aber im i4ten Jahre Hebt man doch ohne beide noch schoner.
Anfangs begreift mans nicht, daB das Herz der Mutter ihn an
Sohnes Statt annahm: sie, eine von den hohern Standen voll-
endete Frau, mit gleich feinen und strengen Sitten, mit Gefuhlen,
die sie mit ebensoviel Anstand ver- als entschleierte, und von
einer Erziehung, die ihren Geist und sogar den, der keine hatte,
immer in engsten Schranken der Grazie und Tugend hielt. - Er 2
hingegen, ein sogenannter »starker Mann« in genialischem Ver-
stande, eine Sonne, aber umzogen von einem immerwahrenden
Ring oder Hof voll Sturme - unersattlich in Vergniigungen, ob-
wohl in den edelsten, und ein Engel, aber nur in einem Himmel,
und voll widerstrebender ungebandigter Krafte, die den Weg
seines Lebens wie einen romischen mit lauter groBen Ruinen zu
iiberdecken drohten. - Gegen solche Manner haben die Mutter
sonst zu viel MiBtrauen, wie die Tochter zu wenig: gleich-
wohl wars dasmal fast umgekehrt; und die Mutter wurde seine
beste Freundin aus drei Grunden, die recht gut sind. 3c
Erstlich in Revolutionszeiten, wo immer um die Arbeiter am
Bau des himmlischen Jerusalems der Freiheit Blitze aus dem Bo-
den schlagen, in Zeiten, wo man sich gegen die Gewittergiisse,
gegen Kroten- und Blutregen unterstellen will, sucht man nicht
den zu einem Tier oder Menschen zierlich ausgeschnittnen Gar-
tenbaum, sondern eine vollastige dickbelaubte Eiche, einen Lis-
DRITTE BIOGRAPHISCHE BELUSTIGUNG 307
more. Zweitens gibt es keine sanftere Periode bei einem Menschen
wie Lismore, der eine weibliche Seek mit so vielem Ungestiim
besitzet, als die, wo er sie erst sucht : man sieht kaum den starken
eckigen Frakturbuchstaben vor Iauter Zugwerk aus sanften
Schonheitslinien. Der dritte Grund ist seine - rechte Hand : ich
wills erzahlen, ich sitze ja dazu da.
Adelinens Mutter hatte vom SchlagfluB einen zitternden Arm
behalten: man sage, was man will, ein empfindungsloser war* ihr
lieber gewesen als dieser oszillierende; warum soil ein vortrefF-
10 Hches Weib nicht in den Fallen ein Weib sein, worin Tugend und
Sitte es erlauben? Als Lismore ihr das erstemal die Hand kuBte,
wars ihr, als schieBe Eiswasser die Armrohre hinauf, und das
Zittern nahm ab. Sie gab beim zweiten Kusse darauf acht; aber es
war kein Zufall. Sie sagt' es ihm; er merkte aber bald, dafi nicht
seine Lippen offizinell waren, sondern seine Hand, deren Hei-
lungskrafte durch Beriihren einwirkten. Kurz durch einiges Be-
streifen ihres siechenden Arms richtete er in wenig Minuten die
bebende Magnetnadel in einen ruhigen, nach ihm gekehrten Stand.
Wer den Grafen nicht gesehen und also zweifelt, den verweis' ich
20 auf den noch lebenden Grafen von Than in Wien - und umge-
kehrt verweis' ich auf jenen, wenn einer diesen nicht gesehen -,
welcher ebenso lahme Glieder durch Bestreichen herstellt.1
Ich glaube, der Arm der Mutter steckte das Herz der Tochter
mit einem andern Zittern an; aber hier war der Graf weniger
die Sanitatsanstalt als die Krankheitsmaterie, und seine klinische
Hand voll Arzneifinger heilte gerade durch Beruhren am schlech-
testen. — Lasset mich doch an ihren heiligen vier Herzenskam-
mern, worin beinahe nichts als die vier Evangelisten, namlich ihre
Heiligenbilder, sind, die Nachtriegel zuruckschieben und nach-
30 suchen, ob ich nichts finde ! - Allerdings find* ich etwas, namlich
1 Ich habe nichts mit jener seichten Philosophic zu tun, die grund lich zu
sein glaubt, wenn sie keine Fakta annimmt als die, die sie schon in einem §
erklart hatte. Die Heilungskraft des Grafen von Thun ist durch hundert
Beispiele und mir schon durch das einzige erwiesen, das einer meinerFreunde
an seinem eignen Kinde erlebte. Da die Hand des Grafen ebensogern Al-
mosen als Gesundheit verteilt: so ist sie ein Ersatz und ein Bild des Steins
der Weisen, der zugleich Gold und langes Leben scharTen soil.
308 BIOGRAPHISCHE BELUSTIGUNGEN
den kleingeschriebnen und mit sympathetischer Dinte gezognen
Anfangsbuchstaben des Grafen, namlich ein L (wenns nicht auf
den Evangelisten Lukas geht). Dieses L ist der Dinte wegen den
ganzen Tag unsichtbar, aufler abends, wo die Wdrme den Buch-
staben ein wenig leserlich macht. - Jeden Morgen war sie arger-
lich, daB sie abends, von Lismorens gefliigeltem Geiste angeweht,
ein wenig warmer gewesen, als sie nachher wollte. Das reine
wei&eAsl?est-Blcittihrer$ee\eyau£da$ sie jenesZ zuweilenschrieb,
warf sie jeden Morgen in die Flammen, die alles ausloschten
und wegbrannten, ohne den geringsten Nachteil des Bergflachses 10
selber.
Aber die Myrte der Liebe gehet wie andre Gewachse gerade
bei sturmischem Wetter am meisten in die Hohe. Adeline merkte
viel spater, welcher Blumensamen in ihr Keime treibe; aber die
Mutter merkte es fruher als der Graf, und dieser friiher als die
Tochter: denn die erste Liebe verhehlt sich am wenigsten und
kiindigt sich immer, wie die Sonne im Fruhling, mit einer lan-
gern Aurora an. Ihr Herz halt sich gleichsam unter dem Zelte
eines Schleiers fur sicher: hebe den Schleier ab, so verstummt es,
als Gegehspiel des schreienden Kanarienvogels, der zu singen 20
aufhort, wenn man ihn iiberdeckt. -
Aber es kam ein Tag, der alle diese Ratsel endigte und meine
biographischen Belustigungen anfing. -
Es war vormittags, wo Adelinens Mutter fuhlte, der nahere
Tod spanne die von so vielen Schmerzen aufgeschraubten Ner-
ven wieder zuriick - die Saiten der zuriickgedrehten Wirbel beb-
ten schlaffer, aber tiefer und leiser - ungewohnliche Tranen stie-
gen in ihre Augen, und sie wunderte sich nicht, daB ihr Herz,
sondern nur, daB ihr Auge voll Tranen war. Ach! da muBte sie ja
die treue Tochter ans berstende Herz ziehen und mit einem zwei- 30
ten ihres verbergen und stillen. Sie sagte es niemand; aber sie
wuBt* es, sie konne eher die Erde als ihr Frankreich raumen, und
indem sie sich gelassen zur Reise vorbereitete, setzte sie voraus, es
sei die langere aus der Erde, und sie gehe iiber ein stilleres Meer
als iiber den Kanal. Sie dachte den ganzen Morgen an den Grafen
- zumal da er nachmittags mit Adelinen ein nahe liegendes Echo
DRITTE BIOGRAPHISCHE BELUSTIGUNG 3O9
besuchen wollte - und an ihren Tod und an die Hiilflosigkeit der
Tochter; und sie nahm sich vor, ihr die Mutter-Hand noch ein-
mal zu reichen, eh' sie erkalte und zerfalle.
Moge kein roher Mann der Zeuge von der weichen, zarten
Umarmung sein, in der zwei weibliche gebildete Seelen in die
Spharenmusik einer milden, heiligen, melodischen Liebe, ohne
den harten Durton einer mannlichen, versinken ! - Ja, ein Auge,
das gern auf der Umarmung zweier Freunde ruht, muB sich noch
mehr heiligen, urn mit Entziicken auf das Umfassen zweier ho-
10 herer Freundinnen zu blicken. Und da ihr mein hartes Geschlecht
kennet, ihr Teuren, so entruckt ihr ihm so oft den Anblick eines
miBverstandnen Werts, wie die verehrten Stamen der romischen
Gotter durch Vergraben dem Zertrummern, oder Mosis Gestalt
durch Verhehlen dem Anbeten entzogen wurde.
Julie - so hiefi die Grafin — blickte ihre Tochter lange und mit
unbezwinglichen Tranen an, die mit dem Profil sich in ihre Nah-
arbeit vertiefte. »Adeline!« sagte die brechende Stimme. Die
Tochter kehrte sich zitternd zu ihr; und der Ton und die Wan-
gen voll alter Tranen hatten ihr alles gesagt, und sie fiel stumm,
20 ohne eine einzige Frage, an den gequalten Busen - und sie kuBten
sich schweigend - und weinten schweigend — und gleichwohl
blickten sie sich an und weinten noch mehr.
Julie driickte sanft die widerstehende Freundin von ihrem Her-
zen und zog sie endlich neben sich nieder auf ihren Sitz und fmg
an: »Tochter, wenn du einen Wunsch bisher hattest, so sag mir
ihn jetzt: ich werd* ihn gern erhoren - sag ihn!« - »Meine Wiin-
sche sind Ihre, weiter hab' ich keine.« - »Nicht so, Adeline! -
wenn du etwas wiinschest, so begehr es jetzt von mir; ach! du
weiBt ja nicht, wenn du mich verlierst.« - »Nein, nein — ich wun-
30 sche nichts, als daB Sie froher sind und daB ich Sie wieder
umarmen darf, das wiinsch' ich, geliebteste Mutter !« -
Sie umfaBten sich, und unter dieser tauschenden Nahe der
armen berauschten Sterblichen sagte die Mutter: "Tochter, rede
anders! Wenn du einmal nach meinem Tode an mich dachtest
und dich fragtest, ob ich irgendeine deiner Neigungen nicht ge-
nehmigen wiirde: sage mir, was wiirdest du tun, wenn du dach-
3IO BIOGRAPHJSCHE BELUSTIGUNGEN
test, ich wiirde sie nicht? Gib mir deine Antwort heute.« - (Nach
einem langen zitternden Schweigen:) »Nein, nein, ich werde
schon vorher sterben - was konnt' ich noch lieben? - Ach!
teuerste Mutter, nennen Sie mir es jetzt, ich werde ja alles recht
gerne fliehen^ was Sie wollen.« — »Du sollst nkhts fliehen; aber
wurdest du auch jeden Menschen lieben, den ich Iiebte?« - (Zu
fein:) »Jeden, wie meinen Vater^ wurd' ich ihn.«
» Adeline, wie sprichstdu! Du kennst mich heute nicht.« - (Ihr
um den Hals fallend:) »0 Gott! Mutter, wie verstehn Sie mich?«
- (Sie an sich schlieBend:) »Bleibe nur so! Und sage mir heilig 10
zu, als standest du an meinem Sterbelsger, versprich mirs, bald
zu wahlen. — Wahle, wenn dein Herz nicht zu viel dagegen hat,
den Grafen.«
Aber hier muBte Adeline im Schwindel der Empfindungen, die
sie umkreiseten, der doppelten Liebe, der Scham, der Freude, des
Erstaunens, sich an den mutterlichen Busen lehnen, der zugleich
ihr Schleier war, und sie hatte nichts in der.Gewalt als die siiBe-
sten Tranen, und kein Ja, soriderri einen langen KuB. — Zartlich
sagte die Mutter: »So sagst du mir doch dein Nein nicht«; und
leise lispelte ihr ins Herz Adeline: »Nein!« - 20
Nur der weiche Finger der Mutter konnte den Harpokrates-
Finger, den sich Adeline immer auf ihre Lippen druckte, weg-
schieben und dann die schone Seele im Nonnenschleier eilig an
das Sprachgitter ziehen, damit sie da das Geliibde des weiblichen
Schweigens noch schoner breche als halte. Aber allein die Mutter
konnt' es auch nur.
Warum nehmen euch, ihr Manner, solche Charaktere nur auf
dem Schreibtische und nicht im Leben ein? Warum schont ihr
nicht ein scheues frommes Zogern mehr, das ihr bloB lobt? und
wenn ihr so viel Recht habt, ein solches moralisches schreckhaftes 30
Auffahren, einen solchen heiligen Skeptizismus, ein solches Mifi-
trauen gegen die zusammenkommenden Grenzen des Vergniigens
und der Tugend zu begehren: so habt ihr eben darum weniger
Recht, als ihr meint, die Gelegenheit zur Probe zu geben. - Ich
sehe nicht ein,' warum allemal ihr den Preis ihrer Siege oder die
Beute ihrer - Kampfe nehmen wollt und mit welchem Rechte
DRITTE BIOGRAPHISCHE BELUSTIGUNG 311
ihr euch mit euern blutsaugenden Zungen an jede entbloBte Stelle
ihres Herzens anlegt, wie in Ost-Indien die Vampyre auf jeden
Schlafenden, dessen Stirne nicht ganz zugedeckt ist, niederfallen
und sie blutig lecken.
Gehe nachmittags, Leser, mit unserm bluhenden Paar, das nun
eigne und mutterliche Wiinsche vermahlen und das sich von
einem glucklichen in nichts unterscheidet als in der HofFnung,
gehe mit beiden nachmittags nach der St. Georgen-Abtei bei Ge~
netay, die zwei Stunden von Rouen abliegt. Die Absicht ihres
10 Lustganges ist, dem seltensten Echo zuzuhoren, das noch als
Kapellmeister die aufs Chorpult eines Berges gelegten Melodien
spielte. Es hat das Sonderbare1, daB ein Sanger da nur seine Stim-
me, Zuhorer aber seine nicht, sondern nur den Widerhall der-
selben, oft zwei Stimmen statt einer, und alle sie anders, bald
naher, bald weiter vernehmen.
Auf dem ganzen Himmelswege hielt auf Adelinens Angesicht
eine lebhafte schuchterne Verwirrung an, deren heutige Quelle
und deren schonste Bedeutung dem Grafen verborgen blieb. Der
helle wehende Himmel des Nachsommers wiegte gleichsam die
20 Erde in den Winterschlaf, und unser Paar in den Seelenschlaf der
Ruhe. Sie schwankten, auf dem bequemen Steige der Schonheits-
linie, dem reizenden Echo entgegen und folgten Pfaden mit klei-
nen Kriimmungen nach, so wie die Seine neben ihnen in groBen
dem Meere entgegenfloB.
Sie kamen an und durchstreiften die irdische Walhalla,* aber
fast so wie Lismore immer den Standpunkt verfehlte, auf dem
seine Seele ihr Echo in Adelinens ihrer horen konnte, so ging es
beiden auch mtt dem Standpunkte des physischen Echo: sie fan-
den ihn nkht. Der Graf trostete sich leicht dariiber: eine weiB-
30 bliihende Allee von seligen Minuten war bis an den Abend fur ihn
gepflanzt, wo die Grafin Mladotta mit einem Wagen kommen
und die Tochter abholen wollte. Nur mit halben Lauten flog sein
1 In den physischen Abhandlungen der Akademie der Wissenschaften zu
Paris v. J. 1692 steht dieses Echo beschrieben. Quesnet leitet es vom Halb-
Zirkel eines Hofes ab. - Jetzt aber haben die angepftanzten Baume der Nach-
barschaft seine Reize ein wenig verringert.
312 BIOGRAPHISCHE BELUSTIGUNGEN
Geist, der seinen verwandten suchte, furchtsam und schnell um
die zugeschloBnen Knospen der schonerrGefuhle, die in Ade-
linens Herzen noch ohne Farbe und ohne Sonne lagen, wie sich
Bienen an Kornblumen, die noch nicht aufgebrochen, hangen.
Wie wenig brauchen zwei Menschen, deren Herzen voll sind, von
der auBern Welt, wie wenig! Nur einige Blumen, keine eng-
lischen Anlagen - nur einen durchsichtigen Bach, keinen schifF-
baren Strom — nur ein im Blauen flatterndes Wolkchen aus Silber-
folie und die schwer aufgestellten goldnen Fliigeldecken, womit
ein beseeltes Flug- und Goldsandkornchen aus dem ausgetrunk- JO
nen Blumenkelche aufsteigt ... Denn alsdann wird vom erwarm-
ten Herzen nicht bloB die ganze Erde, sondern auch alles Kleine
dankbar angezogen, wie Edelsteine nicht bloB Licht, sondern
auch Spreu an sich saugen. Aber nur ein zweites bewegtes
Herz ist die dunkle Kammer, worin diese Natur in Bewegung sich
abmalt - unser Papier ist nur steife Leinwand mit festen, gelahm-
ten Figuren.
Einige Tagblumen falteten sich schon zu, und die Seele, die
Nachtviole in dem Nachtleben, tat sich weiter auf und offnete
sich den Sternen. - Ach! gleich eingeschifften Negersklaven wer- 20
den wir von der Sehnsucht nach unserm warmern, schonern
Valerianic am meisten zu nachts erweicht und gedriickt. - Aber
beide erwarteten jetzt statt des Echo nichts weiter als die Mutter.
Ein kiihler Seewind, der sich mit Wimpeln und Brandungen
mude gekampft, trieb jetzt nur noch mit weichen Locken und
Bachwellen sein letztes Spiel, und die Blumen wankten nach, da
er von ihnen aufflog und mit den Vogeln sich in die Gipfel ver-
steckte.
In solchen Stunden, wo die ganze Natur von ihren Blumen
bis zum Abendrot, gleich den Blumen im Morgenlande, ein gro- 3o
Ber Brief der Liebe voll schoner Zeichen ist, da wurde der von
einem halben Leben voll Taten nicht gesattigte Lismore durch
die Wonne besanftigt und bezahmt; und er stand mit einem von
den Liebesarmen der Natur festgehaltnen Herzen, das keine epi-
leptische Schlage tat, suB in die gleich ihm gemilderte Abend-
sonne verloren, ein wenig von Adelinen weg, abgesondert durch
DRITTE BIOGRAPHISCHE BELUSTIGUNG 313
ein Orangeriegelander. Sie blickte umgewandt zuriick nach der
erwarteten Mutter und er nach der Sonne, die glimmend iiber
dem Meere hing. Lismore begleitete sie mit einem Abschiedsge-
sange, den er, da er in allem ein Improvisatore war, eben selber
machte. Der Inhalt davon war: »Kreise trager um, du goldnes
Zifferblatt des Himmels! - Rolle nicht so schnell mit deiner Glut
aus unserm holden Abend! Ach! ziehest du jetzt mit einem scho-
nern Morgen ubcr Amerika herauf? - Wirst du nur betaute Blu-
men, nicht auch nasse miide Augen aufschliefien? Wirst du nicht,
10 wie ein heiBer Funke, auf manchen wunden Busen fallen, dem du
ein langes Tagewerk voll Qualen auflegst? - Schlummre lieber
in unserm Abendrot und laB dem armen Negersklaven seine tro-
stende Nacht, seinen Traum von dem entriickten Vaterlande und
seine ruhige kleine Minute voll Kiihle und Gliick.« — Auf ein-
mal stockte seine Begeisterung: er dachte an sich und fuhr fort:
»Ach! ziehe nur hin, wartet denn nicht in jedem Winkel auf dein
Verbergen ein Auge, das weinen - ein Herz, das sprechen -
ein Jammer, der ruhen, und ein Geist, der den Tag vergessen
will?«
20 So sang er und glich der Nachtigall, die nach der Meinung der
Perser allemal mit einer gegen einen Dorn gekehrten Brust zu
schlagen pflegt. Adeline stand unwissend im Brennpunkte des
Echo. Er horte also nichts wie sich, aber sie horte statt seiner bloB
die zerteilte Engelszunge des Nachhalls, der die schone Stimme in
zwei zerlegte und damit wie mit zwei Armen das beste Herz ge-
fangen nahm. Sie breitete, bis zum Weinen entziickt, ihre Arme
auf die niedrige Orangerie hinter seinem Riicken aus und stellte
sich vor, er hore den Doppelgesang auch. Sie hatte das Echo ver-
gessen, weil der Mensch lieber einen Menschen als ein Echo vor-
30 aussetzt, so wie er im Winter lieber dem Gefuhle der Warme,
die ihm die BeWegung gibt, als der GewiBheit der Kalte glaubt.
Endlich, da alles aus war, sagte sie mit einem ungewohnlichen
Tone: »Wie himmlisch! was fur ein Ton! Ach! solche Herzen
muB man lieben.«
Lismore kehrte sich betroffen zuriick, und ein weiter heller
Himmel voll Mondschein ruhte, von der schonsten Seele ausge-
314 BIOGRAPHISCHE BELUSTIGUNGEN
malt, auf dem schonsten Gesichte vor ihm. Sie fragte gleichsam
sein Erstaunen: »Haben Sie das Singen gehort?« - Ihm war das
Echo unvernehmlich geblieben; er sagte: »Ich weiB nur meines.«
Sie wurde hochrot, sagte aber ebenso schnell als leise: »Ich habe
Sie nicht gehort.« Ein Strahl beleuchtete jetzt das doppelte Ratsel,
und Leolin verfiel auf den Maschinengott des Echo und sang,
ohne weitere Antwort und von ihr abgewandt, die Worte gegen
die Abendsonne: »Sinke nur ein, o Sonne, das Echo und Adeline,
und der Mond und Julie gehen in deinem Himmel auf, und du
wirst nicht vermiBtU 10
Eilig d rente er sich zur irrigen Zuhorerin zuriick und sagte
bittend-beklommen : »Nehmen Sie darum alles zuriick, was Sie
gesagt haben?« - O! welcher begeisterte Genius lahmte die Irr-
lehrerin mit einer verwirrten stiBen Unbeweglichkeit ? Ihre weiBen
Arme blieben auf das Griin wie Schmetterlingsschwingen gedeckt
— ihr bestiirztes und begllicktes Auge zog die ersten Blicke der
iiberraschten Liebe zu langsam zuriick - und die Beschamung
liber die Verwechslung nahm der Zunge die Krafte des Wider-
spruchs. Die Sonne tropfte wie geschmolznes Gold in das nahe
Meer - aber eh' sie in den Fluten erlosch, flatterte ihr blendender *o
Purpur vor Adelinens Auge und verdunkelte es - und in einer
Trane wurde die augenblickliche Nacht und der Purpur groBer -
und nun kniete, in der fliichtigen Unsichtbarkeit ungesehen, ihr
Freund vor sie hin und zog ihre Hand iiber die kalten Orangen
herab und zum ersten-, erstenmal in seinem Leben war ihm,
als zoge die Fahrt seines Lebens eine lange schimmernde Furche
in die Vergangenheit, wie Schiffe ins Meer eine leuchtende StraBe
bahnen. - Alles Erhabne in seiner Seele stieg auf und sagte ihm :
schweige nur heute und laB die Beklommne schweigen. - Er
schwieg; aber die augenblickliche Nacht war die Amors-Binde, 30
die Adelinen den schonen Verlust der Hand und des Herzens
verdeckte, wie physische Glieder nur mit verbundnen Augen ab-
genommen werden. Ihre Seele sank in seine gliihende, wie ein-
mal Planeten in die Sonne fallen. - Ach! da die Sonne hinunter
war und da sie ihn anblicken wollte, da fiihlte sie erst, wie viel
sie ihm gegeben habe.
VIERTE BIOGRAPHISCHE BELUSTIGUNG 31 5
Nun ging auf der bleiche Mond und die - bleiche Mutter:
ach! zwei glucklicheTranen und eine Wangenrote sagten ihr alles,
und als die Tochter sie zitternd und Jieftiger als sonst umarmte,
war ihr denn da die brennende, bebende Lippe auf ihrer Hand
zum Losen des Ratsels noch notig? — Aber der reiche Perlen-
fischer kehrte mit der hellsten und reifen Perle eines Weiber-
herzens, das sich aus dem reinsten Busen so schimmernd abge-
schieden, geschmuckt und glanzend nach Hause.
Drei himmlische Genien flogen mit den drei Menschen; aber
10 ein einiiger Genius weinte.
VlERTE BIOGRAPHISCHE BELUSTIGUNG
Der Tod
Wenn der Krieg seinen Ameisen- oder Maulwuffspflug auf unsrer
Kugel einsetzt und mit einer Pflugschar, welche Lander durch-
schneidet, die aufgeworfnen Ameisen-Hugel, die man Stadte
nennt, aushebt, umstiirzt und zerreibt: so schamt man sich bei-
nahe, die Wunde einer einzelnen Ameise anzumerken, oder am
Ufer der Blutbache seinen eignen vergoBnen Blutstropfen mit der
Blutwaage des Doktor Glasers auszumessen; aber woraus bestehn
20 denn diese Bache am Ende als aus den Tropfen einzelner Wunden?
Fallen denn nicht alle aufgehobnen Hammer des Hammerwerks
der Kriegsmaschine immer nur auf einzelne Herzen herunter,
jeder Hammer auf seines? - Oder soil im Kriege die Menge der
Ungliicklichen mir den Anteil an einem einzigen verwehren?
Dann konnt' ich auch auBer dem Kriege niemals einen nehmen:
denn wenn ich den Raum, in den jede Stunde die unzahligen
Seufzer und Wunden der Menschen zerstreuet, mit der Phantasie
zusammenziehe : so stent ein Schlachtfeld vor mir.
Verurteile daher, du, der du vielleicht in dieser Minute den
30 tausendschneidigen Sichelwagen des Krieges den Berg herunter-
rollen siehst unter die unten am Abhange seiner Bahn liegenden
Kinder und Mutter, verdamme in deinem schonen Schmerze den
316 BIOGRAPHISCHE BELUSTIGUNGEN
unaufhorlichen nicht, womit du jetzt eine Tochter neben ihrer
toten Mutter erblicken wirst - Adeline neben Julie.
In der Mutter kiindigte sich der zweite SchlagfluB durch wei-
chere Herzensnerven an, die ohne Nervenhaute entbloBt in die
Krallen des Rummers Helen. Die Zuriistungen zur Reise wurden
ihr die zu einer letzten: jedes aufgemachte Ringfutteral stellte ihr
die verwesenden Finger vor, denen sie den ersten Ring der Liebe
gegeben — jedes zusammengelegte Kleid war das noch oben
schwimmende Gewand ihres vorigen schonern Friihlings, der
nun in die Fluten der Zeit hinunterfiel - jeder Traum enthauptete io
ihren Gemahl - und da sie an einem Morgen in der Schlaftrun-
kenheit die blasse, mit Rot umwolkte Sonne, die gegen Sud-
Osten, iiber der Gegend von Paris, aufging, fiir sein bleiches, mit
Blut umfloBnes Haupt ansah, so schwindelte und erstarrte das
ihrige, und — ihr Geist zog in den Ather und sah nur von feme
die Erde die Ruinen seines eingefallnen Kerkers um die Sonne
tragen.
- Als die Tochter den Leichnam erblickte : fuhr aus ihm gleich-
sam ein eiskalter Schmerz wieeine kalte Schlange und rollte sich
um ihr Herz - und dann sog ers aus - und schwellt* es wieder 20
auf mit heiBem Gift — und so hing es erdriickt-welkend, ausge-
leert und brennend in seinen Natter-Ringen und Giftzahnen. —
Vergeblich, armer Lismore, reichst du ihr die lindernde Arznei
des Trostes; sie kann sie nicht einnehmen - sie ist nicht ungehor-
sam, sondern taub gegen den Trost Gehe weg von mir, du
blasses Bild ! du tust mir zu wehe, und ich tue andern zu wehe ! -
Warum nehm' ich mir so oft vor, dem Schmerze weniger
Farbe und nur einen kleinern Hintergrund in meinen Gemalden
zu geben, und warum kann ichs nicht? - Erinnr* ich mich denn
nicht, daB der beBre Mensch, wie ein Hoherpriester, keine Trauer 30
tragen soil und daB ich mich und den andern, da wir uns auf der
einen Seite so sehr verharten gegen die Raubereien des Gliicks,
gegen den Lockenraub, die Kelchberaubung, den Brot-, Obst-
und Ehrendiebstahl desselben, daB wir uns, sag' ich, wieder auf
der andern zu sehr erweichen gegen seinen Menschen- und Lei-
chenraub? - Ach! ich denke wohl daran; aber ich denke auch,
VIERTE BIOGRAPHISCHE BELUSTIGUNG 317
dieser Schmerz ist nur eine hohere Art zu lieben und eine sanftere
zu leiden; und wie will ich die Phantasie bezwingen, wenn sie
mich vor die uberflorte Adeline fuhrt, die am meisten daruber
klagt, daB der SchlagfluB die Zunge ihrer Mutter fruher starr ge-
macht als das Herz? - »Ach! sie wollte mir noch etwas sagen und
konnte nicht«, sagte sie. Unter alien Trauerreden krankt mich
allezeit diese am meisten, wenn ich hore, daB der Tod einen ge-
liebten Menschen wie ein Sturm aus der Erde gerissen, ohne daB
er hatte mit einem einzigen unvergeBlichen Worte oder Blicke
von den Seinen Abschied nehmen konnen; denn wenn die aufs
Grab gesteckte Trauerweide ausgestorben, wenn alle Trauer-
kleider uber den Dahingegangnen verschenkt sind, und wenn
nur die jahrliche Feier seines Sterbetages das Auge mit einem
fliichtigen Schmerze benetzt : so vertrocknet doch der bittre scharfe
Tranentropfe nicht, wenn man denken muB : »Er verschied stumm
und konnte keinen Abschied nehmen.« - Aber du noch Armerer!
wenn noch dazu dein Geliebter weit von dir in der Todeswolke
erstickt und verschwindet : so bringen dir alle Jahre keinen Trost.
— Und eben darum, wenn bei eueh ein Fremdling begraben
, wird, so scharret auf seine letzte Erdenbiirde nicht ein langes
Kreuz, das so bald verraset, sondern driickt ein holzernes oder
ein metallnes mit der Tafel seines Namens und Alters hinein,
damit doch, wenn er vielleicht einen Freund, einen B ruder, einen
Vater hat, der ihn nicht vergessen kann und der die jammervolle
Reise zu seinem Grabe macht, urn nur das Trauergeruste, die
Wohnung, die Decke der hinter Erde ewig versteckten geliebten
Brust zu sehen, ich sage, bezeichnet doch dieses Aschen- und
Blutgeruste, damit der Reisende seinen Toten finde in der Wiiste
von Toten. - Ist er wieder fort mit dem gestillten Schmerz, dann
1 falle immer das eiserne Kreuzchen um, und die metallische In-
schrift losche aus, und das Grab platte sich ab. Ach! es tut
wehe durchs ganze lange Leben, wenn man, wie ich, denken
muB: »Deines hat kein Zeichen, wie das Grab eines Begrabnen
im Meere.«
- Als Julie, die sich wie eine abgepfluckte Rose noch im Sarge
rotete, endlich durch die letzte Scheidewand des Lebens von ihrer
318 BIOGRAPHISCHE BELUSTIGUNGEN
Tochter, die im Kontraste mit ihr einer schneeweiBen Rose glich,
geschieden war: zog die Untrostliche gern aus ihrem Mutterlande
mit den zwei Brustlocken, die sie mit tausend Tranen dem ein-
gesargten Haupte abgenommen. Sie wanderte gern aus, sag' kh,
aus einem sonderbaren Grunde : sie durfte auBer Landes um ihre
Mutter Trauerkleider tragen. Du teure Blondtnel (aber die Natur
machte dich nicht allein dazu!) Schwarz kleidet Blondinen, und
das Schicksal faBt dich in Trauer ein, wie man dem weiBen De-
mant elfenbeinernes Schwarz unterlegt. - Aber du hast deine
Reize vergessen und deine Liebe: und dein Geliebter ware beider 10
unwiirdig, wenn er jetzt dich an sie erinnerte.
Sie sehnte sich nach Schottland, weil die Schwester des Grafen
sie erwartete; denn eine verwaisete Tochter legt ihr wundes Herz
lieber an ein weibliches als an eine mannliche Brust. Lismore
€ilte: denn das aus alien gallischen Hauptstadten herausklingende
Glockenspiel von tausend Totenglocken so vieler Schuldlosen
nagte mit den todlichen Bebungen einer Harmonika ihre zktern-
den Nerven auseinander. Gepriiftes Frankreich! verkenne die Zu-
kunft nicht, wenn der Orkan alle gifttge Seeungeheuer aus dem
Schlamme deines weiten Meers vorwiihlt, wie die Stiirme aus 20
dem Meersboden nicht bloB Ambra, sondern auch Giftfische ans
Ufer stoBen. -
Aber wie triibe war der Anblick, da Lismore wie ein Delphin
seine traurige Geliebte aus diesen blutigen Wellen an die iweite
freieKust'e trug! Adeline, die nun erst auf demMeere denSchmerz
empfand, einem Vaterlande und zwei teuern Grabern den Rucken
zu kehren, legte schon im Schiffe die ewige Trauer an. Ach! es
wurd' ihr so schwer, zu leben! Halt es ihr nicht vor, daB sie sich
die stumpf geweinten Augen gar blind maohe! Fliegt denn nicht
ihre Seele, wie eine abgeschiedne, ewig uber der bedeckten Hohle 30
<ler besten Mutter? Ach! ist es denn nicht gerade jetzt mitten auf
ihrer Lebensreise, wo sie kaum 23 Jahre hinter sich hat, daB sie
von ihrer Fiihrerin verlassen wird, die sich, wie der Reisegenosse
des jungen Tobias (aber fruher), verwandelt in einen aufsteigen-
den Engel ? — Ach ! und wenn du nachts einsam vor dem Mond,
der aus Wogen quillt, wie dein Auge aus Tranen, wenn du da
FUNFTE BIOGRAPHISCHE BELUSTIGUNG 319
miide und still (urn nicht getrostet zu werden) und so lange, als
du darfst, zuriickblickst nach dem unvergeBlichen Lande, und
wenn dich dein Schmerz auf den Hugel ihrer Himmelfahrt tragt,
und wenn du dann unermudet dem Herzen nachsiehst, das hinter
den Sternen verschwand: ach, du Traurige! welcher Traurige,
der nur ein einzigesmal hinter emern Totenkranze ging, wer
konnte dich tadeln oder nur storen?
FtJNFTE BIOGRAPHISCHE BELUSTIGUNG
Trauer einer guten Tochter — Neujahrstag — Derbystoner-Vase —
10 Zweck der Ehe — Argwohn
Ich glaube, unsrer Adeline konnte der lange Katakombengang
ihrer Zukunft nicht neblichter und bergiger vorkommen als Schott-
land, noch finsterer, als das Gesicht war, womit die Schwester des
Grafen ihr bis auf eine Stunde vor Glasgow entgegenfuhr. Jane
Gladuse (Johanna Klaudia) war namlich in ihrer Jugend von
ihrem Eheherrn wieder freigelassen worden, bloB mit dem Ehe-
Ring signiert, als Zeichen ihrer verlornen Freiheit, wie man die
von Falken gefangnen Reiher mit einem Ringe, der den Fursten
und den Datum des Fanges entdeckt, wieder fliegen laBt. Sie war ,
20 eine verwitibte junge Dame von 49 Jahren und gehorte unter die
Witwen, die man, wie den griinen Tee, funfmal aufgieBen (nam-
lich heiraten) kann, ohne sonderlichen Verlust ihrer aromatischen
Kraft. Nun saB gerade jetzt ein zweiter AufgieBer oder Abonnent
auf ihr Exemplar in London, der bald die Winterlustbarkeiten
mit den Friihlingskuren zu Glasgow zu vertauschen versprach.
Nicht die Ankunft ihres Bruders, den sie so innig liebte wie ihren
zweiten Abonnenten und Pratendenten, sondern seine mitreisende
Trauerschleppe war ihr verhafiter als Robespierres Schweif : denn
an seiner Heirat zerschellte wahrscheinlich die ihrige. Ihr fiel,
30 wenn er ein Hagestolz blieb, die Halfte der durch sein Leben
gehenden Transito-Giiter anheim, als eine aufs Zolibat gelegte
Taxe. Bisher hatten ihn nun nicht nur alle Madchen, wie wir
320 BIOGRAPHISCHE BELUSTIGUNGEN
wissen, durch die gedrohte Anwartschaft der taglichen Gefang-
nisfieber vor der Conciergerie der Ehe gewarnt, sondern auch
Jane selber: denn Lismore war Zeuge gewesen, daB seine Schwe-
ster mit ihrem Eheherrn ganz anders als Xanthippe mit Sokrates
zusammengelebt; denn der Grieche hatte bekanntlich Geduld und
die Griechin Kinder. Aus dem Anblicke ihrer Ehe und aus deren
Kontraste mit den romantischen Hoffnungen, die sich der Graf
vom Glucke der seinigen und von der moglichen Identitat zwi-
schen Braut und Gattin machte, kann ich mir ja viel besser als aus
andern Griinden eine recht stachlichte Verzierung seines Saals er- 10
klaren: man weiB namlich, wenn in der einen Nische eines Saals
eine Statue stent, die man einheizt, so muB nach dem Stuben-
Rhythmus in der andern eine gegeniiberstehen, durch die das
SchloB (wie z. B. des Fiirsten v. Esterhazy seines) abbrennt, wenn
der Ofenheizer Feuer anmacht. Zu diesen zwei Ofenpuppen wahlte
der Graf in der einen Blende einen Amor, den man heizte, und in
der andern den Hymen, in den nie ein Schwefelfaden kam.
* Adeline schloB ein nachsichtiges freundschaftliches Herz fur
die Schwester auf, deren Bruder ihr noch auBer dem seinigen so
viel gegeben : sie war uberhaupt die schone GegenfiiBlerin der 20
meisten Madchen, die gegen Herren sich nicht genug biicken und
gegen Mitschwestern sich nicht genug zuriickwerfen konnen und
die Zuruckhaltung und Gefalligkeit an die unrechten Geschlech-
ter vertetfen. Mir geht die junge Dame, Jane Gladuse, nahe: denn
eh' beide zum Tore einfuhren, muBte sie - sie setzte sich vergeb-
lich dagegen - wahrhaftig die bleiche Emigrantin von Herzen
Heben. »Die gute Fremdlingin hat ja auf ihrem Gesichte das Spa-
nisch-weiB und Perl-weiB und Orgelmacher-weiB beisammen,
und betriibter und betranter konnte man gar nicht aussehen«,
dachte Gladuse, und aus der totalen Sonnenfinsternis ihres eignen 30
Gesichts wurde eine partiale. Denn sie war ebenso mitleidig als
neidisch oder verlogen, und die aufrichtigsten Tranen entflossen
ihr so leicht wie die falschesten Worte. Cberhaupt wiinschte sie
von Herzen, daB es ihrem Nebenmenschen - sie konnte sonst
keinen mitleidigen Anteil an ihm nehmen — recht jammerlich er-
ging : denn sie war die beste Freundin in der Not und half so
FUNFTE BIOGRAPHISCHE BELUSTIGUNG 32I
lange, bis man heraus war; dann erst ring sie an zu beneiden und
anzufeinden; sie konnte nie, wie der kahle Hofmann, dem Gliick-
Hchen ihre Freundschaft schenken.
Eine weibliche emigrierte Dienerschaft, die schon vor Adeline
iiber den Kanal geschwommen war, hatte das achte Stockwerk
ira Hause des Grafen - denn in Schottland haben die Gebaude,
z. B. in Edinburg, oft 12 Stockwerke - schon besetzt und zurecht
gemacht. Ihrem hohen Stockwerke diente und zinsete, wie einem
Throne, die ganze Gegend um Glasgow mit ihrem Reize und
, ihrem Clide-FluB; daher raumte ihr der Graf es aus: die weite
Perspektive sollte ihre Wehmut zerteilen; aber in einem fremden
Lande tut eine groBe Aussicht oft das Gegenteil. Als sie heute
zum erstenmal in den neuen Zimmern einsam war, weinte sie
recht von Herzen, und zwar in dem Zimmer, das schon lange fur
ihre Mutter zugerichtet war; aber sie legte sich freilich die an-
klagende Frage vor, wie sie allezeit dem edelmutigen Grafen fur
die balsamischen Blumenbeete, worn it er den ganzen Weg ihres
Lebens umbaue, in dem Grade danken konne, den sein Feuer
begehren werde.
- Ich wollte, ich konnte jetzt den Winter, wo die Natur die
starkende Friihlingskur gebraucht, so aus Adelinens trubem Le-
ben ausstreichen, wie er in warmen Landern fehlt. Wie die Krank-
heiten des Friihlings sich im Winter entspinnen : so umzog sie der
Winter mit einem Dunstkreis voll Krankheitsmaterie, in dem je-
der Atemzug dem Friihlingsfieber ihres Herzens vorarbeitete. Du
Ungliickliche I Denn gerade im kunftigen Friihling hatte der Graf
deiner Mutter zugesagt, das Vermahlungsfest der groBen Natur
mit seinem eignen zu feiern und in die Flitterwochen des Wetters
die seinigen zu verweben. —
> - Adeline war unter der See- und Landreise, ausgenommen
den ersten Tag, weniger in sich gewandt - gefafiter - und auf-
merksam auf ihn gewesen, und er konnte den schonen FluB seiner
Stunden, den der Schiffspobel bloB mit Sand- und Trinkglasern1
maB, nach den sanften Blicken berechnen, die ein dankbares Auge,
wenn es sich abgetrocknet hatte, auf ihn warf. Er erwartete in
1 Auf dem Schiffe hat man zum ZeitmaBe, wie der Tod, Sanduhren.
322 BIOGRAPHISCHE BELUSTIGUNGEN
Glasgow, diesem sogenannten schottischen Paradies, den Wachs-
tum seines eignen - aber hier schloB sich sein kleiner Himmel
wieder zu : was Adeline gewesen war, ist ihrem ganzen Geschlechte
auf Reisen eigen, weil es da der mannlichen Brustwehr bedurf-
tiger ist. Aber in den bessern Zimmern, in denen sich so traurig
die schonen ihrer Jugend und die letzten schlechten ihrer Mutter
abspiegelten, horte die kurze Meerstille ihrer Seele auf. Der Jam-
mer ergriflihr geschwollnes Herz und driickte aus ihm jedeTrane,
die auf der Reise nicht vergossen wurde. Die Schwester des Gra-
fen, die ohnehin der Pfeilerspiegel ihrer Nachsten war und die 10
zwar nie zuerst, aber auch nie zuletzt mitweinte, machte die Wei-
che noch weicher. Beim kleinsten Sandkorndrucke eines Gedan-
kens, einer Ahnlichkeit flossen ihre gedriickten Augen uber.Konnte
sie in die Untertasse ihrer Teeschale, worein eine Rose und zwei
Rosenknospen eingebrannt waren, hineinsehen, ohne an ihre Mut-
ter zu denken, die immer wahre Rosen getragen und gepflegt und
der sie eine seidne auf die zerfallende Brust in der Stunde ihres
letzten und tiefsten Untersinkens angesteckt hatte, weil die wah-
ren schon vor ihr entblattert waren ? - Konnte sie ihre Hand auf
ihr Herz legen, ohne es an die weiche Locke, an der es schlug und 20
die nicht von ihrem, sondern vom begrabnen Haupte dahin ge-
fallen war, wie in tausend Dornen zu driicken? — Ach! schoben
nicht hundert andre ZufalHgkeiten die Hoffnung des Grafen auf,
ihr in die bedeckte Hohle der Geliebten hinabgesunknes Herz,
das am geliebten zerstauben wollte, wieder in den Sonnenschein
des Lebens heraufzuziehen ? Nur ein Beispiel!
Als sie am Neujahrsvormittage mit seiner Schwester ein wenig
bald in die Kirche fuhr : war diese ausgeleert; aber unter dem FuB-
boden zitterte ein unverstandlicher melancholischer Gesang, so
ungefahr als wenn aus den zusammengefallnen Toten in den Kir- 3°
chen-Begrabnissen unterirdische Stimmen gingen. Von welchen
Ahnlichkeiten wurde Adeline am Morgen des ersten verwaiseten
Jahres angefallen! - Das Singen kam daher: in Schottland haben
die Kirchen zwei, oft drei Stockwerke. - Derselbe Prediger halt
in den Fruhkirchen zwei Predigten (oft iiber einen Text) hinter-
einander, die bloB der Gesang und das Stockwerk voneinander
FUNFTE BIOGRAPHISCHE BELUSTIGUNG 323
trennen. Adeline hatte also im zweken das Souterrain-Getone des
ersten gehort... Das Schicksal hatte einmal beschlossen, den
ersten Tag des Jahres mit lauter dicken schottischen Wolken zu
uberziehen : denn als sie aus dem Tempel ging, lagen im Kirchhof
zehn Menschen, rufend und zuckend, auf den beschneiten Hugeln.
Zehn Gespenster hatten schon Adelinens Herz mit kalten Handen
gefaBt und erkaltet, eh' ihr die Begleiterin sagen konnte, daB es
nur Konvulsionars waren, die man aus der Kirche dahin trage
und die nach einer Viertelstunde von selber davongingen, ohne in
10 ihrem Gedachtnis oder an ihrem Korper eine Spur davon mitzu-
nehmen.
Der gute Graf, durch dessen Herz alle Dolche des ihrigen dran-
gen, konnte nicht erraten, wie manchen er leicht hatte abwenden
konnen. Wenn sie abends mit jener freundlichen Helle trauriger
Augen, die mich so betrubt, in ihr Schlafzimmer fortgegangen
war: so kam sie doch morgens mit erhitzten, triiben daraus zu-
ruck, und das bloB eines — Hutmachers und eines Stecknadel-
handlers wegen. Dieser wohnte ihr gegenuber im dritten, und
jener im zweiten Stockwerke des namlichen Hauses. Auf der ge-
20 wohnlichen gelben Grundierung desselben war nun -wie in meh-
rern schottischen Stadten, z. B. in Edinburg, Sitte ist - die Ware,
womit jeder handelte, nicht herausgehangen, sondern angemalt.
Oben auf dem Hintergrunde, namlich im dritten Stockwerke,
standen Farbenkopfe1, und unter den unbedeckten Kopfen im
Mittelgrunde, im zweiten, gleichsam die herabgefallnen Hlite.
Ach! verarget es einer in die Fremde geriBnen, zwischen den
Schatten iweier Grabmaler trauernden Waise nicht, wenn ihr
Auge, das der Traum zwar schlieBt, aber nicht trocknet, zwischen
dem gemalten kahlen Kopfe und zwischen dem enthaupteten
30 ebenso traurige und so todliche AhnKchkeiten ausfindet, als die
waren, womit der Aufgang der Sonne den Aufgang ihrer Mutter
beschleunigte ! - Ich sage, verdenkt ihrs nicht; und ihr konntauch
nicht, wenn ihr noch hort, daB jeder Traum ihr die Mutter in die
Hande gab, die allemal eine frische Rose voll Tau neben dem
silbernen Busen-Kruzifix stecken hatte und die zu ihr sagte : »Ade-
1 In England ist ein herausgehangner Kopf das Schild des Nadel-Lagers.
324 BIOGRAPHISCHE BELUSTIGUNGEN
line ! wo muB unser Graf (Adelinens Vater) so lang' in Paris blei-
ben? Wir wollen ihm doch entgegen.«
- Ach, beraubter Mensch! denkst du denn nicht daran, wenn
du abends vor dein Bette, diesen Tempel der prophetischen Ora-
kel, trittst, daB mitten im Totentanze unsrer Horen, mitten auf
derErde,diesemZergliederungshause derZeit, die mit ihrerHaar-
sage unser kleines Jahrfunfzig inSekunden auftrennt und allefeste
Gestalten in Pastellgebilde, denkst du denn nicht daran, daB der
Traum die Pastellgemalde unsrer Geliebten hxiert, daB dieses
Echo der Zeit uns alle begrabnen Stimmen wiedergibt, die in 10
schonern Tagen harmonisch in die unsrige einnelen und die nun
klingen zu hoch iiber uns oder zu tief unter uns? - Ach! ohne den
Traum, der um den im Schlagflusse Erblindeten musivische Wel-
ten voll Tulpen und Juwelen stellt, und der die umgeworfnen
Lebenden mit aufgerichteten Toten umzingelt, ach! ohne ihn
wiird* es ja zu lange, bis wir unsre Briider und Eltern und Freunde
wiedersahen; wir wurden ja durch den Tod um uns her mit jedem
Jahre zu sehr verarmen, wenn nicht die Traume den Schlaf, das
Vorzimmer der Gruft, mit den Brustbildern derer, die im zweiten
Leben wohnen, behingen. Freilich, arme Adeline, arme Julie! ge- 20
hort ein ganzer Tag dazu, um eine Nacht zu vergessen, worin ihr
unten im wogenden Wasser-Spiegel des Traums das geschloBne
Grab und die geschloBne Wunde von neuem und zu weit auf-
gerissen wiedersahet.
Da Lismore nur heftigen, nicht dauerhaften Kummer leicht mit
dem andern teilte — weil die Sympathie mit jenem bloB Feuer, die
mit diesem kalte Vernunft begehrt und weil seine eigne Stand-
haftigkeit iiberhaupt auf eine fremde drang - : so konnt' er an-
fangs nichts tun - ob er gleich mit Freuden alle fressende Gift-
tropfen ihres Grams aus ihrer Seele in seine gesogen hatte -, als 30
ihren Schmerz vergroBern, um ihn mitzuempfinden. Er warf sichs
vergeblich hinterher vor, daB er in alien Unterredungen seine
Beredsamkeitverwende,sie untrostlich zu machen; abererkonnte
den Stromen seiner Gefuhle nicht Einhalt tun. Am meisten tadelte
er sich iiber das neue Jahr.
Er ging namlich mittags zu ihr hinauf und machte das arme
FUNFTE BIOGRAPHISCHE BELUSTIGUNG 325
gepreBte Herz seiner Geliebten, deren Kirchweg heute schon durch
eine Zypressen-Allee gelaufen war, durch sein Neujahrsgeschenk
noch schwerer. Es bestand nach der vornehmen Londner Sitte in
einer Derbystoner-Vase. Das Gemalde darauf war seine eigne
sonderbare und doppelsinnige Erfindung. Die Venus Urania, ne-
ben der als ihr Abzeichen ein Schmetterling flatten, ruht mit der
Hand vor dem Auge an einer Begrabnis-Urne, und Amor beugt
sich gegen sie und nimmt mit der einen Hand ihre vom Auge, um
sie zu wecken, weil die Aurora mit ihren zwei gefliigelten Rossen
10 heraufzieht, und halt mit der andern die Fackel umgesturzt, um
sie auszuloschen oder abzukehren, damit sie den Schmetterling
• nicht versenge, der iiber einem auf der Erde liegenden Blumen-
kranze schwebt. Aber alles das konnte auch heiBen: Adeline ver-
hiillt ihr weinendes Auge — der Blumenkranz, der letzte Schmuck
der griechischen Leichen und Tranen-Urnen, lag fur den Schmet-
terling, das Bild derabgeschiednenSeele,zurNahrung da-Amors
Fackel funkelte aus, um den Kranz und die Psyche zu schonen,
aber er wollte die Weinende fortziehen, damit nicht Aurora, deren
Raube die Griechen das Sterben der Jugend schuld gaben, die
20 Geliebte ereile und nehme. - Der Graf sagte, als ers Adelinen
gab, nur den schonen Wunsch: »in diesem Jahre moge sie (die
Vase) den schonern Sinn haben.« - Adeline fand sich sogleich in
den mythologischen Doppelsinn - denn Leute ihres Standes ha-
ben ja an jedem Zimmer einen Hor- und Bildersaal der Gotter-
lehre - und gab, indem ihr langer warmer Blick mit dem violetten
Amethystgoldsand auf dem transparenten Silber des FluBspats
schwimmend zitterte, ihm lachelnd auBer dem Danke die uner-
wartete Antwort: »Es konnte auch einmal noch einen drittenSinn
bekommen, wenn es deren zwei hat. Man konnte einmal denken :
30 die Aurora sei schon bei der Entschlafnen gewesen - der Schmet-
terling sei eben aus ihr geflogen - den Genius, der die eine Hand
zur andern gefaltet niederlegen will, den kennt man ja an der um-
gestiirzten Fackel.« Und als sie es gesagt hatte, konnte sie ihre
warmsten Tranen nicht mehr zuruckhalten.
Sie setzte sich matt in das Fenster-Kanapee (Window-Stool) -
Leolin stand vor ihr, voll sturmischer Gefuhle und voll HaB
326 BIOGRAPHISCHE BELUSTIGUNGEN
gegen jeden Trost. Das Fenster, oder vielmehr die glaserne hohe
Pforte, schauete gegen Mittag. Die groBaugige Wintersonnehing
tief iiber den schillernden Bergen — iiber die von einem Titian
weiBgrundierte schimmernde Erde legte sich die grenzenlose Nacht
eines tiefern Himmelblaues heriiber, und in die einsarne, starre,
stille Welt hing gleichsam die Lilienglocke eines fernen, unend-
lichen Friihlings, namlich die Sonne, weiter herein - und dann
quoll in der Menschenbrust eine warme, schmerzliche Sehnsucht
auf. Nie war seine Seele weicher und sehnsuchtiger, nie ruckten
Wonne und Schmerz darin Tag und Nacht naher zusammen als an 10
einem hellen Winternachmittage, wo gerade der Tag der Erde
und die Nacht des Himmels, der alsdann nur einen Stern tragt,
schneidend iibereinander stehen. Aber doch, Lismore, hattest du
deine furchtsame Adeline nicht vor das tobende Meer in deinem
Geiste fiihren sollen ! Warum lassest du auf der einen Seite so
zartlich den weiB-seidnen Vorhang nieder und ziehst ihn hinter
ihren Sitz ans Fenster gegen die blendende Sonne vor, indes du
auf der andern auf ihre Wunden alle Brennpunkte deiner heftigen
Seele richtest? Wenn du deine gliihende Hand durchs auseinan-
dergelaBne Fenster in das Kuhlbad der Jennerluft hinaustauchst: 20
warum entziindest du mit deiner andern deiner Geliebten ihre zu
groBern Schmerzen, und o ! warum kannst du zu ihr sagen : »Im
Winter betriibt mich die Gegend nach Siiden - ich denke nicht
bloB an die sudlichen Polarlander, denen die matte, tiefe Sonne
einen immerwahrenden Tag und einen kargen Friihling gibt -
ich denke an das schonere Land, das uns unsre Berge verdecken,
an unser Frankreich. Und dann kommt mir der Obeliskus1 dort
wie ein Epitaphium vor. Teuerste, aber Sie miissen sich tro-
sten: denn Sie versehrt und zerruttet der Schmerz; und nur in
meiner Seele kann er ruhig seinen Dolch umwenden, sie stirbt 30
nicht daran. Ich male mir es oft, wenn die Sonne iiber diese Berge
steht, hier mittags aus, was ich und Sie dort verloren haben - ich
stelle mir Sie neben unsrer UnvergeBlichen stehend vor, wie Sie
neben ihr blieben als ihre letzte gute Tat, wie man iiber RafTaels
1 Dieser hundert FuB hohe Obelisk steht im Dorfe Killean, das nicht weit
von Glasgow Hegt, dem Dichter Buchanan errichtet.
FUNFTE BIOGRAPHISCHE BELUSTIGUNG 327
Bahre sein letztes Meisterstiick, die Verklarung, stellte.« - Ade-
line hatte sich in der Marter der Erinnerung auf Lismorens Hand
gebiickt, und ihr Auge deckte mit ihr sich 'und tausend Tranen
zu. Ach! er fuhr geruhrt fort: »Gequalte! warum fragen Sie etwas
nach dem Schicksal oder nach den Schmerzen, die es reiBet? —
Beim Himmel! ein so diirres und trocknes Leben voll Stacheln
und Wolken wie das menschliche, eines, das so klein ist wie ein
Epigramm und das am Ende eine Giftspitze hat, das verlohnt
Ihres Weinens nicht, Adeline ! Ein Geist wirft uns von oben
10 herein in das Leben, und dann zahlt er 70 oder 80, wie wenn wir
einen Stein in einen tiefen Krater werfen, und beim 7osten Puls-
schlag oder Jahre hort er unsern dumpfen Auffall unten im Grabe.
Aber ich quale dich und wollte dich trosten; wahrlich, ich
meint' es anders «
- Aber am Ende fiihrte ihre Trauer ihn auf einen Zweifel, der
seine Tage noch mehr verfmsterte, als es der Jennerhimmel tat,
auf den, ob sie ihn auch liebe, da die tote Gestalt der seinigen
wenig Platz oder wenig Licht in ihrem mit Flor verhangnen Her-
zen lasse. Hatte sie ihm die Unterredung mit ihrer Mutter, die so-
20 viel fur ihn tat, anvertrauet: so wiirde er lieber Ol in die um die
erblaBte Gestalt angeziindete Begrabnislampe nachgefiillt haben,
anstatt es auszugieBen. Dazu kam, daB Adeline ihm ihre Liebe
gleichsam wie eine zweite Selbstliebe^ wie ein inneres Frohsein zu
bekennen scheuete im Kummer, und daB die Gegenwart seiner
Schwester und die Abwesenheit ihrer Mutter ihr dieses Bekennen
noch saurer machte. Er ubersah, dafl sie aus denselben Grunden
handle und fehle, aus welchen er sie mit Vorwiirfen ihres Fehlers
und sogar mit Trostungen verschonte : seine Ehrfurcht gegen ihre
trauernde Uneigenniitzigkeit untersagte seinem unschuldigsten
30 Eigennutze, dieser einen Vorwurf zu machen; aber sie verbot aus
denselben Grunden ihrem Eigennutze, einem solchen Vorwurfe
auszuweichen.
Auf die schwache Stelle des Herzens wie des Korpers werfen
sich alle andre Krankheitsmaterien: sein Zweifel nahm jetzt so zu,
daB er endlich nicht sowohl glaubte, daB der Kummer ihre Liebe
verschatte, als daB sie gar keine habe, sondern nur Dankbarkeit.
328 BIOGRAPHISCHE BELUSTIGUNGEN
»Denn«, sagt* er, »warum kann sie ihn bezwingen und unter ein
Lacheln gefangen nehmen, wenn sie in fremden Gesellschaften
ist, oder warum stort'er sie in ihren kleinen Geschaften nicht?« -
Bei ihm fielen alle Strahlen durch zwei untereinandergestellte
Brennglaser, durch den Kopf und das Herz, und ziindeten und
brachten in FIuB und verkalkten : so war auch seine Liebe; und so
sollte (verlangt* er) die seiner Adeline sein, und diese sanfte Luna,
die er beschien, sollte unter dem erhabnen Glase der Liebe statt
des Lichtpunktes einen Brennpunkt bekommen. Sie sollte jetzt -
sonst hatt' er nicht daran gedacht — heftig, beredt, dichterisch, 10
enthusiastisch sein in der Liebe, sie, die iiberall nichts war als
geduldig und gut, und die statt der Zunge nichts hatte als ein
Herz, statt der Fliigel nur ein helles Auge, dem fremden Schwunge
nachzusehen. Gleich den Lichtmagneten sog er alle Arten von
Glanz und Lichtern ein, nur kein sanftes Mondlicht; aber Ade-
Hnen hatte der Himmel als eine Vase von Volterra-Alabaster in
das Leben gehangen, deren Lampe durch das durchsichtige Ge-
hause nur in Mondlicht uberquillt.
Die mannliche Eitelkeit kann iiberhaupt leichter als das mann-
liche Her% die weibliche Liebe ahnden, und jene prasumiert mehr, 20
als dieses errat; aber am schlimmsten spielen wir jenen stillen
Weiberseelen mit, deren Warme sich nur durch Erdulden der
Kalte, deren Liebe sich nur durch Treue offenbart und die dem
Brunnen in der Baumannshohle gleichen, welcher sich, wenn man
aus ihm schopft, immer wieder fiillt und der dock niemals iiberfliefit.
Ihr Wert bluht erst nach den Flitterwochen, und man muB sie,
heiraten, um sie zu lieben. - Lismore wollte aber umgekehrt He-
ben, um zu heiraten. Juliens Leiche hatte sich ohnehin zwischen
die trunknen, lyrischen Blicke und Tage des ersten Findens der
Seelen gestellt: jetzt war ihm nach seiner Meinung noch wenig 50
mehr von der Epopoe und lyrischen Blumenlese der Liebe iibrig:
das Hochzeitkarmen der Flitterwochen geht dann endlich inHiib-
ners Reim-Register iiber, bis zuletzt, wenige poetische Floskeln
und prosaische Freiheiten ausgenommen, Mann und Weib nichts
weiter schreiben als einen abscheulichen, welken Kanzleistil.
Das Betragen des Grafen ist vielleicht der deutlichste Beweis,
FUNFTE BIOGRAPHISCHE BELUSTIGUNG 329
wie wenig noch der Grundsatz, selber unter guten Kopfen, ge-
mein ist, daB der Staat die Ehe eben einsetzt, um die Eheleute zu
trennen. Die Absondrung der zwei Geschlechter war guten Ge-
setzgebern von jeher so wichtig wie dem Moses die Absondrung
der Juden von andern Volkern; aber wenn Moses diese (nach
Michaelis) am besten durch das Verbot der Speisen, die andre
Volker liebten, und durch die Verbote ahnlicher Sitten erhielt:
so konnte hingegen, wenn das Kopulieren etwas zur Entfernung
eines Paares wirken sollte, es nur dadurch geschehen, daB man
10 dieses zum immerwahrenden Beisammenwohnen, Beisammen-
essen usw. anhielt, und dieser Gemeinschaft haben wir vielleicht
alle noch ubrige Gleichgultigkeit der beiden Geschlechter zu
danken. Daher gibt man sich beim Altare die Hande zum Zeichen
des Streits, wie in England die Leute sie erst einander schiitteln,
ehe sie sich nachher damit boxen ; und das Umarmen ist vielleicht
aus Italien entlehnt, wo die Umarmung der Duellanten unter die
200 Bedingungen gehort, unter denen sie sich schlagen diirfen:
wird die Ehe geschieden, so ists auch meistens um die alte Gleich-
gultigkeit der Eheleute getan, und man muB sie' oft zum zweiten
20 Male kopulieren, um sie wieder auseinanderzubringen. Durch die
Gemeinschaft des Namens, die sie Verwandten ahnlich setzt, wird
zu einer gewissen Uneinigkeit, wie sie zwischen Blutsfreunden
herrscht, immer ein wenig ermuntert, wie sich die Fiirsten unter-
einander, ohne Nachteil ihrer Kriege, Verwandten-Namen geben.
Der Staat sollte daher den hohern Personen die physische Tren-
nung, die immer auf Kosten der moralischen geschieht, verbieten
und nie verstatten, daB der Mann seinen eignen Haus-Fliigel,
Tisch, Klub usw. habe und die Frau ihren, so wie unter den
Pflanzen nur die wenigsten, z. B. die Kiirbisarten, getrennt und
30 auf abgesonderten Stengeln sitzende Geschlechter haben.
Lismores Gliick zerflel allmahlich - er konnte bald alles nur
heftig tun, keine Hand mehr driicken, sondern nur quetschen -
lange und schweigend anblicken und dann zweierlei tun: auf dem
Eise des Clide-Flusses den schneidenden Winden entgegenfah-
ren, oder statt der physischen Kalte sich mit der philosophischen
kiihlen und die trockenste Politik studieren. Die Wirbel undStru-
330 BIOGRAPHISCHE BELUSTIGUNGEN
del des Bluts besanftigt oft ein Kompendium des Lehnrechts oder
der Metaphysik am ersten, wie ich einen Hypochondristen ge-
kannt, der auf der Folterbank seines Trubsinns entweder Youngs
Nachtgedanken oder die Reichsgeschichte von Haberlin las. Die
schonsten Akkorde von Adelinens Liebe verkehrte sein innres
Ohrenbrausen in die groBe Septime und kleine Sekunde: z. B. da
er sie einst um einige Haare bat, fur einen Ring, glaub' ich, und
da sie ihm mit schoner Zartlichkeit die eine Locke ihrer Mutter
gab : so sah* er in dieser schmeichelhaften Erbteilung des mutter-
lichen Nachlasses fast nichts als die Einkleidung ihres Versagens. 10
Ach ! der bose Geist, der sich zwischen das Umfassen ihrer Seelen
drangte, bedeckte alles, was den Grafen begliickt hatte, mit einem
Schatten, dafi er nicht erriet, wie Adeline aus dem lebendigen
Zeitungskomptoire Gladusens sich nur mit Zeitungsartikeln tiber
ihn versah, iiber seine Jugend, seine Freunde, seine Leibgerichte -
wie sie, der bittersten Erinnerungen ungeachtet, am liebsten iiber
den Zeitabschnitt der Revolution zuhorte, wo seine taten- und
ruhmdurstige Seele ihren Durst geloscht hatte — wie sie oft durch
einen alten Saal ging, blofi um seinen Stammbaum zu sehn und
um ihre Angst wegen seines Schrittschuhlaufens mit einem BHcke zo
iiber den Clide-FluB hinauf zu mildern.
Endlich ging ein Tag auf, wo das Schicksal, ich weiB nicht, ob
das Labyrinth oder den Faden, der hinein- und hinausfiihrte, ver-
langerte. Lismore hatte sie namlich bisher mit dem voll Gewitter
hangenden Marznebel seines liebenden Skeptizismus verschont,
weil sie ohnehin - triibe genug war, weil sie ohne Farbe und ohne
Krafte war, weil der Kummer ihren zarten, siechen Korper unter
das Qpfertor zu fiihren drohte: der Graf hatte lieber verzweifelt
als gesprochen. Aber jetzt, da eine Gesundheitsreise notig war,
um den Herbstwind ihres Lebens gleichsam wieder zu den Friih- 30
lingsliiften umzuwenden, konnt' er leichter auf einer Lustfahrt,
die ich in der folgenden Belustigung zeichne, sein ganzes, voiles
Herz aufdecken.
Die zweite Reise, die er nach dieser machen wollte, war eine zu
Pferde nach London, um sich zwei unentbehrliche alte Freunde
zu holen: erstlich den Arzt, damit dieser die fallende Blume vom
SECHSTE BIOGRAPHISCHE BELUSTIGUNG 33 I
Mehl- und Honigtau giftig-suBer Tranen befreie, und zweitens
den Brautigam seiner Schwester, der nunmehr den suBen Schlaf-
trunk der Londner Winterlustbarkeiten ausgeleert und ausge-
schlafen haben muC und dessen heitre, gefiihlvolle und gewandte
Seele (hofft er) fur ihn und Adeline die geistigen Rezepte zusam-
mensetzen wird, die den pharmazeutischen des Doktors nach-
helfen.
SECHSTE BIOGRAPHISCHE BelUSTIGUNG
Der Vor-Friihling - Echo-Dreiklang - der Honig-Essig der Widerspriiche
10 der Liebe - unsre Armut an Liebe
Der Graf hatte bei Rosneatk ein Landgut, dessen Nachbarschaft
durch das Echo zu einer Aols-Harfe besaitet ist. Ich wiinschte,
jeder Leser hatte eine Reise dort vorbei gemacht und das Echo
genotigt, ihm zu antworten, antiphonierend aus dem zweiten
Chore. Ich versichre jeden, seitdem ich dieses Echo aus den
Abendstunden der Madame Genlis kenne, so nab* ich den Kopf
zuriickgelehnt und die Augen zugemacht - wenn gerade mein
Gehirn unter dem Gehirnbohrer der Migrane stand — , um das-
selbe gleichsam in die Blumenketten der Phantasie wie in einen
20 Verband zu legen und dem schottischen Nachhalle im Nachhalle
meines Kopfes zuzuhoren. Es ist namlich keine gemeine Echo-
Repetier-Uhr, wie dergleichen zu Dutzend in den Waldern stehen :
sondern iiber einen See, den Berge ummauern, wird ein Stuck
hiniibergeblasen, das ein unsichtbares, mit drei Stimmen besetz-
tes Chor dreimal wiederholt - das erstemal schwimmen die Laute
wieder zuriick, aber in einem tiefern Tone - dann regt sich ein
zweites Echo und lallt es wieder nach, aber noch um einen tiefer
- endlich redet ein drittes im tiefsten mit dem bezauberten Her-
zen, und die Wellen des Hauchs glatten sich wieder, und der drei-
30 fache Himmel, der sich nacheinander auftat und die Seele in sich
zog, ist wieder bewolkt.
Der Graf hatte nur auf den Abschied des Winters gewartet,
um auf diesen Landsitz der Nymphe Echo mit einem weiblichen
332 BIOGRAPHISCHE BELUSTIGUNGEN
Herzen zu gehen, worin sich ein ahnlicher Nachhall der Molltone
des Menschen und der melodlschen Fortschreitung der groBen
Schopfung versteckte. Wider die Gewohnheit des Klima hatte
schon der zoste Marz, der Friihlingsanfang, den ganzen Winter,
wenigstens auf einigeTage,ausgezogen unddiezusammengelegte
Schnee-Envelope oben an die Bergspitzen gehangen oder in die
Taler-Schubfacher versteckt. Unter der ganzen Reise hob Lis-
mores Brust noch etwas Allmachtigers als der Friihling - das
Vorgefuhl des Friihlings. Der poetische Friihling bricht noch
fruher an als der astronomische, der nur ein mehr blumiger, kiih- 10
ler Sommer ist. Die warmen Tage des Februars briiten die Miik-
ken und unsre HofFnungen aus dem traumlosen Winterschlafe
aus. Unsre versperrte Seele tritt wieder, wie die beschienenen
Bienen, schwarmend auf das iibersonnte Flugbrett heraus und
wirft jugendliche BHcke in die auferstehende Natur. Jeder Tritt
verschlieBt eine mit fetterem Griin bezeichnete Quelle, und die
griinen Lebenslinien der FuBsteige, die mit ihrem friihen Grase
die entfarbten, eingerunzelten Auen durchschneiden, rastrieren
uns gleichsam die muhseligen Gange des Winters, die Reiseroute
triiber Tage vor. — Und gar der Marz - der ist mein Mai! Der 20
Marzenstaub ist der okonomischen und der dichterischen Frucht-
barkeit gleichvorteilhaft;dieserStaub ist poetischerBlumenstaub,
der bloB aus Keimen von Blumen besteht, oder Schmetterlings-.
staub, der bloB das unsichtbare Gefieder an Psychens Schwingen
ist. Wahrlich, wenn ich das ganze Jahr an kein Buchermachen
dachte : im Marz miiBt' ich mich setzen und einige wenige schrei-
ben.
Der Tag, dessen Abend ein Nachhall beschlieBen sollte, ge-
hone unter diewenigen ewigen,dieLismore hier hatte. Der Friih-
ling hauchte mit seinem warmen Atem, mit dem Mittagsluftchen, 30
die Saaten an, und der griine Wuchs des Winters stand aufge-
deckt in herunterrinnendem Schnee, und vor der lauen Sonne
zerflossen die Garten in iippige Freuden- und Rebentropfen -
und dem Menschen war, als miiBt* er sich an die wiederkommende
Mutter, die Erde, trunken und mit Kindesarmen hangen. - An
einem solchen Auferstehungstage der Natur kehrten alle Traume
SECHSTE BIOGRAPHISCHE BELUSTIGUNG 333
und Prospekte seiner Jugend wieder zuriick in die verodete Brust
und die Sehnsucht nach weiten Reisen und die Hoffnung eines
tatenreichen Lebens und der - Glaube an Liebe. Er sah geriihrt
Adelinen an und dachte: ja nach einem so langen Schweigen,
nach einer so geduldigen Teilnahme, an einem solchen Tage, wo
das Echo mich und sie an das erste Echo erinnert, das unsre See-
len verband, ja da darf ich schon ihre Hand nehmen und sie fra-
gen : »Kennst du denn keine Hand, die dein Auge trocknen kann?
Fassest du meine liebende Seele nicht? Liebst du mich nicht un-
10 aussprechlich wie ich dich?« - Wenn ihn die an den Scheiben
klebenden groBen Miicken, die die kiihle Nacht zerstort, und das
mit gelben Spitzen durchzogne Griin und der magere Halbschat-
ten der skelettierten Baume und das schneidende, kaltwehende
Vorbeigehen des Winters in den Waldern, wenn alles dieses zu
lange Schatten iiber seinen innern Friihling warf : so schauete er
von der kotigen Erde auf zum reinen, blauen Himmel, der ewig
mit demselben Angesichte die wandelbaren Menschen im Som-
merabend und in der Winternacht ansieht, und auf zur trium-
phierenden Lerche, die aus bliihenden Auen herkommt und die
20 als der Zeuge unsers vorigen frohen Friihlings, als Chorist alter
' Friihlingschore iiber uns schwebt und die den ewigen Geburtstag
der Erde besingt Und dann flatterte ja das warme, surrende
Luftchen aus Suden ans Ohr und lispelte, sich auf der Locke wie-
gend: »Ich flieg* aus Bluten her - ich habe eben mit den Blattern
der Myrte, mit der Bliite der Zitrone und mit dem Busengefieder
der Nachtigall gespielt und habe einer Gottin das Lockenhaar
nachgetragen und es auf die Schulter ihres Geliebten gelegt und
bin vorausgeflogen, um dem langsam durch Waldwasser und
uber Berge schreitenden Friihling vorzueiIen.«
jo - Und was dachte und sagte die gute Adeline in diesen kurzen
Wonnestunden aus unserm Lebens -Wonne-Monat, das hier nur
28 Tage hat und nicht, wie die Donnermonate, 31? - Sie sagte
zu ihm: »er solle sich nicht an ihre Miene kehren: sie sei in ihrem
Herzen recht froh; und werd' es heute immer mehr werden.« -
Woran sie dachte? Den ganzen Weg an ihre Mutter, ohne die sie
einsam in den ersten Friihling trat; aber der Trauer war durch
334 BIOGRAPHISCHE BELUSTIGUNGEN
die Gegenwart ihres Brautigams poetische SiiBigkeit erteilt. Die
treue Tochter hielt wirklich den kindlichen Gram fiir bloBe Be-
klommenheit iiber die auf den Triimmern eines alten Fruhlings
in Grab und Wiege abgeteilte Natur. — Da sie mit Leolin mittags
unter der Haustiire einer schottischen Bauernhohle nach Siiden
blickte und an den Neujahrswunsch dachte, und als sie einen lange
bekampften, vom Auge auf die Wange gefallnen Tropfen nicht
verwischen konnte : zeigte sie, eilig weggehend, hinauf und sagte:
»Die Dacher tropfen, aber ich muB mir nach einem Tropfen alle-
zeit das ganze Gesicht abwaschen« und tat es auch. 10
Je mehr der Tag und die Reise dem Ende naher kam: desto
hoher drang in Lismores Brust eine warme Quelle auf, diese bis-
her bald stromende, bald stockende Hungersquelle von Tranen,
und ging iiber Eisenadern und fiillte seine ganze Brust. Ach ! sagte
ihm denn nicht jede drangende Blutwoge, jeder sehnsuchtige
Atemzug, jeder Lerchenton, jedes verirrte Luftchen, sagte nicht
alles zum bangen Menschen : »Gedulde dich, bekloramne Seele, der
schone Friihling wird kommen und dich trosten und sie auch:
ach! es fehlt dir nichts als der Fruhling«? — So betort sich der
hiesige Mensch, die dunkle Figur auf einem Nachtstuck, und je- zo
den Winter sagt er zu sich: »Ach! es fehlt mir nichts als der Friih-
ling.« —
Abends erreichten beide in der Glorie der Sonne, vom weiBen
Milchflor ihres Glanzes verhangen, das Landgut. Er wollte sie
mit dem Schwanengesange des Echo uberraschen und schlug ihr,
unter dem Vorwande des schonen Abends, vor, das sogenannte
Wasserhaus am See zu besuchen, das nicht mehr als zwei durch
eine Glastiire gesonderte Zimmer hatte, eines gegen den Nach-
hall und Abend, eines gegen Morgen. Er hatte einen Waldhor-
nisten mitgenommen, der auf eine weit in den See wachsende 3o
Landspitze treten und das hinter Gebirgen ruhende Echo wie
eine Nachtigall, welche Musik hort, zum Schlagen reizen sollte;
und es war ihm nicht unlieb, daB die Musik noch nicht anfing: die
ganze Erde war ja voll Echo und voll Spiegel, und in jedem Ge-
danken war ein dreifacher Widerhall des verklungnen Lebens. Er
offnete die Fenster gegen den See, auf dem ein zweiter aus Luft-
SECHSTE BIOGRAPHISCHE BELUSTIGUNG 335
wogen stand, der mit einer warmern und leisern Brandung iiber
die Fensterbriistung hineinspiilte - und driiben auf den Bergen
brannte die Abendsonne wie ein Opferfeuer auf, und ein goldner
Rauch zog aus dem Brande um alle Gewasser und Gebirge. Da
seine stumme Freundin in die von der Erde an den Himmel ge-
lehnte purpurne Rauchsaule kam, worin einige schlaftrunkne,
taube Miicken so lange schwankten und sichtbar blieben, als sie
nicht iiber die Grenzen des lichten Dunstes schweiften, und da
die Sonne und das Abendrot ihre bleiche Gestalt zu einer bliihen-
10 den umschufen aus Glanz und Rosen duft, und da ihre Finger,
womit sie sich das geblendete Auge verdeckte, durchsichtig und
rosenrot wie Aurorens ihre waren: so kam sie ihrem Freunde wie
ein Seraph vor, der an einem groBen Friihlingsmorgen auf dem
Morgenrote kniet und seine Entziickungen oder Gebete zur Sonne
aufschickt und dem der Widerschein des unter ihm gliihenden
Gewolks und seiner gliihenden Seele die Wangen iiberdeckt. Er
muBte jetzt daran denken, wie die Sonne ewig ein jugendlich-
gliihendes Angesicht auf die Erde richte, indes ein Menschenge-
schlecht urns andre erblasse vor ihr - wie sie uns gleich diesen
20 Miicken aus unserm Winterschlaf treibe, und wenn sie wieder
scheint, sind wir gleich ihnen erfroren.
»Wende nicht dein bleiches Angesicht,« (sagt* er innerlich) »du
kummervolle Tochter, weg von der Abendsonne - deine fluch-
tige Vergoldung fallt ab, und du wirst die ErblaBte, die du so
lange betrauerst!« - Aber die Sonne ging unter, und Adeline
wurde bleich, und da sie sich mit der Blasse, die durch ihre Reise
zugenommen hatte, gegen ihn kehrte, weil sie ihn jetzt erst unge-
blendet sehen konnte, und da er, der kein zweites Leben glaubte,
jetzt mitleidig bedachte, wie diese gute Seele kaum ein erstes ge-
30 nieBe: so schwuren alle seine Gedanken in ihm, sie heute mit
keinem verklagenden Laute zu kranken - alle Wiinsche und
Traume dieses guten Herzens schweigend zu dulden - und sich
immerfort vorzusagen : »Sieh nur, wie sie leidet, und wie sie ge-
litten hat - vergilt ihr die uberschwengliche Liebe gegen eine,
die nicht mehr liebt, nur mit iiberschwenglicher Liebe und nicht
mit Groll. Ach! kennst du die Klagen ihres kunftigen Lebens, auf
33<S BIOGRAPHISCHE BELUSTIGUNGEN
dem die Zukunft wie eine Pechwolke ruht, und kannst du wissen,
eh' die Wolke aufzieht, was sie bedeckt, Lustgarten oder Kirch-
hofe und Marterkammern?«
Seine Seele glitt allezeit an einer SchluBkette von Vorsatzen
so heftig und eilig herab, daB die Hand, womit er sie faBte, '
brannte und blutete und daB dann das letzte Glied seiner Ent-
schliisse das Gegenteil des ersten wurde: so horte jetzt sein Vor-
satz, ihrer zu schonen, mit einer gefuhlvollen Oberstromung sei-
nes Mitleids auf, die jenem widersprach. Er sagte, da eine Lerche
mit Friihlingstonen in der Abendrote hing, zu Adelinen: »Freue 10
dich doch mehr, Teuerste! Siehe nur, wie schnell das kleine Le-
ben voriiberrinnt, eh* man kaum zwei frohe Tage, zwei Freuden-
becher daraus geschopft hat ! 1st dir nicht das Gerippe der ver-
fallnen Natur an jedem Herbst, an jedem Abend eine agyptische
Mumie, die uns zogernde Menschen ermahnt zu einem schnellern
Umfangen des wegschliipfenden Lebens? — Ahme mich nach:
wahrlich, mich storen die Winde und Erdbeben des Lebens so
wenig wie eine Sonnenfinsternis - nur gegen etwas fand' ich kei-
nen Trost: wenn du mich nicht liebtest.« - »0 bester Leolin! nur
nicht so, wenn ich froh bleiben soll.<* Er antwortete schnell : »Ach ! 20
du bist gliicklicher als ich, ich finde alles eher auf der Erde, sogar
Wahrheit und Freude, als Freundschaft! - Ach! ich sah im Trau-
me meiner Jugend einmal ihren glanzenden Tempel stehen, wie
David im Schlafe den salomonischen, und ich bin mit dem flat-
ternden Luftschlosse in meiner Brust durch die Erde gegangen
und habe unter den Menschen ihren Tempel gesucht! - Ach,
Adeline ! - Gib mir deine Hand und fuhre mich hinein und sage
nur etwas, das mich trostet.«
Sie konnte nichts sagen, und ihr aufgehobnes Auge voll furcht-
samer Liebe war ihm nicht genug. Sooft er gleich der herrlichen 30
Diptam-Blume zugleich blilhte und brannte^ jenes mit der Phan-
tasie, dieses mit dem Herzen: so konnte Adeline, von seinen Er-,
gieBungen fortgerissen und untergetaucht, keine Worte finden,
die er doch foderte, und seine Beredsamkeit erschuf ihre Sprach-
losigkeit. Ach I zuweilen glaubte er dieses weibliche Herz nicht
bewegt, weil das Zittern seiner feinen Saiten unsichtbar war, da
SECHSTE BIOGRAPHISCHE BELUSTIGUNG 337
ihre Tone hoher sind. Ja, jede Trane, jeder Laut, womit sie ihm
antwortete, fiel wie ein neuer Strom in seinen, und seine grofiere
Entziickung wollte wieder durch eine fremde iibertrofTen sein,
und so konnte man nie sein Herz erwidern. Aber selten konnt* er
die bescheidne Seele iiber die Schranken des sprachlosen Genus-
ses ziehen: wie ein hoherer Priester sprach er ihr im Tempel der
Natur die Morgenandachten vor, und sie sagte sie mit gesenktem
Haupte nur im Herzen nach.
- Jetzt als sich der bunte Sonnenschirm des Himmels voll
10 Abendrot dammernd ausspannte und als auf der Erde nichts mehr
lag als Rot und Nacht: so erhob sich die Musik, und die Tone
glitten wie Wellen iiber den rotlich nachglimmenden See an die
Berge hinuber, iiber welche wie iiber Wirbel die nachzitternden
Saiten des Echo aufgezogen waren.
Aber Lismore fuhr, aus Vergessen oder Empfindung der Mu-
sik, noch heftiger fort: »Nein, zwischen zwei Seelen, die sich ein-
ander die Arme offnen, liegt gar zu viel, so viele Jahre, so viele
Menschen, zuweilen ein Sarg und allezeit zwei Korper. Hinter
Nebeln erscheinen wir einander - rufen einander beim Namen
20 - und eh* wir uns finden, sind wir begraben. Und wenn man sich
findet, ists denn der Miihe, des Namens der Liebe wert, die paar
gliihenden Worte, unsre kurzen Umarmungen? - Vom Morgen-
rot der Jugend gliihet uns der Eisberg der Menschenfreundschaft
liigend an, aber in der Nahe erfriert man an ihm, oder man zer-
schmelzt ihn mit seiner Warme - wahrlich, die Menschen dulden
keine Warme; ach! wie oft ergrifTich die Hand eines Geliebten
und wollt' ihn an meine Seele ziehen, aber die Hand riB ab, der
Samielwind hatte dem morschen Toten nur eine schlummernde
Gestalt gelassen. Aber wie himmlisch flieBen die Tone iiber
30 die Wellen! - Morgen hab* ich sie doch vergessen. - Und so
spiegelt jedes Gefiihl und jede Liebe uns eine erlogne Ewigkeit
vor: ein Scherz, ein Schlaf, eine verlorne Unze Blut, ach I eine
Stunde erwiirgt die Liebe. So steht uberall und iiberall, wo eine
Menschenbrust an der andern liegt, die Zeit und schiebt sie aus-
einander wie Marmorplatten, weil sie sie nicht auseinanderreifien
kann.« - -
338 BIOGRAPHISCHE BELUSTIGUNGEN
Die Musik tonte aus. - »Ach, Adeline ! ich habe gewiB nicht
recht.« - »GewiB nicht !« (sagte sie sanft) »ich konnte noch nie-
mand vergessen.«
Nun wurde druben hinter den Bergen der unsichtbare Geist
<ler Natur rege und wach und ergriff allmachtig die gestorbnen ,
Tone und gab ihnen ein zweites, zitterndes Leben - und das
ganze hiniibergehauchte Lied kehrte entkorpert und atherisch
und leise zu den Liebenden zuruck. Adeline deckte jetzt mit der
Hand das rechte, krankere Auge zu, weil aus ihm allemal die
Tranen friiher flossen, und ihre holdeSeele erblickte,inderWiege 10
der Echo ruhend, die Arme ihrer Mutter tiber sich aufgetan - ein
Engel hing, gleichsam von den wehenden Tonen gehalten, mit
aufgeschlagnen Fliigeln ami roten Abendgewolke und zeichnete
darauf die schonere Paradieseszeit, wo sie noch um ihre Eltern
war — den hellen Morgen, wo sie ihrer Mutter in einer langen
Umarmung das Versprechen der ersten Liebe gab - den begluck-
ten Abend, wo sie es unter dem Lautenzug eines ahnlichen Echo
esfullte. - Ach! aber durch wie viele Tranentage muBte der Glanz
dieser fro hen Stunden fallen und wurde darin gebrochen und
verschluckt! - 20
Jetzt schwieg alles! - Nun stieg das zweite Echo auf, dunkler
und tiefer, wie aus einer liegenden Brust. - Da rief alles in Ade-
linens Seele: »Es ist die Mutter - ja, deine Julie redet dich an« -
und nun sturzten Trane anTrane aus dem gesunden, linken Auge,
und sie verhullte keine mehr. Sie lehnte sich an ihren Geliebten -
ihre Zahren sanken den Schatten -Tonen auf die Erde nach - das
vom Nachtflor umwundne, gedampfte Trauerinstrument haufte
den Druck aller teuern Graber auf ein zerschmolznes Herz, und
es muBte ganz verbluten —
Ach ! in ihrem Herzen standen allezeit mehr Tranen als in ihren 30
Augen. - Der zweite tonende Traum war voruber. Siehe da
wiihlte sich dumpf und fern der dritte Nachhall auf, wie aus
einem Busen, den ein Erdbeben eingesenkt... »Wimmernde,
tiefe Stimmel welches dicke Grab bedeckt dich so sehr? - Blu-
tiger Ton! warum durchschneidest du mit deinem unsichtbaren
Schwert die Seele? - Jammernder, auf Nachte gemalter Schatte!
SECHSTE BIOGRAPHISCHE BELUSTIGUNG 339
wer bist du?« - »Ich bin dein enthaupteter Vater, und ich jam-
mere in der Grube noch iiber mich und dich.«...
- Ungluckliche Tochterl schaue an den bliihenden Himmel!
Eine graue Wolke hat sich aufgeworfen wie ein Grab - und hun-
dert Rosen aus Abendrot brennen auf dem dunkeln HiigeL Deine
Mutter schlaft darin mit der Rose, die du ihr gegeben, und mit
dem bleichen Haupte, das du zuletzt geschmiickt Adeline
blickte gen Himmel und fand einen Trost, und die Stimme des
zertrummerten Vaters verstummte; aber ihr Herz, das zerrinnend
10 sich mit den Tranen vermischte, tropfte gleichsam vom Leben
weg-und sie wandte das blafi-rote, geschwollne Angesicht plotz-
lich ab von den malenden Wolken und von den tonenden Bergen
und kehrt* es lieber aufgehoben und mit weiten Augen und mit
alien seinen weinenden Blicken und Ziigen gegen ihren Freund
und sagte in grenzenlosem Schmerz: »Ich kann ja meine Eltern
nicht vergessen, Leolin! - meine Mutter muB doch in meinem
Herzen bleiben. - O ! trosten Sie mich gern und oft, aber lassen
Sie mich auch recht weinen.« -
Trostlose ! ich wiirde dir keinen Trost sagen. Welchen konnt*
20 ich denn einer Tochter geben, die die erste und letzte Freundin
ihres schweren Lebens verloren und fur die nun das beste Schick-
sal nichts mehr hat als Freunde? Kann ich euch Verwaiseten denn
aus alien Ecken der Erde irgendein Herz zufiihren, das euch so
sehr wie das, das in ihr ruht, und so zartlich und so uneigenniitzig
und so lange liebte? O ! wenn ihr die unvergeBliche Lehrerin und
Mittlerin und den Schutzengel eurer Jugend begraben habt, wenn
' sich die Brust, aus der ihr den ersten Nektar des Lebens nahmt,
erkaltet nicht mehr fiir euch bewegt, welche zweite kann ich euch
auf der weiten Erde anzeigen, die ebenso warm schlagt und an
30 der ihr ebenso sicher alle Geheimnisse und Seufzer der eurigen in
sanfter Umarmung verhauchen durft? - Nein, es gibt keine - und
o 1 wenn eine solche Verwaisete mich gerade am Geburts- oder
Todestage ihrer Mutter lase, sie wiirde mit ihren Augen voll Tra-
nen gar nicht bis hieher gekommen sein, sie hatte langst ohne
mich gesagt : Nein, ich kann nicht getrostet werden ! —
Lismore driickte, iiberwaltigt vom erhabnen, treuen Gram der
340 BIOGRAPHISCHE BELUSTIGUNGEN
besten Tochter, ihr fallendes Haupt weinend an sein Herz, und er
Iegte um dasselbe die Arme schwebend, um sie gegen die bald
wiederkehrenden Tone taub zu machen, und sagte : »Engel ! wer
konnte dich einmal wiirdig betrauern?-Du hast ja einen Schmerz,
als warst du eine Unsterbliche. - Ach ! ich sah' das nicht voraus
- das Echo sollte dich bloB an ein schoneres erinnern und dich
nicht so traurig machen.«
«Sie weinen ja auch, Guter!« sagte sie.
»Ja, und um dich, um dein himmlisches Herz — und um deine
gute Mutter, die eine solche Tochter wie dich verlor.« — »0 10
mein Teuerster !« sagte sie warm, »ich und Sie haben mehr ver-
loren - ach ! Sie kennen Ihre Freundin nur halb«, und hier rich-
tete sie ihr himmlisches Angesicht mit einer beredten Miene voll
Nachrichten zum teuern Genossen ihrer Seufzer, zum Liebling
ihrer Mutter auf. Was sie meinte, war jenes gelinde mutterliche
Eindringen in ihre Brust, das ihr an jenem Tage, wo das Echo
bei Genetay ihr Herz an ein zweites schloB, alle fur Lismore vor-
teilhaften Geheimnisse ablockte oder einpflanzte. Lismore qualte
sie nun mit fieberhafter Innigkeit um die Vollendung ihres Be-
kerintnisses - er beschwor sie bei dem Grabe ihrer Mutter, diese 20
durch die Enthiillung eines Geheimnisses zu ehren, das sich als
ein neuer Kranz um ihr Gedachtnis lege — : und die Arme deckte
ihm im heutigen Taumel ihrer Trauer ihr von der neuen Flut
eines Echo fortgefuhrtes Herz und das Geheimnis des mutter-
lichen Anteils an ihrer Liebe auf. Aber in ihrem jungfraulichen
Munde klang es, als sei die abendliche Hingabe ihrer Seele am
meisten - der morgendlichen. Unterredung zuzuschreiben . . .
Hier fuhr sein heiBes Herz gerinnend zusammen, wie von ein-
gespriitzten, kalten Giften zersetzt: - »Hab' ichs nicht langst er-
raten,« (sagte eine Stimme in ihm) »sie liebt dich nicht, sie gibt 30
dir nur aus Gehorsam gegen die tote Mutter die Hand« - aber die
Wellen der heutigen Liebe und Entziickung liefen, wie bei Wech-
selwinden, streitend den Wellen des zweiten Sturms entgegen -
und er blickte die schone, leidende Gestalt voll unaussprechlicher
Liebe an, und dann dacht* er: »Ich will mich nur noch heute tau-
schen«, und erhaben wie ein unglucklicher Gott, sank er gleich-
SECHSTE BIOGRAPHISCHE BELUSTIGUNG 341
sam scheidend mit verschloBnen Augen, ohne Sprache und voll
Tranen an die, die er zu verlieren besorgte: denn er suchte den
Zweifel an ihrer Liebe durch das ObermaB der seinigen zu uberwal-
tigen. Gute Adeline! du errietest nicht, daB er darum mit Tranen
deine Wangen iibergoB, weil er in der schmerzlichen Umarmung
zu sich sagte: »Ist denn das meine Geliebte? Run' ich schon an
dem Herzen, das ich ewig suche? - O Himmlische! wenn du
nicht hier bist, der ich angehore, wenn einmal meine verwundete
Seele an deiner ausheilt, dann will ich dirs sagen, ich habe heute
10 an dich gedacht.... Ach! du arme Adeline, ich tue.dir doch un-
recht, wenn du mich auch nicht liebst.«— Und er riB sich von ihrem
Angesichte, wie sich eine bliihende Seele vom Leben reiBet: er
warf sich vor sie hin und blickte in ihr erschrocknes Angesicht
und sagte bebend und erstickt: » Adeline I liebe mich ohne MaB,
wie ich dich! - Gib mir ein Zeichen, wenn du mich nur deiner
Mutter wegen Hebst !« Aber er legte, um kein Zeichen zu sehen,
sein Haupt auf ihren SchoB, und sie breitete ihre Hande sanft
unter sein brennendes, nasses, verhiilltes Angesicht. Er hob es
noch einmal schwer empor und blickte zu ihr auf wie ein ster-
20 bender Engel und stammelte: »Sieh, wie ich liebe - ich wiirde
jetzt sterben, wenn du mir das Zeichen gabest.« Da sank ihr
Haupt wie eine Lilie gebrochen seinem entgegen, und ihre Tra-
nen fielen auf seine Lippen nieder, und ihre heruberfallenden
Locken hiillten den heiBen KuB voll Schmerzen ein
Als nach einer stummen Minute voll wundem Entziicken die
zwei Erschopften das Theater des Trauer- und Schattenspiels
verlieBen : war alles verstummt, ausgenommen einige Wellen am
Ufer - die Phonixasche unsrer Freude, die Musik, war verweht,
und kein Echo sammelte die Trummer der Tone mehr - der
30 Abendhimmel war, wie Adeline, bleich geworden - der Fruhling
legte den Rand der Nacht noch nicht in Mattgold ein, und der
Mond hing noch tief unter der silbernen Pforte des Aufgangs -
schweigend gingen beide zuriick - sie scheuchten eine schlum-
mernde Lerche auf, aber sie stieg, ohne zu singen - und als sie
nachts voneinander gingen, sahen sie sich weinend an, aber sie
kuBten sich nicht
34^ BIOGRAPHISCHE BELUSTIGUNGEN
— Die Menschen sind einsam. Wie Tote stehen sie nebenein-
ander auf einem Kirchhofe, jeder allein, ganz kalt, mit geballter
Hand, die sich nicht offnet und ausstreckt, urn eine fremde zu
nehmen. Nicht einmal ihr Korper halt das warme Sehnen nach
Liebe aus, aber den HaB wohl; an jenem zerfallt er, sie sind Pflan-
zen aus einem kalten KHma, die den groBten Frost, aber keine
Hitze ausdauern Wie, glaubt ihr, ich meine die Millionen
dumpfe, niedrige, hungrige Menschen, die gern in ihre Graber
zuruckkriechen, ohne den Besitz nicht nur, auch ohne den Wunsch
der Freundschaft und Liebe? - Ich meine sie nicht; in ihrer nie- 10
drigen, dem Kote parallelen Richtung konnen sie keine Seele zu
sich ziehen ; nur Menschen, wie nur Eisenstangen, die sich gegen
den Himmel richten, werden magnetisch. - Aber diese mem* ich,
Menschen wie Lismore. - Ach ! daB gerade die bessern am wenig-
sten lieben, daB es ihnen so schwer wird, zu n*nden, noch schwe-
rer, zu behalten, daB sie ein Jahrzehend brauchen, um einen Bund
zu schlieBen, und eine Minute, um ihn zu brechen. — Und dann
veraltet der entbloBte Mensch, ohne sein zweites Herz - die Jahre
setzen um sein bestes Herzblut, wie um alten Wein, eine steinerne
Rinde an — er heilet den liebenden Wahnsinn seines Kopfes und 20
das verzehrende Fieber seiner Brust mit Eisstiicken, wie die Arzte
Kopf und Brust mit aufgelegtem Eise herstellen - und wenn er
in die andre Welt tritt, so muB er fragen: »Ewiger, warum gabst
du mir ein gluhendes Herz in die Erde mit: ich bringe es toten-
kalt zuriick, es hat niemand geliebt.«... Ach! wenn diese Erde
ein Gangelwagen fur unsre ersten Schritte sein soil: so ist der
Ring desselben, auf dem wir mit der Brust auf Iiegen, nicht weich
genug gepolstert und schneidet zu tief ein. — Doch so ungliick-
lich sind wir nicht alle, und wer mich hier mit Schmerzen Reset -
anstatt mit bloBer Sehnsucht -, der war wenigstens gliicklich. 30
Aber lasset uns jetzt in diesem russischen Eispalast der Erde, wor-
in Statuen und Ofen von Eis sind, einander die Hande geben
und uns vornehmen, noch ofter zu vergeben, als wir tun, noch
ofter daran zu denken: daB wir ja aus so vielen tausend, tausend
Herzen nur einige, verarmt, an unserm halten - daB unsre Jahre
so kurz und schnell verstauben, aus denen wir zur Liebe nichts
SECHSTE BIOGRAPHISCHE BELUSTIGUNG 343
ausheben als noch schnellere Minuten - daB unsre ersten zehn
Jahre und vielleicht unsre letzten zehn ohnehin dem verwitterten
Herzen die Liebe nehmen - und wie viel wir schon vergessen
haben, wie manche gliihende Stunde, wie viele heiBe Versiche-
rungen, und wie noch mehr wir schon verloren haben. — Und
wenn uns das nicht bessert: so lasset uns auf die Graber unsrer
vorigen Freunde treten und ohne Schamrote sagen : »Wir lieben
sie«, indes wir die lebenden vergessen. - Ach I auf jenen Hugeln
lernt der Mensch Freundschaft so gut wie GroBe.
Satirischer Appendix
VORREDE ZUM SATIRISCHEN APPENDIX,
oder Extrakt aus den Gerichtsakten des summarischen Verfahrens in Sachen
der Leser, Klagern, contra Jean Paul, Beklagten, Satiren, Abhandlungen und
Digressionen des letztern betreffend.
Ich habe den Extrakt, den ich hier mache, eigenhandig vidimieret,
um ihn glaubwiirdiger zu machen; es konnen aber zu jederStunde
die Akten selber von beiden Parteien in meiner Stube, in Hof,
nachgesehn werden.
Den ersten hujus reicht* ich bei der furstlich scheerauischen
10 Berghauptmannschaft — die ich bekanntlich bekleide - als An-
walt und Mandatarius meiner Herren und Frauen Mandanten und
Mandantinnen, samtlicher Leser und Leserinnen, das Klagelibell,
das von so groBen Folgen war, gegen den Verfasser der unsicht-
baren Loge, des Hesperus und alles dessen ein, was der Manda-
tarius drucken lassen. Als ich einmal vor 13 Jahren las, daB ein
Beklagter in der Schweiz, da er selber in der Zeit des Mahens
keine hatte, vor Gericht zu erscheinen, seinen Klager gebeten, an
seiner Statt die notigsten Einreden zu machen: so dacht' ich da-
mals wohl mcht daran, daB ich einmal im namlichen, obwohl
20 umgekehrten Falle sein und von den Lesern als ihr eigner An-
walt gegen mich in Sachen, wo ich noch dazu selber richte, wiirde
aufgestellt werden; es laBt sich dariiber disputieren, wem ein sol-
ches Vertrauen mehr Ehre mache, den Klienten oder dem Patro-
nus selber. Wem meine Triumvirats-Rolle auffallt, der ist noch
mit wenigen Justitiarien (Gerichtshaltern) von Belang umgegan-
gen: ein Gerichtshalter, der z. B. Vize-Re und Kommandeur
iiber zwei Gerichtshaltereien ist, fertigt, wenn aus der einen ein
InsaB in die andre vorzuladen ist, haufig ein Requisitorialschrei-
ben an den Gerichtshalter der ersten aus - welches er selber ist -,
30 wiewohl freilich weniger um den Kerl zu haben als die Gebiihren.
- Nun zum Extrakt des Libells!
»Es sei leider bekannt genug, wie der Buchermacher und Bio-
348 BIOGRAPHISCHE BELUSTI GUNGEN
graph in Hof, Jean Paul, bisher seine Leser und Kaufer hinter-
gangen, indem er unter seine Historien die langsten Satiren und
Untersuchungen eingeschwarzt, so daB er, wie einige osterreichi-
sche Fabriken, die inlandische Ware nur darum zu machen ge-
schienen, um die verbotne satirische damit zu emballieren und
abzusetzen. Besagter Paul habe ferner oft Lesern ins Dampfbad
der Ruhrung gefiihrt und sogleich ins Kiihlbad der frostigen
Satire hinausgetrieben, da doch wenige darunter Russen waren,
die es ausstanden. Oberhaupt schieb' er, anstatt, wie es einem
guten Autor geziemt, dem Teufel nachzuahmen und nichts zu 10
erregen als Leidenschaften, uberhaupt schieb* er, wenn er sich auf
einigen Bogen gut gestellt, sofort eine breite Satire oder Unter-
suchung unter dem boslichen Namen eines Extrablattes etc. als
Ofenschirm zwischen die besten Kaminstiicke und Freudenfeuer
ein. Er mache sich dadurch unzahlige Feinde. Klagere bekennen,
sie wiiBten nicht, wie uberhaupt eine solche Zumutung mit ihren
unter alien deutschen Regierungen bestatigten Freiheitsbriefen,
die sie von alien Satiren lossprachen, es betreffe das Machen oder
das Lesen oder das Fassen derselben, zu reimen sei und wie es
damit bestehe, daB man ihnen ganze Krauter- und Hopfensacke voll 20
satirischer Gewachse auf lade. Habe der besagte Buchermacher aus
Hof eine genugsame Anzahl Stachel- und andereSchriften beisam-
men und vorzusetzen: so komm* ihnen vor, er konne solche alle-
zeit viel schicklicher in ein besondres, ehrlich betiteltes Buch auf-
scharren und aufschichten, damit Klagere, die Leser, nicht mit der-
gleichenSachenfurdenBuchhandlerbehelligtundbelastigtwurden.
Klagerischer Anwalt bitte daher, in Rechten zu erkennen und
auszusprechen,
daB der Biograph Jean Paul in seinen kunftigen Historien
geradeaus wie ein KernschuB zu gehen schuldig, ohne An- 30
spielungen, ohne Reflexionen und mit Ernst ohne SpaB,
uberhaupt daB er unter. dem Vortrage seiner biographischen
Partitur hinter seinem Notenpult eine satirische Pantomime
gegen samtliche Zuhorerschaft zu ziehen sich ernstlich zu
enthalten und alle diesfalls kausierten Schaden zu tragen ver-
bunden.
SATIRISCHER APPENDIX 349
Klagerischer Anwalt wolle iibrigens mit keinem iiberflussigen
Beweise beladen sein, bedinge sich, daB seine Klage nicht fur ein
zierliches Libell, sondern fiir eine schlechte Erzahlung angesehen
werde, und habe keinen animum injuriandi desuper nobile.« -
Es ist ein Wunder, daB man von Gerichts wegen ein sonder-
bares Annexum, das ich noch an das Klaglibell anstieB, nicht von
den Akten removiert hat. Es lautet vollig so :
»Niemand verdient wohl mehr, daB die Gesetze ihre Regen-,
Donner- und Sonnenschirme iiber seinen Kopf ausspannen, als
10 die S. T. Klagerinnen oder Leserinnen, die zu so vielen Leiden im
Gethsemane-Garten geboren werden und zu so kurzer Garten-
lust, mehr zu Werthers Leiden als Freuden, und die sich so oft
zwischen dem scharfen Treibeis der mannlichen Herzen blutig
stoBen. Klagerischer Sachwalter halt es fiir unschicklich, ineinem
Klagschreiben es welter auszufiihren, wie viele Schwielen einer
Leserin oft schon die Athleten-Hande von Verfassern driicken,
die sie geheiratet hat, und wie unbillig es ware, wenn vollends die
iibrigen, die sie nur kauft, es noch weit arger machten, wenn es
nicht genug ware an den Schlagen des schweren Tiefhammers des
20 Schicksals, an dem Pochwerke jeder Minute und so vieler Satans-
fauste, sondern wenn noch die Schattenspiele an der Wand der
Gehirnkammern, wenn die Schnee- und Strohmanner und alle
Marionetten auf dem Druckpapier ihre kalten Schattenhande auf-
heben wollten gegen ein so oft verletztes, zwischen Wunden und
Narben lebendes Geschlecht. In Biichern sollt' es nicht die Schmer-
zen wiederfinden, vor denen es aus dem auBern Leben in jene
floh; und die Autoren sollten die Altesten aus der Familie Baker1
sein, die diesen Koniginnen bei der Oberfahrt iiber den triiben
Kanal ihrer Tage, vom neblichten Lande ins warmere blaue, den
30 Kopf, den Dornenkronen niederziehen, aufrecht halten. Satiren
sind aber selber nur Girlanden aus Dornen.
Mandatarius muB gestehen, es ist seinen Mandantinnen auBerst
unangenehm, daB der Biichermacher die beste Geschichte immer
1 Unter den englischen Konigen aus dem Hause Plantagenet hatte die
Familie Baker ein Lehngut, weil der Alteste daraus verbunden war, dem
Konig bei der Oberfahrt von Dover nach Calais den Kopf zu halten.
350 BIOGRAPHISCHE BELUSTIGUNGEN
versalzt, verpfeffert und verwassert durch seine Manier, daB er
sie oft erst nach zehn Prologen anfangt, daher viele, wie in Lon-
don, erst beim dritten Akt in die Tragodie gehen, und daB man
zu seiner Kirchenmusik erst durch lange Predigten zu waten hat.
Anwalt geht jetzt die zwei Hauptmangel durch. Klagerinnen miis-
sen es unter seinen philosophischen heiligen Kasualreden stets
wie die Kantores machen, die unter der Predigt aus der Kirche
gehen und zur Musik wiederkommen. Denn Mandantinnen hal-
ten es fur Klugheit, seit Evas Trauerfalle, sich vom Giftbaum des
Erkenntnisses, der so viele Blitzschlage auf die Erde lockt, so weit 10
abzustellen, als seine Wurzeln laufen: die Kritik sitzt als Schlange
droben zwischen den Asten und rezensiert gunstig und kauet un-
bedenklich das Obst, das den Magen einer Eva verdirbt. Es wal-
tet freilich ein besondrer Gliicksstern uber Leserinnen ob, daB sie
ihren Mannern, die, gleich dem Teufel vor Einsiedlern, sich in so
viele Gestalten - z. B. von Romanschreibern, Biographen, Ta-
schenkalendermachern - bisher verkleidet haben, um sie in natur-
historische, geographische, astronomische etc. Hor- und Bucher-
sale nachzulocken, gliicklicherweise niemals nachgegangen sind.
Aber meistens nur Leserinnen aus den mittlern Standen durfen 20
sagen, daB sie durch den Oberzug mit Lumpen- und Rosen-
zucker, worin man bisher ihnen den MiBpickel und Fliegenstein
der Wissenschaften vorsetzte, sich doch nicht haben reizen lassen,
an den wissenschaftlichen Arsenik zu lecken, indes Weiber aus
hohern Klassen haufig in die Arsenikhutten der Lehrgebaude
zogen.
Satire dient ihnen nun vollends zu nichts als zum bessern Fort-
kommen im Buche, indem sie sie iiberblattern: denn bei denweib-
lichen Fehlern gilt das, was Unzer von den Hiihneraugen sagt,
daB jede Methode, sie zu vertreiben, unrichtig sei, sobald sie 30
schmerzhaft ist. Sie haben langst ein Surrogat und einen Ersatz
fur die Satire, die mehr fur Manner gehort, und das ist die Medi-
sance, die den Weibern recht knapp und schon am innern Men-
schen anliegt, wie der alte Adam, unser allgemeiner Berghabit
beim schmutzigen Einfahren ins goldreiche Leben. Klagerischer
Mandatarius will hieriiber nur einige Gedanken ausschweifungs-
SATIRISCHER APPENDIX 351
weise, wie der Beklagte ofter tut, hinwerfen. Eine Leserin findet
die Satire, die allezeit ganze Stande oder unzahlige Menschen auf
einmal herabsetzt, viel zu hart: sie weiB, mit einer bloBen Ver-
leumdung fallt sie nur einen einzigen Menschen und ohne Witz
und nur historisch an, und weiter ist Sanftmut nicht zu treiben.
Die satirischen Pfefferkorner halten ferner, wie das siiBe Manna,
sich nicht zwei Tage und werden leicht anbruchig; so wie Boer-
haave von der Galle (der Essigmutter der Satiren) angemerkt,
daB sie unter alien Feuchtigkeiten des menschlichen Korpers zu-
io erst anfaule. Aber von mundlichen, kurzen Satiren, d. h. von
Verleumdungen, kann man doch jede Stunde, wenn es die Bes-
serung und der Vorteil des Nachsten begehrt, neue Lieferungen
nachschieBen, nicht bloB jede Stunde, in jeder Stube, in jedem
Fenster, vor jedermann. Die Satiriker driickt meistens Wehrlose,
Gebrechliche, Sunder und Toren und ist offentlich parteiisch fur
Fromme und Weise; aber die Medisante ist unparteiisch gegen
diese und zieht gerade aus klassischen Menschen die Druckfehler
am ersten heraus, wie man nur fur klassische Werke (z. B. die
Messiade) einen Dukaten fur den Fund eines Erratums aussetzt:
20 hingegen lobt sie mit Pirchheimer das Podagra, mit Erasmo die
Narrheit, mit Marcian den Rettich, mit Archippo den Eselsschat-
ten und mit Bruno den Teufel. Von zwei verdachtigen Inkul-
paten wird, wie Franziskus Vallesius sagt, der haBlichste zuerst
gefoltert : das ist feme von Medisanten, die stets unter zwei Frauen
der schonsten zuerst die peinliche Frage zuerkennen, weil jede
selber weiB und fuhlt, wie viele Fehltritte ein schones FiiBchen
tue und wie viel Fehlgrifte eine schone Hand. -
Endlich ist sich auf echte Verleumdung mehr zu verlassen als
auf Satire, die immer Leute malt, die nie gesessen. Beaumarchais
30 hat aus einem Mantel, den er im Pantheon zu London gefunden,
Alter, FiiBe, Reize, Taille, Neigungen der Eignerin prophetisch
verraten: man gibt nun zu bedenken, was eine rechtschaffene
Medisante zu erraten und zu beurteilen und zu verurteilen ver-
moge, wenn sie alles vor sich hat an der andern, nicht bloB den
taftnen Mantel, sondern das ganze schwarze Ballkleid, alle Perlen,
sogar die echten, die goldne Hemdnadel, die brillantierte Hut-
352 BlOqRAPHISCHE BELUSTIGUNGEN
nadel, die Garnierung und das Brustbouquet und die Uhren und
die Strumpfzwickel und die Rosette auf dem Schuh und kurz die
ganze Frau ! — Wann nun Klagerinnen an der Dispensation und
Steuerfreiheit von alien gedruckten Satiren sonderlich gelegen:
also ergehet an die furstlich scheerauische Berghauptmannschaft
die Bitte, in Rechten zu erkennen und auszusprechen :
dafi oft besagter Buchermacher und Biograph Jean Paul in
Hof sich aller und jeder Satiren, wes Namens und Standes
sie auch seien, in alien seinen Historienbiichern ganzlich zu
enthalten habe.Desuperimplorandoetukeriorareservando.« 10
— Ich kann nicht weiter extrahieren, bevor ich in meinem eignen
Namen noch einen Grund fur echte Verleumdung beigebracht,
der ungemein fruchtbar und selber scharfsinnig ist. In unsern
Staaten werden namlich nach und nach die Ehrenstrafen in Geld-
strafen umgesetzt, dafiir aber werden — denn sonst kamen wir
endlich durch Abschaffung der Infamienstrafen um alle Eh re, die
doch in Monarchien sitzen muB als Prinzip, wie Montesquieu
schon bewiesen - die Geldprdmien zu Ehrenieicken erhoben, der
Ehrensold zu Ehre, das Glilckseligkeits system zu reiner Wiirdey
von Kant, so daB freilich ein Mensch, der nicht viel im Vermogen 20
hat, schlecht mit letzterem wegkommt, es sei, daB er seine Ehre
aufopfern will - denn er muB sie behalten und biiBt noch Geld
ein -, oder daB er etwas mit ihr vor sich bringen will - denn er
bringt nichts mit ihr vor sich als sie selber. Die Strafen an der
Ehre sind von unsern Zeiten besonders zwei verwandten Petr-
sonen ganz erlassen worden, denen, die mit fremden Geldern,
und denen, die mit ihren Reizen fallieren, d. h. Banker ottierern
und Geschwachten. Beide wurden sonst meistens am Kopfe si-
gniert. Ich hatte viele alte Juristen auf dem Tische vor mir, aus
denen ichs jetzt schreiben konnte, wenn ich wollte und es nicht 30
schon wiiBte, daB sonst in Rom, Paris und Frankfurt am Main1
nicht nur die Bankerottierer, sondern auch Leute mit Moratorien
und Quinquenellen grime Hiite tragen muBten - in Sachsen aber
gelbe, nicht zu gedenken des Gelbfarbens der Hauser, des Lau-
tens der Schandharmonika, des Sitzens auf dem Lasterstein und
1 Doplers Schauplatz der Leib- und Lebensstrafen. 1 ster Teil, p. 817. etc.
SATIRISCHER APPENDIX 353
der Schandgemalde, welches ich alles weiB. Jetzt tragen diese
Leute ihren feinen, schwarzen Hut wie ich. In Riicksicht falliter
Madchen ist uns alien bekannt, daB sie sonst Strohkran^e und
Hauben bei uns tragen muBten ; in Rom aber eben darum letztere
nicht nach Serv. in 7. Aeneid. Virg. Jetzt brauchen sie nicht ein-
mal Strohhute aus Italien aufzusetzen. - Diese zwei Menschen-
klassen wurden nun mit einem Kopf, der in einem Kopfzeug von
lauter Lorbeerblattern steckte, eingesargt und eingegraben wer-
den, hatte nicht der Staat seine Medisantinnen bestellt, die der-
10 gleichen Volk in Empfang nehmen und handhaben. Und wie tun
sie das? Sie fallen dariiber her tiber den FalHerer und tiber die
Fallite und greifen zu - sie malen an das Paar selber die Schand-
gemalde - sie lauten in jeder Repetieruhr die Schand- und Arme-
sunderglocke tiber ihnen - sie lassen vor jedem Altar in der gro-
Ben Kirche der Natur die eine die KirchenbuBe tun und den an-
dern auf dem Lasterstein knien - und erwerfen beide halb an der
Pillory des Fensters und erwiirgen sie halb mit dem Halseisen der
Zunge-und dann reiBen sie der armenFalliten,um ihr das Alexis-
oder Demutskleid1 anzulegen, fast alles ab, was sie etwan, als Di-
20 plome beBrer Jahre, von Ehrenkleidern und blauen Hosenordens-
bandern an ihrem Leibe an sich gesammelt hat Beim Himmel I
sie wurden nachlassen, wenn sie das arme Ding einsam in seiner
Kammer mit dem Schnupftuch stehen und tiber manches weinen
sahen —
Das Gericht hatte zwar jetzt nach der Oberreichung des Libells
dem Beklagten eine Ladung in faciem insinuieren so lien, daB er
zu rechter fruher Tageszeit entweder in Person oder durch einen
Gevollmachtigten vor der Berghauptmannschaft erscheinen, mit
Klagern gutlichen Vergleich pflegen oder rechtlichen Bescheid
30 gewartigen sollte; das war aber gar nicht notig, weil ich schon
langst erschienen war und ja erst vor einigen Augenblicken mein
Klagelibell tibergeben hatte.
Ich stand demnach schon im Termin in Person, verwarf vorher
Gtite und befestigte sogleich den Krieg rechtens, oder deutlicher:
1 Es besteht aus Billionen Lumpen und wird von buBenden Karmelitern
angezogen.
354 BIOGRAPHISCHE BELUSTIGUNGEN
ich kontestierte Litem. Ich hatte meine Ursachen, das Klaglibell
nicht lange inept, voll kumulierter und generaler Klagen zu nen-
nen: jura novit curia, d. h. bei einer respektablen Berghaupt-
mannschaft kann ein Beklagter alles voraussetzen, was er selber
weiB, sobald beide eine und dieselbe Person ausmachen. Ich re-
zessierte demnach von Mund aus in die Feder dergestalt:
»Vor der furstlich scheerauischen Berghauptmannschaft er-
scheint Beklagter und setzet zuvorderst dem angeblichen Man-
datarius der Klagere exceptionem deficientis legitimationis ent-
gegen, indem noch keine gehorige Vollmacht fur ihn bei den 10
Akten zu sehen ist; er bittet daher zu erkennen:
daB der angebliche Anwalt seine Vollmacht binnen der Mi-
chaelis-Messe ad acta zu liefern verbunden.
Ferner opponiert er den unbefugten Klagern exceptionem non-
dum praestitae cautionis pro expensis; da sie in ganz Deutsch-
land zerstreuet angesessen sind, Beklagter aber wegen der Inserat-
gebiihren und des Ehrensoldes Sicherheit braucht; hoffet daher,
den Klagern werde auferlegt werden,
Kaution oder Vorstand fiir den auflaufenden Ehrensold
durch eine Buchhandlung zu bestellen. 20
Er konnte auch die Einrede mehrerer Litis-Konsorten - ferner
die des dunkeln Libells - sogar des inepten, da einige Neben-
sachen darinnen stehen - entgegensetzen und konnte also den
wohlloblichen Gerichtsstand bitten,
Klagere zu Einreichung eines schicklichern Libells anzu-
halten.
Aber Beklagter ist mit dem Libell ganz zufrieden und hofft,
daB schon in Eetracht der zwei ersten Einreden werde erkannt
werden,
daB Beklagter auf die Klage sich nicht einzulassen brauche, 30
Klagere aber alle Ehrensolds-Kosten ihm zu erstatten schuldig.
Inzwischen laBt er sich doch ein, freilich eventualiter und pro-
testierend.
Er negiert vieles. Er hofft aber, da der Generalsuperintendent
Jakobi, Doktor Miller und Herr Oemler1 einem Geistlichen an-
1 Oemlers Pastoraltheolog. p. 1332.
SATIRISCHER APPENDIX 355
raten, in gesellschaftlichen Religionsstreitigkeiten mit nichts zu
antworten als mit Witz: so werde Beklagtem noch weit mehr
nachgelassen und verstattet sein, in einer bloBen gerichtlichen
sich reichlich mit Witz zu wappnen und damit auszufallen.
Beklagter negiert ganzlich, daB Klagere seine eingeschalteten
Digressionen, Satiren etc. lesen miissen: er warnt sie vielmehr
stets durch Oberschriften oder Leuchtfeuer vor solchen gefahr-
Hchen Sandbanken und Skagerraks, und es ist ihre Schuld, wenn
sie diese Riffs nicht umfahren, d. h. umschlagen. Oberhaupt wird
io das Wort Leser in wenig deutschen Stadten recht gebraucht,
auBer in Wetzlar: beim dasigen Reichsgerichte, wo die Eintei-
lung in die Kanzlei und in die Leserei iiblich ist, bedeutet es Men-
schen - ein Paar sind es -, die alle einlaufende Schriften aufbe-
wakren, ohne sie zu lesen; denn letzteres kommt den Kammer-
gericktsheisitzern zu, aber nicht der Leserei. Anstatt nun, wasallein
von einem Leser gefordert werden kann, gleich den GroBen ein
Buch zu kaufen und es wohlkonditioniert aufzubewahren, die
Blatter aufzuschneiden oder auseinanderzuziehen, lesen solches
viele und tun es den Buchbindern nach, die es unter dem Be-
20 schneiden und Planieren auch oft lesen. Und das ists ja eben und
allein, was die besten Leser oft so kalt gegen ihre besten Dichter
und Weisen macht, daB sie, anstatt sich, wie die zwei Wetzlaer
Leser, auf bloBes Konservieren einzuschranken, mit dem Zeige-
finger, wie mit einem Setzers-Zeilenweiser, solche dicke Werke
ordentlich durchrutschen, gleichalsarbeitetensieinderDruckerei
als Setzer, Korrektores und Autores, die freilich die Sachen lesen
miissen. Daher kommt es auch, daB viele Madchen viel billiger
und mit mehr Lobe iiber gute und schwere Werke richten, weil
sie solche nicht sowohl lesen - sie schauen jede Seite nur gut an -
30 als reinlich und wohlkonditionierlich erhalten und von vornen
durchblattern wie Karten-, Rock-, Rindspsalter- und Tulpen-
blatter. Beklagter leitet dieses heillose Vorurteil von der griechi-
schen Kirche her, wo der Leser der erste Priestergrad ist und
wirklich zu lesen hat. Man mochte aber wohl fragen: hat denn
irgendein Autor einen profanen Leser, wie der russische Bischof
den kanonischen, ordentlich ordiniert? Hat er, wie der Bischof,
35<$ BIOGRAPHISCHE BELUSTIGUNGEN
ihm die Hand auf den Kopf gelegt und gebetet: >0 Herr, gib
Starke deinem Knecht, der erwahlt hat, deine Geheimnisse zu
bekleiden und die Kerze vor ihnen herzutragen<? Und hat er ein
Buch auf seinem Kopfe aufgemacht, die Haare des letztern kreuz-
weis abgeschnitten, ihm die Hand zum Kusse und eine Lampe
gegeben ?
Gleichwohl merkt Beklagter wohl, dafi noch immer das Lesen,
d. h. das Aufschneiden und Durchblattern eines Buchs, das oft
300 Blatter hat, zu einer Anstrengung notige, die dem Flore des
Buchhandels eben nicht sonderlich forthelfen kann. War' es hin- 10
gegen moglich, eine Lesemaschine zusammenzusetzen, die unge-
fahr nach dem herkulanischen Instrumente, das die alten Biicher-
rollen monatlich um eine Spanne aufrollt, modelliert ware und die
in Form einer Buchbinder-Heftlade statt der Finger der Leser
arbeitete und vikarierte und die lesenswiirdigern MeBprodukte
aufschnitte oder aufzoge; ware das zu machen und im Buchladen
zu Kaufe : so mdcht' es wohl wenige Meisterwerke mehr geben,
die nicht von einer Hand in die andre gingen, und die deutsche
lesende Welt und die gelehrte dazu waren dann weiter, als man
sie gegenwartig sieht. 20
Ferner negiert Beklagter, daB Klagere und Klagerinnen Satiren
nicht fassen konnten. Anlangend Klagere, so halten solche das
ganze Jahr die politischen Zeitungen- wenigstens die Erlanger, die
Wiener, die Prager, die Baireuther und das politische Journal -
mit, welches wohl die feinsten Satiren sind (aber auch die bitter-
sten eben darum), die auf den ganzen Welt- und Zeitlauf konnen
geschrieben werden, gesetzt auch, vieles ware in besagten Blat-
tern wortlich wahr.
Anlangend Klagerinnen, so hatte adversantischerseits ange-
geben werden miissen, ob solche erwachsen und verehlicht. Denn 30
in diesem Falle stehen sie Tabaksrauchen, Toben, Satiren undalle
Unarten der Manner leicht aus. Klagerinnen kommen den Trut-
hiihnern nahe, die in der Jugend, zartlicher als jedes andre Feder-
vieh, in Warmkorbe gebettet und auf keinem Steintisch - weil
sie sich sonst die Schnabel zerhacken — gefiittert werden miissen,
die aber in reifern Jahren Wind und Wetter und alles vertragen. -
SATIRISCHER APPENDIX 357
Drittens ist das Gegenteil fiir Beklagten eine Unmoglichkeit.
Addison erzahlt von einem Menschen, der, wie Jupiter, eine Ziege
zur Amme gehabt und der deswegen noch in seinen reifernjah-
ren, wenn niemand bei ihm in der Stube war, immer einige Ziegen-
spriinge gemacht. Auf Beklagten hat sich ein dergleichenBocks-
fufi statt eines Podagras vererbt, und er muB sich nun immer mit
einem oder dem andern Sprunge helfen. Er denkt, es schade ihm
nichts oder weniger als der Ernst, da der lange, ernste Bart des
Philosophen dem Barte der Juden gleicht, den sie — anstatt daB
io den beschornen Wasserpudeln der ihrige zum Schwimmen stehen
bleibt - bloB zum Ersaufen behalten. Er laBt vielmehr unver-
hohlen, was er damit haben will - Untertanen namlich. Als der
Prinz Antiochus Kantemir in seinem zwanzigsten Jahre seine
erste Satire - wider den russischen Pobel, der sich gegen die neue
Helle sperrte - ausgearbeitet hatte : so honorierte ihn die Kaiserin
Anna dafur mit einem Ehrensold von iooo Bauern, wobei fiir die
Druckseite mehr als 70 Bauern gekommen sein konnen. Beklag-
ter will sich, da er, obwohl im 45sten Kapitel des Hesperus no-
bilitiert und geadelt, gegenwartig nichts zu regieren hat als sich
20 selber, nach und nach einige Untertanen und Bauern erschreiben,
die ihm die jetzige Zarin leicht abstehen kann, wenn sie bedenkt,
was - zumal aus Kurland - sie hat und was er.
Viertens sollte doch jeder lieber alles aus der Acht lassen als
dieses: ein beschriebnes Leben ist von einem gefiihrten bloB im
Boden verschieden, worauf die Eigner davon stehen und der bei
der Biographie in Lumpenpapier besteht. Das Menschenleben
wird nun ofTenbar unter der Aquator-Linie gefiihrt, die der eilige
Wechsel mit Windstille, Sturm, fliegenden Fischen, Himmelsblau
und Gewittern bezeichnet: iiber diesen Wechsel wird die Seele
30 nicht eher erhoben, als bis er verkleinert und zusammengezogen
unter ihr liegt. Dem Menschen k6mmt aber seine Qual und seine
Freude zu groB vor, weil er erstlich Tage und Wochen braucht,
bis eine von beiden sich durch seine Seele gezogen, und zweitens,
weil die Mitteltinte und der Halbschatten so breit ist, der sich
zwischen beide trennend legt. Wenn nun die Poesie Seufzer und
Freudentranen, die funf bunten und dunkeln Akte des Lebens mit
35^ BIOGRAPHISCHE BELUSTIGUNGEN
schmalen Mitteltinten, mit verkleinerten Zwischenraumen in we-
nig Minuten durch die Seele treibt: so stellt sie den Menschen auf
die Anhohe, auf der er am Ende des Lebens iiber die einge-
schrumpfte Vergangenheit blickt, die vorher eine ausgespannte
Zukunft einnahm. Der Mensch ist im Ernste nicht humoristisch
genug und im Scherze nicht ernsthaft genug. Nicht nur die Wahr-
heit besteht aus alien Menschen-Systemen zusammengenommen,
wie nach Buffon und Kant die Sonne die verschiednen Materien
der verschiednen Planeteny die um sie fliegen, in sich vereinigt
befasset: — sondern auch das rechte Herz ist aus alien ungleichen 10
Gefuhlen gebaut und tragt ein Weltall, nicht als Krone, sondern
als Stufe.
, Daher macht der schnelle Wechsel zwischen Ernst und Scherz
nur ernster, und wenn man das Buch eines Englanders, worin
dieser Wechsel herrscht, beschlieBt, denkt man, es sei das Leben.1
Daher bringt es den Beklagten ofters auf, daB die arktischen
Deutschen, gleich Wunden,in einem fort recht warm (pathetisch)
gehalten sem wollen von Autoren. Er erklart frei, eh* er das tate,
daB er seine Werke zu Zundstricken und Lotrohren machte, um
Reverberierfeuer anzuschuren, wollt* er sie lieber zu Papiersak- 20
ken2 kiitten, um eins auszuspritzen. Man scheint auch gegneri-
scherseits ganz und gar nicht daran gedacht zu haben, daB Be-
klagtens Werke dem Leben der Menschen gleichen, dessen scho-
ner Wechsel mit schwarzen und weiBen Taten auf eine sinnbild-
liche Art in den Variationen der Gesetze auf Schwarz und WeiB
so deutlich nachgeahmt wird, daB solche - hier nistet freilich ein
Gleichnis im andern - dem tiirkischen Koran nacharten, in dem
eine Menge Stellen, die der Teufel dem Propheten inspirierte -
weil ihm der Engel zu eilig diktierte -, nach der muhammedani-
schen Meinung eingeschoben stehen, die aber nichts schaden, weil 30
ihm Gott wenige Seiten darauf wieder Stellen einfldBte, die jenen
obigen hinlanglich widersprechen. In unsern Gesetz- und andern
1 Die nahe Verwandtschaft zwischen Humor und Riihrung soil in einem
groCern Raume als dem obigen einmal ihren Stammbaum finden, dessen
Zeichnung ich mir vorbehalte.
2 Der Bergmeister Loscher hat eine Wasserschleuder, die Papiersacke voll
Wasser ins Feuer wirft, bekanntlich erfunden.
SATIRISCHER APPENDIX 359
Biichern arbeitet oft der Teufel erst hinter Gott und schreibt als
Beklagter den letzten Satz; und das macht uns alle ungemein
konfus.
Beklagter wiederholt nicht nur die obige Bitte, ihn bei seinem
Rechte zu schiitzen und von der Klage zu entbinden wie von
alien Schaden, sondern setzt auch die neue hinzu, daB eine lob-
Iiche Berghauptmannschaft Klagere ordentlich zum Lesen seiner
Satiren, so wie sie durch Gefangnis zum debito conjugali konnen
gebracht werden, durch Stubenarrest anhalten moge; er will sich
ubrigens seinen Gegenbeweis, fremde Schwiire und allerlei recht-
liche Notdurf't hiemit vorbedungen haben. Desuper.«
Als ich protokollarisch vernommen war: muBte der klageri-
sche Mandatarius auf alles replizieren. Ich will das ganze Ver-
fahren bis zum Bescheide nur mit halben Worten mitteilen. Ich
replizierte als klagerischer Anwalt — duplizierte sofort als Beklag-
ter - sogleich hinterdrein war der Anwalt mit einer Triplik bei
der Hand — der Beklagte spater mit einer Quadruplik - der Anwalt
wollte sich noch einmal mit einer QuintupHk in die Hohe richten
- aber der Beklagte warf ihn vollig um mit der Sextuplik, nach
20 welchem Verfahren denn endlich recht gut zum Bescheide konnte
geschritte'n werden.
Es wird von keinem gescheuten Manne angefochten werden,
daB ich den Bescheid selber erteilte an beide Parteien. Ein solcher
Mann schlieBt: wenn der Mensch in Gewissenssachen Richterund
Tater und rechtlicher Beistand und advocatus diaboli zugleich
sein darf, so wird er in viel geringern Rechtshandeln noch leich-
ter eine solche Vetterschaft und Sozietat sein konnen. Warum
soil ein Advokat das, was er auf eine ehrliche Weise in drei ver-
schiednen Gerichtshaltereien vereinzelt ist, Richter in der einen,
30 Advokat in der zweiten, Partei in der dntten, nicht in einer und
derselben auf einmal in einem Simultaneum vorstellen und so
allein ein Kollegium voll vota curiata formieren? - Die Moglich-
keit davon leuchtet einem jeden schon aus der Wirklichkeit ein.
Ein Fiirst stellt nicht nur haufig eine solche Drei-, Vier-, Fiinf-
360 BIOGRAPHISCHE BELUSTIGUNGEN
einigkeit leicht vor, sondern in der Tat ist seine Person oft ein
Personale von einem Herzoge, Markgrafen, Grafen und Ritter
auf einmal, nicht zu gedenken, daB er zugleieh das ganze Volk
und das Oberhaupt desselben reprasentiert, welches letztere er
selber erwahlt und voziert; daher ist sein Wohl stets das Wohl
des reprasentierten Volks. Auch setzt eine solche Korporation in
einem Korper, eine solche Einheit des Orts, nicht die geringste
Einheit der Handlung voraus: der deutsche Kaiser kann nach
dem Staatsrechte derselben Macht als ungarischer Konig Sub-
sidien schicken in einem miBlichen Kriege, den sie mit ihm als 10
ostreichischen Herzog fuhrt, indes er als deutscher Kaiser die
hochste bewaffnete Neutralitat beobachtet. Noch ein Beispiel:
wenn das Regierungskollegium in einigen Landern Amter mit
gewissen NutznieBungen verliehen hat, so muB man beim Kam-
merkollegium um ein zweites Dekret, die Sachen zu bekommen,
nachsuchen, und die Supplik lautet so: »Da mir Ew. Durchlaucht
besagte NutznieBung bewilligt haben, so bin* ich Ew. Durch-
laucht, mir solche wirklich zu geben.« Supplizierte Supplikant
nicht: so konnte der Fiirst dieselbe Sache, die er als die eine mo-
ralische Person ihm zugestanden, als eine zweite ihm entziehen. 20
So sind auch ganz verschiedene Gesetze von einem und demsel-
ben Wesen, aber von verschiedenen moralischen Personen und
Uriioten, die es in seiner XXger Union und in seinem Kurverein
befasset, statthaft.
Demnach konnte gegenwartiger Verfasser, zumal als natiir-
Hcher Dauphin, die elende kleine Verbriiderung von Richter und
Parteien als sein eigner Drilling ohne Muhe vorstellen; und die
furstlich scheerauische Berghauptmannschaft erteilte beiden Par-
teien folgenden merkwurdigen Bescheid:
»Auf Klage, Antwort und erfolgtes Verfahren in Sachen der 30
Leser und Leserinnen, Klageren, an einem, Jean Paul, Hofer
Buchermachers, am andern Teil gibt die furstlich scheerauische
Berghauptmannschaft folgende Resolution:
daB Beklagter, Jean Paul, Buchermacher, nicht befugt sei, in
seinen historischen Bildersalen mitten unter Damen SpaB oder
Extrasachen oder andere Spriinge mit seinem ererbten BocksfuBe
SATIRISCHER APPENDIX 3<5l
zu machen - daB ihm aber in Betracht, daB er mit besagtem FuBe
behaftet und daB alle Volker Traumfeste und Narrenfeste hatten
und daB man noch jetzt bei Weinlesen, auf der Themse und beim
Ankeraufwinden das Recht hat, Stachelreden vorzubringen, daB
in diesem Betrachte Beklagtem unbenommen bleibe, hinten an
seinen Bildersaal ein Wirtschafts- und Hintergebaude (obwohl in
einiger Entfernung) anzustofien, um da sein Wesen zu treiben
und seinen satirischen Tabaksrauch ohne Schaden der Damen,
denen sonst die Schminke abflieBet, auszublasen — ferner resol-
» vieren und erkennen wir:
daB Klagerinnen in Erwagung, daB die Last des Kindergeba-
rens, des Kindersaugens und der Haushaltung sie schon bis an die
kalte Erde niederdrucke, von der Lesung seines satirischen Ap-
pendixes ganzlich befreiet und eximiert sein sollen —
daB hingegen Klagere ganz und gar gehalten seien, dem Bii-
chermacher in sein Filial nachzufolgen und da zuzusehen, wie er
springt und setzt, desgleichen die wenigen Pickelherings-Pillen,
die er unter dem Springen zuwirft, zu bezahleri und hineinzu-
schlucken, angesehen schon bei den Agyptern das ganze Volk
> monatlich etwas zum Laxieren nehmen miissen.1 - Wornach sich
zu achten; publiziert Hof, den Schalttag 1796.
Berghauptmannschaft allda.«
Mit diesem Dekret eines hochst venerierlichen Gerichtsstandes
bin ich jetzt sattsam gedeckt und lasse nun ohne Scheu mein sati-
risches Hospitalschiff neben der biographischen Silberflotte her-
laufen. Das Edikt (edictum perpetuum) des Gerichtshofesnimmt
mir zwar die Leserinnen, fur die jetzt die Satire nur ein Riicken-
wind ist - sie zaubern sehr, und schon nach Bodin. 1. 2. c. 2. de
daemon, konnen Zauberinnen kein Sail ausstehen -; aber doch
samtliche Leserschaft muB nach dem publizierten Urtel des Ju-
stizdepartements in meinem Pulverturm, den ich abgelegen von
der biographischen heiligen Stadt erbauen muB, bei mir ausharren
und mir zuschauen. Ich erwarte mit einiger unschuldigen Scha-
1 S. Brinkmanns Vergleichung der alten Erziehung mit der heutigen.
362 BIOGRAPHISCHE BELUSTIGUNGEN
denfreude, was nun die kleinen Kunstrichter nach einem solchen
Erkenntnisse eines hohen Dikasteriums etwa anzustellen ged en-
ken; ich aber kann kaum die Minute erharren, wo ich mich vor
mein Rucken-Positiv setze und meine Murkis vororgle, ganzlich
bedeckt von. meinem Fetwa und Arret. - Die folgende Satire ist
zwar die erste; aber die im nachsten Buche ist die zweite - und
so werden in alien meinen Werken die Satiren in fortlaufender
Signatur fortgezahlt: denn die Appendizes haben samtlich, wie
groBere Vulkane, eine geheime Verbindung.
Erster Appendix
Die Salatkirchweih in Obersees,
oder fremde Eitelkeit und eigne Bescheidenheit
Ich wollte diese Kirchweih schon vor einigen Jahren beschrei-
ben; aber ich hatte niemals Platz: Gott gebe, daB ich die Beschrei-
bung samt den vielen Einschaltungen nicht weniger zu Ende
bringe wie dieses Buch. -
Vor 13 Jahren wurde der geduldige Juris-Praktikant Weyer-
mann^ der fast nichts einzunehmen hatte als die copiales fur seine
10 Schriften, die er selber mundierte, im Friihjahr so glucklich, daB
ihm die ganze Gerichtshalterei Obersees anfiel, eine der besten
im Lande, dem Kaufherrn Oehrmann belehnt und 4 Meilen von
der Stadt gelegen. Ich und Weyermann wohnten in dieser. Er
hatte mich lieb und kopierte oft meine Exhibita und oft mein Be-
tragen: ich war freilich selber nur die lange Tangente seiner Zirkel
und er also eine kurze Kotangente; ich der Gipsabdruck, er mein
Nachstich. Manche Menschen konnen, wie die Englander, ihr Ich
mit einem groBen I schreiben und den ganzen Tag Zugwerk und
Buchdruckerstocke um das groBe I entwerfen (als war* es der
20 Anfangsbuchstabe des Universums), ohne daB ein fremdes I sich
dariiber erzurntoder sieEgoisten schilt: die Lust wird ihnen herz-
lich vergonnt. Und so war Weyermann ; und ich gonnte ihm gern
die Hefe (die Gerichtshalterei), die seinen ganzen Teig aufhob
und iiber den Backtrog trieb. Ich sagte zu mir: je kiirzer die Bahn
oder auch das Gesicht eines Menschen ist, aus einem desto hohern
Tone pfeift er, wenn er drei Schritte darin getan ; so geben kur^e
Pfeifen hohe Tone, lange aber tiefe.
Ich erhorte daher mit Vergniigen die Bitte des Gerichtshalters,
mit ihm nach Obersees zu reiten, ob er sie gleich in der eiteln Ab-
30 sicht tat, mit meiner Gesellschaft groBzutun und zu prunken. Da
nach den Theologen die Mohren, Chams Enkel, bloB durch den
364 BIOGRAPHISCHE BELUSTIGUNGEN
Fluch Noahs so schwarz angelaufen sind : so hatte der gutmiitige
Weyermann gern seinen Bedienten aus Liebe verflucht, wenn er
ihn mit dem Fluche hatte, wie mit Beinschwarz oder RuB, zu
einem Kammermohr umfarben und schwarzen konnen. - Wir
muBten einen Tag vor der Salatkirmes, oder vor dem Johannis-
tage, in Obersees ankommen, damit am Kirmestage selber die
reitende Jury, Weyermann namlich, von dem Gerichtssprengel
die Huldigung empfing.
Als er abstieg im Oberseeser SchloBhof, sagte er Iaut vor so
vielen zulaufenden Gerichts-Insassen : »Herr Kammerherr v. Tor- 10
saker, GroBkreuz vom Seraphinen-Orden, schwitzen Sie stark?« —
»Ich leidlich,« - sagt* ich — , »aber der Gaul !« — Das wird aber
kein Mensch verstehen; und es muB die Decke von der Sache
gezogen werden.
Es ist bekannt, daB am scheerauischen Hofe ein Avanturier
drei Wochen lang Cour und hohes Spiel machte, der sich fur
einen schwedischen Kammerherrn und GroBkreuz vom Sera-
phinen-Orden ausgab, namens Torsaker. Zufalligerweise (glaub*
ich) kam ein authentisches Blatt aus Stockholm, das in einer hal-
ben Minute den Ritter degradierte und ihm den Diebsschliissel 20
und Irrstern herunterriB. Ich meines Orts halte diesen Vexier-
Ritter gleichwohl fur so ehrlich als die besten Michaels-Ritter in
Spaa : er und diese sind vielleicht - wenigstens muB man das Beste
prasumieren - halb von Verstand und sehen sich, wie viele Wahn-
sinnige sich fur Kardinale, Personen aus der Gottheit, fur Mond-
Souverans, fur Topfe, Haferkorner hielten, wirklich fur Ritter
an. Oft aber denk* ich mirs so: da der Papst auBer den Kardina-
Ien, die er laut kreiert, stets noch einige leise (in petto) erschafft,
die aber, wenn er ihnen nach langer Zeit die laute Kreation ge-
wahrt, den Rang nach der Zeit der leisen haben : so ists eben nicht 30
unverniinftig, wenn man diese stumme Ernennung zu Rittern,
zu Marschallen, Marquis etc. bei alien solchen voraussetzt, denen
keine fehlt als die laute.
Inzwischen ging der Herr v. Torsaker zum Teufel, und das in
solcher Eile, daB sein Kleid samt Kette und Stern dem maitre
d'hotel zustarb, vor dem er jenen Kanarienvogel bisher nachge-
SATIRISCHER APPENDIX 365
ahmt hatte, der (wie Goeze berichtet) bei einem Kaufmann das
Gerausche gezahlter Taler recht tauschend nachaffen lernte. Der
Wirt, der vom schwedischen Kanarienvogel weiter nichts erhal-
ten hatte als das leere Gerausche, hielt sich an die Ordenskette
und ans Kreuz, die er fur Geld zur Schau, zur Miete, zu Kaufe zu
geben gedachte. Er streckte mir die Ritterwiirde fur 18 gr. rhnl.
auf drei Tage vor.
Eine Stunde vor Obersees legt* ich mich selber an die schone
Ordenskette, die sich mit n goldnen Engelkopfen (jeder sechs-
10 fach beflugelt oder mit 6 FloBfedern) und mit ebensoviel Patri-
archalkreuzen herniederringelte; dann warf ich das blaue gewas-
serte Band iiber, den Tragriemen des Ordenskreuzes, auf dem
eine blaue Kugel die Buchstaben I. H. S. aufwies. - Es wiirde mir
auffallen, wenn der Konig von Schweden oder die schwedischen
Reichsstande mit mir Handel dariiber anfmgen, daB ich mich in
Obersees fur einen wirklichen Seraphinen-Ritter ausgegeben:
denn erstlich tat ich die Sache bloB dem Gerichtshalter zu Ge-
fallen, damit er sich vor den Oberseesern mit der Begleitung und
Freundschaft eines GroBkreuzes ein ungewohnliches Ansehn ge-
20 ben mochte, und zweitens wundert es mich fast, daB der Konig
und seine Stande so wenig erwagen, daB ich ja nicht einen schwe-
dischen Ritter und Kammerherrn nachmachte und nachaffte, son-
dern einen Affen von beiden, den Avanturier. Eben um diesen
mit gleicher Miinze abzuzahlen, verstellt' ich mich in diesen Ver-
steller und wurde der Nachdrucker des Nachdruckers, so sehr
auch meine Eigenliebe vielleicht unter seinem Ordensstern und
Schliissel litt.
Unser JagdschloB - gleichsam eine Bagatelle vom Prinzen von
Artois, eine Solitude - war hinlanglich geraumig, leer und kuhl.
30 Der Gerichtshalter gab mir neun Zimmer ein, in deren toricelli-
schen Leere nichts war als ich selber; er besetzte mit sich nur
sieben. Ich machte neun Fliigelturen auf und wandelte im Korso
und Korridor eines aus neun Zimmern erbaueten Saales hin und
her; der Gerichtshalter macht' es in der Halle und Sandallee seiner
sieben Stuben ebenso, und sooft wir aneinander stieBen, lachelten
wir zugleich, und ich sagte zu Weyermann : »Wir konnen noch
366 BIOGRAPHISCHE BELUSTIGUNGEN
den Verstand verlieren iiber die* Ehre; aber groB ist der Mensch
hienieden.« — DrauBen urns Eskurial lag das herrliche Obersees,
das in RuBland nun langst zu einer Stadt promoviert hatte, da es
ein Dorf war - wiewohl es jeder schon fiir eine halten konnte,
der bedachte, daB es in Theben nur 100 Tore gab, hier aber soviel
Tore und Einlasse, daB zur Mauer wirklich kein Platz ist. Ich
machte den Justitiar auf den Mangel alles Steinpflasters aufmerk-
sam: »Man wiird' es nicht«, sagt* ich, »von der Stadt Obersees
weggerissen haben, miiBte sie nicht taglich Belagerungen und
Bomben vorbauen. Ich seh' auch schon Diingerhaufen zum Schutze 10
beschoBner Keller.« Ich gestand es dem Advokaten, ich sahe nicht,
warum bloB London alle die Dorfer, an die seine Garten und
Gassen stoBen, als seine Mittelstiicke und Ansatze anschrauben
und sich damit grofi und breit machen darf, Obersees aber nicht ;
sondern ich glaubte vielmehr, die Stadt Obersees konn' ebenso-
gut als eine andre die urn sie liegende Stufensammlung von Dor-
fern, die nur durch einige Wiesen wie durch Garten sich von ihr
trennen, zu ihren zehn Vorstadten schlagen, und er sei in meinen
Augen der Stadtrichter. Er versetzte : »Es ist doch nicht Ihr Ernst.«
Im Schlosse wohnte niemand weiter als der SchloBhauptmann 20
und seine Ratten und »Weibsleute«. Er war ein Bauer und der
Bruder und Sequester seiner Schwester. Sie war die Braut des
Schulmeisters, wollt* aber seine Frau - ob sie es gleich ihren sel.
Eltern versprochen hatte - nicht werden, weil sich mit dem Schul-
diener ein hitziges Fieber gleichsam gerauft und ihm nicht so viel
Haare gelassen hatte, als ein Truthahn noch in der Pfanne anhat.
Ihr Bruder war ihr von der Obrigkeit gesetzter Sequester, damit
sie kein fremdes Handgeld, d. h. keine fremde Hand unterdessen
nahme : denn keine Liebe - selber die erste, fiinfte, neunte nicht
ausgenommen .— hat ein Madchen so schnell als die zweite. 50
Ich und der Gerichtshalter waren so glucklich, daB sie unsre
Heiduckin, Jagdlakaiin und Adjutantin war; man balge oder
schale die Venus Urania aus, hange ihre Haut einige Tage im
Sommer ans Trockenseil zum Einlaufen und ziehe der Gottin den
diirren Oberzug, die Nachtkleidung, wieder an und seh* ihr ins
Gesicht : so hat man - unsre Eva. Es war an ihr, wie an andern
SATIRISCHER APPENDIX 3<$7
Schwanen, alles herrlich, nett und weiB, nur die Haut nicht. Ich
weiB kein gro Geres Lob ihrer Schonheit als dieses, daB der Ver-
fasser und Seraphinen-Ritter Torsaker, als die jungen Pursche
von Obersees in den SchloBhof kamen, um ihr - sie nahm gerade
einigen groben Stuhlen die Stuhlkappen ab - wie den andern
Madchen seidne Floskeln und Fliigeldecken und Berlocken fiir
die Purpurfahne des Maienbaums abzubetteln, kein groBeres Lob
weiB ich fiir sie, sag* ich, als daB ich meine seidne Reise-Krawatte
aufknopfte und herunterzog und ihr hinreichte mit den Worten:
io »Schenk* Sie es dem Maienbaum in Ihrem Namen.« Sie wollte
nicht, sie muBte aber. »Man kann in unsern Tagen«, sagt' ich,
»leicht a la Hamlet gehen.«
Ich habe oft meinen Freunden abgeraten und vorgehalten:
»Man muB Frauenzimmern und Leuten von hoherm Stande nicht
den geringsten Gefallen tun, um etwan ihre Liebe damit zu er-
beuten, wiewohl mans tun kann, um seine zu zeigen. Denn beide
sind so sehr an diese Personensteuer und Landtaxe gewohnt, daB
man sie zehnmal mehr einnimmt, wenn man sich von ihnen eine
Gefalligkeit - erweisen lasset.« Ich fuhre diese ewige Theorie und
20 Satzung nur an, um zu bemerken, daB sie grundfalsch ist, wenn
man sie auf geringere Madchen appliziert: diesen kann man ohne
alien Schaden die besten seidnen Schnupf- und Halstilcher zu-
werfen und zollen.
Es ging jetzt gegen Abend: die Sonne setzte ihren letzten Tags-
und Fruhlingsglanz herrlich in beweglicheEdelsteine auf den von
FloBfedern geschlagnenWellen um, auf den griinen Fensterschei-
ben, auf den wankenden Laubenhalsen, auf den durchsichtigen
Gipfeln und auf einem Wolkchen, nahe an ihr und der Erde. Sie
hatte sich, waren jemand im Dorfe zwei Tropfen in den Augen
30 gestanden - welches bei der allgemeinen Vigilienfreude kein Wun-
der gewesen ware -, in die Tropfen aufgeloset und sich als eine
Goldsolution ans dammernde Auge gehangen.
Weyermann wartete, bis die Jugend des Orts sich bei ihm eine
Erlaubnis auswirkte, den Maienbaum als einen Schlagbaum oder
ein Schutzbrett ihres Freudenstroms aufzuziehen : dann, nach der
Permission, konnten wir ins Dorf hinuntergehen zum Maien-
368 BIOGRAPHISCHE BELUSTIGUNGEN
baum. Welches Lust-Feldgeschrei I Wie erheben sich alle Herzen
zugleich mit einem Baum ! BeBre Baumheber als die, die ihn- sonst
umstiirzten, sind jetzt die Bettaufhelfer des liegenden Freiheits-
baums, und unzahlige Stauber richten ihn empor, gleichsam als
ein Sinnbild eines guten Staates^ oben mit einem hangenden Gar-
ten griinend, mit einem Gipfelputz von seidnem Ordensband-
Tauwerk, mit bunten Brahmsegeln zum Stehen, mit einer roten,
knarrenden Freiheitsfahne und einem roten Hahne und mit einem
gleiBenden Stamm, herrlich geschalt und abgeblattet und fest in
die Erde, ohne Wur^eln^ eingeschraubt und eingestampft. Als der 10
sixtinische Obeliskus in Rom sich aufrichtete, war derLarm eben-
sogroB, aber nicht der Jubel, und die Romer hatten nicht so
yiele Schmerzen in die Flucht geschlagen, daB sie, wie die sieg- "
haften Oberseeser, um die Siegessaule tanzten. Ich und derStadt-
richter waren, ungefahr 30 Schritte davon, gliicklich: er wars,
weil er vor alien Leuten neben dem Kammerherrn v. Torsaker
stand und dessen seraphisches Paternoster aus Kopfen frei an-
greifen durfte, nicht zu gedenken, daB auf morgen der Antritt
seiner Regierung iiber die ganze Volksmenge fiel - ich war noch
gliicklicher, denn ich sah in einem fort meine Stipendiatin an, die 20
schone Eva, und bewunderte in der Dammerung ihren Teint
(denn es gibt keine beBre sinesische Schminke bei David Schir-
mer in Leipzig als mein kurzes Gesicht), und zweitens sah Eva
in einem fort auf mich und zeigte vielen ihren Mazen und Wohl-
tater.
Welche Einheit des Interesse, welche nchtige Knoten, die aus-
einander miissen, bringt doch eine einzige schone Gestalt fur
einen fremden Passagier, der sie festzuhalten sucht mit Blicken
oder Fingern, in das ganze verwirrte, mit Akteurs bevolkerte,
iiberladne Theater eines fremden OrtsI - Steht eine solche Sonne 30
noch unter dem Horizont, so ist der ganze Ort ein odes, frosteln-
des Schattenreich, und man hangt sein Herz an nichts weiter als
an die Pferde, die einen aus dem Orkus oder Hades ziehen. In
einem solchen jammerlichen Falle bin ich gar ein ordentliches
Windei ohne Dotter: es ist - auBer dem, was ich schuldig bin -
nichts aus mir herauszubringen, der Wirt mag mich mit seiner
SATIRISCHER APPENDIX 369
Brust ansitzen und anbriiten, wie er will. - Hingegen, wenn der
elektrische Funke eines schonen Auges, die aura seminalis einer
schdnen Stimme iiber den Wind-Eiergang fahrt: wie pulsieren da
tausend puncta salientia im Kopf! Und die besten Gedanken
werden fliigge und schwingen sich auf !
Ich war auf nichts so begierig, als auf den Schulmeister zu
treffen, den Brautigam der Dauphine und Freya. Denn ich hatte
vor, wenn er etwas taugte, fur ihn zu arbeiten und einen schonen
Ankerplatz in ihrem jungen Herzen fiir ihn zurecht zu machen
10 und mich deshalb in letzteres selber zu begeben und einzuschlei-
chen. Ich konnte prasumieren, wenn ich an die Pille, den Schul-
meister, mich als Silber anlegte, so durfte sie ihn in diesem Vehi-
kel leichter ins Herz hinunterbringen.
Die Geschichte wird noch viel interessanter.
Wir gingen inzwischen nach Hause; der Stadtrichter dachte
und philosophierte unterweges undmerkte an: »Die armen Leute
bilden sich Konigreiche auf ihre abgeschalte Stange em: jetzt
indent' ich wissen, wie sie sich erst gebardeten, wenn sie einen
betrachtlichen Posten im Staate bekleiden sollten, oder nur mei-
20 nen.« - »Oder vollends, Herr Stadtrichter, wenn solche Klein-
stadter lange Ordensbander und drei Kammerherrn-Knopfe tra-
gen diirften. Ich denk' aber, sie blieben dann nicht lange bei Ver-
stand: achl es 1st so leicht, ein Narr zu werden! - Ich habe in
groBen Stadten die bescheidensten Dragoner gekannt, welchewie
Frosche aufliefen, wenn sie auf dem Theater bei den Ritterschau-
spielen stumme Feimer machen muBten oder andre Justizper-
sonen von Belang,« - Wir arme Teufel allzumal diirfen entweder
alle prahlen oder keiner. Bei Gott! ich tat im vorigen Herbst un-
recht, daB ich iiber die vielen Kunstgartner aus mehrern Stadten
30 den Stab brach? die samtlich in die fetten Stachelblatter einer Aloe
ihren Namen als in ein Buch des wachsenden Lebens eingesagt
hatten. Der Name eines Menschen muB irgendwo haften wie in
einem Belobungspatent; und ich beteure, verewigte ich nicht
den meinigen auf Schriften, ich wiirde ihn auf der Hofer gefror-
nen Saale einkratzen und einfahren mit dem Schrittschuh - oder
(war* ich ein andrer Professionist) auf Messer- und Degenklingen
yjO BIOGRAPHISCHE BELUSTIGUNGEN
— auf Fensterscheiben — innen auf Gefangnisgittern - auf einen
neuen Darm oder Wurm darin, den ich zuerst entdeckte und den
die Gelehrten nach dem Namen des Erfinders nennen miifiten -
oder (waY auf der Erde nichtsNeues mehr) auf einen neuen Klecks
im Mond, oder Funken am Himmel - als Edelmann auf das Hals-
band meines Hundsstalles — als Huter ins Hutfutter - als Tisch-
ler buntfarbig an Sarge - und als Leiche an meinen eignen, damit
der Sterbliche und seine Unstexblichkeit nebeneinander hinunter-
gingen und zusammen verstaubten
Ich kann den schweren Gedanken nicht ertragen, daB irgend- 10
ein Mensch und Mitbruder, und war' er noch so wenig, so ganz
vergessen sein soil, durch so viele Jahrhunderte hindurch, daB die
Heere der Jahre und Menschen so unachtsam iiber seinen unbe-
deckten anonymen Staub wegschreiten sollen. Es gibt aber einen
Trost fur uns alle, und das ist der, daB, wenn unser Gedachtnis
und unser Namenszug auf der Erde ausgewischt und ausgetreten
ist bis auf den letzten Endbuchstaben, daB es dann gleichwohl, so
wie des edlen Friedrichs II. Name als astronomisches Sternbild in
ewigen Sonnen brennt, noch ein unendliches Herz gibt, in dem die
Namen seiner kleinen Unsterblichen in lichten Ziigen glanzen und 20
nie verloschen. Und der kleinste Mensch empfangt von ihm zwei
Unsterblichkeiten auf einmal. Gleichwohl oder eben darum sollten
wir den niedrigsten Menschen-Namen nicht zerfallen lassen. —
Abends trug uns die wandelnde Pygmalions-Statue das Nacht-
mahl und Herrenbrot auf eine lange Herrschaftstafel im luftigen,
mit Abendrote und Abendkiihle verschonerten Refektorium. Ich
und der Stadtrichter konnten uns iiber die Tafel nicht mit Gabeln
erreichen. Evas Reize drehten sich um uns blendend wie Spiegel
in der Sonne und wie umlaufertde, gleichsam Juwelen auswer-
fende Kronenleuchter: sie war, ob ich gleich ein Seraphinen-Rit- 30
ter war, doch gegen den Gerichtshalter ehrerbietiger und stum-
mer, weil sie unter seinem Zepter stand und weil er weniger mit
ihr sprach als der Ritter. - Aber den Salat schleppte der Sequester
herauf : »Die Kanaille« - sagte der Bauer — wversteckt sich drun-
ten und will nicht eher 'was bringen, bis der Schulmeister wieder
'naus ist.«
SATIRISCHER APPENDIX 37I
Dieser kam vorher herein. »Es ist mein Aktuarius juratus,«
(sagte Weyermann) »namens Schnti^ler.u - Aus einem Raderwerk
von Radertieren und aus einem Teig von vibrierenden, krab-
belnden Infusions -Tierchen war er zubereitet: er schnellte sich
wie ein Kafer weiter und schien ein auf die zwei letzten FiiBe ge-
stellter VielfuB zu sein, an dem im Gehen hundert miiBige, waag-
rechte FiiBe oszillierten ; er hatte auf der Stubendiele den Gang
des Springers im Schach, und jeder Sessel war sein Reitstuhl und
Schaukelpferd. Er war zu allem, was sein Prinzipal wollte, schon
10 fertig - gab jede Antwort schnell dreimal hintereinander - wollte
alles machen, hatte schon alles gemacht - sein haufiges Selah und
seine clausula salutaris war: »Ei herrlich und gut!« - er erhielt
sich dabei auf nichts als auf den schaukelnden FuBspitzen. - Als
Weyermann mit ihm fertig war, fragt* ich ihn: »Wie ich hore,
Herr Kantor Schnazler, hatte Er eine recht hiibsche Braut?« -
»Ei«, sagt' er, »ich habe sie noch - sie ist gegenwartig sequestriert,
und ich bin ihrer gewartig nolens volens. Das Fieber hat zwar
mein Haupthaar mitgenommen ; aber ich sen' sonst gut aus. Gna-
dige Herren, es hat mir weiter niemand die Suppe eingebrockt
20 als der Ranzenadvokat driiben, der setzt auch an sie.« - Mit einem
Eulerschen Rosselsprung war er iiber das Stubenschachbrett hin-
iiber und sagte am Fenster: »Ja! ja! sie schlagen dem bosen Men-
schen die Pflaster noch iiber : sie haben ihn erst gestern braun und
blau gepriigelt.« -
»Das muB morgen scharf untersucht werden«, sagte der Stadt-
richter freudig.
»Ei herrlich und gut! Es ist nur ein schlimmer Vogel. - Er
mochte aber immer einen Zopf haben, so lang wie mein rechtes
Bein, er hatte mir nichts anhaben sollen: aber der Teufel red't
30 aus ihm, und er machte der Eva weis, er zog* in die Stadt und
machte Advokaten-Schriften, und dann, wenn er unser Herr Ge-
richtshalter ware, so kam* er wieder heraus, und dann, sagt* er,
sei Gott dem Oberseeser gnadig, der nicht sechs Reverenzen
macht, wenn ich oder meine Frau zum Fenster 'naus niesen. Aber
aus dem Schulmeister, sagt der Lugner, kann nichts mehr wer-
den: gnadige Herren, Sie sollten einen oder den andern geist-
372 BIOGRAPHISCHE BELUSTIGUNGEtt
lichen Vers sehen, den ich Gott*zu Ehren dichte.w - »Ich will ein
ganzes Lied davon sehen, Herr Schnazler«, sagt* ich und zog mit
dem erstaunten Dichter zum Schlosse hinaus. Er kam nicht eher
als vor dem Fenster des Ranzenadvokaten zur Besinnung, wovor
er mich dlcht voruberfuhrte.
In seiner Stube, die kein andres franzosisches SchloB hatte als
ein otaheitisches, namlich fremde Ehrlichkeit, war, wie sie, alles
offen, namlich alle Gesangbiicher, das Berliner alte und neue, das
Baireuther alte und neue, das Scheerauer alte und neue. Bekannt-
lich haben poetische Steifi- und Fufi-Geburtenx wegen ihres friihen 10
Ablebens das schone Recht, in die Kirche begraben zu werden -
d. h. Verse, die nicht zum Lesen taugen, konnen doch wie die
alten gesungen werden unter der Orgel. Gleiehwohl war man in
neuern Zeiten auf eine Blutreinigung der geistlich-poetischen
Ader aus, und aus den Gesangbuchern wurden Zeilen, Strophen
und Lieder ausgejagt, die, obwohl keinen guten Sinn, doch auch
keinen schlimmen hatten. Der Kantor Schnazler ring inzwischen
diese durch den Gesangbuchs- Ventilator entwischende/m; Luft8
zusammen, die stets alten Liedern und schalen Bieren den Geist
gibt; ich meine, er verglich das alte und neue Gesangbuch und 20
kehrte die schonen Stellen des alten, die die ^sthetische Tempel-
reinigung aus dem neuen weggefegt hatte, wieder auf einen Haufen
und schlichtete wirklich dieses Raff- und Leseholz zu guten beson-
dern Liedern zusammen. Er konnte mir zwei schone zeigen, die
ein vollstandiger index expurgandorum des baireuthschen waren.
Es wiirde gefruchtet haben, wenn man bei den Lieder- Unruhen
in Berlin den singenden Insurgenten eine solche in Reime mit
unendlicher Muhe zusammengeschobne Kolonie aller Stellen, die
aus dem neuen Gesangbuch emigrieren muBten, hatte anbieten
konnen: Schnazler zeigt uns in seinen Korrekturbogen, daB man 30
ebensogut aus altdeutschen Versen wie aus den Archaismen und
Phrasen altromischer Verse - wie' Gymnasiasten tun - versus
memoriales zusammenwerfen konne. -
Ich weiB, in ganz Deutschland hatte kein Dichter einen so
1 Weil der Reim und die pedes zuerst zur Welt kommen.
2 Fixe Luft gibt bekanntlich den Bieren und Gesundbrunnen den Geist.
SATIRISCHER APPENDIX 373
herrlichen Abend vor Johannis als der Liederdichter Schnazler:
er war so gliicklich wie Gellert, zu erleben, daB einmal der Rang
zur Dichtkunst ging, nicht diese zu jenem. - Ich versicherte ihm
beim Abschied: »und wenn er mehr hitzige Fieber bekame als
Haare und so kahl bliebe wie ein Enten-Ei, und wenn der Ran-
zenadvokat ein Winterfell von lauter Weichselzopfen umbekame :
ich wiiBte recht gut, wer morgen abends die schone Eva hatte.«
Ich bekenn' aber der Welt, ich hatte nur die erste Halfte eines
Plans ausgebauet: die Risse und Baumaterialien der zweiten fo-
10 derte ich dem Handlanger Zufall als Baufronen ab. Es ist gleich
einfaltig, alles und nichts dem Zufalle oder der Zukunft zu iiber-
lassen.
Ich ging spat ins SchloB zuriick mit einem der auffallendsten
Entschliisse; dem namlich, an einen Reichs-Kanzlei-Verwandten
in Wien zu schreibeh.
Mit einem Wort, ich tats am Morgen, eh' der Stadtrichter auf-
stand. Ich nenne den Namen nicht; aber da er weiB, was ich ihm
unter dem Vize-Kanzelariat fur Dienste erwiesen, so war' es eine
kleine Erwiderung gewesen, wenn er nur mit dem Wappenin-
20 spektor1 drei Worte daruber gesprochen hatte, ich meine namlich
iiber meine Anfrage, ob nicht der Kantor Schnazler zum Reichs-
Poeten (poeta laureatus) zu kreieren sei. Ich kopiere hier aus gu-
ten Griinden das ganze Schreiben.
»Hochedelgeborner,
Insonders etc.
Ich sollte wohl hoffen, daB Ew. etc. sich noch der funf klugen
und funf torichten Jungfrauen erinnerten, wovon eine von den
erstern ein gewisser Richter aus Hof (der hier die Ehre hat, an Sie
zu schreiben), und eine von den letztern Sie reprasentierten auf
30 der Kolner Redoute. Denenselben hing damals noch ein zweiter,
aus Weinreben gesponnener Flor vor den Augen; und iiber die
gegenwartige Jungfrau lieB seitdem das Schicksal viel schwarzere
1 So oder Wappenkonig heifit der Mann bei der Reichshofkanzlei, der
bei der Erteilung der Wappen daruber wacht, daB keine Donatschnitzer
gegen die Heraldik unterlaufen.
374 BIOGRAPHISCHE BELUSTIGUNGEN
Nonnenflore niederfallen. Diese schone Zeit, Freund, ist mit alien
ihren ioooo Auen und Millionen Blumen nun wie ein Schatz
unter die Erde versunken.
Um auf die Absicht meines Briefs zu kommen : so hofT ich,
Sie sind noch mit unserm alten Wappeninspektor in Konnexion
und er am Leben, dessen Rat Sie in einer Angelegenheit einziehen
sollen, die einen noch wenig bekannten Liedermacher, den treff-
lichen Schnazler, Schuldiener in Obersees, betrifft. Dieser geist-
reiche Mann hat nicht nur aus alten Gesangbiichern alles, was aus
den neuen weggelassen worden, vollstandig ausgehoben und zu- 10
sammengehauft, sowohl einzelne Worter als ganze Zeilen, son-
dern er hat auch - was wir wohl bei einer kastrierten Ausgabe
lateinischer erotischen Dichter finden, in der hinten zwar alle
anstoBige Stellen stehen, aber isoliert, ohne in den geringsten
Nexus gefugt zu sein — aus diesen weggeworfnen Stummeln, hol-
zernen Beinen und Kriicken schone Figuren musivisch zusam-
• mengelegt, von denen wohl jeder Deutsche sagen muB: »Das
sind geistliche Liederl«
Insofern wird es Sie weniger wundern, daB ich wirklich ge-
sonnen bin, bei der Reichs-Hof-Kanzlei um die Reichs-Laureatur 20
oder um die Wurde eines gekronten Poeten fur Schnazlern nach-
zusuchen; besonders da er eine eitle Braut hat, die ihn nicht will,
wenn er nichts wird. Ich wende mich aber jetzt mit der groBen
Bitte an Sie, sich unter der Hand beim Wappeninspektor oder bei
einem Reichs-Hof kanzelisten gutigst zu erkundigen, wie ich meine
Supplik eigentlich zu machen habe. Ich kann mir die verschieden-
sten Formularien gedenken. Die Hauptsache ist: ich weiB nicht,
was die Reichsgesetze zu einem guten Poeten fodern, da es zwei
ganz entgegengesetzte Arten oder Wege gibt, einer zu sein oder
seinen Ideen die Vergoldung zu geben, namlich die im Feuer und 30
die kalte. Zieht die Reichskanzlei die kiihlende Methode vor? Das
ware gerade die von Adelung, der nicht ohne Vernunft die Pega-
sus-Reiter gleichsam zur Degradierung unter das prosaische FuB-
volk steckt. Von einem grofien Dichter dieser Gattung wird,
glaub* ich, verlangt, daB er den Definitionen, die er versifiziert,
die sich aber durch den Reim und durch das Metrurri von pro-
SATIRISCHER APPENDIX 375
saischen unterscheiden, eine solche Deutlichkeit erteilt, daB seine
poetische Welt, fast wie die physische nach dem Diogenes von
Apollonien, bloB aus frischem Wasser besteht - ein Bestandteil,
bei dessen Schdpfung der Schweifi des Musensohns, so wie bei
andern kalten Fiebern, nicht nur unschadlich ist, sondern auch
gut und sogar kritisch, anstatt daB das Schwitzen des Musenvaters1
sonst nichts anzeigte als Niederlagen. Solche Gedichte konnen nie
klar, hell und deutlich genug sein, wenn sie jener Kdltey die auch
drauBen an heitersten Tagen am groBten ist, nicht Eintrag tun
10 sollen, welche auf eine unschadlichere Art als der physische Frost
die Neigung zum Schlafe belebt. Adelung sieht recht gut, wie
nachteilig der erschlaffenden Schreib- und Kurart starke Bilder und
Fliigel sind - wenigstens bringt der Leser die lebhaften Ideen in
den erbeuteten Schlaf mit hiniiber und gewinnt nur einen mit
Traumen durchbrochnen, auffahrenden. - Daher dringt er so
sehr auf Klar- und Planheit, gleichsam auf eine heitre Luft, die
zu dunn ist zum Fluge. Kommt es vielleicht daher, daB in der
Mythologie den Wagen des Tages flilgellose Rosse ziehen und
den der Nacht geflugelte? - Es tut iiberhaupt schon Schaden -
20 denn es weckt -, daB man ein kiihlendes Gedicht nicht ganz und
gar aus reinen Reimen und FtiBen machen kann, ohne Einmi-
schung der geringsten Idee, wiewohl doch die bouts rimes und
die iiber Verse gestellte leere Metra die Moglichkeit eines solchen
Ideals zeigen. SilbenmaB und Reim aber ist in dieser edlern Prosa
nicht nur kein Fehler, wie in der gemeinen Kiichenprosa, son-
dern sogar eine wesentliche Schonheit und die groBte. - Ver-
sichert mich nun der Wappeninspektor, daB die Reichs-Hof-
Kanzlei hiertn dem Herrn Adelung nach- und beitritt: so darf ich
Schnalzlern als einen solchen kiihlenden Poeten auffiihren, als
30 einen Vergolder mit asthetischem Mangold, Herr Rat Adelung
behauptetzwar, dieses schone kuhleZeitalterderdeutschenDicht-
kunst habe bloB von 40 bis 60 gedauert; er ist aber leicht mit
meinem Schnazler zuruckzuschlagen, der noch lebt und das Mu-
ster der schlarTen Gattung nicht bloB darum ist, weil er unter
solche geistliche Liederdichter gehort, die als ngiirliche zwit-
1 Des Apollo zu Cuma. Cic. de divin. I. 43.
37^ BIOGRAPHISCHE BELUSTIGUNGEN
schernde Heuschrecken um die lutherischen Altare in Gesang-
buchs-Kafigen wie physische um die spanischen gehangen wer-
den, sondern vorziiglich, weil er - anstatt daB jene kiihlen Dich-
ter ihr Frostwetter mit lauen Strophen unterbrechen und ver-
derben, wie in die Winter schadliche warme Tage fallen, die die
Bienen aus dem Winter schlaf reiBen - sich niemals ungleich wird,
wobei ihn freilich das meistens sinnlose Zusammenlegen des zer-
streuten Auskehrigs sichtbar unterstiitzt. Einige solche Lieder
durft' ich dem Gesuche anbiegen.
Es konnte aber sein, bester Freund, daB das deutsche Reichs- 10
Oberhaupt oder die Reichs-Hof-Kanzlei mit den Kraftgenies ein-
verstanden waren, die nicht zur schlaffen, sondern zur straffen
Gattung gehoren und die auf gliihenden Pflugscharen sowohl die
Feuerprobe aushalten, als damit das Feld bestellen. Das ware mir
unangenehm und ein fataler Streich. Denn Schnazler hat mit dem
Phobus, der ins gliihende Zeichen des Krebses tritt, geringen
Verkehr, er hat von Dichtern wenig, die in den JBeinschellen des
Metrums doch mit ungebundnen Flugeln steigen, wie Saturn sei-
nen gefesselten FuBen mit ofFnen Flugeln nachhilft, ja er ist nicht
einmal imstande - er wiirde vergeblich ansetzen — , es nur zu 20
einiger leidlichen Dunkelheit der Gedanken zu bringen, mit der
immer Grqfie derselben verkniipft ist, wie am Himmel die Pla-
neten die groBten sind, die sich von der Sonne am meisten ent-
fernen. — Eh' er sichs versieht, ist er faBlich und zu kopieren. Da
er inzwischen wenig Gedanken hat: so mochte ihm doch viel-
leicht ihr Zusammendrangen leichter glucken, da viele der besten
straffen Dichter nicht sowohl Gedanken als Worte lakonisch zu-
sammenpressen und ihren leeren Versen durch die Kiirze ein
eignes Feuer geben, wie der kalten, leeren Luft durch Verdichten
die Kraft des entzundeten SchieBpulvers zuwachst, oder wie ein 30
engeres GefaB schales Bier zur geistigen Garung treibt. - Inzwi-
schen wiirde wenigen Kanzleiraten ein solcher Beweis, daB der
Schulmeister ein poetischer Selbst^iinder ist, genugtun, wenn ich
nicht den wichtigern Umstand - den ich durch ein medizinisches
Attestat bescheinigen kann — zum Beweise seines Talents aufzu-
fiihren hatte, daB er das hitzige Fieber hatte und einen kahlen
SATIRISCHER APPENDIX 377
Kopf noch. Haupter aber, die mit Feuer und poetischen Gold-
adern durchzogen sind, und Berge, in denen beide durchlaufen,
sind oben ka^il und ohne Gewachse; und eine Glatze ist, wie beim
Casar, der wahre klassische Boden des Lorbeers. -
Da jeder Supplikant, der Graf, Fiirst usw. werden will, be-
weisen muB, daB er grafliche oder furstliche Einkiinfte habe: so
mach' ich mich schon darauf gefaBt, daB die Reichs-Hof-Kanzlei
Beweise von mir fodern wird, daB Schnazler ein Mann von poe-
tischen Einkunften sej und daB er entweder das Armenrecht
ic habe, oder sonst aus der Almosenkasse Gelder erhebe. Dies war'
an sich leicht darzutun; aber glucklicherweise wird mir der Er-
weis ungemein leicht dadurch gemacht, daB er zugleich einSchul-
mann ist, dessen Verhungern ich bei der Kanzlei hoffentlich po-
stulieren darf, da diesen Heiligen-Geistes-Tauben und den poeti-
schen Singvogeln gleich wenig Hanf auf die Hanfmiihle aufge-
schiittet wird. Reichliches Futter macht aus Schwarzrocken Rot-
rocke, d. h. Kardinale, anstatt daB umgekehrt rote Gimpel vom
Hanfschmausen schwarze Federn kriegen, -
Ich erwarte allerdings von der BilHgkeit der Kanzlei, daB sie
20 mir nicht mehr fur die Kreation abfodert, als die Kurmainzische
Reichs-Hof-Kanzlei-Taxe-Ordnung von 1659 den 6. Jan. an-
setzt, namlich 50 fl. Taxe und 20 fl. Kanzlei-Jura, zumal da ich die
Schopfungs-Kosten aus meinem Beutel bezahle. Der Tax fur die
poetische Laureatur scheint mir iiberhaupt schon 1659 ein wenig
hoch geschraubt zu sein, besonders wenn ich bedenke, wie viele
Laureaturen und Dichter-Patente oder poetische Wappenbriefe
bei den Rezensenten, die damit die Messen beziehen, fur diese
70 fl. zu erstehen waren, und wie wenig eine Laureatur abwirft :
denn die Augen unsers Publikums werden schon lange nicht mehr
30 mit dichterischen Illusionen hintergangen, so wie den klugen
Blinden gemalte blinde Fenster oder Tiiren nichts weniger als
verblenden und betoren.
Ich hofFe, daB Ew. noch im HundsfottgaQchen wohnen und
bin etc.«
378 BIOGRAPHISCHE BELUSTIGUNGEN
Die Laureatin, Eva, stellte jetzt den KafFeetopf nebendas Din-
tenfaB, ohne im geringsten auf beider gelben Inhalt anzuspielen.
Ich pries sie ins schdne Gesicht, daB sie sich einen sglchen Spon-
sus ausgeklaubt, fur den ich gerade nach Wien ein langes Schrei-
ben erlassen hatte. Der Kronprinz und GroBfiirst Weyermann
trat zu uns und sagte, zum Gliick sei der Gerichtsdiener und Lik-
tor angelangt - das Obersees muB sich bekanntlich mit einem
geborgten Gericht behelfen -, und der Ranzenadvokat sei um
10 Uhr vorgeladen worden, sich zu sistieren. Alle Leute in prak-
tischen Amtern gewohnen sich eine eigne, wenig schonendeHarte 10
gegen Gemeine an : er fuhr in Evens Beisein fort und meisterte
sein zu hoch aufgeballtes Bette und referierte, er habe gegen 1 Uhr
einen Fall daraus getan wie ein Quersack. Ich gestand, ich hatte
mich Ieicht in meiner Bette-Empor und Montgolfiere erhalten,
bloB dadurch, daB ich im Finstern die Nachtmutze statt eines
Senkbleies in die Stube fallen lassen; - ich konnte aus der Zeit,
die zwischen dem Loslassen und dem Auffalle der Miitze ver-
strich, Ieicht die ganze senkrechte Tiefe vom Kopfkissen zur
Diele berechnen und mich dann aus Vorsicht an die Wand zu-
riickziehen. 20
Allmahlich liefen die Untertanen zusammen, die Weyerman-
nen heute ihre Hand geben und damit versprechen wollten, ge-
treu unter seiner zu stehen. Aber er warf schon, eh' er iiber die
hochste Stufe zu seiner Thronspitze hinauf war, Privilegien und
Permissionen aus, z. B. fiir Kirschen- und Pfeffernusse-Weiber,
denen er freies Feilhalten erlaubte. Dieser Ludwig XVIII. erlieB
an die Reichskinder seines Reichs von Aachen das.schone Kabi-
nettschreiben, daB heute - wo alle Fasser liefen - auch die Orts-
Feuerspritze in Gang, FluB und Sprung gebracht werden sollte,
wie in Frankfurt (bei einer viel wichtigern Kronung als der ge- 30
genwartigen) ein Adler aus dem Doppel-Schnabel Doppel-Wein
auf die Untertanen sprengt. Es sind doch vorlaufige Exerzitien
und Probeschusse im Befehlen, einige Fahnenschwenkungen des
Kommandostabs.
Freilich sind das bloBe Komodienproben zur eigentlichen gott-
lichen Komodie; und sie werden noch kleiner, wenn man sie mit
SATIRISCHER APPENDIX 379
der ordentHchen Kronungsfeierlichkeit eines Gerichtshalters ver-
gleicht, wo durch die Hand eines Mannes - unsers Weyermanns -
sich vierhundertundzwanzig Oberseeser Hande Ziehen, um Treue
zu geloben, und wo ein Mensch 420 Schwiire einkassiert, ohne
selber einen abzuleisten. Da seine Kronung und die Kirmes auf
einen Tag einfielen: so kam sie durch den allgemeinen Volks-
Jubel auch hohern Kronungen nahe, die keinen kleinern erregen.
So goB auch die Athenerin auf den neuen Sklaven, wenn er zum
erstenmal liber die Schwelle trat, Friichte und Blumen nieder.
10 Nero, Tiber und ahnliche Kaiser, die ihre Regierung mit einer
sanften Debit- Rolle anhoben, unterschieden sich auf eine schone
Weise von Anfangern auf dem Theater, die gern Tyrannen ma-
chen, wiewohl mit der Zeit jene und diese gescheuter werden.
Wenn nach Kant der Hang zum sinnlkhen Wohlsein die allge-
meine Krankheit und der Knochen- und TugendfraB der Men-
schen ist: so wirkt ein Gerichtshalter, der die Krankheitsmaterie
abfiihren soil - durch tapfres Abstrafen -, und ein Fiirst - durch
noch groBeres - freilich anfangs nur wie mehrere gute Arzneien,
die nach dem ersten Gebrauch das Siechtum eher zu vermehren
20 scheinen, das sie doch, wenn fleiBig fortgenommen wird, am
Ende wirklich aus der Wurzel heben. -
Um 10 Uhr wurde der Ranzenadvokat gerichtlich vernommen
- und freilich der Aktuar, sein Nebenbuhler, vorher nchtig ver-
eidet. - Anfangs behielt auch alles seinen rechten guten Gang:
Inkulpat gestand manches, seinen Namen, seine Herkunft, seinen
taglichen Durchgang durch Schenken. Aber er versalzte uns alles
wieder dadurch, daB er, als man naher auf die Blau-Siederei seines
Leibes inquirierte, das besetzte Gericht deutlich auslachte und
durch solches niederschreiben lieB, ob man denn so dumm ware,
30 daB man nicht blaue Flecke, die vom heftigen Faulfieber her-
kamen, woraus er gerade auferstanden, von dem Blau-Farben-
werk der Priigel an blauen Montagen zu unterscheiden wuBte.
Das Protokoll muBte dieser Exzeption wegen auf der Stelle bis
aufs nachstemal geschlossen werden. Indes hatte doch die peinliche
Katechetik den Nutzen, daB Eva sich eines Kerls schamte, der vor
dem sitzenden Gerichtsschreiber hatte stehen und reden mussen.
380 BIOGRAPHISCHE BELUSTIGUNGEN
Der Gerichtsfron und Stadthascher zitierte jetzt den Obersee-
ser Adjunkt — der Pastor war schon tot - ins SchloB, nicht zum
Inquirieren, sondern zum Gastieren: seit vielen tausend Jahren
wurde der Pfarrer allezeit an der Salat-Kirchweih ins SchloB in-
vitiert. -
Vor dem Essen zeigte der Neugekronte, ob er regieren konne :
er befahl dem Stadthascher, die Westenknopfe der Biergaste in
den Stadtschenken zu zahlen und mit den Kreidenstrichen der
Wirte zu konfrontieren, um hinter die MaBigkek der einen so-
wohl zu kommen als hinter die Ehrlichkeit beider. Bauern knop- 10
fen namlich bei jedem Kruge, den sie fodern, einen Knopf der
Weste auf, damit sie der Kellermeister nicht bestiehlt. - Die
Feuerspritze wurde vormittags, weil nachmittags auf dem Markte
niemand Platz hatte auBer der Volksmenge, wie eine Kanone,
obwohl zum entgegengesetzten Zwecke, aufgefahren und abge-
drtickt, und der ganze WasserschuB wurde von den einsaugenden
GefaBen eines Wagens aufgefangen, auf den ein Topfer seine
Topfe so gepackt hatte, daB die Miindungen gen Himmel stan-
den. Man konnte deshalb von Amts wegen nicht unterlassen, ihn
zu monieren, kiinftig mit umgesturzten Topfen zu Markte zu 20
fahren, weil er sonst den Regen auffinge und den Wagen iiber-
lade. Ein einfaltiger Tiroler, der seinen ganzen Kaufladen mit
Bandern und Dosen aufgeschlossen auf dem Riicken trug, wurde
von Amts wegen erinnert, das Seidengewolbe herumzudrehen
und auf dem Bauche aufzusetzen, damit dem Dorfe keine Ge-
legenheit gegeben wurde, ihm und seinem auerbachischen Hofe
diebisch in den Riicken zu fallen. - Und noch mehr dergleichen
oder nicht viel schlechtere Verordnungen. Von Pombal will man
freilich ruhmen, er habe beim Erdbeben zu Lissabon zweihundert-
unddreiBig Verordnungen erlassen; aber fur einen Ort, dunkt 30
mich, der kein Erdbeben, sondern eine Kirmes hatte, verordnete
der Gerichtshalter immer genug.
Das Brausen der Markt-Flut wurde allmahlich lauter - die
Frankfurter Pfeifergerichte wurden von immer mehrern Jungen
und Pfeifschwanzen1 besetzt, und die Bottcherwoche, die schon
1 Die in bemalten holzernen Rosinanten fur Kinder sitzen.
SATIRISCHER APPENDIX 381
den ganzen Morgen gewahrt hatte, durfte der eigentlichen Me6-
und Zahlwoche keine Zeit mehr rauben. - Der Stadtrichter holte
durch vormittagige Schanzarbeiten zu nachmittagigen Kanikular-
Ferien aus, um den Adjunktus zu genieBen - und ich machte
nichts - auBer dem Plane - als einen Spaziergang unter das
Volk.
Hier mufite man nun seine Aufmerksamkeit - so wie die kleine
Munze - zuerst den Bettlern schenken, und ich ging den Grunden
nach, aus welchen wohl alle gute Dorfpolizeien an Kirchweihen
10 freies Betteln nie verwehren. Sie sind nicht ohne Gewicht. Die
Bettler beziehen diese Messen der Dorfer als Kundmanner und
erstehen darauf ansehnliche Partien von Kuchen, Broten, Lum-
pen, Hellern auf Kredit - Geld ist ein Warenartikel -; ja durch
diese MeBleute werden oft dem angesehenen Kaufmann die teuer-
sten Artikel, die er sonst behielte, z. B. Uhren, Geldbeutel etc.,
mit Vergniigen abgenommen. Der Handelskonsul, der Bettel-
vogt, schutzt mit seinem SpieB diese MeBfremden beim Flor des
Land- und Transito-Handels. Der zweite Grund ist vielleicht
wichtiger: es wird namlich leider wohl an keinem Tage mehr
20 geflucht, gefressen, gesoffen, ge- und iiberhaupt die Kirche mehr
entweihet als an dem, wo sie einiuweihen ist. Hier kann sich das
Dorf nun keine halbe Stunde die Bettler und die Kruppel nehmen
lassen, die dem Teufel das, was er erobert, dadurch wieder ab-
jagen und abackern, daB sie die Gassen wie besoffen durchschwei-
fen und vor jeder Haustiir nichts Geringers verrichten als eine
fliegende Gassenandacht und so den ganzen Ort, indem sie um
einen HellCr einen singenden Umgang haken, mit dem Feuer der
Andacht illuminieren.Was will nachher der Teufel machen? frag*
ich. —
30 Am Ende des Orts hielt mich ein Kerl an, der keine rechte
Hand hatte und bitterlkh weinte und sagte, er kame so um, weil
er keine Hand - er streckte den defekten Arm aus - mehr daran
habe, um sich sein Brot zu verdienen durch Betteln. Sonst sei er
so gliicklich gewesen, eine mit einem einzigen Daum - die Finger
waren wie Schlesien im siebenjahrigen Kriege daraufgegangen -
zu fiihren und damit jedes Herz zu bewegen; aber mit einem
382 BIOGRAPHISCHE BELUSTIGUNGEN
bloBen Stummel habe kein Mensch Erbarmen. Ich sagte: »Bleib*
Er stehen, ich helF Ihm.«
Das konnt* ich gut. Ich hatte namlich am Morgen die Gerichts-
schranke durchstobert, urn irgendeine wissenschaftliche TriifFel
unter diesem schmutzigen Boden auszuwittern : ich traf nichts
Sonderliches an als im Fraischpfander-Schrank zwei abgesottne,
eingeschrumpfte Hande. Sie wurden sonst als NachlaB solcher
Kinder aufgehoben, die damit ihre Eltern geschlagen hatten und
die solche immer aus dem Grabe heraushielten. Herr Dreyer1
zeigte aber uns Gelehrten insgesamt, wie es ware und von wem 10
die Hande kamen — von totgeschlagnen Leuten namlich, denen
sie der Anklager sonst als Beweise und Exponenten des corpus
delicti. abschneiden rmissen, worauf man sie von Gerichts wegen
abgesotten.
Kurz ich holte aus dem Fraisch-Behalter das Handepaar hin-
weg und bot dem Invaliden eine davon als Lebens -Wickelschwanz
(cauda prendensilis) zur Auswahl an. Ich unterrichtete ihn, es sei
eine ehrliche Hand, wovon er alle Finger wegschneiden konnte
bis auf den notigen Diebsdaum; er konne sie an den Stummel
stoBen und anschienen und so, weil sie so greulich aussehe, sich zo
mit ihr so gut wie mit einer Hand aus den Wolken oder mit einer
langen koniglichen recht wohl forthelfen und vorspannen. Er
steckte das Fraischpfand zu sich.
Eh' ich weitergehe in der Geschichte, will ich eine Digression
anpichen, einen Appendix an den Appendix, ein Allonge an den
Wechselbrief. Es ist fatal, daB mir jedes Wort, jede Behauptung
und Untersuchung - und war' es die, ob es einen Teufel gibt -
seit einigen Jahren unter den Handen zu einer Geschichte wird.
Auf der einen Seite kann man allerdings iiber philosophische
Pillen und Magenmorsellen kein besseres Silber als das histo- 30
rische ziehen, wie Bahrdt in Halle Kirchengeschichte las, um seine
Dogmatik einzuschwarzen ; aber auf der andern sen' ich nicht,
was mir die berghauptmannschaftliche /Concession, die ich mir
am Schalttage endlich ausgewirkt, namlich nach Gefallen auszu-
1 In seinen Miszellen p. 125, die gleichsam Katalogen ganzer Bibliotheken .
sind.
SATIRISCHER APPENDIX 383
schweifen und zu scherzen, nur im geringsten helfen soil, wenn
ich zu jedem frischen Scherze um eine neue Konzession nach-
suchen muB und wenn alles dem Leser in meinen Historien lieber
ist als das, womit ich solche store. Wahrhaftig, mitten im Appen-
dix muB ich hier die Digression wieder durch eine besondre
Oberschrift, durch ein gare, Vorgesehen, Kopfweg usw. warnend
signieren.
Die Bettler sind die wakren Barden jet^iger deutscher Nation,
Ich fange nirgends an als beim Erweise. Die alten Barden
10 zogen bekanntlich mit in jeden Krieg - wie in neuern Zeiten oft
der halbe parisische General-Stab, wenn er die Gunst der Musen
und der Pompadour hatte -, weniger um zuzusehen, was es auf
dem Schlachtfelde zu bekampfen als zu besingen gebe : auf der
Davidsharfe trugen sie nachher die ganze Schlacht wieder vor in
einem offiziellen poetischen Bericht. — Die Bettler des achtzehn-
ten Jahrhunderts dienen nun als Gemeine und Unterofnziers in
den wichtigsten Treffen, die wir haben: das setzt sie in den Stand,
auf dem Schlachtacker alles zu summieren, was noch - auBer der
Schlacht - verloren wurde, namlich Kopfe und Beine. Dann er-
20 wartet man von ihnen, daB sie, wenn ihnen nichts weiter wegge-
schossen worden als die letztern, in den Wirtshausern an Pflicht
denken und einige Glaser Branntewein fodern - der Staat reichte
ihnen vorher durch seine Glieder die Gelder dazu - und den Um-
stehenden erzahlen, wie es herging in der Schlacht bei Wetzlar,
bei Wien, bei Regensburg, bei Potsdam. - Da der romische Stuhl
keine holzernen Beine weiter hat als dessen seine,- der sich auf ihn
setzt: so kann ein gegenwartiger StraBen-Barde auf nicht mehr
verholzten Beinen zu stehen verlangen, als den heiligen Vater
selber tragen.
30 Die Skalden - nordlichere Barden - behielten sonst ihre Beine ;
aber sie hatten es einer schirmenden Gurt von Jiinglingen, Skal-
daburg genannt. Dank zu wissen, die sie in jeder Schlacht um- -
stellte. Jetzt bestehen die schirmenden J unglinge (Bettler, Krieger,
Barden) aus niemand als aus den beschirmten selber.
Der Ladenmeister der Skalden, der blinde Homer ^ deklamierte
384 BIOGRAPHISCHE BELUSTIGUNGEN
vor den Tiiren die alteste Ausgabe seiner Gedichte und war selber
der Kollekteur seines Honorars bei den Abonnenten, die er an-
bettelte. Neuere blinde Jungmeister der Skalden singen vor den
Fenstern des Publikums an einem waagrechten Stabe - wie auf
einem die geblendeten Finken, und die homerischen Rhapsodisten
an einem bleirechten1 - gute Gelegenheits- Gedichte ab und schie-
ben von auBen kleine Kanzel-Lieder in die Kontrovers-Predigten
ein, die man innen in den Hausern halt. Das Band, das einen
frohen Dichter an die Menschen knupft und das oft ein ehliches
wird, ist der horizontale Stock, den der Blinde und die Frau an 10
entgegengesetzten Polen halten, wiewohl in groBen Stadten (Pa-
ris, London) statt der copula carnalis ein Strick und statt der Frau
ein Hund fuhrt, den man einen edlern Nachdrucker nennen kann,
weil er den Dichter, wie der unedle die Gedichte, unter die Leute
bringt und ihn dem Brote entgegenzieht, das ihm der andre ent-
zieht. Glaubwurdige Hegebereiter und Bettelvogte haben mich
versichert, daB Frauen keinen Mann lieber fuhren als einen blin-
den und daB sie sich untereinander urn den erledigten Posten einer
Fuhrerin raufen und zanken. Sie iiberzeugten mich durch zwei
Ursachen, die sie davon angaben : erstlich bettelt einer, der von 20
seinem grauen Stare lebt und der Panist und Apanagist seiner
Augen ist, weit mehr vom ebenso blinden Gluck und Pluto zu-
samraen als ein andrer, der sehen muB - zweitens hat eine solche
Cicerone, da sie dessen Regie und Hebungsbediente 1st, Hoff-
nung, ihm seine Reveniien halb zu stehlen, weil er wie mehrere
Blinde nehmen muB, was ihm das Mautamt aufzahlt. Um so we-
niger sollten solchen Barden, die so unermiidet ihren Ruhm und
Unterhalt vor den Tiiren suchen, eben die Berliner Biblipthekare
wedelnd nachschleichen, die sich den Namen Bettelvogte, Hege-
bereiter geben: Vogte, Reiter dieser Art greifen immer, wie so 30
1 Die Vorsanger der I lias trugen rote Stabe — als Sinnbilder des Mords — ,
die der Odyssee gelbe, als Sinnbild des Exiliums. (S. Flogels Geschichte der
kom. Literatur.) Die Bettler bei uns singen alles untereinander, ohne daB
einer auf das Riicksicht nahme, was der andre angefangen. Auch laufen
manche geschmacklose Gedichte mit unter, weil noch kein Mensch sich die
Mtihe gegeben, eine Blumenlese oder einen Almanach fur StraCenbettler zu
machen, die sich iiberhaupt noch wenig mit der Verbreitung unsrer poeti-
schen Schatze-so wie die Nachtwachter mit der der historischen-befangen.
SATIRISCHER APPENDIX 385
viele aus der kritischen Menagerie, nicht sowohl den Gesang als
den Menschen an.
Ich fmde in Trolls Reisebeschreibung, daB sonst die alten Bar-
den in Irland ganze Strecken Landes geschenkt bekommen haben
und daB im 6ten Jahrhundert ein Drittel des irlandischen Volks
aus Barden bestanden. In den neuern Reiseberichten treffen wir
(hofF ich) im namlichen Irland dieselbe Anzahl StraBen-Barden
an, desgleichen im Kirchenstaate, in Bayern und in den bluhen-
dern Kreisen von Deutschland, worin dichterischer Geist gewiB
10 noch nicht so erloschen ist, daB nicht jeder Gerichts- und Kir-
chensprengel einige Familien solcher singenden Nomaden sollte
aufzuweisen haben. Der Verfasser dieses Appendix bildet sich
uberhaupt ein, er dtirfe hierin seiner bisherigen Methode, das
singende Deutschland zu zahlen, vertrauen und sie manchen an-
dern, selber von Schmidt und Meusel, vorziehen: er tut namlich,
wenn er durch Staaten reitet, wo der Thron ein Helikon voll peri-
patetischer Dichter und Barden ist, einen Schwur, jedem Volks-
dichter nicht mehr zu geben als einen Pfennig, zahlt aber vorher
sich fur einige Taler^ (pr. Courant) Pfennige richtig ab. Ist er
20 nun durch den Staat geritten, so subtrahiert er den Rest und weiB,
wenn z. B. 2 Rtlr. (pr. Cour.) aufgingen fur die Bettelvolks-Liste,
daB 840 Sanger (oder Sangerinnen) darin hausen. - Es ist nicht
die Schuld der Fiirsten, wenn es nicht in alien Landern eine hin-
langliche Anzahl solcher Troubadours und Gassen-Skalden gibt:
sie tun, was sie konnen, und muntern auf. Sie raumen und leereri
" fur Skalden zu Wohnsitzen ganze Lander aus - sie ernennen sel-
ber fahige Kopfe zu solchen Gassen-Laureaten, wie die englische
und die deutsche Krone Stuben-Laureaten kreiert - sie legen Ka-
sernen als Skalden-Semmarien an, aus denen wie aus delphischen
30 Hohlen und bureaux d'esprit mit der Zeit die einzigen Meister-
sanger hervorgehen, die wir noch sehen, und sogar ihre Kinder
werden schon zu den schonen und redenden Kiinsten angehalten:
wie bei den Romern, so wird bei den Deutschen allezeit erst nach
der Kriegskunst die Dicbtkunst getrieben und geschatzt. Ja, wie
Ludwig XIV, sogar auslandische Dichter und Gelehrte salarierte,
so lassen die bessern Fursten die gedachten Barden, wenn sie
386 BIOGRAPHISCHE BELUSTIGUNGEN
auch nicht einheimisch sind, zwolf Monate lang im Jahre auf
offentliche Kosten speisen - die Gasse ist das Prytaneum -; hin-
gegen von den alten Barden in Irland erzahlt der gedachte Troil,
da6 sie jahrlich nicht mehrere Monate freien Tisch genossen als
sechse.
Man muB sich aber als unparteiischer Patriot doch nicht ver-
bergen, daB, ungeachtet aller Vorkehrungen weltlicher Fursten,
die geistlichen und tiberhaupt die katholischen Staaten mehr Bar-
den teils erwecken, teils erobern als die besten andern. Und die
Ursache ist nur gar zu klar. Haben wir Monche und Priester (wie jo
jene), die durch Kirchen-Opermaschinerie, durch ihre Aktion,
durch ihre Gemalde iibersinnlicher Welten jede Phantasie in Flug
zu bringen wissen und jeden Barden mit Frau und Kind in Gang?
— Zweitens kann der Katholizismus - der eben deswegen irdische
Gltickseligkeit unter die Kennzeichen der wahren Kirche setzt -
durchaus nur in feister Garten- und Modererde Wurzel fassen:
ein Monch ist daher ein ebenso gutes Zeichen eines fetten Bodens
als ein Regenwurm, und Okonomen wissen, daB Abteien und
Maulwurfshaufen fruchtbares Land ansagen. Die Poesie war aber
von jeher die Tochter und Erbin des Oberflusses und Luxus, im zo
alten Rom, im neuen Rom. Mjthin ist schon die Fruchtbarkeit
und der Reichtum der katholischen Lander allein hinreichend,
uns die groBe Volkszahl ihrer StraBen-Barden - die wohl auf
eine sehr unschickliche Art den Namen StraBenbettler fiihren —
ertraglich zu erklaren. Nur ein Land, das reich genug ist, solche
Barden hervorzubringen, ist wohlhabend genug, sie zu ernahren;
die Fruchtbarkeit eines Tiers in irgendeinem Erdstriche sichert
zu, daB es da Kost genug nnde, und sogar die Heck- und Wurf-
zeiten jedes Viehes miissen stets in die Monate seines reichlichern
Futters treffen. 30
Bei den kymbrischen Starosten und andern Honoratioren ge-
horten die alten Barden so gut zum Hofstaat als jetzt Livreebe-
diente. Der Konig von Wales hatte seinen Hof-Barden, dem er
beim Regierungs-Antritt eine Harfe schenken muBte - die Ko-
nigin indes einen Ring. Aber noch fiihren Woiwoden - Hospo-
dars - Reichspropste - infulierte Abte und auch simple Land-
SATIRISCHER APPENDIX 387
sassen StraBen-Barden, als Suite ihrer Macht, um und neben sich
und strecken diesen durchsichtigen Schweif aus ihrem festen Ko-
metenkern aus: denn iiberhaupt kann ein Gefolge von reichen
Lakaien wohl vorzeigen, was der Prinzipal (an sie namlich) ge-
geben und verloren hat, aber nur eine Suite von Lazarussen kann
vorzeigen, was er (von diesen namlich) genommen und gewon-
nen. Und aus dem letztern allein ist doch erst OberfluB und Macht
ersichtlich. Ich wuBte daher, was ich sagte, als ich mehr als ein-
mal bei furstlichen Festins, Feuerwerken und Operndekorationen,
10 wenn ich sie gelobt hatte, gegen Umstehende die Anmerkung
machte : »Von dieser Pracht haben wir immer eine zu geringe
Idee, sobald wir von den Kosten derselben keine deutHchere be-
kommen und solche falsch taxieren - wir muBten aber ganz an-
ders und hoher vom Aufwand denken, wenn uns in einiger Ent-
fernung vom erleuchteten Triumphbogen alle Haus-Barden,
StraBen-Barden, Glaubiger, Insolvente, Seufzende und Wei-
nende in einen K lumpen oder Chorus zusafnmengetrieben ge-
wiesen wiirden, die das prachtige Fest gekostet hat.« —
Beim ersten Anblick fallt es Denkern auf - wenigstens erging
20 mirs nicht anders -, daB unter so vielen Gelehrten, die vielleicht
samtlich ihre Rechte und Titel zu Panis- oder Bettelbriefen ha-
ben, und deren Verdienste gar wohl zu einer solchen Minuten-
Gage befugen, gleichwohl nur die StraBen-Barden, die geistlichen
Dichter und Sanger, so glucklich sind, vom Lese- und Hor-PubH-
kum von Tage zu Tage pensioniert und gespeiset zu werden und
von ihm Pranumerationsgelder ein{utreil>en, indes sie doch selber
nichts machen, sondern nur die Verse edieren. Das Faktum an
sich ist wohl ohne Zweifel: denn ich brauchte die Vorsicht, jeden
solchen Konviktoristen des Publikums, wenn ich ihm seine Gabe
30 gereicht, auszufragen nach Namen und Gewerk; ich erinnre mich
aber nicht, daB Numismatiker, Orientalisten, Feudalisten, Zivili-
sten, Fiirstenerianer, Pathologen, Doktoranden, Fakultisten dar-
unter standen, nur selten ein sogenannter Bettelstudent. Die Auf-
losung ist nun die: die Dichtkunst ist (soils wenigstens) fur das
ganze Publikum, nicht fur Teile desselben, und der StraBen-
Skalde verdient daher auch die Erkenntlichkeit des gesamten
388 BIOGRAPHISCHE BELUSTIGUNGEN
Publikums auf einmal, das ihm die Ehre nicht mit Recht ver-
weigern kann, sein eigner Pfennigmeister zu sein und jede Stadt
als seine Legestadt anzusehen. Hingegen andre Gelehrte, z. B.
Philosophen, Orientalisten, die nicht dem ganzen Publikum, son-
dern nur einzelnen Gliedern dienen, welche sich gerade mit dem-
selben Zweige des Wissens befassen, haben an jenes Famtlien-
stipendium der pcetischen Talente, das ein Homer, Camoens,
Dante genoB, keinen gerechten Anspruch zu machen, auBer in
dem seltnen Falle, wenn die Intension langer, alter, wiederholter,
anerkannter Verdienste so groB ware, daB sie der Extension der :
dichterischen gleichkame. Dann mag ihnen verstattet werden, so
gut zu betteln - wenn ich diesen rohen Ausdruck brauchen soil -
als irgendein groBer Poet
Endlich erschien der Adjunkt, Graukern betitelt. Er wiirde mir
mehr gefallen haben, hatt* er seine grauen, frechen und schnei-
denden Augen und seinen rohen zerfransten Lippenwulst zu
Hause gelassen. Ich hatte besorgt, meine Kammerherrnknopfe
und der Ordensstern wiirden ihn blenden und verwirren und aus
der Fassung werfen ; aber er blieb beinahe auf Kosten der meinigen
in seiner und hatte - da sonst Universitatssitten so elend sind wie 20
die Universitatsbiere - ganz andere. Er kann einmal bei einer
groBen Dame dadurch Anstand gewonnen haben, daB er ihre
Kinder - mit Blumenbachs Bildungstriebe - bilden half. Ich hatte
das seidne Halstuch darum gegeben, wenn ich kein Seraphinen-
Ritter gewesen ware: er weiB, wen er vor sich hat, sorgt* ich.
Gegen zweideutige,peinlicheSpionen kann man keinen bessern
Gyges-Ring der Unsichtbarkeit vorkehren als den Zirkel der
Ironie und Laune, die, mit Warme vorgetragen und mit Wahr-
heiten durchschossen, den Deutschen irre machen: man kann
auch jede Sache, wie Sokrates, auf alien Seiten anleuchten und 30
scheinbare Widerspriiche sagen, die den Denunzianten des In-
nern in wahre verwickeln.
Der Adjunkt fragte mich bald mit wahrem Interesse iiber
Schweden, iiber die Landmacht, iiber Strengnas, Bromsebro und
SATIRISCHER APPENDIX 389
Sawolax; ich als eingeborner Schwede bestatigte vieles, was Bii-
sching hatte, und beglaubigte so den Geographen nicht wenig. -
Ich hing aber an meine Angelschnur Theologie und Okonomie
zugleich, damit der Hecht nicht langer nach meinen Seraphinen-
kopfen schnappte. Der Raubfisch lief dem Angelhaken voll kon-
sekriertem Koder nach. Er sagte, die Gleichgiiltigkeit der Fiirsten
gegen alle Religion sei schuld, daB andern Seelen die ihrige ge-
nommen und dafiir eine neue wie Blattern eingeimpft wiirde. Ich
wollte anfangs aus Ironie die Partei der Fiirsten nehmen und ihre
10 Religiositat erheben; aber mir fiel die Bemerkung von Spittler
ein, daB der Ausbrekung des Christentums nichts so zustatten
gekommen sei als die damalige Gleichgiiltigkeit der romischen
Kaiser gegen Religion und Staat. Ich sagte dem Adjunkt, seine
und die spittlerische Bemerkung waren in seinem Kopfe ein Wi-
derspruch, in meinem. nicht. - Er verwarf die PreBfreiheit; ich
stimmte bei und sagte: »Ein guter Staat stellt das Denken und
Betteln ab, aber nicht auf einmal. Villaume sagt, er gewohne
Zoglingen, die falsch in der Karte spielen, vorher das falsche
Spielen ab, und erst dann raum' er ihnen das Spielen iiberhaupt
20 aus der Seele. So reutet ein Staat, der die Seelen zu bevogten hat,
anfangs nur das irrige unkirchliche Denken aus, eh* er alles Den-
ken iiberhaupt wegschafft. Daher kann er vor der Hand den Fein-
den der Religion keine andre Anfalle darauf verwehren als die
unbescheidensten oder spottischsten.« Ich wurde ganz irre, als der
Adjunkt versetzte: »Nein! entweder keine oder alle Anfalle, sel-
ber die unbescheidensten, miissen verstattet werden. Denn die
Religionsspotter konnen sagen, es miiBten also unbescheidne und
spottische Anfalle auf sie ebensogut den Orthodoxen durch die
Zensur verboten sein, sonst ware man parteiisch.« — »Sie meinen,«
30 (sagt' ich) »ein Spotter konne sagen, die Unbescheidenheit der
Pnifung gebe nur den Vorwand des Verbots der letztern selber
her, so wie ein guter Freund, den der andre gutmutig tadelt, die
Erbosung iiber die Riige mit dem Tone der Riige entschuldigt;
haben Sie anders gemeint, Herr Adjunkt ?« -
Ich und Graukern wurden inzwischen durch wechselseitiges
Aufpassen einander immer widerlicher: ich kann gar nicht sagen,
390 BIOGRAPHISCHE BELUSTIGUNGEN
wie fatal, grell und steinig mir, wenn gerade Eva ihr schones,
stilles Gesicht ohne alle Linien als die lachelnde um die Tafel trug,
dasadjungierteerschien.MitjungfraulicherUnbefangenheitmacht
ein mannliches Fiskalatsgesicht einen verdammten Abstich. Ich
erzlirnte mich und legte den Kopf an die Stuhllehne und sagte zur
Stubendecke: »Ich und Sie, Herr Graukern, sind ein Paar Kopfe
voll Licht und passen darum - schlecht zusammen : in der groBen
Welt ists mit den Menschen wie mit den Schiffen, die zu nachts
darum Lichter (die Seeleuchten) haben, um auseinander zu blei-
ben und nicht aneinander zu scheitern. - Ich wollt*, es ware mit 10
den Kopfen wie mit den Wagen, worunter allemal die leeren den
vollen ausweichen.«
Ach ! der arme Torsaker weiB die Wallungen seines satirischen
Venensystems selten zu besanftigen — er miiBte denn, statt zu
sprechen, nur schreiben, wo er sich (glaubt er) bisher so bezwun-
gen, daB er in der Tat die Kunstrichter auffodert, ihm einen ein-
zigen satirischen Einfall in alien seinen Werken nachzuweisen.
Der Stadtrichter trank und fragte nach nichts; ich, jede Minute
in Sorge, Graukern entsinne sich, in Scheerau einen Advokaten
von meiner Gestalt gesehen zu haben, durfte meinem Stande nach 20
wenig oder keinen Hunger haben und merkte auch an, die Gro-
Ben sollten in der vierten Bitte nicht um tagliches Brot, sondern
um taglichen HeiBhunger anhalten und um einen neuen Magen
und Adam miteinander. Graukern trank wenig; ich pries das Ge-
genteil, brachte bei, daB der Kaiser Wenzel zwar der Stadt Num-
ber fur 4 Fuder Bacharacher Wein die Freiheit geschenkt, daB es
aber zehnmal gescheuter gewesen ware, wenn die Stadt die 4 Fu-
der selber ausgetrunken hatte, weil der Wein den Menschen ein
paar Freiheiten auf einmal gibt, PreBfreiheit, Maskenfreiheit, aka-
demische und poetische Freiheiten. Es schlug nichts an: Graukern 3°
dachte, wie es in den Gerichtsstuben sonst eine Durst-Folter gab,
um dem Durstigen Bekenntnisse abzuzwingen, so geb' es in die-
ser eine Trink-Folter, die noch mehrere ablockt.
Ja er marschierte gar fort, sagte aber, er komme wieder und
hole bloB die Hamburger Zeitung her, die nunmehr die Kirmes-
leute in der Pfarre miiBten abgegeben haben. Mir war, als wiird*
SATIRISCHER APPENDIX 3pl
ich vom Schrecken in eln KiihlfaB geworfen: denn dunkel ent-
sann ich mich, in der Hamburger Zeitung mehr einen Steck- als
Belobungsbrief vom Herrn Seraphinen-Ritter v. Torsaker gele-
sen zu haben. »Ein gescheutes Mannchen !« sagte der Stadtrichter.
- »Dummer oder kliiger«, sagt* ich, »sollt* es sein. Der Adjunkt
gehort unter die Geistlichen, die sich friiher rechtglaubig anstell-
ten und logen, um ordiniert zu werden, die taglich predigen, daB
Christus fur die Wahrheit starb, indes sie fiir die Luge leben, die
aber am Ende intolerant gegen die werden, die ihnen im Glauben,
10 aber nicht im Sprechen ahnlichen. Ich setze meinen Stern zum
Pfande, so wie einige Philosophen von ihrem Gott behaupten,
die Schopfung der Welt habe nicht die kleinste Anderung in sei-
nem Wesen gemacht, daB ebenso der Adjunktus die warmste
Predigt erschafFen kann, ohne die geringste Anderung in sich zu
erleiden. Unter alien Menschen wird es keinem so erschwert, sich
fiir schlimm zu halten, wenn ers ist, als dem Geistlichen: seine
heiligen Reden sieht er fiir heilige Werke an, seine BuBpredigten
fur BuBe, seinen Priesterornat fur den neuen Menschen, den er
angezogen. Graukern nimmt sich noch dazu fur einen gottlichen
20 Gesandten und Botschafter: als Envoye hat er folglich, wie an-
dre Ambassadeurs, seine eigne Gerichtsbarkeit, Freistatte und
seinen eignen Gottesdienst, nicht aber die und den des Volks,
an das er abgelassen ist.«
Und doch ist Graukern noch leidlich daran; aber wenn ich
iiber die armen Seelen-Heloten in der Schweiz (s. Spittlers Kir-
chengeschichte) nachdenke, die nach der formula consensus hel-
vetici darauf verpflichtet werden, daB die Vokalpunkte der he-
braischen Bibel vom heiligen Geiste eingegeben worden : so be-
jammer' ich den redlichen Mann, in dessen wundem Herzen sich
30 taglich die schneidende Wahl zwischen der Luge und der Hun-
gersnot erneuert. O ihr grausamen hebraischen AtomistenX ist
denn das unaussprechliche Gliick, oder doch eine Vorstellung
davon, wenn man zwar die Vergangenheit, aber doch nicht die
Zukunft zu bereuen hat, so wenig in eure harte rohe Brust ge-
drungen, daB ihr fahig seid, diesen warmen vollen Himmel, nam-
lich den Vorsatz einer kunftig-reinen Tugend, einem redlichen
392 BIOGRAPHISCHE BELUSTIGUNGEN
GeistHchen wegzureiBen und ihn durch Hungersnot zu zwingen,
daB er, nach tausend der Tugend und Wahrheit herzlich gern ge-
brachten Opfern, doch jeden Morgen seufzen muB: ach! beide
verrat* ich, solang' ich die Gottlichkek der Vokalen bezweifle
und doch beschwore und verbreite? O wie viele harte Kampfe
im TodesschweiBe, wie viele bittre Tranen der frommsten Her-
zen liegen auf eurer Seele, ihr, die ihr das reine Gewissen selber
in das Marterinstrument einer schwachen Brust verkehrt und die
ihr derReue befehlt, nicht bloB die Erinnerungen bitter zu machen,
sondern auch die Entschliisse! — Ists denn iiberhaupt nicht schon 10
genug, wenn ein Mann sich anheischig macht, die hebraischen
Konsonanten, und also zwei matres lectionis, die wenig von ech-
ten Vokalen verschieden sind, fur gottlich zu erklaren? Behilft
sich nicht die ganze orthodoxe Judenschaft mit Bibeln ohne punk-
tierte Arbeit? — Ich bekenn* es, in einem solchen Falle bemerkt
man den Abstich fast mit Vergniigen, den hier gegen die Kantons
und ihre formula consensus helvetici unsre deutschen Kreise, der
obersachsische, der frankische usw., machen, die alle eine Kon-
kordien-Formel beschworen, worin auf die inspirierten Vokal-
punkte - diese Blasen brennenden Sied- und Vokalpunkte des 20
Gewissens — gar nicht sehr geachtet wird
Ich sagte zu Weyermann: »Der meergrau-augige Graukernhat
sich abgeschlichen und kommt gewiB nicht wiederw — als er wie-
derkam mit einem Tabaksbrief voll Zeitungen. Er teilte sie aus
und notigte mir die erste Nummer der Chronologie wegen auf.
Ich schielte gegen die Avertissements, und mein Blick fuhr in
eines - der Teufel muB gerade seinen Geburtstag gefeiert haben-,
das einen gewissen Avanturier, der den Namen Torsaker und die
Seraphinenkette diebisch fuhre, kanonisierte und baronisierte.
Um mich zu fassen, las ich langsam die ersten Zeitungsartikel - 30
um froher zu Werke zu gehen und um den Adjunktus zu ver-
wirren, erdichtete ich scherzhafte Avisen. Z. B. ich las daraus
folgendes :
»Sachen, so gesucht werden.
Ein junger Mensch, der parlieren, gerben, ausbalgen, unter-
schreiben und befehlen kann, der schon bei vielen vornehmen
SATIRISCHER APPENDIX 393
und niedrigen Damen in Diensten gestanden, der gut tanzt, fahrt,
auBerdem Geschmack hat in schonen Kiinsten und der ganz ge-
sund ist (sitien kann er iibel), dieser Mensch, wovon das Zeitungs-
komptoir mehrere Nachricht gibt, sucht einen - Thron.«
Graukern spitzte sich auf mein Erstarren vor dem Avertisse-
ment. Ich schob seine Teufels-Schaferstunde immer hinaus; und
machte mir eine Buchhandler-Anzeige zunutze, um mich zu
wundern, daB die Biicher nicht, anstatt von ihren Verfassern, die
immer parteiisch im Loben sind, und anstatt von ihren Rezen-
io senten, die es im Tadeln sind, nicht lieber von ihren Verlegern,
die gleichsam zwischen beiden das Mittel hahen, angepriesen
werden.
Ich fass' es heute noch nicht, wie ein leichter Vorschlag, den
damals kein Verleger horte und auffing, wenige Jahre darauf mit
allgemeinem Beifall realisiertwurde.Jetzt sind,hofF ich, die Buch-
handler-Anzeigen'ebenso haufig als sonst selten, worin der Ver-
leger seine Autoren, die er aus Feinheit nicht ins Gesicht lobt,
doch hinter dem Rucken vor dem Publikum erhebt, wenn nicht
aus historischem, doch aus seligmachendem Glauben. Die Liebe,
20 die Buchhandler fur Kinder - obwohl nur literarische - beweisen,
ist, wie die Liebe gegen andere Kinder, das Zeichen eines guten
Charakters; ja ist ein solches schon eine Lese-Leiche, so ist es
schon, daB sie dem Gebote Solons folgen und von Toten offent-
lich nichts als Gutes sagen. Oft legen sie - nach der franzosischen
Regel, die das Zuschreiben mangelnder Tugenden fur den fein-
sten Tadel halt - mit schoner Ironie dem Buche offentlich gerade
die Vorziige bei, die ihm, wie sie glauben, fehlen. Ja, mancher ist
imstande, das Buch eines Autors, der sich mit ihm als Mensch
uberworfen, recht zu erheben und nicht am unschuldigen Kinde
30 die Siinden des Vaters zu strafen - so sehr sondert er, ungleich
dem Kritikus, den Menschen vom Autor und will lieber das Buch
seines Feindes, das er im Verlage hat, zu sehr und wider seine
Oberzeugung - er kann sich nicht trauen - loben als wenig. Noch
aber gebricht uns eine neueste allgemeine deutsche Bibliothek,
von einem Buchhandler verlegt und von alien verfasset
Als ich dem Diplome des Seraphinen-Ritters in der Zeitung
394 BIOGRAPHISCHE BELUSTIGUNGEN
begegnete : rief ich ein langes franzosisches ahhhh ! und reichte
das Blatt Graukern: »Lesen Sie vor«, sagt' ich.
»Es wird zu jedermanns Warnung bekannt gemacht, daB ein
gewisser Landlaufer, der sich fiir einen Herrn v. Torsaker und fur
einen Ritter des Seraphinen-Ordens und fiir einen schwedischen
Kammerherrn falschlich ausgibt, und der leicht an seiner kurzen
Statur1, schwarzen Haar', roten Gesichtsfarbe3, dicken fetten
Leibe4 zu erkennen, ein ausgemachter Betriiger ist, der schon etc.
etc.«
Weyermann war halb tot und ganz stumm. »Glauben Sie mir, 10
Herr Adjunkt,« (sagt* ich) »ich hatte gute Ursachen, den Fal-
sarius, der sich meines Namens, Wappens, Sternes und Schliis-
sels anmaBte, ohne Schonung in die Hamburger Zeitung setzen
zu lassen. Sagen Sie selber, Herr Gerichtshalter : ging er nicht drei
Wochen in Scheerau herum und gab sich so lange fur mich aus,
bis ich selber auftrat? Es ist freilich frappant. Ich fiirchte nur, er
hat an noch groBern Hofen meinen Namen ungemein kompro-
mittiert und meinen Taufschein zu seinem Entree-Billet ver-
braucht.«
Der Adjunkt erschrak - verstummte - glaubte - und versank 20
vor Torsakern. Sonderbar! seit meinem Siege Iiebt' ich ihn
mehr und meine humoristische Rolle viel weniger. Beschamt -
daruber, daB die Scherzliige sogar ein schmales Feigenblatt ist,
das selber ein zweites bedarf, wiewohl sie doch besser ist als die
Notliige, weil es keine andre Liigen gibt als Liigen in der Not
und keine Laster als Notlaster - beschamt iiber alles, entsprang
ich ins Freie. Mich ekelte der teure optische Betrug. Ich suchte
das Standquartier des Einhandigen auf : er war verschwunden wie
seine Hand. Jetzt wurde auf einmal ein langer Schleier aus Trauer-
flor iiber meinen innern Menschen geworfen, als ich von der la- 30
chenden Biihne in die weite trat, iiber die sich die blaue Himmels-
1 Ich habe eine ungemeine Lange. -
2 Ich habe gelbes Haar. -
3 Ich habe ein gelbes Gesicht. -
* Mit dem Fette Schreibers dieses ist keine offentliche Stadtlampe nur eine
Nacht brennend zu erhalten, obwohl solche Lampen schon um 1 Uhr aus-
loschen sollen, nach der Laternen-Ordnung.
SATIRISCHER APPENDIX 395
Halbkugel, mit Lerchen und Schmetterlingen statt der Sterne ge-
fiillt, heriiberbauete und auf der griinende Berge, bliihende Felder
und reife Auen als groBe Saemaschinen standen, die dem Men-
schen Saaten und Ernten in die Hande warfen. Hinter meinem
Riicken bezeichneten kleine Tone die engen Zauberkreise der
Lust, die eine frohe Jugend um die Achse des Maienbaums be-
schrieb. Eine solche Nachbarschaft hinter der vorigen Stunde
nimmt dem Menschen die komische Larve ab und hangt ihm den
ernsten Nonnenschleier iiber.
10 Ich streifte auf geradewohl iiber gemahte Raine und durch
kleine, wie aus Waldungen ausgeschnittne Gruppen wie Kranze.
In einer solchen transparenten Holzung lag ein Mensch auf dem
Gesicht und neben ihm ein braunes Pudelhundchen. Ich dachte,
er schliefe; aber als ich mich biickte und ihm unters Gesicht
schauete, waren die Augen ofTen, aber erstarrt und auf ewig blind.
Ich langte nach dem rechten Armel und dem Puis darin, aber
letzterer war samt dem rechten Arme heraus. Es war ein Bettler,
der vermutHch wie andre auf die Oberseeser Kirmes ziehen wollte
und der schon seit gestern so still daliegen mochte, denn das
20 Hiindchen hatte den ganzen Bettelsack mit dem MuBteil darin
schon beerbt und ausgekernt. Es blieb, als ich seinen Herrn sanft
umwandte, wie ein amerikanisches schweigend daneben liegen
und trieb mich nicht zuriick, ob es gleich die Leichenwache hatte :
ich kann mirs denken, abgetragner Pudel, wenn man gleich dir so
arg verwundet und zerstoBen wird als ein Edler in einem Roman,
so bellt man niemand mehr an und unterscheidet sich vom fetten
bissigen SchoBklaffer: in den Riicken eines solchen armen aus-
gestreckten Hundes driickt das Schicksal die langsten Stacheln,
und er murrt nicht, sondern wedelt nur.
30 Nein, weder der riihrt mich am meisten, der, uberzogen vom
Schlangengifte des Schmerzes und leichenblaB umgesunken, un-
ter den Stichen schreiet und fortwimmert - noch der, welcher
seine Brust erhebt und mit ihr den schweren eisernen AmboB des
Stoizismus tragt und der nun das Schicksal auf dem AmboB ohne
Erschiitterung Schmieden lasset - nicht diese beiden, sondern du
riihrst mich am tiefsten, du, der alles empflndet und alles verhehlt,
396 BIOGRAPHISCHE BELUSTIGUNGEN
dem lange und schwere Jahre das trockne Auge und die unbeweg-
liche Lippe gegeben, dem die blaBroten Rosenblatter, die sich
iiber das nagende Wurmchen kriimmen und es verbergen, ohne
Rauschen alle entsinken und der alle Menschen, die dich beklagen
wollen, nur schmerzlich anlachelt und zu ihnen sagt: es fehlt mir
nichts
Ich nahm mir vor, der Undertaker und curator funeris und
Leichenbesorger beim alten armen Manne zu werden: ich griff
deswegen in seine Taschen, die Ieider gleich Wespennestern und
Fuchsbauen auBer dem Eingang noch unten einen Ausgang hat- 10
ten, und wollte mich in Besitz seiner hinterlassenen Briefschaften
und andrer Verlassenschaft setzen. Die Erbschaftsmasse fiel aber
kleiner aus, als zu vermuten war: sie belief sich auf einen Morgen-
segen und auf einen gelben zerbrochnen zerknitterten Brand-
brief mit eingeschaltetem Wundzettel, worauf er aber — denn das
wenigste war noch zu lesen — die letzten Jahre her unmoglich
konnte gebettelt haben. Der Wund- und Brandbrief attestierte,
Vorzeiger dieses sei ein Bergmann aus Viesel vermutlich
Vieselbach bei Erfurt — , seines Namens Zaus oder Saus (man
konnte die Buchstaben nicht unterscheiden), Vater von zwei le- 20
bendigen Kindern, dem das Lossprengen des Steins den rechten
Arm weggerissen. Den Morgensegen, in Sedez, mit Nomparel-
Fraktur gedruckt, las ich nicht ganz hinaus, da es schon nachmit-
tags war; die ubrigen Segen im Buchelchen samt dem Einband
hatte der Erblasser abgegriflen und weggebetet, und man muB
auf die Vermutung verfallen, daB er abends den Morgensegen
repetiert habe, der auf den Teufel, gegen den der Segen des Tages
zweimal wie eine Doppelflinte gehalten wurde, wie ein Rikoschet-
schuB wirken muBte.
Ich lieB den stillen Siebenschlafer auf dem breiten, griinen 30
Sterbebette und im Trauerhause der Erdkugel und nahm seine
Relikten auf den Arm - den Hund - und ging in die Stadt zu-
riick, um durch Polizei-Anstalten den alten Saus heute unter die
Erde, worunter er so oft war, zum letzten Male zu bringen. Der
Stadtrichter und der Adjunkt hatten ein froheres, geistreicheres
Blut als Weinsolution im Herzen, und jener dankte dem Himmel
SATIRISCHER APPENDIX 397
fur den Bettler, den er recht herrlich zum ersten Amtsaktus, zur
Debit-Rolle verwenden konnte. Der Gerichtsfron zitierte als Lei-
chenbitter den SchultheiB - dieser die Stadtgemeinde in die Hol-
zung - ich und die zwei andern gingen voran hinaus. Das Er-
menonville des Bergmanns, das statt der Zypressen Fichten um
sich hatte, wurde bald mit Oberseesern, die heute faulenzen konn-
ten, angefullt.
Der Stadtrichter ring an und sagte: »als zeitiger wohlbestallter
Gerichtshalter von Obersees verordne und befehl* er hiemit, daB
10 der arme Bergmann Zaus ehrlich begraben werde noch heute.«
Die halbe Trauerversammlung brummte: »Es kann auch einFall-
meister sein, wir greifen ihn nicht an.« - Ich begann: »Hier ist
ein Dokument, an das sich die Oberseeser Marktgemeinde halten
kann.« - Ich verlas es. Die Weiber sagten (und guckten nach sei-
nem Aquator, wo der Mensch und die Erde groBere Dicke und
hohere Berge hat als an den Polen) : »sie konnten keines Ai*sch-
leders ansichtig werden - er moge wohl aus weiter nichts sein als
aus dem Schafergeschlecht.« - Ein Garnweber sagte: »Vor drei
Jahren hatte hier ein Schmierschafer gerade mit einem solchen
20 Pudel gebettelt, der aber brauner gewesen sei.« - Ich antwortete:
»Ich wills wiederholen, daB seine Briefschaften aussagen, daB er
ein grundehrlicher, abgebrannter Bergknapp aus Viesel ist, und
es wird Vieselbach heiBen sollen, und er selber schreibt sich ent-
weder Saus oder Zaus.« - Weyermann fiigte mit dem Mute eines
Trinkers dazu: »Dem ersten besten, der widerspenstig ist, lass'
ich den toten Kerl vor die Tiire schieben und dort stehen, bis er
stinkt.«
»Sie werden,« - sagt* ich laut - »Herr Amtsrichter allhier, er-
lauben, anzumerken, daB ihn nicht alle auf einmal tragen oder
30 einsenken konnen : die iibrigen werdens nachher den Leichbesor-
gern im Soffe vorwerfen. Ich will ihn daher, gesetzt, er ware nicht
ehrlich, ehrlich machen, wie Professores dem Kadaver eines Mis-
setaters das Fakultats-Insiegel aufdriicken. Ich Hans von Tor-
saker, GroBkreuz vom Seraphinen-Orden und Kammerherr aus
dem Konigreich Schweden, riihre dich, Johann Zaus, Bergknappe
aus Viesel, mit dieser meiner heiligen Ordenskette und mit mei-
398 BIOGRAPHISCHE BELUSTIGUNGEN
nem Kammerherrn-Loseschlussel an und erklare dich auf un-
denkliche Zeiten fur hinlanglich ehrlich und von ehrlichem Her-
kommen. — Nun konnt ihr ihn alle ohne Schaden angreifen.« -
Der Schulz muBte zuerst, aber er sah aus wie einer, der einem
Krampffisch an die Kehle greift und davon wie von einer beriihr-
ten Bundeslade das Erschlagen befahrt. Der Garnweber wollte
bloB einige Male mit seinem FuB an des Seligen Ferse stoBen; er
wurd* aber hohern Orts angewiesen, mit der Hand Zausens Bu-
sen auszufuhlen, ob nichts drinnen klopfe. Ein Schneidermeister
nahm seine Elle zum Fuhlhorn und zog es wie ein Visitiereisen 10
uber das ehrliche corpus; er muBt* ihn aber zur Strafe aufrecht
setzen. Als im fiihlenden cercle die Reihe an die Weiber kam: war
keine hinanzubringen, und der verstorbne Zaus hatte unmoglich
bei Lebzeiten eine Frau so straubend beriihrt, als ihn hier jede be-
riihrte: denn der Vernunftgrund, warum es die Manner lieber
taten und den ich oben vergessen - der namlich, daB ich und das
Gericht dem leidtragenden Kondukt zwei Eimer Leichbier zum
Versaufen versprochen -, griff die Weiber wenig an. Ich lieB mir
aber die Hand der nachsten sproden Dulderin reichen undtauchte
solche auf des Alten Magen nieder. Eine zweite, die leicht uber 20
seinen diinnen Glatzen-Nachflor streifte, wurde genotigt, seinen
Bart zu streichen, damit sie der dritten nichts vorwiirfe, mit deren
Hand ich sein rechtes Auge zu schlieBen suchte. Den furcht-
samern wurde bloB gerichtlich aufgelegt, seine Weste- jede einen
Knopf daran - aufzuknopfen und - well mehr Weiber als Knopfe
waren- richtig wieder zuzuknopfen. - Der Hund fuhr gegen
niemand los, gleichsam als wollt* er zu verstehen geben: mein
Herr ist alle Arten von Angriffen schon gewohnt.
»Wir konnen abends in der Dammerung«, sagt* ich, »auf dem
Kirchhof wieder zusammenkommen und den alten Mann hintun, 30
wo er hingehort. Ich erbiete mich, einen Leichen-Sermon um-
sonst zu halten, und dem Herrn Seelsorger wird es vielleicht auch
auf einige geistliche Reden nicht ankommen. - Wenn wirs spat tun
unter dem Gebetlauten,« sagt' ich zu Graukern, »so siehts doch
aus, als hatte unser sel. Mitbruder ein Trauergelaute, das freilich
tausendmal kiirzer und leiser ist als das eines romischen Kaisers,
SATIRISCHER APPENDIX 399
und die paar Sternbilder am Himmel passieren fur einige der
notigsten Gueridons mit Trauerkerzen.«
Wir gingen aus dem Parade -Trauerzimmer des Ordensheili-
gen fort, dessen Beriihrung gerade von dem moralischen Siech-
tum herstellte, womit andre heilige Reliquien anstecken. Weyer-
mann besorgte das Leichenbegangnis; und ich ging ins SchloB
zum Sequester zuriick. Meine Klugheit hatte heute einen Bauer-
krieg gegen die Unglaubigen im Ei zerdruckt, der der scheeraui-
schen Regierung und dem Kaufherrn Oehrmann, die beide auf
10 ehrliches Begraben dringen, Dinte und Federn genug gekostet
hatte.
Im Schlosse raumte eben Eva meinen Schreibtisch auf. Ich
faBte auf der Schwelle den EntschluB, endlich fiir Schnazlern
Sturm zu laufen, ich meine, sein Ofenheizer zu werden, namlich
sein Freiwerber. Ich setzte mich an den Tisch, den ihr Fleder-
wisch abbiirstete, und fing diesen und sagte nichts — sie auch
nicht, sie geduldete sich: — »Die Flugel an meinen goldnen En-
gelskopfen« (fing ich an) »sind mir nicht so lieb als dieser Gans-
flugel.« Das konnt' ich leicht deutlicher machen. Ich sagte darauf :
20 »ich war* ein Schulmeisters-Sohn aus Sawolax, hatte mich aber
durch aufierordentliche Verdienste aufgeschwungen zu einer sol-
chen Hohe, und daher h^tt* ich, wie jeder Schulmeister, einen
besondern Hang zu Mannern, wie der Herr Aktuarius juratus
ware, und zu Brauten derselben, wie sie ware.« Ich bauete dann
in der Eile eine Ehrenpforte und Heroldskanzlei fur Schnazlern
auf und sagte dann, ich wurde mich schamen, sie zweier Worte
gewiirdigt zu haben, wenn sie gewiB den ausgepriigelten Ranzen-
advokaten nahme. - Ich kam auf Schnazlers Harung und insi-
nuierte ihr, kein Kopf habe einen Zopf vonnoten als einer, der
30 oben einen Federbusch tragt, ein Soldat namlich, so wie bei den
Romern alle Opfertiere einen langen Schwanz1 besitzen muBten:
denn dieser Haarsperrstrick und Schwanzriemen soil' es bloB dem
nachsetzenden Feinde erschweren, einen militarischen Laufer
oder Sturmldufer von hinten zu kopfen. Endlich fuhrt* ich den
Beweis durch Zeugen und Urkunden am besten durch meinen
1 Plin. H. N. VIII. 45-
400 BIOGRAPHISCHE BELUSTIGUNGEN
eignen Kopf, den ich sie oben zu betrachten bat, weil nichts auf
ihm ist. Ich sagte ihr, unter Leuten von Stande waren jetzt Haare
ungewohnlich, wenn nicht unschicklich, und Haarwuchs sei im-
mer, man sage, was man will, ein umgekehrter Bart in aufsteigender
und Seitenlinie.
Daran glaub' ich aber noch jetzt. In unmannlichen Zeiten wie
unsern sucht sich jeder von den Weibern wenigstens dadurch zu
unterscheiden, daB er kahl wird, welches diese nicht vermogen.
Ein verstandiger Mann wahlt aber, da die jesuitischeTonsurierung
so sehr verschrien wird, lieber die griechische1 und beugt den 10
Vermutungen der Berliner Monatsschrift vor; nur stoBt er, wenn
sonst die Ritter auf einmal den Vorderkopf beschoren, um nicht
von Feinden daran gepackt zu werden, seine Haare — man soils
weniger merken - einzeln ab und tut also das weg, womit ihri
Feindinnen an sich ziehen konnten. Daher man auch in den ho-
hern Standen nicht eher heiratet, bis man kahl genug ist, und auf
eines Weibes Haupt immer eine Glatze: die Weiber gleichen den
Schafern, die die Hammel und Schopsen nicht eher kaufen - weil
sonst nichts zu sehen ist - als gleich nach der - Schur.
Ich fuhr fort und zeigte, »wie ich den Kan tor liebte, da ich 20
Dinge fur ihn unternahme, die ich nicht fur meine Cousinen tate«.
Ich lieJ3 sie dann nicht lange in Sorgen, ob ich mich bedenken
oder weigern wiirde, ihr - wiewohl drei Kammerherrnknopfe
und noch dreimal soviel Engelskopfe an. mir hingen - ihr,
sobald ich damit Schnazlers Gliick zu machen wiiBte, soviel als
Kaufschilling zu geben auf ihre - Lippen, als recht und christlich
ware. Ich wuBte, was ich sagte und wollte und daB ein Mann seine
Gaben viel gescheuter fur Geschenke als fur Injurien ausgibt: ich
tat ihr ein hohes Gebot von 10 Injurien (Geschenken). Sie schwieg
betroffen und notigte mich, da ich das Schweigen fur ein hoheres 30
Daruberschlagen nehmen muBte, noch weiter hinaufzugehen.
»Schonste Jungfer,« sagt' ich, »ich verstehe mich endlich zur
doppelten Summe, wenns Herrn Aktuarium juratum glucklich ma-
chen kann - Personen wie Ihr, Schonste, legt man ohnehin lieber
1 Die romische Tonsur beschiert den Scheitel, die schottische den Vor-
der-, die griechische den ganzen Kopf. Semi. Select, cap. hist, eccles. T. II.
SATIRISCHER APPENDIX 4OI
den Mund als die Hand auf den Mund. Aber jetzt denke Sie nach
- Grofikreuze aus Schweden mit einer blauen Kugel sind rar,
Evchen, und dergleichen kann eine Jungfer selten zum Munde
fuhren - in der Stadt werden die vornehmsten Damen oft, Jung-
fer, von keinem Seraphinen-Ritter gekuBt. - Ein Wort ! ich biet*
Ihr jetzt, was Sie fodert - eingeschlagen !« Dieser Klimax machte
sie ganz irre, und es war nicht sowohl das Wenigste, daB sie
schwieg, als das Gescheuteste. »Noch das letzte ! Ich glaube, Sie
1st christlich und ehrlich und ubersetzt keinen Seraphinen-Ritter:
10 hier will ich Ihr auf Ihre RechtschafFenheit vorausbezahlen und
nicht einmal unterdessen zahlen.« Ich hielt Wort und zahlte nicht.
»Ach!« sagte sie darauf; und dieses weibliche Ach ist so schon,
daB es viele verleitet, das Zahlen von neuem zu vergessen. Ich
schlug ihr nun vor, mit mir auf den Kirchhof zu ziehen, wo der
Aktuarius sein musse. Nach einem solchen Ach bewilligt jede
gute.MiB nichts lieber als etwas Kleineres, eine Begleitung nach
dem Kirchhof. Es war damals nur Zufall, was hatte bewuBte Ab-
sicht sein sollen, daB ich auf ihr J a fur Schnazlern nicht scharfer
drang: man muB diesen Holden immer ihr mattes Ja, Nein - ihr
20 chiaroscuro - lassen, und wer von ihnen eine bestimmte Antwort
ertrotzt, wird mit einer fortgeschickt, die seinem und ihrem
Wunsch zugleich zuwider ist. "Oberhaupt ists mit Ratgebungen
wie mit Buchern, die auf klaren : beide gleichen den Schneeflocken
- die ersten zerflieBen nach dem Fallen, aber wenn es weiter
schneiet, setzen sich einige fest, und dann wird Schlittenfahrt.
Ich und Eva zogen vor dem umzingelten Maienbaum vorbei
nach einem stillern Orte, wo tiefere Fahnen knarrten; wir fanden
im bunten Kirchhofe niemand, nicht einmal den Kantor. Der Hof
war wie ein englischer Garten voll weiBer Obelisken, liegender
30 Gotterstatuen im Grunen, aber die Ruinen waren unter der Erde
-die palmyrischen Ruderaderzerschlagnen Seelen-Tempel deckte
der bliihende Boden mit groBblatterigen Blumen zu. Die Hinter-
tiire des Hofs war wie Zausens Hohle darneben schon offen; und
aus der auf einem Hiigel zerflieBenden Sonne rann ein breiter
Scharlachstrom von AbendUcht durch die aufgezogne Schleuse
des Tors herein, und man sah - wenn man sich ins Gras hineinr
402 BIOGRAPHISCHE BELUSTIGUNGEN
biickte — die griinstammige Blumenwaldung vergroBert und aus-
einandergeriickt in den dunkelroten Gangen des tiefen Schim-
mers mit den Blumengipfeln aneinanderschlagen. Ich und Eva
setzten uns auf eine bunte Anhohe, die gleichsam einen neuen Blu-
menbusch an den unter ihr wohnenden Busen steckte, auf dem
der mitgegebne kleine langst zerfallen war.
Endlich sah ich driiben den Kantor vorauskommen : er konnte
mich besser erkennen als ich ihn im blendenden Abendglanze. In-
dem ich jetzt noch einmal Evas Ausschlagen seiner Hand bedachte
und zufallig mit meiner in die Tasche kam: geriet ich auf einen 10
Gedanken, von dem mehrere es mit mir bewundern werden, daB
ich so spat darauf verfiel. »Schonste Tochter,« - sagt' ich - »hier-
um miissen wohl die Graber Ihrer sel. Eltern liegen - wenn wir
nicht schon auf einem davon sitzen — , die es auch haben wollten
wie ich, daB Sie den Herrn Aktuarius juratus nimmt. Und Sie
hats ihnen so heilig gelobt. — Bricht Sie Ihr Wort: so ists soviel,
als schlagt Sie nach Ihren sel. Eltern im Grabe. Und wie es solchen
Kindern, wenn sie selber hineinkbmmen, ergeht, davon sah' ich
heute ein betriibtes Exempel im Gerichtsschrank : sie stecken nam-
lich ihre verruchte Hand daraus hervor. Hier trag' ich eine in der 20
Tasche bei mir.« - Ich brachte sie hervor und hielt ihr sie hin. Sie
sprang bestiirzt vom Grabe auf und sagte weinend: »Wenns
Gottes Wille so sein soil: so hab* ich auch nichts dagegen - in
Gottes Namen !« Jetzt rief ich und winkt* ich wie besessen dem
Kantor: er sprengte heran. Ich ergriff schleunig Evas Hand und
driickte sie in Schnazlers seine und sagte: »Gebet einander die
rechte Hand und saget Ja - und der Herr segne euch und behiite
euch — und kommt recht spat in den Kirchhof, ausgenommen bei
Lebzeiten, er zum Lauten und sie zum Grasen.« —
So schwarzte ich sie also aus einer profanen Frau zu einer geist- 30
lichen um durch die Pille, unter der ich oben den Kantor vorbil-
dete und die jenen Pillen glich, die aus einem in acido vitrioli
aufgelosten Silber bestanden und einen Patienten von FuB bis auf
den Kopf schwarz farbten (Neueste Mannigf. 2. Quart. 2. Jahrg.
p. 414).
Das Leichenkondukt kam jetzt zum Tore herein und verbauete
SATIRISCHER APPENDIX 403
nur den glimmenden Hiigel, der schon die Sonne verdeckte. Der
Bergmann wurde hingesetzt und Herr Adjunkt allgemein ersucht,
uns alle zu erbauen aus dem Stegreif. Er stellte sich hin, schneuzte
sich, um doch etwas statt des Hauptliedes vorauszuschicken, und
hob an: »Wirft der erprobende Christ und Nichtchrist teils auf
die Bestrebungen menschlicher Tatigkeit Blicke, spiirt er teils der
menschlichen Vervollkommung schon in dem Begriffe eines voll-
kommensten Wesens nach : so« So und nicht schlechter fahrt
der Sermon fort, den ich kein Recht habe, hier nachzudrucken
10 und das Honqrar dafiir zu Ziehen.
Die Reihe kam an mich, der ich erst von einer Hochzeitpredigt
herkam. Der Blasse wurde aufgedeckt — das Abendrot legte sich
um die lebendigen Wangen und das Mondlicht um die erblichnen
- die Gebetglocke summte aus - eine Lerche stieg noch iiber uns
- und der Abendwind lief driiben in griinen Wogen iiber die
Kornfelder, als ich anfing :
»Herr Amtsrichter Weyermann,
Herr Adjunktus Graukern,
andachtige Zuhorer und
20 guter alter Saus!
So wird dich in vielen Jahren kein Mensch geheiBen haben,
sondern Landstreicher oder so was - aufler heute. In vielen Jah-
ren sind nicht so viele freundliche Gesichter um deines gestanden
- auBer heute, wiewohl in deinen gefrornen Augen der schwarze
Star des Todes ist. In vielen Jahren bist du nicht so bald zu Bette
gegangen und so wenig durch Schenkwirte gestort worden -
auBer heute, an deinem langsten Rasttage. Und dieses einzigemal,
Alter, legst du dich nicht hungrig nieder und stehst nicht hungrig
auf — Oberseeser! ist einer unter euch zahe und muhsam zu
30 riihren : so folg' er mir jetzt nach, wie ich neben dem alten Zaus
nur einen Tag hergehe, weil ich seine Leiden, seine Mucken- und
Sonnenstiche zahlen will.
Wir wundern uns schon iiber das matte, gedehnte Erwachen
des armen Mannes im Hirtenhause: es ist ihm nicht recht, daB die
ruhige Nacht so hurtig abgelaufen ist, in der er nicht marschieren
404 BIOGRAPHISCHE BELUSTIGUNGEN
und nicht singen durfte; und miider als der Gemeinbote, hilft er
sich aus dem Hirtenhause heraus, und drauBen steht ein breiter,
langer Tag vor ihm, der ihm nichts gibt und verspricht als das
alte schrnale Botenlohn von einem Heller vor jeder Haustiire.
Auf etwas Neues, Sonderliches kann er sich nicht spitzen : ein
Bettler, ihr Leute, hat weder Ostern noch Pflngsten, noch Sonn-
tage, noch Marientage, noch Markttage in der Stadt- 365 Werkel-
und Jammertage hat er in seinem bittern Leben und wahrlich
nicht eine Stunde mehr... Ihnen, Herr Amtsrichter, Herr Ad-
junktus, brauchts als Gelehrten nie gesagt zu werden, daB nichts 10
fataler ist beim Aufwachen, als wenn ein Alltags-Tag, ein aus-
geleerter, prosaischer, tausendmal gefelgter oder gestiirzter Tre-
berntag vor der Bettlade steht und uns empfangen will. -
Wir wollen wieder hinter Zausen hersein : auBerordentlich muB
er laufen, zumal wenn ihn hungert, um nur ein Dorf zu erlaufen.
Auf jedem Berge verspricht er sich, in eines hinabzuschauen;aber
-wie mude knickt er den Berg herunter, wenn er nichts gesehen als
einen neuen, ebenso hohenl Er watet durch Kornfelder und nasse
Wiesen hindurch, worin man ihn kaum sehen kann; aber der
Segen Gottes gibt ihm schlechte Freude - er hat nichts davon, er 20
darf daran nicht einmal helfen mahen, er geht in seinem Leben
nicht wieder durch. Endlich lauft er in einem ritterschaftlichen
Dorfe ein, wo Kirmes ist: uberall riecht und raucht das beste
Essen. Was hilft es ihm, wenn er unter lauter Tischgebeten her-
umgehen muB und an keinem mitbeten darf? Er faltet den Brand-
brief, der wie sein Herz schon tausendmal zusammengebrochen
worden, wieder auf und weiset ihn vor; aber das lustigste Kir-
mesgesicht setzt er durch seinen Brief plotzlich in ein verdrieB-
liches um, und wie will er anders? Aber darnach fragt er auch
nichts mehr, er fragt, seitdem er den Bettelstab statt des Faustels 30
ergriffen, nach der ganzen Welt nichts mehr — denn die ganze
Welt fragt nach ihm nichts mehr, wiewohl sein braunes Hiindchen
christlicher denkt und auszunehmen ist. - Die ganze Welt soil
ihn schimpfen und lastern, es tut ihm gar nicht wehe, er wird
nichts mehr auf der Erde, so wenig wie euer Vieh kann er etwan
ein Zweispanneroder gar ein Vierspanner, geschweige ein Schult-
SATIRISCHER APPENDIX 405
heiB werden, eines Schulmeisters gar nicht zu gedenken. Ihrwollt
alle haben, daB man eurer gedenke; er aber verlangt nichts, als
daB man seiner vergesse. O du guter, jammervoller Mann! Sent,
wir stehen jetzt alle urn ihn; aber wenn dieser Tote in dieser
Minute sich vor uns aufrichtete, so wiirde er nichts tun, als die
welke braune Hand ausstrecken und sagen: >Teilt einem armen
Abgebrannten auch was mit!< und er wiirde uns drei Herren zu-
erst anbetteln. Ich wurd* ihm von ganzem Herzen etwas geben :
leerer Toter! wer konnte das metallne, eiserne Herz haben und
10 deinen eisernen Brief aufschlagen und ihn doch leer zuruckgeben
und dir die klelnste Freude versalzen, die auf der ganzen Erde nur
moglich ist, die iiber eine Gabe? — Wer unter uns? Ach Gott!
was hat denn der Bettler auf unsrer reichen, vollen Erde? Viel
tausend Wunden und tausend Zahren und nur einen Heller. O
wenn du aufwachtest, Alter, wiirdest du nicht in der Menschen-
gestalt vor uns stehen, mit dem Magen, mit dem Herzen, mit dem
Jammer eines Menschen ? — Und verdienen wir etwas Bessers als
du, mehr unsre grofien Gaben als du die kleinste? 01 was konntest
du getan haben, daB du keinen Bergknappen hast, der mit dir
20 einen Krug Bier trinkt, keine Frau, die dich pflegt und dich fragt,
was dir fehlt, keine Kinder, die deine Finger spielend anfassen
und dich sanft ah ihren kleinen Busen hinunterziehen, sondern
nur andre Kinder, die eher nach dem alten Manne boshaft werfen !
- Wenn ich jetzt diesem geplagten Vieselbacher, dessen Herz
doch schlaft, so recht hineinsehe ins zusammengeknitterte Gesicht
voll Erde des Alters, mit dem fest an die obere Kinnlade herauf-
gestiilpten Unterkinnbacken - in seine paar Haare, in die nicht
Abendliiftchen geblasen haben, sondern reiBende Stiirme -
in seine grauen Augenbraunen - in seinen leeren rechten
30 Armel, wiewohl im linken auch nichts ist als ein Knochenpaar -
in seine roten Augen, die er gewiB erst nach dem Tode und
von keinen groBern Stacheln holte als von Insektenstacheln -
wenn ich das tue : so kann mich das wenig oder nicht trosten,
daB der Tod schon alles gestillt hat, seine Augen und seine Wun-
den, sondern nur das, daB du, o groBer guter Vater iiber uns,
die schone Einrichtung getroffen, daB uns angefallnen Men-
406 BIOGRAPHISCHE BELUSTIGUNGEN
schen der zweite traurige Tag niemals so wehe tut als der erste
traurige.
Ich sehe jetzt in eure Seele, Oberseeser: ihr wollt ihm gerne
etwas geben; aber schauet auf zu den Sternen, er reicht seine
Hand nicht droben herunter zu eurem Almosen und bedarf nichts
mehr, keine Trane, keinen Leib nicht, diesen Sarg nicht. Aber er
schickt seine Geschwister unter uns herum: o I wenn ihr in eurem
Leben nur einen Bettler gesehen hattet: ihr wiirdet ihm alle geben
und euch um ihn schlagen; anstatt daB ihr ihn jetzt selber
schlagen lasset durch den Bettelvogt, weil es euch etwas Ge- io
wohntes ist.
Sinke aber endlich hinab in das breite Lager der Ruhe, auf
dem so viele Tausende neben dir mit ganzen und mit abgefallnen,
zerstaubten Rucken liegen! Unter diesen kleinen, griinen Hau-
sern um uns wohnen nur Ruhige. - Du brauchtest keinen Abend-
segen im Leben, weil dich die Nacht viel weniger anfiel als der
Tag — und jetzt, da der schwere Tod sich uber deine Augen und
Ohren gelegt, hast du ihn noch weniger vonnoten. Gehe sanft
auseinander, altes, gedriicktes, oft zerbrochnes Menschengerippe !
KeinKettenhund, kein Bettelvogt, keinwutiger Hunger erschrek- 20
ken dich mehr und treiben dich auf. — Aber wenn du dich einst
aufrichtest, so wird ein andrer Mond am Himmel stehen als jetzt,
und deine freie, ewige Seele wird grofi und reich unter alle Men-
schen treten und sie alle um nichts mehr bitten I - Ihr Lieben,
wenn wir fortgehen, so legt sich der Tod stumm zu ihm hinein
und nimmt ihm sanfter als den rechten Arm die iibrigen Glieder
ab, in denen noch alle unsre Schmerzen fortreiBen. Aber wenn
wir uns aus dieser stillen, ungezahlten, unter dem Griin schlum-
mernden Gesellschaft absondern und wieder naher in die frohen
Tone treten, die wir jetzt schwacher in den Gottesacker herauf 30
vernehmen und nach denen eure Sonne und Tochter um den kur-
zen Abend flattern; wenn wir von hier weg sind: so wollen wir
doch an alles das denken, was wir hier entweder zuriickgelassen -
oder zugedeckt - oder angehort - oder bejammert - oder be-
schlossen haben. Amen! Und gute Nacht, alter Mann!« -
SATIRISCHER APPENDIX 407
In wenig Minuten deckte ihn auf immer die Erde mit ihrem
dunkeln, von Blumen durchwirkten Kleide zu. - Ich will den klei-
nen, leichten Rest der Geschichte den traurig-schonen Gefuhlen
guter Leser durch Verstummen opfern und schweigend mit mei-
nem Buche von ihnen weggehen, damit ihr feuchtes Auge voll
Traume noch einige Minuten auf dem letzten und tiefsten Schachte,
worein unser armer Bergmann verschwand und dessen Auszim-
merung und Grubenliehter und schimmernde Adern wir allenicht
kennen, suchend und sinnend ruhen bleibe, besonders da sie,
wenn sie an dem, der jetzt fortgeht, oder an sich selber herunter-
sehen, an jenem und an sich den ganzen Berghabit zur Einfahrt
schon erblicken
Ende des ersten Teils
DER JUBELSENIOR
Ein Appendix
Prodromus galeatus
Eine Vorrede soil nichts sein als ein langeres Titelblatt. Die
gegenwartige braucht am meinigen bloB das Wort Appendix
zu erlautern, und weiter nichts.
Eine Biographie oder ein Roman ist bloB eine psyckologische
Geschichte, die am lackierten Blumenstab einer auftern empor-
wachset. Es gibt kein asthetisches Interesse ohne Schwierigkeiten
und Verwicklungen, d.h. keine Neugierde nach Dingen, die man
- weifi. Nun kann der Dichter, wie das Schicksal und Fursten,
10 nur iiber die materielle Natur auf seinem Papier gebieten, nicht
iiber die geistige; er kann aus dem Gluckshafen und der doppelten
Jupiters -Tonne seines Dintenfasses Registerschiffe, Quinternen,
Pestilenzen, Sonnenschein, Gewitterwolken und ganze Inseln Zie-
hen und damit seine Leute aus Papier und Dinte beschenken oder
bestrafen, aber er ist niemals irristande, in einem Lovelace mit
allem Weihwasser seines Dintenkessels den Teufel zu ersaufen,
oder einen Tom Jones zum puritanischen Durchbruch und Klo-
sterprofeB zu bringen, oder das heilige Feuer eines Agathons mit
Dinte auszugieBen. Der Dichter - das Widerspiel des Menschen
20 - andert die Form an der materiellen Welt mit einem Schlage sei-
nes eingetunkten Zauberstabs, aber die der geistigen nur mit tau-
send MeiBelschlagen ; er kann - als sein eigner GegenfuBIer - z. B.
leichter reich machen als gut. Daher bedanken wir uns auch nicht
bei ihm, wenn er noch so viele Leute tot macht oder gesund -
oder arm - oder elend; d. h. wenn erphystsche Knoten zerschnei-
det, anstatt moralische aufzukniipfen. Daher ist den Dichtern die
materielle Welt, d. h. das Reich des Zufalls^ nur eingeraumt als
Grundierung-ferner als Folge und Wirkung moralischer Ursachen
- ferner nimmt ihnen kein Mensch den Zufall, wenn dieser den
412 DER JUBELSENIOR
geistigen Knoten vergrqfiert, aber nicht loset1 — ferner wenn
der Eidotter und die ganze materia medica und peccans des Zu-
falls, der hinten alle Schwierigkeiten besiegt, schon vornen in der
Exposition, obwohl ungesehen, verborgen lag usw.
Gleichwohl muB sich die moralische Ver- und Entwicklung
hinter die materielle verhiillen - wie der Schopfer der Natur hin-
ter die Gesetze der Natur — : die innere Kausal-Kette laufe ver-
deckt unter der auBern fort, die Motive kleiden sich in Orter und
Zeiten ein, und die Geschichte des Geistes in die des Zufalls.
Diesen romantischen Polyklets-Kanon und Dekalogus, dieses 10
herrliche Linienblatt haben die meisten Deutschen entzweigeris-
sen, und sogar in den Marchen von iooi Nacht find' ich die All-
macht des Zufalls schoner mit moralischen Mitteltinten verschmol-
zen als in unsern besten Romanen, und es ist ein groBes Wunder,
aber auch eine ebenso groBe Ehre, daB meine Biographien hierin
ganz anders aussehen, namlich viel besser. Meine unvergeBlichen
Splitter-, Fern- und Kunstrichter hab* ich leider durch meine Di-
gressionen irre gemacht, obgleich Digressionen die psychologi-
sche Geschichte nur verschieben^ nicht verfdlschen, indes andere
Schreiber sie durch ihre Zufalle vernichten und durch ihre Epi- 20
soden verdoppelnS O, gutes Schicksal! verleihe mir einmal ein
Halbjahr, um darin sowohl meine biographische Kameradschaft
als meine akademische Gerichte weniger satirisch anzufahren als
ernsthaft !
So, nach einem solchen asthetischen Metrum muB der von der
Natur wie von einem iibenden Schullehrer zerworfne Vers der
auBern Geschichte zusammengeschoben werden. Aber etwas an-
ders ist freilich ein Appendix.
Der erste und alteste Appendix, wovon uns die Literatur-
geschichte Nachricht gibt, steht hinten in meinen biographischen 30
1 Ohne alles Bedenken kann ein Dichter morden, rauben, kronen, heilen,
wenn er dadurch die Schlingen seines Helden, kurz die moralischen Ratsel
verwickelt und verdoppelt.
8 Eine Episode macht aus einem Kunstwerk oder Interesse %wei, und die
spdtere Verbindung vergiitet ja die friihere Zertrennung nicht, sondern es ist
geradeso, als wenn man Nicolais Nothanker darum an Thummels Wilhel-
mine binden und loten und beide fiir ein Kunstwerk geben wollte, bloB
weil jener auf diese fundieret ist.
PRODROMUS GALEATUS 413
Belustigungen und ist, wie bekannt, vom Schopfer dieser neuen
Dichtungsart selber gemacht, namlich von mir. Der zweite Ap-
pendix, den unsere Literatur aufweiset, tritt in diesem Buch in
Druck und erscheint sogleich nach dieser Vorrede. Jetzt, da ich
einmal das Muster eines Appendix geliefert habe und hierin' selber
als die Akademie und das lebende Modell auf dem Gestelle bleibe,
ists den Asthetikern leicht gemacht, aus wirklichen Appendixen
eine Theorie und Heilsordnung und brauchbare Vorschriften fur
diese Dichtungsart abzuziehen und festzusetzen und nach meiner
10 ausilbenden Gewalt ihre geset^gebende zu modeln und zu mustern,
so wie auch in alien unsern Staatsverfassungen nicht die Gesetze
die Macht, sondern diese jene geben oder doch zahmen. Nun
liegen, diinkt mich, sowohl im ersten als im zweiten Appendix -
nab* ich anders die beiden einzigen Protoplasmata dieser ganz
neuen Dichterform genug studiert - folgende Regeln und Richt-
scheite deutlich gegeben : ein guter Appendix erzahlt wemg und
scherzt sehr - er wendet wie Voltairens KHo den historischen
Bildersaal nur als Vehikel und Narrenschiflreicher Ladungen von
Einfallen und Scherzen an - der echte Appendix verachtet die
20 Malerei der Charaktere und das Bonnetsche Entwicklungssystem
einer innern Geschichte, er spielet aber unter dem leichtenSchein
von beiden uns die wichtigsten Satiren in die Hand.
Schon aus dieser fhicKtigen Poetik des Appendix erhellet, daB
ich die schonen Wissenschaften mit einer dramatischen Gattung
bereichert habe, die nur eine sehr entfernte Seitenverwandte des
Romans, ja wenn nicht dessen feindliche Stiefmutter, doch Stief-
schwester ist. In der Tat ist das im Appendix Ziel und Schmuck,
was im Roman Irr- oder Ausweg und Makel ist. Die Schmetter-
lingsflugel bunterEinfalle,die das Insektenkabinett oder denGlas-
30 kasten des Appendix putzen und fiillen, durchziehen nur als frem-
des Einschiebsel den solidern deutschen Roman, so wie wahre
Schmetterlingsfliigel nach Buffon als unverdauliche residua aus
den Exkrementen der Fledermause schimmern. Die Digression
ist nie im Roman Hauptsache, darf hingegen nie im Appendix als
Nebensache behandelt werden; dort ist sie wartendes Auskeh-
richt, hier ist sie ein musivisch in den Stubenboden eingelegtes,
414 DER JUBELSENIOR
ein poetisches Asaroton, so wie die Alten auf ihren FuBboden
musivisches Vexier-Stroh, Knochen und dergleichen, kurz die
Stube des Auskehrichts wegen hatten.
Es ist zwar sehr schwer und miBlich, aus so wenigen Mustern
von Appendixen, deren wir leider nur zwei haben, schon fiir die
ganze Gattung Gesetzbucher zu entwerfen, und man lauft uberall
Gefahr, individuelle Zufalligkeiten des Kunstwerks als allgemein
geltende Maximen der Gattung aufzustellen, Oberbeine als Tier-
gerippe - und Aristoteles war vielleicht als epischer Theorist in
keiner groBern Schwierigkeit, da er auch nichts weiter vor sich 10
hatte als die Ilias und die Odyssee — ; aber was mir hilft, ist, daB
ich in dieser Sache zwar den Aristoteles vorstelle, aber auch den
Homer.
Ich muBt' es feiner anfangen, wollt' ichs verstecken, wer mir zu
dieser schonen Erfindung die ersten Winke gegeben: in der Tat
ist der Appendix, der die Entwicklung der Charaktere und der
Seelengeschichte wichtigern Schonheiten aufopfert, viel zu sehr
mit dem jetzigen deutschen Roman verwandt, der jene Entwick-
lung vergisset, als daB ichs einen Augenblick verdecken konnte,
wie nahe mir eine so gliickliche Textur des deutschen Romans 20
meine Erfindung legte. Doch muBten es ganz andere als die eng-
lischen oder auch die von Schulze, Wieland und Thummel sein,
es muBten solche mit historischen und psychologischen Zasuren
und Hiatussen von Belang sein, wenn ich auf einen Appendix
fallen so lite, so wie die roten Farbkrafte der Orseille nicht waren
ausgemittelt worden, hatte sich nicht im i4ten Sakulum ein Flo-
rentiner Handelsmann auf einen levantischen Felsen gestellt und
auf besagte Steinflechte - gepisset. Die Muster, die ich meine, wa-
ren gleichsam die Schweinsrussel, die den BauriB zum Zisterzien-
ser-Kloster Eberbach im Rheingau wiihlten - gleichsam die dump,- 50
figenMauerflecken,von denen da Vinci (der Aristoteles derZeich-
ner) malerische Ideen zu entlehnen rat.
Jetzt nehme nun der Leser den zweiten Appendix, der in der
Welt ist, den Jubelsenior, selber vor, hake aber der Odyssee den
Ab stand von der Ilias zugute. Er freue sich mit den Freuenden
im Appendix und weine mit den Weinenden! Das Schicksal fasse
PRODROMUS GALEATUS 415
den Leser wie einen Kanarienvogel stets mit warmen Handen an !
Es stecke ihm immer ein Stiickchen Zucker zwischen die Stabe
seines Kafigs und verhange letztern nie mit etwas Dunklerem als
mit dem grunen Hiihnerdarm der HofFnung und schenk' ihm, wie
der russische Kaiser dem Kosciuszko und den 14052 verwiesenen
Polen, Freiheit, ferner Freiheit, endlich Freiheit! - Hof im Voigt-
land, am frohen Tage, als ich die Baireuther Zeitung las und
letzteres darin fand.
1797 Jean Paul Friedr. Richter
Erster offizieller Bericht
Der Konsistorialbote — Fraulein von Sackenbach — der Ring und Star -
empfindsame Reiseroute— Beitrag zum Titel de contractibus bilateralibus.
Auf der Erde hat man tausend feine unvergangliche reiche Freu-
den in der — Erinnerung: unsere Obstkammer ist ein pomologi-
sches wachsernes Kabinett der Phantasie. Hingegen auf dem
Fruchtteller des Gliicks trefF ich selten weichere Obstarten an als
Steinobst. Dem Philosophen — diesem edlern NuBknacker aller
Schalen — kommt dergleichen sichtbar zustatten: leere elende
Freuden, die nicht zu genieBen sind, kann er wenigstens erfor- :
schen und bis ins Innerste untersuchen, weil er mit dem Dick-
schnabel oder KernbeiBer wetteifert, der den siiBen Oberzug der
Kirsche wegwirft und nur den Stein auskernt. Ein Madchen aber
wie Alithea bricht sich lieber die sogenannte kleine Pflaume ab,
in der nichts Hartes ist, kein Stein.
Es war gerade vor 14 Tagen - den 3. September 1796 -, daB
Alithea mit ihrem Obstpfliicker eine solche Frucht erreichte, die
an einem Konsistorialboten hing, namens Lederer. Das Madchen
stand eben im Vorholz und konnte noch nicht funfmal mit dem
Kamme durchgefahren sein-es war kein Stahl- oder Hornkamm, :
dieser archkektonische Kalberzahn des weiblichen Saulenschafts,
sondern einer von Holz, womit man in Thuringen dem Moose
die Preiselbeere abkammt -, als gedachter Lederer iiber den An-
flug wegschritt und unter dem Abreiben seines blanken Konsi-
storialbotenschildes Alitheen fragte, wie weit er noch hinhabe
nach Neulandpreis.
Dieses flachsenfingische Walddorf liegt bekanntlich mitten in
einem groBen Birken-Gehau. Sie flog wie ein Stern der Weisen
oder wie ein Kiebitz vor dem Boten voraus, vielleicht ebensosehr
aus Neugierde wie aus Gefalligkeit : denn eben der Senior Schwer s, =
an den der geistliche Pedell etwas hatte, war ihr Pflegevater. Das
ERSTER OFFIZIELLER BERICHT 417
Pfarrhaus hatte schon lange auf diesen Evangelisten aufgesehen :
daher wollte die Pflegetochter, die noch roter vom Erwarten als
vom Biicken war, den Boten unterwegs aus liebender Vorsorge
fur die Pfleg- und Pfarrfamilie ausfragen. Er hielt aber an sich.
Er schien freilich ein kleines Kanaan und Eldorado in seinem
Tornister zu tragen; aber er schnallte ihn nicht auf.
Ein Republikaner, der nach Neufranken reiset, sieht den ersten
Frankreicher, der ihm vornen im Heidenvorhof des Freistaats
aufstoBet, fiir einen Republikaner an - ein Tory wiird' ihn fiir
10 einen Tory nehmen - in einem Trauerspiele oder'in einem Ro-
man, wovon ich noch nichts durch Rezensenten erfahren, setzt
mir jeder junge Mensch, der darin heraustritt, in den Kopf, nun
komme der Held; das prasumieret auch ein Madchen, das zum
Fenster hinaussieht und den ihrigen erwartet. Aus demselben
Grunde halten nun Kandidaten, die um Pfarrdienste nachgesucht
haben, jedes papierne Oblongura fiir eine Vokation. Alithea
dachte, der Bote bringe eine. Denn der Senior Schwers hatte
seinen jiingsten Sohn - namens Ingenuin - von der Glashiitte der
Akademie zu einem guten geistlichen Arzneiglas blasen lassen,
20 dem nur der lange Gebrauchszettul der Vokation, die Tektur der
Periicke, das bunte Papier der schwarzen Kleidung und der Bind-
faden des Kragens fehlte. Der Vater hatte ebensogern einen Ko-
adjutor und romischen Konig - d. h. einen Adjunktus — bei sich
auf seiner Kanzel gehabt als ein geistlicher Kurfurst und romi-
scher Kaiser. Vater und Sphn hatten aber noch einen besondern
Grund, warum sie um die Neulandpreiser Adjunktur bei dem
Konsistorium anhielten, ja sogar die Resolution schleunigst in-
nerhalb 14 Tagen haben wollten; und der war, weil der Senior in
14 Tagen sein Amtsjubilaum beging und am Jubeltage gern sein
30 Kind als Nachfahrer auf der Kanzeltreppe sehen wollte. Aber das
Konsistorium schien ein Taubstummer zu sein. Der Senior hatte
zwar seinen altesten Sohn, einen Buchdrucker, in der Stadt, den
er als Maschinengott und Maschinenmeister bei dem Konsistorio
hatte brauchen kdnnen; er hielt es aber fur gottlos.
Unter alien Treppen, die auf eine Kanzel heben, ist wohl keine
wurmstichiger und ausgefaulter als der gradus ad Parnassum,
4l8 DER JUBELSENIOR
oder auch diese Jakobsleiter im Traum ; man lege dafur die Sturm -
leiter der Grobheit, die Galgenleiter der Simonie an die Kanzel
und laufe hinauf - oder man spanne die Flughaut einer Schiirze
aus, oder setze sich in die arostatische Maschine eines Verwand-
ten — : kurz man steigt auf allenTreppen - heimlichen gar - schnel-
ler auf als auf der Schneckentreppe des Verdienstes. Dieselbe freie
Gnadenwahl, die (nach den Kalvinisten) ohne Riicksicht auf Ver-
dienste diejenigen ausersieht, die in den Himmel kommen, dieser
voluntas antecedens erkieset auch die, die in ihn ftihren.
So standen die Sachen im Pfarrhaus, als der Konsistorial-En- 10
voye mit Alitheen hineinkarh und an die Seniorin, die in der ein-
samen Stube fur ihrenalten Mann statt der Hemdenkleine Schreib-
biicher zu Jubel- und andern Predigten nahte, die Frage tat, wo
ihr Herr Sohn Ingenuin sei. Dea - das ist die miitterliche Abbre-
viatur vom Namen Alithea — holte ihn aus dem Museo her, wo er
mit dem Vater an einer langen Tafel studierte.
Der Sohn hatte gerade einen elenden Sonnabend: er saB dro-
ben im Purgatorium und Reverberierfeuer und hatte auf dem
Kopfe statt des Lorbeerkranzes einen heiBen Pechkranz auf, den
ihm die Jenaische Literaturzeitung gefiochten hatte. Es ist aus 20
dieser bekannt, daB Ingenuin eine »Kritikder kirchlichenLiturgik
nach kantischen Prinzipien« ans Licht gestellt, an der Rezensent
die wegwerfende Kiihnheit ernstlich rtigen muBte. l Der Fortsatz
der abgebrochenen Rezension, der noch einige Brandkugeln mit
Haken verhieB, konnte erst in acht Tagen anlangen. Ich kenne
nur zwei Ewigkeiten, die beinahe so lange dauern wie die der
Hollenstrafen und die man ebenso elend verbringt wie diese : die
erste besteht aus den drei oder acht Tagen, die ein Autor durch-
leben muB, bis die Rezension, die im letzten Stiicke abgebrochen
wurde, im nachsten fortgeschrieben wird. Der Himmel und der 30
Redakteur wende es doch von jedem ab, der, wie ich, Iieber ein
Wund- und Kanonenfieber aussteht als das abscheuliche Gefang-
nisfieber des Wartens! - Die zweite Ewigkeit, die wenigstens
nicht kurz ist, besteht in dem langen Johannistag, den ein blut-
1 Denn nach Ingenuins Prinzipien fielen offenbar die Periicke, das Chor-
hemd und Kommunikantentuchlein himveg.
ERSTER OFFIZIELLER BERICHT 419
armes Madchen hier in Hof, in Baireuth, Halle, Berlin versitzt, bis
der Abend kommt und den Geburtstags-Ball des Konigs mit-
bringt, fur den die Gute die herrliche Frisur aufspart, die lhr der
Periickenmacher, weil diesem den ganzen Tag der Kamm nicht
aus den Handen kam, schon vor tags um 1/2 6 Uhr erbarmend zu-
geworfen hatte.
Zum Gliick fur Ingenuin blieb der Verfasser des getadelten
Werks sowohl dem Publikum als dem Vater verborgen.
Die freie starke Seele des Seniors hatte sich in die anerzogene
10 Kirchentaktik eingefiigt wie ein kraftiger Krieger in das militari-
sche Zeremonialgesetz. Gleich den Scholastikern hatt' er in der
Philosophic Fliigel und in der Theologie Fesseln. Das gottliche
- Ebenbild, das nach den Sozinianern in der Herrschaft uber die
Tiere besteht, wurd* an ihm durch die hohere uber die Menschen-
tiere um ihn und uber das platonische eiserne Vieh seiner eignen
Triebe klar; aber ein zartes Gewissen und ein hohes Alter gaben
oft der Subordination unter auBere Gebrauche den Schein und
die Angstlichkeit der Heuchelei.
Der Sohn ging hinunter zum Boten, an dem er nicht einmal
20 etwas anders kannte als das blechene Wappenwerk (der Ante-
zessor war erst gestorben), und uberkam von ihm ein Oblongum,
uberschrieben : »An den Adjunktus Ingenuin Schwers in Neu-
landpreis.«
Ingenuin gehorte nicht zur Oktobergesellschaft der Genies, die
jede Staatsbedienung ausschlagen; eine Vokation war ihm erfreu-
licher als eine Rezension. Gleichwohl trug er das Testament das
ihn zum Kanzel-Erben einsetzte, versiegelt aus Ehrfurcht seinem
Vater zum Erbrechen hinauf. Schwers memorierte vorher den
Perioden der Sonntagspredigt zu Ende - denn so lange der alte
30 Mann noch zwei Beine heben konnte, um eine Kanzeltreppe zu
ersteigen, und zwei Arme, um eine Kanzeluhr umzudrehen, so
lange bracht* ihn kein Mensch aus der heiligen holzernen Ere-
miten-Konchylie1 heraus -, und dann erst las er gleich gemeinen
Leuten die Bestallung laut ab, sogar bis auf jeden Namen der
1 Kahlschwanze oder Eremiten heiOen die Krebse, die ihren nackten
Schwanz in ein Schneckenhaus einmieten.
420 DER JUBELSENIOR
unterschriebenen Konsistorialrate. Ob es gleich der Sohn nun
vernommen hatte, daB er adjunctus cum spe succedendi (mit der
HofThung, Pfarrer zu werden) geworden, so sagte doch der Greis
mit einer feierlichen Stimme: »Das hochpreisliche Konsistorium
in Flachsenfingen beruft dich zum adjuncto cum spe succedendi
bei deinem Vater. Aber, o junger Mensch, wenn denn der Herr
so ungemein viel auf deine Schultern legt: so unterstiitz* er dich
auch und ruste dich aus zu einem nicht unwiirdigen Sukzessor
deines Vaters. Denn einst werd* ich schwere Rechenschaft von
dir fordern. Und ich wiinsche dir zu deiner Veranderung auch 10
viel Heil und Segen. Amen.« Eine andachtige Umarmung ver-
kniipfte den weichen Sohn und den festen Greis.
Langsam und mit glanzenden Augen und ernsten Ziigen ging
Ingenuin als Botschafter seines Avancements hinab zur Mutter,
fur welche diese Freude ein erwarmter aufgewachter Sommer-
vogel in den Wintermonaten ihres Alters war. Ihr Herz schlug
ihr darum in den kalten Tagen ihrer Jahrszeit so warm, weil
gerade in das Jubilaum des Amts die Feier ihrer Silberhochzeit
fiel, wenn man 16 Tage fur nichts rechnete: Geistliche konnen
leicht beide Jubelfeste an einem Tage begehen, weil sie immer die 20
Kanzel und das Ehebette zu einer Zeit besteigen und weil ein
Kirchenlicht, sobald das Konsistorium es angeziinet hat, leicht
die Brautfackel ansteckt. - Theodosia (so hiefi die Mutter) muBte
ihr von Freuden verjiingtes Herz hinauf zu ihrem Manne tragen,
dem sie weniger an der starken Brust als am starken Herzen lag,
bloB weil sie mit ihm drei Gdtter verachtete, Geld, Liige und
Putz. Nur sie und der Sohn durften seine Studierstube - ein ver-
finstertes, von Federwildpret schwarz ausgeschlagenes Allerhei-
ligstes - betreten; Alithea durfte nur anklopfen. Es war nur der
Nonnenschleier fur den mutterlichen Seelen-ErguB, daB sie sich 30
vom Senior das Gratial und die Provision fur den vozierenden
Boten wollte dekretieren lassen, obwohl nicht aushandigen: denn
die alte Mutter war die Bankodirektrice und Sackelmeisterin des
Schwersschen Gemeinsackels.
Als der Sohn fort war: hatte der Senior den Elenchus seiner
Predigt gar auswendig lernen wollen; aber da es gerade die auf
ERSTER OFFIZIELLER BERICHT 421
den 1 5 ten Trinitatis war, worm er die Mutteraugen und Mutter-
arme der ewigen Vorsicht schilderte, so muBt* er mitten im Me-
morieren die Miitze abziehen aus Ruhrung, und zuletzt verlas er
den SchluB des Sermons gar als ein heutiges Abend- und Dank-
gebet. Dann stellt' er sich im frommen Staunen und Sinnen ans
Fenster - und die silberne Vespersonne, gleichsam die erleuchtete
Angelos-Kuppel, glanzte als ein zweiter hoherer Tempel auf der
Peterskirche der Natur, und ihr Leuchtregen schlug von den Bir-
kengipfeln mit waagrechten Stromen an die offnen Augen des
io alten Mannes an, und eine zweite Sonne schwamm um seine be-
taubten befeuchteten Augen. '- Als die erste schon die griineMo-
sis-Decke aus Gipfeln vor sich zog, umflatterte ihn die Neben-
sonne noch - und als er die Augenlider zuschloB, so blieb der
Glanz-aberda er siewieder offnetevor seiner Gattin, so schwebte
die Erde und das enge Zimmer verklart und durchbrochen vor
ihm, und in seliger Blindheit zog er die von Jahren geknickte
Geliebte an seine ungebogene Brust herauf - und sie vergossen
die edelsten Freudentranen, die elterlichen.
Dann fragte sie ihn um den Konsistorialboten-Lohn. Er war in
20 Trankgeldern genau, in Kaufschillingen gerecht und nur in mil-
den Beisteuern verschwenderisch : blofi acht Gulden rh. resol-
vierte das Seniorat. Das wurde drunten in der Stube allgemein fur
wenig befunden, zumal als unscheinbares bleiches Silbergeld. Die
nachgebende Mutter, die niemals log, muBte doch eine Tripel-
alliance von drei Standen mit der schlauen, aber sanften Tochter
und mit dem offnen, aber weichen Sohn formieren und es leiden,
dafi man den gemeinschaftlichen grauen Brot- und GroBherrn
ebensosehr betrog als liebte und achtete, bloB weil es ihnen wie
dem Alter unmoglich war, diesen vom Medusenkopf der Vernunft,
30 namlich von seinem eignen hellen Kopf versteinerten Alten zu
beugen ; die Mutter muBte also gezwungen Alitheens Bille unter-
schreiben, daB man statt des Silbers einen Doppel-Dukaten geben
konne. Es hing im ganzen Hause nur einer, und zwar an Deas
Halse: sie trug ein goldnes Paternoster aus drei Dukaten, deren
kleinsten einige Perlen betaueten. Es ging iiber Ingenuins Emp-
flndungen ein schmelzender Tauwind, da er diese Konviktoristin
422 DER JUBELSENIOR
seines Vaters fur ihn zahlen sah - sie war eigentlich eine Haus-
arme aus der Schweiz und hieB Alithea Zwicki-, aber eswar nicht
zu andern; und wer konnte ihm das Wiedervergeltungsrecht ab-
streiten, ihr ein groBeres und warmeres Halsgehenk zu geben?
Diese Wohltaterin hatte namlich auBer ihrem schonen stillen Her-
zen nichts im Vermogen als ein - zweites, ebenso stilles, das ad-
jungierte. Er war eine Feldtaube, sie eine Haustaube; er gehorchte
seinem Vater wie einem Alten vom Berge, sie seiner Mutter wie
einer Abtissin und Papstin Johanna. Der Stern der Liebe gleicht
oft denen Fixsternen, die nach Euler schon lange am Himmel j
stehen konnen, ehe das Licht den weiten Weg zu uns herunter-
jgefallen ist. In solchen Seelen besonders, worin ein gemaBigter
Himmel ist, grunt die Aloepflanze der Liebe jahrelang ohne Blu-
hen und Duften, bis vor irgendeinem warmen Zufalle die reife
Knospe aufspringt. Die Konsistorial-Ordonnanz Lederer schnitt,
wie es schien, mit ihrem Papier diese zwei festen Nelkenknopfe
auf ; wenigstens ist das Folgende nicht wider diese Vermutung.
Der neue Adjunktus, der vielleicht der galanteste artigste Ele-
gant in ganz Neulandpreis war, verfiigte sich ins SchloB hinuber,
das so groB war wie ein Invalidenhospital, aber selber invalid. 2
Es saB darin ein alttestamentliches Fraulein von mehr Jahren als
Ahnen, namens Amanda Gobertina von Sackenback. Ich wollt*
ihr jetzt ihr Alter vorwerfen; aber ist es billig, daB die Menschen
ah einander entgegengesetzte Qualitaten meistern, an dem einen
die Jugend, an dem andern das Alter, am Fetten den Speck, an
mir Haut und Bein ? Amanda von Sackenbach hatte sonst meine
Jahre gehabt, war Gesellschaftsdame oder fille d'honneur der
vorigen Landesmutter gewesen, ist darauf ihre eigne Gesellschafts-
dame und fille d'honneur geworden - und das ist sie eben jetzt,
und eine Pension (wozu die Kammer bloB eine milde Armen- 3
Stiftung verwandte) uberwachset und putzet sie in ihrer Gruft
mit Laubwerk aus Gold, wie etwan Goldadern einen verschiit-
teten Bergknappen im Schacht durchwachsen. Ob sie gleich in
ihrem KontumazschloB so leicht mit der Liebe anzustecken ist
wie Europaer mit der Pest, die schon wie die Liebe durch einen
Degenknopf, durch einen Brief, durch einen wollenen Rock,
ERSTER OFFIZIELLER BERICHT 423
durch ein Goldstiick weiterkam, so sucht sie doch zarte und ele-
gante Empfindungen wie Schulden und Wanzen nur in groBen
Hausern. Ein Neulandp reiser hatt* ihr wenig an. Obrigens war sie
nicht nur der Stolz, sondern auch die Dienstfertigkeit und Heil-
kunde selber: sie sprang dem gemeinsten Patienten bei und ver-
richtete dieses FuBwaschen am griinen Donnerstage, diese Not-
ztige ohne Nachteil ihrer vorigen Ehrenztige, so wie ohne Stan-
deserniedrigung sowolil Madame Maintenon als Peter der GroBe
von unten auf dienten, dieser bei der Soldateska, jene unter den
10 Nonnen.
Mit herzlicher Mitfreude fassete sie die Nachricht der durch
Lederer promulgierten Standeserhohung auf: denn sie hatte die
samtlichen Pfarrleute so lieb, dap sie allemal, wenn sie nach Hause
kam, sich uber ihr herablassendes Wohlwollen Gewissensvor-
wiirfe machte, weil sie zw£r gebriistet kam, aber weichherzig
schied. Sie legte unbefangen - der gewisseste Beweis ihres Herab-
sehens — dem Adjunkt die Bitte vor, sich nach einer Adjunktin
umzuschauen: ohne Manage sei er zu empfindlich fur die Reize
ihres Geschlechts. Das war richtig: der Adjunktus konnte keiner
20 weiblichen Seele je einen hartern Text lesen als den Hochzeittext,
sein Herz war immer ein Weiber- oder Kunkellehn, und sein
Auge lebte in einer Kryptogamie und Cicisbeatura gegen alle auf
einmal, Wassernixen und Sibyllen und Tauflinge eingerechnet.
Solche Manner und Mannchen stellet gegen den Glanz der uber
halb Europa hinstrahlenden Schonheit nichts als eine ordentliche
Hausfrau sicher, wie im nSchtlichen Blitzen nur Leute nicht er-
blinden und leiden, die ein Nachtllcht angeziindet haben. - Der
Adjunktus versetzte: »falls nur einmal sein Herz verdiente, ein
weibliches zu fesseln: so waV' er wohl den Augenblick bei der
30 Hand.« Er glaubte fest, nur ein Gott verdiene eine Gottin? nam-
lich eine Frau, nur ein GroBkreuz eine Kreuzdame, nur ein Apo-
stel eine Marie, und er fassete die Vermessenheit wenig, sich zu
verloben; - und hierin sticht er alierdings zu seinem Nachteil
gegen unsere Libertins und sabinischen Rauber ab, worunter
keiner so wurmstichig, morsch und rissig ist, der nicht seine gicliN
briichige Hand mit Freuden einer Gebenedeieten gabe; ein fata-
4^4 DER JUBELSENIOR
les Aufblahen, das leider die Bedingung groBer Vorziige ist, denn
(nach Rochefoucault) notre orgueil s'augmente souvent de ce
que nous retranchons de nos defauts.
Uberhaupt liebt der Mensch heiBer und treuer bei glekher
Gegenliebe und Tugend die Seele iiber ihm als die Seele unter
ihm; das sen' ich nicht nur aus dieser Neigung der Libertins zu
rechtschaffenen Madchen, sondern auch aus der ahnlichen, die
Affen mehr gegen unsere Weiber als gegen ihre tragen : so ist auch
der Hund mehr Menschenfreund als Hundsfreund; und den Teu-
fel kann ich mir als Misanthropen gar nicht gedenken. 10
Fraulein Gobertina streckte dem Pfarrhaus einen halben Trut-
hahn vor als Konsistorialvogel fur den Konsistorial-Brieftauber
Lederer: sie hatte noch eine halbe Woche am Vogel zehren kon-
nen. Ihr Appetit war groBer als ihre Pension: gleichwohl kam
nichts auf ihre Tafel, das nicht ein Herr von Hofe hatte fordern
konnen, gesetzt auch, er hatt* es nachher dem hungrigen Men-
schen hinter dem Sessel gelassen. Es war' ihr zu verachtlich und
hofwidrig gewesen, andere Tauben und Schweine auf ihr Tisch-
tuch zu lassen als wilde; denn sie wuBte, daB man Herrentafeln
nicht gern mit etwas Zahmen (die Gaste ausgenommen) besetzt. 20
Ingenuin zog fort; aber zu Hause verlas er den Schenkungs-
brief des Truthahns nur vor einer triiben Seele. Alithea hatte
ihren goldenen Ring, weil er ihren in der Warme aufgedunsenen
Finger zu sehr quetschte, muhsam abgeschraubt und den Faden,
der ihn verengte, abgewickelt und ihn bis auf weitere Zuriistung,
unter der Kochstunde fur den Boten, hingelegt. In diesem stillen
reinen Hause drehte nie der Argwohn sein Katzenauge. Sie ging
hinaus und fand wiederkommend den Zirkularboten in einer Kop-
peljagd hinter dem Starmatz, der, wie er sagte, auf den Tisch
geflogen sei und den Ring in den Schnabel genommen und ver- 30
schleppet habe. Der schone Ring war so wenig zu finden wie Sa-
lomons Siegelring: mir ists glaublich, daB ihn der Embaxador zu
seinem Gebrauche gestohlen hat. Inzwischen nannte der Bote den
Star immerfort einen Spitzbuben, und der Vogel, ein gefiederter
Fiskal oder Frevelknecht, retorquierte die Injurie auf der Stelle
und hieB den Boten einen Dieb. Die Mutter hielt aus Achtung
ERSTER OFFIZIELLER BERICHT 425
fur die Menschheit, die Pflegetochter aus Achtung fiir das Kon-
sistorium den Star fiir den Schnapphahn. Alithea, die doch den
Doppeldukaten so gern von ihrem Halse abgehenkt hatte, konnte
ihre Tranen iiber den ausgeraubten - Ringfinger nicht mehr
mit der Kochschiirze abtrocknen; und als der Senior vorbeiging,
so mafi sie - da er trotz seiner grauen Jahre noch iiber Unvor-
sichtigkeiten und iiber irdische und unfruchtbare Tranen auffuhr
- dem Rauche der Kiiche das bewolkte Auge bei und schloB dar-
aus leicht auf - triibes Wetter.
10 Als der Bote nach der Fiillung der Magen-Montgolfiere und
nach der metallischen Einspriitzung seines Beutels endlich Ab-
schied genommen: so hob eine feierliche stumme Wonne die vier
befreundeten Herzen empor. Der Senior gehorte zur koniglichen
Linie jener Menschen, die gerade im Freudengesang oder viel-
mehr im Lied der Freude aufwarts steigen und die in den Himmel
streben, wenn ihn die Wolken verlassen, wie die gefangne Lerche
in der Stube ihre mit Faden gebundene Fliigel ausstreckt und
aufspringt, wenn sie zu singen anfangt. Schwers streckte seinen
Arm wie einen bemalten Arm am Wege aus und zeigte damit auf
20 die Blumenstaub- und Sonnenwege der Vorsehung, die gerade
sein Jubilaum mit der Adjunktur zusammenbringe. Theodosia
setzte noch dazu: »Und unsere Silberhochzeit feiern wir ja doch
auch.« - Ingenuin blickte Alitheen an, und ihr Auge driickten
groBere Tropfen, und beide dachten an den vertragnen Ring;
aber Dea weinte weder aus Freude noch Riihrung noch Trauer
fort, sondern aus alien Griinden auf einmal : alle ihre Nerven
waren frische Zweige einer Sinnpflanze, die noch unter keinem zu
haufigen Betasten erschlafft und gesunken waren.
Das junge Paar hielt eine scheinbare und fiiegende Abendmahl-
jo zeit vom Abhub des Boten und wirkte sich die Erlaubnis einer
Abend -Wallfahrt aus. Auf dem Dorfe gibt man jungen Leuten
Freiheitsmiitzen und Handels- und akademische Freiheit; in
Stadten gewinnen sie kaum einige rules um ihre Kings-Benchs,
kaum vier neue Luft- und SchieBlocher im alten SklavenschifF
oder Burgverlies - keine Freiheit wird aber ofter verletzt und
verscherzt als die eingeschrankte. Beide eilten aus dem eingebaue-
426 DER JUBELSENIOR
ten Dorfe, das in lauter frischen Einfassungsgewachsen stand,
namlich in Birken, hinaus und hinauf auf einen runden Hugel,
der drei aneinander gedrangte Hange- oder Trauerbirken trug,
aus denen die Landpreiser nicht viel machten, weil aus ihnen nicht
wie aus andern Birken Stubenbesen zu binden waren. Der Bir-
ken-DreifuB war mit einer holzernen Bank und Gurt gerandert,
auf die sich das Paar niederlieB.
Der abendrote Zauberring des Horizonts lag wie ein glimmen-
des Feuerrad um sie - ihre Augen schaueten iiber alle lichtgriinen
Gipfel hinab - Das weite Oratorium der Erde war um ihre griine
Empor umhergezogen - und iiber ihnen schwebte ein arbeiten-
des, an den Enden anglimmendes Gewitter, das auf dem Purpur-
Zirkus und Feuerrade des Horizonts aufstand und wodurch das
Brausen einer Waldung ohne die ErdstoBe des Donners zog -
und das sanfte Sonnenauge stand verhangen vom Regentuche
des Gewitters Die Wolke warf keine Katarakte, sondern nur
einen warmen Staubbach auf den Herbstflor der Erde, und statt
der Feldschlange und Ziindrute des Blitzes iiberfloB nur die
schimmernde Naphthaquelle eines sanften Heiligenscheins die
ganze Nebelbank.
Ingenuins Liebe gegen Alithea wuchs heute immer tiefer und
fester in sein Herz, und wurzelte immer weiter hinweg von der
Zungenwurzel, nicht nur darum, weil er heute so feierlich war
wie die Natur iiber ihm, noch weil sein Vater ihr eine empor-
hebende Achtung zuwog - ihn aber liebte die Mutter mehr -,
sondern besonders, weil das Schicksal in der einen Hand ihm
einen Freudenkelch und in der andern ihr einen Leidenskelch ge-
reicht und weil Alithea so gern ihr Gold fur ihn vom Halse ab-
gebunden hatte. Er legte immer statt des Geliibdes der Liebe das
des Stillschweigens ab. Endlich entsann er sich des Nachmittags :
und erzahlte ihr, daB heute seine Mutter von ihrem griinen Zili-
zium, von ihrer seidenen Dornenkrone, namlich von dem aus
Draht und griiner Seide und welker Myrte gebundenen Braut-
kranz den antiken Staub weggeblasen habe, um vor ihm, wegen
der Nahe der Silberhochzeit, diesen falben Nachflor ihrer davon-
gezognen Lebens-Sommermonate aufzudecken. Hier tat Alithea
ERSTER OFFIZIELLER BERICHT 427
frohlich eine kleine Sammlung von Briefen heraus, die sie der
Mutter, die dem Trotze zu wenig und der Bitte zu viel gewahrte,
zum Lesen abgeschmeichelt hatte. Es waren die Liebesbriefe des
Seniors an Theodosia. Alithea bat den Sohn, die veralteten Hand-
ziige vorzulesen. Einem guten Kinde ist es nicht nur schwer, sich
seinen Vater in den wilden Renommistenjahren des Junglings
oder auf Akademien oder als Lichtgiefier von Brautfackeln zu
denken, sondern auch angenehm: die Achtung riickt der siiBern
Liebe zu. Ingenuin gewann unter den Vorlesungen nicht bloB
10 seinen Vater lieber aus dem vorigen Grunde, sondern auch seine
Dea aus dem kommenden : am Morgen, wo ein Freund heiratet,
wollen alle seine mannlichen Bekannten, und am Nachmittage,
wo eine Schwester sich verlobt, wollen alle ihre jungern Schwe-
stern es nachtun - wie viel mehr ein leiblicher Sohn, der die ero-
tische Brieftasche seines Vaters durchsieht ! - Dea machte bloB,
sooft in den Briefen ein Trauring vorkam, einen eingesperrten
Seufzer aus ihrem Busen frei, und ihr Auge glanzte feuchter, und
sie sah beschamt auf ihre nackte Hand. Ingenuin blickte sie fra-
gend und mitleidend an; »ach nur mein Ring! und ich wollte
20 doch nichts sagen, hatten Sie ihn an!« sagte sie unschuldig; und
ebenso unschuldig erwiderte er: »Wahrlich, Sie sollten ihn dann
wieder haben und meinen dazu!«
Nun sank die von Blitzen genahrte Sonne feuertrunken aus
dem roten Gewitter heraus, und tausend Flammen flogen aus der
widerscheinenden nassen Erde auf. Ingenuin deckte mechanisch
von weitem seine durchbrochene scharlachene Hand vor ihr An-
gesicht. Sie kehrt' es von den funf durchsichtigen Facherstaben
weg gegen ihn und schauete ihm recht voll und herzlich ins ge-
blendete Auge. Und als sie einander lange anblickten, in der blin-
30 den Einsamkeit des Glanzes und verloren in den Donner und in
die Sonne: so bewegten sich schmerzlich-suB ihre jungen uner-
fahrnen Herzen, und jedes sah am andern die aufquellende Trane
unter dem zuckenden Augenlid, und jedes wunderte sich tiber das
andere. » Ach Sie l« sagte Ingenuin mit einem neuen Tone, den er
von sich selber noch nicht gehort hatte. Sie antwortete: »Auch
mir tut das ganze Herz so weh, aber ich hab* es gern - Sie wollten
428 DER JUBELSENIOR
was ?« - »Nein, nein l« sagtelngenuin ; und als er ihr die vaterlichen
Blatter wiedergab und die pulsierende Hand beriihrte: sank das
entkraftete Gewolk mit einem langen nachdonnernden Falle in
Osten darnieder und den gereinigten entbloBeten Abend durch-
schnitt die nackte Sonnenlohe und aus dem Gewitter warf eine
Engelshand kleine Rosenknospen oder weiche Rubinen heriiber
und die Walder bogen sich und brauseten und der Wolkenhim-
mel floh nach Morgen und donnerte. — Nicht die zwei Liebenden,
sondern die Liebe druckte ihre Hande ineinander, und Ingenuin
sagte: »Ja ich werde heute unsern Vater fragen, ob ich Hirer wiir- io
dig bin: denn ich liebe Sie unsaglich; ja! - Nicht ?« - Alithea er-
widerte: »Nein: er wird schon sagen, wie wenig an mir ist, wenn
ich Sie auch liebe.« - »0 Teuerste, konnen Sie das?« fragte hastig
Ingenuin, zu sich kommend. - »Ach Sie haben ihn ja nicht ge-
fragt« (sagte Alithea) - wkommen Sie lieber, es kuhlt!«
GroBer Genius der Liebe! ich achte dein heiliges Herz, in wel-
cher toten oder lebendigen Sprache, mit welcher Zunge, mit der
feurigen Engelszunge oder mit einer schweren, es auch spreche,
und ich will dich nie verkennen, du magst wohnen im engen
Alpental oder in der Schottenhutte oder mitten im Glanze der 20
Welt, und du magst den Menschen Fruhlinge schenken oder hohe
Irrtumer oder einen kleinen Wunsch oder ihnert alles, alles neh-
men!
Sie stiegen langsam vom erleuchteten Pindus ihrer Seelen nie-
der. Das Dorf lag verschattet in seiner weiten Birkenlaube und
Gartenwand. Die Sonne fassete schon das Nachtstiick der Erde
in den goldenen Rahmen glimmender Wolken. Die Abendglocke
lautete die ermiidende Messe des Tages aus - und die Abend-
schmetterlinge wacher Traume und dunkler Wiinsche fingen
ihren miiden Flug durch die Seele an. - 30
Die zwei Kinder fanden ihre matten Eltern in einem einsamen
leisen Abendgesang, gleichsam im Konduktgesang des erblasse-
ten Tags. Sie storten die harmonische Erhebung nicht, sondern
begleiteten sie leiser. Nach dem Ende traten sie vor den verherr-
lichten Greis, dessen Seele in jedem Jahre um die iiberirdische
Sonne, wie die veraltende Erde um die irdische, hinaufgezogen
ERSTER OFFIZIELLER BERICHT 429
kurzere und nahere Kreise beschrieb. Der Vater erriet aus der
Hand, die der Sohn genommen hatte, die Bitte desselben; denn
die Mutter hatt* alles noch eher aus der Erweiterung des Ringes
vermutet und dem Vater ihre Beobachtungen mitgeteilt. Denn
sie hing ihrem Gatten auf eine ungewohnliche Weise noch starker
als ihren Kindern an, und alle Strophen ihres langen Ehestandes
gingen, wenige weibliche Reime ausgenommen, nach der Spha-
renmelodie des Flitterjahrs. Sie hatte nur eine fehlerhafte Weib-
Hchkeit - den HaB und Argwohn jeder fremden. Theodosia en-
10 digte ihre andachtige Running mit einer miitterlichen uber die
liebende ihres Sohnes und brach in siiBe Tranen aus. Der Vater
erschwerte durch eine Aufmerksamkeit, womit er einen neuen
Kanarienvogel aushorte, das Exordium des Sohnes, und als dieser
anfing, wollte Alithea sich aus seinen Fingern winden und fliehen.
Aber die lebhafte Mutter sagte gerade heraus: »Segne sie nur ein,
Vater, denn sie wollen doch einander.« - Als er kaum gesagt
hatte: »Unser aller Vater geb* euch seinen Segen, und werdet so
gliicklich urid alt wie euereEltern« — so lieB ihm eine erstickende
Wehmut nur die stummen Buchstaben der Mienen, bis Theodosia
20 sowohl die Entdeckung der EinbuBe des Ringes als die zarte
Oberspannung durch den Rat verhutete: »Aber Verlobung und
Ringwechsel sollt ihr bis zu unserem Hochzeittage verschieben,
wenn meine andern Kinder zugegen sind.« Wie gern setzten sie
nach dem innern Verein den auBern hinaus! —
Ingenuin sah jetzt auf dem einfarbigen Meere seines Lebens
eine ganze bliihende neue Welt vor sich hinliegen: die Unruhe
und der innere Larm seiner Freude und der PreBzwang, da er jetzt
so voll wachsender Liebe verstummen muBte, trieben ihn mit
Alitheen von den stillen Eltern, die der Sonnabend und die Mii-
30 digkeit der Freude in die Arme des Schlummers legte, weg auf
den alten Gottersitz zuriick. Wie war alles seit dem Wandel-
glockchen des Abendgelautes verwandelt und vergottert! Der
Herbst war ein Friihling geworden - die weiBen Schlosser in der
griinen Ebene waren zu schillernden Eispalasten und Sonnen-
tempeln verklart - iiber die weiBe LandstraBe kriimmte sich die
himmlische MilchstraBe, und beide schienen einander auf dem
43° DER JUBELSENIOR
fernen Gebirge zu beriihren, und die Wolken waren wie Portal-
fliigel des Himmels weit zuriickgelehnt
Aber in Alitheens Seek stiegen weifie Nebel, wie auf dem dun-
keln Strome unter ihr, so groB wie Graber auf, und unter den
abgeteilten Hiigeln aus Rauch lagen ihre Eltern - das eindrin-
gende Gluck erschreckte ihre Nerven und richtete ihre Augen
nach den Alpen, unter deren FuB ihr Vater und ihre Mutter sich
abblatterten und der schwarzen Erde Rinde und Mark und Wur-
zeln wiedergaben.
Der Nachklang eines in den Waldern verschallenden Posthorns i o
und die Rauchsaulen verglimmender Feuerhaufen der Hirten auf
den Feldern und zwei fliegende Irrlichter richteten im Geiste der
begliickten Tochter die alten umgefallenen Grabmaler der teuern
Eltern wieder auf, und sie weinte daran ohne MaB. Sie begriff
sich nicht, und sie fragte sich immerfort selber: »Wie bist du
gerade heute nicht aufgeraumt?« - Endlich fragte auch Ingenuin
die Stille, weil er ihre Trauer falschlich keiner Freude zuschrieb.
»Ich denke eben,« versetzte sie, »meine guten seligen Eltern soli-
ten mich heute in meiner Freude sehen, und das macht mich be-
trubt.« Und hinter dieser Spitzenmaske drangen alle ihre kind- 20
lichen Tranen hervor; aber der schuldlose reine Freund ihrer
Seele hielt jeden Rebentropfen des zerschnittenen vollen Herzen
fur heilig und nahm jeden sanft hinweg, aber nicht mit den Lip-
pen : denn er sah den kindlichen Gram iiber die entflognen Eltern
fur zu fromm und ehrwiirdig an, als daB er ihn mit den Wimschen
seines verbiindeten Herzens hatte storen mogen. So ruhten sie
lange vor dem stummen Nachthimmel, und ein Stern und eine
Trane nach der andern sank hinab; aber die unschuldigen und
unwissenden Geliebten schlossen den ersten Maiabend ihrer hei-
Ben Liebe ohne den ersten KuB derselben, und die schonen Lip- 30
pen hatten einander alles gegeben, nur sich selber nicht
O schlieBet eueren Abend willig so und brecht am ZauberschloB
der Liebe das Geruste des Korpers ab ! - Trunkner Mensch, du
bleibst es nicht, sondern wirst niichtern, wenn du deine Geliebte
nicht suchst und liebst wie die Tugend, die keinen Korper annimmt,
wenn nicht Blicke deine Worte und deine Wiinsche bleiben, da
ERSTER HIRTEN- UND ZIRKELBRIEF 43 I
doch die Hyazinthe der Liebe so leicht bliihend iiber dem Blumen-
glase, das zwei Tranen fullen, schwebt ! - Unbesonnener, der du
nicht weiBt, daB die reine Liebe gleich dem Gletscherwasser am
besten genossen wird, ehe sie die Erde beriihrt, und daB unsere
hochsten Empfindungen den Paradiesvogeln gleich sind, die sich
selten mehr vom Boden erheben, sobald sie auf ihn gesunken sind !
Erster Hirten- und Zirkelbrief
Ober Brieffbrm - Verjahrung des Verdienstes - ehelichen HaB - und iiber
das Kinderspiel des Lebens
10 Teuerster Freund!
Die Briefform ist eine der gefalligsten Einkleidungen, wenn
man an den andern etwas schreiben will: ihrer bediente sich sogar
der heilige Dominikus in seinen Briefen an die heilige Dreieinig-
keit, Galen in seinen aus der Holle an Paracelsus und Omar im
Schreiben an den NilfluB. Ich beriihre nicht einmal die unzahligen
Menschen, die etwas auf die Briefpost geben. Diese schone Form
der Anschauung, diese niedliche Fassung des Gesundbrunnen der
Wahrheit tat der Literatur schon so viele Dienste wie dem Post-
wesen. Steifen durren Satzen und Pilastern, unscheinbaren Teich-
20 docken und Bohlen des Wissens, z. B. der ganzen Astronomie,
Physik, Botanik, teilten oft die Deutschen dadurch eine reizende
korinthische Form und Laubwerk zu; daB sie iiber den Anfang
der Abhandlung setzten »Teuerster Freund« und unter ihr Ende
»Ich bin etc.« Der teuerste Freund war das dreifache Blatterwerk,
die 1 6 Schnorkel und 8 Stengel des Kapitells; und das »Ich bin
etc.« gab dem FuBgesimse Hohlkehle, Karnies und Karnieslein. l
1 Unter dem Titel »Briefwechsel, Geschichte« lieset das Publikum gem
trockne Abhandlungenj so wie die Liguisten Kalber und Schafe gern an
Fasttagen als Fische verspeiseten, wenn ihnen die Priester diesen Namen
30 durch eine ordentliche Taufe gegeben batten. S. Antons Geschichte der
Deutschen I. 357. Gerade umgekehrt dachten die Brasilianer, daI3 ein Wil-
der, den sie fressen wollten, durch die Taufe der Jesuiten schlechteres
Fleisch erhalte, daher diese nur einen Teil des Tauf lings und Bra tens mit
einem nassen Tuche beriihrten. Wolfs Geschichte der Jesuiten. 1. T.
432 DER JUBELSENIOR
Nur befurcht* ich, teuerster Freund, ich ziehe mit dem Schmuck
der brieflichen Einkleidung das Publikum zu sehr an und vom
Gefullsel selber ab, und iiber der Porzellankonchylie werde mein
Schaltier iibersehen. Nehm* ich nicht dasselbe an den Paulini-
schen Briefen und an Hirtenbriefen wahr, iiber deren auBern Reiz
Exegeten und Diozesani ganzlich den Inhalt sowohl iibersahen
als ubertraten? Brachte nicht jedes Jahrhundert dem Neuen Te-
stament einen neuen Inhalt mit? Und wenn ich das erste und das
achtzehnte ausnehme und wenn ich bloB die Ausleger aus den
andern betrachte, die auf eine unglaubliche Weise den Kern in 10
Wurmmehl und die Schale zu einem Kerne nagten: so ist es mir,
als sari* ich ganze Stande voll KrippenbeiBer, bekannte Pferde,
die statt des Futters die Krippe anpacken, wiewohl ich gern die
zwei Vorteile dabei gestandig bin, daB sie das GebiB abschleifen
und daB sie sich mit Wind aufblasen. Vielleicht sind solclie Ex-
egeten den Zigeunern noch ahnlicher (als den Pferden), die das
alte ausgeraucherte Tabaksrohrchen, wenn sie keinen Rauch-
tabak mehr haben, endlich selber aufkauen.
Jede Menschenseele hat ihr eignes Idiotikon, wie jedes Jahr-
hundert seine Germanismen und Gallizismen. Ein genialischer 20
deutlicher Autor ist ewig dunkler als ein schlechter verworrener,
dessen geistige Patavinitat immer mit den Provinzialismen des
Jahrhunderts in eins zusammenfallt. Um den Autor zu fassen,
muB man den Menschen begreifen; um aber einen Menschen, d.h.
einen Charakter, rein zu fassen, muB man ihn mit der besonnenen
Allmacht des Genies, die alle Zustande in Objekte verkehrt und
die nicht nur die Farbe, sondern auch das Licht bemerkt, vom
eignen Ich absondern und wegstellen und ihn beherrschend be-
schauen. Aber wenige Menschen fassen einen Charakter - wie
eben darum noch wenigere einen malen. - Ich werde iiberhaupt 30
erst in meinen versprochenen kritischen Briefen1 die sonderbare
Operation des menschlichen Geistes zerlegen - und dadurch sel-
ber begreifen -, wodurch sich in uns die Idee eines fremden
Charakters zusammenstellet? den uns doch die auBere Welt in
zerworfnen physiognomischen Fragmenten, in disjectis membris
1 Ober den Humor, den Wit?, den Roman und die Satire.
ERSTER HIRTEN- UND ZIRKELBRIEF 433
einhandigt. So viel hab* ich, ohne noch fur die Presse dariiber
nachgedacht zu haben, heraus, daB in unserer Idee von der To-
talitat eines jeden Menschen ein Hauptzug, ein Brennpunkt, ein
punctum saliens vorglanze, urn welches sich die Nebenpartien
abstufend bilden. Aber wie der Brennpunkt entstehe etc. und
alles iibrige, das bleibt mir, bevor ich fur die Presse etwas dariiber
ausarbeite, noch ein tiefes Ratsel und ein ferner Nebelfleck.
Urn einen Menschen vollkommen zu verstehen, muBte man
seine Doublette sein und noch dazu sein Leben gelebt haben. Die
10 Sprache ist ein Gewolke, an dem jede Phantasie ein anderes Ge-
bilde erblickt. Sogar sich selber, namlich sein eignes Buch, fasset
man, wenn uns eine Reihe unahnlicher Zustande umgearbeitet
hat, bloB durch das Erinnern an den, worin man es machte.
Ich kehre zum Appendix zuruck. Es ist ein eigener Reiz fur
mich, daB ich die folgenden leeren Seiten aufblattern und durch-
schauen und zu mir sagen darf : »Du kannst doch dasmal auf ihnen
handeln, wo von du willst.« Urn aber gleichwohl an irgendem Ge-
setz und Leitseil gebunden zu sein, will ichs voraussagen, was ich
verhandeln will. Ich mache mich anheischig, hier in diesem Zir-
20 kelbriefe von der Verjahrung der Verdienste zu sprechen und von
dem ehelichen Hasse und im Postskript von dem Kinderspiele
des Lebens: dann schlieB' ich das Schreiben.
In einem guten Staate verjahren Verbrechen und Verdienste
aus gleichen Griinden, und der Tater hat nichts mehr zu gewar-
ten. Man injuriiere, man hure, man stehle, man breche eine Ehe
doppelt: so fahrt man gut dabei und kann nicht geziichtigt wer-
den fur das erste Verbrechen nach i Jahre, fur das zweite nach
5 Jahren, fiir das dritte nach 20, fur das letzte ebenfalls nach 20 (in
Sachsen), gesetzt sogar, man ginge selber in die Gerichtsstube
30 und verwaltete sein eignes Fiskalat selber. Ebenso belohnet ein
konsequenter Staat verjahrte Verdienste nicht: hat ein Gemeiner
im Janustempel seine Votiv-Beine aufgehangen, oder hat ein
Schulmann einer Schule seine Krafte, ein Minister dem ganzen
Lande seine Uneigenniitzigkeit und Zeit gewidmet: so kann der
erste nach einem Jahre und die zwei andern nach fiinf Jahren kein
Pramium, nicht einmal eine Zeile auf der Meritentafel, der tabula
434 DER JUBELSENIOR
rasa der Erinnerung, fodern. Der Zier-, SpieB-,TrefT-,Inventions-
und Jungferndank verjahrt schon darum, weil er ihnen gebuhrt
und weil ihn ein anderer besitzt: denn schon das Zivilrecht spricht
dem rechtmaBigen Besitzer das Eigentum ab, das ein unrechtmaBi-
ger 10 Jahre lang besessen, nur daB die Abwesenheit des wahren
Eigentiimers die Verjahrung der Belohnung nicht wie die eines
Feldstucks um 10 Jahre verschiebt, sondern um 10 beschleunigt.
Die Griinde sind fur Verbrechen und Verdienste dieselben.
Jene verjahren, weil man annimmt, der Mensch sei schon durch
die Gewissensbisse mit heiBen zwickenden Zangen, mit effigie- :
Strang und mit Staupenschlag justirizieret worden1; - diese ver-
jahren, weil das Gewissen den Menschen in so langer Zeit mit
hundert Biirgerkronen und Meritorden belohnet hat. Die Schwie-
rigkeit, die Beweise aufzutreiben, haben alte Siinden und alte
Verdienste gemein. Das lange Stillesitzen des Verbrechers und des
Verdienstvollen lassen billig annehmen, daB die bewuBten Hand-
lungen mehr dem Zufalle und der Obereilung als der Absicht bei-
zumessenseien.DaherwoIlensogarklassischeAutoresdiePraskrip-
tion ihres Ruhms durch neue Auflagen alter Werke unterbrechen.
Freilich ist in jedem Lande einer, der - so wie der Bock in der :
Wiiste oder der Adam in Halberstadt* alle fremde Siinden auf
sich nahm - ebenso, als Bevollmachtigter und Reprasentant des
Verdienstes, der Hebungsbediente und Kollekteur aller Pramien
ist, die dem Verdienste gehoren. Bekannter ist der Kollekteur un-
ter dem Namen: der Gunstling. Wie nun ein Gerate, das einen
to ten Juden beriihrte, seine Verunreinigung einem zweiten Ge-
rate und dieses einem dritten leihr oder wie ein unreines Leichen-
haus eine ganze Judengasse levitisch besudelt: so teilt sich audi
die moralische Reinigkeit durch die Nahe eines solchen Prinzi-
palkommissarius des Verdienstes mit, und auf seine ganze Fa- 3
milie geht sein indossierter stellvertretender Wert und die damit
verbundene Lohnung iiber.
1 Quistorps peinl. Recht §. S64. der 1. Aufl.
2 Am Aschermittwoch lieBen die Halberstadter einen Burger, der kein
Engel war, schwarz, barfu8, verhiillt von einer Kirche zur andern gehen
und fur die iibrigen biiBen.
3 Misch. 6. Seder.
ERSTER HIRTEN- UND ZIRKELBRIEF 435
Da aber ein Verbrechen, namlich das der beleidigten Majestat,
nicht verjahrt: so kann auch das Verdienst der geschmeichelten
nie verjahren: ein Verdienst um den Hof (nicht urn das Land)
kann wie die delicta excepta leicht bewiesen werden, durch einen
Zeugen, durch Kinder, durch Blodsinnige. Die Handlungen des
Inhabers tragen alle, wie sonst die Kinder der Puritaner, den Na-
men Tugenden. Er ist ein besserer Reprasentant eines Fiirsten,
besser als die auswartige Ambassade, oder vielmehr er ist der ans
Land abgeschickte innere Ambassadeur und hat ebenso viele Ahn-
io lichkeiten mit dem Fiirsten (die Stigmen ausgenommen) als der
heilige Franziskus mit Christo, deren Zahl Pedro d'Alva Astor-
gain bescheiden auf viertausend ansetzt. Haben zwei Herren das-
selbe Verdienst um einen Hof: so gehort die Belohnung - so wie
bei dem Tugendfeste im elsassischen Blotzheim unter zwei gleich
tugendhaften Jiinglingen keinem der Preis zufallt als dem arm-
sten - dem reichsten. —
Auf den ehelichen HaB bringt mich dasSchwerssche Paar durch
seine eheliche Liebe. Es ist sonderbar und schlimm, daB in unsern
Tagen gerade die Sorgen, die in der Ehe von vier Schultern ge-
20 tragen werden, und der gegenseitige Kaltsinn der Trager mk-
einander zunehmen. Auf den Leidenskelch miiBte man vorziiglich
das Wort eingraben, das auf den Bierkriigen der Paulaner Mon-
che steht: charitas (Liebe); aber nur Ehen, worin man aus der
Kiirbisflasche der Freude trinkt, haben immer dieses Wort auf
den Ktirbissen.
Dieses alles hat mich oft auf den Gedanken gebracht - ich hab'
es aber unter dem Schreiben vergessen -, den Theaterregisseurs
die Frage vorzuhalten, ob es sanft und schonend sei, daB sie, wie
sie oft tun, in unsern Tagen, wo die Frau den Gatten, wie der
30 Weise den Tod, weder flieht noch wiinscht und wo der Mann an
ihr seit ihrer Erdnahe nichts vom alten Glanze verspuren kann,
wie die Erde, die als ein leuch tender Stern im Himmel herum-
zieht, uns Leuten, die wir den FuB darauf haben, bloB als eine
schwarze kalte Lichtschnuppe erscheint, ich frage namlich, ob
solche Direktores schonend handeln, daB sie in diesen Zeiten des
ehelichen Indifferentismus den Ehemann notigen, auf dem Thea-
43<> DER JUBELSENIOR
ter eine Liebhaberrolle gegen seine angetraute Frau zu iiberneh-
men - gegen diese sich offentlich etwas anders zu stellen als kalt
und fremd — z. B. in Goethes Tasso als Torquato der Furstin
(seiner Frau) dasselbe Herz als eine Zuckerdose und ein indisches
Nest der Liebe zu prasentieren, das er ihr einige Minuten vorher
in der Kulisse als einen Sauertopf und Giftbecher des Zorns
vorgehalten. Ich lieBe mirs noch gefallen, wenn das Paar geschie-
den ware; aber der Regisseur bedenke, wie es ihm bekame, wenn
er in so nahen Verhaltnissen, wie die ehelichen sind, die Gast-
rolle der Zartlichkeit zu iibernehmen hatte, indes er noch dazu 10
(wie leicht verlangt das nicht die Okonomie des Stiicks) gegen
seine nicht weit dayon stehende wahre Geliebte den Kalten spielen
muBte! -
Ich bin, teuerster Freund,
Ihr
Jean Paul.
N. S. Noch muB ich, Bester, erinnern, daB die Menschen Kin-
der sind und die Erde ein limbus infantum. Ich halte oft an volk-
reichen Tagen, z. B. der Markte, der offentlichen Aufziige, mein
Hohlglas als einen Hohlspiegel vor und lasse die Leute zu Zwer- 20
gen einlaufen, wovon ein ganzer Landtag oder ein ganzes Kon-
sistorium unter dem Deckel einer Schnepfenpastete Sessionen hal-
ten konnte. Hab* ich es so weit, so steir ich mir leicht vor, ich
sahe lauter Kinder. (Im Grunde bleibt es auch so, wenn ich das
Hohlglas weglege: denn der gebiickte alte Mensch krummt sich
wie die Ewigkeitsschlange zur Kindheit zuriick, aus der er aus-
einanderschlug, wie ein Tonstiick nach den Wanderungen durch
alle Tonarten doch in der verklingt, worin es begann.) Ich will die
dunkle Kinderstube, worin die Kleinen spielen und greinen, ein
wenigweiteraufmachen. Ein paar Wechselkinder oder Kielkropfe, 30
die den ganzen Tag fressen und schreien, hat der Teufel vorn auf
die Schwelle gelegt. Ober alle ragt ein kleiner Junge auf einem
hohen Kinderstuhl hervor, der sein ordentliches foramen ovale
oder Aschenloch hat und vielleicht so hoch ist wie ein Thron, und
ruft aus : »Jetzt muB ich euer Konig und Korporal sein, und ich will
ERSTER HIRTEN- UND ZIRKELBRIEF 437
euch alle den Augenblick ins Hundeloch schmeiBen«; das Kind
nimmt sich gut genug mit der Gerte des Vaters aus (es hat keinen
Zepter) und schlagt damit stark umher.DaseineKindsagt: »Reite
mich, dann reit' ich dich« - das andere : »Sei der Miihlpursch, und
ich muB dein Esel sein, und du muBt mich hauen.« - Blindekuh
und Ballschlagen (oft Balle von 24 U)y Soldatens und Kopfen -
das eine sitzt auf dem Sessel, und das andere schlagt ihm mit
einem Lineal zwei- oder dreifache aufeinandergesetzte Hiite ab —
sind gewohnliche alte Kinderspiele; so richtig bemerkt Arbuth-
10 not, daB die Kinderspiele sich von Jahrhundert zu Jahrhundert
unverandert konservieren.
Die Buben spielen recht gut Soldatens, und wenn sie mit dem
Munde ihr heftiges Kartatschenfeuer geben - sie schreien heftig
Puff! - so lauft allemal der Teil der Feinde davon, mit dem es
vorher ordentlich abgeredet worden; von den zu Kriegen noti-
gen Geldwagen (diesen wahren Streit- und Zauberwagen) schei-
nen die guten Kleinen nichts bei GroBen gesehen zu haben. Das
Kind auf dem porosen durchbrochnen Stuhl mochte gern ein
paar Landes-Kinder und Bauern zum Aufwarten haben ; aber es
20 fehlt an Buben, unter denen das Puffschreien einen bethlehemi-
tischen Kindermord anrichtete.
Die Madchen lassen ein wenig taufen - ist anders den Geburts-
listen zu trauen — und liegen sanft im Kindbette und kochen,
was in der Eile zu haben ist. Ich und der Kindesvater sind dar-
wider, daB sie die neugeborne Puppe, die selten sein Werk ist,
in der Puppenwiege so sehr riitteln und schuttetn, daB diese
dumm werden miiBte, wenn sie es nicht schon ware. Wachst die
Kleine ein wenig heran, so macht die Kindbetterin eine ordent-
Hche Putzdocke aus ihr; versaumet aber doch nicht, dem holzer-
30 nen Dingelchen alle die guten Lehren und Homilien einzupragen,
die ihr die alte Mutter selber gegeben und die freilich Docke und
Wochnerin selten befolgen. Schon ists und ein frappanter Bewes
der weiblichen Vorliebe fur das weibliche Geschlecht, daB die
Madchen nicht mannliche, sondern weibliche Docken zuerst so-
wohl gebaren1 als putzen.
1 Bekanntlich sind die Erstgebornen Madchen.
438 DER JUBELSENIOR
Am Fenster - damit sie besser zum Schreiben sehen konnen -
find* ich schon einige reifere Knaben von HofTnung urn einen
FuBschemel, den sie ein Schreibepult nennen, seBhaft, worunter
einer aussieht wie ich selber - die kleinen Teufel wollen gern ein
Buch machen wie ihr alter Vater (ein wahrer Kinderfreund), und
da er ihnen etliche Papierabschnitzel zugeworfen, so kratzen die
Narrchen darauf etwas hin und sagen: »Kein iibles Werk!« - Um
sie schreien die kleinsten Kinder sehr, sie mtiBten denn schlafen.
Handel und Wandel steht in der ganzen Stube in Flor - es wird
alles im Lande selber gemacht, was man braucht - Geldmangel 10
ist unerhort, weil sie Papier und eine Schere haben und soviel
Kinderd'or damit schneiden konnen, als sie brauchen - alle Hand-
werker werden gespielt, und die Backer schaben fleiBig Kreide zu
weiBen Semmeln um und setzen sie gegen Geld oder Geldeswert
ab - und alles ist zu kriegen. Nur sollten sie das alles nkht in die
Papierspane einwickeln, worauf klassische Jungen ihre unleser-
lichen Gedanken geauBert haben.
Ich weiche ganz von einem und dem andern Schulhalter und
Konduitenmeister ab, der behauptet, in der Kinderstube werde
nur gespielt, aber nichts gelernt fur die Zukunft; wahrlich die 20
Spielstunden sind nur freiere Lehrstunden, und die Kinderspiele
sind die Maler-Studien und Schul-Imitationen der ernsten Ge-
schafte der grofiern Menschen ohne Kinderschuhe auBerhalb der
Kinderstube.
Als ich eben zur Tike hineinsah, kam hinter mir ein alter kah-
ler Lakai und Jockey des Vaters, von keinem sonderlichen Aus-
sehen, namens Freund Hein, der die groBen Kinder zuerst - die
unmiindigen zuletzt - nach einigen Kammstrichen und Abwa-
schungen hinausfuhrt ins Freie, in den groBen bliihenden Garten,
wo der Vater in einer Jelangerjelieber-Laube freundlich auf sie' 30
wartet und mit ihnen unter den hangenden Bliitenbeeten groBer
Baume die auslandische Flora und unter den Ringeltanzen der
Schmetterlinge und Miicken, die sich nach der Gartenmusik der
Vogel drehen, und unter lauter Glanz und Leben das Hauptsach-
lichste aus der Naturgeschichte vornimmt.
Aber der etwas staubige Pedel! mit seiner verschimmelten
ZWEITER 0FF1ZIELLER BERICHT 439.
Physiognomie weckte mich - freilich erst zum vorletyten Male -
durch sein Wegfiihren auf; und ich ersah, da6 ich nicht an der
Stubentiire stand, sondern drinnen am FuBschemel mit saB und
meinen Papier-Lappen vor mir hatte. Ich wollte aber unter so
vielen emsigen Jungen nicht allein schlafen; und fuhr daher mit
neuem Eifer auf dem Papierschnitzel fort im
Z\VEITEN OFFIZIELLEN BERICHT
Der Spitzbubenstreich - Noten - der Rest der Rezension - die Clairvoyante
aus dem Kaffee
10 AuBer dem Konsistorium, das zur Sektion der Ehe nichts weiter
verlangt als die vorhergehende Kopulation, scheidet wohl nie-
mand so oft von Tisch und Bett und Herz als der Teufel: dieser
Konsistorial-Prosektor der Seelen bestand ja in den Konkorda-
ten, die er mit dem Doktor Faust abschloB, sogar auf dem Arti-
kel, daB der Doktor gar nicht heiraten sollte; - und denselben
Separatartikel hab' ich in alien Hausvertragen angetroffen, die der
Satan mit jungen Millionaren machte. Denn da die uneheliche
Verbindung eine Zahlungsrechnung ist, die eheliche aber nur ein
Tauschhandel: so ist den Millionaren wie den Buchhandlern bei
20 der Zahlungsrechnung die Ruckgabe der Exemplare verstattet. -
Nach acht Tagen - das brachte mich eben auf den Teufel -
kam aus Flachsenfingen ein Konsistorial-Dekret samt der Lite-
raturzeitung nach Neulandpreis. Der Vater machte sich an jenes,
der Sohn an diese. Plotzlicn las der Vater leiser und sagte endlich
laut: »Trag es standhaft, Ingenuin: die Adjunktur ist dir abge-
schlagen, und Gott weiB, wie1 alles zusammenhangt.« Der arme
scheinlebendige Ingenuin fing iiber den herrlichen Chodowiecki-
schen Kupferstich, den das Schicksal aus seinem Lebensbuche rifi,
bitter zu weinen an; und dann erst zu widersprechen. Sie machten
30 miteinander eine Kondolenzvisite den Weibern unten. Alitheu
wurde bleich und welk, wie eine gliihende Rose sich weiB ver-
farbt, wenn sie brennender Schwefel beriihrt; aber die Mutter
440 DER JUBELSENIOR
focht die Echtheit des Widerrufs des Edikts von Nantes, obwohl
mit nassen Augen, an.
Ingenuin lief wahrend dieses Aquinoktiumssturmes unter ein
Wetterdach - ins RitterschloB. Das Fraulein von Sackenbach be-
dauerte dieses herbstliche Entlauben aller seiner HofTnungen mit
der herzlichsten geriihrtesten Stimme, setzte aber sogleich mit
einer aufgeheiterten den Trost dazu : »sie wolle noch heute abends
nach Hof schreiben und den geringen EinfluB, den sie da babe,
fur ihn verwenden.« Gering war der EinfluB, weil er auf einen
langst versiegten hinauslief, den sie in ihren Jugendjahren auf 10
einen gewissen Herrn von Esenbeck in Flachsenfingen gehabt. Es
war bloB so: Herr von Esenbeck, jetziger maitre de plaisirs der
Fiirstln, war damals Jagdpage des Fiirsten gewesen, wiewohl der
Weidmann damals am liebsten auf die Kessel- und Klapperjagd
nach Damen ging. Er war da noch in den Jahren, wo jede weib-
liche Gottheit wie sonst eine heidnische den Mann, der sie erblickt,
rasend nachlasset, gerade in denen, wo man glaubt, eine Heirat
miisse man, wie ein Bonmot, ohne Vorbereitung aus dem Stegreif
machen. Kurz er hatte sich, um Gobertinen zum Altar zu fuhren,
schon den Arm ausgebeten, von dem ein kurzer Weg zur Hand 20
bin ist. Aber Amanda war im entgegengesetzten Falle Solons:
als man diesen fragte, was ihm so viel Mut zum Widerstande
gegen den Pisistratus gebe, so sagte er:. »Mein Alter« - und
Gobertina hatte, wenn sie von ihrem vergangnen Widerstand
gegen den maitre de plaisirs hatte einen Grund angeben mussen,
versetzt : »Meine Jugend.« Das mattete aber den Junker ab, er lieB
sie sitzen und stehen und fragte wenig nach der Regel der Mutter
und Schachspieler, daB man eine (weibliche) Figur, die man be-
riihret habe, auch ziehen miisse, und war's zum Schaden des Ko-
nigs. — Gobertina schickte ihm nachher oft Briefe, wenigstens 30
um die vorigen zuriickzufordern; aber er gab nicht einmal eigne
dafiir: sie war aufs Land gesetzt und noch dazu auf halben Sold;
welche Rose hatt* er ihr noch abzuverlangen oder zuzuwenden
gehabt als die des Stillschweigens ? -
Gleichwohl setzte sie aus Liebe zu den Pfarrleuten ein Brief-
chen an den maitre auf, das eine Fischreuse fur sein plattiertes
ZWEITER OFFIZIELLER BERICHT 44I
Glatteis-Herz oder doch ein Garnbock fur ihre Weife und zu-
gleich einLukas-und Agathazettel undHiilfswort fiirdieSchwers-
schen werden sollte.
Sie schrieb drittehalbe Bogen und schnitt sie, so gut sie konnte,
ganz nach Gellerts Definition von einem Briefe zu, daB er ein
Gesprach mit einem Abwesenden sei. Denn die Bogen hatten —
da ein Gesprach weder Kolon noch Semikolon noch Orthogra-
phic einmischt - auch nichts davon.
Ingenuin fand bei der Zuriickkunft seine Dea in groBern Tra-
10 nen und - an ihrer Hand wieder ihren Ring. In der Stube gliihte
der Kantor Scheinfuft, auf dem Tische wieder der verschenkte
Doppeldukaten. Wer wird uns iiber dieses narrische Titelkupfer
eine Erklarung geben? - Ein Halunke, der obige Lederer. Dieser
zog, begleitet wie ein Konsul von Liktoren oder Haschern, durch
Neulandpreis, und ihn schuttelte schon auf der offnen StraBe das
Gefangnisfieber. Wenige verstehen mich; es war aber das:
Flachsenfingen besetzt namlich so gut als irgendein Land die
wichtigern Posten seiner streitendenKirche, dievolkreichenPfar-
reien, geschickt, d. h. nicht mit jungen Kadetten, sondern mit
20 Veteranen, mit Leuten, die den Psalter in den Jahren erklaren,
worin ihn David verfaBte, namlich in den letzten. Das Judentum
und das Papsttum sind die zwei Vorhofe des Luthertums. In je-
nem wurde keiner ein Priester, der noch nicht ein DreiBiger war:
daher setzen wir noch bis diese Minute keinen jiingern in den
Schuldturm einer Ponitenzpfarre, geschweige in den babyloni-
schen einer reichen. Anlangend das Papsttum, so sind groBere
Pfarreien nichts als kleinere Kirchenstaaten; wie nun der heilige
Vater des groBten Kirchenstaats nur in dem Alter gewahlet wird,
worin er kein Vater in einem weltlichern Sinne mehr sein kann,
30 namlich unter den Sechzigern selten, so tragen nur die, die das
Akzessit des Kirchhofs erlangten, den Preis einer Peterskirche da-
von. Denn es ist mehr daran gelegen, diinkt mich, daB ein weiter
Kirchensprengel einen veralteten exemplarischen Ex- und Erz-
vater ohnealleLeidenschaften - diese Fettaugen und Fettschwanze
der Jugend - uberkomme, als daB dem Sprengel bloB ein Mann
zufalle, der ihn versieht. Man wiirde daher schon langst aufge-
442 DER JUBELSENIOR
horet haben, sich zu wundern, wie ein so reiches Pastorat, als
Neulandpreis ist,einem so jungen Pastor fidoAlitheensangefallen
sei, eine Stelle, auf die wegen der vielen Eingepfarrten (eine Meile
weit miissen einige in die Kirche) vielleicht der alteste schon halb-
tote Senior im Lande Anspruch machen konnte - ich sage, man
wiirde schon langst aufgehoret haben, sich zu wundern, hatte
man bedenken wollen oder konnen, daB die ganze Sache nichts
ist als — lauter Wind, eine rechte Spitzbuberei, in die man jetzt den
Leser naher einweihen will.
Lederer ist der Spitzbube. Dieser Mensch griff namlich zu einer
Schiefertafel und stach in gravierter Arbeit auf dem Stein das
Konsistorial- und Regierungsinsiegel nach, und die Hande dieser
Kollegien make er nach - und dann machte sich der Hofstein-
stecher reisefertig. StieB diesem nun irgendwo ein Ponitenzpfar-
rer, ein amtssassiger Hauptschuldner und matter Supplikant, ein
fahler ausgekernter Amtmann auf: so fuhr ein guter Geist in ihn,
und er sperrte sich ein und fertigte eine iiberraschende Vokation
fur das darbende Subjekt. So belohnte und postierte er, indem er
als verkappter Kalif das Land durchstrich, echtes Verdienst nach
bestem Wissen und Gewissen. Er selber, der Agioteur, hatte we- :
nig davon, daB er, wie ein nuntius a latere, neben dem Landes-
herrn gute Stellen besetzte, das Recht der ersten Bitte exerzierend :
sein Selbstverlag von Beforderungen zweckte mehr auf fremde
Freuden ab als auf seine, er war fahig, die besten Amter im Fluge
zu verschenken, ohne Schmeichelei, ohne Suppliken, ohne halbe
Intraden oder - wurd' er gerade in adeligen Dorfern Patronats-
herr - ohne Mitbelehnschaft und Maskopie fur eine Kammer-
jungfer zu begehren. Das wenige, was er sich aufzwingen HeB
und was er zum Scheine gern einsteckte - um den Konsistorial -
boten frappanter nachzuspielen, welches auch die einzige Stelle ;
war, wozu er sich selber berufen -, war das Mahl und Gratia],
womit das vozierte Subjekt erkenntlich sein wollte. DaB freilich
nachher der Landesherr keine einzige seiner Standeserhohungen
bestatigte, sondern die ganze Dienerschaft absetzte und ihn dazu
— das war dem Schiefersteinmetz nicht aufzubiirden.
Schlimm wars, daB eine solche zerstorliche Ein rede auch den
ZWEITER OFFIZIELLER BERICHT 443
schuldlosen Adjunktus kassierte und das von Hoffnungen aufge-
blahte Herz seiner armen Braut eindruckte. Der Kantor Schein-
fuB sa6 gerade in der Schenke, als der Vokationen-Falsarius und
Prokonsul mit seinen Liktoren eintrat: dem Kantor, dem gerade
Gliihwein auf den Wangen saB, hatt* es das Pfarrhaus zu danken,
daB er dem Arrestanten durch das Hersagen einiger Strophen aus
dem Liede »0 Ewigkeit, du Donnerwort« den Ring und den Du-
katen wieder abjagte, die beide zum Glucke weder versoffen wa-
ren noch angefeilt.
10 Aber dieser Krebsgang des schonen Braut- und Himmelswa-
gen, worauf die zwei Liebenden gestiegen waren, entfernte sie
nicht nur auf Jahre lang von ihrem schonsten Tag, sondern auch
beide voneinander. Der Senior Schwers HeB namlich in Beisein
des Kantors die zwei stummen, um ihre Hoffnungen Leidtragen-
den vor sich treten und verordnete und verkiindigte : eines von
ihnen mtiBte aus dem Haus. Es war keine Frage wer. Dea konnte
nicht fiir den Senior predigen : also sollte sie so lange, bis dieses
vomSchicksal niedergetretene Rosenfeld und bowling-green wie-
der nachgewachsen ware,*aus dem Hause nach Flachsenfingen
20 zur schwangern Buchdruckerin (seiner Schwiegertochter) ziehen,
weil weder den Leuten und ihren Zungenfkgeln - da jeder beide
nun als Verlobte ansahe - zu trauen ware noch dem Teufel. Was
sagte das zerritzte weinende Paar dazu?~nichts als Ja: geduldig
und stumm liefen die zwei Lammer hinter seiner Hand, und nur
als dieser Sonnenball, der Alte, weg war, so verlosch der doppelte
Regenbogeh, der vor ihm heiter geschimmert hatte, und derfrohe
Trug sank als dunkler Regen nieder.
Alithea lief weg und brachte das trockne Herz, in dem dieses
Erdbeben des Verhangnisses alle siiBen Quellen ihres Lebens ver-
50 schuttet hatte, in die Arme ihrer Mutter Theodosia und bat sie
mit schwacher Stimme, daB sie doch nur wenigstens bleiben diirfe
bis zum Jubilaum und zur Silberhochzeit; sie konnte sich sonst
gar nicht fassen. »Du wirst bleiben«, sagte die Mutter und ging
zum Vater Schwers hinauf; - und wie hatte der Silberbrautigam
eine so freundliche Bitte seiner Silberbraut so nahe an dem Tage
verderben konnen, wo beide sich umdrehen und noch einmal, ehe
444 DER JUBELSENIOR
sie auf die beschattetePappelinsel des Grabes ausstiegen,hinuber-
blicken wollten mit weitsichtigen Augen nach den reichen warmen
Siidsee-Inseln ihrer Jugendtage? — Er erhorte die alte Freundin
und sagte: »Aber gleich den Montag darauf, das weiBt du schon,
zieht sie in Gottes Namen aus.«
Ingenuin nahm jetzt im dunkeln Museum wieder die Literatur-
zeitung zur Hand und uberblkkte bebend die abgebrochene Re-
zension seines Buches. Beim Himmel! statt der weriigen schon
geschmolzenen Schneeballen, womit ihn der Rezensent vor acht
Tagen beworfen hatte, sah er jetzt vor sich einen Obeliskus aus 10
Schnee - wie die Armen 1785 dem armen Ludwig XVI. einen
physischen fur seine Holzspenden aufballeten - als einen Lohn
fur seine »Kritik der kirchlichen Liturgik nach kantischen Prin-
zipien« aufstehen ! — Er wiinschte von Herzen, er konnte seinen
Vater um die Ehren-Spitzsaule fuhren und es sagen, ihm sei sie
gesetzt; aber der Jubelgreis lieB sich das Kommunikantentuch-
lein, die Periicke und das Chorhemd, lauter Dinge, die der Sohn
mit seiner kantischen Kritik kuhn angegriffen und erschiittert
hatte, nicht nehmen.
So milderte die Hand des Schicksals die Krampfe seiner Qual 20
und streichelte den Nervenpatienten mit wenigen Strichen, die sie
mit den Rezensenten-Schreibfingern um seine Stirne fiihrte, in
einen magnetischen Schlaf. Womit losete aber dieser Magneti-
seilr, dessen Manipulation ebensooft weckt als einschlafert, den
starren Marter -Tetanus der emigrierenden Alithea auf? Wenn ich
den Doppeldukaten und den Ring ausnehme, wozu ihr noch dazu
fast der fremde Ringflnger mangelte: so werd* ich wenig Lin-
derungen ihrer Folter gewahr, aber wohl manche Scharfung der-
selben durch die Zuriistungen auf das Freudenfest. Und so gibt
immer, wie der Moschus mit der ersten Starke seines Wohlge- 30
ruchs die Nase bluten macht, die Liebe, zumal die erste, dem
weiblichen Herzen ebenso viele Wunden als Freuden, wenn nicht
mehrere.
Alitheas Sonnenschein wurde vom Brennspiegel des Schmer-
zens in einen Sonnenstich verwandelt und auf ihr Herz geworfen,
und sie stand gefesselt vor dem Brennpunkte bis einige Tage vor
ZWEITER OFFIZIELLEIl BERICHT 445
der Silberhochzeit, wo eine alte Frau ein kuhles Wolkchen davor
zog. Eine alte KafFee-Prophetin sagt* ihr namlich die sonderbar-
sten Sachen voraus.
Es kam diese runzlichte Zeichendeuterin Freitags l in der schwar-
zen Stunde zu ihr. Sie trieb Aktiv- und Passivhandel mit der Zu-
kunft und mit Preiselbeeren und schlug einen grunen oder viel-
mehr roten Markt mit den letztern auf. Sie sah an Deas Auge den
roten Titelbuchstaben des innern Martyrologiums Ieserlich ge-
schrieben und erofFnete ihr freundlich, wenn sie eine halbe Tasse
10 vom KafFee dort daran verwende, so konne sie vielleicht noch
heute erfahren, was ihr fehle und wie es kimftig gehen werde.
Ach um diesen Gewinst stand Alitheen eine ganze KafFeeplantage
feil.
Die kumaische Sibylle zog vor alien Dingen den warmen Setz-
teich ab, um die auf dem Schlammgrunde des Kaffeesatzes blei-
bende Zukunft herauszufangen. Dann vergafi sie die notwendig-
sten Operationen bei diesem prophetischen Prozesse nicht und
fing an zu sehen und zu reden. Das ganze von Honthorst gemalte
Nachtstiick der Vergangenheit lag auf dem schwarzen Pulver
20 hin : sie teilt* es mit und weissagte Alitheen alles, was ihr bisher
begegnet war. Nun ruckte vor der Seherin auch der Saturn der
kiinftigen Zeit aus seiner dunkeln Immersion: sie verhielt der
Glaubigen nicht, daOihramJubeltage einauBerordentlichesGluck
bevorstehe, dafi schon Sonnabends ein vornehmer Herr von 49
Jahren, prachtig angeputzt und kahlkopfig, mit zwei Tiger-
pferden werde von Karlsbad gefahren kommen, der ein wahrer
Schutzengel fur das ganze Haus sein werde. Weiter aber, das
gestand sie gern, konnte sie ins innere Afrika der Zukunft nicht
hineinsehen.
30 Alitheens Herz zerlief in Freudentranen, nicht weil sie diefrohe
Nachricht glaubte, sondern bloB weil sie solche dachte. Man hin-
terbrachte etwas davon dem Gaste der schwarzen Stunde, dem
Fraulein Amanda, die mehr vom KafFee als von dessen Prazipitat
einen wenig prophetischen Gebrauch machte: Amanda trat ins
1 Namlich den 16. Schaharimeh dieses Jahrs, wie ich sonst mit andern
Illuminaten statt des ebenso deutlichen 16. Septembers schrieb.
44<$ DER JUBELSENIOR
Gesindestiibchen, vernahm alles, zog die Seniorin in die Visiten-
stube zuriick und sagte, das Sonderbarste sei, daB Herr v. Esen-
beck ihr heute geschrieben und morgen zu kommen versprochen,
und nach den Tigerpferden und Haaren zu urteilen, meine die
Alte niemand weiter als den leibhaften Herrn v.Esenbeck. Sie
ging eilig zuriick, sagte mit einem mannlichen Mute (einem Spat-
ling ihres Hof lebens) zur Augurin : »Aber, meine Frau, man wird
Sie bis morgen hier behalten, und wenn Sie gelogen hat, so wirft
Sie mein Justitiar ins Hundeloch.« Zum allgemeinen Erstaunen
sagte die Ambassadrice der Zukunft dazu ein freudiges Ja. Gober-
tina gab ihr also imSchlosseHausarrest und vierschielendeAugen
zur Ehrenwache.
Da ich Gott danke, daB ich endlich die Neugierde des Lesers
aufgeregt: so wiird* es einfaltig lassen, wenn ich solche im zwei-
ten offiziellen Berichte befriedigte und nahme; sie mag ihn so
lange qualen, bis ich sie im dritten stille.
ZWEITER HlRTEN- UND ZlRKELBRIEF
Gravamina der deutschen Schauspielergesellschaften, die morderischen
Nachstellungen der deutschen Tragiker betreffend
Teuerster Freundl 2Q
Viele Regisseurs der bessern deutschen Theater lagen mich
schon sei langem an, daB ich dem Reichskorpus die Fiisilladen
und Mordtaten, welche die Autoren jeden Schauspielabend unter
ihnen veriiben, einmal ernsthaft und fiskalisch und klagerisch
vortriige. Ich lieB mich nicht bereden, sondern gab sogar im
Reichsanzeiger die Antwort, ich miiBte besorgen, die samtlichen
Reichstagskollegien nahmen meine gravamina fiir SpaB, gesetzt
auch, die Klage ware von alien den Akteurs und Aktricen unter-
schrieben, die von den Tragikern schon totgeschlagen worden.
Indessen setzt' ich doch die Klage auf, schickte aber nichts nach 30
Regensburg. Zum Gliicke fur die dezimierten und lanternisierten
Theatertruppen wurden jetzt im September die Reichstagsakten-
ZWEITER HIRTEN- UND ZIRKELBRIEF 447
ehe die Franzosen sie zur Elnsicht abfoderten - inrotuliert und
verschickt aufs Rathaus zu Hofim Voigtland. Ich ging da urn
diese papierne Bergkette mit sonderbaren Gedanken herum ; denn
die eingesargte papillotierte Zukunft ganzer Reichskreise stand
in den Wurfeln vor mir. Auf emmal fiel ich auf die frappante Idee,
mein fiskalisches Klagschreiben zu einem Quartanten durch Em-
ballage aufzuschwellen und den Quader unter dieBlocke zu schie-
ben. Es kann sein, daB ich ohne den franzosischen Gelehrten
Chaterinot1 gar nicht darauf gekommen ware, der seine Werke,
10 weil sie liegen blieben, selber einsteckte und mit dieser Taschen-
ausgabe in den Pariser Buchladen herumschlich und, sooft der
Buchhandler den Riicken wandte, einige Exemplare unter andere
Werke einschwarzte.
Unter dem Inkorporieren selber macht* ich mich dadurch here-
inafter, daB ich mir auf der einen Seite den Jammer der umfallen-
den Spieler ausmalte, die jetzt (es war abends) eine Tragodie wie
sonst der 108. Psalm totbetet, und auf der andern die Burger-
krone meines innern Menschen, die er aufbekame, brachte der
Erzkanzler wirklich das Schreiben zur Diktatur.
20 Die tagliche sizilianische Vesper und Aufreibung der besten
Schauspieler gehoret meines Erachtens zur Reichspolizei ; und ich
habe mich oft auf dem Parterre gewundert, wenn der General-
reichsfiskal selber in der Frontloge heraussah und den Menschen-
mord sah, ohne sich oder seine Feder zu regen. Ich weiB es, den
Unterrichtern (den Kunstrichtern) kommt es zu, den tragischen
Wiirgengeln und Mordtaten zu steuern; aber wenn diese das
Ihrige vergeblich getan haben, dann ist man ofFenbar von einer
hohen Reichsversammlung gewartig, daB sie sich dareinschlage,
die oflentliche Sicherheit der Theater herstelle und den Musen-
30 sohnen den tragischen Degen abfordere. Ist es hier nicht so wie
mit Irrlehrern, denen am Ende, wenn Fakultiiten und Konsisto-
nen sie nicht zum Schweigen bringen konnten, Fiirsten eines
auferlegen miissen? Ja im Notfall wurden oft solche phosphores-
zierende Lichtputier selber statt der Gassen- Reverter en aufgehan-
gen oder aufgehenkt.
1 Menagiana.
448 DER JUBELSENIOR
Hier ist indes die Kopie des zu den Akten gelegten Klage-
schreibens, worin ich alle Kurialien vertausche gegen die Formel:
das hohe Reichscorpus.
*
Die Gravamina der Akteurs etc,
Hochwurdigey Hochgeborne^ Hoch- und Wohlgeborne, auch Wohl-
und Hochedelgeborne^ Hochedelgestrenge, Fest- und Hochgelahrte^
Gnadige7 auch Hochgeneigte und Hochgeehrteste Herren/1
Sub Litteris A B C D. werden Zeugenrotuls von 8000 Personen
angebogen — gerade die Zahl der Subskribenten unter der for-
mula concordiae -, die es fur wenige Groschen oder Gulden ge- 10
sehen und gezahlet haben, wie oft Endesunterschriebene - trotz
der karolinischen Halsgerichtsordnung und der franzosischen
Kunstrichter - erschossen, erstochen, erdrosselt worden: un-
schuldige Akteurs, sie mogen den ganzen Tag gelebt und memo-
rieret haben, wie sie wollen, bedecken abends, von Federmessern
abgemaht oder vom Fliegengift des Dintenpulvers gefallen, die
Buhnen. Die deutschen Tragiker, die oft von uns und unsern
Benefizstucken leben, sind es, die uns selber verwehren zu leben
und die gleich einem romischen Triumphator nicht eher den Lor-
beerkranz zu verdienen meinen, als bis sie 5000 Mann getotet - 20
anstatt gespeiset - haben. Nicht nur das ganze weibliche Publi-
kum sitzt dabei und labt sich sehr und hat solche ludos funebres
gern, die den romischen gleichen, worin jedem Magnaten einige
hundert Gladiatoren nachstarben: sondern sogar die Rechts- und
Schoppenstuhle, judices a quibus und ad quos, Leuteranten, dritte
Instanzen und deren Aktuarien, die vom Herzen bis zum Kopfe
mit Karolinen und Theresianen vollgeschlichtet sind, sogar Edel-
leute, die mit der obern Gerichtsbarkeit belehnt sind und sonst
mit Henkergeldern knickern,alle diese erlegen gern die peinlichen
Kosten unter dem Namen Entreegelder und wiinschen herzlich 30
wie der Pobel bei Hinrichtungen den Frais- und Todesfall, um
nur die Freude einer miiBigen Ruhrung zu haben.
1 Bekanntlich wird ein solches Schreiben nicht an die Reich sstande, son-
dern an deren Gesandten adressiert.
ZWEITER HIRTEN- UND ZIRKELBRIEF 449
Das ist es ganz kurz, was wir einem hohen Reichscorpus weit-
lauftig vorzutragen willens sind.
Vor 45 Jahren sahen wir allerdings nicht ein, was wir damals
hatten auf unserem holzernen Planiglob: jeder Spieler war da
seines Lebens sicher - reimend kam er in die tragische Welt -
reimend fuhr er wieder hinaus - den Helden machten nicht
Schlachten, Wunden, aktives und passives Ermorden, sondern
eine in Tranen gesaete und in Reimen geerntete Liebe - Racine
und Schlegel brachten selten einen Nebenchristen um und kopf-
10 ten wenigstens gar zu grofie Spitzbuben nur wie GroBe heimlich,
und selber Voltaire machte ehrlkhe Spieler lieber verachtlich und
lacherlich als tot. Das war unser saturninisches philanthropisches
Zeitalter.
Jetzt leben wir im poetischen Terrorismus. Deutsche Land-
friedensbrecher zielen aus den Krahenhutten ihrer Museen und
piirschen uns herab. Alle Todesstrafen, die Beccaria aufhob, in-
dent er aus dem Schwert der Themis bloBe Hand- und Beinschel-
len schmiedete, werden auf dem Theater durch den Dolch der
Muse vollstreckt, und die poetische Gerechtigkeit wird von grau-
20 samern und weniger aufgeklarten Frais- und Zentherren gepflegt
als die peinliche. Einer hohen Reichsversammlung kann nicht un-
bekannt sein, dafi wir oft im Weggehen von diesemTyburn und
Greveplatz - das ist die deutsche Biihne - die Hand an den Kopf
gelegt: das taten wir blofi, wie jener tiirkische Minister bei dem
Weggehen vom Sultan, um zu fiihlen, ob er noch auf dem Halse
sitze.
Wieder andere tragische Dichter ziehen skh abends elend an
und verstecken sich von 6 bis 8 Uhr in Kulissen und passen, wie
englische Rauber mit SchieBgewehr, wie Feimer mit Stricken,
30 wie Arzte mit Krankheitsmaterien bewaffnet und wie Tiirken und
Wilde durch Getranke zu finstern Werken gestarkt, so passen sie
Spielern beiderlei Geschlechts boslich auf und machen ihnen den
Garaus, bloB um vom Ertrage dieser Gewalttatigkeiten einmal
zu soupieren, so wie man nach Dapper taglich 200 Menschen fur
die Tafel des Konigs von Macoco schlachtet. Ein solcher Tragi-
kus nimmt oft in seinem Wolfshunger den fettesten Akteur aus
450 DER JUBELSENIOR
dem Ankleidezimmer und wirft ihn in den Hungerturm und lasset
ihn da elendiglich vor den Augen des Publikums in drei Stunden
verhungern. HeiBet das christlich, jiidisch, turkisch gedacht ? -
Es kann dargetan werden, daB oft hart nach der Ouvertiire ein
frischer neugeborner Akteur, der kaum das Licht der - Biihne
erblickte, schon vom Theater und mit Tod abgehen muBte: das
rufende Taufglocklein wurde seine Ziigen- und Totenglocke,
und er sah dann nur als revenant aus der Kulisse heraus. Andere
fristen ihr Leben ein paar Akte langer, aber mit verdammter aqua
toffana im Geader - und am langsamen schleichenden Gift wel- 10
ken sie in einigen Stunden ab. Kommt vollends das Ende der
Tragodie heran: so kennen wir auBer dem Kriegstheater nichts
Schrecklichers als ein deutsches - wie am Ende des Herbstes, wo
der ganze Bienenkorb gemeinschaftlicham Drohnenmord arbeitet,
so gehts da her — es hilft kein Flehen, kein Geschlecht, kein Stand,
alles, das Kind im Mutterleibe, wird ausradiert und harpuniert
vom tragischen Dolch - der Held oder Konig ohnehin zuerst, wie
die Raubbienen zuerst den Weisel des Stocks erbeiBen - aber auch
alle seine Verwandte und Bekannten ~ unbescholtene, gesunde,
rote Leute, die sich vergeblich durch die funf Zonen der Akte 20
durchgeholfen haben - es ist freie Pursch, alles muB fallen
nur ein einziges Wesen kommt davon, iiber welches die Todes-
sense, wie iiber Gras im Tritte eines Hufs, ohne Schaden
wegfahrt : es. ist der Souffleur, der in seinem Seitenhohlchen und
Dachskessel ohne Wunden hockt und lachen kann.
Wie weit dieser Jammer in deutschen Stadten gediehen ist, das
mag vielleicht ein oder der andere Personalist, falls er sie gelesen,
aus der Grabschrift noch besser ermessen haben, die wir einem
bekannten Akteur mit dem Spitznamen Peter Schwenz setzen lie-
Ben und die so lautet: 30
»Hier liegt Peter Schwenz, deutscher Regisseur, der - nach-
dem er anfangs naturlichen, dann gewaltsamen Todes (nicht zu
gedenken des geistlichen) verfahren, nachdem ihn zwei todliche
Apoplexien und im nachsten Abend darauf eine Hemiplegie ge-
troffen, nachdem er gekopfet und kurz darnach gehangen, nach-
dem er zweimal von seinen Kameraden und dreimal von sich
ZWEITER HIRTEN- UN D ZIRKELBRIEF 45 I
selber erschossen worden, nachdem er die starksten Gifte und
Krankheiten gehabt und neben seiner Julie beigesetzt worden als
ein WtirmerfraB — endlich weniger lebens- als sterbenssatt das
Theater der Welt verlassen hat, um hier unten zu privatisieren.« -
Meistens sind die Tragiker, die das Recht des tiirkischen Kai-
sers1 exerzieren, taglich 14 Menschen aus Inspiration zu toten,
blutjunge Menschen und ebenso viele Belege zur Bemerkung, die
Voltaire in einem Brief an Friedrich II. macht, dafi immer Jung-
linge fanatische Konigsmorder (z. B. Heinrichs IV. etc.) gewesen.
10 Weiber begehen zwar Zungen-, aber selten Federtotschlag, wie
denn unter 100 justifizierten Mordern nur 4 Weiber2 sind. Be-
kanntlich macht ein Verfasser solcher erhabenen Werke auf das
Privilegium eines maitre des hautes oeuvres Anspruch, der sich
ehrlich und zum Doktor richtet, wenn er no Personen entkor-
pert und entseelet. Ein tragischer maitre des hautes oeuvres fragt
nichts nach fremden Leiden, wenn er nur imstande ist, sich aus
einem Autor zu einem Genie und seine Broschiiren, die Stempel-
geld erlegen, zu Broschurensammlungen, die keines geben, hin-
aufzutoten.
20 Dagegen haben wir nun folgendes :
Der Schauspieldichter steht kaum in geistlicher Seitenverwandt-
schaft mit dem Schauspieler. DerDichter erbauet sein Kunstwerk,
sein ZauberschloB, ohne dazu den Spieler weder als Geriiste noch
Baumateriale notig zu haben; der Spieler verdoppelt nur das
Kunstwerk und verdichtet das LuftschloB zu einem Schauspiel-
haus. Die Rollen, die im Schauspiel zu machen sind, konnen
nicht schwieriger sein als die im langern Heldengedicht und Ro-
man - und diese werden recht gut von einer chamaleontischen
Aktrice gemacht, von der Phantasie des Lesers. Kurz die thea-
30 tralische Verwandlung der Bilder in Statuen soil das dramatische
Kunstwerk weder fortsetzen noch vollenden, sondern nur beglei-
ten und kopieren, wie die Liedermelodie das Gedicht und der
1 So viel kann der GroBsultan ohne Tyrannei und auf Rechnung gott-
lichen Antriebs taglich morden. Kantemirs Geschichte des osmanischen
Reichs.
a Dictionnaire philosophique, Art. Homme.
45^ DER JUBELSENIOR
Chodowieckische Kupferstich die Romanszene. Kurz man kann
Virgils geschilderten Laokoon und sein Nattern-Gewinde recht
gut genieBen, ohne den steinernen dazu neben das Lesepult auf-
gestellt zu haben.
Aber ebensowenig steht die Schopfung und der GenuB des ge-
meiBelten Anthropolithen in Verbindung mit dem Virgilianischen
Exemplar: der Schauspieler ist ein vom Schauspiele des Dichters
ganz verschiedenes abgesondertes Kunstwerk. Seine von der
Schonheitslinie der Tanzkunst und Malerei umschriebene Mimik
entlehnet ihren Wert ebensowenig vom dargestellten Gegen- 10
stande — vom dichterischen Kunstwerk -, als ein historisches Ge-
malde den seinigen von irgendeinem Historiker borgt: ihre Dar-
stellung behielte den Glanz, wenn auch der Gegenstand derselberi
ein schlechtes Kunstwerk oder eine prosaische Szene aus dem
wirklichen Leben ware. Das mimische Kunstwerk und das dra-
matische formen sich nach ganz verschiedenen Gesetzen: ihre
Vereinigung oder ihr Simultaneum fordert ein drittes Gesetz-
buch, so wie uberhaupt bisher nur fur die Alleinherrschaft einer
Kunst, nicht fur die vermischte Regierungsform von zweien,
z. B. von der Ton- und Dichtkunsts Grenzen und Regeln ge- 20
boten.
Der dramatische Dichter als Dichter kennt so wenig Schran-
ken der Zeit, des Raums und uberhaupt der wirklichen Welt als
der epische — die Einheit des Interesse bedeckt und vergutet die
mangelnde des Ortes und der Zeit - die Phantasie des Lesers ver-
tragt Ugolinos Hungerturm, Kents ausgeleerte rote Augenhohle,
vollgeblutete Tucher, abgehauene Hande, Schlachtfelder und eine
aneinandergedrangte fliehende Leichenprozession totenblasser
Szenen. — Aber das Auge des Zuschauers versohnet sich mit einer
solchen blutigen Wirklichkeit nicht. Wie schon Gorgonen und 30
MiBgestalten nicht aus dem Reiche der Malerei in das Gebiet der
Bildhauer kunst auswandern diirfen : so dtirfen sich noch viel we-
niger gewisse tragische Kolossen aus der unermefilichen Geister-
welt der epischen Kunst in das enge holzerne Rund der Biihne
drangen, da der Unterschied des Umfangs zwischen dem epischen
und mimischen Reiche groBer ist als der zwischen dem maleri-
ZWEITER HIRTEN- UND ZIRKELBRIEF 453
schen und plastischen. Ja die Malerei kann sich erlauben, was sich
die Mimik untersagen muB. GroBe korperliche ZerreiBungen,
lange Gegenwart eines Leichnams werden auf der Biihne ent-
weder lacherlich oder schmerzhaft; denn entweder die Illusion
wirdvollendet-und dann tritt die Wirklichkek mit ihrenSchmer-
zen ein -, oder sie wird vertilgt - und dann qualet uns der Streit
komischer Anwandlungen und ernsthafter Wiinsche. Die schwer-
fallige Verkorperung des Theaters hebt alle B ruche der Einheit
des Ortes und der Zeit starker heraus; die Statuen-Gruppierung
10 halt alle eilende Leidensstationen mit einer schmerzlichen Verstei-
nerung fest, vergroBert und verknochert alle Wunden und Tra-
nen und beschwert uberhaupt die atherischen Gestalten des Dich-
ters, alle seine verklaren Leiber mit einem massiven Kubikinhalt
und Blei-InguB. Daher werden die meisten Tragodien mit scho-
nerer Wirkung gelesen als aufgefuhrt; die Lustspiele aber umge-
kehrt. Besonders biiBen zwei Tragodien durch die theatralische
parastatische Verkorperung ein: die5 worin der Zuschauer von
einem Sturzbad und Blutbad wilder Szenen ins andere fallet, z. B.
Lear; und die bessern, worin statt der auBern oder korperlichen
20 Aktion die innere oder psychologische vorwaltet, ohne die im
Grunde jene keine ist, z. B. Goethes Tasso. Die theatralische
Tragodie wiirde die Diagonallinie zwischen beiden entgegenge-
setzten StoBen gehen.1 Die bessern Schauspiele waren bisher im-
mer die, deren dazu notige Theaterkasse, Anziehstube, Theater-
personale bloB in einem - Kopfe war.
Nach diesen Grundsatzen werden die Sterbebetten hinter die
Kulissen geschoben, wenn man nicht gar auf den Dolch der mi-
mischen Melpomene die Inschrift der Siener-Schwerter schreibt:
ne occidas. Die Mimik legt bei einem theatralischen Tode die
30 Poussiergriffel weg und iibertragt dem weichern Pinsel der Phan-
tasie den letzten graBlichen Zug. Eine Totenglocke ist zehnmal
mehr auf einer Biihne wert als zehn Sterbebetten.
1 Daher ist der einsilbige Dialog, der in Ifflands neuern Stiicken dem Leser
miBfallt, dem Zuhorer angenehm. Ein fur die Vorstellung bestimmtes Stuck
hat nur so wenige Worte notig, als die zusammengehauite korperliche Ak-
tion zu Exponenten bedarf.
454 DER JUBELSENIOR
Das ist aber nicht der einzige Grund, den wir den theatrali-
schen Neuntotern entgegenzusetzen haben.
Zweitens setzen die haufigen Theatermorde einen ebenso ge-
wissen, obwohl diinnern Kallus auf weichen Herzen an als Fech-
termorde, Tierhatzen, Burgerkriege. Nichts wird leichter kallos
und schwielicht als das mitleidige Gefuhl. Daher harten groBe
Stadte durch die Wiederholung schrecklicher Taten ab, deren
eine ein Dorf, besser wie eine Mord-Predigt das Gewissen, wach
und wund erhalt. Dazu kommt, daB eine dichterische Blutschuld
immer auf ihre Nachahmung in der Wirklichkeit einigen ver- 10
schonernden Dichter-Glanz wirft.
Drittens erhellet aus dem funften Gebot und aus der Karolina
und den Reichsabschieden, daB man nichts totschlagen soil : der-
selben Meinung fallen auch angesehene peinliche Rechtslehrer
bei, ein Bohmer, Berger, Carpzov, Meister passim und unter den
Neuern Quistorp. Ja das Ordensreglement der Franziskaner wil-
ligt nicht einmal in das Entleiben einer Laus, geschweige ihres
Territorialherrn. Schon darum allein sollte man das tragische
Blut nicht ofter als das des heiligen Januars in FluB bringen.
Viertens ist es betriibt und bekannt, daB auBer einem Friedens- 20
schluB wohl nichts auf der ganzen alten Welt zerbrechlicher ist
als ein Akteur und seine Frau : ein Tropfen Dinte strecket sie hin,
wie der Tropfe, der vom Schwert des jiidischen Todesengels
rinnt. Es muB daher den dramaturgischen StoBvogeln nichts
Neues sein, daB der bloBe Donnerschall eines Gewitters den ge-
siindesten und fettesten Akteur, wie einen jungen Kanarienvogel,
leichtlich erschlagt; denn'der Blitz fahrt bekanntlich nur aus Gei-
genharz und verfangt nichts, hochstens versehrt er nur den in-
nern Menschen ohne Schaden des auBern, wie der obere Blitz nur
den Degen, nicht die Scheide zerreiBet. War nicht eine hohe 30
Reichsversammlung nach den Sessionen abends Zeuge, daB wir
vor wenigen Worten des zischenden Souffleurs, wie Ananias und
seine Ehefrau vor denen des Petrus, maustot umgesunken sind?
Haben nicht Front- und Seitenlogen es haufig durch Operngucker
angesehen, daB wir - so sehr iibermannt uns unsere Phantasie -
vollig gleich den Delinquenten, denen man nur die bloBe Todes-
ZWEITER HIRTEN- UND ZIRKELBRIEF 455
angst anzutun vorhatte, vom bloBen Anstreifen des Richtschwer-
tes erblichen vom Sessel gerollet sind ? - Sooft man die giftigen
Spezies, die vielleicht schon jeden von uns in die andere Welt gesen-
det haben, chemisch auseinandertat: so kams heraus, daB es blo-
Ber Fusel oder Danziger Lachs oder gar nichts war, was den
Jammer angestiftet; so leicht lassen sich aus unsern Buhnen die
Beispiele der medizinischen Kasusbiicher anhaufen, daB unzahlige
Male bloBe Semmelkrumen, nacktes Wasser und dergl. im Pa-
tienten als echte Purganzen und Vomitive getrieben, bloB weil der
io Mann sich vorgestellt, er trinke und schlucke abfuhrende Mittel.
Dennoch erfrechen sich die tragischenSchachter folgenderzer-
storlichen Exzeption: »Dato lebten und klagten ja die Theater-
truppen noch - und nichts ware lacherlicher als ihre Beschwerden
uber ihre Ermordungen. Etwas anders war* es, waren die deut-
schen Theater die romischen, auf denen (nach Cilano) verurteilte
Sklaven zu wahren Todesfallen genutzet wurden, wiewohl auch
dann das Sachsenrecht fur den toten Spieler, der in den Rechten
schon vorher tot war, in dem Falle, wo ers ohne Rechte und in
der Wirklichkeit war, keine BuB auferlegte als den Schein oder
20 den Schatten eines Mannes.«x
Unser dreistiindige Tod gilt so gut einem immerwahrenden
gleich als ein anderer dreitagiger nach den Theologen dem ewi-
gen. Allerdings sterben wir oft; aber schon Seneka sagt von alien
Menschen : mors non una fuit, sed quae rapuit, ultima mors est.
Die Hauptsache ist, man setzt immer seine gesunden Glieder zu,
wenn man urns Leben kommt - viele von uns wurden unpaBIich
nach einer todlichen Ration Mausegift - in unsern Schlachten,
worin wir gleich dem Zobel und dem StrauB nicht mit Kugeln,
sondern mit Priigeln erleget werden, weil man wie bei jenen die
jo Garderobe schonen will, in Schlachten bekommen wir immer
Schlage - ein zarter Julius Casar, den das Riemenstechen von 23
Dolchstichen durchlochert hatte, wurde mit blutendem Nasen-
loche fortgetragen - selten wird einer ohne alle Lasion des Kopfes
dekolliert, und ein Sturz vom Naxos- oder vom tarpejischen Fel-
sen hat manche Aktrice erschiittert.
1 Hommel rhapsod. obs. DXLVI.
45^ DER JUBELSENIOR
Wir schreiten jetzt zu Bitten, die wir einer hohen Reichsver-
sammlung vorzulegen wagen;
Wir halten die erste nicht fur ungerecht, daB dem Tragikus fur
jeden ermordeten Akteur ein Wehrgeld (ein doppeltes fur eine
entleibte Aktrice) an seiner Benefiztragodie moge abgezogen wer-
den - S tempelgeld und Totenfall muBt' er miteinander abreichen -,
wiewohl ihm doch (er bringt sonst das Stuck nicht zuwege)
zwei steuerfreie Morde, die des Helden und der Heldin, nachge-
lassen sein konnen.
Unsere zweite Bitte ist, daB man von Reichs wegen die Autoren
anhalte, uns dramaturgisch nur Seelenleiden zu machen: innere
Wunden des Herzens, Verzweiflung, Angst, Selbstverachtung
sollen uns willkommen sein, nur keine korperliche Lasion. Unser
Gefiihl zieht ferner auf dem Theater alle Todesarten einem Bak-
kenstreich, den der ehrliebende Deutsche niemals duldet, oder
andern Schlagen vor. Mit Freuden sistieren und drangen wir uns
wie die alten Blutzeugen zum Tode; ja wie die Bergknappen des
Harzes den Tod im Schacht so ruhmlich halten, daB sie nach der
Stelle eines darin verschiitteten eifrig ringen, so nehmen viele von
uns gerade die Rollen am liebsten, in denen ihre Kollegen sterben i
muBten. Da die tragische Ligue gleich den Pariser Insurgenten
aus dem Arsenal der Bellona und Melpomene WafFen aller Art
wegschleift und umlegt, womit sie uns aus dem Theater und
Leben wegschafft: so sollte das kunftig untersagt und uns wie
dem Sokrates die Wahl der Todesart verstattet sein; und dann
wiinschten wir von Herzen, entweder wie Hannibal an Gift
oder wie Attikus vor Hunger zu sterben, welche letztere Todes-
art fur uns an ihrer rechten Stelle (namlich auf dem Theater) be-
sondere Reize hat, weil sie wie andere sauere Sachen den Appetit
scharft. 3
Auf die dritte Bitte werden wir auBer unserer Neigung noch
mehr von einem Konige in Danemark gebracht, der anno 1707
alien jungen Weibspersonen auf der Insel Island vergonnte, sechs
Bastarde - weil die halbe Insel ausgestorben war - ohne die ge-
ringste Schande zu gebaren, damit sich das Eiland wieder fiillte.
Nun wissen wir nur gar zu gut, daB* Zuhorer und Leser wie die
ZWEITER HIRTEN- UND ZIRKELBRIEF 457
SchweiBhunde in Romanen und Tragodien nur verwundetem
Wildpret nachlaufen und es aus dem unverletzten ausklauben;
mithin werden sie immer unser langsames Sterben wie die Romer
das des Fisches Mullus1 lieben und fodern. Deshalb sind wir er-
botig - wenn wir diirfen — , da wir einmal so sehr an der Vergro-
Berung der Sterbelisten arbeiten, auch das Unsrige fur die Vergro-
Berung der Geburtslisten zu tun, die der vorige Konig in PreuBen
so gern durchsah. Hinter den Kulissen, wo bisher (wenigstens in
Frankreich) der theatralische Mord geschehen muBte, setzten wir
bisher diesem Mord die einzige mogliche Reaktion in transitori-
schen Kryptogamien nach Vermogen entgegen und hoben durch
miracula restitutionis die Nachteile der tragischen Wunderwerke
zeitig weg. Einem hohen Reichskorpus bleibt es, da man bisher
in den Kulissen aus Mangel an Aufmunterung weniger agierte als
auf derBuhne,uberlassen,eine solche unentbehrlichePalingenesie
(den besten Antagonismus gegen theatralische Rasur) durch aus-
driickliche Befehle gemeiner zu machen.
Wir schlieBen unser langes Bittschreiben mit der Hoffnung,
von einer hohen Reichsversammlung kein anderes Zeichen zu er-
» halten als das des - Kains; bescheiden uns aber gern, daB es sich
vielleicht nicht eher machen lasset als in der nachsten kaiserlichen
Wahlkapitulation - oder auch in der von geistlichen Kurfursten -,
wo man es als einen neuen Artikel leichter einschieben wird,
daB des Tiirken, Papstes und der Theaterdichter Tyrannei, Ge-
walt und BlutvergieBen gewehret werde. Die wir verharren
Euerer Exzellenzien, Hochwiirden, Hochgeboren, Hoch-
und Wohlgeboren, auch Wohl- und Hochedelgeboren
untertanigste etc.
Ich aber bin (denn jetzt ist dieSupplik aus), teuerster Freund, der
Ihrige
jp-
1 Senec. nat. quaest. III. 18. Die Romer toteten den Fisch langsam auf
ihren Tafeln, um sich am Wechsel seiner sterbenden Farben zu laben.
458 der jubelsenior
Dritter offizieller Bericht
Deus ex machina - und dessen schone Supplik
Natiirlicherweise schreib' ich ewig fort. Ja, es halfe dem Tode
nichts, wenn er mich ein halbes Sakulum am Schreibpult stehen
und dann erst durch eine giitige venia aetatis, d. h. venia exeundi
aus der Schreibstube der Erde laufen HeBe: ich wende mich doch
noch unter der Stubentiire um und sage, mehr lebens- als schrei-
benssatt: »Nur den dritten Teil lasse mich gar liefern, ich weiB,
wie die Rezensenten sind.« — Als Jupiter1 den Atys wieder be-
leben sollte: lieB ers bleiben und beseelte nichts daran als den 10
kleinen Finger, der darum in einem fort vibrierte : . . . auf eine
ahnliche Weise bleiben, wenn der Strom der Zeit einen Autor
wie der Karlsbader Sprudel ganz ubersintert und versteinert hat,
doch seinen Schreibfingern die motus vitales unbenommen. Man
gewinnt nichts uber sich, wenn man sich taglich vorhalt, wie
leicht man es zwar habe, die kostlichsten Gedanken aus sich zu
schopfen, aber wie ungemein schwer auch hernach, solche Ge-
danken aus dem Kopfe aufs Papier zu heben mit dem Schreib-
Arm, so wie ein gefiillter Eimer, solang' er im Wasser steigt,ohne
Schwere aufwarts geht, aber, sobald er heraus soil, kaum zu heben 20
ist. Wie gesagt, man lasset nicht nach.
Da man nun Voltairen glucklicherweise vorgeworfen, daB er
in seinem Alter Einfalle gehabt, die er schon in seiner Jugend ge-
pragt und deponiert hatte in einem Spartopf : so bewerb' ich mich
um diesen Vorwurf und lass' in meinen jungen Tagen einen ahn-
lichen Spartopf von meiner Topferscheibe laufen. - Kurz ich
reise, um im Alter eine Reisebeschreibung zu liefern: diese grunt
im Glashaus meines Museums unter andern Fnichten, die auch
erst im Eismonat meines Lebens, wie die Venusbrust (eine Birn)
im physischen, reifen und gelben. Diese Reisebeschreibung be- 30
trifft nur Lander, die ich selber wie andere Seefahrer zuerst ge-
sehen und getaufet habe, namlich die drei siindlich vergessenen
biographischen Fiirstentumer Scheerau, Flachsenflngen und Haar-
1 Arnob. ad vers. Gent. 1. 5.
DRITTER OFFIZIELLER BERICHT 459
haar. Ich dachte, wenigstens der treffliche Fabri wtirde dieses
wichtige Landerkleeblatt beriihren ; aber auch er regt sich nicht.
Deswegen reise ich nun jedes Jahr darin herum, um einmal mit
grauen Haaren nicht als Menschen-, sondern als Lander-Biograph
aufs Theater zu treten. - Und eine solche eines Herodotus werte
Bestimmung fuhrte mich nun nach - Neulandpreis, nur einige
Tage fruher als die Kaffee-Lektorin. Schon seine schonen Ziegel-
dacher, die eine gehaufte Schiissel roter Krebse formieren, ziehen
einen Geographen an. Rote Dacher stellen gleichsam eine be-
10 festigte eingebrannte frohe Morgenrote vor, sie spannen einen
purpurseidenen Sonnenschirm xiber die verhiillten Bewohner. Ich
ging anfangs nur miifiig um die Fenster des Orts; aber da man
in einem Dorfe zuerst nach der Kirche sieht - bloB in einer Stadt
zuletzt - und da gerade dieses um den Bethesda -Teich gebauete
Brunnenhaus offenstand : so ging ich hinein. Es war nichts darin
als auf dem Altar zwischen den Wachskerzen der Schulmeister
ScheinfuB, der eine lange, oben mit einem Borstwisch infulierte
Stohrstange zu regieren suchte. Der Plan des Schuldieners war,
mit der verlangerten Zahnbiirste die gesamten himmlischenHeer-
20 scharen aus Holz, was namlich von den neun Hierarchien herab-
hing, sauber abzureiben samt einem und dem andern Apostel.
Ich trat griifiend ans Altargelander und fragte hof lich, warum er
die Engel so muhsam abburste. Der Altarfeger senkte den Ian gen
Spinnrockenauf den nachstenApostelkopf und sagte:»Ichwische
schon seit voriger Woche, und es tut wahrlich not - Sonntags,
geliebts Gott, begeht unser Herr Senior sowohl sein Amts- als
Ehejubilaum zum Wohlgefallen hiesiger Pfarrgemeinde und samt-
licher eingepfarrten Imparochierten : wenn es nun hinkte, so leg-
ten €S viele dem Kantorat zur Last* Dort drinnen wascht Mamsell
30 Dea auch — «
Ich wandte mich links herum: im Pfarrgitterstuhl biirstete par-
terre selber ein Engel. - Der Engel war mir lieber als ein silberner
in einer Kathedralkirche, er gab dem Teiche Bethesda eine offi-
zinelle Bewegung. Alithea, obwohl eine Landhonoratiorin, war
doch knapper, weiBer und fester eingekleidet und eingeschniirt,
als sonst die Kameradschaft ihres Standes ist. Ein Herr von Esen-
460 DER JUBELSENIOR
beck und von Hofe hatte nichts an ihr riigen und meistern kon-
nen, als daB die zwei Schneeballen oder zwei magdeburgische
Halbkugeln, womit die Guerike die Versuche der Kohasion an-
stellen, anstatt in das goldne, von der griechischen Helene herge-
schenkte Kasenapfchen zu gehen, etwan eine Kiirbisflasche fallen
konnten. Mehr hatte Esenbeck nicht vorwerfen konnen. Aber wie
himmlisch und gleichsam aus Glas iiber die Seele geblasen war
der Rest! Denn wiewohl sie am kirchlichen Jalousieladen biigelte
und bohnte und sich ein wenig unter den umgekehrten Holz-
facher wechselnd mederbiickte: so nahm ichdoch den glattenGuB 10
ihres (Schniir-) Leibckens um die Seele wahr, ja ich konnte durch
das schwarzseidene Spitzen-Fallgatter - denn eine breite raben-
schwarze Samtbinde umschloB ihre neugewaschene gleiBende
Biirgershaube — einige von den schweren Tropfen fallen sehen,
die die Kelter des Schmerzes iiber das erwa'hnte Jubelfest aus dem
zerquetschtenHerzen warf. Sie antwortetedem Schulmeister nicht,
sondern tauchte sich bloB defer zum FuBschemel des Gitterstuh-
les mit dem wollenen Biigeleisen unter, um zwei VergiBmein-
nicht-Augen, in die Huysum und Mignon keine schonern Tau-
tropfen legen konnten, betauet hinter die Dammerung zu ver- 20
stecken. Nasse Augen sind allmachtig iiber stummen Lippen : die
giitige Natur nimmt der gelahmten Zunge des Bedrangten die
Krankengeschichte seines gepeinigten Busens ab und erzahlet sie
uns mit einer einzigen Trane. Alithea driickte sich immer defer
nieder, weil sie wuBte, der Schulmeister werde nun vor dem
Fremdling auf ihre Leidensgeschichte kommen und sie werde
dann starker weinen.
Er naherte sich wirklich der Historie und sagte: »Ganz Neu-
landpreis freuet sich auf den groBen Jubeltag; aber man hatte sich
davon hier und da noch ganz andere Dinge versprochen, die 30
nun klar kapores gehen.« Der Schulmeister setzte sich auf den
Altar und stattete mir die bisherigen zwei offiziellenBerichtenoch .
weitlauftiger ab als ich dem Leser. Er wuBte alles: auf dem Lande
werden alle einheimische Angelegenheiten auswartige, und jedes
Familienschauspiel wird auf einem National theater abgespielt.
Wenn auf zwei Bergen, z. B. auf dem Horeb und Sinai oder auf
DRITTER OFFIZIELLER BERICHT 461
den zwei Gipfeln des literarischen Gesetzberges, des Parnasses,
nur zwei Menschen wohnten, auf jedem einer: so wiird* es dem
einen Alpler ebenso wichtig sein, ob sein Nachbar druben raucht
oder obs der Atna tut, und er wiirde mit dem Fernrohr die silber-
nen Westenknopfe desselben wie ein Herschel eichen oder zah-
len.Der sonderbareAnteil,womitauch derweise und guteMensch
die kleinen Stadt- und Stubenneuigkeiten des andern aufnimmt,
ist bisher mehr satirisch und moralisch angefochten als philo-
sophisch erforscht und geschonet worden.
10 Schon ehe ScheinfuB sein Zeitungskollegium zu lesen anhob,
war die eingepreBte Heldin gebiickt aus dem Gitterstuhl in die
Sakristei und aus dem Dom entwischt; sie floh vor dem Augen-
und Ohrenzeugen ihrer Wunden: in dem Leben wie auf Ge-
malden duldet der Kummer nur wenige Nebenfiguren.
Das Mitleiden mit der getauschten FamiHe fuhrte in meiner
Seele von weitem ein Geruste zur Reparatur ihres baufalligen
Lustschlosses auf. Man soil mehr davon horen; dem Schulmeister
aber konnte nichts mitgeteilt werden als der fliichtigste UmriB
einer Hoffnung. Ich schrieb vor ihm mit einer wichtigen Physio-
zo gnomie alle Namen ins Souvenir und sagte kalt: »Es ist gut - der
maitre de plaisirs, Herr v. Esenbeck, soil viel horen - Sein Vor-
gesetzter, Herr Kantor, hat Ihm viel Dank zu wissen fur den
Dienst, den Er ihm bei mir erwiesen. Gegen das Ende der Woche
diirften sich Dinge zutragen, Herr ScheinfuB, die Ihn frappieren.
Von hier nach Flachsenfingen rechn' ich in jedem Falle 24 Wer-
sten, wenigstens 12 englische Meilen, oder doch 6 franzosische.«
Und so reist' ich, von Planen gluhend, zuriick. Ach, wenn es dir
gelange, dacht' ich, das grobe Geschiitz, womit noch das Schkk-
sal den Hafen euerer Ruhe, ihr Alten, bestreichen kann, wegzu-
30 fahren oder zu vernageln ! -
Noch denselben Abend flog ich mit andern Sphinxen und Pha-
lanen ins Esenbecksche Haus, um aus dem Brief der Fraulein
v. Sackenbach fortgesetzte Aufschliisse zu holen. Dieser Herr, der
in meinem fiir edlere Gegenstande pulsierendem Adernsystem
nichts wert halt als meine diinne satirische Hohlader, war eben
aus Karlsbad zuriick und freuete sich unendlich, mich zu sehen,
462 DER JUBELSENIOR
ob er sich gleich nicht so sehr betriibte, mich zu entbehren. Ich
hatte einen guten Vorwand, namlich eine Bitte urn die Produk-
tenkarte oder den Passagierzettel der Karlsbader Kurgaste bei der
Hand, der dieses Mai so lang war wie die Pranumerantenmatrikel
vornen vor Klopstocks Gelehrtenrepublik. Esenbeck offnete die
wahrend seiner Kurreise aufgehauften Briefschaften; und als er
auf das Sackenbachsche Schreiben stieB, warf ers verschlossen
beiseite. »Ich weiB schon, was diese will« (sagte er) - »nichts als
mich. Die Sackenbach hat ein aufierordentliches Gedachtnis - sie
weiB sich noch vollig ihrer Jugend und meines Pagenstandes zu ent- 10
sinnen. Die Cotter haben mich mit ihr in einen wahren Schlozeri-
schen Briefwechsel verwickelt, worm man nur Briefe bekommt,
aber nicht beantwortet. Langer ists nicht, lieber J. P., als unge-
fahr zwanzig Jahre, daB ich und sie einander nicht einmal gesehen
haben. Aber nachgerade wird sie mir lastig.« Mit Freuden steckt*
ich ihren Wechsel- und Hirtenbrief, den ich mir erbat, als einen
Kreditbrief, als ein Notariatssiegel der scheinfuBigen Erzahlung
ein.
Ich las ihn daheim : es war alles richtig, und mich dauerte nicht
nur das getauschte Brautpaar, sondern auch die sehnsiichtige fille 20
d'honneur. Es wurde nun meine Pflicht, das Unmogliche, wie
einige das Mogliche nennen, zu versuchen. Ich ging zu dem flach-
senfingischen Fursten, den die auf den Hesperus eingepfarrten
Leser unter dem Namen Jenner schon seit Jahren kennen.
Der Anfang war gar nicht unangenehm : denn ich fand im Vor-
zimmer den Herrn von Esenbeck hochst verdruBlich, der mir
sagte, der Fiirst sei es noch mehr, er habe ihm gerade eine Bitte
rund versagt. Esenbeck hatte das Kabinettssekretariat fur einen
jungen vortrefflichen Menschen, aber zu andringend und mit zu
groBer Rechnung auf die gerechte Sache nachgesucht : hatte der 30
Mensch die Stelle nicht verdient, so wiirde Esenbeck sie vorsich-
tiger geworben und sie also erstanden haben. Das war mir lieb:
dem Januar gehorte nicht zu den Fursten, die sich vom Darius
unterscheiden, der befahl, in 30 Tagen alles von ihm, und nichts
von Gott zu bitten, und die umgekehrt gern nur von diesem alles
zu verlangen erlauben : er machte lieber ein Nein gegen den einen
DRITTER OFFIZIELLER BERICHT 463
durch ein Ja gegen den andern wieder gut. Ich konnte hoffen, der
AblaBkramer fur die Siinde gegen seinen heiligen Geist zu wer-
den. Ich fand ihn in seinem Boudoir, das der gebrochene Schim-
mer aus einer mattgeschliffenen Kabinettslaterne von Beinglas in
eine weiBe Rosenlaube umkleidete. Ich erzahlte alles, eh' ich et-
was bat; ich machte zwar nur einen fliichtigen pragmatischen
Auszug aus den Pfarr-memoires und nur einen kurzen Wund-
zettel ihrer Schmerzen, aber ich war dafur in der Prospektmalerei
des Jubelfestes und der Familien-Wonne desto reicher, die das
10 Pfarrhaus durchstromen wiirde, bracht' ich wirklich die Ratifi-
kation der Adjunktur zuriick. Glucklicherweise blickt' ich im
Kabinett umher und sah den Kupferstich der schonen, iiber die
vergeltende Zuriickkunft eines mildern Geschicks entziickten Fa-
milie des Jean Galas vor mir hangen. »Nein,« (sagte ich) »die
Gruppierung eines solchen Entziickens iiber eine dreifache Jubel-
feier ware gar noch nicht gemalt; aber — wohl« (ich wies auf den
Stich) »hier in Kupfer gestochen.« Ich finde in dieser Prozedur
nichts, als was mir gefallt: nichts greifet starker und schoner in
einen Eigentiimer ein, als wenn er dem harten trocknen Aarons-
20 stecken der alltaglichen Nachbarschaft um sich durch eine geist-
reiche Wendung plotzlich eine transzendente Bliite gegeben sieht.
»Der Sohn soli die Pfarrei bekommen," (sagte der Furst) »und
ich goutiere die Idee so sehr, daB ich am Jubelsonntage selber
kommen und den Effekt bemerken will, den die Vokation auf alle
macht. Recht gern unterschreib' ich sie.« Das setzte mich nicht
sonderlich in Freude: denn ich selber wollte allein die Vokation
einhandigen, um ins zitternde Herz, wenn es sich weit und ge-
waltsam zur Aufnahme der groBen Wonne ofFnen muB, tief hin-
einzusehen. Da aber die Menschen, besonders die GroBen und
30 die Weiber, hundertraal eine Bitte erhoren oder auch versagen,
bloB weil sie eine frappante Idee ist - oder weil ihnen ein Bonmot
dazu beifallt - oder eine Lustpartie von einer Minute - oder weil
der Bittsteller gerade nieset, hustet, lachelt - oder weil sie schon
einmal dasselbe getan haben - oder weil sie keine geringere Ur-
sache dazu haben als die Freiheit des Gleichgewichts (libertas
aequilibrii): so war weiter kein SpaB und zum Einwenden kein
464 DER JUBELSENIOR
Ort; ich hatte den Adjunktus mit drei dummen Worten umBraut
und Kanzel bringen konnen.
Ich verfiel vielmehr auf etwas noch Besseres: ich konnt' un-
moglich die armen bilBenden Briider und Schwestern bis auf den
Sonntag nachmittag in ihren Mortifikationen lassen, ohne eine
einzige Maiblume ihres kiinftigen Wonnemonats, namlich ohne
eine einzige Hoffnung. Ich gestand also dem Fursten, ich wiirde
den Scherz ansehnlich verstarken, wenn ich am Sonnabend nach
Neulandpreis abreisete und mich da bei dem obsoleten Fraulein
fur den Herrn von Esenbeck auspragte - das muBte ich tun, denn 10
unter meinem eignen unbekannten Namen wiirde mich das ganze
Dorf bloB fur einen Nachflor, Postlapsarier und Adjunktus des
Spitzbuben Lederer genommen haben - und wenn ich also fur
die guten, vom Glatteis des Nachwinters uberzognen Seelen den
Frostableiter und den Fruhling abgabe, um bei ihnen den war-
men Sommer einzuleiten, da der Mensch so leicht am schnellen
Wechsel der Temperatur umkommt. Ich wollte nur zwei, drei
hoffnungsvolle Winke fallen lassen und der schwimmende See-
tang und Seevogel sein, womit auf dem leeren Meere eine blii-
hende Insel ihre Nahe ansagt. 20
Jenner hatte nicht das geringste darwider.
Ich schied und ging sofort zu Esenbeck und brachte ihm die
Nachricht, daB mir Ihro Durchlaucht gern verstattet hatten, uber
seinen Namen zu disponieren.1 Anfangs verstand er mich, nachher
nicht mehr. Anfangs dachte er - und das billigte er ganz -, ich
hatte nichts als ein erotisches Aal- und SchifTerstechen nach dem
Herzen der Neulandpreiser Gesellschaftsdame unter seinem Na-
men vor: er gehorte zu den unter den hohern Standen gewohn-
lichern Koketten mit einem Bart, die gleich der schwermachen-
den Materie des Baron Wolfs (materia gravifica) alles (namlich 30
jedes weibliche Herz) schwer machen und durchdringen, selber
aber ohneSchwere sind.Er begriffmich indes sogleich nicht mehr,
als ich sagte, ich tat' es der Pfarrleute wegen: er zahlte diesen
Einfall zu den vielen Moresken und Bambocchiaden, die er auch
1 Die hieher gehorige Digression, dafi es weit weniger Egoisten gebe, als
(besonders) diese glauben, ist im dritten Zirkelbriefe befindlich.
DRITTER OFFIZIELLER BERICHT 465
aus meinen Schriften streichen mochte. BloB mit der Beredsam-
keit nicht eines Cicero, sondern eines Demosthenes bettelte ich
ihm ein Handschreiben an Gobertinen ab, worin er ihr auf den
Sonnabend seine - namlich meine - Himmelserscheinung mitdrei
Zeilen verburgte. Es war ihm gar nicht beizubringen, was ein
Adjunktus oder eine Pastorhaushaltung sei. Die GroBen schop-
fen zwar aus schalen unmeublierten gallischen Idyllen - und aus
der Nachbarschaft ihrer Landsitze — eine matte Idee von dem
Landmann, die sie nachher skandieren und singen; aber vom
10 Kriegs- und Friedensetat eines Armenkatecheten, Kammersekre-
tars, Weginspektors und Zolleinnehmers ist ihnen zehnmal weni-
ger bekannt als diesem Personate von ihrer Hofhaltung. Man er-
laube mir, dieses gelehrt zu erklaren.
Schon die Peripatetiker und mit ihnen Plotinus1 erweisen: daB
zwar die niedern Intelligenzen (z. B. die Menschen) die hohern
(z. B. die Cherubim) fassen, aber nicht diese jene; ja nicht einmal
von der Materie wird Engeln ein BegrifT zuteil — und zwar dar-
um, weil vorauszusehen ist, daB die hohern Intelligenzen amEnde
das wiirden, was sie dachten. Das Namliche gilt, wenn man von
20 der andern Welt auf die erste geht: die GroBen konnen sich, ohne
ihren eignen Nachteil, keine Idee von den Kleinen machen, ob-
wohl diese von ihnen. Hohe Orte, z. B. Thronen, Berge, tragen
zwar kleinere Geschopfe als die Ebene, aber diese werfen, wie
man auf dem Brocken und Atna sieht, ein vergroBertes und mit
einem Heiligenschimmer umfaBtes Abbild2 in den Nebel des Gip-
fels; sie konnen also im Nebel leicht eine Gruppe von Riesen
sehen, aber der Dunst sowohl als die Feme verbergen ihnen das
infusorische Chaos des Volks, das unten wimmelt.
Allein welche Last warf ich auf meine Schultern I Es war so viel,
30 als kroch ich in eine Felsenhohle und baumte mich darin auf, urn
den Felsen aus seinen Wurzeln zu treiben. Ein Mensch, der den
Freudenmeister (maitre de plaisirs), den Herrn von Esenbeck, ge-
1 Die Stelle lautet in Scalig. de Subtilit. ad Cardan, exercitat. CCCVII.
sect. 2. so : superiores intelligentias ab inferioribus intellectione comprehendi,
non inferiores a superioribus. - Die Endabsicht davon steht oben im Texte.
2 Auf dem Berge Buet z. B. sah jeder an sich alles verliingert. Bourrits
Reise auf d. apenninisch. Gebirg.
466 DER JUBELSENIOR
schickt vorstellen will, muB schon dazu geboren, d. h. dazu erzogen
sein. Es fehlte mir (seine Glatze, Magerheit und sein LangenmaB
und eine aufzwanzigjahrigeAbwesenheitgegriindete Ahnlichkeit
ausgenommen) fast alles dazu; besonders die Seele und das trag-
bare Ammeublement. Ich war im Falle des Malers Klinsky, dem,
als er bei der Prager Ephorie um die Erlaubnis nachgesucht, die
Landschaft um Toplitz aufzunehmen, die obrigkeitliche Einwilli-
gung sogleich zuteil ward mit der durch die militarische Kautelar-
jurisprudenz der Taktik notwendigen Einschrankung: »doch
mochte er bei der Abzeichnung der Landschaft sich hiiten, einen 10
Berg, FluB, Wald oder ein Tal mit abzureiBen und zu portratieren.«
Noch dazu hing dem Freudenmeister gerade mitten iiber die
Stirn ein diinnes Purpur-Feuermal von der Gestalt eines Minu-
tenzeigers herab, das auf die Nase hinzuweisen schien. Der Zeiger
soil davon auf seine Stirne wie eine steilrechte Falte gekommen
sein, daB seine Frau Mutter, als sie gerade sich einer dunklen
Rammer (camera obscura) bediente, um wenigstens eine von den
Attitiiden der Lady Hamilton nachzubringen, entsetzlich zusam-
menfuhr, da sein Herr Vater (der junge Esenbeck kann damals
kaum ein hiipfender Punkt gewesen sein) im Finstern vor ihr 20
stand und ein Turiner Lichtchen schnell zerbrach, um sie anzu-
leuchten : diese fiirchterliche Flammen-Spitze brachte nachher,
von der Enkaustik des Schreckens eingebrannt, der neugeborne -
maitre de plaisirs an der Stirn mit auf die Welt.
Da ich sehe, daB ich den Herrn von Esenbeck (zumal kiinftig-
hin) in ein immer lacherlicheres Licht stelle: so bitt* ich jeden, der
weiB, wie er heiBet - denn Esenbeck ist fingiert — , den wahren
Namen bis zur zweiten Auflage - entweder meines Buchs oder
des Herrn v.Esenbecks - schonend zu verschweigen : ist das so
schwer, und tu' ichs nicht auch? - 30
Ich habe bloB aus asthetischer Teleologie und Absicht einen
solchen Larm iiber die Schwierigkeiten, den Freudenmeister mit
der Kopiermaschine meines Korpers zu machen, aufgeschlagen :
denn mit einigen Schmink-Bezetten oder Farbelappchen konnt*
ich mir das Kainszeichen des roten Minutenzeigers auflinieren -
die Equipage und Garderobe konnt' ich, wie andere Schauspieler,
DRITTER HIRTEN- ODER ZIRKELBRIEF 467
aus der ganzen Stadt zusammenborgen - und was den innern
Esenbeckschen Menschen und Weltmann anlangt, der mir zu
machen oblag, so braucht' ich ihn auf dem Lande gar nicht zu
machen, sondern bloB zu entstellen. Auf dem Dorfe, wo man
Welt- und Hofmannern noch nirgends begegnet war als auf Ro-
manenpapier und auf holzernen Buhnen, hatte eine reine Kopie,
die kein VergroBerungsspiegel gewesen ware, mich gerade in den
Verdacht gebracht, dafi ich betroge und das nicht ware, was ich
spielte -welches ohnehin seine Richtigkeit hatte. Meine Pflicht war,
den Hofmann bald mit dem langen, bald mit dem kurzen Ende
des Storchschnabels abzumalen, urn gleich den Romanen-Malern
desselben durch ein alternierendes zweckmaBiges Umwenden des
Fernrohrs den Mann bald groBer, bald kleiner zu zeigen, als er ist.
- Ich arbeitete die ganze restierende Woche als Maschinenmeister
und Dekorateur und Rollenschreiber an meiner hohen opera seria
- dasselbe tat man in Neulandpreis, wo man Kothurne und Chore
und Theatervorhange zum Jubeldrama anschaffte - Die Komd-
dienproben liefen gut ab - der Sonnabend erschien- das Intrigen-
stiick begann — und der dritte offizielle Bericht beschloB.
Der vierte sperret die vier heiligen Jubelpforten auf und zeigt
den Menschen alles. Aber jetzt in diesem dritten Bericht ist der
Leser noch glucklich durch Hoffen auf den vierten: hat er diesen
ausgenossen und ausgelesen, so ist seine Freude (aber auch das
Buch) zu Ende; so zeigt uns das Fernglas der Hoffnung wie ein
anderes die weiten Gegenstande in einen bunten Regenbogen-
Kreis gefasset; so entkraftet den Rosmarin die Bliite, die man ihm
daher ausrauft Noch lebt der Leser im dritten Bericht —
DRITTER HlRTEN- ODER ZlRKELBRIEF
Ober den Egoismus
Teuerster Freund!
Die sonderbarsten Translokationen nehm' ich vorzuglich mit
dreierlei Menschen vor, mit Brobdignaks, mit Lilliputern und mit
468 DER JUBELSENIOR
mir als dem Gulliver: ich versetze sie wie eine algebraische GroBe
mit alien Zeiten und Raumen und sehe dann nach, ob ich sie noch
kenne. So nab* ich z. B. den koniglichen Geist Friedrichs zu vie-
lerlei gemacht, um ihn zu priifen, zum Papst - zum GroBherrn -
zu einem spartischen Ephorus - dann zu einem geistlichen - ich
vozierte ihn darauf zum Rektor eines Lyzeums und dann von
Ragusa — promovierte ihn zu einem Kirchenvater des ersten Jahr-
hunderts - zum Bakkalaureus des i6ten - zum Mitarbeiter an der
Literaturzeitung oft nahm ich ihm diese Kenntnisse bis auf
wenige wieder weg und setzt* ihn in mehrerern naturalibus als 1
pontificalibus auf die Zahnkuste aus, in ein arabisches Zelt, in
eine Sennenhutte und gab ihm ein Alphorn Ich kann nicht
beschreiben, welcher Anstrengung des Blicks ich notig hatte, um
diesen Visthnu in seinen zehn Menschwerdungen immer zu verfol-
gen und zu enthiilsen. Leichter schuppte und lederte ich den ab-
scheulichen zweiten Philipp von Spanien ab, wenn er vor mir die
ganzeTheatergarderobe meinerPhantasie hatte anprobieren miis-
sen, wenn dieses Lithopadium der Zeit, dieser geistige Zoolith
vor mir ein Konsistorialrat - ein valet de fantaisie - ein Maut-
offiziant - ein Sadduzaer - ein Werbofflzier - ein erster Christ - a
ein Arkadier - ein Berliner — ein Hofer gewesen war. —
Noch lehrreicher ists, wenn man mit sich selber diese Volker-
und Seelenwanderung versucht. Ich erwahlte mich in Frankfurt
- um zu sehen, wie ich mich dabei betruge - zum romischen
Kaiser1 - zu einem Apostel - zu einem alten Ritter - zum Gou-
verneur der Bastille - zu einem von den neun Aussatzigen - zu
einem Buschneger - Minoriten - Hohenpriester - Kardinal - und
1 Nach der Goldnen Bulle konnt* ich dazu recht gut, sogar von der Kur-
furstenbank, erwahlet werden; denn was mich und ebenso Fursten, Land-
grafen etc. vom deutschen Kaiserthron ausschlieBet, ist blofi die Besorgnis, 1
daB wir uns, zumal wenn wir heiraten, nicht vom Throne allein erhalten
konnen, falls wir nicht besondere Neben-Renten haben. Indes wlirde doch
der Fall dieser Sorge bei mir viel weniger als bei den andern Kronwerbern
statthaben, wenn man mir unter meinen kaiserlichen Reservaten nur das
kleine (man streich' ein grofles dafur weg) bewilligte, daB alle meine Reich s-
kinder das kaufen muCten, was ich schriebe (z. B. meine Kaiserstadt Wien
den Hesperus) - meine Biicher waren dann die Panisbriefe fur mich selber,
und ich ware mein eigner Panist und Prezist. Aber das bleiben wohl uto-
pische Traume.
DRITTER HIRTEN- ODER ZIRKELBRIEF 469
Pariser Stutzer; ich lebte nicht nur wie der ewige Jude oder St.
Germain zu Christi oder nachher zu des Antichrists Zeiten und
im 12. Sakulum mit dem Johannes de temporibus (dem Wagen-
meister Karls des GroBen), der 361 Jahre alt wurde, sondern
schon vorher in Nebukadnezars und Apis* Zeiten. Was war die
Folge? - Demut und Gerechtigkeit. Ich nenne dieses die hohere
vergleichende Anatomiey wodurch man, wie ein Daubenton, viele
beschamende Ahnlichkeiten ausgrabt: man errat sich und den
andern, aber auf umgekehrte Kosten, man halt dann die waag-
rechte Entfernung auf derselben Sprosse der Wesenleiter fur keine
steilrechte von mehrerern Sprossen und denkt dann ganz billig -
wenigstens gegen Tote, Freunde und Fremde.
Dieses lehret, daB es auf der Erde groBere und haufigere Ahn-
lichkeiten gibt als Verschiedenheiten. Die Hamadryade im Baum
voll Friichte wiirde, wenn sie ware und sprache, die in demselben
Baum voll Bluten verachten, und diese die Hamadryade im Baum
voll Blatter verkennen - der Schmetterling, die Puppe, die Raupe
wiirden, wenn sie urteilten, zwischen einander so wenig Verwandt-
schaft zulassen als die drei Stande vor ihrer Vereinigung, oder als
> Price in London, der unter drei verschiednen Charakterlarven
schon sein Wechsel-Mundieren und Imitieren verbarg.
Da die Natur in dem einen Jahrhundert ungefahr so viele
Menschen mit bosen Anlagen und Menschen mit guten austeilt
als in dem andern: so ist weder die Verschlimmerung noch die
Verbesserung desMenschengeschlechtssogroB,als sieder Augen-
blick malt. Die Laster mancher Zeiten sind nur Antonins Schel-
ten im hitzigen Fieber oder die Bisse in der Wasserscheu oder die
EBsucht der Schwangern; die Tugenden mancher Zeiten sind nur
dieHauslichkeit in einer Bastille und dieSparsamkeit undKeusch-
> heit auf einem Kauffahrteischiff.
Die Sparter und die ersten Romer konnten nicht wissen, daB
sie groB sind: nur ihre kleinen Nachkommlinge sahens hinter-
drein. So kann es auch sein, daB an unserem Jahrhundert und an
uns alien viel ist; das konnen aber nicht wir, sondern nur die
fuhlen, die uns kunftig angaffen und uns vergeblich nachsteigen.
So kann eine groBe Handlung dem Tater zwar lange zuvor und
470 DER JUBELSENIOR
lange darnach, aber nicht im Augenblicke der Forcerolle selber
erhaben erscheinen : in der Mittagsglut der innern Sonne erglanzt
ein hoheres Ziel vor ihm, als das erreichte ist, und mit der Wirk-
lichkeit wird das Ideal gehoben.
Unsere Unwissenheit der kleinern Hiilfen und Nebenumstande
zeichnet uns groBe Menschen und Taten der alten Zeit hoher und
kuhner vor, als sie waren, so wie wir die alten Bergschlosser auf
steile schroffe verwaschene Felsenkuppen gebauet glauben, indes
erst das Alter und das Wetter den Berg entkleidete, spitzte und
scharfte. 10
Wenden Sie dieses auf den Egoismus an, teuerster Freund !
In alien Briefen und S tad ten find' ich Klagen iiber die einrei-
Bende Selbstsucht, diesen haBlichen Brust- und Herzenskrebs,
oder diese eigentliche Seelen-Dorrsucht. Oft klagt eine ganze
Stadt iiber den Egoismus der - ganzen Stadt. Schon die Klage ist
ein gutes Zeichen : auf der Goldkiiste wird man sich nicht iiber
die vielen braunen, von der Sonne verbrannten Gesichter be-
schweren. Der vollstandige Egoist wiirde sich an einem andern
vollstandigen Egoisten so wenig wie an seinem Affen stoBen, der
dort sitzt und bloB auf seinen Vorteil spintisiert. - Das Sehnen *o
nach Liebe ist selber Liebe. Unter einem rohen Volke und unter
dem gemeinen ist Freundschaft nur Mittel und Ruckenwlnd zum
Weiterkommen, nicht Ziel und in die Brust gesogne Lebensluft;
aber die Kultur, die iiberall mit dem Stahl des Korpers nur Fun-
ken der Seele schlagen will, erzieht das Herz fur das fremde und
lehret uns die Freundschaft hoher achten als die Zeichen und
Vorteile der Freundschaft. Wir Heben in der Wissenschaft, in der
Tugend und in der Freundschaft anfangs die Ren ten derselben,
dann sie selber auf Kosten unserer Renten. Die Freundschaft
roher Zeiten und Menschen fodert nur eintragliche Taten; die 3°
hohere Freundschaft begehrt nichts als ihr tausendsilbiges Echo.
Im Mittelalter konnte ein Odelmann1 seinem Freund und WafFen-
bruder ein Loch in den Kopf schlagen, ihr eisernes Band der Liebe
hielt es aus, und den andern Morgen durchlocherten beide bloB
1 Von Od oder Ode, ein Gut oder Allodium; daher Odelmann, Odelinge>
Athelinge.
DRITTER HIPTEN- ODER ZIRKELBRIEF 471
Fuhr- und Kaufleuten den Kopf: in unsern Tagen lassen sich
kaum Todfeinde auspriigeln.
Mit der wunden Zarte des innern Menschen nehmen zugleich
unsere Foderungen und unsere Schmerzen zu. Aber eben diese
groBere Warme verfalschet unser Urteil iiber die aufiere Tem-
peratur; wir gleichen Badgasten, die aus dem heiBen Zuber in die
Sommerstube springen und die im Sonnenschein frosteln wie
Alexanders Haushofmeister. lDaher trifft niemand so viele gefuhl-
lose Menschen auf der Erde an als der gefuhlvolle J tingling: ja
10 bestecke die Erde bloB mit Werthers, sie werden alle einander fur
Eiszapfen erklaren, fiir Schneemanner.
Erlauben Sie mir, mein Freund, hier den guten Feuersalaman-
dern, die den Rest fiir Wassersalamander verschreien, ein Wort
zu seiner Zeit zu sagen : »Seid immerhin warmbliitig, aber sehet
nur nicht jeden fur ein kaltblutiges Amphibium an, der gerade
euch nicht liebt, sonst aber die Viertels-Welt, oder dessen Liebe
einen andern Dialekt als euere spricht. So haben sogar die kalt-
bliitigen Insekten, die Bienen, Lebenswarme, wie ich erstlich aus
ihrem schwtilen Korb im Winter und zweitens aus dem einge-
20 sunknen Schneemannchen wahrnehme, das eine verirrte Biene im
Schnee ausschmilzt. Nein, der innere Mensch biegt sich, wie die
verschattete Pflanze im Winterhaus, um den eisernenPfosten her-
um einer warmen Sonne entgegen, d. h. einem warmen Herzen,
und solang ihr noch liebende Gatten und Hebende Eltern und
helfende Menschen um euch seht, so fodert zwar Liebe, aber
schmahet und versaget keine. Ihr schreibet mit ebenso vielem
Recht - d. h. Unrecht - den Mannern Kalte zu, die unter zu ver-
schlungnen Verhaltnissen und B%edurfnissen nur ein entkraftetes
zerteiltes Herz zu tragen scheinen, wie die Magnetnadel neben
30 Stahl- und Eisenware transitorisch ihre Richtung nach dem gro-
Ben magnetischen Pol aussetzt, als jene euch das ObermaB der
Glut verdenken.«
Die Hauptsache ist aber die, daB jeder Mensch - besonders ein
junger - darauf leise schwort, seine Fata und Historien zu Wasser
und zu Lande - seine Fahigkeiten — sein Unstern - sein Glucks-
1 Diog. Laert. L. IX. XI. 9.
47^ DER JUBELSENIOR
stern — seine Liebe - und alles in und an ihm sei ein seltenes Wun-
derkind und Naturspiel des iippigen unerschopf lichen Geschicks
- er sei ein Meer- oder Landwunder und Schwanzstern, und er
schlagt daher einige Kometenmedaillen auf sich - seine Erden-
Rolle sei nur einfach, mit ihm, hochstens wie in der Pariser Oper
mit einer Doublette besetzt (o! mit tausend ists jede), und Leib-
niz nenne sein Ich daher ganz recht eine Monas im arithmetischen
Sinn, und bloB dadurch werde Einhelt des Interesse ins verwickelte
Schauspiel der Erde gebracht Darum denket jeder, nur er Hebe
genug und sei der Iange breite ziehende Magnet in der Erdachse. io
Wahrlich ich habe nichts dagegen: ich ehre und liebe solche
schone und tugendhafte Irrtiimer; aber es tut mir nur weh, daB
sie niemand widerlegen kann als der Schmerz und die Zeit.
Ich bin, Bester,
Ihr
J- P.
Postskript einiger Gleichnlsse
Dennoch will ich nicht ableugnen, daB in den hohern Men-
schenklassen einige egoistische Asphyxie des Herzens bleibe, und
daB da die Gewitter der Leidenschaften nicht durch Sonne/iAit^e, 20
sondern durch grimmige Kdlte reifen. Das muB aber so sein. Ihre
Ehen konnen recht gut (und noch mehr ihr im kalten Schatten
anschieBender Kinder-Salpeter) ohne viele Warme gemacht wer-
den, da die Ehen und Kinder nichts sein sollen als fein, so wie
feines Brot einen viel weniger geheizten Backofen notig hat als
grobes. Indessen vereinen sie, wie Geleen, zugleich Stifle und
Kdlte. Zweitens fodert ihr Stand Luchsaugen und folglich kaltes
Klima, so wie man in der Kalte die meisten Lichter zieht. Drittens
hat sich von jeher der feine Mann durch Galle und Kalte, und nur
der niedere durch Liebe und Feuer gehoben, so wie man mehr 30
Hefen und Sauerteig bedarf, wenn ein feiner Teig zu heben ist;
Pumpernickel braucht wenig. - Adieu!
VIERTER OFFIZIELLER BERICHT 473
VlERTER OFFIZIELLER BERICHT
Ober die griine Schote welker Kerne — Ankunft — Lob des Petschafts -
Hollenangst vor einem magnetischen Wels und vor einem Vexierbild -
Auflosung des Knotens
Der Verfasser dieses, der die Pariire iiber das Neglige hinaussetzt
- bei Damen, denn ein Herr verlohnet kaum, daB man ihn an-
zieht -, halt den Putz vorzuglich an altlichen Fraulein hoch, die
ohne ihn aussehen wie Hummer in der Mause. Schon am Morgen
schnallte Fraulein von Sackenbach sich mit der Tellerfalle oder
10 dem Magen-Wappen des Ceinturons in das Degengehange ohne
Degen, in die Scharpe, so wie man einen Taubenschlag durch
einen blechernen Gurt gegen aufkletternde Katzen verwahrt. Sie
dachte, ich ware die Katze. Zweitens fadelte sie sich von Kopf bis
auf die Arme und Beine in einen bunten Uberzug, dergleichen
etwan listige Wirte ihren Betten geben, ein : sie wuBte, Buntkleide
das Alter, wie schon Baume im Herbst und sieche Gewachse sich
mit buntem Laubwerk decken.
Ich bin vielleicht der einzige, der es wiinscht, das weibliche
Alter, zumal eheloses, in das turkische Papier der bunten Tracht
zo eingewickelt zu sehen. Durch nichts kann eine Seniorin der Natur
mehr zeigen, daB sie sich oder andere an den Tod erinnert, als
durch eine illuminierte Farbengebung, wie um Gehenkte lauter
Regenbogen tanzen vor der volligen Gewitternacht. Eine kou-
leurte Alte gleicht dem Glase, dessen Auflosung sich mit einem
bunten Farbenspiel anmeldet. Die farbige Tracht ist ein immer-
griiner Traueranzug, so wie er sich, fur sie schickt, daher die fran-
zosischen Konige und die venezianischen Nobili violett trauern.
Es kann aber audi noch eine Nebenursache da sein, warum eine
ehelose Seniorin sich bunt farbt - sie will zeigen, daB sie andere
30 schwarz mache wahrend ihrer Haussuchung nach fremden Feh-
lern, so wie schon bei den Romern1 derjenige einen buntschecki-
gen Anzug hatte, der das Haus durchsuchte, oder so wie der
GroBherr die Stummen (das Widerspiel der Rednerinnen),
welche strangulieren sollen, in die Farben, die nachher um
1 Cilanos Altert. 2. T.
474 DER JUBELSENIOR
den Erdrosselten selber flattern, kleiden lasset, namlich in blii-
hende.
- Der Teufel der Gleichnisse besitzt mich einmal wieder; aber
man lass' ihn ruhig noch wenige Blatter durch mit mir herum-
setzen : der Satan wird doch so gut miide als der Leser. -
Oft kommts mir sogar vor, als sei diese farbige Hiilse eine
Frucht des Alters, das sich stets aufs Land hinaussehnt oder doch
es nachahmt. Der weibliche Marmor bricht aber auf dem Lande
bekanntlich bunt. Je weniger Menschen in einem Orte sind, desto
mehr Farben hangen an einer Horioratiorin desselben, so wie 10
Gewachse in Scherben bunter werden als in Garten. Es kann
auch sein, daB Landmadchen von Stande den Stadterinnen be-
weisen wollen, sie seien ihres Orts auch zahm, weil bekanntlich
nach Buffon zahme Tiere einen farbigern Pelz als wilde tragen -
oder daB sie aus Bescheidenheit glauben, an ihnen falle wie an den
Schiitzen-Vogeln kein Holz ins Gewicht und Gesicht als ange-
farbtes - ja es ist nicht unmoglich, daB der lebendige Putzteufel
selber in ihnen sitze
Da nun dieser eben aus mir ausgefahren ist: so verfolg.' ich un-
gehindert meinen Weg und wende mich zum Sonnabend. 20
Ich nab* es schon gesagt, wie sich Gobertina meinetwegen
sehnte und schmiickte. Die alte inhaftierte Seherin des KafFee-
satzes blieb dabei, der Satz trefTezu und ein Herr ohne Haare
komme noch. An drei Fenstern standen Hochwachter. Am Pfarr-
fenster stand Dea und gab einem silbernen EBlofTel einen EBlofFel
voll Kreidenpulver ein und purgierte ihn damit - am Schulfenster
saB ScheinfuB und observierte die Bewegungen am SchloBfen-
ster, an welchem das gesprenkelte Fraulein stand und die Arbeiter
der Chaussee beobachtete, ob diese nicht daraus entsprangen vor
einem daherrollenden Wagen. 3o
Auf einmal verlegten vielmehr die Arbeiter wie ebenso viele
Alcibiadesse den Weg: es schoB wirklich eine mit Tigerpferden
geflugelte Jagdwurst daher (ich ritt die Wurst), und plotzlich hielt
das Flugwerk. Diese Unter-Chausseeeinnehmer hatten den Ver-
fasser des Jubeiseniors geschniirt, um mit dieser Angelschnur ein
Extra-Chausseegeld aus meinem Beutel zu erflschen von meiner
VIERTER OFFIZIELLER BERICHT 475
Freigebigkeit. Fraulein von Sackenbach argerte sich hinter dem
Fenster, daB ich die letztere bewies und spater hereinfuhr: denn
sie wurde noch narrischer durch die alte Prophetin, die immer-
fort sagte, das sei gerade der Herr, den sie auf dem Kaffeesatz
gesehen.
Beilaufigl Ich weiB mir das auffallende Phenomenon dieser
Kaffee-Typologie aus nichts anderem zu erklaren als aus zwei
Erfahrungen. Die erste ist3 daB vielleicht mehr der Kaffeetrank
als sein Niederschlag instand setzt, die wasserigen Meteoren der
1 o Zukunft wahrzunehmen, zumal da diese geistige Kraftbruhe schon
Profanskribenten wie mich und Voltairen in der Punktierkunst
unserer so oft prophetischen Schreiberei so sichtbar unterstiitzt.
Meine zweite Erfahrung, womit ich der eingetroffenen Weissa-
gung das Obernaturliche groBtenteils benehmen will, ist die, daB
ich selber der alten Frau in Flachsenfingen die Weissagung mei-
ner Ankunft mitgegeben und sie gebeten habe, sie nach Neuland-
preis zu tragen und da als Prophetin aufzutreten. Ich wollte den
armen Pfarrleuten eine groBere Hoffnung und dem Fraulein eine
leichtere Cberzeugung verschaffen. - -
20 Ich will mir im Verfolge der Historie, wie man Schauspielern
tut, den Namen meiner Rolle geben und mich haung Herr von
Esenbeck oder Freudenmeister oder maitre de plaisirs benennen,
war' es auch nur, um uberhaupt bescheidener zu scheinen durch
Weglassen des Ichs.
Die nahere Jagdwurst hob die Alte aus den zwolf kleinen Pro-
pheten unter die vier groBen hinein. Der Freudenmeister saB dar-
auf mit einem neglige raffine" oder modernen Schanzlooper und
mit den Patentschuhschnallen der Herren Boulton & Smith -
er hielt eine lederne Badine in der Hand und hatte, als er unten am
30 SchloBfenster wie ein Hoogkyker1 hinaufsah und den Hut abtat,
nicht nur die Esenbecksche Glatze auf dem Kopfe, sondern auch
den roten Taktstrich auf der Stirn.
Esenbeck setzte wie ein ErdstoB ganz Neulandpreis in Bewe^-
gung.
1 Eine Familie auf der Insel Wieringen muB wegen gelahmter Augen-
lider den Kopf ganz zurucklegen, um etwas zu sehen.
476 DER JUBELSENIOR
Dieser Herr lieB sogleich die Jagdwurst auspacken und das ab-
heben, was er mitgebracht: einige Zahnstocher mit schon ge-
schnitztem figurierten Schaft (der eine stellet den Kopf eines Sak-
saks vor, der andere einen Zoiluskopf) - ferner eine KleidergeiBel
- hinlangliche Schaugerichte - eine glaserne Bowie mit drei Gold-
fischchen - ein Porzellan-Schreibezeug, das einen aufgerichteten
Bock vorstellet, der ein weiGes Herz, worein ich jetzt eintunke,
in den VorderfuBen halt1 — und einige anonyme Lappalien.
Endlich standen die zwei himmlischen Korper in Konjunktion
beisammen, ich und sie. Beide erstaunten. 10
Gobertina besonders: denn der Pseudo-Esenbeck hatte in sei-
nem neglige raffine, mit seiner ledernen SpieBrute und mit sei-
nem chaotischen anagrammatischen Gesichte etwas ungemein
Sonderbares und in Neulandpreis Ungesehenes. Ohne das chiro-
graphische Instrument des roten Interpunktions- und Ausru-
fungszeichens hatte sie sich mcht einreden lassen, daB sich bisher
der Hof und der Herr von Esenbeck so sehr geandert haben; aber
sie hielt sich an den roten Strich.
Mich frappierte das Fraulein nocli mehr: zwei umgeschwun-
gene Brandkugeln voll Freudenfeuer in den Augenhohlen - das 20
ringelnde Geader von Demarkationslinien auf dem Gesichte, die
wie streitende Heere im Nordschein in- und auseinanderschossen
— eine durch das verengte Mundstiick der Lippen zugespitzte
scharfe Stimme und ihre Quaker- Glieder, die hauflg Terzien-
Pralltriller schlugen, diese Erscheinungen setzten eine Person zu-
sammen, die die wenigen Eckenbeschlage aus Gold und Tressen?
die sie vom Hofe aufs Land hinausgenommen, drauBen zu einem
goldflitternen Opern- und Schleppkleid in der Einsamkeit aus-
gehammert hatte, das dem lahngoldnen Wappenrocke glich , worin
man sonst Alchimisten auf hing. 30
Esenbeck brachte anfangs gerade so viel Visiten-Unsinn vor,
als er glaubte, daB Gobertine von ihm erwarte, welches so viel
1 Das Schreibzeug ist wirklich das Esenbecksche Wappen. Man konnt'
es leichter verwechseln mit dem Wappen der Stadt Chur, die einen aufge-
richteten Bock im gelben Felde fiihrt, wenn seiner nichts in den FiiBen
hielte. Es ist audi sehr vom Wappen der Stadt Zwlngenberg verschieden,
das drei rote Herzen iiber einem halben Lowen hat.
VIERTER OFFIZIELLER BERICHT 477
war, als sie selber verdiente. Esenbeck erinnerte sie an die schone
Zeit, wo er Page und sie Gesellschaftsdame war, und sagte im
kaltesten Ton von der Welt - er stellte dabei die lederne Gerte
und Wiinschelrute aufrecht auf den Zeigefinger und wollte den
Stengel steilrecht tragen -: »Ich bin ganz enthusiasmiert, Sie zu
sehen. Warum kommen Sie nicht an den Hof? Waren Sie in der
Gemalde-Versteigerung? Gefiel Ihnen ein Pipi1 ganz? Haben Sie
Schafe von Klaase?« Es gibt eine Art zu fragen, die etwas von
den peinlichen Fragstucken in Gerichtsstuben an sich hat, welche
10 fortrollen und fortschlieBen, Inkulpat mag antworten, was erwill.
»Klaase?« (sagte sie endlich) »Klaus werden Sie meinen; wir ha-
ben hier nur einen Schafer, der so heiBet; mir wintert er bloB zwei
Hammel aus.« Da ich ihr mit einem geringen Lacheln ihren Irrsal
und meine Kenntnisse in den schonen Kiinsten zeigte (denn ich
hatte vorher nicht etwan einige Seiten artistischer Vokabeln, wie
prahlende oberflachliche Abderiten tun, sondern einen ganzen
rasonierenden Gemalde-Katalog memorieret): so war es wohl
entschieden, daB Herr von Esenbeck dastand; denn ein Hof ist
ein verkleinertes Italien oder eine vergroBerte Hadrians -Villa,
20 uberall laufen da Kunstkenner und Kunstwerke, die groBten My-
thologen und Mythen entgegen.
Fraulein von Sackenbach war nicht sonderlich in Bilderkabi-
netten bereiset, und in ihrer Kunstgeschichte glanzte nicht mehr
als ein einziger Meister, der beruhmte Maler ihrer Eltern und
ihrer eignen Person, gleichsam eines dreikopfigen Geryon.
Ich hatte mir eine viel schonere und traurigere Amanda in den
Kopf gesetzt, als auBer ihm dastand ; die auBere schien zugleich
lustig, tugendhaft und gefallsuchtig und zwar alles bis zur Ziere-
rei zu sein und machte mich vollig verwirrt. Nach ihrem Brief
30 an Esenbeck hatt' ich geschworen, daB sie empfindsame Halb-
trauer anhaben und ihren alten arkadischen Schafer mit einem
Schnupftuch voll Tranen empfangen wiirde: ich war zu einiger
Riihrung willfahrig und wollte gern mit den Knien auf der Erde,
um zu biiBen, und mit den Ellenbogen auf dem Tische, urn zu
dichten, knien; zwei Glieder, die sich an einem solchen Liebhaber
1 oder Julius Romanus.
478 DER JUBELSENIOR
wie die Einlegmesser immer krumm werfen und die er so sehr
wie ein Schorsteinfeger abniitzt, der daher nirgends Lederbe-
schlage hat als an Ellenbogen und Knien. Aber wie erstaunt* ich,
als sie friiher lachte wie ich.
Ich war daher kaum eine halbe Stunde bei ihr, als ich mich
herzlich ins Pfarrhaus hiniibersehnte und auf dieser seligen Insel
wenigstens ein Strandbewohner werden wollte; aber ich hatte,
wenn ichs merken lieBe, mit meinem ganzen Oberleibe durch
meine Esenbecksche Charaktermaske durchgestochen und durch-
geschimmert: ich durfte hochstens nur auf Gelegenheiten lauern, 10
iiber die gliicklichen Jubel-Insulaner kalte Fragen hinzuwerfen.
Ich schauete deswegen bestandig durchs Fenster. Jungfer Dea
schleppte endlich Bierkannen aus der Pfarr-Kellerei heraus. Ich
wollte jetzt kiihn sein und den Freudenmeister Esenbeck tau-
schend spielen und machte mir kein Bedenken daraus, epigram-
matisch zu bemerken : »Es ist wahr, die Amazonen schafften sonst
den halben Busen fort, um die Armbrust gewisser anzulegen; aber
wahrhaftig Amors GeschoB trifft noch scharfer in jede Brust,
wenn man es auf einer ganzen ansetzt.« - »Scharmant,« sagte das
Fraulein, »ganz scharmant!« - »Pfui« oder »warum nicht gar« 20
oder doch »hm, hm«, hatt* ich gerechnet? wiirde es sagen; nun
aber verglich ich sie ohne Bedenken innerlich mit den alten Peru-
anern, welche (denn sie brachte auch nur ihre vermooseten Tage
und ihre morschen wurmstichigen Neigungen, kurz nur ihr Alter
der Tugend zum Opfer) ihren Konigen Zwerge und miBgestalte
Kinder und (nach Garzilaso de Vega) den Landeshauptmannern
Lause als Steuern und Gaben iiberreichten.
Indes wurden wir doch durch die Kellnerin mit dem Amors-
Boller und Obergewehr ins Pfarrhaus gebracht, unser Gesprach
wurd* es namlich; und Amanda fing an, die guten getauschten jo
Leute zu beschiitzen, zu erheben, fur sie vorzubkten, ihnen vor-
zuarbeiten. Sie tat das alles so herzlich, sie legte den Pfarr-In-
sassen mit einer solchen Freude im Blick und Ton den Kronungs-
und Kurhabit des moralischen Lobes an, daB es mich reuete, diese
Putzjungfer selber von FuB bis auf den Kopf vorher in das fatale
Demutskleid des heiligen Alexis gesteckt zu haben. »Beim Him-
VIERTER OFFIZIELLER BERICHT 479
mel !« sagt* ich innerlich, »und wenn der Teufel und seine GroB-
mutter und sein GroBvater und seine 32 Ahnen mit alien Siinden
in der engen Brust eines Madchens als Mietleute sitzen, so ver-
drangen sie doch daraus das gute hulfreiche Herz fur den leiden-
den Mitchristen nicht, es schlagt mitten in dieser Gehenna noch
warm fur andere fort.« - Ich gab ihr zum ersten Male ein ernst-
haftes Lob und die ernsthafte Versicherung: »ich hatte mit dem
Fursten aus der Sache gesprochen, und es sei auf etwas zu rech-
nen.« —
10 Plotzlich schien ein ganzes Pagenkorps die Treppen wie eine
Feuerleiter heraufzulaufen ; und ein Mann mit gebogener Nase,
mit freier Stirne unter glatt zuruckgestrichnen Haaren trat nach
einem einzigen Anklopfen herein, stiilpte den geraden steilrech-
ten Rucken nur ein wenig vorwarts und rief unter dem Zumachen
hinter sich zuriick : »Ihr bleibt mir drau(3en.« Er meinte seinen Nach-
trab und Nachschwarm von einem halben Dutzend freundschaft-
licher kurzstammiger Jungen. Es war des Jubelseniors zweiter
Sohn, seines Handwerks ein Pitschierstecher, ZifFerblattermacher
und Schnallen-Handler. Sein Avant-propos war: »Ich will nur
20 Ew.Gnaden meine Aufwartung machen - und um sechs Sesset
bei Ihnen anhalten, mein junges Volk drauBen soil sie tragen. Wir
miissen uns driiben sonst aufeinander selber setzen.« Ich bitte
jeden Schulmann, Privatdozenten und philosophischen Adjunk-
tus, den ersten besten Handwerksmann wie eine Akademie zu
studieren als ihren Vorfechter und Exerzitienmeister, ders ihnen
vormachen kann, wie man vor hohern Personen die Unterord-
nung des Burgers zugleich mit der stolzen Freiheit des Menschen
vereinigt; ein Orbilius will immer hinter den aufgeschwollenen
- Burger den zusammengefallenen Menschen verschanzen.
30 Die Gefuhlspitzen und Sehnerven eines Handwerkers befiih-
len an jeder Seele zuerst das, was sie etwan von seinem Gewerke
um sich hat; der Schuster halt seine papierne Diogenes-Laterne
zuerst an die Stiefel, der Schneider an den Frack, der Friseur an
die Locken, der Pitschaftstecher an die Uhrkette, woran etwas
Sphragistisches hangt. An meiner kundschaftete der Siegelgraber
das entlehnte Esenbecksche Petschaft aus: »Auch meine Arbeit !«
480 DER JUBELSENIOR
(rief er) - »Ich sag* immer, es sticht keiner einen solchen Helm
und Kopf wie ich!« - »Hier ist aber ein Kopf, Herr Schwers,«
(sagt' ich) »den einmal einer nachdrucken sollte im bas-relief, da-
mit man ihn nachher in haut-relief auf den Briefen hatte.« Es war
Dantes Kopf. Der Schnallenhandler brachte sogleich eine Hand-
voll Petschafte heraus, um damit zu besiegeln, wie weit ers treibe.
Warum soil ich so lange antichambrieren, eh' ich den Lesern ge-
rade die Griinde vorzahle, aus denen ich dem lustigen Kirmesgast
der Erde Dantes Gesicht zum Nachstechen anvertrauete, um mit
der Physiognomie dieses Hollenmalers kunftig zu siegeln? Nam- 10
lich hundert oder einige tausend Petschaftskunden indent' ich
von Herzen gern dem Schwersschen Sohne zuwenden, falls er
den Kopf gut nachgravierte; und ich ersuche einige hundert Le-
ser, an mich zu schreiben, damit ich ihnen eine Antwort geben
und diese mit Dantes Pantomime bedriicken kann: in der Vor-
rede steht schon, wo ich lebe. —
Die vielen Privat-Pragstocke oder Munzstempel des Schnallen-
machers lieBen in mir eine neue Reflexion zuruck, die ich hier
hervorlange. In unsernTagen darf man alles loben - die Narrheit
wie Erasmus, den Esels-Schatten wie Archippus, den SteiB wie 20
Coelius Calcagninus, den Teufel wie Bruno, ja den Nero wie
Linguet - alles, nur sich nicht, wenn ich den Poeten auf dem
lyrischen Musenpferd ausnehme, das ein Bassa mit einem RoB-
schweif ist. Der Tempel, das Pantheon, worin sich ein Mensch
in unsern Tagen wie Kaligula eigenhandig anbeten und wie dieser
mit Opfern aus Geflugel ehren kann, das ist sein eigner dunkler,
fest verschlossener - Kopf: in diesem Lararium, in dieser Filial-
Rotunda mag er seine Hausandacht vor sich selber verrichten. Es
ist bekannt, wie ichs vermeide, mich zu loben, ja wie ich sogar,
gleich einem Negersklaven, der Iieber ein Ladenhuter als ein ab- 30
gehender Warenartikel sein will und der deswegen den verstei-
gernden Parentator seiner guten Eigenschaften Liigen straft, wie
ich sogar, sag* ich, das von andern mir zugedachte Lob teils be-
schneide, teils ablehne, teils zuriickgebe. Wahrlich es gibt schon
Speisesale, wo man (wie in den Horsalen der kritischen Philo-
sophic, die das Ich gar in einen im unbekannten X schwimmenden
VIERTER OFFIZIELLER BERICHT 481
Ideen-Schleim mazerieret) gar nicht mehr sagen darf »Ich«, ob-
gleich oft gute Menschen ihr Ich nur zum Malergestelle des Uni-
versums machen und aufslndividuelle bloB das Allgemeine zeich-
nen, indes andere die Erdkugel zumStativ ihrerWinzigkeitunter-
stellen und wie die Franzosen, wenn sie man sagen, zwar 1 10 375
Millionen Menschen1 nennen, aber keinen meinen als einen. Beim
Himmel, kann denn einer von uns aus seinem Ich heraus, und
womit? Ists gescheut, daB jeder sich ordentlich schamt, mit einem
Ich behaftet zu sein, und daB ers doch am Nebenmann preiset
10 und dieser an jenem? - Also, wie gesagt, ich und die Leser wiir-
den furunsereeigenhandigenBelobungs-und Rekommendations-
schreiben nirgends eine Stelle finden als auf unsern weiBen Lei-
chensteinen, deren erhobene Arbeit und Festungswerke unsers
Ruhms doch die Zeit so eilig schleift und wegnimmt mit dem
Schlichthobel ihrer Sense; das wiirden wir, sag* ich, wenn nicht
— (jetzt schlag* ich mich, nach meiner Gewohnheit, mit einer
lang aufgesparten Aufhebung alles dessen dazwischen, was ich
vorher zu verfechten geschienen) - wenn nicht das Petschaft
ware.
20 Aber das ist unser Bette der Ehren: in der eingelegten Arbeit
des Metalls, auf der erhabenen des Siegellacks sitzt ein Ich sicher
und ohne Gefahr wie auf einer Zirbeldruse und in einem Hasen-
lager. Man spricht da nicht nur wie eine englische Zeitung bloB
von sich, sondern auch mit der groBten Selbst-Achtung : es wird
nicht gewehret, sondern vielmehr erwartet, daB man seinen Na-
menszug in herrliche Ernfassungsgewachse, in Girlanden, in jede
schmeichelnde Fassung driicke, in Genienarme lege, auf Pracht-
kegeln setze, an Sonnen hange. Ganz unverhohlen diirfen wir da
einmal es sagen und zeigen, was wir von uns halten ; das Petschaft
30 ist der Treflebube, worauf der Kartenmacher seinen Namen, oder
der Wagen, worauf der Romer die Statue eines Vergotterten,
oder der Turm, den der Sineser einem groBen Manne setzt. —
Aber zuriickl
Das tat der Petschierstecher auch und ging. Die Gesellschafts-
dame setzte auf die sechs Sanftentrager die sechs Tragesesseln mit
1 So viel sollen von Adam an bis auf Esenbeck Menschen gewesen sein.
482 DER JUBELSENIOR
einem gastfreien Vergniigen, das wie ein Abendrot ihrer Seele
recht schone Farben und Ziige verlieh.
Ich hatte mit meinen Augen den letzten Jungen mit seinem
Sessel kaum bis an die Pfarrture begleitet, als daraus der Adjunk-
tus Ingenuin heraustrat, mit dem weiblichen Glattzahn uberfah-
ren und geglattet wie ein Almanach oder Kafer, rotwangig, rot-
lippig, sanftaugig, bescheiden, still, ernst, nett und weich. Der
Ketzer und Stylit Simeon verrichtete seine Saulenandacht blofi
in Beugungen, deren einmal ein Zuschauer unten bis an eintau-
sendzweihundertundvierundvierzigzahlte (weiter mocht* derZu- 10
schauer nicht); der Adjunkt hingegen machte vielleicht kaum die
Halfte dieser Biegungen, als er oszillierend in das Zimmer des
Frauleins trat. Doch lieB diese Kriimmung seines Riickens seine
S«ele aufrecht und ehrlich, so wie Baiime, die sich mit dem Stam-
me niederbeugen, doch den Gipfel nach Osten gegen die Sonne
drehen. Der junge Mensch, viel frohlicher, als ich gedacht hatte,
war heute eben in keinem Besitz einer uberfhissigen Zeit: er
muBte die Ancora-Traurede fur seine Eltern auf morgen bearbei-
ten, und Geistliche haben uberhaupt in einer Woche, wie die
Frankreicher in einem Jahre, nur fiinf Fest- und Sanskulotten- 20
tage, und die zwei andern, der Sonn-Abend und -Tag, starren
von Geschaften. Deputatus lud ein aufs Jubelfest, nicht nur die
fille d'honneur,. auch den chevalier d'honneur. Esenbeck dankte
ihm sehr und versicherte: »er konne auf ihn zahlen.«
Ich fragte nun den Adjunktus aus-und zur sichtbaren Freude
Gobertinens, daB ein maitre de plaisirs sich des jungen Menschen
annehme — , was er noch fur Verwandte habe: drei Bruder hatt*
er, den erstgedachten Schnallenlieferanten, den oben gedachten
Buchdrucker und den Weginspektor (er hatte michmitgeschnurt),
der zugleich ein Hamstergraber war; zwei Schwestern hatten sich 30
schon lange hinter den Bretterverschlag des Sarges verzogen und
arbeiteten im unterirdischen Ankleidezimmer alter Blumen fiir
ein langeres Jubilaum als die Adoptivschwester Alithea. Von
Enkeln sprang morgen im Hause - wenn ich einen noch unge-
bornen hermaphroditischen Kokon der Buchdruckerin mitrechne
- gerade eine Saat von Zwolfen um uns. Kurz der ganze Frei-
VIERTER OFFIZIELLER BERICHT 483
Hafen des Pfarrhauses war durch die Herings-Einkehr von Kin-
dern und Enkelri so gesperrt, daB kein neuer durrer schwedischer
Heringskonig nach- und durchkonnte. Ich fragte wundershalber
den Kandidaten noch, was sie heute driiben taten (denn ich ware
herzlich gern noch Sonnabends mitten unter sie getreten). »Nicht
das geringste mehr« (sagt* er) - »nach dem Essen setzen sich die
Kinder und die Enkel um den Tisch, und der Vater und die Mut-
ter danken mit ihnen Gott fur alles : denn es ist riihrend, ein sol-
ches Fest wie morgen. Mein Vater halt selber die Jubelpredigt1,
10 und ich trete dann auf den Altar heraus und segne meine Heben
Eltern nach einer kurzen Rede1 wieder ein. Der Vater ist gottlob
noch ungemein stark und isset so viel wie ich und geht des Tages
noch eine Stunde weiter als ich selber. Allein ich habe mich am
kantischen System krank gesessen: mein Alter will nicht daran;
aber ich zieh' es vielen andern vor und neb* es in meinem Koffer
auf seinetwegen, weil er bei weitem nicht so frei denkt wie ich.« -
Im Grunde wurde mir, je mehr sich meine Seele an diese unbe-
. fleckte hing, immer elender zumute : wer gab mir Brief und Siegel,
daB beides zu geben nicht morgen der Furst vergesse und weder
20 komme noch voziere? Und dann wurde meine ganze Freude zu
Wasser und mehr als ein Herz. —
Amanda war ebenso liebreich gegen ihn als er hoflich gegen
sie. Innerlich deferierte ich mir einen Eid, den ich willig akzep-
tierte, daB ich namlich abends nicht hiniiberlaufen, daB ich den
reinen vollen Sternenhimmel driiben nicht mit meinem Stern-
schneuzen ubersprengen. und durchschneiden wollte. AuBerlich
freilich wurd' ich durch die verdammten Romanenschmierer ge-
notigt, mich zu stellen, als war* ich ohne alle Religion: darin
mogen sie auch bei altern Weltleuten recht gehabt haben; aber
30 jetzt ist wohl das erlogen. Kein Weltmann von einiger Kraft hat
jetzt mehr gegen tugendhaften Schein einzuwenden als gegen den
allerlasterhaftesten: und wie jeder gute Akteur oder Dichter sucht
1 Die hieher gehorige erste Ausschweifung iiber den Kirchenschlaf sieh
im vierten Zirkelbrief nach.
2 Die hier notige zweite Digression iiber Traureden ist im vierten Zirkel-
brief zu finden.
484 DER JUBELSENIOR
er seinen Wert nicht im Stoffl sondern in der Form, nicht in der
Wahl der Rolle, sondern im 5/^/derselben.1
Sobald der Pfarrsohn die Tiire zugezogen hatte, so sah' ich
den Haftbefehl fur mich auf den ganzen Abend ausgefertigt und
mich der bunten SchlieBerin angeschnallt. Mir wurde angstlich
vor dem Blaufarbwerk des blauen Dunstes, womit ich, gleichsam
wie mit einer ganzen blauen Bibliothek, den Zwischenraum bis
morgen auszufiillen hatte. Um nur nicht ewig iiber meinen Pa-
genstand als Falsarius zu sprechen, zeigt' ich ihr das Ernteregister
des Karlsbader Siechkobels, namlich das Pranumerantenverzeich- 1
nis der ankommenden Gaste; ja ich schamte mich nicht, ihr hin-
ten in meinem Musenalmanach die italienische Buchhalterei iiber
Haben und Soil im Spiel vorzulesen, um ihr durch mein entsetz-
liches Malheur im Whist — auf der Jagdwurst wurd* es erlebt und
registriert-zu zeigen, derNeulandpreiserEsenbeck sei der Flach-
senflnger. Beilaufig! unsere Tage konfoderieren und vereinigen
viel : die katholische Kirche mit unserer - den ersten Stand mit
dem dritten — die Spielrechnungen mit dem lehrreichen Taschen-
buch - den Korkzieher mit dem Souvenir.
Nach und nach aber merkt' ich, da6 die Gesellschaftsdame et- 2
was GroBes und Bedenkliches fur und gegen mich im Schilde
fuhre. Der andere Esenbeck in Flachsenfingen gehorte ohnehin
unter die Libertins, die viele Weiber berufen und wenige auser-
wahlen und die, gleich andern befiederten Raubvogeln2, alles vom
weiblichen Sangvogel aufschmausen, nur aber das Heri ungenos-
sen liegen lassen; ja was noch schlimmer war, durch Gobertine
konnte, wie es schien, ein Mann so gefesselt werden wie der Greif-
geier in Indien, den ein weiches Menschenbild aus Ton herunter-
lockt, das ihn dann, wenn ers gestoBen hat wie ein lebendiges, an
seinen eingewiihlten Krallen festhalt. Beim Henker! der Flach- 3
senfinger kann ja, dacht' ich, sich mit der fille d'honneur verlobt
haben und biirdet nun seinem armen Namensvetter das Beilager
auf: »Ich hatt' ihn« (fuhr ich'bei mir fort) »fein travestieren wol-
1 Hier ist die dritte Ausschweifung iiber den vornehmen Unglauben notig
und ist gleichfalls im vierten Zirkelbriefe bermdiich.
2 Nach Aristoteles und Plinius.
VIERTER OFFIZIELLER BERICHT 485
len; und er hatte mich noch feiner dupiert und den ruhigen Fest-
hasen aus seinem Lager aufgetrieben, und mir fiihren jetzt die
Windspiele nach,indes der gehetzte Berg-Hase gelassen in meiner
Staude hockte- Das ware verdammt! — Aber ich springe, wie
ein Aal-Stummel, schon halbgesotten noch aus derwarmenPfanne
des Torus. « —
\ Es milderte meine Bangigkeit schlecht, daB Amanda von Zeit
zu Zeit typische und mystische Winke von einem gewissen ma-
gnetischen Wels oder Scheidfisch fallen lieB: ich dachte, ich ware
10 der Wels, und sah die Kommunikationsgraben zwischen ihr und
Esenbeck immer tiefer und langer werden. Da bei jeder Bewe-
gung von ihr zu erwarten war, daB der Vorhang auffahre und mir
blitzendes Geigenharzpulver und den Naxos zeige und eine Ariadne
oben darauf : so macht' ich ihr nachmittags um 5 Uhr unter dem
herrlichsten Sonnenschein weiter kein Geheimnis daraus, daB der
magnetische Raubhecht oder Wels aus meinem Gedachtnis or-
dentlich weggeblasgn sei. Sie sperrte heiter eine Hausapotheke,
aus der sie willig ein clinicum und einen Gesundbrunnen fur alle
Eingepfarrte machte, auf und hob einen liegenden Oktavband -
20 mit der Ruckentitulatur Schat^kastlein - heraus. »Das Buch ist
sein Ehepfand,« dacht' ich, »so wie dumme DorfHebhaber bei
ihren Brauten ein Gesangbuch zum postilion d'amour und Ehe-
Mortel brauchen.« Aber sie zog das Erbauungsbuch auseinander,
es war bloB ein hohles ausgeweidetes Vexierbuch, und drinnen
steckte statt des Spruchkastchen nur ein Fischkastchen, worin ein
magnetischer Wels und ein eisernes Fischchen als Koder am An-
gelhaken fur spielende Kinder lagen. Ich will lieber tausend Rat-
sel machen, als funfzig losen : kurz, so deutlich alles war, daB der
magnetische Scheidfisch den Freudenmeister bedeute und daB das
30 umgoldete Fischlein, das mit dem Raubfisch zusammenklappte,
das redende Wappen Gobertinens sei, j'a ob ich gleich aus der
Naturgeschichte wuBte, daB der Mann das beste Vorbild am
Welse habe, der auch mit seinen Bartfasern die Fischchen kodert
und tauscht und der diese dann mehr hineinsauft als hineinfrisset:
so bracht' ich doch nicht eher etwas heraus, als bis mir einfiel, daB
Esenbeck Gobertinen einmal die umgekehrte Sirene (oben ein
486 . DER JUBELSENIOR
Fisch) geheiBen, und bis sie selber mich gefragt hatte: »ob esrricht
ein sonderbarer Einfall von mir gewesen ware, ihr so etwas zu
schenken.« - »Die Esenbecks«, sagt' ich, »waren nie recht ge-
scheut.« —
Da von ihr in jeder Minute bald die Kuchenmeisterin ein Re-
sponsum, bald ein Kind aus dem Pfarrhaus ein Gewiirz oder
Mobel holte und uns, das Brautpaar, unterbrach: so sagte sie
freundlich: »Nach dem Essen nab' ich Ihnen etwas Wichtiges zu
proponieren : man stort uns jetzt zu oft.« —
Ich verwiinschte den verfluchten Qualenmeister Esenbeck, der 10
gern weibliche Festungen eroberte, aber nicht als Festungsge-
fangner der Ehe drinnen hausen wollte : im Triampole - im Qua-
rampole - im Toccategli - im Triomph und Bestiaspiel wiinscht'
ich ihm, daB heute alles zum Teufel ginge, gleichsam vor dem
Eigner als Gepacke voraus: mit der Ehelottospielerin neben mir
schien ich mir Misery im Boston zu spielen, das, worin der ge-
winnt, der keine Stiche macht. Ich suchte micji daher bei ihr nach
meinen geringen Kraften verhaBt zu machen und die Esenbeck-
sche Rolle matt und falsch zu spielen und in meine eigne zuriick-
zufallen. »Hier ist weiter« (dacht* ich) »nicht zu spaBen, und die 20
Ehe ist dir noch naher als deren Scheidung: sie begehrt wahr-
haftig, wie Israel unter den Richtern, einen Konig, und ich werde
zum Saul gemacht — nein und nein und nein l« Hatt* ich nicht die
schonste Gliicks- und Ehrenlinie der guten Jubelleute driiben
ausgestrichen, wahrlich mit Freuden hatt* ich den roten Trut-
hahnszapfen auf meiner Stirn verwaschen und verwischt. Wenig-
stens aber stand mir frei, weniger zu interessieren und durch
moralischen Schein meine Ahnlichkeit mit dem Flachsenfinger
Freudenmeister zu schwachen. »Jetzt,« (schlofi ich) »da vor der
Schwersschen Silberhochieit eine Silberverlobung mit mir voraus- 30
jzulaufen droht, sind kiihne Anmerkungen uber Amors Geschosse
und Amazonen gefahrlich, und man nimmt damit ein.«
Leider nahm ich gerade mit dem Widerspiel eine Person vom
Lande ein: ich gefiel bedenklich durch Dezenz. Ein verhenkerter
Charakter! sagt' ich.
Ich bat mir funf einsame Minuten auf meinem Zimmer aus.
VIERTER OFFIZIELLER BERICHT 487
Zorn ist wie alle Leidenschaften ein berauschendes Mittel von
innen, und man hat darin die besten Einfalle, die man nicht ver-
rauchen lassen soil. Ich schrieb in meiner Stube moussierend fol-
gendes iiber alte Jungfern: »Sie hatten nachdenken und heiraten
sollen. Wahrhaftig wenn der Mann, der so viel zu machen hat -
Eroberungen - Biicher - Protokolle - Predigten - Verse - die
Rezensionen davon — die Antikritiken darauf — narrische Streiche
aller Art -, unter solchen kanonischen Hindernissen keine Hoch-
zeit machte (wie er doch nicht tut): so war's ihm nachzusehen;
10 aberwenn eine Schone,die die groBteMuBe hat, sich zu veflieben,
und die erst am Traualtar eine Heilige wird, welche sich auf ihn
stellen kann, um da nicht von Anbetern, sondern von Mannern
angebetet zu werden, und deren Verdienste, d. h. deren Kinder
taglich wachsen, wenn die es nicht tut, was soil man da anders
machen als — folgendes Gemalde von ihrem Zustand im 6isten
Jahr? - Freilich dachte sie im iGten Jahr, sie verbleibe durch das
ganze Leben 16 Jahre alt, die Sommerhauser und Sommerkleider
der Jugend wiirden nie kalt und iiberschneiet, die Gespielinnen
ihres blumigen Lenzes uberbluhten an ihrem Arm die VergiB-
20 meinnicht und krochen weder in feme dicke Kinderstuben noch
defer unter die griine Wiegendecke aus Erdschollen Aber
nach wenigen Jahren steht alles, was mit ihr Blumen und Sterne
suchte, ganz verandert und weggetrieben auf andern Inseln, und
sie sieht allein und weinend hiniiber. Ich will es aufrichtig inven-
tieren, was ihr noch bleibt im 6isten Jahr (ich setze aber voraus,
daB sie absichtlich den Ringfinger krummte, wollt' ihr einer den
Ehe-Reif und Anschrot applizieren) : - Ihre jetzigen Freundinnen
sind Magde, ihre Freunde zwei alte Erbschleicher, die die Durch-
gangsgerechtigkeit durch ihr Herz ausiiben, um in ihr Testament
30 zu kommen - ihre Korrespondentinnen antworten ihr selten und
nichts als das: ich lieg* im Kindbette — sie putzt sich im Spatjahr
des Lebens, aber niemand freuet sich daruber als der Schnitthand-
ler, dem eine Ladenhiiterin den Ladenhiiter abnimmt, statt daB
iiber die geschmuckte Mutter sich der erinnernde Mann und der
teilnehmende Sohn ergotzt - und statt eines Eheherrn kann sie
niemand plagen als den SchoB-Kater, der, unahnlich jenem, ge-
488 DER JUBELSENIOR
rade knurrt und den Kamm, d. h. den Schweif hoch tragt, wenn
ers am besten meint - anstatt der Kinder informiert und futtert
sie Kanarienvogel - und statt des schopferischen Verdienstes einer
Mutter, die wie Gott kleine Adamlein und Evchen in das Paradies
unter den Lebensbaum setzt, hat sie keines als das, entweder als
entziindeter Cherub an fremden Paradiesen zu stehen oder auf
irgendeinem Erkenntnisbaum den Eltern das Obst zu preisen,
das sie selber verdauet - und wenn sie nun nach einem ausge-
trockneten magern Leben voll grofier Langweile und groBer Ge-
betbiicher und voll scharfer atzender Seufzer iiber jeden schonen 10
Tag, well ihn niemand langer, und iiber jeden schlimmen, weil
ihn niemand kurzer macht, und iiber jeden ersten Feiertag, weil
sie da allein essen, und iiber den Thomastag, weil sie ihre immer-
griinen Jugendtage niemand malen kann als einer alten zerkniill-
ten, weniger ihre Freuden als ihre erblichen Kleider und Jahre
nachzahlenden Soubrette, wenn sie nun nach einem naBkalten
Leben voll aufgewarmter Leichenessen, erfroren unter Regen-
schauern, abgemattet sinkt und einsam verlischt: ach so schleicht
sie aus einer Erde, wo alles so bald vergisset und vergessen wird,
ungesehen hinunter, und kein Gatte, kein Sohn, keine Tochter 20
sagt: ich vergesse dich nicht.«
Ich stand auf und schauete voll Sehnsucht in den glucklichen
Abend hinaus: nicht bloB im Pfarrhaus, auch in jedem profanen
wurde Putz und Fleisch fur morgen ausgesucht, und im Haus-
chen des Schulmeisters waren wie von einer feind lichen Pliin-
derung alle Fenster ausgehoben zum Waschen. Das waren aber
fur mich tiefen Sumpfvogel feme, im Ather hangende Luftschlos-
ser: ich muBte zu Gobertinen zuriick, voll leiser Fluche gegen
den Flachsenfinger, daB er sie nicht geheiratet hatte; da der Mann
ein Fels sein muB, der nicht nur die Klippe, woran das weibliche 30
Bucentauro- und Kaperschiffchen scheitert, sondern auch das
Ufer ist, auf dem die Bewindheberin desselben gerettet aussteigt.
Als ich wieder in ihr Zimmer kam, setzt' ich mich aus Verlegen-
heit sofort nieder; und als ich merkte, ihre abgeschnittenen
Schneckenfiihlhorner des Gefiihles wiichsen von Minute zu Mi-
nute starker nach - denn Weiber regenerieren, ungleich den Vo-
VIERTER OFFIZIELLER BERICHT 489
geln, die nur die unempfindlichen Teile, Krallen und Federn,
wieder erzeugen, immer einen empfindlichen, und war* er ihnen
noch so oft genommen, namlich das Herz -, als ich das sah, setzte
ich den Schuhabsatz aus Angst auf den Henkel einer kleinen
Wiege, die das Grahams-Bette und der Federtopf fur einen alten
dreibeinigen SchoBhund war, so wie im Magdalenen-Kloster
Naumburg in Schlesien die Nonnen holzerne Jesuskindlein in den
Wiegen haben und schaukeln. Ich wollte den Hund in den
Schlummer riitteln, als er daraus auffuhr und bellend aus dem
10 Lager sprang.
Wir speiseten endlich.
Aber die drei Goldkarpfen, die als Schaugericht von der Jagd-
wurst abgeladen wurden, lieB ich nicht agieren, aus Furcht vor
dem magnedschen Wels.
Nach aufgehobener Tafel sucht' ich eine Freistatte auf der
Tastatur eines alten Klaviers. Der schone Kopf eines kleinen
Madchen hing oben dariiber an der Wand, das ich (verzeihe mirs
die Menschenliebe) fur das leibhafte Kind der fille d'honneur an-
sah, bloB weil es einige Familienzuge von ihr hatte. Endlich kam
20 sie mit einer Brieftasche und fragte mich bang, ob ich denn alles
vergessen hatte. »Einen elendern Witwensitz als mein Gedachtnis
gibt es fur die Vergangenheit nicht; in diesem Brief gewolbe ver-
schimmelt alles«, sagt' ich. Sie gab mir still die Brieftasche zum
Lesen und begleitete jede Epistel, die ich durchlief, mit einem
fliichtigen Klavierauszuge nach den Regeln des reinsten Satzes.
Beim Himmel! mein spitzbiibischer Maskopeibruder und Lehns-
vetter in Ffachsenfingen hatte die Liebesbriefe an gegenwartige
Kontrapunktistin adressiert. Aus jeder Zeile blies Liebes-Tau-
wind, Hof-Stickluft und der Passatwind der Eitelkeit: wie die
30 Theologen sonst jedes Glied zum Beweise und Pfeiler einer Gott-
heit machten - z. B. Moms das Auge - Schmid das Ohr - Dona-
tus die Hand - Hamberger das Herz - Sloane den Magen1 -, so
regt ein junger Fant kein Glied, das ihm nicht den erfreulichen
Beweis eines existierenden Gottes oder Halbgottes oder Venera-
bile (er selber ist namlich der Gott oder das Venerabile) darreichte,
1 S. Derhams Astrotheologie.
49° DER JUBELSENIOR
und er schauet in sein gottliches Wesen. Unter dem Lesen nahm
ich mir vor, es ihr zu gestehen, daB hier zwei Betruger die Hand
im Spiele hatten, nicht bloB der Flachsenfinger, auch ein neuer.
Jeder Esenbecksche Brief war gleichsam der Avisobrief und
Mortifikationsschein einer neuen, richtig erhaltenen Gunstbezeu-
gung und der Bettelbrief um eine groBere: ja da sich ein solcher
Klimax doch beschlieBet, so schien es mir, es waren hochstens
noch zwei periodische Blatter moglich - und ich sah, mit tiefge-
senkter Registratur dieser franzosischen Papiere, beklommen das
kleine gemalte Tochterlein an, und es war mir, als schrie mir das 10
Tableau herunter: Papal
So hetzt einen Menschen eine einzige Luge in Irrgangen her-
ura ; es isbebenso unmoglich, mit einer Luge als mit einer Kinder-
Blatter durchzukommen: eine iiberdeckt den ganzen Menschen
mit Pockenmaterie.
»Ich nab* es schon langst gewunschen,« (sagte sie, iiber mein
Sinnen froher) »daB Sie einmal Ihre eignen Briefe wieder zu
Handen bekamen : sie sind ebenso von Wichtigkeit als die meini-
gen; wie konnten Sie aber bei solchen Umstanden meiner Bitte
immer einen stillschweigenden refus geben?« - »Wie?« (wie- 20
derholt* ich; denn zum Gliick schniiret manches schlimme Wort,
das durch die Kehle soil, wie atzendes Sublimat diese zu, und man
kann sich also nicht damit vergiften) - »Wie alt ist wohl das Hebe
— Bild da oben?« — Ich wollte diesen Geburtsschein still mit dem
Datum der letzten Epistel konfrontieren und dann sehen, was da-
bei herauskame. »Ach wozu das? - Vierzig Jahre ist es alt.« -
»Unmoglich!« sagte ich. - »Ich bin ja selber«, fuhr sie fort, »iiber
die DreiBiger hinaus - und war gerade zehn Jahre alt, als es ge-
macht wurde.«
Kurz nur sie war als Kind gemalt. — 30
»Aber warum weichen Sie wieder meiner Bitte aus? O Gott,
geben Sie mir meine Briefe wieder !« - »Hier!« sagt' ich und
konnte mich vom Schrecken iiber meine siindige Hypothese und
iiber meinen Kinder glauben (fides implicita) daran, der zum Gliick
kein Mundglaube geworden war, kaum ermannen. Sie nahm die
Briefschaften zitternd, und diese zogen die gelahmten Hande be-
VIERTER OFFIZIELLER BERICHT 491
lastend nieder, und sie sagte: »Das hab* kh nicht verdient. Sie
haben etwas, das wuBt' ich lange, mit meinen Briefen vor.«
Jetzt merkt* ich erst, wo der Knoten saB und die Auflosung
desselben dazu - Nicht meine, sondern ihre Briefe hatte sie be-
gehrt. Der gewissenlose Flachsenfinger hatt* ihr die Edition ihrer
erotischen Dokumente a us Eitelkeit, Tragheit, Flattersinn und
Bosheit abgeschlagen. Sie hatte aber die Bitte um die Auswechs-
lurig dieser brief lichen Gefangnen, aus Scheu vor fremden Augen,
hauftg unter die Bitte um seine Besuche versteckt. Ich verdacht'
10 es ihr wenig, daB sie ihre Liebes-Pfandscheine einzulosen suchte:
sie hatte auf dem Lande viel von der Hof-Kuhnheit verloren und
. sorgte, die Welt jage ihren Papieren so nach wie spanische Jesui-
ten koniglichen, und dann werde durch solche aufgehangene flat-
ternde Papierschnitzel jeder Zaunkonig verscheucht, der sie zur
Zaunkonigin, zur Frau erheben wolle. Man sah es ihr gar nicht
mehr an, daB sie fille d'honneur am Hofe gewesen, wo man die
Gtite der Weiber und des Wassers in die Geschwindigkeit setzt,
worin sie sowohl warm werden als kalt. Wahrhaftig groBe Scham-
rote ist in der hohern Welt dem echten Liebhaber schoner Kiin-
20 ste, als eine zu grelle Farbengebung, so verhaBt wie rotes Haar,
so wie auch Tolle, Spechte, Truthiihner und Magnetiseurs (oft
lauter Verwandte) die rote Farbe meiden. Weiber von Stande
nehmen wie die Baumwolle alle Farben lieber an als die rote; das
wenige Rotwildpret darunter muB suchen, eine mit dem Blute
der Schamrote leicht unterlaufene Wange durch die Rotelzeich-
nung der Schminke zu bedecken, wie Blumenstiicke die Risse des
Porzellans verhehlen. Mit den Weibern ists wie mit den Hausern,
deren Preis desto mehr fallt, je mehr die Miete derselben steigt;
in der Stadt aber wohnen mehr Familien zu Miete, und auf dem
30 Lande ist jeder ein Hausling oder Hausherr.
Ich kann es den Lesern nicht beschreiben, mit welchem Freu-
"den-Fieber ich endlich hinter Amandas Wunsche kam. Mit einer
gefahrlichen Frohlichkeit schwur ich ihr, jedes Blatt werd* ihr in
acht Tagen geschickt - die Esenbecks waren uberhaupt liider-
liche Menschen, sie mischten Papiere wie Karten und Lose, und
sie waren Freimauerer am babylonischen Turm, wenn nicht ein
492 DER JUBELSENIOR
solcher Fuchsturm selber - die Familie hatte, setzt' ich dazu, wie
der luderliche Richelieu noch ein halbes Felleisen unaufgebro^-
chener Briefe, gerade als war* ein Esenbeck ein Minister, der alle
einlaufende Briefe erbricht, die ausgenommen, die an ihn selber
adressieret sind. -
Ich gab mein heiliges Ehrenwort, ihre Briefe an mich ihr zu-
riickzuliefern, wenn sie mir meine zustelle. Sie schwankte, aber
sie entschloB sich dazu, nach einem sonderbaren Mortifikations-
schein, den ich iiber das Dagewesensein meiner Briefe anbot und
wirklich nachlieB, den ich aber hier abdrucken zu lassen bloB aus 10
Furcht anstehe, man lache. Ich muBte mich aber gewaltsam in
den Besitz der Esenbeckschen Expektanzdekrete setzen, um den
Flachsenrlnger zu bezwingen; das erotische Haberrohr, die Scha-
ferpfeife, die ich vom Flachsenfinger in Handen hatte, konnt* ich
ihm als eine zweite Famas -Trompete, als eine Spitzbuben- und
Komodienpfeife auf dem Parterre seines Liebhabertheaters vor-
halten und zu ihm sagen: »Herr! wie Sie wollen: entweder Sie
geben die Sackenbachischen Briefe heraus — oder ich promul-
giere die Esenbeckischen, und dann soil der Teufel Ihren Namen
holen.« In den Sprachzimmern der groBen Welt ist, wie in den 20
Horsalen einiger Philosophen, das Lachen das Zeichen, man sei
ein Mensch — und wer verlacht werde, der sei keiner. »Esen-
beck muB, das weiB ich«, sagt' ich.
Jede Leserin von einigem Mitleiden, die nicht gern einer Gar-
tenspinne das zitternde Bein abnimmt, kann sich jetzt meine Qua-
len und Amandas ihre denken, die ich dadurch vermied, daB ich-
ihr nicht heraussagte, wer ich war - beim Namen Jean Paul ware
sie in Ohnmacht gefallen und dann ich.
Sie sagte mir nun vertrauter, welcher Grabstein von ihrem
wundgedriickten beerdigten Herzen abgewalzet sei - wie sie nun 30
weniger furchte, daB ihr Ruf das Schicksal eines flatterndenBlatt-
chen teile - und daB sie nun Ieichter die irrigen FuBstapfen ihrer
Jugend teils zuriicktue, teils verwische. Jetzt war ich ein ganz
anderer Mensch, und deswegen schien sie mir auch ein ganz an-
derer zu sein: so sehr ist unser Urteil iiber fremden Wert das
heimliche naturliche Kind des Verhaltnisses, worin der unsrige
VIERTER OFFIZIELLER BERICHT 493
mit ihm steht. Seitdem ich gewisser war, daB ich sie nicht mehr hei-
raten muBte, bracht' ich vieles Gute, was sie hatte, leicht heraus,
und die jungen Kiele, die ich vorher angefuhlet und fur solche
erkannt hatte, womit der Amor die Fliigel der Psyche bekielt,
wuchsen offenbar, als ich dem Fittich weiter nachgrifF, aus der
Schwinge eines Engels und versprachen viel. Es kann doch wahr-
lich nicht fiir gar nichts gerechnet werden, daB sie dem Beicht-
vater und seinenBeichtkindern— und noch dazu mit einerFreund-
lichkeit, die ich noch sehe - ihr SchloB als ein Leihhaus aller
10 Mobeln auftat; ferner, was ich noch gar nicht gesagt, daB sie der
Kochin gern alle Hasenbalge und alle Aschen-Kriige des Ofens
von jeher HeB als Gnadenholzasche und Gnadenbalge, und daB
bisher kein Mensch im ganzen Dorf sich an die Arabesken und
Zerrbilder1 und Phantasieblumen ihrer AfFektation versehrte und
stieB als ein einziger Falschmunzer, der sie mehr tauschte als sie
ihn (ich nenn' ihn nicht) und der ihre Gefallsucht fur Eroberungs-
sucht) ihre Revue fiir eine Winterkampagne nahm. Eine Bemer-
kung, womit ich alles dieses noch bewahre, ist sehr trefFend, die:
daB ich das unausstehliche gezierte Wesen, das oft bloBen Novizen
20 und Inzipienten der Bildung und Leuten auf dem Lande und in
der Einsamkeit beiwohnt (indes GeselHgkeit nur konvenienz-
maBige, nicht personliche Ziererei verstattet), immer am Ende so
abscheulich nicht gefunden habe als am Anfange: der aufgelau-
fene Schaum eines lang verpetschierten Getrankes kroch bald
zusammen, und ich hatte das beste Kordial vor mir stehen. AfFek-
tation wohnt hundertmal nur auf der korperlichen Rinde (als
NachlaB schlechter Erziehung, schlechter Muster etc.), und nicht
1 Zerrbild ist die Campische Version von Karikatur. Kein Schriftsteller
wird die Campischen unver stand lichen Verdeutschungen verstandlicher
30 Termen ofter gebrauchen als ich, weil ich die Termen behalten und die
Verdeutschungen auch annehmen will. Man hat kaum Halbfarben und Halb-
tone genug; ich empfange also mit Freuden neue Viertelsfarben und Viertels-
tone. Allerdings werd' ich noch einen niedrigen stechenden kaltbliitigen
Menschen mit einer Herzkammer ein »Insekt« nennen, ob es gleich Campe
verbeut; aber ich werd' auch gern, wenn ich die Mitteltinte einzumalen habe,
daB dieser Mensch viel Schulden oder Sunden auf dem Kerbhol{ hat oder
daB er selber ein Bruch der Natur ist, mit Campe verdeutschen und schrei-
ben: Kerbtier; man passe auf!
494 DER JUBELSENIOR
im geistigen Mark, und dieser Wurm naget an den Menschen wie
der an Erbsen wenigstens den K'eim nicht entzwei; daher beide,
wenn nicht zum GenieBen, doch zum Treiben guter Friichte
taugen.
Ich komme zur Geschichte. Amanda spielte und sang alte riih-
rende Sachen, ich horte riihrend zu. Audi sarm ich mir unter den
Liedermelodien hingeworfne Lobreden auf die haufigen Blut-
reinigungen ihrer Zimmer aus und auf ihre ganze weibliche Hu-
moralpathologie des Hauswesens : denn alte Jungfrauen heiraten
die Ordnung, alte Jung- und Altgesellen die Liiderlichkeit; jene ro
sind ein ewiges Fegefeuer, Fegewasser, Fegeelement, diese ma-
chen eines notig. Ich verhalt* es nicht, ich wollte die Wunde
meines Gewissens vergeblich mit SchluBketten vernahen, oder
doch - wie man Hautwunden mit Spinnengewebe stopft - das
Bluten mit dem Spinnengewebe des Trostes stillen, daB Amanda
ja morgen bloB durch mich den unschatzbaren Anblick des Ftir-
sten und spater die Briefe erringe. Besser wurd* es mir zugeschla-
genhaben, hatt' ich mit der Liebe herausgehen diirfen, die ich
eben empfand; aber ich konnte damit neues Unheil anstiften. Das
Singstiick - worin, wie gewohnlich, der Komponist und der 20
Dichter sich wie Eheleute, ohne einander zu kennen, verbunden
hatten und zankend nebeneinander hantierten - griff mich am
meisten an, weil ich zu Amandens verjiingten Madchenbilde an
der Wand hinaufsah und mir vorstellte, das Portrat singe. Indem
ich zwischen dem jugendlichen und zwischen dem veralteten Ge-
sicht hin- und hersah, so war mir, als verglich' ich die Freude mit
dem Gram, als richtete ich in einem Dezember ohne Schnee den
Blick vom reinen blauen Himmel des Friihlings wieder auf die
leere erstorbene zerriittete Wintererde. War denn nicht der frische
Pastellstaub, den die Kunst auf den Papillonsflugel des Kindes 30
fixieret hatte, unter den groben rauhen Griffen des Lebens von
den nackten kalten Flughauten abgerieben? - O wenn vor der
Mutter dieser umsinkenden Tochter (dacht* ich, als ihr Lied ver-
Welkte entblatterteTagebetrauerte)vormalsgerade in derStunde,
wo sie das lachende gleiBende Bild ihres Kindes bewegt anblickte
und seine Hchten Augen, die zugleich genossen und hofften, und
VIERTER OFFIZIELLER BERICHT 495
den geroteten, an warmen Freudenstrahlen gereiften Mund und die-
sen ganzen kleinen Planiglob einer frohen Schaferwelt, wenn dann
vor der traumenden Mutter ein boser Genius schnell diese dunkle
verlassene Gestalt, dieses von den Blattminierern der Sorgen aus-
gesogene und gerollte Gesicht vorbeigezogen hatte und wenn ihr
neben den B lumens tilcken ihrer miitterlichen HofTnungen dieses
Blatterskelett und diese Bildernakt ungezahlter Schmerzensstiche
erschienen ware: o wie heftig wiirde sie jede mannliche Faust, die
die iressenden Giftfarben zu diesem Bilde rieb, zuriickgeworfen
10 und das unschuldige lachelnde Kind an sich genommen und' ge-
sprochen haben: »Sei frohlich, sei frohlich, Tochter, solange du
noch bei mir bist: ach du Arme bist nur in der Kindheit gliick-
lich.«
Wenn ich neben Menschen stehe, deren Erinnerung von ihrem
Garten des Lebens ein sinesischer Garten mit zu vielen diistern
Partien, voll Pfeiler mit Trauergeschichten beschrieben, voll Eulen
und voll Zypressenwalder ist, dann phantasier' ich mich in ihre
Phantasien und bringe ins Gemalde ein Gemalde, ins Schauspiel
ein Schauspiel — und dann, wenn schon die eigne Vergangenheit
20 mit einem erweichenden Mondlicht iiber den Hintergrund der
Seele aufgeht, so wirft die fremde noch bleichere und triibere
Strahlen und ist eine von der Wasserflache wiederholte, tief unten
schimmernde Mondnacht. —
Jetzt aber konnt* ich den Pinsel, womit ich bisher der Getausch-
ten die vorigen Trugbilder ausmalte, nicht mehr in Handen hal-
ten : ich schied fiir heute und sagte ihr, da noch dazu der Kapu-
ziner seine Nachtmutze iiber sich gezogen hatte1, so wollt* ich
noch, ehe der Himmel sich wie dieser bedeckte, ihn genieBen und
friiher in das Dorf als in das Bette gehen.
30 Das kiihle Souterrain des Tages, die entglimmende Eisgrube
der Nacht umzingelte mich mit ihren schwankenden Zauberge-
stalten, und das Spharen-Euphon der gestirnten Natur wurde
iiber. mir gespielt; aber das dissonierende Intervall der Reue iiber
meine heutigen Tauschungen verschmolz kein Leitton mit der
1 Eine bekannte Art Wettermannchen, die ihre Kapuze iiber den Kopf
Ziehen, eh' es regnen will.
49<> DER JUBELSENIOR
groBen Harmonie. Endlich vernahm ich auch auBerhalb meiner
Phantasien einen vielstimmigen Gesang. Er zog und fiihrte mich,
und ich HeB mich gern von ihm an das mit Fensterladen ver-
sperrte Pfarrhaus bringen, worin die sanfte musikalische Akade-
mie ihre Sitzung hatte. Durch die Ieuchtende Ladenfuge konnt*
ich die ganze, um einen Tisch gehaltene Singschule von Eltern
und Kindern und Enkeln besehen und priifen. Mein Blick reichte
sogar bis in die offengelassene Gesindestube hinein, worin die
leis' nachsingende Alithea, gleichsam abgetrennt und noch ijicht
auf die Familie gepelzt, einsam die Falltiire eines Bettisches auf- 10
hob , der wie unsere Erde zugleich den Schlaf und die Speise trug.
Ich konnte leicht bemerken, daB ihre Lippen so schwarz wie ihre
Augen waren, da sie einen Brei von schwarzen Beeren wie Pillen
erst kurz vor dem Bettegehen genommen hatte, weil sie anstand,
am Tage mit verkohlten Lippen herumzulaufen. Alles war, so
spat, noch an ihr nett und glatt, sogar der Sonnenweiser ihres
Halstuchs-Triangels zeigte noch gerade auf das Ruckgrat nieder.
Am Tische nahm ich die drei Professionisten und hinter ihnen
die iiber ihre Achseln ins Gesangbuch schielenden Weiber und
oben den Adjunktus wahr, der seiner gebiickten Mutter, die fur 20
ihn noch so spat ein heute von einem Brautpaar dieser Woche
verehrtes Schnupftuch einsaumte, den Zwirn durch das unsicht-
bare Ohr einfadelte. Den betenden musikalischen Familienzirkel
durchbrachen die kleinen, auf den wiegenden Knien entschlum-
merten und an Eltern-Herzen gesunknen Kinder, wie unter der
lauten Kirchengemeinde die taubstummen Toten liegen und
schlafen. Der Greis aber saB mit dem unverhiillten Silberkopf
allein in einem dunkeln Winkel und sang die Danklieder auswen-
dig; denn iiber seine Augen begann schon der Schleier des Todes
vorzufallen, so wie man zum totenden Boa-Upas-Baum mit zu- 30
gehullten Augen geht. Sein Haupt bog sich nicht, sein Blick
senkte sich nicht, als er taglich tiefer in die Minotaurus-Hohle des
Alters hineinging, in der der Schwertstreich des Todes ihn suchte
im Finstern: sondern er streckte nur liebend seine Hand zuriick,
um seine treue alte Gefahrtin nicht zu verlassen und zu verlieren,
und aus der reichen Erde wollt* er nichts mehr behalten als ihre
VIERTER OFFIZIELLER BERICHT 497
bekannte teuereHand. Aber sein ungetrubterfortglanzenderGeist
trug ihm wie einem Reisenden1 in den nachtlichen Hohlen einen
Spiegel vom ganzen langen durchgangnen, mit Auen und Ernten,
mit Blumen und Ahren durchschnittenen Leben vor. Nur Theo-
dosia schien sich mit lauter schweren tauben eingeschlafenen
Gliedern auf das letzte Lager zu begeben; aber ihr heiBes Herz
war wach: o in diesem Herzen - das sagte ihr Auge - hatten viele
Abrisse der idealischen Welt und dreischneidige Schmerzen und
hohe Wiinsche gewohnt, die viel zu edel waren, um einzutreffen.
10 Ach als ich dieses beruhigte Paar, das ohne Angstlichkeit das
Glockchen zur Torsperre des Lebens Ziehen horte, weil es wuBte,
daB uber den zwei Hohlen seines in Holz gefaBten Erdenstaubes
ein weiter, von ihm gesaeter, lebendiger Menschengarten sich grii-
nend ausbreite, als ich diese zwei Nach-Schopfer des verhullten
Ur-Schopfers mit der vergessenen, einsam aussterbenden Aman-
da druben verglich: so kam mir die stille Verarmte noch armer,.
ihre Rauber noch harter und alle ihre Wunden geofthet vor, und
meinen optischen Betrug, der mich starker verklagte, loschte die
verdienstliche HofFnung nicht aus, morgen aus dem Freudenhim-
20 mel der heitern Familie um mich die letzte Wolke zu treiben.
Die Dankgesange beschlossen - der Mond, der wie ein Mensch
die ersten und die letzten Grade seiner Laufbahn schneller durch-
lauft, glanzte schon weiB und rein auf den scharfen Dachern -
die Menschen waren ausgeloscht wie ihre Lichter - die Arme
druben, die noch niemand als sich ungliicklich gemacht hatte,
schloB ihr Fenster zu, und der Schein ihres Zimmers verging,
und sie selber, die wahrscheinlich einer fremden Freude nachge-
sungen hatte, fiel schweigend an die sanfteste Lage ihres Lebens
zuruck - und da mir vorkam, als fiele ihr Leben, das aufgegangen
30 war wie ein Tempely liber ihr zu wie ein Sarg: so ging ich traurig
in ihr dunkles SchloB zuruck.
1 In erhabenen Gegenden nehmen einige Reisende Spiegel, um die Reize
der zuriickgelegten Bahn zum zweiten Mai vor das fliehende Auge zu brin-
gen.
498 DER JUBELSENIOR
VlERTER HlRTEN- ODER ZlRKELBRIEF
worin die drei versprochenen Ausschweifungen gerhaclit werden
Mein Lieber!
Hier folgen endlich die drei verheiBenen Abhandlungen. Indes
steh* ich nicht dafur, daB ich nicht einmal in einem meiner neuesten
Werke oflentlichen Gebrauch davon mache. Biicher sind nur dickere
Briefe an Freunde; Briefe sind nur diinnere Bucher fur die Welt.
Ich will wie Heyne und Heidenreich die Abhandlungen Ex-
kursus nennen.
Mein erster Exkursus uber den Kirchenschlaf '1st dieser: 10
Viele wollen ihn nur auf lange BuB- und Fasttage einschran-
ken, weil nach den Arzten Schlaf Hunger und Durst und Sedes
nimmt. Ich glaube aber gerade umgekehrt, eben weil man bei
-leerem Magen am gesundesten und ruhigsten schlaft, wird das
Essen an BuBtagen verboten.
Ja Kirchenschlaf ist das erste, worein ein Kanzelredner einen
Menschen bringen muB, den er aus dem Gewissensschlafe haben
will. Denn will er Zuhorer, die hereinkommen, um sich nach acht
Tagen geistlich zu hauten - wie der Frosch sich nach ebenso
vielen korperlich ausbalgt -: so kann er ihnen den alten Adam 20
wie Kindern nicht besser als im Schlummer ausziehen, wie man
dem Dalai Lama dieNagelnurbeschneidendarf,wenn erschnarcht.
Will er seine Beichtkinder beobachten: so sagt Lavater, daB Schla-
fende am besten physiognomischen Observationen halten und
dienen. Will er wie Alexander erharten, daB der Mensch ein
Mensch sei (namlich etwas Gebrechliches): so hat er von den
drei Beweis-Mitteln, womit es jener dartat, nur eines ubrig, den
Schlaf, und er kann dem wachen Mitbruder den entschlafnen von
der Kanzel zeigen. Will er einem unbuBfertigen Schacher die
Holle recht heiB und den Teufel schwarz abmalen: so wird sich 30
dieser Donner im Nachhall des Traums um vieles verstarken, und
der Sunder erwacht getroffen und in MorgenschweiBen; so er-
zahlt auch Isibord1, daB bei einem Benediktiner die getraumte
1 Breviar. num. 26.
VIERTER HIRTEN- ODER ZIRKELBRIEF 499
Einnahme einer Purganz, die er im Wachen nehmen wollen, so
gut an- und durchgeschlagen, daB er am Morgen gar nicht notig
hatte, die rezeptierten Pillen zu nehmen. - Ein anderes ist, wenn
er eine Trauungsrede auf dem Altar halt; hier kann niemand
schlafen, der steht.
. Dieses fuhret mich unvermerkt auf den zweiten Exkursus von
Traureden.
Wenige aus den hohern Standen treten in die Ehe, ohne die
Absicht, solche nachher ordentlich, wenn nicht zu brechen, doch
10 aufzuheben; - und dennoch versaumen es die meisten im Ehe-
zarter und setzen darin (wie sie offenbar sollten, wie Rekruten in
langern Kapitulationen) es mit keinem Worte fest, wenn sie
eigentlich wieder auseinandergehen wollen. Daher laufen ebenso
viele trockne Scheidungen durch Feuer vor der nassen durch Dinte
voraus; daher die jahrelangen Martern, daher die offnen Schaden
des Herzens; daher der Henkerund seine GroBmutter. Warum
bereitet denn, wenn nicht der Strohkranzredner, doch der Trau-
redner das junge Paar mit keinem Wort auf die Scheidung vor,
die der Tod und das Konsistorium drohen? - Konnt' er es nicht
20 zum geduldigen Ertragen dieser Ehe - Wetterscheide ermahnen?
- Konnt* er nicht sagen, was der Zweck der Ehe sei, namlich der,
sie abzustellen, wie der Zuckerbacker seinem Lehrjungen die
SiiBigkeiten nur erlaubt, um ihm alle zu verleiden? Kann er nicht
wie Epiktet die Brautleute bitten, nie ihr Herz aneinander zu
hangen, sondern ans Scheiden zu denken? Ist dem Hochzeitred-
ner der Zweck einer lutherischen Ehe so wenig bekannt, daB er
vergessen kann, daB eben die Trennung unter die Unterschei-
dungslehren unserer Konfession gehort, eine Fundamentallehre,
die in unsern Zeiten der papistischen Proselyterei ein jeder eifrige
30 Lutheraner durch seinen Wandel in erhabener Schrift gleichsam
mit Punzen aussticht? - Allerdings liegt ein katholisches Land-
chen oft mitten zwischen protestantischen Landern, und dieStim-
me der Wahrheit geht ungehort dariiber hinweg, wie in ellip-
tischen Sprachgewolben gerade der kein Wort vernimmt, der
nicht an den zwei Polen, sondern in der Mitte steht; aber welche
Schande, wenn der Irrtum lauter ware als die Wahrheit, die Pest
500 DER JUBELSENIOR
ansteckender als die Gesundheit! - Ists zuviel, wenn ich von
einem Hochzeitredner erwarte,'daB er den Brautleuten nicht nur
die Gefahren einer gegenseitigen Liebe aufdecke, sondern da8 er
auch die besten Mittel dagegen an die Hand gebe? Denn die ge-
meinen sind unkraftig: gute Padagogen raten an, man sollejiing-
linge und Jungfrauen oft einander sehen und sprechen lassen,
urn ihre wechselseitige Allmacht abzuschwachen, und auf diese
Abschwachung durch Umgang wird in guten Ehen hingearbei-
tet; aber wie ist das in den weiten Palasten der GroBen zu errei-
chen, die wie die Lazarette (wegen ahnlicher Bestimmung) ge- 10
bauet sein miissen, welche nach Pringle gerade noch einmal so
viel Raum, als die Patienten darin fiillen, der Gesundheit wegen
enthalten sollen? — Kann sich denn nicht der Trauredner, gesetzt
er hatte einen schwachen Kopf, damit helfen, daB er die theologi-
schen Grunde, die gegen die romantische Liebe vor der Ehe spre-
chen, versammelt und gegen die in ihr aufstellt? Denn alsdann
konnt' er dem Brautigam zeigen, daB Liebe einem Manne nicht
anstehe, daB sie ihn so weich mache wie ein Weib, daB sie ihn
sowohl gegen die Mangel des Gegenstandes als gegen alle Vor-
teile verblende, die auf einem Scheidebriefe liegen Das ist 20
ein kleiner Predigtentwurf von einer Traurede meiner Art, und
ich schicke ihn so gleichsam wie die hamburgischen Pastoren am
Sonnabend in der Stadt herum. — —
Mein dritter Exkurs soil den vornehmen Unglauben beruhren.
Es muB auffallen, daB ich ihn gar leugne, Besterl - Man darf
nur zwei verschiedene Zeiten nicht vermischen, die vorige und
die jetzige.
Unter der Regierung Rochesters und seines Konigs - und
nachher unter der Regierung La Mettries und seines Konigs, sollte
man denken, habe reiner echter Unglaube geherrscht; man hore 30
aber weiter. In Johnsons vortrefllichem Rambler, der fur uns
fliichtige Deutsche viel zu ernsthaft ist, nab* ich gelesen, daB der
Ritter Matthias Hale^ der ein religioser guter Mann war, sich
ofTentlich fur einen Bekenner des Unglaubens ausgegeben, urn,
sagt* er, mit seinen Schwachheiten keinen Schatten auf die Reli-
gion selber zu werfen. Das ist fur mich der Schliissel zum Erraten
VIERTER H1RTEN- ODER ZIRKELBRIEF 5OI
der damaligen Weltleute. Rochester, La Mettrie und tausend
Welt- und Hofmanner wuBten recht gut, daB sie einem Adam,
Petrus und den lieben Engeln in nichts weniger unahnlich waren
als im - Fallen; aber sie hatten im Herzen ungemein viel Tugend
und Religion: das sen' ich daraus, weil sie, um solche nicht durch
ihre Handlungen zu beschimpfen, sich wie der obige Ritter Hale
gerade fiir das entgegengesetzte Glaubensbekenntnis nicht ohne
Schein erklarten. Dadurch gewannen sie noch dazu den Vorteil,
daB sie mit alien Eisen- und Rostflecken ihrer Praxis nachher ihre
10 Maske der irreligiosen Theorie beklecksen konnten, und sie er-
lebten das reine Vergniigen, zu lesen, wie die Geistlichen die
Siinden dem Bekenntnis aufluden, die den Bekenner belasteten.
An Hofen ist der Fall oft, daB man sich fiir eine Sache erklaren
muB, die man nicht anders hintertreiben kann als durch Rat-
gebungen, die sie zu unterstiitzen scheinen.
In unsern Tagen hat das aufgehort: man zeige mir einen Maul-
unchristen oder Maulchristen von Erziehung. Ein Pastor prima-
rius, ein Fruhprediger, ein Zionswachter kann tagelang ohne Sorge
mit einem Weltmann reiten, karten, sprechen: kein Wort iiber
20 die Religion wird diesem entfahren, ja er wird nur hochst ungern
die Worter Gott, Unsterblichkek, Keuschheit, Schamhaftigkeit1
auf die Zunge bringen. In England wird jetzt leicht der Test ge-
schworen, und jeder nimmt sein Abendmahl und sein Amt und
beugt die Knie vor dem einen und dem andern - es gibt keinen
Hofmann, der sich ein Bedenken machte, ein geistlicher Kurfurst
zu werden, weil er vor der Mittagstafel des neugekronten Kaisers
ein reichsherkommliches Gebet verrichten muB - oder der sich
weigerte, Konig in Polen zu werden, weil dieser den Beisatz
»der Orthodoxe« fiihren muB — ich sehe vielmehr taglich, wie die
30 feinsten Leute nach dem Ruhm, orthodox oder gar allerchristlich
von ganz Europa genannt zu werden, jagen und greifen.
Aber genug, mein Besterl Mehr als dreimal hatt' ich nicht aus-
zuschweifen. Meine Geschafte halten mich ab, Ihnen kiinftig so
1 Daher Cicero sagt, die Schamhaftigkeit werde nicht gern von einem
Schamhaften genannt; — die Keuschheit nicht von einer Keuschen, sagt
irgendeine flihlende Schriftstellerin.
502 DER JUBELSENIOR
fleiBig zu schreiben wie bisher. Noch hab* ich auf meine vier
Zirkelbriefe keine Zeile Antwort. Sind Sie krank? Leben Sie ge-
sund! Ihr
Jean Paul.
N, S. Melden Sie mir nur mit drei Zeilen, ob Sie gegenwartigen
Hirtenbrief erhalten haben oder nicht: ich richte mich darnach.
FlJNFTER OFFIZIELLER BeRICHT
Morgenmilch der Freude — Kirchgang - die funfzehn Strophen oder Stufen
der Himmelsleiter — Weissagungen — Predigten — die Landkarten - der
Buchdrucker — iiber das Schnupfen der Weiber — Goldschleien — neuer 10
Akteur — Ende mit Schrecken und Freude
Den Kunstrichtern, die ihren Eiszapfen als einen Feuermesser
an meine und andere Sonnen legen, wie Lavoisier und de la Place
aus wahrem Eise Pyrometer machen, steh* ich nicht dafiir, daB
ich mit dem Zentralfeuer, das ich in diesem Kapitel anschure,
nicht ihren Calorimetre und sie ganzlich zerstore. Ich beleidige
ihren Stolz, daB ich ihnen keine Langweile mache - denn mora-
lisch und physisch sind Ausdehnen und Gahnen beisammen-;
allein ich muB darhinter sein, daB ichmir einen ewigen Namen
erschreibe; das brauchen sie hingegen nicht. Die gelehrten Zei- 20
tungen sind, gleich den politischen, Monatskafer, namlich Mai-,
Junius-, Juliuskafer, und konnen nicht schnell genug einander
erstatten durch'Nachwuchs; ihr langstes Leben ist vor ihrer Er-
scheinung, und man kann fiinf Jahre lang von einer Rezension
sprechen, die man - erwartet: ist sie heraus, so lebt sie noch einen
Monat. So wtihlt z. B. der Maikafer unter dem Namen Engerling
als Larve fiinf Jahre unter der Erde und Saat; steigt er entpuppt
und fliegend heraus, so frisset er noch einen Monat, und dann ists
um das Kerbtier getan. - Ich hingegen bin auf eine der langsten
Unsterblichkeiten aus, da die korperliche Sterblichkeit jahrlich so 30
wachst. Man rennt jetzt so schnell durch die kurzen Jahre, daB
man kaum Zeit hat, im Laufe seinen Namen an eine Buchhandler-
tiire oder auf einen Leichenstein anzuschreiben : vom Autor und
FUNFTER OFFIZIELLER BERICHT 503
der Tugend bleibt selten mehr iibrig als der Name. Noch besser
und feuriger aber wurd' ich geschrieben haben, war' ich wirklich
dahin gezogen, wo ich mich einmal ansiedeln wollte - nach Paris :
dort hat man nicht Zeit, sich durch drei Meisterstucke zu ver-
ewigen, durch eines muB man es erringen, weil dort die ewigen
Freudenfeuer des Genusses den Lebensfaden versengen und die
Guillotinen ihn zerschneiden, besonders als Robespierre iiber das
Land mit dem Kometenschweif ging und ihnen jahrlich funf Fest-
tage und David Schirmerischen Wanzentod zuwarf, so wie der
10 Komet Whistons aus seinem Schweif Schwaden und Sterblich-
keit und funf neue Tage iiber die Jahre der Menschen schuttelte.1
Und eben diese Kiirze des sterblichen Lebens, in der man das
unsterbliche erangeln muB, sollte fiir mich (so scheint es) bei Re-
zensenten das Wort reden und es exkusieren, daB ich nicht nur so
viel schreibe, sondern auch so gut.
Um 4 Uhr lautete ScheinfuB schon die Gebetglocke und machte
ganz Neulandpreis irre und wach-denn um 5 Uhr gehorte sichs-;
aber er war selber beides und hatte so nahe am Proludium des
Jubeltags keinen Schlaf und unter dem Morgensegen keine An-
20 dacht. Meinen Kopf klingelte er auch vom Kissen ans Fenster:
es war noch nichts zu horen und zu fuhlen als der Kiistenwind
des Morgens, der die Goldkiiste der Aurora kiihlte, und nichts
ging noch im Pfarrhause herum als das Nachtlicht, wahrschein-
Hch mit Alitheen. Ich schlug mir ein Morgenlicht und setzte mich
vor meinen Dintenbock und sein Herz und streckte den Lege-
stachel des gegenwartigen Appendix aus: denn nab* ich solche
Geschichten unter der Feder, die noch nicht ganz vorgegangen
sind, so mach* ich so lange, bis sie sich begeben, Ausschweifun-
gen, Schalttage, Hirtenbriefe. Gerade als man die Fensterladen
30 aufstieB, war ich mit dem vorstehenden vierten Zirkelbriefe zu-
stande. Da die Arbeitsstube das schonste Vorzimmer in dem
Pavilion und der Sommerstube der Freude ist: so sollte ein Gast
durch eine Arbeit, es sei eine nurnbergische oder Lyoner, wie
1 Whiston beweiset wirklich, daB die zweistundige Beriihrung dieses
Schweifs das Leben kiirzer und das Jahr von 360 Tagen um 5 neue lange r
machte.
504 DER JUBELSENIOR
durch ein dissonierendes Intervall die harmonischen Grundtone
des Vergniigens heben - unser Herz verwirft so gut wie unser
Ohr (Lebens-) Fortschreitung durch Oktaven oderGeigen-Quin-
ten. Ich setze daher in jedem Sinne uber jeden prunkenden Fest-
tag einen halben Feiertag; nur muB sich die Rangordnung um-
wenden und die Feier nachmittags anfangen.
Mit dem Morgengewdlke legt' ich zuletzt das Friihrot auf mei-
ner Stirne auf, den bekannten Esenbeckschen Zodiakalschein, die
rote Zorn- und Ziindrute. Es war ein besonderes Gliick, daB ich,
da diese feurige Zunge ein wenig rechts iiberschlug, das noch 10
wuBte, nachdem ich mich schon abgewaschen hatte: sonst hatt'
ich mich mit einem linken Klinamen des Penduls nicht bloB un-
gemein lacherlich machen konnen, sondern auch verdachtig.
Dennoch sah Gobertina, als der Schonfarber vor ihrem Kaffee-
brett erschien, mir lange auf die Stirn und deren Rotelzeichnung:
»Ich weiB es recht gewiB,« (dacht' ich und sah in den Spiegel)
»der Strich flektiert sich rechts.« - Ich war heiterer als gestern, sie
auch; sie dachte an ihren heutigen Glanz, ich an meine heutigen
Verdienste. Auch war es mir von Herzen lieb, daB ihr Lebens-
Monodrama sich einem britischen Trauerspiel naherte, das, trotz 20
alles Blutens und Weinens in der Mitte, doch nicht nur einen
lustigen Prolog voraus-, sondern auch einen ebenso spaBhaften
Epilog nachschickt: ich hatte das Verdienst dabei. Gerade als wir
uns beide zum Abzug in die Pfarre anschickten, als ich schon
meinem Menschen anbefohlen hatte, creme de Bretagne von
Hampe nicht zu sparen, sondern die Stiefel und den Schwanz-
riemen tapfer zu wichsen und unter der Kirche die Schaugerichte
und die Goldschleien ins Pfarrhaus zu schaffen: so schritt Schein-
fuB herein und invitierte uns dahin. Der SchuJdiener hatte heute,
statt der Biersuppe im Magen, warmes Bier im Kopf und hielt 30
sich im ganzen fur den -Jubilar selber: die Promotion war zu
schnell, der Mann zu schwach- ach der innere Mensch schwindelt
wie der auBere, wenn er sich zu hurtig aufrichtet. Der Schulherr
ring langsam an: »An einem solchen feierlichen Tage werd* ich
aus dem hochehrwurdigen Pfarrhaus abgesandt, £w. beide Gna-
den einzuladen zu einer Tasse Kaffee, und nachher dem heiligen
FUNFTER OFFIZIELLER BERICHT 505
Wefk in dem Tempel mit uns alien beizuwohnen und zu vollen-
den. Ein wichtiges Jubelfest! ein exzellentesl - Und fiir Kirchen-
musik hab' ich in etwas gesorgt - der junge Hasler, gnadiges
Fraulein, paukt, und der Schmieds -Tobias schlagt die Orgel:
denn ich mu!3 den Takt schlagen und bin der Bassist und dirigiere
alles, weil ich die Partitur vor mir habe.« - Gobertina fragte ihn
menschenfreundlich nach der Tonart und dem Musikschliissel im
Pfarrhaus; er versetzte: »Jubel hinten und vorn! Aber freilich die
Pfarrmamsell (Alithea), die greint erbarmlich! Mamsell, sagte ich
10 heute zu ihr, es gibt ja alte Jungfern, die noch immer auf ihren
Mann aufsehen: warum bricht denn einem so jungen Blut wie Ihr
das werte Herz? — Und dann sagt sie allemal: sie verliefie sich
gern auf mich, ich trostete.«
Der Schuldiener und -meister harrte auf unsern Mitgang: wir
traten ihn an, nachdem vorher das Fraulein einen blonden weiB-
farbigen Fronersbuben als GroBalmosenier und Kollator ihrer
milden Stiftung eingesetzt und ihm eine papierne Armenbuchse,
mit einem Pfennigkabinett gefullt, gelassen hatte, damit er mit
dem Gelde das Bettelvolk dotierte unter der Kirche.
20 ^, Der Schulherr entsprang uns am Bache in sein Haus, er sagte,
er miisse auf den Turm laufen, um herabzublasen. Ingenuin kam
uns im Pfarrhaus entgegen, dessen Huhnerviehe und Hof hunde
der Hof verboten war, damit die Beichtkinder leichter aus- und
eingingen. Durch die Sternbilder froher neugieriger Enkel-Grup-
pen kamen wir endlich ins Zimmer vor den im bunten Hof aus
Kindern strahlenden Sonnenkorper neben seiner blassen Luna.
Feierlich lachelnd, aber mit einer abwesenden und an hohern
Gedanken hangenden Seele empfing uns der Greis, und er machte
alles um sich her so ernst, daB ich nicht begriff, wie der Petschier-
30 stecher einen Kuchentriangel anbeiBen konnte, und mir war, als aB'
er in einem Kirchenstuhl. So sieht, sagt* ich zu mir, ein unerschiit-
terlicher Freund aus! Diese breite gewolbte Brust wankte nie am
geliebten Herzen, dieses dunkle, aber scharfe Auge schlug sich
nie beschamt nieder, diese steilen Augenknochen sind das steile
hohe Ufer eines tiefen, aber hellen Sinnes. Diese Gestalt hat ein
Mann, sagt' ich, der im magischen Kreise der Tugend, ohne auf-
506 DER JUBELSENIOR
zustehen, fortkniet, wenn die gaukelnde Nacht ihm mit iiberren-
nenden Wagen und morderischen Larven droht. Die zweite Welt
hatte ihn mit der ersten befreundet, und das Alter buckte seine
Seele, mehr wie sonst die Jugend, nach den letzten Blumen der
Erde nieder. Sein Arm und sein Herz hatten ihn mit dem groBen
festen Land,hinter dem Leben und hinter dessen Fluten so ein-
heimisch und vertraut gemacht, daB er sich jetzt wie der Demo-
kritus vorkam, der achtzig Jahre aus seinem Vaterland wegge-
wesen, um Kenntnisse einzutragen.
Nur er verdiente die funfzigjahrige Liebe seiner Lebens-Genos- 10
sin : er war ihre erste Liebe gewesen und wurde jetzt ihre letzte,
bloB den Zwischenraum hatte die mutterliche erfullt. Jetzt da ihre
Sorgen geendigt und ihre Kinder gesegnet waren: so kam sie im
stillen Nachsommer des Lebens mit der Herbstrose der erneuer-
ten Liebe an die unvergeBliche Brust zuriick und driickte im
Gatten alle ihre Kinder ans Herz; bloB von ihren zwei Tochtern,
die der Tod in seinen eisernen Armen hielt, wandte ihr innerer
Mensch die weinenden und liebenden Augen nicht ab. - Die
Morgenuhr ihres Lebens hatte den Schatten auf schwarmerische
Stunden, auf den Blumentau siiBer Tranen, auf Morgentraume, 20
auf iiberirdische Hoffnungen geworfen, und ihre Seele war em-
porgestiegen, um auf das feme Grab herabzusehen, das noch
nicht geofTnet ist: jetzt da die Abenduhr vor der ebenso tiefen
Sonne einen ebenso langen Schatten wie am Morgen und auf die
ZifFern desselben Namens wirft, jetzt riicken die gefarbten Schat-
ten der alten Vergangenheit wieder voruber, aber in Heiligen-
bilder verkehrt, und sie schmachtet nach der Sargmuschel unter
dem Meer, in der ihre Trdne, namlich ihr Herz, zur festern Perle
reift, und die Seufzer der ersten Tage voll Liebe wachen als
Gebete auf. 30
O so soil es euch auch sein, geliebten Freundinnen * *, wenn
die Nachmittagsstunden des kurzen Namenstags eueres Lebens
ausgeschlagen haben ! Frei, weit und klar blicke abends euer Auge
um sich, wenn das Leben gelichtet und entblattert ist, wie man im
physischen Herbste weiter und mehrere Dorfer sieht, weil das
gesunkne Laubwerk keine mehr verbauet! - Ach es ist keine
FUNFTER OFFIZIELLER BERICHT 507
unter euch, die ich nicht oft in den Stunden der verheimlichten
Ruhrung mit der Hoffnung angesehen habe: »0 wie zauberisch
werden einraal diese Tage zu deinem langsamern gelahmten Her-
zen umkehren ! O wenn deine Lebens-Friihregen davongezogen
oder herabgefallen sind, wenn dein Himmel und dein Abend blau
iiber dir ruht und die letzte Gewitter-Wolke erkaltet ist, wenn
dein Weg durch die fliichtigen Freuden nahe an der ewigen ab-
bricht, dein Flug durch die n beweglichen Himmel am festen1:
so werden die Verklarungen deiner Jugend von neuem entglim-
10 men und die jugendlichen Erhebungen deines Herzens die ver-
altete Brust bewegen. O wie weich, aber nicht wund wirst du
jeden Fruhling besuchen und wirst sagen: willkommen, schone
Zeit, jetzt erinnerst du mich nicht wie sonst an den stummen
siechenden Herbst des Lebens, sondern nur an den Fruhling, den
ich verlebt habe, und an den schonern Fruhling, der mir nie ver-
bluht.« ...... Und dann wenn sie sanft weinend und traumend vom
Spaziergange nach Hause kommt, so fall' ihr dieses Blatt in die
Hand und ennnere sie weicher an den Freund ihrer vorigen er-
habnen Stunden, und sic leg* es hin, von hohen Erinnerungen
20 innigst bewegt, und schaue die stumme Vergangenheit an mit
groBen warmen Tranen nicht nur der Wehmut, auch der Freu-
de!-
Alle Gesichter der Sohne schmuckte und verjiingte eine feier-
Hche Freude und eine erneuerte Liebe: nur die bange Alithea
verbarg sich mit ihrem weinenden Herzen unter einsame ent-
fernte Geschafte. Die Sohne - ausgenommen Ingenuin, dem die
Nachfeier des Amts naher als die der Hochzeit lag - wurden
durch die schone Nachkirchweih des elterlichen Vermahlungs-
festes warmer und dichter an die ehrerbietige Empfindung ihres
30 Ursprungs und ihrer kindlichen Pflichten geriickt, und die Er-
wachsenen wurden zu hiilflosen dankenden Kindern verjiingt.
Und aus demselben Herzen stieg die elterliche und eheliche Flam-
me neben der kindlichen auf: die Silbervermahlung der Eltern
machte ihnen ihre Kinder und ihre Weiber Heber und zeigte
1 Die alten Astronomen lieBen die Planeten und Sonnen von 1 1 Himmeln
drehen, der zwolfte (das Empyreum) stand fest.
508 DER JUBELSENIOR
ihnen auch weit draufien im Alter, mitten unter dem Auskehrig
und den Scherben der Jahre, einen reparierten geputzten Trau-
altar.
Endlich fing die bunte Reihe den frohen Kirchgang an. Ich sah
mich unter dem Ziehen drauBen vergeblich nach dem ausgehenk-
ten Gliede, das aus dieser begliickten Wesenkette fehlte, urn, nach
AHthea; und ich sah die Zuriickbleibende einen Schritt vom Fen-
ster mit freudigen Augen, deren rinnende Tranen sie zu trocknen
vergaB, und mit zusammengelegten, gleichsam zum Gebete fiir
alle Geliebte gefalteten Handen stehen, und als das Gelaute an- ic
fing, wurde ihr der Schmerz oder die Freude zu schwer, und sie
wandte sich urn.
Auf dem Turme wurden alle Glocken und auf dem Chore alle
Orgelregister gezogen - und aus dem Schalloch zielte und schauete
ScheinfuB als Hornist mit einem Parforcehorn in die heraufstei-
gende Sonne hinein (er wollte vergeblich unter dem Blasen nie-
dersehen), und innen neben dem Glockenstuhl riihrte zu seinen
FiiBen sein Ripienist eine schwache Pauke. Die geputzten Enkel
kamen zuerst, dann die Kinder mit ihren Vermahlten und dann
Vater und Mutter, und die zwei Hinterrader wurden von dem 2o
Freudenmeister und dem alten Fraulein formiert,und beide mach-
ten als das einzige Zolibats-Paar einen erbarmlichen Absatz. Meh-
rere Beichtkinder gingen in einiger Entfernung gleichen Schrittes
mit den ordentlichen Kindern; aber die meisten hatten sich am
Kirchentore angelegt und angehauft, und das rote Meer lief aus-
einander, um den Kindern dieses Israels den Durchgang zu las-
sen: das hohe unvermahlte Paar sah wie der nachsetzende Pha-
rao aus. Ich habe meine guten Griinde, anzufuhren, daB ich unter
der Jubelpforte einen scharfen Blick auf die gedruckte Liedertafel
tat und daB ich auf dem einblatterigen Register den stahlernen, 30
wie an ein Abcbuch gebundnen Griffel, den spitzen Zeigefinger
des jedesmaligen Liedes, heute in dem bekannten »0 daB ich
tausend Zungen hatte« eingestochen sah, ein langer Gesang von
15 langen Strophen.
In Sackenbachs Kirchenloge war sowohl aus Hof lichkeit ge-
heizt als des Septembers wegen, iiber den die Romer wie iiber eine
FUNFTER OFFIZIELLER BERICHT 509
zweite Venus den Vulkan zum Herrn erhoben. Unter den Vor-
erinnerungs- und Initialliedern und Ermahnungen niacin* ich im-
geheim den Flachsenfinger Esenbeck und Amanden lacherlich
und mehr als einen Hof. Indes der mittlere und niedere Stand die
Surpluskasse, die Verlagskasse der Menschheit ist, gleichsam das
Schiffswerft des politischen Scruffs: so ist der obere die wuste Re-
gion, der Brachacker der Menschheit und weiset wenig andere
Kinder auf als moralische im Handeln oder physische aus Alter.
Doch ist es billig, auf der andern Seite auch einzuraumen, daB
10 ein Hof einem schonen englischen Garten, worin keine Baume
gelitten werden, die etwas tragen, naher komme als einer vollen
Kernschule; und daB iiberhaupt die Menschen den Birnen glei-
chen, von denen die Obstgartner bemerken, daB gerade die Kerne
der feinsten nicht aufgehen, aber die der Holzbirnen gern.
Die betende Alithea kam nicht aus meinem Kopfe und zum
Ungliick nicht in die Kirche, oder vielmehr zum Gliick. Ich scha-
me mich nicht, es zu berichten, daB ich aus der Kirche hinaus-
wollte - und es auch tat -, urn mit der Guten ein verniinftiges
einsames Wort zu reden. Es war mir freilich so gut bekannt als
20 einem, daB nicht nur das 24.Kapitel des vierten karthagischen
Konziliums1 jeden in den Bann tat, der unter der Predigt heraus-
lauft, sondern auch der Pfarrer, der sie halt. Aber ich konnte auch
von den Karthagern und den Predigern fodern, daB sie Vernunft
annehmen und bekennen, etwas ganz anders sei es, wenn einer
nur aus dem Hauptlied lauft, um vor dem Kanzellied wieder da zu
sein. Und das war mein Fall. Das Lied »0 daB ich tausend Zun-
gen hatte« war lang, wenn mans durchlas, geschweige durchsang.
Es war ohnehin vorauszusehen, da ScheinfuB jede Strophe um
einen Ton hoher anstimmte, daB man sich mit diesem crescendo
30 wie Glaser auseinanderschreien musse. Da es noch dazu keinen
ersten oder zweiten Sanger gibt, der nicht besser singt als ich, der
gleich dem Papagei mehr ein Sprach- als Sangvogel ist, und da
ich iiberhaupt nicht so lange uber eine Zeile denken kann, als man
an ihr singt (daher les* ich allezeit das Lied aufmerksam voraus
durch und hore still der unverstandlichen Gemeinde zu) : so mar-
1 Semi. Sel. capita.
5IO DER JUBELSENIOR
schiert' ich frei aus der Loge ins Pfarrhaus und wollte als Para-
klet mein Trostamt antreten.
Alithea hatte durch die offnen Fenster eine stete Kommuni-
kation mit der kirchlichen Singschule unterhalten, um leise em-
zufallen. Ich fiel auch ein, aber ins Haus. Ich sagt' ihr sogleich
(vor Schrecken arbeitete sie fort und stark), ihre Augen voll Tra-
nen, die ich unter der Prozession gesehen, hatten mich herge-
bracht, weil ich wuBte, ich konnte ihr unter dem Hauptliede
einige davon nehmen und trocknen. »Christus hat«, sagt* ich,
»(nach Robert Holkoth) in seinem Leben siebenmal geweint; ich m
weiB leider, daB Sie es in einer Woche ebensooft getan, an jedem
Tage einmal. Aber Fraulein von Sackenbach hat sich Ihrer ange-
nommen, und Sie haben groBe Freunde in der Residenz, wovon
hier einer zu stehen die Ehre hat.« Ich hatte mein neglige raffine
darum gegeben, hatt' ich ihr zersprungnes Herz aus dem Brief-
schwerer und Prefibengelderdriickenden Vexier-Vokationmitder
Nachricht der wahren ziehen diirfen; aber der Fiirst litt es ja
nicht. Etwas tat ich doch. Ich bat sie, mir zuzutrauen, daB ich auf
Traume wenig hielte, und mich nicht fur aberglaubig anzusehen,
wenn ich meinen Traum in der vorigen Nacht nicht ganz ver- 20
wiirfe. »Es traumte mir,« sagt' ich, »die heiligen drei Konige
waren ins Pfarrhaus gekommen und hatten Gold hingelegt und
Hochzeitmusik aufgespielt und gesungen: >Sie darf nicht fort,
sie soil nicht fort.< Auf solche Nachtwinde der Seele gibt sonst
wohl niemand weniger acht wie ich; aber das werden Sie, Made-
moiselle, so gut wissen wie ich, daB alles, was man in einem
Hause traumt, worin man das erstemal schlaft, wunderbar ein-
trifft.« - Vor groBen Entscheidungen des Verhangnisses ergreift
alie Menschen der Aberglaube: ich ersuchte sie um ihre Hand zu
einer kleinen chiromantischen Visitation und Obersicht. Ich schlug 30
die linke aus und bestand auf der groBern - das ist die rechte bei
Leuten, die damit an groBern Tischen arbeiten als an Spieltischen -,
•weil ich alle Zuge, woraus etwas zu nehmen ware, sagt' ich,
lieber mikroskopisch und entwickelt studierte. Ich hatte nicht
lange in die hohle Hand und deren prophetische Handzeichnung
geschauet, als ich Alitheen mein Erstaunen iiber diesen Finger-
FUNFTER OFFIZIELLER BERICHT 5 1 1
kalender der Zukunft, iiber diese auf der Chaussee des Lebens
Weg-weisende Hand nicht recht mehr verhehlen konnte. »Gut,«
(sagt' ich vor mir hin unter dem Examen und Tentamen) »der
Berg Jovis, der Berg Veneris und selber Mercurii haben ihre Hohe
— aber wahrhaftig Ekrenlinien von dieser Lange kamen mir selten
vor, Ihre lauft iiber den Ballen heraus — und gerade so lang ist
allezeit bei Madchen die Gliickslinie.« Ich schiittelte freudig den
Kopf und hielt ihr meine Hand hin, damit sie darin meine elende
kurze Wolle von Gliicks- und Ehrenlinien vergHche mit ihrer
10 langen: »BloB die Lebenslinie« (setzt* ich dazu) »zleht sich auf
meiner Rechten ungemein weit aus; das kann aber ebensogut
bloB die Schriften, die ich damit mache, als mich selber bedeuten.«
Ich sah nach ihrer Heiratslinie: »Sie haben sich heute verlobt?«
fragt' ich. Sie schiittelte. »Unmoglich« (sagt* ich) — »die 12
himmlischen Interpunktionszeichen der Hand setzen hier recht
deutHch die Verlobung auf den 1 8ten September, und den haben
wir.«Sie beteuerte Nein. »Nuri,« (sagt* ich kalt)»er ist noch nicht
vorbei; denn der Verlobung entkommen Sie wohl heute nicht. «
»Ich kann es gleich heraushaben«, fuhr ich fort und ersuchte
20 sie, den Ring, den ihr bekanntlich der Verfasser der Pseudo-
Evangelien und -Vokationen gemauset, an ihre rechte Hand zu
stecken. Darauf zog ich sogenannte chiromantische Tempera-
mentsblatter hervor, die, wie bekannt, das Temperament dessen,
in dessen Hand sie liegen, durch Aufrollen bezeichnen; je feu-
riger er ist, desto mehr kriimmt sich das Blatt. »Ein solches Zau-
berblatt, Mademoiselle,** sagt* ich, »ringelt sich immer mehr
zusammen, je mehr die Hand, worein man es breitet, sich bald
verloben und beringen will.« Ich legtJ es vorher in meine halb er-
frorne: das Blatt warf sich kaum so krumm, als ihre Augenbrau-
30 nen waren; »ich werde noch«, sagt* ich, »zu passen haben auf ein
hohes Beilager.« Ich driickte das sibyllinische Blatt in ihre von
der Arbeit geheizte Hand: es rollte sich wie Rolltaft oder eine
Schlange zusammen. »So sah* ichs noch nie zusammenfahren«,
sagt' ich - »es stehen Ihnen heute die wichtigsten Dinge bevor,
aber auBerst liebe und traute.;* Ihre Augenwimpern waren ohne-
hin von jeher Saussuresche Feuchtigkeitsmesser aus Haaren; auch
512 DER JUBELSENIOR
die Sonne des Gliicks und der Freude zog bei ihr Wasser, und
dieses Morgenrot und der vorige Nebel muBten in warme Trop-
fen zerrinnen.
Sie war nur vom heutigen Tage ubermannt: sonst hatte sie alle
meine Weissagungen mit einem kalten Schweigen bestritten. Ihre
Seele und ihreZunge glichen der hebraischenSprache,in dernicht
einmal ein unreines Wort vorhanden ist - Theodosia war, was
in Niirnberg ein Patrizius ist, die Kronenhiiterin der Reichsklein-
odien ihrer Seele — ; sie war gegen alle Menschen weich, und ihre
Armenbiichse hatte statt der engen Bresche eine offne Tiire, und ro
sie hatte gern (das sah ich heute unter dem Liede) dem bleichen
Handwerkspurschen nicht bloB die Almosenkasse, sondern auch
die Almosenbuchse dazu gegeben und ihm den Opferstock ge-
opfert; — nur hatte sie den einzigen Fehler, daB ihr nicht alles zu
gkuben war; sie brauchte vor dem andern nichts lieber als einen
Schleier^ einen Rduckopferaltar und ein Horrokr. Die Madchen
halten die Lebens-Partie oder den bal pare und depare des Le-
bens fur eine Freiredoute und gehen, wenn nicht in einer mas-
que en chauve-souris oder in einer noble masque, doch mit einer
auf dem Hute oder am Armel herum und schreiben einem oft kein 20
wahres Wort - in die Hand. Sie war indessen (wie es meistens ist)
ebenso sanft als — falsch nicht sowohl als wie scheu. Sie trauete
meinem Temperamentsblatt mehr wie meinem Gesicht, und mei-
nen Weissagungen mehr als meinen Schwiiren. Denn ich leistete
einige der letztern ab, daB es ihr wohl gehen werde und daB mir
das von Herzen lieb sein-wurde.
Es kann nicht mit Stillschweigen iibergangen werden, daB das
Liederbuch aufgeschlagen auf der Fensterbriistung lag und daB
ich von Zek zu Zeit wie auf ein ZifFerblatt hinsah, um zu wissen,
wie weit sie drinnen dieses hohe Lied fur mich, dieses canticum 30
canticorum, schon herabgesungen hatten. Vom Mandel Verse war
schon die Halbscheid fort - beim 15 ten muBt' ich wieder in der
Loge stehen, weil der Jubelsenior die Kanzel heraufkam und sich
gegen die Herrschafts-Empor verbeugte - ich hatte gewiinscht,
der Liederdichter hatte diesem Gelegenheitsgedicht die maBige -
Lange eines Heldengedichts erteilt.
FUNFTER OFFIZIELLER BERICHT 513
Wie gesagt, ich tat Haupteide, sie werde heute noch jubilieren:
ich unterstiitzte alles noch mit einigen Vernunftschlussen in Festino
und Ferison und gab ihr zuletzt ohne Bedenken mein Wort, ich
harrete so lange in Neulandpreis aus, bis ich sie glucklich sahe
statt reisefertig, und beteuerte, ich bliebe, urn zu beweisen, daft
sie nicht ginge.
Die Neulandpreiser singen sich offenbar wie erfrorne Kurrent-
schiiler oder Iaufende Leichensanger mit solchen kursorischen
Galoppaden durch ihre Hauptlieder, da8 sie jetzt schon — denn ich
10 lieB mein Opernbuchelchen nicht aus den Augen wahrend meiner
hohen Oper - den i2.Versikel anstimmten. Der i5te zog mich,
wie ein alter Zaubergesang den Mond , aus meinem Himmel herab :
Mit ihren langen Augenwimpern zog sie mich gefanglich ein
wie ein Federbuschpolype seinen Wurm: ich wurde von diesen
schwarzen Spitzen durchschossen, sooft sie zuckten, es waren
Froschschnepper fur mich. Dea war erstlich ungemein hiibsch,
und zweitens sah ich sie nie mehr allein unter einem Hauptlied:
das war ebenso klar.
Meine Sing- und Konzertuhr im Tempel driiben schlug 13,
20 namlich den 13 ten Vers. »Verdammt!« sagt' ich halb laut. Sie
sah mich an. »Sch6n, verdammt schon ! mein ich,« (sagt* ich) »ich
singe ihnen driiben innerlich nach, jetzt haben sie den Leibvers.«
»Drum reiB* ich mich jetzt aus der Hohle.«
Ach mein tausendjahriges Reich, d.h.mein tausendaugenblick-
Hches, stand noch aufden schwachen zwei FiiBen von zwei Ver-
sikeln, und dann war der hohe Fest- und Pfingst-Sonntag in einen
matten Fastensonntag umgesetzt. Ich driickte ihre Hand und
sagte eilig: »sie solle nur die groBten Beweise meines Anteils und
der Wahrhaftigkeit, die sich daraus ergibt, abfodern; ich ware
50 erbotig.« Sie stotterte und sagte : »sie wiiBte gar nicht, womit «;
sie wolhe gar hinaussagen: womit ihre Wenigkeit eine solche
kosmopolitische Menschenliebe von einem Flachsenfinger Herrn
und maitre de plaisirs verdienet hatte. Aber ihr mangelte Diktion.
Jetzt lieB sich die Leichenmusik und der Konduktgesang des
514 DER JUBELSENIOR
14. Versikels horen, und nun war weiter nicht mehr zu passen: in
meinem erotischen Siechkobel lagen zwei Kranke, die ich her-
stellen sollte, Alitheen vom Stammeln, den Freudenmeister vom
Reden. Es war mir bei meiner pragmatischen Aufmerksamkeit in
der Staatengeschichte gar nicht entgangen, womit sonst dieoster-
reichischen Erz-Herzoge leicht das Stammeln heilten - nicht
durch Beriihren wie die frankischen Konige, sondern — durch
Kussen. Der Minutenzeiger der poetischen Zeilen lief, der Sekun-
denzeiger der Silben flog - kurz ich eilte und prophezeiete : »Ge-
rade so viele (zahlen Sie selber) gibt Ihnen heute noch ein Brau- 10
tigam.«
»Ja wenn der Mund wird kraftlos sein,
So stimm' ich doch mit Seufzen ein.«
Diese zwei letzten Zeilen des i4ten Versikels sucht' ich bei ihr
so zu skandieren, daB ich ihnen einige poetische Harten benahm.
Dann ging ich in die Kirche - und das Fraulein von Sacken-
bach war gerade vom Singen aufgestanden, um vor dem Jubilar,
der noch gebiickt an der Kanzeltreppe betete, sich zu einem Wech-
sel-Biickling zuzuriisten.
Mir entfiel vorhin ein Wort vom zweiten Patienten, von mir. 20
Ich meine namlich ganz ernsthaft so, daB ein Mensch, der unter
dem Hauptliede »0 daB ich tausend Zungen hatte« den Wunsch
auBert: o daB ich tausend Lippen hatte, nicht besser herzustellen
ist, als wenn er letztere brauchen darf, wie er nur will. Hundert-
mal hatte eine hofFnungslose Liebe abgewendet oder die Ver-
wandlung (der Anthropomorphismus) der Liebe in Freundschaft
vollendet werden konnen, wenn die Geliebte nicht lauter ver-
botene Friichte, verbotene Blatter, verbotene Zweige gehabt, ich
meine, wenn die Freundin dem Freunde nicht das versagt hatte,
was ihm ein Freund gegeben hatte, wenn sie nicht auf Kusse und 30
Worte einen Wert geleget hatte, der einen groBern in Gefahr
setzte. Aber leider versagen die meisten nur darum zu viel, weil
sie entweder furchten oder wiinschen, nachher zu viel zu geben.
Ich sah, der Jubilar war auf der Kanzel so einheimisch wie in
einem GroBvaterstuhl, und er verrichtete darauf nur seine Haus-
FUNFTER OFFIZIELLER BERICHT 5 I 5
andacht. Er legte sich unbefangen seine Kanzelbibliothek zurecht
und sah unter den Galerien herum, was drinnen sei, und zog die
Brille aus dem Futteral zum Lesen. Dann nng er an. Ich hatte
vorausgesetzt, er werde sich nach dem Kirchenrat Seiler richten
und seinen Affekt nach der Menge der anwesenden Auskultanten
steigern und ihn mit jedem neuen Kopf, der nachkam, schiiren1;
aber sanft hob er an, und heiter und sanft ging er weiter. Im
Evangelio des iyten Trinitatis, das vom Wassersjichtigen handelt,
lag seine Proposition von der Demut des Menschen, wenn man
10 es ein wenig enthiilsete und abschalete, wie in einem Kernhaus
versteckt. Ich hatte wieder falschlich prasumiert, er werde bloB
von seinem Jubel handeln: im ersten Teil vom Amtsjubel, im
zweiten vom Silberjubel, im Elenchus vom Adjunktus, nachdem
er vorher im Eingang den Sonnabend beruhret hatte. Aber er
HeB, wie gesagt, sein Ich an seinen Ort gestellt, der (nach Som-
mering) der Gehirnhohlen - Weiher fur diesen FluBgott ist. Der
Adjunktus saB neben der Mutter im Pfarrgitterstuhl und fing mit
der Falle seiner aufgespannten Gehorknochen jedes Wort des
Alten weg, nicht als Kritikus, sondern als gehorsamer Pfarr- und
20 Beichtsohn : ich bin iiberzeugt, manche Predigt des Alten besserte
ihn aus, ob er sie gleich beurteilen konnte. Ja da der Jubilar im
zweiten Teile sich wie ich zu einem kleinen Extrablatt und Hirten-
brief entschloB und mit dem Laodizeischen Konzilium und mit
Augustin gegen das unschuldige Sonntagstanzen einen geistlichen
Kriegstanz machte : so bemerkt* ich nicht, daB der Sohn den Kopf
geschuttelt hatte, ob er gleich in seiner Kritik der kirchlichen
Liturgik nach kantischen Grundsatzen, als Waffentrager und
Brautfuhrer der Schonen, natiirlicherweise auch der Vorbitter
und Protektor ihrer Tanze geworden war. Auf der Kanzel nahm
30 der Sohn seinen Vater fiir den heiligen Vater.
Unter dem Kanzelliede uberlegt' ichs hin und her, ob ich mich
gleichgultig stellen sollte und frivol als Freudenmeister Esenbeck.
Anfangs schien viel dafur zu sein : ich war ein Mann aus der Resi-
1 Seiler sagt in seinen Grundsatzen zur Bildung kunftiger Volkslehrer
S. 109: je mehr Leute in der Kirche sind, desto heftiger darf der Affekt
werden, worein der Volkslehrer gerat.
5 l6 DER JUBELSENIOR
denz, und fur mich Schick t' es sich wenig, Religion zu zeigen. Die
ersten deutschen Kirchen standen in Stadten auf- daher der Na-
me Heiden, pagani (von pagus, Dorf) herkommt -, mithin fallen
sie in jenen friiher wieder ein. In Norden1 wurden die Fiirsten
und GroBen friiher als ihre Sassen Christen (in Siiden war der
Weg umgekehrt) ; folglich konnten jene friiher reifen zum Abfall :
ich gedenke nicht einmal, daB die Religion wie jedes Geschopf
keinen bessern Wohnort haben kann als seinen Geburtsort, und
der ist die WiisteS Aber genauer betrachtet, schien eben dieses ein
Motiv zu sein, warum ich mich zwar nicht aufmerksam, aber 10
ebensowenig taub anzustellen verbunden war, sondern bloB kalt.
Denn der gute Ton fodert, daB man von der Religion wie von
sich weder etwas Gutes noch etwas Schlimmes sage; ja man wiirde
den Verdacht, daB man welche hege, eher bestarken als vermei-
den, wenn man sie nicht mit derselben hoflichen Achtsamkek
betriebe und beschauete, die man den Silber-Sponsalien des Doge
mit dem polygamischen Meere oder einer fiirstlichen FuBwasche
an griinen Donnerstagen widmet. So behalt auch jeder Weltmann
Hochzeit und Taufe bei, ob er gleich weiB, wo er seine wahre
Frau und seine wahren Kinder zu suchen habe. Ich konnte mich 20
also darauf verlassen, man werde meine Aufmerksamkeit auf den
Jubilar fiir nichts Schlimmers als die gewohnliche verbindliche
Gleichstellung eines Weltmanns nehmen, der sich bewuBt ist,
iiber die Religion hinweg zu sein, und der also den Schein der-
selben nicht angstlich meidet.
Doch darf ich hier eine sonderbare Besorgnis nicht bergen:
wenn in Leipzig 1786 Schillers »Rauber« eine junge Knappschaft
versuchten, sie nachzuahmen und sich mit den Spolien nach Eng-
land reisefertig zu machen; - wenn in diesem England 1772 die
Friedensrichter der Grafschaft Middlesex den groBen Garrick 30
baten, mit den Reprasentationen von Gays Bettler-Oper abzu-
brechen, weil sie neue Diebe erzoge; - wenn sogar der beriihmte
liiderliche Schauspieler Baron in Paris, sooft er einen Heiden von
1 Olaf Dalins Geschichte des Konigr. Schweden. I. 372.
a Herder nennt die arabische Wiiste die Geburtsstatte der drei beriihm-
testen Religionen.
FUNFTER OFFIZIEIXER BERICHT 517
Corneille gespielet hatte, sich halbe Wochen lang auBerstand ge-
setzt sah, seinen parisischen und theatralischen Ausschweifungen
vorzustehen; wenn das alles und mi thin die allmachtige Reaktion
des Scheins auf das Sein so unbezweifelt ist: so kann niemals,
diinkt mich, ein Mann zu belachen (wohl aber zu beherzigen)
sein, der Hofen und Residenzstadten die Frage vorlegt, ob sie
gewifl sind, daB religiose Anstellung nicht am Ende in Wahrheit
umschlage. Ich gebe diesen Fall fur nichts aus, als was er ist, fur
eine bloBe MogHchkeit.
10 Aber zuruck! — Jedoch noch ein Wort iiber diese wichtige
Sache sei mir zugelassen: hangen nicht die Grofien, sogar die
lutherischen, gerade dem schwersten Fundamentalartikel aus dem
Papismus an, namlich dem iibermaBigen Fasten? - Ja fasten sie
nicht in den lichtesten Zeiten gef adeso, wie mans in den schattig-
sten tat? Der Grofie im Mktelalter namlich tat das Geliibde eines
dreijahrigen Fastens und erfullte dasselbe in ebenso vielen Tagen,
indem er bloB 700 Menschen statt seiner fasten lieB. Lassen nicht
gerade die GroBen, sogar die Fiirsten, die doch genug zu essen
haben, jahraus jahrein fur sich fasten durchs Lumpenvolk, und ist
20 wohl ihre Enthaltsamkeit von der iibertriebnen einiger Juden,
die in der ganzen Woche nur einmal, namlich am Schabbes essen,
weit entfernt, wenn sie ihre Fasten-Plenipotenziars (wozu wohl
gar jene Juden mit gehoren) nur am Sonntag essen lassen? -
Zuruck! - Ich entschloB mich also, meine wahre Aufmerksam-
keit auf den guten Jubelgreis hinter eine scheinbare zu verstecken.
t)brigens blieb mir noch allemal in dem Fall, daB mich der Greis
zu sichtbar ruhrte, namlich bis zu Tranen, unbenommen, den
Kopf auf den Arm zu legen und zu tun, als sank* ich in Schlaf.
Gobertina wiirde mich des scheinbaren durch ihren wahren
30 iiberhoben haben, wenn man sie in Ruhe gelassen hatte, Kaum
war der Larm des Kanzelliedes gedampft, so kam der Wecker des
Klingelbeutels in die Loge. Daher sollte man diese Personen-
steuer des Christenschutzes - wie es einen Judenschutz gibt -
schon unter dem Hauptliede oder wie die Kalvinisten an der
Kirchtiire zu erlegen haben, um nicht in der Predigt beunruhigt
zu werden wie Yo rick durch Stationsgelder in seiner Chaise. Kaum
5 l8 DER JUBELSENIOR
war dieses Wandel- und Sturmglockchen hinaus und im dritten Kir-
chengeschoB, so wurden dem Fraulein, das vor Getose die Augen
kaum schlieBen konnte, diese wieder aufgezogen durch einen ras-
selnden Wagen, der durchs Dorf so heftig donnerte, daB ich dachte,
der Fiirst sitze darin, weil Fiirsten gern alles schnell wie ihr Leben
haben wollen, besonders Fahren, Referieren und Bauen. Daher
ist es ein menschenfreundliches Polizeigesetz, daB in manchen
Stadten unter der Predigt kein Wagen das Pflaster radern darf, weil
wohl nichts eine stille Kirchenversammlung so stort als das.
Schwers stach in die hebende Schwimm- und Luftblase des 10
Menschen, daB sie zusammenfiel und er nicht mehr stolz aufstei-
gen konnte. Er zeigte gut, aber sanft und warm, worauf der Mensch
stolzieren konne - auf Gold und Seide so wenig als die Mine und
die Raupe, die beides fruher tragen - auf den umgehangnen
schonen Korper ebensowenig, da ihn ein Judas oft habe und ein
Christus1 oft misse und da sich in diesem Falle die verbuttete
eingesunkne Hausmutter vor ihrer bliihenden Tochter neigen
muBte - man konne aber auch ferner ebensowenig auf Talente
wie auf Ahnen prahlen, da beide ein Neujahrsgeschenk waren,
aber kein Arbeitslohn und da der Ingenienstolz (Geniestolz) so 20
ungerecht als der Bauernstolz (der Ahnenstolz namlich) sei - Und
worauf, muBt* er natiirlich weiterfragen,kann mandenn sichetwa§
zugute tun, wenn man es auf nichts darf, was man ist, hat und wird?
Darauf bloB, was man tut und will; aber ach, das ist so wenig, die
Minuten des Tages oder der Woche, worin wir eine gute Tat er-
wahlen, werden so oft vom - Sekundenweiser halbiert, daB ein
Mensch, der noch seine Wunsche und seine Freuden und seine Krafte
gegen seine Taten halt, diese beschamende Rechnung gar nicht
anfangen mag, sondern dem unendlichen Genius statt des gold-
nen Buchs bloB sein schwarzes voll eigner Schulden reichen und 30
sagen muB : ach ich habe nichts verdient als kaum - Vergebung.
Mein innerer Mensch stand gebiickt vor der schweren Wahr-
heit, und ich dachte gar nicht mehr an die wohltatige Fiktion
meiner scherzhaften Promotion. Und dann wurde der ehrwiirdige
1 Nach Tertullian und Klemens von Alexandrien. S. Pertschens erstes
Jahrhundert.
FUNFTER OFFIZIELLER BERICHT 519
Greis immer weicher, und er kam stotternd auf den heutigen rei-
chen Tag, der ihm alles zeigte, was er liebte und besaB, und alles
belohnte, was er getan; und er sagte, obwohl nicht mit diesen
Worten, aber doch dieses Inhalts: an diesem Tage, wo jedes Herz
sich erhebe, sei das seinige nur erweicht, und seine Seele sei froh,
aber demiitig - er schaue in die 50 Jahre zuriick, worin sein Lohn
groBer als seine Last, seine Ernte reicher als seine Saat gewesen -
er schaue zuriick wie von einem Grabe in die abgeernteten ura-
liegenden Jahre hinter seinem Riicken, und er denke an die
10 Schmerzen und Verdienste, die der Stifter des Christentums in
3 Jahren sammelte, und er blicke nieder und errote und zahle
seine nicht - Und hatt' er alle die guten Taten vollbracht, nach
denen sich ein redlicher Mensch in zwei Stunden so sehr sehnet,
in der einen, wo er sein Amt beginnt, und in der andern, wo ers
beschlieBet: o Gott, so waren 50 fromme Jahre mit 50 heitern
und reichen gekront und iiberwogen, das Amtsjubilaum mit dem
Ehejubilaum. Und hier fiel er auf die Knie und dankte dem Geist
hinter den unabsehlichen Himmeln fur seine zweite Feier des Her-
zens, fur die vielen Jahre, worin er an der sanften Hand seiner
20 Gattin liber die Hiigel und Berge des Lebens gehen durfte - und
fur seine begliickten Kinder, zwischen deren Armen frohlich ge-
fiihret er und ihre Mutter sanft und ohne Trauer und scherzend
an den bedeckten^Gang unter der Erde gelangten - und fur sein
ganzes Leben dankte er dem Ur-Geiste stromend in Worten, stro-
mend in Tranen und dann mit sprachloser erhabener Andacht.
Und da jetzt seine errotende und zerrinnende Gattin, deren Name
nie mitten in einer Predigt erschienen und die heute von alien
ihren geliebten Menschen und von alien ihren seligsten Erinne-
rungen umgeben war, gleichsam unter dem letzten, zu schweren
30 Freudenhimmel, den das alte Herz nicht tragen konnte, zusam-
mensank - und da alle ihre Kinder und am heftigsten ihr geliebter
Ingenuin groBe Tranen vergossen - und da die kleinen Enkel in
unschuldigem MiBverstandnis die Ruhrung ihrer Eltern so teilten
wie einen Schmerz - und da die Beichtkinder, ungewohnt, ihren
alten Lehrer iiber sich selber in Tranen zu sehen, und beklommen,
weil sie einen lauten Dank in ihrer Brust verschlieBen muBten,
520 DER JUBELSENIOR
einen ebenso inmgen Anteil am Feste seiner Liebe nahmen als
am Feste seines Amts — und da der Greis, von fremden Herzen
und von der eignen Ruhrung iiberwunden, womit der Mensch
jedes Fest begeht, das er zugleich zum ersten und zum letzten
Male feiert, da er seine Augen zu seinen beiden uber den engen
tiefen Himmel der Erde erhobenen Tochtern aufrichtete, deren
verklarte durchsichtige Schwingen die Flugeldecken aus harter
Erde abgeworfen hatten in zwei nahe Graber der Kirche, und da
er, gebiickt vor der Hoheit der Toten, sie anredete: »Seligen
Kinder, kennt ihr eure Eltern noch, sehet ihr von euern Hohen 10
unserer Feier zu? Aber bloB eine Minute steht zwischen uns und
euch, und dann feiern wir alle nur ein einziges Fest und ein un-
aufhorliches« : o wie groB standen dann die Wiinsche und
Bilder der unsterblichen Welt vor jedem weinenden Auge und
wie klein die Qualen und Freuden der sterblichen! Jedes Auge
hatte Tranen, jede Brust hatte ein Herz, und jeder Geist hatte
Flugel,und unter sovielen hundert Augen war keines so verwelkt
und ausgetrocknet, aus dem nicht die heiBe Quelle der Ruhrung
aufgestiegen ware als sanfter warmer Regen fur die nachsten
Blumen und fur jeden bessern Keim. *°
Nach dem Schlusse der Rede wandte jeder eine starkere Auf-
merksamkeit auf die abgelesenen alten Gebete etc., um damit die
vorige Ruhrung zu ernahren und zu verknupfen; aber der Ab-
stand war zu grell. BloB als der Greis eine bezahlte Vorbitte fur
einen siechen Greis — am SchlagfluB lag er darnieder - tat, so ver-
edelte sich die einfache Bitte zu einer doppelten, und die ganze
Kirche schickte innerlich, im zweifachen Gebet, eines fur den
Greis hinauf, dessen FuBboden schon das Minierkorps des Todes
unterhohlte und lud: nur der Senior selber verfiel in seinen Bitten
fur andere nicht auf sich, ob ihn gleich die taglich aufsteigende 30
Erde in seinen Adern und GefaBen noch besser an sein nahes
Lager in derselben erinnern konnte, als alle Erde im Purpursack-
chen sonst die Kaiser ermahnte.1
1 Acacia, ein rotes, mit Erde gefiilltes Sackchen, trugen sonst die konstan-
tinop. Kaiser, um sich an die Erdscholle des Ursprungs und an die, die sie
deckt, zu erinnern. Du Fresne Gl. gr. p. 38.
FUNFTER OFFIZIELLER BERICHT 521
Langsam, gleichsam wie das letztemal, ging er von der Kanzel.
Dann fing ein Orgel-Adagio an, das graue Paar wie aus einer
Familiengruft an den Altar zu rufen, damit vor ihnen Engel, wie
Kinder, den vorigen Fest- und Friihlingstag der Liebe auf einem
groBen Morgenrot vorubertriigen. Und in die von den Jahren
vollgeschriebenen Gesichter fiel ein roter Widerschein vom Friih-
ling, der voriiberzog, wie in der ewigen Nacht des Pols ein tag-
liches Morgenrot iiber die Berge geht und ohne seine Sonne ver-
lischt. Ihr Ingenuin trat auf den Altar, um seine Eltern einzuseg-
io nen. Und als diese das Dankgebet ihres Sohnes zum Himmel
steigen sahen: so durchdrang eine unerwartete erhabene Erhei-
terung und Erhellung das Angesicht und das Herz des Greises
und machte sein ganzes Herz zu Licht, in das ganze, vom Eise
seines Alters iiberzogene Weltgebaude wurden wie in jenen Eis-
palast tausend groBe Fackeln getragen, und es schimmerte him-
melan, und vom dunkeln Krater des Grabes wurde die Asche
weggetrieben, und eine Demantgrube, die im eingesognen Schim-
mer untergesunkner Sonnen brannte, entbloBte vor ihm ihre stille
Farben-Glut - und er fassete fester die Hand seiner Geliebten an,
20 umder nachglanzendenjugend undLiebe nachzufliegen ins Land,
wo die ewige wohnt. Aber seine Gattin war unaussprechlich er-
weicht - die Tage der Jugend waren Traume geworden und flo-
hen mit einem Bildergewimmel voriiber - ach viele Hoffnungen
flatterten voraus und iiberstreueten den Lebensweg mit Bliiten,
und wenige Freuden kamen nach und heBen nur einiges Fallobst
zuriick - aber was sie iiber den Flug der Zeit und iiber die langen,
hinter die Fliigeldecken der Nachte verborgnen Fliigel der Tage
trostete und was ihre Tranen siiBer machte, ohne sie zu stillen,
das war jedes gliickliche Kind, das sie erzogen hatte, und jeder
30 Schmerz, den sie ertragen hatte und der durch die stille Geduld zu
einer Tugend geworden war, wie die Perlenmuschel das in sie
geworfne Sandkorn, das sie driickt, mit Glanz umzieht und zur
Perle macht.
Auf einmal hemmte eine neue Riihrung Ingenuins sanften Se-
gen, und der Strom in der Brust sperrte sich selber den Weg:
Ingenuin stritt mit den unwillkiirlichen Tranen und schien sein
522 DER JUBELSENIOR
Auge vor einem Gegenstand zu hiiten, der sie zu flieBen zwang.
Ich fand ihn : es war die arme verlassene Alithea, die sich zwischen
andere Zuschauerinnen an die Kirchentiire gedranget hatte, um
gleichsam von dem Nachklang und Nachhall der Aols-Harfe der
Liebe einige Tone in ihr offnes Herz zu fassen. Ach diese Tone
zogen Wunden darin, und jede Freude hing voll Schmerzen, und
der Palmbaum bedornte seinen Palmwein mit Stacheln. Alithea
war mit alien Zuschauern ihres Kummers so vertraut und be-
freundet, daB sie nicht errotete, ihn zu zeigen und zu erleichtern
durch alle ihre Tranen. 10
Endlich fiel der Vorhang vor diese Szenen der weichen Er-
innerung - man zog wieder aus der Kirche, aber mit einem halb N
erleiehterten, halb erschopften Herzen - das Getiimmel der Mu-
sik und der Menschen und der freie blaue wehende warmende
glanzende Himmel umfingen die Augen, aus denen die Nebel des .
Grams in Gestalt eines warmen Regens gesunken waren, mit
Freiheit und mit hellen offnen Alleen der Zukunft und mit Leben
und Kraft - der zweite Tempel der Liebe war aufgebauet, und die
Sonne warf einen breiten Glanz in ihn, und niemand blieb be-
triibt, nicht einmal Alithea mehr, die wieder der Tumult des Gast- z°
mahls betaubte.
Das erste, was das eingesegnete Paar im verjiingten Pfarr-
hause, in der neuaufbluhenden Laube gaben, war ein elterlicher
heiBer KuB auf Alitheens verweinte Augen. Ach in dieser Minute
hatt* ich die Vokation des Sohns mit alien Freuden dieses Jahrs
gekauft, um das Land der Liebe zu arrondieren mit einem neuen
Augarten. Unsere ganze KirchenschifTs-Mannschaft ging ins Erd-
geschoB; im zweiten Stockwerk standen die notigen Teller und
Glaser und diejenigen Sessel, worauf man das kirchliche Vorlege-
werk, namlich die erste Kleider-Rinde abwarf. Unten in unserer 30
Stube waren beinahe uber drei lange Stubenbretter die Goldblatt-
chen des Sonnen-Barrens ausgebreitet, und an dem Plafond
schwankte das Deckenstiick mit dem Schattensilber des Wider-
scheins gemalt, der von einem vorbeiquellenden Bach aufflatterte.
Ich warf in jede Ecke dieser Stube, die das Kadettenhaus und der
Treibscherben dieser Kinder *und das Winterhaus der funfzig
FUNFTER OFFIZIEIXER BERICHT 523
Jahre war, aufmerksame antiquarische Blicke. An der Wand
hingen zwei homannische Spezialkarten, eine vom Fiirstentum
Flachsenfingen und eine vom frankischen Kreise. Wahrscheinlich
hatten sonst die erwachsenen Sonne ihre Landerkunde auf dem
klassischen Boden von beiden geholt. Die nachsenfingische Karte
war durch Entdeckungsreisen der Zeigefinger so sehr geschleift
und wie Manschetten durchbrochen, daB wirklich vom ganzen
Flachsenfingen, das alle deutsche Kreise wie ein Einschiebessen
durchschieBet, nichts mehr zu sehen ist als die Kreise allein. Fran-
10 ken fuhr noch schlimmer: durch die ewigen forcierten Marsche
und Remarsche der Finger und durch das Rockieren der lehren-
den und der irrenden Hand war das schone Bamberg und Wiirz-
burg zu einer solchen tabula rasa abgeleert-indes das Gedachtnis
der Kinder eine zu sein aufhorte -, daB ich nichts mehr darauf
erkennen konnte als einen neuen FluB oder Kanal, der die Saale,
die Rednitz und den Main unverhofft verband : die Fliegen hatten
den Strom nach ihrer bekannten Interpunktion oder punktierten
Arbeit, die eine stereographische Projektion der Flusse auf den
Karten ist, als FluBgotter mappieret. Konnt' es mir unerwartet
20 sein, daB auch die Reichsstadt Niirnberg - die so wichtig fur
Kinder ist, nicht sowohl durch die Spielware als durch die geo-
graphische Lage, da sie von Deutschland, wie Jerusalem nach den
Juden von der Erde, der Nabel ist - vollig durch den Knochen-
und SalpeterfraB der Zeit oder durch die Erdbohrer der Schreib-
finger dermaBen weggebohret war, daB ich vom Solitare nichts
mehr vorfand als die preuBische Fassung (die Angrenzung) ? -
Ich hob im Storchennest dieser Stube jeden Stecken auf und
sah ihn an. In die eine Vertiefung war eine kurze Bank gemauert,
auf d^r sonst die Kinder saBen, wie ich an den ausgehohlten Ni-
30 schen der Lambris ersah, in deren Stampftrogen der Fallbock
ihres Stiefels gearbeitet hatte. Auf der Fensterbriistung sucht' ich
eingelegte Schnitzarbeit ihrer Hande auf. Auf dem Ofen stand
eine aus einem Kartenblatt geschnittene Schneckentreppe, deren
Zentrum auf dem Kopf einer Stecknadel ruhte und die die Wirbel
der erwarmten Ofenluft umdrehten: es war die einzige tolerierte
Spielkarte im Haus. Die alten Schreibbucher der Kinder lagen
524 - DER JUBELSENIOR
auf dem italienischen Dache eines Gitterbettes aufgebahret, als
gingen diese morgen damit wieder zu ScheinfuB : bloB ihre Abc-
biicher waren als FleiBgeschenke in den Handen hausarmer Abc-
schutzen. DieWeihnachts-Spielwarenlager der vier Herren Sonne
wurden am heutigen Adjudikationstermin den zwolf Enkeln zu-
geschlagen und ausgehandigt, denen wie den Ap ostein einer aus
dem Dutzend fehlte.
Ich und der Jubelsenior gingen als die Magnaten unter den
Mannspersonen miteinander vor dem Essen auf und ab und be-
urteilten die jetzigen Kriegs- und Friedensplane; die drei Hand- 10
werker saBen, und ScheinfuB stand, und dieser besetzte Gerichts-
stand beurteilte wieder, und der hof liche Ingenuin sprang den
Weibern bei und stellte nicht den elendesten grand maitre de
garderobe vor: inzwischen horcht' er manches von uns weg. Ich
reizte den Jubilar zu Erzahlungen, um meine zu behalten, d. h.
meine Esenbeckschen My then : ich achtete ihn jetzt viel zu hoch,
um ihn noch mit dem kleinsten notwendigsten Hokuspokus zu
blenden. In seiner Seele war der ganze Wolken-, Sternen- und
Freudenhimmel wieder Hcht und blau: die Gewohnheit macht in
einem Geistlichen den Weg von der Running zur Lust gebahnt, ^o
und er rutschet die Himmelsleiter wie Matrosen einen Mastbaum
so leicht herab als hinauf. Schwers gehorte ohnehin zu den Men-
schen, die (nicht mit einer leichtsinnigen, sondern mit einer star-
ken Hand) das nasse Auge bald trocknen, so wie ein echter De-
mant nach dem Behauchen leichter wieder glanzt als ein falscher.
- Er legte mir freudig den BauriB auseinander, den er zu einem
bessern Pfarrhaus von der Bauinspektion mit 30 Suppliken end-
lich erbettelt hatte: »Ich erlebe den Bau nicht,« sagt' er ernsthaft
und gutmeinend, »aber meinem Kinde, denk' ich, soil es zugute
kommen.« Ich sagte : »Sie sehen wie David den AufriB des Tern- 30
pels im Traum, aber sein Sohn Salomo kann ihn auffuhren und
betreten.« Er nickte und hielt es fur Ernst und fiihrte mich mit
dem Ohrfinger in alle abgezeichnete Gemacher und Holzkam-
mern des Architekturstucks hinein und sagte, er hoffe, darin sei
schon Platz genug, etwas Hiibsches aufzustellen. Er klagte, wie
Landgeistliche pflegen, uberhaupt iiber die fiirstliche Kammer
FUNFTER OFFIZIELLER BERICHT 525
und fuhrte das abgedroschene Sprichwort an: In Camera non est
Justitia1, und iiber die R'egierung, die mit jener aus einer Karte
spiele, und iiber die Erbverbruderung der Kollegien und Macht-
haber in Residenzstadten, wogegen kein armer Kandidat auf den
Dorfern aufkomme. Dadurch frischte er ein elendes Kriegshistor-
chen in meinem Kopfe auf, das ich ihm gern erzahlte wie jetzt dem
Leser.
Im siebenjahrigenKrieg ritten durch einen Marktfleck schwarze
Husaren, die, wie sich alle unsere Autoren ausdriicken - denn ihre
I0 Einkleidung ist die eines wandernden Simultan-Wachtrocks — ,
gern alle Bliimchen pfliickten, die am Lebenswege dufteten. Die
Freudenblumchen, worauf die pfliickenden Husaren stieBen, wa-
ren Semmel und Blutwiirste.. Das Detachement, das vor dem
Backerladenvorbeiritt,nahm jene,das andere,dasvor derFleisch-
bank voriiberging, nahm diese als Geiseln mit. Als die termi-
nierenden Detachements wieder nebeneinander ritten und jedes
etwas anderes in Handen hatte, alluerten und konfoderierten sie
dieViktualien so : ein Held mit einer Semmel trabte auf seinem Pferd
zu einem mit einer Wurst - er reichte seinem Sattel-Nachbar (man
20 ritt immer weiter) die Semmel zu einem Abbisse hinuber und
sagte : »BeiB, Kamerad !« - dieser hielt seinen Nahrungszweig, die
Wurst, iiber das zweite Pferd und sagte: »BeiB, Kamerad 1« - und
so ritt und aB dieser Wehr- und Nahrstand im StraBen-Pickenick
unter gleichen Schritten und von einerlei und auf zwei Satteln wie
auf zwei Tellern weiter, wert, im Verse einer Borussias langer zu
essen und zu reiten. Daran denk* ich, sooft ich sehe, daB in
einem Korrelationssaal zwei Dikasterien oder auch zwei Fiirsten,
wenn sie nebeneinander reiten, einander Wurst und Semmel alter-
nierend uber die Pferde geben und sagen: »BeiB, Kamerad !«
30 Endlich wurde zur Tafel weniger gelautet als gepfiffen (mit
dem Munde), der Senior betete. Die Enkel hatten es bei den Miit-
tern herausgebracht, daB sie an einer zweiten freiern Tafel, drau-
Ben am Bettische der Nebenstube, sich zusammensetzen und so
viel Tunke und so wenig Brot, als sie wollten, nehmen durften,
1 Das heifiet; das Kammer- und das Regierungskollegium kommuni-
zieren immer miteinander.
52(5 DER JUBELSENIOR
so wie bei der Kronung, aber aus schlechtern Griinden, der Kaiser
mit seiner Krone an einen Tisch gesetzt wird, die Kaiserin an
einen tiefern und an einen noch tiefern die Kurkonklavisten. Der
Freudenmeister Esenbeck saB mit Vergniigen weir von seiner
Kebs-Braut oder Speditions-Verlobten Gobertine ab, und sein
rechter Tischnachbar war ein leerer Sessel oder Thron, worauf
sich die schone Adjunktussin selten setzte, weil sie tausend Dinge
an der Herrentafel zu besorgen hatte und hundert an der Kinder-
bank.
Suppe wie KafFee feuchten jede menschliche Sprachmaschine 10
elend an, da6 sie verquillt und stockt; und nur mit dem Rauche
von beiden zieht die stumme Langweile davon : hingegen wenn
die Extrakte kommen, die uhsere Sprachwalzen einolen, die Bi-
schof-, die Punschextrakte, die Trauben-Ausziige, dann laufen in
den anscheinenden Koch- und Tee-Maschinen die lauten Rader
einer Sprachmaschine um, und jeder will des andern Bruder und
noch dazu der Bruder Redner werden, und die feurigen Zungen
sind nicht mehr zweiziingig, und die welken dunnen Infusions-
tierchen und Kleisteraale von Ideen leben von wenigen auf sie
gespriitzten Tropfen wimmelnd auf und rudern sehr - und es 20
kommt immer ein verniinftiger Diskurs zustande.
Der Langweile der Noachischen Suppenflut - oder wars dem
ebenso beschwerlichen Sageblock aus Rindfleisch?- nab' ich die
Schreckenspost zu danken, die damals wie ein Maifrost mitten in
meinen Wonnemonat mit Eiszapfen fuhr und die noch bis diese
Minute ihren Gift behalten, da ich auch den jetzigen Mai des
Lesers mit diesem Schrecken erkalte. Der Jubilar erkundigte sich
namlich, um nur eine Materie zum Reden an die Hand zu geben,
was fiir eine Kutsche unter dem Gottesdienst durchs Dorf geras-
selt sei. Kein Mensch wuBt' es als der fatale Scheinfufi, welcher 30
antwortete, er sei unter dem ersten Teile ein wenig auf den Got-
tesacker hinausgegangen, um nach den Chorjungen zu sehen, ob
sie einander nicht mit Knochen erwurfen. (Welcher entsetzliche
Falsarius! der Wirbelwindbeutel bleibt wie alle Kantores in kei-
ner Predigt, er glaubt, er musse, wie in einer andern Muhle, nur
wenn der Same des Worts zusammengemahlen ist, mit seiner
FUNFTER OFFIZIELLER BERICHT 527
Orgel klingeln.) »Da hab' ich mich,« fuhr er fort, »als ich etwas
fahren horte, auf ein Grab gestellt und am Wappen es gesehen,
daB es die Kutsche Seiner Durchlaucht ware, und Hochstdiesel-
ben saBen auch personlich darin und schliefen und machten sich
eine Lustfahrt nach der Insel, wie ich vom Vorreiter habe.« Es ist
die bekannte Insel der Vereinigung. Ungefahr wie Gicht-
materie setzte sich diese Schreckensmaterie in mein Handgelenk,
und mein Ldffel sank. Es war mir alles recht faBlich - von der
entlegnen Insel konnte der Fiirst heme nicht wiederkommen —
10 es war iiberhaupt unbegreif lich, daB ich nicht eher weder die un-
wahrscheinliche Unschicklichkeit bedachte, daB der Fiirst mit der
Vokation als sein eigner Kanzleibote aufs Land fahren werde,
noch die MogHchkeit, ihm sei eine so kleine Sache und em mit so
wenigen Umstanden entlocktes Versprechen entfallen. Kurz das
schien gewiB,* daB wenigstens heute der Adjunktus noch keiner
werde und daB morgen dieGeliebteweinend fliehe.Das schmerzte
mich. Der so oft erledigte heilige Stuhl neben mir hielt mir im-
merfort ihre morgendliche Auswanderung aus dem Vaterland der
Stube vor, und ich horte sie aus der Zukunft heriiber klagen, und
20 mich nagten die Hoffnungen, wodurch ich iiber ihre Knochen-
splitterung und Exfoliation nur ein diinnes Hautchen gezogen
hatte. Alithea verbarg aus unschuldiger Eitelkeit den vertrau-
lichen Rapport nur wenig, in den sie die Temperamentsblatter
und das lange Lied mit mir gesetzet hatten; aber ich war innen
zu versehrt, um die Fruchte von Weissagungen zu brechen, wel-
che Lugen wurden.
In dieser Glekhgultigkeit gegen meine diirre unfruchtbare
Rolle ubersah ichs ganz, daB man meine zwei Schaugerichte, die
Goldschleien und den alabasternen Tafelaufsatz - er stellte Tem-
30 pelruinen vor -, gar nicht aufgetragen hatte.
Die freundliche Familie verstrickte sich immer inniger mit
alien meinen 40 Nervenpaaren. Ich schloB mit dem Hamster-
graber einen wichtigen Kauf kontrakt iiber zwei SchefTel Hamster-
korn1: »Wir Esenbeck«, sagt' ich, »essen das Brot aus einer Ham-
1 Man findet oft im Bau eines solchen unterirdischen Kornjuden 100 U
Getreide.
528 DER JUBELSENIOR
ster-Verlassenschaft ungemein gern.« Ich hofTte, dieser Hamster-
schatzgraber sollte mich im Handel ansehnlich betriigen; indes
tat er, was in seinem Vermogen stand. Gemeine Leute meiden
und hassen den Betrug, ausgenommen den, den sie in ihrem
Handwerk begehen konnen. Der Hamster-Spion war em guter
Nachbar, ein besserer Vater und der beste Hauswirt; aber ein
wenig derb und sportelsuchtig : er glich der Flachsenfinger Bur-
gerschaft, die Christum ersuchen wurde, die Teufel lieber in
samtliche Burger als in ihre Schweine fahren zu lassen. - Was den
Buchdruckerherrn anlangt, so sagte ich ihm, ich schriebe fiir die 10
gelehrteWelt jahrlich einigeManuskripte,und er sollte die Freude
Haben, eines zu drucken, das ich dem heutigen Feste zu Ehren
betiteln wollte »der Jubelsenior«: er wird sich wundern, wenn er
diese Zeile hier auf dem Aushangebogen erblickt. Es ist ein ehr-
liebender feiner leiser Mann, der sich nichts riihmt als seiner
Schwachheit, namlich seiner Kunst, und der mit den Benedik-
tinern 1 taglich Gott anruft, er solle ihn nicht dariiber ubermiitig
und zum Narren werden lassen, daB er lesen kann. Er griff in die
Tasche und zog vier Lot groBe R und ein Viertelpfund Gedan-
kenstriche heraus: »Ich habe« (sagt* er) »nur nichts bei mir; aber 20
Sie sollen sehen, was Berliner Druck ist und was meiner. Frau,
du kennst meine grobe Sabon-Fraktur, die grobe Missal-Fraktur,
die kleine Missal-Fraktur, ferner die Doppel-Mittel-Fraktur, fer-
ner die Borgeois-Fraktur, auch die Nomparel-Fraktur - Frau,
sage du, was zu sagen ist!« - Sie antwortete auBer allem Kontext:
»Und vom Setzen laufen meinem Manne die Beine erbarmlich auf.
Wenn ich glucklich niedergekommen bin, so will er selber alles
verlegen und seinen eignen Buchhandel anfangen.« - »Das kon-
nen wir gottIob«, sagt* er ungemein zufrieden. »Im Grunde«,
sagt* ich, »schwillet ein Schrift-Steller so gut auf als ein Schrift- 30
Setzer, nur jeder mit dem leidenden Teil: ich weiB das von mir.«
Ich hob (um auf etwas anders zu kommen) wagend die vier Lot
Kapital-R auf und nieder, um so lieber, da es mein eigner Na-
mens-Initialbuchstabe ist und da ich schon 30 Stunden, wie Brok-
1 Nach dem 38. Kap. der Ordensregeln des heiligen Benedikts muB wirk-
lich der Pater, der iiber dem Essen vorlieset, taglich dieses Gebet abschicken.
FUNFTER OFFIZIELLER BERICHT 529
kes ein Gedicht von 70 Versen, ohne mein R vollendet hatte,
wiewohl ich das Leben in den Tagen ohne R (z. B. als Seraphi-
nenritter im ersten Appendix) wie Krebse in den Monaten ohne R
am schmackhaftesten finde. Nichts ist wohl einem Menschen
schwerer, als gleich dem Rektor Uhse eine Weihnachtspredigt,
oder gar wie der Neapolitaner Cardone ein Gedicht von 2000
Versen unter dem Titel: I/R sbandita zu verfassen ohne ein ein-
ziges R. Unter die Vorrede dieses Appendix nab' ich meinen
Namen mit einem R aus jenen 4 Loten setzen lassen. -
10 Es ist leicht nachzuzahlen und nachzuwagen, daB ich wirklich
das 1/2 Pfund Schwersscher Gedankenstriche, dieser Gedanken-
Exponenten, in gegenwartigem klemen Werk rein aufgebraucht :
dieses Halbpfund war mir so Heb wie ein Gebind Gehirnfibern
oder ein Strang und Dickicht Weisheitsbarthaare; denn Gedan-
kenstriche sind die wahren NarbenundRunzelneinerangestreng-
ten Stirnhaut. -
- Auf diese Art hatt* ich den drei Sohnen des Jubelgreises -
denn der Pitschierstecher stach den Dante nach - etwas zugewen-
det; und der vierte war im Grunde noch immer nicht um seine
20 Adjunktur: der Furst hielt doch Wort, wenn auch erst ubermoi-
gen; nur ich blieb in einigen Liigen.
Jetzt fmgen in diesem Sitze der Seligen die Himmelsburger
allmahlich an zu glanzen und zu schreien, und das letztere ge-
schah auch im limbus infantum in der Nebenstube - der Christo-
phlet1 wiederholte seine Ronde unter lauter Anabaptisten, und
nur ich entzog mich der Injektion und lauerte auf Wein - mit
derselben Enthaltsamkeit HeB ich auch alle erste Gerichte, alle
Mond- und Sonnenscheiben der Teller voll sauerer Karauschen,
aufgerollter Plinzen, geraucherter Heringe kalt voriiberlaufen und
30 war entschlossen, mich bloB auf den Hammelziemer, den ich
unter dem Hauptliede zu einem Wildziemer uberspicken sehen,
einzuschranken und nachher auf den Prophetenkuchen, den der
meinige (das Temperamentsblatt) und meine Prophetenschule
mehr parodierte als verdiente.
Nicht ohne Vergniigen nehm* ich wahr, daB ich bisher das
1 Ein Likor aus Pontak, Branntwein und Nelken.
530 DER JUBELSENIOR
Fraulein von Sackenbach ganz vergessen habe: denn sie gewinnt
wenig dabei, wenn ich ihrer gedenke, und ich gar nichts. So traut
und warm sie mir am Samstag erschienen war: so kahl und fahl
kam sie mir am Sonntag vor. Ich horte erstlich das Radschlagen
ihres mit 32 Schwanzfedern besteckten Adelstolzes naher und das
Rauschen ihres Stammbaums. Dazu kam zweitens, daB ihre Ta-
baksdose alien den jungen hiibschen Weibern, die keine hatten,
ein Eckstein, ein ZorngefaB und eine Pandorabiichse wurde. Es
ist tiberhaupt ein angenehmes Schauspiel, zu bemerken, wie der
bloBe niedrige Stand solche Personen hindert, das Plombieren 10
mit diesem Dinten-Pulver nur einigermaBen mit der hohen Rein-
heit der weiblichen Reize und der weiblichen Arbeiten zu ver-
einbaren : sie wiirden sich noch lieber mit diesem Futterkraut eine
Pfeife stopfen als eine Nase. Mir hingegen war ein solches Zibo-
rium voll Nasen-Hacksel nie ein anderes Zeichen, als der Bart der
Schweizer ist1, namlich das eines schonen Alters ohne Eitelkeit,
das sich aus seinen Reizen und Farben wenig mehr macht. Die
Strafe, die Peter der GroBe auf das Schnupfen setzte, namlich
Aufschlitzung der Nasenniigel, vollziehet jeder Schnupfer nur
langsamer an seinen selber; und da man noch dazu alien Blumen, 20
die beinahe mehr fur die Weiber als fur die Manner zu wachsen
scheinen, den kleinen Hafen durch dessen Fiillen sperret oder
vielmehr durch das Sandbad versanden lasset: so kann man,
diinkt mich, nur von alten Damen fodern, daB sie schnupfen, von
jungen kann man es hochstens wunschen. Einer alten Person
stehet (wie alles Dunkle) dieses Schwar^ auf Weij$y als ein Doku-
ment des schonen Verzichttuns auf Gefallen, unbeschreiblich an,
sie halt die voile Tabatiere gleichsam als das abgebrochene voile
Stundenglas des Todes in Handen; der Tabak ist das reife Mut-
terkorn in der reifen Ahre; aber junge Damen sind selten im- 30
stande, die Dose aufzumachen und sich damit Blumen und Lieb-
haber miteinander zu nehmen; und die wenigen, die schnupfen,
sollten nie auf die heruntersehen, die es nicht vermogen. —
Ich horte jetzt aus der Kinderstube die liebe Alithea zu den
Dutzend Dutzenduhren sagen: »sie diirfe nicht, es gehore dem
1 Im 60. Jahr diirfen sie einen behalten.
FUNFTER OFFIZIELLER BERICHT 5 3 I
fremden Herrn.« Ich fragte naher : es war mein Tafelaufsatz mit
dem ruinierten Kathedraltempel, den die kleine Bruttafel drauBen
fur mitgebrachte Spielware genomrrien hatte. Jetzt war es doch
wahrlich Zeit, die zwei optischen Gaukel-Gerichte der erwach-
senen EBtafel vorzusetzen. Man trug sie herein, die Schleien und
die Ruinen: »Solche Gerichte hat man« (sagte die fille d'hon-
neur) »am Hofe alle Tage.« Der Hamstergraber dachte, als er den
glasernen Fischkasten sah, es sei eine Schiissel seltener auslandi-
scher Karpfen, und hoffte anzuspieBen, verhehlte aber nicht dabei
10 (er hatte Christophlet im Kopfe), »die Graten fraB* er allein auf«,
bis man ihn verstandigte, daB solche Fische auf die Tafel kamen,
nicht um gegessen, sondern um gefuttert zu werden, und zwar
mit Semmelkrumen. So wenig weiB ein gemeiner Mann von den
Skulptur-Viktualien der GroBen, die - so ungleich den Gegen-
standen der groben Liebe — nicht anders genossen werden konnen
als die der platonischen, namlich durch anhaltendes Anschauen;
Gerichte, fur die es keinen elendern Koch gibt als den besten fur
grobe, den Hunger. Die kunstlichen alabasternen Scherben des
geistlichen Schafstalls (des Tempels) sah der Jubelsenior fur ein
20 gut herpassendes Modell des jerusalemitischen Tempels an, das
seinen Jubel ziere.
Am Ende kam doch Wein und fruher als der optische Wild-
ziemer: ich hatte noch wenig gegessen und nichts getrunken. Wie
belebte diese Feuertaufe, mit der ein Taufengel zu uns hereinflog,
samtliche Tauflinge! Die Kinder erwuchsen - die Stummen spra-
chen - und die Sehenden sahen mit zwei Augen - der angefeuch-
tete Faden der Rede spann sich leichter zwischen den Fingern
durch, und der Demant des schimmernden Lebens wurde auf
dieser Folie zu einem Doppelstein vergroBert, wenn nicht gar
30 zu einem Stein vom ersten Wasser versilbert durch das bunte.
Der Koadjutor Ingenuin wurde so kiihn, Fragen an den Freu-
denmeister abzulassen und iiberhaupt frei zu denken in Funda-
mentalartikeln, z. B. der Altar-Servietten, ja sogar des heiligen
Geistes. Fragt* er mich nicht, ob man am Hofe redliche Hetero-
doxen dulde? Und konnt* ich nicht zu meiner Freude antworten,
man toleriere da wie in Holland gern jede Sekte, nicht nur Kop-
532 DER JUBELSENIOR
ten, Lappen, Hindus, sondern auch Christen? »Zu meiner Zeit«,
sagte die alte Fraulein, »glaubten wir noch viel von Helvetius und
Voltaire. « Ich sagte, sogar der Unglaube sei jetzt eine Art von
Frostnebel und so kalt wie der Glaube, und jeder konne sich un-
gestort in alle groBe Stadte oder auch in feine Bucher wagen; so
wie man iiber den Kot, wenn ihm der Frost Festigkeit gegeben,
unbesudelt schreitet. Der Kandidat klagte, das Konsistorium
denke leider anders und halfe nur leeren Kopfen auf und vollen
hinunter; »geradeso wie man«, sagt* ich, »nur leere Fasser« -
das Gleichnis war nicht weit hergeholet - »aufrichtet und nur ic
voile umlegt; iiberhaupt nimmt man kluger die Vernunftigen
statt der Vernunft gefangen, und am Ende kommt doch diese mit
jenen ins Loch.«...
Ich habe mich dariiber aus meinem feurigen Perioden verlau-
fen. Der Hamstergraber, der seine Pillen nie anders als bloB ver-
zinnte, konnte sie jetzt nur noch verblechen - der Buchdrucker
bat mich, in meinem Manuskript vom Jubelsenior wenig zu kor-
rigieren und auszustreichen, weil es angenehmer zu drucken sei,
und die Kunstrichter begehren gerade das Widerspiel, weil es
dann angenehmer zu lesen sei - Ingenuin sah seine Verlobte war- 20
mer an und liebte sie mitten unter dem Essen, und ich tats ihm
nach in beidem und hatte gern mehr getan, ware nicht mein Sonn-
tag im doppelten Sinn zu einem Fastensonntag geworden, der
den ersten Christen das Kussen untersagte - und die kurzen Ent-
fernungen vom Sessel und die langere vom Hause gossen Alitheen
fur mich und den Kandidaten zu einem Brennspiegel urn, der
(seine Chorda oder Sehne trug eine Elle aus) desto heiCer auf uns
schien, je langer der Weg seines Fokus war, so daB seine Strahlen
in unserem Ich zu einem 28o64mal kleinern Raum, als der
Spiegel hatte, zusammengehen muBten - (Noch wahret mein 30
langer Periode fort) — Und wie wurden vollends, fast von einem
Balthasar Denner, die beiden Jubelaltesten auf meine Netzhaut
gemalt, wie gottlich er, wie himmlisch sie I - Er, der Altvater, der
glanzende Nestor, nicht nur aufgerichtet mit dem Leibe, auch mit
dem Geist,.er, der unter der Zahl jener wenigen Menschen stand,
die der Sonnenfunke Gottes gliihend aufriB vom Schmutz und
FUN-FTER OFFIZIELLER BERICHT 533
Eise des Bodens, indes die andern seelenlos und wiihlend auf der
Erde umliegen1 - Sie, die fortliebende Altmutter, die von ihrem
reinen Herzen nie mehr als eine Auflage von nicht mehr als einem
Exemplar fiir nicht mehr als einen guten Freund gemacht hatte -
diese beide, noch so unzerriittet, unter so vielen Kindern, aber
selber keine, da doch sonst Alter und Kindheit sich in einem Geiste
beriihren, wie man Vorrede und Ende des Buchs (und in diesem
vielleicht) auf einem Bogen abdruckt - Sie beide, die nun, mit
dem aufgewarmten Brautkuchen in der Hand und vor dem Ab-
10 hub des vorigen Liebesmahls auf ihrem Teller, das weite, nie
brach liegende Zuckerfeld ihrer alten Liebe um sich bliihen und
' wallen sehen - sie, die noch einander die steifen, aber arbeitsamen
Hande driicken und unter grauen Wimpern in Augen schauen
- konnen, in denen sonst die Flammen der ersten Liebe und vor
denen sonst die Bliiten-Reize der nun entlaubten Gestalt gewesen
waren, sie, die jetzt, unter der nachsprossenden bunten Welt um
sich, noch allein um ihre vorige Ahnlichkeit mit dieser und um
ihre von der Zeit verwischten Schonheitslinien wuGten, die aber
ihre ausgeloschten Ziige und Wiinsche mit elterlichem Entziicken
20 auf den Angesichtern ihrer lieben Kinder wiederfanden und die
nun auf der einbrechenden Erde nichts mehr brauchten als jeder
Gatte die treue Brust des andern, die so lange einerlei Banden und
Freuden, eiserne und Blumenketten an die andere geschlungen
hatten und die nun die Schlange der Ewigkeit vereint umwinden
soil, gleichsam als der Ietzte, obwohl kuhlste Ring der Erde —
Nein, ich vermag und verdien* es noch nicht, die Erinnerun-
gen und Freuden und Herzen eines stummen Paars zu malen, das,
gebiickt unter der niedrigen Todespforte der andern Welt, an der
kalten langen Katakombe die Hande nicht auseinander lasset —
30 aber irgendeinen Greis oder eine Matrone, der oder die mich lie-
set, will ich erfreuen mit der innigen Teilnahme an ihrem ver-
kannten Gefiihle, mit der Hochachtung fiir verstummende Men-
schen, die das junge laute Jahrhundert vergisset, und mit der
1 Saturnin lehrte, die Engel hatten wie Gott Menschen schaffen wollen,
hatten sie aber nicht emporzustellen vermocht, bis ein Funke von Gott die
hingestreckten Gebilde erhob.
534 DER JUBELSENIOR
herzlichen Liebe fur jede Brust, die einmal warm gewesen, und
fur jedes Auge, das einmal geweint hat.
Gerade diese Phantasien warfen mich an der Schwersschen EB-
tafel, fast wie jetzt am Schreibtisch, aus meiner Frohlichkeit in
eine hohere — Denn obgleich der Vexier-Wildziemer schon ein-
gelaufen und demHamstergraberunterdasSkalpell seiner Schnei-
demiihle gestellet war: so kehrt* ich mich doch an nichts, sondern
stand mit einem Ordensbecher auf, urn die Tisch-Kommunikanten
zu einem gratulierenden Toasten aufs Wohl der alten Leute zu
befeuern, und sagte, weit vom Becher: »Auf Ihre kiinftigen scho- ro
nen Tage, Sie guten Alten !« und hier standen alle Kinder auf —
»und darauf, daB alle Ihre Stunden still und froh vergehen - und
daB alle Ihre Kinder glucklich sind - und daB alle Ihre Enkel gut
und glucklich werden — und auf Ihr langes, langes Wohlergehn!«
- Der Greis sah erhaben auf und fugte bei: »und auf unser sanftes
Sterben.« Seiner Gattin gingen die Augen iiber, und sie sagte: »so
schon, wie meine seligen Tochter gestorben sind.«Hier umfaBten
sich die zwei Alten sanft in ergebener Running, und kein Mensch
sprach, und jeder weinte.
Der Schulmeister suchte seine eigene Erweichung dadurch zu 20
verkleiden und zu steigern, daB er anriet: »man sollte die alten
Hochzeit-Carmina, die damals auf die Vermahlung des Herrn
Seniors gedruckt wurden, jetzt vorlesen, weil darin die schonsten
Wiinsche standen.« Er hoffte, sie selber vorzulesen. Die Seniorin
brachte sie erfreuet. Der Buchdrucker rief seinen kleinen Karl her
und sagte zu ihm: »Dein GroBvater will horen, ob du lesen
kannst.« - »Ja wohl kann ichs schon«, sagte das herandringende
frohe, aber ein wenig blasse Kind und nahm das Hochzeitgedicht
und stellte sich zwischen die GroBekern und las es laut und lang-
sam ab. Ich beschreib* es nicht, wie tief jedes Wort und jeder Ton- .30
fall des unschuldigen Enkels in lauter weiche Herzen ging, da er
jetzt neben dem vollendeten LustschloB der Alten den propheti-
schen und dichterischen BauriB desselben aufschlug und aus der
Vergangenheit die friihen Bilder und Wiinsche der jetzigen
Gegenwart heraufzog. Die Stimme des unbefangnen Kindes, das
den poetischen Wunsch zahlreicher Enkel ohne die Beziehung
FUNFTER OFFIZIELLER BERICHT 535
auf sich ablas, klang ruhrend wie ein redendes Herz; und zu den
zwei veralteten Menschen, die schon so tief drunten unter der
dumpfigen Erde standen, wehten die Tone und Liifte der freien
hellenjugend hinab,wie sich in dieBergwerke derBlutenduft des
auBern obern Friihlings zieht. - Ein fliegender Sonnenglanz, den
entweder eine aufgehende Fenstertafel des Schlosses oder ein
blendender Spiegel eilig uber das fromme stille Angesicht des
Greises zog, HeB eine solche Verklarung darauf zuriick, dafi ich
hingehen und mich naher an den verschonerten Alten und den
io kleinen Leser drangen muBte. Und hier trat Alithea, fur die
Nachmittagskirche aufgeschmiickt, roter vom Putzen und Scha-
men herein; und als sie in Amandens, in meinen und in den alten
Augen so viele Tropfen stehen sah: brachen ihre gem in die lang
bezwungnen Tranen aus, und sie weinte mit, ohne zu wissen
woriiber, und das iiberladene Herz konnte nicht unterscheiden,
zerrinn' es vor Freude oder vor Schmerz. Nein, sie konnt' es nicht
eher unterscheiden, als bis die Mutter ihre Hand ergriff und sie
mit einer neuen Liebe druckte.
O wenn es schon das Herz bewegt, nur zwei Menschen zu er-
20 blicken, die sich einander ah den kindlichen - oder elterlichen -
oder freundschaftlichen - oder verschwisterten Busen fallen,
wenn der Akkord oder das Duodrama eines harmonischen Men-
v schenpaares schon so himmlisch in uns widertont: mit welcher
gewaltsamen Wonne wird unser Innerstes erschiittert, wenn das
ganze vollklingende Doppelchor eines Familienschauspiels der
Liebe unser zitterndes Herz mit tausend Tonen fortzieht! Der
Einsame mit dem vergeblichen Wunsche der Liebe erquicket
mich schon, aber er erzurnt mich gegen die Menschen, unter
denen er verarmt; allein dann kann ich schoner alle Menschen
30 lieben, wenn ich statt eines gluhenden Herzens ein Sonnensystem
verwandter Herzen sich aneinander ziehen und zusammen bren-
nen sehe.
Der Tropfen der Ruhrung verdunkelt das Auge, indem er die
Gegenstande vergroBert und verdoppelt; und in dieser schonen
mikroskopischen Verfinsterung wollt* ich den erweichten Vater
bitten, seine tugendhafte leidende Tochter morgen nicht aus die-
53<$ DER JUBELSENIOR
ser heiligen Statte auferstandner Freuden zu verweisen, da sich
gewiB ein schoner Wechsel ihres Schicksals nahe; aber als ich
meine Bitte anfing, unterbrach-sie der seltsamste Zwischenfall . . .
Ein vergoldeter Wagen rasselte urn die Fenster und hielt an.
»Wahrhaftig der Furst!« sagt'ich warm (denn kiinstlich-kalt hatt*
ichs gesagt, wenn ich ihn noch vermutet hatte). Die Sonne blie-
ben alle stehen und setzten nur die Glaser nieder, doch nehm' ich
den Prosektor des Hammelziemers aus. Viele fuhren hinaus —
ScheinfuB hinein (in die Kinderstube) - die zwei Alten und ich
und das zuckende Fraulein gingen entgegen — nur der Hamster- 10
graber allein verharrte am Tische und kredenzte im Sturme den
Ziemer — Alithea weinte vor freudiger Angst und angstlicher
Freude und glaubte an wahre Propheten — Endlich hob ein
Bedienter und der Adjunktus den glasierten, getafelten, appre-
tierten Herrn heraus - ach Gott, es war der bloBe echte Esenbeck.
In wenig Epopoen von Bodmer und Blackmore steckt eine Hy-
perbel fur meinen Todesschrecken iiber eine solche Konfron-
tation des Zufalls...
Das Jammerlichste war allezeit die rote Stirn-Arabeske und
Kosekante des Muttermals ... denn* unsere purpurne Magnet- 20
nadeln deklinierten verschieden, seine ostlich, meine (wie im i6ten
Jahrhundert) nach Abend - im Spiegel wich zwar auch meine
ostlich ab, aber (das hatt' ich am Morgen nicht erwogen) eben
weil er von allem umgekehrte Gemalde gibt Der Original-
Esenbeck wurd' ein wenig beschamt iiber den roten nachgemach-
ten Elektrizkatszeiger am Pseudo-Esenbeck; aber er verbiB.das
Staunen und sagte aus Vergessenheit oder Bosheit, wer er sei,
und gab mir, was er brachte: es war freilich ein furstliches Hand-
billett und die Vokation. Aber o Himmel, wer schildert die un-
ahnlichen Pulse staunender - erziirnter - erfreueter - verdutzter 30
Menschen ab ! Niemand als Doktor Gaubius, der einen wallenden
Puis (undosum) - einen zweischlagigen (dicrotum) - einen auf-
hiipfenden (caprizantem) - einen krabbelnden (formicantem) -
einen ausgezackten (serratum) - einen versinkenden (myurum)
kennt und nennt. Am meisten muBte mich Amandens Erschrek-
ken - erschrecken: ihr echter Amoroso stand mit seinem reden-
FUNFTER OFFIZIELLER BERICHT 537
denStirn-Wappen gegeniiber dem Falschmiinzer, der gestern ihre
Vergangenheit vernomraen hatte und in dessen Handen nun ihr
erotisches Brieffelleisen war. Die Jubelleute hielten heimlich in
ihren Kopfen den Liigen-Esenbeck mit dem Liigen-Lederer zu-
sammen und zogen Schliisse. -
Noch immer sagt' ich nichts von der Vokation. Der genuine
maitre de plaisirs ging hof lich, unter der gleichgiiltigen Erwar-
tung des langweiligen Effekts, den die abgegebene Vokation un-
ter alien mache, zum Fraulein von Sackenbach und freute sich
10 hochstens, solches einmal zu sehen. Amanda, die ihn jetzt recht
leicht von seinem Kopisten und Postiche-Namensvetter abson-
derte, konnte vor Grimm und Staunen die Zunge nicht heben.
Der Hofmann fand in der Langweile des Erstaunens wenig Kurz-
weile. Niemand als ich und er wuBte den Inhalt der Vokation
voraus. Ich sagte jetzt zu dem Fraulein und der Jubel-Genossen-
schaft: »ich hatte keine bessere Charaktermaske gewuBt, um mei-
nen Prophezeiungen einer Beforderung des Herrn Kandidaten
Glauben zu erwerben, als eben die des Herrn von Esenbecks, der
fiir alle meine alttestamentlichenWeissagungen die neutestament-
20 liche Erfullung giitig mitgebracht habe.« Das neue unwissende
Staunen amtisierte Esenbecken nicht sonderlich. In der Eile wuBte
das Jubelpersonale nicht recht, was es mit dem vornehmen giiti-
gen einsilbigen Herrn vornehmen solle; aber er selber wuBte
noch weniger, was er mit dem Personale anzufangen habe - da er
nun zu dem VerdruB, den ihm meine Stirn schon gemacht, sich
von Amanden noch neuer Zuschusse versah; so nahm er einen
verbindlichen Abschied und setzte sich froh in seinen Wagen,
besonders da er, wie er sagte, noch heute auf die Insel nachmiisse.
Ich kann nicht behaupten, daB mir seine Auswanderung und
30 Kotzebuische Flucht (nach Paris) auBerst zuwider war: denn
auBer dem, daB er in dem lymphatischen System unserer Emp-
findsamkeit nichts war als ein Extravasat, so wurde durch ihn,
durch Gobertinen und mich ein erbarmliches diirres Zolibats-
Kleeblatt formiert, das - denn Esenbecks kontrakte Kontrakte von
Kebs-Ehen zahl' ich fiir nichts - so wenig Kinder vorzuweisen
hatte als das kanonische Kleeblatt der drei geistlichen Kurfiirsten.
538 DER JUBELSENIOR
Nun war es Zeit, geheimnisvoll zum Fraulein zu treten und
solches zu beruhigen und zu verstandigen : ich sagte ihm gerade-
zu, ich sei nichts als ein Bucherschreiber und also insofern nur
mein eigner maitre de plaisirs, hielt/um AblaB fur meine bishe-
rige Kiihn- und Falschheit an, beteuerte aber zweierlei : »erstlich
sie werde sogleich horen, daB durch den kurzen Gebrauch des
Esenbeckschen Namens dem ganzen Pfarrhaus groBes Heil wi-
derfahren sei - zweitens sei ihr (Amanden) selber die Rtickkehr
ihrer Briefe assekuriert, da ich nun durch den Besitz der seinigen
imstande ware, ihn mit der Promulgation derselben zu bedrauen 10
und zu angstigen.« Denn in der Tat konnt' ich jetzt ihn - aber sie
konnt' es vorher nicht -, wenn er nichts herausgab, zum Helden
eines Lust- und Mokierspiels erheben, da keine Muskeln einem
Weltmann groBere Narben stoBen als Lachmuskeln und keine
scharfe Spitze tiefere als die am Epigramm. Kurz er muBte. - Am
Ende konnte die Sackenbach - so groB die Risse und Frakturen
ihres Adelsdiploms und so klein mein papierner und gelehrter
Adel war - doch mit dem gegenwartigen Epopten in ihren eleu-
sinischen Mysterien voll Gottergeschichten und mit dem Schutz-
heiligen und Messias des erretteten Pfarrhauses nichts weiter ma- 20
chen als — Friede.
Jetzt war es meine Pflicht, endlich einmal die Vokation zu
promulgieren. Ich promulgierte und verlas solche und setzte bei,
dem Fraulein von Sackenbach habe jeder von ihnen bei der Sache
das meiste zu danken. Die Sippschaft war sprachlos - dann gab
ich dem Senior das Dekret und die Brille - und als ers halblaut
vor uns alien gelesen hatte, sagt' er: »Ja, Gott hat geholfen - du,
mein jiingster Sohn, trittst in meine FuBstapfen und bist jetzt
zum zeitigen Adjunktus in Neulandpreis aus Gnaden voziert.«
- Ingenuin nahm das Blatt eilig, aber er konnt' es nicht lesen und 30
fassen, das rote Titelblatt der Entziackung stand auf seinem Ge-
sicht, er muBte ohne Besinnen es mir verbeugend geben. Nun
blieben auf alien Zungen die Laute aus, aber in keinem Auge die
Tranen. Der alte Vater nahm freundlich seiner Tochter Hand
und sagte: »Du kommst also morgen nicht von mir, und nun
bleibst du bei deinen Eltern, bis sie sterben.« - Die Mutter fiel
FUNFTER OFFIZ'IELLER BERICHT 539
freudetrunken dem begliickten Sohn ans Herz und sagte: »Gott
schenkt mir heute mehr Freude, als rriein altes Herz wird tragen
konnen.« - Und Alithea fassete dankbar weinend meine Hand
und sagte mir: »Ja wohl haben Sie heute recht geweissagt«, aber
sie besann sich schnell - denn eine Verlobung hatt* ich prophe-
zeiet - und setzte dazu: »Aber das wuBten Sie doch nicht voraus,
was wir Ihnen zu danken kriegten.a - Und dann blickte mich die
alte Mutter mit dem redlichsten weichsten Auge voll uber-
schwenglichen Lohnes an. - O ihr guten Alten, die ihr gleich den
10 Federnelken tief in das Erdenbeet (nur wenige Blatter Hegen noch
auswarts) eingesenket seid, ihr guten Kinder, denen das Schicksal,
wie gefullten Hyazinthen, bei dem Versetzen den Boden recht
hart zusammentrat, wie unbeschreiblich schon und schimmernd
und erquickt steht ihr alle unter der Wasserung der Freuden-
zahren - und ein laues Wehen spiilt die Tropfen weg, und eine
ganze heiBe helle Sonne liegt auf eueren Blumenkelchen!...
Aber das Saitenspiel der Entziickung mache nun kleinere Schwin-
gungen ! Unser aller voriger Bund war zertrennt - ein neuer ge-
kniipft - das Glockenspiel der innern nachklingenden Entziik-
20 kungen machte taub, und der Leuchtregen der frohen Tranen
machte blind - die Kinder lachten lauter und liefen schneller -
ScheinfuB lautete heftig zum Nachmittagsgottesdienst, und nie-
mand horte und gehorchte Aber endlich gingen doch schon
beim vierten Verse die zwei Jubelleute in die Kirche.
Hingegen die iiberraschten erhitzten Professionisten blieben
samtlich sitzen und wollten kein Gebet mehr tun als das nach
dem Essen und suchten sich an den oft angezognen Ziemer (er
stand bisher wie ein alter Klassiker oder wie ein neuer ungenossen
da und wurde kalt unter Warmen) gleichsam wie an ihre Kiblah,
30 an ihre Handwerkslade zu halten, oder war's ihr Schwerpunkt
und primum mobile. Der neue Adjunktus selber ware freudig
bei der lustigen Brudergemeine verblieben, hatt* ihn das Zuggarn
des Jubilars (es war aus einigen Mienen gestrickt, die dem Neu-
vozierten statt der profanen Werkstatt eine heiligere zeigten)
nicht weggeschleppt. Gobertina wollte nach; Alithea muBtenach.
Nur mich brachte niemand in die Kirche: nachmittagige Kir-
540 DER JUBELSENIOR
chenandacht kommt mir oft vor wie vormittagige Abendmusik.
Jede Vesperriihrung, die etwan zu gewinnen war, wurde nicht
nur durch die groBere des Morgens verschattet und verbauet,
sondern auch durch das Magenfieber vom Mittags-Kleefutter:
die mit dem Honig der Nahrung verpichten Bienen-Fliigel tragen
die Seele auf keine Blume.
Aber die Wahrheit zu sagen, die Sache war die, ich wollte gern
den — gegenwartigen funften offiziellen Bericht des Appendix
schlieBen: noch ist er nicht geschlossen, die Sonne steht schon
tief und mehr an der Feder als auf dem Papier, und jede Minute 10
muB ich aufsehen, daB Alithea aus dem Pfarrhause heraufkommt
■und mich fragt, ob ich ewig sitzen und schreiben will.
Man muB namlich wissen, daB ich vor drei Stunden, als die
Kirchleute noch sangen, mit dem vollen Herzen meines Bocks
und mit gegenwartigem Papier auf den bekannten Birkenhelikon
gestiegen bin und mich vor ein eingewurzeltes Tischchen auf die
um die drei Hangebirken wie ein Kragen gekrummte Zirkelbank
gesetzt habe, wo ich - eben sitze und den heuugen Sonntag ab-
schatte. Ich bat den Buchdrucker, niemand auf den Berg zu las-
sen, und es werde sein eigner Schade nicht sein. - Er tats. 20
Nun sitzt der Leser vor dem vollendeten Sonntagsstiick und
vor der stereographischen Projektion erhabener Fakta und
jetzt sen* ich nicht ein, warum ich nur noch einen Strich dem
Tableau geben soil. Ingenuin ist voziert - Alithea ist adjungiert
- der Senior ist das erstere von neuem - die Seniorin das zweite
von neuem - das Fraulein ist in integrum restituiert - die drei
Handwerker haben Arbeit von mir wahrhaftig wenn ein
Autor es so weit gebracht hat mit seiner Mannschaft und Kolonie,
daB er sie alle auf eine solche Ruhe- und Fiirstenbank niederge-
setzt, so darf er schon von seiner aufstehen und fortgehen. Als 30
Artist Ids' ich mich von der Familie ab, als Mensch und Gast ver-
quick' ich mich erst recht mit ihr: denn ich gehe vor acht Tagen
nicht aus Neulandpreis, die ich auf eine kritische Beschneidung
des Herzens, der Ohren und Lippen dieses Werkleins verwenden
will, und trage noch, wo Ausschweifungen fehlen, die notigsten
gleichsam als Extravasate und Speckgeschwiilste im mystischen
FUNFTER OFFIZIELLER BERICHT 541
Korper nach, oder in einer schonern Metapher, ich putz* ihn mit
Garnituren von Barockperlen.
Dennoch wiird' ich mir nichts daraus machen, den Malern
nachzuschlagen, die das arrondierte Gemalde mit einem Besatz
und Anschrot fremder Gegenstande vom Rahmen isolierend ent-
fernen wollen: aber ich will bekennen, was ich furchte. Ach wenn
alte eingewinterte Herzen schnell in der schnellen Warme der
Freudentranen wie gefrornes Obst auftauen : so halt sich die zer-
triebene Textur nicht lange mehr. - Der Mensch, der vor der
10 Marter aufrecht blieb, wird oft von der auflosenden schwiilen
Entztickung gebeugt und bis auf die Erde, wie Klosterbilder sich
kriimmen, wenn man sie warm behaucht. Und wenn dann von
diesem fur einen Ton bestimmten Saiten-Paar der Ehe die eine
Saite unter dem heftigen Anschlagen der Freude risse, so wiirde
bald auch die andere springen. - Und diese zwei Leichen hatt*
ich dann in diesem meinem Sommer-Pavillon, wie in einer kalten
papstlichen Kirche, auszusetzen.
Wie toll! - Sen* ich nicht jetzt driiben auf dem reparierten
StraBendamm die zwei alten Leute zwischen ihren Sohnen gehen,
20 und der Weginspektor, der Hamstergraber, zeigt ihnen, wie alles
ist? Alithea fehlt, denn sie kocht; inzwischen war sie gegen vier
Uhr hier auf meiner hohen Lehrstelle und Loge zum hohen (phy-
sischen) Licht gewesen, um mir, wie sie sagte, den gravierten
Zahnstocher mit dem furnierten ZoilusgrifFunter dieBirkennach-
zutragen leider wird auch mehr als ein Leser im funften Be-
rkht den schattenden Durchgang einer solchen Venus durch mei-
nen Phobus oder auch durch die Abendsonne observieret haben.
Wir sind jetzt einander viel naher, seitdem sie weiB, daB ich in
der Welt gerade so viel Figur mache, als ich kabe, namlich nur
30 meine eigne statt der des vornehmen Herrn v.Esenbeck. Ich
sagte gleichwohl der Lieben, der Appendix und der Tag schlossen
sich nur vereint, und darnach konnte sie in Gottes Namen wieder-
kommen und mit mir treiben, was sie wollte.
Und in acht Minuten (das weiB ich? da die Sonne, wie unter-
irdisches Schatz-Gold, immer weiter versinkt mit ihrem iiber-
irdischen, durch ein Abendrot nach dem andern) steht sie da.
542 DER JUBELSENIOR
Uberhaupt welch einem Abende sen' ich entgegenl Denn das
prophetische Geriiste aus Kaffeesatz, aus rastriertem Hand-Ge-
ader und krummen Temperamentsblattern trag' ich so wie die
Esenbecksche rote Goldader.und Stirn-Aquatorlinie ab, da nun
die groBte Favorita endlich fertig steht; und ich brauche weder
(wer zwange mich?) mehr zu weissagen noch zu liigen noch frei-
zudenken, sondern kann so viel Religion haben, als war' ich zwi-
schen meinen vier Pfahlen. — Mit welcher suB schauernden Brust
werd' ich, halb von Morgen-Phantasien, halb von Abendwolken
rotgefarbt, an Alitheens Hand, die ich heute in die weiche ihres u
Geliebten betten helfen, von diesem glimmenden rauschenden
Vorgebiirge der guten Hoffnung hinunterziehen ins geheiligte
beruhigte Abendzimmer unter lauter Menschen ohne FalschI —
Noch dazu kann ich alles genieBen, ohne daB ich im geringsten
aufpassen oder observieren und memorieren muB, weil dieser
Appendix dann schon abgeschnappt und unfahig ist eines neuen
Nachtrags von lebendigen Zugen. - Mit welcher reinerer Wonne,
als ich heute fuhlen konnte, werd* ich die fromme der befriedig-
ten Alten teilen, deren schlaflen Mund jetzt nur das lachelnde
Entzticken, nicht der SchlagfluB verzieht und die so spat im 2c
Leben Wohllaute der Jugend, wie Sterbende Musik, vernehmen !
- Und mit welcher Starke werd* ich, da die Menschen sonst fur-
einander nur die Echos ihrer Hiobsklagen sind, wie im Mauso-
leum der Cacilia ein Widerhall als Repetierwerk der Trauer-
stimmen eingebauet war, unter so vielen groben und klaren, na-
hen und fernen Echos der Freudentone selber eines vorstellen ! -
Und dann, wenn wir alle an der groBen EBtafel das sorgenvolle
Herz ausgeschiittet und es wieder mit dem Labewein der Freude,
der Liebe und der Tugend nachgefiillet haben, und wenn die
zwei muden Alten und die abgehetzten Enkel eingeschlafen und 30
die Handwerker stummer und trager geworden sind, mit welcher
labenden Erweichung, die den schwiilen Lebens-Jubel kuhlt,
werd' ich schon ganz spat, wenn die Silbersolution des Mondes
in groBen Silbertropfen von den regen Birkenblattern gleitet, und
wenn die Ewigkeit die Leichenfackeln der Sterne um die schwarze
Bahre der verhiillten Erde stellt, werd' ich so spat, sag' ich, mich
FUNFTER OFFIZIELLER BERICHT 543
von den weichen, tief geriihrten Brautleuten auf den Gottesacker
fiihren lassen, wo die keuchende Menschenbrust gleichsam unter
den Zypressen der Insel Kandia1 einen erleichterten Atem holt! -
Und dann, wenn wir iiber die griinen Stoppeln des abgemahten
Kirchhofs gehen, den die weiBen Grenzsteine und die braunen
Maulwurfshugel des Lebens zerstiicken, iiber diese verschuttete
Grubenzimmerung des stumm arbeitenden Todes und iiber die-
sen vollen zugedeckten untersten Schiffsraum der schwimmenden
Erde, wenn alsdann das tropfende, vom Hiigel niedergezogne
10 Auge seine Trane fallen lasset, indem es aufwarts blickt unter
seine Sterne hinein, und wenn uns dann der sanfte Ingenuin vor
die zwei buntbestrichnen holzernen, aber nun bleichern und mor-
schen Schlieflquadrate der Lebensbiicher seiner Schwestern bringt,
und wenn er schon weint und seine Braut und ich, eh' er noch
gesprochen hat, wie suB und leicht wird dann mein Herz zer-
gehen! — Und wenn endlich der Bruder spricht und uns die Na-
men und die Reize der entflohenen Schwestern sagt und wenn
der voile Puis der heutigen Freude das enge Menschenherz mit
dem zugegossenen Blute nicht nur voll und schwer macht, son-
20 dern auch weich, und wenn zuletzt der uberwundne Jiingling die
warme Hand seiner nachweinendenAHthea wie einen Trost ergreift
und sagt: »Nun bist du meine einzige Schwester « Nein, sage
das nicht, Ingenuin, ich hatte ebenso viele Schwestern wie du, und
die Erde hat sie verhiillt, ich will sie nicht so spat heraufsteigen
sehen aus dem toten Meere der Vergangenheit...
Ach warum soil sich denn der Mensch lieber nach der Ver-
gangenheit als nach der Zukunft sehnen, da bloB ein Gott eine
vergangne Ewigkeit hat und der Mensch nur eine kiinftige? —
Du bist hinuntergezogen, goldne Sonne, und hast die abblu-
3o hende Rose unsers Abends mitgenommen und sie den erwachten
Menschen .der neuen Welt als die Rosenknospe eines frischen
Morgens gegeben 1
- Wie? ich hatt' es nicht merken sollen, daB eine schwer
atmende Brust hinter mir poche, die meine fliegenden Zeilen im
1 Dorthin brachten sonst die orientalischen Arzte ihre Lungensiichtigen,
weil die Zypressenwalder die Luft fur die offizinell und heilsam machen.
544 DER JUBELSENIOR
Entstehen erhascht? Nein, nein, geliebte erste Leserin, nur
sanft zusammenfahren uber die Anrede sollst du jetzt vor so vie-
len Lesern, du beste, mit dem Monde hinter mir stehende und
glanzende - Alithea ! . . .
Ende der Geschichte
Appendix des Appendix
oder
MEINE CHRISTNACHT
Manner, die gegenwartigen Nachsommer des eben geendigten
Herbst- und Jubelfestes den funften Hirten- und Zirkelbrief an
den Leser nennen, haben Verstand : denn die vier andern waren
wirklich an diesen gestellt, und er ist der verkappte Freund. Der
Leser kann sich, so gut wie jener Kuhhirt zu Chaunay unter Hein-
rich dem Vierten, den Jedermann oder tout le monde nennen. -
10 Ich glaube nicht, daB ein Autor etwas lieber schreibt als seine
Vor- und seine Nachrede : hier darf er endlich reden, was ihn
letzt, seitenlang von sich, und was am meisten labt, von seinem
Werk - er hat aus dem Raspelhaus und SklavenschifT des Buchs
den Sprung auf diese beiden Spielplatze und Lustlager getan und
hat zwanzig akademische Freiheiten bei sich und eine Freiheits-
miitze auf dem Kopfe und lebt da froher als sein Leser. Vom
grauen Altertum sind uns diese Saturnalien zuerkannt und einge-
raumt, und keiner von uns mu6 sich seine zwei Freiheitsfeste
nehmen lassen: werden nicht deswegen noch immer zwei leere
20 Blatter, eines an die Vorrede, eines an den BeschluB, vom Buch-
binder vor- und nachgestoBen, gleichsam als weiBe Tiirspane
zum Zeichen der Immission, zum Zeichen, das nachste Blatt sei
ebenso unbewohnt und ebenso offen beliebigen Schreibereien?
Doch sind diese den Garten des Buchs einfassende leere Hahas
auch die Wiisteneien, die ein Buch vom andern sondern mussen,
wie groBe leere Raume die Reiche der Germanier oder die der
Nordamerikaner oder die Sonnensysteme auseinanderstellen.
Daher wird mirs niemand verdenken, daB ich mir meine Vor-
redner und Beschliisse - denn ich spitze mich darauf vom Titel-
30 blatt an - fur besondere Tage aufspare, fin* utopische, fur Tage,
die ich von den Rheingegenden der Hoffnung umzogen sehe,
546 DER JUBELSENIOR
namentllch fiir Neujahrs — und Schalttage - fur die langsten -
fur die kiirzesten Tage - fiir die Geburtstage meiner geliebtesten
Menschen - und auch fur einundzwanzigste Marztage (woran ich
selber auf unsere glatte Kugel heraustrat) und fiir erste Christ-
tage...
Einen der letztern begehen wir heute, und alle Kirchen singen
eben um mich.
Es konnte viel Stichhaltiges angefiihret werden, um es zu ver-
teidigen und zu verschanzen, daB ich mir gegenwartigen Appen-
dix des Appendix fiir den ersten Feiertag wie anderes Lagerobst 10
aufbewahrt. Besonders mocht' es sich horen lassen, daB ich dar-
um das Christfest abgepasset, um daran so gut meine Weihnachts-
freude zu haben, als war' ich mein eigner Sohn und wiirde vom
guten alten Vater reichlich beschenkt und beschiittet: wenigstens
konnen Manner, die Doxologien und Appendices machen und
sich selber ein Weihnachtsgeschenk bescheren als ihre eigne Christ-
kindlein — man ist ohnehin sein eigner Ruprecht oft genug — , sich
keck mit jauchzenden Kleinen messen und solche fragen: »Seht
her, ob man nicht ebensogut seine Weihnachts-Belustigung ha-
ben kann, wenn man so viele Jahre wie Zahne und Ahnen hat und 20
seine Jubelseniores beschlieBet, als wenn man ein Jubeljunior ist
und mehr Zuckerwerk und Gaumen hat als GebiB, seht nur her,
Schaker!« Das tun sie aber schwerlich: o eine gute Limoniade1
bringt ihnen jetzt auf der Schwelle der Gartentiire des Lebens -
wie Hofgartner tun - einen groBen BlumenstrauB zum Geschenk
entgegen, ob sie gleich nachher im langen dicken Hofgarten des
Lebens mehr zu besehen als abzublatten, abzupfliicken und abzu-
beeren kriegen.
Was inzwischen mich bewog, den heutigen Tag dazu auszu-
stechen, war hauptsachlich der gestrige: — der magische Christ- 30
heilige Abend ist nicht schoner zu genieBen als durch eine Hoff-
nung; daher macht* ich mir die, ihn heute auf meine papierne
Kupferplatte einzuatzen mit der Atzwiege und mir gestern zu
seinem AufriB und zu diesem Appendix die schonsten Ziige und
Farbenkorner einzutragen. . . Ach unsere Fruchtstiicke sind un-
1 Die Nymphe der Auen.
APPENDIX DES APPENDIX 547
sere Fruchte, unsere Tuschschalen sind unsere Zuckerdosen und
Regenbogenschiisseln und Zutschkannchen, und der Dinten- und
Farbentopf ist unser Blumentopf.
Der belogne Liigenprophet, der Mensch, hebt seine besten
dicksten Schinkenknochen fur die Jahre auf, wo ihm die Zahne
ausfallen; ja nicht bloB dem falben Herbste unsers entlaubten
Seins werden die schdnsten Freuden aufgespart - wie auf den
meteorologischen Herbst alle Kirmesse warten — , sondern auch
clem Ende des bloBen Kalender-Jahrs, dem Ende und Schwanze
10 eines Buchs, eines Epigramms, eines Gastmahls, eines Krebses
wird das beste Fleisch, das Dessertservice, kurz Weihnachten
aufgehoben. Ich wiirde gestehen und versichern, so etwas sei toll
und zweifelhaft, es sei nicht gescheut gedacht, wiird* ich fort-
fahren, die Knochen im FleischfaB des Lebens wie in einem an-
dern obenauf zu schlichten und solche vor alien Dingen und alien
Fettstucken wegzukochen und wegzuessen, weil auf den Sterbe-
listen so wenig HofTnung sei, das FleischfaB nur bis auf die mitt-
lern Reifen auszuleeren, ich wiirde das gestehen (gestand ich),
wenn nicht jeder Mensch gerade so gliicklich ware, als er zu wer-
20 den glaubt, wenn nicht, mem* ich, das Sparen nur ein geistigeres
Verschwenden und GenieBen ware, wenn nicht das innere Auge
weiter reichte als der innere Gaum, kurz wenn nicht, da unser
Sterneh- und unser Wolkenhimmel sich nirgends wolbt als unter
unserer Gehirnschale, es weniger gleichgultig als notig ware, daB
der innere Himmel den auBern, der selten einer ist, erstatte, re-
flektiere, verbaue. Und das ists, warum ich niemand schelte und
warum ich glaube, daB sich das Aufbewahren eines Genusses in
nichts vom Antiiipteren und Verlangern desselben trenne als (vor-
teilhaft) in der Geistigkeit.
30 »Aber zuriick zur SacheU wollt' ich jetzt sagen, und sah erst
unbeschreiblich-vergnugt, daB ich gar von meiner Sache nicht
abkommen kann, ich mag mich verbreiten, woriiber ich will.
Den gestrigen heiligen Abend genoB ich durch die HofTnung,
daB ich ihn heute am Christtage beschreiben wiirde: diesen ge-
nieB* ich jetzt dadurch, daB ich mich des gestrigen Tags erinnern
will. Nicht nur die Logik hat ihren Zirkel, den philosophische
548 DER JUBELSENIOR
Dilrer leicht und fertig machen : auch die Freude hat ihren Zau-
berkreis, ihren glanzenden Ring um den bleifarbigen Saturn der
Zeit.
Fast alle Menschen lieferten gestern Zuckerrohr in die Zucker-
rafflnerie meiner Lust, bloB die Schneidermeister in den preuBi-
schen Staaten ausgenommen : denn diese muBte ich bedauern.
Diese Gewerkschaft hat noch am heutigen Festtag die Nadel in
der Hand, iibermorgen fadelt sie wieder ein, weil ihr die Gesetze
den dritten Ton aus dem Fest-Dreiklang, den dritten Feiertag,
wegnehmen; also bleibt ihr nur einer iibrig, gleichsam ein bloBer 10
Sonntag. Das ist nicht viel fur ein hohes Fest; aber genug. Denn
ob man gleich der produzierenden Klasse als Ersatz fur die drei
Grade der Tortur ebensoviel Himmel, namlich Feiertage gonnen
mochte - besonders da ihr Lebens-Friihling gerade dem Friih-
ling des Mondes gleicht, der nie langer wahrt als drei Tage -: so
muB man doch auch horen, was die Vernunft sagt. Diese sagt
aber ganz laut, daB die gemeinen Leute Gott danken sollen, wenn
ihnen der Staat nur noch Werkeltage lasset, geschweige Sonntage:
hohe Feste gehoren eigentlich fur den hohen Adel, Sonntage fur
den niedrigen, Apostel- und Marientage fur Honoratiores und 20
etwan ein halbierter Apostel tag furs Volk. Nehmen denn nicht
die hohern Klassen die Feier der heiligen Ruhetage, die man
den niedern erlasset, mit Freuden auf sich und geben dafiir
diesen solche her, an denen etwas zu verdienen ist? Denn ein
Kammerherrnstab, ein Hofmarschallsstab, kurz ein Hofstab
bewahrt vielleicht noch die schonsten Sittenreste der alten, von
Tacitus abgezeichneten oder vielmehr abbossierten Deutschen;
wenigstens weiB ich nicht, wo ich eine groBere altdeutsche
Liebe zum freien Leben und zum Spiel, eine schonere, alien freien
Wilden gemeine Flucht der Arbeit, die ihnen bloB Jagd und 30
Krieg erlaubt, noch suchen soil. Nicht nur die freien Nationen,
z, B. Griechen und Romer, verbrachten drei Viertel des Jahrs in
hohen Festen, sondern auch noch jetzt die freien Leute auf der
Kurial-Heide.
Nehm' ich aber, wie gesagt, die preuBischen Schneider aus, so
ging vor meinem Fenster kein Mensch vorbei, der nicht eine ver-
APPENDIX DES APPENDIX 549
grofierte Zuckerfigur fur meine Phantasien wurde Ich sehe
aber nicht, warum ich nicht den ganzen Sonnabend abmale. —
Es muB schon in den mannheimischenWetterbeobachtungen ver-
zeichnet stehen, daB gleich gestern am Morgen das Wetterglas
stieg, der Schnee flel und der Wind umsprang und vor den heiH-
gen drei Komgen vorauslief als Stern. Dann ging der Tag und
die Arbeit an, der ich zusah, um heute eine zu haben. Ich sah auf
der Gasse keinen einzigen Menschen, der schlich, sondern lauter
Luftspringer, Sturmlauferinnen mit dem Lauferschurz und Ren-
jo ner nach dem dreitdgigen Le&en, das, wie Christi dreitdgiger Tod,
der Exponent einer Ewigkeit war. Der arme Teufel, die arme
Teufelin, die vormittags saen und abends ernten und zwischen
deren Saatkorn und Brotkorn der kleinste Unterschied der Zeit
und des Ertrages ist, erzwingen und erbeuten nicht nur durch den
UberschuB ihrer Anstrengung drei ruhende Tage, sondern auch
drei verschwendende - so daB also der Staat oder Fiirst — d. h. der
Staat im Staat - nichts dabei verlieren kann
Bei Gott! warum soil meine Brust nicht so gut warm und un-
mutig werden wie Mosers seine? Warum soil ichs nicht ohne alle
20 ironische Umschweife - denn der ironische BogenschuB wird
verziehen, aber nicht der ernsthafte Kernschufi7 weil die Hohen
und Hochsten der Erde Iieber sich die groBten Wahrheiten sagen
lassen, als den Niedrigen und Niedrigsten ihres schweren Throns
die kleinsten - warum soil ichs nicht heraussagen, daB es erstlich
entsetzlich hart ist, nicht nur den iiberladenen, nicht fur alte, ge-
schweige fur neue Arbeitstage besoldeten Schulleuten - den be-
frachteten gekriimmten Dikasterianten - den sogenannten wei-
Ben Christensklaven oder Dienstboten, die, wie die schwarzen,
besondere eigne Allodial- und Freietage zu eignen Arbeiten ha-
jo ben, namlich Fest- und Feiertage, letztere ganzlich bis den letzten
unerbittHch wegzureiBen — daB es zweitens noch harter ist, die
hebenden Hoffnungen niedergebeugter Froner des Geschkks und
ihre religiosen Wiinsche zugleich zu verkurzen und anzufallen
und ihre Arbeiten ohne ihre Kenntnisse, sondern die alten Irr-
tumer zugleich mit neuen Seufzern zu verdoppeln — daB es drit-
tens nicht bloB unmoralisch. sondern auch unnotig, wenn nicht
550 DER JUBELSENIOR
finanzwidrig ist (und dieses beruhrt den wahren einsichtigen
Staatsmann schon naher), unsere einzigen Volksfeste (das sind
die Kirchenfeste) zu schmalern, da die Freude, nicht die Notdurft,
da nicht Wasser und Brot, sondern Meisterbier und Meisteressen
odergebranntes Wasser und Himmelsbrot dieMuskeln und Flech-
sen der Arbeit spannt und stahlt1, da ferner die Sterbelisten der
westindischen Neger es verbieten, die Kraft wie etwan in der
Mechanik durch die Zeit zu ersetzen, da endlich die ahnliche oder
groBere Blute anderer protestantischer Lander voll Feste und die
natiirliche Auswanderung gezwungner Sabbatsschander und
Schanzarbeiter in jene feiernden Lander und die Reichsunmittel-
barkeit und Machtvollkommenheit der Handwerkspursche den
metallischen Ertrag aufgehobener Festtage um die Halfte ver-
kleinern?
Und doch glaub* ich kein Wort von allem vorigen. Denn was
konnt* ich einem Etatsminister mit Grund antworten, wenn er
mich fragte: ob nicht die Menschen bloB dann so denken lernen
wie Esel, wenn sie ebenso tragen miissen wie diese, und ob nicht,
wenn man das MiihlenroB verfinstert, damit es besser umlaufe und
{iehe, umgekehrt der schnellere Umlauf und Zug ebensogut Ver-
finsterung und Schwindel verspreche? — Denn in der Tat, die
Finken blendet man zwar, damit sie singen, aber die Menschen
ofTenbar, damit sie schweigen.
- Die Wctlken ballen und spalten sich jetzt immer schoner und
groBer, und der hohe feme Himmel schauet blauaugig durch sein
Nebel-Gitter auf unsern schnellen Freudentag herein ... warum
keif ich und grolP ich und seufz' ich? - Kann ich denn nicht den
gestrigen wieder vornehmen und malen und damit den heutigen
erleuchten? — Ich fahre also fort. Ich sagte schon, daB jeder ge-
stern lief. Die SchweiBtropfen der Anstrengung flossen tiber lau- :
ter erheiterte Gesichter, und die Arbeit und die HofTnung zu-
gleich verdoppelten den Herzensschlag; - ich sah auf der Gasse
lauter galoppierende Kinder und plaudernde soeurs servantes,
namlich Magde, aber zu Hause saBen jene und liefen diese, um
1 Ein Mensch, der nur nicht verhungern will, braucht und tut nicht viel:
das zeigen die Bettler und die Italiener und Spanier und Portugtesen.
APPENDIX DES APPENDIX 55 I
fur die kiinftige Wohltat schon ebensowohl zu danken als zu
werben. - Meine Phantasie tat Haussuchung und fand die jiingern
Kinder mit einiger Werkheiligkeit in einem neuen Leben wan-
delnd, indes die altern mehr durch Glauben als gute Werke selig
werden wollten; ja sogar die Eltern fand ich - ich sah wie der
heilige groBe Christophel in die Fenster - aus einem Revolu-
tionstribunal in bloBe Gesetzprediger verkehrt, die die frommen
Kleinen nicht mehr zum aktiven Schiffsziehen, sondern nur zum
passiven, namlich mildern Kielholen verurteilten. Ich sah in
ro Hauser, worin die Kinder, als englische Kopiermaschinen ihrer
Eltern, mit aufgewarmten Spielwaren voriger Christtage sich ein-
ander Titular- Christgeschenke bescherten und vorher einander
als alternierende Ruprechte entsetzlich erschreckten. Ich horte
alle Mutterherzen lauter schlagen und sah die Mutteraugen langer
wach;und in jeder ermudeten sorgenden Mutter kam mir der alte
Gedanke und die alte Freude entgegen, daB die Mutter unserem
Geiste Warme geben und die Vater Licht, daB wir jenen die frii-
here Anbriitung und war me Belebung des Herzens durch Liebe
fruher verdanken als diesen die Bereicherung des Kopfes, wie die
20 neugeborne Taube einige Tage nur erwarmet werden muB, ehe
sie geatyet zu werden braucht. Die Armste, deren Lebensfaden
sich aus der Wolle dreht, die sie spinnt, will ihren guten Kleinen
wenigstens einen Morgen lang etwas WeiBeres zu brocken und
zu beiBen geben als Haus-Brot — und die Menschenstalle, deren
Klausner in der wilden Schweinshaut, die aufgebreitet als Vor-
grund schoner Zimmer den Schmutz abputzt und wegburstet,
selber stecken, sind mit goldnem Regen und silbernen Schnee-
flocken gestickt und punktiert — und die junge Mutter will den
erstgebornen eingewindelten Saugling mit seiner dunkeln Seele
30 vor den beladenen, mit den Goldquasten von Apfeln und mit den
NuB- und Fruchtschnuren und Hang-Zucker illuminierten Baum
des Erkenntnisses tragen, weil das gebende sehnsuchtige Mutter-
herz die Jahre nicht erwarten kann, worin der reifere Liebling
das pranumerierte Geschenk geniefiet und begreift. - Und so
flelen in den Veilchensirup aus gesammelten verbluhten Veilchen,
den meine Phantasie verdickte und blau kochte, keine Stiele und
552 DER JUBELSENIOR
versprungnen Kohlen, ausgenommen die durchpassierenden Re-
kruten, die keinem andern abgehauenen Christbaum entgegen-
marschierten als dem, woraus der Korporal seinen Stock aus-
bricht, und die am Christmorgen noch vor tags mit den Werbern
aus dem Gasthofe, vor lauter erleuchteten, mit Gold gestickten
Fenstern vorbei, ins Freie wandern muBten : die Postknechte rit-
ten doch am Morgen zu ihren entgegenhiipfenden, neu drapier-
ten Kindern zuriick.
Was mich gestern so sanft anklang wie das gewohnliche Fest-
Einlauten, waren drei fremde Kinder, die ich belog. Ich gesteh* 10
es Rezensenten und Atheisten, ich befesrigte die drei glaubigen
Jiinger, so sehr ich konnte, im erwiesenen Irrtum eines existieren-
den — Christkindleins : es fliege hoch und golden (macht* ich ihnen
weis) iiber die Hauser und schaue herab auf gute und bose Taten
der Kinder und belohne jene und bestrafe diese. Ich zeigte ihnen
ohne Bedenken eine entfallne Pfauenfeder desselben (wie man in
mittlern Zeiten des Erzengels Michael Federkiele wies), da es auf
der umkreisenden Turmfahne die Schwingen ausdehnte und wie-
de*r zusammenschlug
Es ist kindisch und pedantisch, aus Kindern freudige Irrtumer 20
auszujaten, die nur Rosenabsenker und keinen Nesselnsamen tra-
gen konnen. Jagt den Ruprecht fort, aber lasset das magische
Christuskind mit griingoldnem Gefieder zwischen den wider-
scheinenden Dezemberwolken ziehen; denn jener richtet sich ein-
mal grimmig mit gezahnten Tatzen im Fieber auf, aber dieses
fliegt einmal vergoldend und anlachelnd durch einen dunkeln
Traum und durch die letzten Abendnebel auf dem Sterbebette
und durchbricht mit hellen laufenden Goldpunkten den flnstern
Dunst.
Der hohe Glaube der Kinder an ein Menschenwort und also 30
ihre Bereitwilligkeit, grobe Tauschungen glaubig aufzunehmen,
ist so groB und so tatig als ihre - herumgreifende Aufmerksam-
keit, die das gemalte blinde Tor der Tauschung trotz der Tor-
sperre oflnen will; - und daher kommt es, daB der Verfasser des
Jubelseniors, als er noch Husar (ich meine, im Husarenpelz) war,
nicht vermochte, aus alien gepackten Korben und aus alien Zu-
APPENDIX DES APPENDIX 553
bereitungen zum Christgeschenk und aus alien Gertichen des
angemalten Spielzeugs und des heiBen Backwerks und aus dem
Augenschein selber (da er wirkliche Menschen bescheren sah)
herauszubringen, daB niemand weiter die Hand in diesem gliick-
lichen Spiele habe als eben Menschen : ich nahm wenigstens gleich
einem Tkeologen an, das Christuskind greife, da ich die unmittel-
bare Einwirkung aufgehoben sah, zur mittelbaren und schenke
durch fleischerne Erdenhande. Und dann als auch dieser bunte
Nebel zu Wasser wurde: so gab ich keinen Groschen furs ganze
io Geschenk. Ich erinner' mich noch wohl meiner damaligen er-
schlafFenden oden - Entzauberung: ... und so wird mein Geist
und jeder Geist, auf den die unsichtbare Luftsaule des Lebens in
unserer Erden -Tiefe herunterdruckt, ewig seine Arme und Flugel
nach einem hohern Ather ausstrecken — ewig wird unser armes,
in die Klausur der Brust, in den Block des schweren Erdenbluts,
in die Lauf bander derNerven gefesseltes dumpfesHerz sich strau-
bend und schwellend und oft brechend gegen das Element auf-
schlieBen, in dem es schlagen soil - denn die UnermeBlichkeit ist
unser Ort, und die Ewigkeit ist unsere Zeit, und das Geschopf
20 ist nur der Vorlaufer unsers geliebten Schopfers.
O daher verlieret jene Jugendzeit, wo die Wirklichkeit groBer
und lichter war als der gedriickte enge Wunsch in der Kinder-
brust, niemals ihren Schein: dort war es schon, da uber den
kleinen Kopf sich noch kein groBerer Himmel wolken konnte,
als der iiber ihm stand, und da wir noch aus der Morgenluft (un-
serer Lebensluft) unsere Luftschlosser, d. h. unsere Lustschlosser
bauen durften . . . dort war es schon, wo uns noch der Schlafrock
des Vaters so warm und dicht umhullte wie der Mantel des Schla-
fes, wo die Erde noch die Phantasie, nicht diese jene bevolkerte
30 und wo wir uns statt der Ewigkeit nichts wiinschten als Jahre und
nichts Hohers sein wollten als Eltern...
Daher grub ich mir gestern, als die Nacht meinen Lustgang
und Himmelsweg der Gasse sperrte, auf den Stubenbrettern das
verfahrne Gleis von neuem auf, das der Laufwagen meiner kindi-
schen Jahre mit den Ezechielsradern eines Himmelswagen gezo-
gen hatte. Alles ruhte neben mir und in mir - uberall setzte ich
554 DER JUBELSENIOR
gewisser als sonst begliickte Sterbliche voraus - das Treiben der
hauslichen Arbeit hatte aufgehort, die weiblichen Brandungen
waren geglattet, die Fenster- und Bett-Vorhange hingen und
gleiBten, der Meersboden der sandigen Stube blinkte, die Mehl-
Barren oder gekneteten Back-Bldcher und Wellbaume rauchten
aus und wurden kalt - alles Geliebte urn mich saB und hoffte -
ich lief und hoffte -ja ich sah den Paradiesvogel der Freude neben
dem Adventsvogel1 fliegen und uns mit dem regen schillernden
Gefieder blenden.
In einem solchen Enthusiasmus war mirs unmoglich, ein ge- 10
ringeres Buch zu ergreifen als die — Fibel. Wenige Biicher, die
ich kaufe oder mache, les' ich mit solchem Entziicken als dieses
am hauflgsten aufgelegte Werklein, dieser vergoldete Tiirgriff an
alien Universitats- und Lehr- und Lerngebauden. Ich mache mir
mein Entziicken dadurch begreiflich, daB ich es aus dem groBen
alten ableke, womit ich das erste Abcbuch mit seiner goldnen
Metallschrift auf der holzernen bunten Flugeldecke in meinen
kindlichen Handen glanzen sah. Schon das Innere des Buchs,
namlich die 24 Buchstaben sind mir nicht gleichgultig, da ich von
ihnen lebe, indem ich sie bloB gehorig wie Karten oder Lose 20
mische; aber doch zieht mich das Werkchen starker an, wenn es
zu ist und ich das goldne Abe aus meinem goldnen Zeitalter auf
demLetterholz derSchale vor mir flimmern sehe wie einen durch-
brochnen illuminierten Namenszug auf einem Ehrenbogen.
Aber da ich gestern die mit Goldfarbe aufgefrischte Trummer
der Vergangenheit beschauete : so wurde mir plotzlich wie einem,
der aus einem langen Schlaf erwacht, und mir kam vor, ich hatte
nur eine Stunde geschlafen, namlich gelebt - ich fragte mich:
kann denn die Zeit so weit zuriickgesunken sein, deren Grab-
schrift in erhobenen metallenen Lettern so hell vor und in dir 30
steht - ist denn der Tag des Lebens nicht bloB, wie der Christ-
abend, so dunkel und kalt, sondern auch ebenso kuri?
Aber ich gab mir selber ein Trauerreglement und IieB, um
meine vier Gehirnkammern nicht schwarz auszuschlagen, iiber diese
wie iiber eine dunkle Kammer die gefarbten lebendigen Morgen-
1 Die Norweger glauben, er komme nur am vierten Advent.
APPENDIX DES APPENDIX 555
bilder aller der Freuden Ziehen, die jetzt urn andere Lander flat-
tern. Ich versetzte mich statt in alle Gassen nun in alle Zonen. Ich
konnte mit GewiBheit zu mir sagen: »In dieser Stunde rasten
tausend Miide - tausend SaugHnge schlummern trunken an den
sanft heriibersinkenden Muttern ein — jetzt steigt die Sonne wie
das Haupt des Meergottes aus dem entziindeten Meere und wirft
Rosen auf Inseln, und diese beschauen ihre bekranzten Ufer im
Zauber - Wasser — und in dieser Minute weicht sie von den breiten
Ernten anderer Lander und versteckt sich hinter Orangengipfel,
io dann hinter Weizenahren und zuletzt hinter drei Rosen voll Laub
und strahlet endlich verschleiert nur in der geriihrten Seele eines
nachblickenden Dichters fort - Wie viele Liebende fallen in die-
ser Stunde einander ans Herz! Wie viele Getrennte erblicken sich
wieder! Wie viele Kinder schlagen jetzt unter unsern Wolken
zum erstenmal die Augen auf, und ihre Eltern lacheln statt ihrer!
— Welchen schonen Perlenbach von Freudentranen sieht jetzt der
gliickliche Genius der Erde unter Nachtigallentonen und Freu-
denfesten niederfallen ! -Ach wie freudig sen' ich die bunte We-
sen- und Blumenkette heller abgetrockneter Augen und wonne-
20 voller Herzen um die Erde gehen 1 Und, o du guter Genius, gehor'
ich denn, indem ichs sehe, nicht auch dazu?« -
Ach ich riB mich bald vom bekranzten Zuge ab, weil meine
aufgeriittelte Phantasie mir auch einen zweiten parallelen trauern-
den zeigte, der, gesenkt und in Flor gehullt, schweigend oder
klagend durch das enge Theater geht. Aber ich will euch nicht in
das dunkle Trauerbilder-Kabinett hineinfuhren, das ich mit den
Nachtstiicken des Trauergefolges dieser Stunde behing, und wor-
in ich es make, wie viele Wunden und Graber in dieser Minute
gemacht werden - wie viele Seufzer steigen - wie viele unserer
30 Geschwister trostlos erbleichen - wie viele geschieden, verlassen,
verachtet, zertreten und durchbohrt werden Nein, diese Tro-
phonius-Hohle, diesen diistern Trauersaal schlieBe die HofTnung
zu. - Aber in dieser aus Schmerz und Wonne zusammengemisch-
ten Wehmut, die bald kraftlos gegen die tiefen Gewitterwolken
der Leiden wie gegen die physischen kein Mktel auf dem Lebens-
Wege kennt, als sich hinzulegen in die sicherste und letzte, aber
55<5 DER JUBELSENIOR
kalteste und engste Hohle, bald aber sich Iieber mit lachelnden
Schmerzen aufrichtet und im Gewolke des Grams das Bild des
Unendlichen und seines Himmels leichter erkennt, wie wir die
kleinere Sonne nur im uberflorten Spiegel betrachten, — in diesem
vermengten Zustande voll kampfender Traume sucht' ich den
Schlummer aufj der mit einerri leichtern kiirzern Traume den
Zwist der andern schlichtet.
Aber ich fand ihn nicht. Die Winterstunden zogen trage mit
ihren langen Schatten voriiber. Meine innern Bilder wurden von
elektrischen Funken lichter und reger und bewegten sich endlich 10
im schwarzen Raum der Nacht, anfangs vor den geschlossenen
Augen, dann vor den geoffneten. Ich sah sehnlich der erleuchte-
ten Morgenstunde des heutigen Tages wie einem betaueten Friih-
ling entgegen. —
Ich ging ans Fenster, um den Nachtfrost als Alpenschnee in
den heiBen Zaubertrank meiner Phantasien zu werfen; auchwollt*
ich die nahe gewohnliche Christnachts-Musik, die vom umweh-
ten eisernen Turmgelander iiber taube Hauser geblasen wird,
naher und voller auftrinken. Unten vor mir lag eine schlafende
Gasse erloschener Beinhauser - iiber die Bleiche aus Schnee zog 20
die schwarze Trauerschleppe des geschmolzenen Stroms den lan-
gen Faltenwurf — nackte Baume vergitterten die weifie Ebene mit
ihren schwarzen Gerippen, und der breite Trauerrand diisterer
Walder endigte die bleichen Hugel - iiber den blauschwarzen
Himmel wurde aufgelostes Gewolke, gleichsam vergrofierte
Schneeflocken, getrieben, und um die ewigen tiefen Sonnen gau-
kelte der flatternde Dunst der Erde. —
Als der Nachtwind, der einzige lebendige Atem der Natur,
meine erhitzte Stirn und meine geschlossenen Augen kiihlend
iiberspiilte und sich wie Friihlingslaub um meine Traume auf- 30
blatterte: so kamen wahre Traume und der starre Schlaf.
Der Traiim und das Alter spielen den Menschen in die Kind-
heit zuriick, und in der kalten Nacht von beiden iiberkriecht das
Hchtscheue Erdgewiirm des kindischen Wahns wieder das Herz.
Mir traumte, ich stiege auf den hochsten Eisberg der Erde, um auf
seinem Gipfel kniend mein Ohr an das verschlossene Kirchen-
APPENDIX DES APPENDIX 557
und Gottesackertor der Zukunft dieses Jahrs zu legen und sie zu
belauschen. Unter dem Eisgeburge lagen die Stadte und Kirch-
hofe der Erde weit umher in dammernder Tiefe - alles schlief,
nichts leuchtete, nichts regte sich, und die ganze Erde war von
einer Stadt zur andern wie vom Krater des Grabes mit stiller
Asche hoch beschneiet.
Aber als ich gen Himmel sah, so zogen die zuckenden Stern-
bilder und verfolgten einander — jedes Bild make mit zusammen-
schieBenden Strahlen wie mit spriihenden Gewitterwolken seinen
10 lichten UmriB ins Blaue - der Himmel bewegte sich unter dem
Kampfe der funkelnden regen Gestalten - der Drache zog am
Gipfel des Himmels herauf und verschlang die Sonnen seiner
Bahn und den Polarstern - am erhabenen Orion lagen nagend
der Skorpion und der Hund — der Krebs durchbohrte mit seinen
zwei Scheren die Zwillinge - und auf der Jungfrau hackte der
Rabe, und die Wasserschlange hielt sich aufgebaumt auf der
Flucht zuriick.
Die Geisterstunde riickte immer naher. Unaufhorlich sprachen
die Glocken unter mir und schlugen jede Minute zur elften Stunde.
20 Ich schauete furchtsam nur auf die entschlummerte eingeschat-
tete Ebene nieder. Endlich schlugen alle feme Uhren die sech-
zigste Minute aus, und die Geisterstunde ging an. Da fuhr ein
Sturm unter der Erde am Horizonte herauf und erschutterte die
aufgehenden Sternbilder und trieb sie auf die Erde herein, und
die Totenasche drehte sich auf, und die wandelnden Bilder blitz-
ten durch das Aschengestober - und die lichten Gestalten waren
Geister und bestanden aus Augen.
Die Lichtgeister zogen die Totenasche an und verhiillten sich
in sie und formten Menschenkorper daraus und Gestalten, die ich
30 kannte. Sie spielten das Getummel des Lebens nach - die Geister
im Staub weinten wie die schlafenden Menschen, und andere lach-
ten mit den Aschenlippen - sie machten Graber und legten Kin-
dergestalten hinein, andere hielten Mutterarme auf und druckten
kleine Wesen an die kalte Brust - Dann trieb eine neue Winds-
braut die Totenstaub -Wolke aus den weiBen diirren Schlacht-
feldern der vorigen Jahre heran. Und die blinkenden Geister wik-
558 DER JUBELSENIOR
kelten sich in den Heerrauch und spielten verkorpert mit altem
ruhenden Staub grimmig die kiinftigen Schlachten vor, und die
fallenden Krieger stohnten nur im Fallen, aber aus der Asche
flossen keine Tranen und kein Blut.
Und da ich voll Klage meine Augen auf zum Himmel hob und
betete : »0 Vater des Trostes, gib den armen wahnsinnigen Men-
schen Friede und Liebe!« so sah ich den gestirnten Drachen zwi-
schen dem Arkturus und Kynosura die Fliigel wie Wolken auf-
schlagen und herunterziehen; — und wie er gliihend defer sank,
so fiel der Berg aus Eis geschmolzen ein, und die nahe Asche flat- 10
terte urn mich, und eine spielende Gestalt wollte in meinen Kor-
per dringen, um mein Vergehen nachzuspiegeln, und die nahe
Erde, dieser Aschenzieher unsers warmen Staubs, ergriff mich,
und dem hangenden Drachen entfiel auf mein Herz ein gliihender
Stern — Da war mein Geist befreiet und loderte empor iiber sein
zerbrochenes, auf die Erde gebauetes Gehause Ich schwebte
fest und unbewegt iiber den Strudeln der rollenden Erde, und die
umlaufende Welt fiihrte ihre Lander und Volker unter rmr vor-
bei. O wie viel Jammer und wie viel Wonne flohen voriiber! Bald
walzte die Kugel ein sturmendes schreiendes Meer und taumelnde 2o
Schiffe mit angeketteten nachfliegenden Sargen vorbei - bald ein
persisches Tal, gliihend 'von Nelken und Lilien und Narzissen und
rauchend von hangenden Blumen-Garten auf Pfirsichstammen -
Schlachtfelder voll umklammernder Wurgengel verfolgten duf-
tende Garten mit umarmenden weichen Geliebten - bald kamen
zwei Arme, die das staunende Entziicken, bald zwei andere, die
der Jammer aufhob — und die Kugel zeigte mir auf ihren weichen
Blumen den gliicklichen Schlafer und unter ihm den liegenden,
gleich einer lebendig beerdigten Leiche arbeitenden Bergmann
und Minen-Neger - Regenbogen auf erkalteten Gewittern und 3o
auf erhabenen Wasserfallen, niederbrennende Stadte unter Don-
nerwettern und schillernde Auen im Morgentau -, die Toten-
glocke summte in das Freudengelaute, das Morgenrot zerfloB ins
Abendrot, und die reifiende Kugel riickte das an ihr hangende
Menschengeschlecht, alle seine verwemten, erhabenen, zerdriick-
ten, verwesenden Gestalten und alle unsere Tranen und Kranze
APPENDIX DES APPENDIX 559
und Siechbetten und Spiele zusammen, und der Schmerz und die
Seligkeit riefen nebeneinander fliehend : ich bin ewig — Da stand
in meinem Geiste der Stolz und die Kraft der Unsterblichkeit auf,
und er sagte : eile hinab, schmutzige Kugel, mit deinen gefliigel-
ten Schmerzen, mit deinen gefliigelten Freuden, du bist viel zu
verganglich fiir einen Unsterblichen !
Aber als der wegziehende Erdkreis seine Sonne entbloBte und
die Sonnen hinter ihr - und als mein gereiftes Auge um die an-
dern Sonnen tausend Erden schwimmen und alle dunkle Klum-
10 pen mit der umgewalzten Nachbarschaft der Paradiese und der
Graber, des Jammers und des Jubels eilen sah, so brach meine
Brust unter der Verzweiflung, und ich rief aus: »Unendlicher,
sind denn deine Endlichen nirgends gliicklich? O wenn wird
denn die ermudende Seele gesattigt?«
Ein sanftes Tonen antwortete : »Auf keiner Erde - aber nach
dem Sterben - bei der unendlichen Liebe, bei der unendlichen
Weisheit.« — Und hier kehrte die Erde von ihrem Jahre zuriick
und flog oben von der Sonne herab, und das Tonen sang schoner
und leiser nach: »Geh auf deine Erde, du bist noch nicht gestor-
20 ben.u Und hier wurde aus alien in der Tiefe fliegenden Welten ein
zitterndes Glockenspiel, und meine getrostete Seele stieg der al-
ten niederfallenden Erde sanft gezogen entgegen - und ein fun-
kelnder Zirkel aus zwei verkniipften Regenbogen war um ihr run-
des Ufer gelegt - und sie ri8 mich erschiittert zu sich, und ich
wachte auf
Um den Turm flogen die heiligen Tone des Christmorgens,
und der Morgenwind brachte sie schweigend - unter mir ging
der finstere Strom mit seinen alten Wellen und mit ewigen Tonen
- die Sternbilder des Himmels standen fest und hell, und die
jo Wolken lagen, vom Nachtwind geturmt und von der tiefen her-
aufziehenden Sonne gefarbt, bergig in Osten- und in einigen der
nachsten Hauser waren schon die Frucht- und Zuckerbaume an-
geziindet, und die von der Musik zu bald geweckten Kinder hiipf-
ten um die brennenden Zweige und um das versilberte Obst
Ende
DAS KAMPANER TAL
oder tiber die
Unsterblichkeit der Seele,
nebst einer
ERKLARUNG DER HpLZSCHNITTE
unter den 10 Geboten
des Katechismus
VORBERICHT
Der Mensch besteht aus zwei Teilen, aus SpaB und Ernst, - und
seine Gliickseligkeit besteht daher aus hohern und aus niedern
Freuden. Er gleicht dem iweikopjlgen Adler der Fabel, der mit
dem einen niedergebiickten Kopfe verzehrt, indes er mit dem
andern umherblickt und wacht.
Daher muB ein guter Autor wie ein Brite fiir dieses nicht so-
wohl wider- als doppelsinnige Geschopf, das in einem Simul-
taneum zweier Welten lebt, zwei Naturen annehmen, die gottliche
io und die menschliche. Ein Autor kann es desto leichter, da er sel-
ber ein Mensch ist und unter seine Leser gehort. "
Das ist die Ursache, warum gegenwartiges Buch, wie seine
ganze altere Bruderschaft, eine binomische Wurzel oder vielmehr
eine Zwitterbliite, namlich folgende zwei unahnliche Redeteile
hat.
I. Das Kampaner Tal oder das Gesprach darin iiber unsere
Unsterblichkeit. In unsern Tagen, worin man die korperlichen
Flugelscheiden fiir die geistigen Fliigel halt, wie bei den Bienen
die Scheide fur den Stachel, muB man dem Menschen immer die
20 Schwungfedern seiner Natur und den hangenden Garten zeigen,
in den sie ihn heben. Die kritische Philosophic beweiset jeden
Morgen und jede Messe, daB wir unsterblich sind wie sie selber;
aber nicht jeder steht nahe genug an ihrem Katheder, ihre leisen
Beweise zu vernehmen. Ich hoffe, sie wirft den meinigen nichts
vor als den Unterschied der Einkleidung. Aber die Dichtkunst
ist der elektrische Kondensator der Philosophic, jene verdichtet
erst das elektrische Spinngewebe und die Beatifikation der letz-
tern zu Blitzen, die erschuttern und heilen. Der Mensch geht
nicht allmahlich von einer Oberzeugung zur entgegengesetzten —
564 DAS KAMPANER TAL
vom Hasse zur Liebe - von der Liebe zum Hasse - vom Laster
zur Tugend iiber, sondern mit einem Sprung: blofi ein Wetter-
strahl kehret seine magnetischen Pole urn.
Im Gesprache iiber die Unsterblichkeit fehlen oft die wichtig-
sten Beweise, die schon in meinen vorigen Werken stehen. Auch
hatt* es nicht bloB schopfen, sondern erschopfen sollen; und das ■*
Gesprach hat nach meinem eignen Gefiihle den Vorwurf nicht
genug vermieden, da6 es in diesem Zustande mehr ein - Ge-
sprach sei als ein ordentlicher vollstandiger Traktat mit dem ge-
horigen gelehrten Zeugenverhor und mit den norigen Beweisen 10
durch Okularinspektion, durch Haupteide, durch briefliche Ur-
kunden und durch halbe, x/4, 1/8, 1/16 etc. Beweise. -
II. Den ganzen zweiten Fliigel dieses Gebaudes nab* ich mit
einem Holzschnitte-Kabinette eingenommen, das ich nun dem
Publikum die ganze Woche offne. Bekanntlich besitzen die Fiir-
stentumer Baireuth und Ansbach einen kleinen lutherischen Ka-
techismus, worin die 10 Gebote stehen und der mitten in jedem
Gebote den Tafelaufsatz oder das Schaugericht eines guten Holz-
schnittes auftragt. Diese Holzschnitte sind noch dem KunstpubH-
kum wenig bekannt; in den Kunstlerlexicis, die mir noch vor- 20
gekommen, find* ich weder des Meisters noch seiner Werke ge-
dacht. Das Nachspiel dieses Buchs soil versuchen, der Welt nicht
nur einen vollstandigen Kommentar iiber die 10 Holzschnitte zu
geben, sondern auch die 10 Schnitte selber. Anfangs wollt* ichs
anders machen, und es sollte - um nicht das Werk durch den neuen
Abdruck der 1 o Stocke zu verteuern- mit jedem Exemplar zugleich
der kleine Katechismus Lutheri selber, der fast nichts kostet, von
der Verlagshandlung ausgegeben werden, wie mit Lichtenbergs
Kommentar die Platten von Hogarth. Aber meine Freunde stell-
ten mir vor, die Weltleute wiirden sich an den Katechismus sto- 30
Ben und lieber Holzschnitte und Kommentare entraten, als sich
mit jenem befangen. Daher lieB ich den kostspieligen Abdruck
der alten Stempel zu; und in der Tat, warum darf sich Deutsch-
land nicht auch mit seinem Geldbeutel endlich an Galabiicher voll
Holzschnitte wagen, so gut wie England an seine Gallery of
Fashion und an andere Parade-Bucher, worin es jetzt so viel wie
VORBERICHT 565
in Bestechungen vertut? Ich hoffe, die deutsche Nation lasset ein
solches Werk wie meines bloB des hohern Preises wegen — steig*
solcher auch zu i Kaisergroschen, der in Ld'or a 5 Tlr. etwan
93/5 Pf. tut - schwerlich sitzen ; sie feuert mit einer solchen Kleimg-
keit gern ihre guten Kopfe an. Oberhaupt warum soil der Deut-
sche gleich einem Areopagiten oder gleich einem Athleten1 keine
Schonheit ansehen? Warum soil Deutschland nicht wie Abdera,
wie Pius VI. und ein Philipp von Frankreich den Beinamen des
Schonen erringen? - Kann der Deutsche nicht dem Juden gleich-
10 kommen, der sich nach dem Gesetze, wenn er am Schabbes8 an
einem bekannten Inkognito-Orte sitzet, schone Gemalde, schone
Hauser und Sachen denkerr soil? -
Allerdings raumt der Verfasser dieses Buchs willig ein - er sah
aber den Fehler zu spat -, daB er zuweilen die Schonheiten der
10 Katechismus-Holzschnitte groBer gefunden und gemacht, als
sie wohl sein mogen. Allein in diesem Falle ist wohl jeder Sterb-
Hche, der lange einen und denselben Meister studiert : das manie-
rierte Kunstwerk gebiert endlich ein manieriertes Kunstgefuhl.
Obrigens nehm* es der Kunstrichter mit den komischen Ara-
20 besken und Moresken des Kommentars weniger in einem Zeit-
alter genau, worin auf dem einen Ufer so viele Menschen bluten
und auf dem andern so viele weinen und worin wir also mehr als
sonst nicht nur unsere Hoffnungen (durch den Glauben der Un-
verganglichkeit), sondern auch unsern Frohsinn (durch Zerstreu-
ungen) zu retten haben.
Der ErdenkloB, woraus wir gebildet sind und den sie nach
demErblassen unter dasKinn statt einer jetzigen haBlichen Kropf-
Krawatte legen, hat nicht nur Kraft genug, den Baum des kiinf-
tigen Lebens zu tragen und zu treiben: sondern seine Ausdiin-
30 stung starkt schon im jetzigen den Hektiker hinter dem Pfluge
und den Nervenschwachling im Erdbad.
Hof im Voigtland, den 2. April 1797.
Jean Paul Fr. Richter
1 Basilii HomoL 52.
8 Die Wochenschrift: der Jude. 1. B.
Das Kampaner Tal
Ich schlug haufig in der Destillation iiber den Helm das Phlegma
der Erdkugel nieder, die Polarwiisten, die Eismeere, die russi-
schen Walder, die Eisberge und Hundsgrotten, und extrahierte
mir dann eine schone Nebenerde, ein Nebenplanetchen, aus dem
Oberrest: man kann eine sehr hiibsche, aber kleine zusammen-
geschmolzene Erde zusammenbringen, wenn man die Reize der
alten exzerpiert und ordnet. Man nehme zu den Hohlen seiner
Miniatur- und Dito-Erde die von Antiparos und von Baumann -
zu den Ebenen die Rheingegenden - zu den Bergen den Hybla
io und Tabor und Montblanc - zu den Inseln die Freundschafts-
inseln, die seligen und die Pappelinsel - zu den Forsten Went-
worths Park, Daphnens Hain und einige Eckstamme aus dem
paphischen - zu einem guten Tal das Seifersdorfer und das Kam-
paner: so besitzt man neben dieser wiisten schmutzigen Welt die
schonste Bei- und Nachwelt, ein Dessertservice vonBelang, einen
Vorhimmel zwischen Vorhollen.
Ich habe absichtlich das Kampaner Tal mit in meinen Extrakt
und Absud geworfen, weil ich keines weiB, worin ich lieber auf-
wachen oder sterben oder lieben mochte als eben darin : ich UeBe
20 das Tal, wenn ich zu sprechen hatte, nicht einmal mit den Tempe-
und Rosentalern und Olympen verschiitten, hochstens mit Uto-
pien. Den Lesern ist das Tal schon hinlanglich aus ihren geo-
graphischen Schulstunden und aus den Reisen Arthur Youngs
bekannt, ders fast noch starker lobt als ich.1
Daher stieg- das muB ich annehmen - im Juli 1796 dieGliicks-
gottin von ihrer Kugel auf unsere und fullte meine Hand - statt
1 B. 1 S. 76 in der deutschen Obersetzung. "Obrigens brauch' ichs niemand
zu sagen, dafi das Tal selber im Departement der obern Pyrenaen liegt.
57° DAS KAMPANER TAL
mit ihren Kunkellehnen und MuBteilen und Goldnen Kalbern
und Vliesen - mit weiter nichts als mit ihrer eignen und fuhrte
mich daran — daraus erkannt' ich die Gottin - ins Kampaner
Tal — Wahrlich ein Mensch braucht nur hineinzusehen, so hat
er (wie ich) mehr, als der Teufel Christo und Ludwig XIV. hot
und den Papsten gab.
Die Probe eines Genusses ist seine Erinnerung - nur die Para-
diese der Phantasie werden willig Phantasie und werden nie ver-
loren, sondern stets erobert — nur die Dichtkunst sohnet die Ver-
gangenheit mit der Zukunft aus und ist die Leier Orpheus', die 10
diesen zwei zermalmenden Felsen zu stocken befiehlt.1
Wie bekanntj macht* ich mit Herrn Karlson - denn dem asthe-
tischen Publikum ist wahrlich an wirklichen Geschlechtsnamen
wenig gelegen, da es als literarisches Zent- und Fraisgerichtwahre
Namen stets auf den FuB erdichteter behandelt, aber den existie-
renden Charakteren selber, wenigstens denen von Gewicht, kann
daran liegen, nicht durch Lesezimmer und kritische Gerichts-
stuben wund geschleift zu werden - bekanntlich, sag* ich, macht'
ich anno 96 mit meinem Freund Karlson (er ist Titular-Rittmei-
ster in *** Diensten) eine Flugreise durch Frankreich. Fast von 20
Meilenstein zu Meilenstein fertigte ich an meinen Freund Viktor
die besten epistolarischen Stundenzettel ab. Als ich ihm das nach-
folgende Tal-Stiick zugesendet hatte, setzte er mir so lange zu,
bis ich ihm versprach, diesen illuminierten Nachstich der Natur
auch der Drucker- und Buchbinderpresse zu gonnen, nicht bloB
der Briefpresse allein. Das tu' ich denn. Ich weifi schon, mein
lieber Viktor sieht, daB in unsern Tagen den armen Menschen-
Raupen kein griiner Zweig zur Spinnhiitte mehr gelassen wird,
und daB uns feindliche Taucher das in das Totenmeer fallende
Ankertau zerschneiden wollen: daher macht er aus dem Gespra- 30
che iiber die Unsterblicjhkeit mehr als aus dem gezeichneten Tale,
in dem mans hielt; das sehJ ich daraus, weil er mich das Wider-
spiel des Claude Lorraine nennt, der nur die Landschaften selber
1 Bekanntlich stieBen die zwei symplegadischen Felsen immer gegenein-
ander und zertriimmerten jedes durchfliehende Schiff, bis Orpheus' Tone
sie zu ruhen zwangen.
501. STATION 571
machte, die Menschen dazu aber von andern malen lieB. Wahrlich
ein solches Tal ist es wert, daB man da in die Stickluft des Grabes
das Gruben- und Sabbatslicht der Wahrheit statt seines Ichs hin-
unterlasset, um zu sehen, ob das Ich in einer solchen Tiefe noch
atme.
Ich bitte aber die gelehrte Welt, das Geschenk dieses Briefs fur
kein Pfand zu halten, daB ich ihr auch meine andern Briefe uber
Frankreich iiberlassen werde: was ich darin etwa von echtem
statistischen, geographischen Bauholz verwahre, hat schon Herr
10 Fabri in Handen, den ich ausdriicklich gebeten, die Materialien
zu verbauen, ohne den Lieferanten zu nennen.
Ich habe scherzhaft meine Briefe an Viktor in Stationen zer-
fallet: fiinfhundert Stationen unterschlag' ich, wie natiirlich, und
fange mit der 5oiten an, worin ich im Tale erscheine:
501. Station
Das Alterlei des Lebens - das Trauergedicht als billet doux - die Hohle -
die Oberraschung
Kampan d. 23. Jul.
— Da leb' ich seit vorgestern; nach Hollenfahrt und Fegfeuer-
20 probe und Durchgang durch limbos infantum et patrum tritt doch
endlich der Mensch ins Himmelreich. - Aber ich bin dir noch den
Ausgang aus unserer vor-vorgestrigen Herberge schuldig. Nie-
mals hat wohl ein Kopf ein harteres Lager, als wenn man ihn auf
den Handen tragt - d. h. darauf stutzt: bei mir und Karlson war
vor-vorgestern nichts daran schuld, als daB im Saale neben un-
sern Zimmern ein Hochzeittanz gehalten und daB parterre die
jiingste Tochter des maitre d' hotel, die nicht nur den Namen,
sondern auch die Reize der Corday hatte, mit zwei weiBen Rosen
auf den Wangen und zwei roten in den Locken - eingesargt
30 wurde und daB Menschen mit bleichem Gesicht und schwerem
Herzen bluhende und begliickte bedienten. Wenn das Schicksal
zugleich das Freudenpferd und das TrauerroB an die Deichsel der
57^ DAS KAMPANER TAL
Psyche anschirret: so ziehet immer das TrauerroB vor, d. h. wenn
eine lachende und eine weinende Muse in einer Stunde auf einer
Buhne nebeneinander spielen: so schlagt sich der Mensch nicht
wie Garrick1 auf die Seite der lachenden, er bleibt nicht einmal
mitten inne, sondern er nimmt die weinende; so malen wir iiber-
all wie Milton das verlorne Paradies feuriger als das wiederge-
wonnene, die Holle wie Dante besser als den Himmel. - Kurz die
stille Leiche machte uns beide gegen den frohen warmen Ein-
druck der Tanzer kalt. Aber ists nicht recht toll, me in Viktor,
daB ein Mann wie ich nichts so gut weiB, als daB jede Stunde der 10
Erde zugleich Morgenrot und Abendwolken austeilt, hier einen
blauen Montag, dort einen Aschermittwoch anfangt, daB ein sol-
dier Mann, der mithin so wenig dariiber trauert, daB dieselbe
Minute Tanz- und Nachtmusik und zugleich Totenmarsche vor
dem breiten Nationaltheater der Menschheit aufspielt, gleichwohl
den Kopf hangt, wenn er diese Doppel-Musik auf einmal bei
einer Winkelbiihne zu Ohren bekommt? 1st das nicht so toll wie
sein ubriges Tun?
Auch in Karlsons Augen flog etwas von dieser Staub-Wolke;
bei ihm bestand sie aber aus aufgewehter Asche einer Urne. Er 20
kann alle Schmerzen verschmerzen - ihre Erinnerungen ausge-
nommen -; seine Jahre hat er durch Lander ersetzt, und der
durchlaufne Raum wird ihm fiir durchlaufne Zeit angerechnet:
aber hier wurde der tiefe feste Junglmg blaB, als er heraufkam
und mir erzahlte, daB der Liebhaber der bleichen Corday ihre
langen gefalteten Hande auseinandergeworfen und auf seinen
Knien an seinen wilden Mund angerissen habe.
Er nahm sein Entfarben im Spiegel wahr, und urn es mir zu
erklaren, so teilt' er mir gleichsam das letzte und geheimste Blatt
aus seiner Lebens-Robinsonade mit. Du siehest, was fur ein un- 30
durchsichtiger Edelstein dieser Jiingling ist, der seinen Freunden
durch ganz Frankreich nachreisen kann, ohne seinem offenher-
zigen Reisegefahrten nur eine Fuge oder ein Astloch in das Ver-
haltnis mit ihnen aufzumachen. Jetzt erst, zumal aus Riihrung
1 Auf einem Gemalde von Reynolds, wo Garrick, von beiden Musen ge-
zogen, Thalien folgt.
5oi. station 573
iiber das nahe Kampaner-Tal, zieht er den Schliissel aus dem
Schlusselloch, das fiir.dich ein Souffleurloch wird.
Da6 er mit dem Baron Wilhelmi und der Braut desselben,
Gione, und ihrer Schwester, Nadine, bis nach Lausanne gereiset
war, um mit ihnen bis insKampaner-Tal zu ihrer arkadischen
Hochzeitfeier mitzugehen - das weiBt du schon. DaB er sich
in Lausanne von ihnen plotzlich wegrifi und sich zuriick an den
Rheinfall zu Schaffhausen stellte - das weiBt du auch; aber die
Ursache nicht. Diese wird dir nun von ihm und mir erzahlt.
10 Karlson sah in der taglichen Nahe endlich durch den engge-
gitterten Schleier Gionens durch, der iiber einen verwandten,
groB und fest gezeichneten Charakter, den noch dazu die braut-
liche Liebe magisch kolorierte, geworfen war. Karlson wurde
von sich vermutlkh viel spater als von andern erraten: sein Herz
wurde, wie im Wasser das sogenannte Weltauge, anfangs glan-
zend, dann wechselt* es die Farben, dann wurd' es ein Nebel und
endlich transparent. Um das schone Verhaltnis1 nicht zu triiben,
wandte er den verdachtigen Teil seiner Aufmerksamkeit auf ihre
Schwester Nadine; er sagte mir nicht klar, ob er nicht diese in
zo einen schonen Irrtum fuhrte, ohne Gionen eine schone Wahrheit
zu nehmen.
Alle diese Schauspiels-Knoten schien die Sense des Todes zer-
schneiden zu wollen : Gionen, diese Gesunde und Ruhige, befiel
ein plotzliches Nerveniibel. An einem Abend trat Wilhelmi mit
seiner dichterischen Heftigkeit weinend in Karlsons Zimmer
und konnte nur unter der Umarmung stottern: »Sie ist nicht
mehr.«
Karlson sagte kein Wort, aber er reisete noch zu nachts im
Tumulte fremder und eigner Trauer nach Schaffhausen fort und
30 nahm vielleicht ebensosehr vor einer Liebenden als vor einer Ge-
liebten die Flucht, ich meine vor Nadine und Gione zugleich. Vor
der ewigen Wasserhose des Rheins, dieser fortsturzenden ge-
schmolznen Schlaglauwine, dieser schimmernden steilrechten
MilchstraBe, heilte sich seine Seele langsam aus: Aber er war
vorher lange in die dustere kalte Schlangengrube stechender
Schmerzen eingeschlossen, sie bekrochen und umwickelten ihn
574 DAS KAMPANER TAL
bis ans Herz : derm er glaubte wie die meisten Weltleute, unter
denen er erwachsen war - und vielleicht auch durch sein SchoB-
studium, die Chemie, zu sehr an phystsche An- und Aussichten
verwohnt— , daB unser letztes Entschlafen Vergehen sei, wie in
der Epopoe der erste Mensch den ersten Schlummer fur den ersten
Tod ansah.
Er schickte an Wilhelmi bloB die Nachricht seines Aufenthalts
und ein Gedicht: »Die Klage ohne Trost«, das sein Unglaube be-
titelte, da er das Ambrosiabrot nie gebrochen hatte, dessen GenuB
Unsterblichkeit verleiht. Aber eben das starkte sein entkraftetes 10
Herz, daB ihn die Musen zu dem Gesundbrunnen der Hippokrene
fuhrten.
Der Baron schrieb ihm zuriick: er habe sein schones Trauer-
gedicht der Verstorbenen oder Unsterblichen — vorgelesen: bloB
eine lange Ohnmacht hatte den schmerzlichen Irrtum erzeugt. Er
und Gione baten ihn herzlich, ungesaumt nachzukommen ; aber
Karlson antwortete: »das Schicksal hab' ihn nun durch die Alpen-
mauer von ihrem schonen Fest geschieden; da es aber wie das
Braut-Tal Kampan seine Friihlinge immer erneuern werde, so
hofP er durch sein Zogern nichts zu verlieren als Zeit.« 20
Kurz nun hatte noch dazu die andere Welt ihr uberirdisches
Licht auf Gionens Angesicht geworfen, und er liebte sie jetzt zu
sehr, um das Fest ihres Verlustes begehen zu helfen. Auch iiber
sie will ich dir eine unter dem Zuhoren geborne Vermutung zu-
wenden.
Schon von einem Lobe und einer Liebe hinter dem Rucken
werden wir gewonnen : wie viel mehr aber, wenn man uns beide
als Abschiedskiisse nach dem Auffluge aus der Erde nachwirft ! -
Daher ist fur mich der Gedanke an die kiinfrige Leichenprozes-
sion hinter meinem bunten reichbeschlagenen Loh-, Zwiebel- 30
und Reliquien-Kasten mcht nur ein Sporn zum Medizinieren
(denn alter ist man leichter einzubiiBen), sondern auch zum Ab-
solvieren. Und du selber, so selten du uns samtlich spieBen oder
zum Teufel jagen willst, ich meine so auBerordentlich selten auch
das Gewitter des Zorns das FaB deiner Brust versauert: du selber
hast kein besseres Sackchen mit weifier Kreide, kein besseres
501. STATION 575
oleum tartari per deliquium,1 womit du deine innern Fliissigkei-
ten wieder versiiBen kannst, als den Gedanken, wie wir alle um
dein Sterbekissen erbleichen wiirden und um deinen Hiigel ver-
stummen und wie dich niemand vergaBe! - Ich kann unmoglich
glauben, daB es einen einzigen Menschen gebe, dem nicht, wenn
ihn der Tod in der Taucherglocke des Sargs hinunterzieht, ein
gebiicktes Haupt und ein rotes Auge nachsahe; und darum kann
doch jeder wenigstens die Seele lieben, die ihn einst beweinen
wird. -
io Denke ich nun die genesende Gione mit einem abgeschalten
wunden Herzen, das eben in der schwulen elektrischen Atmo-
sphare der gesenkten Wetterwolke des Todes eine neue Empfind-
lichkeit erhalten hat: so brauch' ich dir ihre Erweichung iibe*
Karlsons Trauerkarmen nicht nach Tropfen mit dem Tau- und
Feuchtigkeitsmesser vorzurechnen, noch mit dem Magnetmesser
ihre Liebe. Aber - nicht Wilhelmis glanzender Reich turn und sein
ebenso glanzendes Betragen, sondern — die fruhere Wahl und das
fruhere Wort verboten ihr, die Diamantenwaage nur - in die
Hand zu nehmen.
20 Als Karlson mir das alles auserzahlet hatte: so drehte er Gio-
nens Ringbild - niedlich wie von Blaramberg gemalt - am Finger
aufwarts und legte sich auf die harte Klippe des Ringfingers mit
den feuchten Augen auf, bis er die geschmuckte Hand unbemerkt
unter den KuB der Lippen riickte. Die Schamhaftigkeit seines
Schmerzes riihrte mich so sehr, daB ich ihm eine andere Marsch-
route als ins Tal unter dem Vorwand anbot, »weil mir die Traume
dariiber die Lust an der Wirklichkeit verdorben hatten und weil
wir vermutlich die Neuvermahlten noch in den ersten acht Ro-
sensirup -Tagen storten, da sie wahrscheinlich auf den lauern,
3o dort spatern Friihling gewartet«. Er erriet mein Erraten; aber
sein Wort, morgen zu kommen, zog ihn an Ketten hinein. -
Herzlich gern hatt' ich das neue, vom Friihling gefiillte Eden
entbehrt und meinem Freund die Jakobsleiter, auf der er aus sei-
nem Traum in seinen vorigen Freudenhimmel sehen, aber nicht
steigen durfte, unter den FiiBen weggezogen. Aber auf der an-
1 io Tropfen davon machen Va Pf- saures Bier auf der Stelle siiB.
57<> °AS KAMPANER TAL
dem Seite freute mich sein fester worthaltender Charakter, der
sich mit der Kraft seines Lichts dem Eindringen der Stacheln und
Bohrwiirmer des Leidens widersetzt; so wie mit der Zunahme des
Mondlichts dieAbnahme der Gewitter wachst. Ungesehen schrieb
ich jetzt Gionen (nicht bloB ihn) in die Matrikel der seltenen
Menschen ein, die sich wie Raffaels und Platons Werke erst unter
dem Beschauen entwolken und die wie beide dem Siebengestirn
gleichen, das dem kurzen Auge anfangs nur sieben Sonnen, dann
aber dem langen Sehrohr iiber vierzig zeigt. —
Vor-vorgestern reiseten wir demnach ab. Unterwegs sah ich io
ihm, glaub* ich, zu oft in sein schones treues, gleich dem himm-
lischen Ather zugleich tiefes und offnes und blaues Auge hinein :
ich stieg in seine Brust hinab und suchte mir darin die Szene des
Tages aus, woran das kirchliche Band ihm die edle Gione auf
ewig aus den Fibern seines reinen, mehr von Musen als Gottinnen
erwarmten Herzens zog. Ich will dirs bekennen: ich weiB mir
keinen Tag zu denken, an dem ich meinen Freund mit groBerer
Liebe und Riihrung sehe, als an dem unvergeBlichen, wo ihm das
Geschick den BruderkuB, die KuBhand und Breitkopfs Land der
Liebe und Philadelphia und Vauklusens Quelle auf einmal in 20
einem einzigen weiblichen Herzen schenkt. -
Vorgestern nachts um 10 Uhr kamen wir vor Wilhelmis arka-
discher Kartause an, die ihr Strohdach an eine griine Marmor-
wand andriickte. Karlson fand sie leicht durch die Nachbarschaft
der beruhmten Kampaner Hohle aus, aus der er sich schon einmal
Stalagmiten gebrochen hatte. Der Himmel lag voll Gewolke und
voll gefarbter Schatten, und iiber die lange griine Wiege voll
schlummernder Kinder hing die Wiegendecke der Nacht an den
Pyrenaen befestigt und mit einigen silbernen Sternchen besetzt.
Aus Wilhelmis Einsiedelei kamen sogleich einige schwari geklei- 30
dete Menschen mit Pechfackeln, die auf uns gelauert zu haben
schienen, und sagten: der Herr Baron sei in der Hohle. Beim
Himmel, unter solchen Umstanden ists leichter, die engste zu ver-
muten als die schonste und grqfite.
Die Schwarzen trugen ihre Flammen voraus und zogen die
fliehende Vergoldung von einem Eichengipfel zum andern und
501. station 577
fuhrten uns gebiickt durch eine Katakomben-Pforte. Aber wie
herrlich wolbte sich die hohe und weite Grotte1 mit ihrer kristal-
lenen Stukkatur empor, gleichsam ein illuminiertes Eis-Louvre,
ein glimmendes unterirdisches Himmelsgewolbe ! Wilhelmi warf
eine Handvoll abgebrochner Stufen weg und flog entziickt an
seinen Freund. Gione trat mit ihrer Schwester hinter einer inein-
ander gepelzten Stalaktite und Stalagmite hervor, das Lodern der
Fackeln gab ihr nur ungewisse Gestalten - aber endlich fuhrte
Wilhelmi ihr ihn entgegen und sagte : »Hier ist unser Freund.« Er
10 kiiBte tief-gebiickt die lebendige warme Hand und verstummte
vor Ruhrung; aber Gionens feste Ziige zergingen auf dem ern-
sten Angesicht, dem bloB der jugendliche Schmelz Nadinens ab-
ging, in eine lachelnde grofiere Freude, als er zu erwidern und zu
vergelten wagte: »Wir haben Sie lange in diesem Paradiese er-
wartet und vermisset«, sagte sie mit fester Stimme, und ihr klares
ruhiges Auge tat die weite Perspektive in eine reich geschafFne
tiefe Seele auf. »WiIlkommen«, sagte Nadine, »hier in der Unter-
welt! Jetzt glauben Sie doch an Wiedersehen und Elysium ?« Ob
sie ihn gleich mit einer Gesandtschaft und Flora von Scherzen -
20 oder warens Grazien? denn sie waren schwer zu unterscheiden -
empfing: so schien doch diese Heiterkeit des Temperaments und
der Angewohnung nicht die Heiterkeit eines befriedigten aus-
ruhenden Herzens zu sein.
Mein Freund prasentierte mich gehorig, damit ich in dieser
Korporation der Freundschaft kein Oberbein und hors d'oeuvre
bliebe.
Uns war alien - mir gar, da vor mir lauter nie gesehene Wesen
in silbernen Reflexen schwebten -, als sei die Erde aus und das
Elysium aufgetan und die abgetrennte bedeckte Unterwelt be-
30 wege wiegend zwischen Widerschein und Halbschatten gestillte,
aber begliickte Seelen.
In dem freudigen Anteil, den diese liebende Dreieinigkeit an
Karlsons Erscheinung nahm, war eine gewisse Lebhaftigkeit, die
sonst den zuriickgelegten vorletzten Schritt zu einem Ziel beglei-
tet; aber das Ziel war bedeckt. Nadine, um doch mir auch etwas
1 Zwanzig Fufi ist sie hoch, und der Eingang fiinf FuO.
578 DAS KAMPANER TAL
zu sagen, entdeckte mir: es sei einkritischerPhilosophundKamp-
fer mit da, den es freuen werde, jemand/ii'r oder wider seine Satze
zu horen, der Hauskaplan namlich.
Als wir uns aus der wetterleuchtenden Demant- und Zauber-
grube in die verdickte Nacht begaben: so sahen wir den Mantel
des Erebus in schweren nassen Falten niederhangen, und diinne
Blitze quollen aus dem nachtlichen Dunst, die Blumen rauchten
aus zugedeckten Kelchen, und unter dem tiefer einsinkenden Ge-
witter schlugen die Nachtigallen lauter, gleichsam als lebendige
Gewitterstiirmer, hinter bluhenden Sprachgittern. - Gione ging 10
auf einmal langsamer an Karlsons Arm und sagte mit Warme,
ohne zu stottern: »Ich Hebe uberall die Wahrheit herzlich,
auch auf Kosten theatralischer Oberraschungen : ich muB Ihnen
es im Namen des Herrn Baron entdecken, dafi ich und er mor-
gen auf immer verbunden werden. Sie mussen es Ihrem Freund
vergeben, da8 er dieses Fest nicht ohne den seinigen feiern
wollte.«
Ich denke mir, daB jetzt in Karlsons Seele die erkaltete Lava
wieder fliissig und glanzend wurde. Aus einer Wolke um den
steigenden Mond strahlte plotzlich, als war* es aus diesem, ein 20
Blitz, der in Gionens und Karlsons Augen einige Regentropfen
erleuchtete, die fur die Nacht gehorten. Wilhelmi fragte herzlich:
»Kannst du mir nicht vergeben?« Aber Karlson driickte ihn mit
ungestumer Warme ans dankende Herz: ein so erhabenes Ver-
trauen der Freundschaft und ein so zarter Beweis desselben hob
seine gestarkte Seele iiber alle Wunsche empor, und die fremde
Tugend breitete in ihm die hohe Ruhe der eignen aus.
Wir zerteilten uns in unsere drei Tabors-Hiitten, die Damen
in die erste, Wilhelmi in die zweite, worin der kritische Philosoph
mit War, ich und Karlson in die dritte, die der Baron schon vor- 30
aus dazu gemietet hatte. Die Ermiidung der Reise und selber der
Gefiihle schob unsere Biindnisse und Freuden eine Nacht hinaus.
Ich kann dir aber nicht sagen, wie schon der Schmerz auf meines
Freundes Angesicht der Erhebung zuruckte, wie die Trauer wie
ein Wolkenbruch aus seinem Himmel entfiel und das weite Blau
aufdeckte: die Opfer und Tugenden unserer Geliebten gehoren
5oi. station 579
unter die unaussprechHchen Freuden, die wenig_:ens die Seele
zahlen und wagen sollte, die sie nachahmen kann.
Mir und ihm traten, in einer eignen elysischen Stimmung oder
Harmonie fur den kommenden Tag voll heiliger Wonne, die
Augen uber. Ach mein Viktor, die Volker und die einzelnen Men-
schen sind nur am besten, wenn sie am frohesten sind, und ver-
dienen den Himmel, wenn sie ihn genieBen. Die Trane des Grams
ist nur eine Perle vom zweiten Wasser, aber die Freudentrane
ist eine vom ersten. Und darum breitest du eben, vaterliches Ge-
10 Schick, die Blumen der Freuden wie Ammen die Lilien in der
Kinderstube des Lebens auf, damit die auffahrenden Kleinen in
einem festern Schlafe bleiben !
Ach die Philosophic, die uns die Freuden verdenkt und sie im
Baurifi der Vorsicht durchstreicht, sage uns doch, mit welchem
Rechte denn die gluhenden Schtner^en in unser zerbrechliches Le-
ben traten. Haben wir nicht schon darum ein ewiges Recht auf
ein warmes weiches Dunenbette - ich denke jetzt nicht bloB an
das tiefste Unterbette in der Erde — , weil wir so voll Stigmen der
Vergangenheit, so voll Wunden sind?
20 Du sagtest einmal zu mir: »in deinen friihern Jahren warest du
aus der stoischen Philosophic durch den Sorites gezogen und ge-
trieben worden, daB erstlich, wenn die Empfindung der Freude
so wenig ware, als die Stoiker daraus machen, es gescheuter ware,
seinen Nachsten zu bekehren als zu beglucken, gescheuter, auf
Kanzel und Katheder als Lehrer der Moral zu treten wie in Arbeits-
stuben als Praktikanten der Moral, gescheuter, statt der aufge-
blahten marmorierten Seifenblasen der Freude dem Nachsten die
Seifenpillen und Fleckkugeln der moralischen Klinik zuzuwenden
- ferner daB es zweitens irrig ware, zu behaupten, die Tugend
30 mache der Gliickseligkeit wiirdiger, wenn nicht die Gliickseligkeit
einen eignen ewigen Gehalt besaBe, weil man sonst behaupten
wiirde, die Tugend mache den Inhaber eines Strohhalms etc. wur-
diger.«
Das hast du einmal gesagt: glaubst du es noch? Ich glaub'
es noch.
58o das kampaner tal
502. Station
Der donnernde Morgen — die kleine Tour nach der groBen - die Kanapee-
polster.
Durch die ganze Nacht ging ein halb verlorner Donner, gleich-
sam als zurnt' er im Schlafe. Am Morgen vor Sonnenaufgang trat
ich und Karlson hinaus in die mit dem nahen Gewolke verhangne
Brautkammer der Natur. Der Mond sank dem doppelten Augen-
blicke des Untergangs und Vollwerdens zu. Die tief unten auf
Amerika wie auf einem Altar brennende Sonne trieb den Wol-
kenrauch ihres Freudenfeuers rot empor; aber ein Morgengewit- 10
ter kochte brausend iiber ihr und schlug ihr seine Blitze entgegen.
Das schwiile Briiten der Natur sog heifiere und langere Klagen
aus den Nachtigallen und fliegende Gewiirze aus der langen Blu-
men-Aue. Dicke warme Tropfen wurden aus dem Gewolke ge-
presset und zerschlugen laut das Laub und den Strom. Blofi das
Mittagshorn - die Zinne der Pyrenaen - stand licht unci rein im
Morgenblau. Endlich warf der untergegangene Vollmond einen
Sturmwind heriiber ins gliihende Gewitter, und die Sonne stand
auf einmal siegend unter dem mit Blitzen behangnen Triumph-
tor. Der Sturm wehte den Himmel blau und stiirzte den Regen 2o
hinter die Erde, und um den glanzenden Sonnendiamant lag nur
noch das flatternde Foliensilber des zerstaubten Gewolks.
Ach mein Viktor! welcher neugeborne Tag war nun auf der
Erde und lagerte sich in das herrliche Tal! Und die Nachtigallen
und die Lerchen zogen singend um ihn und die Rosenkafer ura-
rauschten seine Lilien-Girlanden und der Adler hing sich an die
hochste Wolke und beschauete ihn von Gebiirg zu Gebiirg!- O
wie alles so arkadisch den gebognen, jede Flur iimarmenden
Adour hinauf und hinab lag! Die marmornen Wande - aber nicht
von Menschen zusammengelegt - fassen wie groBere Blumen- 30
Vasen die Bliiten-Beete ein, und die Pyrenaen wachen mit ihren
Gipfeln um die zerstreueten und tiefen Sennenhiitten. Nie er-
greife, ruhiges Tempe, ein Sturm deinen Adour und deine Gar-
ten ! Nie wehe ein starkerer durch dich, als der die Natur sanft
502. STATION 58I
wiegt, der den Gipfel voll heiBer Eier und Kinder, als eine be-
laubte Wiege, schaukelt und der keine Biene vom Honigtau der
Ahre wirft und der nur die breitesten Flocken der Wasserfalle auf
die Uferblumen drangt.
Denke nicht, daB ich jetzt alle meine Tuschschalen um mich
stellen und dir das kunstlose gerimdete Tal durch das Quadrat
der Kunst abzeichnen werde : ich will dich in diese Bilderbibel der
Natur stiickweise schauen lassen, so wie der Zufall ein Blatt nach
dem andern umschlagt. Meine Stationen werden dich durch die
10 verschiedenen Zimmer fiihren, worin die reiche Ausstattung die-
ser Bliitenzeit, wie die einer Konigstochter, zur Schau aushangt;
aber etwas anders ists freilich, an der koniglichen Braut selber den
vereinten angelegten Schmuck zu sehen.
Uns beide rief ein Bedienter aus dem Phantasieren, der nach
dem Hauskaplan herumsuchte: wir sahen ihn endlich auf einen
Herrn zulaufen, der am Adour die zuriickgeschlagnen Hemde-
Armel wieder herunterstreifte. Es war der Hauskaplan, der unter
dem.Gewitter gekrebset und sparer geangelt hatte. Da ich wuBte,
daB er in seiner etwas behaarten Hand auch Kelle und Mortel,
20 Feder und Dinte, zu einer Futtermauer der kritischen Philo-
sophic (und zu seiner eigenen) verarbeitet hatte: so ging ich ihm
freundlich entgegen und sagte ihm, was ich schriebe. Aber der
rohe trotzige und doch scheue Mauerer hieB mich in einer Spra-
che, die so breit war wie sein Gesicht, frostig willkommen: er
scheint Biographen zu verachten, weil die Fenster in philosophi-
schen Auditorien so hock sind - oder gar wie an alten Tempeln
oben an der Decke -, daB sie daraus nicht auf die Gasse des wirk-
lichen Lebens sehen konnen, so wie nach Winckelmann die rdmi-
schen Fenster im architektonischen Sinne ebenso hoch waren.
30 Lord Rochester war einmal ein ganzes Quinquennium unausge-
setzt trunken; ein solcher Kaplan aber ist vermogend, ein ganzes
Dezennium lang nuchtern zu verharren. Ein solcher Mensch bei-
Bet alien kraftigen Wahrheiten, Erfahrungen und Erdichtungen,
wie die Ameisen den eingetragnen Samenkornern, die Keime aus,
damit sie nicht in seinem Ameisenhaufen aufgehen, sondern nur
zum Bauholz austrocknen.
582 DAS KAMPANER TAL
Als der Kaplan mich verlieB, um als Konsekrator des Ehe-
Sakraments zum Baron zu gehen: so fand ich den Rittmeister
wieder, der in dem von einem marmornen Fall-Becken zuriick-
gespritztenStaubregen einer nahenKaskade stand. Umihnwateten
bis an die Fenster die Eremitagen des Landmanns in griinenden
Halmen, mit dem Erntekranz von welken bedachet, und innen
bliihten Familien und auBen Ulmen. Er hielt mir eine Visiten-
karte entgegen, die ihm jetzt, sagt* er, Gione vor der Vermahlung
gegeben. Es war aber Scherz, er hatte die umgeschlagne Karte
bloB auf dem Moose neben der Kaskade gefunden. Sie stellte wie ic
gewohnlich eine romische Ansicht vor, diesesmal neben dem
rauschenden Wasserfall den gezeichneten von Tivoli, und auf
einem Stein im Vordergrund stand Gionens Name geschrieben.
Eine solche verzettelte Kleinigkeit, der Fund eines abgegebnen
geliebten Namens kurz vor der Minute seiner irdischen EinbuBe,
setzet mit einem Spiel- und Triebwerk lieblicher Beziehungen
das ganze Herz in voile Bewegung.
Er ging zur Feierlichkeit. Ich blieb unter dem herrlichenblauen
Himmel und freuete mich, daB alle Kampaner sich in seine Farbe
kleideten, in die 6/aue, die ich gestern an den Bedienten fur eine 20
schwarze genommen hatte.
Ich mache dir kein Geheimnis daraus, daB ich unter der Kopu-
lation neben so vielen Schonheiten des Friihlings mich in die
ebenso holden Nadinens verlor, die fur mich ein unbekanntes
inneres Afrika war, wobei ich wtinschte, sie ware ebenso heiB.
Nach acht oder zehen Traumen sah ich endlich die schonen
Paare meine Lustbahn durchschneiden. Ich ging entgegen. O wie
seelenfroh und still standen wir nun alle nebeneinander unter dem
Fruhlings-Getummel der lebendigen Harfenettchen und Zithern
und Lockpfeifen und Flotenuhren, die sich um uns mit und ohne 30
Fliigeldecken drehten! Karlson und Gione verschwiegen eine
gleiche Ruhrung fast wie iiber ein gleiches Geschick. Wilhelmi,
der wie ein Komet bald im Brennpunkt, bald im Gefrierpunkt
einer Sonne ist, brauchte keine Freude weiter als die Mitfreude
des andern. Aber in Nadinens hellem Auge hing eine Trane fest,
die nicht wegzulacheln und wegzublicken war: es schien mir,
502. STATION 583
da8 ihr Herz gleich der Erdkugel mit einer bis auf eine ziemliche
Tiefe kalten Oberflache anfange, in seinem Innersten aber eine
verhullte Warme vermehre. Und gestern schien doch ihr ganzes
Wesen eine lachende Gegend zu sein! -
Ober nichts machen wir wohl groBere Fehlschliisse und Fehl-
tritte als iiber die weibliche Heiterkeit. Ach wie viele dieser hol-
den Gestalten gibt es nicht, die ungekannt verarmen, scherzend
verzagen und schakernd verbluten, die mit dem frohen hellen
Auge in einen Winkel wie hinter einen Facher eilen, um in die
10 Tranen, die es pressen, recht freudig auszubrechen, und die den
verlachten Tag mit einer verweinten Nacht bezahlen, wie gerade
eine ungewohnlich-durchskhtige helle nebellose Luft Regen-
wetter ansagt. - Erinnere dich nur an die schone N. N. und auch
an ihre jiingere Schwester.
Indes hielt das Tageslicht dem reizenden Tropfen unter Na-
dinens Auge, diesem Solitare unter ihren glanzendsten Reizen,
durch eine halb so groBe Warze fast das Gleichgewicht.
Wilhelmi hatte den lyrischen oder dithyrambischen Kopf voll
lauter Freuden-Plane und forderte mit der Hastigkeit der Ent-
20 zuckung einen hurtigen SynodalschluB iiber die NutznieBung des
Tages. »Ach Gott, jawohI« - sagt' ich noch eiliger und voreilig
dazu - »das Leben ftiegt heute auf einem Sekundenzeiger herum:
wie ein Wecker rollet es ab; aber wo ist in der Eile ein Plan, ein
guter Plan?« - Nadine, mit der der Brautigam schon vorher alles
gehorig abgekartet hatte, versetzte: »Ich denke, wir brauchen gar
keinen fur einen so holden Tag und fur ein so liebes Tal: wir
pilgern und irren heute bloB nachlassig am Adour das ganze Tal
in die Lange durch und setzen uns bei jeder Hiitte und bei jeder
neuen Blume nieder - und abends fahren wir im Mondschein zu-
30 ruck. - Das ware in einem solchen Arkadien recht arkadisch und
schafermaBig. Wollen Sie alle? - Du willst gewiB.« - »0 wohl,«
(sagte Gione) »und ich denke uberhaupt, die meisten von uns
sind noch in den Reizen dieses Paradieses fremd.« Der Baron
uberdachte scheinbar sein Votum ein wenig und sagte :»Eskommt
nurdaraufan, daB dieDamen 2x/4 Meilen^uriicklegen konnenin
1 Namlich franzosische: das ganze Tal ist etwan 2 deutsche Meilen Iang.
584 DAS KAMPANER TAL
einem Tage.« - Ich rief vor Freuden toll : »Ach prachtig !« Denn
eine solche langsame horizontale Himmelfahrt, ein solches melo-
disches Arpeggio durch die Dreiklange der Wonne war schon
ein alter, fest gewachsener Wunsch meiner ersten Jugend. Ich
HeB meine Entziickung am Hauskaplan aus, dem innerlich die
ganze voyage pittoresque wie eine Karfreitagsprozession wider-
stand und dem statt dieses Himmelsweges der von Hofer * lieber ge -
wesen ware, weil er sich lieber zuHause hingesetzt und fortgelesen
hatte und weil er uberhaupt die Epopoe der Natur nicht wie ein
Naturmensch genoB, noch wie ein Naturforscher skandierte, son- 10
dern wie ein Konrektor zerwarf und versetzte zur Obung im Zu-
sammenbauen; ich sagte unbedachtsam: »Wenn wir beide aber
Schafer machen und Sie den alten Myrtill vorstellen und ich den
Phylax: so ists schon viel.« — Du weiBt am besten, daB die Laune
sich vor weiblichen und vor gebildeten Ohren zehnmal weniger
erdreisten darf als auf dem Druckpapier und daB man sie fur
solche Leute durch so viel Loschpapier und filzene Filtnerhute
seihen muB,daB ich keinen Korrekturbogen nachher darum gebe.
Ein gemietetes Landgut am Ende des Tals war das architek-
tonische Himmelreich, womit Wilhelmi seine Braut in diesem 20
botanischen iiberraschen und bezaubern wollte. Aber Nadine
wuBt* es allein.
In ebenso vielen Minuten, als ein Schwan bedarf, die Fliigel
auszudehnen und sich aufzuhelfen, waren wir reisefertig. Ich tadl*
es nicht, wenn ein Mensch sich vorbereitet, z. B. auf das Exami-
nieren, aufs Sterben: nur auf keine (nahere) Reise; die lange Vor-
jagd verstobert alles Grenzwildpret der Lust. Ich meines Orts
denke nie daran abzureisen als - unterwegs.
Wilhelmi belud sich mit der Laute seiner Braut - Karlson mit
einem Portativ-Eiskeller (aus dem Hofmannischen Magazin, glaub' 30
ich) — die Damen mit ihren Sonnenschirmen, und ich und der
Hauskaplan hatten nichts zu trageri. Ich sagte dem Ieeren Phylax
ins Ohr - denn so kann ich diesen disputierlustigen kntischen
Bombardierkafer schon nennen und mich den alten Myrtill -:
1 Der Hofersche Himmelsweg oder die Anleitung, in 24 Stunden den Weg
zur Seligkeit zu erlernen.
502. STATION 585
»Herr Hauskaplan, wir verstoBen gegen das feinste savoir vivre,
wenn wir mit leeren leichten Handen nachgehen und nichts auf-
lasten.« - Er erbot sich sogleich hoflich bei Gionen zum Pack-
pferd und Lastwagen und Lasttrager ihres - Parasols. Mir befahl
aber ein aufgeraumter Genius, in Karlsons Zimmer zuriickzulau-
fen und vom Kanapee zwei Polster oder Seiden-Walzen wegzu-
holen und mit ihnen wie mit Zwillingen auf den Armen wieder-
zukommen: nichts war zweckmaBiger, da sich die Damen unter-
wegs tausendmal niedersetzen wollten und den seidenen Ellen-
10 bogen nicht in die Saftfarben der Blumen unter ihnen tunken
konnten. Phylax muBte zu seinem VerdruB die eine Walze oder
den weichen Bloch in die Arme nehmen; und ich hing wie an
einem Stockband den andern Bloch an den Daumen.
Nun wurde aufgebrochen und aufgeschritten
Wir gingen den Pyrenaen entgegen - Kornfluren - Wasser-
falle - Sennenhutten - Marmorbruche - Haine - Grotten zogen
sich, vom schlagenden Adersystem des vielastigen Adours be-
seek, vor uns glanzend und offen dahin, und wir hatten sie wie
herrliche, in Traume verwandelte Jugendjahre zuriickzulegen
20 Ach Viktor, nur Reisen ist Leben, wie umgekehrt das Leben
Reisen ist. Und schob* ich mich wie gewisse Seemuscheln nur mit
einem FuBe hin — oder kam* ich wie die Meernessel und die Wei-
ber nur 6 Linien in 1/4 Stunde weiter - oder miiBt' ich wie die
Spitzmuschel durch Verkiirzung des vorauseingehakten Russels
den Torso nachschleifen - oder stand* ich unter Fritz II. oder
unter Fritz I. (dem Lykurg), die beide die groBe Tour verboten:
ich machte mich wenigstens auf eine kleinere, um nicht zu ver-
schmachten, wie die Schmerle, die in jedem GefaBe absteht, das
man nicht ruttelt. - Wie glanzet man, wie dichtet, wie erfindet
30 und philosophiert man, wenn man dahinlauft, so wie Montaigne,
Rousseau und die Meernessel nur leuchten, wenn sie sich bewegenf
Beim Himmel, wenn die Sonne oben dem FuBganger von einem
Laubgipfel zum andern nachfolgt, wenn die erblichne im Wasser
unter den Wellen nachschwimmt - wenn Szenen, Berge, Hiigel,
Menschen im Wechsel kommen und fliehen und Freiheitslufte
iiber das ganze veranderliche Eden wehen - wenn wir mit zer-
586 DAS KAMPANER TAL
sprengten Hals- und Brusteisen und zerschlagenen Sperrketten
der engen Verhaltnisse leicht und ungebunden wie in Traumen
uber neue Biihnen fliegen dann ists kein Wunder, daB ein
Mensch sich auf die FiiBe macht, und daB er immer weiter will.
Denn leider muB die Glasglocke uber Menschen und Melonen,
die beide anfangs eine zerbrochene Bouteille iiberbauet, immer
hoher aufgehangen und zuletzt gar weggehoben werden. Anfangs
will der Mensch in die nachste Stadt — dann auf die Universitat —
dann in eine Residenzstadt von Belang - dann (falls er nur 24
Zeilen geschrieben) nach Weimar - und endlich nach Italien oder 10
in den Himmel; denn waren vollends die Planeten an eine Perlen-
schnur gefadelt und einander genahert, oder waren die Licht-
strahlen Fahren und Treibeis und die Lichtkiigelchen Pontons:
so waren Extraposten im Uranus angelegt, und der unersattliche
innere Mensch wiirde sich, eben weil der auBere so sehr ersattlich
ist, von einer Kugel zur andern sehnen und begeben . . .
Dafur aber, mein Viktor, ist auch kein Ich von einem so viel-
gehausigen Karzer ummauert als das menschliche: denn unsere
Spandaus stecken ja ordentlich immer enger ineinander. Denn
mein und dein Ich sitzt nicht sowohl in der Welt gefangen als 20
auf der.Erde - in dieser Kings-Bench hocken wieder die Stadt-
mauern - in diesen umfangen uns die vier Pfahle - in den Pfahlen
der Armsessel oder das Bette - in diesen das Hemde oder der
Rock oder beides - endlich gar der Leib - und am allergenauesten
(und noch dazu nach Sommering) in den Gehirnhohlen der En-
tenpfuhl — Erschrick uber die fatale vielschalige Suite von Kor-
rektionsstuben, die ein Ich umstellen! —
Das milttdrische Halt1 haben die Franzosen von den Deutschen
gelernt; aber wahrlich, wirst du zu mir sagen, das dsthetische und
philosophlsche sollten wir ihnen ablernen. Ich beschwore deinen 30
Schwur, denn es ist so.
1 »Halt« und »Achtung« sind die einzigen zwei Kommandoworter, die
bekanntlich ohne Version von dem deutschen Heere zu dem andern uber-
gingen, das sie - notiger hatte als unseres.
503. STATION 587
503. Station
Pasquill auf den Kaplan - Lobrede auf ihn - der Diamant - Einwiirfe gegen
die Unsterblichkeit — Eden-Scherze
Wir beide Walzentrager formierten den Nachtrab; ich wollte
einen Diskurs ankniipfen, aber Phylax machte wenig aus mir.
Hochstens sail er mich fur einen windigen Schongeist an, der sich
bloB an Gefiihle halt— obgleich Gefiihle der Schwamm voll atmo-
spharischer Luft ist, den sowohl der Dichter auf seinem hohen
ParnaB als der philosophische Taucher in seiner Tiefe am Munde
io haben muB, und obgleich die Dichtkunst iiber manche dunkle
Stellen der Natur ein friiheres Licht warf als die Philosophic, wie
der diistre Neumond von der Venus Licht bekommt.
Der Philosoph versiindigt sich aber am Dichter noch mehr wie
du an den Kantianern, von denen du zu verlangen scheinst, daB
sie ertraglich schreiben sollen : es sind Einfalle, mein Viktor, aber
keine Griinde, wenn du sagst, die Philosophie werde wie eine
tiirkische Dame von Stummen, Schwarzen und HaBlichen be-
dient; der philosophische Marktplatz sei ein forum morionum1,
Schonheit sei den Philosophen wie den Heloten untersagt, die
20 man deswegen totete. Denn es ist wohl klar, daB eine gewisse
barbarische, undeutsche, weitschweinge Sprache die Philosophie
mehr schmiickt als entstellt: Orakel verachten Anmut, Vox dei
soloecismus, d. h. ein Kantianer ist nicht zu lesen, sondern nur zu
studieren. Es ist ferner eines Philosophen nicht unwiirdig, die
Sprache statt der Wissenschaft zu bereichern, weil zum neuen
Term irgendein anderer die Begriffe wie zu den Ammons-Hor-
nern die Tiere sucht und findet. Daher bezeichnen die Griechen
Wort und Vernunft mit dem namlichen Ausdruck, der am Ende
gar ein Gott wurde. Daher schreibt der Philosoph stets iiber seine
30 Hausture: pour Tondalgie2 statt: »Hier wohnt ein Zahnarzt«. Das
ist der erste Grund auBer einem zweiten, warum der Philosoph,
1 War der Markt in Rom, wo MiBgebildete feilstanden und desto hoher
weggingen, je ungestalter sie waren.
1 So schrieb em Pariser Dentist iiber seine Hausture.
588 DAS KAMPANER TAL
besonders der Kantianer — wie ich an Phylaxen sah — weder Bu-
cher noch Menschen noch Erfahrungen noch Physik, Botanik,
Kiinste, Naturgeschichte zu kennen braucht: er kann und muB
das Positive, das Reale, das Gegebene, das unbekannte X ent-
raten, er schafft seinen Term und saugt, wie zuweilen Kinder -
sie konnen daruber ersticken — , an seiner eignen iiberstulpten
Zunge, oder wie neugeborne Fohlen, an seinem NabeL . .
Ich muB zur Gesellschaft zuriick, Lieber! Da der Hauskaplan
mit der groBten Gleichgultigkeit gegen mich seinen Spazierstock
oder vielmehr Spazierbaum von Polster trug: so wollt* ich ihn 10
einnehmen durch ein Lob auf Kosten — Kants. Ich sagte zu ihm:
»Es hat mich frappiert, daB die Philosophen es gelitten haben,
daB Kant zwischen ihnen und Kunstlern einen solchen Unter-
schied macht und nur den letztern Genie einraumt. Er sagt im
47. § seiner Kritik der Urteilskraft: >Im Wissenschaftlichen ist
der groBte Erfinder vom muhseligsten Nachahmer und Lehrling
nur dem Grade nach, dagegen von dem, den die Natur fur die
schone Kunst begabt hat, spezifisch unterschieden.< Das dero-
giert, Herr Kaplan, und wahr ists ohnehin nicht. Warum kann
denn Kant nur Kantianer, keine Kante machen?1 Werden denn 20
1 In demselben § sagt Kant vorher: »Man kann alles, was Newton in sei-
nem unsterblichen Werke der >Prinzipien der Naturphilosophie< sagt, so
ein groBer Kopf auch erforderlich war, dergleichen zu erfinden, gar wohl
lemen, aber man kann nicht geistreich dichten lernen, so ausfuhrlich auch
alle Vorschriften fur die Dichtkunst und so vortrefflich auch die Muster
derselben sein mogen. Die Ursache ist, daB Newton alle seine Schritte, die
er von den ersten Elementen der Geometrie an bis zu seinen grbBen und
tiefen Erfindungen zu tun hatte, nicht allein sich selbst, sondern jedem
andern ganz anschaulich und zur Nachfolge bestimmt vormachen konnte,
kein Homer aber oder Wieland anzeigen kann, wie sich seine phantasiereiche JO
und ddch zugleich gedankenvolle Ideen in seinem Kopfe hervor- und zu-
sammenfinden, darum weil er es selbst nicht weiB und es also auch keinen
andern lehren kann.« - Ich hatte anfangs Hoffnung, ich wurde mich auf
Kant - da er trillionenmal mehr Scharfsinn hat als ich - geradezu wie auf
meinen geistigen charge d'affaires verlassen konnen; aber bei dieser Stelle
(und bei seinen Erklarungen iiber die Reue, iiber die Musik, uber den Ur-
sprung des moral. Bosen etc.) sah ich, ich mufite selber nachschauen und
ihm nicht nach-beten, wie ich anfangs wollte, sondern nach-denken. Doch
zuriick ! Allerdings kann man Newtons Prinzipien »lernen«, d.h. die erfundnen
wiederholen, aber die erfundenen Gedichte ja auch; diese kann man freilich 4o
nicht erfinden lernen, so wenig als Newtons - Prinzipien. Eine neue philo-
5°3- STATION 589
neue Systeme durch Syllogismen erfunden, ob man sie gleich da-
durch beweiset und erprobt? Kann denn der Zusammenhang
einer neuen philosophischen Idee mit den alten ihre Empfangnis
besser erklaren oder erleichtem als derselbe Zusammenhang, den
jede neue dichterische mit alten haben muB, deren Schopfung
vermittelt? - Herr Hauskaplan, ich weiB nicht, an wem hier Kant
sich mehr vergriffen, ob an der Wahrheit - oder an sich - oder
an seiner hohen Schule. Leibnizens Monadologie, harmonia prae-
stabilita etc. sind eine so reine strahlende Emanation des Genius
10 als irgendeine leuchtende Gestalt in Shakespeare oder Homer. -
Oberhaupt, Herr Kaplan, ist Leibniz ein genialischer, allmach-
tiger Demiurg in der philosophischen Welt, ihr groBter und erster
Weltumsegler^ und der dann, gliicklicher als Archimedes, in sei-
nem Genius den Standpunkt fand, die philosophischen Universa
um sich zu bewegen und mit Welten zu spielen — er war ein ein-
ziger Geist, er warf neue Fesseln auf die Erde herab, aber er selber
trug keine: ich denke, Sie denken das auch, Herr Hauskaplan 1« -
Er versetzte, er dachte das nicht; die kritische Philosophie wisse,
was sie aus Leibnizens Versuchen die ubersinnliche Welt, die Dinge
20 an sich, die zuriickgelegte Approximation der bedingten Reihe bis
zum Unbedingten darzustellen, zu machen habe, so wie sie Genies
wiirdige — Kurz ich hatt' ihn eher erbittert als erbeutet.
sophische Idee scheint nach ihrer Geburt klarer in den vorigen Keimen und
molecules organiques zu liegen als eine dichterische: warum sah sie indessen
denn erst Newton? - Auch er und Kant konnen so wenig wie Shakespeare
oder Leibniz entdecken, wie auf einmal aus einer Wolke alter Ideen der Blitz
einer neuen springt; sie konnen ihren Nexus mit alten zeigen (sonst war's
keine menschliche), aber nicht ihre Er^eugung daraus: beides gilt von dich-
terischen. Kant lehre uns Systeme oder Wahrheiten erfinden (nicht prufen,
30 wiewohl im strengsten Sinn dieses sich von jenem nur im Grade trennt),
dann soil ihm gelehret werden, Epopoen zu erfinden, und ich mache mich
dazu verbindlich. Mich diinkt, er vermenge die Schwierigkeit, Ideen zu bil-
den, mit der untergeordneten, neue zu bilden, die Schwierigkeit des Ober-
gangs mit der Unerklarlichkeit des Stoffs. Ich erschrecke und erstaune iiber
die verhullte Allmacht, womit der Mensch seine Ideenreihe ordnet, d. h.
schafft. Mir ist kein besseres Symbol der Schopfung bekannt als die Regel-
mafiigkeit und Kausalitat der Ideenschopfung in uns, die kein Wille und
kein Verstand ordnen und erzielen kann> weil eine solche Ordnung und
Absicht die unerschaffene Idee ja — voraussetzte. Und in diese Schopfung
40 hulk sich das erhabene Ratsel unserer moralischen Freiheit ein.
590 DAS KAMPANER TAL
Karlson, den nicht einmal Amors Fackel oder Binde gegen die
philosophische Fackel verblendet, nahm an Gionens Arme soviel
Anteil amKriege, als mit denOhren zu nehmen ist.-Glucklicher-
weise hielten wir alle still. Nadinen war ein HnsengroBer Diamant
aus der Brillantierung ihres Halsgehenkes ausgefallen, und sie
suchte im Grase nach dem silbernen versteinerten Funken: ich
wundere mich, daB der Mensch allezeit gerade eine Sache an dem
Orte, wo er ihren Verlust bemerkt, zu finden hofft. Die Kirwane
guckte auf der betropften glanzenden Aue nach dem verlornen
verharteten Tautropfen: als ein lichter Demant vom ersten Was- 10
ser war er so leicht mit einem Taukugelchen zu verwechseln, daB
ich, als ich eines in einer angesteckten Busenrose Nadinens glim-
men sah, anmerkte : »Alles Hegt voll weicher Demanten, und wer
will den harten ausfinden ? Der Tau in Ihrer Vorsteckrose glanzet
so schon wie der ausgebrochene Stein.« Sie blickte darnach - und
im Rosenkelche lag die gesuchte Perle. Man dachte, ich hatt' es
gut gemacht; und ich argerte mich, daB ichs dumm gemeint - in-
zwischen wurde mir dariiber doch Nadine nicht feinder, und das
war Finderlohn genug.
Da um dieses bunte Rasenstiick und Bienen-Zuckerfeld der 20
Adour weniger einen Arm als einen Finger krummte: so setzte
sich die Sozietat unter die Bienen und Blumen hinein, und die
Walzentrager legten vorher die Walzen hin. Nadine sagte spie-
lend: »Wenn die Blumen Seelen haben, so miissen ihnen die Bie-
nen, deren Ammen sie sind, wie liebe trinkende Kinder vorkom-
men.« -»Sie haben«, sagte Karlson,»solche Seelen wie die gefror-
nen Fensterblumen, oder der Baum von Petit1, den ich Ihnen
einmal gezeigt, oder wie die Rauten des Vitriols oder die Pyra-
miden des Alauns.« - »Ach Sie zerstoren immer, Herr Rittmei-
ster.« (sagte Gione) - »ich und Nadine haben uns wirklich einmal 30
ein Elysium fur verstorbene Blumenseelen ausgemalt.« - »Ich«,
sagte Wilhelmi ernsthaft, »nehme einen mittlern Zustand der
Blumenseelen nach dem Tode an : die Lilienseelen fahren wahr-
scheinlich in weibliche Stirnen, Hyazinthen- und Vergifimein-
1 Ein in Konigswasser aufgelostes Gold, mit einigen Loten Quecksilber
vermengt, entspriefiet in der Phiole zu einem Baum mit Laub.
5O3. STATION 59I
nichtseelen in weibliche Augen und Rosenseelen in Lippen.« - Ich
fugte bei: »Es kommt der Hypothese sehr zustatten, daB ein Mad-
chen in der Minute, da es sich btickt und eine Rose bricht oder
umbringt, von der ubertretenden Seele merklich roter wird.«
Dann setzten wir froh und liebend unsere schone Reise wieder
fort. Nur in meinen Trage-Kollegen schienen Disteln- und Schle-
henseelen gefahren zu sein. Ihn verdroB das Ideenspiel und die
Hoflichkeit im Gefecht; Karlson gefiel ihm allein.
Der Kaplan sagte endlich zu mir : »Es ist uberhaupt keine Un-
10 sterblichkeit darzutun als die der moralischen Wesen, bei denen
sie ein Postulat der praktischen Vernunft ist. Denn da die vollige
Angemessenheit des Willens zum moralischen Gesetz, die der
gerechte Schopfer nie erlassen kann, nie von einem endlichen
Wesen zu erreichen ist: so muB ein ins Unendliche gehender Pro-
gressus, d. h. eine ewige Dauer diese Angemessenheit in Gottes
Augen, der die unendliche Reihe uberschauet, enthalten und zei-
gen. Daher ist unsere Unsterblichkeit notig.«
Karlson stand bei Gionen still, um uns heranzulassen, und
sagte: »Lieber kritischer Philosoph, benehmen Sie doch, ich bitte
20 Sie, diesem Beweise die Kuhnheit oder die Dunkelheit, die er fur
Laien hat. Wie, ist denn die Obersicht, d. h. die Endigung einer
unendlichen, d. h. einer nicht endenden Reihe denklich? - Oder
wie wollen Sie denn die Unendlichkeit der Zeit mit der Unend-
lichkeit der moralischen Foderung in Gleichung bringen und wie
kann eine in eine unendliche Zeitreihe zerteilte Heiligkeit die
gottliche Gerechtigkeit befriedigen, die in jedem Teil dieser Reihe
diese Heiligkeit verlangen muB? Und ist denn die wachsende
Approximation des Menschen zu dieser Reinheit erwiesen? Wer-
den denn nicht in der endlosen Reihe mit den Tugenden die
30 Fehler zwar nicht groBer, aber doch vielzahliger? Und wie ver-
halt sich in der gottlichen Ubersicht die unendliche Reihe der
Fehler zu der der Tugenden? Lassen wir auch das! Ist denn vor
dem gottlichen Auge die moralische Reinheit zwei verschiedener
Wesen, z. B. eines Seraphs und eines Menschen, oder zwei ver-
schiedener Menschen, eines Sokrates und eines Robespierre, in
zwei gleich langen, d. h. unendlichen Zeitreihen gleich vollendet?
59^ DAS KAMPANER TAL
Wenn nun in der Obersicht zwischen beiden ein Unterschied
nachbleibt, so ist die sogenannte Angemessenheit bei einem nicht
erreicht — und es sollte also einer sterblich sein.«
Der Hauskaplan replizierte: »t)berhaupt will Kant damit die
Unsterblichkeit nicht demonstrieren : er sagt selber, sie sei uns
darum so ungewiB gelassen, damit der reine Wille nur durch sich
und durch keine eigenniitzigen Aussichten in die Ewigkeit be-
stimmet werde.« -
»Sonderbar!« sagte Karlson. »Da wir nun aber diese Endab-
sicht heraushaben, so ware sie ja eben dadurch verfehlt. Die Phi- i0
losophen miiBten es also wie ich machen und die Unsterblichkeit
anfechten zum Vorteil der Tugend. - Es ist ein eigener Zirkel,
aus der Unbeweislichkeit eines Satzes seine Wahrheit zu vermu-
ten. Entweder die Unsterblichkeit ist darzutun - und dann ist die
eine Halfte Ihres Satzes nicht richtig - oder sie ist es nicht; dann
ist der ganze falsch. Noch dazu : wenn der Glaube an sie die Tu-
gend eigenniitzig macht; so tuts ja das Erleben derselben in der
zweiten Welt noch mehr. - Schreckt denn iiberdies der Glaube
an sie den gemeinen Mann von dem ab, was ihm der Beichtvater
verbeut und vergibt? So wenig als der erste SchlagfluB den Trin- 20
ker von dem Wege zum zweiten.«
504. Station
Blumen-Tandeleien.
Karlson lieB sich in fremde Gesprache ein, und Phylax war voll
Ingrimm, dafi er nicht siegen, oder doch streiten konnte: erwollte
an mir die sokratische Hebammenkunst versuchen, aber er suchte
nicht wie andere Accoucheurs vorher die Entbindungswerjczeuge
warm zu machen: er hatte eine so harte ungefallige Manier. Ich
sagte zu ihm, ich hatte dieselbe Meinung wie er, wiewohl nicht
aus denselben Griinden, und wir wollten nachher vereinigt und 50
eintrachtig miteinander gegen den Rittmeister ausrucken und
ausfallen.
504. STATION 593
Ich ging jetzt mit meinem seidenen Kloppel zu Nadinen, um
ihr an einem Rosenbusche die fliegenden Lichtmagnete, die glan-
zenden Irrlichtchen der Nacht, die braunen Johanniswurmchen,
zu zeigen, die sie nie am Tage gesehen: ich bevolkerte eine
Schachtel damit zu einem lebendigen Feuerwerk auf abends. Der
Zufall hatte einen gliihenden Rosenzweig romantisch niederge-
bogen zwischen blaue Glockenblumen auf einen griin marmor-
nen Grenzstein — sein Laub war gleichsam mit verkohlten Jo-
hanniswiirmchen1 schwarz ausgenaht - der Lilienkafer hing wie
10 eine goldne Stickerei an den bleichern reifen Rosen - langbeinige
schillernde Miicken liefen iiber die Dornen- die Blumen-Tau-
cher und Nektarien-Schatzgraber, die Bienen, bedornten die Ro-
senkelche mit neuen Stacheln - und die Schmetterlinge wiegten
sich wie fliegende Farben, wie epikuraische Abblatterungen um
die bunte Welt des Zweigs. — Ich kann dir nicht sagen, wie der
vom wilden Ganzen auf einen niedlichen Teil gesenkte Blick un-
sern Herzen und der weiten Natur ein warmeres Leben gab. Wir
fasseten von der groBen Mutter des Lebens, wie Kinder vermo-
gen, nichts an als die Finger statt der Hand und kuBten sie. Gott
20 war durch die Schopfung Mensch geworden - wie eben dadurch
fur Engel ein Engel -, gleich der Sonne, deren glanzende Uner-
meBlichkeit die Maler sanft in die Schonheiten eines Menschen-
angesichts zerteilen.
Wilhelmi sagte er nehme, um in ein Arkadien, in ein Eden
abzufliegen, keine groBern Schwingen dazu als die vier eines
Schmetterlings - welches poetische paradiesische Sein, wie der
Papillon ohne Magen und Hunger zwischen Bluten und B lumen
zu gaukeln, keinen Winter, keine lange Nacht und keinen Orkan
zu erleben, das Leben in der weichen Jagd nach einem zweiten
30 Papillon zu verspielen, oder wie Kolibri mit Blumenfarben zwi-
schen Zitronenbliiten zu nisten, um bluhenden Honig zu schwe-
ben und in einem seidenen Hangbette zu schwanken!
Wir gingen selig weiter, und jeder neue Schritt trieb ein berau-
schendes Blut hinauf zum erwarmten Ich. Ich machte mir nichts
daraus, zum Kaplan zu sagen : »der Tempel der Natur habe sich
1 Die Mannchen sind schwarz.
594 DAS KAMPANER TAL
fiir mich in einen Konzertsaal verwandelt - jede Vokalmusik in
Instrumentalmusik - der wallende Adour in eine Wasserorgel -
jeder Frosch in den Frosch am Geigenbogen - jede Zikade in
eine Maultrommel — jede Flugeldecke in einen breiten besaiteten
Fliigel und die rufenden Raben in bekielende Rabenfedern«
Phylax versetzte, er wisse ein wenig, was er von dithyrambischen
Wellen zu denken habe, die der Korper wirft.
— Viktor! sollte nicht der Philosoph und die Philosophic den
elektrischen Korpern nachabmen, die nicht nur kuchten, sondern
auch an^iefien? Freilich schmeckt immer der geistige Wein nach
den FaBdauben des Korpers; aber Phylax* Seele scheint kaum
geistig genug zu sein, um nur einer andern Seele zum - Korper
zu dienen.
505. Station
Die Ephemere — iiber die relativen Schliisse - Zweifel gegen die Lange der
Wesenleiter - der Warzenfresser — die Kur
Die Sonne und das Tal fasseten uns mit lauter Brennspiegeln ein
- und es war iiberhaupt gut, sich ein wenig satt zu sitzen und
satt zu essen - und da gerade uns gegeniiber ein Marmorbruch
und dicht an der eisernen Felsenwand eine saftgriine Trift und 20
neben uns eine Ulmen-Gruppe um ein gleiBendes vereinzeltes
Hauschen war, so hielten wir darin um so viel Konsumptibilien
an, als ein flatterhaftes sattes Quintett bedarf. - Die Frau vom
Hauschen war allein (der Mann arbeitete wie die meisten Kam-
paner in Spanien) - vier Kinder trugen zu - es ging - unser
Taschen-Eiskeller wurde aufgetan und damit die Seele erfritztund
der Magen gekiihlt - der weiBgliihende SchluBstein des himm-
lischen Gewolbes weckte mit seinen Flammen den Mittagswind,
der auf den kalten Gipfeln der Pyrenaen schlief. -
Dem armen Phylax schmeckte wenig oder nichts, ihm war 30
daran gelegen, zu beweisen, daB er fortdauere. Gliicklicherweise
waffnete ihn der franzosische Wein immer besser gegen das fran-
5°5- station 595
zosische System, und er fragte bei dem Baron hoflich an: »Ich
glaube dem Herrn Rktmeister noch manche Beweise der Un-
sterblichkeit schuldig zu sein : ich wunschte sie abtragen zu dur-
fen.« - Wilhelmi wies ihn an Gionen: »Hier fragen Sie!« Gione
bewilligte die Bitte gern : »Warum sollen nicht Erinnerungen der
Unsterblichkeit unsere Freuden ebenso verzieren als Sarkophage
englische Garten ?« - Nadine warf die Frage dazu: »Wenn aber
die Manner liber die Hoffnungen der Menschen hadern: was
bleibt den Weibern iibrigrV- »Ihr Herz und die Hoffnungen,
10 Nadine«, sagte Gione. »Die Eule der Minerva«, sagte lachelnd
Wilhelmi, »soll wie andere Eulen Untergehen ansagen, wenn sie
auf eine Dachung fliegt; ich hoffe aber, es ist nichts daran.« Ich
setzte dazu: »An den Obeliskus der Unsterblichkeit ist ja das
Leben aller unserer Geliebten, wie an Ramesses seinen1, gebun-
den, damit die Gefahr die Kraft verdoppelt, und sie werden zer-
schmettert, wenn er zurucksturzt.«
Karlson hatte unterdessen von der nachsten Ulme eine feste
Eintagsfliege gezogen, die sich daran eingeklammert, um die letzte
Haut, den letzten Ober-Korper vor dem Tode abzuwerfen. Die
20 Ephemere sollte nicht ein Sinnbild unserer Verganglichkeitn~y son-
dern unserer Entfaltung sein, da sie, wider die Art aller Insekten,
sich noch einmal nach alien Verwandlungen, und schon mit Flii-
geln geschmuckt, noch vor dem Sterben umkleidet. Er hielt sie
uns vor und sagte: »Eine philosophische Eintagsfliege mu6 mei-
nes Erachtens so philosophieren : wie? ich sollte alle meine Ent-
wicklungen vergeblich auf der Erde durchgelaufen sein, der
Schopfer hatte keine Absicht dabei gehabt, mich aus dem Ei zur
Larve zu rufen, dann aus dieser zur Nymphe zu erheben und end-
lich zu einem fliegenden Wesen, dessen Fliigel noch vor dem
30 Tode einen vorletzten Oberzug und ein Gehause sprengen, bei
dieser langen Reihe von geistigen und korperlichen Entwick-
1 Ramesses lieB seinen Sohn an die Spitze des Obeliskus hangen, damit
die, welche ihn aufrichteten, ein groBeres Leben als ihr eignes zu wagen
hatten.
* Derin sie lebt iiber zwei Jahre, ob sie gleich ihre Entpuppung wie alle
Insekten nicht lange (iberlebt, denen die Natur uberhaupt die Rosenzeit der
Jugend erst nach dem Dornenalter des nahrenden Wiihlens beschieden.
596 DASKAMPANER TAL
lungen hatte der Schopfer nichts zur Absicht gehabt als ein sechs-
stiindiges Sein, und die Gruft ware das abhangige Ziel einer so
langen Bahn?«
»Ihr Beispiel« — versetzte gliicklich der Kaplan - »beweiset nur
gegen - Sie: es ist ja eben petitio principii, bei der Ephemere
die Sterblichkeit vorauszusetzen.«
Ich gestehe dirs, ich bin iiberhaupt relativen Schlussen wie dem
vorigen feind, weil sie der Wahrheit gerade so viel Abbruch tun
als der Beredsamkeit Vorschub. Denn man kann damit gerade
entgegengesetzte Satze beweisen. Einen, den ein Sandkorn im i
Auge driickt, iiberfuhr' ich, daB er sowohl gliicklich sei, da es auf
der Erde Leute gebe, die an Blasen-Sandkornern und Gries und
an Hollensteinen leiden, als auch ungliicklich, da sultanische
Augen nichts Harteres driicke als etwan zirkassische Augen wim-
pern oder zwei rosenrote Lippen. So mach* ich die Erdkugel nicht
nur groB - in Vergleichung mit Schnellkiigelchen, Zibeth- und
Giftkugeln und Bouillonkugeln — , sondern auch klein, wenn ich
den Jupiter, die Sonne und die MilchstraBe darnebenstelle. Wenn
die Ephemere auf der Wesenleiter den glanzenden Entfaltungen
der Wesen ilber ihr den Riicken kehrt und den unscheinbaren auf :
der restierenden Leiter unter ihr nachzahlt: so schwillt sie wieder
auf. Kurz unsere oratorische Phantasie halt iiberall den Unter-
schied von Mehr und Weniger fur einen des Etwas und Nichts.
Aber jedem relativen Unterschied muB etwas Positives zum
Grunde liegen, das aber nur unendliche Augen rein abwiegen,
die die ganze Reihe der uniibersehlichen Stufen messen. Sogar
etwas korperliches GroBes muB es geben, und war' es am Ende
die Welt: denn jede Vergleichung, jede Messung setzt ein un-
wandelbares MaB voraus. - Also ist die ephemerische Entwick-
lung eine wahre, und die Schlusse aus jener sind vollig dieselben 3
aus einer seraphischen : der Unterschied des Grades kann nicht
entgegengeset%te, sondern nur relative SchluBfolgen gebaren.
- Und hier will ich nur brieflich - denn gedruckt unterstand'
ichs mich nie - einen Zweifel bekennen. Die Sprossen der Wesen-
leiter iiber unserm Kopfe hat noch niemand geseken, die zu unsern
FiiBen keiner ge^ahlt\ wie, wenn jene kleiner, diese groBerwaren,
505. STATION 597
als man bisher dachte? Die unendliche Standeserhohung der Gei-
ster von Engel zu Erzengel, kurz die neun philosophischen Hier-
archien sind noch nichts weiter geworden als - behauptet, aber
bewiesen nicht. Der gewohnliche Beweis, daB eine Gebirgskette
geistiger Giganten den Abstand vom Menschen zum Unendli-
chen fiillen miisse, ist falsch, da ihn keine Kette verkur^tj ge-
schweige fiillt; die Kluft behalt immer dieselbe Weite — und der
Seraph - d. h. das hochste endliche Wesen nach menschlichem
Sprachgebrauch — muB sich ebenso viele, wenn nicht mehrere
10 Wesen iiber sich denken als ich mir unter mir. Die Astronomie -
diese Saemaschine der Sonnen, dieses SchifTswerft und Labora-
torium der Erden - schiebt uns die Verdoppelung der Welten und
Wesen als eine Veredelung derselben unter. Aber am ganzen Him-
mel hangen nur Erdschollen und Feuerklumpen, und alles ist
darin von MilchstraBe zu MilchstraBe kleiner als der Wunsch und
Wuchs in unserer Brust. Warum soil denn unsere Kugel allein,
warum nicht jede andere im Steigen sich befinden, warum soil der
Vorlauf einer Inaugural-Ewigkeit (a parte ante) ihnen mehr als
uns zustehen und zufallen? Kurz, es lasset sich disputieren, Vik-
20 tor, ob es im vollen All andere Cherubim und Thronen gibt als
Viktor und Jean Paul. - Es ist mir selber kaum glaublich; aber
die/tte/0</wcAeFortschreitung zu sublimierten Wesen hinaufwurde
bisher doch wahrlich nur - angenommen; ich glaube an eine har-
monische^ an ein ewiges Steigen, aber an keine erschaffne Kul-
mination
Ich vermute, Karlson wollte mir antworten - nicht iiber die
Seraphe, sondern - iiber die Eintagsfliegen, als Nadine, die von
ihm sich die Ephemere hatte leihen lassen, diese zu nahe vor das
Auge hielt und dadurch unser mendelssohn-platonisches Kollo-
30 quium dammte und storte. Denn Madame Berlier - so vornehm
schrieb sich unsere fliichtige Haus- und Gastwirtin - trat vor
Nadine und sagte: »Es ist schade fur den Schmerz; Sie miissen die
Warzenheuschrecke nehmen: ich habe Proben.« Verstehest du's?
- Es ist so: der sogenannte Warzenfresser - eine Heuschrecke mit
briinetten Flecken - nimmt die Warzen durch einen einzigen BiB
darein in kurzem weg; Frau Berlier, iiber die, wie iiber alle siid-
598 DAS KAMPANER TAL
liche Insassen, die Schonheit eine groBere Gewalt als Geschlecht
und Eigenliebe hatte, war im Irrtum gewesen, Nadine wolle ihrer
reizenden Gestalt mit der Fliege den letzten Flecken nehmen. -
Kaum hatte der Hauskaplan etwas vom Warzentoter vernom-
men, als er sich ins Griin verschoB und eine Vorjagd nach War-
zenheuschrecken antrat. Ich argerte mich, daB ich das Heilmittel
so gut gewuBt wie die Frau und daB mirs nicht eingefallen war;
aber zu einem lumpigen Gleichnis hatt* ich mich recht gut auf das
Mittel besonnen, nur zu keiner nutzlichen Kur. Sein Gluck er-
laubte, daB er in kurzem mit einem gefliigelten Warzen-Opera- 10
teur wiederkam: er erregte meinen Neid. Als er ihn hingab in
Nadinens Hand: hatte der eilfertige Phylax mit dem Brief- und
Papierschwerer seiner Faust gleichsam in einer guten Glanzpresse
den braungefleckten Gewachsschneider aus Versehen — totge-
platscht: das Kerbtier konnte in nichts mehr beiBen. Ich lief so-
gleich nach einem zweitenWarzenfresser herum und sprang einem
solchen Springer nach. Endlich bracht' ich einen an den Fliigel-
spitzen gefasseten und zappelnden getragen und sagte, ich wollte
den kleinen Dentisten so lange liber der Warze halten, als er
operierte und bisse. Unter dem Aktus pries ich meine Tat. »Jede 20
groBe Handlung«, sagt' ich, »wird nur in der Seele in der Minute
des Entschlusses getan - tritt sie heraus und wird vom Korper
nachgespielt, der die Heuschrecke halt, so zerspringt sie in unbe-
deutende kleine Bewegungen und Terzien - aber wenn sie getan
ist, wie hier der BiB, so wird sie wieder groB und stromt wach-
send durch die Zeiten. So wirft sich der Rhein wie ein Riese von
seinem Gipfel, zerreiBet inNebel,kommt alsRegen auf dieEbene,
dann wachset er aus Wolken zusammen und zieht durch die Lan-
der und tragt Sonnen statt der Regenbogen.«
Es braucht vor dir nicht verhehlt zu werden, daB michs an- 30
griff, da ich in zwei so lichte warme, gegen mich aufgetane Augen
bis auf die Retina hineinschauen muBte, wobei ich des ganzen
andern Kriegsschauplatzes von Locken und Lippen und Stirnen
und der Waterloos-Landschaften der Wangen nicht einmal ge-
denke. Nadinens Angstlichkeit vor den Zahnen des braunen Me-
dikasters machte sich noch reizender und die Gefahr meiner Lage
505. STATION 599
noch groBer. Nach langem Halten, als ich dachte, die Operation
sei schon vollendet, vernahm ich von ihr, die Heuschrecke habe
gar noch nicht angebissen, weil ich sie dre'i odervier Pariser FuB
zu weit von der Warze weghielt. Es ist wahr, ich hatte mich in
ihre Netzhaute vertieft; aber es war nochwenig bemerkt worden,
daB die Kur nicht zu vollenden sei, wenn ich nicht den Ballen der
rechten Hand ein wenig auf ihre Wange aufsetzte und aufstemmte,
urn mit dem Warzenfresser fester uber der Warze zu halten. Jetzt
biB er die erfoderliche Wunde und lieB soviel von seinem korro-
10 sivischen Atzmittel hineinlaufen, als er bei sich hatte. Ich lenkte
Nadinens Schmerzen, die dem von einem Nadelstich beikamen,
kiinstlich ab durch Philosophieren: »Der Mensch«, sagt* ich, »fm-
det die stoischen Trostgriinde gegen alle Schmerzen wahr und
stark; nur gerade gegen den jetzigen nicht; und wenn er aus
Stichwunden blutet, denkt er, Quetschwunden schlieBen sich
leichter. Daher verschiebt er den Besuch der stoischen Schul-
stunden, bis seine Kreuzschule zugemacht sein wird. Ach aber
dann steht man und wartet am Strome und will nicht eher hin-
ubergehen, als bis er vorbeigelaufen ist. Wahre Standhaftigkeit
20 hingegen steht gern den BiB der Heuschrecke aus und freuet sich
uber ihre Erprobung.« -
Dann war die Kur gliicklich uberwunden, die aber in mir leicht
zu einer Krankheit umschlagen konnte. GewiB ist, daB ihr nahes
Gesicht mir eine groBere Wunde machte als ich ihm durch den
Warzenfresser. Ich wurde besorgen und untersuchen, ob ihr nicht
das meinige, das ebenso nahe war, ebensoviel Schaden getanhabe,
ware nicht Nadine - auf das lass' ichs ankommen - auBerordent-
lich jung: das Herz junger Madchen lasset wie neue Wannen und
Butten anfangs alles durchtropfen, bis es die GefaBe durch
30 Schwellen behalten. —
600 das kampaner tal
506. Station
Einwurfe gegen die Unsterblichkeit - die Einkindschaft des auBern und
innern Menschen
Wir brachen auf. Durch den Himmel weheten nur hohe diinne
Flocken, gleichsam das aufgeloset um die Sonne fliegende Haar,
das sie nicht verhullte. Der Tag wurde schwiiler und stummer.
Aber unser Steig lief unter eine grunende Bedachung hinein, und
ein Zweig um den andern spannte einen Sonnenschirm aus brei-
ten Blattern aus.
Gione bat: »Wollen wir auch im Gehen unser voriges Ge- IO
sprach behalten.« Ach deine Klotilde sollte sie kennen! Gione hat,
die Reize ausgenommen, die halbe Seele von ihr- aus ihrer auBern,
und innern Harmonie schreiet kein Ton vor, ihre ernste warme
Seele gleicht der Palme, die weder Rinde noch Zweige, aber auf
dem Gipfel breites Laub und lange Bluten tragt. »Gione,« sagte
Nadine, »sie machen uns mehr irre als fest.« - »Es hat«, versetzte
sie, »noch niemand seine Meinung ausgesagt; man habe immer-
hin die festeste Oberzeugung: durch die schone Obereinstim-
mung mit einer fremden wird sie doch noch fester.« - »So wie«,
fiigte Myrtill bei (das bin ich), »die Wasserpflanzen mitten in 20
ihrem Wasser doch vom Regen ebensowohl erquicket werden als
die Landpflanzen.«
»Unser Gesprach«, sagte Wilhelmi, als wir gerade in die Som-
mernacht einer von Eichenschatten und Kaskaden gekiihlten Grotte
kamen, »passete besser unter eine totale Sonnenfinsternis - ich
wollte, ich erlebte eine, wo sich der Mond prachtig vor die Mit-
tagssonne hangt, wo der larmende Tag auf einmal verstummt,
wo die Nachtigallen schlagen,.die Blumen zufallen, und wo es
schauerlich tauet und nebelt und kiihlt.«
Phylax hatte jetzt seinen Kanapeestrunk oder Polster in eine 30
rieselnde Quelle springen lassen; Nadine hatt' es gesehen; aber
um ihn nicht unter dem Herausziehen der Teichdocke zu ver-
wirren, trieb sie mit einer reizenden Warme uns auf das vorige
Gesprach zuruck. Nur der Weltton hat ihr eine spielende leichte,
506. station 601
immer heitere Oberflache gegeben - Gionens Stil hingegen ist
wie der hochste griechische, nach dem Maler-Ausdruck, etwas
mager und karg -, und die Visitenzimmer hatten sie, wie Maha-
gony-Schranke die Kleider, desto angenehmer gemacht; aber ihre
auBern Reize widersprachen oder schadeten ihren innern nicht.
Ich sagte also zu Karlson: »Ich bitte Sie, erweisen Sie uns ein-
maldie geistige Sterblichkeit, diese eigentliche Seelen-Mitraillade.«
- »Das braucht« (sagte der fatale arkadische Phylax, den die
feuchte Walze argerte) »der Herr Rittmeister gar nicht: nur der
10 Bejahende muB beweisen.«
»Gut, gut« ! sagt' ich, »ich nenne die Beweise Einwurfe, aber
deren bring' ich wahrlich nicht mehr als zwei heraus - erstlich der
Beweis oder Einwurf aus der gleichzeitigen Abbliite und Hin-
falligkeit des Korpers und Ichs, zweitens der aus der absoluten
Unmoglichkeit, die Lebensweise eines kunftigen Lebens zu er-
forschen oder, wie der Herr Hauskaplan sagen muBte, in die
iibersinnliche Welt hiniiberzusehen aus einer sinnlichen. Richten
Sie jetzt selber, Herr Rittmeister, Ihre zwei einwerfenden Bomben
in den Winkel der groBten Wurfweite, der nach Hennert der von
20 40 Graden ist, nach Bezout aber erst der von 43°.«
Er stellte seine Bomben gut. Er zeigte, wie die geistige Dryade
mit der korperlichen Baumrinde grune, zerberste und verfliege -
wie die edelsten Bewegungen sich an das mit Erdenblei oder Blei-
erde ausgegossene Schwungrad des Korpers schlieBen - wie Ge-
dachtnis, Phantasie und Wahnsinn bloB vom Eidotter.des Ge-
hirns zehren, wie Heldenmut und Sanftmut sich in einem so ent-
gegengesetzten Verhaltnis gegen das Blut1 befinden wie Blutigel
und Juden - wie im Alter der innere und der auBere Mensch sich
miteinander gegen die Grube krummen, miteinander versanden
30 und versteinern und gemeinschaftlich gleich Metallgussen lang-
sam erkalten und zuletzt gemeinschaftlich erstarren. Dann fragte
Karlson, warum man denn, bei dieser immerwahrenden Erfah-
rung, daB jede korperliche Einbiegung eine geistige Narbe grabe,
und bei diesem unaufhorlichen Parallelismus des Korpers und der
1 Mit dem Blute verloren Helden den Mut, wie bekannt. Juden essen
keines, wie ebenfalls bekannt.
602 DAS KAMPANER TAL
Seele, bloB nach dem letzten RiB und Bruch dieser alles wieder-
geben wolle, was man mit jenem scheitern sah. Er sagte dann,
was ich auch glaube, daB weder das Bonnetsche Unterziehkor-
perchen, noch das inkorporierte Platnerische Seelen-Schnur-Ze^-
chen (das »zweite Seelen-Organ«) die Schwierigkeit der Frage
mildere: denn da beide Seelen-Unterziehkleider oder Nachthosen
und Kollets immer im Leben das gute und, schlimme Schicksal
des groben Korperiiberrocks und Marterkittels teilten, und da an
uns zweigehausigen englischen Uhren das Gehwerk und daserste
und zweite (Bonnetsche oder Platnersche) Gehause immer mit- 10
einander gelitten und gewonnen hatten: so sei es lacherlich, die
Iliade der kiinftigen Welt in der engen HaselnuB des Reasseku-
ranz-Korperchens aufzusuchen, das man vorher mit dem auBern
groben Korper stehen und fallen sehen.
Ich bat ihn dann, die zweite einwerfende Bombe auch in den
Winkel von 400 zu stellen. »Aber dann«, setzt' ich dazu, »wollt'
ich mir wohl die Konzession einer langen Parlaments-Rede aus-
gebeten haben: nur lange Reden haben Lebens- und Reproduk-
tionskraft, wie nach Reaumur nur lange Tiere sich am leichtesten
nach Schnitten erganzen.« Lange Menschen freilich, das fallt mir 20
jetzt aus Unzer erst bei, leben kiirzer als kurze.
Aber dazu, namlich zum Beweise der Umhullung der zweiten
Welt, bedurfte Karlson wenig Zeit und Kraft: das Sonnenland
hinter den Hligeln der Gottesacker, hinter den Pestwolken des
Todes liegt unter einer Totalfinsternis von zwolf Zollen oder von
ebenso vielen heiligen Nachten bedeckt. Er tat nicht iibel dar,
welcher unendliche Sprung aus alien irdischen Analogien und
Erfahrungen es sei, eine Welt zu hoffen - d. h. zu schaffen -, eine
transzendente Schaferwelt, von der wir weder ein Ab- noch Ur-
bild 'kennen, eine Welt, der nichts Geringers als Gestalt und Name 30
und Atlas und Planiglob und ein Weltumsegler Vespucius Ame-
ricus abgehe, fur die uns weder Chemie noch Astronomie die Be-
stand- und Weltteile liefern wollen, ein Dunst-Universum, auf
dem aus der entlaubten verdorrten Seele ein neuer Leib aus-
schlage, d. h. ein Nichts, auf dem sich ein Nichts beleibe...
O mein guter Karlson! wie konnte deine schone Seele eine
506. STATION 603
zweite Welt, die schon hienieden in die physische vererzet 1st, wie
lichte Kristalle in Gletscher, auslassen, namlich die in unserem
Geiste gliihende Sonnenwelt der Tugend, Wahrheit und Schon-
heit\ deren Goldader auf eine unbegreifliche Art den dunkeln
schmutzigen Klumpen der Sinnenwelt glanzend durchwachset ! -
Ich gab nun meine Antwort: »Ich will Ihre zwei Schwierig-
keiten mildern, und dann will ich meine unzahligen gegen Sie
vorfiihren. Sie sind kein Materialist-; Sie nehmen also an, dafi die
geistigen und die kdrperlichen Tatigkeiten nur einander beglei-
10 ten und gegenseitig erwecken. Ja der Korper ist die Tastatur der
innern Harmonika durch alle Glocken hindurch. Man hat bisher
nur die kdrperlichen Ripienstimmen zu den Empjindungen auf-
gezeichnet, z. B. das schwellende Herz und das tragere Blut bei
der Sehnsucht - die Gall-ErgieBung bei dem Zorn und so fort.
Aber das Flechtwerk, die Anastomosierung zwischen dem innern
und auBern Menschen ist so lebendig und innig, dafi zu jedem
Bilde, zu jeder Idee eine Nerve, eine Fiber zucken muB : man sollte
die kdrperlichen Nachklange auch bei dichterischen, algebrai-
schen, artistischen, numismatischen, anatomischen Ideen beob-
20 achten und auf die Noten der Sprache setzen. Aber der Resonanz-
boden des Korpers ist weder die geistige. Tonleiter noch ihre
Harmonie; die Betriibnis hat keine Ahnlichkeit mit der Trane,
die Beschamung hat keine mit dem in die Wangen gesperrten
Blute, der Witz keine mit dem Champagner, die Vorstellung von
diesem Tal hat nicht die geringste mit dem Dosenstiick davon
auf der Retina. Der innere Mensch, dieser verhullte Gott in der
Statue, ist nicht selber von Stein wie diese, in den steinernen
Gliedern wachsen und reifen seine lebendigen nach einer unbe-
kannten Lebensweise. Wir geben zu wenig darauf acht, wie der
30 innere Mensch sogar den auBern bandigt und formt, wie z. B.
Grundsatze den zornfahigen Korper? der nach der Physiologie
r
1 Schonheit in jener Zusammensetzung nehm' ich allzeit in dem Sinn, den
Schiller in seiner asthetischen Kritik damit verkniipft, eine Preisschrift seines
Genius iiber die Schonheit, der hier, wie Longin iiber das Erhabene, der
Maler und der Gegenstand zugleich ist.
2 War* ers aber gewesen: so wiird* ich ihm den 9ten Schalttag pag. 224
im 3. T. des Hesperus vorgelesen haben.
604 DAS KAMPANER TAL
von Woche zu Woche heftiger brennen mtiBte, allmahlich ktih-
len und loschen, wie schon der Schrecken, der Zorn die zerrei-
Bende, auseinandergeschobene Textur des Korpers mit geistigen
Klammern hielt. Wenn das ganze Gehirn gleichsam paralytisch
und jede Fiber eingerostet und verquollen ist und der Geist FuB-
blocke schleppt: so braucht er nur zu wollen (welches er jede
Minute kann), es braucht nur einen Brief, eine frappante Idee:
so ist ohne korperliche Hiilfe das Fibern-Gehwerk und das gei-
stige Repetierwerk wieder im Gang.«
Wilhelmi sagte: >>Der Geist ist also eine Uhr, die sich selber 10
aufzieht.« - »Irgendein Perpetuum-Mobile muB es ohnehin ge-
ben, weil sich alles schon seit einer Ewigkeit bewegt« (sagt* ich) -
»die Sache ist aber, der Geist lauft entweder nie ab, oder er ist der
Uhrmacher. Ich kehre wieder zur Sache.
Wenn eine zertriebene Pulsader in der vierten Gehirnkammer
des Sokrates das ganze Land seiner Ideen unter ein Blutbad setzt:
so werden zwar alle seine Ideen und seine moralischen Neigun-
gen vom Blutwasser uberdeckt, aber nicht zerstort, weil nicht die
ertrankten Gehirnkiigelchen tugendhaft und weise waren, son-
dern sein Ich, und weil die Abhangigkeit des Uhrwerkes vom io
Gehause in Riicksicht des Bestaubens usw. ja nicht die Identitat
von beiden oder gar den Satz beweiset, die Uhr bestehe aus lauter
Gehausen. Da die geistigen Tatigkeiten keine korperlichen sind,
sondern ihnen bloB entweder nach- oder vorgeheri; und da jede
geistige so gut im Geiste als im Korper Spuren lassen muB: sind
denn, wenn der SchlagfluB oder Alter die korperlichen weg-
loscht, darum auch die geistigen verloren? Unterscheidet denn
der Geist eines kindischen Greises sich in nichts von dem Geiste
eines Kindest BuBet Sokrates' Seele, in Borgias Korper wie in
ein Schlammbad eingescheidet, ihre moralischen Krafte ein, und 3o
tauschet sie auf einmal ihre tugendhaften Fertigkeiten gegen la-
sterhafte aus? - Oder soil in der Ehe zur linken Hand, die, wie-
wohl ohne Gutergemeinschaft, zwischen Leib und Geiste ist, die
eine eheliche Halfte mit der andern nur gewinnen, nicht auch
verlieren? Soil der ablaktierte Geist nur den bliihenden, nicht
auch den welkenden Korper verspiiren? Und sollt' ers, so muBte
507. STATION 605
die um ihn geschlagene Erde ihm, wie der Lauf unserer Erde den
obern Planeten, den Schein des Stockens und Zuriickgangs er-
teilen. Sollten wir einmal enthiilset werden, so muBte es die lang-
same Hand der Zeit, d. h. das raubende Alter tun ; sollt' einmal
unsere Rennbahn nicht auf einer Welt auslaufen, so muBte die
Kluft vor der zweiten allemal wie ein Grab aussehen. Die
kurie Unterbrechung unsers Ganges durch das Alter und die
langere durch das Sterben heben diesen Gang so wenig auf
wie die kiir^ere durch den Schlaf. Wir halten beklommen wie
10 der erste Mensch die totale Sonnenfinsternis des Schlummers
fur die Nacht des Todes, und diese fiir den Jungsten Tag einer
Welt.«
"Welches eben noch zu erweisen ist, ob ichs gleich selber
glaube«, versetzte Phylax.
Aber nun schlossen neue Schonheiten meine Antwort und die
$o6te Station.
N. S. Heute hat man mir gesagt, der Kaplan habe erklart, er
habe absichtlich auf eines und das andere nichts erwidert, er
wunsche aber, ich erschiene einmal damit in Druck, dann hofF er
20 seine Meinung zu auBern. Das mochte aber wohl der gute Mann
nicht erleben, daB dieser Brief gedruckt wird, und er wird passen
507. Station
Der Diebstahl des Souvenirs - Antworten auf vorige Stationen — iiber die
Auswanderung der Toten in fremde Planeten - die dreifache Welt im
Menschen - die Klage ohne Trost - Siegel der Unsterblichkeit — das Lust-
schloB — die Montgolfieren — Entziickungen
Wenn es drei Uhr und einem wandernden okumenischen Kon-
zilium auBerordentlich wohl und ein wenig warm ist und wenn
30 gerade der schmalere Adour, der am Tal-Ende entquillt, sich um
ein Erdziingelchen ringelt und iiber den auf seinem Bette schla-
606 DAS KAMPANER TAL
fenden Mond1 seinen Silberftor zieht — wenn um die Erdzunge,
diesen blumigen Ankerplatz, halb Wasserstiick, halb bowling-
green, eine breitlaubige Ahorn-Arkade wacht, unter der ein aus
den Zweigen auf Rasen herausgeschlupftes, mit Sonnenlicht ver-
goldetes Nachtstiick zittert, das der rauschende bunte Streusand
auf dem Buch der Natur, die Insekten, sticken - wenn das Ham-
mern in den glanzenden Marmorbruchen und die lebendigen Alp-
horner, das blokende Weidevieh, und das Rauschen von den
Wellen bis zu den Ahren und Gipfeln hinauf das Herz voll Le-
bensbalsam, den Kopf voll Lebensgeister gieBet - und wenn so 10
viel Schonheiten zu sehen und zu horen sind : so ist Schonheiten,
welche gehen, damit gedient, daB sie sich auf die Erdzunge nie-
dersetzen und daB die Polstertrager, die sie bedienen, vorher et-
was zum Untersatz fur die Arme unterbreiten.
Mein lieber Viktor, das wurde alles ins Werk gerichtet.
Im Sitzen schienen lange Reden nicht so tulich wie im Lauf;
auch hatten sie schon vorher, als man mit den Augen sich diese
Erdenge zum Lustlager abstach, etwas gelitten. Ich hielt mich
auf dem Ufer - die Stiefel hingen iiber dem Adour - unweit
Nadinen auf, die jetzt in dem vom Schatten getuschten Widerschein 20
der Wellen ein herrliches bleiches Rot (als hatte sich eine Purpur-
schnecke auf der Wange verblutet) zeigen konnte. Der Gang
und der rote Sonnenschirm waren zu grelle Koloristen gewesen.
Guter Bruder, ich schickte mich an, mich zu verlieben. Die
operierte Warze wollte als Eckstein des Argernisses, als negative
Elektrizitat nicht viel sagen : Warzen haben ihr Gutes.
Nadine brach Flatterrosen und andere Blumen. Ich zog ein
leeres Schmuckkastchen - es wurde wie der c>te Kurstuhl oder
der Elias-Stuhl2 oder der limbus patrum nicht besetzt - aus der
Tasche und hielt es ofFen unter, mit der Bitte, die Blumen darein 30
auszuschiitteln und auszustoBen, damit ich die wenigen Skolo-
pender3 bekame, die ohnehin wie die Talglichter mehr fiir das
1 Die unter dem Wasser gemilderte nachgespielte Sonne.
a Bei der Beschneidung setzen die Juden einen Stuhl fiir den Beschneider
und einen fur den Propheten Elias hin, der sich unsichtbar daraufsetzt.
3 Skolopender oder Feuerasseln leuchten nachts; man muB sich huten,
sie nicht aus den Blumenkelchen mit den Diiften ins Gehirn zu ziehen.
507. STATION 607
Auge als die Nase waren. Wir zogen ein ganzes Wormser Drei-
zehner-Kollegium von Feuerasseln aus den Blumenkelchen ge-
fanglich ins Kastchen ein.
Unter dem Blumenspiel, das uns einander naherte, flel mir ein
ganzer verkleinerter Mai auf die Schneiderische Haut: ich sah
mich nach den Blumen-Poren um. Es war nichts auszufinden, bis
ich aus der Iinken Tasche Nadinens ein in Montpellier mit wohl-
riechenden Krautern gefuttertes Souvenir vorgaffen sah. Eine
Schone bestehlen ist oft nichts Geringers als sie beschenken: ich
10 hielt es fur sachdienlich, Nadinen die riechende Schreibtafel heim-
lich zu entwenden, um nachher einen Flakon und einen SpaB
daraus zu machen. Ich kartete das Spolium so, daB gerade der
Baron meine kriechende Hand sah, als sie das Werkchen aus der
Tasche holte.
»Aus dem Souvenir«, dacht' ich, »kann sich eine und die andere
Szene entspinnen. Riechen kann man ohnehin daran.« Fur den
Diebstahl des Riechsackchens hielt ich sie durch die Skolopender
schadlos, deren Gefangnis ich auf der Stelle in ihre Tasche spielte.
Der Baron war Zeuge.
20 Wilhelmi sagte, als wir aufstanden : »Abends sind wir durch die
Wagen getrennt und betaubt; falls noch etwas auszumachen
ist «
»Etwas ?« (versetzte Phylax) » Alles ist noch auszumachen. Sie ha-
ben jetzt, Hen* J. P., zuvorderstdie zweite Schwierigkeit zu heben.«
»Heben?« (fragt* ich) »die Decke einer ganzen kiinftigen Welt
soil ich heben wollen? Ich komme ja erst hinein, und nicht daraus
her. Aber eben diese Unahnlichkeit der zweiten Welt, diese in-
kommensurable Grofie hat ihr die meisten Apostaten gemacht:
nicht das Zerspringen unserer korperlichen Pupperihaut imTode,
30 sondern der Abstand unsers kiinftigen Lenzes vom jetzigen Herbst
wirft so viele Zweifel in die arme Brust. Das sieht man an den
Wilden, die das zweite Leben nur fiir den zweiten Band, fur das
Neue Testament des ersten halten und zwischen beiden keinen
Unterschied annehmen als den zwischen Alter und Jugend; diese
glauben ihren HofFnungen leicht. Ihre erste Schwierigkeit, das
Abspringen und Zerbrockeln der Korper-GIasur, entzieht gleich-
608 DAS KAMPANER TAL
wohl den Wilden die Hoffnung nicht, in einer neuen Blumenvase
wieder aufzukeimen. Aber Ihre pveite Schwierigkeit vermehret sich
und die Zweifler taglich; denn durch die Menstrua und Apparate
der wachsenden Chemie und Physik wird die zweite Welt tag-
lich besser niedergeschlagen oder verfliichtigt, weil diese weder
in einen chemischen Qfen noch unter ein Sonnenmikroskop zu
bringen ist. Oberhaupt mufi nicht bloB die Praxis des Korpers,
sondern auch die Theorie desselben, nicht bloB die angewandte
ErdmeBkunst seiner Liiste, sondern auch die reine GroBenlehre
der sinnlichen Welt den heiligen, in sich zuruckgesenkten Blick 10
auf die innere Welt diesseits der auBern yerfinstern und erschwe-
ren. Nur der Moralist, der Psychology der Dichter, sogar der
Artist fasset leichter unsere innere Welt; aber dem Chemiker,
dem Arzte, dem MeBkiinstler fehlen dazu die Seh- und Horrohre,
und mit der Zeit auch die Augen und Ohren.
Im ganzen find' ich viel weniger Menschen, als man denkt,
welche das zweite Leben entschiedenentweder glauben oder leug-
nen: die wenigsten wagen es zu leugnen - da das jetzige dadurch
um alle Einheit, Haltung und Riindung und Hoffnung kame -,
die wenigsten wagen es anzunehmen - da sie iiber ihre eigne 20
Verherrlichung erschrecken und iiber das Erbleichen der ver-
kleinerten Erde -, sondern die meisten schwanken dichterisch
nach dem StoBe alternierender Gefuhle im Zwischenraum beider
Meinungen auf und ab.
Wie wir Teufel leichter als Gotter malen, Furien leichter als
die Venus Urania, die Holle leichter als den Himmel, so glauben
wir auch leichter jene als diese, leichter das groBte Ungliick als
das groBte Gliick: wie sollte nicht unser an Fehlschlagungen und
Erdenketten gewohnter Geist iiber ein Utopien stutzen, an dem
die Erde scheitert, damit die Lilien derselben wie die Guernsey- 30
Lilien das Ufer zum Bliihen finden1, und das die gequalten Men-
schen errettet und befriedigt und erhebt und begliickt?
Ich komme zu Ihrer Schwierigkeit. Mich diinkt, sogar wenn
1 Die Guernsey-Lilie aus Japan hat ihren Namen von der Insel Guernsey,
auf welche ein scheiterndes Schiffvdas damit keladen war, sie ausschiittete
und aussaete.
507. STATION 609
einer das Grab fur den Kommunikationsgraben bloBer verwand-
ter Globen nahme, so sollte ihn seine Unwissenheit iiber die
zweite Weltkugel nicht erschrecken, und wir diirfen darum, weil
wir durch das tiefe Gewasser des toten Meers nicht durchblicken
konnen, nicht schlieBen, daB sich die Gebirge der Menschheit
nicht im toten Meere fortziehen, so wie alle Bergriicken unten
auf dem Meeresboden weiterlaufen. Wie? der Mensch will Welten
erraten, der keine Weltteile errat? Wiirde der Gronlander den
Neger, den Wiener, den Danen, den Griechen ohne Urbilder in
> seiner Gehirnkammer abschatten? Weissagt ohne Erfahrung das
politische Genie sich die innere Versifikation des poetischen, der
Abderit die Bauart des Weisen? - Wiirden wir nur eine von den
Tiergestalten des hinabwartssteigenden Anthropomorphismuser-
raten haben, der die Menschengestalt in alien Tieren nachdruckt
und doch in alien verandert? Oder hatte ein unbeleibtes Ich, mit
alien hiesigen Logiken und Metaphysiken in das vacuum postiert,
je durch Denken eine Ader seiner jet^tgen Verkorperung und
Menschwerdung erdacht? -
»Was verneinen oder bejahen Sie denn eigentlich?« sagte Wil-
• helmi.
»Ich bejahe nur, daB deswegen noch nicht ein zweites Leben
auf einem Planeten zu verneinen ware, weil wir den Planeten
nicht mappieren und die Einwohner nicht portratieren konnen.
Wir brauchen aber keinen Planeten.w
Der Baron sagte: »Ach, ich dachte mir oft die groBe Tour
durch die Sterne so reizend I Es war die Lokation eines Schiilers
von einer Klasse zur andern - die Klassen sind hier Welten.«
»Auf alien diesen Erden«, sagte der Rittmeister, »wirst du ab^
gewiesen, wie auf unserer, wenn du ohne Korper hineinwillst.
Durch welches Wunderwerk bekommst du einen?«
»Durch ein wiederholtesy« (sagte ich) »denn den gegenwartigen
haben wir ja schon durch eines. Zum Vorteil der Planetenwan-
derung kann man noch sagen: unser Auge trennt die Welten zu
sehr, deren jede nur ein Element des unendlichen zusammenwir-
kenden Integrates ist. Die verschiedenen Erden und Nebenerden
iiber und um uns sind nur entferntere Weltteile; der Mond ist
6lO DAS KAM PANE R TAL
nur ein kleineres entlegneres Amerika, und der Ather ist das
Weltmeer.«
»Das ist so,« sagte Nadine, »wie ich mir vor einigen Tagen die
Einwohner eines Zitronenbaums dachte. Das Wurmchen auf dem
Blatt denkt etwan, es sei auf der griinen Erde, das zweite Wiirm-
chen auf der weiBen Bltite glaubt sich auf dem Vollmond, und
das auf der Zitrone denkt sich auf die Sonne.«
»Doch ist nur«, sagt' ich, »ein Baum des unermeBHchen Lebens.
Wie um den Erdkern weitere und feinere Umfassungen gehen,
die Erde, die Meere, der Luftkreis, der Ather, so umschlingt den J0
Riesen einer Welt ein immer groBerer mit langern Armen. Das
langere Band ist das feinere, wie die Lichtmaterie und Anzie-
hungskraft, die schone Umschlingung dehnet sich weicher von
Eisenringen zu Perlenschniiren aus bis zu Blumenketten und Re-
genbogen und MilchstraBen.«
»Wollen wir wieder von der MilchstraBe herab,« (sagte Karl-
son :) »denn wir konnen eben nicht hinauf. Eben diese allgemeine
Einheit des Universums schlieBet das Durchschwarmen der Emi-
granten aus der Erde aus: jeder Planet ist mit seiner SchifFsmann-
schaft schon bevolkert; dichtere Planeten, z. B. der Merkur, mit 20
wahren Matrosen.«
»Ganz wie es Kant vermutet!« sagte Phylax.
»Feinere lockere, wie z. B. der Uranus, mit den zartesten Wesen,
vielleicht bloB mit Schonen und Charitinnen, die ohnehin die Sonne
nicht lieben. Wer den sogenannten Geist oder Spiritus rektifizieren
will, indem er ihn aus dem Brennkolben eines Planeten in den an-
dern uberzieht, der kann ebensogut versichern, daB die Geister aus
dem verschlackten Merkur in einer Destillation durch Nieder-
steigen in unsere Erde ihre Dephlegmation erhalten, kurz daB die
Erde die zweite Welt fur Merkur und Venus ist-ja die Verstorbenen 30
aus den Polarzonen konnten (es ware destillatio per Iatus) in die
gemaBigteh fahren. Denn auf alien Planeten konnen am Ende
doch nichts sein als grobere oder feinere Menschen1 wie wir.«
1 Denn die klimatischen Unterschiede der Planeten miissen zwar wie die
klimatischen Verschiedenheiten unserer Zonen Neger, Pescherahs, Grie-
chen, aber doch immer Menschen geben.
507. STATION 6ll
Karlson wartete auf Widerlegung und Kontraapprochen. Ich
sagte aber, seine Meinung sei vollig die meinige.
»Ich habe noch einen starkern Grund« (fuhr ich fort) »gegen
die Auswanderung und voyage pittoresque durch Planeten: weil
wir in unserer Brust einen Himmel voll Sternbilder tragen und
verschlieBen, fur den keine beschmutzte Weltkugel weit und rein
genug ist. Aber daruber muB ich wenigstens so lange reden dur-
fen, bis wir alle Weizenfelder hindurch sind.«
Viktor, unser Luststeig war jetzt eine Allee durch Zaubergar-
10 ten: unser Durchgang durch ein griines Meer von Ahren wurde
auf beiden Seiten von einem gelobten Lande umgeben und be-
gleitet, auf dem vereinzelte Hauser unter gruppierten Laubhainen
ausruhten,wie inltalien nachmittags dieSieste-Schlafer zerstreuet
auf beschatteten Auen. Es wurde mir Ausfuhrlichkeit verstattet.
»Es gibt eine innere, in unserem Herzen hangende Geisterwelt,
die mitten aus dem Gewolke der Korperwelt wie eine warme
Sonne bricht. Ich meine das innere Universum der Tugend, der
Schonkelt und der Wahrheit, drei innere Himmel und Welten,
die weder Teile, noch Ausflusse und Absenker, noch Kopien der
20 auBern sind. Wir erstaunen darum weniger uber das unbegreif-
liche Dasein dieser drei transzendenten Himmelsgloben, weil sie
immer vor uns schweben, und weil wir toricht wahnen, wir er-
schaffen sie, da wir sie doch bloB erkennen.1 Nach welchem Vor-
bild) mit welcher plastiscken Natur und woraus konnten wir alle
dieselbe Geisterwelt in uns hineinschaffen? Der Atheist z. B.
frage sich doch, wie er zu dem Riesen-Ideal einer Gottheit ge-
kommen ist, das er entweder bestreitet oder verkorpert. Ein Be-
grifT, der nicht aus verglichenen GroBen und Graden aufgeturmt
ist, weil er das Gegenteil jedes MaBes und jeder gegebenen GroBe
30 ist : - kurz der Atheist spricht dem Ahhild das Urblld2 ab. - Wie
es Idealisten der auBern Welt gibt, die glauben, die Wahrneh-
1 Man sollte daher nicht sagen mundus intelligibilis, sondern mundus
intellectus.
2 Man sage immerhin, mit dieser Wendung werde jedes Utopien, das auch
ein Abbild seij realisiert: denn das Urbild aller Traume, Severambenlander,
Utopien etc. existiert auch wirklich — wiewohl stiickweise; hingegen das
Urbild des Unendlichen kann nicht stiickweise existieren.
6l2 DAS KAMPANER TAL
mungen machen die Gegenstande - anstatt dafi die Gegenstande
die Wahrnehmungen machen — , so gibt es Idealisten fur die in-
nere Welt, die das Se'in aus dem Scheinen, den Schall aus dem
Echo, das Bestehen aus dem Bemerken deduzieren, anstatt um-
gekehrt das Scheinen aus dem Sein, unser BewuBtsein aus Gegen-
standen desselben zu erklaren. Wir halten irrig unsere Scheide-
kunst unserer innern Welt fur die Praformation derselben, d. h.
der Genealogist verwechselt sich mit dem Stammvater und
Stammhalter.
Dieses innere Universum, das noch herrlicher und bewunde- 10
rungswerter ist als das aufiere, braucht einen andern Himmel als
den iiber uns und eine hohere Welt, als sich an einer Sonne warmt.
Daher sagt man mit Recht nicht die zweite Erde oder Weltkugel,
sondern die zweite Welt, d. h. eine andere jenseits des Univer-
sums.«
Gione unterbrach mich jetzt schon: »Und jeder Tugendhafte
und jeder Weise ist zugleich auch em Beweis, da!3 er ewig lebe.« -
»Und jeder,« fugte Nadine schnell hinzu, »der unverschuldet
leidet.«
»Ja, das ists,« sagt' ich geriihrt, »was unsere Lebenslinie durch 20
die lange Zeit hindurchzieht. Der Dreiklang der Tugend, der
Wahrheit und der Schonheit, der aus einer Spharenmusik genom-
men ist, rufet uns aus dieser dumpfen Erde heraus und rufet uns
die Nahe einer melodischen zu. Woiu und woher wurden diese
aufierweltlichen Anlagen und Wiinsche in uns gelegt, die bloB wie
verschluckte Diamanten unsere erdige Hiille langsam zerschnei-
den? Warum wurde auf den schmutzigen ErdenkloB ein Ge-
schopf mit unniitzen Lichtfliigeln geklebt, wenn es in die Ge-
burtsscholle zuriickfaulen sollte, ohne sich je mit den atherischen
Fliigeln loszuwinden?« - 30
Wilhelmi sagte bewegt: »Ich traume selber gern im Schlafe
dieses Lebens den Traum von einem zweiten. Aber konnten un-
sere schonen geistigen Krafte nicht uns zur Erhaltung und zum
Genusse des jetzigen Lebens" verliehen sein?«
»Zur Erhaltung?« (sagt* ich) »Also wurde ein Engel in den ,
Korper gesperrt, um der stumme Knecht und Einheizer und Fra-
507. STATION 613
ter Kellner und Fratef Kuchenmeister und Turwarter des - Ma-
gens zu sein? Waren nicht Tierseelen imstande, die Menschen-
leiber auf den Obstbaum und auf den Trankherd auszutreiben?
Soil die atherische Flamme den korperlichen Kanonen- oder Zir-
kulierofen mit Lebenswarme bloB gehorig ausbrennen und backen,
den sie ja verkalkt und aufloset? Denn jeder Erkenntnisbaum ist
der Giftbaum des Korpers und jede Verfeinerung eine langsame
Kelchvergiftung; aber umgekehrt ist das Bedurfnis der eiserne
Schliissel zur Freiheit — der Magen ist der mit Diingersalz gefullte
10 Treibscherben der Bliite der Volker - und die verschiedenen
tierischen Triebe sind nur die erdigen beschmutzten Stufen zum
griechischen Tempel unserer Veredelung.
Zum Genusse, sagten Sie noch - d. h. wir bekamen zum Futter
des Tiers den Gaumen und Hunger des Gottes. Der Teil, der
an uns von Erde ist und der auf Wurmringen kriecht, ja dieser
lasset sich allerdings wie der Erdwurm mit Erde fullen und ma-
sten. Die Arbeit, der korperliche Schmerz, der HeiBhunger der
Bediirfnisse und der Tumult der Sinne verdrangen und ersticken
bei Volkern und Standen den geistigen Herbstflor der Mensch-
20 heit: alle jene Bedingungen der irdischen Existenz miissen erst
abgetan sein, ehe der innere Mensch die Forderungen fur die sei-
nige machen kann. Daher kommt den Unglucklichen, die noch
die Geschaftstrager des Korpers sein miissen, die ganze innere
Welt nur wie ein Luft- und Spinnengewebe vor, wie einer, der
nur in die elektrische Atmosphdre anstatt an den Funken selber
gerat, durch ein unsichtbares Gespinst zu greifen meint. Ist aber
einmal unser notwendiger Tierdienst vorbei, der bellende innere
Tierkreis abgefuttert und das Tiergefecht ausgemacht : dann fo-
dert der innere Mensch seinen Nektar und sein Himmelsbrot, der
30 sich, wenn er nur mit Erde abgespeiset wird, alsdann in einen
Wiirgengel und Hollengott verwandelt, der zum Selbstmord
treibt, oder in einen Giftmischer, der alle Freuden verdirbt.1
1 Dieses gilt am meisten von den hohern und reichen Standen, worin bei
so vielen die Saturation der funf Kamelmagen der fiinf Sinne und die Ver-
hungerung der Psyche sich mit einem ekelhaften Ekel am Leben und mit
einer widrigen fleischlichen Vermischung hoherer IViinsche undniederer Liiste
beschlieBet. Der Wilde, der Bettler, der Kleinstadter iibertreffen sie weit am
<5l4 DAS KAMPANER TAL
Denn der ewige Hunger im Menschen, die Unersattlichkeit seines
Herzens, will ja nicht reichlichere, sondern andere Kost, nur Speise
statt Weide: bezoge sich unser Darben nur auf den Grad, nicht
auf die Art, so mtiBte uns wenigstens die Phantasie einen Satti-
gungsgrad vormalen konnen; aber sie kann uns mit der gemalten
Aufturmung aller Giiter nicht begliicken, wenn es andere als
Wahrheit, Tugend und Schonheit sind.«
»Aber die schonere Seele?« sagte Nadine. Ich antwortete:
»Diese Unformlichkeit zwischen unserem Wunsche und unserem
Verhaltnis, zwischen dem Herzen und der Erde bleibt ein Rdtsel^ xo
wenn wir dauern,und ware eine Blaspkemie, wenn wir schwinden.
Ach wie konnte die schone Seele gliicklich sein? Fremdlinge, die
auf Bergen geboren sind, zehret in niedrigen Gegenden ein un-
heilbares Heimweh aus - wir gehoren fur einen hohern Ort, und
darum zernaget uns ein ewiges Sehnen, und jede Musik ist unser
Schweizer-Kuhreigen. Am Morgen des Lebens sehen wir die
Freuden, die den bangen Wunsch der Brust erhoren, von uns ent-
fernt aus spaten Jahren heruberschimmern; haben wir diese er-
reicht, so wenden wir uns auf der tauschenden Statte um und
sehen hinter uns das Gluck in der hofFenden kraftigen Jugend 20
bliihen und genieBen nun statt der Hoffnungen die Erinnerungen
der Hoffnungen. So gleicht die Freude auch darin dem Regen-
bogen, der am Morgen vor uns iiber den Abend schimmert und
der abends sich iiber den Osten wolbt. - Unser Auge reicht so weit
als das Licht, aber unser Arm ist kurz und erreicht nur die Frucht
unsers Bodens.«
- »Und daraus ist zu folgern?« fragte der Kaplan.
»Nicht daB wir ungliicklich, sondern daB wir unsterblich sind
und daB die zweite Welt in uns eine zweite auBer uns fodert und .
zeigt. Ach was konnte man iiber dieses zweite Leben, dessen Anfang 30
schon so klar im jetzigen ist und das uns so sonderbar verdoppelt,
nicht sagen! Warum ist die Tugend zu erhaben^um uns selber
SinnengenuO, da an diesem wie an den Hausern der Juden (zum Andenken
des ruinierten Jerusalems) immer etwas unvollendet gelassen werden muB
und da eben Arme noch zu wenige Foderungen des erdigen Menschen be-
friedigt haben, um von den Foderungen des atherischen iiberlaufen und
gepeinigt zu werden.
507. STATION 615
und - was noch mehr ist- andere (sinnlich-) gliicklich zu machen ?
Warum nimmt mit einer gewissen hohern Reinheit des Charak-
ters das Unvermogen zu, der Erde, wie man sich ausdriickt, Nut-
zen zu schaffen, wie es nach Herschel Sonnen gibt, denen Erden
fehlen? - Warum wird unsere Brust von dem langsamen Fieber-
feuer einer unendlichen Liebe fur einen unendlichen Gegenstand
ausgetrocknet und ausgehohlt und endlich gebrochen und nur von
der Hoffnung gelindert, daB diese Brustkrankheit wie eine physi-
sche einmal die Eisstucke des Todes iiberdecken und heben?«-
10 »Nein,« sagte Gione mit einem bewegtern Auge als Tone, »es
ist kein Eis, sondern ein Blitz - wenn das Herz als Opfer auf dem
Altare Hegt? so fallt das Feuer vom Himmel und zerlegt es, zum
Beweis, daB ihm das Opfer wohlgefallen.« .
Ich weiB nicht, warum sie gerade mit dieser beruhigten Stimme
meine ganze Seele - nicht bloB meine SchluBkette - so schmerz-
Hch zerriB. Sogar Nadinens Augen, die iiber die eignen Erinne-
rungen siegten, wurden durch die schwesterlichen naB, und sie
hob - ob sie glekh sonst ekler und furchtsamer als Gione ist -
voriibergehend von einem KartofTelstock, der aus einem Garten
20 herausstand, einen groBen, unter dem haarigen Laube hangenden
Nachtschmetterlingab undzeigteihn uns mit einem festenMunde,
den einLacheln erweichen sollte.DiePhalanewar dersogenannte
Totenkopf; ich strich die wie an einem Geier gesenkten Flugel
und sagte: »Sie ist aus Agypten geburtig, dem Lande der Mu-
mien und Graber, und tragt selber ein memento mori auf dem
Riicken und ein Maestoso und Miserere im Klage-Russel.«
»Inzwischen ist sie ein Schmetterling und befliegt ihre Nek-
tarien, und das wollen wir Tagvogel auch tun«, sagte gut Wil-
helmi; aber gerade dieses Wort nahm er mir ordentlich aus dem
30 Mund.
Auf Gionens Angesicht stand wieder sinnende Ruhe, und sie
wurde mir durch die Stille ihres Grams unendlich schon und groB.
Du sagtest einmal: die weibliche Psyche muB nie, obwohl glu-
hend-zerstochen, krampfhaft mit den Fltigeln um sich schlagen,
weil sie sonst, wie andere Schmetterlinge, den Schmuck derselben
zerschlagt; ach wie wahr ist das!
6l6 DAS KAMPANER TAL
Nadinens Augen glanzten selten, ohne endlich zu tropfen, und
jede wehmiitige Regung hielt lang* in ihrem Herzen an, eben weil
sie sich vorher lange vor ihr hiitete. Sie glich iiberhaupt den Quel-
len, die die entgegengesetzte Temperatur der Tagszeit annehmen
und die gerade der kiihlende Abend erwarmt. Sie sagte gertihrt
zu mir (und suchte mit ihrer Hand in ihrer linken Tasche) : »Ich
kann Ihrien Verse zeigen, die Ihre Prosa beweisen.« Unter dem
Suchen und Stehen blieb sie und ihr Fuhrer, Wilhelmi, zuriick.
Er erriet eher als ich, daB sie mir aus ihrem Souvenir etwas geben
wolle. Er nahm sogleich, als sie statt desselben mein Skolopender- 10
Gefangnis herausbrachte, verbindlich das Wort: »er habe zwar
nicht mit den Handen, aber doch mit den Blicken zum Diebstahl
mit geholfen und bitte als Hehler um Gnade.« Die ernste Stim-
mung vertrug kaum die ernste Entschuldigung dieser Unbedacht-
samkeit; ich sagte: »Ich wollte einen mehr vergeblichen als ver-
zeihlichen Scherz einleiten; aber ich « Sie schlug mir, ohne
mich ausreden zu lassen, weich und unverandert — ich rechne ein
strafendes und ein vergebendes Lacheln ab - das Blatt im aro-
matischen Buche auf, das des edeln Karlsons Trauergedicht auf
den Untergang der hohe.n Gione enthielt, dessen prosaischen 20
Nachhall ich dir aus meinem prosaischen Gedachtnis hier wilHg
gebe:
Die Klage ohne Trost.
»Was ist das fur ein Gewolke, das wie die Wolken der Wende-
kreise nur von Morgen gegen Abend fliegt und dann untergeht?
Es ist die Menschheit. - Ist das der Magnetberg, mit den Nageln
angerissener zerbrochener Schiffe iiberdeckt? Nein, es ist die
groBe Erde, von den Knochen zertrummerter zerfallner Men-
schen bestreuet.
Ach warum hab* ich denn geliebt? Ich hatte nicht so viel ver- 30
loren.
Nadine, gib mir deinen Schmerz: denn die milde Hoffnung ist
darin. Du stehest neben deiner zermalmten Schwester, die unter
dem Leichenschleier zerrinnt, und blickest auf zu den zitternden
Sternen und denkst: droben da wohnst du, Gute, und auf den
507. STATION 617
Sonnen finden wir die Herzen wieder, und die kleinen Tranen
des Lebens sind vergangen.
Aber meine stehen fest und brennen im wunden Auge fort.
Meine Zypressen-Allee ist nicht offen und zeigt keinen Himmel.
Das Menschenblut malet auf den Leichenmarmor die flussige Ge-
stalt, die ein Mensch genannt wird, wie Ol auf Marmortafeln zu
Waldern gerinnt: der Tod wischt den weichen Menschen weg
und lasset den Grabstein zuriick. Ach Gione, ich hatte einenTrost,
warest du nur weit von uns alien in eine bewolkte Wuste gewor-
10 fen, oder in die Schachte der Erde, oder hinauf in die entfernteste
Welt des Athers - aber du bist vergangen, du bist vernichtet.
Deine Seele ist gestorben, nicht nur deine Hiille und dein Leben.
O sieh her, Nadine, hier auf dem Richtplatz der Zeit Hegt mit
der Totenfarbe der Geisterwelt der zerknirschte Engel. Unsere
Gione hat alle ihre Tugenden verloren, ihre Liebe und Geduld
und ihre Starke und ihr ganzes groBes Herz und den weiten rei-
chen Geist: der Wetterstrahl des Todes hat den Diamant zer-
schmolzen, und die wachserne Statue des Korpers zerflieBet nun
langsam unter der Erde.
20 Nimm die schone Hiille eilig weg, Schlange der Ewigkeit, die,
wie die groBe Schlange, den kleinen Menschen anfangs vergiftet
und endlich verschlingt.
Aber ich, Gione, stehe noch stark mit dem unvernichteten
Schmerz, mit der unvernichteten Seele an deinen Ruinen und
denke dich weinend, bis ich verschwinde. Und meine Trauer ist
edel und tief, denn sie hat keine HofTnung.
Mit der Sonne steige gleich dem Neumond1 deine unsichtbare
Schatten-Gestalt am Himmel herauf in meinem Geist!
Und das Schopfrad der Zeit, das mit unzahligen Herzen auf-
30 steigt und sie voll Blut schopft und das sie ins Grab ausleeret und
sterben lasset, gieBe meines nur zogernd aus : denn ich will lange
um dich Schmerzen haben, du Vergangene !«
1 Der Neumond geht allezeit mit der Sonne, obwohl ungesehen und ver-
finstert auf.
6l8 DAS KAMPANER TAL
Ich kann dir nicht sagen, geliebter Viktor, wie abscheulich und
graBlich mir der ewige Schnee eines vernichtenden Todes jetzt
neben der edeln Gestalt vorkam, die er uberdecken sollte; wie ab-
scheulich der Gedanke; diese nie begliickte unschuldige Seele
hatte der letzte Tag, wenn Karlson recht hatte, aus den Gefang-
nissen iiber der Erde in das dumpfe unter ihr gefiihrt. DerMensch
tragt seine Irrtumer wie seine Wahrheiten zu oft nur in Wortbe-
grifTen und nicht in Gefiihlen bei sich; aber der Bekenner der Ver-
nichtung stelle sich einmal statt eines sechzigjahrigen Lebens eines
von* 60 Minuten vor und sehe dann zu, ob er den Anblick gelieb- 10
ter edleroderweiserMenschen als zweckloser stundenlangerLuft-
erscheinungen, als hohler diinner Schatten, die dem Lichte nach-
flattern und im Lichte sogleich zerfliefien und die ohne Spur und
ohne Weg und Ziel nach einem kurzen Schwanken hinaus in die
alte Nacht verrinnen, ob er diesen Anblick ertragen konnte: nein,
auch ihn iiberschleicht immer die Voraussetzung der Unvergang-
lichkeit, sonst hinge immer iiber seine Seele, wie an dem heiter-
sten Himmel iiber Muhammed, eine schwarze Wolke, und unter
der Erde liefe uberall mit ihm wie mit dem Kain1 cin ewiges
Beben. 20
Ich fuhr fort, aber alle Schlusse waren jetzt zu Gefiihlen ver-
dichtet; »Ja dann, wenn alle Walder dieser Erde Lusthaine waren,
alle Taler Kampaner, alle Inseln selige, alle Felder elysische und
alle Augen heiter, ja dann — nein, und auch dann hatte der Un-
endliche unserm Geist durch diese Seligkeit den Eid ihrer Dauer
getan - aber jetzt, o Gott, da so viele Hauser Trauerhauser, so
viele Felder Schlachtfelder, so viele Wangen bleich sind, da wir
vor so vielen welken - roten - zerrissenen - und geschlossenen
Augen vorubergehen : ol konnte jetzt die Gruft, dieser rettende
Hafen, blofi der letzte einschlingende Strudel sein? Und wenn 30
endlich nach tausend tausend Jahren unsere Erde an der nahern
Sonnenglut ausgestorben und jeder lebendige Laut auf ihr be-
graben ware, konnte da ein unsterblicher Geist auf die stille Ku-
gel niederschauen und den leeren Zeremonien- und Leichenwa-
gen ziehen sehen und sagen: >Drunten flieht der Kirchhof des
1 Das erste ist eine christliche Sage, das andere eine rabbinische.
507. STATION 619
armen Menschengeschlechts in die Krater der Sonne — auf dieser
Brandstatte haben einmal viele Schatten und Traume und Wachs-
gestalten geweint und geblutet, aber nun sind sie alle langst zer-
schmolzen und verraucht - fliehe hin in die Sonne, die auch dich
auf Ioset, stumme Wiiste mit deinen eingesognen Tranen und mit
dem vertrockneten BluteU - Nein, der zerstochene Wurm darf
sich emporkrummen gegen den Schopfer und sagen: >Du hast
mich nicht zum Leiden schaffen durfen.<«
»Und wer gibt dem Wurm das Recht zu dieser Forderung?«
10 fragte Karlson.
Gione sagte sanrt: »Der Allgiitige selber, der uns das Mitleiden
gibt und der in uns alien spricht, um uns zu beruhigen, und der ja
allein in uns die Anspruche an ihn und die Hoffnungen auf ihn
erschaffen hat.«
Dieses schone sanfte Wort, mein Viktor, konnte gleichwohl
nicht alle Wellen meiner erschutterten Seele legen. Aus einem
Hause in der Feme hauchten uns Turteltauben zitternde, aus der
Seele gezogne Klagestimmen nach. Um meine innern Augen voll
Tranen versammelten sich alle die Gestalten, deren Herzen ohne
20 Schuld und ohne Freuden1 waren, die hienieden keinen einzigen
Wunsch erreichten und die, unter dem Frost und Schneegestober
1 Es gibt dreierlei Menschen : einigen wurde in diesem Leben ein Himmel
beschert, andern ein limbus patruni, worin ungefahr Freude und Trauer
einander gleich wiegen, und endlich einigen eine Holle, worin der Gram
vorwiegt. Menschen, die zwanzig Jahre auf dem Krankenbette voll korper-
licher Schmerzen lagen, die die Zeit nicht ab stump ft wie geistige, diese
waren doch gewiB mehr ungliicklich als gliicklich und wiirden, ohne Un-
sterblichkeit, ein ewiger Vorwurf fur das hochste moralische Wesen bleiben.
Und gibt es keinen solchen Ungliicklichen, so steht es doch in der Gewalt
3o eines Tyrannen, auf einer klinischen Marterbank unter der Assistenz eines
Arztes und eines Philosophen einen solchen zu machen. Wenigstens dieser
hatte dann auf eine auBerweltliche Vergiitung seiner Leiden Anspruch, weil
der Ewige kein Wesen, das sich mehr betriibt als freuet, entstehen lassen
darf.
Dazu kommt, daB vor dem unendlichen Auge zwar der Gegenstand
unsers Schmerzes, aber nie dieser selber als Tauschung erscheinen kann.
Auch ist die menschliche Qual wesentlich von der tierischen verschieden :
das Tier fiihlt die Wunden, etwa wie wir im Schlafe, sieht sie aber nicht, sein
Schmerz wird nicht durch das Erwarteny das Erinnern und das Bewufitsein
40 desselben dreifach verlangert und verscharft, er ist ein fliichtiger Stich und
mehr nicht. Und daher bekam nur unser Auge Tranen.
620 DAS KAMPANER TAL
des Verhangnisses erliegend, sich, wie Menschen im Erfrieren, nur
einiuschlafen sehnten - und alle die Gestalten, die zu sehr geliebt
und zu viel verloren haben und deren Wunde nicht eher geneset,
als bis sie der Tod erweitert, wie eine zerborstene Glocke so lange
den dumpfen Ton behalt, bis man den RiB vergroBert - und die
nachsten Gestalten neben mir und so viele andere weibliche, de-
ren zartere Seele das Schicksal gerade der Marter am meisten, wie
die Narzissen dem Gott der Holle, widmet. Auch deine wahre
Bemerkung kam dazu, daB du nie das Wort Schmeri und Ver~
gangenheit vor einem weiblichen Wesen ausgesprochen, ohne ein 10
leises Seufzen iiber das Biindnis dieser zwei Worte aus der leiden-
den Brust zu horen, weil die Weiber in dem engern Spielraum
ihrer Plane und mit ihren idealischern, mehr auf fremden als eig-
nen Wert gebauten Wiinschen tausendmal mehr Fehlschlagun-
gen zu zahlen haben als wir.
Die Sonne sank immer tiefer auf die Gebirge nieder, und Rie-
senschatten stiegen,wieNachtraubvogel,aus ihremewigenSchnee
kalt zu uns herein. Ich nahm mit heiBer Hand Karlsons seine und
sah ihm mit nassen Augen in sein mannlkh-schones Angesicht
und sagte: »0 Karlson, auf welche bliihende groBe Welt werfen 20
Sie einen unermeBlichen Leichenstein, den keine Zeit abwalzt!
Sind zwei Schwierigkeiten1, die sich noch dazu nur auf eine not-
wendige Unwissenhelt des Menschen grunden, hinreichend, einen
Glauben zu uberwaltigen, der tausend groBere Schwierigkeiten
allein auf loset, ohne den unsereExistenz ohne Ziel, unsere Schmer-
zen ohne Erklarung und die gottliche Dreieinigkeit in unserer
Brust drei Plagegottinnen und drei fiirchterliche Widerspniche
bleiben? - Vom gestaltlosen Erdwurm bis zum strahlenden Men-
schenangesicht, vom chaotischen Volke des ersten Tages bis zum
jetzigen Weltalter, von der ersten Krummung des unsichtbaren 30
Herzens bis zu seinem vollen kiihnen Schlag im Jungling geht
eine pflegende Gotteshand, die den innern Menschen (den Saug-
ling des auBern) fiihrt und nahrt, ihn gehen und sprechen lehrt
und ihn erzieht und verschonert - und warum? damit, wenn er als
1 Namlich die Unwissenheit iiber unsere Verbindung mit dem Korper
und die iiber die Verbindung mit der zweiten Welt.
507. STATION 621
ein schoner Halbgott sogar mitten in den Ruinen seines veralte-
ten Korper-Tempels aufrecht und erhaben stent, die Keule des
Todes den Halbgott auf ewig zerschlage? Und auf dem unend-
lichen Meere, worin der kleinste Tropfenfall unermeBliche Kreise
wirft, auf diesem hat ein lebenslanges Steigen des Geistes und ein
lebenslanges Fallen desselben einerlei Folge, namlich das Ende
der Folgen, die Vernichtung. * Und da mit unserm Geiste nach
demselben Grunde auch die Geister aller andern Welten fallen
und sterben mussen und nichts auf der von demLeichensckleier
10 und der Trauerschleppe uberhullten UnermeBlichkeit iibrig bleibt
als der ewig saende und niemals erntende einsame Weltgeist, der
eine Ewigkeit die andere betrauern sieht: so ist im ganzen geisti-
gen All kein Ziel und Zweck, weil der in ein Universum aus
sukzedierenden oder sukzessiven Ephemeren, in eine unsterbliche
Legion aus Sterbenden zerteilte und zertragene Zweck der Ent-
wicklung ja keiner fur die verschwundnen Ephemeren, hochstens
fiir die letzte ware, die nie kommen kann.2 - Und alle, alle diese
1 Man wende nicht den jahrlichen Untergang der lang entwickelten scho-
nen Blumenwelt des Friihlings ein; denn fiir die korperliche Welt ist ein
20 jedes Verhaltnis ihrer Teile so gleichgiiltig und vollkommen als das andere,
und Rosenasche ist so gut als (ohne Rucksicht auf eine organische Seele)
Rosenbliite: Nichts ist schon als unsere Empfindung des Schonen, nicht
der korperliche Gegenstand. - Wollte man noch einwerfen: »Wie viele
Entwicklungen unterdriickt iiberhaupt die Natur, zu denen sie schon alle
Anstalten vorgeschaffen, wie viele tausend Eier knickt sie entzwei, wie viele
Knospen zerreiCet sie, wie viele Menschen auf alien Stufen des Lebens er-
quetscht ihr blinder Tritt!« so sag ichrdie abgebrochenen Entwicklungen
werden doch zu Bedingungen der vollfiihrten veredelt; ferner fur korper-
liche Gegenstande ist jede Stellung ihrer Teile gleichgiiltig, und als Hiillen
30 geistiger Wesen zeugen sie eben fur eine - kompensierende Unsterblichkeit
der letztern.
■ Mich dtinkt, von dieser Seite ist der Wahn der geistigen Mortalitat noch
nicht genug beschauet worden. Das lebendige oder geistige Weltganze
kann als solches - denn das leblose hat keinen andern Zweck, als ein Mittel
fiir das lebendige zu sein - keinen Zweck erreichen, als den jeder Teil davon
erreicht, weil jeder ein Ganzes ist und weil jedes andere Ganze nur in der
zusammenfassenden Idee und nicht wirklich existiert. Urn die Unstatthaftig-
keit einer durch verschwindende Geisterreihen laufenden Vervollkommung
lebhafter anzuschauen, kiirze man nur die Lebenszeit eines Geistes so weit
40 ab, dafl er z. B. nur eine Seite in Kants Kritik durchbringt und dann vergeht.
Fiir die zweite Seite entsteht ein zweiter Geist und so iiberhaupt 884 Geister
fiir die neue Auflage. Jener Irrtum wurde vielleicht den meisten durch das
622 DAS KAMPANER TAL
Widerspriiche und Ratsel, wodurch nicht bloB alle Wohllaute,
sondern alle Saiten der Schopfung zerrissen werden, miissen Sie
annehmen, bloB weil sich zwei Schwierigkeiten, die unsere Ver-
ganglichkeit ebensowenig aufloset, vor Sie stellen Geliebter
Karlson, in diese Harmonie der Spharen nicht iiber, sondern
neben uns wollen Sie Ihren ewig schreienden MiBton bringen !
Sehen Sie, wie sanft und geriihrt der Tag geht, wie erhaben
die Nacht kommt - o dachten Sie nicht daran, daB unser Geist
glanzend einmal ebenso aus der Grube voll Asche steigen.werde,
da Sie einmal den milden und lichten Mond groB aus dem Krater 10
des Vesuvs aufgehen sahen? . . .«
— Die Sonne stand schon rot auf den Gebiirgen, um sich ins
Meer zu stiirzen und in die neue Welt zu schwimmen. Nadine um-
fing unendlich geriihrt die Schwester und sagte: »0 wir lieben
uns ewig und unsterblich, gute Scrrwester.« Karlson riihrte zu-
fallig die Saiten der Laute an, die er trug; Gione nahm sie mit der
einen Hand und gab ihm die andere und sagte: »Unter uns alien
werden Sie allein von diesem tristen Glauben gequalt - und Sie
verdienen einen so schonen !«
Dieses Wort der verhullten Liebe sturzte sein lang gefulltes 20
Herz um, und zwei heiBe Tropfen wanden sich aus den geblen-
deten Augen, und die Sonne vergoldete die reinen Tranen, und
er sagte, indem er nach dem Geburge hiniiberschauete : »Ich kann
keine Vernichtung ertragen als nur meine - mein ganzes Herz ist
Ihrer Meinung, und mein Kopf wird ihm langsam folgen.«
Lasse mich nun nicht mehr eines andern Mannes erwahnen,
den ich so oft getadelt habe.
Wir standen gerade vor einem Schlosse, worin, des Abend-
scheins ungeachtet, alle Fenster sich von Girandolen versilbern
und (wenn es dunkler geworden) vergolden lieBen. Oben iiber 30
der italienischenPlatteformedesselben hingen^w« Montgolfieren,
die eine am westlichen, die andere am ostlichen Ende, gefesselt
im Ather. Ohne diese schonen Globen, in denen sich gleichsam
zunehmende Monden-Licht der Aufklarung gelaufig, das allmahlich iiber
die nacheinander entschlafenden Jahrhunderte aufsteigt; aber eben die Not-
wendigkeit des Ersatzes fcrdert die Unsterblichkeit.
507. STATION 623
die zwei herrlichen im Himmel, der Mond und die Sonne, wieder-
holten, hatt* ich im Glanz hoherer Szenen diese nahern kaum be-
merkt.
O Teuerster, wie schon war die Stelle und die Zeit ! Die Py-
renaen ruhten groB, halb in Nachte, halb in Tage gekleidet, um
uns und biickten sich nicht, wie der veraltende Mensch, vor der
Zeit, sondern erhoben sich ewig; und ich fuhlte, warum die gro-
Ben Alten die Gebirge fur Giganten hielten. Die Haupter der
Berge trugen Kranze und Ketten von Rosen aus Wolken ge-
10 macht; aber sooft sich Sterne aus dern leeren tiefen Athermeer
herausdrangten und aus den blauen Wellen glanzten, so er-
blichen Rosen an den Bergen und fielen ab. Nur das Mittagshorn
schauete wie ein hoherer Geist lange der tiefen einsamen Sonne
nach und gluhte entziickt. Ein tieferes Amphitheater aus bliihen-
den Zitronenbaumen zog uns mit Wohlgeriichen auf die einge-
hiillte Erde zuriick und machte aus ihr ein dunkles Paradies. Und
' Gione drang voll stillem Entziicken in ihre Lautensaiten, und
Nadine sang den gleitenden Tonen leise nach. Und die Nachti-
gallen wachten in den Rosenhecken am Wasser auf und zogen
20 mit den Tonen ihres kleinen Herzens tief in das groBe mensch-
liche, und glimmende Johanniswurmchen schweiften um sie von
Rose zu Rose, und im spiegelnden Wasser schwebten nur flie-
gende Goldkorner iiber gelbe Blumen. - Aber da wir gen Him-
mel sahen, schimmerten schon alle seine Sterne, und die Gebirge
trugen statt der Rosenketten ausgeloschte Regenbogen, und der
Riese unter den Pyrenaen war statt der Rosen mit Sternen ge-
kront. — O mein Geliebter, muBte dann nicht jeder entziickten
Seele sein, als falle von der gedriickten Brust die irdische Last, als
gebe uns die Erde aus ihrem Mutterarm reif in die Vaterarme des
30 unendlichen Genius - als sei das leichte Leben verweht? - Wir
kamen uns wie Unsterbliche und erhabener vor, wir wahnten, das
Sprechen iiber die Unsterblichkeit habe bei uns, wie bei jenen
zwei edeln Menschen1, den Anfang der unsrigen bedeutet.
1 Raffael starb, da er die Verklarung votlendet hatte; und der genialische
Hamann starb mitten unter dem Drucke einer Abhandlung »uber Verkla-
rung und Entkorperung«.
624 DAS KAMPANER TAL
Plotzlich wurden wir von den vielfachen Armen eines har-
monischen Stroms, der mit Lebenstonen durch das LustschloB
rauschte, gefasset und ins Leben zuruckgefiihrt. Durch eine Mu-
sik in alien Zimmern wurde Gionen angesagt, wem dieses SchloB
gehore: sie druckte sanft und dankbar die Hand ihres Wilhelmi,
und wir wurden alle erweicht, aber alle begliickt.
Allein der Sturm der neuen Freuden konnte, da wir in die
glanzenden Zimmer traten, nicht die alten verwehen : wir konnten
die groBe Nacht um uns noch nicht entbehren, wir stiegen auf die
Platteforme heraus, um auf diesem kleinen Thron zu den hohern 10
Thronen der Schopfung unter dem unendlichen Thronhimmel
naher aufzuschauen, wiewohl fur die geriihrte Seele Knien ein ho-
heres Steigen gewesen ware.
Droben standen Nachtviolen in einem Treibkasten, die Gio-
nens Namen durch bliihende Farben schrieben : ich dachte an die
gefangnen Johanniswurmchen und Skolopender. Jene lieB ich als
verworrene goldne Sternbilder auf die Rosenhecken hinunter-
fliegen, und mit den ausgegossenen Feuerwiirmern setzte ich Gio-
nens Namensblumen in schone kalte Flammen.
Gione schauete sehnsiichtig zur ostlichen Montgolflere hinauf. 20
Wilhelmi verstand sie. Ihr Geist war ebenso kuhn als still, sie
hatte schon viele Zauberhohlen der Erde und die Zinnen der Al-
pen besucht: sie wollte mit der Kugel aufsteigen und in dieser
herrlichen Nacht iiber diese herrliche Gegend mitten im Himmel
schweben; aber der GenuB der nachtlichen Aussicht war doch
ihr Endzweck nicht allein. Wilhelmi fragte sie, wer sie begleiten
sollte; sie bat nur um Einsamkeit. Die Breite und Tiefe der Barke
unter dem Globen und ein Stuhl darin und die Seile, die ihn stei-
gen und wiederkehren lieBen, nahmen alle Gefahr hinweg.
Sie ging einsam wie eine Himmlische empor unter die Sterne - 3°
die Nacht und die Hohe warfen ein Gewolke iiber die aufziehende
Gestalt - ein oberes Wehen wiegte diese bliihende Aurora und
deckte mit der schwankenden Gottin ein Sternbild urns andere zu
- Plotzlich trat ihr femes erhohtes Angesicht in einen hellen iiber-
irdischen Glanz hinein; es stand leuchtend, wie das eines Engels,
im Nachtblau gegen die Sterne erhoben ! Wilhelmi und Karlson
507. STATION 625
ergriff ein ungewohnlicher Schauder, ihnen war, als sahen sie die
Geliebte wieder von sich Ziehen, vom Fliigel des Todesengels ge-
tragen. Der Mond hinter der Erde, der seine Strahlen fruher hin-
auf an die Sterne als herunter auf die Erdenblumen warf, hatte
sie so himmlisch verklart.
Als sie wieder zu uns kam, waren ihre Augen von gestillten
Tranen rot - und sie war eben aufgestiegen, um in einer ver-
hiillten Minute naher an den Sternen alte schwere Tranen einsam
zu vergieBen. O die Himmlische! sie lachelte sonderbar ini
10 Schlummer dieses Lebens iiber hohere Freuden, als die hiesigen
sind, wie etwan schlafende Kinder lacheln, weil sie Engel sehen.
Jetzt wurd* es mir unmoglich, meine Sehnsucht nach den Ster-
nen und meine Bitte um das EinschifFen dahin zuriickzuhalten.
Ich erhielt von einer willigen Giite die westliche Kugel. Nadine,
durch die Wiederkehr der unversehrten Schwester und durch den
Teilnehmer der Gefahr verwegner, betrat mit ihrer gewohnlichen
auf lodernden Warme das SchifF, um das diirstende Herz an der
majestatischen UnermeBlichkeit der Nacht zu laben.
- Und nun zogen uns die Sonnen empor. Die schwere Erde
20 sank wie eine Vergangenheit zuriick - Fliigel, wie der Mensch
in gliicklichen Traumen bewegt, wiegten uns aufwarts - die er-
habene Leere und Stille der Meere ruhte vor uns bis an die Sterne
hin — wie wir stiegen, verlangerten sich die schwarzen Waldun-
gen zu Gewitterwolken und die beschneieten beglanzten Gebirge
zu lichten Schneewolken - die auftreibende Kugel flog mit uns
vor die stummen Blitze des Mondes, der wie ein Elysium unten
im Himmel stand, und in der blauen Einode wurden wir von
einem gaukelnden Sturm gleichsam in die nahere schimmernde
Welt des Mondes geblendet gewiegt und dann wurd' es dem
30 leichtern Herz, das hoch iiber dem schweren Dunstkreis schlug,
als flatter* es im Ather und sei aus der Erde gezogen, ohne die
Hiille zuriickzuwerfen. -
Plotzlich stockte unser Flug - wir blickten hinunter in das von
der Tiefe und der Nacht verschlungene Tal, und nur die Lichter
des Schlosses schimmerten zusammenflieBend hinauf-eine west-
liche Wolke hing vor uns in Gestalt einer weiBen Nebelbank, und
626 DAS KAMPANER TAL
ein schwarzer Adler glitt wie ein Todesengel von Morgen vor-
iiber und durchschnitt die lichte Wolkensaule und suchte seinen
Gipfel - und ein kaltes Wehen zog uns spielend gegen die Insel
aus Dunst - das Abendrot war schon gegen Mitternacht unter der
Erde fortgezogen und wandelte uber das geliebte Frankreich als
kunftige Aurora . . . O wie richtete sich der innere Mensch unter
den Sternen auf und wie leicht wurde uber der Erde das Herz...
Auf einmal stiegen unten aus dem schimmernden Schlossc leise
Harmonien herauf, und unsere Geliebten riefen uns mit gedampf--
ten Echos zuriick Und da Nadine hinuntersah, brach ihr das i
einsame Herz vor Sehnen nach den teuern Menschen - und da
sie in das lange versilberte Tal hiniiberblickte, woriiber derMond
hereingewalzet war, und da unter seinen fiatternden Folien die
zitternden Wasserfalle glommen und die rinnenden Bogen des
Stroms und die griinenden Marmor -Torsos und die weiBenSteige
zwischen Ulmen und Ahren und die ganze zauberische Bahn un-
sers heutigen Tages: so stromten helle und glanzende Tranen
unverhiillt aus ihren sanften Augen, und sie blickte mich gleich-
sam mit der Bitte um Nachsicht und Verschweigen an und sagte
erschutternd : »Wir sind ja doch so weit von der harten Erde!« 2
Und als unsere kleine Kugel zu den schillernden Auen und
hellern Tonen zuriickgezogen wurde: sah sie mich fragend an,
ob ihre Augen noch Spuren der Tranen zeigten. Sie trocknete sie
schneller, aber yergeblich. Wir sanken schweigend hinunter. Ich
nahm ihre brennende Hand und sah ihre fortweinenden Augen.
Aber ich konnte nichts sagen . . .
— Und wie konnt* ich denn jetzt noch etwas sagen, du Gelieb-
ter! -
Erklarung der Holzschnitte
unter den zehen Geboten
des Katechismus
HlSTORISCHE ElNLEITUNG
Die Ofiiziere - der Taufengel — der Kirschkern - das Konterfei
Da in meinen Tagen jeder etwas herausbringt und entdeckt -
entweder einzig-mogliche Beweise - oder Nebelflecke - oder
Sonnenflecke - oder Fleckkugeln — Jakobiner - ganze Inseln -
die Flora und Fauna dazu - neue Luftarten - neue Theorien -
Stiicke von Livius - von Afrika - kurz alles : so wuBt' ich nicht,
was ich daraus machen sollte, daB ich allein auf meinem Sessel
safi und nichts entdeckte, nicht einen neuen Fleischring an einem
10 Leberwurm, geschweige einen am Saturn. - Dieser VerdruB ist
vorbei: ich reihe mich nun an die Perlengarnitur der Entdecker
dieses Sakuls noch vor dem Abschlusse desselben munter mit an.
Im Juni des vorigen Jahres bereisete ich Sachsen. Ich sah mich
in Wittenberg unter den merkwiirdigsten Merkwiirdigkeiten als
Reisender um und observierte zwei durch die Stadt laufende
Bache — namens die frische und die faule Bach — und einige ein-
gefallne Schutthaufen aus dem siebenjahrigen Krieg und einen
Taufengel ohne Kopf. Meine Marschroute bestimmte mich dann
nach Bleesern, einem Vorwerk an der Elbe, eigentlich bloB nach
20 einer Wiese darneben, auf der ich dem. jahrlichen Juni-Wett-
rennen zusehen wollte.
Ich hatte ungefahr noch einige Kartaunenschiisse nach Blee-
sern, als ich hinter mir zwei Stimmen vernahm: »Zehen Paar
Strumpfe hab' ich wenigstens gestrickt, seit ich Major bin.« -
»Und wie lange bin ich Lieutenant und habe mein halbes Dut-
zend fertig bis auf ein paar Fersen?« Ich schauete mich nach den
Offlzieren um und wurde gewahr, daB der Major zweimal so lang
war wie mein Arm und der Lieutenant etwan einen SchuB liinger
als meine Badine. Ich lieB diesen blau gekleideten Nachtrab heran
30 und verwickelte ihn in ein Gesprach mit mir, um die niederstam-
63O DAS KAMPANER TAL
mige Soldateska iiber eines und das andere auszufragen, was ge-
druckt werden konnte.
Man fragt hoflicher wohin als woher (sogar sich, wenn man
philosophiert) : auch nach Bleesern gingen beide, der Major tats,
urn mit wettzurennen, und den Lieutenant hatte eine liebende
Waffenbruderschaft ihm nachgetrieben. Beide Offiziere waren,
wie jeder Regimentsstab und jede Prima Plana, so sanft und still,
so frei von Pratensionen, sprachen so wenig von Siegen iiber
Damen und iiber Feinde, daB ich innerlich sagte: scharmante
Kinder! k
» Woher ?« fragt* ich endlich. »Aus Annaburg.« Und ich hatt*
es nicht gebraucht, hatt' ichHerrnLeonhardi1 vorher und nicht
erst nachher gefragt. Aus dem Soldaten-Knabeninstitut waren
beide. — Mocht* es nie langere Majore und Gemeine geben als die
Annaburger, die keinem Menschen Haut oder Rock abskalpieren,
sondern ihn vielmehr von FuB auf bekleiden mit der Stricknadel
und die zwar an holzernen Beinen eine Freude haben, aber nur
damit sie ihnen Striimpfe anversuchen! - Ach man mufi wohl in
den frohlichsten historischen Einleitungen darauf kommen, wenn
man erlebt, daB die Geierkralle des Kriegs der Tasterzirkel un- 2C
serer Kugel wird und daB man zur Karte des Kriegsschauplatzes
nichts weiter braucht als den Atlas. Obrigens ist freilich niemand
besser bekannt als mir, daB - wie im Philanthropin zu Marschlins
den Knaben wegen einer Ungezogenheit die Strafe vorgeschrie-
ben wurde, solche fortzusetzen - daB ebenso das Schicksal den
Menschen fur ihre vorigen barbarischen Tiergefechte und wilde
Riesenkriege die Ponitenz auflegt, sie am hellen Tage der Auf-
klarung fortzusetzen; aber ist es nicht hart, daB das achtzehente
Jahrhundert als Souffre-douleur der vorigen durch den Fortsatz
ihrer Fehler den Schein der Barbarei annehmen muB? 30
Ich und die Herren Offiziere langten so fruh in Bleesern an,
daB man noch zehn Wettrennen hatte halten konnen; aber das
erste war schon - gehalten zur herzlichen Freude des Majors.
1 Leonhardis Erdbeschreibung vein Sachs. 1. Teil. In diesem niitzlichen
Institut avancieren die Knaben nach der Wiirdigkeit, nicht nach der ancien-
nete\
HISTORISCHE EINLEITUNG 63I
Denn seine Schwester, zu der er sich von mir begleiten UeB, hatte
obgesiegt. Den Bleesernern, den Neurodern, Trebnitzern, Ziills-
dorfern ist es etwas Altes, daB der Pursch durch einen Kurierlauf
einen bordierten Federhut und das schnellfuBigste Madchen
einige Ellen Seide erlauft; aber dem Publikum ist es neu genug.
Der schwesterlich gesinnte Major war zufrieden, daB seine
Familie — wie eine furstliche — statt des Siegers doch eine Siegerin
aufwies.
Aber wichtiger scheint das fur das Publikum zu sein, wozu das
10 Bisherige nur einleiten sollte, daB namlich ein 'holzerner alter
Haubenkopf am Fenster stand, urn welchen das ersiegte Seiden-
tuch gebunden war. Der Kopf hatte eine sanfte Bildung, dieStirn
war aufgeschlossen, die kleine Nase ein wenig gebogen, das hol-
zerne Haar hing zwar nicht lockig, aber weich an den Ohren nie-
der wie an manchen Engeln von Guido. - Und zuletzt erfuhr ich,
daB es wirklich ein Engelskopf war. Denn zufalligerweise steckte
ich den Daumen, als ich diesen Zensors-Kopf der weiblichen
Kopfe aufhob, in dessen Schlund, und mir schwebte dunkel vor,
ich wiederhole irgend etwas. Als mir freilich die Triumphatorin
20 sagte, daB ihr Vater Kiister in der »L6ffelkirche« in Wittenberg
gewesen, so fiel mir leichtlich ein, daB ich dem dasigen abgedank-
ten dekollierten Tauferigel meinen Daumen wie einen Knochen
in den Schlund gesteckt und daB dieser Hauben-Wardein oder
-Kopf auf dem gekopften Engel gesessen, den wahrscheinlich ein
BombenspHtter der Reichsarmee anno 1760 darum gebracht. Die
Lauferin sagte mir: der Kopf bringe dem ganzen Hause Segen,
und sie hatte keinen Fetzen erlaufen, hatte sie nicht unterwegs
immer an ihn gedacht.
Inzwischen kam mir der infulierte Kopf bald aus meinem, und
30 ich langte in Dresden an. Die Musik zwischen den Akten oder die
Zwischenakte bleiben weg; ich eile sogleich zu interessantern
Dingen und erzahle, daB ich in Dresden herumging und sowohl
das achte Zimmer als den Zwinger1 besah. Es wird davon ge-
sprochen, daB mich das achte Zimmer mit seinem Miniatur-El-
1 Das achte Zimmer ist das juwelenreichste im griinen Gewolbe, der
Zwinger ist ein eiformiger Palast voll Naturalien und Kunstsachen.
632 DAS KAMPANER TAL
dorado und Juwelensteinbruch auf Samtschwarz nicht in dem
Grade begeistert habe, den sich die Dresdner davon versprachen;
es wird aber wenig erklart. Aus dieser Sache ist zu kommen, wenn
man iiberlegt, daB der Harlekin im Kabinett neben dem funften
Zimmer, dessenLeib aus einer Perle besteht, oder ein einziger Peit-
schenstock aus Juwelen, isoliert in zwei Zimmern aufgestellr, die
groBte Wirkung tun miiBten, daB aber so aus allem nur ein dump-
fes, gegen die Objekte gleichgultiges Staunen werden kann, so-
bald man eine Juwelen-Daktyliothek, ein Portativ-Ophir vor
sich sieht. Ich kann nicht sagen, wie abgeschabt und bleich mir 10
einmal der Karlsd'or vorkam - womit ich zu Frege in Leipzig
ging, um ihn da gegen Viertelsdukaten umzusetzen -, als ich bei
dem Bankier nicht goldhaltige Berge, sondern vollige goldne
stehen sah. Ebenso machten mich Schwesternhauser, Nonnen-
kloster und Frankfurter Kronungstage kalter gegen Weiber und
nichts gegen Biicher kiihler als die gottingische Bibliothek, deren
blofier Katalog schon 80 Bande fiillt, so daB ein Mensch, der
gleich nach der Geburt sich dariibermachte und zu lesen anfinge,
in jedem Jahre seines 8ojahrigen Lebens so viel Werke durch-
laufen muB, daB ihr Katalog selber eines gibt. 20
Hingegen der Dresdner Zwinger machte mir das Herz viel
leichter; und es lasset sich denken, wenn man hort, was mir dort
auf einem Kirschkern aufstiefi. Wenigen geographischen Gelehr-
ten ist namlich der ikonologische Kirschkern unbekannt, den der
Dresdner Zwinger den Fremden zeigt und den eine Wesenkette
von 85 eingeschnittenen Gesichtern durchgrabt. Auch mirwurde
der Kern gewiesen; und vorher das notige Brenn- und Vergro-
Berungsglas dazu eingehandigt, ohne das keiner die 85 Physio-
gnomien aus ihren hupfenden Punkten und Rogen ausbriitet;
aber hinter dem Brennglas sproBte aus dem figurierten Kern eine 30
ganze Samenschule und Ahnenreihe auf.
Inzwischen war mir nichts frappanter darauf als das 70ste Ge-
sicht. Mir war, als duz' es mich; ich schwur, ich kenne es. Endlich
verfiel ich darauf, als schon einige Gassen mich vom Glase und
vom Kerne getrennt hatten, daB die 7oste Physiognomie weiter
keine andere sei, als die ich schon am abgeschossenen Seraphskopf
HISTORISCHE EINLEITUNG 633
in Bleesern gesehen. Leser, die nach Dresden gehen und welche
die gegenwartigen Reden und die kiinftigen in Holz geschnitte-
nen Kniestucke dieser wenigen Bogen im Kopfe behalten, diese
konnen, wenn sie im Zwinger bis zum yosten Gesicht des Kernes
zahlen, dann leicht sehen, was an der Sache ist. Dazuzusetzen hab'
ich nichts, als da8 neulich einer im Reichsanzeiger eine Icono-
logia Lutheriana feilgeboten, d. h. eine Sammlung von 575 ver-
schiednen Portrats, die man von Luthers Gesicht gemacht und
die kaum auf ein halbes Dutzend Dresdner Kirschkerne zu brin-
gen waren. Allein jeden groBen Mann zeichnet oder verzeichnet
die blinde Zeit funfhundertundfiinfundsiebzigmal, und er braucht,
um der Nachwelt nicht einseitig abgeliefert zu werden, wenigstens
6 Kerne. Gewisse Gesichter, wie Luthers I. und Friedrichs II.,
werden niemals getroffen und niemals unkenntlich gemacht; und
ich sah den alten edlen Konig des i8ten Jahrhunderts oft in Schen-
ken auf Farbenpferden reiten, die nur ihn tragen konnten, und
mit physiognomischen Farbenklecksen, die nur er tragen durfte.
Von Dresden ging ich nach Weimar. Oberhaupt hatte ich auf
der ganzen Reise wenig mit Bergmausen und Lichtstrahlen ge-
mein, die immer gerade fortgehen. Es ist hier nicht der Ort, von
Weimar, dieser literarischen Pfalz- und Munizipalstadt, worin
eine Dreieinigkeit von drei groBern Weisen schimmert, als je
ein Stern aus Morgenland fuhrte, von dieser Insel Barataria, in
die jeder Sancho Pansa einreitet, der nur einmal eine zweite Auf-
lage erlebte, es ist hier, sag* ich, nicht der Ort - anderswo eher — ,
mehr von dieser heiligenStadt zu sagen,als daB ich inssogenannte
franzosische SchloBchen ging, um die herzogliche Bibliothek zu
beschauen. Unterwegs sah ich jeden Plasterstein, worauf ich trat,
fur die Musaik eines klassischen Boden an.
Ich stand nicht lange in der Bibliothek, als mir ein freundlicher
Haus- und Zwischengeist den Herrn Hirsching samt dessen Be-
schreibung von Bibliotheken in den Kopf setzte, in der ich ge-
lesen hatte, daB der Bibliothek mit einer Sammlung aller Kate-
chismen von Magister Binder, Pfarrer zu Mattstadt, ein MeBpra-
sent gemacht worden. Ich fragte nach der Magister Binderischen
Katechismen-Kollektion und wurde vor sie hingefuhrt.
634 DAS KAMPANER TAL
Es muB eiri Erzengel gewesen sein oder der Engel der literari-
schen Gemeine, dem gerade die Veredlung des gegenwartigen
Opus ein besonderer Gefallen war, welcher mir unter dem her-
umtappenden Ausklauben gerade den altesten kleinen lutheri-
schen Katechismus fur Baireuth und Ansbach in die Hande schob.
In diesem lag vornen schwach eingeleimt ein Buchbinderblatt,
worauf ich die Physiognomie, die ich an dem Taufengel in Blee-
sern und dem Kirschkern in Dresden angetroffen, voll Erstaunen
wiederfand. Das Kniestiick war mit Dinte und Feder und weder
aus Punkten noch Strichen noch Bogen, sondern aus krausen 10
Schnorkeln gezeichnet. Ich verfiel auf das 20Ste Heft von Meusels
Miszellaneen, das mir erzahlet hatte, daB ein gewisser Sebastian
Sachs das Portrat eines zu Pferde sitzenden Fiirsten durch bibli-
sche Kernspriiche, namlich durch die Buchstaben derselben gliick-
lich dargestellt, daB er unten eine Stadt angebracht, deren Erd-
reich der c>ote und 95te Psalm pflastert oder zeichnet usw. Und
wem kann aus Keyfilers Reisen unbekannt sein, daB in der mai-
landischen Bibliothek das Abendmahl Christi so geschickt mit
der Feder abgezeichnet ist, daB die Gesichter und Haare der
Gaste nicht bloB die Passion, das Vaterunser und den Glauben, zo
sondern auch das Konfiteor, Beatus vir, Laudate pueri, Magni-
fikat und ansehnliche Stiicke aus dem Psalter skizzieren? -
Aber das Portrat blieb unleserlich. Zufallig waren einige
Schnorkel auf der andern Seite durchgeschlagen und folglich so
leserlich wie die Kehrseite der Gesetztafel. * Das Blatt liegt noch
vor mir: »Kronlein« hieBen die filtrierten Ziige. Kurz ich ersah,
daB das mich immer verfolgende Bildnis wirklich mit Buchstaben,
aber nur, wie Kupferplatten, verkehrt im Spiegel gezeichnet sei :
in einem Spiegel wars also nur zu lesen. Dieses schlieBet zugleich
das Ratsel auf, warum der Magister Binder von dem Portrat, eh 3o
ers legierte, keinen gelehrten Gebrauch fiir die Literatur ge-
macht, sondern ich erst.
Ich zog langsam die Federzeichnung wie eine Schwanzfeder
1 In Lessers Lithotheologie steht, daB Rabbi Salomon behauptet, daB die
Buchstaben des Gesetzes durch die Tafel durchgeschienen, aber nicht ver-
kehrt.
HISTORISCHE EINLEITUNG 635
dem Katechismus aus - ich konnte sie leicht entwenden, weil ich
wuBte, man hatte sie mir ohnehin auf Ersuchen vorgestreckt -,
urn sie in Hof auf meiner Stube genauer durchzulesen. Noch feh-
let der Bibliothek das Blatt; ich bin aber erbotig, die Figur, sobald
man sie auf weimarscher Seite fordert, der Binderschen Kollek-
tion wieder zuriickzuliefern.
Nun wird es Zeh, die herkulanische Ausbeute zu besichtigen
und unter die Gelehrten auszuteilen, oder, in einer andern Figur,
denLaib dieses Himmelsbrots unter dieHungrigen um mich zu ver-
10 schneiden .... Ehe man aber weitergeht, stehe man fest und uber-
lasse sich der frohen Obersicht, wie ein Gelehrter um den andern
die Sachen hoher treibt und Altes liest und Neues schreibt - wie
wir gleich Luftspringern einander auf die Schultern steigen, um
aus Menschen einen pyramidalischen Babel -Turm zusammenzu-
gruppieren - wie jeder dem TausendfuB der Gelehrsamkeit bald
rechts ein neues Bein einsetzt, bald links - und wie wir, wenn wir
uns voll gelesen haben und uns wieder leicht und ausgeschrieben
haben, wie wir, da wir die Feder den Ausleerungen unterhalten,
wie die Larve des Schildkafers1 den Gabelschwanz unter dem
20 After hat, solche fangen und wie wir mit einem Sonnenschirm und
Schild aus unsern samtlichen Werken, jeder mit einem gefiillten
Gabelschwanz, dahinschleichen... Ich bekenne, mich erquickt
es, daB ich mich auch darunter erfinde, und wir sollten alle Dank-
psalmen singen, daB wir unaufhorlich immer mehr wissen und
immer mehr schreiben. -
Als ich zu Hause die Federzeichnung vor mich nahm und ein
gewohnliches Brennglas und einen Rasierspiegel dazu, um sie da-
mit durchzulesen : so konnt' ich, eh' ich nur bis auf den Magen
herabgelesen, schon wissen, daB ich iiber die Figur meine Ge-
30 danken in Druck auBern wiirde. Hier ist ein schlechtes Inventar
des Funds: ich hatte den Formschneider der 10 Holzschnitte fur
die 10 Gebote vor mir - er hieB Lorenz Kronlein - er war Salz-
1 Nicht nur diese auf den Artischocken wohnhafte Larve breitet ihren
gesammelten Kot mit dem Schwanz, der unter dem After ist, als ein schwe-
bendes Dach iiber den Riicken, sondern auch die Larve des LiKenkafers
hiillet sich in die Sekretionen ihres Riickens und in die ihres Mundes, d. h.
in Kot und Schaum.
636 DAS KAMPANER TAL
revisor im Sachsenland — die 10 Schnitte stellten nichts aus der
biblischen Geschichte vor — sondern alles aus seiner eignen —
sie haben eine ganz neue Erklarung notig — diese erteilt sein RiB —
seine gezeichnete Person zerfallet er in 10 Gesichtslangen und
Holzschnitte - fur jedes Gebot eine Lange Genug zum Im-
biB. Das ist aber ein geringer etwaniger Konspektus des Kiichen-
zettels, den ich auf den folgenden Blattern meinen Deutschen
vorzusetzen denke, samt Kuchenprasenten.
Das Federkonterfei, das iiberall mein Lotsmann und Cicerone
in den Holzschnitten sein soil, setzet mich instand, diesen Schnit- 10
ten, die man bisher in den beiden Furstentumern Baireuth und
Ansbach nur als Werke der Kunst ohne Hinsicht auf ihren Inhalt
schatzte, durch eine neue Erklarung ein neues Interesse zu ver-
schaffen. — Es gab mir iiberhaupt in meiner Jugend schon zu
denken, dafi die 10 Holzschnitte (nach der falschen Exegese) Iau-
ter Szenen unter den Geboten aufstellten, worm wir sie uber-
treten, als waren es Schandgemalde in unbezahlten Schuldschei-
nen, da doch den Menschen der Name und der Gedanke der
Laster auBerst zuwider ist, besonders nach dem Begehen der-
selben, so wie ihnen der Geruch gewisser Speisen, des Kases, 20
des Herings, zumal wenn sie ihn eben gegessen haben, ein Greuel
ist. Zum Gliick ist aber die alte Erklarung ebenso unterschoben
als schimpf lich - und nun zur genuinen ehrenhaftern !
HOLZPLATTE DES ERSTEN GEBOTS 637
I.
HOLZPLATTE DES ERSTEN GEBOTS
Spezifischer Unterschied zwischen Amtsinhabern und Amtsverwesern —
Ouvertiire des kiinftigen Konzerts - Mastanstalten fur Monche
Schrieb' ich hier episch anstatt prosaisch, so mtiBt' ich jetzt eine
Anrufung an einige Musen schicken, und da ich unter dem Wild-
ruf die Quintessenz und Summarie meines Heldengedichts ein-
zuflechten hatte, so wtird' ich sagen mussen: flofiet mir das No-
tige ein, wenn ich den Salzrevisor singe, wie er aus einem Revisor
10 (im Grunde durch seine Frau) endlich Bettmeister in Sachsen
wird. Denn das ist der BauriB meiner Fabel. Im Grunde konnte
man auch, gleich den Juristen, in Prosa anrufen. Der Erfolg bleibt
derselbe, namlich die EinfloBung: denn wie die Inspiration den
Aposteln ihre gemeine Sprache und ihre Solozismen und Hebrais-
men lieB zum Vorteil ihrer Glaubwiirdigkeit, so nimmt.auch die
Theopneustie der Musengottinnen dem gewohnlichen Dichter,
durch den sie reden, seine niedrige Sprache und deren Provin-
zialismen nicht, damit es glaublicher bleibe, dafi ers gemacht.
638 DAS KAMPANER TAL
Der Salzrevisor Kronlein Dazu gehort aber mehr, und
ich bin am Ende iibel daran, wenn ich nicht das, worauf ich die
ganze Geschichte fundiere, gleich anfangs scharf und hell ge-
zeichnet vor den Leser riickte, namlich Kronleins Charakter. Da-
her darf ich von jedem verlangen, den Holzschnitt des dritten
Gebotes aufzuschlagen und nachzusehen: gerade unten an derKan-
zel unter dem Hauptpastor sitzt unser Revisor. So sieht der echte -
Kunstler aus, der sich durch Messer (zum Holzschneiden) ver-
ewigt und den nach langen spaten Jahren Biographen kommen-
tieren. Ich bitte, in sein stilles versenktes unbefangnes Gesicht an 10
der Kanzel defer einzudringen. Die weichen Haare sind platt und
schlicht iiber den Vorderkopf gestrichen, welches der Holzschnitt
leicht durch ganzliche Weglassung derselben ausdriickt. Es ist
viel Kindliches in dieser Physiognomie - und in der Historie noch
mehr -, die gleich Kindern leicht errat und doch leicht betrogen,
leicht vergibt und doch leicht erziirnet wird und die Spitzbuben
geschickter abschattet als abfuhrt, leichter darstellt als besteht,
geschweige besiegt. Diese kunstlerische Unbefangenheit geht so
weit, daB ich mit Beistand seines Lettern-Konterfeies Dinge aus
seinen 10 Platten gezogen und abgenommen habe, an die er gar 20
niemals gedacht - zu seinem Gliick, denn sie betreffen seine Frau -,
und die doch ihre Richtigkeit haben. Es ist sogar in diesem in
sein Ich hineingelagerten Gesicht etwas so Schwarmerisches, daB
ich anfangs, ehe ich in Weimar gewesen, dachte, es sei ein Weber-
meister, der unter jenen Schwarmern ziinftig ist, die wie dieHaus-
grillen nur Hitie suchen und Licht vermeiden, die gleich den
Fledermausen nur dem Talg der Lichter nachstellen, aber ihren
Strahlen ausweichen. Das ist Kronlein aber nicht. Indessen kon-
nen Leser, die sich mit diesem schuldlosen Angesicht befreundet
haben, sich nun leicht in die Stelle und WiBbegierde eines Mannes 30
setzen, der dieser Physiognomie immer auf seinen sachsischen
Reisen begegnete und der auf sie sowohl auf dem Taufengel zu
Bleesern.als auf dem Kirschkern zu Dresden stieB.
Nun von vorn an! Kronlein liebte das Formmesser, aber nicht
die Revisorfeder, und es war ihm leichter, den Obersalzinspektor
abzuformen als zu - befriedigen. Schon als Abcschiitz hatt' er
HOLZPLATTE DES ERSTEN GEBOTS 639
Fensterrahmen und Schulbanke fur Formbretter verbraucht und
in sie geschnitten, ohne vorliegende Zeichnung. Daher wiinscht'
er sich, um als Formschneider einmal mit Albrecht Diirer in Paa-
ren zu gehen, wochentlich ein besseres Amt, das er verwesen
konnte, ohne dabei zu - arbeiten. Er hatte daher, um mehr zu
schneiden, lieber das Inspektorat als das Revisorat versehen : denn
alle Posten des Staats nehmen an Arbeit zu, wie sie sich von dem
Throne entfernen, und ein regierendes Haupt hat iooomal we-
niger zu denken als ein amtierendes, und ein Vater des Landes
10 weniger als ein Vater der Stadt. So mussen sich die Erden desto
fleiBiger um sich drehen, je weiter sie von der tragen Sonne ablie-
gen, und der feme korpulente Saturn mufi in einem Sonnen-Tage
viermal sich iiberschlagen, indes die nahe flinke kleine Venus sich
nur einmal umdreht. Ferner je kleiner das Amt ist, desto mehr
schmilzt der Inhaber und der Verweser desselben, das Er%- und
das Erbamt in eine Person zusammen. Wie der russische Kaiser
seinen nachfolgenden Regenten, so kreiert der gute Fiirst seine
vielen Mitregenten, seine Champions auf dem Schlachtfelde, seine
curatores absentis in den Provinzen, seine charges d'affaires im
20 Regierungswesen, seine Smerdes im guten Sinn, die sich bei sei-
nen Lebzeiten nicht fur den toten ausgeben, sondern fur den
lebendigen. Wie ware sonst ein Staat zu regieren? Und so mussen
in alien wichtigen Zivil- und Militarstellen, wie an unserm Kor-
per, wichtige Glieder doppelt sein; jedem Amtsinhaber, der mit
dem Amtsapparate durch die Amtsstube wie durch ein Puder-
stiibchen lauft, und sich doch hinreichend mit dem Goldstaub der
Revenuen einpudert - wie man einen magnetischen Stab bloB im
Durchfahren mit Feilstaub umpicht — , jedem solchen Amtsbe-
sitzer muB (von ihm oder dem Staate) ein Amtsverweser beige-
30 geben sein, der alles besorgt. Daher stellten die Romer nicht ohne
Grund fiir einen vornehmen Staatsbedienten einen Doppelstuhl1
auf offentHche Platze hin, damit er und sein Amtsverweser sich
in den weiten Sessel miteinander setzten. - Hingegen den niedern
Amtsinhaber eines kleinern Amtes nagelt man mit der Brust
1 Bisellium, welches beruhmten Mannern in Rom als ein Zeichen ihres
doppelten Werts gesetzet wurde.
64O DAS KAMPANER TAL
und mit seinen dienst- und wachhabenden, korreferierenden,
rechnenden, revidierenden, kopierenden, expedierenden Armen
an die Arbeitstafel an, und kein Teufel schreibt fiir den Schrei-
ber.
Bei unserem Salzrevisor, der gern seine Amtsjahre fur Deser-
viten- und Gnadenjahre angesehen und gleich einer Witwe andern
ubertragen hatte, aber keinen Korrevisor fand, litt die Kunst, und
zuletzt die Frau. Sie war eines Silberdieners Tochter und schmach-
tete nach dem Hofe, woher sie war. Sie sagte jeden Tag so viel
Liigen als ein corps diplomatique in 365 Tagen, und hatte sie eine 10
Myriade von Torheiten gesagt und getan, so lachte sie sich und
den Kunstler aus, hatte fiinf Einfalle und schlug den Revisor (aus
Scherz) hinter die Ohren und fiel ihm um den Hals: dann konnt*
er nichts machen. Er argerte sich, daB sie ihn allzeit mitten im
Arger notigte, sie zu kiissen. Einen einzigen Fehler wurde der
Revisor selber nicht innen, ob ihn gleich seine 10 Holzplatten
wider sein Wissen dokumentieren, den, daB sie zwar kalt blieb
gegen einen schonen,oder jungen,oder alten,oder lustigenMann,
aber nie gegen einen gegenwdrtigen: mit dem wurde sie untreu
aus SpaB und schwur dem Formschneider, einen haBlichern geb* 20
es schwerlich. Und das glaubte sie vielleicht selber; aber es tat
nichts: sie belog ebensoleicht den andern als sich. - Obrigens
sah ihr Kronlein aus einem der sonderbarsten Grunde alles von
einem Jahr ins andre nach: er hoffte, die Folgen wiirden vielleicht
nach 9 Monaten sichtbar, wenn er sie in Harnisch brachte - und
leider blieb er immer in dem Fall, daB er die Folgen des Grimms
nicht fruher als erst nach 9 Monaten zu erleben hoffte: ihre Ehe
trug nur taube Bliiten.
Endlich kann Kommentator und Leser aus einem langen Hei-
denvorhof ins Heilige der ersten Platte treten. 50
Oben auf dem Gebirg voll Regionen aus Linien uberreicht der
Revisor dem Evangelisten Lukas (dem Schutzpatron der Maler,
indes in Persien Lukas* Herr und Meister der Schutzpatron der
Farber ist) seine zwei Formbretter, worauf er die Holzschnitte
der ersten und der zweiten Tafel eingeschnitzt. Die Bretter zeich-
net er leer hin, weil er das Lacherlkhe voraussah, die zehen Plat-
H0LZPL.ATTE DES ERSTEN GEBOTS 641
ten auf der ersten verkleinert und also auch die erste verkleinerte
auf der ersten und also auch die zwei Formbretter auf den Form-
brettern darzustellen - welches so sehr ins Unendliche ausgelau-
fen ware wie die wechselseitige Spiegelgalerie zweier einander
nachaffender Spiegel. Steigt man bergab, so stoBet man an einen
geistlichen Landstand - wenigstens wird er unter diesem Titel
von der ersten Gesichtslange des Federkonterfeies aufgefuhrt -,
der durch den bischoflichen Stecken und die Gabelmtitze oder
den Inful-Zweizack mich notigt, ihn im ganzen Kommentar einen
to Bischof in partibus infidelium zu nennen. Kiinstler sind dem
Aberglauben gewogner als Philosophen, weil er das artistische
Reich erweitert und weil man gern die artistische Wahrschein-
lichkeit fiir philosophische nimmt; und manchen Lutheraner in
Rom haben, wie den Konrektor Winckelmann, die heiligen Ma-
donnen tiefer in die allein seligmachende Kirche gelocket als der
liigende Baronius und Bellarmin und das tridentische Konzil.
Kronlein erscheint auf der ersten Holzplatte als ein Kryptokatho-
lik. Warum lasset er es zu, dafi seine Frau, die hier im Holz-
schnitte auf den Knien dem Landstande die Hand kiisset, ihn urn
10 Segen, um Fruchtbarkeit und eine Verso rgung bittet? Regina
heiBet die Silberdienerin. Der Bischof in partibus zeigt mit der
linken bestabten Hand auf das agnus dei der Saule und sagt: hake
beim Lamme darum an, nicht bei mir. Ich weiB aber nicht, ob er
alle Bitten Reginens meinte. Auch schenkt der Bischof gern dem
geistlichen Schafe unten seine Hand und seinen Blick und seine
Hinneigung und dem abgebildeten Lamm droben bloB seinen
Schaferstab. Die zweite Beterin neben Reginen braucht unsere
Aufmerksamkeit nicht auf sich zu ziehen: der einsichtige Kiinst-
ler schnitt sie nur als Nebensonne und Folie fur die Revisorin
jo hin, um sie im Vorzuge des Handkusses und des landstandischen
Blickes aufzufuhren.
Dicht an der Saule hat er den einzigen Menschen in der Welt
angebracht, gegen den neine Lammes-Seele stoBig war, den Lau-
tenisten und Kontraaltisten Rauperu Er halt ihn fiir den Weid-
mann und Vogelsteller seiner Regina, der fiir dieses gute Reb-
und Perlhuhn den TyraB oder das Schneegarn aufspanne; und
642 DAS KAMPANER TAL
dankt Gott, daB die Henne gescheut ist und aus dem jshebreche-
rischen Netze bleibt. Ich und die Leser wissen, was wir davon zu
denken haben. Der Lautenist kartet hinter dem Lammes-Stativ
mit einem korrespondierenden Mitglied (es ist ein abgedankter
RezeBschreiber aus Suhle) einen Feldzug gegen das Ehepaar ab :
Leser, die mehr denken als sehen, finden leicht, daB Raupert gern
den Revisor in den Sitz der Seligen hinaufjagte, um diesen scho-
ner auf den Lippen der Revisorin zu finden. Auf dem Schachbrett
deckt die Konigin den Konig, auf der Erde der Konig die Koni-
gin, und es ist hier ein solches Widerspiel jenes Spiels, daB man ]
oft den Konig hinausschlagt, um seine Frau matt zu machen.
Man sieht in betriibte Zeiten hinein, wenn man nach einem sol-
chen bedenklichen Holzschnitte berechnet, wie dem armen Form-
schneider in kunftigen Holzplatten und Geboten werde mitge-
fahren werden. Ich traue selber dem Landstand nicht einen Holz-
schnitt weit - was ich hinter der Saule fiir Gradierhauser nahm,
sind wirkliche Zelte eines Lustlagers - Kronlein und das agnus
dei sind beide erhoht^ und der Bischof kann beide auf dem Altare
in unblutige MeBopfer verwandeln - Beten vermehret nicht nur
eigne Schonheit (nach Nicolai und Hermes), sondern auch die 2
Liebe fur fremde (nach mir) — Bischofe in partibus infidelium
setzen einen Alten vom Berge nur dadurch auBer Sorge, wodurch
Cassius dem magern Casar welche machte, durch Magerheit.
Unserer aber ist beleibt und dicker als der SaulenfuB1—
Ich werde dadurch unverhofft auf den kanonischen Schmer ge-
bracht und durchlaufe vergnugt den Irrgang, der sich offnet. Ich
wiinsche, daB einiges, was ich von dem Kirchen -Talg der katholi-
schen Monche sage, auch auf unsere passe.
Haufigere Absonderung der Fettaugen ins Zellgewebe ist, wie
bekannt, die Absicht der Ordensstifter. Sie arbeiteten aufs Ma- 3
sten hin der Seele wegen: denn Fette sind sanft und liebevoll, wie
schon Voltaire bemerkte, so wie alle Ole und Fettigkeiten die
Meeres-Wellen stillen. Dadurch will ich aber nicht gerade auch ■
geringere Endzwecke der geistlichen Geflugelmaster ausgeschlos-
sen haben - Fett schraubt den Luftrohrenkopf zum BaB herunter,
den der Monch so sehr wie das Latein in den Horen braucht -
HOLZPLATTE DES ERSTEN GEBOTS 643
Fett ist die beste Silber-Folie des Teints, und die geschmuckte
AuBenseite ist dem katholischen Kirchendienst nicht mehr als den
Kirchendienern notig - Fett ist der beste Pelzrock und Pelz-
strumpf und Muff gegen Frost, dessen der arme Klerus in seinen
nachtlichen und winterlichen Horen mehr als zu viel erleidet. Es
ist kein ernsthafter Einfall von mir, daB die Ordensstifter sich mit
diesem Masten befingen, weil sonst Menschenfett in den Apo-
theken offizinell war, und daB die Regularen aus Krankenwartern
endlich zu SimpHzien und Heilmitteln werden sollten. Aber das
10 sag' ich nicht gern in den Wind, daB Fett ein Zeichen und Sitz
des korperlichen Wohlbehagens ist: da nun nach Bellarmin zeit-
liche Gliickseligkeit unter die Merkmale der wahren Kirche ge-
hort, so darf den Dienern derselben dieses Merkmal am wenig-
sten fehlen; und da nach Plato der Tugendhafte 729 mal gliick-
licher ist als der Lasterhafte, so fordert die Kirche, daB mit dem
Stande zugleich die Heiligkeit und mi thin der Schmerbauch wachse.
Daher darf ein Domherr durrer sein als ein Dechant oder gar ein
Dompropst, daher werden einem hohen Geistlichen alle Freuden
der Weltleute, sogar verbotene, gern verstattet, damit er erstarke
20 und nicht einschwinde.
Auf diese Absonderung aus den Arterien ins Zellgewebe
nimmt auch der lutherische Klerus nach Vermogen Bedacht.
Wir wollen aber untersuchen, ob auch die Mittel gewahlet
sind, welche diese Sekretion befodern sollen. Mir scheinen sie es
zu sein. Ruhe der Leidenschaften ist den Monchen geboten^weil
nichts besser mastet, wie ich an meinem unvergeBlichen Dechant
Swift bemerke, der nicht eher fett wurde, als bis er toll wurde,
und bis sich mithin seine Wunsche und Wellen legten. Da aber
korperliche Ruhe noch besser mastet als geistige, wie Ganse und
;o Missetater1 beweisen: so war es nicht unverniinftig, daB Monche
wie Ganse (aus denselben Griinden) die engsten Zellen erhielten,
die eigentlich (nach einer alten Ordensregel) nicht langer sein
diirfen als zwei ausgestreckte Arme. Mastgeflugel wird geblendet
oder verhangt: auch dieses liefi die Kirche nicht aus der Acht,
1 Missetater gehen daher trotz des Wassers und Brotes fett aus dem Ker-
ker.
644 DAS KAMPANER TAL
sondern verordnete deswegen ihrer Dienerschaft hereingezogene
Kapuzen, dunkle Zellen, finstere, durch vollgemalte Scheiben
schwach erhellte Kirchen. Sie verbot den Konventualen Fleisch -
weil nach den Arzten nur Vegetabilien masten - und Weiber und
Denken. Mir ist bekannt, daB Origenes auf dem Wege grofier
welscher Sanger dick zu werden suchte. Daher vernachlassigt die
Ordensregel die winzigsten Dinge nicht, sondern hat immer das
Masten im Auge: fremdes Brot, sagt das Sprichwort, nahrt am
besten, daher ist keinem Religiosen zugelassen, eines zu verdie-
nen und zu beskzen - Nach Unzer und andern Pathologen folgt 10
auf Oberladen sehr "oft Stummheit, daher ist Monchen schon eine
antizipierendebefohlen- Daher gebot das kanonische Recht ihnen
statt des Hides das Abendmahl, um sie immer im Essen zu erhal-
ten. Daher miissen sie sich immer an unsere Hinfalligkeit erin-
nern und essen: denn Marchese Caraccioli behauptet, daB jede
Mahlzeit eine Erinnerung an unsere Verganglichkek sei Wollt'
ich langer nachsinnen, so fielen mir noch 1000 Griinde bei; aber
man hat mir bisher das Lob gelassen, daB ich aufzuhoren wisse,
und dieses Lob will ich nicht erst heute verscherzen.
Oberhaupt wurde doch einigermaBen gezeigt, daB das Chor 20
der katholischen Kirche - nicht ihr Schiff - aus Specksteinen auf-
gemauert sei.
Wir verfugen uns wieder auf den Holzschnitt. Der Landstand
reicht fast (zu meiner Verwunderung) bis ans Kapitell der Saule
mit seinem; dieses mag aber, da die Saule kerne kurze ist, einen
neuen Beweis abgeben, daB die Menschen in den vorigen Zeiten
langer waren. -
Ich werde fertig sein, wenn ich erinnert habe, daB man nach
einer solchen unmittelbaraus der ersten Gesichtslange geschopften
Erklarung der bisherigen alten nur aus Verachtung gedenken 30
kann, welche den Bischof in partibus zu Aaron, Kronlein zu
Mosi, birnbaumene Tafeln zu steinernen und das Lamm zu einem
Kalbe aus Ohrringen macht. In der Tat werden jetzt aus Kalbern
und aus einem ganzen Viehstand Ohrengehenke und Fingerringe
gegossen; aber nicht umgekehrt.
Wir eilen zum zweiten Gebot.
HOLZ PLATTE DES ZWEITEN GEBOTS 645
II.
\
HOLZPLATTE DES ZWEITEN GEBOTS
Der Steinhagel - der Stab des heiligen Rochus
Indem ich das Katechismusblatt des ersten Holzschnittes um-
schlage, um den gegenwartigen zu kommentieren, so frag*
ich mich: »Was kannst du antworten, wenn das Publikum fragte,
ob du der Mann bist, der so viel artistische Theorie und Praxis
vereinigt? daB er Kronleins Schnitte kommentieren kann, und der
wenigstens von einigen Bergen zu Rom herabgesehen ?« Und hier
, siehts schlecht aus : ich habe noch kar keinen erblickt und kenne
von Welschland wie vom Revisor nur Biicher und Bilder. — In-
zwischen haben einige Galerieninspektores, in deren Beisein ich
nach meinem Gefuhle iiber Raffaels Logen im Vatikan (namlich
iiber deren Kopien) eine und die andere Anmerkung machte,
mich ermuntert, fortzufahren und mit den gegenwartigen zehn
Kronleinischen Loggie anzufangen, so wie Erasmus nach der
griechischen Grammatik sogleich den Homer traktierte mit sei-
646 DAS KAMPANER TAL
nen Eleven. In der Tat dies* Logen heiBen nicht mit Unrecht -
vsiejene Raffaels Bibel - Kronleins Katechismus.
Inzwischen nab' ich bei aller Anstrengung im ersten Gebot
doch den Himmel vergessen. Zum Gltick kommt er auf alien
zehen Platten wieder. Das atherische Linienblatt, das der Leser
iiber der Steinigung sieht, stellt den Himmel vor, und zwar einen
blauen^ denn die Striche sind waagrecht^ womit die Heraldik all-
zeit die blaue Farbe andeutet. Wie schon rastriert uns dieser aus
Gliickslinien gezogne erste Himmel gleichsam die ersten Linien
(primas lineas) des dritten vor! 10
Nun werP ich eigentlich meine Leuchtkugeln auf den zweiten
Holzschnitt. Die Halsgrube und der Bart der Federzeichnung
(denn daraus besteht die zweite Gesichtslange) erzahlen uns, daB
das bunte Glas der Kronleinschen laterna magica den Berg der
vorigen Platte weiter hereingeschoben auf dieser. Es war schon
einige Tage nach dem HandkuB, bench tet der Bart, daB der Re-
visor wieder auf das Gebirge stieg, um einige Petrefakta und
Quarze droben zusammenzuklauben. Er bekennt, daB ein Form-
Schneider Pflanzen viel leichter nach Phytolithen (versteinerten
Pflanzen) als nach Blumenstiicken oder Blumenbeeten ausschnitze, zo
und Lesern, welche die drei Graser auf dem FuBboden der zwei-
ten Platte etwan nicht schlecht finden sollten, hinterbringt er, er
habe sie nach guten Dendriten kopiert. Der Teufel hatte sein
Spiel, daB der Revisor gerade so viel steinerne Schatze, und noch
dazu Wetzschiefer, rotlichen Quarzkiesel, lapides judaici und so-
gar zwei Ceratolithen und einen Hysterolitken1 droben finden
sollte, daB er bis nach dem Gebetlauten auf dem Berge verharrte.
Im Dunkeln gesellten sich der kassierte RezeBschreiber aus Suhle
und ein falliter Pochgeschworner aus Freiberg zu ihm. Der Artist
hatte sich von diesen Berggasten nichts Gutes versehen sollen. 30
Die Spitzbuben erboten sich zu Tragern seiner Stein-Lese und
Kuxe. Kronlein sah von jeher Lammergeier flir Lammer, Kopfe
1 Ich gehe ungern daran, ihm diese Ausbeute und Verblndung der Cera-
tolithen (versteinerte Horner) und des Hysterolithen (Venusstein) zu glau-
ben, aber an das weimarsche Katechismus-Blatt miissen ich und Publikum
uns halten.
, HOLZPLATTE DES ZWEITEN GEBOTS 647
fur Herzen und Einfaltige fur Aufrichtige an, da doch kein Mensch
zur Verstellung zu dumm ist und da auch Schafskopfe in Schafs-
hleidern einhergehen und nicht immer in Lowenhauten.
Er sah bald, daB ich recht hatte, da er den Berg mit ihnen
herunter war und nun dem Kontraaltisten in den Wurf kam.
Raupert legte sein Lautenfutteral, das er bei sich hatte, aus Ab-
sichten in das aus den drei genannten Grasern bestehende Gras.
Hicr auf dem Abdruck des Pragstocks ist wenig vom Futteral zu
erblicken; ich kann aber Neugierige auf den birnbaumenen Stem-
10 pel selber verweisen, auf dem alles in flachem Schnitzwerk ausge-
fuhrt ist, was mit Druckerschwarze nicht zu propagieren war.
Das Weglegen des unsichtbaren Futterals sollte so viel sein, als
zog* er die Tiirkenglocke gegen den Revisor, oder als ziindete er
Larm-Kanonen und Larmstangen an. Nun machte sich das Par-
zen-Terzett uber den arglosen Artisten her. Hier liegt unser Form-
schneider auf seinem eignen Holzschmtt und erwartet, da(3 ihm
die hinterlistige Tripelalliance im Finstern Wetzschiefer und Ce-
ratolithen und rotlichen Quarzkiesel und lapides judaicos an den
Kopf werfe, um ihn mit diesen lusibus .naturae (Naturspielen) zu
20 erlegen. Der nachste Spitzbube an ihm ist der Pochgeschworne
und ist aus dem rotlichen Quarzkiesel in seiner Rechten kenntlich,
der weiter stehende ist der RezeBschreiber mit einem lapis judaicus
(es ist auf dem Holzschnitt schwer herauszubringen), und der ge-
buckte Zelot, der einen schon geworfnen Wetzschiefer zum zweiten
Gebrauch in die Bombe ladt, ist der Radelsfiihrer Raupert selber.
So steinigen Menschen Menschen, bedenken aber nicht, daB ein
Naturaliensammler sich ungern mit dem besten europaischen Stu-
fenkabinett erwerfen laBt, geschweige mit einem so karglichen.
Was die drei Bombardierer noch entschuldigt, ist, daB sie mit
30 dem Durchlochern weniger dem Revisor einen Tort als der Revi-
sorin einen Gefallen tun wollten, weil Raupert verhoffte,wahrend
der Mann lage und seine Wunden in Binden hatte, die seinigen
zu heilen und mit des Bandagist Amors Binde zu stillen.
Aber es sollte besser ablaufen. Mitten in diese Wintersaat und
in diesen Spatregen von Steinen schickte das Verhangnis den
Landstand, der hier mit seinem Mosis-Krummstab dem grim-
648 DAS KAMPANER TAL
migen Meere gebeut und mit dem heiligen Rochusstab und Li-
tuiten1 andern fliegenden Petrefakten Einhalt tut. Der Kiinstler
hat fiir diesen Holzschnitt gerade den fruchtbarsten, gleichsam
den trachtigen Moment erwischt oder erwahlt; denn jetzt sind
die lebendigen Schleudermaschinen noch im Abdriicken, Kron-
Iein im Abwehren, Raupert im Biicken, dem Landstand stehen
und schieBen vor Todesschrecken Iange Seitenhaare wie Staub-
faden und Stengelkeime und elektrische Strahlbiischel empor -
der ganze Holzschnitt siedet, gart, wogt und geifert - sogar die
Windstil le und gleichschwebende Kirnbergerische Temperatur auf 10
dem Gesichte des fremden Herrns, den ich nicht kenne, hebt wie
ein Wohllaut diese Mifiton-Kunst ungemein. - Hier bricht meine
artistische Version und Hermeneutik der Platte zum 2ten Gebote
ab; aber man lasse mich, eh ich iiber die dritte die Wiinschelrute
meiner Feder halte, etwas bezeugen...
Namlich mein Erstaunen, daB Deutschland solche Bliiten der
holzschneidenden Kunst in Katechismen wie Blumen in andere
Herbarien klemmt. Ich erinnere mich, daB schon langst Ungers
Vater in Berlin - der Sohn war dabei und bezeugt es im Notfall -
gegen mich auBerte: »er glaube Albrecht Diirers Holzschnitte be- 20
urteilen zu konnen,« (und das kann Vater und Sohn leicht, da sie
ihn so gliicklich erreichen) »aber seiner Einsicht nach habe Diirer
nie einen Holzschnitt geliefert, der den Kronleinschen ahnlich ge-
wesen.« Was aber den Deutschen deckt, ist, daB es der Romer
selber nicht besser macht: hat uns nicht Winckelmann bezeugt,
daB er die herrlichste erzene Schaumunze von Hadrian in Rom
nirgends aufgetrieben als endlich als Medaillon oder Schelle an
einem - Maultierhals? - Ich weiB, was man mir entgegensetzt,
daB namlich die Religion an der Kunst - wie in der griechischen
Zeit die Kunst an der Religion - sich aufhelfen solle, und daB 30
daher das Konsistorium, das auch den Geschmack der Katechu-
menen bearbeiten und erziehen will, es nicht verbiete, fiir 9 Kate-
chismusbogen einen Groschen zu begehren, ein enormer Laden-
1 Lituiten sind Schnecken-Versteinerungen, die Bischofsstaben gleichen.
Was der heilige Rochus-Stab ist, davon siehe die Erklarung oben im Texte
nach.
HOLZ PLATTE DES ZWEITEN GEBOTS 649
preiSj wofiir nicht nur 9 leere reine Bogen, sondern sogar 12 zu
bekommen waren. Abei ich repliziere das: einer der groBten
padagogischen Irrwege ist der, daB Erzieher bei Kindern zwei,
drei Ziele auf einmal zu erreichen denken. Die Kleinen sollen aus
dem Speccius von Esmarch zugleich Latein und Realien schopfen,
wieLeserinnen aus neuen Romanen alte Geschichte; man vergisset
aber, daB sogar der Erwachsene nicht in derselben Minute wie das
Chamaleon, das mit einem Auge voi, mit dem andern hinter sich
blickt, zugleich auf den Stil hinter sich und auf die Wahrheiten
1 vor sich lernend merken kann. Ein zu einer doppelten Aufmerk-
samkeit verdammtes Kind wird am Ende bloB mit den Termen
und mit verworrenen Umrissen ihres Inhalts vertiaut; aber diese
leere Vertraulichkeit raubt gerade einer kiinftigen dazu bestimm-
ten Lehrstunde das Jnteresse der Neuheit.
Also konnen die Katechumenen nicht das religiose Memorien-
werk und die artistische Kallipadie in einer Minute verschmelzen,
so wie man mit gleichem Schaden Religionsbiicher zu Lese-
maschinen macht.
Ich fuhr* es nur zur Belustigung des Lesers an, daB alle vor-
. hergehenden Kommentatoren dieser Holzschnitte nicht nur auf
dem ersten aus dem Salzrevisor den Heerfuhrer Moses, sondern
auch auf dem zweiten aus dem nachtlichen Oberfall eine gericht-
liche Steinigung (vermutlich mit den Scherben der zerschlagnen
Gesetztafeln) geschmiedet und gegossen haben. So spielt man
Werken der hohern Kunst in Deutschland mit.
Der hei'lige Rochus-Stab in der Note ist jetzt klarzumachen.
Die Karmeliterkirche zu Bourdeaux hat, wenn sie noch steht, den
Stock in ihren Mauern: ein Haus, worin er ein Jahr stand, wurde
dadurch ein groBes und reiches; daher zahlten die Bourdeauxer
» sonst bis zu 2000 Livres jahrliches Mietgeld fur ihn. Mit der Zeit
rosteten die metallischen Krafte des Mietstocks ein; und die Lieb-
haber wollten vor 20 Jahren kaum noch 12 Livres fur den Stecken
geben. Ich lobe sie: bewahrt nicht jede Kathedralkirche einen
zehnmal goldhaltigern Lehn- und Pragstock auf, den sogenann-
ten Krumm- oder Bischofsstab? Sehen wir die geistlichen Ruten-
ganger mit dieser Wunschelrute - die Bischofsmiitze ist das For-
6jO DAS KAMPANER TAL
tunatus -Wiinschhutlein - je verarmen oder Leute ohne Ruten
neben ihnen aufkommen und gninen? Ich habe mir oft den Salz-
burger Krummstecken gewiirischt, um auch Miinzbelustigungen
mit diesem multiplizierenden Neperschen Stabe zu treiben; aber
der Bischof hat Verstand und lasset die Badine, die jahrlich einen
Silberbaum von funfmal hunderttausend Blattern oder Talern
treibt, nicht fahren.
III.
HOLZPLATTE DES DRITTEN GEBOTS
Paritat der Religionen in der Kleidung - Spitzbiibinnenstreiche
Ware nicht mehr aus der menschlichen Brust uberhaupt als aus der
Brust der Federzeichnung - der dritten Gesichtslange - zu lesen :
so stande die Sache schlimm und diese Geschichte still. Ich will aber
vorher denLeser ins Relatorium und in die Avisfregatte der dritten
Gesichtslange fuhren und dann erst selber ein Wort reden.
HOLZPLATTE DES DRITTEN GEBOTS 65 I
Auf gegenwartigem historischen Tableau treffen wir den Land-
stand auf der Kanzel an : er zankt darin. Alle Ausleger vor mir
konnten sichaus seiner lutherischenDraperienichtherauswickeln:
besonders drucken die zwei Schmutztitelblatter des Uberschlags,
diese geistlichen HalsfloBfedern und Herzblatter, das exegetische
Kollegium nieder. Ich schame mich nicht, es offentlich gestandig
zu sein, daB ich noch vor einigen Jahren mich mit dem Kiinstler
iiber diesen Anzug iiberwarf. Er hat auf alien seinen Holzschnit-
ten seine stehende Truppe so gut bekleidet, daB sie mit keinem
10 Volk und Zeitalter zu verwechseln ist - und eine solche Garde-
fobe de fantaisie, eine solche indeklinable, poetische Einkleidung
und Tracht ist eben das hohe Idealische, was jeder Narr kennt,
aber nicht malt.Warum wirft sich aber gerade hier der Gewander-
maler in die Wirklichkeit hinein und drapiert lutherisch? Er muB
eine groBere Schonheit erwuchern konnen, als er verstoBet: sonst
tat* ers unmoglich. Der Verfasser dieser Erklarung und Peri-
phrase glaubt seinen Kiinstler nicht weit von seiner Spur zu ver-
folgen, wenn er mutmaBet, daB der Holzschneider ein Fuchs ist
und gern seinen Krypto-Papismus verdeckt. Hier uberdeckt er
20 ihn mit Kanzelholz. Dadurch namlich, daB er den Landstand wie
einen Grenzgott oder einen geftugelten Genius mit der untern
Halfte in das holzerne Kanzelhulfter steckt, halt er sich die Zelo-
ten vom Leibe, und indem er sie mit dem Seraphin1 dieser Kanzel-
taube, gleichsam mit der menschlichen Oberwelt voll oberer See-
lenkrafte, die er lutherisch bekleidet, abspeiset und fortschickt,
schafft er sich Platz, der Culotte und Unterwelt des Bischofs das
Pallium umzuhangen und kurz die Halfte des Mannes so katho-
lisch zu machen, als er nur will. Ja einen, der ihn daruber zur
Rede setzen wollte, konnt* er noch dazu einen Narren heiBen und
30 ihn bitten, er solle ihm doch das verfangliche Pallium zeigen; -
und das ware ihm wegen der Kanzel nicht tulich. - SchieB' ich
fehl: so ist mir doch die Moral nicht zu nehmen, die daraus ab-
flieBet und welche gewisse alte Ketzer (die Paterniani) so aus-
1 Nach Lichtenberg zerschneidet man in Frankreich die Tauben quer in
zwei ungleiche Stiicke, das mit den Beinen heiBet culotte, das andere sera-
phin.
6j2 DAS KAMPANER TAL
driickten: Gott hat die obern Teile des Menschen gemacht, und
der Teufel den Rest. Die in der Kanzel verborgne Stalagmite
wachst der sichtbaren Stalaktite entgegen und tiirmet sich auf
durch sie. Die Nebel, die die unterste Erdschicht des Menschen
aushaucht, steigen ofter, als sie fallen, und machen also den Him-
mel ofter naB wie blau.
Ich will vorher die Volksmenge in der Kirche des Holzschnit-
tes summieren und sortleren, die so viele Mann stark ist, als die
Philister goldne Mause bekamen, fiinf. Der Bischof in partibus
schieBet mit Kanzel-Spitznamen und mit einem geistlichen Pereat 10
auf den fatalen grinsenden Kontraaltisten herunter und schauet
als ein GegenfuBler Lavaters - der, wie er schreibt, in seiner
Predigt allzeit das beste Gesicht als point de vue im Auge behalt -
gerade das schlimmste an. In Kinderlehren hingegen, schreibt La-
vater, fass' er immerfort das einfaltigste ins Auge, um faBlicher
zu sein : das hatt* er aber nicht ruchbar machen sollen, weil sonst
ein Ziircher, den er oft in den Kinderlehren betrachtet, ihn wegen
optischer Injurien belangen und iiberhaupt ihm kein sonderliches
Gesicht entgegenschneiden wird; derVerfasser dieses Blatts bittet
sich daher, wenn er nach Ziirch kommt, vom physiognomischen 20
Fragmentisten die Gefalligkek aus, ihn unter dem Katechisieren
nicht anzusehen. — Das unten neben dem Salzrevisor niedlich zu-
samniengefaltete Geschopf mit gekreuzten Handen ist seine Frau.
Wie gesenkt und versunken, horchend und erblindet sie dasitzt,
als Kreuzdame und Kreuztragerin! Wer sah' es der Spitzbiibin
an, daB sie eine ist und aus einer Hausehre gern durch Beistand
ihres rechten Nachbars eine ganz kleine Hausschande werden
mochte? Davon merkt aber der Revisor nichts, der Tag und
Nacht sich auf die Befolgung der Navigationsakte riistet und
freuet, wodurch der Staat dem Manne (wie der englische jedem 30
Volke) befiehlt, nur eigne Landesprodukte nur auf eignen Schiffen
einzubringen. Ja Kronlein hat einen fiinften Gang in diese laute
Miihle des gottlichen Samens eingebauet, namlich die weibliche
Figur an der Kanzel, weil er sich einbildete, er verstoBe gegen
seine verschamte Frau, wenn er sie allein in eine Kirche voll
Manner oder in ein Monchskloster setze und schnitze, da Mad-
HOLZPLATTE DES DRITTEN GEBOTS 653
chen wie erdrosselte Krammetsvogel allzeit paarweise in die Hau-
ser kommen.
Schon deutet der Kiinstler die Jahrszeit der Geschichte an, daB
es namlich der Fruhling sei, der vor sich erst die Fruhlingsreife
vorausschickt und statt des Stachelbeereneises, statt des Rosen-
und Apfeleises bloB Wasserpflanzeneis in Weihern auftischt : un-
ser Holzschneider tut es bloB durch einen Holzhacker, den das
Publikum aus der Kirche in dem Kirchhof neben dem Gebein-
haus zwei Schwefelholzer fiir die Sakristei zerspalten sieht. Ich
10 vermute, der Kantor hackt.
Nun wird es Zeit, zu erklaren und zu erraten, was eigentlich
die funfspannige Kirchenversammlung vornimmt. Der Holzar-
beiter scheint hier, wie GeBner in der Ratsversammlung, zu zeich-
nen - und mit der linken Hand wie Holbein; aber auf dem alten
Stempel, der statt des Holzschnittes neben meinem DintenfaB
steht, ist es doch die rechte. - Der Landstand wetterleuchtet und
donnert gegen alle Siinden, die ihm - entgehen: er halt dem hoh-
nenden Raupert die Nachbarschaft des 5 ten und 6ten Verbots
vor und meint die nachtliche Attacke. Die Brust des Feder-Kon-
20 terfeies erzahlt es weitlauftig genug, wie sehr der Bischof die arme
Menschenbrust wie die der pommerschen Ganse behandelt, die
man allein an dem Tiere schwariet, d. h. rauchert. Auf der Kanzel
sagen die GeistHchen : damnamus, in Visitenstuben gleich ihren
Zuhorern nur: namus1, und sie setzen dort gleich Rezensenten
keinem Kopf einen Lorbeerkranz auf als einem Totenkopf, und
die Nachmittags- oder Leichenpredigt ist die Antikritik der Vor-
mittags- oder BuBpredigt.
Der Gesetzprediger schlagt mit dem Gesetzhammer und Zain-
hammer auf den Lautenschlager Raupert und sagt ihm verbliimt,
30 er fahre zum Teufel; aber Raupert ist Heber einer. Der Seelenhirt
stellt der Gemeinde, wenigstens dem Kontraaltisten, die schwar-
zen und briinetten und bunten Laster vor; aber ich sage voraus,
1 Semler im 1. T. seines Auszugs aus der Kirchengeschichte (p. 498) er-
zahlt, dafi die Vater, die zu Soissons ein Konzilium uber Abalard und sein
Buch de trinitate hielten, so voll waren, daB sie weiter nichts von damnamus
sagen konnten als namus. Feine Leute sagen allzeit nur namus; es ist aber
noch schlimmer.
654 DAS KAMPANER TAL
es hilft nichts, und auf dem nachsten Holzschnitte wird sichs zei-
gen. Die Menschen glauben, Laster sind wie die Bandwurmer,
die jeder im Gedarme bei sich fuhrt und die nur schaden, wenn
sie iiberhand nehmen. - Und hier ist uberhaupt der Mensch im
ganzen zu empfehlen. Wie namlich die Professionisten ihr Hand-
werk nicht niederlegen, wenn ihnen der Arzt und ihr Schicksal
einige medizinische Schadlichkeit desselben zeigen, sondern wie .
jeder, um nur Brot zu haben und zu schaffen fur andere, sich gern
der notwendigen Verderbnis preisgibt, z. B. der Schuster den
Infarktus - der Friseur und Mtiller der Lungensucht - der Ham- 10
merschmied der Blindheit - der Kupferschmied der Taubheit -
der Bleiarbeiter der Kelchvergiftung : so darf man, hofF ich, an-
nehmen, daB die meisten Menschen stark und entschlossen genug
sind, sich von ihrem Gewerbe nicht durch die moralische Er-
krankung, worein es sie unvermeidlich stiirzet, trennen zu lassen;
springt denn der Gesandte und sein Sekretar von seinem wich-
tigen Posten ab, weil er sich dabei der Mundfaule und denMund-
schwammen der Unwahrheit aussetzen muB? Oder treibt das in-
flammatorische Fieber des Zorns, die Dorrsucht der Habsucht,
die Obstruktion oder der Brustkrebs der Heuchelei den mu- 20
tigen Mann aus seinem Zelte, aus seinem Kramladen, von seiner
Kanzel?
Obrigens gehort der Bischof auf der in Holz geschnittenen
Kanzel unter jene Leute von feinem Gefiihl, die einen groBern
GenuB in dem Predigen und Oberdenken der Moral zu finden
wissen als in dem Ausuben derselben und die also letzteres nicht
sonderlich schatzen und treiben. Ich achte sie so sehr wie jenen
Musik-Kenner, der, wie Monboddo erzahlt, gute Partituren nur
vor sich still in die Hand nahm und schweigend mit den Augen
uberhorte und der so der herrlichsten Symphonien, ohne nach 30
einem einzigen Instrument zu greifen, durch bloBes Lesen hab-
haft wurde.
Die Silberdienerin ist, wie oben gedacht, eine Spitzbiibin und
Wilddiebin der Herzen meines Geschlechts, und ihr nab' ichs
Dank zu wissen, daB die Geschichte auf der Platte des dritten
Gebotes nicht stockt. Sollte denn ein Leser so verblendet sein,
HOLZPLATTE DES DRITTEN GEBOTS 655
als der Ehehetr und Portratmaler wirklich war, daB er nicht Lun-
ten wkterte, warum dieses Rosenmadchen, das ein Dornenmad-
chen ist, so still und dem Kontraaltisten so abgewandt, aber
doch so nahe sitzt? Offenbar redet oder singt oder winkt die
Kirchenrauberin (mit der weib lichen Fernschreibekunst) etwas
mit dem Langkinn ab, was in den nachsten Holzschnitten Folgen
haben kann. Dariiber wird sich sprechen lassen; ich aber versehe
mir von einer solchen Plagiaria, die uns alle zu ihrem Musteil
und ihrer Gerade schlagt, zwar keinen sabinischen Jungfernraub,
10 aber doch Mannerraub und wenig Gutes.
Die Ausleger, die immer Juden in den Christen dieser Platten
suchen, sollen mir doch auf dieser etwas Beschnittenes aufweisen
Oder wollen sie annehmen, der in Holz geschnitzte Schauplatz
des Sonntags sei Frankfurt am Main, worin nach einer Ratsver-
ordnung vom 23. Febr. 175 61 kein Jude auf der Gasse er-
scheinen darf, ja wo die armen Schelme ihre Briefe so auf die Post
abgeben mussen, »daB sie damit« (ich brauche die Wendungen
des Dekrets) »den geraden Weg die Zeil hinauf und an der
1 Hauptwache vorbei bis an die Bockenheimer Gasse, sodann zu
20 dem Hessen-Kasselischen Postwagen den Weg hinter denen Pre-
digern her nach dem Hayner-Hof zu halten und sonsten weder
zur rechten noch zur Hnken Hand auszuschweiffen haben«? Ist
das nicht toll, ich meine das Erklaren? -
1 Neues Genealogisch-Schematisches Reichs- und Staatshan dbuch vor
das Jahr 1757.
656 DAS KAMPANER TAL
IV.
HOLZ PLATTE DES VIERTEN GEBOTS
Der schlafende Cicero und clairvoyant - harmonia praestabilita
Es gibt zu denken und ist merkwiirdig, wie sehr meine schon im
dritten Gebote gefallete Prophezeiung hier im vierten in Erfiil-
lung geht. Man erinnert sich, daB ich weissagte, auf der nachsten
Holzplatte diirften wir vielleicht manche Kirchleute uber der Aus-
mauerung eines Sparrwerks betreten, das sie neben der Kanzel
zusammengenagelt. - Und so gliicklich sind wir jetzt,
Ich schlage mich hier nicht lange mit meinen Vorgangern her-
um, welche den da unten liegenden Herkules, namlich den Lau-
tenisten, fiir den bezechten Erzvater Noah, das gebiickte Mann-
chen Kronlein fur den satirischen Ham (bevor dieser und sein
ganzer Erb- und Weltteil in den Farbkessel und in die Rufihiitte
geworfen wurden) und den Landstand und die Silberdienerin,
der jener in der kalten Nacht einen Nacht- und Bischofsmantel
der Liebe umwirft, fiir Sem und Japhet genommen haben: soli
HOLZPLATTE DES VIERTEN GEBOTS 657
sich ein ernsthafter Mann mit der Rasur solcher geschraubter
Traumdeutereien befangen?
Ich und das Publikum wenden unsere literarische Zeit besser
an, wenn wir den Magen des Revisors - die funfte Geskhtslange
- studieren und dieses Glied fiir unser Dionysius-Ohr und Souf-
fleurloch halten. Der Kriegs- oder Friedensschauplatz ist wieder
das Lustlager. Es ist Nacht und ziemlich stockfinster. Regina und
Raupert haben sich unter diese Marquise1 beschieden. Gewisse
Damen gleichen dem mechanischen Genie Earnshaw; dieserlernte
10 in kurzer Zeit Uhren, Orgeln, optische Instrumente, Sarge, Klei-
der, euklidische Demoristrationen machen; nur eines war ihm
niemals beizubringen - einen Korb zu flechten. So verstehen ge-
wisse Weiber alle schonen und schwarzen Kiinste, die besten
Sprachen und Sitten, konnen alles binden und flechten, Zopfe,
BlumenstrauBer, Netze, Strohseile,Fallstricke, - aber einen Korb^
das haben sie nicht in ihrer Macht, und wollte man ihnen jeden
Korb mit Herzen und mit Assignaten fullen. - Inzwischen hort
die schlaue Silberdienerin den Holzschneider, dessen Gang sie
kennt, gegen die Marquise aufmarschieren. Weder Flucht noch
20 Exkiise stehen ihr frei; sie kann nichts mehr tun als eine - Bitte an
ihren Lieblingsschriftsteller Raupert, er solle sich schlafend an-
stellen und im Schlafe plaudern, und sie wolle sich bucken und
stellen, als behorche sie sein Traumen.
Das tat er gern. Als der Artist naher vorschritt : so winkte ihm
die Frau mit groBen Bogenlinien der Arme - der Finsternis we-
gen waren diese Fraktur- Winke vonnoten -, leise in die Marquise
einzutreten, weil es was zu horen gebe. Der gutherzige kurzsich-
tige Brot- und Eheherr schlich auf den Daumen der FuBe herbei.
Der Kontraaltist Noah - denn Noah hieB er wirklich in seiner
30 Jugend, weil er in einem biblischen Schuldrama diese alttesta-
mentliche Rolle durchgespielt und durchgetrunken hatte, und
dieses hat auch vermutlich viele Ausleger der Holzschnitte mit
auf den Irrweg verlockt - der Erzvater also stellte sich, als ging*
er in seinem magnetischen Schlafdiskurse weiter und sagte : »Bru-
der, das wollt* ich eben, der Revisor fiihre zum Teufel ! Ich setze
1 So heiBet ein Offizierszelt.
658 DAS KAMPANER TAL
seinem Weibsbild nach, es ist aber schwer zu fangen, und der alte
Narr tragt sie immer in der Tasche bei sich. — Vorgestern? -
Nein, du irrest. - Dann? - Ja, mache du's erst; aber ich kenne den
Narren vollig. Und muB ich dir sagen, der Bischof ist wohl nicht
der Mann dazu — «
Es macht Gedanken - die auch geauBert werden sollen -, daB
der, der jetzt zum Kolloquium wie der vierte Mann und Engel in
den feurigen Ofen der drei Leute trat, der Landstand selber war.
Und die Griinde meines Verdachts sind der Verfolg: Regina
schickte dem Bischof die starksten mimischen Befehle des Stille- 10
seins unhoflich entgegen - der Erzvater fing auf einmal an, den
Landstand zu schmahen und gleich darauf gegen das kleine Ak-
zessit -Tochterchen (das wir vorigen Sonntag auf der 3ten Platte
bleich und Jung hinter der Kanzel angeschauet) entsetzlich loszu-
ziehen, und zwar dergestalt und in solchen Wendungen, daB Re-
ginen und selber dem Bischof in partibus keine andere dezente
Zuflucht iibrig blieb als die, aus dem Zelte eihe verschamte Flucht
in die Finsternis, so weit der Spitzbube zu horen war, mutig zu
nehmen. Ist das und noch viele andere Dinge, zu deren Rapport
Zeit fehlt, noch nicht geschickt, in einem Leser des 1 8ten Jahr- 20
hunderts klugere Vermutungen aufzuwecken, als in einem Ehe-
mann des iyten aufsprangen? Letzterer dankte dem Himmel, als
er seine Gebenedeite, die (nach ihm) gleich den Tiirkinnen1 zwar
Huhner, aber nicht Hahne unverschleiert fiittern kann, mit dem
Landstand unter dessen zweischlafrigen Schlafpelz laufen sah;
aber was sprechen Leser dazu, die in Paris und Rom gelebt? Ist
es denn solchen noch dunkel, daB dreifache Spitzbuberei hier
webe und spinne? — Ist diesen erst ein Schworf^ vonnoten, das
ihnen es mit schonen Lettern vor die Augen druckt, daB ganz
gewiB der Lautenist nichts als eine vom Bischof in partibus ge- 30
drehte Zwirnmuhle und Spinnmaschine ist, womit der Landstand
seine Fallstricke um Reginen spinnt und legt - daB aber der Lau-
1 Journal de lecture n. II. p. 187.
2 Gera hieB nach vielen Altertumsforschern sonst Schwortz, von den Sor-
ben oder Schworzen (Schwarzen), weil diese iiber das schwarze Meer her-
kamen; aber Longol sagt in seinen »Longolischen Beschaftigungen«, er
widerleg* es irgendwo.
HOLZ PLATTE DES VIERTEN GEBOTS 659
tenist den Bedienten gleiche, die in der Mietkutsche, die sie zu
bestellen hatten, selber gefahren kommen - daB er heute
die Silberdienerin unter die Marquise bestellen sollen, daB ers
aber vermutlich einige Viertelsturtden zu bald getan, um dem
Landstand durch eine fruhere Originalitat keine Ehre mehr zu
lassen als die einer Kopie? —
Um vieles glaublicher wird die Hypo these, daB wir das neue
Paar vor unsern Augen davongehen sehen: denn das lasset pra-
sumieren, daB die Dienerin und der Kirchendiener Menschen
> sind, die gewiB (nach einer unedlen Phrasis) der Teufel reitet.
Des heiligen Xavers Milt^e macht bekanntlkh Gemahltnnen —
und Johannis V. und Peters II. Frauen trugen solche - fruchtbar,
und zwar mit Knaben: nun hatte die arme Sara-Wilste^ Regine,
nichts Nahers aufzusetzen bei der Hand als die Bischof s-Mut^e^
und das (so war ihr SchluB) mochte ihr guttun. Absolut-unmog-
lich ists nicht, da ich taglich Bischofe die Abkommlinge ihrer In-
fuln- und Wunderkrafte gleich Pasquillen erstiich vervielfaltigen,
zweitens anonym versenden sehe. Obrigens fehlte unserer Silber-
dienerin zu einer Weltdame im verbrauchten Sinn nichts als eine
> - Residenz. Weltdamen ist aber Lykurgus' Gebot nicht neu, nie
lange gegen einen Feind zu kriegen, sondern Heber (zum Vorteil
des Muts) die Gegner zu wechseln. - Der Gegner, der Bischof,
ist ein guter Herr: Ideen (geistlichen) stellt er ewig nach. Da
namlich nach Hemsterhuis Schonheit das ist, was die groBte An-
zahl Ideen in der moglich-kleinsten Zeit erweckt, so muB ein
geistlicher Herr, ein Kanonikus, einKuntius, ein Kardinalbischof
ein Kardinalpriester sich nach Schonheiten umtun und sich Ge-
genstande auslesen, die ihn, da er wenig Zeit hat, mit einemOber-
schwang von Ideen auf einmal versorgen.
Ich fahre aber im Extrakte aus dem Protokoll des Kronlein-
schen Magens fort. Entweder wurde der Lautenist der liegenden
und gesprachigen Rolle miide, oder er gonnte dem Landstand die
seinige nicht: kurz er fing an, sowohl den Bischof als den Zuhorer
Halunken zu nennen, dann Teufelsbraten, dann Schlafmiitzen,
dann gar Fratzen und Tropfe. Dieses Namenregister fiihrte zwi-
schen dem gefirmelten Revisor und dem Wiedertaufer eine Er-
660 DAS KAMPANER TAL
kennung herbei, die der Kiinstler nicht fiir unwiirdig hielt, einen
eignen Holzschnitt, den des funften Gebots, zu fullen.
V.
HOLZPLATTE DES FUNFTEN GEBOTS
Beschreibung der gegenwartigen Platte - Bestimmung der Biicherverbote
Da haben wir den Teufel! Der Salzrevisor hat sich erboset und
sich des Lautenfutterals statt eines Stab Sanfts bemachtigt und
holt nun mit dem Streit- und Waldhammer aus, um damit den
Schlafredner wie einen Baum anzuplatzen und zu signieren. So-
nach schlagt die Laute den Lautenschlager durch eine Trans ver-
salschwingung. Das Langkinn liegt auf dem Feldbette der Erde
als Sanskulott oder gallus togatus1, indes der Holzschneider und
1 Gallia togata hiefi bekanntlich das Gallien, dessen Einwohner die romi-
sche Toga annahmen; Gallia braccata hieB das behosete, das in seinen alten
Sitten und Hosen blieb.
HOLZ PLATTE DES FUNFTEN GEBOTS 66 1
Streithahn, angekleidet als gallus braccatusy den Sturmbalken mit
einer Schnelle riickwarts schwingt, daB er den Rauch des einen
Wachfeuers umweht, so wie der steilrechte des zweiten Feuers
sich biicken wird, falls - er den Lautenzug dieser Kniegeige (wie
aber auf dem Holzschnitt nicht zu furchten) niederbringen sollte.
Ubrigens weiB schon unser Artist, daB das Futteral wie Tanz-
handschuhe nur einmal zu gebrauchen ist und nichts zerschlagt
als sich; damit wirft er aber auf seinen sanften, von Windstille
und einiger Knalluft beherrschten Charakter ein reizendes Licht,
» und man bleibt ihm gut.
Was soil ich aber von stumpfen Auslegern denken, die niemals
Kronleins Nabel1 iiberlesen haben und die aus Einfalt den scho-
nen Revisor mit der langen Tastatur zum Kain und den haBIichen
Altisten zum Abel ummiinzen? Ja, da sie sich auch ohne die Sek-
tionsberichte und Affichen des Nabels hatten vorstellen konnen,
daB man Konfirmanden und Buchstabierschiitzen nicht mit ihren
zarten weichen Fiihlfaden vor das Schlachtfeld eines kopierten
Brudermords stellen werde, was soil ich da von solchen harten
inkrustierten Auslegern fiir eine Auslegung geben? - Gar keine
> geb* ich; - und es ist auch keine einemMannewie mir anzumuten,
der schon, wenn er nur von Ameisen- und Krotenol und von
Kaviar und von Pfunden zerquetschter Kochenillen und von
Ameiseneiern in Kannen Reset, gern nicht weiter dariiber denken
und es sich nicht auseinandersetzen will, wie viele kleine Welten
unser Bedurfnis zermalmen muB, um unsern Mikrokosmus weich
zu betten auf Schlachtfelder.
So weit der Nabel! - Was ich noch nachbringe, gehort zwar
nicht zur Sache, aber doch zur Nebensache. Viele Leser, beson-
ders die Juristen nab' ich jetzt iiber die peinlichen halsgericht-
d lichen Nachwehen dieser Lautenschlagerei unruhig gemacht; -
und in der Tat greift diese fiinfte Kriegs- und Holzplatte in alle
kunftige ein: aber eben darum heitere ich nicht ohne Absicht
bange Leser mit Allotrien auf, die ich nun anfange.
Eine solche Nebensache oder ein Allotrium scheint es mir zu
sein, wenn ich sage, daB aus dem Revisor ein guter Offizier ware
1 Der Anfang der fiinften Gesichtslange und Deklination des Menschen.
66l DAS KAMPANER TAL
zu machen gewesen. Unter einem guten Offizier, der der Primas
der Prima Plana zu sein verdient, versteh' ich einen, der Geduld
und Feuer genug hat, einen Gemeinen hinlanglich auszuprugeln.
Denn aus einem solchen Friedens-Maneuvre macht sich auf seine
Kriegsmaneuvres der SchluB leicht, d. h. aus der triumpkierenden
Kirche auf die streitende\ denn ein Lieutenant, der einen landes-
herrlichen Fuselier schon mit bloBem Stock erschlagt, kann doch
der Mann nicht sein, dem es schwer fallt, einen feindlichen mit
dem Degen zu erstechen - ist sonst alles gleich. - Daher lasset man
eben der Prima Plana maBiges Fuchteln zu, nach einem alten 10
Grundsatz der Jagerei, die noch fruher Hetzhunde an lakmen
Schweinen fur wilde Sauen einhetzt
Sonst dacht' ich freilich, Kronlein und Raupert schlossen in
dieser Gruppe etwan einen Bund von Belang. Denn ich habe auf
Exerzierplatzen und auf menschlichen Trankherden es oft ge-
sehen, daB die Bundner einander blutig schlugen, um einer scho-
nen Sitte der alten Welt zu folgen, worin Personen, die eine
lebenslange Freundschaft kniipfen wollten, einander die Adern
aufschlitzten und ihr Blut vermischten. Und dieser Vermischung
begegn* ich in Schenken taglich; wiewohl der Staat solche enge 20
Eidesgenossenschaften niemals duldet, weil schon die Romer
Biindnisse im Staate verwarfen und weil sogar die deutschen
Kaiser (z. B. Karl V. nach Moser) eben darum kaum Brand -
assekuranzgesellschaften leiden wollten.
Aber das ist bunter Zerstreuungs- oder Diffusionsraum genug
fur Leser, die die schwere Armfeile und Tangente des Kiinstlers
angstigt - und es ist nicht zu fruh, wenn wir von der funften
Platte in die sechste eilen, sobald wir nur folgende drei Seiten
iiberlaufen haben. — Auf diesen stell* ich bloB die Betrachtung
iiber die Seiten an, womit ich glanze; und darunter ist wohl dieser 30
Kommentar am wenigsten auszulassen, durch welchen ich, wenn
nicht die 10 Gebote oder Holzschnitte heller erklare, doch weiter
verbreite. Wenigstens kann mein Kommentar doch die 10 Ge-
bote auf tafelfahige Schmerbauche - d. h. auf deren Gilets als
Stickerei — , auf Facher, in Taschenkalender als 12 Monatskupfer,
abbossiert in Bilderuhren als 12 neue Stundenfiguren bringen,
HOLZPLATTE DES FUNFTEN GEBOTS 663
einstweilen sag* ich, bevor eine Zensurkommission - wozu noch
schlechte Hoffnung vorhanden ist - so viel Einsicht hat, da8 sie
besagten Katechismus verbeut. Was helfen aber dem Staate alle
Zensurkollegien, wenn man gerade den besten Buchern das Pri-
vilegium des Verbots entzieht oder gar elenden und schadlichen
es gewahrt? Wenn der Endzweck der Bucherverbote ist - wie
man wenigstens hoffen mufl -, fiir Werke, vor denen vielleicht
das iiberladene Publikum blind vorbeigelaufen ware, durch die
Larmtrommel des Verbotes anzuwerben; wenn ein guter index
i0 expurgandorum die Friichte des Erkenntnisbaums eben wie der
Rabe die Eicheln unterscharren soil, weil sie nach diesem Ver-
decken nur fruher aufkeimen - daher sogar der index sich selber
verbieten muB, welches auch (nach Nicolai) an einigen Orten
geschieht -: so miiBte, daucht mich, dieses wichtige Privilegium,
dieser gelehrte Adel und Orden pour le merite mit einiger Aus-
wahl der Subjekte erteilet werden; nicht aber, wie der Wiener
index tut, dem ganzen MeBkatalog in Pausch und Bogen, wie ein-
mal Theresia die ganze Wiener Kaufmannschaft adeln wo lite.
Ganz schlechte oder schadliche Werke miiBten nie verboten wer-
20 den, da das Verhehlen oder die Maske, wie bei, den romischen
Akteurs, die Stimme lauter macht. Ganz meisterhafte haben zu
ihrem Fortkommen derGnadenmittel undDiebsdaumen der Zen-
sur nicht notig: die sympathetische Dinte, womit sie geschrieben
sind, tritt schon durch die bloBe Lebenswarme des Lesers, ohne
Scheiterhaufen^rdWe der Zensur, leserlich vor. Aber mittelmaBi-
gen Werken, die viel niitzen, aber wenig schimmern, und Wer-
ken und Zeitungen, die der Staat monatlich fiir das Volk schrei-
ben lasset, so vielen tausend Predigtbuchern und Heilsordnun-
gen, solchen miiBte das Privilegium und Belobungsschreiben des
30 Verbots nicht abgeschlagen werden; ein solches GroBkreuz und
Ordenszeichen, das ja dem Staat nichts kostet, brachte manchen
Hterarischen Kriippel weiter und in bessere Gesellschaft. So wird
auch die Bude der Tuchmacher mit dem Tuche der Schwarzrocke
iiberzogen, weil Verschatten verschonert. Ist denn die disciplina
arcani bei den ersten Christen nicht jetzt wieder notig, die
nicht bloB ihre Religionsschriften wie sibyllinische verbargen,
664
DAS KAMPANER TAL
sondern sogar aus ihren Sakramenten heidnische Mysterien1
machten ?
VI.
HOLZPLATTE DES SECHSTEN GEBOTS
Das FuBwaschen am griinen Donnerstag — der Gesang im Bade — Tadel der
Ausleger, der Zweideutigkeiten und Thiimmels - Lob der Reginen, der
Ehebriiche und des Erdballes
Nicht bloB physisch, auch moralisch gingen auf den bisherigen
Platten nur Aschermittwoche, Fastensonntage und Passionstage
fur unsern Lorenz auf: hier auf der sechsten erlebt er endlich
einen griinen Donnerstag, ja wie er uns sagen wird, eben an einem
griinen Donnerstag kam er wieder auf einen griinen Zweig. Wir
verlieBen ihn auf dem vorigen Formbrett ohne Aussicht auf eine
1 Besonders das Abend mahl gaben die Kirchenlehrer fur eleusinische
Mysterien aus, urn es in Achtung zu setzen; und erschufen die Ahnlichkeiten
des Stillschweigens und der drei Grade, der Reinigung, der Initiation und
der Epopsie. Casaubon. Exercitat. ad. ann. Baron XVI. 43.
HOLZPLATTE DES SECHSTEN GEBOTS 665
ruhige Stelle im Staat, auf eine Ferien-Bett-Stelle, ohne Kinder,
ohne Geld, ohne Mittler und Protektor, falls ihn der ausgeprii-
gelte Altist gerichtlich verfolgte (denn der Bischof war Heber sein
ehelicher Frostableiter als sein gerichtlicher Blitzableiter und blies
mit dem Musikanten in ein Horn). So betmbt sah es noch auf der
vorigen Seite mit unserem Hiob aus, dessen Leidenkelch iiberlief :
jetzt hat der Kelch ein Loch.
Der rechte Schenkel des Revisors1 berichtet uns, daB es hier
auf der Platte Nacht ist, weil der kleine Lichtabfall von den Stern-
10 bildern nicht viel sagen will. Lorenz kommt zuvor und sagt,
wenn er den Erebus oder die zwolfzollige Finsternis auf dem
Buchsbaum (diese und die folgenden Platten sind davon) hatte
zeigen wollen, so hatte kein Mensch die Leute in der Finsternis
gesehen; und er opfert als GegenfiiBler der Grofiinquisitoren
lieber die Finsternis als die Menscken auf.
Es war, fahrt er fort - meine Quelle 1st der rechte Schenkel -,
am griinen Donnerstage nachts (denn Ostern fiel spat), als seine
Regina, die an nichts dachte, ein kaltes FuBbad, unweit der fiirst-
lichen Platteforme, gebrauchen wollte, im SchloBgraben. Vor der
20 Welt schwimmt der Graben auf dem Stock.
Ich glaube, ich habe oft genug an katholischen und andern
Hofen die Fiirsten am griinen Donnerstag 12 Armen die FiiBe
waschen sehen, um wenigstens folgendes vorzutragen. Bekannt-
Iich werden dort nicht nur - wie gewohnlich - die zwolf Apostel
durch zwolf Arme reprasentiert, sondern auch - wie noch ge-
wohnlicher - die zwolf Arme durch zwolf HofleuteS Dem Hof-
mann ist es an griinen und an gelben und welken Donnerstagen
etwas Gewohntes, vor Serenissimo den Armen und Lazarus (im
Himmel) zu machen: der Oberhofmeister stellet sich also wie
30 andere Bettler blind— der zweite Kammerherr lahm - der Minister
taubstumm (taub hinab-, stumm Ainaw/warts) - der fremde Am-
bassadeur hat keine Nase (der Hocker hinten ist keine), wiewohl
sein Hof ihm von beiden, was er braucht, zuschickt - und jeder
1 Sechste Gesichtslange.
2 E3 soil den Sinnen des gekronten Waschers der Anblick und die Mani-
pulation wirklicher Bettler und Kriippel ersparet werden.
666 DAS KAMPANER TAL
fallite und insolvente Hofbediente spielt auf dem fiirstlichen
Waschzettel leicht die Armenrolle. Nachher wenn ihnen derjenige
die FuBe gewaschen - d. h. bloB getrocknet - hat, dem sie .seine
so oft gelecket haben, und wenn sie, ungleich der schwarzen
Wasche, die man vor dem Einfeuchten flickt, nach demselben
ausgebessert worden: so kommt alles wieder in den rechten Gang,
die Armen werden wieder, wie andere Schafe, ordentlich nach
dem Wascken geschoren, und der Staatskorper wird wie Raupen,
die man flach quetscht, und Waren so gepresset, daB er sich kon-
servieren muB. Sind es noch dazu geistliche Wascher (Gold- 10
wascher), so sind sie ganz das Widerspiel der agyptischen Prie-
ster, die sich von heiligen Tieren nur sattigen, nicht kleiden, ihnen
nur das Fleisch nehmen durften, nicht die Haut; denn jene ver-
schlingen ihre Sassen nicht, sondern enthiilsen sie blofi, sie neh-
men ihnen nur das Mark, ohne welches nach den neuern Erfah-
rungen die Baume recht gut fortkommen, ja eigentlkh nur das
Blut, ja wenn man noch billiger urteilen will, Ziehen sie ihnen
nichts vom Leibe als das Hemd und nicht wenige gar nur den
Rock.
Aber auf die sechste Platte zuriick ! Wahrend Regina als Arme 20
und Konigin zugleich an sich das liturgische Donnerstagswa-
schen verrichtet, fangt oben auf einem italienischen Dach ein
gekronter Herr an zu harfenieren. Es ware zu wunschen, der
rechte Schenkel ware iiber Titel und Wappen des Harfners nicht
so kurz weggegangen: es notigt mich, den Musik- und Landes-
direktor in meiner Erklarung bloB unter dem weiten Namen des
Serenissimus aufzufiihren und zuweilen (ich wechsele) unter dem
Namen Silluk,1 - Indes nun der Silluk oben ohne sein Wissen
der FluBgottin ein Standchen brachte - er konnte sie nicht sehen,
sagt der Revisor auf seinem Schenkel -, fiel die Spitzbiibin als 30
erste Sangerin in seine Symphonien leise ein. Der Silluk kam
auBer sich und p.ausierte und guckt (man betrachte ihn auf dem
1 Der Silluk und Athnach sind, wie bekannt, die 2 Zare unter den hebrai-
schen Akzenten, dann kommen 4 Tetrarchen und dann 6 Pfalzgrafen
(comites), 7 Generale oder Heptarchen : die Anzahl ihrer Untertanen ist so
stark wie sie, namlich sieben; also erreicht in der Grammatik wie in kleinen
Staaten die Zahl der Gemeinen oft die Zahl der Offiziere.
HOLZPLATTE DES SECHSTEN GEBOTS 667
6ten Stock) staunend geradeaus. Regina ist recht froh, daB die
Nacht nicht so hell ist wie nach Damascenus die erste Weih-
nachts-Nacht, denn die Finsternis zeugt schon nach den Heiden1
(und auch diesesmal) die Enthaltsamkeit, die Nemesis, die Eu-
phrosyne, das Mitleiden und. die - Freundschaft: trotz der Fin-
sternis bringt Regina das Badekleid in Ordnung und pausiert
auch. Serenissimus harpeggierteinige Moll- Akkordeauf der Spitz-
harfe bloB diminuendo, um herauszubringen, was da unten singe.
Der weibliche Badgast, der (ich sag' es noch einmal, es war pech-
10 finster) von seinem Gesicht keinen Gebrauch machen konrue, so
vprteilhaft der Gebrauch auch gewesen ware, da der Gast wie
sein Geschlecht und Abdera den Beinamen schon fuhrte, der Gast
griff zur Kehle und sang hinauf : Regina tat in der Finsternis ihr
Herz und ihren Mund auf (wie mehrere ihres Geschlechts, so wie
ich junge Vogel in meiner Kindheit nicht eher zum Aufsperren
des Schnabels brachte, um sie zu atzen, als bis ich sie in einen
finstern Winkel gesetzt) und reichte eine gesungne Supplik um
besseres Brot fur ihren Revisor ein. Ich kann mir das Erstaunen
des musikalischen Silluks recht gut denken. Er winkt die Dis-
20 kantistin zu sich hinauf so steht wenigstens auf dem Schenkel,
wiewohl mir das mit der vorigen Finsternis nicht recht zu har-
monieren scheint. Die Silberdienerin tut das ohne Bedenken: sie
kann droben das Gliick ihres Lorenz machen, und darin sucht sie
ihr eignes. - Manches weibliche Herz ist kein Magnet, sondern
ein magnetisches Magaiin von Knight, das aus 240 kiinstlichen
Magneten besteht und entsetzlich zieht und tragt. Der grofie Mo-
gul nimmt bekanntlich keine Supplik ohne ein angebognes Pre-
sent an: es ist zu vermuten, daB der Silluk zu dem abgesungnen
Bittschreiben die Beilage eines Geschenkes begehrte und daB hier
30 der Fiirst, wie in Sina, zugleich der Bischof war. Ja es ist die
Frage, ob er von Reginen nicht die Huldigung nachfoderte, die
bei den Hebraern im Kiissen bestand.2 -
Der historische Schenkel fasset sich iiber den Rest zu kurz und
sagt im allgemeinen, daB der Harfner seine untertanige Sassin und
1 Hygin. Praef. p. 1.
2 1. Sa. X. 1. Ps. II. 12. Warnekros hebraische Altertumer.
668 DAS KAMPANER TAL
Silberdienerin mit Schwuren entlieB, fur ihren Mann mehr zu
tun, als er sich nur je traumen lassen. Das gebe der Himmel! Jetzt
erwarten ich und der Salzrevisor, was denn nun der ausgestaupte
Kontraaltist zu tun gedenke, und die groBten Revolutionen ste-
hen gegenwartig auf den nachsten Stocken bevor. —
Da ich mir jetzt einbilde, die Nacht, die iiber dem 6ten Holz-
schnitt hing, weggetrieben, wenigstens illuminiert zu haben -
wiewohl ich doch aus Verstand immer so viel Finsternis stehen
lassen muBte, als die Juden verlangen, um darin das Osterlamm
zu genieBen, so wie die Griechen der Nacht Hahnen (die Chri-
sten Hennen) opferten -, ich meine, da ich diese Platte nicht un-
glucklich beschattet und beleuchtet habe: so diirfte es, hoff* ich,
von christlichen Gelehrten zu erwarten sein, daB sie deswegen
keinen Teufels-Larm anfangen, wenn ich nun nach getaner Ar-
beit mich an betrachtenden Ausschweifungen oder an ausschwei-
fenden Betrachtungen zu erholen suche, die allgemeiner, vom
Gegenstande des 6ten Stocks und Sinns abgelegner und im gan-
zen erbaulich sind, ich meine, man wiirde es mir nachsehen, wenn
ich mich jetzt unterflnge, drei Dinge zu loben und drei Dinge zu
tadeln. - Die gelobten sind : i) die Reginen - 2) die Ehebriiche -
3) der Erdball; die getadelten sind: 1) die Ausleger- 2) die Zwei- ;
deutigkeiten - und 3) Herr v. Thiimmel.
Ich beginne wie Eltern und Menschen mit Tadeln -
Die Ausleger vor mir hab* ich zuerst zu tadeln. Alle, die ich
nachgelesen oder als Kind auf der Schulbank gehoret habe, geben
den Nachtmusikanten auf dem welschen Dach fur den Psalmisten
David aus und die badende Bittstellerin fur die Bathseba. Wes-
wegen tun sie das? hat in diesem Spiele mehr ihre Einfalt oder
ihre Spitzbuberei die Hand? Ich sorge, letztere. Einfalt ists gar
nicht : sie sehen recht gut wie der Leser ein, daB der Formschnei-
der nicht den alten David mit einer Davidsharfe und seiner vier- =
pfundigen Krone werde aufs Dach herausgenagelt haben, damit
er der Magdalene im FuBwaschen BuBpsalmen vorklimpere. Die
Rabbinen verbieten aus einem sehr feinen Gefiihl, lange die weib-
liche Kleidung anzusehen; und dem gekronten Herrn, der da
oben vom Altan herunterguckt, wird der Anblick der - Kleidung
HOLZPLATTE DES SECHSTEN GEBOTS 669
erspart: sieht diese Feinheit des Gefuhls dem alten David ahnlich,
der leider gegen zwei benachbarte Gebote zu oft den Sultan
spielte? - Hingegen einem neuern zartern Herrn sieht das gleich.
Aber Schelmerei und Spitzbiiberei neuerer statistischer Exegeten
bricht durch die ganze Version des Stocks hindurch, wenn sie
einen oder den andern spatern Silluk, den sie ganz gut kennen,
fur einen David ausmiinzen wollen. Sie mochten uns gar zu gern
bereden, daI3 Serenissimi, gleich dem Psalmisten und iiberhaupt
wie alle orientalische Dynasten und Hospodars, dafur halten,
10 alles, woriiber ihr Zepter reicht, besonders Weiber, sei ihnen
verfallen, wie etwan dem, der den Gehenkten loser, alles gehort,
was der Radius seines Schwertes umzirkelt; und daB sie bloB
deswegen nach ihrer Rolle so sehr haschten wie die Einwohner
von Aix sonst nach der Rolle des Teufels, wenn die Passion tra-
gieret wurde, weil nach dem dortigen Gebrauch der mimische
Satan alles behalten durfte, was er mit seinen Krallen errafTte.1
Allerdings weiht der Papst den Fiirsten am Sonntag Laetare
giildne Rosen; aber die schonsten, die weiblichen, wiirde der
alte Herr dadurch entweihen. Der Ausleger, welcher Fiirsten zum
20 David herabsetzen will, hat vielleicht nie bedacht, daB Thronen
Bergen gleichen, auf denen sich von jeher das Beste in der Welt
aufhielt, z. B. (ich nenne die ungleichartigsten Dinge) die schon-
sten Blumen - der beste Honig daraus - alte Stadte - Metalle -
Graber beruhmter Manner - die beste Schafweide - die beste
Viehzucht - die Romer von Range - die Freistadte - und in
Japan die Hochzeiten.
Zweitens nab* ich hart mitzunehmen die Zweideutigkeiten. Der
Schmuti vermehret zwar das Gewicht der Einfdlle und der Du~
katen um zwei bis drei Asse, es ist aber besser, das Gold fiir Kot
30 anzusehen als den Kot fiir Gold. Ich verachte schon darum alle
unsittlichen Zweideutigkeiten, weil es viel leichter ist, sie zu er-
nnden als zu vermeiden, in welchen letztern Fall unser unkeu-
sches Jahrhundert jeden Autor setzt. Ich bat einmal einen Herrn
von vieler Lebhaftigkeit, der keine andere Venus Urania sich
denken konnte als die a belles fesses, mir unter alien Mobeln und
1 L*art d'orner l'esprit en l'amusant par Pittaval, I. P.
67O DAS KAMPANER TAL
Nippes meiner Zimmer (ich machte sie alle auf) ein einziges Stiick
zu zeigen, wobei er nichts dachte. Er suchte darnach, er fand aber
keines.
Drittens macht* ich HofFnung, mich iiber Herrn von Thummel
aufzuhalten. Ich wollt' aber, ich hatte lieber versprochen, ihn zu
loben. Warum durft* es der bose Feind so karten, daB du, lieber
Th., ehe du nach deiner Ankunft in den groBen Korrelationssaal
oder das Odeum oder Beigangsche Museum und bureau d'esprit
des Hterarischen Publikums eintratest, wo alles auf dich und deine
Bijouterien und auf die Blitze deiner, Ringe und auf deine voll- 10
endete Ausbildung hinsah, ich sage, warum durft* es der Teufel
so spielen, daB gerade vorher, ehe du herrlich ins Museum hinein-
schrittest, unten an der Hausture - denn die Wege konnen auf
einer so langen Reise unmoglich so reinlich sein wie eine belgi-
sche Stallung - kein einziger Dekrotteur zu ersehen und zu er-
schreien war? — Es 1st ein verdammter Streich. Denn jetzt wan-
deist du mit deinen Halbstiefeln und ihrem boue de Paris im
Museum herum, und keine Dame, die nur einigermaBen weiB
angezogen ist, kann sich — denn wir Manner nehmen es nicht
genau - zu dem Manne hinsetzen, der sie ebensosehr belehren als 20
amiisieren konnte und in dem ein verschwenderischer Genius so
viel Witz und Ton und die feinste Laune, deren GenuB und noch
mehr deren Nachahmung den Deutschen noch ein halbes Saku-
lum fremde bleiben werden, mit dem Reichtum des Gefuhls und
der Sprache und der Kenntnisse verbunden hat. - Ist das nicht
zu hart gegen ein Geschlecht, das du selber niemals hart antrafest?
Man betrachte meinen insolventen Revisor: er hat wenigstens
einige Pfennige dem Dekrotteur zugewendet und erscheint auf
alien seinen 10 Stocken recht sauber. Die groBte Genialitat ist so
leicht mit der groBten Heiligkeit ihrer Anwendung zu vermahlen, 3o
daB der glanzende unzugangliche Montblanc unsers Parnasses,
Goethe, der nun zergliedert, was er sonst erschuf, Blumen und
Lichty in der ganzen Sammlung seiner Werke, die Goschen in
Leipzig verlegt, sich nicht einWort entfahren lassen, das nicht ich
oder Rousseau von der Kanzel ablesen wollten. Ja obgleich die
Naphthaquelle eines leuchtenden Witzes am ersten zu jenem Feh-
HOLZPLATTE DES SECHSTEN GEBOTS 6jl
ler fuhrt: so folgte doch der genialische Kommentator Hogarths
- der deutsche Reprasentant des ganzen goldnen Alters der Koni-
gin Anna, wenn ich so sagen darf — mehr dem Imperativ seines
Ichs als dem Indikativ seiner leichtsinnigen Figuren.
Nun nab* ich zu loben, versprochenermaBen. -
Und zwar erstlich die Reginen, namlich die Weiber, die wie
meine Regina verfahren. Eine gute Silberdienerin liebt ihren Re-
visor ungemein und indent* ihn, wenn sie konnte, bei sich tragen
wie einen Strickbeutel : das geht aber nicht, und daher sinnt sie
10 auf Mittel und Wege, ihn wie Uhren (wiewohl die Schweiz nur
eine gestattet) doppelt zu haben, indem sie sich nach einem Re-
prasentanten und charge d'affaires desselben umtut. Schon Frank-
lin riet den Europaern, zu nachts die Betten zu wechseln, um
besser zu traumen : man kann dem Amerikaner auf viele Arten
hierin zu Gefallen leben. Haller bemerkt, daB man im Zorn oft
doppelt sehe1: aber heftige Liebe ist ein noch besserer Doppel-
spat und zeigt den Gemahl leichter zweimal; und da man nach
den Theologen* drei Willen auf einmal haben kann, einen sub-
stantiellen und zwei natiirliche: so kann eineFrau, und wenn sie
20 zehn natiirliche Willen hatte, doch den substantiellen dem Ge-
mahle auf behalten. Ich dringe aber nur auf drei Willen, welches das
wenigste ist, was ich fodern kann: denn wenn z. B. am Ende des
14. Jahrhunderts drei Papste auf einmal die Kirche oder christ-
liche Braut beherrschten, einer in Rom, einer in Frankreich und
einer in Spanien; so seh* ich nicht, warum in einer kleinern Fa-
milie nicht, wenn nicht drei allerheiligste, doch drei allerseligste
Vater sein konnen, die sich mehr mit Beatifikationen als Kanoni-
sationen befassen.
Folglich ist das Duplieren und Rikoschettieren des ehelichen
30 Balles, des Herzens, weiter nichts Bessers und nichts Schlechters,
als was jeder Kommentator von Holzplatten zum sechsten Gebot
billigen kann und wird. Ich verhoffe, was von Weibern gilt, das
1 Thes. medico-pract. coll. Hall. T. I.
- 2 D. h. nach einigen Monotheleten; andereMonotheleten sagten hingegen,
der menschliche und der gottliche Willen waren zwar da, wirkten aber ver-
eint - andere, beide waren einer geworden. Mosheims Kirchengeschicht.
3. Teil.
672 DAS KAMPANER TAL
gelte auch von uns Mannern und starker dazu : fallt denn darum
der Gemahl - und wohin denn am Ende? — , wenn er die Ge-
mahlin doppelt sieht, z. B. sie in seinem Museum und nachher
gleich darauf ihre Milchschwester - Mitmeisterin - Maskopei-
schwester und Reichs-Vikaria etwan in der zweiten Seitenloge
oder im farnesischen Palast oder in der Universitatskirche, oder
wo es sei, ich frage, ist denn diese Verdoppelung ein Zeichen des
Falles, wie etwan nach Haller ein Schieferdecker, vor dem die
Gegenstande verdoppelt erscheinen, zu stiirzen furchten muB?-
Ist nicht hochstens die Verdoppelung selber der Fall? 10
Ich erinnere mich, daB ich zweitens mich anheischig gemacht,
die Ehebruche zu erheben, sowohl die doppeltenalsdie einfachen.
Aber ich breche ganz keck das Wort.
Ich habe ohnehin den Erdball noch zu riihmen : manches Gute,
was ich von diesem vorbringe, kommt dann wohl auch seinen
Ehebriichen zustatten.
Ich fange demnach an, mein drittes Versprechen zu halten.
Ich nehme fur bekannt an, daB wir alle sagen: der heilige, der
keusche Mond; ein Beiwort, das sein weiBer reiner Strahl, seine
Kalte und seine mythologische Verwandtschaft mit Dianen ver- 20
dienen. Nun nab' ich oft am Tage, wenn es Neumond war, hinauf
in den Himmel geschauet, wo er unweit der Sonne, obwohl unge-
sehen, stehen muBte. Einmal tat ich gar mit den SpringfuBen der
Ehantasie selber einen Sprung in den Mond. Ich fand natiirlich
alles droben bestatigt, was ich hier schon aus AstronomienwuBte,
daB es im Neumond auf der Seite, wo ich landete, Nacht war und
daB ich, wenn ich auf die unter der Sonne im Feuer stehende Erde
blickte, dieses Tageslicht in solcher Feme aus dem finstern Mond
fiir ein zauberisches, dem Mondlicht gleiches Erdlicht nehmen
muBte. Ich spazierteungemeinvergniigt auf der magischenMond- 3o
scheibe auf und nieder: denn ich hatte auf der rechten Seite die
schonsten Mondsgebirge vor mir - die niedrigsten bestehen aus
lauter Gotthardsbergen und Montblancs -, auf der linken mitten
in einer iiberblumten Ebene eine ungeheuere trockne Bucht, un-
gefahr wie ein rein ausgeschopfter Ladogaischer See, und iiber
mir das erhabenste tiefste Blau. Ich fand den Himmel dort noch
HOLZPLATTE DES SECHSTEN GEBOTS 673
erhabener unci dunkler als auf den Alpen; und schreib* es der
ungemein diinnen Bergluft (unsere ist dagegen Leinol) zu, die
nicht einmal drei silberne Sommerwolkchen tragen kann. Am
meisten aber glanzte am blauen Himmelsbogen, gleichsam wie
an einer blauen Scharpe ein breites silbernes Scharpenschlofi
(Ceinturon), unsere schimmernde Erde vor, die vielleicht an die
Peripherie eines starken Spulrads reichte, wenn sie solche nicht
uberstieg. Ich letzte mich nicht lange an der reinen weifien Voll-
Erde, als ein Selenit und eine Selenitin (sie wurden bald nach
meiner Abreise kopuliert) in den feuchten duftenden Blumen
daherwateten. Er war ein guter bukolischer Dichter und hatte
droben » Aussichten in die £wigkeit«l herausgegeben, sie war seine
Leserin. Der Mann im Mond und die Jungfer im Mond hatten wegen
ihrer Bergluft viele Ahnlichkeit mit Schweizern, besonders hatten
sie von ihnen jene freudige unbefangne OrTenheit des Gesichts,
die ein stilles Leben und ebenso viele Freuden als Tugenden
voraussetzt und die mir niemals erschien, ohne vor meiner gliick-
lichen Seele auf einmal alle Jugendjahre und Jugendtraume und
ein ganzes Arkadien aufzuschlieOen. Die Jungfrau blickte, selig
, bewegt von Lieben und Sehnen, nach der lichten Vollerde: denn
es gibt auf keiner Welt ein Leben, das nicht eines zweiten bedurfte,
und auf alien Kugeln druckt die enge Fruchthulle und Samen-
kapsel aus barter Erde das ewige Herz. Der Jiingling sagte sanft zu
ihr: »Wohin sehnest du dich, Teuere?« - Sie versetzte: »Ich weh3
es nicht - nicht wahr, du glaubst, da6 wir nach dem Entschlafen
auf die schone selige Erde kommen?« - Der bukolische Dichter
sagte: »Ja wohl nab' ichs in meinen Aussichten in die Ewigkeit
nicht ohne alle Scharfe bewiesen. Denn hier auf dem verglaseten
Mond voll Krater, gleichsam voll Graber der Vorwelt, da ist un-
sere Heimat nicht - dort droben aber auf der reinen keuschen Erde
sind wir zu Hause. Schaue den silbernen funkelnden Giirtel2 an,
womit sie aufgeschmuckt durch die Sterne zieht, gleichsam ein
1 Nach den altesten Philosophen und nach den neuesten nordamerikanischen
Wilden ist jedes Dingzweimalvorhanden, das erste Exemplar ist auf der Erde,
das zweite im Himmel. Daher setzt derLavater auf der Erde einen im Monde
voraus, und ihre Aussichten unterscheiden sich in nichts im alsStandort.
2 Ducarla bewies, dafi die Sonne iiber alle Lander, durch deren Scheitel-
674 DAS KAMPANER TAL
Kranz aus weiBen Rosen, eine urn sie herumgewundene verklei-
nerte MilchstraBe. Prachtig, prachtig! Don auf der siillen Erde,
meine Liebe, da horen die Mangel der Seele auf - dort wird das
reine Herz nur sanft erwarmt und nie befleckt und nicht erhitzt -
dort sind die Tugenden, die Freuden und die Wahrheiten drei
ewige Sch western, und sie kommen immer Arm in Arm zum
Menschen und fallen ihm verkniipft ans Herz...«
Die Seleniten horten hier etwas hinter sich seufzen: das tat ich.
Es war mir nicht gut mehr moglich, mich zu verbergen; ich trat
also mit verstdrtem Gesicht vor den bukolischen Dichter und
sagte : »Gegenwartige Person ist selber ein Terrener, reiset gerade
aus der teutschen Erde her und ist ein Himmelsburger aus Hof in
Voigtland. Aber teuerste Selenitin, bei uns drobensiehts windiger
aus, als man allgemein im Monde prasumiert. Diebe - Diebswirte
- Sabbats- und Wbchentagsschander - personae turpes - Yahoos
— langarmige kurzsichtige gekronte Gibbons — verschiedene, die
nichts tun — mehrere, die nichts denken - Grobiane und selber
Rezensenten, die nicht immer alles uberlegen, was sie schreiben
das sind emige von den Seligen und Vollendeten, unter denen
die Erde das Aussuchen hat. Der weiBe Rosenkranz urn unsern :
Globus, der Sternengiirtel, dessen Sie beide oben e'rwahnten, ist
aus Wolken und Platztropfen gekniipft. Und die vielen Erd-
flecken1, die wir sehen, konnen nicht wie die Mondsflecken den
Namen groBer Gelehrten fiihren, sondern die Namen groBer
Spitzbuben, weil wir unsere Erdflecken zu Leber- und Sommer-
flecken unsers innern Menschen machen und besagte Flecken mit
Wasserschlkten befahren, die entweder Menschen oder Waren
oder Leben stehlen sollen, daher wir die Einteilung in Sklaven-,
Kaper- und Kriegsschifle wirklich haben. Bester bukolischer
Dichter, beste bukolische Dichterin, was endlich die reine keu- =
sche Erde anlangt, so wissen Leutej die darauf wohnen, am be-
sten, was daran ist; wiewohl es doch manchem von Adel schwerer
punkt sie geht, einen 200 Meilen breiten Giirtel von Regenwolken ziehe,
der sie, wie ein Saturnusring, immer, nur an andern Zonen, umschlinge.
Lichtenbergs Magazin usw. 3tes Heft.
1 So erscheinen dem Monde die Meere der Erde.
HOLZPLATTE DES SIEBENTEN GEBOTS
675
fallt? seine Ehe als sein Wort zu brechen; inzwischen fehlt es auch
uns an Groften nicht, die bis zur Ausschweifung Ausschweifung
hassen, ich meine damit die - Elefanten. SoIIten Sie beide einmal
wirklich in unser himmlisches Zion^ wozu wir schon die Zions-
wdchter besitzen, nach dem Sterben ziehen: dann «
Dann zog ich selber ins Zion zuruck. Denn der Postbediente
brachte mir die Zweibriicker Zeitung, die aber diesesmal wider
ihre Gewohnheit nicht sonderlich interessierte, sondern bloB (ent-
sinn' ich mich recht) eine tote Nomenklatur von Guillotinierten
10 und von zergliederten polnischen Provinzen auftischte. —
VII.
HOLZPLATTE DES SIEBENTEN GeBOTS
Gliick iiber Gliick — Zenturien und Departements der Diebe - Nachteile der
Volksarmut
M=
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.-■ -T7 ___,. ^
mm !iW
li'iiiviMiJIunuln
^1
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MinK
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TnTffiftL— j/ /
'ii™//^^p
III
|k F^Bp
Der rechte Stiefel des weimarschen Konterfeies unterrichtetmich,
daB der Freudenbecher unsers Revisors, welcher bisher entrweder
ein ekler Brechbecher oder ein Vexierbecher (diabetes Heronis)
676 DAS KAMPANER TAL
gewesen, der den Wein unter den Lippen wegstahl, sich endlich
in einen herrlichen Lebens-Willkommen und in eine spirituose
Bowie verwandelt habe. Das geschah seit dem Dach-Verein auf
der Platte des sechsten Gebots. Hier auf der siebenten sucht er die
Austrocknung seines pontinischen Lebens-Sumpfes, der bisher
dem Sumpfvogel mit eiiier ganzen Windsbraut von brennbarer
Luft zusetzte, geschickt zu zeigen. Hinter dem groBen Gezelt, das
der Leser hier sieht, stehen — wie der Stiefel berichtet - unzahlige
groBere furstliche, die nicht zu sehen sind und die man auf dem
engen Stempel nur halbiert (obwohl unsichtbar) hinter dem Zelt 10
des Vorgrunds aufspannen muBte. Was hinter dem sichtbaren
Zelte vorfallt, kann unsere Aufmerksamkeit erwecken. Das ganze
Lustlager breitet sich frei durch den plauischen Grund des Stem-
pels hinauf und funkelt - der Hofstaat will dem Herrn und dem
Holzschnitt Ehre machen und prunkt - und welches Getiimmel
von Zelt-Fuggereien und Zeltschneidern und herumrennenden
Hoffuriers, Leibschtitzen, ZuckerstoBern und Beikdchen und
Mitgliedern des musikalischen Personale hauft der Kiinstler in
dem schmalen Bezirk eines Stocks, worauf sich keine Hand um-
wenden kann, hinter dem Vorderzelt zusammen! - Ich wollt', ich 20
konnt' es ordentlich sehen und die Leinwand ware so dlinn wie Beu-
teltuch und durchbrochne Manschetten ! Einiges von den Szenen
hinter dem Vorhangseihetundbeutelt sich wirklich durch letztern-
man betrachte die schwarzen Punkte und manche Strich -,
noch viel mehr filtriert sich von der Hof-Perspektive auf dem
Stempel selber, den ich da vor mir habe, um ihn zu erklaren; ja
die Zeichnung, wornach der Revisor den Stock ausschnitzte und
die zum Gliick auf meine Zeiten kam, deckt Kopfe hinter der
Kulisse des Zeltes auf und offnet ein wenig das blinde Tor des
Hintergrunds. Diese gluckliche Vereinigung des Stocks, der 30
Zeichnung und des Stiefels gewahrt freilich einem Kommentator,
fur den sie zustande kommt, in seinen Stocken Licht und Auf-
schluB uber Dinge, die ein anderer gar nicht sehen kann.
In diesem verhangnen Lager nun, das an die Festung stdBet,
die hier der Holzschnitt entdeckt, tritt der Revisor vor nichts Ge-
ringeres als vor - Serenissimus selber. Sein Stiefel kann es nicht
HOLZPLATTE DES SIEBENTEN GEBOTS 677
genug erheben, wie menschlich der Silluk einen elenden Unter-
tan aufnahm und handhabte: weit entfernt, ihn etwan Iebendig
pfahlen oder die Todesangst ausstehen oder nur knuten zu lassen,
ergriff vielmehr Serenissimus den schwachen Knecht eigenhandig
bei der Hand und lachelte deutlich - noch mehr, der Monarch
sprach vernehmlich genug und trieb endlich - Kronlein wundert
sich, daB er nicht vor Freude auf dem Platze maustot verblieb -
die Huld so weit, dafi er mit eigner Zunge vor iooo groBen Her-
ren den halbtoten Staatsknecht iiber seinen Namen, Stand und
Korper ausfragte. Der Revisor tut weiter unten auf dem Stiefel
den Schwur, er wolle nicht selig werden, wenn nicht jedes Wort,
10 was er da gleichsam statt des Leders zum Stiefel brauche, pure
reine Wahrheit sei. Er beeidigt dann auf dem Absatze des ge-
dachten Stiefels, daB Serenissimus sich so weit herunterlassen,
daB Sie ihn iiber seine hauslichen Schnurrpfeifereien, iiber
seine Stuben, seine EB- und Schlafzeit, iiber seinen Schlaf (ob
solcher fest) und iiber den gesunden Stand seines Bettleins ver-
horten.
Aber hier ist der Revisor nicht mehr seiner machtig, sondern
schreibt oder besohlet im Feuer den Stiefel immer langer hinaus
bis zu einem Schnabelschuh und RiesenfuB und legt dem ober-
20 sachsischen Kreis die Frage vor : wenn ein solcher Herr, der mit
diesem Feuer die Landeshistorie und die Familiengeschichte des
kleinsten Landskindes treibe, nicht ein frommer und menschen-
Hebender Herr ware, so muss* er selber (der Salzrevisor) nicht
recht bei Sinnen sein, und er huste auf den Kreis.
Er fahrt nun oben auf dem linken Schenkel fort und macht be-
kannt, daB sein gnadigster Herr ihn versichert habe, er wolle be-
sonders fur ihn sorgen und ihm, um ihn naher zu haben, einen
ruhigen Posten in seinem Palaste anweisen. Der Regent sagte,
ein solches Form -Talent (im Holzschneiden) miisse der Staat
30 noch mehr benutzen und ermuntern, als bisher geschehen; und es
soil' ihm hiemit aus der Hauptsalzkasse ein kleiner Stock und
Fond oder eine Baubegnadigung zum Holzeinkauf von gutem
Buchsbaum fiir Formbretter und zum Scharfen der kleinen Mei-
Bel, die dem Formmesser nachs.tofien, vorgeschossen werden. —
678 DAS KAMPANER TAL
- Und mitten unter der Rede wurde schon der Hauptsalzkas-
sierer zur Auszahlung befehligt ! - »Ich konnte es nicht in diese
Hosentasche bringen: o Gott, welch ein Landesherr!« schreibt
hier der selige Mann eben auf der besagten Tasche.
Ich glaube, hiemit nab' ich vielleicht das Interessanteste von
den unterirdischen Schatzen gehoben, welche dieser Holzschnitt
hinter dem Schanzkorb des Zeltes verwahrt.
Unerheblicher ist, was die Platte hier sehen lasset; und nach
einer solchen Ausfuhrlichkeit, womit ich den unsichtbaren Teil
derselben ins Licht gesetzt, erlaub' ich mir vielleicht mit Recht, 10
den sichtbaren bloB fluchtig zu beriihren.
Es ist bloB ein Zelt mit einem Hauptsalzkassierer, der aus dem
Kammerbeutel ein Benefizium fur den Kiinstler hebt. Die Kasse
hat, nach der Lange seines Ellenbogens zu schlieBen, nicht wie
ein Handwerk bloB einen goldnen Boden, sondern noch vollen
goldnen Regen bis ans SchloB. Die Ararien von Belang gleichen
den schwammigen Bechern aus Efeuholz, die man sonst als lang-
same Filtrierhute gebrauchte und die sich in drei Tagen selber
austranken: ebenso geben sich groBe Ararien gleichsam selber
aus. Der Hauptsalzkassierer leistet die Zahlung mit solchem eili- 20
gen Widerwillen, daB er aussieht, als stahl* er; daher auch die
meisten Ausleger vor mir die Oberschrift des Holzschnittes auf
den Kassierer bezogen, als mach' er die Landkasse zu einer Ope-
rationskasse und zum Repertorium fiir sich selber. Aber der Be-
amte ist ehrlich; und ich glaube nicht, daB man, gesetzt er steckte
einige Rollen zu seinem Gebrauche mit bei, oder er hatte sie in
das untenliegende Paket geschnallt, sagen konnte, er stahle. We-
nigstens ware der Ausdruck nicht mit folgenden Grundsatzen zu
reimen.
Die Diebe in England lassen, wfe uns Archenholz berichtet, 30
sich so wenig untereinander mischen als Adelung die Arten des
Stils : ein berittener Rauber unterscheidet sich von einem Infan-
teristen so sehr wie von einem ehrlichen Manne, der FuBganger
kann wieder entweder in Hauser oder in Taschen einbrechen
usw. ; das Orgelwerk von Spitzbubenpfeifen hat die verschieden-
sten Register; und kein Rauber von Ehre lasset z. B. die Injurie
HOLZPLATTE DES SIEBENTEN GEBOTS 679
Taschendieb auf sich sitzen. Dieses Kaperschiffsvolk ist eine
Nachahmung — aber eine verbotene — von den Ernte-Sozietaten
im Staate: z. B. der Forstbediente kann zwar Klafterholz unter
dem rechtmaBigen Titel Ab-, Busch- und Oberholz erheben;
aber wollt' er sich einiger Scheffel herrschaftlichen Getreides be-
machtigen: so wiird* er dem Verwalter ins Amt fallen, der allein
solche errungene Scheffel als eingeschwundene in seinen Rech-
nungen auffiihren darf. Kein Graf, der alle Perlenbache seiner
Grafschaft durch einen Kniegalgen zu Regalien erklaren kann
10 und soil, kann doch die elendeste Perlenschnur einer Hofdame
zerreifien und einige davon als Perlenfanger in seine Tasche lau-
fen lassen. Der groBte Regent darf keinem Individuum einen
Gulden nehmen, aber alien Individuen auf einmal kann er hin-
langlich abnehmen unter dem Namen Extrasteuer. Und so ist
jeder von uns (ich rede von polizierten Staaten) auf seine beson-
dere Kaper-Dividende angewiesen und eingeschrankt, die er neh-
men darf - greift er nach einer fremden, so stiehlt er — ; folglich
konnte ein Griff, womit der Hauptsalzkassierer sich einen In-
traden-VorschuB, metalHsche Rechtswohltaten oder ein Abiugs-
20 geld herausholte, zwar ein Hand-, aber nie ein DiebsgriffheiBen:
denn die Kasse ist eben seine Leihbank und sein RaubschloB. Die
Ahnlichkeit mit den Handwerksinnungen erlautert vieles besser:
der Grobschmied darf nur mit Horn- und Raspelfeilen, der Klein-
schmied mit feinern schaben und sagen; der Tuchmacher kammt
seine Wolle mit einfachen Kammen, mit doppelten ist nur Zeug-
wirkern erlaubt usw.
Es kann nicht geschlossen werden, als bis ich meinen Heben
Buchsbaum-Medailleur geschiitzet und gerettet habe gegen tau-
send Kenner, welche den Grund fodern konnen, warum er der
30 Nachwelt auf einer ganzen Platte nichts Wichtigers vorfiihrt als
einen Kassierer.
Ich muB dazu weit ausholen und griindlich gehen.
Wenige Menschen haben Geld, ausgenommen eben diese we-
nigen. Der Kirchenvater Augustin nennte die Armen seine Kin-
der; die Landesvater konnen noch besser umgekehrt die Landes-
kinder ihre Armen heiBen. Ich rede hier nicht von mir und den
680 DAS KAMPANER TAL
Poeten. Ich meines Orts versehe mich auBer Hause mit wenigem
Geld, aus Grundsatzen der Naturlehre, weil ich weiB, wie sehr
ich damit den Blitz - die Schmeichler ohnehin - ziehe, und im
Hause gilt dieselbe Vorsicht. Aus solchen physikalischen Griin-
den haben sich die Poeten langst erlekhtert, weil oft 10 Gewitter,
zumal die der Kreditoren, tagelang uber ihnen standen und nicht
weiter wollten. Aber ich rede von unsern gemeinen Nichtlesern,
welche saen und ernten durfen, aber nicht backen, und fur welche
das Staatsgebaude ein jerusalemitischer Tempel ist, in dem ein
Jude (nach Lightfoot) kein Geld bei sich haben durfte, und wel- 10
die gleichsam Staats-Monche sind, die dem Prior nach der Or-
densregel ihre Barschaft einhandigen. Die Griinde, warum der
Staat uber diese wohltatige Verarmung wacht, verdienen es, daB
ich sie in dem eignen Opus, das ich hier der Welt verspreche, fast
mit ekelhafter Weitlauftigkeit auseinandersetze. Er hat dabei we-
niger die Absicht, zu entvolkern - wiewohl Volker und Huhner
gerade dann keine Eier legen, wenn sie in der Mause sind -, noch
weniger die Absicht, zu verschlimmern - wiewohl gerade Hung-
rige oder Niichterne sich am ersten durch Epidemien verpesten -:
sondern was der Staat durch sein notwendiges Berauben der 20
Leute bezweckt, ist ihr Bereichern, so wie man sich friiher ra-
sieren lasset, um den Bart zu beschleunigen, oder so wie die Bie-
nen niemals fleiBiger und reicher eintragen als in leere Korbe, die
man deswegen verdoppelt und zeidelt. Daher ist es ein beson-
deres Gliick, daB es mit einem Staate so beschaffen ist wie mit
einem Fischteich, in dem allzeit die Hechte oben schwimmen, die
Karpfen aber (worauf jene stoBen) unten im Schlamm. -
Man lasse mich aber weiterreden. Bei solchen Umstanden ist
also nichts natiirlicher und notwendiger, als daB jeder Mensch
keine andere oder nahere Almosenkasse hat und kennt als — gar 30
nicht etwan die Stadtkasse oder die Relchsoperations- oder die
Witwen- oder die Heilandskasse, sondern - keine andere Kasse
als die Surpluskasse — und diese hat kein Teufel: niemand hat
BenuE-> geschweige %u vie/; mithin hat niemand auf der ganzen
Erde etwas zu verschenken, oder er bricht sich seiber die Not-
durft ab. Ein Freiherr ist darin so schlimm daran als ein Freisasse;
HOLZPLATTE DES SIEBENTEN GEBOTS 68l
und die menschenfreundlichsten Millionare haben fur den Armen
weiter nichts in ihrem Geldbeutel, als was sie in ihrem Herfautel
haben, namlich ihr Herz, aber nichts Hartes und Solides
Jetzt stelle sich der Leser das Erstauneh eines Lazarus vor, den
auf einmal ein Regent durch Hauptsalzkassierer in Gold einfassen
lasset. — Der Lazarus ist auBer sich, er vergisset sich und alles,
er weifi nichts zu machen - als die 7te Platte und den zahlenden
Rendanten auf ihr. - Und so beschirm* ich (denk' ich) den Revi-
sor gegen manchen. —
jo Ach man sollte sich mitten im frohesten Kommentar guter
Holzplatten bei den moralischen komplizierten Bnichen und Wun-
den aufhalten, welche der Staat dem innern Menschen durch die
Aushungerung des auBern schlagt! Denn wie konnen die Mil-
lionen Stubenbettler unserer Staaten, die von einem Kreuzer zum
andern leben, z. B. die 150000 Spinner im Osterreich, die zu je-
dem sanften Ton in ihrem kakophonischen Dasein die Saite erst
aus 120 Wollenfaden spinnen mussen - wie man zum C auf dem
KontrabaB ebenso viele Darmfaden von 12 Hammeln nimmt,
deren Wolle jene verspinnen -, wie konnen diese Armen einen
20 elenden Groschen verachten, auf den sie den ganzen Tag los-
arbeiten? Wie zusammengeknullet und zusammenfahrend muB
nicht eine Seele werden, die der Magen im Hungerturm des
Staatsgebaudes parforce jagt und die wieder auf die Vorjagd des
nachsten Bissens geht? Woher will die Humanitat des froh leben-
den Griechen, die Moralitat des freiern, vom Gliicke emanzipier-
ten Menschen einem miiden Geiste kommen, der keinen groBern
Zirkel von Ideen kennt als den seines Spinnrades und keine an-
dern Radien als die der Weife, und der keine Lust hat als EBlust?
- Solange daher noch das ErdgeschoB des Staates ein Amster-
30 darner Raspelhaus voll Arbeitsstuben ohne Ruhebanke bleibt -
und dieses bleibt so lange, als im hochsten Stockwerk des Staates
nichts als Braut- und Grahams himmlische Betten stehen, die man
nur verandert und nie verlasset -: so geb' ich nicht so viel, als ein
altes Weib in einem Tag erspult, um die Kultur des Volks und
urn tausend andere Sachen.
Ehe ich das siebente Gebot verlasse, weis' ich noch fluchtig auf
682 DAS KAMPANER TAL
einen feinen Zug des Kiinstlers hin, den Tausend iibersehen. Er
war dem Artisten wichtig genug, urn ihn durch die Verhiillung
der ganzen Gellertschen und Zimmermannschen Unterredung
mit Serenissimo zu erkaufen. So wie namlich die Hiobsplagen
unsers Revisors abnehmen, so merzet er auch die Akteurs auf den
Platten aus. Von Gebot zu Gebot schwindet wie in einer Anglaise
einer weg. Im ersten Gebot geht noch das voile Siebengestirn -
im zweiten fahrt die Kunst bloB mit Sechsen - im dritten mit
Fiinfen (denn der kleine Holzhacker ist der Symmetrie wegen ins
funfte uberzurechnen) — im vierten mit einem Postzug - im funf-
ten zahlen wir mit dem Latus-Holzhacker ein dreistimmiges Chor
— im sechsten Gebote agieret wie gewohnlich eine Stimme weni-
ger — das siebente kommt wie ebenso gewohnlich mit einem Solo-
spieler und Konklavisten aus. Das achte haben wir gar noch nicht
vor uns; und daher wollen wir uns an dasselbe machen.
HOLZ PLATTE DES ACHTEN GEBOTS
VIII.
683
HOLZ PLATTE DES ACHTEN GeBOTS
Aktenauszug des Injurienprozesses, Priigel betreffend - Landstande in par-
tibus infidelium - poetischer Geist der preuBischen Kopisten
Einmal freilich nimmt doch - wie in Staaten - das Amputieren
und diminuendo des Personale ein Ende, und die Aristokratie
des vierten Gebots kehret nach dem Umwege durch die Oli-
garchic des 5 ten und 6ten Gebotes aus der Monarchic des
7ten wieder im achten zuriick. - Was zeigt nun Kronlein hier
, der Welt?
Das wird man sehen, wenn man mich horet. - Voraus muB
ich sagen, daB er die schdne Zerfallung seiner gezeichneten con-
fessions oder memoires in zehen Gesichtslangen aufgibt und ver-
abschiedet, well ers nicht anders machen kann, da er seine Schen-
kel und Beine, die in den Gesichtslangen der Zeichner nur einfach
gerechnet werden, in duplo besitzt, der vollig ausgelassenen Anne
nicht zu erwahnen, die ein Mann doch auch an sich hat. Die para-
phrastische Erklarung der 8ten Platte schenkt er uns nun auf dem
684 DAS KAMPANER TAL
nicht geraumigen Wickelstrumpfe und dem wenigen, was er von
seinem weit zuriickgezognen linken Schenkel und Beine vorzeigt.
Uberhaupt wiirde die Literatur gewinnen, wenn mehrere Kunst-
kenner und einige Geschichtsforscher, sobald ich die Federzeich-
nung wieder ins franzosische SchloBchen zuruckgeliefert hatte, zu
einer literarischen artistischen Reise nach Weimar zusammen-
treten wollten, bloB um das Kronleinsche Konterfei selber zu
studieren und um nachher mit ihren Entdeckungen hervorzu-
gehen: nur durch eine solche Konfoderation ausgezekhneter
Manner zum Studium des weimarschen Vexierbildes mochte viel- 10
leicht (sollt' ich denken) eine befriedigende Erklarung des Feder-
spiels und der Holzschnitte zustande kommen; und nach dieser
konfoderierten Tetrapla, Hexapla, Oktapla zoge sich niemand
mit seiner einsitzigen Version vergniigter zuriick als ich.
Der Deutsche soil eigentlich alles untersuchen und durchgra-
ben;- aus einem Goldstiick des goldnen Zeitalters schlagt er 300
Goldblatter, die der Buchbinder falzet; und dann loset er ein
Blattchen davon im Konigswasser seiner Dime auf und schreibt
mit der Goldsolution wieder 300 Seiten iiber das Blatt; - und ist
das DiritenfaB verschrieben und verzapft, so setzt sich ein guter 20
Martorelli unserer Nation1 vor das FaB und drangt in wenige
Quartbande die Ansichten und perspektivischen Aufrisse des ge-
dachten Fasses zusammen.
Das Gliick oder die Quinterne des Revisors -das Kolloquium -
wurde im Lager bekannt. Auch Rauperten kommt es zu Ohren.
Der Teufel des Neides, der die Menschen eigentlich nur nach, nicht
vor dem Tode qualen sollte, mietet sich im Herzen des Altisten
ein und zernaget es wie eine Bucherlaus ein Cansteinisches Bibel-
werk. Es verdrieBt schon der Umstand den Lautenisten, daB ihn
der Artist neuerlich abgepriigelt; aber noch mehr stinken ihn die 30
neuen Blumenrabatten in Kronleins magern Leben an. Mit Vergmi-
gen hatte der Harmonist des Koloristen Lebensfaden und Gehirn-
fibern und Nervenpaare und Arteriensystem abgeschabt, abge-
schleimt, aufgedreht, ausgetrocknet und als zarte Saiten iiber seine
1 Bekanntlich fassete der P. Martorelli zwei Quartbande iiber ein antikes
DintenfaG ab.
HOLZPLATTE DES ACHTEN GEBOTS 685
Laute gespannt: er haBte ihn erstlich wie ein Teufel, zweitens wie
einen Teufel. -Ich brauche beinahe die eignen Worte des Strumpfs.
Raupert verfugte sich daher vor das forum deprehensionis,
welches gerade der Landstand war, und belangte den Revisor
tatiger Injurien, weniger des Zungen- als Armtotschlags. Hier
auf der Platte stent das Kollegium. Provokat (der Lautenist)
schreiet trotzig (auf dem Stempel schreiet er starker) und setzet
der richterlichen Hand den Zeigefinger entgegen, und' der Kopf
tritt wie eine losgehende Kanone ein wenig zuriick. In einem
10 Tornister, den er noch nicht aufgeschnallet, hat er die Scherben
der zersprungnen Laute mitgebracht, um sie dem Gerichte statt
eigner Knochensplitter vorzuweisen. Provokant (Kronlein), der
wie Moses an diesen Felsen geschlagen, statt ihn anzureden, steht
verzagt allhier, nicht aus bosem Gewissen, sondern aus Hoflich-
keit gegen den vornehmen geistlichen Herrn, und halt sein Hut-
futteral vor, das sein AngstschweiB wie ein Wasserrad umtreibt.
Man sieht, sein Gegner ist so oft wie der groBe Scipio verklagt
und losgesprochen worden, aber der arme Revisor noch keinmal:
es richtet ihn doch auf, daB wenigstens seine Hande hinter dem
zo Achilles-Dreh-Schild sicher sitzen. In einer alten Gerichts-Be-
stallung1 heiBet es: »Der Richter soil sitzen auf dem Richterstuhl
als ein griesgrimmender Lowe und soil den rechten FuB schlagen
uber den linken.« Vor solchen griesgrimmenden Lowen dreht nun
oft das Wildpret der Gerichtsstube den Hut, wie man wahre
Lowen mit umlaufenden Wagenradern abtreibt.
Der Gerichts- und Landstand sitzt unrasiert und in einer
Wach- und Schlafmiitze, um die ein schones Seidenband herum-
lauft, im Gerichtssessel : glefchwohl zieht er das Weinzeichen des
Staates (ein Ordenskreuz, das ihm hier herunterhangt) nicht ein.
30 Dieses Ordens- und Patriarchenkreuz geht am Herzen nieder,
anstatt daB in den alten Bibeln die Kreuze aus dem Munde auf-
warts steigen, anter deren Gestalt die Teufel aus den Gergesenern
fahren.
Nun wollen wir als Auskultanten dem ganzen Laufe des An-
klageprozesses zuschauen und das rechtliche Verfahren beurtei-
1 Hommel. observat. DXLVI.
686 DAS KAMPANER TAL
len. Provokat tragt unter freiem Himmel und mit dem Hute unter
dem Ellenbogen einem verehrlichen, sowohl vom Turban als vom
Thronhimmel bedeckten Gerichtsstande seine Notdurft, namlich
seine Schwielen vor und gedenkt eines sachsischen Blaues an sei-
nem Leibe, den Provokant wie Stahl schon geblauet haben soil.
Was setzte ihm Provokant oder Injuriant entgegen? Ich fur meine
Person wiirde, war* ich als sein Defensor aufgestellet worden,
vielerlei bewiesen haben: erstlich daB es keine tatige Injurie war
- zweitens keine miindliche - sondern drittens daB die Priigel
bloB eine captatio benevolentiae gewesen. Ich hatte folglich als 10
juristischer Elegant, d. h. als eleganter Jurist, sogleich an den
auBerordentlichen Unterschied erinnern miissen, der zwischen
Pulsieren (pulsare) und Verberieren (verberare) obwaltet. Man
verberiert erst dann, wenn man mit dem Schlag nicht blofi die
Ehre, sondern auch die Haut verwundet und DirTamations- und
Schmerzengeld zugleich verschuldet; aber mit dem diinngeho-
belten Lautenkasten war das dem Formschneider unmoglich. Mit-
hin pulsierte er bloB, d. h. die Beruhrung mit dem Futteral konnte
auf die Ehre des Altisten gemiinzet sein. Beriihren mit Futte-
ralen beschimpfet an und fur sich keinen Menschen (denn sonst 20
injurierte, das folgte, einer sich selber, der sich damit beruhrte),
wenn nicht der animus injuriandi (die Absicht zu beschimpfen)
dazutritt. Um diesen animus zu verneinen, konnt' ich anfiihren,
daB der Lautenist vorher gescholten habe. Mithin konnte Kron-
lein, da er das Schelten nicht erwidern durfte - Retorsion wird in
Sachsen nicht verstattet -, weiter nichts beschlieBen, als den In-
jurianten umzubessern. Dazu geben nun die Gesetze mehr als ein
Mittel an die Hand; namentlich miindliche Injurien. Der Helm-
stadter Schoppenstuhl erlaubt es Predigern, Schneider, Miiller
und Weber, kurz ganze Gewerbschaften offentlich Spitzbuben zu 30
nennen1; ja Leyser und Carpzov halten die Klage der Innung
selber fur eine Injurie gegen den Kanzelredner; so wie das papst-
Hche Recht befiehlt, daB man eine indezente Beruhrung, die sich
ein Monch gegen eine Frau erlaubt, fur ein Zeichen der Abso-
lution zu nehmen habe. Ich akzeptier' also niitzlichst, daB der
1 Leys. sp. 548. Med. 7
HOLZPLATTE DES ACHTEN GEBOTS 687
Gegner einraumt, Kronlein habe diese Kanzelberedsamkeit an
ihm versucht. Damit verband der Revisor noch ein anderes Mit-
tel (als adjuvans), aber ein sanftes. Denn ein hartes war* es ge-
wesen, dem Verleumder, wie Charondas in Sizilien tat, einen in-
famierenden Strohkranz aufzutun — oder ihm, wie Edgar in Eng-
land tat, die Zunge zu nehmen - oder gar, wie die Frankfurter1
sonst, die Augen - oder ihm vollends wie Konig Kanut die Haut
abzuziehen. Letztere aber nur mit dem Futteral eineslnstruments,
das man fur das sanfteste halt, der Laute, lekht zu ilherfakren,
10 zeigt den milden Menschen an. Theden sagt ganz recht: ich er-
kenne den grofien Operateur schon an seinen Instrumenten.
Schon Schlage an sich sind schatzbar, die Mandarinen in Sina und
die Generale in N. N. erhalten sie haufig - der groBe Luther
wurde in einer Vormittagsschulstunde i5mal ausgepriigelt - ja
Rousseau halt Schlage gar fur die derniere faveur der Dlle. Lam-
bercierl Schon wenn dem auBern Menschen etwas Hartes im
Schlunde steckt, woran er erstickt, wenn es nicht herauskommt,
pufFt man gelinde in den hohlen Riicken: daher wurden zu alien
Zeiten, urn harte Dinge aus innern Menschen herauszubringen,
20 die auBern gepufFt; so wie man die Wechselkinder oder Kiel-
kropfe spiegelt, damit sie der Teufel hole und die echten bringe. -
Endlich konnt* ich die Defension mit dem kuhnen Gedanken
schlieBen, daB der Formschneider bei solchen Absichten und
Grundsatzen den Kontraaltisten ohne Verantwortung hatte gar
erschlagen konnen, well sich dieser so wenig hatte beschweren
diirfen wie Drako, als das Volk ^etztern (nach Suidas) unter der
gesungnen Promulgation seiner Gesetze aus freudigem Beifall
mit so viel Miitzen und Rocken bewarf, daB der Gesetzgeber
erstickte. —
50 Aber was bestritt oder bewies denn mein Klient Kronlein auf
der 8ten Platte? - Gar nichts: er gestand alles und fiigte bloB bei,
er wiirde sich nie so sehr vergessen haben, hatte nicht Raupert
so entsetzlich auf den Herrn Landstand losgezogen.
Das gab dem Prozesse einen unerwarteten Schwung.
Die Injurien gegen den Kreuzherrn wurden spezinziert.
1 Meiners Vergleichung des Mittelalters etc. 1. B. p. 605.
688 DAS KAMPANER TA L
Dem Kreuzherrn wurde wunderlich, und er saB zwischenzwei
Folterstuhlen : vergab er die Injunen, so macht' er sich verdach-
tig und seinen Partagetraktat mit Raupert publik; zuchtigte ersie,
so war mit dem Altisten nicht zu spaBen. Wie wahlt er nun unter
beiden Wegen? - Wie ein holier Geistlicher: beide. Erstlich sagt'
er, alle Felonien verzeih' er von Herzen. Er gehorte unter die
Menschen, die Liebe und HaB mit derselben lachelnden Physio-
gnomic ausdriicken, wie in den franzosischen Letternkasten der
namliche Strich das Trenn- und das Bindielchen vorstellt. Die
hohe Weltlichkeit und die hohe Geistlichkeit verspuren den bos- 10
artigen entstellenden EinfluB moralischer Epidemien uberall, nur
nicht im Antlitz - das bleibt reizend — , wie Kratze und Friesel
ebenfalls den Teil des Korpers schonen, den Casar an Pompejus*
Kriegern anfallen lieB, das Geslcht. - Zweitens setzte der ehrwiir-
dige, nicht entstellte Kreuzherr hinzu: nun da er personlich dabei
interessiert sei, stelF er aus Liebe gegen Feinde und gegen sein
Gewissen das ganze Endurteil lieber Serenissimo anheim, und er
sei Belohnen, aber nicht Bestrafen gewohnt und weiche nicht ab.
Welche Linde und Milde! Der Silluk trug dazu bei: denn so sehr
wirkt uberall das Beispiel der Tugend mehr als alle Abendandach- 20
ten und BuBlieder und Kirchenmusiken, daB, wenn ein Fiirst nur
an irgendeinem Menschen das Beispiel der Vergebung und der
Liebe statuiert, der ganze Hofstaat dem Beispiel folgt, so wie im
(umgekehrten) physischen Fall der Lakai, der seinem prodagri-
stischen Prinzipal die Strumpfe abzieht, das Podagra einhandelt
und aufgreift.
Als die Sache vor den Fursten kam, entschied er - ich fuBe auf
den Strumpf und das Bein -, er wolle, dem Bischof in partibus
solle jede Satisfaktion gegeben werden, die er begehre; ubrigens
wiinsch' er den Musikanten nun nicht mehr in seiner Kapelle zu 30
erblicken. Der Landstand lehnte alles ab - denn dem Strumpfe
miissen wir glauben - und bat sich bloB die Gnade aus, eine er-
zeigen zu diirfen: er besaB im Erzgebirge (der Strumpf hatt* es
nennen konnen) eine artige Hollanderei (sein patrimonium Petri)
samt der akzessorischen Kompetenz-Schaferei. Er sagte Serenis-
simo ins Gesicht, niemals halt' er es aus, daB durch ihn ein Burger
HOLZPLATTE DES ACHTEN GEBOTS 689
verungliickte und falliere; daher fieri' er, daB er den ungliicklichen
Lautenisten als Okonomus dorthin versetzen diirfe, um denFeind
durch Wohltun zu gewinnen und durch die Schaferei feurige
Kohlen auf dessen Kopf zu sammeln. Es wurd' ihm hohern Orts
vergonnt.
Jetzt hatte der Erzbischof den fatalen Nebenbuhler samt dessen
Koadjutor-Hut anstandig zum Henker gejagt.
Das wenige, was ich noch beilaufig nachzuliefern habe, ist
nichts als das:
10 Der Teufel werde erstlich aus Bischofen in partibus klug -
zweitens aus Serenissimis - drittens aus foris deprehensionis.
1. Aus Bischofen in partibus infidelium. - Denn ein Bischof
etc. - d. h. ein Erzbischof, Ordensgeneral, infulierter Abt, Ober-
beichtvater, Rosenkranzbeter (eine geistliche Hofstelle in Wien) -
schkkt sich stets in die Zeit, d. h. in die Welt. Er gibt Gone,
was Gottes ist, und dem Teufel, was des Teufels ist, und ver-
stoBet gegen keinen von beiden; der Doppel-Zeiger seiner Seele
weiset zugleich auf das ite Jahrhundert und auf das i8te, so wie
der konigliche Uhrmacher, Herr Klemeyer (nach einem Vor-
20 schlage des Herrn Schulz in den Nouveaux Memoires de TAca-
demie R. d. Scienc. et d. B. L. 1782) Uhren mit doppelten Wei-
sern gemacht, wovon der eine die mittlere Zeit angibt, der zweite
die wahre. - Die doppelten Weiser bringen natiirlich auf die
Frage, wer denn dieser hohen Geistlichkeit, die immer Laien ab-
solviert, selber vergibt, und an welchem Orte trifTt sie, die alien
Siindern und Totschlagern Frei-Statten und Frei-Stadte bauet
und zeigt, selber dergleichen an? - Ja Pittaval1 berichtet sogar,
daB einmal ein welscher Morder vor den nachhetzenden Sbirren
auf eine geistliche - y^/be/entsprang: da droben saB er gedeckt;
30 auf diesem Ararat, das wie die judischen Freistadte absichtlich
hoch, um leichter gefunden zu werden, lag, -war dem Inkulpaten
wenig anzuhaben. — Und eben das beantwortet die obige Frage
recht gut: auf dieselben zwei kanonischen Achseln, auf denen so-
gar der blutschuldige Laie sein Moratorium und seine Quittung
erspringt, rettet sich der noch leichter hinauf, der sie selber hat,
1 dessen Art d'orner l'esprit en l'amusant P. I.
6<)0 DAS KAMPANER TAL
wie das Haus eines Gesandten nicht nur seinen Leuten und Frem-
den eine Freistatte darbeut, sondern auch ihm selber. Das Gegen-
teil ware Siinde und undenklich; ja eben daher, daB der Frei-
Stadter seine eigne Freistadt ist, die er mit Nutzen iiberall bei der
Hand hat, und dafi er in Zeiten der Verfolgung auf die Berge sei-
ner Achseln fliehen kann, kommt der schone Ausdruck: auf bei-
den Achseln tragen.
2. Aus Serenissimis, sagt' ich zweitens: ist etwas klarer? -
3. Aus foris deprehensionis — wozu noch die fora domicilii und
die fora delicti zu rechnen - und das mit Recht. Wenige sind im- 10
stande, sich es zu entziffern, warum alles in Sachen Rauperts
contra Kronlein so gliicklich ablief und so schnell; ja ich glaube,
es gibt nur einen Kunst- und Stadtrichter, der die zwei Ursachen
davon weiG und sagt, und das bin ich selber. Die erste ist diese:
Rechtsfreunde eilen und verfahren im ganzen lyrisch, dithyram-
bisch, episch genug, wie denn iiberhaupt die ganze juristische
Kommunitat viel Poetisches zeigt. Schon fruh merkt Aristoteles
in seinen Problematen an, daB alle alte Volker ihren Geset^en die
Form von Liedern gaben; daher heiBen noch in der deutschen
Sprache Strophen Gesetze. Die neueste preuBische Gerichtsord- 20
nung gedenkt die Sache noch weiter zu treiben und will fur die
Welt die besten poetischen Adern offnen: wenigstens ist es nicht
ohne gute Folgen, daB sie alle Kanzleiverwandten anhalt, sogar
die Akten und Dekrete zu skandieren — indem sie fur jede Seite
24 Zeilen fodert, und fur jede Zeile 12 Silben -, und daB sie da-
durch die Dikasterianten zu Rezitativen und didaktischen Ge-
dichten von 24 jambischen Verszeilen (jede zwolfsilbig, d. h.
wenigstens sechsfuBig) auffordert und zwingt. Das vom Gesetz-
buche vorgeschriebene Metrum nimmt viele poetische Freiheiten
an und geniert keinen Kanzlisten; daher glaub* ich selber, daB 50
das ewige Silbenzahlen aus den Kopisten, Registratoren und Ge-
genschreibern am Ende jene schone Academie des belles lettres,
jenen Zesischen Blumenorden bilde, den das peuBische Gesetz-
buch bezielt. Unter so vielen juristischen Dichtern hat nun
ein Kiinstler das leichteste Spiel, und sie tragen gegen ihn gleich-
sam eine Blutsverwandten-Liebe, ja eine groBere als gegen Dich-
HOLZPLATTE DES NEUNTEN GEBOTS
69I
ter selber: denn nach Lessing liebte und lobte Pope Knellern
starker und lieber als den unersetzlichen Addison.
Zweitens machte nichts den Kronleinschen Weg Rechtens so
glatt, blumig und gerade, als daB der Furst selber sich um die
armen Untertanen bekummerte und ihnen beisprang. Den Fiir-
sten wird oft wie dem Isaak der Segen abgestohlen - und den Re-
zensenten oft wie dem Bileam abge^wungen — ; aber einem solchen
Herrn wie Serenissimo ist nichts weiszumachen: er will uberall
selber sehen und steigt mit der Harfe aufs Dach heraus, und dann
. resolviert er erst. -
IX.
HOLZPLATTE DES NEUNTEN GEBOTS
Lowe der Justiz — schwache Seite des Revisors
Frankfurter MeBleute -haben mirs erzahlt, daB einmal auf dem
Theater der Reichsstadt ein Lowe, von dem in Frankfurt kein
Original-Exemplar zu haben war, ungemein gut und tauschend
durch ein Paar Jungen reprasentiert und kopiert wurde, die sich
6<)2 DAS KAMPANER TAL
in einen Lowenbalg begaben und wo von der eine die Vorder-
beine des mimischen Leuen vorstellte und beseelte, der andere
die Hinterbeine. Mit diesem Gefiillsel und Reichsvikariat ist ein
Buhnen-Lowe zu machen. Aber wenn der konigliche Lowe der
Justiz in Bewegung und Atem gesetzt und bemannet werdeh soil:
welches Heer von Administratoren und Konklavisten muB in
die Haut des groBen Tiers zusammenkommen, damit es gehorig
schreite, wedle und briille! Ich kann die Sache oft stundenlang
berechnen und weiB am Ende so wenig wie zuvor. Ich lasse mich
hier nicht auf die drei Seelen des Leuen ein, auf die plastische, auf 10
die sensitive und die verniinftige, die unter dem Namen der drei
Instanzen bekannter sind; sondern ich richte die Aufmerksam-
keit der Denker bloB auf das Personale von Kuratoren, die in den
verschiednen GliedmaBen des Raub- und Saugtieres arbeiten : -
den Schwanz desselben muB eine besondere Kommission bewoh-
nen und bewegen - den Magen besetzt ein ganzes Kammerkolle-
gium und besorgt Magensaft und peristaltische Bewegung - wie
viele Regierungsrate gehoren nicht zu den vier Tatzen, samt i*n~
zahligen Federmessern und Rabenkielen zu den Zahnen - und
doch wiird* es dem Landtier an einer Kehle mankieren, kroche 20
nicht als Schwester Rednerin, als Spiritus rector eine Frau (etwan
eine Konsulenrin, eine Ratin, eine Prasidentin) in den Balg und -
dekretierte.
Dieser Fall war auf der vorigen Platte: Regina machte die
Kehle.
Wollt' ich jetzt noch auseinandersetzen, wie Pitt den britischen
Lowen ausbdlgt und dann metallisch und spirituos ausspritzt: so
wiirde mich das zu weit abfuhren, wenigstens von der 9ten Platte.
Weshalb soil ichs verstecken, daB mich hier unser Kiinstler
viel weniger zufriedenstellt, als er sonst pflegt? Das Publikum 30
und die chalkographische Gesellschaft werden entscheiden -
Kronlein ist namlich wider alles Vermuten imstande, in eine sol-
che Shakespeare-Gallery seines dramatischen Lebens, mit der er
auf die Nachwelt kommen will, eine Szene aufzunehmen, worin
er nichts Bessers vorschnitzt und vorzeigt als den Lautenisten
samt Hammeln. Diese Platte stellt namlich, nach Aussagen des
HOLZPLATTE DES NEUNTEN GEBOTS 693
rechten Arms - nicht des meinigen, sondern des Kronleinschen
im Konterfei -, bloB den Altisten in der Ponitenzpfarre einer
Schaferei im Erzgebirge vor, wo er zugleich eine Darmsaiten-
Dreherei nicht bloB fur seine Laute und fur Silluks Kapelle, son-
dern auch fur dessen Spitzharfe treiben soil. Eine ganze Jury von
Hammeln (namlich 12 solche Patriarchen) miissen ihr Gedarm
zu einer Violoncellsaite zusammenschieBen. Hier futtert und fiil-
let er ihnen die Darmsaiten, eh er sie zwirnt. Im Stande, im Knie-
bug, im Wamsschwung zeigt sich der arkadische alte Schalk wie
10 stets - Kronlein wiirde sich, wenn man ihn im zweiten Leben
uber diese Platte zur Rede stellte, so verantworten: »Aus bloBem
Erstaunen uber den sanften Bischof offnete ich dem Schafer und
seinen Hammeln die Platte; ich dachte, es sei nichts als Menschen-
liebe, warum der Landstand seinem Verleumder das gab, was
eigentlich dieser jenem hatte geben miissen, namlich die Mist-
gabel.1 Aber die Ewigkeit hat mich belehrt, daB die Absolution
nur eine verstecktere Rache war und die Gabe ein Raub.« Und
das hatt' er schon auf der Erde wissen konnen, hatt' er nur ein
Kirchenjahr lang mit Spitzbuben Umgang gepflogen.
20 Wenn aber solche Kiinstler fallen, wie wollen kleinere stehen ?
Der Revisor glitt aus, weil er in das ewige Wintergriin der Kunst
die Kuchenkrauter des personlichen Lebens einflocht. Der grofie
Kiinstler muB in der Stunde, wo er seine Mosis-Decke aufhebt
und auf seinem Berge die ewigen Gesetze der Kunst empfangt,
sein tieferes Leben und GenieBen und Leiden vergessen; und in-
dem er gen Himmel steigt, muB unter ihm die Erde mit ihren
kleinen Reichen zusammenkriechen und unter der letzten Wolke
verschwinden. — ■
Inzwischen miiBten die Bibliothek der schonen Wissenschaften
30 und Herr Ramdohr mich zur Rede setzen, wenn ich nun die
Schonheiten verschwiege, die gleichwohl dem Holzschnitte in
jedem Betrachte noch bleiben. Aristoteles befiehlt epischen Dich-
tern, alle Schmuckkastchen der Diktion fur den untatigen para-
1 Einem Tagewerker in Sachsen wurden sonst-fiir eine ihm zugefiigte
Injurie zwei wollerie Handschuhe und eine Mistgabel vom Beleidiger ge-
geben. Doplers Schauplatz der Leib- und Lebensstrafen etc. 1. T. p. 827.
694 DAS KAMPANER TAL
lytischen Teil der Fabel auszuleeren und ihre lahmen Glieder da-
mit anzuputzen. Kronlein verfahrt hier nicht anders: ich glaube,
niemand weniger als ich braucht von der schonwissenschaftlichen
Bibliothek und von Herrn Ramdohr darauf gebracht zu werden,
da6 Deutschland hier auf einem Raum, den eine auseinanderge-
brochene Schokolade- oder Fleischbruhtafel decken konnte,
nichts Geringeres beisammen habe als 1) einen Ruysdael, 2) einen
Wilhelm Van der Velde, 3) einen Van der Meer und 4) einen
Sachtleben zugleich. Wenn ich zuweilen die Partien dieser Land-
schaft einzeln kopierte und Kennern zeigte: so wurde meistens 10
der Wasserfall aus dem Granit der ersten Nummer zugeschrieben
(dem Ruysdael) - das stille Wasser der zweiten - die Hammel der
dritten — die AIpe der letzten. Allein ich lachelte innerlich und
sagte: »Zu Ostern 97 werden vielleicht in Schwortz einige Noti-
zen vom Meister und dessen Werken gedruckt und zugleich be-
wiesen, da6 es nur einer gemacht« - und dann zeigt* ich den Ken-
nern den neunten Stempel.
So weit der Kommentar dariiber. - Obgleich der Probierstein
der Kritik den indischen Amethysten gleicht, die man sonst auf
Gelagen an sich trug, um nilchtern zu bleiben : so soli sie uns doch 20
den Gaumen und die Geschmackswarzen fiir das spirituose Ge-
trank nicht nehmen. Leuten, die mich fragen; mit welchem
Rechte wirfst du dich zum Cicerone und Ramdohr von Kunst-
werken auf, ohne je selber einen Stock geschnitten zu haben? geb'
ich aus Verachtung keine Antwort als die von Correggio: »Auch
ich bin ein - Formschneider.« - Ich forme freilich nicht mit dem
Formmesser, aber doch mit demFedermesser,und gegenwartiger
Kommentar ist mein Werk.
Was die Kiinstler und Dichter anlangt, die vor oder hinter
ihren Werken von ihrer darauf verwandten unsaglichen Kritik, 30
d. h. hinter ihren Glasftiissen und bohmischen Steinen von ihrem
Demantport und ihren Schleifscheiben sprechen, so vergleicht sie
die Welt stets mit den Fliegen, die noch immer, wenn man ihnen
den ifo/j/abgedruckt, die VorderfiiBe vorstrecken, um die Augen
zu saubern.
HOLZPLATTE DES ZEHNTEN GEBOTS 695
X.
HOLZPLATTE DES ZEHNTEN GEBOTS
Vokationen — Erkennungen
»Monsieur l'Intendant des lits et meubles!« - so wiirden alle Leser
den bisherigen Salzrevisor anreden mussen, war' er und sein Sarg
nicht schon ganz zusammengefault. Auf der loten Platte des
Zehner-Gebots horten, wie es scheint, alle seine 10 Verfolgungen
auf.
Sein linker Arm hinterbringt es gleich oben an der Achsel, daB
> Serenissimus den Ci devant-Salzrevisor wenige Tage nach dem
Kolloquium vor sich kommen lieBen und ihm nicht verhielten,
daB jetzt nichts zu machen sei und keine Stelle offen stehe als bloB
des Bettmeisters seine, die man Supplikanten anbiete. Die In-
traden des Bettmeistertums konnen freilich nicht so hoch auf-
laufen wie die potsdamschen Bettgelder, die ganz etwas anders
sind und unter deren Namen die Kur- und Neumark jahrlich
10000 Taler an den Konig abschickt; inzwischen ist doch im
ganzen Amte mehr Ruhe und Beute - weil es ein Hofamt ist -,
6<)6 DAS KAMPANER TAL
und der Ex-Revisor hat wenig mehr zu tun als die Ober- und
Unter-Betten zu paginieren und zu bewachen und solche Kissen,
die Ruhe haben (weil sie keine geben), zu verpetschieren und
deswegen einwarts nahen zu lassen, damit aus ihnen die Dunen-
Fiille nicht ausgekernet wird.
Es sind Geschafte, sagte der Silluk oder Harfner, die schon
halb die Frau versehen konne. Serenissimo sei der Verstand der
Revisorin nicht unbekannt; iiberhaupt sei so etwas fur Weiber,
und ihnen entwische weniger hierin. Allerdings sind fiir das weib-
]iche Federwildpret die Bettfedern Schwung- und FloBfedern, 10
gleichsam kleinere Aigretten und Kokarden, die mehr tragen als
getragen werden. —
Dafur aber rechne Serenissimus darauf, daB der neue Bett-
meister seine kiinstlerische MuBe zu Kunstwerken verwende, wie
man sie von ihm erwarten konnte, Werke, die Glanz auf Sachsen
wiirfen - insonderheitlich sahen Serenissimus gem, daB dem ge-
meinenMann die Apfel-des lutherischenKatechismus in den gold-
nen Schalen von Holzschnitten prasentieret wiirden. -
- Und dieser Wink ist der kleine Zufall, dem das achtzehn-
hundertjahrige Deutschland so viel verdankt, die katechetischen 20
Platten - und meine schlechte Erklarung.
Sonst werden mit demselben FleiBe die militdrlschen Kom-
mandoworter verkiirzt und die gerichtlichen ausgedehnt (die De-
krete etc.); - hier aber im Lustlager war Bittschrift und Rucken-
dekret ein abbreviertes Ja? und Ja! -
Auf dieser Stelle der Historie steht nun der Kronleinsche Hnke
Arm, der uns wie ein holzerner den Weg zur zehnten Platte zeigt.
Erwurde entziickt Bettmeister. Zum Antrittsprogramm schenkt
er hier der Welt einen der besten Auftritte. Als Intendant des lits
et meubles untersucht' er wenige Tage nach der Bestallung samt- 30
liche hohe Betten, ob sie noch bekielet waren wie Spinette oder
befedert wie Kanzleien. Er sagt auf dem Ellenbogen des Konter-
feies (er will die allgemeine Erwartung steigern) er nab* es fur
seine Pflicht gehalten, die bettmeisterliche Haussuchung bei dem
lit de justice und Federtopf der Person selber anzuheben, der er
alles verdanke, bei dem landesherrlichen. Als der Intendant die
HOLZPLATTE DES 2EHNTEN GEBOTS 697
faltigen Vorhange dieses Allerheiligsten leicht auseinander ge-
rissen: wurd* er auf den landesherrlichen Kopfpolstern zu seinem
Erstaunen und Erstarren - er sagt, man solle raten, und wettet,
man nenne alles, ausgenommen was kommt - seine Frau gewahr.
»Es war ein bedenklicher SpaB und der fast allzukuhn«, sagt er
auf seinem Arme weiter unter dem Puis. Die Bettfrau (seine Re-
gtna) hatte sich namlich aus Scherz (meldet er) in die landesvater-
liche Ruhestatt versteckt, um den Moitisten ihrer eignen kindisch
zu erschrecken. Der Bettinspektor, der in diesem klassischen und
10 geweihten Dunen-Boden nichts suchen konnte als hochstens seine
Landesmutter und Dogaressa, prallet vor seiner eignen Regina
zuriick, unentschliissig, soil er erblassen oder erroten, und ist
auBer sich und wenigstens halbtot. Regina, welche die Folgen
dieses Scherzes endlich sieht, setzt ihm nach - die Platte zeigt es -
und halt ihn beim t)omino und bedeutet und ermahnt ihn, doch
kein Narr zu sein, sondern einzusteigen, Serenissimus werde sich
totlachen, und weiter sei es nichts. Er hob aber die Arme schwd-
rend auf, er muBte sich betrunken haben, wollt' er solche Teufe-
leien gegen seinen Landesvater anfangen, und sie solle augen-
20 blicklich betten. Er segelte ab, sie bettete um, und so wars vorbei.
Ich weiB nicht, ob in* diesem blofi biirgerlichen Schauspiel die
Kritik es leidet, daB der Bettmeister sich hier auf elnem Halse
zwei Gesichter aufschnitzte, sein schones angebornes, das er lie-
bend gegen die Bettfrau kehrt, und ein abscheuliches wildes, das
abgewandt dem rechten Beine folgt wie jenes dem linken. Der
Kunstrat Fraischdorfer, der das ganze Holzschnitt-Kabinett dieses
Katechismus besitzt - namlich den Katechismus, worin es steckt-,
nimmt meine Meinung gar nicht an, sondern behauptet, das
heiBe einem Kiinstler Krebsschaden inokulieren statt operieren;
30 die Platte stelle orTenbar folgende Szene vor: »der hohe Dach-
Harfner des sechsten Gebots sei wahrscheinlich von der Redoute
mit der Maske in sein Schlafzimmer getreten, um Ruhe zu gewin-
nen (denn nicht nur Monarchien miissen Ruhe - Republiken aber
Unruhe - haben, um die Verfassung zu behalten, wie Raynal
sagt, sondern auch, setz* ich hinzu, die Monarcheri) - Serenissi-
mus schlage die Seiden-Gardinen zuriick und betreffe darhinter,
698 DAS KAMPANER TAL
was wir alle hier vor uns haben — und in der Todesangst und
Flucht nab' er mit der Rechten (indem er damit auffuhr, wie
noch zu sehen) die Larve auf das rechte Ohrherumgedreht, und
so schaue er mit der Maske nach der Tugend, mit dem Gesicht
nach der Siinde.«
Scharfsinn ist der Deutung nicht zu nehmen, aber Wahrheit:
denn aus dieser Wolke reicht uns der Kunstler seinen linken Arm
und zieht damit jeden,aus dem Sumpf. Ein Artist weiB allemal
eher als die Kenner, was er haben will. Oberhaupt ist gar nicht
wahrscheinlich, daB die Silberdienerin die Vorziige ihres Ge- 10
schlechts in dem Grade vergessen haben sollte, daB sie - da die
Weiber, nach Haller, den Hunger langer ertragen als wir, ferner
sich schwerer, nach Plutarch, berauschen, nach Unzer alter wer-
den, kahl gar nicht werden, die Seekrankheit nach De la Porte
schwacher bekommen, langer nach Agrippa1 im Wasser oben
schwimmen, seltner nach Plirrius* von Lowen angefallen und
nach alien Erfahrungen immer die Erstgebornen und bessere
Krankenwarter sind - bei solchen Vorziigen ists wenig glaublich,
daB die Bett-Intendantin Serenissimum beim Mantel gefangen
hatte; aber - erwartet kann sie ihn sehr leicht haben. 20
Eine dritte Meinung iiber diesen Stock nehm' ich nur herein,
damit sich der Leser vom muden Ernste der Untersuchung durch
ein Lacheln erhole : wieder die Ausleger haben die dritte gehabt,
namlich gegenwartiger Bettmeister oder (nach der Fraischdorfer-
schen Hypothese) gegenwartiger Serenissimus sei der keusche
Joseph, und die Bettfrau sei Potiphars Frau . . . Armer Revisor,
wie Albano seine Frau bald als Magdalena, bald als Maria in seine
schmeichelnde Gemalde berief, so sollst du auch deine Regine
bald als Madame Potiphar, bald als Bathseba mit deinen Kate-
chismus-Stocken ausgepragt haben! - 30
Der fiirstliche Faltenwurf des Parade-Torus bestarkte die
Ausleger in ihrem biblischen SpaBe nur noch mehr. - Und nun
ists mir auch kein Ratsel, warum meine Kollegen den Revisor
auf dem Berge der ersten Platte fiir den Gesetzgeber Moses
1 Agrippa de nobilit. foem. sexus.
3 H. N. VIII. 16.
HOLZPLATTE DES ZEHNTEN GEBOTS 699
ausgaben: denn letzterer wurde bekanntlich mit Hornern ab-
gebildet. -
Ja nach Potter1 und Lessing wurden schon bei den Alten nicht
blofi heilige Baume, Altare, gemalte Flusse, sondern auch Fiir-
sten, Helden und Gotter mit Hornern geschmuckt, weil man sie
fiir Insignien und Sinnbilder einer ausgezeichneten Wiirde hielt.
- Eigentlich ist hier der fiinfte Akt zu Ende, der Theatervor-
hang auf dem Boden und mein Amt vorbei; aber der Vorhang
fahrt wieder auf und zeigt die frohern zwei Akte des Nachspiels.
10 Wenigstens sen' ichs fiir meine Obliegenheit an, meinem Helden
in die Bagatelle und das Monrepos seines hauslichen Freuden-
saales mit meinem Kommentare nachzuziehen. Seit dem sechsten
Gebote nahm er zu seinen Formbrettern teueres Buchsbaumholz,
das schwerste europaische Holz, um sein eignes Gewicht zu mel-
den - und iiberhaupt ist der ganze Bilderkatechismus eine ver-
kleinerte Kopie seines Lebens — wie etwan der Franziskaner Tho-
mas Murner die Logik in 5 1 Holzschnitten beibrachte, die char-
tiludium logicae hieB — und da dieser Weg viel weicher und scho-
ner ist als der andere, den der Jesuit Menestrina ging> weicher des
20 aufgeblasenen Ludwigs XIV. Leben bloB aus Munzen beschrieb -
und mahches fiirstliche und dieses Ludwigische ist leichter aus
den ausgegebenen, aus den valvierten und aus den falschen zu
extrahieren als aus denen, die aufs Leben geschlagen wurden - :
so hielt* ichs fiir Diebstahl, die zwei schonsten Ausschnitte aus
Kronleins Leben der Nachwelt wegzuschneiden. Wozu diente
sonst auf dem weimarschen Blatte der Flachmetfiel und der kleine
Bischof?
Beide wurden nie erklart, wenn ich nicht fortfiihre —
1 dess. griech. Archaologie, von Ranibach iibersetzt. 1. B. p. 469.
700
DAS KAMPANER TAL
XI.
Erster Freudenstock
Erklarung desselben — Brief eines Mannes von Welt
Hier steht derBettmeisterin seinem schonstenTempeldesRuhms
und in seiner Westmiinsterabtei: er lasset taufen. Das Mannchen
rechter Hand, das mit aufgemachten Zirkel-FiiBen und aufge-
zognem Fliigel-Mantel hervorhorcht, ist der Kindes-Vater Kron-
lein. Man erkennt ihn hier schwer unter dieser Kopf-Wildschur
und diesem Glatzen-Shawl, unter der Gala-Perucke. Er steht hin-
ter seinem Gevatter, einem fetten und vornehmen Mann. Er bat
namlich Serenissimum selber, der Taufzeuge des Sohnleins zu
sein - damals tat man das ofter als jetzt, wo man fast nach dem
Gesetz der Talmudisten handelt, daB ein Konig und ein Brett-
spieler keine Zeugen sein konnen-; daher wurde vom Silluk
gegenwartiger Nutrkor der Landes-Universkat als Vize- und Vika-
riatsgevatter hergestellt. Wenige Nutritores von Universitaten
werden gleich dem gegenwartigen mit solchem Anstand unter
einem solchen Grau- und Vorlegewerk der Periicke zu Gevatter
ERSTER FREUDENSTOCK 7OI
stehen, in einer so niedlich zuriickhangenden Mantille, mit einem
solchen WinkelmaB von Pas; und nicht auf alien Nutritoren-
Gesichtern schwimmen zwei solche Fett-Augen, und wenige zei-
gen diese aus Milch und Blut aufsteigende fette Sahne der Physio-
gnomic und dieses mit Talg ausgespriitzte Praparat von Leib, das
den zugeknopften Rock unten abbreviert.
Auf dem Baptisterium oder Tauf-Lavor finden wir iiber der
Tauf-Bay das gebogne Minierraupchen und Essigalchen, das die
erste Olung bekommen muB. Der arme gekriimmte WasserschoB-
) ling wird in wenig Minuten vom Nutritor den Namen Gerg er-
halten: ich hatte den kiinftigen Gerg auch eine Hyazirithe iiber
dem Blumenglase voll Taufwasser nennen diirfen. In den fruhern
Zeiten war das Bad der Wiedergeburt nicht wie jetzt ein Spriitz-
bad, sondern ein Plongierbad; und Baden und Taufen und Ein-
salben horte damals nicht schon unterhalb der Glatze auf. Ein
englischer Arzt gibt der Abschaffung dieses kanonischen Halsba-
des1 die Zunahme der englischen Krankheit schuld; eine ahnliche
Verkriippelung und solche Doppeltglieder brechen am innern
Menschen aus, wenn an ihm nichts ein Christ wird. als der Kopf.
> Wer der Taufer oder Jupiter pluvius ist, das kann uns nur der
FlachmeiBel sagen... Allein wer der FlachmeiBel ist, das^kann
ich nur sagen: diesen Namen fiihrt bei den Formschneidern sonst
jeder MeiBel, der die geraden Zuge grabt (die andern rundet der
HohlmeiBel); hier aber meint* ich den abgebildeten FlachmeiBel,
den das Kronleinsche Konterfei aus Weimar samt einem Form-
brett in der Linken hat und womit er meiner Ubersetzung dieses
Taufstocks vorarbeitet.-DemMeiflel zufolge tauft hier der Land-
stand: er zieht ein ungemein flamisches Gesicht und stellt im
Kopfe actionem de filiatione an und wiinscht vielleicht statt dieses
, kleinen Badgastes den Intendant des lits et meubles selber so iiber
dem vollen Lavor zu haben. Der Exorzist bedarf oft selber des
Exorzismus; und mit Seelenarzten ists wie mit Korperarzten, die
nach Hufeland schon ihres Metiers wegen nicht so gesund sein
konnen wie ihre Patienten.
Neben dem gramischen Brunnenarzt stent ein fatales ausge-
1 Namlich der Abschaffung der volligen Eintauchung bei dem Taufen.
702 DAS KAMPANER TAL
leertes Gesicht, das wahrscheinlich der Hebamme (denn hieruber
schweigen alle Ausleger und selbst der FlachmeiBel) zu inkorpo-
rieren ist : eine solche Brautfiihrerin ins Leben ist noch ofter die
Reichserbturhuterin, die dem matten Zwerg die Pforte vor der
Nase zuschlagt. Die Erzturhuterin macht einen Muff aus dem
Taufkissen,indas nachher derkleineSenkreiserwiedereingeschla-
gen wird. Ich habe dieses Klatsch-Rosenmadchen vermutlich
schon auf der 3ten Platte neben der Kanzel gesehen: ich bringe
mich immer mehr gegen sie auf, je langer ich sie beschaue und
beschreibe. Sie wird nicht einmal durch den Abstich mit dem 10
schattigen Kammermohren hinter ihr verschonert, den ich wenig
kenne. Ist der Mohr der Lautenist? Ist es der Teufel, der, aus dem
Schneckengehaus des Tauflings, aus diesem Karten- und Sakra-
menthauschen, ausgejagt, auf ein geraumigeres Arbeitszimmer,
das noch keiner bezogen, in den Herzen dieser Kirchengemeinde
wartet? Wenn es der Teufel nicht ist, soil es etwan eine zankische
Schwiegermutter sein? — Alle Ausleger und FlachmeiBel und
Formbretter schweigen daruber ganzlich.
Was uber dem andern Schwarzen hangt, ist eine weiBe Taube,
die dasmal nicht unter, sondern iiber dem Geier schwebt. FHegt 20
sie tiefer auf die Zisterne, so wachset sie zum Taufengel aus. Wie
in den mittlern Zeiten alle Edeldamen mitSperbern auf der Hand
gemalet wurden, ob sie gleich nicht auf die Vogelbeize ritten -
jetzt stoBen umgekehrt die Raubvogel die Jagerinnen -, so brei-
tet an jeder Kanzeldecke eine Taube die Flugel iiber die Bischofe
aus, ob sie gleich diese weder anbriiten noch inspirieren kann.
Weiter nab' ich nichts zu erklaren: der Rest ist die Kirche. —
Sobald ich im Katechismus unter Kronleins Ahnenbildern, de-
ren rasonierenden Katalog ich in die Hande Deutschlands gebe,
auf dieses eilfte kam, so sagt* ich: »Das ist der erste Freudenstock, 30
oder es gibt keinen mehr. Wenn jetzt, da ein kleiner Gerg in der
Wiege liegt, die Bettmeisterin nicht ihr Bestes tut und dem armen
Narren es kommoder macht — « Ich brauchte den Perioden gar
nicht zu vollenden : denn ein Kind veredelt (in den mittlern Stan-
den) das schlimmste Weib und stellet sich als Sperrkreuz und
' spanischer Reiter mitten auf ihre Irrwege und in ihre Maulwurfs-
ERSTER FREUDENSTOCK 703
gange. So ists auch eine gemeine Bemerkung, daB die Zwiebel der
Kaiserkrone ihren Gift tablegt, sobald sie nur ein einzigesmal ge-
trieben hat. Die Mutterliebe durchgreift mit tausend Wurzel-
zweigen das ganze weiblkhe Herz, sie zieht alles Blut, sogar das
verdorbene, in sich an und iiberwachset und verdrangt jede Ne-
benpflanze und bluht endlich ganz allein auf dem umflochtenen
Boden. Die weibliche Brust, in der so viel HaB gegen so viele
Mutter ist, wird doch liebend vom Anblicke der Kinder dieser
Mutter bewegt, und je j linger, d. h. hulf loser, die kleinen Gestal-
10 ten sind, desto lieber mochte jede sie an den Busen driicken, und
desto leichter geht die Verwechslung mit nahern vonstatten. Ich
sen* oft mit Vergniigen, daB keine Magd vor einerKinderwarterin
vorbeilauft, ohne die kleinsten, aber schonsten Lippen (ich habe
noch kein Kind mit ungestalten gesehen) mit einem kursorischen
Flug-KuB zu beschenken und zu schrecken. Nur Weiber, die
mannlicher denken, erhalten sich kalt gegen fremde Kinder.
Ich bekenn* es, bloB mein Vertrauen auf Reginens Mutterherz
schloB mir unter der Taufhandlung, die sehr viel Bitterwasser
dem Taufwasser zugoB, wieder eine und die andere heitere unbe-
20 deckte Allee in Kronleins Leben auf, und ich schwur, Regina
entsundige sich kiinftig: sonst hatte mich der blinde Kindes-
Vater zu sehr gedauert, besonders ein solcher! Ich meine, ein
Kronlein, der, ob er gleich am Hofe lebt und eine wirkliche, keine
Titular-Bettmeisterei versieht, doch rein und einfach verbleibt,
dort weder schwillt noch kriecht, und den ganze Gass'en von
Lustschlossern nicht blenden und locken und krummen, einen
Bettmeister, der unter Witzigen geduldig und verniinftig bleibt,
unter Pikanten unbewehrt, so wie iiber dem sal^igen Meer nur
silfie Tau- und Regentropfen aufsteigen. Doch ist das wahr, daB
30 einen Kiinstler unter alien Menschen am wenigsten seine Lagen
beflecken, weil er die Lagen weniger braucht und weniger fiihlt. —
Ein Weltmann, der mich eben in Voigtland besuchte (sein Hof
errat ihn leicht) und dem ich beim Abschied in sein reiches Bilder-
kabinett gegenwartigen Kronleinschen orbis pictus schenkte (ich
schnitt bloB von den 10 Katechismus-Platten die 10 Gebote her-
ab, die fur einen Mann von Stande nicht passen), dieser feine
704 DAS KAMPANER TAL
Kenner der Werke der Kunst und des Teufels schrieb mir nach
dem Abdruck der ersten Bogen dieses Werkleins zuriick:
»Auf 10 Briefe sind Sie die Gegenbriefe schuldig. Die ute
Platte ist gut: Komposition, Ausdruck, Beiwerk, alles verdient
Lob. Aber der Kimstler ist (unter uns) ein Schaf wie Lafontaine
oder wie unser jetziger Deckenmaler. Die gute Silberdienerin
fiihrt, wie man merkt, in ihrem Wappen so viele Herzen wie Hil-
desheim in dem seinigen, namlich drei (das ihres Mannes kann
nicht gerechnet werden): ich weiB nicht, wohin ihr Mann denkt!
Es gibt Leute in der Welt, die dem beruhmten Portratmaler 10
Kneller in London gleichen, der bloB die Physiognomic seiner
artistischen Gebilde selber machte, der aber von dem ersten besten
Unter-Maler die Periicke, von einem andern den Rock, von einem
dritten die Knopfe, von einem vierten die Spitzenmanschetten zu
seinem Kinde malen lieB. Es gibt noch solche Kneller, die es an-
dern anheimstellen, das zu kleiden, was sie bilden. Ihr lieber Bett-
meister, aber aufrichtig, ich meine eigentlich viel nahere und
vornehmere Leute um mich, die (wiewohl ohne das Vergeltungs-
recht zu verschlafen) fiir ihre Familie nie etwas Nahers waren als
grands maitres de garderobe, die ihre Familie, wie der Weltgeist 20
nach guten Philosophen die Welt, nur ordneten und erhielten,
nicht schufen. So sah ich sehr oft, daB Ambassadeurs, die etwas
auf sich hielten/ nicht weit von dem Hofe, wohin ihr Kreditiv
lautete, sich mit alien den Leuten versorgten, zu denen sie schon
die notigen Livreen und Garderoben mitgenommen hatten, um
glanzender einzuziehen. Der Unterschied ist kleiner, als man ihn
macht: schon Boileau stellt den, der ein Gedicht vorzutragenweiR,
sogleich neben den, der es machte etc.«
Der Himmel behiite und bewahre! Ich weiB nicht, wozu ich
diesen Brand- und Steckbrief hereinsetze. - Ich kann nicht genug 30
eilen zum zweiten Freudenstock, ob er gleich das Werklein be-
schlieBet
ZWEITER UND LETZTER FREUDENSTOCK 705
XII.
ZWEITER ITND LETZTER FREUDENSTOCK
Die chymische Verwandtschaft des Traums, des Geburtstages, des Sterbe-
tages und des Finis
Nichts schlagt mir elender zu und lasset mich matter zuriick als
ein Diskurs mit Leuten, die auBerordentlich beriihmt und ge-
scheut sind, und ein halbstiindiges Kolloquium mit Voltaire, mit
Friedrich IL, mit Lessing trankte mir mein Magen gewohnlich
mit Sauere ein und mein Kopf mit Kongestionen. Besonders ist
10 mirs zuwider, wenn ich den benihmten Mann schon wirklich ge-
horet habe, der mich in meinem Bette besucht (denn ich rede von
meinem bureau d'esprit in Traumen). Ich darf sagen, daB ich
voriges Jahr taglich mehr Bitterklee (diese beste Praservationskur
gegen kianftige Migrane) kochen und trinken muBte und am Mor-
gen gar nicht aus den Federn wollte, bloB weilHerrH. jede Nacht
zu mir kam, als ware mein Kopfkissen ein Besuchzimmer: denn
ich muBte mich im Schlafe, wo die Natur ruhen will, nicht bloB
entsetzlich anspannen, um mich im Diskurse zu zeigen, sondern
J06 DAS KAMPANER TAL
ich muBte auch Herrn H. jedes Wort eingeben, das er zu mir
sagte. Und das ist (zumal im Bette) schwere Arbeit. Gliicklicher-
weise kommt ihm das niemals zu Ohren, was er zu mir sagt und
was ich ihm einblase; aber lieber sprech* ich mit ihm millionenmal
auf seiner Stube als einmal in meinem Kopf, weil ich dort nur zu
sagen brauche, was ich weiB, hier aber das iibrige.
Dabei hingegen kann man bestehen, wenn einem der Revisor
erscheint : in der vorigen Nacht kam er vor mein Bette und schlich
mit andern Traumen in mein Gehirn. Es kam mir namlich vor,
der Bettmeister hange wie ein Eidotter in einer Phiole voll Wein- 10
geist (er hatte etwan die Lange eines Fotus) und fange im Spiritus
an, mich anzureden. Es ist hier leicht zu bemerken, wie sehr
meine Phantasie, die den ganzen Tag den Revisor nur auf den
Holzschnitten in dem nonagesimo-sexto-Format eines winzigen
Mannleins besieht, das mehr in die Juwelier- als Heuwaage ge-
setzet werden kann, auf meinenTraum einfloB und gleichPedrillo
ihm die GroBe seines Miniaturbildes'lieh. Das Bettmeisterlein
sagte, es konne nicht ruhig in seinem Spiritus hangen, ohne mir
gedankt zu haben, daB ich den zugemauerten Namen an seiner
Ehrensaule wieder aufgekratzt, vorgescharrt und ausgeputzt und 20
seine schiefhangende Statur wieder steilrecht gesetzt - daB ich
in den Schleier Minervens (er spielte auf meine Schriften an) nach
athenischer Sitte seinen Namen eingewoben. Ich sah, daB der
Fotus belesen war; und wollt' es gleichfalls scheinen: »Lieber
Intendant des lits et meubles,« sagt' ich, »Ihre Werke blieben
ewig wie der kleine Katechismus; aber die Bilder Ihrer eroberten
Provinzen zogen, wie bei einem romischen Triumph, in dieNach-
welt voran, und der Triumphator schloB, wie in Rom, den Zug
und erschien erst anno 1797. Erst nach Abspielung des ganzen
Stiicks ruft das Parterre der Welt: Autor vor!« - Er lieB sich 30
weiter heraus iiber die Absicht, weswegen er mir im Weingeist
erschienen sei, namlich bloB um mich zu benachrichtigen, daB
ich vielleicht aus einem geheimen Zuge seinen von Schmutz und
Kirchenstuhlen iiberbauten Leichenstein hervorgezogen und im
Pantheon des Nachruhms aufgestellt, weil er mein Verwandter,
und zwar mein Urur etc. groBvater von mutterlicher Seite ware,
ZWEITER UND LETZTER FREUDENSTOCK 707
und aus den Wittenberger Kirchenbiichern konnt* ich mir den
Stammbaum extrahieren lassen. - Ich wollte den Spiritus-Schwim-
mer unterbrechen ; aber der Wassermann fuhr fort: »er versehe
sich besonders von seinem Urur etc. enkel, daB solcher die i2te
Holzplatte mit besonderem Feuer vertiere und illuminiere; denn
diese hab* er stets am meisten geliebt, am langsten befeilt: und
das bloB darum, weil die Platte die Feier seines 34Sten Geburts-
tages, der in den Fruhlingsanfang traf, mit der Pantomime des
Buchsbaums darstelle. Ja im Turmknopf der Hofer Michaelis-
10 Kirche sei ein scharfer, nie gebrauchter Stempel dieser Platte statt
einer alten Miinze niedergelegt und aufgebahrt, aus dem ein Urur
etc. enkel tausend Sachen schopfen konnte, die der Welt zu geben
waren.« - Aber hier zerfloB mein Urur etc. groBvater phosphores-
zierend in seinem Weingeist — als wenn er lebte - und entziindete
den rektifizierten Spiritus mit seinem sublimierten, und die ganze
Flasche brannte lichterloh —
Ich erwachte, und bloB meine Nacht-Sparlampe flackerte un-
gewohnlich vor mir.
Wie entsiegelt die Philosophic diesen plombierten Traum,
20 diese hermetisch verpetschierte Phiole? - Manches ist naturlich
und erklarlich darin: da ich gerade heute meinen eignen Geburts-
tag begehe, so konnte die Phantasie des Traums, die gern rochiert
und versetzt, leicht meinen Urur etc. groBvater an die Stelle seines
Urur etc. enkels verpflanzen. Ferner, da der Ururenkel glaubt, es
gebe kein besseres Denkmal eines frohen Prima-Tages als eine
Arbeit, die man daran tut - welches zugleich fur eine schonere
Dariksagung an den vaterlichen Wachter unsers zerbrechlichen
Daseins gelten kann als bloBe, bald erkaltende Riihrungen -; und
da ich deswegen gerade heute das i2te und helleste Stockwerk in
30 Kronleins Leben (die i2te Platte) ausbauen und moblieren wollte:
so kann der Psycholog auch darin nichts "Obernaturliches ver-
spiiren, daB mir gerade fur den heutigen Initial-Tag der im Wein-
geist konservierte UrurgroBvater anbefohlen, sein zwolftes Le-
bens-Stockwerk zu tapezieren.
Aber schwerer sind dem Psychologen die ubrigen Auftritte
des Traums ungezwungen aus der Ideen-Epigenesis und Kristal-
708 DAS KAMPANER TAL
lisation zu erklaren: ich bekenne mein Unvermogen. Es kann
sein, daB ich irgendwo und irgendwann in friihesten Jahren etwas
von einem Kronleinschen Stempel im hiesigen Turmknopfe und
von meinem UrurgroCvater im Wittenberger Kirchenbuche auf-
gefangen und behalten habe: in jedem Falle, der Traum sei
nun aus kindlicher Tradition oder aus unerklarlicher Inspi-
ration erwachsen, ist er glaubhaft und schwer zu verwerfen.
Ich fur meine Person sage dem ganzen i8ten Lesejahrhundert,
das mich geborgt oder gekauft, frei voraus, daB ich, wenn
ich das zweitemal Wittenberg beziehe, weder in seiner Loffel- 10
kirche noch in der Kehle ihres Taufengels, sondern bloB in
den Kirchenbiichern graben und griibeln werde, um hinter meine
Aszendenten miitterlicher Seite zu kommen. Ebenso wiird'
ich, war's von der Inspektion der Hofer geistlichen Gebaude
herauszubringen, daB man meines Traumes wegen den Wilson-
schen Knopf und Kropf des Michaelis-Turms abnahme und
aufmachte, um die OfTnung nachsuchen; es ist aber nicht zu
erhalten. -
Dem sei, wie ihm ist: ich ubermale den Geburtstag meines
guten UrurgroBvaters, der heute mit mir, wiewohl in einem an- 20
dern Jahrhundert, das 35ste Jahr antrat, nach MaBgabe des men
Holzschnittes mit den besten Goldfarben und feiere sein Leben
nach — Es ist eines Ururenkels Pflicht der letzten Ehre. Das
kann iiberhaupt kein guter Mensch sein, der nicht gern mit kind-
licher Liebe und Freude der Archivsekretar und Altertumsfor-
scher seiner Ahnen und ihrer Antiquitaten wird. Und wuBt* ich
nur die Hauser anzutreffen, worin meine Aszendenten bis zu den
von Tacitus beschriebenen hinauf sich gefreuet und betriibet
haben, ich wallfahrtete zu ihnen alien wie zu Gnadenkirchen, zu
casa santas und Mirakulatorien zu Ziirch; ja ich wurde darin unter 30
den sanften Wallungen der Liebe meine kalten Ahnen-Schatten
zum Repetierwerk und Nachspiel ihres ausgespielten Lebens no-
tigen und ihnen mit dem wehmutigen Wunsche zusehen: »Moget
ihr nicht viel beim ersten Spiele gelitten habens und mog' euch die
HofFnung eines liebenden Urenkels zuweilen begegnet sein!« —
Aber weiter! Wer Datv( Grundsatze der Reichsgerichtspro-
ZWEITER UND LETZTER FREUDENSTOCK 709
zesse, oder noch besser, wer Wetzlar selber durchgegangen, dem
ist bekannt genug, daB die evangelischen Kammergerichtsasses-
soren, Pronotarien, Fiskalnotarien, Ingrossisten und Kopisten
und die reitenden Boten und die zu FuB samt dem i evangelischen
Medikus und dem i Pedell alle Feiertage reichsgesetzlich mit-
feiern (d. h. ^u Ferien machen), welche die katholischen Kammer-
gerichtsassessoren, Pronotarien, Fiskalnotarien etc. samt dem
katholischen Medikus und dem Pedell begehen; und diese er-
widern die evangelischen Ferien. Sogar den darauf folgenden Tag '
1 feiern beide Religionsparteien einmiitig unter dem Namen Post-
fest. Das Reich will dadurch die Paritat der Religionen bewachen.
Die groBte Paritat und Toleranz aller Religionen aber bleibt Ho-
fen : keine Feiertage europaischer Religionen fallen ein, die man
da nicht begeht, erstlich mit dem Kammergerichte die reichsge-
setzlichen samt den Postfesten, mit den Christen den Sonntag,
mit den Juden den Schabbes, mit den Turken den Freitag. Nimmt
man noch dazu, daB jeder heilige Tag seinen Vigilien- und Riist-
tag vorher und sein Postfest und Sabbatchen1 nachher fodert:
so langt gerade (wenn man mit den Stunden haushalt)eineWoche
> zum Feiern zu, und der Latitudinarier hat in der andern zu den
neuen sieben unbeweglichen Festen wieder Zeit. Ein solches aus-
gebreitetes Religionsexerzitium ist iiberdies recht fur diejenigen
Posten im Staate gemacht, die nicht nur in der Hoke, sondern
auch darin den Alpen gleichen, daB auf ihnen die kleinsten Be-
wegungen ungemein ermiiden. -
Aber weiter ! Erst die Bettmeisterin wurde die Ruhestatt unsers
Artisten - sein Salzrevisorat war eine Salzlecke fur ihn - und hier
sehen wir ihn erst nach vielen Umwegen, Kurven, Krummungen
und Krummstaben im Sitze der Seligen angelangt: das Schicksal
> fuhret nach der britischen Gartenregel uns auf krummen Alleen
und Steigen in das Landhaus der Freude. —
Auf dem weimarschen Blatt halt der Intendant an der Rechten
1 Die Juden feierten zum Sabbat ein Sabbatchen ais Verlangerung dazu.
Die Juden zu Tiberias fingen ihn fruher an, weil das Tal die Sonne verspa-
tete; die auf dem Berge setzten ihn langer fort, weil die Sonne langer blieb.
Goodwin. Moses et Aaron. L. III. c. 3.
7IO DAS KAMPANER TAL
sein Sohnlein, das durch seine Adern und Bestandteile aus Let-
tern mir iiber die dunkelsten Stellen dieser Platte die Fackel vor-
tragt. Schon der Gedanke des Kiinstlers ist reizend, seinem Kom-
mentator zum Wegweiser und Cicerone in seinem Miniatur-Him-
mel ein Kind mitzugeben. Diese verkleinerten lieben anfangenden
Menschen schlupfen mit ihren sichtbaren Knospen und weicken
Dornen so sanft in unser Herz und halten sich darin mit ihren
kleinen Handen fest, daB ich die Diminutiv-Schuhe und Zwerg-
Striimpfe dieser Inzipienten des Lebens nicht ohne eine liebende
warme Ruhrung sehen kann. Berichte also nur, kleiner Gerg, was 10
dein Vater hier auf dem zweiten Freudenstock teils vornimmt,
teils darstellt! - Wo ein Kind ist, da schonen die Menschen gern
die Eltern. Das sagt die Natur alien Volkern: der malabarische
StraBenrauber fallet keinen Reisenden an, den ein vornehmes
Kind eskortiert; und die alten Molossier schlugen dem, der mit
einem Kinde im Arm sich flehend niederwarf, keine Bine ab;
und noch spricht in Italien die Verarmte unter dem Schleier
schoner um eine Gabe an, indem sie ein Kind vorhalt.
Der kleine Gerg, dessen Deszendent ich bin - er ist mein Ur-
groBvater -, tut kund, daB mein UrurgroBvater hier vor Tisch 20
bete und daB er selber der kleine am Tisch stehende Junge sei (die
Eltern sitzen schon), dessen Enkelich,wie gesagt,nach demTauf-
scheine des Traumes, bin. Schon in meiner Kindheit, da ich noch
die Legende oder Randschrift dieser Platte auswendig lernen
muBte, ging meine Phantasie vergniigt in dieser gezeichneten
Stube auf und ab und stieB ihr Fenster auf, dessen Fliigelscheiben
wie in Jena auswarts laufen. Und diese kosmopolitische Phan-
tasie, die alle Menschen in meine Gevatter, Gebriider, Gescrrwister,
Zech- und Schmaus-Schwestern und Briider, Konviktoristen und
Litis-Konsorten verwandelt, geht noch bis auf diesen Geburtstag 30
mit mir durch die Gassen und Dorfer. Ich wollt' auch lieber ster-
ben, als mich mit dem dunnen engen, keinen Grad langen Bogen-
segment von geliebten Menschen behelfen und beruhigen, das
uns Schicksal und Wert aus dem unermeBHchen Zirkel der Ge-
briider Menschen ausschneiden. Oder darf ein Menschenherz so
enge sein, daB nichts darin aufzustellen ist als ein Ehebette und
ZWEITER UND LETZTER FREUDENSTOCK 711
eine Wiege samt einem alten GroBvater-Stuhl? Und die Arme
des innern Menschen sollten nicht mehrere Wesen umschlieBen
als die Arme des auBern? Und es sollte keine Moglichkeit vor-
handen sein, die Komitee oder den AusschuB von 20 oder 30
Menschen, worauf unser Verhaltnis bei dem Reichtum von 1000
Millionen Seelen unsern liebenden Anteil einengt, wenigstens an-
sehnlich zu verstarken? Das find' ich nicht: kann man denn
nicht (esistdochetwas) sich auf derGasse zum Spill- undSchwert-
magen und Vetter eines jeden, dem man begegnet, ernennen und
10 jedem mit der Phantasie zwischen seine 4 Pfahle, auf seine 4 Stuhl-
beine und in seine 4 Bettpfosten nachfolgen? Kann man nicht mit
den Blau- oder Griinrocken, die mit KommiBbrot unter dem
Arm vom Proviantbacker herkommen, und mit dem Tuchma-
cher, der an einem so eintraglichen Markttag sich schon um 3 Uhr
seinen Karpfen im Fisch-Hamen abholt, und mit dem vornehmen
Schlafrocke, der sein Gartenbeet unter Aussichten eines erfri-
schenden Salats iibersprengt, ungeladen und frohlich essen im
Kopfe und sympathisieren? - Geh' ich wohl vor einem geputzten
Lehrjungen, der heute Hoffnung zur Gradual- und Promotions-
20 Ohrfeige hat und der mir morgen als vollendeter klassischer
Lehrpursche begegnen wird, jemals vorbei, ohne mich mit ihm
(phantasierend) zu seinem wohllebenden Abendgelag und Lust-
corpo einzuflnden? Ich freue mich mit den Kindern, die aus der
Schule herausbrausen, auf die erste Erholungsstunde nach einer
so langen Sitzung; - mit dem gravitatischen Kindesvater auf den
larmenden Abend voll apokryphischerTaufwasser- mit derMagd
auf das aus der Kirche zuruckmiissende Taufgefolge zur genauern
Kirchenvisitation eines jeden Lappen; - mit dem Schulmeister,
der ein entsetzliches Dividierexempel anschreibt, das zuletztdurch
30 ZifFern ein Haus, ein Schiff oder einen Esel geben soil, freu ich
mich auf die Entwickelung des letztern; - mit der Fratschler- und
PfeffernuB-Frau, deren Sparofen, tragbare Kuche und petit sou-
per immer ein Topf ist, tret' ich im Vorbeigehen in Handels-
kompagnie und bringe (in Gedanken) als ihr Associe und Mas-
kopist schon einiges vor mir, wenn unsere Handlung nur 1 Pfen-
nig reinen Profit von dem zuriicklegt, was ich der Frau abkaufe -
712 DAS KAMPANER TAL
Und so laufen mir auf jeder Gasse Freudenstrome und Paradies-
fliisse entgegen — Lustwalder und Gliickstopfe tanzen vor mir
hin - und die Stadt Hof ist mein himmlisches Jerusalem und die
Menschheit meine Duz- und Amtsbriiderschaft.
Nur hike sich ein solcher Seliger, die Augen oder Phantasien
einem aufstoBenden Exekutions-Pedelle in die Arbeitsstuben der
Armut, oder einem Arzte in die Marterkammern der Krankheit
nachzuschicken —
Aber weiterl Hier wird, wie gesagt, der zweite Freudenstock
dem Leser aufgetischt, und auf dem Stock ist es gleichfalls auf- 10
getischt. Es soil alles, nach Anleitung meines Wurfbleies und
meiner Leuchtkugel - namlich des kleinen Lettern-Gergs — , be-
sehen und beschrieben werden. Der EBtisch ist ein zweischlaf-
riger sogenannter Bettisch: das beweiset nicht nur die untere
Tisch-Gardine, sondern auch der herrliche Faltenwurf und das
Segelwerk des Bettfirmaments oder Palankins, womit der Ge-
vatter Serenissimus meinem UrurgroBvater ein kleines Ange-
binde und zugleich ein Angedenken an seine Bettmeisterei — und
vielleicht an den Kasus im ioten Gebot - hat geben wollen. So
sagt Gerg. Hinter Gergen selber steht auf der Platte seine Spiel- 20
kameradin, eine demutige niedergequetschte Lazarussin, die der
wohltatige Kiinstler an einem so frohen Tage in die Tischnach-
barschaft seines Sohnes gezogen. Ihr Hunger ist groBer als ihre
Andacht, und die Bewegungen ihres Herzens sind nicht so feurig
als die peristaltischen ihres Magens. Gerg, der in reifern Jahren
mein UrgroBvater wurde, hebt die betenden Hande zu hoch hin-
aus, weder aus Andacht noch Ziererei, sondern weil er einmal,
wie es Kinder machen, ein Bischof in partibus werden will und
deswegen jedenSonntagdieseni?^f-Tischbesteigt und daherab
ermahnt. Daher wurd' er im ganzen Kronleinschen Hause nur 30
der kleine Bischof genannt.
Nun schaue das Publikum meine UrurgroBmutter an, die Ex-
Silberdienerin. O Regine, warest du immer die Konigin deiner
Neigungen und treu und gut geblieben, so hattest du nicht no tig,
meinen UrurgroBvater mit solchen abbittenden Blicken, mit die-
sem mehr ihm als dem Himmel zugewandten Haupte anzusehen!
ZWEITER UND LETZTER FREUDENSTOCK 7I3
Welche Flamme der Geburtstags-Wunsche ! »Lieber Himmel ! er
hake mir meinen alten ehrlichen Bettmeister noch auf lange lange
Jahre; rafFe lieber mich weg als den Lorenz!« das betet sie vor der
Suppenschiissel. - Besser, tausendmal besser als auf den vorigen
Stocken, das ist sie gewifilich auf diesem. Erstlich ist nur - ein
Kind da. Zweitens ist mein kleiner UrgroBvater und das Tisch-
bette so sauber angeputzt, der Vorhang so rein abgestaubt und
niedlich aufgebunden und das ganze Zimmer und Gedeck in sol-
cher Ordnung, daB die gleiche des Herzens dadurch so gut wie
10 bewiesen ist: in den Herz- und in den Stubenkammern raumen
die Weiber miteinander auf. Drittens sieht mein UrurgroBvater
ungemein frohlich, und die GroBmutter wie eine bereuende Mag-
dalene aus: sie hat ihn - so leicht ihrs gewesen ware - nicht ein-
mal beredet, auBer der pauvre honteuse und Pfriindnerin einen
. Gast oder Gastfreund ihres Herzens zum Schmause zu laden,
oder nur einen lustigen Menschen und Schmarotzer, der dem
andern so lange redlich anhangt und dient, bis er sich angefiillt,
wie Schropfkopfe von selber abfallen, wenn sie Blut genug ge-
zogen. So wie meine UrurgroBmutter ihren Mann hier ansieht,
20 tritt sie immer hoher uber jene Weiber hinauf, fur welche die
Hochieitglocke gerade das Widerspiel des katholischen Wandel-
glockchen ist und denen jene Glocke die Verwandlung des Gottes
in einen Brotherrn ansagt, indes diese die Transsubstantiation des
Brotes in einen Herrgott verkiindiget.
Ich bin darauf gefasset, daB die Rezensenten - und vorziiglich
die Rezensentinnen - mir offentlich vorwerfen : ich wurde - in
der men Platte Reginen ganz anders zensieren, ware sie nicht
meine UrurgroBmutter. Aber ich versetze: umgekehrt.
Auf dem Bettisch trefFen wir zwei Couverts fiir das Kinder-
30 paar, aber nur eines an fur das Ehepaar. Wie hold ! Schon Linne
erzahlt in seinem schwedischen Reisejournal1, daB man sonst in
der Provinz Schonen einen Teller, so lang als die eine Tafelseite,
ausgehobelt und daB man aus ihm - es konnte sich kein sonder-
licher Unterschied zwischen dem prolongierten Teller und einem
Linnaus' Versuch einer Natur-, Kunst- und Okonomiehistorie, aus Rei-
sen durch einige schwed. Provinz. gesammelt.
714 DAS KAMPANER TAL
Troge ergeben - zu schmausen pflegte. Noch bekannter ist und
noch schoner dazu, daB in der schonen erotischen Zeit der fran-
zosischen Ritterschaft allzeit Geliebte und Ritter aufeinem Teller
aBen. — Und auf dem 2ten Freudenstock haben wir den neuesten
Fall: meiner UrurgroBmutter fehlt der Teller, Vom Speisopfer
selber ist nichts herauszubringen als die Suppenschiissel und ein
Vorlegloffel, der fur mich eine Suppenschiissel ware, und eine
Semmel in Gestalt einer Brille oder 8.
Jetzt sehe man aber meinem kraushaarigen Intendant des lits
et meubles noch einmal ins offne begliickte Gesicht und behalte, 10
wenn das Buch aus ist, die aufrichtige Gestalt im Kopf, die wie
ein Wiener Bankozettel auBen nichts hat, als was innen steht. Er
verrichtet hier mit der Miitze uber der rechten Hand sein Dank-
gebet ganz aufgeraumt; er setzt immer voraus, er hab' es nach-
stens noch besser, und wenn nichts daraus wird, hofFt er gerade
noch einmal so viel. Er halt das Leben und die Gesellschaft nicht
fur ein Whistspiel, bei dem eines verkehrten Blattes wegen neu
gegeben werden muB, sondern fur ein Piquetspiel, worin man das
verkehrte Blatt ruhig nimmt und bestens ausspielt. Ihm ist Ein-
samkeit und Gesellschaft recht, ja nicht einmal unter der Menge 20
ist er einsam, worin man sonst am wenigsten Gesellschaft hat,
wie man auf dem Meere am leichtesten verdurstet.
Was wird mein guter UrurgroBvater nach dem Essen an einem
solchen Tage gemacht haben? Wahrscheinlich diesen zweiten
Freudenstock. Dann wird er, vermut* ich, mit meinem UrgroB-
vater nicht lange vor dem Abendessen ein wenig ins freie griine
Feld gegangen sein, um sich den zweiten oder dritten Appetit zu
machen und iiberhaupt um den Zucker eines solchen frohen suBen
Tages immer dicker einzusieden und zu raffmieren. Er1 hat mei-
nen Beifall, daB er auf den sogenannten Kirchberg (man sieht ihn 30
1 Da ich doch auch Leser haben kann - so wenig ich sie wunsche -, welche
entweder den gezeichnete'n Inhalt des weimarschen Blattes oder gar die
Existenz des Blattes fur eine Luge halten ~ zumal da jetzt das Blatt in der
herzoglichen Bibliothek wirklich fehlt - : so merk' ich fur diese an, daB der
Mann, der die Holzschnitte in den lutherischen Katechismus geliefert, not-
wendig am Leben gewesen sein mu6, er mag geheiBen haben, wie er will,
und daB ich also, gesetzt er war weder Intendant des lits es meubles noch
ZWEITER UND LETZTER FREUDENSTOCK 715
und den Turm und einen Fliigel von der Kirche recht gut aus der
i2ten Platte) mit den beiden Kleinen wallfahrtet: dort auf dem
Berge kann er die Sonne, die den ersten Friihlingstag voruber-
gefiihrt und verschonert hat, am schonsten und mit hohern und
erhabnern Seufzern, als die tiefe Biihne verdient, hinter diese fal-
len sehen. Vom Kirchberge gleichsam iiber die gesunkne Sonne
getragen, konnt' er leichter iiber das nachdenken, was dieses
Theater und unsere Rolle und die fiinf Akte eigentlich sind —
was besonders der Johannis-Beevwe'm der hiesigen Freude ist,
10 der, wie physischer, weder durch einen Weinheber noch Zapf-
hahn Iauft, sondern aus einer engen Federspule rinnt und den man
auf der Freiredoute des Lebens in die Korpermaske wieder mit
einer Federspule auftrinkt. Letzteres passet auf einen Schrei-
ber wie ich noch mehr, weil fur ihn immer nur Federspulen (eigne
und fremde) die Saugestachel und Stechheber des Palmsekts und
Gliihweins des Lebens sind. Du konntest auf dem Kirchberge,
zumal nach Sonnenuntergang, den Diameter deiner Vergangen-
heit, die zum Punkte der Gegenwart einkroch, ubermessen und
den ganzen weiten Nebel deiner Zukunft gleichfalls in diesen
20 Punkt, in diesen Tropfen zusammendriicken und dein Ich gleich-
sam fiir eine feste Ewigkeit ansehen, an der die Zeit zerschmilzt -
- O hast du das alles getan, namlich gedacht? Hast du erwogen,
daB die irdischen Buchdruckerstocke und Anfangsleisten und
Finalstocke unserer hiesigen Taten bald zerbrockeln, aber nicht
der Geist, der sie gebraucht, und kein Gedanke, den sie reflek-
tieren, und daB du, verstaubter Forms chneider^ fiir eine hohere
Hand selber ein Formbrett bist? - hast du untergesunknes Ge-
schopf an diesem Tage und auf diesem Berge nicht bloB auf dei-
nen jetzigen Hafen der Erden-Ruhe, dessen Sperrketten dein gu-
30 ter Genius zersprengte, sondern auch auf die Goldkiiste des ver-
hiillten Otaheite frohe Blicke geworfen, an das uns die irdischen
Orkane und Wogen antreiben?
Aber du bist nun auseinander, oder vielmehr das Formbrett
mein UrurgroGvater, doch immer oben im Texte kein Hirn-, sondern ein
Natur-Gespinste und einen wirklichen Formschneider und Menschen an-
rede.
Jl6 DAS KAMPANER TAL
deines Leibes ist es - die Zeit hat dich, wie mein Traum, in ihrem
Spiritus-Stundenglas geschmolzen - allein hab' ich nicht jetzt
selber iiber deinen Geburtstag meinen vergessen und der Leser
seinen? Und haben wir daran gedacht, dafi alle unsere Entztik-
kungen und HofTnungen nur erquickende Tone sind, die uns im
hiesigen absterbenden Leben umflieBen, wie den Menschen, wenn
ihm alle Sinnen brechen, oft Harmonien umringen, die nur dieser
bleiche hort, damit vor ihm zugleich die Erde und der letzte
Wohllaut hold-verbunden auseinanderzittern?
PALINGENESIEN
Zwei Bandchen
Jean Pauls
Fata und Werke
vor und. in nljrnberg
Erstes Bandchen
Offener Brief an Leibgeber anstatt der Vorrede1
Ich konnte, lieber Europas-Burger, ebensogut, wie Petrarca, an
Cicero und Augustin und Varro schreiben als an dich, weil du
unaufhorlich wie eine Krankheitsmaterie oder wie eine ver-
schluckte Stecknadel in der Jungfer Europa herumziehest und
man nicht weiB, haltst du dich in ihrem Magen oder in ihrem
Herzbeutel oder im Armel oder Stiefel auf. Da aber ein Buch
leicht die ganze Welt antrifft, und also auch dich: so geb' ich
diesem meineEpistel offen mit.EinigeGeheimschreibereiendarin,
10 die unter uns bleiben miissen, hab' ich schon mit so viel Klugheit
behandelt, daB weiter niemand daraus klug werden kann als ich
und du.
Eh' ich dir deinen Brief - vom langsten Tage datiert, aber am
kurzesten eingegangen - beantworte, muB ich dir sagen, was
ich eigentlich mit dem Couvert oder der Brieftasche des meini-
gen, namlich mit diesem Buche haben will. Der gelehrten Welt,
das ist dir bekannt, nab* ich in der Biographie unsers geliebten
Siebenkds es aufgedeckt, daB und unter welchen Lagen er das
anonyme Buch die Auswahl aus des Teufels Papieren geschrieben
20 habe. Seit dieser Schopfungsgeschichte wurde auf einmal dem
Werklein, das vorher kein Mensch ansah, geschweige gelehrt an-
zeigte, von alien neun Reichskreisen nachgejagt und nachgestellt;
besonders waren Hof, Kuhschnappel, Baireuth, Schraplau un-
1 Das Publikum sehe mir die kleine Freiheit nach, daB es hier an meinem
Privatbrief mitlesen und mitbezahlen muB (sowohl Porto als Schreib-
materialien) : leider ist der ewige Strandlaufer Leibgeber, dessen Leben ein
musikalischer Laufer iiber alle Tasten und Briicken ist und der auf der Erde
zirkuliert wie eine Maxd'or,der die Reichsintegritat hat, fast nirgends anders
zu erwischen als in Buchladen. Dabei laufen im Briefe viele Dinge mit unter,
30 die ich dem Publikum ohnehin in der Vorrede sagen wurde, wenn ich eine
machte.
722 PALINGENESIEN
glaublich aufs Buch erpicht, nicht sowohl in der HofTnung, dafi
es einige satirische Streiflichter auf Blaise, Lenette, den Venner
Rosa etc. werfe, als deswegen, weil der Mensch, wenn er den
Vater kennt, ungemein gern auch dessen geist- und leibliche Fin-
del-, Mantel- und echte Kinder kennenlernen will. Und ich selber,
ich berg* es nicht, ware imstande, aus unsaglicher Achtung fur
Shakespeare seinen Tochtern nachzuweisen, ja erotisch nachzu-
gehen, wenn noch genug von ihnen da ware. Allein das Opus war
wie diese beiden Madchen und wie jeder Mensch gerade vor der
Unsterblichkeit, die es jetzt genieBet, verstorben, und der Teufel 10
hatte seine eignen Papiere geholt: ich meine, den Goldbarren
oder Warenballen seiner Papiere hatte man zu Blattchengold zer-
legt und damit EBwaren und Locken iibergoldet. Ich selber hatte
ohne die Giite des Verfassers kein Exemplar zur zweiten Auf lage
aufgetrieben, die er mir aus Griinden, welche dir das erste Kapitel
in diesen Palingenesien seiner Papiere erzahlt, auszuarbeiten iiber-
lieO. Tut dirs nicht auch weh, Heinrich, dafi ich sein Leben nicht
schon damals - er hatt' es doch schon bis zum zweiten Bande ge-
bracht - ans Licht stellte und damit dem Absatze seiner Satiren
nachhalf ? - Wie wiirde die selige Lenette, welche seine chemi- 2o
schen Prozesse der Satire nur fur kostspielige Vakanzen seiner
juristischen hielt, durch die Goldkochkunst und durch die EB-
waren, die der Teufel samt seinen Papieren in den Rauchfang
hatte fallen lassen, widerlegt und beruhigt worden sein, wie die
Ungarn, die sonst uber die Gallapfel an den Eichen wegen ver-
dorbner Eichelmast jammerten, sich jetzt dariiber erfreuen, weil
sie die Knoppern besser zu Dintenpulver verhandeln! - Ach
wenn man doch damals, Heinrich, gerade uber die staubende Bliite-
zeit der Ehe, uber ihre Flitterwochen ein solches Wetterdach hatte
bauen konnen gegen den Schlagregen des Ungliicks, ehe den Blu- 30
men der Freude der Samenstaub ersofFen war! Es qualt mich oft,
wenn ich iiberlege, welche Environs und Gegenden des Lebens
der gepeinigten Lenette entgingen, o wie vor ihrem entzundeten
triaben Auge nur schwarze Flecken niederfuhren und wie ihr
optische Spinnen und Miicken uber das Buch ihres Lebens liefen
- und jetzt, da das Auge zu heilen ware> fallt es auf immer zu! -
OFFENER BRIEF AN LEIBGEBER 723
Ich wollte, ich hatte gegenwartigen Satyr-Kopf von Meer-
schaum in dieser zweiten Auflage — um so mehr, da man jeden
Pfeifenkopf einmal in der Tiirkei und einmal bei uns schneidet -
unbeschreiblich schon geschnitten und geraucht. Vieles nab* ich
wohl getan: ich habe in diesen zwei Bandchen erst vier oder funf
Bogen aus der alten Auflage verbauet, ich habe allemal zwischen
zwei satirische Oncle Tobys-Regimentsmarsche, die Siebenkas
im Orchester am Vorhang pfeift, einen historischen Aufzug aus
meinem Niirnberger Reisejournal eingeschoben und so unter sei-
10 nen satirischen Fugen von argumentis fistulatoriis ganze Szenen
vom lyrischen Drama meines Lebens deklamiert. — Aber das
kann eben mein Ungliick sein, Freund: Du schreibst in deinem
vorletzten: »Die Hypathier baueten dem Lachen einen Tempel,
aber die Deutschen haben noch nicht einmal das Modell zu einer
Filialkirche fertig. Da sie und ihre Schwert- und Spillmagen, die
Belgier, mehr nach den Eicheln greifen als nach den Bldttern der-
selben (ungleich dem Rousseau, der jene pries, aber diese auf-
setzte); so haben sie unter dem Brotstudium wenig Lust zu asthe-
tischen Spielen und Studien; ebenso hat man von einem der niitz-
20 lichsten Haustiere bemerkt, daB es nie, auch nicht als Ferkel,
scherze und spiele, sondern daB sein mannlicher Ernst nie auf
etwas Schlechteres ausgehe als Eicheln.« Das sieht bedenklkh
aus. Denn besitzt einer ein Konvolut Satiren und durchschieBet
sie aus Liebe, wie ich im Jubelsenior, mit historischen Episoden:
so fangt jeder, der in den Episoden seelenvergniigt wird, Handel
an und sagt: »Ist das recht, sich, wenn ich dasitze und begierig
auf den Verfolg der Geschichte harre> vor mich hinzustellen und
mich auszulachen? Konnt' er das nicht in einem besondern Tage
und Buche tun?« - 1st man dazu willfahng und findet man sich
30 mit einem Folianten bloBer platter Satiren ein, wie Siebenkas tat:
so ist man ein gelieferter Mann: »Der Foliant« (wird gesagt)
»wiirde sich besser lesen, spannte derselbe einen durch kleine
ernste Ruhepunkte, durch historische Erfrischungen zuweilen ab
- Salz kann wohl Zukost sein, aber keine Kost, und ein schim-
merndes Steinsalzbergwerk voll weiBer Pfeiler und Altare aus
Salz ist eine verdruBliche Wohnung und Nahrung.«
724 PAUNGENESIEN
Letzteres ist aus meiner Seele gesprochen. Nirgends erquickten
mich ernste Stellen mehr als unter komischen, wie die griinen
Flecken an den Schweizerfelsen das Auge sanft unter dem blen-
denden Schnee und Eise streicheln; daher ist der auf die Saft-
rohren und das Mark des hohen Ernstes geimpfte Humor des
Englanders so hoch iiber den Humor aller Volker gewachsen.
Eine Satire iiber alles ist gar keine, sondern Unsinn, weil jede
Verachtung etwas Geachtetes als MaBstab, jedes Tal einen Berg
voraussetzt. Die Persiflage der Franzosen und der Weltleute,wel-
che die Ausnahmen verhohnt und zuchtigt und doch die Regel 10
verkennt und ableugnet, gleicht der holzernen Ente Vaucansons,
welche kunstlich einen Unrat in den letzten Wegen bereitet, ohne
vorher in die ersten Futter genommen zu haben - kennst du eine
giftigere geistige Consomption und Asphyxie als dieses Aussterben
aller Achtung?-
Ich habe die Teufels-Papiere, darf ich sagen, wohl so oft gelesen
wie den Werther, ja ich habe sie exzerpiert und auswendig
gelernt, um bald einen Gedanken aus dem Bogen A, bald einen
aus dem Bogen Ff anzubringen und einzupassen - und ein neues
Schopfungswerk ware mir leichter von Handen gegangen als die- 20
ses Memorienwerk -: glekhwohl schmeichl' ich mir, ich werde -
ganz ungleich den Dichtern, denen man die Schwangerschaft mit
einer besondern Moral im Schwunge anmerkt, wie Vogeln im
Fluge, wenn sie ein Ei im Leibe tragen - mein Zusammenschwei-
Ben so fein verlotet haben, wie die Natur die Scherben unserer
Hirnschale, so daB Siebenkas selber die Kopfnaht und Suturen
vergeblich suchen soil. Hier ware aber fur einen guten Kritiker,
der seine Zeit und Kraft gut anlegen will, Arbeit und ein weites
Feld, wenn er meinen Rezensenten vorarbeiten wollte und in einem
kurzen Traktate zwischen den Teufels-Papieren und den Palin- 30
genesien eine feste Parallele zoge, iiberall als vergleichender Ana-
tom verfiihre, jede Abweichung und Variante treu aufsummierte,
niemals rastete, bis er heraushatte, warum ich jedesmal abgewi-
chen, und dann die Welt mit der Ausbeute seines Nachgrabens
und seiner Silbergruben bereicherte; und warum machen sich
denn padagogische Einladungskarten, die gymnastischen Pro-
OFFENER BRIEF AN LEIBGEBER 725
grammen - diese nicht fliegenden, sondern kriechenden Blatter -,
nie iiber Materien von solchem Belange her? -
Du, Lieber, hofF ich, urteilest nicht nur unparteiisch fur mich,
sondern auch parteiisch — schnauz also, ich flehe dich, die rezen-
sierende Judenschaft an, die sich aus denselben Griinden zu un-
sern Schutzgottern und Kammernchtern aufwirft, warum diehei-
lige Cacilia die Schutzgattin der Tonkunst geworden - namlich
weil sie in ihrem heiligen Leben keine ausstehen konnte.
Nimms nicht iibel, Alter, daB der Brief nicht mit Schreibe-
10 lettern gesetzt worden, sondern mit Drucklettern. Es sind aber
neue, denen mein Titel Palingenesien auch gebiihrt. Ich bin recht
froh, daB ich mich bei dieser Gelegenheit recht argern kann iiber
unser Ubersetzen der deutschen Typen in lateinische und iiber
mehr. Wenn man nicht die deutsche Handschrift und alle Archive
und alle Ratsbibliotheken und das Cansteinische Bibelwerk um-
druckt: so muB der fortdauernde Umgang mit der alten Form
das Auge immer bei der neuen um das Vergniigen der summari-
schen Fassung bringen, die auf den Griinden beruht, aus welchen
wir das Griechische schwer in lateinischen Lettern, oder warum
20 wir oft eine schlechte Handschrift, aber nicht deren einzelne Buch-
staben lesen konnen. Sobald wir der gotischen Schrift die Hals-
krausen, die Troddeln, das Spitzenwerk, die Knickse und Bruch-
bander verbieten : so steht sie ungemein schoh mit zwei Bestand-
teilen da, erstlich mit einer geraden Linie wie die romische, und
dann, statt des Zirkels der letztern, mit einer halben Ellipse (zu-
gleich das Sinnbild unsers Geschmacks!). In der Reinigung und
Wiederbringung der ersten schonern Form haben nun die Her-
ren Breitkopf und Hartel hier in meinen Palingenesien und in
diesem Briefe die ersten gliicklichen, obwohl das Auge der Ge-
30 wohnheit noch schonenden Versuche gemacht, von denen sie zu
weitern und ihrem Ideale nahern iibergehen wollen, wenn du und
das Publikum sie so aufmuntern wie ich.
Durch dieses Abglatten der typographischen Runzeln undFal-
ten, welche unsern Druck wie (nach Lavater) die physiognomi-
schen das deutsche Gesicht auszekhnen, wachset mir gliicklicher-
weise ein neues Publikum von 350 Mann zu, wovon der grdBere
726 PALINGENESIEN
Teil bisher, samt seinen Miet-Rezensenten zur Rechten und zur
Linken, auBer Titel und Rezensionen wenig las - es sind die
Buchhandler, die nun, weil der Titel sie nicht befriedigt, in mei-
nem Opus blattern und nachsehen, ob etwas daran sei, am Druck. -
Die lateinischen Lettern druckten mir vorhin eine Stelle deines
Briefes vor, worin du unrecht hast und tust, Leibgeber. Sollen
wir denn ewig vor andern Nationen unter ScharrfuBen und Knick-
sen unsere Bravourarien absingen? - Denken wir nicht samtlich
so kleinlich als Voltaire, wenn wir, vom Kopf bis zum FuB ebenso
wie er vonLorbeerkranzenwievonFaBreifen zusammengehalten, 10
doch ebenso wie er bei der Auffuhrung seiner Irene bei jedem
Akte unsers Spektakelstuckes einen Kurierwechsel zwischen uns
und dem Komodienhause unterhalten, um zu erfahren, ob man
klatsche oder pfeife? - Du muBt, Leibgeber, wahrlich oft griin
und gelb vor Grimm geworden sein uber den Jammer, wenn,
sooft einmal ein Englander oder Pariser einen Bogen von uns
vertierte oder kanonisierte (spat genug ist die Retorsion), nun in
alien Journalen dreitagige Freudenfeste angestellt wurden, und
die Literatores darin wie unsinnig gegeneinander rannten und
sich umhalsten und schrien: wir sind vertiert, Bruder, und ich 20
fetiert! - Haben wir, wenn wir doch einmal gelobt, ehrlich, selig
und heilig gesprochen sein miissen, nicht unsere inlandischen
Herolds- und Reichskanzeleien, die uns zu den groBten Laureaten,
zu Patriziern, zu Nobilis mit einem und zwei Helmen, ja zu Krea-
toren von Nobilis kreieren konnen - haben wir nicht unsere Fa-
kultisten, die uns zu literarischen Granden, und zwar auch durch
Hutaufsetzen erheben konnen - und im moralischen Fach statt
der Papste unsere Oberhofleichenprediger - und im Notfall eine
SchirTsmannschaft von 25 Millionen Parentatores, wogegen Hein-
rich IV. etwas abfallt, ders nach Bayle zu funfzig Lobrednern 30
brachte? Und kann denn nicht uberhaupt jeder Narr so gescheut
sein und sich selber loben, womit ich mir schon langst geholfen?-
Besonders nimmt dein Tadeln der Deutschen (weniger das in
deinem Briefe als das, welches du in meinem Titan vorbringst)
mich wunder, da du doch in Italien und Frankreich warest, wo
jeder Fremde den Rest von Treuherzigkeit und Keuschheit ach-
OFFENER BRIEF AN LEIBGEBER 727
ten lernt, den beide unserem Deutschland noch iibrig gelassen.
Unser Pindus, ein monte nuovo, der in zwei Dezennien so weit
reifte wie ein Mensch, kann zwar nicht mit dem gallischen ver-
glichen werden, der ewig die Terrasse und der Schneckenberg der
Thronen und Weltleute bleiben wird - denn er darf einem Mes-
sias die voltairische Borussias entgegenstellen - dessen Held so-
gar im Leben so groB ist wie im Epos, wenn nicht groBer - und
den Schauspielen Goethes wenigstens ein kiihnes shakespeari-
sches biirgerlichesTrauerspiel von funf Jahren, woran halb Frank-
10 reich, und zwar ohne die gewohnliche Blutwasserscheu, geschrie-
ben hat, und ohne den tragischen Mord, wie sonst, hinter die
Szene zu verlegen - allein, mein Freund, das setzet darum uns
nicht unter ein Volk, dessen politische Rechtssache wir nur - wie
unsere, aber leider mit umgekehrtem Effekt - mit den Sachwal-
tern verwechseln. —
Ich will jetzt auf einige Stellen deines Briefes etwas versetzen.
Dein Verzeichnis von historischen Druckfehlern, die ich in
deiner und Siebenkasens Geschichte begangen, soil, wie deine
Zusatze, wider dein Verhoffen bei einer neuen Auflage bestens
20 geniitzet werden.
»Die Menschen stellen sich jetzt auf den Kopf«; aber, Teuer-
ster, das ist unsere naturlichste und friiheste Stellung, die wir
schon als Fotusse vier Monate vor der Geburt annehmen. Ja
manche Volker lassen sich in derselben beerdigen, um auf die
FiiBe zu kommen, wenn sich die auferstehende Erde umschlagt.
»Ist es recht, Leuten, die nur noch die Halfte der Freiheit
haben, zur Strafe den Rest zu nehmen?« Du meinst die Fran-
zosen: ebenso recht, sag* ich, als wenn die alten Romer einen
Selbstmorder, dem die Tat verungliickte, mit dem ganzen Tode
30 ziichtigten. Ohnehin ist ein reformierendes Volk, Guter, ein alter
Lappen, der sich selber durch Blankscheuern des Silberservices
ungemein schwarz macht.
In dem politischen Gemeinwesen handelt zwar dieKommunitat
oder der esprit de corps (es sei auf dem Schlachtfelde, oder im
paztszierenden Kabinett oder in der Rentei) auffallend unmorali-
scher als das Indi viduum : allein dafiir taugt in der gelehrten Re-
728 PALINGENESIEN
publik oft das Individuum (der Autor als Mensch) den Henker
nicht, sondern nur das schriftstellerische Gemeinwesen ist ofFent-
lich verhandelnd trefflich, in welchem von einem Journal zum
andern sehr auf echte Tugend gedrungen und gesehen wird. Wir
Gelehrten haben hier etwas von den Athenern, die sonst in ihrem
geistigen Flore — denn Demosthenes1 klagt uber das Abwelken
desselben — die offentlichen Gebaude, z. B. den Hafen, die Pro-
pylaa, herrlich ausstatteten und bereicherten, indes die Burger,
z. B. Themistokles, Miltiades, sich gern mit wahren Privat-
Hundshiitten behalfen. i
Ach freilich wohl werden die Gesetze der Zukunft zu oft auf
Grabhugeln* promulgiert, oder auf einem Sinai voll Kartatschen,
und die sausende Wasserhose der Revolution ruckt aufgeturmt,
innen voll Donner, mit Blitzen iiberzogen und StaatsschirTe und
Menschen und Tranen aufschlingend, iiber die weite Erde, und
niemand kann die steilrechte Gewitterwolke halten oder sie in
niedrige tragende Wellen zerlegen - ausgenommen mit dem
Evangelium Johannis.3 O nie konnte Liebe und Schonung und
MaBigung und das Sonnen-System der uberirdischen Hoffnun-
gen jedem Autor notwendiger und heiliger sein als in dieser brau- .
senden Zeit voll unmoralischerNiederlagen und -Siege, wo man
den Hollenstein zum Stein der Weisen, und den tarpejischen Fel-
sen zum Ararat jedes Staates macht. Unter so vielen Menschen
oder Heklas voll egoistischer Eisschollen und leidenschaftlicher
Krater wird jedes gedruckte heftige Wort, das gegen die Kalte
der Weisheit und gegen die Warme der Liebe siindigt, jede un-
moralische Zeile, und hatten alle neun Musen in sie wie in einen
Antikensaal ihre Insignien niedergelegt, jedes unvorsichtige Be-
tasten oder gar Abblatten der Sinnpflanze4 liebender zartlicher
1 Demosth. in Aristocrat.
2 Auf der Insel Man miissen sie stets auf einem alten Grabe (Tynwald-
Hille) publizieret werden, nach Robertson.
3 Physische Wasserhosen bekarapfte sonst der Aberglaube damit; mora-
lische der Glaube.
* Zwei Revolutionen, die gallische, welche der Idee oder dem Staate die
Individ uen und im Notfall diesen selber opfert, und die kantisch-moralische,
welche den Affekt der Menschenliebe liegen lasset, weil er so wenig wie
Verdienste geboten werden kann, diese ziehen und stellen uns verlassene
OFFENER BRIEF AN LEIBGEBER 729
AfTekten, jede solche Sunde wird durch die Nachbarschaft der
Zeit blutiger Hochverrat an der Nachwelt; und es ist ohnehin
unvorsichtig, daB jetzt so viele in ein Geriiste gefugte ebene Spie-
gel von Autoren eine Brennspiegelhitze auf eine Stelle nchten und
werfen, auf welcher ebensogut SchieBpulver als gutes Gesame
liegen kann, und die auch im letztern Falle ihre Wintersaat scho-
ner unter der schonenden und gleich verteilten Sonnenwarme
treiben wiirde.
Ich nannte noch das Sonnen-System der iiberirdischen Hoff-
10 nungen, namlich die Religion (worunter ich das Leben fiir die
Unsterblichkeit und die Gottheit meine), die in sehr tatenvollen
arbeitenden Zeiten, unter dem Treiben der Plane, unter dem
Sturmen aller Krafte sich wie am Tage der gestirnte Himmel am
ersten verhiillt: nur im Frieden und in der Stille offnet diese leise
Gottin ihre Lippe und ihr Herz. O diese Trosterin und Schutz-
heilige der Leidenden sucht jetzt selber bei Leidenden Schutz, -
an deinem so oft von ihr erquickten und geheilten Herzen, du
sanftes stilles Geschlecht, liegt sie nun angeschmiegt, und wenn
vor deiner Einsamkeit die gezuckten Schwerter der Manner und
20 blitzende Parzen-Augen und Hande voll Blut und bleiche auf-
gerissene Menschen und der ganze lange Sturm der Zeit voriiber-
ziehen, so weint und blutet und trostet die Unsterbliche mit dir,
und ihr umfasset euch dann fester.
Ich bin sehr ernsthaft geworden, nicht wahr, Heinrich? -Aber
iiber folgende Stelle deines Briefes bleib* ichs doch noch: »Wenig-
stens tut der allgemeine europaische frohe Anteil an jedem Bilde
der Freiheit ihr Dasein im Busen, wenn auch nicht im Lande dar:
ist nur einmal das, so brutet sich der Adler schon mit seiner hei-
Menschen immer weiter und einsamer auseinander, jeden nur auf ein fro-
30 stiges unbewohntes Eiland; ja die gallische. die nur Gefuhle gegen Gefiihle
bewaffnet und aufhetzt, tut es weniger als die kritische, die sie entwaffnen
und entbehren Iehrt, und die weder die Liebe als Quelle der Tugend noch
diese als Quelle von jener gelten lassen kann. Da hierin viele moralische
Professionisten sich dem strengen Ideal, das sie aufstellen. auch in ihrem
Leben nahern, das sie in Kathedern und Streitschriften fuhren : so bitt* ich
sie, mich meiner Behauptung wegen nicht eher anzufallen, bis ich sie aus-
fiihrlich angefallen, wozu ich Hoffnung mache.
73° PALINGENESIEN
Ben Brust durch den hohen Schnee1 auf den festen Boden hinab.«
Ich leugne nicht dieses, sondern jenes. Die von irgendeiner typo-
graphischen und chalkographischen Gesellschaft verkauften Ge-
malde vom hauslichen, Idyllen- und Landlebengliick entziicken
nicht den Landmann oder Burger, der es hat, sondern den Hof-
mann, der es entbehrt und ders auf jenen genieBet; und wohl
einen Fiirsten, aber nicht seine Schnitter konnen Gesange von
frohen Schnittern laben. Ebenso wiirden die Altarblatter des Frei-
heitsaltars einen freien Kanadier oder alten Deutschen wenig riih-
ren, weil der Schritt vom wirklichen Besitz zur poetischen An- 10
schauung noch genialischer ist als der von dieser zu jenem, und
unsere poetischen Kinder werden, wie die physischen, gerade der
Sache ahnlich, wornach man sich in den neun Monaten vergeblick
sehnte. Indes wenn der Traum7 daB man trinke, wenigstens be-
weiset, daB man wirklich dilrste: so kommt der Mensch auf dem
dichterischen Umwege durch die bestechenden Gemalde einer
verschmahten Wirklichkeit wieder zu ihr zuriick, und auf ewig
und reiner, und sie geben dann der Natur, der Freiheit, dem haus-
lichen Gliick, der Wirklichkeit einen treuern Freund zuriick, als
sie ihnen entfiihret haben. - 20
Nun lebe wohl! Siebenkas und seine Frau griiBen dich herz-
lich. — Griifie, wenn du etwan hinkommst (wir verstehen uns,
denk* ich), den guten Duodezimus Fixlein in Z-ch, ferner Herrn
W~ss-k in M-rf, weiter meinen lieben Schiitz in B., denen ich
alien Briefe fur ihre guten schuldig bin, und endlich auch seinen
wohlwollenden Bruder, dem du zu sagen hast, er habe in alien
seinen historischen Vermutungen im Februar des Deutschen Ma-
gazins ganz recht. StoBest du nicht auf sie, so lesen sie es hier
ohnehin selber. Mir tut diese leichte Manier, auf Briefe in brief-
lichen Vorreden zu antworten, jetzt unter dem Antworten so 3o
wohl, daB kh kunftig ofters zu ihr greifen werde, besonders da
die Sache das Publikum nichts angeht, das froh sein muB, wenn
ich ihm keine bogenlange, nur mir ersprieBIiche Dedikadon in
den Weg und unter die FiiBe werfe. - Kommst du nach Niirn-
1 Nach Chardin schmilzt der Geierfalke in Persien mit seinem auf den
Schnee gebaueten Horst oft eine Klafter tief bis auf die £r4e herab.
OFFENER BRIEF AN LEIBGEBER 73I
berg, so schwore, wie ich allda schon selber tat, daB ich im ganzen
Buche auf kein Individuum satirisch gezielet: ich kann und mag
keinem Menschen auf seiner fuegenden Flucht durch das Leben
den Giftpfeil der personlichen Satire vorn ins Herz oder auf das
Schulterblatt nachwerfen, die, ungleich der allgemeinen, keine
heilenden Schmerzen macht, sondern nur eiternde. — Couvertiere
deine Briefe nicht mehr nach Hof, sondern nach Leipzig, wohin
mich das Schicksal kurz vor Empfang deines Briefes selber cou-
vertieret hat: ich stehe noch an, ob ich mich da habilitiere als
10 Bakkalaureand. Ach tratest du einmal da zu MeBzeiten auf! Wahr-
lich ich wiirde dich kennen! - Lebe denn wohl! Das Verhangnis
reiche dir (um deine Allegorie zu brauchen) »recht viel aufge-
loseten Griinspan und viel Loschpapier1 zu deinem Himmel und
gebe dir kein oleum tartari per deliquium zu Wolken darin, oder
doch sogleich das Vitriolol eines nassen Auges«. Ach, Heinrich!
Doch noch ein Wort! Sagen denn eben diese deine sehnsuchtigen
Ausdehnungen, die den seufzenden Busen mitten in alien blauen
und goldnen Himmeln des tiefen Lebens driicken, dir nicht, du
Unglaubiger, daB dein Firmian recht hat, wenn er glaubt, daB
20 wir, gleich Menschen in polnischen Steinsalzbergwerken, unter
und in der Erde leben- daB wir in dem auf ihr liegenden Himmel
oben nie gegangen sind - daB aber doch an der Ein- und Ausfahrt
eine blaue Stelle, ein Blitz des iiberirdischen Tages zu uns nieder-
komme, vor welchem das elende Flimmern des Salinen-Souter-
rains erlischt - und daB wir eben darum, bis wir oben ins Freie
hihauf sind, uns so unendlich sehnen, Heinrich? -
Leipzig, den 23. Marz 1798.
Jean Paul Fr. Richter.
JAnspielung auf eine Erfindung von Hooke, der (1670) den blauen
5° Himmel durch Loschpapier voll filtrierten Griinspan und die Wolken durch
obiges Oleum nachmachte und diese wieder durch Vitriolol vertrieb.
Alte Vorrede von Siebenkas selber
Der heilige Ambrosius sagte, der MuBiggang sei das Kopfkissen
des Teufels. Da ich nun glaubte, der Satan verdiene keines: so
nab' ichs ihm, wie einem Sterbenden, vor einigen Vierteljahren
unter dem Kopfe weggezogen und mich selber darauf gesetzt und
meine Zeit nicht unedel mit dem Zusammenschreiben einiger
ganz munterer Pasquille verbracht.
Meine besten setzt' ich freilich vor meiner Geburt schon auf,
und es sollen nachher die Personen ohne Scheu spezifizieret wer-
den, die mir solche gestohlen: die schlechtern, die ich bloB auf 10
hiesiger Erde ausheckte, leg' ich hier der gelehrten Welt mit Ach-
tung vor. Mein Jammer ist namlich der, daB wir alle - welches
jeder aus seinem Plato sich erinnern muB, wenn nicht aus seinen
dunkelsten Erinnerungen - vor diesem Leben und Nationalban-
kerutt der Geisterwelt auf einem trefflichen Kometen1 (wenns
nicht gar Whistons seiner war) ganz vergnugt zusammenlebten,
bis wir samtlich einiger Spitzbiibereien oder Todsunden wegen
auf diese Ponitenipfarre des Universums durch die Geburt her-
untergetrieben wurden, so daB dieses Leben nur die Narbe eines
vorigen ist. Der Whistonsche Schwanzstern scheint mich und 20
Meusels Deutschland und alleSeelen in Gestalt seines Schwanzes,
wie ein reifer Frosch den seinigen, abgeworfen zu haben auf die
griane Erde herein.
Eh' nun das geschah,, bracht' ich droben auf dem Bartstern
meine besten Stunden und Jahrhunderte damit zu, daB ich den
ganzen Tag statt auf dem Musen- oder Stecken- oder irgend-
einem Schaukelpferde bloB auf einem festen Lese-Esel saB und
1 Nach Lambert wohnen auf Kometen feinere hohere Wesen als auf
Planeten.
ALTE VORREDE VON SIEBENKAS SELBER 733
darauf Werke am Schreibpult ausspann und aufsetzte, wie zu
wiinschen ware, daB sie jeder schreiben konnte. Die Werke wa-
ren zwar spaB- und ernsthaft, aber himmlisch: ichvereinigtedarin
alle Schulen, die niederlandische, die welsche, die gallische, und
alle Manieren, die trockne, die fette, die warme, die kalte, und alle
Kunstrichter und wahre Unmoglichkeiten - und die Fliigel, die
ich darin der Dichtkunst und der deutschen Sprache ansetzte,
waren von Holz und Windmuhlenftiigel, damit die kursachsischen
Kunstrichter nichts dazu zu machen brauchten als den Wind.
10 Meisterstiicke sind im Himmel leicht: man hat da keine EBIust,
kein Brotstudium und weder Kind noch Kegel und schreibt ohne
Unterleib und mit transparenten Fingern ganze Ewigkeiten a
parte ante am ersten besten Opus fort. Ich war da mit schonen
Geistern bekannt, die, bevor sie hienieden alles vergaBen, droben
wenigstens so viel wuBten als ein hiesiges Titularmitglied einer
Akademie, wenn nicht so viel wie ein wirkliches.
Schwer ists mit einem solchen supralunarischen Scharfsinn zu
paaren, daB ich droben mich dermaBen vergaB, daB ich in einigen
von meinen Manuskripten andere Leute blattern und studieren
20 HeB. So viel ist wenigstens ausgemacht, Swift und Sterne und
Butler hatten weiter keinen Schaden davon, daB ich ihnen solche
Werke wie das Marchen von der Tonne und Tristrams Leben
und Hudibras - welche ich fur die drei besten Satiren und uner-
bittlichen Parzen gegen Toren halte, die ich je gemacht — nicht
nur vorlas, sondern auch wochenlang vorstreckte im Manuskript.
Die Folgen weiB jeder: ich setzte dadurch die Briten instand, es
wie jener alte Poet zu machen, der (nach Seneka) die Gedichte,
die ein anderer Poet offentlich herlas, augenblicklich in seinem
Fang-Gedachtnis behielt und sie fur seine erklarte, weil ihr echter
30 Verfasser sie nicht wie er vermochte herzusagen. — Trugen die
drei Englander nicht meine drei Werke, jeder sein Stuck satiri-
sches Polen, in ihrem weiten Gedachtnis und Gewissen wider die
gemeine Moral auf die Erde herab und nahmen daselbst weiter
nichts - um den Ruhm groBer Autoren zu erringen - vor, als
daB sie mir, der ich in der andern Welt noch passen mufite und
es auf keine Weise zur Geburt bringen konnte, den meinigen
734 PALINGENESIEN
stahlen und fur meine zum hiesigen Fortkommen hingeworfnen
Gedanken das Honorar einzogen? - Ich merkte das den Augen-
blick, da ich geboren war, und wollte vor Erbosung wieder in
den alten Bartstern hinauf, sitz* aber noch hienieden.
Gleichwohl wiird' ich dariiber hinweg sein, weil ich den Trost
hatte, daB die Welt, wenn sie jenes stechende Klee- und Nessel-
blatt in die Hande nimmt, sich eigentlich bloB um mich verkettet
stelle, gleichsam um einen frischen Zitteraal, und daB mich das
erste Glied bei den Schwanzflossen, das letzte beim Kopfe an-
greife, damit ich elektrisch in den verkniipften Zirkel dreinschlage 10
— ich wiirde das tragen, sag* ich, daB man meinen bessern und
iiberirdischen Satiren ihren Geburtsort nicht anmerkt, da sie so
trefTlich die irdischen Toren (die ja aber auch droben hausten)
abschatten - ich wiirde iiber alles dieses wenig Umstande ma-
chen: muSt' ich nicht erleben, daB meine ernsthaften Werke,
diese auslandischen Gewachse eines hohern atherischen Vater-
landes, diebisch vor meiner Geburt gedruckt, als inlandische um-
laufen. Es ist ein trauriges Los, daB gerade meine Ideen zur Ge-
schichte der Menschheit und meine zerstreueten Blatter von mei-
nem Plagiarius Herder fur seine Werke und fur Autochthonen 20
von Weimar ausgerufen werden, so daB solche Erzeugnisse eines
schonern Klimas - bei allem ihren hohern Erd- oder vielmehr
Himmelsgeschmack, ungeachtet ihrer Sonnensysteme und Stern-
schichten strahlender Ideen und ungeachtet eines zugleich Bliite
und Friichte tragenden Stils - nun in alien deutschen Kreisen als
Werke kursieren,die auf dem Planeten geschrieben worden. Frei-
lich wenn Cicero sagt, er glaube, wenn er seinen Kato vom Alter
lese, den Kato selber zu lesen, so glaub' ich oft, wenn ich meine
Herderschen opuscula lese, ihn selber zu horen, da ich ihn kenne;
aber es tut doch nicht gut. 3o
Jetzt da ich nun endlich nach langem Harren auf das Theater
des Lebens hereingesprungen bin und zwolf der besten Kopfe
unter dem groBen breiten Lorbeerkranz stehen sehe,den ichallein
aufhaben wollte, jetzt wird mirs memand verdenken, daB ich in
einer Vorrede meinen Kranz bescheiden, aber durchaus wieder-
haben und allein aufsetzen will, wiewohl er nicht viel leichter ist
ALTE VORREDE VON SIEBENKAS SELBER 735
als Davids Hundertunddreizehn-Pfiinder von Krone. Sollte man
mir denn harter mitfahren wollen als den Benediktinern des drei-
zehnten Jahrhunderts, die endlich doch im siebenzehnten eine
ehrliche Seele fanden, welche ihre Werke, die man so lange einem
- Virgil, Cicero und Livius zuschrieb, ihnen wieder zustellte, nam-
lich den Pater Hardouin? -
Anlangend gegenwartiges Buch, so ist es dumm genug; denn
nun, da ich auf der Erde sitze, kann ich so wenig zeugen wie sie
selber. Was wird uberhaupt ein Wesen in einem hypochondri-
10 schen Korper (diesem innen mit Nageln bedornten Regulus-FaB)
und im Frondienste des Magens und des Pfortadersystems wohl
Sonde.rliches fiir seinen Verleger und Vor- und Nachdrucker in
die Presse schicken? Weit muB alles unter die bliihenden Ab-
kommlinge seines freiern warmern Lebens fallen, und er muB
sich selber welkend im Spatjahr des Daseins biicken. Halt man
mein antediluvianisches Marchen von der Tonne oder Tristram
zusammen mit gegenwartigem Posthumus, den ich bloB auf dem
Planeten gemacht: so erstaunt man iiber den Unterschied und
begreift nicht, wie derselbe Kopf vor seinem Leben so gut schrieb
20 und nachher so schlecht. - Keine Zeile hatte ich machen sollen. -
Es kann wenig Leser haben - wenigstens nicht zwei.
Denn es ist uberhaupt, kantisch davon zu sprechen, nicht mehr
als einer moglich, und der bin ich selber. Ich kam erst heute vor-
mittag mit einem Grade des Schreckens darhinter, den ich einmal
an andern observieren mochte. Ich war namlich vergniigt iiber
einen Traum voll Potentaten aufgestanden und hatte unter dem
Anlegen der Montierungsstiicke die Stadte zusammengezahlt, die
mich lesen wiirden : als der Teufel einen kritischen Philosophen
in die Stube fuhrte, der - vielleicht neidisch iiber die Saat meiner
30 Lorbeerwalder — mir sein System wie atzendes Sublimat eingab
und mich auf der Stelle schwachte. Er tat mir dar, der Raum und
die Zeit und die Kategorien waren an und fur sich oder fiir andere
Wesen ganz und gar nichts, aber fiir Menschen alles, und wir er-
schiifen uns durch diese Denkformen die ganze Sinnenwelt (so
daB wir sie sogleich darauf oder darunter empfanden) - Inzwi-
schen bezogen sich alle diese innen von uns gemachten auBern
73<$ PALINGENESIEN
Erscheinungen unverhofft auf wahre echte Dinge an sich, auf
wirkliche, ihm ganz unbekannte X's (wiewohl nicht auszumitteln
sei, wie und warum), und er selber, als sein eigner optischer Be-
trug, bezoge sich auf ein solches in ihm angesessenes X, welches
eben der eigentliche Granitkern und das Ich seines Ichs sei. -
Aber da er von diesem ganzen Inkognito-yniversum nie, auch
nicht nach dem Tode, etwas oder nur so viel zu sehen bekomme,
als Hogarth auf seinen Nagel zeichnen konne, so sell' er nicht ab,
warum er sich urn ein ewig gleich dem Nichts verstecktes Etwas,
um eine ewig unsichtbare Spiegelfolie sichtbarer Gestalten im 10
geringsten so viel wie um gute hubsche Erscheinungen scheren
solle, die er doch wenigstens als solche kenne. - Gelte nun das,
so behalte er keine Welt ubrigalsdie in seinen plastischen(Denk-)
Formen gebackne, namlich die von ihm ins durchsichtige ver-
borgne weite X gewiirkten und gestickten Figuren oder Erschei-
nungen, worunter er mich zu stellen sich die Freiheit nehme. Ich
kehrte aber auf dem Platze den SpieB um und versetzte ihn selber
unter die nur in meinem Kopfe seBhaften Phenomena, die ich aus
Gefalligkeit mit den Grund-, Vor- und Passerformen meiner
Sinnlichkeit und meines Verstandes gestalte. Wir kamen hart 20
hintereinander, jeder wollte der Idealist sein und den andern in
seinen SproBling und Nestling verkehren und ihn nicht auBer
dem Kopfe leiden-bis ich denPhilosophen auBer derStube hatte,
wodurch ich ihn so denken konnte, wie ich wollte.
Inzwischen hatt' er mir darin in seinem idealistischen System
einen haBlichen StoBvogel des ganzen Universums dagelassen,
der alles erwurgte und abrupfte - mein kritisches Basiliskenauge
brachte alles in Kuhschnappel um, die Patrizier, den Venner,
meinen Mietsherren, die gute Lenette, und vor einem Spiegel hatt'
es mir selber zusetzen konnen - durch den giftigen Samielwind 30
des Philosophen waren alle Weltteile, sogar die unentdeckten,
und die regierenden Haupter in den genealogischen Verzeichnis-
sen und ihre Hofkalkanten und alle Pupillenkollegien und die vier
Fakultdten und die vier groBen Monarchien und der ewige Jude
samt der ewigen Judenschaft wie weggeblasen — und es blieben
kaum so viele Wesen stehen, als man mit einer Nachtmiitze be-
ALTE VORREDE VON SIEBENKAS SELBER 737
clecken kann, welches nur ein einziges, namlich ich unter meiner
war. Durch diesen giftigen Hiittenrauch starb auch die ganze
Lesewelt bis auf einen Leser aus - sogar dem kritischen Philo-
sophen war nicht zu helfen, und es mangelte ihm an Existenz,
mich durchzugehen. — Wahrlich dem Philosophen kanns nim-
mermehr wohlgehen, daB er in der todlichen Arsenikhiitte seines
Lehrgebaudes mich in wenig Stunden so weit gebracht, daB ich
jetzt der kurze Inbegriff und Extrakt oder das Phlegma aller ver-
fluchtigten Leser sein muB und der Reprasentant des verdampf-
ro ten corpus. So sitz' ich hier und schreibe unmaBig und bin von
niemand gelesen : denn ich selber habe dazu wenig Zeit und kaum
genug zum Schreiben.
Was mich erhalt und beruhigt, sind die Rezensenten, denen
zwar als unbekannten X's oder als Sachen an sich Organe zum
Lesen nicht zugesprochen werden konnen, die aber auch keine
brauchen: es ist genug, wenn sie mich ofTentlich preisen und dann
erst (falls sie genugsam auBer mir existieren) lesen. Ich baue mich
gegen ihre kleinen Dragonaden - obgleich unter alien Dingen,
selber unter den schlimmen, keines so leicht ist, als sich selber
20 verteidigen, oder so komisch oder so sufi - in folgenden Verhack
aus Griinden ein.
Kein humoristisches Werk kann - seinen zweiten, dritten, vier-
ten, xten Teil ausgenommen - das erstemal gefallen, sondern erst,
wenn man es zum zweiten, dritten, vierten, xten Male Iieset: muB
nicht Swift dreimal, Hudibras neunmal, Tristram einundachtzig-
mal durchgelaufen werden, ehe man etwas davon goutiert? -
Wenigstens einmal muB jedes launige Werk gelesen werden,
wenn es affizieren soil; und ich postuliere nicht weniger.
Ferner. Wenn auch die Satire viel seltener die Laster als die
30 Narrheiten wegjagt,und beide mehr vom Markt als aus derStube:
so wirft sie doch den Lastern die zerbrochnen beschmutzten
Wappenschilde vor die FiiBe und hangt sie in effigie und tut
ihnen iiberhaupt so viel Schimpf und Schande an, daB ein ehr-
licher Mann mit ihnen, auBer im Notfall, nichts zu verkehren
haben mag und sie ganz verachtet, indem er sie gebraucht. In
alien Jahrhunderten hatten die Laster ihre Lehnleute, ihre Lehn-
738 PALINGENESIEN
lakaien, ihre Rudersklaven und Schwarzen; aber nur in den ver-
dorbensten hatten sie ihre Parentatores, ihre Laureaten, ihre che-
valiers d'honneur und Kammermohren; und es ist kein gleich-
giiltiges Zeichen unsers jetzigen moralischen Wohlstandes, daB
wir in unsern Tagen noch die Unkeuschheit z. B. vollig ebenso
kiihn und so oft als die Keuschheit persiflieren. Daher hat noch
jeder eine sittliche und eine unsittliche Sprache, wie die Juden
auBer dem Christendeutsch noch ihr Judendeutsch. -
Sooft ich an anatomischen Theatern der Sektion von Kinnen
beiwohnte, so sah ich, daB uns derProsektor an zwei Arten von 10
Kinnen keine Lachmuskeln, die etwan ein Butler, Steele, Addison
hatte fassen konnen, auszuschalen und zu zeigen vermochte, an
den Kinnbacken ohne alles Barthaar und an den zu langbartigen.
Da nun an Jiinglingen jene und an akademischen Lehrern diese
sitzen, und da gerade beide mich rezensieren werden: so muB ich
ihnen hier zugleich drohen und versprechen, um sie zum Loben
wider eigne Oberzeugung zu zwingen. Ich sage das: die Juden
erzahlen: wenn der Prophet Samuel aus einem guten Traum er-
wacht war, so fragt* er verneinungsweise: »Reden wohl die Trau-
me Eitelkeiten?« - Hatt* er einen schlimmen gehabt, so sagte er 20
und behauptete es: »Es reden wohl die Traume Eitelkeiten.« -
So will ichs machen. Werd' ich von den kritischen Blattern hin-
langlich gepriesen: so steck' ich sie ein und gehe zu einigen guten
Freunden und frage: »SolIte denn an alien gelehrten Anzeigen
nichts sein? Unmoglich: viele haben ihre Meriten; nur ziehen
schlechte Autoren aus ganz begreiflichen Griinden gegen sie los
und zu Feld, indes bessere sie immer achten und scheuen, so wie
die Schonen, aber nicht die Fliegen vor den Spinnen wie vor
Siegern laufen und ihre Gewebe schonen, da doch nur die Fliegen
von ihnen gefressen werden. « - Wagt man es aber, mich in kriti- 30
schen Schatten zu setzen: so geh' ich herum und sage es frei: »Ich
kenn' ein wenig das Rezensiten-Wesen, und jeder danke Gott, den
sie nicht loben. Wer gern fur die Nachwelt einmariniert sein will,
der muB den Mumien gleichen, denen man vorher das Gehirn aus-
nahm, und die man mit belienden Mitteln ausrieb, eh* man sie mit
wohlriechenden Spezereien die fur Ewigkek in Rauch aufhing.«
ALTE VORREDE VON SIEBENKAS SELBER 739
So, glaub' ich, nab' ich meinen Lorbeerbaum gegen kritische
Setzhasen genug bedornet und kann nun meines Weges gehen.
Der Verfasser ist ein neuangehender Ehemann, und das Werk,
das er hier in die Welt setzt, ist die erste rechtmaBige Frucht
seiner Ehe. Und so schutt' ich denn diese gezahnten Sennesblatter
in den fliehenden breiten Strom des dunkeln Lebens, bis er mein
Ufer und mich selber unterwiihlt und mit seinen Wellen weg-
zieht, und ich den Blattern und den altesten Lesern nachschwimme.
Obrigens wunsch' ich von Herzen, dafi dieses eine Vorrede ist,
> und empfehle mich Unzahligen, will aber durch Stillschweigen
nichts eingeraumet haben, sondern setze Freunden und Feinden
generalia juris entgegen, reserviere mir quaevis competentia und
protestiere gegen Reprotestationen. Kuhschnappel, im August
1785.
Firmian . Siebenkas,
zeitiger Armenadvokat.
Erster Reise-Anzeiger
Fata : meine Werthers-Freuden in der Ehe — meine Werthers-Letden — das
gefahrliche Beriihren meiner briefJichen Bundeslade - der 2iste Marz
voll scharfem Marzstaub — der Vorsatz
Werke: mein Protokoll und Nachtblatt der Schlafer
Schon als ich uber die erste Sehenswiirdigkeit der Reichsstadt,
namlich uber die Abcbrxicke^ ging, stellten sich die Gewissensbisse
ein: »MuB denn nicht Siebenkas denken,« (sagt* ich) »daB du
mehr wegen seiner Auswahl aus des Teufels Papieren als deiner
Frau halber nach Niirnberg gekommen?« i
Nichts macht den Anfang eines Buchs verdriiBlicher, als dafi
man darin dem Leser erst hundert Dinge notifizieren muB, die er
nicht weiB; die Exposition ist ganz kurz diese:
In Siebenkasens Lebensbeschreibung macht' ich bekannt, daB
er die Teufels Papiere geschrieben: viele deutsche Kreise wollten
das Buch um des Menschen willen sehen, wie sonst umgekehrt;
es war aber bei keinem Spezereihandler mehr zu haben. Wie man
sonst in Paris vor der Erflndung des Drucks ein Buch in 200 Hefte
zersetzte und es so fur ein Geringes an 200 Leser auf einmal ver-
lieh1: so hatte man fiir die Teufels-Papiere, die ihrer Satire wegen 2
dem ernsten Publikum schwer beizubringen waren, etwas Ahnliches
mit Erfolg inkaminiert : man liefi sie in den merkantilischen Zerglie-
derungshausern auseinandernehmen und die Satyrs (zwar nicht wie
die athenischen mit Grazien, aber doch) mit Goutees und derglei-
chen fullen - wie man fiir die Kinder aus Pfefferkuchen eine Abc-
briicke macht - und brachte sie vollig durch diesen Stiickverkauf
und unter den mannigfaltigsten stereometrischen Formen in Kurs.
So setzte man in kurzem die erste Auflage ganz leicht ab.
1 Meiners Vergleichung des Mittelalters etc. II. p. 540.
ERSTER REISE-ANZEIGER 74I
Aber an die zweite wollte der Verfasser nicht gehen : Siebenkas
1st, wie ich schon vor einigen Jahren berichtete, Inspektor in Va-
duz und hat nun mehr die Werke des Teufels als die Papiere des-
selben in die Waschmaschine zu werfen. Noch weniger kohnte
ich machen, da er mir vorhielt: »Du bist daran schuld, J. P., also
schreibe du sie! - Oberhaupt: der Rechtsgang ist ein Gallengang,
und den Steindamm der Geschafte pflastern lauter Gallensteine -
und eben darum und vor lauter Zorn kann man den Zorn nicht
asthetisch, d. h. satirisch auslassen, so wenig als der Jiingling die
10 Liebe wahrend seiner Liebe malen kann: erst nach dem kiirzesten
Tag kommt sowohl die groBte Kalte als' nach dem langsten die
grofite Warme. Und bedenke nur, daB mich der Graf zu seinem
ProzeB nach Wetzlar schickt, wo ich ganz andere Papiere vorbe-
komme als teuflische, und wo ich - weil dieses Amphiktyonen-
gericht wie jede Republik nur langsame Entschliisse fasset, und
weil uberhaupt die Ewigkeit a parte ante eines ewigen Kriegs vor
der Ewigkeit a parte post eines ewigen Friedens ablaufen muB —
so fest sitzen werde wie ein Schropfkopf. Mit einem Wort, du,
du machst die Edition !«
20 Der Inspektor Siebenkas war mitten im Hornung nach Wetz-
lar abgegangen, urn vor diesem ersten Reichsgerichte und Reichs-
vikarius der Themis im Lager oder Winterquartier von 20000
Prosessen die Zeltgasse des graf lichen Prozesses aufzusuchen und
womoglich in einem Vierteljahre mobil zu machen: so spat
wolIt' er erst wieder zuriick. Wenn ein Freund verreiset, bleibt
man ungerne zu Hause, daher Kastor und Pollux die Ober- und
Unterwelt miteinander bezogen. Vadu^ wo Firmian richtet und
wohnt, Hegt von Hof(meiner Wohnpfalz) nur einige Kanonen-
schiisse; und darum setzt' ich mich, da ich ihn fliegen sah, auch
30 aufs Flugbrett heraus und spannte die Flughaut auf. Konnen
denn nicht, dacht* ich, unsere Weiber - seine Natalia und meine
Hermina^ mit der ich am neuen Jahre als ihr ewiger Hausfreund
auf die Freundschaftsinsel der Ehe gezogen war - oder vielmehr
unsere Strohwitwen (wozu die jetzigen Strohhiite, Strohgiirtel
und Strohbesatzungen ungemein passen), konnen sie nicht zu-
sammenziehen und den ganzen Tag von ihren lieben Mannern
742 PALINGENESIEN
reden und fragen: wo mogen die herrlichen Seelen wohl jetzt
hausen? Auch taten sie es, und noch wohnet Natalia in Hof bei
meiner Hermina.
Und wie leicht war mit einer kleinen Reise zugleich die zweite
Auf lage zu machen ! Denn neue Werke kommen in Wirtshausern
und auf StraBendammen aus ganzlichem Mangel aller Biicher-
schranke, dieser treibenden Glaswande, nicht fort, aber neue Edi-
tionen der alten geraten wie Flugsand und Steinflechten auf jedem
Boden. Bei Firmians Papieren bestand das Verbessern ohnehin
bloB in Verkleinerri. Oberhaupt sollten die Papiermiiller fur die 10
jetzige romantische und philosophische Literatur einDruckpapier
aus Steinflachs machen, damit man eine neue gereinigte, durchaus
verbesserte Auf lage blofi durch die Scheidung auf dem trocknen
Weg veranstaltete, indem man die alte ins Feuer wiirfe und dann
den Asbest herauszoge. Die Schonheitslinie solcher Werke sollte
steilrecht, nicht waagrecht laufen, so wie auch Eisenstabe vertikal
magnetischer wirken als horizontal; und daher stellen eben die
Rezensernen gerade mit Schwabacher (der Horizontallmie im
Manuskript), womit die Autoren die Schonheiten vorheben, die
Fekler ans Licht. 20
Ich eile nun wieder auf die Briicke zuriick, wo ich schon seit
acht Seiten mit Gewissensbissen stehe und auf mich warte. Ich
hatte unterdessen die beiden Pyramiden der Briicke besehen, auf
deren einer eine Taube und auf deren zweiter ein Doppelschnabel
von Adler sitzt, der vielleicht auf die Taube stieBe, besaB' er nur
so wenige Schnabel als Magen, namlich einen. — Man ging dann
in den sogenannten Irrhain (bei Kraftshofe) spazieren.
Ein anderer ware auf die Hallerwiese oder auch in den Jiiden-
buhl (durch den ich schon am Morgen eingezogen war) oder der
Gesellschaft wegen gar auf den Dutzendteich gegangen. Aber 30
heute hatte mich nichts aus dem Irrgarten gebracht. In einigen
der nachsten Reise- Anzeiger werden der Welt die Ursachen vor-
gezahlt, warum ich mich gerade den ersten Tag in Nurnberg
kaum auf den Beinen halten konnte; und eben diese an die Er-
weichung grenzende Ermattung trieb mich in den Hain: das
Schwellen des Herzens wie das der Adern kommt nicht immer
ERSTER REISE-ANZEIGER 743
von Vollbliitigkeitj sondern oft von Schwache der GefaBe her.
Ich wuBte, daB der Irrgarten im Jahr 1644 fiir den sogenannten
Harsdorferschen Hirten- und Blumenorden an der Pegnitz gesaet
und gepflanzet wurde1; und als Kind hatt* ich oft in einem Quar-
tanten voll Kupferstiche, den der Orden geliefert, herumgeblat-
tert: das zog mich an. Die ersten grtinen Fruhlingsmonate unsers
Lebens liegen in einem so dunkel-zauberischen tiefen Tempetal,
in das bloB ein blauer griechischer Himmel ohne eine Sonne hin-
einscheinet, daB die kleine spielende Seele in dieser glanzenden
10 Correggios-Nacht nur Engel, Silberpappeln, Sterne auf der Erde
und vergroBerte, obwohl undeutliche Gestalten erblickt. Sogar
der Inhalt der ersten Lektiire nimmt daher etwas vom Glanze
unserer ersten Tage an. Ich wuBte z. B. lange nicht, warum ich
mich so sehr in den dreiBigjahrigen Krieg und in die Polarlander
hinsehnte, bis ich herausbrachte, daB ich die schimmernde Zeit,
worin ich zuerst in beide schauete, mit der triiben vermenge, die
man darin verleben muB. Ebenso hat der von Maifrosten kiihle
und von Reifen glanzende Wonnemonat unserer Literatur, worin
Gellert, Gartner und die Belustiger des Verstandes und Witzes
20 schrieben, fur mich, fur Adelung und die kursachsischen Kunst-
richter ungemein viel Reiz, bloB weil wir sie als Kinder lasen und
nun die Wieglebsche Magie unserer Kindheit von der Magie der
deutschen nicht mehr trennen konnen.
Je langer ich vor den griinenden Seitenlogen des Irrhains, des-
sen Front- und Mutterloge ein belaubtes Labyrinth war, auf- und
abstrich und mich bald in jene, bald in diese Hiitte setzte und
daran dachte: hier safi 1644 Harsdorf, Klai und ihre Chorsanger-
und je langer ich in den bedeckten Gangen, gleichsam in den
Katakomben der vorigen Pegnitzschafer ging und wieder heraus
30 zu den wachsenden Blumen kam, die ofter aufgelegt wurden als
die gedruckten des Blumenordens: desto mehr fing vor mir der
Blumengarten an zu phosphoreszieren, und endlich lag er als ein
himmlischer Hesperiden-Garten da, und das lichte Gewolk, durch
1 Der Blumenorden existiert noch in Niirnberg, ist aber, wie oft Dichter
und Zeitalter, ein Frucht- und Blatterorden, namlich eine historische und
literarische Gesellschaft geworden.
744 PALINGENESIEN
clas er oben aus der atherischen Vergangenheit in die dicke Gegen-
wart hereingesunken war, hing noch merklich in leuchtenden
Flocken an seinen Gipfeln.
Meine Freuden und meine Schmerzen waren jetzt Milchbriider
und Menachmen und schwer zu unterscheiden - Gewissensbisse
und Wunsche (wovon ich bald deutlicher sprechen werde) druck-
ten ein paar Dornen mehr in meine Kopfnaht, als die Reichsstadt
Niirnberg unter ihren Reichsheiligtumern1 aufzuzeigen hat - ein
lauer Friihling streuete seine Winde und seine Sommersaat aus
Blumenstaub und seine niedrigen Blumen aus - die Garten lagen 10
mit Saugestacheln am blauen warmen Himmel, und an den Gar-
ten lagen wieder die Saugeriissel der Bienen.
Solche Umstande muBten nun zusammenkommen und zusam-
menwirken, damit ich meinen Stockknopf ergriff und ihn ab-
schraubte und das niedliche Reise-Schreibezeug, das ich darin
fuhre, heraussetzte, um an meinen Firmian in Wetzlar folgenden
Brief mitten im Irrhain auszufertigen:
»Du guter Siebenkas!
Hier sitz* ich und erlege das Abzugsgeld der Sehnsucht in die 20
Invalidenkasse der Erinnerung. Wir sind nun beide in Reichs-
stadten. Du hast den Schleifstein in der Hand und wetzest das
Themis-Schwert so laut, daB die Iltisse aus ihren Lochern gegen
dich springen, wie es die kleinem bei dem Wetzen der Messer
tun. Um mich hingegen stoBet der Lenz in sein, Oberons-Horn
und spielet auf der Stangenharmonika knospender grunenderVo-
lieren und lasset das Tierreich tanzen - die Gassen stellen, als
lagen sie in Neapel, musikalische Akademien von Kanarienvogeln
vor, denen ich nie Heber zuhore als im Vorbeigehen - sogar die-
sen Brief schreib* ich auf einer dichterisch geweihten Erde, im 3o
Irrhain der Pegnitz-Blumisten — und ich selber logiere in der
Mausfalle, worin sonst, eh sie ein Wirtshaus- wurde, der gute
1 Erst funf Dornen hebt das Reich in drei Monstranzen auf, und es muB es
noch erwarten, ob es die ganze Dornenkrone als Reichsinslgnie erringe.
2 Ich kannte das Wirtshaus schon aus Reichards Handbuch fur Reisende
S. 392, 2te Aufl; logierte mich aber aus Griinden hinein, die weiter unten
kommen.
ERSTER REISE-ANZEIGER 745
Hans Sachs auf dem Schusters- und auf Apollos FreifuB fur Men-
schen- und KlangfuBe arbeitete.
Du fragst, mein Geliebter, warum dir dein Biograph, deinHer-
ausgeber der zweken Auflage schon heute schreibt? Eben weil
er zu weich und zu glucklich ist, um es zu ertragen, daB er dir
etwas verbarg oder gar - vorlog. Du sagst einmal in den Teufels
Papieren: nicht das Ungluck selber, sondern die dazwischenfal-
Ienden kleinen Erquickungen und Hoffnungen zersetzen und ent-
nerven den festen Mut, so wie nicht der harte Winter, sondern
id die warmen Tage, die ihn ablosen, die Gewachse aufreiben. Aber,
Lieber, so ist uns auch umgekehrt mitten in der warmen Freude
das kalte Anschnauben des windigen Schicksals am schadlichsten,
wie Personen im Sonnenschein auf den Gletschern das plotzliche
Blasen der Eisspalten. Ein einziger Gewissensvorwurf macht im
Sonnenschein der Freude eine Sonnennnsternis und in der Nacht
des Leidens gar eine Mondfinsternis. Hore mir zu! Es war erstlich
nur eine halbe Wahrheit oder ein Halbroman, da(3 ich meine FuB-
reise bloB deshalb angetreten hatte, um von deinen Teufels Pa-
pieren unterwegs eine umgearbeitete Edition zu besorgen:
20 nein, meine Frau ist am Reisen mit schuld ; und uber diese erleid'
ich den zweiten Vorwurf. - Es muB dir recht ausfiihrlich berich-
tet werden.
Du erinnerst dich noch des letzten schonen Abends vor deiner
Abreise, da du bei uns warst — schon der ganze Tag, obgleich
mitten im Februar, war ein Vorsabbat des Friihlings, dessen glan-
zender Vorgrund oft der Kotmonat ist, indes der sogenannte
Wonnemonat bloB einen schmutzigen Hintergrund formiert - du
weiBt, daB wir deinetwegen nicht in die Redoute gingen und die
poetischen Freiheiten zu Hause alien Maskenfreiheiten vorzogen
30 - und endlich weiBt du, daB Hermina und ich von dir einen be-
klommenen weinenden Abschied nahmen, a Is verreisetest du ins
Heilige Grab oder gar in deines.
Dazu kam nun noch das Musizieren. Ich hake es selber fur
besser, eine Abendvisite mit Musik nicht zu beginnen, noch zu
unterbrechen, sondern zu beschlieBen. Musiziert man fniher als
zuletzt, so werden entweder die kleinen Bewegungen der Visiten-
74<> PALINGENESIEN
zungen von den groBen des Herzens aufgehoben, oder diese von
jenen. Hingegen gibt man, wie der Schwan, nur dem Ende einen
Konduktgesang: so gehen die Menschen mit siiBen Seufzern aus-
einander und kommen an der Hand des Schlafs mit der Brust voll
Traume unverandert in das Land der Traume. — Aber mit wel-
chem Abendgelaute des innern Nachklangs und mitwelcherFiille
der Sehnsucht HeBest du uns beide im stillen Zimmer zuriick!
Ich stellte mich ans Fenster vor das grilne Gewblbe der Mond-
nacht; Hermina raumte selber schnell auf und kam bald nach.
Man sollte fur Seelen von zarter und warmer Empfindung, mit- \
hin fur die weiblichen nur die Minuten auslesen und aufheben,
worin man selber warmer und zarter empfindet als sonst, wie man
die empfindlichen Kanarienvogel nur mit warmen Handen anzu-
fassen hat. Ich versaume das nie. — Der Mond brannte wie ein
unterirdischer Schatz noch halb in der Erde, und schwebend wurd'
er von den Sternen uber ihm ins Himmelblau hinaufgezogen. Aus
den Talern und aus den Schatten quoll weiBer Dunst, und die
Nebelbanke wankten auf dem Strome und sogen wie Diamanten
den Schimmer ein und wuchsen endlich glanzend und blitzend
auf zu Hugelketten. 2
>Wie kommt es,< — fragte Hermina nach ihrer bescheidnen
Sitte, ihre Bemerkungen in Fragen aufzulosen - >daB in der Nacht
nicht nur unsere Erinnerungen, sondern auch unsere Hoffnungen
erwachen, sogar der Mut?< - Firmian, du kannst so gut wie ich
sagen: warum soil denn bei dem Weibe das Denken das Lieben,
das Licht die Warme ausschlieBen? Vertragen sich nicht bei dem
Manne Kopf und Herz - gleichsam die Sonne und der Mond -
an einem Himmel?
>Hermine!< (sagt' ich begeistert) >in der Nacht tritt die zweite
Welt in Gestalt der gestirnten UnermeBlichkeit naher an das ein- 3
same Herz und zeigt ihm in dem Tag der fremden Welten den
kiinftigen ewigen seiner Welt; von der kleinen Erde fallen alle
Reize ab, aber die Edelsteine unsers Wesens werfen dann, wie
Lichtmagnete, in der Finsternis einen vergroBerten Glanz - wir
gleichen der Wunderblume, die in der alten Welt nur nachts ihre
Bluten auftut, weil es dann in der neuen tagt, die ihre Heimat ist.
ERSTER REISE-ANZEIGER 747
- Sieh, Hermine, so wenig braucht unser Herz um sich, und es ist
am groBten, wenn es am einsamsten ist.c -
Vielleicht miBverstand sie meine Ietzten Worte oder ich ihre
erste Frage oder auch ihre jetzige verklarte Miene: ihr Auge sank
schwer auf die wandelnden flimmernden Nebelberge und ruhte
sinnend und feucht in ihnen. - Ach du kennst ja an deiner Natalia
dieses weibliche Vergleichen der HofFnungen mit der Gegenwart,
des Herzens mit dem Leben; und fiir welche scheme Seele war
nicht die Zukunft ein Eisberg, auf dem sie in der Feme warmes
io Abendrot und spielende Tulpenfarben Hegen sah und an dem sie
in der bleichen Nahe erstarrte?
Ich sagte zu ihr: >Ich weiB, was du denkst, Hermine.< Ihr Auge
hob sich an den Mond, aber sie gab mir ihre Hand. >Du denkst<
(fuhr ich fort) >vor diesem weiBen Gewolke der Erde an das, was
unser Firmian sagt: das Schicksal gab alien menschlichen Wesen
auf dem Wege zum Grabe eine Wolke zur Hiille; jedes geht mit
einer andern umzogen. Uber und durch sie blickt keiner, und
sie lagert sich bestandig zwischen ihm und der Wahrheit. Geht er
mit ihr durch einen Schatten: so halt er sie fiir eine Wetterwolke
20 oder fiir eine Winternacht mitten im weiten Sonnenschein der
Natur. Tritt er mit ihr wieder in den Glanz heraus, daB sie wie
Abendrote glimmt und ihn umleuchtet: so ist er glucklich, und er
freuet sich, wie es in dem Wolkenhimmel so schon untereinander
wallet und flimmert, und sieht die bemalten treibenden Dunst-
kugelchen fiir Erd- und Himmelsgloben an. So kommt er mit ihr
an das weite Grab, in das sich der Wasserfall des herabziehenden
Menschengeschlechts verstaubt und das ihre blinkenden Diinste
iiberdecken — betoret tritt er hinunter und fallet aus der Hegenden
Wolke in die Nacht, ohne in die ausgebreiteten lichten Gefilde
30 der Wahrheit gesehen zu haben. — Ach, Hermine, Gott geb* uns
transparente Altarwolken.< — >Und wie konnten wir auch das
alles schon wissen,< antwortete sie, >wenn wir nicht schon durch
einige durchbrochene Fugen der Wolke sehen konnten ! Das wars
eben, was ich vorhin dachte, lieber J. P. : das Leben wird wie die
Traume gegen Morgen immer klarer und geordneter und ruckt
weiter auseinander, je langer es wahrt und je naher sein Ende ist.
748 PALINGENESIEN
Im Alter kann es wohl keine Tauschungen mehr geben, es miiB-
ten denn - traurige sein.<
Jedes ihrer Worte quoll in meinem Innern auf und niacin' es
eng und voll: ich schauete sie an, diese Seele, die neben den klei-
nen Foderungen der Gegenwart die groBen der Zukunft befrie-
digt, und die weder die Erde noch den Himmel vergisset, gleich
dem Monde, der zugleich um die kotige Erde lauft und urn die
feme reine Sonne zieht: da stand auf ihrem Angesicht jene hohere
Schonheit, welche der Widerschein betender Gedanken ist oder
der herabfallende Glanz der erhabnen Gegend, wohin wir auf- 10
schauen — wie in der romischen Rotunda alle Gestalten unter dem
bloB von oben niederkommenden Lichte schoner werden.
Hermine zeigte schweigend auf die Schonheiten der Nacht.
Die Wellen des Stromes und die langen Lammerwolken des Him-
mels hingen immer lichter wie silberne Ketten um die Finsternis.
Der Winter war gleichsam von den griinen Saaten und aus den
dunkeln Bachen aufgeflogen und streckte sich rubend auf den
weiBen Gipfeln der W alder und Berge aus - unten auf dem Stro-
me und auf den Auen und zwischen den Asten spielten die weiBen
Sommerwolken des Nebels - der Mond schauete aus einem ho- 2Q
hern Himmel, gleichsam als hatt' er den silbernen Nebel wie einen
flatternden Schleier auf die Erde geworfen, frei und rein in unsere
stille Kugei nieder Plotzlich lag ein zweiter Mond auf der
Erde, von den Fruhlingswassern einer Wiese nachgemalt, und es
schien, als hatte die Mitternachtssonne unter ihr die Rinde durch-
schmolzen und durchdrungen und schimmere aus dem zweiten
fernen Himmel voll Liebe zu uns herauf.
>0 wie' himmlisch, wie himmlisch!< sagt* ich, als ihn plotzlich
der schwimmende Nebel uberbauete. >Sieh, wie ein blasses Men-
schenherz lag er in seiner Erde und hat nun semen Hiigek, sagte 3o
sie weinend, und eine mir unbekannte Erinnerung entwickelte
ihre Schmerzen in Herminen: ich achte alles an ihr, sogar den
Kummer, den ich nicht zerteilen, und die Vergangenheit, die ich
nicht erraten kann. O Firmian, was hat der Mensch gerade in der
Minute, wo er sein Herz und alle seine Himmel so freudig auf den
Opferaltar fur ein geliebtes Wesen legen mochte, was hat er ge-
ERSTER REISE-ANZEIGER 749
rade in dieser groBten Minute mehr zu geben als Worte, als ver-
flatternde Worte ohne Gehalt? Ja, er kann etwas Hoheres, das
Hochste kann er geben durch die Worte, die erhabene Aufrich-
tigkeit, die der Liebe gehort. O Geliebter, du weiBt es gewiB
auch, in welcher unvergeBlichen Stunde die liebestrunkne Seele
aus Liebe die Liebe hinwagt und vor der teuersten alle Vorhange
der Vergangenheit und des Innersten zerreiBet und saget: so war
ich, so bin ich, aber ich liebe dich ewig, und wenn ich dich ver-
liere, so lieb' ich dich ewig.
10 Ich fuhrte sie jetzt gleichsam in meinem Herzen herum und
zeigte ihr seine ganze Vergangenheit, seine Fehler und seine
Traume und seine Ruinen. Drangen jetzt nicht lichtere Sterne
hinter den Waldern herauf? Sank nicht der hellere Mond aus sei-
nem Himmel liebend gegen die Erde zu, die ihm eine wallende
Lilienlagerstatte aus glanzendem Dufte unterbreitete? Ging nicht
mein Geist, wie ein Gestirn, immer hoher an seinem Himmel
hinauf? - Auf einmal wurde Hermine bleich - unter uns wandelte
" eine schlanke mannliche, weiBgekleidete Maske vorbei, gleichsam
ein imLeichenkleide zuriickkehrender Scheintoter- Hermine ging
20 weg und kam mit einem Briefe zuriick - sie gab ihn mir: >Weiter
nab' ich nichts<, sagte sie und weinte sanft an mir, als ich las.
Gerade in dieser Nacht hatte sie vor drei Jahren einen schonen,
aber kranklichen Jungling in derselben Maskenkleidung, die wir
gesehen hatten, zum ersten- und zum letztenmal erblickt: ein
nachtlicher Ritt durch den angeschwollenen FluB hatte ihn aus
clem Tanzsaale auf dem Umwege weniger Wochen in die Eis-
grube des Todes hinabgefuhrt; und nach seinem Versinken ist
ihr eben dieser an sie iiberschriebne Brief, den sie mir geliehen,
als der letzte Nachklang der verstummten Brust gegeben worden.
30 Als ich das heilige Blatt trauernd iiberlesen hatte: nahm sie es,
ohne es mehr anzusehen, und lieB es am Lichte mit festen Augen
verlodern. >Aber du<, sagte sie, >sollst nichts verbrennen, was ich
morgen lese.< Sie sank erschlittert an mich, und jetzt erst zerfloB
das Auge und das Herz in die Tranen, die es leichter machten.
Die Erdkugel wolkte sich jetzt ein wie eine zerspringendeDampf-
ku^rel - der Leichenschleier des Nebels schwoll aufgeblaht an den
750 PALINGENESIEN
Mond hinan und verhing Himmel und Erde weiB — aber hinter
der blassen Nacht gingen laut die frohen Tone und Tanze der
Menschen fort. Und ich erwiderte jeden Schmerz Herminens und
weinte an ihrem nassen Augenlide; aber was hatt' ich sagen kon-
nen? - Ach Firmian, die glanzende weiche Stunde tritt wieder
zu nahe vor mein Herz, und es wird mir zu schwer, fortzufahren.
Nie, du Guter, sei in deinem Leben und Herzen ein Wolkchen,
das groBer ist als das, was der helle Diamant einschlieBet! -
j. p.«
Nach einigen peripatetischen Stunden unter dem von Vogeln 10
mit Spharenmusik gefullten Fruhlingshimmel war ich imstande,
die Nachschrift zum vorigen Briefe aus dem zuruckgestimmten
Herzen nachzuliefern.
Nachschrift.
»Lieber Firmian 1 Die Zeit formet uns mehr um als der On. Es
geht mir im Schreiben wie im Handeln: vor Enthusiasmus iiber-
schreiet man sich bei der besten Stimme. Der Aschermittwoch
nach der epischen Nacht besaete mich mit Asche und vielleicht
mit einigen darin nachglimmenden Kohlen: das ists, was ich dir
noch zu berichten habe, und was eigentlich die Ursache meines 20
Briefes und meiner — Reise ist.
Der schone Brief des zerstorten Jiinglings und Herminens be-
klommene Erinnerung an seinen letzten freudigen Abend bewegte
und neigte in meiner Seele die Sonnenblume der Liebe bloB noch
naher gegen die Gute zu: ich wollt* eher die ganze Blume gar
riicht in meinem Flore haben, eh ich so toll ware - wie tausende — ,
daB ich foderte, eine geliebte Seele soil mir zehn Jahre friiher treu
sein als gut, sie soil ihre Liebe vorratig zuriicklegen fur eine un-
geborne. Hingegen da ich Herminen am Tage darauf - um ihr
das ganze Geheimhauptbuch meines Lebens oflen vorzulegen - 30
die Bundeslade meiner weiblichen Korrespondenz getragen brachte
und da sie in einer und der andern Briefschaft gebliittert hatte: so
machte sie die Lade langsam wieder zu und wollte nichts mehr le-
ERSTER REISE-ANZEIGER 75 I
sen. Die korrespondierenden Mitglieder sprachen alle von Freund-
schaft; aber kurz ein innerer harter Druck hatte in ihr nacktes
Herz schon einige Quetschwunden gemacht, eh ich nur Blut sah.
Ich hatte freilich zwei der wichtigsten Fehltritte getan.
Erstlich sollte ein Ladenvater die schon verzierte Bundeslade
• voll Schaubrote hochstens der Braut aufsperren, aber nkht der
Frau: jene lasset sich, wie ein Leser, jede Exposition im ersten
Kapitel gefallen, diese leidet wie er nichts Neues in den folgenden
Kapiteln. - Zweitens hatt* ich nach diesem Fehltritt nicht den
io zweiten machen, sondern mit ihr den Schrift- und Reliquien-
kasten schon an demselben Abend, wo sie mir ihr emziges Zettel-
kastchen gab, durchlaufen sollen: im Enthusiasmus legen wir die
eine Hand an unser Herz und die andere auf den fremden Kopf
und sprechen weinend los.
Ich stand jetzt an einem fatalen Herisson oder Schlagbaum mit
Stacheln. Aufbauen durch Sprechen ist stets hier miBlich: aus den
Gassen des zerstorten himmlischen Jerusalems, die man aufzu-
stellen denkt, springt leicht Feuer. Auch prasumier* ich, dafi die ,
Weiber zu einer Zeit, wo sie gern Kreide essen, leicht mit dop-
20 pelter schreiben; und daB die Zeit da sei, prasumiert' ich auch. Die
ganze Sache und Wunde bloB der Bandagistin, der Zeit, zu iiber-
geben, kostet - da diese erst aus vielen kleinen Minuten den Ver-
band zusammenwebt, oder die Scharpie auszupft - auBer der Zeit
oft noch etwas Besseres. Und wer mochte, Firmian, einem so
engen einschraubenden Verhaltnis sein halbes Schicksal oder gar
das einer geliebten Seele anvertrauen, fur die ohnehin ein erkran-
kender Korper mehr das innen mit Nageln besteckte Regulus-
FaB als eine frohe Diogenes -Tonne ist, und das noch dazu jetzt
zur Saatzeit, wo sie das schonste Wetter des Lebens um sich haben
30 sollte und alle Freuden, malerische, melodische, poetische und
die hochsten? -
Hermine handelte und sprach zwar wie sonst und schwieg
iiber den Rest, aber diese Meerstille war fiir mich - zwar nicht
das Anzeichen des Sturms, aber doch - dieser selber. Und jetzt
zog noch dazu deine gute Natalie bei uns ein und machte Her-
minens Schweigen groBer und meines unvermeidlicher.
752 PALINGENESIEN
Noch immer stellt' ich mir vor, ich wiirde zu Hause bleiben
und in Hof deine Teufels Papiere emendieren; ja ich arbeitete
da sogar deine Satire S. 3431 um, die ich wundershalber bei-
schlieBe.
In dieser Lage erschien Friihlings-Anfang - aber nur im meteo-
rologischen Sinn -, der, wie du dich aus dem ersten Teile deiner
Biographie erinnerst, zugleich mein eigner ist. Hermine konnte
noch nicht wissen, daB ich und das Friihlings-Aquinoktium den-
selben Geburtstag haben; aber ich brachte die Anzeige desselben
mit aller Miihe nicht aus mir heraus. Ich hatte auf den ersten Ge-
burtstag in meinem Ehestand ungemein gezahlt - die Nachtge-
danken, die man daran oft hat, sollte Hermine, hofTY ich, wie
Billington die Youngischen, in Musik setzen - gegen Abend wollt'
ich (nach meiner Rechnung) alles aufs hochste treiben und in die
drei Himmel auf einmal hineinsehen und hineingreifen, in den
Lufthimmel der hiesigen Lust, in den Sternenhimmel der Un-
sterblichkeit und in den Freudenhimmel der geriihrten Liebe —
, - Beim Himmel! ich konnte kaum in den Lufthimmel hineinl Ich
trug den ganzen Tag hinter meiner Brust ein widereinander-
schreiendes Babel von Liebe, von Argernis uber mich, uber jeden, ;
uber den versalzten Tag, und von Rtihrung herum. Den ganzen
Tag stellt' ich mir nur Herminen und ihr Herz voll Geduld und
Liebe vor und alle ihre schonen Gedanken und sah immer ihrer
langen Gestalt und ihrem langen Haare, bis sie aus der Tiire war,
sehnsuchtig und sprachlos nach - jedes seelenvolle Wort zu dei-
ner Natalie, jeder frohe Ausruf iiber den blauen VergiBmeinnicht-
tag kam mir neu, wichtig und schoner vor - und ich schilderte
mirs ab (und zerrloB in Liebe -), mit welcher groBen Erwarmung
und Erhebung und Eroffnung ihres edlen Herzens (das wuBt' ich
gewiB) sie das Ansagen der Geburtsfeier empfangen wiirde *
aber eben darum, da eine solche Ansage zu sehr den Schein der
geistigen Gewinnsucht und einer zwingenden Bittschrift haben
konnte, regt* ich (ob ich gleich nur im ersten Teil deiner Biographie
hinten meinen Geburtsschein, namlich das Fruchtstiick, als zu-
fallig aufgeblattert hinlegen konnte) weder Finger noch Mund.
1 Erzahlung dessen, was ich einige Schlafende reden horen.
ERSTER REISE-ANZEIGER 753
Hermine war in mir der Engel, und ich der ringende Jakob, der
sich die GHeder ausrenkte. Ein ganz fataler Tag ! -
Inzwischen war der folgende arger. Wenn der Festtag vergeb-
lich am versperrten Herzen riittelte, so macht der Wochen- und
Postfesttag darauf es mit neuen Nachtschrauben noch fester zu.
Ich versucht, es sogar, in der Warme, die ich hatte, einige Zucker-
sduere anzusetzen, und ging im Kopfe den wie der Briefsteller zu
Asche gewordnen NachlaB des armen Jiinglings etwas aufmerk-
sam durch. Aber ich schamte mich bald der Untreue an — meinen
10 Grundsatzen: >Sei dochvernunftig< (sagt' ichhitzig zu mir) >und
bedenke, daB im jetzigen Siikul kein Mensch mehr in der ersten
Liebe heiratet, sondern jeder erst in der vierten, zehnten, vierzig-
sten, und daB keiner mehr eine einsitzige und einschlafeHge Herz-
kammer aufzumachen hat - bloB transzendente Witwer wechseln
mit transzendenten Witwen jetzt Ringe, sag* ich dir.<
Jetzt stand mir zu meiner Heilung nur ein Ausweg offen - das
Tor: kurz das beste Errettungsmittel schien mir zu sein, auf und
davon zu laufen und recht bald wiederzukommen. Denn die Ent-
fernung des Ortes loset an Menschen, wie an Buhnendekoratio-
20 nen, die harten Striche in Schonheitslinien und die Kleckse in
Laubwerk auf; der Abwesende ist ein Toter, den unser losspre-
chendes Herz verklart und der selig wird, wenn er wieder aufer-
steht.
Am griinen Donnerstag, als abends die Frlihlingserde um uns
dampfte und wir wieder ohne Nachtlicht, bloB vor der Abend-
rote soupierten und die Gassenkinder und die Spatzen lauter
schrien, wurd' ich den alten Wanderungstrieb, der mich allezeit
im Friihjahr (Vogel aber im Herbst) in meinem oben weichge-
fiitterten Wachtelbauer ergreift, in einer solchen Starke (zumal
30 in einer solchen Passlonswoche) in mir gewahr, daB ich das erste
beste Posthorn, in das einer aus einem Stalle blies, als eine Ge-
legenheit vom Zaun ergriff, um beiden Weibern zu melden, in
wenigen Tagen diirft' ich mich gleichfalls aufmachen und ein
wenig in Nurnberg einsprechen, weil ich nirgends bequemer und
besser die zweite Auf lage von des Teufels Papieren zu besorgen
wiiBte als auf Reisen. Hermine sah mich mit einem erschrocknen
754 PALINGENESIEN
groBen Auge an, das eine Terzie lang fragte und sogleich (von
eignen Seufzern beantwortet) tief bezogen untersank. Deine liebe
prophetische Natalie sagte zum Ablenken: >So machen sich die
Manner alles bequem: sie richten die Uhren (die Umstande) nach
ihren Gangen, und wir arme Weiber richten unsere Gange nach
den Uhren.< — >Desto besser fur sie und fur uns<, sagte Hermina
so ergeben - Firmian, war* ich allein gewesen, ich hatte mich an
ihr gedriicktes Herz gestiirzt und meines verklagt und aufgerissen.
Auch hatt* ich das jet\t — da dem innern bosen Gott ein paar
Lichter mehr angeziindet waren durch die Ansage des Abmar- i0
sches als dem guten — viel leichter gekonnt; und ich kam immer
iiaher zur Einsicht, daO ihr die obige Bundeslade nur einige Freu-
den genommen, und keine, keine Liebe. Ach ihr lieben Wesen
tragt ja fast in jedem Nervenknoten ein Herz und habt, wie das
bewegliche Meer, immer gleiche Temperatur, indes auf unserem
fasten Lande alle Zonen abwechseln! Ich wollte, wir Manner wa-
ren Engel, wenigstens ich. -
Da Herminens Augen glanzten — aber nicht von Freude — ,
fingen Nataliens ihre sympathetisch auch zu schimmern an, und
Natalie suchte sich und die Freundin hinter dem ihr eigenen trot- 20
zigen Spott iiber uns Manner zu verstecken und schlug statt des
dcnnerstagigen heiligen FuBwaschens an Hofen das starkende
Waschen der mannlichen Kopfe vor. — Beilaufig ! Erst am zwei-
ten Ostertag wurde ich in Streitberg vor die wahre Vauclusens-
Quelle der Ruhrung Herminens gefuhrt und - du wirst auch
noch an diese Quelle gebracht. Aber nun wurd' ich iiber alles so
irre -. und so hart -, und ich stand so fern, daB ich aus den all-
mahlich zusammenriickenden Zligen des Ernstes nicht eine Lei-
densgeschichte, sondern ein weibliches Kriegsgebet herauslas.
Kurz statt der Osterbeichte, statt des Osterfestes griff ich am 30
Ostersonntage zum Wanderstab: ich brauche dir nichts weiter
von der Reise zu erzahlen, denn in der Ostermesse bekommst du
sie in cler zweiten Auflage deiner teuflischen Papiere ohnehin zu
lesen. Lebe so gesund und lang, als warest du ein Reichskammer-
gerichtsprozeB! -
J. p.
ERSTER REISE-ANZEIGER 75 5
N. S. Hier ist eine umgearbeitete Satire zur Probe. Ich mufi
eilen: die Verlagshandlung hat deine Teufels Papiere schon im
Intelligenzblatt der Literaturzeitung auf Ostern der Welt ver-
sprochen.«
Mein Protokoll und Nachtblatt der Schldfer.
Haller beweiset, daB man so lange nicht hore, als man gahne:
daher ist die groBe Welt in jedem Sinne ebenso taub als schlaferig,
sie hat zwar ein musikalisches, aber auch ein schweres Gehor. Da
ich in meiner Kindheit keine Hauben um die Ohren litt: so kann
10 ich sie gleich einem Wilden bewegen und spitzen wie ein Pferd
und hore trefflich, indessen das gehaubte Publikum seine Ohren
so wenig, als waren sie von Silber, falten kann. - Jedes Wort, das
die Leute im Schlafe sprechen, fahrt mir wie einer Fledermaus ins
Ohr, wenn ich nachts auf der Gasse vor den Sprachgittern der
Schlafkammern vorbeigehe. Oft fallet es einem zur Last, wenn
eine ganze schlafende Hauptgasse auf einmal spricht.
Um fur die taube Welt sogar mit meinen Gehorknochen zu
arbeiten, bracht' ich um i Uhr in einer schonen Sommernacht das
Erheblichste, was ich die Schlafer sagen horen, praeter propter zu
20 Papier. Den Tag darauf wurde gerade der Geburtstag des Landes-
herrn gefeiert.
Vorher merk* ich zwei Dinge an. Erstlich die Todsiinden, die
Simonien, Meineide und Blutschulden, die ich im Beichtstuhl der
Gasse erfuhr, verleib* ich meinem Nachtblatt- so sehr sie es zieren
mochten - ein fur allemal nicht ein: ich steckte ja die Stadt in
Kriegsflammen und lautete mit meiner Tiirkenglocke General-
stiirme, Dragonaden, Approchen gegen den Hof, Kontraappro-
chen des Hofs gegen die Stadt und Lusttreffen in denFamilien ein.
Gott bewahre! Verfahr* ich nicht zehnmal gewissenhafter,
30 wenn ich diese babylonische Turm-Baute oder vielmehr deren
EinreiBung verhiite und lieber den Jesuiten folge, die niemals das,
was das Beichtkind bekannte, erdffnen, sondern nur, wenn man
scharfer in sie dringt, das ofFenbaren, was es nicht beichtete? -
So flattert auch die Nachtigall um die Stellen, wo sie kein Nest
hat, schreiend herum, schweigt aber plotzlich an der, wo es ist,
75<> PALINGENESIEN
um es nicht zu verraten. Ich wiirde mir z. B. kein Bedenken ma-
chen, es allgemein auszubringen, daB der Minister nichts vom
GieBen und Anbrennen der Wachsfackel der Auf klarung - dieses
fatalen Grubenlickts, das oft den ganzen Schwaden moralischer
Giftdampfe entziindet - im Schlaf gesprochen habe; aber fur un-
besonnen wiird' ich es halten, es publik zu machen, ob er von der
Krone als bonsoir oder Lichttoter der Fackel etwas geauBert. -
Zweitens freu' ich mich, daB ich hier Gelegenheit habe, die
deutsche Nation auf die Zensur- und Sprechfreiheit aufmerksam
zu machen, die sie allgemein genieBet, wenn sie im Bette ist und 10
im Schlafe spricht. Die Schriftsteller, die so haufig iiber das Zen-
sur-Nestelkniipfen des Geistes, iiber das ewig-ofFne Dionysius-
Ohr1 der GroBen klagen - indes diese ihre andern Ohren vor
dem tausendziingigen Elend zuhalten und ebenso viele taube als
stumme Siinden begehen -, diese Skribenten konnen unmoglich
daran gedacht haben, daB der Reichsbiirger gerade die Halfte
seines Lebens, namlich die Ndchte durch, wornach ja sonst der
Teuton rechnete, unter der Bettdecke die freiesten Religions-
iibungen hat, daB er hinter dem Bettvorhange, ohne die geringste
Gefahr vor stechenden Mouchards oder Traum-Fiskalen, alles 20
ungehindert sagen kann, was er iiber die wichtigern Gegenstande
der Menschheit etwan denkt. In den Gassen sind keine Schlaf-
Denunzianten mit guten Ohren verteilt, welche etwan den sem-
perfreien Biirger behorchten, wenn er im Hemde ist, und die am
Morgen darauf ein Reichsnachtsjournal seiner Traume abliefer-
ten: nein, hat er einmal die Augen zu, so soil und darf er mit
eignen sehen, gleichsam als wenn das'Bettuch oder die Matratze
die britische Kiiste sein sollte, die den Neger emanzipiert. Ich
habe oft die hohe Geistlichkeit hinter dem Bettschirm Meinungen
iiuBern horen, die in keinem Freistaat am Tage geduldet wiirden 30
— der Schwur auf symbolische Biicher, das schema examinandi,
das Edikt vom 9ten Jul. wollen sich gar nicht auf die Gardinen-
predigten erstrecken ^ die verbotensten Biicher werden in Wien
auf dem Kopfkissen zu Lesen und zu machen (welches im Traume
1 Bekanntlich ein oben zu einem Trichter zugespitztes Gefangnis, das
wie ein Horrohr dem Dionysius alle Klagen der Gefangnen sagte.
ERSTER REISE-ANZEIGER 757
eins ist) erlaubt. Auf diese Freiheit tue der Deutsche groB,
und er erkenn* es, daB die Schlafmiitze seine Freiheitsmiitze ist. -
Mein Nachtblatt ist folgendes:
Als ich aus meinem Hause trat, hqrt* ich zehn Schritte weit
nichts als eben diese und ein paar Spharen der schonen Nacht. -
Im Hause des Kommendanten hort' ich einige zu undeutHche
Fliiche, es ist mir unbekannt, tat er sie selber oder sein Kerl.
Im untersten Zimmer saBen ein paar eingeschlafne Kammer-
herren einander in zwei Wachsesseln (Veilleuses) gegeniiber und
> wiinschten - wahrscheinlich kam ihnen der Geburtstag ihres
Herrn im Traume vor — , daB er den Hals brache.
Im rechten Fliigel (ich sprach bisher vom linken) hielt der
kleine Erbprinz eine deutsche Anrede an seinen Herrn Vater. Ich
will aus Liebe annehmen, daB ers im Schlafe getan - und ich
wollte darauf schworen, da er wachend wissen mufite, daB man
mit Menschen wie mit Hunden nur franzosisch spricht-; aber den
Oberhofmeister mach* ich aufmerksam, daB er bei seiner Cyro-
padie auch auf eine anstandige auslandische Sprache des kleinen
Moguls im Schlafe acht gebe.
3 Im prachtigen Nebengebaudehort* ich einherrlichesEnglische,
das ich dem Papagei zuschrieb, den der englische Gesandte der
Frau des Hauses geschenket hatte; aber der Herr des Hauses hatte
diesem gefiederten Thersites und Denunzianten einen kurzen In-
juricnproiefi gemacht und dem Zoilus den Kopf abgedreht. Seine
Frau hatt' ich gehort.
Ich unterdriicke gem das, was eine sogenannte philosophische
Dame drei Hauser weiter sprach, um die Schamhaftigkeit meiner
mannlichen Leser zu schonen.
Zwei Kantianer, ein Paar junge Leute, sahen aus einer Man-
o sarde disputierend heraus, hielten aber ihr polemisches Vesper-
turnier leise und sanft, um sich nicht einander aufzuwecken. Es
ist schon, daB der Mensch gerade in den jungen wilden Jahren,
wo er am wenigsten systematisch handelt, am leichtesten neue
Systeme, ohne sie zu verandern und zu kastrieren, aufnimmt; so
bemerkt Sydenham, daB der Veitstanz, den er den Wurmern bei-
misset, gerade Personen ergreife, die noch nicht mannbar sind;
758 PALINGENESIEN
so verwarf Belling, der Kommandeur der schwarzen Husaren,
Rekruten, die schon bartig waren; so muBten die Priesterin des
pythischen Orakels und die Sanger des sakularischen Jubelge-
sangs durchaus ordentliche wahre Kinder sein.
»Porto und der Teufel!« rief der Sammler einer Monatsschrift
im Eckhaus; aber hatte denn der wunderliche Heilige nicht die
unfrankierten Briefe, die er im Traume erbrach, selber geschrie-
ben ? Und wurd* ihm von dem Verleger nicht die Auslage wieder
erstattet, als er erwachte?
Ein alter Ratsherr (der Mietsherr des Sammlers) votierte in
seiner Schlafkammer, als saB* er auf dem Rathause und urteilte
uber die wichtigsten Dinger es ist nur sonderbar, daB er der
Session am andern Tage selber erzahlte, ihm habe getraumt, er
schliefe.
Nun ging ich vor dem Gasthofe zum Teufel vorbei : im ersten
Stockwerk (auf dem Stroh) beteten, im zweiten (auf .Federn)
fluchten die Schlafer. Im funften vorne heraus parlierte einer, den
ich fur den neuen Sprachmeister des Gymnasiums nahm; aber
am andern Tage fuhr Herr von Kempele mit seiner linguistischen
Sprachmaschine ab. Im vierten referierte ein Kammergerichts- ;
assessor aus Wetzlar dem getraumten Reichsgericht einen drei-
Bigjahrigen Krieg rechtens. .
»Mehr als Roman — kein Roman - leider doch nur Roman -
weder Roman noch Journal - Halbroman - diese Titel waren
ja doch bei Gott schon alle da, Herr!« - sagte der Verleger zu
dem Autor, von dem er traumte.
»Gut Freund!« sagte selber die Schildwache im Schilderhause,
welche mich im Schlafe fur eine hielt und dachte, ich fragte;
wer da?
»Opium, Opium !« rief unser schlummernder Landesherr in ■
einem Lusthaus und Dormitorium des Publikums, das viele lieber
besuchen als benennen. Erst einige Monate nachher erfuhr ich,
dafi jetzt die Grofien anfangen, der Gehirn- und Ruckenmarks-
dorre ihres zerstorten welken Geistes durch den mrkischen Me-
tallreiz des Opiums wenigstens die Zuckungen eines momen-
tanen Lebens abzulocken.
ERSTER REISE-ANZEIGER 759
Ich hatte wenig vom Lust- und Raubhaus und vom Fiirsten
herausgebracht ohne den eingeschlafnen Kammerdiener, der bei
seinem Herrn den Nomenklator der Untertaninnen, die zu re-
gieren waren, samt dem Sachregister machte. Fiirsten, die das
Land und das Vergnugen Heben und die sich nicht verbergen, wie
wenig die nicht geraumige Spitze des Thrones eine groBe Fa-
milie gut fasse oder wie wenig die Landeskassen groBe Apana-
gengelder, Fiirsten von solcher Einsicht springen gern vom Wip-
fel des Thrones auf dessen breitere Stufen hernieder, um darauf
10 weniger ihre Ebenbilder als ihre Lancteskinder zu vermehren und
zuriickzulassen : vollig der Lerche gleich, deren Flug und Sang
in der Hohe und deren Nest in einer schmutzigen Furche ist,
oder auch dem Johanniswiirmchen, das herunterfliegt auf sein
ungeflugeltes und an den Boden geleimtes Weibchen.
Im Waisenhause war eine allgemeine Klage iiber den Spitz-
buben von Vorsteher: woraus ich den allgemeinen Schlaf ersah;
denn wachend ist man mit ihm zufrieden; auch schlagt er die Un-
zufriedenen tot.
Ich kam wieder vor meiner Wohnung vorbei, wo mein Staats-
20 und Ladendiener vor dem Lichte schlief und auf mich wartete: er
hinterbrachte den Meinigen ganz kurz mein friihzeitiges Ableben
und beantwortete die Kondolenz gut genug. Zu meinem Erstau-
nen stammelte er nicht - er wiedergebiert sonst jedes Wort -■ ich
will aber dieses Phanomen den Philosophen ganz unerklart zu-
werfen, damit sie etwas davon haben.
Eine ganze Gasse lag stumm hinab wie ein Gottesacker. - Im
Riicken des letzten Hauses war jemand auf jenem umgekehrten
Rauchfang und Isolierschemel eingeschlafen, der wenig genannt
wird - auBer von den Arzten, deren Objektentrager er ist - und
50 auf dem, wie Swift anmerkt, der Mensch am ernsthaftesten aus-
sieht - wiewohl er meines Bediinkens ebensowenig lacht, wenn
man ihn balbiert -: das schlafende Wesen (Mitarbeiter an recht
guten Journalen) beurteilte die Romane mit Nachsicht, mit wel-
chen in der Hand es eingeschlafen war und die von ihren Fisch-
beinreifiern^ den Lesern, ordentlich wie Fiirsten nur in sezierten
Gliedern der Erde iibergeben werden, wo von sie genommen sind.
7<5o PALINGENESIEN
Es hat mich oft gefreuet, daB die deutschen Romane jene unsicht-
bare Kirchen oder Filiale, die man in groBen Garten bald in einen
holzernen Obeliskus, bald in ein Monument, bald in ein Wasser-
haus, bald in einen ausgehohlten HolzstoB verkleidet, im literari-
schen Lustgarten unter ebenso niedlichen typographischen Ein-
kleidungen vorstellen, man mag nun den Inhalt oder den Ge-
brauch von beiden oder auch das vergleichen, daB die gebaueten
die Re- und Korrelationssale der gedruckten sind.
Im Hause einer vornehmen Witwe hielt ein verwitibter Vesper-
prediger eine gute Trauungsrede im Schlafe: der Trauredner fo- 10
derte zu tausend Tugenden und zu den reinsten Sitten auf; icb
nenne ihn aber aus Schonung nie.
Die Tragiker und die Inquisiten stellen sich gern wahnsinnig
an, beide, um ihre Richter zu bestechen. Ich weiB also nicht, wars
ein Poet, der ein englisches Trauerspiel machte, oder ein Akteur,
der es memorierte, oder ein physischer echter Narr, den ich aus
der Dachstube herunter horte; und ich wollte, ich hatte deswegen
das ganze Haus aufgeweckt. Ebenso kann in der Dachkammer
zwar ein traumender Hund, aber ebensogut ein traumender Verse-
niacher gebollen haben, der seine Verse, worin jetzt Tierstimmen 20
so kiinstlich wie die Menschenstimme in der Orgel eingebauet
werden, einem freundschaftlichen Zirkel — der dariiber nicht ein-
schlief, weil er gar nicht existierte - vorzudeklamieren wagte.
Ich kam vor dem Postwagen voriiber, worauf ein unter dem
Abpacken in Schlaf gefallener Jude Christen- und Judenschwure
tat: »er habe wahrlich seinen Leibzoll schon bezahlt, und ob es
denn recht sei, ihm solchen zweimal abzufodern?« - O armer
Passagier, es war schon unrecht und himmelschreiend, ihn einmal
zu fodern, diesen Blutzehnten, diese Schandmedaille an unserer
Brust; aber unser kaufmannisches, zu den Metallen verurteiltes 30
Jahrhundert, dessen Licht wie das elektrische bloB den Metallen
nachgeht, dankt nur graue kostspielige Barbarismen ab, nicht aber
eintrdgliche, wie diese christliche Weglagerung ist.
Da ich vor dem Gasthofe zum Teufel wieder vorbeiging, um
heimzukommen : fuhr der Wetzlaer Assessor in seinem gedrangten
Aktenauszug fort, und ich glaube, in einer dem Reichstag an
ERSTER REISE-ANZEIGER j6l
Lange gleichen Reichsnacht hatt' er die Relation spielend hinaus-
gebracht.
Drei Stimmen iiberraschten mich jetzt mehr als den Leser. Die
eine gehorte dem Nachtwachter, der, auf einer steinernen Bank
liegend, im Schlafe sang und schon abdankte, obgleich erst zwolf
Uhr yoriiber war. Die zweite sagte : »Unmoglich ! - Ach was gab*
ich darum, wenns warel« Ich guckte hinauf: zwei gut frisierte
Damen verwachten die Nacht am Fensterbrett, um den Ofenauf-
satz und die erhobene Arbeit ihres Kopfes, die sie sich vom zeit-
io armen Friseur vierundzwanzig Stunden voraus hatten machen
lassen, unzerbrochen auf den Geburtstag aufzusparen.
In einer Obstbude schlummerte gebiickt ein blinder grauer
Bettler, dem ich am Tage einen Notpfennig samt der Valvations-
tabelle des Pfennigs geschenkt. Der Traumgott fiihrte ihn aus der
finstern Trophonius-Hohle der Blindheit heraus und stellte ihn
vor die blumige fruchttragende Welt, und das genesene Auge
weinte iiber die schonen Farben und den Tag. Du Armerl wie
gonn' ich dirs! Mog* es ein Genius auch uns so gonnen, daB die
Traume der Dichtkunst unsere dunkeln Augen heilen und uns
2o die elysischen Felder zeigen, die das Wachen bedeckt! -
Am stillen Komodienhause hielt ich das nachtliche Schweigen
darin und die Finsternis und denunbewegt hangenden Vorhang
gegen den Glanz und Larmen des Tages und dachte an das kiinf-
tige Verstummen und Verfinstern des groBen Erdtheaters, wo-
von die kleinen Nationaltheater nur Dekorationen sind.
Ich horte jetzt hinter mir gehen: der Blinde war aufgestanden
und ging mit geschlossenen Augen umher und sagte zur Nacht:
»Teilt einem armen stockblinden Manne auch was mit.« Ich weckte
den betorten Nachtwandler auf und fiihrte ihn in seine Bude zu-
3o nick. Dann ging ich meiner zu, und der Ernst meiner Betrach-
tungen fiber den dunkeln gestirnten, rund um unsern Geist ge-
zognen Schlummer lieB bald vor den Traumen, die den Morgen
der Jugend heraufzogen, seine Wolken fallen.
762 PALINGENESIEN
ZWEITER REISE-ANZEIGER
Fata: der Hornrichter StuB - Mr. le Comte Sebaud de Baraillon - warme
Kalte des Herzens — die Lust auf Lustreisen — der Lazarus an der
Mutterbrust - Baireuther billet doux und poetische Episteln aus Blech
Werke: mens sana in corpore insano - Rekommendationsschreiben fur
Lottos - Statu ten der historischen Gesellschaften in Baireuth, Hof,
Erlang etc. — Sponsalien in einem FedermufF
Ich habe jetzt die allgemeine Erwartung auf den ersten Ostertag
gespannt, und die Welt versaramlet sich immer mehr an Fenstern
und Tiiren, um mich und meinen Boten ausreisen zu sehen. Aber 10
eh* ein Mensch aufbricht, hat er da wohl weniger zu tun als ein
preuBischer Steuerrat, der in einem Jahre 3000 Sachen von den
Unterinstanzen und 2000 Verordnungen erhalt, 200 ausstellt und
80 Excitatoria dazu samt 1600 Relationen, wobei es ihm freilich
an Zeit nicht fehlen kann, noch 24 Kommissionen abzutun und 12
Stadte als 12 himmlische Hauser seines Tierkreises zu bereisen?
Oder hat ein Passagier nicht vorher Lippenpomade zu kaufen
(weil er mit heiler Lippenhaut ankommen will) - Locken und
Knopfe zu papillotieren - Passe und Marschrouten einzustecken-
Gold und Wasche zu wechseln - einen Mantelsacktrager und fur 20
diesen wieder einen Mantelsack mietsweise zu bestehen - und das
Haushalten mit der Verlassenschaft von Reichsabschieden^ General-
reglements, 50 Dezisionen und Agenden zu verproviantieren ?
Und wenn ers nicht selber tut: wird es nicht wenigstens von
seiner Frau gefodert? -
Schon am heiligen Karfreitage lieB ich einen armen Teufel, na-
mens Florian Stufi^ zu mir holen, um ihm ein paar Pfennige, nam-
lich die Charge meines grand-maitre de garderobe oder meines
Mantelsacktragers zuzuwenden. Der Mensch war in Niirnberg zu
Hause: denn er hatte als Horndrechsler da gearbeitet und contra 30
sextum pekziert und lange als sogenannter Hornrichter und Wei-
bergeselle, weil er nun nicht mehr Meister werden konnte, Klauen
fur die Kammacher zugerichtet. Er empfing die Vokation des
Tragamtes mit Jubel: die Feiertage mehrten sein Konsumo, aber
nicht seine Konsumptibilien, besonders da er auch an Wochen-
tagen wenig erschwang. Sooft er nach Boheim Boten lief, steckt'
ZWEITER REISE-ANZEIGER 763
er einen kleinen, von ihm selber fabrizierten Warenballen und
, Auerbachischen Hof von weiten Kammen, Stock- und Westen-
knopfen, Wiirfeln und Wildrufen und Kruzifixen ein und trieb
auf dem Franzenbad bis nach Eger einen Kontrebande-Handel,
der ihm oft noch einmal so viel abwarf als das Botenlohn. -
»Laufen ist mein Vergnugen«, sagt* er; und ich wiinschte daher,
daB Siebenkas jetzt dem Drechsler, da er noch bei Kraften ist, in
Wetzlar etwa dieExpektanzzueinem lutherischen Reichskammer-
gerichts-Supranumerar-Akzessist-Boten auswirkte; es ware Stus-
ro sen dann ein Leichtes, mit der Zeit Supranumerarakzessist, dann
Akzessist und in seinen alten Tagen gar Bote zu werden.
Ich erlaubt* es ihm, noch einen blinden Passagier (d. h. einen
Brief, ein Paket etc.) im Mantelsack zu seinem Vorteil einsitzen
zu lassen und darnach uberall in der Stadt und auf dem Postamt
herumzufragen. - Ja, bei einer frohern Seele hatt' ich mir nichts
daraus gemacht, dieses Inserat in das Hofer Intelligenzblatt ein-
" zusenden:
»Ein homme de lettres hiesiger Stadt, der nach Niirnberg reiset
und noch einen Platz im Mantelsack leer hat, wiinschet, daB Per-
20 sonen, welche gesonnen, den Platz mit zu bestehen, sich noch
vor Sonntags im Intelligenzkomtoir angeben, wo ein Mehreres
zu erfragen.«
Entweder der Hornrichter StuB oder die Hofer Landeshaupt-
mannschaft, bei der ich um einen KrankheitspaB nachsuchte, lieB
dem Grafen Mr. Sebaud de Baraillon etwas davon merken, daB
ich nach Niirnberg gedachte: der Graf- ein armer Emigrant und
Gefangner im deutschen Babylon oder Freier in der Botany-Bay -
kam am heiligen Abende zu mir, lobte in der Kiirze Mann und
Frau, exkusierte sich siebenundsiebenzigmal, ging endlich damit
30 heraus, daB er eine Tochter in Niirnberg und hier einiges an sie
habe. Nahm' ichs freilich mit - er exkusierte sich hier bloB 770
mal-,so unterstand' er sich und handigte es ein. Ich bewies durch
Haupt-Juramente und ad hominem meine freudige WilHgkeit.
Endlich legt' er eine Biichse mit Patentpomade auf den Tisch,
seinen ReisepaB und einen Facher mit einem Miniaturportrat: das
war die Oberfracht des Mantelsacks und gehorte an die Comtesse
764 PALINGENESIEN
Georgette, seine Tochter. Er hielt es fur Hof lichkeit, mich wenig-
stens iiber die Exportation des Passes aufzuklaren: seirie Tochter
hatte namlich liaisons mit einem vornehmen refugie (d. h. er war
ihr Liebhaber und wahrscheinlich das Facher-Portrat das seinige),
und dieser konnte jetzt vielleicht mehr Gebrauch vora Passe ma-
chen als der Comte selber (d. h. der refugie gab sich fur diesen
aus). Der PaB-Plagiarius und Ableiher hatte einem Hofe (nach
der Versicherung seines Schwiegervaters) so groBe Dienste getan,
daB ihn der Hof zu stiirzen und zu entfernen suchte; ebenso wie
man, sagt' ich, auf dem SchifFe jedes WasserfaB, sobald es aus- 10
geleert worden, zerschlagen muB, weil kein Platz da ist - Die
Seele des Comte war - wie bei alien Menschen, die ein gedriicktes
Leben fiihren und jeden FuBbreit vom Paradies dem Verhangnis
erst mit sauerem Kampfe abgewinnen -, obwohl nicht kriechenct,
doch immer ge&uckt, wie Menschen, die in bergigen Landern woh-
nen, immer mit gebognem Rucken gehen. Inzwischen fiigt' er
doch fliichtig bei, hatt' er Zeit (er stickte und dozierte), so nahm*
er Extra post. Du armer iiberladner Sebaud de Baraillon! prahJ
immer, denn du hast nichts! Nicht den Stolz des Ungllicks, son-
dern des Gliicks verarg' ich, weil ich ja unmoglich so hart sein 20
kann, daB ich unter dem zerschlagnen geschwollnen Rucken das
letzte Unterbette wegzoge, namlich das Windbette der Eitelkeit,
das sich allzeit selber bettet! -
Eh' ich fortreise, will ich mich nur entschuldigen, daB ich bei
der HoferLandeshauptmannschaft, wiewohl vergeblich, auf einem
Kranhheitspasse bestand. Einen Gesundheitspafi haben Libertins
in Ordensbandern notig, und wenn sie auch nicht weiter reiseten
als aus ihrer Stube in die nachbarliche; aber ein homme de lettres
ist gerade wie ein Krebs nicht eher zu genieBen als in der unpaB-
lichen Mause. Was sagt Siebenkas S. 139 etc. in den teufiischen 30
Papieren hieriiber in der ersten Edition? Folgendes in der zwei-
ten:
Mens sana in corpore insano.
»Einem Gelehrten fehlet immer etwas, entweder die Farbe -
oder der Atem - oder die peristaltische Bewegung - oder der
ZWEITER REISE-ANZEIGER j6j
Magensaft - oder der sogenannte gesunde Verstand; wie die Ju-
den (zum Andenken des ruinierten Jerusalems) an ihren Hausern
etwas unausgebauet stehen lassen oder wie aus einer gewissen be-
kannten Galerie nach einer Inhibitiv-Bulle (zum Andenken der
verstiimmeltenAntiken) nuramputierteNachbilderund Kriippel-
kopien ausgehen diirfen, denen zu Hause der Kopist erst die FuBe
oder die Hande oder die Kopfe anschient. Griechen und Romer,
bei denen die korperliche Gesundheit der geistigen mehr Vor-
schub als Eintrag tat und die den tieriscken Leib und die mensch-
10 I'tche Seele miteinander unterwiesen und hoben, wie in der Reit-
schule zugleich die Pferde und die Scholaren reiten lernen, diese
Nationen konnen vielleicht keinen andern Vorteil von dieser
Sckulfreundschaft zwischen unsern beiden zankenden Teilen auf-
zeigen als den, daB der Menscb damals gleich gut dachte und
handelte. Aber der Gelehrte soil eben besser denken, als er han-
deln kann, er soil eben seine Starke, wie der Tolle, oder sein
Werk, wie der Instinkt, der siechen Einseitigkeit verdanken. Man
schiefie lieber den einzigen Kopfzur Bildung aus, wie die Juden
an Gansen die Leber zum Masten, worein eben die Auguren das
20 Ich verlegten. Zwerge haben groBe Kopfe; man sorge also zu-
vorderst fiir Zwerg-Rumpfe. Eben alsdann werden in den nied-
rigsten Wechselbalgen unsers Handelns niemals edle Ahnenbilder
glanzender Entschliisse fehlen, weil gerade die korperliche Ge-
brechlichkeit uns an Vorsatzen erstattet, was sie uns an Taten
benimmt. Genie und Krankheit sind so sehr Milchbriider, daB. in
unsern Tagen Manner von Talent sich haufig den giftigsten Aus-
schweifungen unterziehen, bloB weil sie ihrer satirischen Scharfe
mit ihrer skorbutischen, und mit den Nervenfiebern den Nerven-
geistern nachzuhelfen denken: so impfte Linne auf dieselbe Art
30 den Perlenmuscheln - die desto mehr Perlen ballen und liefern,
je kranker sie sind - kunstliche fruchtbringende Krankheiten
In drei Terzien sieht Deutschland mich und den Boten reise-
fertig unter der Tiir. Nachdem der disharmonische Sonnabend
ausgehalten war, wo ich die hauslichen einheimischen Gefiihle^
j66 PALINGENESIEN
die ich von den fiir das Fest aufgerichteten Thron- und Futter-
geriisten erhielt, immer durch die weltbiirgerlichen einbuBte, die
mir der Reise-Biindel zufuhrte: so tat es mir am Ostermorgen
viele Dienste, daB ich aus meiner weichen Schneckenhaut eine
steinerne Schale ausschwitzte und michdamit iiberzog; ich wollte
durchaus nicht eher geriihrt sein als bei meiner Retour, und da
desto heftiger. Ich behielt deswegen immer den Botenmeister StuB
im Zimmer, der geschmackvoll in einem geschenkten Paar griin-
pluschenen Hosen erschien, aus deren Wiesengrund die Sense der
Zeit ganze lange griine Rander noch nicht ausgemahet hatte. Her- 10
mine sagte auf einmal mit leiser, aber wankender Stimme (die
immer Neben-Monde des Gedankens anzeigt) : »VergiB vor Streit-
berg unsern Rosenhof und die Rosensonne nicht; sie bliihen viel-
leicht dieses Jahr - und du kommst wohl morgen abends hin?« -
»Beides!« sagt' ich; aber ich ging hinaus. Ich will nur in der Eile
dem Leser berichten, daB ich - als ich einmal mit ihr auf jener
Anhdhe die Sonne wie einen Apollo aus diesem Arkadien gehen
sah, der unter der Trennung ein Gott wurde und gliihend ver-
schwand — auf meinem und ihrem Standort eine wachsende Spur
zu lassen suchte, indem ich Zimtrosensamen so enge und rund 20
und Samen von weiBen Rosen so weit und zirkelformig steckte,
daB die Blumen des erstern einmal eine purpurne Sonnenscheibe
und die weiBen einen bleichen Kranz oder Hof um sie bilden
konnten. Ich ging hinaus, halb als Petrus, halb als Judas, und der
Gottseibeiuns war bei mir. Als ich mir drauBen einige Fuhlfaden
abgeschnitten hatte, die ich nicht eher regenerieren wollte als
unterwegs: kam ich wieder hinein und fand sie redend neben dem
Hornrichter, dem sie - mutmaBt' ich damals - Sorge und FleiB
fiir ihren ehelichen, zur Salzsaule angeschossenen Loth empfohlen
hatte, der wie ein Gewitter. gerade bei dem Abzuge am schlimm- 30
sten war. Beim Himmel! auf demselben Mensch wachsen, wie auf
einem Weinberg, oft viererlei Weine, auf der Mittagsseite der
herrlichste und auf der Nordseite einer, der nicht zu trinken ist.
Endlich wurde geschieden, und ich vertrostete mich darauf,
daB ich bei meiner Ankunft den Abschied nachholen wiirde. Ich
weiB es, daB oft das verhiillte uberbauete weibliche Herz voll Tra-
ZWEITER REISE-ANZEIGER 767
nen hangt wie die von der Glocke iiberdeckte Blume voll Tau;
aber Hermine, mit welchen hellen warmenMarientagenwirdnicht
deine Natalie dein doppeltes Siechen umgeben und das Regen-
wetter verjagen, das dem Bliihen deines Weinbergs Schaden tate!
Wie arkadisch und in reiner Himmelsluft mehr schwimmend als
fliegend werdet ihr Ostern vertraumen! Gleich Tonen, die ge-
raumig und leicht und unverworren und doch verbunden in der
Luft ihr wiegendes Leben fuhren, so werden euere Gefuhle und
Wunsche und Stunden nahe, frei, leicht, harmonisch und doch
h unterschieden nebeneinander schweben und verklingen ! l Und als
mir dasKirchengelaute durch dasHimmelsblau noch einigeNach-
klange des zuriickweichenden Lebens nachwarf und an der Stadt
das, was Tithon behielt, hinter mir starb, ihre Stimme: so sagt*
ich: jetzt zieht vielleicht Natalie das gefullte Herz der Guten an
ihres und lasset sie weinen, ohne zu fragen woriiber.
Welcher frische kraftige Morgen! - Wie schrumpfen in dem
weiten Gebaude der Natur unsere Schnittwunden zu roten Miik-
kenstichen ein! Hier fuhlet man es, daB unser Geschrei iiber jeden
Stich des Lebens hohern Wesen in diesem Tempel klingen muB
, wie uns in der Kirche unter dem Nachdenken iiber groBe Gedan-
ken der Aufschrei eines Kindes.
Nach Leid kommt Freude, die Sonne tanzt am Ostertage, die
der Karfreitag verfinsterte. Und in der Tat war unsere die Vor-
tanzerin, und ich und der Bote tanzten nach. Ich wiirde mich
freuen, waren ich und StuB auf Glas gemalt und steckten in einer
magischen Laterne, und der Leser konnte unsere marmorierten
Schatten iiber die lichte Wand weglaufen sehen - erstlich mich
voraus mit dem langen geschwenkten DintenfaB des Stocks, wie
' ich freudig den Kopf im Sonntagsmorgen umherwerfe, weil mir
> das Schicksal die vollsten Blumenrabatten der Freude immer an
den StraBendammen herumsaet (daher kann mein kiinftiger Him-
mel in bloBen Durchmarschen durch Himmel bestehen) - zwei-
1 Weibliche Freundschaft ist zwar seltener als unsere, aber dann auch
zarter: unsere grenzt nicht so nahe an Liebe - da wir einander nur im Wider-
schein der Taten lieben - als die weibliche, da die Freundin von der Freun-
din (wie vom Liebhaber) weniger die Beweise als die Aufierungen der Liebe
begehrt und die Liebe fast nur fodert, um eine %u fuhlen und iu erwidern.
768 PALING ENESI EN
tens den Hornrichter, wie er nachschreitet und nachtragt in einem
geschenkten knappen Jagdkleide und mit einem Spazierkniittel,
um seinen Reiseprinzipal in der Not zu decken, und wie er die
Spitzsaule eines Morgenbrots anbeifiet - und endlich uns zusam-
men, wie wir auf der erhelleten Wand bald hinter griinen Bau-
men, bald hinter kouleurten Staketen, bald hinter offnen Scheuern
hervorkommen, bis wir uns in die runde Nacht des Laternen-
rands verlieren.
Da meine Reisetraume, wie ein Geisterschatz, bei jedem frem-
den Worte zuriicksinken und verschwinden: so durfte der Tra-
ger nicht reden, aber gar wohl (wie in kleinern Kirchen) in den
Waldern singen. Es ware zu wiinschen, ich konnte der musika-
lischen Welt die Partitur seines schmetternden Singspiels, worin
er das frohliche sorgenlose Wandern der Handwerkspursche be-
sang, aus der Rellstabischen Musikhandlung mitteilen: - welche
Vollstimmigkeit! Die Zugvogel hatten die zweite Stimme — der
Wind rauschte durch alle gedackte Register des Waldes - die
Turme der Dorfer lauteten mit zergangenen Chortonen darein -
und ich ging als Echo voraus mit vier Gehirnkammern, als vier
Schallgewolben, worin die Klange wachsend umliefen. :
Weil StuB dem Portier des Hofer Tors aus SpaB berichtet
hatte, er wandere wieder mit dem Wanderbundel: so hatt' ich
seiner Kehle unter der ganzen Kantate den Text meiner Phanta-
sien, die sich bloB auf seine Wander- und Jugendjahre bezogen,
untergelegt. Ich erinnere mich fast geriihrter und lieber der frem-
den Erinnerung, des Morgenhimmels einer fremden Jugend - und
gehe dabei mit dem Cyanometer oder Himmelsblaumesser zu
Werk — , als ich mich nach' meinem eignen Osten umkehre. »Im
Ehestand singt Er aus einem andern Tone, Meister?« sagt' ich
zum Weibergesellen. »Was will man machen?« versetzt' er mit 3
der lustigsten Ergebung, womit der gemeine Mann so oft unsere
unersattlichen Bittschriften um vermehrten Lebens-Gehalt be-
schamt. Ich suchte gegen seine Singstimme gerecht zu sein. »Im
roten RoB« (sagt* er und meinte den Gasthof) »loben sie mein
Singen sehr; und ich schreie mir oft an zweiten Feiertagen die
Lunge entzwei. Denn was ein ofdentlicher Mann ist, bleibt am
ZWEITER REISE-ANZEIGER 769
ersten zu Hause unci trinkt seinen Krug Bier viel Iieber mit seiner
Frau und Kind: ich kann nicht so sein wie manche.«
Jetzt war Mittag und Berneck da und der EBtisch. Der Meister-
sanger holte seinen Brottorso heraus und wollte clrei Quarge fo-
dern - denn nach meinem hanseatischen Fiirstenbund mit ihm
sollt' er bloB von seinem Gelde leben -; aber wie hatte das ein
Oberhaupt verstatten konnen, dem heute der Himmel voll wel-
scher Viole d'amours und anderer Instrumente hing? Und hatte
mich nicht wenigstens sein Donum zu einer Anderung dercapitu-
10 latio perpetua vermocht, daB er nie zwei Dinge satt bekam, das
Leben und das Essen im Leben? Denn ich verlange wenigstens
keinen Boots- und Hausknecht in die Kost, der diese wie ein
stummer Knecht nur bringt und nicht braucht, und der in den
Magen ein so philosophisches Anatomiermesser wie sein Befehls-
haber setzt. Die ofFne Tafel eines Fiirsten ist ein fataler sattigender
Anblick, aber die des Volks ist ein schoner voll Magensaft. Mein
Bedienter, sagt Voltaire, soil einen Teufel haben; - wenigstens
einen Magen, sag' ich. StuB hatte beides. »Es kommt doch mei-
nem Leib zugut«, sagt das Volk, wenn von der Wahl zwischen
20 Essen und anderem GenuB die Rede ist, und zeigt und schlagt '
auf den plexus solans, wo Herr Fabre und Parmenides die Seele
und die gemeinen Leute das Gluck derselben suchen. Und miis-
sen denn diese Armen nicht aus dem Korper und dessen Star-
kungsmitteln zu viel machen, da ihre Ernahrung von seiner ab-
hijngt und sie von diesem Nicht-Ich gerade die Schmerzen, die
Freuden, die Unterstutzung empfangen, die uns das Ich zuteilt?
Wahrend der Haresiarch und Dozent der Gluckseligkeitslehre,
der Bote, imTreibkiibel seines Leibes Freuden -VergiBmeinnicht
statt der vorigen Distelkopfe des Hungers erzog, suchte sein
30 Brotherr im Gasthof etwas zu verdienen und eine oder die andere
Stelle in den Teufels-Papieren neu aufzulegen: mit einem beson-
dern Vergniigen bau* ich mir aus jeder Passagierstube meine
Studierstube. Ich hatt' aber lange keine Materie, bis ich endlich
eine aus dem Glucksrad zog, und zwar - iiber das Rad selber.
Mir gegeniiber steckte die koniglich-preuBische Lottokollektion
die herausgekommenen funf Wunden-N\\mmern heraus. Auf ein-
770 PALING EN ESI EN
mal kam ein armer Teufel freudig in Dreihaar-Samthosen herein
und berichtete, er hatte beinahe eine Terne gewonnen und nur
immer um eine Zahl fehlgegriffen: »Statt meiner 15, 36, 79a, sagt'
er, »hatt' ich nur 14, 37, 78 nehmen diirfen: ich muB es erzwin-
gen, und sollte das Bett unter dem Leibe daraufgehen.« Daher
soilt' audi jede Lottokollektion zugleich ein Pfandhaus, dieses
Widerspiel eines britischen Assekuranzhauses fur Mobel, sein; ja
es sollte angenommen werden, wenn einer sich selber und Frau
und Kinder ins Lotto einsetzen wollte: konnte dadurch nicht ein
Regent die Untertanen insgesamt erspielen und damit machen, m
" was er wollte? -
Der Samt mit seinen Knieglatzen machte endlich meinem
Pliisch mit seinen — denn Plusch und Samt dienen wie Pferde
von oben herab, aus dem Lustschlosse ins Armenhaus, und oft
bettelt Samt am Hofe und Samt vor der Tiire - Lust zur Sache,
und StuB wollte in Baireuth sein heutiges Botenlohn daran wa-
gen. Ich machte daher in Berneck weiter nichts als eine verbes-
serte Auf lage vom Lobe der Lottos S. 368. Auf der LandstraBe
las ich ihm, bevor er ein Radertier des Lottorads Wurde, folgende
Umarbeitung vor: 20
Rekommendationsschreiben fur Lottos.
In unsern Xagen, wo man das Prlugrad fur das einzige Reich-
turner vordrehende Glucksrad halt und wo so viele Zahlenlottos
eingehen, scheint es ein Verdienst zu sein, wenn man in satirischen
Palingenesien wieder dartut, wie ungemein viel Lottos sowohl
den Untertanen als den Fiirsten eintragen.
Alles, was beide Telle davon zu furchten haben, StuB, ist das
groBe Los, das oft - weil die Freude das Blut stromweise ins
Gehirn aufspritzt - zugleich die Adern des Untertanen und das
Lotto des Regenten sprengt. Ich stand dabei, als ein armer Schu- 30
ster mir ein Paar Stiefel auseinandertreiben wollte und durch
einen Kurier die Hiobspost einer gewonnenen Quaterne bekam :
er fiel, von diesem ins Ohr gegossenen aurum potabile vergiftet,
maustot um und war nicht mehr zu beleben. Noch mehr fiel dem
Landesherrn der Verlust der Quaterne empfindlich, wenn er
ZWEITER REISE-ANZEIGER
771
auch leichter den Verlust des Schusters verschmerzte. Allein hier
kann man beiden Teilen aus der Mathematik dartun, daB eine ge-
fahrliche Quaterne oder gar Quinterne - wegen der besten arith-
metischen Vorkehrungen - fast gar niemals, wenigstens in Ver-
gleichung gegen die kleinern, fur beide Parteien unschadlkhen
Gewinste, nicht so oft erscheine als ein groBer Arzt, der nach
Kardan alle hundert Jahre einmal geboren wird. Ich verweise hier
Fiirsten und Einsetzer und Ihn, StuB, auf jenen SpaBvogel in der
Schweiz, der ein Lotto errichtete, worin der Einsatz bloB in weK
10 schen Nussen geschah: in kurzem war in der ganzen spie'lenden
Gegend keine NuB mehr zu haben, welches meines Bediinkens
der groBte Beweis ist, wie wenig man NuB-Quaternen oder nur
-Ternen zog.
Gesetzt sogar, das Ungliicksrad haspelte diesen roten und wei-
Ben Arsenik hervor: so ist doch das eine Art von Trost, daBdiese
giftige Basis mit einem solchen corrigens von Erschwerungen und
Beschneidungen versetzt und aus einem aurum potabile zu einem
so unschadlichen aurum fulminans gemacht wird, daB der Ver-
fasser und Vorleser dieses ohne Furcht vor dem Freudentod er-
20 botig ist, das aurum zu nehmen und zu erwarten, was wird.
Jetzt will ich zeigen, was der Untertan, besonders. Er, vom
Lotto hat. Mit dem Verbieten der auslandischen will die Regie-
rung kein schlimmes Licht auf innere werfen; sie gleicht nur
einem Herrn, der aus gutenGriinden den Hofhunden von keinem
Fremden Brot anzunehmen erlaubt. - Hoffnungen sind gleich-
sam die menschlichen Besitzungen in der neuen Welt der Gliick-
seligkeit, und ich glaub' es leicht, daB jener Lord seine jahrlichen
Hoffnungen nicht fur 5ooPfund hingeben wollte. Im Lotto wer-
den nun der armern Klasse des Volks - da der Staat unmoglich
30 jedem solche teuere und groBe Hoffnungen wie Personen vonGe-
burt und Verdienst anbieten kann -mancher lei und selber die an-
sehnlichsten Hoffnungen (Hoffnungen von 5 fl. bis zu Hoffnungen
von 100 000 fl.) fur wenige Groschen zugestanden. Der Furst
selber behaltsich keine vor :denn was erdabeigewinnt, istder Ein-
satz, aber keine Hoffnung: vielmehr hat er bei jeder Ziehung die
kleine Furcht, viele Ausziige, wo nicht gar eine Ambe zu ver-
772 PALINGENESIEN
spielen, die der Untertan als OberschuB und Zugabe seiner HofT-
nung einsteckt. Dieser hingegen kann nie mehr verlieren als sei-
nen Einsatz. Dabei berekhert Er noch, StuB, viele sogenannte
Landaussauger, die Er, sowie auch Spieler, Gliicksritter und sel-
ber Rechtsgelehrte und Kauf leute einer gewissen Art, nicht eher
und Ieichter vom Halse bringt - so daB sie aufs Land ziehen und
auf horen — , als bis Er sie satt gemacht, so wie Schrdpfkdpfe von
selber abfallen, wenn sie nur voll sind. Das hat nun die armere
Volksklasse vom Lotto.
Aber ohne Vergleich mehr bringt es dem Regenten selber ein, 10
Heber Mann ! Das Gliicksrad ist das beste Schopfrad, das auf der
einen Seite das Vermogen des Volks einschopft und erhebt und es
auf der andern vor die regierenden FiiBe niedergieBet. Oberhaupt
kommen mir die Staatsburger, die um den Thron stehen und die
zu empfangen scheinen, indes sie wirklich geben, gleich den
kiinstlichen marmornen Tieren in Palermo1 vor, die aus dem
Becken des Brunnens das Wasser, das sie hineingieBen, auszu-
saufen scheinen. Gerade vom armern Teile des Volks, der nur
Schutzgeld steuert, erhebt das Lottodirektorium eine wahreKopf-
steuer, und die fiinf giildnen Mause der fiinf Nummern, die der 20
arme Teil von den Philistern zu fangen hofft, hohlen, in Ieben-
dige verwandelt, dessen ganzen Brotschrank und Brotsack aus.
Es ware leicht, Fiirsten, die zum Lotto angefrischt sein wollen, in
ganze Dorfer zu fiihren, die dadurch an den Bettelstab kamen
und alles einbuBten; so daB also der nutzlos herumfliegende Gold-
staub recht gliicklich in einen einzigen Goldwiirfel geschmolzen
war, oder richtiger, daB der unwirksam unter tausend Hausern
wie ein Dunst versplitterte Reichtum sich in der Lottokasse wie
der gefallene Rhein zu einem Strome zusammengezogen hatte,
der nun Maschinen treiben konnte. Aber so urteilen wenige Ka- 30
meralisten.
Ich frage Ihn noch, Meister, ob wohl das Lottospiel die Nei-
gungen weniger und kiirzer festhalte als jedes andre Spiel. Oder
lauft nicht vielmehr einer, den das Glucks-Spornrad sticht, wie .
in Rom die mit Stachel-Blechen besetzten Pferde, immer hitziger
1 Kleine Reis. 3. Band.
ZWEITER REISE-ANZEIGER 773
fort und verdoppelt Schritte und Stiche zugleich? - Und
was kann mir hierauf ein Mann wie Schlozer entgegenset-
}
»Oder auch einer wie Er, StuB?« beschloB ich. »Ich merke
wohl,« versetzt er, »Sie blasen mit dem Bernecker Biergast in ein
Horn.« Aber nun iibersetzt' ich erst meine Sprache in seine.
Wir trabten lange fott, und nicmand bemerkte etwas als der
Bote, daB der Weg und das Bier besser werde, und als ich, daB
jeder Schritt die Blumen und die Blatter groBer mache. Mir ist
ro nichts Schoneres bekannt, als mitten in einen elenden Nachwinter
voll Blatter- und Baumskelette eingefroren zu sein unci einige
Poststationen von sich den reifsten Vorfriihling voll belaubter
griiner Welten zu wissen und dann (wie ichs jahrlich mache) auf
einmal wie Grundeis aufzustehen, mitten in den ausgebreiteten
Fruhling hineinzuschwimmen und darin zu schmelzen, indes man
doch noch immer zu Hause seinen Retour-Lenz stehen hat. Ja ich
konnte einem reichen Englander eine Marschroute angeben, wor-
auf er von einem Fruhling in den andern, durch zwolf jahrliche
Maimonate zu reisen vermochte; so wie ich gegeniiber dem ewi-
20 gen Juden eines solchen ewigen Fruhfings einen andern Pilger
konnte einen ewigen Herbst bereisen lassen.
Aber noch mehr erhob ich den Warmteller unsers erkaltenden
Lebens, die laue Fruhlingserde, als ich unweit Benk vor einer
Wiese vorbeizog, aus der ein armer, in ein groBes miitterliches
Warns eingeknopfter Junge bettelnd zu mir lief, nachdem er vor-
her ein Wickelkind, das sich an ihn suchend und durstig nach der
ersten Wasserung des Lebens an die leeren Danaiden-Milchge-
faBe seiner Brust andriickte, ins Gras geschoben hatte. Die Mutter
machte weiter unten den Bach zur Waschwanne und den Zweig
30 zum Trockenseil. Ich suchte mit diesem Terzett, das ein elendes
Lebens-Miserere auffiihrte, in Verbindung zu geraten. Die junge,
aber hagere welke Mutter - von deren Laiterie das Wickelkind
den Kopf vielleicht ebenso durstig abwendet als von der briider-
lichen - sagte vor mir aus, der GroBe (der, an dem das Warns
als jakobinischer Rock herabhing) sei von einem Bauernsohne
774 PALINGENESIEN
und das Kleine von einem Froner - beide hatten sie .geehlicht,
hatte jener seinen Freischein, dieser den Konsens des Gutsbesit-
zers ausgewirkt -, sie bettele sich ins Hohenfliefilsche (genauere
Nachrichten von diesem Fiirstentum streu* ich in meinen Titan
ein), und sie verlasse sich mit ihren armen Wurmern (beschloB sie
mit jenen kalten Tranen, die bloB uber einen so oft erzahlten und
wiederkaueten Jammer flieBen) auf Gott und gute Leute. Nie
treibt in mir das Mitleiden seine Seufzer und seinen Rausch aus
innern Tranen hoher als auf Reisen; und ich weiB recht gut, daB
ich es aus dem Kontraste der groBen Natur und des Genusses und 10
aus derEntkraftung durchGehen herzuleiten habe. AuBerst grim-
mig blickte ich, nach diesem aufgefiihrten Lagrimoso, auf die
Weidenallee vor mir hin, weil mir einfiel, daB sonst an ihr eine
Warnungstafel mit einer gemalten Hand unter einem gemalten
Beile gestanden und durch dieses Terroristen-Schlachtstuck Wei-
den-Frevlern ihre Amputation vorgemalet habe: »Wie?« (fuhr
ich fort) »soIche Malefiz-Hackstocke fur Weiden -Totschlager er-
schrecken uns mitten in der gutigen Natur; indes die GroBen die
wahren Eckstamme und Brotbaume des Staats, den eigentlichen
Reichsforst (das Volk) ausasten, abrinden und zur Har^scharre 20
und zu Bierzeichen verbrauchen und ihnen, wie die Gartner den
Gurken, die mannlichen Blumen nehmen. Ich sollte reden diir-
fen.« Als ich mich ebenso, geriihrt als erziirnt von der Doppel-
Brailt geschiederi hatte, fiel mir der Nutzen des Fruhlings und
Sommers besonders auf: »Beide geben doch«, sagt' ich, »diesen
armen leeren Glaubigern des Reichtums, diesen kriechenden
Kriippeln ohne Kriicken eine weiche trockne Wiese, ein freies
Logis am Tage, eine warme Stube, ein blumiges aufgelockertes
Unterbette, einige Landschaftsgemalde und zuweilen eine Blume
— nein, im Winter ists zu hart, wenn ein Mensch den andern 30
drauBen lasset.«
Sechs oder sieben Schritte davon richtete sich in einem Ge-
biisch ein erwachender Junge auf und hielt mir seine Hand heraus,
damit ich etwas hineinwiirfe. Ich stellte mir vor, er sei der dritte
Teil der BuBe des vorigen Weibes und verberge (nach dem Bett-
ler-Anti-Nepotismus) seine Verwandtschaft aus dem Grunde,
ZWEITER REISE-ANZEIGER 775
warum sie andere erdichten, um zu erben: »Ich habe deiner Mut-
ter erst gegeben«, sagt* ich. Er versetzte pikiert, er gehore nicht
dort zum Bettelvolk, er sei aus Benk und spinne, nur heute und
morgen trag' er Brot zusammen. Einer, der Sonntags reiset, kanns
unmogHch behalten,daB esSonntag ist: der kleine Lazarus brachte
mir nur mit Miihe bei, daB wir Ostern hatten, wo die religiose
Statik seines Spinnrades die seinige aufhebe, weil er an Sonn- und
Festtagen die Schuld des Lebens nicht wie an Werkeltagen spin-
nend abzusitzen, sondern bettelnd abzulaufen habe. Ich halte es
10 nicht geheim, die Riihrung, die ich vom leidenden verwelkten
Kleeblatt mitgebracht, kam der kleinen und noch dazu ehrgeizi-
gen und also doppelt elenden Lauferspinne neben mir sehr zu-
statten, die so lange Faden aus Geduld und Baumwolle ziehen
muBte, eh' sie darin ihre diinnen Viktualien zusammenfing. - Ich
lockerte mich sogar durch Wortspiele weicher auf und durch
Belesenheit, indem ich mich bemerken lieB, wie wenig Benk, das
nach Professor Langs1 Ableitung von einer Bank an einer Quelle
fur Wallfahrter nach Harsdorf den Namen bekam, dem feurigen
armen Teufel eine Bank oder eine Quelle gebe, hochstens eine
20 Ruderbank und eine Hungerquelle- Und dann stellt' ich um den
Jungen die ganze eingesperrte verdorrende Poularderie von ar-
men Kindern, die mit ihrem feurigen Geader und zuckenden Ner-
vengewebe aufs Spinnrad geflochten werden - den ganzen Tag
hungernd und mehr von den Gespielen als der Mutter erbettelnd
- in die schwarze Hohle der Spinnstube geklebt - neben geiBeln-
den Kerkermeistern und Mitarbeitern von alien Kinderspielen
durch ihr Stachelrad getrennt - bleicher als ihr Gam, ohne zu
erbleichen - schlaff, miide, nur durch umtreibenden Magensaft
noch eingeolt, unreif und wachsend ohne Jugend - und das auf
30 einer Erde, wo die Jugend doch die Villegiatura des Lebens
ist, und wo wir uns mehr laben, indem wir uns umschauen, als
indem wir vorwarts blicken ich will mich nicht mehr nach
dem kleinen Benker pauvre honteux umsehen; aber ihr Men-
schen, ol macht nur wenigstens die Menschen gliicklich, die es
1 Lang. Opuscul. hist, pontif, relig. vestig. in superior. Burggrav. Norici
terr. apparent, exhibituri Particul. I.
77<$ PALINGENESIEN
am leichtesten, am unschuldigsten, am langsten werden, die Kin-
der!1 -
Als ich vor Baireuth kam, das so heiter wie ein Lustlager vor
mir war, ging ich um dasselbe herum: bloB den Hornrichter lieB
ich mit dem Furierzettel im Gasthof zur Sonne um das Zimmer
anhalten, worin einmal Siebenkas und Leibgeber (s. 3. T. der
Blumenstucke) gewohnet und geliebet hatten. Ich aber zog nach
Eremitage, fast bloB um wieder abends nach Hause zu gehen, wie
Siebenkas in der Biographic, und um, wie er, vorher durch das
Baumdorf Johannis zu kommen: ich flicke ungemein gern die
von mir geschriebnen Bocks- und Trauerspiele selber als Force-
rollen in mein Leben ein und bin der Theaterdichter und die
spielende Truppe zugleich.
In Eremitage saB Baireuth ohne die Hauser - gedeckte Tisch-
chen unter Baumen standen als Sozietatsinseln da und teilten den
langen bunten Flor in Rabatten ab - ein Konzerttisch setzte die
Passionsgeschichte derer, tiber die man sprach, in Musik von
Graun - alle Ostergaste saBen in himmlischen verklarten Klei-
dern aus dem Heiligen Grabe erstanden da - ich allein sah' in
meinen aus, als wollte man mich erst in eines senken. s
Schon iiberhaupt brachte es der Verfasser der Palingenesien
durch alien Kleider- und Schneider -Wechsel nie dahin, daB ihm
sein Habit so glatt und nett gesessen hatte wie einer Statue das
nasse Gewand - entweder saB er an wie ein Wappenrock, oder
er war defekt wie ein Leichentalar - ja und wenn die ganze Pariser
Schneider-Gilde mir einen vollstandigen Anzug anmaBe und sich
auf den Tisch setzte und ihn inKompagnie ausnahete undsteppte,
so bin ich iiberzeugt, ich wiirde doch, wenn ich ihn anbekame,
darin aussehen wie ein gekronter Kaiser in der Dalmatica, der
Alba, der Stola und dem Chormantel und SchweiBtuch. So er- 3
geht es schon meiner Pariire.
Im demi-neglige und en chenille fahr* ich noch schlechter.
Eben in Eremitage trug ich einen Staub- und Pudermantel von
Oberrock, worin ich durch seine AuBenwerke und Eckschranke
1 Das frohere Kind ist iiberall das bessere, und die Not ist die Mutter der
Kiinste, aber auch die GroBmutter der Laster.
ZWEITER REISE-ANZEIGER 777
voll Papiere fur zweite Eclitionen einen solchen Abstich mit den
ins reine geschriebnen Baireuthern machte, daB einer und der
andere mich Heimlich auslachte. Das nahm ich mir sogleich vor
zu erwidern : ich setzte mich an ein leeres Trinktischchen, stellte
den Stockknopf darauf, zog die Handschriften aus den Arbeits-
beuteln und arbeitete offentlich unter den Baumen Satiren um.
Sooft ein paar Leute vor dem Schreiber im Nachtmantel mit hoh-
nisch-verzognem Munde voriibergingen, besserte er die Papiere
wilder um und flocht den personlichen Raptus ein. Um des Him-
10 mels willen greife man literarische Passanten sanft an: sie kehren
sich sonst stoBig und beiftend wie angeschossene Elefanten gegen
die Stadt und trampeln auf den Negernhutten herum! - Die Ar-
beit ist zugleich mein viertes Werk vor Niirnberg und kommt
jetzt herein unter dem Titel:
Statuten der historischen So{ietdten in Baireuth, Hof^ Erlangen und
andern Stadten.
»Es gibt meines Wissens keinen szientifischen Zweig, der sich
riihmen kann, so ausgebreitet - ich meine von 2300 deutschen
Stadten, noch mehrerern Marktflecken und von 82000 Dorfern
zo - oder so allgemein - kein Stand, kein Geschlecht, kein Alter ist
ausgenommen - oder so unausgesetzt - namlich jahraus, jahrein,
an BuB-, Hochzeit- und Sterbetagen - und so eifrig - weil viele
gar nichts anders machen und darein versenkt wie Sokrates und
Archimedes auf den Gassen stehen - bearbeitet zu werden als die
Geschichte. Ich spreche hier nicht von der alten Geschichte - ob-
gleich bisher jedes Jahr aus dem Fliigel der Zeit eine Feder zog
und damit eine neue alte schrieb, so daB einer schon viele histo-
rische Kenntnisse von den neuern Zeiten hat, der weiB, was darin
uber die altesten geschrieben worden -, sondern ich meine die
30 neueste, die vaterlandische, vaterstadtischej fiir die es jetzt, nach
Maupertuis* vorgeschlagnem Muster einer lateinischen Stadt, or-
dentliche historische Stadte gibt. Wenn auf den dicksten Asten
des Baums der historischen Erkenntnis ganze Akademien hor-
sten, und Zeitungs- und Programmenschreiber als Schneider-
vogel auf dessen diinnsten auBersten Zweigen nisten: so sen' ich
778 PALINGENESIEN
die historischen Blattminierer die Blatter desselben bewohnen
und bearbeiten und gut verdauen. Doch glaub' ich, wurde dieses
Studium der neuesten Geschichte zu wenig oder nichts gefiihret
haben ohne die spezialhistorischen Sozietaten, die ich beschreiben
will.
Die Akademisten derselben halten ihre Sessionen, wie es trifft.
Keiner hat etwas aufgeschrieben, sondern sagt seine Ausarbeitung
auswendig her. Em Geschichtsforscher dieser Art und noch mehr
seine Frau, die Geschichtsforscherin, sieht nichts fur unbedeu-
tend an und schildert nicht, wie Rousseau der Historie vorwirft,
Konige und Kriege, sondern den Menschen im Schlafrock. Sie
Hefern zwar die Walchische Kirchen- und Ketzergeschichte dasi-
ger Geistlichkeit, Fischers Geschichte des Hofer, Baireuther etc.
Handels oder die Statistik eines einzelnen Hauses, seiner Tafel-
giiter, seiner Nationalschulden, seiner Regierungsform, aber sie
denken darum nicht von dem Martyrologium hohler Zahne, von
den Confessions eines Wochenkindes oder von den Personalien
einer SchoBkatze geringe. - Synchronologie fodert ihren eignen
Mann und ihre eigne Frau, namlich eine alte. Manche tragen aus
Liebe zur Wahrheit wie Xenophon und Casar keine Geschichte ;
vor als ihre eigne. - Viele bearbeiten den historischen Roman
und fmgieren gut. - Redliche Konsistorialrate schwarzen nicht
wieBahrdt in Halle Dogmatik unter demNamen Kirshengeschichte
ein, sondern Kirchengeschichte unter dem Namen Dogmatik und
machen Ketzereien zum Vehikel der Personalien. - Die beson-
dern Konzilien der einen Gasse liefern ihre Konzilienakten an die
Konzilien der andern ab und diese an jene. - Verscheidet ein In-
wohner, so fangt der Geschichts-Ort erst recht an zu leben und
geht hin und verfaBt den Nekrolog oder auch das Tyburn Chron-
icle. — Will einer ans Licht der Welt, so ist man, eh' ers erblickt, =
imstande, eine so gute Biographie von ihm zu liefern, als die
Portugiesen von der Marie abfaBten, da sie noch im Mutterleibe
der heiligen Anna war.1 - Biischings wochentliche Nachrichten
1 Jung in seinen Nachrichten von der portugiesischen Literatur gibt wirk-
lich S. 28 von einer solchen Biographie, ja von einer Epopoe de conceptione
Mariae Nachricht.
ZWEITER REISE-ANZEIGER 779
liefert jede Frau, die Sonntags einen Kopf und einen Friseur dazu
hat, und ihre eheliche Treue ist oft bei seiner historischen.
AuBer den historischen Hiilfswissenschaften- der Archaologie,
Genealogie, Miinzwissenschaft - hat ein solcher Spezial-Livius
(oder Livia), Spezial-Cornelius (oder Cornelia), Gibbon (oder
MiO Gibbon) noch die besten korrespondierenden Mitglieder,
namlich die Bedienten, die Wartfrau, die Hebamme, den Balbier
und die Mamsell. - Wie Ritter Michaelis denen, die nach dem
Orient reiseten, wichtige Fragen mitgab, so zeigen Stadt- und
io Gassenhistoriker ihren Kindern die erheblichern historischen
Liicken an, die sie in fremden Hausern auszufiillen haben. Ja
machen sie sich nicht selber auf und bereisen, wie griechische
Geschichtschreiber die Lander ihrer Annalen, die Hauser derer
ofters, an deren Chronik sie gehen wollen? 1st das Kirchengehen
- so wie die alten Historiker ihre groBe Tour oft durch Tempel
nahmen, urn aus ihren Inschriften einzuernten - nicht ebensosehr
den historischen Kenntnissen bestimmt als den religiosen? - Und
ist denn nicht jeder Tanzsaal, jede Frontloge, jeder Lustort, jeder
EBsaal ein Salon de la correspondance wie der des Herrn de la
20 Blancherie in Paris? -
Es gibt dann wenige, die in der akademischen Sitzung ihre
Ephemeriden nicht in jenem einfaltigen Stile des Polybs vortra-
gen, den Monboddo so hoch iiber Tacitus seinen stellt. Die
Hauptfoderung, die Dionys von HalikarnaB an Historiker macht,
als solche keine Religion, keine Freundschaft und kein Vaterland
zu haben, befriedigen viele. Anlangend ihre Wahrhaftigkeit, so
ist .sie vielleicht nicht klein, wenn die Erfahrung wahr ist, dafi
jeder dem andern widerspricht; denn wenn Chrysostomus schon
aus der so wenlg bedeutenden Disharmonie der Evangelisten auf
30 ihre Glaubwiirdigkeit zu schlieBen riet, weil sie den Verdacht der
Verabredung abwendet, so lass' ich jeden selber ermessen, wie
groB erst die Glaubwiirdigkeit von Historikern sein mag, deren
Disharmonie zehnmal groBer ist und also der Argwohn der Ver-
abredung zehnmal geringer.«...
So weit war ich, als ich merkte, daB man an einigen Tischen
iiber mein Schreiben rede; ich fuhr aber gelassen fort:
780 PALINGENESIEN
»Viele solcher Rhapsoden mengen in ihre Spezial-Quotidienne,
gleich Voltairen, Satire oder sogenannte Verleumdung; aber sie
billigen nie die Verleumdungen anderer Spezialhistoriker, ja sie
klagen iiber die Medisance der Stadt. So loben und beleidigen
jetzige Dichter die Tugend auf einem Blatte. Oberhaupt achten
Poeten, Philosophen und deren Leser die Tugend wie die Mexi-
kaner ihr unsagliches Gold so hoch, daB sie jene, wie die Ameri-
kaner dieses, bloB zur Ausschmiickung der Tempel verbrauchen
und aus Ehrfurcht nicht als Kurrentgeld im Handel und Wandel
kursieren lassen...«
Jetzt gingen zwei herrlich eingekleidete Herren nahe vorbei
und lachten den Schreiber der Reise-Anzeiger aus; er fuhr aber
gelassen fort, wiewohl mit weniger Zusammenhang:
»Immer mehr Gift find' ich in Historikern, in Arsenik und in
Brillen-Schlangen, je heller und schoner ihre AuBenseite ist.
Wenn daher der romische Prator seinen Purpur- und Galarock
abwarf, urn jemand zu verdammen: so zieht man jetzt eben den
besten an, wenn man ausgeht, iiber jemand den Stab zu brechen.
Und iiberhaupt schenk* ich dem Elegant mein ganzes Mitleiden
und kann ihm doch nicht helfen. Was hat ein solcher Mensch ge- :
tan, daB ihm jeden Morgen - in Gerichtsstuben die gewohnliche
Zeit der Folter — der Haarkrausler mit gluhenden Zangen die
tadellosen Haare zwickt und ihm einen danischen Mantel oder
Marterkittel (den Pudermantel) umhangt - daB ihm der Schuster
an die krankenFiiBe, da derKriminalist sonst nur gesunde foltert,
enge Schuhe, d. h. kiirzere spanische Stiefel anlegt? Ist es erlaubt,
daB ein solcher biiBender Bruder - angeschlossen ans Zank- und
Halseisen der Wulst-Krawatte, liegend in der tratto di corda der
Strumpfbander und knappen Doppel-Hosen, und iiberhaupt an
Haupt und Haar, an Hals und Hand zugleich gestraft - die Dor-
nenkrone aus Haarnadeln oder Papillptten oder engem Filze auf-
bekommt, daB ihm ein Herodes-Purpurmantel und ein Sansku-
lotten-Zepter zur Schmach gegeben wird- daB er Essig an seinem
Kreuze fodert (iim seine Taille mager zu machen) und daB er
so den ganzen Tag gekreuzigt wird, bis er abends das Haupt
neigt und - einschlaft? Warum, wenn die Kartesianer die Tiere
ZWEITER REISE-ANZEIGER 78 I
darum fur Maschinen erklarten, weil ihre Martern sich im Falle
der Empfindung nicht mit ihrer Unschuld reimen lieBen, warum
hilft man sich nicht ebensogut bei den schuldlosen Blutzeugen
des Putzes, denen ein ebenso herbes Schicksal als den Tieren be-
schieden ist, und nimmt an, daB sie ebensogut Maschinen sind
ohne die geringste Empfindung ?«...
Jetzt wurd' es immer leerer und stiller um mich; ich fuhr aber
kaltsinnig fort:
»Mich dunkt (damit ich wieder zuriickkomme), nur eine solche
10 Vereinigung von Historikern und deren Sessionen (wofur sie
nicht wie die vierzig Akademiker in Paris von jeder einen Silber-
pfennig bekommen, sondern nur das wenige, was sie wie in einem
Weinberg mehr in den Mund als in die Tasche stecken) konnte es
moglich, nur eine solche Zahl von Mitarbeitern - die selten klei-
ner ist als die der Volksmenge in einer Stadt und die also meistens
groBer ist als die der achtundzwanzigtausend franzosischer Ge-
schichtsschreiber, welche Le Long namentlich auffuhrt — konnt'
es wirklich machen, daB jede spezialhistorische Gasse weiB, wie
viel Rockknopfe, geheime Schulden, Hoffnungen, Hemden, Kin-
20 der und Briefe jeder gegebene Mensch hat. Spezialhistorischen
Korporationen und Primarversammlungen wiird' es z. B. ein
Leichtes sein, von StuBen folgendes drei Stunden nach seiner An-
kunft ausgemittelt zu haben: >Ein Hornrichter ist der Mensch?
und hat in Niirnberg gelernt und pekziert? Das lass' ich zu. -
Metiger hieB sein Niirnberger Meister? So! - Er sieht nichts
gleich, und viel hat er wohl nicht im Mantelsack? Nicht? - Der
Mensch soil schon tolles Zeug geschrieben haben; wie?< - Das
war aber ich, nicht StuB.
Es ware unbegreiflich, warum aus so vielen mundlichen Nou-
30 velles a la main nicht mehrere Vorteile fur die grofle chronique
scandaleuse der Menschheitj fiir die Weltgeschichte gewonnen
wiirden, wenn man nicht wiiBte, daB die kleinern argerlichen
Chroniken nie gedruckt werden, und zwar aus einem sonder-
baren Naturgesetz.
Es ist dieses, daB das Wunderbare und Wichtige die Menschen
nur im umgekehrten Verhaltnis seiner Entfernung reizt. Z. B.
782 PALINGENESIEN
Fur die Stadt selber ist immer die Geburt einesKindes interessant
genug; aber zwei Wersten davon tuns nur Zwillinge, drei Wer-
sten Drillinge, und so muB man mit den Wersten die Geburten
haufen, die zuletzt ohne Abbruch des Interesse gar keine Men-
schen mehr sein konnen, sondern greuliche MiBgeburten. Lieber
priigle ein in Baireuth angesessener Mann seinen Bedienten oben-
hin aus - oder ein Schutzverwandter seine Frau, ich sen' es lieber
und werde mein Referat davon den Baireuthern mit groBerem
Gliicke machen, als wenn ein Westindier seinen Neger zerschnitzt
und lebendig gerbt und ich mit der Nachricht davon zu gefallen 10
habe: ja wenn er mit den groBten Qualen den Schwarzen durch
eine Dampfnudelmaschine preBte, so bliebe doch immer West-
indien auBer der Stadt. So geht die Geschichte mit zunehmender
Nahe und abnehmenden Wundern und bleibendem Interesse von
Herschels Universalhistorie des Universums durch die Reichs-
geschichte der Erde in die Gassengeschichte - Eckhausepheme-
riden — Alkoven-Moniteurs — Bette-Pseudoevangelien und noch
weiter herab bis zu dem Universitatsroman, den ich einmal mit
einem Madchen in einem Muffe spielte. Ich glaube, ich werde
nachher den Roman der Welt vergonnen, aber vorher ist noch 20
eine durchdachte Erklarung des vorigen Phanomens zu geben.
Sie ist diese, daB ein fremdes Ich als Ich, ohne Riicksicht auf
Menschenliebe und Eigennutz, eine solche Allmacht an uns aus-
ubt, daB Wahrheiten — daher die Wirkung dramatischer Einklei-
dungen - und Tugenden - daher die Allgewalt der Beispiele -
und die ganze physische Welt1 erst als Zustande eines Ichs uns
am tiefsten ergreifen. Daher kommt die Neigung der Gelehrten
fur Literargeschichte und Johnsons Erhebung der Biographie
iiber die Welthistorie, weil in dieser die Geisterwelt unkenntlicher
ferner Ichs in eine bloBe verworrene Korper- und Schattenwelt 30
zerlauft. In den Spezialkarten und in den Spezialhistorien stecken,
wenn sie alle da sind, die allgemeinen, aber nicht umgekehrt;
allein in diesem Sinn gibt es nur einen einzigen Spezialhistoriker
1 Sogar die groflen Erscheinungen des korperlichen Weltalles nehmen
einen Teil ihres Reizes von der heimlich zu einem Ich personifizierten Natur
oder vom Glauben her, dafi sie Aufierungen des unendlichen Ur-Ichs sind.
ZWEITER REISE-ANZEIGER 783
und Geographen, den Urheber des gelehrten Deutschlands so-
wohl als des ungelehrten und der iibrigen Welten.«
Ich sah* auf, und es waren alle Baireuther fort, nur eine Frau
schauete sich noch im WagenfuBtritt um und erwog, ob sie mich
kenne. Ich kannte sie recht gut, es war dieselbe Betta (Lieschen),
mit der ich im gedachten Muff den Universitats-Roman gespielet
und mich darin verlobet hatte. Sie hatte sich nachher auch auBer-
halb des MufTes mit einem gewissen Herrn P. verlobt und ihn
allein geheiratet. Ich will meine Sponsalien im Federmuff dem
10 Leser geben, da sie ohnehin mein funftes Werk vor Nurnberg
sind:
Die Sponsalien im Muff.
Es war in den Achtziger Jahren, daB ich an einem kalten Tho-
masabend mit Betta und deren riickwarts sitzendem Vater von
Eremitage nach Hause fuhr. Ich hatte den linken Handschuh ver-
loren, den man erst den andern Tag in der linken Tasche wieder-
fand, und der Dezember setzte der linken Hand, meinem einzigen
Bassisten furs Klavier, so heftig zu, daB ich Vater und Kind um
ein Lager in der Dachsrohre des MufTes ansprach. Betta zog so-
20 .gleich ihre linke heraus, legte sie unter ihn und schob ihn mit
ihrer noch darin wohnhaften rechten und mit seiner Freiheit von
Einquartierungen mir zu. Ich fuhr in den Dachsbau hinein. An-
fangs schlief die Hand aus, um nur warm und auch einheimisch
zu werden: nach und nach unterschied sie in der Finsternis des
Gefuhls die Objekte. Ein langer Muffschweif lag als Bettroddel
oder Bettzopf quer auf ihr. Ich richtete sie darunter in die Hohe
und bemachtigte mich des Weihwedels und facherte mit ihm in
die Feme, weil ich, bevor ich im Winterquartier etwas von Be-
lang vornahm, wissen muBte, wie weit die feindliche Hand von
30 mir liege. Ganz an der Schwelle des Muffs wie in einem Schmoll-
winkel hielt sich die feindliche Landung auf. Ich kroch auf den
Fingern — den Streitflegel zwischen dem Daum und Zeigefmger -
durch den ganzen Warmkorb und beunruhigte nun mit meinem
Wedel Betten ernsthafter. AuBen aber, namlich mit den Ge-
784 PALINGENESIEN
sichtern saBen wir beide ruhig vor dem Vater, und ich erteilte ihm
unbefangen zuverlassigere Nachrichten vom russischen Kriegs-
feuer in Taurien wahrend des meinigen im MufF. Die Umstande
batten sich so geandert, daB ich nun mit meiner Feldschlange
fast alle Finger Bettens bestrich. In der Angst- von meinen Fin-
gern umzingelt - und iiberhaupt im Gesmppe und Dickicht der
Haare - und unter dem Kometenschweif am Himmel - tut Betta
einen der kiihnsten Ausfalle und fangt den Wedel.
Jetzt brach auf dem Kriegsschauplatze des Muffs das Kriegs-
feuer erst recht los: ich gab den Wedel auf keine Weise her - in 10
entgegengesetzten Richtungen wurde ungemein gezogen, vorn
wie hinten fiinfspannig - Betta fassete einen langern Schaft von
meinem Labarum, ich tat sogleich dasselbe - nicht flinf Haare
Iagen mehr zwischen den feindlichen und meinen Fingern - ganz
erbittert wurde gezerrt auf einmal lieB ich aus Kriegslist
fahren, und der Wedel riB ab, und Betta hatt' ihn in der Hand
»So daB also Katharina II.« (fuhr ich vor dem Vater fort und
tat, als wenn ich iiber nichts lachte als iiber die Kaiserin aller
ReuBen) »durch die Akquisition jetzt wh-klich ein Bassa von
einem RoBschweif ist. - 20
Es war bei einiger Aufmerksamkeit leicht vorauszusehen, daB
mein Verlust des Wedels, meiner Standarte, die besten Folgen
fur den Hausvertrag und Burgfrieden im Muffe nach sich ziehen
miiBte: ein Fehler, den ein Madchen mit uns gemeinschaftlich
veriibt, ist ein Mortel und Mundleim zwischen ihr und dem Mit-
schuldigen. Ich stellte sogleich alle Feindseligkeiten im Portativ-
ofen ein3 ging zia ihrer Hand und bot ihr meine zUm Frieden : die
Friedensartikel mochten nun durch einen leisen Handschlag, wie
bei den alten Deutschen, oder durch einen stummen Schwur rati-
fiziert werden, so waren aufgehobene Finger notwendig. 30
Als aber ihre Hand schlaff auf dem warmen Feldbette der Ehre
und auf dem Wedel ruhte undmichargerte:konnt' ichzumFaust-
oder Fingerrechte greifen und sie selber inhaftieren. Ich okku-
pierte einen Nagel und ein Fingerglied nach dem andern - aber
ihre Hand schien wie die des Ritters Gotz und der Gorgonen von
Eisen zu sein - der Briefschwerer meiner Hand legte den Druck
ZWEITER REISE-ANZEIGER 785
der Abgaben erst auf ihre ganze - es blieb, wie es war — ich ver-
teilte dann den Druck auf einzelne Glieder - diese regten sich
zerstreuet - ich machte sofort die groBten Laufer auf ihrer Stan-
genharmonika - nun war im Pankratium und Ringen aller Finger
nichts mehr zu unterscheiden als mein Himmel - das Hexenpan-
tofTelein des P. Fulgentius oder den Wetterableiter, namlich den
Fliegenwedel hatt' ich ihr aus der Hand gezogen - ich saB bald
unter, bald auf der Hand und dehnte mich aus und streifte bis
an den Puis, diesen Referenten und nachschlagenden Hochwach-
10 ter des Herzens - Welche himmlische Quintette der Finger, die
im FedermufFe so gut wie in einer Gerichtsstube Schwurfinger
waren und gottliche Personen reprasentiertenl Welche hausliche
Gliickseligkeit im Federbette eines Federmuffs, der vorher eine
Kriegsgurgel war ! - Da ichs satt hatte, im Freien vor dem Schwie-
gervater iiber die eroberte Krim verdruBliche Gesichter mitten
- in den MufTbelustigungen zu schneiden: so pries ich ihm zum
Deckmantel vergniigter Mienen die Zarin an und setzte ihn (denn
er dachte, ich meine die Petersburger) durch die Rede in Erstau-
nen: »Sie HeB den Zankapfel oder ZankroBschweif willig fahren,
zo ob sie gleich lange Hande hat, gleichsam Hande von Vandyk; sie
besitzt ein herrliches Herz und meines dazu...« Aber der Schlit-
ten stand und schellete aus: ich raumte die anglisierte Hand-
Wildschur, und nie lag ich wieder da im Winterquartier. Unter
andern Giitern zog ich Betten auch das Schwanzchen des Muffes
ein, das ich diebisch in die Hand einpackte und mitnahm. Noch
wird der Wedel in meinem Hause vornehmen Fremden vorge-
zeigt und gesagt: »Das ist das Seil der Liebe, womit Jean Paul
wahrend seiner Ehe zur linken Hand im Baireuther Federmuff so
glucklich zog!«
30 Ende des fiinften Werks vor Niirnberg.
Ich machte mich allein im goldgriinen Abend auf und nahm
mein DintenfaB wieder zum Gehen; merkte aber, dafi ich mich in
das Utopien der Sehnsucht hineingeschrieben hatte : unsere ver-
lorne Empfindung, nicht der Gegenstand derselben, die vorige
Liebe, nicht die vorige Geliebte ruhen fest iiber uns und werfen
786 PALING EN ESI EN
durch lange wolkige Jahre die Warme herab. Die magische Zeit
und die magische Nachbarschaft fuhrten nicht nur alle meine
vorigen Alonza Lorenzos von Toboso mit ihren Kronen, son-
dern auch alle Lorenzos von Calais mit ihren Tabaksdosen vor
mein Herz - und an der Spitze der letztern flog der Doppeladler,
Siebenkas und sein Leibgeber, und ihre erleuchteten Gesichter
waren nach dem grofien Abend gerichtet, wo sie den hohen Fiir-
stenbund helfender Freundschaft im nahen Waldchcn der Ere-
mitage zusammenkniend beschworen hatten.
Ich machte mich sogleich ins Waldchen, trat auf dem gelobten 10
Lande und Sitze jener Seligen, die ich selber der Welt beschrieben
hatte, unter seltenen Gefiihlen auf und unter holden Grenzstrei-
tigkeiten und Grenzverriickungen des Ideals und der Wirklich-
keit und wurde erst spat jener Botenbleche an den Baumen an-
sichtig, die mir so gut bekannt waren als einem. Es schlugen
namlich in den Regenmonaten der Literatur, in der sogenannten
empfindsamen Dekade, viele Baireuther von Empfindung hand-
grofie Bleche, auf welche ein Seufzer oder eine Trane mit Metall-
schrift poetisch eingeatzet war, mitten an die Stamme an, etwas
hoher als die Blech-Kordons an Taubenhausern gegen Katzen 20
sitzen: die Votiv- und Opfertafel sollte mit ihrem Verse fur
irgendeine Geliebte eine Belagerungs- oder auch Huldigungs-
munze abgeben. Es 1st eine Schwache des Verfassers der Reise-
Anzeiger, daB ihn so etwas gleich sehr belustigt und erweicht:
wo er nur irgendwo vor der Gottin der ewigen Liebe Feueran-
beter oder Bilderdiener auf den Knien findet, unter welchem tol-
Ien Fetisch und Bilde sie auch verehret werde, oder mit welchen
narrischen Liturgien und Dankopfern es auch geschehe, oder in
welcher Tochterkirche, stets wird der Verfasser den Durchgang
durch die Kirche mit einem SchuBgebete (preces ejaculator.) neh- 30
men und sein Herz zum Repetierwerk eines jeden fremden ma-
chen, in dem die Andacht der Liebe schlagt.
Muhsam ging ich mit dem Augenglase vor dem unter die
Stamme verteilten Stammbuch aus blechernen Temperaments-
blattern auf und nieder, um es herabzulesen: endlich trat ich unter
ein Blech mit dieser Einladungsschrift des Herzens:
ZWEITER REISE-ANZEIGER 787
Die Au verbliiht -
Das Herz vergliiht -
Der Mensch entflieht -
Ach, Gute, Hebe mich!
j-p-
»J. P. ?« (fragt' ich) »das ist ja oftenbar dieser P. - dessen Tauf-
name vermutlich Joachim oder Jobst oder Joseph ist -, welcher
mir die Muff-Pugilistin weggeehlicht hat?« - Ich arbeitete mich
in meinem bauschenden Nachtmantel denStamm hinan undbrach
10 mir den eisernen Brief zum Mitnehmen aus: »Lass* ich ihn am
Baum,« sagt' ich unter dem Ausheben, »so lasset ihn die litera-
rische Keuschheitskommission der schreibenden Reisenden oder '
der reisenden Schreiber abdrucken und merkt an: J. P. (der Spon-
sus, nicht J. P. der Mann) hat dieses ZifTerblatt, diesen Aushange-
bogen seiner Denkweise offentlich angenagelt und ad valvas tem-
pli affigiert.« —
Jetzt erst flog ich mit meinem Bleche auf einem Himmelswagen
(aus der Remise der Phantasie), vor den sich lauter Traume und
Genien spannten, durch das Dorf Johannis, wodurch mein Sie-
20 benkas seine Entziickungen getragen hatte, nach Baireuth.
Der erste Anwurf des Friihlings lag an den Bergen - die Sonne
uberzog ihn mit Glanz-Gold - die frohen Menschen waren vom
Friihling aus der bedeckten Allee des bewolkten Himmels in die
offne des blauen gefuhrt - auf jeder Seite ging neben mir ein
Traum, namlich Natalie und Firmian - tief in meine Brust ver-
barg ich die edle Hermina mit ihrem feuchten Auge, vor dem ich
meines niederschlug - mein tagliches Pensum einer satirischen
Umarbeitung war auch schon abgetan: — was hatt' ich nun im
Gasthof zur Sonne in derselben Brautkammer des Herzens, wo
30 Firmian auf den Lippen seines Heinrichs sein Leben suB verloren
und siifier gefunden hatte, noch zu wiinschen oder zu tun? -
- Nichts tat ich, als daB ich das feuchte Auge, wovon ich sprach,
ganz vor meiner Seele offnete und unaufhorlich darein schauete
und mich nichts mehr um meines bekummerte...
788 palingenesien
Dritter Reise-Anzeiger'
Fata : mem Traum - und ein fremder - der Brief
Werke: ob nicht dem Mangel an Selbstrezensionen der Ablauf der empfind-
samen Kraftdekade schuld zu geben?
Vor dem Irimmelblauen Ostermontage erwacht' ich mit verschlei-
erten Augen des innern Menschen, gleichsam als triig' ich die
weggezogene Nacht in der Brust. Ein kurzer, aber harter Traum
hatte sein Trauerspiel vor mir gegeben. »Hermina« (traumte mir)
»saB in einer hellen Sakristei, worin Mondschein und Sonnen-
schein nebeneinander strahlten - das Sonnenlicht lag wie Mor- 10
genrot auf ihrer weiBen Stirne und auf dem Herzen, aber urn
Wangen und Lippen war bloB Mondschein - und ihr Gesicht und
ihre Hande waren ganz naB. — Da ich sie fragen wollte, Warum, so
wuchs Mond- und Sonnenlicht so blendend auf ihr, daB ich das
Auge weg- und in eine dunkle lange Kirche wenden muBte, worin
die steinernen Monche und alten Fursten sich von der Wand los-
machten und losrangen und in ihre ofTnen Erbbegrabnisse hinein-
zogen. Plotzlich kam der Taufengel hernieder und hatte die gold-
nen Fliigel wie Arme um die Gipsbiiste Herminens geschlagen
und sank damit in den ofFnen FuBboden hinein: ach, sagt* ich, ich 20
weiB es schon, du bist gestorben, und man hat dein Angesicht mit
Ol befeuchtet, um die Biiste davon abzulosen. Jetzt wurdJ es noch
heller, und ein langer Blitz stand hinter mir, aber ich konnte mich
nicht mehr umwenden und erwachte unter der Arbeit und vor
Qual. «
Dieser Traum und das abgelosete Blech auf dem Tisch hielten
mir das Entfliehen des Menschen und das haBliche Verschieben
unserer Liebe so strafend vor, daB ich mich entschloB, heute die
strengsten Reflexionen iiber mich - und darum eine kurzere Tag-
reise (nur bis Streitberg) - und um frei zu sein, mein satirisches 30
Tagewerk der zweiten Auflage schon im Gasthofe zu machen.
Der Verfasser dieses Buchs ist an jedem Tage, an den Regentagen
unsers Lebens, an den Sterbetagen desHerzens, zuSatiren,wenig-
stens zur Ironie, wenn auch nicht zur Laune aufgelegt. - Doch
mag er (das bekennt er) lieber bei elendem Wetter im Winter
DRITTER REISE-ANZEIGER 789
satirische Dornenhecken und im Fruhjahr lieber idyllenartige
Blumenparterre setzen, so wie umgekehrt der Stachelschwein-
mensch in London seine Stacheln bloB im Winter abwarf und des-
wegen nur in dieser Mausezeit seine Frau umhalsete.
Ich hob aus der besten Satire der Teufels Papiere - dem Vor-
schlage und Lobe der Selbstrezensionen S. 295 - folgende Stelle
um so lieber aus, da sie mehr ab- als umgeschrieben zu werden
braucht. Die blechenen Reimtafeln in Eremitage hatten mir die
wahlende Hand gefiihrt.
10 Sechstes Werk vor Niirnberg.
Ob nicht dem Mangel an Selbstrezensionen der Ablauf der empfindsamen
Kraftdekade schuld zu geben?
Das goldne sechzehnkaratige Zeitalter unserer Literatur (das
kraftgenialische) ist leicler jetzt in em verkalktes umgesetzt; und
das gibt mir AnlaB genug, mich sowohl iiber das Zeitalter als iiber
die Umsetzer herauszulassen. Erstlich iiber das Zeitalter!
So groBe Kopfe und noch dazu eine solche Menge derselben
wies auBer Utopien noch kein Land auf als Deutschland von
anno 1770 bis 1780; so wahr ist die Bemerkung des Vellejus
20 Paterkulus, daB groBe Manner gern miteinander und auf einmal
erscheinen - wie ich denn einmal zu Dossenheim bei Mannheim
die angorischen Ziegen und die groBen Manner gegeneinander
zahlte und von letzteren ein Mandel UberschuB bekam. - Daher
verschattete damals einer den andern, der eine wurde nur zur Elle
des andern gebraucht (denn GroBe ist relativ), und man blieb
zuletzt g-leichgultig, wenn ein solcher groBer Mann einem die
Ehre antat und einen Loffel Suppe mit aB. Hat nun ein ganzes
Volk von Riesen die VergroBerung eines Parnasses im Ernste vor
und wirft jeder seinen Musenberg mit zu den Musenbergen der
30 andern hinauf : so wird ja wohl ein solcher ParnaB am Ende selber
ein Riese unter den Parnassen werden miissen. Und das wurde
der deutsche denn wirklich, und zwar so sehr, daB mir, wenn ich
oben auf ihm stand und mich umsah, der gallische nicht viel gro-
79° PALING EN ESI EN
Ber vorkam als dessen FuBtritt. Wir Deutsche machten damals
fast in ganz Deutschland und sogar gerade unter demselben, in
Nordamerika — weil unsere Truppen die besten Produkte des
Genies in der Tasche mitbrachten - Epoche, und unsere MeB-
lieferungen wurden ebenso gierig von uns verschlungen als nach-
her von der Zeit. Wer einen feinen Gaumen hatte, lieB sich asthe-
tischen Schnepfendreck zynischer Dichter geben, so wie jetzt das
trockne album graecum der griechenzenden Kritiker und Poeten
offizinell ist. Wir ubersetzten nicht mehr ins Deutsche, wie sonst,
sondern ins Franzosische und niemand als uns selber. Wir waren 10
alle originell und ahmten nicht mehr auslandischen Skribenten,
sondern uns untereinander selber nach, und noch dazu nur sol-
chen Autoren, die groBen Briten nachgeahmt hatten. Echter Stolz
war damals haufig und gemein, und ich erinnere mich noch, daB
ich mir nichts sowohl aus dem schriftssassigen als amtssassigen
Adel machte, wenn er vor mir vorbeiritt. Die meisten setzten aus
Virtuosenlaune nicht eher einen Vers auf, als bis sie nichts mehr
anzuziehen hatten, gerade entgegengesetzt den Sangvogeln, die
eben in der Mauserzeit zu singen aufhoren. Verse und Prose
waren hart, aber die Herzen weich, obwohl grob - ja die meisten 20
liebten alle Menschen und Tiere und nahmen nur die Rezensenten
aus: Genies mit Tranen in den Augen teilteh auf den StraBen
Priigel aus und Scheltworte auf dem Papier. Es wurde alles ver-
einigt, weil Kraft da war, gesottene Hechte mit den Schwanzen im
Maul waren kein Wunder mehr. Kalte, hohle Kopfe, Hohlspiegel
aus Stroh, Holz, Eis stellten sich hin und setzten das halbe Publi-
kum in Brand, und eine publica die Spiegel. - Kein Geist von
einigem Gehalt setzte einen FuB in eine Universitatsbibliothek,
und der lange Streit, ob Shakespeare gelehrt war oder nicht, fiel
uber diese Stief-Shakespeares vollig hinweg, da man so nahe an 30
ihnen als Zeitgenosse lebte und wuBte, was sie wuBten, welches
jetzt auch der Fall mit den Kantianern ist.1 Manche gaben sich gar
1 Ich muB dieses ausdrucklich gegen kunftige Dutens erinnern, vor deren
kunstlichen Anklagen philosophischer Reminiszenzen und PJagien eben
nichts kraftiger rettet als das Alibi, wenn man ihnen durch Spuren der Un-
wissenheit leicht beweisen kann, daB man nichts gelesen.
DRITTER REISE-ANZEIGER 791
nicht die Miihe (zumal im Trauerspiel) und waren bei Sinnen -
andere fragten den Henker nach Komma und Kolon, sondern
schneben geradeaus, namlich in Gedankenstrichen, wie Pitteri
seine Kupfer bloB in geraden Linien sticht. - Ein weitlauftiger
Anverwandter von mir setzte gar zwei Gedankenstriche iiber-
einander wie ein Parallellmeal, verewigte sich aber wenig. - Beim
Himmel! die Zeit sollte noch sein! - Setzten nicht mehrere da-
malige Tragodiensteller gleich Gauklern den Dolch der Mel-
pomene bald auf ihre Nase, bald auf die Stirne und trugen ihn
10 auf dem Glied und tanzten darunter iiber die Buhne zum Er-
staunen der Zuschauer? - GroBer Himmel! das ist noch wenig -
des Genies hatten wir alle mehr als genug - Poeten liefien rdtliche
Stiefel besohlen und Hefen in Gottes freie Natur hinaus und ka-
men mit den herrlichsten Kreidenzeichnungen davon in der Ta-
sche unter das Tor zuriick - mein doppelt gestrichner Vetter
nahm ein falsches spanisches Rohr und schlug einen alten Silben-
stecher braun und blau gewiirfelt - Tausende vergafien im Tu-
multe alleSj besonders tote Sprachen und lebendige, und fuhrten
ein Warenlager von Welten bei sich, die gelehrte ausgenommen,
20 und schneben bloB in abgerissenen Gedanken und in abgerisse-
nen Hosen - wegen der Menge herrlicher Werke mochte sie kein
Mensch mehr haben vor Ekel ...
Und das war der Teufel! - Der ParnaB ist nun ein ausgebrann-
ter Vulkan; und wo haben wohl jene Manner, die aus Goethes
Esse funkelnd stoben, ihren Glan^ und ihre Warme gelassen?
Sollt* es wahr sein, was ich behaupte, daB sie jetzt den Planeten
gleichen, die nach Buffons System, als sie eben von der Sonne
abgesprungen waren, noch gleich ihrer Mutter glanzten und
brannten, allein bald darauf aus Sonnenkindern zu Erden zu er-
3o bleichen anfingen und zu erkalten noch fortfahren? - Leider
ist das wahr, und unsern Himmel verschonert bloB noch eine
Sonne.
Ich schwore nicht, daB nicht nach hundert Jahren auch der
alte Kant so allein, wie Klopstocks Sonne mitten in der Erde, an
seinem unterirdischen Himmel steht.
Aber das gute Publikum kann fur nichts, sondern die Rezen-
792 PALINGENESIEN
senten haben den ParnaB unterhohlet: beides will ich jetzt mit
mehr Anmut beweisen, als die Sache brauchte.
Ware das Publikum nicht selber mein Leser, so konnt' khs hier
freier loben und mit weniger Verdacht: jetzt darf ich bloB sagen,
es ware zu wiinschen, die Franzosen, die Spanier, die Neuspanier,
die Neuseelander hatten die gedachten genialischen Quimbus-
Flestrums1 unserem Musenberg mit so vielem Eifer erhalten wol-
len, als die Deutschen wirklich taten. Brachten sie den jungen
Flestrums nicht Gold, Weihrauch und Myrrhen, indes Kritiker
nach bethlehemitischem Kindermord auszogen? -Lasen sie nicht 10
so lange an den Sachen, als es ging, und standen unter der Ver-
dauung, die bei reizbaren Magen allezeit ein Fieber wird, ein
hitziges aus? - Und in der Tat nichts Geringeres war von einem
Publikum zu erwarten, das fur echten Bombast (im guten Sinn)
vielleicht mehr wahren Geschmack besitzt als ganz Paris zusam-
mengenommen: denn wenn der ungekiinstelte, einfaltige, natur-
lich-rohe Geschmack nicht nur der richtigste, sondern auch der
ist, der (wie die Orientaler sowohl als die alten nordlichen Volker
beweisen) brennende dicke Farben, Quodlibets-Bilder und ma-
Bige Cbertreibung zu genieBen weiB: so muB er doch wahrhaftig 20
bei einem Lesepublikum - oder sonst nirgends - anzutreffen sein,
das groBtenteils aus jungen Leuten, Studenten, Kaufmannsdie-
nern oder ungebildeten Geschaftsleuten besteht, kurz aus dem
groBern Teile der Romanenleser, ohne den alle Biicherverleiher
(wie sie mir alle sagen) ihre Leihhauser schlieBen miiBten. -
Oberhaupt ist unser Publikum das amusabelste Wesen von der
Welt, und falls ein Buch nur nicht gar zu dumm oder gar zu gut
ist, weiB es immer etwas daraus zu nehmen. Viele z. B. hielten die
physiognomischen Reisen,, als nur ein Teil heraus war, fur einen
neuen physiognomischen Erzgang und Schatzkasten : als sie her- 30
nach sahen, daB es nur SpaB war, waren sie schon mit der Ironie
zufrieden.
Wahrhaftig das Publikum schafft sogar seinen Verstand bei-
seite, sobald er die weiBe oder schwarze Magie eines Kraftpro-
dukts zerstoren will, und man antworte mir ernsthaft, ob und
1 Mensch-Berg, wie die Lilliputer den Gulliver hiefien.
DRITTER REISE-ANZEIGER 793
wenn es je wohl das Kolophonium, womit die Flestrums das
Blitzen der Phantasie nachmachten, fur Geigenharz, oder die
harten Erbsen, mit deren trocknem Gerausche die Empfmdsamen
einen Tranenregen theatralisch gaben, fur nichts als Erbsen ge-
halten. Ich will wenigstens hoffen, daB der Fall nicht oft war;
aber bei einer genauern Untersuchung wiirde alles auf den ein-
zigen auslaufen, daB der belletristische Akteur den Leser selber
bei dem Arme nahm und in der Anziehstube und unter den Ma-
schinenwerken herumfuhrte: ich will damit sagen, daB die Fle-
strums sich zuletzt selber in Spotter der Flestrums verkehrten.
Und dann ist Illusion ohne Siinde nicht mehr zu verlangen: denn
jeder, der seinen Shakespeare gelesen, sage mir, ob er noch
Schnock den Schreiner fiir einen Lowen zu halten in seiner Ge-
walt habe, wenn der Schreiner in der Lowenhaut ans Orchester
kriecht und selber fleht, man moge ihn fiir einen ziinftigen Schrei-
nermeister, und fiir keinen Leuen ansehen?
tjberhaupt wer auf das Publikum die Schuld des gesunknen
Flestrums-Alters bringen will: der muB beweisen konnen, daB es
seinen so reinen damaligen Geschmack seitdem geandert habe.
Aber hier, hofT ich, leistet uns sein jetziger so allgemeiner und
entschiedner Geschmack fiir die gleichsam von Schildknappen
abgefaBten Rittergeschichten - diese besten transzendenten Ta-
bagien -, fiir Spuk- und Mordgeschichten und fiir Sprach-Fu-
riosos Gewahr, daB es noch so ist, wie es war; und daB es noch
jetzt alien jenen so verschrienen vulkanischen Produkten wiirde
Gerechtigkeit widerfahren lassen, wenn sie allemal - welches oft
die elendesten jetzigen vor ihnen voraushaben - in diesem Jahre
gedruckt waren. Sein ganzer scheinbarer Abfall von seinen Gott-
heiten ist ein bloBer Tausch ihrer Stamen; es hat, wie im Chri-
stentum die heidnischen Proselytenvolker, Zeremonien und Tem-
pel und Bildsaulen beibehalten und nur die Namen schwach ver-
andert. Der Dalai Lama, der seine Erzeugnisse demLeser zuwirft,
andert diese wenig ab, und er selber setzet sich gewissermaBen
durch die Sukzession ahnlicher Reprasentanten unverandert fort.
Wer ist also am Unheil schuld? - Die Rezensenten, welche die
Zunge des Publikums, da sie dessen Zungenbander in Handen
794 PALINGENESIEN
haben, falsch regierten, so daB es damit den Tadel von Werken
nachsprechen muBte, die es immer schatzen wird. Die katho-
schen Geistlichen erteilen, die protestantischen verhiindigen nur
die Vergebung der Siinden; in Hinsicht der literarischen Siinden
ist Deutschland von Gallien gerade das Widerspiel des Urteils
wie der Beichte: dort kilndigen die Kritiker die vergebenden Ur-
teile des Publikums an, bei uns machen sie solche. Diese Bieg-
samkeit, wodurch sich die Kehle des Publikums so leicht zueinem
Sprachrohre der Journalistika erweitert, ist so wenig ein Fehler
oder fur uns Autoren ein Ungliick, daB wir eben von dieser Bieg- 10
samkeit den groBten Vorteil ziehen konnten, wenn wir uns die
Miihe gaben und selber das offentlich mit Beifall aufnahmen und
anzeigten, was wir geschrieben, und gleichsam so viele tausend
Hande als Laubbrecher des Lorbeers handhabten. Sehr bescha-
men uns die Buchhandler, die von ihrem Loben unserer Sachen
wenig haben, und die gleichwohl uns im hochsten Grade offentlich
preisen, weil sie wissen, wie sehr das Publikum so etwas unter
dem Publikum weitergibt. Und wie schlecht bestehen gegen sol-
che Buchhandler Autoren, die lieber Briefe voll Lob auf sich sel-
ber einem ehrwurdigen Publikum andichten, als durch Selbst- 20
rezensionen es in den Stand setzen wollen, ihnen dieses Lob mit
eignem Munde und mit voller Oberzeugung zu erteilen.
Andere Nationen haben das deutsche Publikum nicht und be-
helfen sich schlecht. BesaBe die gallische es: hatte man wohl
einem Autor, dessen Theaterstucke niemand beklatschte, nach
Mercier den Rat zu geben gebraucht, sich (wie Nero eigentlich
tat) eine Maschine zu bestellen, die ein guter Freund von ihm in
einem Winkel des Schauspielhauses aufsetzen und umtreiben
sollte, um mit ihr fur die bessern Stellen das Klatschen von hun-
dert Handen — wie es denn in der Tat dasselbe ist, ob Fleisch und 30
Bein oder Holz und Leder den Schall erzeugen - spielend nachzu-
machen? - Ware ein solcher Rat in Deutschland notig gewesen?
Ich will hier gar nicht das deutsche Publikum auf Kosten des
gallischen und der guten Skribenten erheben, zumal da ich selber
von der Zahl der letztern bin.; aber das lasse man mich frei er-
klaren, daB wir Skribenten es nicht verdienen, eine ebenso gute,
DRITTER REISE-ANZEIGER 795
wenn nicht bessere und groBere Klatschmaschine - die uns nicht
einen Groschen Macherlohn kostet - an unserem Publikum selber
zu besitzen, dessert tausend laute Hande wir schon durch eine
einzige Feder spielen und wie eine Bandmiihle durch einen bloBen
Knabenbewegen und beherrschen lassen konnen. Mit drei Worten
und damit aus: bloB weil wir zu trage waren, uns ein Lob zu er-
teilen, bekamen wir keines und glichen sonach den groBen Ro-
mern im Fehlen und Bufien, die ebenfalls (nach Sallusts Bemer-
kung) weniger der Mangel an groBen Taten als der an groBen
Lobrednern derselben unter die Griechen herunterzustellen ge-
schienen.
So weit mein sechstes Werk vox Niirnberg.
Unter lauter Kanzelliedern zogen ich und StuB langsam aus
Baireuth in den langen schonen, vor uns stehenden Tag hinein:
in Fantaisie wurden bei unserm Eintritt die Glocken gelautet, so-
wohl im Dorfchen als in Baireuth, weil verschiedene Predigten
aus waren. Aber in mir gingen sie erst recht an. Es kann mir Han-
del machen, daB ich bei den meisten schonen Partien de's Parks -
obgleich jede ihr weiBes Kreuz mit einer Kalvarienuberschrift
20 hatte, die keinen Leser ungewiB lieB, was es daran zu sehen gebe
- wenig empfand, und daB mich das Gepfeife eines Hofer Schuh-
knechts, der hintef mir lustwandelte, starker riihrte als der Turm
von Cleobis und Biton, le bout du monde, le banc du prince und
le lac du comte (welcher ein ansehnlicher Teich ist). Es brennt
mich nicht ganz weiB, daB ich freilich schon ofter auf meinen
FuBreisen einem Handwerks-Magistranden oder -Gesellen, der
pfifF, bewegt und traumend nachgegangen bin, weil ich mich von
seinen Trompeterstuckchen - da jede deutsche Stadt ihre eignen
hat - in die mir unbekannten Gassen versetzen lieB, die er sonst
30 an Festtagen frohlich durchstrich. Der Mund-Flotenist war fur
mich in Riicksicht auf Hof (denn StuB konnte fur mich so wenig
als ich selber ein solcher erinnernder Pfeifer sein) der graue Stein
in Fantaisie, worauf steht: aux absens (den Abwesenden!). Da
ich vor diesen Denkstein selber kam - und da ich daran dachte,
79<> PALINGENESIEN
daB auf den Grabsteinen (den Petrefakten unsers stiickweise er-
starrenden Lebens) auch nichts anders stehe - und da ich an so
viele schone Stellen, wo Natalie und Firmian ihre erste Vereini-
gung und ihre letzte Trennung gefeiert hatten, von meinen Trau-
men angeschrieben sah: »Auch wir waren in Arkadien!« - und da
ich sogar Lenetten das Baireuther Blech mit der Inschrift: »Der
Mensch entflieht, Ach Hebe mich!« in ihren toten Handen hin-
unternehmen sah : so tat ich einen heiligen Schwur, daB ich noch
heute in Streitberg Herminen einen Brief voll beichtender Liebe
schreiben wollte. »Du hast«, sagt* ich zu mir, »Firmians und Le- 10
nettens Logomachien so gut geschildert: und jetzt treibst du es
selber noch arger. Ja wohl, Firmian, gleichen wir irrende Men-
schen solchen, die in Staubwolken gehen: jeder von ihnen glaubt,
hart um ihn rliege der dunnste Staub oder gar keiner, und nur um
die weiter Entfernten sei er dicht und erstickend; und diese den-
ken wieder wie er.«
Jetzt wollt' ich recht mit mir zufrieden sein und mich iiber den
holden Tag, wo sich die Schmetterlinge im Zephyr und die Ler-
. chen im Himmelsblau zu baden schienen, und auf die Rosensonne
und den Rosenhof vor Streitberg unbeschreiblich freuen: als auf 20
einmal eine Belsazars-Hand aus meinen Gehirnkammern fuhrund
an diese anschrieb: »Man kennt dich: du schaffst dir die Gewis-
sensbisse durch dein Schreiben nur vom Halse, um den heutigen
Tag, besonders den Streitberger Abend recht unvermischt zu
schmecken.« Aber dieser unerwartete Vorwurf konnte nur mein
Verdienst (d. i. meinen Stolz) beschneiden, aber nichts zu meinem
Entschlusse zusetzen als den neuen, daB ich Herminen meine
ganzen innern prozessualischen Weitlauftigkeken - und meinen
Mangel an opferndem Verdienst - und den ganzen Hokuspokus
eines aus der Gaukeltasche eines zu warmen Herzens spielenden 30
Mannes vorzutragen willens wurde.
Nun war ich gluckKch. Inzwischen ist die StraBe nach Streit-
berg so abscheulich wie die nach alien Himmeln: wer zum Ster-
nenhimmel auf arostatischen Kugeln zu grofiern aufwill, erfriert
vorher - um den katholischen Himmel liegt das Fegefeuer, und
rings um den jtidischen die Holle selber (nach den Rabbinen).
DRITTER REISE-ANZEIGER 797
Gerade ehe sich die Himmelskarte der Streitberger Landschaft
auffaltet, hat man vorher aus einer untersten Dantes-Holle berg-
auf zu klettern. Bedenklich schauete sich StuB unter unserer
Kreuzes-Erhohung von Zeit zu Zeit nach mix um; »was hat Er,
StuB?« sagt' ich. »Nichts eben«, sagt' er und setzte mit einem
Tone, der einen Gedankensprung anzeigen sollte, dazu: »es sollt*
ihn wundern, wenn die Rosen oben auf dem Berge noch standen.«
- Da nicht Verstand seine Sache ist, sondern Hunger und Durst:
so argwohnt' ich, er hab' etwas vor; aber er sagte bloB, er sei ein
10 Fuchs und ihm sei nicht viel zu trauen.
Es war gegen Abend - der Tag mit seinen Quellen des Schei-
nes in Wassern und auf Auen versiegte allmahlich - das Sonnen-
licht riickte von den Gipfeln auf die Bergspitzen und ergoB sich
schon halb in den bloBen durchsichtigen Himmel hinein - wir
gingen den dunkeln Berg eiliger hinauf, um die tiefe Sonne noch
auf der Kuste des Streitberger Tales liegend anzutreffen. Als wir
endlich die Aussicht erreichten und wir die himmlische Ebene
mit Hiigeln und Baumen wie flatternde Zauberschlosser eines
Feuerwerks in griinen und goldnen Strahlen brennen sahen -
20 und als ein Windstrom von Morgen gleichsam die vergluhende
Sonne zu Wolkenflammen anbHes - und als ich endlich mit zit-
terndem Herzen vor meine unzerstorte Rosenpflanzung kam und
sie voll harter Knospen und weicher Dornen fand, und als in
meiner Seele diese Eden-Ruine und Hermine und die Sonne als
Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft mit gleichem Lichte
nebeneinandertraten: so kam mir das Leben, das fiir so viele ein
tierischer dicker Mittemachtstraum, bei andern eine tappende
Schlaftrunkenkeit, bei wenigen ein tagender Morgentraum ist,
plotzlich entziffert, entschieden, hell und leicht und wie eine
30 dammernde erfrischende blumige Sornmer-Nachmitternacht vor,
und alle Turen des zweiten lichten Morgen standen schon offen.
In dieser innern OfFenheit oder Fiille von Licht kam mein Be-
gleiter zu mir und gab mir einen Brief von - Herminen. Ich er-
schrak und erstaunte: mit Augen, die durch die Sonne und die
Ruhrung dunkel wurden, durchflog und dann durchlas ich ihn.
Die Gute hatte ihn dem Boten gerade in jener Minute vor meiner
798 PALINGENESIEN
Abreise, wo ich wie Petrus hinausgegangen war, aber weniger
um zu biiBen als zu fehlen, hoffend anvertrauet. Ach diese Mar-
tyrin des Herzens hatt' ich nicht verstanden, sondern nur ver-
wundet! Ich hatt' es nicht verstanden, daB sie die Lesung der
fremden Briefe nur abgebrochen, um den Schein einer vergelten-
den nachforschenden Eigensucht — sich und mir zu ersparen -
und daB ihr Schweigen und Trauern nur aus der irrigen Vermu-
tung entstanden war, woraus meines gekommen: - und doch
hatte sie jetzt geschrieben, um beinahe einem abzubitten, dem sie
nur zu vergeben hat. »0,« sagt' ich im Enthusiasmus wider mich 10
Und mein Geschlecht, »wenn wir euch wehrlose Seelen verletzet
haben, so reiBen wir die Wunde so lange weiter, bis ihr die Tra-
nen und das Blut abwischt und uns um Vergebung bittet, daB ihr
beides vergossen habt.« Wie aufrichtend war es fur mein Herz,
daB ich den EntschluB eines abbittenden Briefes gefasset hatte,
eh' mich ihrer beschamen und bestimmen konnte! —
Ich schicke hier diesem geistigen Adelsbrief bloB eine Bemer-
kung liber einen Traum darin voraus. Wem es schwer wird, den
Traum fur keine Erdichtung zu halten, der kennt nicht nur Her-
minens Charakter, sondern auch den der weiblichen Traume 20
nicht. In den mannlichen flndet man wild garende Welten, Mil-
tons arbeitendes Chaos und Geister-Gefecht1; aber in den mei-
sten weiblichen traf ich bisher idealische und sanft gereihete Zu-
sammensetzungen an, die bleichen gesammelten Perlenkranzeaus
dem erschutterten Meersboden der mannlichen - dichtende und
religiose Idyllen des Lebens - gleichsam als hatte das Geschick
ihnen die am Tage geschlossenen Nachtviolen der Ideale in den
Traumen auseinander getan, oder als glichen sie den Bienen, die
noch im Mondschein umhertonen und die Lindenbluten, zu deren
Genusse der lange Sommertag zu kurz geworden, noch in der 30
Nacht ausschliirfen. Die groBere Harmonie und Poetik der weib-
lichen Traume nimmt von der korperlichen und von der geisti-
gen MaBigkeit dieses Geschlechts und von einer auf einfachere
und wenigere und stillereZwecke gerichteten Seele dcnUrsprung.
1 Wie wild miissen z. B. in einem Callot, Dante^ Cromwell, Robespierre
etc. die Wolken der Traume gegeneinander rennen!
DRITTER REISE-ANZEIGER 799
Aber wie sonderbar und schwer kommt mir jetzt die Gabe des
Briefes an!
»Jetzt da ich nichts mehr fur deine Reise, mein Lieber, zu be-
stellen habe, mach' ich noch ganz zuletzt diesen Brief fiir dich zu-
recht, den du aber erst am Montag abends neben unsern Rosen
uberkommst. Es ist mir, als warest du jetzt schon ferner, bloB weil
ich schreibe, und es fallet mir auch schmerzlich, dafi ich die Feder
nehme, da ich ja reden konnte. Aber nein, am schonen Rosenbeet
unserer ewig bliihenden Stunde und nach drei Tagen ist dir wohl
10 das Blatt aus der fernen Hand willkommen. - Wie sag' ich dirs?
Ach, Guter, du hast mich miBverstanden und ziirnest nun - und
ich konnte dir nichts sagen : ich habe schon oft uber Wahrheiten
blode geschwiegen, wenn ich nicht gewiB sein konnte, man ahne
sie schon und glaube sie leicht. Ich kann aber nichts mehr dazu-
setzen, als du hast mich gewiB und schmerzlich miBverstanden,
Teuerer. Und darum schloB sich eine Blume meiner Freude nach
der andern zu, und es tat mir so wehe, weil ich dachte: >Es sind
ja seine auch.< O wie doch im Schme/ze das Leben seine viel-
fachen schonen Gestalten verliert und nur in eine dunkle zusam-
20 menflieBet, gleich den Wolken, die sich am stillen Himmel in alle
Farben und Formen teilen, und die nur im Gewitter und Regen
in eine dustere Flache zusammenrinnen ! - Ach du kamest nie in
die Stellen, wo ich das Auge trocknete, um dann zu dir und un-
serer Freundin ausgeheitert zuruckzukehren, und deine Trauer
verhullte dir meine leicht.
Aber Natalie fand unter dem Rosenkranz die Dornenkrone
und die bedeckten Wunden. Als du uns gestern dein Reisen mit
fro hen Worten angesagt hattest und hinausgegangen warest:
blickte Natalie mich verwundert uber mein Erroten an und legte
30 ihre Hand auf mein Herz und sagte: >Aber wie es auch pocht!< —
Und ich sah sie schmerzlich an und wollte lacheln - sie blickte mir
in die Augen und lachelte auch - dann verzog sich unser Lacheln
immer mehr zum Schmerz - wir konnten uns nicht mehr ver-
stellen und fielen einander um den Hals und weinten stumm recht
lange.
Den ganzen Abend dacht' ich: diese kurze Erdpartie, wie du
800 PALINGENESIEN
das Leben nennst, ist nur ein kurzer schwiiler Dezembertag -
unsere Freuden sind Torsos - unsere Erinnerungen Ruinen in
einem Park - unsere Liebe ist eine ewige Sehnsucht und unsere
Jugend nur ein suBerer Seufzer. Ich erschrak uber alles: den auf-
gehenden Mond hielt ich fiir ein aufsteigendes Schadenfeuer, und
als eine Saite sprang, so forscht' ich aberglaubisch nach, welchem
Lieblingsgesange nun eine Saite seines Haupttons fehle.
Aber ein Traum der vorigen Nacht hob die beschwerte Seele
auf. Heute gerade, am Karfreitage, war mein Inneres, wie man
sagt, daB er selber sei, sanft bewolkt, aber still, ohne Regnen, ohne 10
Wehen. Der Traum macht* es nicht allein, sondern eigentlich
mein EntschluB, diesen Brief zu schreiben: denn ich weiB wohl,
wenn ich dir sage, du hast mich miBgedeutet, so glaubst du es
deiner Hermina ewig. Ach das Ziirnen einer entfernten Seele
driickt zu schwer! und jetzt ist mir alles zu schwer! Ach nie ver-
gieBet man Tranen leichter, als wenn man Tranen vergossen hat.
■ Daher wird das Schicksal mich schonen wie wir Blumen, bei
denen wir mit dem zweitjen GuB so lange warten, bis der erste
eingetrocknet ist.
Ich erzahle dir den Traum, weil du ja wider die mannliche Sitte 20
Traume gern erzahlen horst.
Auf dem Berge, wo du dieses Blatt erhaltst, stand ich in einem
Zirkel hoher weiBer Rosen mit weiBen Dornen, iiber welche ich
nicht hinauskommen konnte: die roten waren umgetreten und
einige Dornen blutig gefleckt. Hinter mir in Morgen hort' ich ein
Gewitter und Wetterlauten in einem fort, und bald wurde ein
roter Blitz vor meine FuBe geworfen, bald ein langer Schatten;
aber ich durfte mich nicht umschauen. >Ist es denn hier nicht mehr
wie sonst?< fragt' ich. Auf einmal sah' ich, daB das Tal froher und
heller war: eine Ebene voll Papillonsblumen bewegte sich wie 39
eine Ernte, und unter dem Auf blattern wurde ein leuchtender ge-
stirnter FuBboden entbloBet. Auf dem Hiigel danebcn stand eine
weiBverschleierte Gestalt, die eine groBe Passionsblume abbrach
■und damit gegen das Tal herniederging. Je naher sie herunterkam,
desto heftiger fing das wankende Blumengewimmel zu wallen an.
Ich schmachtete wie mit einem zerfiossenen Herzen nach der ver-
DRITTER REISE-ANZEIGER 8oi
hullten Gestalt, die ich fur eine weifitrauernde Furstin hielt: ich
streckte inbriinstig die Hande nach ihr aus, und sie winkte mit der
Blume.
Endlich glitt sie in das Tal: da flatterten alle Blumen starker,
bis sie losrissen und sich alsSchmetterlinge in einer bunten Wolke
gen Himmel hoben. Von der Passiorisblume flogen die groBen
Blatter auf, und statt des Blumenkelchs trug die Gestalt einen
goldnen Kelch. Das Gewitter hinter mir wehte mich hebend an,
der Schatte vor mir schwoll zur Wolke auf, und ich sank endlich
to wie auf Wogen, die verliefen, tiefer bis in das himmelblaue Tal,
das mit blassen widerscheinenden Sternchen ausgelegt war und
woraus die weifie Gestalt, iiber welche die Sterne wie silberne
Funken glitten, mir entgegenschwebte. Der Gang war mir be-
karint, aber namenlos und schmerzlich. Sie hielt mir ein Traum-
buch entgegen. Als ich darin gelesen hatte: >Blumen deuten Tra-
nen an<, so ging mein ganzes Herz entzwei, und unzahlige Tranen
flossen und versiegten und flossen wieder. >Tochter,< sagte sie,
>bist du gliicklich, seitdem ich dich verlassen habe?< - Ich fiel an
ihr verschleiertes Herz und weinte bloB vor Freude fort und
20 sagte: >Mutter, bin ich wieder bei dir? Ja du bist es schon, ent-
schleiere dich ! < - Sie sagte sanft : >Noch nicht ! Bist du gliicklich ? <
- >Ich weine wohl, gute Mutter,< versetzt* ich, >aber ich bin gliick-
lich^ Sie streifte leise mit dem Finger liber meine Augen unter
den Worten: >Der Finger der Toten heilet durch Beriihren, ich
will die Schmerzen deiner Augen nehmen.< Da trockneten sie
schnell, und ich konnte auf der widerscheinenden blauen Aue
neue Sterne sehen. - >0 Mutter, Mutter,< sagt' ich mit harter
Sehnsucht, >nun hebe den Leichenschleier weg, damit ich deine
Lippen wieder sehe und wieder kiisse! Liebst du mich denn im
30 Himmel noch?< Sie reichte mir den funkelnden Kelch und sagte:
>Trinke den Kelch der Leiden aus, dann zerfallt der Schleier. Ich
Hebe dich ewig: denn die Liebe 1st ewig wie Gott<; und die letzten
Worte sangen schone Stimmen weit hinter den Sternen nach. O
wie froh ergriff ich den kalten schweren Kelch und trank seine
langen Bitterkeiten - und er wurde immer lekhter und heller,
und ich sah endlich meine Gestalt darin die Augen schlieBen, und
802 PALINGENESIEN
er war leer. Ach dann nahm mich die geliebte Mutter in den Arm
— ihr Schleier zerrann — ihre Augen und ihre Lippen offneten sich
lebendig, und ich lag wieder an dem unvergeBlichen Angesicht,
und ich kiiBte sie und blickte sie an und kiiBte sie wieder - dann
schwangen sich die Schmetterlinge verkettet nieder und wurden
Blumengirlanden und legten sich verschlungen um uns und ho-
ben uns, und wir wurden verbunden aufgezogen - die Sterne
glanzten heller - die blaue Ebene wurde Ather und wallete uns
nach — und ich lag am Herzen meiner Mutter, und sie sang, da wir
unter die Sterne kamen: die Liebe ist ewig; und nahe hinter ihnen .
klang es nach.
Dann erwachte ich und hatte noch die Tranen im Auge, die im
Traum getrocknet waren, und die Morgenrote und die Sonne stan-
den am Himmel ! Lebe glucklich ! Denk es auch : die Liebe ist ewig !
Hermina.«
VlERTER REISE-ANZEIGER
Fata: Kleider-Simultaneum - mein consilium abeundi in Erlang - mein
innerer Landsturm gegen Kellner und Kantianer - die schone Nacht
in der schonen Nacht
Werke: warum ein Kantianer andre leichter bekehrt und versteht als sich
Aber meine Streitberger Antwort schlag' ich dem Leser ab, weil
ich darin vor der edeln Hermina als ein Beichtsohn, als ein bii-
Bender Bruder und feuriger Busch zugleich stand: nach meinem
Tode scharrt man ohnehin meine Briefe zusammen und gibt sie
heraus. Die Erde ziehe dann immerhin iiber den Erblafiten los:
denn werd* ich mir wohl dort oben als Adjunktus der philosophi-
schen Fakultat je ein graues Haar iiber die Donatschnitzer wach-
sen lassen, die mir auf der Schulpforte des Lebens in einem und
dem andern Dokimastikum meiner Schulbucher entfuhren? -
Ich werde den Augenblick mein Nachtessen und Lager in Streit- :
berg bezahlen und weiterreisen, wenn ich nur vorher iiber eine
Anmerkung Firmians meine eigne gemacht habe. »In Haleb« -
sagt der gute Inspektor - »werden nach Russel die Augen einer
jiidischen Braut mit Harz zugeklebt und bloB vom Brautigam
VIERTER REISE-ANZEIGER 803
wieder aufgezogen: bei uns hingegen sind gerade seine zugepap-
pet, und sie gehen ihm aft zu gleicher Zeit auf und uber. Die Braut
kann es von jeder Magd erfahren, daB ihr Sponsus keine Mores,
kein Skzfleisch aufier auf dem Sattel und keine Geduld besltze,
daB er in der Messe mit keinen Bankiers Geschafte mache als
denen an der Pharao-Folterbank, und daB er seinen Reitknecht
unchristlich priigelte, fast mehr als den Gaul - oder auch das
Gegenteil von allem kann sie erfragen. Hingegen die Braut steckt
in einer langen Charaktermaske, aus der erst die Kranzeljungfer
10 sie entkleidet, und die ihr nicht wieder an den Leib kommt, auBer
wie anderer Putz, wenn sie Besuche macht; und war vorher ihre
Sonnenfinsternis ganz Europa unsichtbar, so nimmt diese durch
den Ehering bis zu einer ringformigen von so vielen Zollen zu, daB
die ehrliche Haut von Mann nichts erwartet als den Jungsten Tag.«
Diese Bemerkung ist wahr, wenn ich meinedazusetze, daB aus
demselben Grunde - da die Ehe die weibliche Lage mehr als die
mannliche verandert und der Ehering fur den Mann eine engere
Wirkungssphare, und fur die Frau eine weitere ist - gerade die
Brautfackel bei einigen Weibern die verhehlten Naphthaquellen
20 vieler stiller Tugenden, der Geduld, der Aufopferung, der Zu-
riickgezogenheit, der Talente in sanfte Flammen setze. -
Mit welcher seligen Heiligkeit- als war's eine heilige Statte-
reisete ich nun uber die bambergischen Wiesen, aus denen in
Herminens Traum gefliigelte Blumen aufgestiegen waren! Und
welche HofTnungen gingen als Trabanten meiner innern Welt
hinter und vor mir - die schone auf den heutigen Weg - die
schonere auf Erlangen - die schonste auf Herminens nachsten
entziickten Brief, den ich demLeser verspreche. In Erlangen wollt*
ich, da ich zeitig eintraf, die Bauleiter an den zweiten Juden-
30 tempel der Teufelspapiere anlegen und viele Ruten aufmauern.
-Undwie leicht flatterte ich(die weiBen Wolken uber mirstreckt'
ich als meine Fliigel aus) iiber die aneinander gemalten Ever-
dingens-Griinde Bambergs hinwegl »Selber die Sandbader des
Wegs,« sagt' ich, »durch die ich und der Bote kurz vor Erlangen
werden zu waten haben, sind notiger bunter Streusand auf dem
Buch oder Manuskripte der Natur.«
804 PALINGENESIEN
Wir verirrten uns im Lustgarten des Steiges immerfort, denn
ich war in Gedanken und Stufi ohne Gedanken, und beides war
eins. Deswegen warf ich dem Hornrichter, der die Leute wie ein
Franzose in einem fort fragte, aber nur iiber den Weg, zwei gute
Frag-Kautelen zu: erstlich die, nie sein Ziel zu nennen, sondern
nur zu fragen, an welches der Steig fiihre, weil er dadurch Vatern
der Liigen die letztern erschwere - und zweitens sich lieber ans
weibliche Geschlecht zu wenden als an seines. Dieses milde wohl-
wollende Geschlecht fiihret uns nur dann auf Irrwege, wenn es -
selber mitgeht; hingegen boshaft genug zu sein, um einem abge- ro
rissenen einsamen Pilger, dessen Reise-Fatalitaten diese zu Hause
bleibenden scheuen Herzen zu hoch ansetzen, noch neue Fall-
stricke als Ariadnens-Faden in neue Labyrinthe voll Minotauren
mitzugeben - wie ware das ein Geschlecht vermogend, das selten
in Tranen setzt, die es nicht vergieBen oder trocknen hilft? Folg-
lich hatte in einer halben Stunde der Weibergeselle aus Liebe zu
seinem freihaltenden Brot- und Lehnherrn sechzehn weibliche
Schachfiguren durchgefragt: »0 Jungfer, wo geht der Steig hin?«
Und wenn er die-Antwort vernahm: nach Bayersdorf, so versetzt'
er nicht ohne Scharfsinn: recht! - 20
Als wir sonach freilich in Bayersdorf eintrafen: erstaunt' ich
nicht dariiber, daB der Marktflecken zum akademischen Grade
einer Stadt promovieret ist, sondern iiber einen Dualismus des
Anzugs. Die eine Halfte des graduierten Fleckens ging im Wer-
keltagsgeschirr im StaatsschifTsziehen der Arbeit, die andere
schwamm im Bucentauro der Lust recht aufgeputzt dahin. »Das
ist ein Ratsel,« (sagt* ich) wich kann mir nichts gedenken, als daB
die Parade-Bayersdorfer entweder Juden sind, die etwas feiern,
was ich nicht weiB, (und die ungeputzten Christen,) oder Kupfer-
schmiede, die einen Gerichtstag iiber KeBler halten, weil sie ein 30
besonderes Privilegium von Kaiser Rudolph II. dazu befugt.« -
Ganz falsch! - Ich hatte schon wieder die Ostern vergessen. Es
muB namlich in Mosheims, Walchs und in alien andern Kirchen-
geschichten nachgetragen werden, was ich hier berichten will,
daB in den beiden Furstentumern Baireuth und Ansbach, als sie
unter die preuBische Regierung kamen, und als ihnen sogieich
VIERTER REISE-ANZEIGER 8o$
durch Aufhebung und Sakularisation der Apostel- und dritten
Festtage viele neue Wochentage verfielen und zuwuchsen, die
man zum Erwerbe der Servissteuer verarbeiten konnte, daB dann,
bericht' ich, die Kirche sich in zwei Kirchen spaltete, in die alte,
die aus Apostel- und Feiertagschristen besteht, welche durchaus
im Nachtmahlsrocke verbleiben, gleich Essaern keine Nadel an-
riihren, alle menses papales der Arbeitstage verwerfen und nur
Aschermittwoche, aber keine Ascherdienstage, Aschermontage
etc. annehmen - und in die neue Kirche, die aus arbeitenden
10 Konformisten im Neglige besteht. Mir ist nichts dabei verdriiB-
lich, als daB das Schisma nicht fruher entstand : wie herrlich und
vollstandig und ausfuhrlich wurden gute Kirchenskribenten die
Spaltung in die Kirchenhistorie eingeschrieben haben, die ohnehin
jetzt gegen die Art aller Geschichte taglich einkriecht und am Ende
zu einer profanen verdorret I Totgeschlagen, geschunden, gesotten
wurden sich dann ohnehin mehrere alte und neue Christen un-
tereinander haben, und die eingestellten'Disputieriibungen iiber
das Passahfest- bei denen bald ein Schachter, bald ein Osterlamm
geschlachtet wurde - hatte man mit frischem Eifer wieder vor-
20 gesucht. — »Ging' Er«, sagt' ich zum Meister, »nicht als Reichs-
kammergerichtssupernumerarakzessistbote durqh Bayersdorf,
sondern als wirklicher Bote: so miiBten Ihm die Juden nach den
Reichsgesetzen eine Judenzehrung geben; so aber kriegt Er
nichts. «
Wir sahen endlich die Friederich-Alexandrinische Universitat
vor uns, in der allein die Landeskinder den Musen, Professoren
und Wirten opfern diirfen, wie die Juden nur in Jerusalem an-
beten und opfern durften : Samaritaner bekommen kein Amt. Ich
habe schon gesagt, daB ich des festen Vorsatzes war, in Alt- und
30 Neu-Erlangen ein seliger Paradiesvogel und Antihypochondria-
kus zu sein und in einer prachtigen Gasthofsstube vornen heraus
Leibgebers satirisches Inserat in den teuflischen Papieren1 mit be-
1 In der Vorrede nennt Siebenkas einen Mitarbeiter seines Buchs, Wolf-
gang Habermann, von dem die erste Satire: j>Habermanns groBe Tour und
logischer Kursus durch die Welt«, die ich eben neu edieren will, verfasset
worden. Dieser Habermann ist mein geliebter Leibgeber.
806 PALINGENESIEN
sonderem FleiBe fur diese Edition zu bearbeiten: denn nichts ge-
wobnet uns in jede Stadt besser ein als einige Stunden Geschafte.
, Mit diesem Vorsatz, entziickt zu werden, passiert* ich durch das
Tor. Eine Ehrenwache dessetben trat ins Gewehr : ich sann nach,
wie ich eine solche Huldigung mit meinem Nachtmantel zu paa-
ren hatte, als mir StuB wenige Schritte davon eroffnete, die Tor-
wache sei eine lustige Fliege und duze ihn von alten Zeiten her
und habe seinetwegen aus SpaB prasentiert.
»Das beste Zimmer vornen heraus!« sagt' ich zum Hausknecht
in der blauen Glocke, gegen den mein gruner Bote nur in Knechts- 10
gestalt erschien. Der Knecht uberfuhr mit kalten Augen die han-
genden Siegel oder Bleistiicke meines iiber den Madensack ge-
zognen Sacks zur BuBe und sagte, er wolP es dem Kellner sagen.
Der Hornrichter setzte den Inkuben seines Ruckens ab und lehnte
die Fracht aufrecht an den griin geranderten Pliisch. Der Kellner
kam und brachte ein Gesicht mit, das der HofTnung, deren Farbe
seine Glaserschiirze trug, auf der Stelle das Leben nahm: »Ich
will es meinem Herrn sagen«, sagt' er und ging fort; und da er
nicht wiederkam, gingen wir auch fort.
»Ein gutes Zimmer vornen heraus !« sagt* ich vor der zweiten 20 «
Gasthofstiire. »AlIes schon bestellt«, versetzte der griin geschurzte
frere servant ganz spottisch. Wir zogen rot hinaus und brumm-
ten unter dem Tore. »BloB meinem verdammten Nachtmantel
mit den papiernen Speckgeschwiilsten und Stussens dummem, zu
kurzen Jagd-Frack«, dacht* ich, »hab ich' alle diese Reaktionen
zu danken.«
Im dritten Gasthofe sah* uns schon der Kellner nach der In-
sinuation der Inhibitorialen herkommen: StuB trug den Mantel-
sack am Riemen iiber die StraBe und lieB ihn wie eine Husaren-
tasche am Beine weiterschweben. - »Ein Zimmer vornen her- 3o
aus«, bat ich. »Schon besetzt!« sagte keck der griine frere. »Der
Herre bezahlens«, nahm Florian das Wort. In dieser Minute kam
eine vierspannige Familie angerollt, der man vor meinen Ohren
und neben meinem Vorkaufsrecht die letzten Vorderzimmer mit
dem Auktionshammer zuschlug.
Nun wurde mein Knallgold und das Knallsilber des Boten los-
VIERTER REISE-ANZEIGER 807
geziindet: verflucht aufgebracht fuhren wir beide in die Wirts-
stube, um als BuBprediger und Heidenbekehrer vor dem Wirte
zu wettern. »Ist das erlaubt, mein Herr?« (fragt* ich einen Speck-
kubus, der Piickenpucken rauchte) »Soll ich denn eine FuBreise
im Ordensband und Kronungshabit oder in einem Wiener Reise-
wagen machen, bloB damit ich in Erlangen vornen heraus logiere?
— Soil mein zweispanniger Psychens-Wagen sich erst in einen
ledernen setzen, um fortzukommen? Kann sich ein Mensch nicht
wie ein Spiegehisch auf zwei FiiBen erhalten? Und geht denn
10 nicht mein Bote mit mir, der alles nachtragt, was ich nicht anhabe
und trage?« - »Und es ist«, setzte der gute StuB hinzu, »ein honet-
ter Herr, der sich nicht schimpfen lasset; er hat mich gestern und
heute freigehalten, ob ich mich gleich selber bekostige.«
Das Schadenfeuer des Zorns — und das Freudenfeuer der Liebe
- gleichen dem Feuer in einer Stube, das heller ausbricht, wenn
ihm einer in der Angst Tur und-Fenster aufreiBet: ich redete und
dachte mich - zumal da StuB mich an mein unbelohntes Wohl-
wollen erinnerte - immer defer in die Erbosung hinein. »Was ist
denn der Begehr?« fragte der Kubus gelassen. »Gar nichts«, sagt*
20 ich: »nur drucken will ichs lassen, daB ich heute den ganzen Tag
im Freien so sanft war wie ein Lamm, daB aber gerade in Stadten
der moralische Morast wie der physische hoch liegt> wenn es in
Dorfern staubt. Verdammt! Ich hatt* es der alexandrinischen Uni-
versitat zu Gefallen getan und mich einige Tage auf ihr aufge-
halten - ich hatte bei vielen hospitiert - ich hatte Herrn Hofrat
Meusel besucht, der mich in seinem gelehrten Deutschland ganz
anders einquartierte - ich hatte die ganze Universitatsbibliothek
und die Hauptmann-Kotzebuische Holzersammlung beschauet -
aber jetzt soli mich der Teufel holen, wenn ich nur einen Riemen
30 hiesiges Erlanger Leder ansehe... Komm' Er, mein guter StuB,
wir brechen noch heute nach Niirnberg auf und marschieren die
halbe Nacht... Herr Wirt,« fing ich noch einmal an und wollte
einen rechten Mordanten und Endetriller schlagen — »DerWirt
wird oben bei den Herrschaften sein«, sagte kalt der Piicken-
piickenraucher. Nun hatt' ich satt und schied.
Der Hornrichter mochte an der Rache des nachtlichen Aus-
808 PALINGENESIEN
zugs aus einem Agypten voll gebratener Osterlammer und Oster-
schopse nichts Sonderliches finden und HeB also seine Argernis
liber den Auszug an dem Pagenkorps der Kellner aus: es luftete
und erquickte mich ungemein, dafi er die Pagen mehrere Male
Grobiane nennte; denn iiberhaupt ein einziger Restant aus der
zuriickgelassenen Wohnstadt macht uns in einer Wiiste aus
Fremdlingen zu Schutzverwandten und Insassen.
Eh* ich weiter reise und zanke, will ich in Erlangen die Griinde
zurticklassen, warum ich auf einem Gassenzimmer so heftig be-
stand. Ich wollte aus ihm heraussehen und mich so - denn ich 10
weifi, wie ich bin - mit den Erlangern auf der Gasse anquicken:
ein solcher Stand am Gasthofsfenster stiftet eine Einkindschaft
einer jeden drunten spielenden Stadtjugend, die Gutergemein-
schaft mit jedem Hering, mit jeder Freude, die ich holen sehe, mit
jeder Frage einer Schleifkannen-Tragerin an die andere: wo
nimmst du deines (das Bier)? Was ist aber hinten im Riicksitz
eines vermauerten Fleets oder Korrektionszimmer zu verquicken
und zu anastomosieren? - Und soil besonders ein Passagier wie
ich nicht auf den Vordersitz aus sein, ders ebensosehr weiB als
scheuet, da6 man durch Reisen - wie Gastwirte und Lehnlakaien zo
durch die Reisenden — so leicht zum Schneemann oder zur Eis-
figur in einem Gletscherathos ausgehauen werde, indes ein Dorf-
insasse sich so an jede Menschenbrust anhangt, als wenn er mit
ihr bei einem Pfarrer beichtete ? Denn eben weil das Reisen zwingt,
durch ganze Stadte, vor Kirmessen, vor Leichenziigen kalt vor-
beizufahren, so gewohnt man sich daran, vor Menschen auf der
Lebenswallfahrt uberhaupt gleichgiildg voriiberzuziehen; und
eben weil man auf dem Weltmeer und am Hofe ein Seegewachs
mit schwimmenden Zweigen ohne Wurzel und ohne Boden ist,
so wachset im Reisewagen und am Hofe derselbe kosmopoliti- 3o
sche IndifFerentismus, derselbe nachgiebige tolerierende horror
naturalis, der alle Menschen fiir Verwandte halt. Daher kommt
jener Dezember in vornehmen, durch seidne Ordensbander iso-
lierten Herzen, denen die iibrigenHerzens-Inhaber nur alsbessere
Kartesianische Tiermaschinen und Teufelchen oder als Mumien,
die man gliedweise zum Malen und Medi^inieren zerschaben
VIERTER REISE-ANZEIGER 809
kann, erscheinen. - Herzen, die sich einen andern Menschen
nicht gut lebendig denken konnen, ohne die kiihne Figur der
Personifihation zu brauchen — und die einen Untertan nur lieben,
wenn ihn der Komodiant reprasentiert und reflektiert. Daher
spielen manche Fiirsten den Fiirsten besser auf der Buhne als
auf dem Throne, gleich Boileau, der keinen Tanz, aber leicht
einen Tanzer nachmachte.
Ich kehre nach Erlangen zuriick. Sobald die Ideen, die im
Bienenkorbe unsers Kopfes Honig machen, einen fremden Kor-
io per, eine verreckte Maus etc. nicht iiber das Flugbrett werfen
konnen, so uberziehen sie solche wenigstens mit Wachs, damit
sie nicht stinke: ich sagte namlich dem Boten, wir konnten uns
in den ersten Gasthof (in die blaue Glocke), dessen Kellner uns
ja noch immer die abschlagliche Antwort schuldig ware, zu einem
ungemein glanzenden Nachtmahl machen, und erst dann auf den
Weg. »Es muB sie krepieren,« sagt' er fein, »wenn sie sehen, was
Sie brav aufgehen lassen.« - Ich und der Bote argerten uns jetzt
iiber das mit dem Sch-lichthobel planierte Getafel der Hauser-
fronte so stark als Baggesen iiber dieselbe Karten-Gleichheit in
20 Mannheim: wir vergrifTen uns - da nichts zu unterscheiden war
als die Eckhauser durch ein drittes Stockwerk - lange in Gassen
und Hausern und wiinschten von Herzen einige Fischerhiitten
oder Saukoben oder Ruinen als Kompasse und Hande in margine
dazwischen.
Die kategorischen Imperatoren werden mit mir dariiber reden
und Handel suchen, daB ich in der blauen Glocke ein wahres Fiir-
sten-Pickenick - Dinte und Wein waren nur die erste Foderung
- von der Sagosuppe an bis zur Schweizerbackerei fur mich und
den Meister aufsetzen lieB, bloB um der Universitat zu zeigen,
30 was wir verzehret hatten bei langerem Bleiben. StuB muBte Petit-
knaster rauchen und Fidibus fbdern und den Span wegwerfen.
Ach die passabeisten Menschen - das beweiset mein Zorn-, nicht
Liebes-Mahl - gleichen den breitesten reinsten Parisergassen : die
dunkelstenhaBlichsten QuergaBchendurchschneiden sie oft. Men-
schen und Biicher mussen in mehr als eine Korrektur gelangen,
um die Errata zu verlieren.
8lO PALINGENESIEN
Ich hatte mir, wie man weiB, bei Streitberg vorgesetzt, Leib-
gebers Inserat abends neu aufzulegen; aber dazu war ich heute
verdorben. Ich schlug lieber die Teufels-Papiere auf, um eine
Satire, die etwan auf Christian-Erlangen zu applizieren ware, in
der Hitze umzubessern: es fand sich wenig, was nicht ebenso
knapp Hof, Leipzig oder einer Hansestadt anlag. Endlich kam
mir der Anhang S. 158 in den Wurf oder vor den SchuB: »von
Philosophen, denen es sauer gemacht wird, sich selber zu ver-
stehen«, welchen ich fiir eine mehr kantianische Universkat auf-
gespart hatte. »Ganz ohne Kantianer wird doch der On nicht 10
sein«, sagt* ich freudig - und nun fing ich an.
Aber Himmel! wie erhitzt wurd' ich - durch ein sonderbares
metaphorisches Hysteronproteron - gegen die unschuldigen Kan-
tianer samt und sonders, als waren sie die Kellner, die den Men-
schen aus den gegen die Gasse und Menschenliebe gerichteten
Zimmern in eine dunkle Kammer und Oubliette hatten sperren
wollen - welches doch nur metaphorisch richtig war! - Wie we-
nig erwiderte ich die humane bescheidne Polemik fast aller Kan-
tianer, gerade als war* ich ein Jenenser und Hatlenser zugleich
(wie man sonst die Renommisten nannte) ! - Ich kann es nur aus 20
dem Mute, den der Wein einfldBet, begreiflich machen, daB ich
in der blauen Glocke viele Zeltschneider des Konigsberger Quar-
tiermeisters bei dem philosophischen Barte, den an ihnen wie an
dem Bienenvater Wildau ein aufs Kinn angeflogner Immen-
schwarm von Unterzeltschneidern formiert, anfassete, ohne zu
bedenken, wie mich der Bart steche. Jetzt wo ich den Mut aus-
geschlafen habe, bin ich nicht keck genug, es herzuschreiben, daB
manche den Papageien gleichen, die im verdunkelten Bauer, wor-
in bloB ein Spiegel fur das Ich des Sittichs steht, in der Schaukel
eines Ringes, deutlich nachsprechen lernen. Noch dazu niacin* ich 30
keinen Unterschied: ich mengte untereinander (das war mir alles
einerlei, und ich schame mich) die Prinzipien- oder Wurzelman-
ner, die jeden Monat neuen Krotenlaich der Schildkrote, worauf
die Erde ruht, zum Trager ausbriiten - und die kritischen Asthe-
tiker, die wie Kuchenbackerinnen das EiweiB, wovon sich die
Kiichlein des Genies ernahren, zu abstraktem Schaume klatschen,
VIERTER REISE-ANZEIGER 8ll
um daraus Opferkuchen fur die Priester irgendemes Jupiter Xe-
nius zu machen - die figiirlichen Kopfabschneider, die ihren Bac-
chantenzahn fur den Weisheitszahn ansehen, und alle vorige
Wahrheiten und Tugenden fiir peccata splendida - und alle die
architektonischen Tiere, die der Baudirektor des kritischen Lehr-
gebaudes in seine Arche einfing, namentlich die Wespen, die
Schwalben, die Biber, die nun alle im Kasten anstatt im freien
Universum ihre Nesterbauten aus Spanen, Kot und Baumen an-
legen - und jeden, der ein Buch macht, um darzutun, er habe so
10 viele Ahnlichkeiten von Kant, als der heilige Franz1 von Christo,
namlich viertausend.
Ich hatte klug sein sollen, schon weil eine Satire, eine signie-
rende Schelle, die man einem Weltweise'n anhangt, ihm nicht halb
so viel tut als einem Welttoren oder Weltmenschen ; denn bei
jenem ist das Lacherliche nicht der Probierstein, sondern gar das
Merkmal der Wahrheit. So ist das gewohnliche Mittel der Oko-
nomen, Ratten dadurch zu vertreiben, da6 man einer eine schrek-
kende Schelle anhangt, nach meiner eignen Erfahrung grund-
falschj da sich die andern an die lautende Bestie gewohnen und
zo mit ihr laufen. Das beste Mittel, sie - ich rede wieder von den
Philosophen - zu vertilgen, sind sie selber, da sie einander aus
Mangel an Kost gegenseitig verzehren. Fiir Okonomen, denen
gerade daran gelegen sein kann, merk' ich, da ich einmal von
Ratten gesprochen, im Voriibergehen an, daB die Methode eini-
ger Landwirte - die mehrere Ratten in einem Topfe fangen und
einander vor Hunger zu fressen zwingen-nach meiner Erfahrung
die beste ist, weil stets eine und zwar die starkste ubrig bleibt, die
man als eine Rattenfresserin freigeben und unter die andern als
ein lebendiges Rattenpulver schicken kann.
3o Sooft ich in Bellarmin das katholische System und in Gerhard
das orthodoxe las und bewunderte und darin auf alle, meine Ein-
wiirfe die Antworten fand : so wiederholt* ich meine Bemerkung,
daB ein System nicht sowohl durch AngrifFe umzuwerfen sei als
nur durch ein - neues, das sich kiihn danebenstellt.
1 Pedro cTAlva Astorga bewies es. S- Machines Note 121 in Mosheims
Kirchengesch. 1. Sak.
8l2 PALINGENESIEN
Jetzt werF ich alle diese vulkanische Produkte meines Zornes
aus mir heraus und weg und halte die Leser lieber durch eine mit
Bescheidenheit verfaBte Schutzschrift fur die Kantianer schadlos
und gebe ihnen damit zugleich mein siebentes und letztes Werk-
chen vor Nurnberg.
Siebentes Werk vor Nurnberg
Warum der Kantianer andere leichter bekehren und verstehen kann als sich
Newton setzte in seinen jiingern Jahren so tiefsinnige Werke
auf, daB er in seinen altern nicht mehr vermogend war, sie zu fas-
sen. Von einem Manne dieser GroBe lasset sich die Annaherung 10
an jetzige vielleicht noch groBere Kopfe gedenken, die philoso-
phische kritische Werke von solchem Werte — und fast in jeder
Messe eines - schreiben, daB der Verfasser sein Werk nicht ver-
stehen kann, und zwar nicht erst im Alter, wo ohnehin der Mensch
voll gesunkner Krafte nur seine eigne Mumie und der Sarkophag
seiner Jugend 1st, sondern in den besten Mitteljahren und sogar
in der Minute, wo alle Krafte im Bliihen, namlich im Machen
sind; er kann nicht wissen, was er sagt und will, und konnt' er
damit einen Kurhut verdienen, von welchem der baiersche Kur-
furst dekretierte, daB er in seinen Landen mit einem Ch geschrie- 20
ben wiirde. Auf eine ahnliche Art bauet die Seele des Kindes
(nach Stahls System) sich den kiinstlichen Leib, dessen Kunst und
Textur nicht sie, sondern ein spater Prosektor nach ihrem Ent-
weichen aufdeckt. Freilich verbreiten solche Manner dann mehr
Licht, als sie selber genieBen, wie auch die Sonne alle geringere
Korper vollstrahlt, indes sie selber (nach Sack und nach Peyroux
de la Coudroniere) so finster ist wie ein Entenstall. Inzwischen
tauschet ein nur im Hause der Gemeinen sitzender Wochen-
mensch wie ich kaum mit ihnen: ich werfe zwar nur kurze und
diinne Strahlen in die Gehirnkammern der Menschen und gebe 30
nicht sowohl vortreffliche Werke heraus als bloB gute; allein ich
meines Ortes kapiere mich doch, ich kann doch das mannigfache
Gute, was meine Sachen auftischen, in meinen Milchsaft verwan-
VIERTER REISE-ANZEIGER 813
deln und diesen in Puls-Blut und arbeite mich also durch den
Unterricht, den sie mir durch ihre spielende Methode geben, sel-
ber in einen brauchbaren Mann urn. So lasset ein Brennspiegel
von schwarzem Marmor zwar andere Gegenstande kalter, aber
er macht sich selber warmer, als ein glanzender tut.
Dabei konnen oft die tiefsinnigsten kategorischen Imperatoren
wie der russische (Peter der GroBe, ders von sich selber sagt)
leichter ihre Nation umbessern als sich, da sie nur von jener ver-
standen werden, aber nicht von sich. Gleich den Gebeinen des
10 Elisa verleiben sie einem fremden Leichnam moralisches Leben
ein, sie selber aber beharren in der toten zaundurren Verfassung.
Ich stelle mir ihre Lage deutlicher vor, indem ich sie (wie die
Fiirsten) mit dem Judengotte vergleiche, der nach den Rabbinen1
vor der Schopfung das Gesetz auf dem Rilcken in feurigen Let-
tern trug. Freilich ist dann die kritische Gesetztafel leichter von
dem zu lesen, der hinter der Tafel geht, als vom Gesetztrager
selber, der sich nach ihr wie nach asopischen Gebrechen nicht
umdrehen kann. - Inzwischen ist Menschenliebe vielleicht die
einzige Tugend, die keinem Kantianer fehlet. Ich spreche hier
20 nicht von der humanen Schonung in ihrer Polemik: sondern von
ihrer ganzen Thetik. Als GegenfuBler der Gliickseligkeitslehre
konnen sie aus dem Vergnugen anderer Leute nicht mehr machen
als aus ihrem eignen und opfern also fremdes ebenso kalt wie
eignes auf. Sie wiirden sich daher schamen - denn es ware Hete-
ronomie -, in ihrer formalen Tugend die materielle Absicht frem-
der Begliickung mehr wie der eignen zu haben; sie suchen andern
(wie sich) nichts zu verschaffen als das einzige und hochste Gut
(Moralitat) und tun es durch die einzig-moglichen Mittel, durch
Diskurse und Manuskripte. Und so erreichen sie leicht den hoch-
30 sten Gipfel der Moralitat, indem sie gute Werke nicht sowohl tun
als schreiben und indem sie z. B. ihre Freigebigkeit nicht in einer
elenden materiellen Gabe, sondern in einer Ermunterung zur
Freigebigkeit bestehen lassen: der Ermunterte ermuntert fort,
und so immer jeder den andern, und kein Heller wird dabei aus-
gegeben. - Und das ists, wozu es schon langst viele Geistlichen
1Morhof. Pol. IV. 1.
8 14 PALINGENESIEN
treiben, daher die Kantianer selber die Christen fur ihre Vor-
laufer erkennen.
Ende des siebenten Werks
Als ich ausgeschrieben und ausgetrunken hatte, trat ich mit
alien Kellnern und Philosophen in Friedensverhandlungen, die
unterzeichnet wurden, sobald ich in denFriedenstempel derFruh-
lingsnacht einging. Der vom Liebesmahl versohnte StuB ware
lieber geblieben; aber ich wollte durchaus am Anbruch des Mor-
gens — und des andern Bandchens dieser Palingenesien - in Nikn-
berg sein. Wenn nur einmal das Gedrange der Begebenheiten und 10
Zwecke, das uns immer triibe und unrein riittelt, ablasset, so las-
sen wir, wie Wasser in der Ruhe, bald die fremden dunkeln Kor-
per fallen: ^Konnen denn die armen Kellner«, sagt* ich, »die in
ihren Freihafen einlaufenden Menschen anders salutieren als nacli
der Flaggenkarte des Anzugs? Haben sie Zeit, Recht, Kraft, die
Ladung zu visitieren? - Warum zogst du Weinkiifer dein Wein-
zeichen ein und hingest das Bierzeichen heraus?« - Der Mensch
schiebt oft darum die Schuld lieber auf sich als auf andere, weil
es ihm leichter ist, sich zu vergeben als andern.
DrauBen im geschmuckten Sonnentempel des Tages verlieren 20
die narrischen Kriegsspiele des Lebens ihren Schein und Glimmer
nicht so leicht und eilig als vor der kuhn gefiillten Baumanns-
hohle der Nacht, welche die Kristalle der Sterne und die Tropf-
steine der Planeten und lauter groBe Formen iiber den klein-
stadtischen Tag erheben. Wenn ich den weiten, zu gestirnten
lichten Bildern ausgestochenen dunkeln Himmel ansah, gleich-
sam als den verzognen silbernen Anfangsbuchstaben unsersSeins,
- und MilchstraBen und Nebelflecken gegen Kellner, Philoso-
phen, jetzige Literatur, Ostermessen, zweite Editionen hielt: so
wollten die letztern nicht mehr recht glanzen, und ich flng an, 30
wenig darum zu geben. -
Aber weiterl Da wir in der luftigen Nacht durch stille Walder
und stille Dorfer gingen, und da in mir ein Traum nach dem
andern aufstieg und jeder neue lichter und groBer: so flng mein
Inneres an, von einer dunkeln Entziickung aufzuwallen, die nicht
VIERTER REISE-ANZEIGER 815
das bloBe Kind meiner Traume und der Gegenwart sein konnte;
es war mir, als stehe mein innerer Mensch bis an das Herz ineinem
warmenden Sonnenschein, nur sein Auge nicht. Da solche Ent-
ziickungen mit einem Schleier, die wie Engel nur eine gebende
Hand aus der Wolke reichen, meistens von dunkeln und eilig zu-
sammengezahlten Ahnlichkeiten geboren werden, die das Herz
zwischen der Gegenwart und zwischen vorigen Szenen oder alten
Wunschen innen wird: so sucht' ich in beiden letztern nach dem
Schliissel. Ich wiird* ihn wohl darin zuletzt gefunden haben, war*
1 er mir nicht plotzlich vom Himmel herabgefallen.
Gegen Mitternacht kroch namlich einsam und ohne Gefolg das
letzte Mondsviertel durch das unverzierte Morgentor herein: nur
ein wenig lichten Dunst hatte der Mond gleichsam zur Rundung
seiner eingefallenen Gestalt iiber sich gezogen. Jetzt fiel das warme
Sonnenlicht auf meine innern Augen: »0 so war es vor einem
Jahre such, nur tausendmal schonerI« sagt' ich. Ich meinte die
Mainacht in der Woche vor Pfingsten, wo mir dieses Leben das
Neujahrsgeschenk eines zweiten vorausgegeben, namlich die stille
Gestalt Herminens, die wie der Mond in Osten wohnte und
> schimmerte, und die ihr Licht auf keinem prahlenden Aurorens-
Wagen brachte, jene Nacht, wo wir auf immer statt der Hande
die Seelen gewechselt hatten; daher ihre meinen Willen hatte und
meine ihren (wenn ich bei mir war). Ach hatt' ich heute an diese
duldende Seele gedacht: wiird* ich da gerade in der Stunde, wo
sie wahrscheinlich meinen Streitberger Brief, ein weiches, von der
Liebe und Wonne abgeschicktes Olivenblatt, erhielt, diesem In-
halte so ungleich und gegen Kellner und Kantianer so hart gewesen
sein? Unmoglich: von Herzen gern hatt* ich wenigstens meinen
Streit und die Lesung des Briefes in verschiedene Stunden verlegt.
Wie ich in meiner Phantasie jeder Musik Lieder - jeder Sange-
rin Erinnerungen und Wiinsche - jeder Landschaft glucklkhe
Menschengruppen zuteile und dadurch jedem Gegenstand ein
lebendiges Herz einsetze fiir meines: so HeB ich auf dem schwar-
zen Brette der Nacht die Lichter und Reflexe der Vergangenheit
voruberlaufen und geliebte Gestalten und selige Szenen und mich
selber darunter. Um aber den Weg nach Nurnberg recht fiir die
8l6 PALINGENESIEN
erwahnte Mainacht vor Pfingsten zu grundieren, muBt* ich die
Nadelforste aushauen zum Platze fur Laubholz und die Hugel
abtragen und die Berge weit in den blauen Horizont zuriick-
schieben: der Himmel blieb, wie er war, ach dieselben Gestirne
schimmerten ja damals, und derselbe halbe, in einen groBen Stern
verkleidete Mond zog herauf. Nun fing ich an, mich ordentlich zu
erinnern.
Es war weit gegen Mitternacht und ebenso weit als jetzt -
erinnerte ich mich, aber langsam, und hielt bei jeder Minute einen
Rasttag -, als wir, ich, Hermina und eine auf den Honig hoherer 10
Nektarien ausgehende Bienengesellschaft, aufbrachen: der Mond
war noch gar nicht da, aber schon der Himmel. Wir hatten auf
das Landgut nur eine gute Meile, herrlichen ebenen blumigen
duftenden Weg, und die Berge nicht auf diesem, sondern wie
Turmspitzen und Schiffe tief im herabgewolbten Himmel. Als
ich endlich unter den Sternen und vor der kleinen, aber himm-
Hschen Zukunft der Nachtwandelung stand, sagt* ich mit dem
langen Einatmen der gewonnenen Seligkeit vorHerminen: »End-
lich nab' ich die Nacht, du gutes Geschick, die in meinen Trau-
men und Buchern so oft aufging und in meinen Tagen nie: Sterne 20
— und Blumen — und Seelen - und Traume - und Paradiese - und
alles ist ja da. Aber heute will ich mich nichts um mich scheren,
sondern ordentlich vor Freude zu sterben suchen: ich will dem
Baum von Goa gleichen, der nachts alle seine Bliiten hervor-
drangt und dem sie die Morgensonne abbricht.« - »Lieber der
Nachtviole,« (versetzte Hermina) »die sie am Morgen nur ver-
schlieBet. - Ach doch ist es sehr wahr ! Auch mich macht der Tag
nur beklommener, je blauer er ist. Aber eine Fruhlingsnacht gibt
dem Leben frische Farben, HofFnungen desMorgens und Kraft.«-
» Jawohl, Hermine,« (sagt* ich und sah zu der im Blauen schwim- 30
menden Sonnen-Flotte auf) »wer kann Eitelkeit der Dinge unter
der weiBen Bergkette der MilchstraBe, unter so vielen in alien
Universums-Ecken zugleich brennenden Tagen fiihlen? oderTod
und Einsamkeit glauben und furchten mitten in einer lebendigen
pulsierenden UnermeBlichkeit, wo keine Sonne ruht und jede
Erde fliegt?« -
VIERTER REISE-ANZEIGER 8l7
Ich wuBte recht gut, daB ich Herminen damit an ihre zum
Vater gegangne Mutter und an die Stunde ihres offnen Grabes
erinnerte; aber war nicht jeder Stern ein Trost und der Himmel
eine Zukuntt? - Ich und Hermine machten jetzt in einem durch-
sichtigen Laubholzwaldchen - obgleich die Nachtzephyre sich
drinnen lauter umherdrehten und auf uns die Wolken von den
Rauchaltaren der Blutenbaume trieben - eiligere Schritte, bloB
damit wir den Abendstern, der wie eine bliihende Wasserpflanze
im Blauen schwamm und seine Bluten immer weiter ausdehnte,
10 noch einmal schimmern sahen, eh* er in die Himmelstiefe hinab-
gezogen wurde. Ich und sie - ich erinnere mich immer weiter -
waren vor der Gesellschaft voraus und schaueten wartend dem
Falle des Hesperus zu. Dieser Stern ist fur mich ein am Himmel
hangender verkleinerter Friihling, wie der Mond ein Nachsom-
mer: mir war, da er fiel, als ware mir eine Hoffnung unter den
Horizont gegangen. Aber auf einmal ragte in Morgen die Glet-
• scherspitze des halben Monds,abermitweggeschmolzener Schnei-
de, blinkend iiber die Erde herein. »0 wie schon sich die Gestirne
einander ablosen gleich den Lebensaltern der Menschen«, sagte
20 Hermina. »WohlI« (sagt* ich) »denn der Hesperus ist der Stern
der Jugend und Liebe, der Mond ist das stille kalte, aber helle
Alter, und dann nach der Nach-Mitternacht geht doch noch die
warme Morgensonne auf.«
0 du Unendlicher! wie groB webst du das GroBe mit dem
Kleinen, aufgehende Welten mit erquickten Herzen zusammen,
deine entbrennende Sonne mit dem entpuppten Wiirmchen!
Wenn der Mensch, diy so ungleich, Millionen unsichtbare kleine
Herzen, indem er die Arme zur Hiilfe eines groBern ausbreitet,
mit den FiiBen ertritt: o so ist bei dir alles so tausendfach ver-
30 schlungen und gebraucht, daB die Katarakte des ewigen ausge-
breiteten Stroms aus Sternen, der iiber den Himmel springt,eben-
sogut die Wiege unsers schlaf losen Herzens in Bewegung setzt,
als die Wasserfalle des Riesengebirges1 die Wiegen armer Kinder
riitteln! -
1 In Schmiedefeld auf dem Riesengebirg. Auswahl kleiner Reisebeschreib.
I. S. 8.
8l8 PALINGENESIEN
Die herrliche Nachtluft wurde frischer und Iebendiger. Der
kalte Mond, dessen halbe Scheibe im Friihling heller und hoher
um uns zieht als seine voile, floh vor der heiBen Sonne in den
tiefen Himmel hinauf. Auf den wehmiitigen Abend schaueten
wir nur zuriick wie Selige auf eine im Mondschein abbliihende
Erde. Die bleiche Seele bekam jetzt wie blasse, ans Licht gestellte
Blumen unter farbenden Sonnen gesunde Farben, und der Genius
der Jugend ging mit uns und sang: es gibt eine ewige.
Wir gingen fern vor einem in Bluten nistenden Dorfchen vor-
iiber, woraus uns der Glockenschlag und die Verse des abrufen- 10
den Nachtwachters nachflogen oder nachklangen, der damit die
Menschen an ein helleres oder langeres Erwachen erinnern wollte
als an das nachste. Auf einem Steige durch ein einfach-grunes
Weizenfeld, das mit bescheidenern Farben als die Auen weniger
verhieB als gab, fuhren neben uns zwei schlafende Lerchen zitternd
auf, wovon die eine zwischen grauen Morgenflocken hangen blieb
und ihr hohes Lied ausrief und jetzt nicht furchtsam, sondern
bloB singend zitterte. Der Mond stieg lichter zu seinem Mittag
und zum hohen Sirius herauf. Die nachtwandelnde Abendrote
bezeichnete schon in Osten die Stelle seiner .Geburt mit einem 20
Flor von Rosenknospen. O wie kraftig stieg das Herz und die
verhullte Morgensonne miteinander hoher! -
Wir kamen an einen Bach, auf welchem ein hangender Garten
von aufgebliihten Wasserpflanzen schwamm, und Hermine biickte
sich iiber die in Flittersilber. zerflatternde Wellen herein, um den
wiegenden Baumschlag, der unter den Wogen bebte und doch
iiber dem Ufer ruhig stand, und die kleinen, auf das Wasser ge-
saeten Fruhlinge, die sich den Wellen nachbogen, selig anzu-
schauen: plotzlich entfiel ihr unter dem Heriiberneigen ihr Auri-
kelnstrauB ins Wasser, den sie unterweges so oft an den Mund ge- 30
driickt und zuweilen ans Auge. Ach die kalten Blumen sollten
vielleicht jenen kiihlen und diese trocknen! - Die Wogen nah-
men, gleich denen der Zeit, die leichten Blatter mit. Ich folgte
ihnen Iange und brachte sie Herminen spat zuriick.
Da ich wiederkam und ihr Auge vergroBert gegen die er-
loschenden Sterne aufgeschlagen fand, als wollte sie damit dem
VIERTER REISE-ANZEIGER 819
Zusammenrinnen seines feuchten Schimmers widerstehen: so
glaubt* ich, die kurze Einsamkeit habe das voile Herz mit einem
sanften Schmerze geoffnet, weil ja jede bessere Brust, gleich sel-
tenen durchsichtigen Bernsteinstiicken, einen ewigen hellen zit-
ternden Tranentropfen in sich tragt, der weder fliefien nock ver-
trocknen kann. Unter dem Niedersehen tropfte ihr Auge wie die
Blumen, die sie empnng-sie biickte sich schnell iiber das Wasser
und sagte mit gebrochner Stimme: »Wie die Wellen die grau-
roten Wolkchen drunten um den Mond herumtreiben !« - und
10 als sie darin ihre weinende Gestalt erblickte, weinte und lachelte
sie starker - sie bedeckte und trocknete das Auge nicht mehr,
aber sie konnte sich nicht gegen mich umwenden - das Gewol-
ke gliihte hoher an, und die Lerchen schwankten, vom Morgen-
winde ergriffen, zwischen den Farbenfeuern und flogen mit hei-
6en Gesangen hoher auf, sich abzukuhlen. - Ich nahm aus Sorge
und Liebe ihre Hand und sagte: »Hermine, bist du traurig?« -
Sie sagte mit leisem gezognen Ton: »Nur seligU und zerfloB in
ein weinendes Lacheln, wie das eines Engels iiber einen ganzen
Frommen-Himmel ist. Jetzt war mir plotzlich, als sah* ich ihre
20 Seele mit fallendem Schleier zwischen bergigen zuriickweichen-
den Wolken, die der auflaufende Widerschein beleuchtete, gen
Himmel ziehen : »Hermina,« sagt' ich hingerissen, »die Sterne und
der Morgen und der Fruhling haben dich erhoben, und du hast
gefuhlt, daB deine Mutter unsterblich ist: gute Hermina, darum
bist du selig?« Da sie sich aufgerichtet und edel gegen mich
wandte und da die Morgensonne heraufkam und ihr geriihrtes
verklartes Antlitz uberstrahlte: so glich sie einer Unsterblichen,
und sie sagte heiter wie eine Selige: »Ja? darum bin ich gliicklich -
wie diese Sonne ist es in mir aufgegangen, und in meiner ganzen
30 Seele ist es Morgen.« - »So innig-selig bleibe ewig« - sagt' ich
begeistert - »und werd* es noch mehr J «
Sie biickte mich dankend an, und in ihre heiligen Augen kehr-
ten die Zeichen der Ruhrung zurtick. In meinem Herzen war das
Entziicken und in meinem Auge der kleine Schmerz, den uns die
Sehnsucht macht. Ich wiederholte bloB: »Werde gliicklich !« und
ich konnte nur bange dazusetzen: »Sag es zu mir auch!« und
820 PALINGENESIEN
dann das aufrichtige Auge auf sie heften und schweigend langer
bitten. Sie blickte zur Erde - hielt die Hand vor das bestrahlte
Angeskht - errotete wie von der Morgenrote - HeB viele Tranen,
ohne sie zu trocknen, flieBen - und dann trocknete sie die letzten
ab und stammelte unter dem Verhullen: »Mogen wir gliicklich
sein und der Unendliche unsern Wunsch erhoren !«
»0 diese Sonne«? sagt' ich, als heute wieder eine Morgenrote
durch die betaueten Zweige eines Alleenwaldchens vor Niirnberg
schimmerte, »strahle dich heute in deiner Feme wieder in einem
Entziicken an wie an jenem Morgen: ach dein Wunsch, duHimm- 10
lische, traf ja ofter als meiner ein!« Und als ich aus dem Waldchen
trat, sah ich schon die Sonne den hochsten Niirnberger Turm
»Lug ins Land« vergolden —
Ende des ersten Bandchens
Jean Pauls
Fata und Werke
VOR UND IN NiJRNBERG
Zweites Bandchen
Frachtbrief vom Juden Mendel1
Als ich von der Frankfurter Herbstmesse nach Kuhschnappel
heimkam, wurde mir gleich morgens fruh die Hiobspost hinter-
bracht, daB der gelehrte Siebenkas, dem ich einen alten Schlaf-
rock von gekiepertem Zeuge vorgestreckt, Todes verfahren, und
daB man ihm meinen Schlafrock ohne meinen Konsens nebst sei-
nem Korper, der meine Hypothek war, mit in den Sarg gegeben.
Da man mir nun den Schlafrock von gekiepertem Zeug nicht
sowohl zum Versatz (denn das darf ich nicht) als zum Kaufe ge-
io bracht - doch so, daB ich ihn nach vier Wochen gegen einigen
Reukauf wieder hergabe -, so wuBt' ich nicht, was ich dazu.sagen
sollte zu meinem eingesargten Schlafrock: denn ich bin blutarm.
Ich lief daher sogleich, eh' der Schabbes anging, zu seinen Relik-
ten und wollte mich seiner Effekten bemachtigen; es war aber
nichts da als Papier, teils reines,teils anderes,mitChristendeutsch
uberschriebenes, welches mir die Wittib zu Geld zu machen an-
riet. Allein ich schamte mich, das uberschriebene Papier, da es
keine anderthalb Pfund wog, groBen Hausern anzubieten zur
Emballage; und HeB deswegen alles genau abdrucken und ver-
20 legen, damits einige Zentner gabe und man es hiesigen Gewiirz-
handlern mit Ehren antragen konnte, nachdem es vorher von
alien deutschen und polnischen Gelehrten aufmerksam durchge-
laufen worden. Wahrhaftig, wer zusieht, wie ein armer Gelehrter
seinen Sessel aussitzt und sich darauf abmergelt, um nur ein oder
ein paar Pfund guter stilisierter Biicher zu schreiben, der preiset
Handel und Wandel, es sei nun mit Schnittwaren oder mit
Vieh.
1 In der ersten Auf lage steht er vor der Vorrede unter dem Titel : Notiges
Aviso vom Juden Mendel.
824 PALINGENESIEN
Mein Gelehrter, der fur mich das Gesetz1 studiert, will mir
dafiir haften, daB im gegenwartigen abgedruckten Christen-
deutsch, in das er an meiner Statt hier und da hineingesehen,
fatale Stachelschriften leben und weben, die nach uns Menschen
beiBen und schnappen - welches mir leicht glaublich ist, da der
lebendige Teufel das Werklein gemacht. Der gute Armenadvo-
kat Siebenkas muBte freilich die Finger und den Korper her-
geben, wenn der bose Feind nachts darein wie in seine Schreib-
maschine fuhr2 und mit dessen Leibe, wahrend der gute Mann im
Himmel war, oft bis der Nachtwachter abdankte, aufsaB und da-
mit Sachen hinschmierte, die jetzt warm aus der Presse kommen
und wodurch er jedermanniglich rauft und zwickt. Und wie die
guten Engel sonst dem Adam, Isaak, Jakob und Abraham ganze
Ballen schonster Biicher einbliesen, so verbraucht gewiB noch
der Satanas den Leib mancher keuschen und sanften Gelehrten
zu bitterbosen Werken, wahrend sie im Schlafe und bei Gott sind,
und setzet solche mit ihren Fingern auf, welches ja ein Kind be-
greifen kann und ein alter Cretin.
Mein Schuldner, Siebenkas, bleibt ein gelehrter groBer Schrei-
ber und Gelehrter, und ich wuBte oft nicht, was er haben wollte. :
Er hat zwar im Grabe meinen gekieperten Schlafrock an; ich
glaube aber nicht, daB er yerdammt ist - denn er hegte heimliche
Neigung zum Judentum und lieB daher bei dem Bucherverleiher
Eitzen nach der heiligen Schrift fragen, und er ging auch voll
Schulden3 aus der Welt - er liebte den Talmud und die Juden-
schaft und trug ihr oft seine beweglichen Guter an - er sagte ein-
mal: wozu Judenschutz? - er sagte, er sei offen und trage wie
ein Embryon das Herz auBen auf der Brust, welches gelehrte
Wort ich nicht einmal verstand - er war so bescheiden, daB er
1 Manche Juden leben davon, daB sie von Haus zu Haus gehen und zum 3
Seelenheil des Einwohners eine Stunde am Talmud studieren.
1 Die Meinung unsers Juden griindet sich auf die Lehre der Rabbinen,
daB aus einem Schlafenden die Seele austrete und in den Himmel gehe - urn
da ein Haupthandelsbuch iiber ihre Handlungen zu fuhren und zu schreiben
- und daB dann der Teufel den vakanten Leib besetze. Daher miissen sich
die Juden nach dem, Schlafe waschen.
* Nach den Rabbinen werden Insolvente nicht verdammt und Leute, die
an einer Diarrhoe umkommen, und Manner boser Frauen.
FRACHTBRIEF VOM JUDEN MENDEL 825
gestand, sein Kopf hatte verdient, daB die Geographen den ersten
Meridian durch solchen gezogen hatten, w.elche Operation mei-
nes Erachtens einem Kopfe nicht sanft tun kann - er war des
festen Vorsatzes, das groBte Licht nicht nur im groBen Gehirn
der Kuhschnappeler anzuziinden, sondern auch im kleinen und
im Riickenmark bis ans SteiBbein hinunter — er lieB sich rasieren,
aber er bat Gott um einen ellenlangen Bart, wie ihn Philosophen
und Rabbinen fuhren. Allein ich sagte zu ihm : »Menschenkind,
warum willt du einen propern haben? Das Buch Rasiel besagt,
10 daB der Bart Gottes eilftausend und funfzehnhundert rheinische
Meilen misset - laB ab, da deine Kinnbacke doch keinen heraus-
spinnet, der langer ware als ein Sabbaterweg.« -
Gottlos ists vom Teufel, daB er sich, wie ich vom Gesetzleser
hore, im ganzen Buch nichts merkeh lasset, daB ers geschrieben:
er gedenkt mich um mein Geld und um den Schlafrock zu prellen,
weil dann Biicherlustige, hofft er, aus dem Buch nicht viel machen
wurden, wenn er ungewiB gelassen, ob er der Verfasser ist. Wel-
cher Menschenseele kann es aber iiberhaupt etwas verschlagen,
wenn sie sichs kauft? — Mein Kontrakt zwischen mir und dem
20 Herrn Verleger ist aber der, daB wir die Druckkosten zusammen-
schieBen und abziehen von verkauften Exemplaren, worauf der
OberschuB des Profits in meine Kasse fallen soil, und der Ober-
schuB der Exemplare oder die Makulatur in seine. Da nun, wie
' ich hore, die Herren Redakteurs die Biicher ordentlich und quar-
taliter loben: so sprech' ich alle in groBen Stadten unbekannter-
weise um beste Empfehlung an, besonders da es ein Werk ist,
wodurch ein blutarmer Jude wieder zu seinem Schlafrock und
Gelde kommen will. Inzwischen werden gewiB einige Herren
Rezensenten, die ich proper bedacht habe, das Werklein zu ihrer
30 Zeit mit Beifall aufnehmen und belegen und den Zuzug1 auf meine
Tonne setzen, zum Zeichen, daB gar kein Wrackswrack oder
Stankhering darinnen ist; und das Publikum wird einen Begriff
haben, was es von ihrem Lobe erwarten diirfe, wenn ich beteuere,
daB ich dem einen Rezensenten einige Packchen Studententabak
1 Zuzug ist der vom Hamburger Rat auf die Heringstonnen als Siegel der
Giite gemachte dreifache Zirkel.
826 PALINGENESIEN
gratis geschenkt, und der Frau des andern ein wenig taffetas de
bonnes femmes1 dariiber gemessen und ihr einen halben Stab ge-
streiften Batavia gegen wenige Steine Bauernwolle2 gelassen -
und ich konnte im Notfall beide gerichtlich zum Lobpreisen an-
halten lassen. Auch versichert man mich, dafi viele einem ge-
druckten Buche Weihrauch anziinden: ich ersuche gleichfalls um
den Weihrauch und bitte, so viel Teufelsdreck3 beizulegen, als
man verlangen kann nach der Thora, und dann so das Buch und
den Dreck und den Rauch schon ineinandergewickelt anzu-
brennen. — iD
Der ich mich hiemit der gelehrten und kaufenden Welt emp-
fehle, als ein sehr blutarmer und dato unbezahlter Jude, der gern
lebte und leben IieBe, aber nicht weiB wovon - denn sonst in Ara-
bien trieben wir Juden Nfedizin, aber jetzt sind wir auf Jurispru-
denz heruntergebracht und helfen mit urteln. - Und hah' ich nicht
dreiundsechzig feine, sehr feine Steine vom dritten Wasser an
einer vornehmen Hand allhier sitzen, die noch zu bezahlen stehen,
und wovon ich noch nichts hatte als ebenso viele Gallensteine
oder Gallenkrankheiten?4 - Hab' ich nicht das Ehepfand auf dem
Halse, das mir leider nicht meine Frau, sondern der Konsistorial- 20
sekretar aufhing, und zwar zu teuer? - Und setz' ich nicht Sonne
und ein paar Tochter in die Welt, die nach meinem Tode nichts
werden konnen als Schnurrjuden, und nackt, aber schuldenfrei
bin ich in diese Schofelwelt gekommen, und nackt werd' ich
wieder aus ihr hinausfahren, aber mit passiven Schuldposten? -
Und sind dergleichen Noten nicht pressant genug, damit so viele
hundert Leser und Kaufer mir den Gefallen erzeigen und mir
mein Buch abkaufen, es mag nun ein Werk des hollischen Teufels
sein oder nicht?
Mendel B. Abraham 30
1 Sogenannter ehrbarer Frauen Taffent, der beste franzosische.
2 Die schlechteste Schafwolle.
3 Nach dem Gesetz muBten die Juden in den Weihrauch auch assa foetida
tun.
4 Die Juden zahlen dreiundsechzig Gallenkrankheiten. Voet. Select,
disput. P. II. de Judaism.
FtJNFTER REISE-ANZEIGER
Fata: Grenzrezesse - der Pa(i des Grafen — die Feierlichkeiten bei meinem
Einzug — Jagd nach Georgetten und Briefen
Werke: Brief des Herrn Hans von Hansmann uber seine 365-Gevattern
Ich hoffe, sowohl Patrizier als RuBige hatten sich durch das siiBe
Gefuhl geschmeichelt gefunden, das mich durchzog, als Ich den
Judenbuhl verlieB und nun ganz Niirnberg, von derKolonnade
von zwolf Hiigeln oder Karyatiden gehalten und von einem blii-
henden und wachsenden Erntekranz aus Garten umgiirtet, vor
10 mir liegen und rauchen sah. StuB riB viel vom Lobe, das ich seiner
vorigen Miinzstadt erteilte, zu eignem Gebrauch an sich und
sprang auf den Triumphwagen, den ich fur Niirnberg anspannte,
hinten hinauf. Setzet mich vielleicht (wie ich nicht wiinsche) die
Stadtebank zur Rede, warum ich gerade dieser Stadt das Schnupf-
tuch, namlich die Wahl meines Absteigequartiers vergonnen wol-
len : so geb' ich zur Antwort : der Kindleinsmarkt war schuld. Die
60000 Statuen in Rom (mehrere sind nicht da, nach Volkmann),
alle Gliedermanner, Taufengel und Karyatiden konnen meinem
Herzen keine solchen Himmelsbrotspenden liefern, als ihm in der
zo Kindheit die Niirnberger Puppen oder Docken auf kleinen Ra-
dern zufuhren. Ach ergotzte uns nur niemals ein gefahrlicherer
und armerer Tand als der Niirnberger! -- Fiir Kinder sind Puppen
fast so groB und schon wie Kinder fiir uns. - Diese Spiegel- und
Miniaturwelt der Drechsler in Verbindung mit ihrer Levante,
dem Christmarkt, pragten meiner Seele eine^alte Vorliebe fiir die
Reichsstadt und den noch dazu richtigen Glauben ein, daB man
dort noch hauslich lebe.
Als wir bei der sogenannten Mistgrube vorbei und nahe an den
tiefen Proserpinens-Garten des bluhenden Stadtgrabens waren:
30 hatt' ich das Vergnugen - was vor dem Einzug in eine Stadt
ungemein groB ist -, dafi der Bote viel von ihr sprach: zu den
fiinf Blattern, die Matthias Seutter von der Stadt und ihren
828 PALINGENESIEN
Grenzen gestochen, lieferte Stufi mehrere Supplementblatter
nach.
Da ich endlich vor einem Niirnberger Schlagbaum mit dem
rechten FuBe im reichsstadtischen Territorium und mit dem Hn-
ken noch im brandenburgischen stand : blieb ich so ausgespreizet
stehen und sann iiber die Schwierigkeit, Grenzen zu bestimmen
ohne Beleidigung der Grenzgotter, lange, aberohneNutzen nach.
Ich halte einen GrenzrezeB flir vollig unmoglich. Denn man ziehe
immer eine Demarkationsfurche, z. B. mit den Radern einer Ka-
none, ja mit einem Bajonett: so werd' ich und jeder Branden- 10
burger, der mathematisch scharf denkt, anfragen - da die Furche
stets eine Breite haben muB — : wie weit erstrecket sich in dieser
Breite das eine Territorium und wie weit das andere? Ja, waren
beide schon so scharf abgeteilt, daB ein Floh das dritte Paar FiiBe
(die SpringfuBe) im brandenburgischen Gebiete und das erste
im Niirnberger hatte: so wiirde der Streit iiber das Territorium
des zweiten erst recht angehen. Kurz, so lange nicht eine Linie
ohne Breite zu ziehen ist - woran man die echt-geometrische er-
kennt — , so kann kein Landesherr, der nach geometrischer Scharfe
verfahrt, je mit Grenzberichtigungen zufrieden sein. 20
Ich verfolgte nun statt des Markungs-Skepdzismus meinen
Weg, und die FiiBe fanden leichter als die Messungen das Niirn-
berger Gebiet. Vor dem Laufertore wurde mein Mantelsacktrager
angehalten und um die Kundschaft befragt: er berief sich auf
seinen nachkommenden Propositus. Der Mittelwachter hielt die-
sen an, ein Unterofflzier trat heraus, foderte den PaB und
mir passierte ein verfluchter Streich. Ich gab ihm den PaB : er las
lange daran - »BataillonrV fragt' er endlich. Ich dachte, er tue
einen Fluch, der sich mit Bataillon etc. anfangt, und wartete.
»Das Wetter! Bataillon oder Baraillon?« fragt' er noch einmal, 30
da ich ihm zu ruhig in das unruhige Antlitz sah. Jetzt war mir,
als wenn mir ein Fontanell zuflele aus Mangel der Erbse: der
Ungliicks-Graf Sebald von Baraillon in Hof hatte mir seinen ver-
dammten PaB aufgepackt, und ich hatte dariiber meinen nicht ein-
gesteckt, und nun hatte der Unteroffizier den falschen in der Hand.
Es war weiter nichts zu machen als eine Finte und eine Tugend
FUNFTER REISE-ANZEIGER 829
aus der Not: »Mein leserlicher Name ist Comte Sebaud de Ba-
raillon, zu deutsch Graf Sebald von Baraillon«, sagt* ich zur
Wache. So sah ich mich also ohne einen Heller Kanzlei-Jura,
ohne Taxgelder an Vizekanzler und Sekretare und ohne den ge-
ringsten Beweis, daB ich ein graf liches Auskommen habe, auf die
Grafenbank versetzt. Wenn jeder dem andern Staub in die Augen
wirft - wenigstens der Konig Goldstaub - der Rektor an der
Domschule und der Prorektor Schulstaub — die papstliche Rota
Glasstaub, der noch dazu die Augen anfriBt - der Poet Feder-
10 staub von seinen Zweifaltersfliigeln - der Buchhandler Bucher-
staub: so hangt man mich freilich nicht, wenn ich dem wacht-
habenden Offizier den Streusand des Passes in die Augen blase;
inzwischen ging mir dieses Stauben im Kopfe herum, bis ich zu
mir sagte: denke dir, du sagtest in einer deiner Biographien die
Sache aus SpaB. - Dem Weibergesellen hielt ich jetzt vor, wir
miiBten bei einer Konfrontation wie Kerbholzer ineinandergrei-
fen, und er sollte mich kiinftig Herr Graf nennen, weil man sonst
unter dem Tore dachte, ich loge.
Ein deutscher Prinz nahm die herrliche Gassen- und Waren-
20 Erleuchtung Londons fur eine kleine Illumination, womit ihn die
Stadt empfangen wolle; und schon der Mensch iiberhaupt sieht
den Mond fiir seine Monatsuhr, die Fixsterne fur sein Immobiliar-
vermogen an und die Wandelsterne fur seine beweglichen Giiter,
den Erdkern fiir sein Schiffsgut, das Pflanzenreich fiir sein MuB-
teil und das Tierreich fiir seine Hollanderei. »Ich will auch etwas
aus mir machen,« sagt' ich in Nurnberg, »ich will das, was in den
Gassen vorfallt als ein geringes Zeichen der Verehrung anneh-
men, womit mich die Reichsstadt empfangen wollen.« Es war
nicht schwer, zu bemerken, wie mich Nurnberg einholte. Zuerst
30 ritt mir der Rektor magnifikus von ALtdorf entgegen und nachher
seines Weges - man lautete mit Glocken, und die Friihprediger
versammelten sich auf ihren Kanzeln, mich anzureden, wenn ich
in die Kirche kame - auf dem griinen Markte wurd' ich von den
Gemiise-Kauffrauen wirklich angeredet und salutiert, als ich iiber
Petersilie und Gemiise, die statt der Zweige und Blumen auf den
Weg gestreiiet waren, hinwegging - die vierundzwanzig Kom-
83O PALING ENESI EN
pagnien der bewaffneten Burgerschaft zu FuB waren in ihre eig-
nen Hauser postiert, weil man nicht wuBte, wo ich voriiberpas-
sierte - das Springen aller ofFentlichen Springbrunnen, die Menge
der Kranz- und Schmeckenbinderinnen1 und die gen Himmel ge-
kehrten umgestulpten Ehrenbogen einiger iiber die Gassen gehan-
gnen Laternen fur Illumination -das Auf- und Absprengen einzel-
ner Einspanniger*-die mit welschen Festtapeten mehr bemalten
als behangnen Hauser — die unzahJigen Gassenspiegel (sie sollten
meine Gestalt auffangen) - die Ehrenwachen an alien acht Toren
formierten zusammen einen glanzenden Empfang, den ich kaum 10
annehmen wollte, und zuletzt, als mir gar drei Weisheiten* und
drei Patrizier in schwarzen Schleppkleidern, spanischen Igelkra-
gen und mit Schwanz- und Haarkometen von Periicken entge-
genkamen, wich ich errotend aus »Viel vom Empfang« (sagt*
ich zu mir selber) what man freilich auf die Rechnung zu schrei-
ben, daB ich (als Graf Sebald) der Interims- und Namensvetter
des vorigen Schutzpatrons bin, des heiligen Sebaldus, von dem
sie ja noch die Sebaldus-Kirche, die Sebalder Seite und den Se-
balder-Reichswald meines Wissens aufbewahren.«
Dennoch blies sich der Bote noch mehr auf als ich mich, bloB 20
weil er alle Gassen kannte und ich nichts. Er ging jetzt als mein
Leithammel und Lotsen ins Wirtshaus zur Mausfalle voraus, die-
sen Antikentempel des guten Hans Sachs. »Wenn bei einer Kai-
serkronung« - sagt* ich zu mir - »ein Markgraf neben dem romi-
schen Konig steht, so wird er ein Aposteltag, der in einen Festtag
fallt und den die Hofleute iiber diesen wenig begehen. Und so
werdet ihr beide, du in deinem trachtigen Nachtmantel und StuB
in seinem Laufkollett, weder im roten Hahnen am Kornmarkt,
noch in der goldnen Gans, noch im Reichsadler etwas anders vor-
stellen als Zaunkonige: hingegen in der Mausfalle ist ein fran- 30
zosischer Graf Ieicht ein Schlitzen- oder Vogelkonig, ein achtes
Wunder der Welt und eine neunte Kur.« -
1 Blumenbinderinnen.
1 Dig Stadtgardisten zu Pferde, die meist zur Ruhe gesetzte Dragoner
sind.
3 So heiBen die acht biirgerlichen Ratsglieder zum Unterschiede von den
Patriziern.
FUNFTER REISE-ANZEIGER 83 I
Der Wirt kannte den Boten, und ich errang ein Stiibchen zur
Miete. Es kam viel Ruhe in meine Brust, da man meine EfTekten
ausgepackt, aufgehangen, um mich gelegt und das Stiibchen mit
- der Fracht moblieret hatte: die.vorigen Stadte legt* ich nur als
die Sprossen der Jakobsleiter an Niirnberg an : »Nun bin ich, wo
ich sein will«, sagt' ich zum Meister und erschrak iiber den Dop-
pelsinn. Ach, wenn konnte der Mensch das sagen? Indem er zu
seinem Ruhebette, ich weiB nicht, hinauf- oder hinabsteigt, kehrt
er sich oft rnude nur auf einer breiten Staffel um und setzt sich
10 darauf an die andern gelehnt und sagt: endlich hab' ich eineRuhe-
bank. Der lange Gang des Menschen ist ein Ersteigen des Mtin-
sterturms : nach 325 schwer erreichten Stufen findet er einen freien
breiten Platz und ein Wachterhauschen, und hier schreibt er sei-
nen Namen in Stein und geht wieder hlnab\ einer und der andere
klettert von da aus erst zum Knopf und hat die Aussicht der Un-
ermeBHchkeit, und dann steigt oder sturzt er auch hinab.
Solche Betrachtungen macht man leicht, wenn man die ganze
Nacht auf den Beinen und in Traumen war, und wenn noch der
Aschermittwoch des vierten Feiertages zu begehen 1st, an wel-
20 chem alle Menschen die zerstreueten laufenden Funken froher
Augenblicke uber den dunkeln Zunder der verloderten Tage irren
sehen.
Ich muBte wissen, daB ich nicht umsonst in Niirnberg war,
sondern daB ich herkulische Arbeiten darin zu machen hatte, de-
ren zwei sind : namlich Leibgebers Inserat neu zu edieren und der
Tochter des Emigranten den PaB, die Patentpomade und den
Facher auszuhandigen. An beides war jetzt nicht zu denken: zur
ersten Arbeit war ich zu miide, zur andern auch und zu vergessen
dazu. Ich wuBte wohl, daB Georgette bei einem Fleischer wohne
30 — aber ich wuBte nicht, wo dieser wohne, und war froh, daB ich
Stussen erst lange bei der ganzen Kuttler- und Fleischer-Gesell-
schaft naturforschender Freunde herumzuschicken hatte. Mit
einem Wort: ich wollte nur gern die von dem leuchtenden Friih-
lings-Eden ausgehellete Seele aus der bangen dunkeln Kajiite
wieder in das Fruhling-Louisium tragen, aus der Schusterwerk-
statt des Dichters in den Irrhain des Blumenordens. -
832 PAUNGENESIEN
»StuB, tu* Er doch im Vorbeigehen einen Sprung in die Zehi-
sche Buchhandlung - ob nichts an mich da ist.« Es konnte ohne
Taubenpost noch kein Brief von Wetzlar oder Hof da sein; aber
hieriiber lass* ich nicht mit mir reden. Ein Brief ist mir fast ein
Wechselbrief und (nach dem juristischen Sprichwort) lieber als
Zeugen. Einen unbeschreiblichen GenuB schopF ich aus dem
Empfangen und Erbrechen eines Briefes, wiewohl mich auch sein
Lesen freuet; — dann uberfahr' ich ihn absichtlich so, daB ich ihn
nach einer Stunde wieder lesen muB, weil ich das erstemal zu
wenig davon verstanden — zum dritten Male les' ich ihn bloB so. 10
Ich habe schon oft gewunscht, die Italiener (weil sie jeden Brief
der Posten wegen doppelt schicken) oder der Himmel (wie im
Mittelalter geschah) schriebe an mich, besonders da ich ihm nicht
zu antworten brauchte: denn ich erhohe mir den Reiz der Briefe,
die ich bekomme, noch kunstlich durch mein Schweigen darauf.
Meine Brief-Jagerei geht so weit, daB ich gleich dem sinesischen
Kaiserhofe unter den Monturen, wie die Blumisten unter den
Hyazinthen, die postgelben am schonsten finde. Ja treib* ichs
nicht oft weiter und lege meine eignen gesiegelt auf den Tisch
und mache mir nachher, wenn ich mich vergesse, weis, sie waren 20
an mich adressiert? Und schmeichr ich mir nicht oft, wenn der
Brieftrager mit seinem herrlichen Brief-Faszikel vor mir steht, er
handige mir jeden Augenblick den Faszikel aus?
Nun weiter! Ich ging mit dem entzundeten Fieber-Herzen,
worin die Traume der verwachten Nacht und die der Hoffnung
klopften, in den Harsdorfschen Irrhain bei Kraftshof; - ichschrieb
da tief geruhrt meinen bekannten Brief an Siebenkas; denn meine
Traume sind voll Friihlinge, und meine Friihlinge voll Traume.
- So weit bracht' ich den Leser schon im ersten Kapitel des ersten
Teils; und blieb im Haine stehen. 30
Ich gehe jetzt mit ihm im ersten Kapitel des zweiten Teiles
weiter, namlich nach Hause in die Mausfalle. Ein Mensch, der
auf der Ziehbank und Drahtmuhle der Erwartung - eines Briefs
z. B. - dunn gequalet und gezogen wird, kommt nicht besser da-
von herunter, als wenn er (wie ich) ausgeht, und zwar an einen
Ort, wo er nichts zu erwarten hat: im Irrhain konnt' ich unmog-
FUNFTER REISE-ANZEIGER 833
lich auf meinen Sack- und Bdeftrager aufsehen, aber in der Maus-
falle war' ich jede Minute ans Fenster gelaufen.
StuB war gekommen, aber kein Brief, und die Grafin Georgette
hatt* er unter den Fleischern Niirnbergs so vergeblich gesucht als
unter denen des Robespierre. WeiB indes ein Mann es so zu kar-
ten, daB er in vier Lotterien auf einmal einsetzt, d. h. daB er sich
vier HofTnungen zugleich macht: so gewinnt er wenigstens bei
einer - ich gewann einen andern Brief aus der Zehischen Buch-
handlung, der mir mein satirisches Pensum ersparte.
10 Die Bewandtnis ist diese: im Voigtland und, ich glatibe, in
mehr Landern wird kein adeliges Kind getauft, das nicht mehr
Paten als Ahnen hatte: hundert oder doch funfzig ist Tax. Der
Gebrauch ist schon an und fiir sich gut, da er den Taufling auf
einmai mit der ganzen Reichsritterschaft in eine kanohische Ver-
wandtschaft bringt, aus der zuletzt eine viel eintraglichere zu
machen ist; aber noch wichtiger werden solche Anstalten fiir die
Taufnamen eines Junkers, da sonst der Adel keinen Namen wei-
ter hatte.1 Allein eben darum sollte das Kind alle Namen seiner
Paten wirklich bekommen. Ich sehe nichts darin,wenn ein Edel-
20 mann wenigstens halb so viel Namen .erhielte als bei den Arabern
das Schwert, das, obwohl nur sein Pertinenzstuck, cloch drei-
hundert Namen und bei den alten Rittern einen Taufnamen hatte.
Wenn er sich zur Kenntnis seines Ichs einen romischen Nomen-
klator halt, so wird er (sogar bei Ritterkonventen) immer wissen,
wie er heiBet. In Meusels gelehrtem Deutschland formierte, falls
er hineinkame, sein Name allein ein Namenregister und im Kir-
chengebete des Patronatspfarrers einen Vokabelnsaal, nicht zu ge-
denken des Raumes in Pranumerantenlisten.
Der gedachte Brief an mich nun war von einem alten ehrlichen
jo Landsassen, Hans von Hansmann, der bei Gelegenheit vernom-
men hatte, ich ware einer der besten Skribenten und schriebe fiir
die halbe Welt. Der alte LandsaB, der Biicher den Buchbindern
1 Bis ins eilfte Sakulum hatte der Edelmann nur einen Taufnamen, zu dem
noch ein Beiname kam, z. B. der Bar, der WeiBe, die Maultasche. Nachher
erst wurde er nach seinen Giitern genannt, daher das Wortchen von. Siehe
die vortreffliche Abhandlung dariiber im deutschen Museum 1782, Febr.
834 PALINGENE.SIEN
iiberlasset, kam auf den Gedahken, ich sei ein sogenannter Schrei-
ber und schreibe so schon wie ein hollandischer Kontorist. Da er,
wie es scheint, seinen Brief aus einem ahnlichen in den Teufels-
Papieren (S. 119) abgeschrieben hat, was er durch eigne Ein-
schiebsel zu verstecken denkt: so kann ich das Schreiben als mein
erstes Werk in Nurnberg auffuhren.
»P. P.
Wie ich h6re,sindSieohnePrinzipal undkommenauchschwer-
lich unter: es ist alles greulich mit Skribenten ubersetzt,absonder-
lich die Gerichtshaltereien, welches ich blo8 dem Minister Secken- 10
dorf zuschreibe, der alien Federfechtern Amter gab. Nun bin ich,
wie etwan bekannt, in den Stand der heiligen Ehe zum zweiten-
mal getreten und konnte allerdings einen gewandten Skribenten
brauchen, der eine schone Hand und Mores hatte und sonst etwas
taugte. Ich begehre von einem solchen Menschen nichts, als daB
er den ganzen Tag sitzt und die unzahligen Gevatterbriefe an alle
die Paten, die ich zum kunftigenKinde zusammenbitte, ungemein
nett und sauber abschreibt, damit die Briefe schon fertig liegen,
eh das Kind da ist. Dazu sind dreihundertundfunfundsechzig
Gevatterbriefe vonnoten; der Vater des Kindes ist allemal der 20
Schaltgevatter. Und so kann ich einem armen Schelm jahraus, jahr-
ein zu essen und zu schreiben geben : denn wenn er mit dem einen
Kinde fertig ist, so kann er sich schon wieder iiber die Gevatter-
briefe des andern hermachen, das ich erst nach Gelegenheit zeuge,
welches ihn nichts angeht. Denn ich leide keinen Faulenzer unter
meinem Dach und bin ohne Ruhm ein guter Haushalter, obwohl,
sorg* ich, nur immer zu gutig. Wieder auf die Paten zu kommen,
so wills mir einer und der andere Herr Nachbar gewaltig ver-
denken, daB ich mich nkht wie er mit achtzig oder neunzig Ge-
vattern behelfen, sondern einen bestandigen Briefschreiber oder, 30
wie man sagt, Secretaire perpetuel de Tacademie in Nahrung set-
zen will. Tun Sie mirs und bringen die Leute herum, und zeigen
Sie den Narren meinen Brief und sagen ihnen, ich wiifite, was ich
tate. Man muB sich merken, daB jeder Taufzeuge es sonst bezeu-
gen sollte, daB einer ein Christ geworden; und das tut ja bei mei-
FUNFTER REISE-ANZEIGER 835
ner Ehre jeder noble und wohlgezogne Taufzeuge noch bis auf
diesen Tag. Unsere Zeiten sind aber so unchristlich und doch so
grob dabei (wie denn kein Mensch mehr mit den Interessen ein-
halt, aber haben will alles), daB ich, wenn ich nicht Taufzeugen
und Wunder sehe, von keinem Menschen glaube, daB er ein Christ
ist, er mag immer ein Edelmann sein. Kann man da zu viele Zeu-
gen erbitten, und tuts ein Schock oder so? Ich hab* es oft gehort,
daB kein Teufel glauben will, ein Kardinal habe gehurt, bevor es
zweiundsiebzig Zeugen beschworen: wenn nun dieses bei so
10 wahrscheinlichen Dingen geschieht, was will man bei unwahr-
scheinlichen mit den Zeugen kargen? Kommt noch dazu ein sol-
dier einziger Pate urns Leben, oder das Kirchenbuch in Brand,
so ist ein Tauf ling erbarmlich daran und kann sein Christentum
mit nichts mehr beweisen; das kann aber einer leicht, der viele
Paten hat. Ein Lehnsvetter von mir wurde unter der Linie noch
einmal getauft, und Voltaire (Gutsbeskzer und Lehnsherr von
Ferney) bekam zwei Taufen hintereinander, die Not- und die
Nachtaufe - und doch sind beide die gottlosesten Fliegen geblie-
ben : so verflucht schlimm sind jetzt die Zeiten. Ganz dumme leb-
20 lose Glocken, denen es gar nichts half, wurden sonst von drei-
hundert Gevattern auf einmal, die alle ein langes Seil anfasseten,
aus der Taufe gehoben - wie, und einen jungen lebendigen Edel-
mann, dems zuschlagen kann, speiset man mit einer Zaspel Paten
ab? - Wo Teufel sen* ich da Recht und Billigkeit? - Ich tue es
zwar nicht bloB des Christentums wegen, sondern ich wahle die
dreihundertfunfundsechzig Taufzeugen zugleich so, daB allemal
ihre Namen im Kalender stehen, damit das Kind in seinen alten
Tagen ein ganzes Jahr von Namenstagen feiern kann; aber Reli-
gion ist doch die Hauptsache. Erwarte baldige Antwort.
30 Hans von Hansmanm*
836 paungenesien
Sechster Reise-Anzeiger
Fata: die Monatswesten - das Haussuchen nach Georgetten - der Elegant
und roue" von Niirnberg - der scheme Sonntag auf dem Dutzendteich-
Niirnbergs Beleuchtung — der Meistersanger - und seine Werkstatt -
meine Not mit meiner Tochter
Werke: syrisches Schreiben iiber den Wanderungstrieb der Edelleute
»Der Teufel oder der heilige Sebaldus klaube und suche aus 219
Gassen« — sagt' ich und rechnete nicht einmal die GaBchen und
die »Reyhlein« mit - »ein Emigranten-Madchen heraus, aber
ich nicht! Sie kann ja in der Zistelgasse wohnen - oder auf dem 10
Hiibnersplatzlein - oder auf dem Graslein - oder im Wiirzelein
— oder im AlbrechtsgaBchen - oder im PfeifergaBchen oder in
gar keinem mehr, sondern im Himmel schon.« — Wenn ich ein
Federmesser, oder einen Gedanken, oder irgend etwas Verlornes
nicht sogleich finden kann, so iiberlass' ichs dem besten Leit- und
Triiffelhunde, den es gibt, dem Zufall. Da ich noch dazu der
Reichsstadt als Comte Sebaud de Baraillon vorgestellet war; so
konnte ja wohl Georgette durch Zufall von ihrem Herrn Vater
horen oder er von ihr. —
»Der ehrlichste Finder ist der Zufall«, sagt' ich auf einmal ganz 20
froh: sein Fund war aber nicht die Gomtesse, sondern ein Mittel,
sie zu finden; ich besann mich namlich, daB sie Westen stickte.
Nun hatt* ich weiter nichts notig - um das verhehlte Kind zu
finden in seiner Anziehstube -, als aus meiner auszuriicken und
die drei Kaffeehauser und den SchieBgraben und andere offent-
liche Platze zu bereisen und mit meinen Augen eine Fackeljagd
oder ein Krebsleuchten nach alien in Seide eingesponnenen Tor-
sos anzustellen und jeden gestick.ten Rumpf zu loben und zu fra-
gen: woher er die nette Weste habe.
Um der Sache Anstrich zu geben, legt' ich selber eine gestickte 30
Aprilweste an. Ich trage namlich nicht, wie andere oder die zwei
Pole, bloBe Winter- und Sommerwesten, sondern Marzwesten,
Maiwesten usw., indem ich auf jede (und warum ists in Gedichten
anders?) gerade die bluhenden Blumen des Monats nahen lasse.
Im Marz z. B. hab' ich Schneeglocken, Leberblumchen und Kro^
SECHSTER REISE-ANZEIGER 837
kus am Leibe, im Mai trag* ich amaryllis formosissima, viola
matronalis und einige Kaiserkronen. Die Aprilweste zieh* ich am
liebsten an, weil einige Rabatten von Ranunkeln, Baldrian und
adonis vernalis darauf in Blute stehen.
Ich handelte die funf topographischen Blatter Matthias Seut-
ters an mich und wollte darnach in der Stadt den Weg einschla-
gen: ich lieB deswegen den Hornrichter zu Hause; desto unge-
legner kam es mir, daB ich blofl wie ein Muller dem Pegnitz-
strome naehzufolgen und dann durch das Wassertor einzubeugen
10 brauchte, um ins Wohrder KafFeehaus, wohin ich gedachte, zu
kommen. Ich weiB nicht, ob der Leser mit solcher Lust wie ich
seine Marschrouten in Gassen nach solchen perspektivischen Auf-
rissen macht: genug ich fand mit dem unnotigen Furierzettel in
der Hand zu meinem VerdruB das Haus.
Es war nichts da - Westen wohl, aber keine gestickten. In den
andern KafTee-Laiterien waren zwar funf gestickte Westen da,
aber aus Frankfurt. Ich machte mich nun auf kostspielige Ent-
deckungsreisen in die Weinschenken - in den SchieBgraben - in
die Hallerwiese - in den Judenbiihl. Ich verlor die Zeit und bei-
20 nahe den Verstand. Hab' ich mich nicht einmal mit einem magern
Schreiber in ein einfaltiges Gesprach iiber die preufiische Justiz-
verfassung und iiber die Wiinschelruten und Rutenganger ein-
gelassen, bloB weil er eine mit Wurmsamen, Hungerblumchen,
Bauchblume (Lisianthus), Wassernabel (hydrocotyle), Purgier-
flachs (linum catharticum) und Blasenmoos (splachnum) gestickte
Weste trug und ich erfahren wollte, woher er sie hatte? Und nab*
ich nicht einen Losungsherren (wenns nicht ein Landpfleger
war), der TeufelsabbiB, unserer lieben Frauen Bettstroh (Ga-
lium verum), Tripmadam (Sedum reflexum), Feldkatzengesicht
30 (Galeopsis Ladanum), fette Henne (Sed. telephium) und Hunds-
wiirger (cynanchum) anhatte, unmaBig erhoben und nab* am
Ende auf mich gezeigt und gefragt, was sei dieser adonis
vernalis gegen ihn? Und tat ichs nicht der Comtesse wegen -
und wurde zwar nicht in den isten April geschickt, aber doch
in den 22sten, 23sten, 24sten, 25sten, 26sten, 27sten und
28sten? -
838 PALINGENESIEN
Denn den 29Sten oder vorletzten ging es ganz anders, und voll-
ends den letzten oder den Sonntag.
Die Holle Klopstocks wurde wie (nach einigen) Herkules in
drei Nachten geschaffen, aber meine in alien jenen sieben April-
tagen: der Leser hore! Ein dreifaches banges Abarbeiten, wie das
unter dem Alpdriicken'ist, wenn man sich aus dem Schlafe auf-
ringen will, trieb mich auseinander, es betraf auBer Georgetten
noch Herminen und Leibgebers logischen Kursus. Letztern an-
langend, so waren meiner satirischen Sae- und Eggemaschine die
Pferde abgespannt, und ich konnte damit bloB ein paar elende 10
kleine Beete bestellen, vor welche man den Leser in diesem Ka-
pitel fiihren' wird. - Jede blasende Post setzte ferner meine stille
Pfennigs-Post, den Boten, in Bewegung, und er hielt in der Zehi-
schen Buchhandlung um Herminens Briefe an und kriegte mchts :
iiber dieses folternde Verstummen hatt' ich mich bisher zu oft
ruhig gemacht, um es langer zu bleiben, besonders je naher der
erste Mai anriickte, iiber dessen Gewicht dem Leser kunftig mehr
Licht zu geben ist. —
Und endlich die Grafin dazu! - Denn als ich an offentlichen
Orten immer die Rede auf die Westen lenkte und das Examina- 20
torium iiber ihre Offizin anfing: so merkten es endlich die Leute
und stutzten iiber den Westen-Genealogisten und waren zweifel-
haft, ob eine fixe Idee oder nur eine bose Absicht aus mir rede; ja
zuletzt wurde, wenn ich hineinkam, mit Fremden gewettet oder
ihnen geweissagt, der Herr mit dem adonis vermalis und Baldrian
werde sich ihnen nahern und ihnen Fragen iiber die Pflanz-
stadt ihrer bliihenden Westen stellen. So hat mich von jeher
eine uneigenniitzige schuldlose Liebesdienerei gegen alle Men-
schen tiefer in verdammtes bedorntes Dickicht gefiihrt als alle
meine iibrigen Fehler und Tugenden zusammengenommen. - 30
Ich saB so fruchtlos mitten in Nurnberg und sah nichts von
der Stadt als den Seutterschen RiB - ich war noch keinem
einzigen Niirnberger bekannt als bloB dem, den ich mit-
gebracht, dem Boten - ich wollte in die neue Hospitalkirche
zum heiligen Kreuze gehen und die Reichskleinodien besehen
und den Reichszepter nachmessen und den Reichsapfel nach-
SECHSTER REISE-ANZEIGER 839
wagen1 und mit Kaiser Karls Schwert zur Klingenprobe in die
Luft schlagen - ich wollte als Kunstliebhaber die sieben Leidens-
stationen, die Ketzel vom beriihmten Adam KrafFt so trefFlich
in Stein abformen lieB, durchlaufen und recht ausgenieBen, und
ich kam zu nichts, weil meine eignen Leidensstationen von
sieben Tagen, die ich hier wie Adam KrafFt darstelle, mein Beisein
foderten
Aber nach der siebenten Station am Freitag, wo ich auf der Scha-
10 delstatte ofFentlicher Platze stand, folgte, wie gesagt, der Sonn-
abend^ wo ich, wie es schien, vom Kalvarienberg herunter sollte.
Ich stand namlich Sonnabends auf dem »Saumarkt« und sah
eine »Dreierleiche« ziehen, bei der alles mitging, was in der Stadt
predigen, singen und dozieren konnte, und vor der nicht patres
purpurati, wie vor einer papstHchen, aber doch rorgekleidete Wai-
senknaben oder porphyrogeniti3 vorausliefen : als hinter mireiner
sagte: »La Comtesse Georgette. « Ich sah mich eilig um: ein jun-
ger Patrizier (namens Kokeritz, wie ich nachher erfuhr) stand
hinter mir, vom Zylinder-Hute bis auf denSokkus-Schuhschwarz
20 verkohlt- das Mondviertel eines Kamms in den Scheitel-Wim-
pern oder Brahmen - das aufgestiilpte Kinn in den Bretter-Vor-
sprung und Wall einer Krawatte eingestoBen - mit einem kurzen
Schinkenknochen von Badine — mit diinnen, wie Pfahle schwarz
angelaufnen Beinen . . . Beilaufig, gibt es denn etwas Geschmack-
loseres als die jetzigen mannlichen Kohlerbalge, da Schwarz un-
sere magern Pfauenbeine noch jammerlicher verdimnt? - Ganz
anders wirkt diese Farbe auf dem wogenden Kleide der Damen,
die wie Diamanten durch eine dunkle Fassung gewinnen, wozu
oft zwei mannliche Arme hinreichen.
30 Der junge Mensch, auf dessen weiBen Gesicht der Kalk der
Jugend schon geloscht war, schwur es seinem Zuhorer, ihn du-
1 Ich hab' es spater getan und den Zepter zwei Schuh lang und innen hohl
gefunden, und den goldnen Apfel drei Mark, drei Lot und drei Quentchen
schwer, das Pech innen mitgewogen : Fabri in seiner trefflichen Geographie
fur aUe Stande (isten T. z. B. S. 127) hat genau dasselbe Fazit, jedoch ohne
es mir zu verdanken.
2 Da das Zimmer im kaiserlichen Palast zu Konstantinopel, worin die
Kaiserin Wochen hielt, mit Purpur iiberzogen war: so hieBen die Infanten
— in Purpur Geborne.
84O PALINGENESIEN
piere keine. Er nickte bloB in sein Krawatten-Halseisen hinein,
wenn ihn Burger, mit deren SchweiB er dem Reisewagen wie mit
zerquetschten Waldschnecken die Gelenkschmiere gegeben, de-
miitig gebogen gruBten und tief den Hut abnahmen: er dankte
wenig, weil er aus dem altern Plinius (H. N. XXVIII. 6.) wufite,
daB man den Kopf vor Hohen entbloBe, nicht um ihren zu ehren,
sondern um den eignen abzuharten und zu starken. Mit Vergnii-
gen seh' ich, wie Patrizier und GroBe mehr fur das Kiihlen und
Stahlen gemeiner Kopfe, die es auch mehr brauchen, sorgen als
fur das der ihrigen. — »Morgen«, sagte Kokeritz noch zum Neben- 10
mann, »wird Sturm gelaufen; aber vorher gen* ich noch, wie ihr
Nurnberger sagt, aufs Landlein, auf den Dutzendteich.« —
»Der weiB wahrlich um die Grafm!« ruft der erfreuete Leser
aus; aber wie sehr wird es ihn erst erqukken und bestarken, wenn
ich ihn benachrichtige, daB der Patrizier eine gestickte Weste um-
hatte ! — Nie sah ich eine schonere : auf einen schwarzen Grund
der Nacht waren graue Sternbilder getuscht, deren zertragne
Sternchen silbern eingestickt aus ihnen flimmerten. Die drei Friih-
lingszeichen, der Widder, der Stier und die Zwillinge, saBen auf
dem Vorlegewerk seines innern peristaltischen Gehwerks umher. 20
Es war zwar nichts zu machen, weil er fortlief ; aber ich hatte
den Sonntag: mein Vorsatz war, den Dutzendteich und ihn auf-
zusuchen und als Westen-Mouchard meine alten Fragen iiber
sein steilrechtes auBeres Zwerchfell an ihn zu erlassen.
Der Leser nehme doch die Kette von Mitteln ins Auge: - erst-
lich vom Teiche kam ich auf den Patrizier - dann auf das Treib-
haus der Weste - dann auf den Fleischer- endlich auf das Hebe Kind.
Ich tat Sonntags friih wie Jupiter mir selber einen Schwur, daB
ich Montags, wenn ich einmal Georgetten hatte, mich eifriger
iiber die zweite Auflage und iiber Leibgebers logischen Kursus 30
hermachen wollte. Der feine SchieBpulverstaub soldier Kleinig-
keiten treibet uns mit mehr Gewalt als das kornige Pulver groBer
Triebe; und wie reiBende Tiere leichter zu bezwingen sind als
Insektenschwarme, so ist der Sieg iiber diese kleinen (und stiind-
Hchen) Versucher schwerer und besser als der Sieg iiber die gro-
Ben und jahrlichen.
SECHSTER REISE-ANZEIGER 84I
Nach dem Essen knopft' ich mich am letzten April in die April-
weste und ging zum Tor hinaus nach dem Dutzendteich mit einer
Brust voll Hoffnungen. StuB tat noch ein paar dazu, indem er
bei seinem vorigen Meister nach der Emigrantin zu fragen ver-
hieB, weil er dadurch einem neuenHausieren nach ihrerWohnung
zu entgehen dachte.
Herrn von Kokeritz fand ich auf dem Dutzendteich, namlich
im Wirtshaus darneben: alle Welt war da, besonders die gelehrte,
die schone, die groBe, und stand freundlich in Konjunktion oder
10 doch im Gedritterschein und tanzte recht. Kokeritz tanzte um
jede, aber mit keiner. Unter der Warme der Freude wurden bald
die steifen Sitten biegsam, und sogar zwei Kappleinmacher und
drei Peitschleinmacher hatten das Herz gliicklich zu sein; aber
Kokeritz war zu verdorben, um eine andere Freude zu achten als
die scheinbare. Er tat vor zwei Weisheiten die Armeineinander und
die Beine auseinander und packte die Reichsstadt an, ihren Man-
gel an Welt, ihren OberfluB an Zeremonien usw. Das litt ich
nicht, ob ich ihn gleich iiber die Weste zu fragen hatte. Ich reise
zwar nie durch eine Universitat, ohne mich am iippigen Stolze
20 der kraftigen Junglinge zu ergotzen und sie mit der Baumwolle
zu vergleichen, bei welcher ebenfalls das Auflaufen unter dem
Auspacken das Zeichen einer jungen frischen ist; aber ungemein
komm' ich in Harnisch, wenn ich den vornehmen Voyageurs und
ihrem Aufblahen einer welken schlaffen Jugend begegne, und
wenn ich sehen muB, wie der bose Feind diese Ritterpferde - wie
Zigeuner andere diirre - vorher, eh* er sie zu Markte reitet, durch
Aufblasen in beleibte umsetzet, als ware Wind Luder. - Ich er-
klarte daher, ich ware zwar selber aus Paris, fand' aber den Cha-
rakter Nurnbergs moralischer als den des Jahrhunderts; ich pries
30 besonders drei Dinge: den Zimmer-Purismus der Leute - weil
Reinlichkeit, FleiB und Eingezogenheit und Mobeln-Ordnung
Ordnung der Triebe ansagt, wie wir an Briten, Hollandern und
Deutschen im Gegensatz der Franzosen sehen -, ferner ihre frohe
Emsigkeit - und endlich sogar ihre Hoflichkeit, die freilich bei
wohlwollenden Menschen furchtsam und bei eingezognen (we-
gen ihres seltenen Gebrauchs) etwas steifschettern ist, indes Welt-
842 PALINGENESIEN
leute sich einander vielleicht bloB darum so leicht und frei be-
handeln, weil sie einander wenig lieben und achten. Niemals,
setzt* ich dazu, tut man der Reinlichkeit, der Emsigkeit und dem
Zeremoniell mehr Unrecht als in der Jugend. Kokeritz meinte,
ich persifliere, und wollte parlieren: aber ich parlierte nicht,
weil ich glaubte, da die Deutschen aus Hoflichkeit in Paris
unsere Sprache reden, so miisse ein Franzos in Nurnberg ihre
sprechen.
Noch immer bin ich nicht bei der Weste; aber der Leser sieht,
daB der Patnzier unter die Menschen gehort, die sich wie Maus- 10
gift mit jedem Metalle vermischen, und die wie gewisse Bilder
(z. B. die Affen im Plafond des japanischenTempels zu Sanssouci)
jeden anzublicken scheinen, der sie anblickt: solche Leute, die
aus Schwache leichter die Freunde ihrer Feinde als ihrer Freunde
sind, gewinnt man durch Versaumen am besten, und man fallt
ihnen in den Riicken, wenn man ihnen setnen kehrt. Wenn er et-
was logisch festsetzte, stieB ich es um. Ich sucht* ihm zu nahe zu
treten durch die wahre Behauptung, daB man sogar in Paris, wenn
man die hochsten und die tiefsten Stande auf beiden Seiten weg-
nehme, einen mittlern voll hauslicher arbeitender Eingezogenheit 20
iibrig behalte. Endlich focht er die Gottlichkeit der weiblichen
Apokalypsis an und sagte, die Franzosinnen schienen, was die
Deutschen waren, und nur die deutsche Wange, nicht die Seele
errote (wie der rote Wein sich nicht durch die Traubenfulle, son-
dern durch die gepreBte Hiilse farbt). Ich sagte mit mehr MaBi-
gung, als ich von mir erwartet hatte : eine Deutsche miisse nicht
bloB die Tugend, auch den Schein derselben haben - wie ein Kur-
furst nach Frankfurt, gesetzt er ware selber da, doch seinen Re-
prasentanten vom ersten Rang zur Wahl abschickt -, aber eine
Franzosin sei, wie Bolingbroke den Swift nennt, oft eine umge- 30
wandte Heuchlerin und sei tugendhaft, ohne es zu scheinen! Er
replizierte seufzend : umgekehrt war's ihm Heber.
BloB aus meinem Zorn iibef den eingerunzelten Gecken, der
im Wirtshaus zum glatten Elegant, wie ein eingeschrumpfter
Apfel im luftleeren Raum zu einem glatten, auflief, haben die
Kunstrichter es herzuleiten - und sonst aus nichts -, daB ich mich
SECHSTER REISE-ANZEIGER 843
an den Ort, wo Semler die elendesten Werke durchlas, begab,
um, wie ich pflege, da die besten zu machen. Der satirische Ab-
leger und Absenker jenes Zorns und dieses Orts - es war ein
syrisches Schreiben tiber den Wanderungstrieb der Edelleute -
wird den Leser am Ende des Kapitels als das zweite Werk in
Niirnberg erwarten.
Allein als ich wieder hineinkam, war der Patrizier gegangen,
aber nur zu Scruff. Lesern, die nie auf dem Dutzendteich herum-
fuhren, ist vielleicht die Nachricht lieb, daI3 man das kann, und
10 daB Gondeln am Ufer hangen, mit denen man als mit Brust- und
Schwanzflossen unter andere Leute schwimmt. Kokeritz bestieg
eben eine und lieB nicht sogleich abstoBen, da er mich kommen
sah: ich war ihm eben durch meine Kriege zu merkwiirdig ge-
worden, als daB er nicht uber mich eine Ovation - wobei er das
Schaf machte - hatte erhalten wollen. Wir bestanden das Fahr-
zeug. Ich hielt mich lange neben dem gestickten Tierkreis seines
Rumpfes still und schielte die Weste nur an, bis ich sah, daB ers
auch tue im Wasser...
Damit die Kunstrichter nicht glauben, sie gewohnen mir meine
20 Extrablatter ab, so will ich auf der Stelle folgende Bemerkung
und dadurch ein kleines machen:
Die Madchen und gewisse Herren finden in jeder Sache cinen
Spiegel, gleichsam ein aus Folie und Glas bestehendes BewuBt-
sein des auBern Ichs, in jeder Fenstertafel, vor der sie voriiber-
gehen, im Kaffee ohne Sahne, im Dutzendteich, in allem, was
poliert und geschliffen ist, ja sie kiissen oft ein Auge, um sich
darin zu spiegeln. Madchen tun es, weil sie sich fur verfinsterte
Sonnen ansehen, die man am besten in Spiegeln observiert; Her-
ren setzen sich wie Fliegen gern auf Spiegel, weil sie, wenn sie
30 reden, daran denken, wie es Lavater macht. Der Ziircher sieht
namlich unter seiner Kinderlehre unaufhorlich das schwachste
Gesicht an, das er in der Kirche auftreibt, bloB um sich darnach
den andern faBIich zu machen. Der Spiegelseher glaubt ebenfalls
fur die Gesellschaft verstandlich zu sein, wenn er sich nach dem
mattesten Gesicht, das er darin kennt, nach seinem eignen im
Spiegel richtet und einzieht. Hat er keinen, so betrachtet er mit
844 PALINGENESIEN
Pfauenaugen seine FtiBe. Oberhaupt nimmt in unsern Tagen die
Kurzsichtigkeit so zu, daB die feinsten Leute nur die nachsten
Gegenstande, welches sie selber sind, erkennen und sich in Zim-
mern voll glanzender Wesen bloB auf das nahe Gebiet ihres Ichs,
auf ihre Glieder und Kleider einzuschranken genotigt sehen. So
weit mein Nebenblatt. -
Endlich war es Zeit, daB ich mich der astronomischen Weste
ernsthaft naherte und iiber sie die Bemerkung machte, daB ein
solcher Doppelmayerscher Stern- Atlas (ein gutes Wortspiel, denn
die Weste war Atlas) jungen Madchen mehr als der Sternen- 10
himmel das astronomische Studium erleichtere, weil ers mehr ins
Enge ziehe; »ich wollt',« setzt* ich dazu, »ich war' auch ein seidner
Sternenkegel !« - »Die Weste ist nicht ganz ubel«, sagte der Pa-
trizier. - »Allerdings ist sie ubel,« (fuhr ich fort und zielte auf
die getuschten Zwillinge und Tiere) »wenn die Sonne durch sol-
che Friihlingszeichen geht und warm macht : wo ist nachher der
echte Adonis vernalis, hier oder hier?« (Ich zeigte auf unsere bei-
den Zwerchfelle.) Und nun muBt' ich im gleichgiiltigsten Ton,
der zu haben war - er sollte die fortlaufende Signatur des vorigen
bekommen — , schnell fragen: woher er das Ding habe. »Von der 20
Grafin Georgette«, sagt* er zweideutig und hoffte, ich verwech-
selte sie mit einer deutschen. Es kam mir sehr zustatten, daB ich
kalt fortfragte, als wollt' ich seine Antwort erganzen -: »von der
beim Metzger — ?« ... In der Uberrumpelung sollt' er den Namen
des Metzgers anschienen; aber nun sehe der Leser mein jetziges
Gliick und meine vorige Einfalt: Georgettens Mietsherr hiefi nur
Metzger und war keiner. »Ja, eben die beim Drechsler Metzger«,
sagte der Zodiakustrager verdriiBlich. Ich war gleichsam ahnend
von jeher alien Geschlechtsnamen, die etwas bedeuten, feind, z. B.
Hofmann, Edelmann, Zimmermann, Seiler, Richter: wie schon 30
hingegen ist einer von gar keiner Bedeutuhg, z. B. Goethe, Her-
der, Leibniz, Jakobi, Kant!
Nun war ich durch das ganze krumme Souterrain meines Laby-
rinths hindurch, und der blaue Himmel stand vorn an der OfF-
nung: denn wenn ich am Montag den Boten unter seiner ganzen
Gewerkschaft herumfragen lieB, war mir da nicht die Kleine be-
SECHSTER RE1SE-ANZEIGER 845
schert? - Mit einem um 120 Pfund leichterem Herzen - ebenso-
viel wiegt auch mein ganzer Korper, welches meine kiinftigen
Biographen wissen miissen - stieg ich aus der Gondel und ver-
tauschte die Sternbilder des Patriziers gegen die, welche am Him-
mel entglommen. - Aber wie gliicklich-langsam schritt ich fort!
Wie ahnlich der schwerenBiene, derenMeilenzeigerBliitenbaume
sind, und deren Fracht aus Blumenstaub und Bliitengeist mit der
Lange des Flugs aufschwilltl - Denn es war Sonntag, und halb
Niirnberg war zum Tore hinausgefahren, und die andere Halfte
10 zum Fenster, um jener nachzuschauen - hier zog ein Leiterwagen
mit einer geputzten lachenden Volkerschaft, dort ein dergleichen
Elias-Wagen, der nicht gen Himmel fuhr, sondern davon kam-
Schutzverwandte hatten zu Einsgennachtbiirgern1 die Naturali-
sationsakte bekommen - iiber die Hallerwiese, den Judenbiihel,
die Johannisfelder miissen mehrere Menschen geflattert sein als
Abendschmetterlinge - und jede Frau, die ein Kind im Hause und
ein Gemus-Beet im Stadtgraben hatte, ging mit jenem um dieses
und besah den Segen Gottes .... Ich begebe mich mit meinen
Traumen zwar gern in jedes freudig-klopfende Herz und zahle
20 die schhellern Schlage, womit es wie eine Sekundenuhr den chair
daischen Skrupel des Lebens, der Vioso Stunde betragt, genauer
und langer teilt - ja ich wtirde mich in ein frohes einquartieren,
und stande ein metallenes Ordenskreuz als Drehkreuz davor -:
aber noch tausendmal lieber eil' ich in eines hinter Sackleinwand;
.erfreulicher und inniger ist nichts als die ehrenvoll errungne
Lustbarkeit eines emsigen gutmiitigen Volks - ohne Argwohn
und Arglist sind jubelnde Plebejer mit aufgeschlossenem Herzen
so kunstlich wie die Blatter der Pflanzen nebeneinander gestellt,
daB sie Licht und Tau des Himmels vereint auffangen und sich
30 einander nichts verbauen - und ungleich der bewolkten Jugend
der GroBen ist die gemeine heiter und warm, gleich dem Friih-
ling des Wetters, der unter alien Jahrszeiten die trockenste ist —
Nie setzt die Lethe alle Gedachtnissaulen defer unter Wasser
1 Eins gen Nacht heiCet die Stunde vor dem Tags- und TorschluB; Eins-
gennachtburger heifien aus Scherz die Handwerker, die sich vor der Sperre
noch ein wenig auBer den Mauern belustigen.
846 PALING EN ESI EN
als in folgenden drei Traumen: im Dichten — im Freuen - und
im Traumen. Ich lag, glaub' ich, in alien dreien auf einmal, denn
ich vergaB und iiberhorte den Garaus, dann die blasenden Hor-
ner auf den Toren, welche die Sperre verkiindigten — und mit
Miihe vernahm ich die Feierglocke um neun Uhr.
Unter dem Lauten kroch ich zum Hallerturlein in die Stadt
gegen drei Kreuzer EinlaB- oder Inseratgebuhreri. Aber welche
Hollenfahrt nach dieser Himmelfahrt! Ich wuBte nicht, wo die
Mausfalle war. Ich hatte zwar das Seuttersche Sbozzo und Kata-
strum von der Stadt bei mir, aber ich konnte nichts darauf sehen. 10
Es waren keine Laternen angezundet, erstlich weil man den Friih-
ling - zweitens das erste Viertel hatte - drittens weil auch im
Winter und Neumond keine angezundet werden, ausgenommen
in den wenigen Gassen, wpriiber einige hangen - und viertens
weil es nicht notig ist, sondern iiberflussig. Denn die eigentliche
StraBenbeleuchtung geschieht von innen aus den Hausern heraus:
die Gassen sind enge gebauet, und noch dazu ist an jedes Haus
auBen ein Reverberier-Spiegel befestigt und in jedes innen ein
Talglichtj so daB alle StraBen, zumal enge und dunkle, durch die
Lichter entgegenstehender Hauser (wenn die Fensterladen offen 20
sind) nicht nur eine ganz gute Erleuchtung erhalten, sondern eine
\vohlfeile dazu, da die Einwohner noch nebenbei damit ihre Stu-
ben erhellen und die Zimmerbeleuchtung ersparen, wie in man-
chen welschen S tad ten die brennenden Kerzen auf Altaren zu-
gleich statt der Laternen und den Heiligen dienen. Und bei einer
solchen gemeinschaftlichen Illumination durch fiinftausend Hau-
ser oder Stuben-Reverberen wiird* ich, das bekenn' ich, die et-
wanigen Gassen- Reverberen, so wenig ihrer sind, als OberfluB
und Luxus (zumal unter dem alles kalzinierenden Kriegsfeuer)
wieder ausblasen und ausschneuzen, wenn ich hinauf konnte. 30
Ich komme zu meinen korperlichen Verirrungen zuriick, die
allezeit groBer sind als meine biographischen. Hat wohl je, ich
bin' es mir zu sagen, irgendein Burggraf, ein Losunger, ein jun-
ger Patrizier, ein Reisediener, ein Brandenburger sich so haBIich
und so spat verirret wie ich? Kam er wie ich (er sag' es frei) zum
Hallerturlein hinein und dann in die Negeleinsgasse - dann auf
SECHSTER REISE-ANZEIGER 847
den Geiersberg - dann in die Irrergasse — dann in die Hintere Full
- darauf in die Vorder Full - und dann doch zuriick ins Hunds-
gaBlein - und von da geradeaus auf den Milchmarkt? Und wenn
er von seiner Unwissenheit oder von seinen Leidenschaften so
falsch gefuhret wurde, kam es mit ihm immer so weit, daB er sich
in die Elenden-Gassex verlief, ohne zu wissen wie, und aus ihr
herauskam, ohne zu merken daB? - Denn so ging es mir.
Zuletztwurd'ich sozusagenvon einemSackgaBchenoderReyh-
lein eingesackt: der Stubenschein einer ganzen lichten Haushal-
10 tung schlug mir ins Gesicht. Ich blickte naher in die voile ge-
schwatzige Grubenzimmerung von Stube: statt des Bergschwa-
dens und Arsenikkonigs saB Kokeritz darin, und statt der Berg-
knappen arbeiteten spielende Kinder, auf dem Magen liegend,
und stellten ein reicheres Pembrokisches Docken- oder Puppen-
Kabinett um sich, als der Armut dieses Erdgeschosses anzustehen
schien. Kurz, es konnte ja der Drechsler Metzger sein, dacht' ich.
Ich trat eilig hinein. Ober Kokeritz' Angesicht krochen jetzt so
viele haBliche wurmformige Mienen und verkiirzte Teufelchen
als uber Callots verzerrtes Blatt von Antonius' Versuchung, denn
20 es war die Wohnung des langgesuchten Mietsherrn Georgettens.
Kokeritz stand voll Langweile vor dem Drechsler und muBte sich
mit nurnbergischen Meistergesangen ansingen lassen. Metzger
hatte gerade ein Loblied auf Niirnberg (von Rosenbliith 1447
gedichtet) im Mund - er farbte dabei eine weiBe Taubin schwarz,
damit der pechschwarze Tauber sich mit ihr paarte und nicht
mehr nach ihr hackte - und rezitierte eine Strophe, die gefallen
kann, wenn man gegen zwei oder drei Zeilen nicht zu streng ist:
O Nurnberg, du edle Fleck,
D einer Ehren Bolz steckt am Zweck,
30 Den hat die Weisheit daran geschossen,
Die Wahrheit ist in dir entsprossen.
Nichts ist mir angenehmer - zumal da es jetzt seltener ist - als
Stolz und Liebe eines Burgers fur seine Stadt. Der Drechsler, auf
1 In den meisten alten S tad ten sind »EUnden-Gassen«y weil elend sonst
soviel bedeutete als fremd.
848 PALINGENESIEN
dessen poetisch-zerstreuetem Gesicht keine Aufmerksamkeit auf
die lauten Kinder und kein Argwohn gegen den hinterlistigen
Herzen-Purschmeister Kokeritz zu lesen war, dauerte mich mit
seinen verzettelten poetischen Blumenlesen. Ich hatte daher kaum
gesagt,ich hatte michverlaufen und konnte nicht in dieMausfalle:
so kam ich sogleich, urn dem Rhapsoden einen freudigen Ge-
danken zuzuwerfen, mit dem Appendix nach: »Es ist das Haus,
worin sonst der gute Hans Sachs wohnhaft war, den ich fur den
groBten Meistersanger hake, den vielleicht Niirnberg in seinen
Kirchen horte.« 10
Hastig fuhr er iiber die ganze Taube mit einem breiten Pinsel-
strich und versetzte: »War denn unser Urur-Herrlein1 vor den
Kopf geschlagen, namlich der beriihmte HerrAmbrosius Merger?
Er war ein Magister, aber der Hans Sachs war nur em Schuster.
Hat nicht mein Urur-Herrlein die Weber-Kratzen-Weis8 erdacht,
so in acht Reimen besteht, und die Cupidinis-Handbogen-Weis,
so schon ihre guten sechzehn Reime hat, und die HeiBtranen-
Weis mit einundzwanzig Reimen samt der Krummzinken-Weis
mit ihren dreiundzwanzig Reimen, desgleichen die verschalkte
Fuchs - Weis mit gar vielen Reimen und die Fett-Dachs - Weis mit 20
noch viel mehrerern ? - Herr, vom Magister Metzger ware viel zu
sagen. Was meine Wenigkeit anlangt, so weiB es mein Gesell,
dafi ich in der verschalkten Fuchs -Weis zwei, drei Stollen ab-
singen kann, und mache dabei keinen Bock, weder riihrende
Reime3, noch schnurrende1, noch Klebsilben &, noch Lind und
Hart6 und dergleichen. So ist es.«
Ich betriibte und erfreuete mich zugleich iiber den reichen Bil-
1 Herrlein nennt man da den GroBvater.
2 In Wagenseils Comment, de civitafe Noribergensi steht eine deutsche
Abhandlung iiber die Meistersanger, worin (p. 534 etc.) dieser Ambrosius 3°
Metzger, welcher Lehrer am Gymnasio Aegidiano in Niirnberg war (p. 547),
mit den obigen sonderbaren Namen seiner Erfindungen unter andern
Meistersangern auftritt.
3 So hieflen die Handwerksstatuten der Meistersanger solche Reime wie:
Ieben und eH.eben.
* Falsch verkiirzte: z. B. gborn statt geboren.
5 Der vorige Fehler.
6 Reime wie Knabe Kappe - Meel Oel. Die jetzigen Dichter konnen sie
wagen.
SECHSTER REISE-ANZEIGER 849
dungstrieb einer vom Schicksal infibulierten Seele, die auBer den
holzernen Figuren noch poetische zu machen strebte. - »Sucht
man« (sagt* ich, aber wahrlich wohlwollend) »in Niirnberg Seine
Verse sehr, Meister, singt Er oft?« - »DaB Gott erbarm,« versetzt'
er, »so oft als die arme Taube da. In der Kathrinenkirche war
sonst wohl jeden Sonntag Singschule - aber jetzt ware in der
ganzen Stadt kein Merker1 fur Geld zu haben. Es ist scblecht
genug, zumal wenn es Leute in der Stadt gibt, die >Kranz-Ge-
winnen werden konnten, wo nicht >K6nig-Davids-Gewinner<.«a
10 Es mag mich nun die Begierde, dem armen Meister eine Freude
zu machen, oder die Natur der Sache selber auf die Ahnlichkeit
zwischen den jetzigen grassier enden Poeten und den Meister-
sdngem geleitet haben: genug die Ahnlichkeit wuchs mir unt;er
den Augen, und ich konnte sie Metzgern zeigen zum Trost. Jedes
wissenschaftliche Gehirn, das nur so groB ist wie das Hirsenkorn,
worein Kallikrates einige homerische Verse eingrub, und dem
wenigstens kein geringerer Inhalt eingekratzet ist als dem Hirsen-
korn, weiB es vielleicht ohne mich, daB gute Gedichte, gleich den
alten, vollkommen sind - ohne Bilder, ohne Feuer, ohne Herz,
20 ohne groBen Inhalt - bloB durch reine leere Darstellung, durch
Objekdvitat, so daB eine Borussias oder ein Heldengedicht, wor-
in statt eines Elefanten der ganze Elefantenorden agierte, keine
groBere poetische Vollkommenheit annehmen kann als eine -
Flohiade.9 Die grazisierenden Dichter bestatigen noch mehr sei-
nen Satz. In der Tat sind sie gleich den agyptischen und ersten
griechischen Tempeln leer und ohne Bilder (der Gotter) - ihre
1 Merker hieBen die vier Manner, die in der Kirche um den Meistersanger
saBen, und wo von der erste acht gab mit der Bibel vor sich, ob der Sanger
dagegen verstoBe — der zweite, ob er im Metrum bleibe - der dritte, ob er
30 recht reime — der vierte, ob er recht singe. Jeder bekam fur seine Recension
zwanzig Kreuzer.
3 Hatten alle diese nichts zu erinnern, so wurde dem Preiserwerber eine
Kette aus Pfenningen umgehangen, deren mittelster den Konig David mit
der Harfe vorstellte: der, welcher das Akzessit erhielty gewann nur einen
Kranz aus seidnen Blumen.
* Pasquier faBte auf einen Floh, der auf dem Busen des Frauleins des
Roches saB, etwas ab ; und so machte jeder von den anwesenden Gelehrten
sein Gedicht auf den Floh, der eine ein spanisches, der andere ein griechi-
sches usw. Diese Blumenlese wurde gedruckt.
85O PALINGENESIEN
poetischen Federn gleichen den Schreibfedern, womit wir alle
arbeiten, welche desto besser schreiben, je kahler sie befiedert
sind — daher werden jetzt poetische Gewachse (nicht wie sonst
durch heilige Begeisterung und Wut, sondern) wie Friihlings-
gewachse durch braven Frost gehoben, und gerade die Dichter,
die uns heben, wissen uns (nicht wie sonst zu entflammen, son-
dern) abzukiihlen, wie Handwerker, welche steigen, bei Feuers-
briinsten loschen miissen - und den Wind und das Wasser^ die
Orpheus durch seine Verse im Laufe einhielt, miissen die jetzigen
bewegen, wenn nicht enthalten. 10
Ich wiinschte wohl, die jetzigen Kunstrichter untersuchten
ernstlich, ob nicht die Meistersanger im lobenden Sinne Meister-
sanger waren, und ob ihre so kiihlen bilderfreien und stofflosen
Gedichte nicht jene reinen Darstellungen ohne alien Inhalt (den
wenigen Sinn ausgenommen, der von Worten nicht zu trennen
ist), kurz, ob sie nicht jene Vollendung in sich tragen, nach der wir
ringen, und die viele Griechen wirklich erreichten. Es sollte mich
wundern, wenn unten stehende Strophe aus einem auf den Tod
eines Markers gesetztem Gedicht1 von M. Ambrosius Metzger
1 Ich ziehe sie aus Wagenseil S. 555 aus. Sie ist in der Clius-Posaunen- 20
Weis, die in siebzehn Reimen besteht.
Tobias Martin dieser hieC, (namlich der gestorbne Merker)
Welcher ein Bosamentirer gewesen,
Dann er auch wohl verstund difi,
Doch konnte er vor den Tod nit genesen,
Als man neun und zwanzig Jahr schriebe klar,
Da wurd' er geboren auch,
In diese Welt, wie uns solches bekentlich:
Er wurde auch nach rechten Brauch
Von Kindheit auff zu der Schul zogen endlich, 30
Darin so lernet er fleiBig fiirwar.
Als er nun drei und zwanzig Jahr wurd alt,
Da begab er sich in den Ehestand bald,
Zeigt darinnen ailf Kinderlein
Mit zweien Weibern, davon ihr noch zwei leben,
Ein Sohn und eine Tochter fein,
That sich auch in die dritte Eh begeben,
Lebet friedlich mit sein Ehgatten zwar. -
Wo ist hier Schwulst oder nordischer Bilderschwall? Wo spricht hier der
Dichter selber? Mit reiner Griechheit und mit volliger besonnener Herr- 40
schaft iiber sein Feuer stellet er blofl das Objektive dar. Einige vera] tele
Worte abgerechnet, die wir in jeder Messe zu den allerneuesten machen
SECHSTER REISE-ANZEIGER 85 I
ganz unglucklich ausgelesen und ohne alle Wirkung auf feine
Leser ware.
»Meister Drechsler,« sagt' ich, »Meistersanger und Gesellen-
sanger singen jetzt iiberall, aber freilich nicht in Kirchen, sondern
in Buchladen. War sonst das Musenpferd ein Niirnberger Pferd-
chen von Holz, das mit geruchlosen hellen Blumen iibermalet
war, und das als Schwanz ein kurzes Pfeifchen ausstreckte, den
flotenden Reim: so hat man jetzt bloB das Pfeifchen ausgezogen
und die Blumenstucke abgewischt, das holzerne RoBlein steht
10 noch da. - Merker stehen in alien Buchladen, heifien aber Rezen-
senten und bekommen wie die Jury und das Konklave nicht eher
etwas zu essen, bis sie entweder gerichtet oder gekronet haben.« ■
Unter demDiskurse konnt'ich tiefere Blicke in die elysaischen
Felder der Stube werfen. Sie war eine gleiBende, gebohnte, ge-
waschene, bevolkerte Villa voll weiblicher Kunstwerke, eine vol-
lige Hofhaltung einer regierenden Hausfrau, Metzger schien nur
die Krone, sie den Zepter zu tragen. Der GroBvater oder das
Herrlein schnarchte im GroBvaterstuhl unter den olympischen
Spielen der Kinder. - Der Geselle hobelte eine holzerne Bauerin
20 zur galanten Frau hinauf, indem er das iiberflussige Rockblatter-
Holz abraspelte. - Auf dem Schiefertische multiplizierte der alte-
ste Sohn die Einwohner Nurnbergs mit sich selber mit Kreide
und erlustigte sich am breiten Multiplizierexempel voll Nullen. -
Hinten am Ofen stand der funkelnde Nordschein der kupfernen
»Prangkuchen«, d. i. Prunkkiiche, und der Backtrog erhielt eine
gelinde Warme auf morgen. Der Patrizier kroch um die rustige
redselige Meisterin wie ein O.hrwurm um die Nelke und machte
immer, daB sie sich lobte: »Ich knete alles selber«, sagte sie, »und
lasse keine Magd uber den Backtrog.« Man sieht, er wollte mit
30 ihr als mit einer Zuckerzange Georgetten fassen. Aber die Kinder,
die ein buntes Brett voll holzerner Konige und vornehmer Leute
vor sich hatten, kamen immer storend und baten sie, den Vater
zu bewegen, daB er die Vogel hineinliefie. »So tu es nur«, sagte
konnen, ware das Stuck in einen Musenkalender tauglich, besonders da seine
kiihne'n Versetzungen mit den jetzigen noch kuhnern leicht zu decken sind,
z. B. mit der Trennung des Genitivs vom regierenden Wort.
852 PALINGENESIEN
sie zum Alten, der sogleich willfahrig und ohne zu wissen, was
er tat, die Vogelbauer herabnahm. Die Kinder hiapften und
schrien: »Die Vogel! die Vogel !« Aber die Mutter lieB nichts
machen, bis die Kinder vorher mit dem »Fatscheinlein« (dem
Schnupftuch), das sie reichte, gearbeitet hatten. Nun hatten die
Leser Augenzeugen des Jubels sein sollen, welchen die Kleinen
erhoben, als der Drechsler ein Pfortchen am SteiBe eines jeden
Mitgliedes der holzernen Korporation aufzog und in eine Figur
nach der andern einen Vogel statt der Seele springen HeB und sie
dann mit dem Sphinkter zusperrte; - aber den hochsten Grad 10
erstieg die Lust, da vollends der Konig - worein er einen Zaun-
konig gelassen, damit der Zwerg-Insasse in der Figur heftiger
arbeitete - und der Dompropst - weil er der dickste war, muBte
ein Dompfaff oder Gimpel hinein - und der Minister mit einem
Stern - von einer hackenden Kohlmeise bewegt - und viele
Kammerherren — mit ihren inwohnenden Spatzen — und eine
Konigin mit ihren zwei Hofdamen - welches Kleeblatt man zu-
sammengeleimt und durch innere Kommunikationsgraben so
weit ausgehohlet hatte, daB sie alle drei von einem Vogel, einem
Starmatz, zu regieren waren, und daB die Hofdamen allzeit, wenn 20
der Bauchredner etwas sagte, wie die Konigin zu reden schienen
ich sage, die hochste Lust entstand, da diese groBe (obwohl
kleine) Welt, von ihrem Gevogel beseelt, mit den Kopfen schiit-
telte, damit nickte, dann krachzete und plapperte, die Arme und
Beine regte, Schnabel statt der Zungen gegeneinander ausstreckte
und kurz alle Lebensbewegungen vermittelst der Konklavisten
so niedlich nachmachte, daB die Kinder glaubten, alles sei leben-
dig und wahr. - Ein unschuldiger SpaB, sobald man nur das in-
haftierte Gefiugel bald wieder herausfangt! Bei der Gottin
des Glucks! sollte man denken, daB die Maschine, womit die 30
hohern Stande ihre Gliickseligkeit weben, aus so vielen Stiicken
wie ein Strumpfwirkerstuhl zusammengesetzt ware, namlich aus
drittehalbtausend, wenn man sieht, daB man in den niedern nichts
dazu braucht als eine Stricknadel und ein Knaul?« -
Ich horchte eben nach der Alten hin, die unter dem Puppen-
spiel zweimal zum Patrizier gesagt hatte: »Sie schlaft wahrlich:
SECHSTER REISE-ANZEIGER 853
sahen Sie denn Licht ?« - als plotzlich mein StuB mit hereinge-
kehrtem Gesicht um das Fenster und in die Stube rannte und rief :
»Ich suche Sie in der ganzen Stadt, Herr Graf vom Bataillon: hier
sitzt sie bei meinem Meister.« - Die ganze Stube staunte. - »Die
Grafin Georgette ?« (sagt* ich) »es ist meine leibliche Tochter« -
und sah den Patrizier an. StuB war schon vorher dagewesen und
hatte alles erfahren. Der Drechsler zog wie ein Merkur die Seelen
oder Vogel aus ihren Leibern. Kdkeritz sah mich - denn ich bliihe
- skeptisch an. Dem Miitterchen gab ich den PaB, es sollte ihn
10 hinauftragen, damit ich vor sie konnte. Das alte Herrlein wurde
unter uns Tumultuanten wach und konnte sich in nichts finden.
Die Alte trippelte fort und verhieB, zu wecken. Der Tierkreis-
trager ritt mit den Augen um mich und den- Boten rekognos-
zieren.
Endlich tat die Mutter wieder die Tiire ein wenig auf und rief
mich hinaus. DrauBen sagte sie mit eiliger Beredsamkeit, »Geor-
gette lese den PaB und schlafe nicht - sie brenne nur aus Armetei
kein Licht - sie sperre sich vor Sr. Gnaden (Kdkeritz) ein, der ihr
fiir seine Weste statt der Bezahlung ein grofies Geschenk geben
20 wolle - sie nehme aber nichts - sie sei bettelstolz und esse lieber
Wassersuppen, als daB sie bettle.« - In einem Atem lobte und
tadelte sie, und zwar beide Personen zugleich. Ich flog vor ihrem
Lichtchen voraus ins dunkle Stiibchen, um dem Madchen durch
drei Worte den Aufschrei des Schreckes zu ersparen, daB ich ein
Fremder sei. Sie lief im Finstern auf mich zu und rief umarmend :
»0h, mon pere, mon pere cheri!« - Mich erweichte und er-
schreckte der schone Irrtum der Liebe, und ich ernahrte ihn durch
den Doppelsinn der Anrede. Aber wahrend ich in der hochsten
Not in alien Gemachern meines Gehirns herumgriff nach einem
30 Doktor Fausts-Mantel, nach einem Gyges-Ring, der mich un-
sichtbar machte : wahrend diesen Noten wurden sie noch tausend-
fach erhoht und ich noch naher besehen und beleuchtet erstlich
durch das Licht und zweitens durch den gestirnten Narren, die
beide die Treppe heraufkamen.
Mitten in unserer Eile mussen wir uns doch alle einige Minu-
ten bei den Ursachen aufhalten, die den Verderben drohenden
854 PALING ENESI EN
Schwanzstern, den Patrizier, iiber den Horizont heraufzogen.
Drunten in der Drechslersstube hatte dieser Unglucksstern aus
Argwohn, wahrend die Mutter drauBen mehr Worte als Schritte
mit mir machte, den nicht sonderlich gewandten StuB, der weni-
ger vom Argus als von dessen Weidetiere an sich hatte, listig ab-
gehort. StuB ging verlegen herum und an eine abgelaufene Wand-
uhr: »Nur aufgezogen !« sagte Kokeritz, denn es war eine Vexier-
uhr. Als der Hornrichter das Uhrgewicht, so gut er konnte, aufzog
und sein Gesicht (worauf er mehr Gedankenstriche hatte als hin-
ter demselben Gedanken) wartend gegen das Zifferblatt zukehrte: 10
so zersprang es in zwei Fliigelturchen, und ein herausprellender
Fuchsschwanz legte sich iiber sein ganzes Gesicht. Im Zuriick-
fahren und Zuriickschaudern rief er mich bei meinem wahren
Namen zu Hiilfe; und als man ihn dariiber befragte, gab er das
responsum prudentis, er habe nur den Grafen von dem Bataillon
gemeint. Der Friihlingszeichen-Trager und Zeichendeuter mut-
maBte sofort, hinter der Sache stecke etwas, und ich sei ein Spitz-
bube wie er und weniger der Vater als der Galan der Grafin -
worin ihn mein jugendliches belebtes Ansehen nur noch mehr
bestarkte. - 20
Der Leser gehe nun mit mir wieder in den feurigen Ofen zu-
riick, worin ich brenne. Das Licht und Kokeritz als ein neuer Ein-
heizer standen auf der Schwelle. - Aber in der Angst kann man
nicht nur mehr als sonst schleppen, sondern auch erfinden. Ich
zog mit der Rechten den von ihrem Vater abgeschickten Facher
mit dem Bilde ihres Liebhabers aus der Tasche - indes ich mit der
Linken ihren Kopf immer so an mein Herz andriickte, daB sie ihn
daran nicht aufheben und mich beschauen konnte - dann faltete
ich mit den Fingern den Facher auf und deckte ihn aufgespreizt
vor mein Gesicht, hielt ihr aber die Innenseite mit dem des Lieb- 30
habers vor und lispelte ihr wahrend meiner Unsichtbarkeit und
ihrer Anschauung in die Ohren: »sie entgehe den groBten Ge-
fahren von seiten des Patriziers, wenn sie sich fur meine Tochter
nur so lange ausgebe, bis er fort sei ; denn ich hatte bloB Bestel-
Iungen von ihrem Herrn Vater an sie.« - Die Arme, die in dieser
Minute ihren Vater verlor, prallte mit einem: »Q mon Dieu« zu-
SECHSTER REISE-ANZEIGER 855
nick - kam, als sie mich ansah, einer Ohnmacht nahe, die ich
mehr ihrer durftigen entnervenden Diat als meiner Physiognomie
beimesse, und setzte sich schwankend und gebrochen nieder. Ich
sehe die Hebe kurze diinne blasse, etwas spitznasige Figur noch,
wie sie dort sitzt und mit dem Facher sich anfangs der Ohnmacht
wegen und nachher des Zornes wegen frische Luft zutreibt. »Hef-
tige Bewegungen sowohl der Freude als des Schmerzens«, sagt*
ich zu den Zuschauern, »grirfen sie schon in der Kindhek bei
ihren feinen Nerven heftig an.« - »Beide?« fragte Kokeritz.
10 Nun war ich hauptsachlich verbunden, so viel Lausewenzel zu
rauchen, bis diese Blattlaus tot vom bliihenden Gewachse vor
mir herabfiel. Ich stellte die Patentpomade auf den Tisch - schlug
meinen Grafen-PaB auseinander, damit der Patrizier einen neu-
gierigen zufalligen Blick hineinwiirfe - und sagte kalt: »Ist Ihnen
etwas von mir oder von meiner Tochter beliebig?« - »Ah,« sagte
der zweideutige Filou, »c'est done votrefille, ou a peu-pres?« -
»Comment, ou a peu-pres?« sagt* ich mit einem Mischling von
Neugier und Zorn auf dem Gesicht. »Parceque je Tai cru votre
soeur ou a peu-pres«, versetzt' er. Georgette fing an zu weinen
20 und sagte - ich weiB nicht ob zu ihm oder zu uns beiden — : »Vous
dechirez mon coeur et mon honneur.«
Jetzt muBt' ich entsetzlich toll uber den Patrizier werden -
erstlich um einen ordentlichen aufprasselnden Franzosen zu ma-
chen - zweitens weil ichs wirklich war, da er mich und sie, eine
doppelte Unschuld, zugleich anfiel - und drittens aus folgendem
Grund. Am Tage der Verlobung - der Vermahlung gar - macht
man bei dem ersten fremden Madchen, auf das man trifft, mit
einem besondern Gefuhle die Entdeckung, daB es einen Unter-
schied zwischen Liebe und Freundschaft gebe, und daB das ganze
30 weibliche Geschlecht, das man sonst in seine Augen, wenn nicht
in seine Arme zu fassen suchte, eingelaufen sei auf eine -; wird
nun einem Manne das seltene Gliick zuteil, das ich am Sonntag
hatte, eine ungemein zartliche Empfindung, aber von einer Gat-
tung, welche nicht mit der ehelichen Liebe kollidieret - wohin
elterliche zuerst einschlagt — , fur ein liebes Herz, das unter einem
Shawle schlagt, aufzubringen und festzuhalten : so setzt er sich,
856 PALINGENESIEN
ungeachtet der ehelichen Lebenswarme, in die laue Abendsonne
eines so milden Gefuhls so lang und breit, als er nur kann, hinein
und riickt immer aus dem Schatten. Die kindliche Liebe, womit
sich das erschrockne Lamm an meinen Hals gehangen, machte
vaterliche in mir natiirlich und rege; und mit groBerer Erbit-
terung als sonst exerziert' ich die hohe Gerichtsbarkeit uber Hals
und Hand an jenen Spitzbuben, welche die niedere an den scho-
nen weiblichen Halsen und Handen iiben, jene Perlenfischerj die
den lieben Wesen, wie Perlenmuscheln, nur die Perle, namlich ihr
Herz oder gar ihre Ehre, ausbrechen, um sie nachher leer und 10
wund auf die Perlenbank zuriickzuwerfen.
Kurz ich tobte folgendermaBen:
Gleich einer losgezundeten Pulverschlange fuhr ich in der
Stube herum und sagte: »Peste! - Herr, Sie kennen meine Toch-
ter nicht — Glauben Sie, weil eine Emigrantin Ringe macht, daB
sie alle annimmt? — Oder daB ich wie der Drechsler drunten die
heilige Geistes-Taube schwarz anfarbe fur eine Muhammeds-
Taube wie Sie? - O hatten wir uns nur auf anderem Boden!
- Ah qu'est-ce-que de nous! - pilles en France, deshonores en
Allemagne - nous sommes tour-a-tour en proie aux Vendeurs 20
de la chaire humaine et aux Anthropophages, qui la dechirent.a1
Die arme Georgette konnte, ob sie gleich nicht wuBte, wer ich
war, doch ihren Erinnerungen an die Wahrheit dieser Klagen und
ihrem weinenden Herzen nicht wideistehen und machte mich
dadurch wilder und weicher zugleich.
»Monsieur,« (fing ich mit einem ganzen Vorrat von Atem an)
»Sie sind hier in diesem Zimmer - Sie sehen meine Tochter -
Sie sehen ihren Vater und dessen Glatze, den Beweis seiner Jahre
- Sie lieben, hofT ich, die Tugend« ... »0 qu'oui,« sagte der
Spitzbube, »mais j'aime encore plus les femmes qui la logent.« 30
- Da Georgette aufstand, konnt' ich nur eilig zu ihm sagen:
»DiabIe!« und kehrte mich gegen sie und nahm ihre kleinebebende
Hand und sagte: »Recht, traute Tochter, begib dich zur Ruhe -
du bist ein Engel, aber ohne Himmel - traume von einem -
morgen komm' ich wieder, Beste! - Was gibt es noch?« schrie
1 Vendeur de la chaire humaine heiBet ein Seelenverkaufer.
SECHSTER REISE-ANZEIGER 857
ich, als der Patrizier ans Fenster ging und Geld aufzahlte. »Ich
will bloB Mademoiselle fur die Zwillinge bezahlen«, sagt' er mit
persiflierendem Tone und zeigte auf seine. Entsetzlich aufge-
bracht sagt* ich voll Milde: »Das ist etwas anders. Den kleinen
Kastor und Pollux auf Ihrer Weste wollen wir selber gegenein-
ander im GroBen machen und friedlich heimziehen,« und fassete
dabei stark genug seine Wachshand in meine Gotzens-Hand -
ich bin nicht schwach - wie in eine Kompressionsmaschine und
fiihrte ihn unter zu warmem Pressen derselben zur Tiire hinaus.
10 »Sind Sie«, fragt' er zornig auf der Treppe, »ein Richter?« — »In
Sachen meiner Tochter« - antwortet* ich absichtlich in die Quere
und verdoppelte mit der Quetschform den Druck der Hand -
»kann ichs sein; und die Graf en waren und hieBen ja bei Ihren
alten Deutschen allzeit Richter.« Mein Bote kam aus der Stube,
und so zogen wir drei aus dem Hause - und vorbei war der Ietzte
April.
Aber noch ergluh* ich, wenn ich daran denke. Es wird fur uns
alle ein Kiihltrank sein, wenn ich hier das syrische Schreiben
iiber den Wanderungstrieb der Edelleute und Patrizier gebe.
20 Siebenkas erzahlt namlich S. 484, er sei in Haleb sehr verdrufi-
lich mit einer Windbuchse auf dem Dache umhergekreuzt und
habe bloB aus VerdruB, als die Mittwochspost (eine Bruttaube)
gerade uber seinen Kopf wegflog, die Brieftragerin herabgeschos-
sen - er habe darauf die Post beraubt und ihr das an die Schwanz-
federn gebundne Felleisen abgeschnitten - und die Briefschaften
hatten in einem Briefe bestanden, den ein Monch aus einem Klo-
ster der Stadt an eine Nonne in einer fernen Gasse geschrieben,
um ihr Naturgeschichte beizubringen. Die Nonne machte der
Inspektor dadurch zu einem Studenten, der Kollegien aussetzt,
30 um auf seine nachgeschriebnen Hefte durch hiatus sogar die Ge-
stalt des Altertums zu pragen.
Aus Mangel an syrischen Lettern kann ich den Lesern das sy-
rische Schreiben nur in meiner schlechten Obersetzung geben:
• denn Syrisch ist meine Starke nicht.
858 PALINGENESIEN
»Liebe Tochter!
Der Prior kam gestern von Jerusalem zuriickgeritten, ich fragte
ihn aber nicht gern um das dictum vexatum, weil er so miide
war, daB er nicht mehr sitzen konnte, wie sein Esel auch. Die
zwei italienischen Spitzbuben sind eingefangen: der eine hatte die
Tiirschlosser1 in Brand gesteckt,um einzubrechen,und der andere
hatte, als seine Braut mit zugeleimten Augen vor ihm saB, ihre
Habseligkeiten unter seine verpackt und damit fortgewollt. — So
giftig sind die Menschen, wohlriechende Palme meines Lebens!
Aber ich und du sitzen im Schatten der Ruhe und unter dem ro
Himmel der Frommigkeit und schauen das Antlitz der Erde an,
aus dem ihr Schopfer wie eine freundliche Seele hervorsieht; be-
sonders sind viele Zitronenbaume an meinem Zellenfenster schon.
Wir miissen aber in unsrer Naturgeschichte heute fortfahren.
Wir habens schon gestern gehabt, daB Gott in die Vogel den
Trieb der jahrlichen Wander ung eingesenkt, hernach in die vier-
fuBigen Tiere und auch in die Heringe — heute kommen wir auf
die Edelleute und die Reichen. Der Trieb zur Wanderung offen-
baret sich bei ihnen erst in ihrem dritten Jahrzehend und halt sich
an keine Zeit, wie auch Feldmause und Heuschrecken oft zu zie- 20
hen anfangen, ohne daB ein Mensch weiB warum. Ein alter Prin-
zenhofmeister sagte mir, wenn man im dritten Jahrzehend einen
Edelmann einsperrte — z. B. in eine ritterschaftliche Bibliothek,
wo es warm genug ware, oder in ein Burgverlies -, so wiird' er
seine Zeit wissen und traurig werden und hinauswollen; und lieB'
man ihn dann doch nicht nachFrankreich und Italien ab: so wiird*
er wie jeder Zugvogel sich unbeschreiblich alterieren. Denngleich
den Vogeln miissen die Strich- und Zug-Menschen der Warme
wegen aus dem kalten Eng- und Deutschland in die warmen
Stadte in Siiden gehen, weil sie schon in den Zwanzigern wissen, 30
wie wehe das Alter tut. Ich muB dir sagen, Orangenbliite des Her-
zens, daB man sonst mit Miihe kaum im siebzigsten Jahre alt
wurde, daher wenige ihr Alter erlebten: jetzt aber erleben die
meisten ein schones hohes und ehrwiirdiges Alter, weil es friiher
kommt, bei sehr vornehmen Leuten schon in der Jugend, und
1 In Haleb sind nach Russel die Schlosser holzern und die Turen eisern.
SECHSTER REISE-ANZEIGER 859
Prinzen wird es angeboren; daher sie gleich nach der Geburt
schon Ordensbander und andere Wurden des Alters gern be-
kommen. Ungemein gesund ists, sagt Haller, die Jugend zwar in
einem kaltern Klima zu verbringen, das Alter aber in einem war-
mern.
Gottesfiirchtige Naturforscher gebens auch noch fur eine be-
sondere Wohltat fur notdiirftige Lander aus, daB - so wie die
Heringe vom Nordpol oder doch von dem Meersboden zu den
Hamen der Hollander und Franzosen heraufreisen mussen, um
10 von selbigen teils eingesalzen, teils gerauchert zu werden, weil sie
Holland jedes Jahr mit einem Gewinst von einer Million Taler
absetzt - daB gleicherweise vornehme und reiche Sonne durch
einen besondern Naturtrieb gezwungen werden, nach Paris, Mar-
seille, Neapel und die umliegenden kleinen Hauser zu gehen, um
dort von tausend armen Menschen gefangen und aufgezehrt zu
werden. Und wie an den blitzenden Schuppen der Heringsfischer
nachts leieht abmerkt, wohin er seine Netze zu werfen habe : so
sind die Geldstiicke solche silberne Schuppen des Zug-Menschen,
die man nachher abschuppt wie an Spiegelkarpfen, und durch die
20 man sehen kann, wo man Fischreusen und Hamen hinzuhalten
habe.
Du muBt es noch von gestern wissen, daB die Zugvogel in war-
men Landern nicht briiten, erstlich weil wirs hier in Syrien sehen
miiBten, zweitens weil sie sonst in Europa mit abgemausten und
abgeniitzten Federn und mit Jungen zuruckkamen, welches doch
nicht ist. - Aber die Zug-Junker und Zug-Kapitalisten briiten
in den fremden Landern stets; sie bringen zwar keine Jungen
nach Hause1, aber an der Mause ihrer Haut ists zu sehen. Daher
sind die wiederkehrenden Lerchen fett, Strich-Menschen aber fal-
jo len bei ihrem Wiederstrich so mager aus wie die verdorrte Hand,
die der Mann im vorigen Evangelio am Arme hatte.
Einige Naturforscher berichten, daB viele streichende Patrizier
1 Der franzosische Add, der uns jetzt die Gegenvisite macht, kann - so
wie er eigentlich seinen ersten Ursprung von den Franken hat - auch seinen
neuesten von seinen jetzigen Wirten haben, die sonst seine Gaste waren;
und das gallische Freudenland, durch welches so viele deutsche Lehne offen
wurden, kann uns jetzt vielleicht mit Lehnsvettern nachhelfen.
860 PALINGENESIEN
ein giftiges Herz mitbringen, in welchem viel Unkeuschheit und
Gottesleugnung1 sein soli; aber Ferber bezeuget ja gleichfalls, daB
auch die Wachteln in Neapel nach ihrer Ankunft acht Tage lang
giftig sind, daB aber die Wachtel von jeder Wochnerin zu essen
ist, wenn sie mit Korn gefuttert worden. Wahrscheinlich schwit- .
zen auch die Streichmenschen ihren Gift auf einem gesunden
Boden aus.
Es wird zu wenig bemerkt, daB der Wanderungstrieb nicht
bloB den norwegischen Bergmausen eingepflanzet worden - da-
mit sie durch ihr hartnackiges Fortsetzen des geraden Weges 10
ihren Untergang finden -, sondern auch vielen Wanderungsmen-
schen, die vielleicht, ohne ihre Neigung zu krummen Wegen, der
Erde lang beschwerlich waren: so aber reiben sie sich bequem
selber auf, und die Lungensucht, die oft auf SchifFen verloren
geht, wird in Reisewagen leicht gewonnen.
Das sonderbare Phanomen, warum - da doch bei Mausen,
Heringen, Vogeln die Weibchen mitgehen - nur die Normanner
und nicht die Norweiber nach Paris durch Instinkt getrieben
werden, wie man etwan nach Europa nur Papageienmannchen
und keine Weibchen einbringt, erklar' ich so:...« 20
Die Konklusion hatte der Inspektor zerschossen.
Die meinige besteht in den Fragen: wenn die vornehmen Wei-
ber sich ohne die groBe Tour ausbilden, warum ists den Mannern
unmoglich? - Kann die Riickfracht zweideutiger Kenntnisse wohl
die Stationsgelder, die Diaten, die Spesen, den Schwindel und
das Ekeln von der Bewegung und die Gefahr des Halsbrechens
1 Ich halte diese Verleugnung bloC fur eine Verehrung: in den hohern
Standen ist die Achtung fur den Namen des Unendlichen so groB, daB
niemand ihn - wie die Juden den Namen Jehova - unter Leuten und aufler
dem Kirchenstuhl zu nennen wagt; und wie die Juden dafur lieber Adonai, 30
Elohim usw. sagten, so weicht man jenem Namen (auch in Schriften) durch
Natur, Schicksal, Materie, Himmel, Gotter aus. Ja wie die Hebraer den
Jehova nur in der keiiigen Stadt, in Jerusalem, aber nicht in den Provinzen
aussprechen durften: so lasset man umgekehrt in einer Residenzstadt - der
unheiligen Stadt — den gottlichen Namen nicht gern iiber die Zunge gehen,
sondern lieber in fernen Landstadten; und nach dem Abdruck dieses Buchs
kann der Name gar schon auf die Dorfer verlegt sein.
SIEBENTER REISE-ANZEIGER 86l
bezahlen? - Sollte man nicht wenigstens mehr reisen, um ver-
nunftiger, als um verniinfttg zu werden, und friiher in die Bucher -
und in die Jahre dazu - als in die Lander kommen und sich wie
die Bienen auf dem Flugbrett, vor dem Ausflug nach Honig, erst
die Augen saubern ? — Konnte man nicht Leuten von Stande, die
ihr Geld auBer Landes verspielen, vertrinken, verh... und ver-
fressen, und die ohne einen Heller Abzugsgeld in die Invaliden-
kasse sich in das Invalidenhaus hineinleben, es zur Pflicht machen,
im Lande zu spielen, zu h. . ., zu blasphemieren und zu verschwen-
10 den? - Und gilt mein Ausfall auf die Reisen, die nur sonst durch
die Schwierigkeit und Entlegenheit derKultur gerechtfertigt wur-
den, nicht auch mit alien seinen Griinden gegen die Universi-
taten? —
SlEBENTER REISE-ANZEIGER
Fata: die epistolarische Expektantenbank - der Geburtstag und die Ver-
sohnung
Werke: Habermanns logischer und geographischer Kursus durch Europa,
von ihm selber ganz summarisch dem Erbprinzen der MilchstraBe
vorgetragen
20 Es ist wahr, die Nebelflecken unsers Schicksals, die als Wolkchen
in unserem Himmel stehen, teilen sich? wenn wir naherkommen,
in Sonnen auseinander; aber am neuen Orte erblicken wir wieder
neue Nebelflecken - ich meine, wenn ein Mensch immerhin Geor-
getten gefunden, besitzt er denn darum Briefe von seiner Frau
oder von Siebenkas in Wetzlar? - Ja die Entwickelungen im Leben
sind nur feinere Verwickelungen : Kokeritz, der in den Friihlings-
zeichen des Stiers und Widders stand, konnte mir nun durch
seine Nachforschungen eine gerichtliche zuziehen, ob ich wirk-
lich Georgettens Vater sei. Meinen PaB hatte sie, und um den
3o wahren hatt* ich erst nach Hof geschrieben. Die Patrizier lassen
ohnehin gleich den Fursten - und ungleich dem Kaligula - die
Gesetze so ne/annageln, daB zwar sie oben auf ihren hohen Thro-
nen solche unmoglich - denn Kapitalbuchstaben erscheinen ihnen
nicht groBer wie Perlschrift - lesen und mithin auch nicht halten
862 PALING ENESI EN
konnen; aber das Volk unten muB sie befolgen, weil es die Let-
tern vor der Nase hat. UnchristHch konnten, wenn sie wollten,
die Patrizier mit mir wegen des Passes umspringen.
Ich komme nun zu dem Teil meiner Historie, der den ersten
Mai enthalt - welches der Montag nach dem letzten Aprilsonntag
und nach dem ersten Courtag bei Georgetten ist. - Ich muBgleich
anfangs berichten, daB ich den ersten Mai aus dem Bette stieg und
daraus einen Kopf voll halbseitigem Kopfweh und eine Brust voll
heiBer, schon von Traumen angefangner Sehnsucht nach Her-
minen mitbrachte. Der erste Mai war ihr Geburtstag. StuB muBte 10
sogleich in die Zehische Buchhandlung nach Briefen laufen.
Eh' ich vor den Lesern das aufmache, was der Hornrichter aus
der Buchhandlung brachte, will ich ihnen beschreiben, wie ich
mich acht Posttage vorher achtmal in die Hohe richtete und mein
eigner Troster wurde: denn jetzt war StuB das neuntemal ge-
schickt.
An den zwei ersten Posttagen hatt* ich gar nicht schicken sol-
len ; ich sagte zwar vorher: »Man kann nicht wissen«, - und nach-
her, als StuB ledig kam: »Ich konnte mirs vorstellen«; aber dieses
voreilige Schicken saete meine Ungeduld zwei Tage zu friih, die 20
am dritten Posttage, wo sie erst hatte in die Erde kommen sollen,
schon aus ihr aufging.
Dennoch sagte ich das drittemal vorher bloB : »Heute ists doch
eine Moglichkeit«, und nachher; »MogIich ist darum nicht wirk-
lich.« - Am vierten Posttag sagt' ich freilich, als der Bote wieder-
kam : »Lang* Er den Brief her«? und da er keinen hatte, sucht' ichs
nicht zu glauben. - Am funften Post- und Fasttage nahm ich zum
Troste an: »Sie kann den Brief bloB eine halbe Stunde zu spat
auf die Reichspost gegeben haben.« - Am sechsten schnitt ich
schon im voraus mein Inneres fur beide Moglichkeiten zu - wie 30
eine Schwangere die Kinderhemden fur beide Geschlechter - und
hielt mir als Beruhigung vor: »Natalie wollte vielleicht eine Zeile
mit beischlieBen und wurde freilich nicht zeitig fertig.« Aber ein
Trost, den man sich vor dem Unfall zubereitet, wirkt dann in
demselben nicht so viel, als hatte man ihn darnach ersonnen. Die
philosophischen Trostgriinde sind liberhaupt nie von groBerem
SIEBENTER REISE-ANZEIGER 863
Nutzen als in grofiem - Gliick, weil sie durch das Versprechen
der leichten Erduldung kiinftiger Leiden die HofFnung seiner
Dauer und einen GenuB ohne Sorgen gewahren.
Am siebenten kritischen Tage erwartete ich absichtlich keinen
Brief, in der Hoffnung, der Erfolg werde mich angenehm wider-
legen. Die Welt sieht, wie ich mich in die Welt einzufiigen weiB,
und wie ich gleich Tasso sogar funkelnde Katzenaugen zu Nacht-
lichtern meines Kerkers verwende. Aber da mir der Zitterfisch,
StuB, mit seinem leeren Gesicht den elektrischen StoB des Schmer-
10 zes gab: so machten sich jetzt die herzudringenden Sorgen die
wehrlose Stellung meines Herzens zunutze und brachten ihm
schwere Stichwunden bei : »Meine Hermine«, sagt' ich, »ist gewiB
krank - ich darf ja nur ihre Umstande bedenken und ihre Qualen
durch mich dazu - ich kann wohl durch meine letzte dumme
Schreiberei alles wieder umgestoBen haben, was in ihrer verge-
benden Seele aufgebauet war.« - Die siebenundzwanzigkopfige
Binde, die ich um diese Wunden legte, bestand aus dem Gedan-
ken, daB in der Nacht schon wieder das Felleisen ankomme, und
daB ich morgen selber in der Zehischen Buchhandlung nach dem
20 Briefe fragen wolle. - Es war mir, als hart* ich ihn schon. Ich
hofft' ihn dadurch gewisser noch zu erpressen, daB ich die con-
tenta meiner Antwort im voraus leicht hinwarf und wie in der
Baumschule im Herbste die Locher fur die Baume grub, die im
Friihling hineinkommen sollen.
Aber ob ich gleich in Person bei Herrn Zeh nachfragte, es war
doch heute nichts gekommen - ja StuB gestern nicht: der Mensch
hatte das katechetische Ringrennen satt bekommen. Eben das
nahete meine Wunde und Hasenscharte wieder zusammen: ich
konnte mich erstlich an den Boten halten und ihn zum Frostab-
30 leiter meines Fieberfrosts gebrauchen, zweitens konnt* ich diesen
achten Posttag, da gestern nicht gefraget worden, ohne Unbillig-
keit fur den siebenten anrechnen. Wahrlich etwas oft erwarten ist
arger als es einmal verlieren : zumal da diese Bewegung der Seele,
ungleich andern geistigen und korperlichen Oszillationen, welche
durch die Zeit zur Ruhe kommen, gerade durch diese in Schwung
gerat.
864 PALINGENESIEN
Endlich erleb' ich hier mit alien Lesern den neunten oder kriti-
schen Tag (den ersten Mai), wo ich den Hornrichter mit der aus-
driicklichen Drohung fortschickte, er sollte etwas mitbringen,
sonst glaubt* ich, er sei wieder hinter die Schule gegangen. -
Wahrhaftig er brachte etwas. Siebenkasens Hand und Siegel war
auf dem Paket, das doch mit der Baireuther Post gekommen war;
er hatte bloB das Blattlein beigelegt: »Nachstens mehr und alles. -
Ich gewinne. - Sieh einmal meinen ewigen Leibgeber !« -
Leibgeber hatte namlich in der Literaturzeitung etwas von der
zweiten Auflage der teuflischen Papiere gelesen; er ging daher in 10
seine Miinzstatte und schmolz seinen »Iogischen und geographi-
schen Kursus durch die Welt« - an welchen ich mich so oft ma-
chen wollte - selber ein und um und schickte dem Inspektor diese
zweite Auflage, worin fast kein Wort von der ersten steht. In
drei Minuten soil der Leser den Kursus haben: man lasse mich
nur vorher bemerken, daB ich nicht wuBte, was ich vor Freude
iiber den Kursus und den bartigen markigen Wildenmann, den
ich auf so viele biographische Harzgulden pragte und noch
prage, anfangen sollte. Uber die Ahrenlese fur mein Buch ver-
schmerzt' ich ein wenig das MiBjahr an Briefen; ja ich fing an zu 20
prophezeien, Hermine gedenke mich mit etwas Sonderlichem zu
iiberraschen; und sah nun den Vorhang der Zukunft fur keinen
eisernen mehr an, der in Drurylane die Zuschauer von dem
Schadenfeuer der Biihne absondert, sondern fur einen schon be-
malten, der einige Minuten das Zusammenschieben der schim-
mernden Dekoration verdeckt. So steir ich meinen Himmel stets
voll glanzender Meteore, und selten, wie andere, voll wasseriger.
1st denn nicht in unser Leben, wie in den Zitz, nur der UmriB
durch feste Formen gedruckt, und sind nicht die Blumen erst
vom Menschen selber in die leeren Raume einzumalen? — 30
Hier ist Habermanns Kursus, denn so nennt sich Leibgeber in
den Teufels-Papieren.
SIEBENTER REISE-ANZEIGER 865
Habermanns logischer und geograpkischer Kursus durch Europe
von ihm selber gan% summarisch dem Erbprin{en der Milchstrafie
vorgetragen.
Wie sich der Kardinal Richelieu in kranken Stunden fur ein
Pferd ansah - ob er gleich selber Frankreich zu einem machte,
und zwar zu einem Pack- und Filialgaul — , so halt' ich mich von
Zeit zu Zeit fur den Prinzenhofmeister des Dauphins der Milch-
strafie und gebe daher dem jungenMenschen geographische Stun-
den. Die Klarheit dieser Vision ist wunderbar-stark und ohne
10 Schwedenborgs wache' Visionen fast unerklarlich; - ich stehe auf
dem Sirius da, der Hauptstadt unsers Nebelflecken ', und messe
statt der irdischen sechs FuB reichliche sechs Erddiameter* und
einige Meilen, und mein goldgelbes Kopfhaar hangt neben Bere-
nicens Haar in den Himmel hinunter und wird von Sternkundi-
gen als Kometenschweif praeter propter ausgemessen - die Land-
stadte der MilchstraBe, die Sonnen, liegen um den Hofmeister
und Eleven deutlich herum samt den nachsten eingepfarrten Dor-
fern, den Erden.
Dieses physiologische Meteor, das ich naher beobachtet und
20 gemustert wiinschte, ist ein auffallender Zwitter von Vision und
Traum, der mich allemal an meinem Geburtstage von eilf bis
zwolf Uhr beschleicht und beherrscht, eine Borsenstunde, wo
ohnehin den Geistern die Amsterdamer Borse der Erde ofFen
steht. Warum aber gerade in diesem Jahre die Vision so hell und
lang war, daB ich dem Infanten die geographischen Elementar-
kenntnisse der Erde in der leichten Einkleidung meines Reise-
journals angenehm, obwohl auBerst fragmentarisch beizubringen
vermochte - das kam daher, weil ich in Bremen war und im da-
sigen Bleikeller der Domkirche eine ganze Stunde lang als eine
3P Vexierleiche auf einen reisenden kritischen Redakteur und Litera-
1 Ein Nebelfleck, d. h. ein zusammengehoriges Reich von Sonnen, sieht
naher wie eine MilchstraBe aus. Herschel halt in unserem Nebelflecken oder
in unserer MilchstraBe und Sternenschicht den Sirius ftir die regierende
Sonne der andern Sonnen.
2 Leibgeber wurde gewiB auf den Traum einer solchen gigantischen Sta-
tur bloB durch Lavaters seinen gebracht, daB wir nach dem Tode uns un-
endlich ausdehnen und zusammenziehen konnen. Aussichten in die Ewig-
keit. II. 11.
866 PALINGENESIEN
tor lauerte, der alle lebende groBe Gelehrte besieht und alles, was
tot, aber erheblich ist. Ich brachte den Kuster durch ein Kopf-
stuck und ein Fettmannchen dahin, daB er dem Literator weis-
machte, im Bleikeller sei unter den konservierten aufgedeckten
Leichen1 auch der alte niedersachsische Spottvogel Liscow be-
findlich (fur diesen woUt* ich mich ausgeben) und sitze so rot,
frisch und konservieret da, als wenn er lebte, gleichsam als ob die
Natur seinem Korper die Unsterblichkeit auszahle, die seinem
Namen bei dem vergeBlichen Publikum entging.
Wahrend dem einsamen Passen auf den Literator traumt* ich 10
mich aus dem dunkeln Gewolbe auf den Sirius vor den Erbprinzen
des Nebelflecken.
»Gnadigster Herr,« redete ich ihn an, »heute haben wir Geo7
graphic Da in meiner groBen Tour so viel davon steckt, als Sie
notig haben: so brauch' ich Ihnen bloB die Tour zu geben. -
Vorziiglich vier letzte Dinge bringt ein Reisender von seiner
Laufbahn zum Berichten nach Hause: seine Reisehollen mit ihren
Vorhollen - seine Reisehimmel samt den Vorhimmeln - seine
Videnda oder Visa - und seine Corrigenda (d. i. was ihm in den
Stadten, wodurch er passierte, gar nicht ansteht und was sie bes- 20
sern miissen).
Meine Reisehollen Ihnen abzuschatten, Gnadigster, hatte wohl
nur ein Dante in seinem Hollenzwang im Vermogen: denn jeder
Tag legte eine frische Erbse in das Fontanell meiner Plage, damit
es offen bliebe. Schon vor mir ist es von mehrerern Reisenden
bemerket worden, daB man unterweges nichts umsonst bekommt,
und daB man nicht wie die Morgenstunde und Quecksilberarbei-
ter* Gold im Munde haben muB, sondern in der Hand: was ist
aber das gegen meinen Judenschutz und meine Tiirkensteuer, von
mir an Juden und Tiirken, namlich an Wirte abgetragen, die nie 30
mit doppelter Kreide schrieben, sondern allzeit mit Kreidenber-
gen? MuBt' ich nicht in Karlsbad einen Gulden fiir den bloBen
Garderobeschliissel geben, wofiir ich am Beichtstuhl fiinf Lose-
1 Im Bleikeller bleiben Leichen hundert Jahre Iang unverweset und ohne
Geruch und Anderung: sogar aufgehangne Truthiihner.
1 Einen Dukaten haben sie als Giftfang des Quecksilbers im Mund.
SIEBENTER REISE-ANZEIGER 867
schlussel hatte erstehen konnen? MuBt' ich nicht im Nenndorfer
Bade meine Strafgelder erlegen, bloB weil ich den Hut ungemein
hoflich abgezogen - desgleichen in Grosselfingen1, bloB weil da
keine andern Rate votierten als lustige? - Und welche Summen
von Einfuhrzollen oder Sperrgeldern liegen nicht von mir in
Leipzig und Wien, die ich da nachts entrichten miissen, ehe man
mir die Stadt und darauf mein Logis aufmachte, indes der Janus-
tempel die ganze Nacht in Europa ofTensteht! - BloB weil der
Passagier keine Familie mithat, die ihn Geld kosten konnte, boh-
10 ren lauter durstige Wesen in ihn die Saugeriissel, wie man den
• Miittern im alten Mazedonien die Milch durch Schlangen und an
andern Orten durch Hunde nehmen lasset. -
Ich lasse einige hundert Vorhollen aus und merke nur Hollen
an: wie wenig Achtung erhalt man unterwegs, bloB weil man
unbekannt ist! Wie wird man angeschnauzt von Grobianen, an-
gefuhrt von Betrugernl - Die Pariser z. B. hingen mir einen
teuern SchoBhund auf, dessen Haar zwar im Alter und Kummer
die Farbe hielt - weil sie falsch war -, aber nicht im Bade, und
den ich, als er abscheulich aus dem Schwenkkessel ausgestiegen
20 war, nirgends los wurde als in Kopenhagen durch einen Ostin-
dienfahrer, der ihn gratis und ohne mein Wissen einschiffte. -
Und welchem unablassigen Wechsel von Sitten stellet man einen
fixen Pilger bloB ! von Tirol an, wo man ihn duzet, bis nach Hol-
land, wo man sogar seine EfTekten ihrzet! - Was soil ein Passa-
gier sagen, wenn er ein franzosischer Hund genannt wird - in
Hessenkassel, weil er keinen Zopf, und in London, weil er an
dessen Statt einen Haarbeutel und oben daruber seinen Regen-
schirm tragt — , oder wenn er ausgehungert wird - in Polen am
Schabbes, wo die Juden nichts hergeben als einen Christen zum
30 Aufwarten -, oder ausgetrocknet - sowohl in Calais als in Dover,
weil die feinen Weine, die er auf dem Kanal unter der Seekrankheit
stehen lieB, am Ufer dem SchifFsvolk zusterben -, oder verflucht
1 Im Nenndorfer Bade ist Hutabnehmen verboten. In Grosselfingen (im
Hechingischen) halt man jahrlich ein Narrengericht, wo die in Harlekine
verkleideten Einwohner jedem Fremden eine Strafe diktieren durfen. Blo3
die Kleidung des Gerichts ist dabei auffallend und ungewohnlich.
868 PALINGENESIEN
gehudelt — unter dem herrlichen Brandenburger Tor in Berlin,
weil er ein gesiegeltes billet-doux, von einer hohen Person an ihn
gerichtet, bei sich fuhrt und er vor Gericht nicht gern gestehen will,
daB er das Billett selber auf der vorletzten Station an sich geschrie-
ben -, oder unerwartet examiniert - in einer wurtenbergischen
Nachmittagskirche, wenn er zufallig wahrend der Kinderlehre
unter stammigen katechetischen Bauernpurschen steht undihm
der Pfarrer, der ihn darunterzahlt, die Frage vorlegt (ich vergesse
sie nie) : wie vielerlei gibt es Himmel was soil da, sagt* ich,
ein Pilger sagen? 10
Ich meines Ortes sagte eben das, worauf ich jetzt komme: es
gibt viele Reisehimmel und Vorhimmel, worin man sich ganz er-
holen kann von Reisevorhollen - von harten Betten - weichen
Wassern - gleich Pflugscharen stumpfen Balbiermessern - schar-
fen Wurstschlitten — von schlechten Universitatssitten und eben-
so schlechten Universitatsbieren (jene gewohnlicher bei Profes-
soren, diese bei ihren Zuhorern). - Auf welche Art hatt' ich je
meinen Namen so groB gemacht - ausgenommen, wenn ich ihn •
in den wachsenden Kiirbis des wachsenden Lesepublikums ein-
geschnitten hatte -, als mir auf Reisen'gelang? Hah' ich den Na- 20
men nicht im roten Hause zu Frankfurt auf den Teller gekratzt —
ihn in tausend Fenster gezogen als Steinschneider? - Hab' ich ihn
nicht sitzen lassen im Brockenbuch — im Passagierbuch des Bei-
gangschen Museums zu Leipzig — neben dem Rheinfalle — auf
Schiefertafeln der Wirte im Gothaischen - auf den breiten Stei-
nen des Munsterturms - an hundert Kanzeln neben dem Lavater-
schen - in tausend Intelligenzblattern - auf Millionen Nachtzet-
teln ? — Und wird ein Mensch mit einem solchen allgegenwartigen
Namen je nur einen Kreuzer auf eine Pranumerantenliste pranu-
merieren? — In London hatt' ich sogar den Kardinalshut bekom- 30
men konnen, aber ich gab ihn dem Hutmacher, der acht Guineen
dafiir haben wollte, mit der Bemerkung zuriick, dafiir biete mir
Erfurt den Doktorhut an. - In Holland wurde sogar auf meinen
Korper - den ich nur umhabe wie der holzerne Gliedermann ein
anderes Gewand, damit ich Fallen damit ziehe und schlage —
ein solcher Wert gesetzt, daB mir eine alte Frau den Kor-
SIEBENTER REI SE-ANZEIGER 869
per1 auf einen ganzen Sonntag abmietete, darrrit er mit einer jungen
teils einen Spaziergang machte, teils einen Tanz. - Eine ahnliche
Aufmerksamkeit auf mein AuBerliches schien es zu sein, daB man
mich in Neapel sechzehn Hochzeitbetten3 besteigen HeB, nach-
dem ich vorher mit Fischen bewirtet worden, welche die Lava
mitten im Meere gesotten. - Ja meine Feinde muBten den Harm
erleben, daB ich in der Residenzstadt hier - sie liegt dicht am
Strome, in welchen ich eben den Zahnstocher stecke - unterwegs
am hellen Tage den Thron bestieg. Denn als gerade der Thron
10 ledig stand, weil der Furst, fur welchen er und die Ehrenpforte
gebauet waren, jede Stunde kommen sollte: so wurd' ich dessen
Antezessor und setzte mich darauf und schauete mich um. Aber
Himmel! wie hoch ist ein Thron I Ich sah zu meinen Landes-
kindern herab, und sie kamen mir so abgekiirzt vor wie aufge-
richtete, auf dem Hintern sitzende knuspernde Spitzmause, und
die drei Reichsstande glaubt* ich als drei gemalte Ratzen gleich
der Stadt Arras in meinem Wappen zu fiihren: jede Minute be-
sorgt' ich, ich wurde vor Schwindel aus meinem Mastkorb fallen.
Aber ein maitre de plaisirs nahm eine am Throne hangende Pin-
20 gerons-Brille3 und setzte sie mir auf- gnadigster Herr, wenn Sie
sie einmal aufhaben, werden Sie sagen, daB ich recht habe, und
daB man bei den besten Augen mit ihr auf dem Throne wie auf
einem glattgebohnten FuBboden sitzt und nichts sieht als das
Nachste, den Hofstaat, - so schon ist durchs Glas jede Klaue von
einem Untertan und der ganze untere Schiffsraum des Staats wie
weggeblasen.«
Nun wars Zeit, den kunftigen Zar des Nebelflecken mit dem
kleinen Reich von Aachen, mit der Erde, und mit den Stadten,
die auf diesem Erddorfchen liegen, doch ein wenig in geogra-
30 phische Bekanntschaft zu bringen: denn so winzig dieser hiip-
1 Frau de la Roche erzahlt, dafi gewisse Weiber da Handwerkspursche
zum Tanzen und Spazieren fur Magde mieten und vermieten.
2 Nach Gorani wird der Gast stets in das Hochzeitsbette gelegt.
3 S. Kunststiicke fur Kunstler etc., von Wiegleb iibersetzt, 2. T. S. 188:
Pingeron erfand eine Brille, die feme Gegenstande unsichtbar und nahe
deutlich macht, und durch welche man ohne Schwindel, d. h. ohne Furcht
auf dem hochsten Seile iiber der unsichtbaren Tiefe tanzen kann.
87O PAUNGENESIEN
fende Punkt von Globus auch ist, ein Regent hat so gut uber die
entfernteste Fischer- und Kohlerhiitte zu regieren als uber die
Konigsstadt. Einer, der auf dem Erdglobus selber wahrend der
geographischen Stunde stent, kann die Kugel nicht selber auf den
Schultisch stellen und sie drehen und daran den Kindern alles
weisen - sondern mit einem viel kleinern Globus aus Pappe muB
er auskommen — ; allein ein Instruktor auf dem Sirius, von Wel-
ten-GroBe wie ich und im Besitze eines Eleven, der, wenn er nur
einen halben Kopf langer ist wie sein Hofmeister, dieser kann es
kommoder haben und die Erdkugel selber - ob sie gleich ihres 10
Giefihalses^ des Chimborasso, wegen nicht so glatt wie eine mes-
singeneist-unterderSchulstunde aufstellen undumwenden. Frei-
lich waren so kleine Partien wie Stadte mit bloBen Augen nicht voll-
kommen zu sehen-denndieKugeltiere1 oderErden formiertenihr
Kugelquadrat oder Planetensystem mit so unmerklichen Bewe-
gungen neben uns, daB der Erbprinz dachte, sie standen-; aber wir
hatten ein neues Hofmannisches Sonnenmikroskop, in welches ich
den Erdball mit der europaischen Fagade bloB auf den Objektentra-
ger zu stellen brauchte, und worunter dann meinem Scholaren alle
Stadte meiner Reiseroute mit dem Zahnstocher, den ich leicht 20
darauf herumfiihrte, gut zu zeigen waren. Ein Kronprinz kann
kein System ausstehen auBer das der Attraktion^ keinen andern
Wahrheitsmaler als den Gewandermaler und nirgends eine casa
santa als in einer vergoldeten Lorettokirche : daher hob ich nur
eine und die andere Stadt aus meinem Reisejournale aus, ging
aber - um doch einigermaBen systematisch zu verfahren - die
Stadte alphabetisch durch, wie Foote seine Glaubiger (oder die
parisische Regierung sonst die Rentisten) nach dem Abe bezahlte.
»Ich lege,« ring ich an, »gnadigster Herr, bei meiner europa-
ischen Stadtebeschreibung das Abe und meine groBe Tour zum 30
Grunde und flechte dabei so viele Videnda oder Merkwiirdig-
keiten ein, als ein Ziircher gereiseter Kandidat in dem lateinischen
Reisebericht aufstellt, den er dem Ziircher Konsistorium uber-
geben muB.
1 Sechzehn Kiigelchen oder Tierchen bewegen sich im Wasser unauf-
horlich, und zwar immer in einem Quadrat.
SIEBENTER REI SE-ANZEIG ER 87I
Aachen, das hier liegt (ich setzte den Zahnstocher darauf), hebt
auBer andern Reichs-Palladien die Reichsperiicke Karls des Gro-
Ben auf, die der Magistrat jahrlich fiir zehn Taler frisieren lasset.
Mein Weg fiihrte mich darauf nach
Bern, dessen kleiner Rat den groBen1 spielt und daher 120
Vexier-Landvogteien vergeben darf. Diese Vogteien bestehen
nicht in Landern im Mond oder in der neuen Welt, sondern in
wirklichen eingefallenen Schlossern, wo von noch etwas steht.
Einen ahnlichen kleinen Rat haben die Fiirsten fast in den meisten
10 Stadten unter dem Namen,Stadtmagistrat unter sich, dem man so
gut wie den Landstanden Vexier-Verordnungen, Vexier-Sessio-
nen und Vexier-Inhasiv-Reprotestationen verstattet, damit der
Magistrat sich exerziere. - Der Gasthof zum heiligen Geist, auf
welchem Sie jetzt den Zahnstocher erblicken, liegt in
Koln, worin eine solche kanonische Osteologie ohne BeinfraB
aufgehoben wird, als z. B. die Gebeine der heiligen drei Konige,
des heiligen Engelbert, der 11 000 Jungfern, der Makkabaer —
tausend Heiligen-Schadel gar nicht gerechnet -, daB es ein Jam-
mer ist, daB aus alien diesen Knochen nicht ein lebendiger Mann
20 zu machen ist, oder daB sie in keinem stecken, wie denn ich selber,
als ich durchpassierte, kein heiliges Bein an mir hatte als das Hei-
ligenbein (os sacrum). - Mit diesem Bein reisete ich nach
Dresden, wo ich mir den beruhmten Kirschkern mit seinen ein-
gekratzten fiinfundachtzig Gesichtern notierte. So klein Ihnen,
gnadigster Prinz, ohne das Hofmannsche Mikroskop der Erdball
vorkommt, und Dresden wieder kleiner als Europa, so ist gleich-
wohl der Kern kleiner als alle, beherbergt aber doch in seiner
Bilderblende die gedachte Gesichter-Suite. - Es wurde mir er-
laubt, in der Galerie einen vollstandigen Rahmen zu kopieren.
30 Es war gerade der fiinfte Marz und die zeitige Ausstellung der
Gemalde so wie der Wangen-Blumenstiicke auf einigen weib-
lichen Zuschauerinnen, mit denen ich Bilderdienst trieb. - Aus
der Festung
1 Dieser von Grosse beschriebene und von Rousseau und mir gebilligte
kleine Rat besteht aus Jiinglingen, die durch eine scherzende und ubende
Nachahmung des groBen sich auf eine kunftige wahre riisten.
872 PALINGENESIEN
Ehrenbreitstein fuhr, da ich vorbeiging, statt der bertihmten,
Vogel Greif genannten und bis nach Andernach gehenden Ka-
none bloB ein Loffel heraus, in den ich ein don gratuit fur die
Gefangnen legen muBte. - Ich will jetzt eine Magnetnadel neh-
men und damit liber Europa gehen : so werden Sie wie der Kaiser
Joseph
Ferney finden, worin an der Taube des heiligen Geistes, die
der Rittergutsherr an die Kanzeldecke nageln lassen, wirklich ein
Flugel fehlt. Der Abgang kann den Abgang von Voltairens Fluge
oder von dessen Milde bedeuten, oder gar nichts; der seligeMann 10
war eine alte Lerche, woran, wenn sie auch nicht hoch mehr sang
und stieg, doch die satirischen Sporen immer langer und scharfer
wurden. - Sind Voltaire und die Lerche Bilder der europaischen
Kultur: so frag* ich, obs nicht die Sammlung ge^eichneter Munzen
noch mehr ist, die im Miinzkabinette zu
Gotha liegt und 27000 wirkliche Taler kostete. - Merkwiirdig
ist mein numismatisches Projekt, das ich als Plus- und Plurimum-
macher bei der Reichsversammlung eingab, daB das Reich dem
Mangel an Kammerzielern und andern Reichs-Intraden steuern
wtirde, wenn dasselbe - da die Franzosen jedes Pfund ihrer ab- 20
getragnen Bastille so teuer wie ein Pfund Rindfleisch absetzten -
ebenso statt anderer Guter die Staatsgefangnisse zerschlagen und
die Kerker pfundweise (eine unermeBliche Stein- und Silber-
grubel) an Steinschneider und in Stufensammlungen und in die
Ringe (statt daB vorher die Ringe in den Kerkern eingemacht
waren) kauflich abstehen wollten. - Noch stimmt man, ob tiber
das Stimmen zu stimmen. - Drehen Sie die Erdkugel mehr rechts
gegen. den Fokus, so sehen Sie leicht
Hofim Voigtland, wo Ihr Hofmeister auf einem Felsen seinem
besten Freunde seinen Namen, seine Freude und den Abschied 5o
gab und sagte : lasse mich gehen, ohne mir nachzusehen ! - Gna-
digster Herr, warum soil eine Freundschaft* die nie verbittert,
und ein Abschied, der nie versiiBet wurde, nicht unter die Videnda
und Visa einer Stadt gehoren, ich bitte Sie sehr? —
Jena lasset wochentlich den Leutrabach durch seine Gassen
und den Nilstrom der Literaturzeitung durch die iibrigen deut-
SIEBENTER REI SE-ANZEIG ER 873
schen laufen, urn das Auskehricht wegzuspiilen; der Leutrabach
fuhrt das Jenaer fort, der andere das andere. Aber leider hier im
Sirius erhalt man nicht ein Blatt, und die Reichspost verweigert,
wie es scheint, die Spedition. Alphabetisch ist mit Jena zu ver-
kniipfen
Konigsberg oder Kant, den ich an der table d*hote befragte,
ob er ein Kantianer sei und Kanten recht verstehe, weil mich so
viele tausende versichert hatten, nur sie (und noch einige wenige)
begrifTen ihn. Aber noch glaubt der Greis, was er will.
10 Leipnitfr gnadigster Erbprinz, mussen Sie nie mit Leibni^ ver-
mengen: jenes ist ein Rittergut und liegt im Kurkreis; und dieser
ist ein Rittergutsbesitzer und liegt in oder unter Hannover. -
Das SchloB, auf das ich jetzt mit dem Zahnstocher stoBe, gehort
auf den Marktplatz zu
Munchen. — Es ist mir nichts aus der Stadt erinnerlich als der
usus epanorthoticus eines Pater Provinzial, der damit einen ster-
benden Bettelmonch dem Teufel aus den Krallen ziehen wollte.
Der Pater Provinzial hatte namlich mit Vergnugen nach einer
alten Sitte einen Schweinskopf1 am Monche als Bufiwecker ge-
20 braucht; aber es war keiner zu kriegen, und bis man ein Schwein
tot machte, war der Monch selber tot gemacht. Der Pater Provin-
zial wuBte am Ende nichts zu tun, als sich auf seinen Kopf zu
verlassen — der ebenso feist und fettaugig war als der begehrte —
und auf die Augen des Bettelmonchs, die schon nichts mehr
unterschieden; keck faBte er seinen eignen Kopf mit beiden Han-
den an und begann so : >Fatales Siindenkind ! siehst du den Sau-
kopf, den ich in Handen habe? - So warst du selber: wie dieses
Vieh hast du dich gewalzet und iiberfressen und gemastet und
dabei doch sehr gegrunzet. Bekehre dich, so hurtig du kannst;
30 du hast ja schon keine Vernunft mehr, und bedenke, daB diese
Sau einmal wider dich zeugt! Amen I < —
Nurnberg hier«, sagt' ich wieder zum Prinzen, »treibt beruhm-
ten Handel mit Puppen fur Kinder.« - Obgleich der Prinz gern
1 In der Vorrede zu "Wolf. lect. memorab. wird aus dem Goropius Beka-
nus erzahlt, dafi sonst die Monche dem Sterbenden einen Schweinskopf als
Devise und redendes Wappen seines epikuraischen Lebens samt der miind-
lichen versio interlinearis vorgehalten haben.
874 PALINGENESIEN
einige sehen wollte und ich mein Bestes tat mit meinem Zahnstocher:
so war doch der Dauphin unvermogend, sie (weil das Mikro-
skop nicht genug vergroBerte) klar vonMenschen abzutrennen:
das Frankfurter und Regensburger Auffahren mit Kutschen und
Zuschauern sah der Blinde aus topographischer Ignoranz fur den
Niirnberger Kindleinsmarkt mit Kinderkutschen an. - »In
Osnabruck« (fuhr ich fort) »miissen Sie vorziiglich meinem
Zahnstocher nachgehen, den ich in einen kupfernen Kessel auf
dem Markte stecke. Ein Falschmunzer wurde darin vor Zeiten in
Ol gesotten; woraus Sie abziehen konnen,« (setzt* ich als Prin- i
zenhofmeister dazu und wollte ihm pragmatische Winke geben,
weil er doch einmal Geld auf seinen Sonnen schlagen lasset) »wie
sehr die Erden-Fiirsten auf Rechtmiinzerei ausgehen. Silbermiin-
zen versetzen sie mit so viel Gold, daB man das Silber kaum innen
wird und die Munzen daher wirklich uberall Goldmiinzen nennt;
und Kupfermiinzen lassen sie mit so vielem Silber legieren, daB
sie allgemein als Silbermiinzen kursieren. Ebenso stent die Venus
(das Kupfer) immer in Konjunktion mit der Sonne (Gold) und
hat ihren Durchgang dadurch. -
Wir miissen eilen mit unserer geographischen Stunde, gnadig- 2
ster Herr, drei Viertel ist schon vorbei und das erste Viertel schon
halb hinunter, und noch sind wir erst am P: bei kiinftigen Lettern
und Stadten schrank* ich mich bloB auf eigentliche Wunder der
Welt und Sehenswiirdigkeiten ein. - Das Feuer, worin Sie jetzt
meinen holzernen Stadtezeiger sehen, brennt in
Petersburg auf dem Markt1, wovon der Weg nach Peterhof
vielleicht darum fur jeden Fremden merkwiirdig ist, weil er dar-
auf das rote Wirtshaus oder Krasnui Kaback antrifTt, in welchem
Waffeln von solcher Giite gebacken werden, daB oft die Kaiserin
selber anbiB. In 3
Querbach und Querfurt fragt man umsonst nach Waffeln; wie-
wohl die Orter als alphabetische fortlaufende Signatur, Quer-
gasse und Briicke nach
Rom schwer zu entraten sind.« - Der Infant sollte mir diese
1 Im Winter werden da groBe Feuer auf offentlichen Platzen fur Voruber-
gehende unterhalten. Reichardts Handbuch fur Reisende, 2te Aufl. S. 428.
SIEBENTER REI SE-ANZEIG ER 875
Haupt- und Patentstadt der Welt auf dem Erddorf selber suchen:
»Sie kennen sie gleich«, sagt' ich, »an den sieben Bergen und der
durchstromenden Tiber.« Aber er zeigte zu meinem Erstaunen
auf Bristol, das auch siebenbergig und um den durchpassierenden
Avon liegt. Uberhaupt machte jetzt die Erdkugel, die sich durch
ihre tagliche Bewegung um sich und die Sonne schon merklich
aus dem scharfsten Fokus des Hofmannschen Mikroskops ver-
schoben hatte, Ieichte Stadtesuchung schwer. - »Es ware vergeb-
lich, Prinz, wenn ich Sie oben in das Loch der Rotunda hinein-
10 zusehen bate nach Raffaels Grab herab: Sie werden (da sie nicht
erkucktet1 ist) die Stadt selber kaum sehen; aber batten wir hier
im Sirius ein vollkommenes Horrohr, so konnten wirs an Rom
anlegen und vielleicht das papstliche Miserere vernehmen und die
welschen Stadte, da sie zu klein fur das Auge sind, an ihren Keh-
len und Saiten mit den Ohren fassen.« —
Der Reisehofmeister - ich darf mich so nennen - beglettete
darauf seine kleine einmannige Flirstenschule auf ihren und sei-
nen Reisen durch
Straftburg, wo er des Regimentsfriseurs* nicht unruhmlich ge-
20 dachte, der ihn da einmal - und zwar weniger seine Haare als
deren wuste Region - eingepudert hatte: denn die Garnison halt
den Menschen deshalb und will wie der spartische Krieger voll
Staub sein oder wie der ringende Athlet. Nicht darum, weil Sach-
sen sich auch mit S anfangt, fuhrt* ich dann meinen Sirius-Koad-
jutor dozierend durch solches, sondern weil ich selber einmal mit
einem Freunde3 dadurch gereiset war, und weil mir noch im
Hundsstern der SpaO erinnerlich blieb, da8 ich und mein Freund
- nach saldierter verdammter herrlicher Kreidenzeichnung mit
der Wirtskreide - aus Scherz und Grimm zugleich den Schult-
30 heiB von Sachsen uber den Flor der sachsischen PreBfreiheit und
Staatswirtschaft, ferner der Chausseen (im Morast zogen wir die
1 Rom hat so wenig eine nachtliche Gassenbeleuchtung als Niirnberg,
das doch auf funf Hugein mehr liegt.
z Storch erzahlt es auch.
3 Mit Siebenkas ging er, wie die Menschen aus dem vierten Teil der Blu-
menstiicke wissen, nach dessen Tod aus Kuhschnappel nach Hof und To-
pen.
876 PALINGENESIEN
Ferse gleichsam aus einem Stiefelknechte nach dem andern) —
und iiber die inlandischen Reprasentanten im Parlament ausge-
fraget hatten; — welches ungemein komisch klang, da das Nest,
ein winziges Pfarrdorf, zum niirnbergischen Pflegamt Lichtenau1
gehorig, kaum siebzehn maBige Bauerhauser zahlt. - »Sachsen«,
fuhr ich in meinen Hofmannschen mikroskopischen Belustigun-
gen fort, »wird aber nicht genug vergroBert (durch Hofmanns
Schuld), und ebenso werden Sie vor dem Zahnstocher kaum
Topen im Voigtland sehen konnen, wo die gebiirgige Wetter-
scheide des hohen Schicksals mich und meinen Freund ausein- 10
andertrieb, so daB ich nach
Utrecht als die eine nasse Wolke flog, wo ich mit Vergniigen
fand, daB dem Utrechter Frieden in seiner Mause doch die Feder2
nicht ausgefallen ist (denn ich nahm sie in die Hand und spitzte
sie), womit ihn der diplomatische Korper unterschrieben hatte —
und er nach
Vadui als die andere Halfte des Gewitters, wo er als Inspektor
jetzt donnert, hagelt und tropfelt.
Wien, Prinz, suchen Sie allein !« - Nun borgt' er meinen Zahn-
stocher und tappte oder tippte ganz blind auf dem Erdkorper 20
herum. Ich entschuldige den jungen Menschen, da der Mond
schon tief iiber Europa stand und mehr Schatten als Strahlen
hineinwarf. Urn ihm zu helfen, erbot ich mich - die Idee ist aus
einem bekannten Gesellschaftsspiele -, immer starker zu pfeifen,
je mehr sein Zahnstocher Wien sich naherte; und dabei wollt' ich,
wenn er an alphabetische, d. h. mit einem W getaufte Stadte
stocherte, solche namhaft machen. -
Er fing an. »Ein Reichsgericht ist da« (sagt' ich und pfiffmaBig;
denn er stach auf Wetzlar herum, als alterniere dieses mit Wien,
auch auBer dem Appellieren) »und das Vaduzer Inspektorat eben- 30
falls !« Namlich du, du!* -
1 Fabri in seiner Geographie fur alle Stande (S. 173. 3. B.) zitiert das er-
barmliche Dorf, das nun wohl kein Mensch ansehen und nennen wiirde,
wenn es nicht so spaBhaft an ein Kurfurstentum erinnerte, das gerade so
viele grofle Stadte aufzeigt als jenes Hiitten.
1 Bekanntlich zeigt man Reisenden den Kiel.
* Er meint seinen Siebenkas.
SIEBENTER REI SE-ANZEIG ER 877
Ich konnte jetzt im hochsten Grade pfeifen: sein holzerner
GrifTel zeigte schon auf Wienerisch-Neustadt.
Aber wie wenig war zu pfeifen, da er wieder auf Weimar stieB.
»Ein Gasthof da heiBet wie Sie«, sagt* ich, namlich Erbprinz.
»Der Wandsbecker Bote ist da«, sagt* ich bei Wandsbeck.
»Liefert Wurzener Bier«, sagt' ich bei Wurzen.
»Liefert Biographen1", sagt* ich bei Wonsiedel und konnte
wieder etwas pfeifen.
Aber ichmuBt'es sogleichgareinstellen.»Es istdieStadtWien,«
10 (sagt* ich verdruBlich) »wo ich einmal mit drei Wiener n zugleich
logierte, und worin wir nichts taten als essen und trinken.« Letz-
teres fiigt' ich nur bei, um den Ort - denn er hatte in den Gasthof
zur Stadt Wien in Petersburg eingestochen - besser von der
Kaiserstadt abzusondern.
Aber nun wurde der hitzige Thronfolger so verlegen und ver-
dutzt, daB er X und Y ganzlich tibersprang - obwohl freilich X
als Ks schon unter Konigsberg und Y als J schon unter Jena, gleich-
falls in alphabetise hem Nexus dagewesen war -, und er schlug so
weit als moglich von Petersburg - denn ich sollte wieder pfeifen -
20 ungeduldig ein, namlich in
Zorndorf^ wo die Petersburger und Wiener bekanntlich vor
dem koniglichen Konig auf das Knie gefallen waren, nicht um zu
schieBen, sondern um zu bitten und weil sie geschossen waren.
»Hier beim Z« - sagt' ich zum Sirius-Koadjutor, da ich gerade
bei Zorndorf, ungleich den Berlinern, nicht mehr pfeifen wollte -
»horet ohnehin unsere groBe Tour und die Erdbeschreibung auf.«
Jetzt lagen mir als Prinzen-Mentor nichts ob als die corrigenda
oder die notigen Invektiven gegen den Erdglobus oder Erd-
Schusser, die ich recht zu Silberflittern an den Praservationspillen
30 fiir den minorennen Dynasten brauchen konnte.
Ich nahm nun den Erdball aus dem VergroBerungsglase heraus
und iiberschauete - so weit es zu machen war, da das Monds-
viertel schon unter der Erde stand - das dunkle NarrenschifT, die
finstern, wie Gassen aneinander gebaueten Stadte und das infu-
1 Er sagt es, weil ich da das Gesellschaftsspiel des Erdenlebens mit seinen
achtzig Fragen und Antworten anfing.
878 PALINGENESIEN
sorische Chaos der Geisterwelt, die Menschheit. Ich sah die un-
zahligen Galgen und Galeeren und die nachtlichen Patrouillen
der Diebe, die umfallenden Saufer und die einsteigenden Jung-
fernrauber; und vor mir waren die Arlequiniana der Erde aufge-
blattert. Die Hiihnerfaute, die Mautbedienten, die Hofstabe, we-
nige Rezensenten, die Exjesuitengenerale, die Hofbeichtvater, die
Libertins und Roues standen, wiewohl sie lagen und schnarchten,
munter vor mir - ich konnte die unzahligen Speelhuizen1 in
Europa, weil noch Licht darin brannte, recht gut zahlen und auch
einige darin seBhafte moralische Denker und Dichter, gleichsam 10
hetrurische Gotterstatuen, an deren FuBen und Achillesfersen
man den holzernen Zapfen findet, mit welchem man sie auf den
Altar einfugt - ich konnte in die erleuchteten Spielsale der Gro-
Ben gucken, die ihr Herz wie ihre Schiisseln des haut gout wegen
mit Teufelsdreck ausreiben lassen - ich sah von der Kirche in
St. Cloud, worin man das von. Clement durchstochne Herz Hein-
richs III. aufbewahrt, auf die in Gallien liegenden Graber hin,
worin unzahlige von Zeptern durchstochne Herzen liegen - ich
sah die Freudenfeuer der Sieger neben Vulkanen und unter dem
weiten langen Kriegsfeuer brennen - das ganze besudelte, sich in 20
die Erde nach Gold und Schmutz eingrabende Jahrhundert sah
ich, gleichsam Gozens Kabinett von Eingeweidewiirmern der
Erde - ja sogar den Teufel sah meine Phantasie rot auf dem
Vesuvius stehen, da eine dunkelpurpurne Rauchsaule sich auf
dem Krater wiegte, und da eine dustere, aus Norden herfliegende
lange Wolke wie ein breites stahlblaues Kriegsschwert an den
gliihenden Riesen zog, der es iiber Europa ausstreckte.
Das sah ich alles. Meine Augen funkelten emport; aber als ich
auf einmal einen armen erfrierenden Astronomen drunten knien
sah, der nach meinen lichten Augen mit dem Sternrohr visierte, 30
urn sie als Fixsterntrabanten in den Doppelmayerschen Atlas ein-
zutragen: so wurd* ich dadurch so geruhrt und belustigt, daB ich
in der folgenden Anrede an den Prinzen meine Bewegung in
etwas maBigte:
»Prinz, nicht bloB in der Niirnberger Mauerer-Loge zu den
1 Musikhauser, d. i. die Kontumazgebaude der Wollust.
SIEBENTER REISE-ANZEIGER 879
drei Pfeilen - und in der Breslauer zu den drei Totengerippen —
und in der Berliner zu den drei Seraphin - und in der Reunion
des Elus zu Montpellier nab* ichs, da ich mit den Briidern arbei-
tete, zu verstehen gegeben, daB die Menschen eigentlich nicht
wiiBten, was sie haben wollten, sondern in den groBten Gast-
hofen Europas, in den drei Hechten zu Potsdam - im wilden
Schweinsrussel zu Rotterdam - in der goldnen Gans zu Breslau -
in der Stadt Rom zu Berlin - in der Stadt Berlin zu Leipzig - und
im Brandenburgischen Hause zu Hof im Voigtland, hab' ich an
10 den Wirtstafeln die Sache ganz frei herausgesagt, welches mir
die samtlichen Wirte und Kellner attestieren wtirden, wenn sie
heraufzubringen waren. Welche Menschen haben auBer den
Stunden-, Wochen-, Jahrs-, Amtsplanen noch einen Lebensplan,
oder hinter wechselnden Interimsplanen einen Normalplan? Die
Gier, der Zufall, der Hang, die Not stechen ihnen das Spornrad
ins Herz, und sie rennen blutend dahin - unterwegs begegnet
ihnen ein Ziel, und es wird der Meilenzeiger oder die Schwelle
einer neuen Rennbahn - und so mussen diese ewigen Juden nur
laufen, nie ankommen. Alle ihre Mittel sind kliiger, dauerhafter
20 und angenehmer als ihre Zwecke, wie die ungarischen Vorstadte
bevolkerter sind oder die Wiener moderner als die Stadt selber.
Diese flnstere Dumpfheit der menschlichen Wiinsche ist nicht
groBer als dieselbe Dumpfheit ihrer Meinungen, die sie jahr-
zehendelang in ihrem Kopfe frei und ohne Pestkordon aus- und
einfliegen lassen konnen, bis sie Not und Zufall zum Beschauen
drangen.1 Wer kann von euch schlafenden Toren die Finger
aufheben, und wenn ich frage: was glaubst und was willst du?
keck beschworen: das! das! das? Ich konnt* es nicht, da ich noch
drunten war. -
30 ' Freilich stand, da ich drunten auf der Erde herumging, die
Sonne der Aufklarung schon mit der ganzen Scheibe uber ihr,
und ich sah in meine astronomischen Tabellen und schwur, es set
1 Ach Leibgeber hat recht. Nach denselben zufalligen Anstdfien, die uns
zum Wahlen einer Fakultat und eines Handwerks treiben, ergreifen und
priifen wir Meinungen; die groBten Schriftsteller, z, B. Lessing, HeBen sich
durch polemische und andere Zufalle die wissenschaftlichen Felder anwei-
sen, die anzusaen und abzuernten waren.
880 PALINGENESIEN
unmoglich, die Tabellen konnten nicht liigen und die Sonne noch
nicht herauf sein. Aber als ich die Refraktionstabellen zu Hulfe
nahm, sah ich, dafi durch die Strahlenbrechung das Bild der Sonne
ein Sakulum eher - freilich ohne sonderliche Warme - aufgehe
als der Korper selber, so wie in Nova Zembla nach der langen
Nacht das Bild der Sonne sechzehn Tage friiher scheint als
sie. -
Man denkt, die Erde sei ein Teller voll Devisen mit Fragen,
und die zweite Welt sei der Teller mit den Antworten darauf;
und bricht nun kaum die Fragen auf. Der Unglaube und der ]
Aberglaube des Jahrhunderts ist eine bloBe sinnliche Ermattung
des Kopfes; und die Ruchlosigkeit desselben ist eine des Herzens;
und bloB weil sie sich als Neunundneuniiger1 kennen, vozieren sie
keinen Schiffsprediger.«
Der Kronprinz fragte mich mit einem wahren Anteil, der mich
ergotzte: »Wie und durch wen soil ich aber das Portativ- und
Taschenweltchen, wenn ich einmal zur Regierung komme, um-
arbeiten? Soil ichs durch meine Wesire organisieren?« -
»Gnadigster Herr,« versetzte ich, »Ihre Vize-Re, missi regii,
Legaten und Flurschiitzen, die drunten Ihren Titel fiihren, sind a
gemalte Engel mit wahren Kronen2 und sind selber verdammt mit
dem Obel geplagt und plagen wieder damit. Aber zwei recht gute
andere Arzeneien gibt es. Ein Komet kann kommen und die Tres-
sen der Erde ausbrennen mit dem Feuer des Jungsten Tags: dann
werden alle Lebende, wie ich von guten Theologen weifi, auf dem
Platze verwandelt, und der Komet, als die saubernde Fleckkugel
dieser schmutzigen Kugel, reibet alle Kleckse weg von dem Wit-
tenberger an, den Luther an die Wand machte, als er mit dem
Teufel Krieg anfing, bis zu dem Rastatter % den die Sekretare
anspritzten, als man mit ihm einen endigte. 3
1 Da nach den englischen Gesetzen jedes Schiff mit hundert Seelen einen
Schiffsprediger haben mufl, so laden die Ostindienfahrer, um ihn zu er-
sparen, nur neunundneunzig.
2 In manchen katholischen Kirchen hat man gemalten Schutzengeln
wirkltche Votiv-Kronen aufgesetzt.
3 Es ist nicht vom jetzigen Frieden und dessen Klecksen die Rede, son-
dern vom ersten Rastatter Frieden, dessen Schmutzflecke man Fremden
zeigt.
SIEBENTER REISE-ANZEIGER 88l
AuBer dem Kometen kann noch die Zeit viel tun- Das Licht
des Kopfes und die Kdlte des Herzens mussen in diesen Winter-
monaten so wachsen, bis sich der blunge kampfende Nordschein1
des Kriegs, das Gewitter des Winters, erzeugt. Die Batterien riit-
teln die Erde fur mehr als einen Samen, nicht bloB fiir Wurmer
locker; und der blutrot aufgegangne Mond wird im Scheitel-
punkte licht und rein.« - »Ich wollte,« sagte mein Eleve, »das
Totschlagen auf dem Stunden- oder Jahres-Ei hobe sich nicht
erst unter meiner Regierung an.«
10 Das Gluck wollte mir so wohl, daB ich ihm den Anfang des
Erschlagens schon zeigen konnte; ja es traf sich glucklicherweise,
daB die roten Schlachtfelder und Blutacker in Europa so groB
waren, daB er sie, bei dem Mangel an Mondlicht und ohne das
Mikroskop, gut genug erkennen konnte. Aber er wuBte, wie klei-
nere GroBe, so wenig von seinem kunftigen Kronlandchen, daB
er mich iiber die ins Bluthemde und in den spartischen Rotrock
des vergossenen Blutes gekleidete Erde ausfragte, inwiefern den
Trillionenpfunder die Vierundzwanzigpfiinder so roten, und was
bluten und sterben sei.
20 Ich stellte sogleich den fmstern Erdkorper wieder auf den Ob-
jektentrager, und zwar mit dem berlinischen Zeughaus unter den
Fokus des Glases zuriick, so daB der Erbprinz die einundzwanzig
Gesichter oder Larven sterbender Menschen, welche Schliiters
Meisterhand imHofe des Zeughauses alsSchluBsteine angebracht,
meistens erblicken konnte: »So sehen unsere Gesichter aus, wenn
wir sterben«, sagt* ich.
»Ich mochte deines sehen,« sagte der Sirius-Fiirst, »wenn es so
geblieben ist, wie es im Sterben war.« —
»Ei was!« - sagt* ich und suchte auf dem Globus und fand
30 unter den Leichen des Bleikellers in Bremen eine mir ahnliche
und druckte mit dem Zahnstocher darauf — »ich muB noch ganz
sein, ich bin ja kaum vierzig Jahre lang tot.«
»Um Gottes willen !« rief der kritische Redakteur, der unter
den Leichen eine redende sah. - Ich kam zu mir und sah, daB ich
den Zahnstocher wie ein Stilett auf mich selber gesetzt.
1 GroCe Kalte und helle Tage erzeugen leicht Nordscheine.
8»2 PALING EN ESI EN
»Allerdings vierzig Jahre!« (wiederholt' ich und ging auf den
Literator los) »ich bin der selige Liscow, der seine Stunden hatte,
wo er gelehrte Manner schabernakte.« -
»Bei Gott!« — sagte der Redakteur erheitert - »sie muB in das
Intelligenzblatt der Literaturzeitung — in den Verkiindiger - in
den literarischen Anzeiger - in einen Brief an Wieland - in Meu-
sel - und in alles - eine so unerhorte Palingenesie.« —
»Wenigstens in die Palingenesien«, sagt' ich.
Ende
O du Wildling von Engell Wie viel defer als der kahle klein- 10
liche Ernst der Welt geht dein Scherz in meine Seele, und wie viel
ernster ist dein Lachen als ihr Weinen! - Warum soil ich das
Feuer, das der geliebte Tragikomiker in mir aufgeblasen, jetzt
nicht benutzen, um hier es herauszusagen, daB bloB er und noch
viel bessere Leute im Titan es auf sich haben, daB das Werk noch
gar nicht heraus ist?
Die Sache ist diese: solange namlich ein biographischer Haar-
stern — wie z. B. Hesperus - mit seinen Bewohnern brennend
vor meiner Seele steht und ich wahrend seiner Erd- und Sonnen-
nahe in seinen langen Zodiakalschein und durch seinen in Licht 20
aufgelosten Kometenkern schauen kann: so lange bin ich selber
in Flammen und im Himmel. Entfliegt aber der Komet in die Erd-
und Sonnenferne hinaus: so wird derLichtschweif, der 70 Grade
am Himmel einnahm, vom verdichteten Kerne abgeworfen, und
ich habe nichts mehr - ausgenommen bei der zweiten Auflage,
d. h. bei der Wiederkehr des Kometen. - Die Darstellungen
hoher Menschen - wie Emanuel, Viktor, Klotilde - sind durch-
lebte warme Blutezeiten der Seele, ach die niemals, niemals wie-
derkommen, so wenig wie die erste Liebe oder der Jugend-Silber-
blick oder irgendeine Begeisterung. Denn der Mensch lauft in 30
keiner runden Mondsbahn, ja in keiner langen Kometenbahn um
irgendeine Sonne und treibt sich in keinem wiederkehrenden
Tausche von Neu- und Vollicht, von Haar- und Schwanzstern
um : sondern er zieht gerade und kiihn wie ein fliegender Engel
mitten durch die Schopfung und durch die Systeme, immer von
SIEBENTER REISE-ANZEIGER 883
dem Morgen neuer Sonnen bestrahlt und von dem Erdschatten
neuer Erdkorper verdunkelt, und niemals tritt er einen Lauf von
neuem an.
Das einzige, was ich kann und tue, wenn ich durch eine dunkle
leere Zwischerikluft durch bin und in eine neue MilchstraBe ziehe
- zumal in eine so breite, wie mein Titan ist -, das besteht darin,
daB ich langsamer fliege zwischen ihren Sternen. - -
Aber zu unserer Geschichte zuriick! (Nur diese Zuriickkehr'
nab' ich oft genug.) - Der Leser hat nicht vergessen, daB ich ihm
10 den ersten Mai und den Geburtstag meiner Hermine am Anfange
des Reise-Anzeigers angesagt. Sobald ich Leibgebers groBe Tour
durchhatte : macht* ich mich zu einer kleinern fertig und ging auf
die Insel Sckutt, welche wie den Saturn ein doppelter Ring um-
zieht, die Stadt und die Pegnitz. Kokeritz in seiner Lenzweste
und sogar Georgette mit ihren Gefahren und meine eignen
muBten aus meinem vom roten Maiabende hell ausgemalten
Kopfe fort, damit Hermine allein darin die schonste Stunde
feiere.
Sieljenkas sagt, Eheleute hatten, da die Rota langst das hun-
20 dertjahrige Jubilaum in vier funfundzwanzigjahrige Jubelfeste
ausgeschnitten, noch weit mehr Grunde dazu - namlich die jet-
zige Kiirze des Lebens und des ehelichen Friedens — , etwas Ahn-
liches zu tun und die Silberhochzeit schon vori Jahrzehend zu
Jahrzehend zu feiern, wenn nicht gar schon in die Flitterwochen
diese sakularischen Spiele gehoren. - Aber in einem ernsthaftern
Sinne fuhlt* ich auf der Insel Schutt, daB das Herz an jedem Ge-
burtstag einer geliebten Person das Jubilaum seines Bundes be-
gehe. Vor alien Dingen richtete sich meine Seele, die der Krampf
der Furcht einziehen wollte, stark und gewaltsam auf, wie man
30 den Krampf der Glieder durch Ausstrecken hebt: »Sie hatte mir«,
sagt* ich, »meinen vergessenen PaB langst geschickt (denn finden
mufite sie ihn gleich) : hatte sie nicht etwas Besonderes damit vor.«
Auch hielt ichs fur eine BuBe und Danksagung, die ich ihr schul-
dig sei, mich von keinem Schein mehr iiber sie irren zu lassen und
lieber ein Glaubiger als ein Schuldner von Briefen zu sein. Und
nun konnte die Pegnitz, die mit ihren zwei Stromen wie mit
884 PALINGENESIEN
Armen die grunende Insel hielt, und der Friihling, der zwei an-
dere aus roten Wolken uber den Himmel trieb, einen in Abend
und einen in Morgen, ihre Wirkung an mir tun. Im Kalender
unserer Phantasie fallet der Friihlingsanfang nicht in den 2isten
Marz, sondern in den ersten Mai; und in diesem werden die Ko-
pulierbander der Menschen sowohl als der Baume sanft geluftet.
Ich halt* auf einmal zwei Jugenden, eine erinnerte und eine ge-
genwartige : der Pegnitzstrom, der auf seinem eiligen Wege durch
die Stadt siebzig groBe Rader umwalzet, glanzte als ein Bild der
Kraft des Menschen vor mir, welcher, so eilig er auch von seinem 10
ersten Tage in seinen letzten verrinnt, doch im VoruberfKeBen
das Raderwerk der Schopfung treiben hilft. »Ja,« sagt* ich, »ich
will mich kunfrig anders als bisher gegen das Verhangnis stem-
men, wenn es auf dich eindringt, Hermine, und will deine Leiden
lieber verhuten als feilen. Ach wenn nur einmal ein Mensch sich
fest und rein vornahme, einen andernuneigenniitzigzubeglucken:
es wurd' ihm schon gelingen! — Und soil denn immer nur das
weichere Geschlecht fur das hartere mit wunden Handen die Nes-
seln aus dem Leben ausraufen und nie dieses fiir jenes? - Und gar
du, gute Hermine, die schon die Rosen der Freude viel zu sehr an 20
den Dornen anfasset?« -
Die Tat - diese Zunge des Herzens - ist zugleich der gesiin-
deste Balsam desselben, und jeder gute Vorsatz ist ein Trost. Ich
versteck' es nicht, daB ich - weil in mir der Autor und der Mensch
immer uberall Koppeljagd und Erbverbruderung haben - unter
den Freuclen, die ich Herminen zudachte, auch die Kapitel auf-
fuhrte, die ich im Titan schreiben und mit ihr lesen will: ist nicht
das Harmonikon der Musen das Echo oder das Repetierwerk
irgendeiner verklungnen Stunde der hochsten Liebe, und farbet
sich nicht in jeder Ruhrung die erblaBte Flitterzeit wieder frischer 30
an? Und wenn ein auswendig gelerntes Herz und Gedicht gleich
sehr einbuBen, kann ein Poet der Erschopfung des Herzens besser
steuern als durch die Unerschopflichkeit der menschlichen Phan-
tasie?
Ich lande wieder auf meiner Insel an, welche die Wellen und
die Fische und die Vogel und die Abendliifte immer schoner um-
SIEBENTER REISE-ANZEIGER 885
zirkelten. Der in Schattenasche zerfallende Tag und die weh-
mutige Freude, daB zwei Menschen sanfter durch siebzehn Mei-
len als durch einen Gedanken geschieden werden, warfen, wenn
keinen Schleier, doch den Schatten ihres Schleiers uber mich : ich
dachte jetzt (wie ich an jedem wichtigen Tage tue) an die tau-
sende, die meinen heutigen mitfeiern. Am ersten Mai, dacht* ich,
werden gewiB in Europa - wohl in Niirnberg selber - einige Ehe-
leute, entweder der Mann oder die Frau oder beide, ihren Ge-
burtstag, wie der Philippus Jakobus semen Namenstag, haben
10 und begehen; und wenn sie nur etwas taugen: so werden sie,
wenigstens einige davon, in dieser Festminute im Werkeltage des
Lebens ihre frohe Vergangenheit und ihre bedeckte Zukunft mit-
einander iiberrechnen und sich umarmen aus Liebe und Furcht -
sie werden miteinander die ersten stummen und mimischen Stun-
den ihrer Annaherung zuriickholen, und die weibliche Seele wird
jetzt leichter die vorigen stillen Leiden und Wiinsche liebkosend
bekennen und nun ebenso mit der entschleierten Liebe erwarmen
wie sonst mit der verhiillten, und die mannliche wird das hohe
einzige Gefuhl gestehen, womit ein Mann zum ersten Male in
zo seinem Leben zu einem teuern Wesen sagt: »Du bist mein und
ich dein, und nun beschutz* ich dich gegen die Welt, und alle
deine Leiden sind meine, und wir verlassen uns nicht mehr wie
andere Menschen« - eine heilige Minute, worin die Liebe viel-
leicht heiBer und zarter und milder ist als in der fruhern, wo
Amors Fackel den Schleier der Psyche verbrennt und in das be-
schamte Auge voll Liebe und Tranen leuchtet, das geblendet
niedersinkt. - Aber diese Menschen werden am Geburtstage auch
gen Himmel schauen an das gezogne Kometenschwert des Todes,
das einmal die Arme der Liebe durchschneidet, und sie werden
50 sich fester unter dem Schwerte umfassen,- um an einer Wunde
umzukommen — sie werden uber den zweischneidigen Kontrast
zwischen der Ewigkeit jeder hohen Liebe und zwischen der Nich-
tigkeit des irdischen Interims erschrecken, aber auch weinend
aufsteigen: denn vor demselben blauen Totenlicht aus Ather1,
1 Vor brennenden Ather werden alle Farben bleich, ausgenommen die
blaue.
886 PALI NG EN E S I E N
um welches alles Farben der Erde erblassen, glanzt das Blau des
Himmels holier an, und sie werden sich sagen: »Ja, das Wesen,
das uns auf der kleinsten kaltesten Welt zusammenfuhrte, kann
uns ja nicht durch seine groBe heilige trennen; und wenn droben
in der Unsterblichkeit noch Liebe ist, ach welche neue konnte
denn warmer und heiliger sein als die gegen das vertraute Herz,
das auf der driickenden Erde gegen unseres so geduldig und so
liebreich und bestandig blieb?« —
Die allgewaltige Natur schloB mich in ein immer engeres und
einsameres Tempe von Sternen, Bluten, Tonen und Bildern ein ro
und trennte durch Schatten meine Traume wie Friihlingsblumen
von dem stechenden Strahle der Gegenwart. Jedes Blatt und jedes
Wellchen schlug mit dem andern in der stillern Nacht Iauter zu-
sammen. Mir war, als hort* ich den Tritt der Sterne, die in die
Erde hereinstiegen. Aber in einer solchen magisch verdunkelten
Stunde, wo die Irrlichter der Traume uns glanzend nachfliegen
und spielend entrinnen - in dieser beredten heiligen Einsamkeit,
wo der Geist geflligelt durch die Taler, iiber die Berge, von einer
grofien Wolke zur andern und von den sichtbaren Sonnen zu den
tiefsten geht und zwischen den Zeiten umher: da geht er nie 20
allein, sondern ewig fiihrt er eine Seele an der Seite, die er innig
liebt und der er alles zeigt und mit der er auf den Hohen betet und
die er in den Friihlingstalern umarmet unter dem Abendrot. So
ging Hermine mit mir durch alle meine kleinen Himmel, und ich
sah sie zuerst an, wenn wir in einen neuen traten, ob sie darin
gliicklich sei. Allein da jetzt in Morgen, wo sie wohnt, die Leier
und der Schwan aufgingen und mich anlachelten, gleichsam wie
freundliche Gedanken ihrer Seele, und da ich daran dachte, daB
sie gerade in dieser spaten Stunde die Feier ihres Lebens-Sonn-
tagstages einsamer und vielleicht schreibend nachhole, und daB 30
sie vielleicht nach den westlichen Sternbildern, von welchen der
gliihende Mars und das Regengestirri erst im Untergehen waren,
blicke wie ich nach Osten: so war es mir, als hort' ich sie fragen:
»Warum schweigest du gegen deine Einsame? Bringst du mir
keinen Wunsch fur dieses nur von Wiinschen geschmuckte Le-
ben? - Ach die Menschen haben einander nicht viel mehr zu
SIEBENTER RElSE-ANZElGER 887
geben als Worte, und doch versagen sie diese; - und in diesem
kurzen. Leben haben sie eine noch kurzere Liebe.«
»Nein, gute Seele, ich will dir es sagen, wie ich heute an dich
dachte«, sagt* ich und ging von der freien betaubenden Molukke
in meine verengte Stube zuruck, aber nur, um Papier und eine
Laterne zu holen und damit in den Irrhain hinaus zu fliehen. Ich
wollte da alle meine befreieten Traume in eine groBe Athernacht
hinausfliegen lassen und in diesem einsiedlerischen Himmel mei-
nen Brief an Herminen schreiben. Auf dem Wege sah ich das
10 Regengestirn und den Mars aus unserm Himmel gehen. Da ich
im Garten ankam : sah ich nichts vor mir als die Ruhe und den
Himmel, und im Mondlicht lagen nur stille kurze Schatten, gleich-
sam die FuBtritte der umherschleichenden Nacht - das groBe
Kleid des Friihlings lag ohne Rauschen auf der Erde - nur in
den Laubengangen lispelte es, als wenn murmelnde Traume in
ihnen gingen, und die hohen einzelnen Baume nickten zuweilen
wie betaubt vom Schlaftrunk des Taues - in den mit Laube leicht
bekleideten Gesellschaftshutten wohnte hinter der lichten
Schwelle nur ein oder ein Paar zerrissene Schatten, wie Reste von
20 uns Schattenrissen, und ein grausilberner dicker Nachtschmetter-
ling kroch darin auf seinen Fliigeln - die Nacht lag in Gestalt der
Ewigkeitsschlange zusammengeringelt im finstern Hain zwischen
den Baumen. -
Dieses stumme blasse Reich des Mondes und des Schlummers,
worin nur die laute Seele, die Nachtigall, Traume austeilte, die
enge flatternde Hiitte, worein ich nun trat, der Licht-Wirrwarr
und Blatterglanz, das Gerausch, das ich allein machte, das Tisch-
chen, worauf eine welke, von Kindern zuriickgelassene Kette von
offnen schlaflosen Dotterblumen lag, und mein abgesondertes
30 Arbeiten, diese hebenden sichtbaren und unsichtbaren Hande
zogen mir gleichsam die ganze Erde und Wirklichkeit unter den
FiiBen weg, und ich hing spielend gewiegt iiber den entbloBten
Sonnen unter mir, die mich alle liebkosend anschienen, und ein
dunkler elastischer Ather hielt mich und das Sonnen-Glanzgold
und die bleichen Perlen von Monden schwimmend, und wir san-
ken nicht unter.
888 PALING EN ESI EN
Ich fing den Brief an Hermine an :
»Die Au verbliiht,
Das Herz vergluht,
Der Mensch entflieht -
Hermina, liebe mich!
Du kennst diesen Wunsch, aber ich sag' ihn dir jetzt, da ich in
der Mitternacht einsam in einer grunen Hiitte des Irrgartens das
Fest deines Daseins feiere. Ja das ZifTerblatt mit diesem ewigen
Wunsche soil hier in und an der Laube bleiben, damit ich sie zur
Stiftshutte und Sakristei am Tempel der Liebe einweihe: und so- 10
oft ich wiederkomme, werd' ich diese Stunde wiederfinden.
Glaube nicht, daB ich nicht weiB, daB du jetzt weinend gen
Himmel ' siehst und den dunkeln Traurn des Lebens muhsam
zuriickrufest und auslegst — und wie du daran denkest, daB nur
die erste Hdlfte des irdischen Seins — ach nur ihre Halfte — gleich
der halben Sonne auf Bergen1 langsum untersinke, und daB die
iweite so eilig verschwinde - und wie du einige Schmerzen von
neuem beweinest und an dem voriibergeflognen, am Horizonte ''
wie iibers tiegene Berge liegenden Gewdlke deiner beschatteten
Tage hinauf- und hinabschauest - und wie das Grab eine Alpe 20
wird und seinen breiten Schatten wirft, und wie dann deine Seele
sich erhebt und auf der Hohe die Gewitter nur um sich und keine
iiher sich findet, und wie du dich geheiligt unter die hohen Sterne
schwingst und in deine Unsterblichkek hineinblickest - und wie
dir darin der Allgiitige wie ein sanfter Vater lachelnd entgegen-
geht und du sprachlos vor ihm weinen muBt und nur mit stam-
melndem Herzen schworen kannst : ich will dich kunftig noch mehr
lieben, guter Gott!
Ach wenn du dieses liesest oder wenn ich dich wiedersehe, so
ist ja die herrliche Stunde voruber; und du wirst es nicht sagen, 30
aber ich werd' es wissen, daB ich dir darin nur schmerzhaft ge-
wesen war. O du Sanfte und Stille! warum konnt' ich dich denn
je qualen? — Warum will denn die warmste Liebe noch heiBer
1 Auf dem Brocken und Montblanc geht die Sonnenscheibe zur Halfte
langsam unter, dann versinket sie schnell.
SIEBENTER REISE-ANZEIGER 889
werden durch Unterbrechen und Versohnen, und warum rich-
ten nur unsere innern Gewitter den hochsten Regenbogen
des Friedens auf? — Ach darum ist es, weil alle Leidenschaf-
ten ihren Gegenstand fur so ewig halten wie sich, und weil
keine Liebe glauben kann, daB ein geliebtes Wesen sterbe; —
und in diesem Wahn der Unverganglichkeit stoBen wir harte
scharfe Eisfelder so knirschend zusammen, indes wir uns so
eilig, von achtzig SonnenbHcken von Jahren, auf losen und erwei-
chen . . .
10 Ich horte hier auf zu schreiben, weil ein eiserner Gedanke
gleich einer eisernen Jungfrau1 mit ausgebreiteten Armen voll
scharf geschlirfener Messer auf mich losging und mich umfassen
und zerschneiden wollte. Ich floh vor ihm aus der Laube in den
freien Garten, aber er ging mit mir und sagte immer wieder:
>Hermine ist gestorben.< - Ich driickte laufend die Augen fest vor
dem nur mit Trauerlampen gefulltenTempel des gewolbtenHim-
mels zu, und ich furchtete mich zitternd, daB irgendein seltsam
gegliederter oder geturmter Schatte oder irgendein fliegender
Widerschein mir mit einem Beweise und Bilde des morderischen
20 Gedankens begegne. Ach aber in dem tiefen weiten Abgrunde
hinter dem Augenlide sah ich dich sterben und sah deine lichten
Augen den schwarzen Star des Todes geduldig-anblickend auf-
nehmen, dem nur wenige hiipfende Funken und Farbenkreise
heller Tage vorgeflattert waren - und deine Gestalt lag in ihrem
Grabe, zu einem weiBen versteinerten Engel erkaltet, aber sie
lachelte noch fort, als wolle sie sagen : ich habe dir vergeben und
dich bis in meinen Tod geliebt, aber ich konnte dir es nicht mehr
sagen... O das ist die tiefste Totentrauer in einem Menschen -
und sein Leben ist ein ewiges Leichenbegangnis -, wenn er sich
30 nach einem gekrankten verwundeten Wesen trostlos sehnenmuB,
womit der geflugelte Tod in die Erde entfloh, eh' er bitten konnte :
vergib mir I und eh* er sagen konnte: ich habe dir wehe getan,
aber ich habe dich doch geliebt. -
Auf einmal, als ich mich aus einem Schatten wieder in das
1 Jene bekannte verborgne Richtmaschine, die den Menschen durch die
Umarmung entleibt.
89O PALINGENESIEN
Mondlicht umwandte und als mir in der dammernden grauen
Tiefe hinter den geschlossenen Augen deine Seele gleich einem
Heiligen wie eine glanzende Taube aus dem dampfenden Schei-
terhaufen des Lebens aufzufliegen schien : so rauscht* es plotzlich
durch den ganzen Garten - ich blickte erschrocken auf - da
schauete mich der ganze Himmel mit alien seinen tausend ewigen
stillen Augen freundlich an — der halbe Mond stand wie ein glan-
zendes Stirnblatt in seiner Mitte1 — der Stern der gesichelten Zeit,
der Saturn, war versenkt - ein Flug Zugvogel sank aus dem Blau
in unsern Friihling mit freudigen Lauten nieder — die Geister- 10
stunde schlug in den Tiirmen aus, und die ersten Minuten des
Morgens und der Hoffnung kamen an — der bewaffnete Komet
der Angst zerging an den ewigen Sonnen in Nebel, und ich hielt
es fur Siinde, von der Vorsehung so leicht zu erwarten, daB sie
den hochsten Schmerz iiber ein wundes Herz verhange
O warum befurchten wir vom Allgutigen viel leichtsinniger
die tiefsten, uns ganzlich auflosenden Wunden als von jedem
irdischen Freund? Ach darum, weil wir die Gegenwart ohne
die Zukunft so schlecht lesen - weil wir so wenig darauf mer-
ken, daB die mit Tranen gemachten Farben unsers Schicksals, 20
die gleich den Farben auf nassem Kalk anfangs zerflossen, un-
kenntlich und verworren sind, endlich zu schonen Bildern trock-
nen
Hermine! Zuversicht auf Menschen und auf Gott istdie Ietzte
und schwerste Tugend - die lichter- und blumenvolle Natur gibt
uns nichts als VerheiBungen, und nirgends stehen in ihr die grin-
senden Gorgonen-Larven unserer Fieber. - So fasse du meine
Hand und laB uns nicht nur gut sein, sondern auch froh. Die
Freude ist der Sommer, der die innern Friichte farbt und schmilzt.
Die Blute tragt und gibt nicht nur kunftige Friichte, sondern auch 30
gegenwartigen Honigsaft, und man darf ihr diesen nehmen und
schadet jenen nicht. Die zur rechten Tagszeit abgenommenen
Blumen der Freude bleiben, wie die gepfliickten neben mir, ewig
in der Erinnerung ofFen und wach, indes die griinenden sich bald
1 Meistens wenn der Mond gerade iiber oder unter uns wegriickt, regen
sich Winde.
ACHTER REISE-ANZEIGER 89I
schlieBen, bald offhen. Und obgleich wir Menschen wie SchifFe1
nur blind und in einer Nacht und weinend in die See des Lebens
gehen: so laufen wir doch am hellen Tage heiter und besonnen
im Hafen der seligen Peters-Insel ein, worauf die Toten wohnen. -
Aber, Hermine, nun stille bald meinen Wunsch und meine
Furcht und hebe aus deinem Geburtstage eine Minute fiir mich
heraus, worin du mir sagst: >Mein neues Jahr ist schon - es bringt
mir Freude und Liebe, und ich teile beide wieder aus.<
j. p.«
io ACHTER REISE-ANZEIGER
Fata: meine Todesangst vor dem ReichsschultheiB — peinliches Interroga-
torium — zwei Siebenkase — zwei J. P's
Werke: Avertissement meiner Rettungsanstalten auf dem Buchbinderblatte,
fur romantische Scheiritote - Personalien vom Bedienten- und Ma-
schinenmann — Fabel vom zepterfahigen Baren - Ausziige aus Brie-
fen
»Was zu arg ist, das ist zu arg«, sagt* ich den zehnten Wonne-
oder Marter-Monat. Aber der Leser richte selber. Er weiB gewiB
hinlanglich, daB ich keine Seidenraupe bin, die an jedem welken
20 oder nassen Blatt des Freuden -Tulpenbaums erkrankt: umge-
kehrt mach' ich mir aus jedem Blatt eine Welt. Und die Karten
meiner schonsten idealischen Welt sind fur andere so leer und
ihren Landkarten der wirklichen so entgegengesetzt wie Seekar-
ten, auf denen gerade das Land durch leere Raume angedeutet
und nur Meerestiefen und Strome und Ankergriinde abgezeich-
net sind. Ich wollte gerade diesen Band, so wie ich ihn mit dem
Anfange des ersten (mit einem Andenken an die gute Hermine)
anfing, mit dem Schlusse des ersten beschlieBen, namlich mit der
Feier meiner Verlobung, welche eben in den zehnten flel - als ein
30 Niirnberger Stadtdiener anklopfte. Ich hatte bisher mehr an meine
sprachlose Huldin als an den geschwatzigen Unhold Rokeritz
und an die Gefahrlichkeit meiner graf lichen Standeserhohung
und der Adoption Georgettens gedacht; aber jetzt schlossen alle
1 Die Schiffe gehen nachts ziir See, weil dann Landwinde, und kommen
am Tage an, weil dann Seewinde blasen.
892 PALINGENESIEN
bewafTnete Gespenster der Furcht einen Kreis um meine ver-
bundnen Augen, sobald der Stadtdiener sagte, er habe Befehl,
mich sogleich nach dem MGaraus**1 zu Sr. Gnaden, dem Herrn
ReichsschultheiB, zu fiihren. »Es ist mein eigner Garaus«, sagt*
ich und alternierte mit Wangenrot und -weiB, wie der Rock des
Dieners war, der gleich einem an der Wand reifenden Apfel sich
in beide Farben teilte. Und iiber den triiben Abend hing noch
dazu ein triiber Himmel, der wie ein weibliches Auge das Vergie-
Ben seiner Tropfen nur bis auf die Nacht verschob.
Ich werde viele Leser haben, die nicht wissen, wer der Reichs- 10
schultheifi ist: es ist der alteste unter den dreizehn alten Biirger-
meistern, ferner ist er noch erster Losunger, kaiserlicher wirk-
licher Rat, Siegelbewahrer der Reichskleinodien und dabei Reichs-
schultheiB, namlich Bewohner der Reichsveste, die sich durch die
malerischen Aussichten nach auBen und durch die nach innen -
namlich auf die beruhmten Gemalde in der Kaiserstube, in der
Ritterstube und dem Kurfiirstensaal - leicht empfehlen kann.
• Was ich mir vom ReichsschultheiB zu versprechen hatte, war
Holle und Verdammnis fur meine Philanthropic gegen Georgette
und fur den Namenraub: ich wurde gerade durch das verdammt, 20
wodurch andere loskommen, durch den Beweis, daB ich nicht der
Vater sei. Wofiir sollt* ich mich ausgeben, fur den Comte - oder
fur den Inspektor - oder fur mich? - Endlich schien mir die
Behauptung, daB ich — ich selber sei, doch unter alien Thesen
am erweislichsten zu sein, und ich konnte den Satz postulieren;
auch muBt' ich, wenn ich das Grafendiplom hatte behaupten
wollen, die unschuldige Emigrantin entweder zur liigenhaften
Helfershelferin oder zur Denunziantin machen, und was war nicht
uberhaupt von einem Jahrhundert, das durch den schwarzen
Strulbrugs-Stirnfleck* seines feigen, unverschamten, blutschul- 30
digen Vertreibens der Vertriebnen unsterblich ist, in einer Rolle
der letztern zu fiirchten? - Kurz ich wollte sagen: me void! und
neben dem Beweis durch Augenschein noch den durch eine brief-
1 Der Garaus ist die Stunde, wo die Sonne untergeht.
* Die Menschen in Gullivers Reisen, die nie starben, brachten bei der
Geburt einen schwarzen Fleck auf der Stirne mit.
ACHTER REISE-ANZEIGER 893
liche Urkunde fuhren, die ich mir, eh* ich mit dem Stadtdiener
ging, aus der Zehischen Buchhandlung bringen HeB, namlich
mein von Herrn Pfenninger gestochnes Bild.
Es argert mich, daB jetzt der Leser aufpassend in seinem Sessel
sitzt und sich behaglich und ganz mit Interesse die Gefahren aus-
malet, denen ich (hofft er) nun auf den Nurnberger Gassen ent-
gegengehe. Wer nicht das Gluck hatte, so oft verklagt zu werden
wie Kato — und ebensooft losgesprochen, namlich achtzig Mai — ,
oder eines von beiden selber zu tun, der hat ungern mit der Justiz
10 Verkehr und erschlagt sogar unter dem Protektorium einer Not-
wehre nur mit Widerwillen einen Mann, bloB weil ihm die intri-
kate Katechetik von Kampfrichtern widersteht, die den Klienten
leicht zur Oberleuterung der Hollenrichter schicken. Die Wahr-
heit, besonders die gerichtliche, ist zwar auf dem Boden ihres
Brunnens wirklich zu erfischen; aber der Brunnen ist — noch ab-
gerechnet, daB einen die, welche daraus schopfen, leicht darin
ertranken - so verflucht tief, daB man, wie bei dem auf derselben
Reich sveste des SchultheiB befind lichen sogenannten tiefen Brun-
nen1, der nach einem darneben hangenden Tafelein sechsund-
20 funfzig Klafter (jede zu sechs Nurnberger Schuhen) hinunter-
geht, recht gut zweiunddreiBig (Jahre) zahlen kann, bis etwas
hinuntergelangt.
Die krummgeworfne Gassen-Schlangenlinie, wodurch mich
der Stadt-Sbirre fiihrte wie ein Mittelwachter seinen Juden, bil-
dete mir die loxodromische Linie des rechtlichen Weges ab. Zum
Ungliick fiel mir noch die Behauptung mehrerer Gelehrten bei,
daB Niirnberg sich vor Zeiten aus Venedig auBer Seifenriegel die
Gesetze (sind aber diese keine Seife?) spedieren habe lassen: ach,
seufzte ich, hier sind auch heimliche Gerichte zu gewarten, die
30 noch schlimmer sind als heimliche Siinden, namlich heimliche
Friedensartikel und Instruktionen, und wiewohl die Patrizier
uber die ganze Stadt die genauesteRechenschaft abzulegen habenr
namlich einmal dem Kaiser in Person und einmal vor dem Jiing-
sten Gericht, gedachte man wohl da meiner, und half* es mir
viel? -
1 Mutters Beschreibung der Reichsstadt Niirnberg S. 47.
894 PALING ENESI EN
Mein einziger Trost war mein Kupferstich, der mir zwar ve-
niam aetatis gibt und mich zu alt, aber doch kenntlich vorstellt.
Ich und der Stadtdiener kamen endlich bei Nacht und Nebel in
einen Hof, dessen Portier ein angemalter Geharnischter war. Ich
wuBte noch nicht, daB um mehrere Hauser solche gefarbte und
holzerne Kiistenbewahrer und pratorianische Kohorten wachen.
Als ich ohne Schwierigkek von dem gemalten Schweizer einge-
lassen wurde, tat ich das SchuBgebet, daB die heilige Anna mir
ihren Arm leihen - welches sie machen konnte, da Niirnberg den
Arm unter den Reichsheiligtiimern in einem goldnen Etui oder 10
Armel aufbewahrt - und mich aus der Affare ziehen mochte,
wenigstens durch Geld. Vor der Treppe lag eine passive Immo-
biliar-Schuhbiirste auf dem Riicken, am Pfeiler hing folgende in
Nurnberg haufige Warnungstafel:
Wer tretten will die Stiegen herein,
Dem sollen die Schue fein sauber sein,
Oder vorhero streiflen ab,
DaB man nit driiber zu klagen hab.
Ein Verstandiger weiB das vorhiri,
Wie er sich halten soil darin. 20
Da ich letzterer war, wetzt' ich, ohne Hinsicht auf das Biirst-
Edikt, ein paarmal die Stiefel ab.
Auf jeder Staffel war ich mir des haBlichen Patriziers mit den
aufsteigenden Fruhlingszeichen gewartig, die fur mich nieder-
steigende waren. Sobald ich nur den ReichsschuItheiB erblickte -
der so viel Pliisch anhatte als StuB, aber jiingern -, so lebt' ich
wieder auf: nicht als ob er anders ausgesehen hatte als ein in Stein
gehauener Mars, sondern bloB weil keine Gegenwart so viele
Realterritionen und Ruprechte und Wauwaus gegen mich zu-
sammenbringen kann als mein fataler frere terrible, die Phantasie. 30
Der Reichsschulz fing an, und seine Worte folgten gleichsam wie
die StoBe eines Eisenhammers abgemessen und weit abgeteilet
aufeinander: »Der Herr Graf von Baraillon halten sich schon
lange hier auf?« - Ein anderer ware wieder zur Luge iiberge-
treten, weil er gezweifelt hatte, ob heute uberhaupt der Miinz-
ACHTER REISE-ANZEIGER 895
probationstag seines Namens sei; allein ich versetzte: »Nicht
lange, sondern gar noch nicht!« - »Wie denk' ich mir das?«
fragte der Reichsschulze. »Der Herr Graf, dessen Sie gedenken,«
(fuhr ich fort) »steht nicht hier, sondern in Hof.« - »Sind Sie nur
ein Verwandter von ihm oder wie?« fragt' er fatal fort.
Jetzt hob sich meine zehnte oder diokletianische Verfolgung
erst recht an.
Eine in lauter abgefragte Repliken zerstiickte Verteidigung
taugt und wirkt nichts, ebensogut konnte eine mehrere Male
io abgedriickte Windbiichse mit ihren LuftstoBen eine Windmiihle
treiben; ich ging daher wie eine Sonne auf und blies folgenden
langen Ostwind vor mir her: »Die Justiz im despotischen Orient
ist zwar schnell, im freien Okzident aber, hofF ich, langsam, zum
groBten Vorteil der Parteien und Richter. Wie die Natur die
Fliisse, z. B. die Seine, die nur eine Viertelmeile von Paris abliegt,
erst in den Krummungen von funfzehn dahinlaufen lasset, damit
der Strom ein langeres Ufer anfeuchte und mehrere Kustenbe-
wohner begliicke und segne : so wird der Weg Rechtens, anstatt
gerade wie eine Chaussee, vielmehr durch unendliche Zickzacks
20 zum groBten Nutzen derer fortgefiihrt, die daran sitzen in ihren
Zoll- und Kaufhausern. Die Parteien stehen sich noch besser.
Doktor Radcliffe lieB einen Hypochrondristen den weiten Weg
zu einem miindlichen Rezepte machen — als er ankam, war der
Doktor schon fort und nur seine Anweisung da, wohin er ihm
nachzureisen habe - der Patient verfehlte ihn auch auf der zwei-
ten Reise; aber endlich auf der dritten merkt* er, daB er ohne den
Doktor genese, und schrieb es diesem. Das war eben mein Plan,
sagte Radcliffe. Gleicherweise ist die Verzogerung eines Urtels
selber eines, der Aufschub der Strafe eine, namlich fur die streit-
30 siichtige und verdammliche Partei, und eine doppelte, wenn sie
nachher gewann und ihren ungerechten Gewinst recht lange ver-
riegelt sah; wie der Tod ist dann die Justiz dem Gerechten nur
ein Schlaf, dem Ungerechten aber eine Strafe.
Hingegen ich, gnadiger Herr, kenne im Gehen, Fahren, Essen,
Reden, Lesen, Handeln nichts eigentlich HaBliches als blofl Lang-
samkeit: vollends in der Justiz !« In der Tat hatt' ich bloB
896 PALING ENESI EN
dieses hafilichen Austerschritts wegen mir unter dem Laufertore
den Notnamen aus dem fremden Passe entlehnt, weil ich, obwohl
nicht die Waage und das Seitengewehr der Gerechtigkeit, doch
unbeschreiblich das schwere Fortschieben dieser petrifizierten,
nur mit ihrem FuBgestelle schreitenden Gottin scheue: wie, ich
so lite in einer Personal-Blockade von einem Gefangnisfieber zum
andern sitzen, bis von Nurnberg nach Hof geschrieben war und
wieder zuruck? -
Alles dieses - und meinen wahren Namen - und alle meine
Niirnberger Fata bis auf diesen Reise-Anzeiger sagt* ich dem 10
ernsten SchultheiB heraus. Ich tat nicht die geringste Wirkung
auf sein Gesicht, das immer laurender aussah, gleichsam als sen*
er mich immer naher auf das aufgestellte SelbstgeschoB losschrei-
ten und bald am Koder des aufgespannten Hahnes ziehen. Er
stellte bloB eine kalte Frage nach meinen »vorhabenden Geschaf-
ten« in Nurnberg. Ich berichtete dem Reichs-Gemeiner gern, daB
ich hier fur Siebenkas eine zweite Auflage unter dem Titel »Jean
Pauls Fata und Werke vor und in Nurnberg« zu bearbeiten an-
gefangen. — »Sie meinen, wenn ich Sie recht verstehe,« (versetzte
der Schulz) »des beruhmten Herrn Professors Siebenkees1 kleine 20
Chronik der Reichsstadt Niirnberg.« — »Ich meine«, sagt* ich,
»seine Teufels-Papiere, die der gute Mann ohnehin jetzt nicht
vornehmen wurde, da er in Wetzlar ist.« - »Siebenkees«, sagte
der Schulz, »ist aber tot.« — »Allerdings schien es so,« (sagt* ich
und merkte das MiBverstandnis nicht) »allein Sie werden aus sei-
nem Leben von mir wissen, daB er nach seinem Ableben die Stadt
verlieB und Vaduzer Inspektor wurde.<* - Aber welches fatale
Konnexionen- oder Verbindungsspiel zusammengeflochtener
Ahnlichkeiten zweier Menschen! —
»Ich hore wohl,« sagt* er ruhig, »Sie meinen einen andern ver- 30
storbnen Siebenkees als den Altdorfer; auch miissen Sie einen
andern Jean Paul meinen, denn einen kenn* ich von Akademien
her recht gut, und er ist mein Spezial.« Der Reichs-Gemeiner
1 Als ich Siebenkasens Leben edierte, war sein gelehrter weitlauftiger Na-
men svetter Siebenkees in Altdorf noch am Leben; er hat auch iiber die
Inquisition geschrieben.
ACHTER REISE-ANZEIGER 897
griff wie ein Fieber oder wie Bilsensamen meinen Verstand an:
ich konnte nichts herausbringen als meinen - Kupferstich, den
ich vor ihm mit der Bitte aufrollte, einen Blick darauf zu werfen.
Er ergriff das Blatt viel lebhafter und froher, als die Umstande
versprachen, und sagte: »Recht gut getrofTen, aber ein wenig zu
jung, wie Sie sogleich sehen werden.« - Erstaunt sagt* ich:
»Zu alt meinen Sie - aber obgleich wir, ich und Friedrich II.,
noch nicht alt genug fur ein Heldengedicht wurden: fur einen
Kupferstich wird man leicht alt genug und ihm mit der Zeit zum
10 Sprechen ahnlich.« - Er schien mich wenig zu verstehen und trieb
mein Staunen durch die Worte noch hoher: »Sie sollen es selber
sagen, ob Jean Paul nicht getrofTen ist: denn in wenig Minuten
kommt er selber.«KeinLeser kann noch in einer solchen cimmeri-
schen Thomasnacht herumgewanket und herumgegriffen haben
wie ich. Ich beteuerte dem Schulzen, mein Bild sei kein fremdes,
und iiberhaupt sei das, was hier in meinem Gilet, Hemde, Kleide
und meiner Chaussure stecke, alles, was von mir auf der Welt
herumgehe: andere Exemplare seien verfalscht. Ja ich erbot mich,
dem Reichs-Gemeiner das Manuskript der Palingenesien zu zei-
20 gen, worin es weitlauftig stande, wie ich hieBe. - Aber mit einer
ganz skeptischen Miene, die mich genug 'fur mein PaB-Falsum
abstrafte und die mir zu sagen schien, daB eine Unwahrheit und
ihr Widerruf einander gegenseitig entkraften, zog er bloB die
Anekdote1, ohne sie zu applizieren, bei den Haaren her, daB ein
irlandischer Pfarrer, namens Eccles, sich dadurch fur den Ver-
fasser von Mackenzies »Mann von Gefuhl« auszugeben gedacht,
daB er vom Buche eine Kopie genommen und sie mit einigen
Einschiebseln und Rasuren versehen, urn sie als Manuskript zu
produzieren.
30 Jetzt, wo ich das Schlachtfeld schweigend und mit verlanger-
tem Kinne raumen muBte - welches Lavater erhebet mit den
Worten: je mehr Kinn, desto mehr Mensch -, kam ein Diener
gelaufen und meldete die Ankunft des Herrn Jean Pauls und
machte schon die Tiiren auf, die mich leicht an die bei geoffneten
Tiiren publizierten Todesurtel erinnerten.
1 Johnsons Leben von Boswell.
898 PALINGENESIEN
Ein Herr trat herein, der das Gesicht riickwarts nach dem Be-
dienten, dem er noch etwas sagte, drehte; und als er nahe an mir
es herumkehrte, ach da wars mein alter - Siebenkas, auf dessen
Jonathans-Brust ich sogleich, vom elektrischen Schlage der Freude
getroffen, sprachlos niedersank. Nicht von der Entwickelung wurd'
ich so gliicklich erschiittert — denn ich wuBte von der Verwicke-
- lung nichts mehr -, sondern von dem schnellen Heraustreten
eines warmen Angesichts wie einer Sonne mitten aus dem nassen
frostigen Nebel, der mich iiberzog. Endlich sah er mich an und
fragte freudig iiber meine Freude: »Nun, Paul?« - Und ich ant- 10
wortete: »Ach wo kommst du denn her? - Und wie ists mit dir?-
Ja, ja, gib du dich nur fur mich aus, du Lieber«; und ich konnte
mich nicht satt an seiner Gegenwart sehen. -
O nur in den Minuten des Wiedersehens und der Trennung
wissen es die Menschen, welche Fiille der Liebe ihr Busen ver-
berge, und nur darin wagen sie es, der Liebe eine zitternde Zunge
und ein iiberflieBendes Auge zu geben, wie Memnons Statue nur
tome und bebte, wenn die Sonne ham und wenn sie untetgingy
am Tage aber bloB warm von ihren Strahlen wurde!
Der Leser wird es nicht abwarten konnen, bis ich den Inspek- 20
tor ernstlicher frage, welche gute unsichtbare Hand mir denn
diesen mit alien Fruchtarten geputzten Christbaum so schnell in
meinen Niirnberger Wolfsmonat getragen, worin der Knecht
Ruprecht so drohend auf mich losgegangen war; - ich fragte
endlich ernstlicher, und Siebenkas versetzte: »Das gehort in ein
anderes Kapitel.« -
Und dahin will ichs auch tun, namlich ins letzte: iiberhaupt
bilden die neuen Fruchtknoten und deren Friichte - der Auf-
schluB seiner Erscheinung - die besten Nachrichten vom Reichs-
schultheiB - der Ausgang von diesem Geburtstage meiner Ver- 30
lobung - alle diese Dinge bilden einen farbigen Herbstflor des
Buchs, womit ich am schicklichsten das letzte Kapitel uberziehe
und so das ganze Paradiesgartlein wie mit einer Lusthecke blti-
hend riinde und umschlieBe.
Allein well ich mir gedenken kann, wie sehr sich alle Leser
schon mit Bienenflugeln durch diese Hecke und diesen Flor zu
ACHTER REISE-ANZEIGER 899
schwarmen sehnen: so mach' ich mirs zur Pflicht, sie hier mit
meinen (AuBen-) Werken in Niirnberg gar nicht aufzuhalten,
sondern sie sogleich in die satirischen umgearbeiteten Werke, die
mir der Inspektor mitgebracht - denn jeder Mensch will an seiner
zweiten Edition doch auch selber etwas umbessern -, einzulassen.
Urid darauf machen wir uns alle in den letzten Anzeiger hinein.
Ich weifi nicht, ob mehrere wie ich in Siebenkasens Satiren
wahrnehmen, dafi er nach der Welt mit groBern Gallensteinen
wirft, als ich tue und als er selber in seiner Gallenblase hat.
10 Avertissement meiner Rettungsans taken aufctem Buchblnderhlatte^
fur romantische Scheintote1
Ohne dichterische Ungliicksfalle kann man bekanntlich keinen
guten Roman und keinen guten Bankerutt machen; daher uber-
steigt die Sterblichkeit in Romanen bei weitem die in Batavia,
und beinahe jeden Tag sen' ich ansehnliche Leserinnen mit dem
Schnupftuch in der Hand als Klageweiber junge Leseleichen oder
andere vom Autor Justifizierte zu Grabe begleiten. Ich fasse mich
und gehe niemals mit, sondern wecke in meinem Exemplar lieber
den Lazarus auf. Ich ringe namlich - wenn ich ans Ende des Buchs
20 gelange, wo der Autor seinen scharfen Ameisenpflug uber seine
kleinen Weltgloben und deren Volkerschaften zieht und wie ein
halber Unsinniger alles niederfahrt und abschneidet - nie un-
tatig dariiber die Hande oder laufe Iamentierend auf und ab, son-
dern ich ziehe ganz gesetzt meine Handpresse hervor und drucke
damit in fortlaufender Seitenzahl das weiBe Buchbinderblatt mit
nichts Genngerem als mit einem kurzen Supplement-Adviso voll,
daB mehrere Scheintote der vorhergehenden Seiten zur allgemei-
nen Freude wieder zum Leben und auf die Beine gebracht worden.
So wehr* ich in meinen Exemplaren dem romantischen Landsterb.
30 Das Buchbinderblatt wird durch dieses Riickendekret der Stein-
bock, worein die Sonnenwende des lebendigen Aufsteigens fallt,
oder das Tal Josaphat, wo die Toten auferstehen.
Es ist bekannt - und die lebendigen Beweise davon gehen
herum — , daB ich oft mit einigen Lettern, Abteilungszeichen und
1 Teufels-Papiere S. 161.
900 PALINGENESIEN
Spatiis ausreiche und mit solchen Sarritatsanstalten manchen
armen hingedruckten Narren wieder aufstelle. Das Buchbinder-
blatt ist nochvorhanden, worauf ich den guten eingefrornen Sieg-
wart legte und den Schelm so lange rieb mit Druckerballen statt
mit Flanell, bis er seine naturliche Warme wiederbekam und seine
Sprache : gegenwartig sitzt der ehrliche Schlag, so gesund als ein
Hecht im Wasser, bei mir selber zur Miete und zeugt seine jahr-
lichen Kinder und will mit eignen Handen die Supplementbande
seiner Lebenshistorie nachstoBen. Der gute Mensch kann - nach
Druck und Papier zu urteilen - noch langer leben als ich und 10
Methusalem. -
Madchen voll Liebe werden so leicht scheintot als die Pferde
englischer Bereiter oder als betastete Raupen, die sogleich erhar-
ten: das frischte mich am meisten an, daB ich neulich an einer
gewissen Mariane in einem Roman - von Siegwarts lange ver-
weseter die Namensbase - meinen Teichmeyerschen Lebensbal-
sam, die Druckerschwarze, versuchte und ihr das antisepticum
auf dem letzten Blatte eingab : es gelang wider die Erwartung aller
Leser, und in der Ehe, worein sie mit ihrem Wilhelm trat, blieb
ich mehr als einmal der ordinare Gevatter. - Und so mussen 20
mehrere von den Froschschneppern tragischer Federn erspieBete
Leute und Werthersche Selbstschutzen noch am Leben sein, wel-
che es bezeugen konnen, daB ich stundenlang am Letternkasten
gestanden und weder Bleilettern - da Blei ein so gutes SchuB-
wasser gibt - noch Druckerflrnis - das beste Brandmittel -
gesparet habe, um ihnen auf einem Blatte das Lebenslicht anzu-
ziinden, das ihnen alle vorhergehenden auszublasen unternom-
men. —
Totgemacht hab* ich noch wenige auf dem Blatt hinter dem
Finalstock; nur selten nab* ich einen und den andern elenden, 30
von franzosischen Romanen mit Wonnemonaten und agypti-
schen Fleischtopfen iiberhauften Filou durch ein wenig Ol und
RuB vergiftet oder einen Finanz- und Akzispachter mit derHand-
presse erquetschet oder Minister wie Terray mit Druckerahlen
erstochen.
Ich biete demnach meine Toten-Wecker dem leidtragenden
ACHTER REISE-ANZEIGER 9OI
Deutschland in Pleureusen an. Ich mache mich anheischig, Tote
jeder Art - sie mogen am Nerven-Pips oder am Gries oder an
Hiobskrankheiten oder, wie GroBpolen, am verworrenen polni-
schen Zopf gestorben sein - und nach jeder Zeit - sie mogen
schon drei Tage oder drei Jahre unter der Erde gelegen, ja sie
mogen schon aus Folio in den kleinsten Format gebrochen sein -
- falls nur das Buchbinderblatt, dieses notige Liiz- und Heiligen-
bein1, noch ganz ist, so erbiet* ich mich, alle Tote — nur die in
Plutarchs Biographien ausgenommen, zu deren Herstellung mir
10 grieckische Matri^en und Patrh(en fehlen — wieder so gut zu re-
staurieren und aufzustellen, daB sie so lange leben als jeder im
Buch, namlich so lange als das Buch. Man schickt mir bloB sein
Exemplar ins Haus nebst dem Avis des angeplatzten Helden, der
erhalten werden soil, und bekommt dann den signierten Men-
schen lebendig und genesen zuriick.
Personalien vom Bedienten- und Maschinenmann*
Ich werde sie nie auf der Erde referieren - jeder Hund kennt
da den Maschinenmann — ; aber auf dem Saturn teil' ich sie mit
Vergnugen mit. Ich habe einige HofFnung, nach dem Tode mein
20 neues Jerusalem auf dem Saturn zu finden, da kein anderer Planet ■
solche Lichtanstalten, einen siebenarmigen Leuchter von Monden
und eine leuchtende Nachtschlange von einem Doppelring, auf-
zeigt. Auch kann ich nicht eher selig werden, als bis ich vom
verdammten Maschinenmann wenigstens 130 Millionen Meilen
absitze; und das tu* ich auf dem Saturn in der Erdferne.
Saturnianer! - werd* ich anfangen, noch eh' ich drunten einge-
sargt bin - das Neueste und Tollste auf der Erde ist der Ma-
schinenmann auf der Insel Barataria, aus der ich vor wenigen
Stunden abstiefi.
J° Da er mich oft besucht hatte - durch eine Visitenkarte, wie er
denn die Reise um die Welt durch bloBes Herumschicken un-
zahliger Visitenblatter getan -, so niacin* ich ihm die Gegenvisite
1 Nach den Rabbinen stehet der Mensch aus einem unzers tor lichen harten
Knochelchen, das Bein Liiz genannt, von Toten auf.
2 Teufels-Papiere S. 509.
9<D2 PALINGENESIEN
in natura. Der Maschinenkonig war, als ich landete, schon ge-
weckt, seine Bette- imd Fenstervorhange schon aufgezogen, Licht
und Feuer schon gemacht - alles von Morgues Wecker. * Er und
seine Dienerschaft hatten eben die Kinne in die BartroBmuhle*
gesteckt und wurden von dem darin trabenden Gaule durch ein
Muhlenrad in corpore balbiert. Als er glatt war, muBte sein Arm-
oder Deltamuskel - so hieB ein Leibpage, der sein dritter Arm
war und der das Schnupftuch an ihm handhabte, wenn er niesete,
und der ihm Schnupftabak in die Nase eingab wie einem Pferde
Arzenei - sogleich laufen und die Sprachmaschine holen und sie 10
seinem Bauche vorbinden. Der Maschinenmann griff auf der
Tastatur die ersten Akkorde der Ouvertiire, welche hiefien:»Ihr
ganz Gehorsamster! guten Morgen!« -
Ihr Saturnianer hattet ihn oft horen sollen, wenn er als Bruder
Redner vor Mutterlogen die feurigsten Mauerreden spielte oder
vor dem Beichtstuhl orgelte oder als Professor der Eloquenz ein
Stilistikum abfingerte. Weil er nie eignen Wind zum Reden
brauchte, sondern fremden: so hatt' er als Konig von England ganze
sieben Jahre fort im Parlamente reden konnen. Nur Gebete spielte
er nicht auf seiner Maschine : sondern der russische Resident muBt' 20
ihm das Betradlein der Kalmucken3 verschreiben; und daher kam
es, daB die Kirchenvorsteher ihm nachsagten, er habe nie fur sei-
nen reisenden Landesherrn oder die schwangere Landesherrin
ein SchuB-, StoB- oder anderes Gebet getan, sondern vielmehr
im Kirchenstuhl lustig etwas geschwenkt: aber das war jateben
seine Betmaschine und sein Gebrauch davon, und es wurde nach-
her hohern Orts schon erkannt.
1 Pater Morgues erfand wirklich einen Wecker, der alle diese Dinge ver-
richtet.
2 In Kriinitz* Enzyklopadie B. 3. wird eine BartroBmuhle vorgeschlagen, 30
die in einem runden Gebaude mit Kopflochern besteht, in welche man den
Bart einsteckt, den die Schermesser eines horizontalen, von einem Pferd
getriebnen Rades abnehmen ; und sogar den Boden dieses Unkrauts mit, das
Kinn.
3 Es heiflet Kiiriidu und sieht wie eine Kinderklapper aus: die Betformeln
sind in einer Kapsel an einem beweglichen Stiele aufgerollet - und sie dre-
hen heiBet beten. An Orten, wo noch das Tischgebet Gesichter und Hande
in Verlegenheit setzt, sollte man zum Betrad greifen und so das Dankgebe t
vom Bratenwender zugleich mit dem Bra ten drehen lassen.
ACHTER REISE-ANZEIGER 903
Jetzt lieB er sich von seinen Leuten wie einen Kegel aufstellen,
urn mit mir zu lustwandeln und mir sein Schiff und Geschirr zu
zeigen. Sogleich kamen alle seine Trager gelaufen: wenn Fiirsten
nichts haben als Schleppentrager - Infultrager - Gebetpolster-
trager - oder wie der Mogul Betel- und Sabeltrager: so hat der
Maschinenkonig Uhrtrager, Huttrager, Dosentrager, Lorgnet-
tentrager und einen Lektor mit einem Buch unter dem Arm, des-
sen Velinblatter bei Gelegenheit nach der Pagina - ausgerissen
werden. Gleichwohl nab' ichs aus — seinem Munde nicht sowohl
10 als aus - seiner eignen Hand, die mir alles aufrichtig vorspielte:
»er sei zum Lasttrager verdammt: wer trag' ihm seine Krawatte,
seine Stiefel, Strumpfe, Sommer- und Beinkleider und alles? Und
wer geb' ihm denn eine Maschine, die ihn in Bewegung setze,
ein Gehwerk?«
Ich sehe voraus, die Saturnianer, die rings urn mich auf den
beiden Ringen des Planeten sitzen und mir zuhdren, argern sich
iiber den Mann; aber ich komme noch besser.
Saturnianer, fahr* ich fort, der Maschinenkonig fuhrte mich
jetzt in seine Appartements, erstlich ins Schreib- und Studier-
20 zimmer. Es ist unbedeutend, daB er nirgends da ein Federmesser
hatte, weil er bloB an eine federschneidende Maschine gewohnet
war; aberes ist wichtig, daB es der Mann bereuete, daB er, da er
auf der Marterbank des Harmes saB, den Tod seiner Frau an die
Freunde herumgeschrieben hatte mit einer Schreibmaschine des
Kaiser Josephs, die jeden Brief, den man mit der eignen Hand
hinschreibt, sogleich verdoppelt und kopiert. »Ich hatte nichts
schicken sollen«, sagt' er, »als einen leeren Bogen Papier, der
schwarz gerandert gewesen ware.« Er hatte ein Buch Trauerpapier
zu Trauerfallen fur die Zukunft Hegen - ferner griingerandertes,
30 um Ehescheidung zu melden - gelbgerandertes, um seine Hoch-
zeiten anzusagen, und ventre de Biche-gerandertes fiir Beerbun-
gen. Ich kann aber die Zuhorer auf beiden Ringen verstandigen,
daB diese bunten Farbensaume schon langst als Semiotik und
Signatur der Pariser Notirlkationsschreiben bekannt gewesen.
Er fuhrte mich darauf in seine Bibliothek zur groBen Enzyklo-
padie von d'Alembert, die in weiter nichts bestand als in einem
904 PALINGENESIEN
alten - Franzosen, der sie auswendig konnte und der ihm alles
sagte, was er daraus wissen wollte: wie ein Romer (nach Seneka)
Sklaven hatte, die an seiner Statt den Homer hersagten, wenn
er ihn zitierte, so wiinschte sich der Mann herzlich noch einen
chemischen Pagen, einen astronomischen, einen heraldischen,
einen kantianischen, damit, wenn er etwas schriebe, er bloB die
Pagen wie Bucher urn sich stellen und in ihnen nachschlagen
konnte, ohne selber alles zu wissen.. -
Das Rechnen, das er fertig konnte - aber nicht das Einmaleins -,
betrieb er nicht wie eine Maschine, sondern durch eine Ma- 10
schine. Er drehte namlich die Rechenmaschine des Herrn Hahn
ein paarmal urn, so hatt' er sein Fazit und SpaB dazu. - Warum
stellte man nicht langst auf der Erde die Hahnische Maschine, da
sie Gewissen hat, als Rechnungsrevisor an? - Der Maschinen-
konig schwur, hohere Wesen muBten eine Algeber-Maschine er-
denken konnen : »Seid ihr mit einer versehen, Saturnianer?« fragt'
ich.
Die Gelehrtenbank auf dem einen Ring und die Ritterbank
auf dem andern bat mich fortzufahren, da die Tage auf dem
Planeten so auBerst kurz seien, obwohl die Jahre auBerst lang 20
wie meine Erzahlung. - Im Erdenleben sind gerade die Jahre
kurz, die Lebensalter noch kiirzer und das Leben am kiirzesten,
aber die Tage sind lang, die Stunden noch langer und die Minuten
oft Ewigkeiten.
Sooft er zum Fenster hinaussah und die Himmel und das weite
Meer beschauete, so muBte sein netter, wie ein Almanach geklei-
deter. Page hinter ihn treten und ihm die Schonheiten riihrend
vorschildern, damit sie ihn stark bewegten.
In der Riihrung fiihrt' er mich in den Konzertsaal und sagte,
er set der Musik-Direktor und das Orchester: »Nichts ist dabei 30
lebendig : Komponist,« sagt' er, »Notist, Harfenist, Flotenist, Takt-
schlager, alle sind Maschinen; nur der Zuhorer nicht.« - »Bei
unsern Winterkonzerten«, sagt' ich, wists oft gerade umgekehrt.«
— Der Komponist bestand aus einem Paar Wiirfeln, womit der
Bedientenkonig nach den im Modejournal gelehrten Regeln des
reinen Satzes einige musikalische Fidibus erwiirfelte - der Notist
ACHTER REISE-ANZEIGER 905
war nicht Rousseau, sondern ein sogenanntes Setzinstrument1,
worauf der Mann die erwiirfelten Tonstiicke spielte, darnit sie
aufgeschrieben wujrden - der von Renaudin in Paris erfundne
Chronometre schlug den Takt - Vaucansons Flotenist blies, eine
holzerne Mamsell, von Jaquet Droz geschnitzt, spielte auf einer
Orgel mit kartenpapiernen Pfeifen - eine Aolsharfe harfnete am
offnen Fenster - der Maschinenkonig war im Himmel - ich in
der Holle.
Nun gingen wir zur Tafel, namlich zur Maschinentafel. Fur
10 den Maschinenmann stieg ein kleiner stummer KnecHt herauf, der
aussah wie eine groOe Hanfrnuhle. »Ich kaue nie«, sagte der Mann,
»und schneide mit den Zahnen niemals etwas Harteres entzwei
als die Dentalbuchstaben. Aber meine Kaumaschine tut alles.« -
Da die Kaumaschine aus mehrerern NuBknackern bestand und
ihre Weisheits-, Hunds- und Schneidezahne hatte und unten
durch Kommunikation zugleich mit dem Bratenwender umlief:
so wurde jede Faser seines Gebratenen wie von einem Lumpen-
hacker fein darin zerstoBen, und nach sechzxg Umlaufen kam ein
fertiger Loffel heraus und reichte dem Manne zu essen. »Sie
20 sehen,« sagte der Maschinenkonig, »ich brauche bloB dabeizu-
sitzen und den notigen Speichel dareinzutun und dann zu schluk-
ken. Ich hab* es noch nicht erlebt, daB solche Prosektoren nur
einen Bissen ganz und zu groB gelassen hatten, welches fur einen
hysterischen Magen ein verdammtes Camnephez* \vare.« —
Der Mann kann den Tag nur einmal selber reden, und das ist,
wenn er sich iiber dem Essen betrunken hat: auf der ganzen Insel
heiBet man die Rede die Chrie des Maschinenkonigs. Hort sie an,
ihr Saturnianer!
»Allerdings ist und tut der Mensch in meinen Tagen schon
30 etwas durch Maschinen: sonst schneuzte er das Licht mit den
Fingern - dann mit einer allgemeinen Schere - dann mit einer
Lichtschere - darauf mit einer elastischen - dann mit einer neuen
1 Es ist ein in Berlin erfundenes Klavier, das alles auf ein Papier aufzeich-
net, was man darauf spielet.
2 Die Mitlauter dieses Wortes bedeuten diejenigen, die man im Hebrai-
schen am Ende eines Wortes groBer als die andern schreibt.
906 PALINGENESIEN
englischen - endlich schneuzte sich das Licht selber mit einer an
den Leuchter gemachten. Ich will so viel sagen: ich dresche, sae,
spinne, kartatsche allerdings durch Dresch-, Sae-, Spinn- und
Kartatschmaschinen - ich kann mich, wenn ich muB, mit jedem
Edelmann schlagen durch eine eiserne Jungfer, wie Fiirsten sich
mit Fiirsten schieBen durch die groBe eiserne Jungfer einer Armee
— ich leugne auch nicht, dafi ich gute Claude Lorrains mit meiner
camera obscura mache, welche ausloschen, sobald die Sonne weg
ist - ich wiirde undankbar handeln, wenn ich nicht bekennte, daB
ich allerdings meine Zeit nicht mehr nach meinenldeen und Kalen- 10
dern zu messen brauche, sondern daB sie die Jahres-Uhr und der
Datumszeiger nachrechnet, wiewohl noch immer Uhren fehlen,
die so lange gehen als ein Mensch, namlich achtzig Jahre - und
niemand weiB besser als ich, daB das kombinatorische Rad1 mein
geistiges Stirnrad ist, wodurch meine Chrien gehen. Wie gesagt,
das alles ist allerdings etwas und schon ein Grad der Maschinen-
haftigkeit und wenigstens der Anfang. Aber man verstatte mir
einmal iiber dem Essen, den Menschen zu idealisieren und ihn auf
die hochste Stufe der Maschinenhaftigkeit zu heben, so daB er
nicht bloB wie eine katholische Heiligenstatue holzerne Armeund 20
Beine und glaserne Augen und elfenbeinerne Ohren triige und
um sich hangen hatte, sondern auch wie diese einen ahnlichen
Rumpf — ich will mir nur einen Augenblick vorstellen, er hatte
dann einen papinianischen Topf statt des Magens und. handhabte
mit Wasserkunsten den getrunknen Wein hydraulisch - es ware
nicht einmal die Zoologie mehr lebendig, sondern ausgebalgt und
voll kiinstlichen Gehwerks, es gabe Entenstalle von Vaucanson,
Hundestalle von Vulkan, Taubenhauser von Archytas, und ganze
von Droz, Vater und Sohn, gemachte Menagerien wiirden auf-
gesperrt und fraBen nichts - nicht bloB alle Frauleinstifte und 30
Harems wiirden zu Lothinnen einmariniert, sondern die Pyg-
malione versteinerten sich selber zu Statuen - es gabe dann ohne-
1 Die rotae combinatoriae, die area artium Kircheriana und dergleichen
sind Kiinste von Kircher, Kuhlmann, LuIIius, wodurch einer von einer
Sache, die er nicht versteht, blofl vermittelst mechanischer Kombinationen
tagelang gut soil reden und schreiben konnen. Morhof. Polyhist. II. 5.
ACHTER REISE-ANZEIGER
907
hin keine schlechtern Ichs als feine, von Materialisten gearbeitete,
mit Gehirnfibern und deren Longitudinal- und Transversal-
schwingungen bezogne Ichs - ja die Sache ware ubermenschlich
herrlich, und die natura naturans ware verraucht, und nur die
natura naturata ware auf dem Boden geblieben, und die Maschi-
nenmeister wiirden selber zu Maschinen : — wenn das ware, frag'
ich, mit welchen namentlichen Vorzugen wiirde dann die Erde
angeputzet sein, die jetzt so voll Locher und Lumpen dasteht?
Ich meine namlich, wenn dann ein guter Kopf sich auf eine An-
10 hohe begabe und ihre Vorziige iiberzahlte, schon aber vorher
wiiBte, daB ein Wesen desto vollkommner ist, je mehr es mit
Maschinen wirkt und je weniger es eigne Arme, Beine, Ideen,
Erinnerungen, erst mit sich zu schleppen braucht, und daB eben
darum das von alien Maschinen entbloBte Tier auf der untersten
schmutzigen Stufe liege, daB der Bauer, der einige handhabt,
schon auf einer hohern sitze, der Handwerker mit mehrerern auf
einer noch hohern, und daB die groBe Welt, welcher die meisten
ansitzen, auf der hochsten stehe, mit welchen Vorzugen wiirde
dann wohl der iiberzahlende Kopf die Erde iibersaet finden? —
20 Beim Himmel! ganz gewiB mit Quietismus, Fohismus, Apathie,
Asphyxie,Rentierer- und Hofdamen-Leben,Nichtssein voll Alles-
konnen - woran aber wirklich vor Deutschlands neunzehntem
Jahrhundert kaum zu denken ist — «
Ganz natiirlich fragen mich dann die Saturnianer auf ihren
Ringen: ^Welches war denn das Lebens -Jahrhundert deines
Maschinenkonigs ?«
»Das achtzehnte!« sag' ich.
»Aber wie schreibt er sich denn eigentHch?« fragen sie weiter.
»Ebenso« - (sag* ich) - »namlich das achtzehnte Jahrhundert.^
30 »Und das ist der Grund, Saturnianer,« fahr* ich fort, »warum
ich drunten nie dem Leser den Maschinenkonig schildern wollen :
denn das merkt ihr doch beim Henker alle, daB er der - Konig
selber ist.«
908 PALING EN ESI EN
Fabel
Der lepterfdhige Bar1
Als die Tiere fiir den erledigten Thron des Lowen einen Konig
suchten: so schlugen einige gute Kopfe den Baren dazu vor. »Das
ist so gut,« sagte der Fuchs, »als schmeifien wir den armen Petz
mit Prugeln tot: denn sein diinner miirber Kopf* bricht am ersten
Tage unter der schweren Krone ein; er kann keine halten.« -
»Kann ich auch« - fuhr der Bar Ios und quetschte den Hals des
denkenden Fuchses probationsweise zwischen den Tatzen - »kei-
nen Zepter halten?« - Der Fuchs sah sich eines Bessern belehrt,
und der Bar ward Thronfolger, und die Krone saB eben auf sei-
nem murben Haupte als Helm gegen fremde Zepterschlage.
Ausziige aus Briefen
An Herrn Lavater in Ziirch.
»Ein groBer Kopf leuchtet fiir die Nachwelt sanfter und wohl-
tatiger als fiir seine Mitwelt: Menschen, die an dem Vesuv der
Freiheit und des Lichts schnell auf dem zuriickrollenden Boden
auf laufen, stoBen denen die losen Steine auf den Kopf, die hinter
ihnen klettern. - Ich glaube, von diesem brieflichen Gedanken
mach' ich einmal gedruckten Gebrauch; wie ich denn wiinschte, 20
daB mehrere Sie nachahmten und frappante Gedanken, die sie in
Briefe verstreuen, daraus sammelten und dann publik machten
etc.«
An Madame**.
»Aber oft, wenn ich ein so junges liebes Herz, das auf dem Avers
voll religioser Wunsche, voll zweiter Welten und Gottheit ist,
umwende, so find' ich auf dem Revers einen hiibschen jungen
1 Teufels-Papier S. 413.
2 Der Bar hat bekanntlich den schwachsten Kopf und die starksten Tatzen.
ACHTER REISE-ANZEIGER 909
Menschen eingeatzt, so wie etwan gewisse geschnittene Steine
(die sogenannten Skarabeis) auf der vertieften Seite eine Gottheit
eingeschnitten zeigen und auf der erhabenen einen wohlgetrofTe-
nen - Kafer. Sehen Sie doch bei den Herzen Ihrer Demoiselles
Tochter nach!« -
An den Kammerherrn**,
»Sein Sie ohne Angst und hoffen Sie mit mir, da8 es nur SpaB
ist. Wie die Sparter zwar der Furcht Anbetung und Tempel
weihten, sie aber selber nie im Krieg und Frieden hatten; so diir-
10 fen wir beide uns damit beruhigen, daB Ihr Hof die Religion ge-
wiB nur mit Hofkirchen und Hofpredigern und Kirchenmusiken
versorge, dhne sie selber im geringsten zu haben.« -
An den vornehmen Handelsherrn in B.
»Jetzt, mein Teuerster, kosten die Weiber den Ehemannern
fast nichts ; aber sonst, in der Universalhistorie, waren sie schlimm.
Welche Frau will, wie sonst die persischeKoniginvom persischen
Konig, eine besondere Provinz zur AnscharTung ihres Hals-
schmuckes, eine andere fiir den Giirtel haben usw. ? Beim Him-
mel! der vollstandige Anzug einer Frau mit alien ihr inkorpo-
20 rierten Pretiosen kostet jetzt weniger, und mit dem ganzen Ver-
mogen, das etwan ein mittelmaBiger Handelsherr besitzt, getrau'
ich mir samtliche Schulden seines Weibes abzustoBen; das sah
ich am besten, sooft einer der Frau wegen fallierte. Oberhaupt
leidet ein ordentlicher Mann nicht sowohl unter dem Schulden-
machen als unter dem Schuldentilgen. Denn jenes ist nichts
als eine stille VergroBerung seines Kredits, dieses merkantilischen
Elementargeistes, und wer eine halbe Million schuldig ist, der
hatte ofTenbar eine halbe Million Kredit; und Schuldbriefe sind
bloB akzeptierte Kreditbriefe. Das Rad der Fortuna fahrt den
30 Stehenden und radert den Liegenden. Inzwischen etc.«
910 PALINGENESIEN
An Herrn von in — im — .
»Von groBen Menschen sollte eine gewisse Milde, Bescheiden-
heit und eine auf Geringfugigkeiten merkende Menschenliebe -
und dieses ist eigentlich die Hoflichkeit — noch seltener geschie-
den sein als von mittelmaBigen, wie Leuten von langer Statur
durch ihre abgebrochnern, eckigern und miBfalligern Bewegun-
gen das Tan^en notiger wird als Zwergen. Jene Menschenfreund-
lichkeit ist die Mosisdecke iiber dem strahlenden Angesicht; eine
Art Menschwerdung, die uns an ihnen so erquickend tut als mir
in meiner Jugend an der Sonne das ihr eingemalte Menschen-
angesicht im Kalender.«
An einen Administrator der preufiischen Witwenkasse.
»Wir verabscheuen unsere Fehler nicht eher oder starker, als
wenn wir sie verabschiedet haben, wie uns unsere korperlichen
Absonderungen nicht eher zuwider sind, als bis sie keine Teile
unsers Leibes mehr vorstellen.«
An J. P.
»Am Ende sind wit^ige Ahnlichkeiten so wahr als scharfsinnige.
Witz ist vom Scharfsinn nicht durch den kleinern Grad der ent-
deckten Ahnlichkeit verschieden - denn Ahnlichkeit als solche ;
ist bloB Gleichheit von weniger Teilen, mithin ohne Grade -,
sondern durch die kleinere Zahl derselben, die sich meistens noch
auf unbedeutende Zufalligkeiten beziehen. Daher gewahrt oft
beim ersten Anblick eine scharfsinnige Erfindung das Vergniigen
einer witzigen, weil man an ihr noch nicht aller der Ahnlichkeiten
ansichtig geworden, die sie zu einer scharfsichtigen erheben. Da-
her sehen vielleicht hohere Wesen das bunte glatte diinne Band,
das der Witz spielend um schone Formen wirft, mit beiden En-
den um die Schopfung laufen; daher mag ihnen unser Witz oft
Scharfsinn diinken, und unser Scharfsinn Witz, z. B. dieser.« - >
ACHTER REISE-ANZEIGER 911
An den Redakteur und Schulrat Stiefel in K.x
»Die ganze gelehrte Welt sei langsam, nur kein Rezensent. Es
ist schandlich, das Urtel iiber emen gedruckten Inkulpaten so .
lange aufzuschieben, bis er im Gefangnis verschieden ist, und,
wie Moses, nur toten Siindern Ehrenstrafe~ anzutun; noch haB-
licher ists, einem Werke wie dem Dichter Tasso erst ein paar
Tage nach dem Tode einen Triumphwagen zu geben und so das
Wesen mit dem Weihrauch mehr einzubalsamieren als zu par-
fiimieren. Der Biicherrichter, der auf diese Art das Urteil nur
10 bestatigt und wiederholt, welches das Publikum langst gespro-
chen hat, gleicht dem Jiingsten Gericht, das uns alle erst in die
Holle wirft oder in den Himmel, nachdem wir schon mehrere
Jahrtausende in beiden gesessen. Bedenkt man noch die zeitige
Hinfalligkeit der Novitaten, deren groBte Anzahl an ihrer Anzahl
sterben, deren viele an ihrem Geburtstage und andere an ihrem
Verleger den Geist aufgeben, deren einige durch ein fruhes Alter
und wenige durch Wtirmer hingerafTt werden : so argert man sich
griin und gelb, daC die Rezensenten mit ihren Fliegenwedeln und
Fliegenklappen und FHegengiften ein paar Stunden nach Sonnen-
20 untergang anlangen, wenn die Eintagsfliegen schon lange maus-
tot sind. Be*sonders konnen die Romanenschreiber darauf be-
stehen, das das Gesetz Karls des GroBen', das an Gerichtstagen
die Armen zuerst anzuhoren und abzufertigen anbefiehlt, ihnen
ganz zustatten komme, es sei nun, daB man es von Gehirnkam-
mern oder von Speisekammern auslege. BloB zweierlei Werke
brauchen gar keinen schnellen Tadel : die Musenkalender, die das
Publikum von den Autoren, wie die Sineser andere Kalender von
dem Kaiser, nehmen muB, und die als bunte Schaugerichte auf
den Toiletten aufgesetzet stehen mussen ohne Hinsicht auf EB-
30 barkeit-und die Lust- und Qualspiele, welche kein Mensch lieset,
aber jeder (sie mogen verurteilet sein, wie sie wollen) besucht und
auffiihrt und die stets den Gerichtsweg vom Buchladen zum Kram-
laden, vom Gefangnis zum Richtplatie mit Ehre und Ruhm unter
1 Teufels-Papiere S. 330.
3 Carol. M. LL. §. 58. in Mosers patr. Phantasien.
912 PALINGENESIEN
der Begleitung von vielen tausend geriihrten Zuschauern und des
lachenden Pobels zuriicklegen.
Oberhaupt kann man in unsern Tagen nichts zeitig genug
loben, und man hat keine Minute zu passen. Z. B. An einem
Fiirsten wiird* ich die vielen Regententugenden, von welchen
die Reisenden abreisen und erzahlen, nach meiner Art erheben,
wenn er noch Kronprinz ware; ja ich setzte - weil er da um so
weniger durch Reden verdorben ware, je weniger er es selber
noch konnte - ihm schon, wenn er als zartes Kind das Ordens-
band umbekommt, meinen Lorbeerkranz fur alle undenkliche 10
Zeiten auf. - Wer einer jungen Residenzstadterin fur die unbe-
fangenste Unschuld, fur die ganzliche Unkunde aller Eroberungs-
kiinste und Pratensionen das gehorige Lob zu zollen wiinscht,
der lasse Butter am Feuer stehen und zoll* es, ehe sie dffentlich
auftritt und ihren ersten Walzer austanzt. 1st das Madchen von
hoherem Stand, so geb' er ihr den Preis mit der Milch, wenn er
Amme ist. - Ein jiidischer Proselyt, der gleich den Metallen oft
zwei Sakramente bekommt, indem er namlich wie Gold von Ju-
den beschnitten und wie Glocken von Christen getauft wird, muB
wegen seines echten Christentums schon beim ersten erhoben 20
werden, wenn der Prophet Elias1 dabeiskzt und die $ache bezeu-
gen kann. — Die Jakobiner, die wie die elf Apostel lebten und wie
der zwolfte verschieden, haben wir alle zu ihrer rechten Zeit hin-
langlich verherrlicht; hingegen bei dem Teufel war nie der rechte
Zeitpunkt zu erwischen : denn schon mitten unter seiner Schop-
fung hatte man ihn bekranzen rmissen, weil er sogleich im zwei-
ten Augenblick2 darauf - ja Steuchus Eugubinus meint gar, es
war der erste - sich in Siind' und Schande walzte und sein eigner
Versucher gewesen war. -
Mein Wunsch ist nur der, daB Bucher wenigstens so fruh ge- 30
lobt werden wie der Teufel, so daB sie nicht mit der selbstrezen-
1 Bei der Beschneidung stellen die Juden immer einen Stuhl fur ihn Km,
dam it er darin dem Sakramente zusehe.
8 Die Scholastiker fochten untereinander, wenn der Teufel - ob im ersten
oder zweiten oder dritten Momente seines Daseins - das erstemal siindigte.
Damen, die nicht bis zur Quelle, namlich ad 2. dist. 5. et 1. Thorn, q. 63.
.art. 6. steigen konnen, verweis' ich bloC auf Voetii Sel. disput. P. I. p. 919.
NEUNTER REISE-ANZEIGER 913
sierenden Vorrede,. sondern mit der Rezension selber anfingen,
wiewohl es immer besser ware, wenn die Literatur- und jede an-
dere Zeitung von 1798 nichts rezensierte als Werke von 99, und
wenn alle Autoren sich untereinander verschwuren, nichts her-
auszugeben, als was vorher mit Beifall offentlich angezeigt und
aufgenommenworden ware. -Falls Sie das erwagen, mein Stiefel,
usw.« -
Neunter Reise-Anzeiger
Fata: der Irrgarten — der Gethsemane-Garten — das Paradies-Gartlein
10 Werke (der Liebe, nicht der Not): siehe Fatal
»Nicht nur ich und du«, sagte Siebenkas, »haben uns verdoppelt
und umgetauft, sondern der ReichsschultheiG da auch - du siehst
hier den Schulrat Stiefel aus Kuhschnappel vor dir, und die an-
gebliche Reichsveste 1st der Gasthof zum Reichsadler.« - »Der-
selbe Rektor,« - setzte Stiefel freundlich dazu - »dessen Wenig-
keit Sie in Ihren Werken hier und da biographisch und nekro-
logisch gedenken.« - Der Most der Freude nahm mir mit seiner
Weingarung den Kopf ein, und ich hielt gleichsam die Baurede
auf dem Babelturm herunter an die Bauherren - ich sagte, so sei
20 gewiG dem Doktor Jonas gewesen, wenn er zu lange aus dem
Trinkglas geschopft, das ihm Doktor Luther verehrte und das
noch in der Nurnberger Stadtbibliothek vorhanden ist - »tau-
sendmal willkommen, teuerster Pelzstiefel !« sagt' ich wieder, weil
ich mich ganz vergaB - »wir alle passen ja als herrliche dii ex
machina in den neunten Anzeiger«, sagt' ich weiter - »und in den
zehnten Mai!« beschloB ich.
Firmian wollte wissen, wer dieser Mai sei; aber ich wollt* es
nicht eher sagen, bis er mir von dem Farflerschen Kunstwagen1,
worauf sie beide so plotzlich hergekommen, und von den Verket-
30 tungen und Dutzendringen des Zufalls, die er zum Nurnberger
Dreieinigkeitsringe unsers Kleeblatts ineinander gewunden, die
Decke abgezogen hatte. Er tats: es war weiter nichts, als daB
1 Man kann sich damit selber fahren. Er ist in der Stadtbibliothek.
914 PAUNGENESIEN
er einen ProzeB, den er im Unctuarium1 der ersten Instanz und
im Conisterium der zweiten verloren, in der Palastra von Wetz-
lar ersiegt und sich darauf sogleich fortgemacht hatte - daB Herr
Ex-SchultheiB ihm geschrieben, er tue eine gelehrte Reise nacli
Niirnberg, urn in dieser beruhmten Stadt die Ab- und Aufrisse
derselben (in der Landkartensammlung) zu besehen und in den
groBen Bibliotheken die Inkunabeln - daB Firmian also gern mit
ihm zusammengetroflen — daB ihm Natalie geschrieben, wie ich
gleich einer philosophischen Idee oder einer Mode und Narrheit
mich unter einem neuen gallischen Namen angekiindigt, um En- 10
tree zu erhalten - daB er mich als Namens-Wipper und Kipper
durch den kassierten Schulzen mit Recht ein wenig halbtot qua-
len wollen — und daB ihm und dem Schulrate eine geschickte
Kopie des ReichsschultheiBens darum so leicht geworden, weil
nicht nur sie beide gar nichts vom Urbilde wuBten und kennten,
sondern auch ich — und daB Stiefel, der in zwei bis drei Sattel
gerecht sein muBte (weil man nicht wissen konnen, gab' ich mich
fur den Comte oder fur mich oder fur den Inspektor aus), in
diesem SpaBe den vigilanten Kopf gezeigt. -
»Nun aber dein zehnter Mai, was will der?« beschloB er. »DaB 20
ich ihn heilig hake und feiere, will er,« (versetzt* ich:) »denn vor
einem Jahre gab er mir eine Verlobte.« Dem Leser wurde ja nichts
verhalten, wenn er sich noch auf das Ende des ersten Bandchens
besinnt. Ich offenbarte meinem Firmian noch meine Bangigkeit
liber das Ausbleiben der Briefe, sogar des Passes, sogar nachdem
ich am ersten Mai wieder geschrieben. Ein Freund iibergoldet
an einer Winterlandschaft der Furcht, womit die Phantasie das
Herz seines Freundes behangt, wenigstens den Rahmen: Firmian
gab mir, wie gewohnlich, manchen Trost, den der Getrostete
wahrscheinlicher flnden soil als der Troster selber, und ich sagte 30
ihm, die Hoffnung und die Starke, an die er mich verweise, gli-
chen der messingnen Hoffnung und Starke im Brunnen des Loren-
1 Unctuarium ist das Nebengebaude der Palastra, in welchem man sich
vor dem Ringen mit Ol beschmierte, Conisterium ist dasjenige, worin man
sich vorher mit Staub besaete zum festern Fassen. Aber im Texte werden
nicht die Kdmpfer, sondern die Richter mit Ol geschmeidig und mit Staub
blind gemacht.
NEUNTER REISE-ANZEIGER 915
zer Kirchhofs1, aus deren metallenen Briisten nichts als Wasser
rinne. Das Beste war, daB ihm mein Brief, den ich im Irrgarten
an Hermine (wie den an ihn) geschrieben, und der zehnte Ver-
lobungs-Mai den Vorschlag eingab, in den Garten zu gehen und
da unsere heutige dreifache Vereinigung und noch meine kleine
zweifache unter den Sternen zu feiern. »Ich bin besonders begie-
rig«, sagt' er scherzhaft, »auf das aufgehangene Baireuther Blech
in der Laube.« —
Die Bill ging mit einer Majoritat von drei Stimmen durch,
10 besonders da der graue Milchflor des Wolkenhimmels sich immer
weifier und zerrissener wusch. Ich als Wetterverstandiger sah
noch dazu voraus, daB nach ^ehn Uhr (dieses jehnten Maies), wo
der Mond voll wurde, der Himmel leer werden miiBte, namlich
blau.
Wir kamen unter Frtihlingsluften, die den Reiseflor des eiligen
Mondes immer weiter aufdeckten und zuriickbliesen, in dem spie-
lenden Garten an, der bald ein Nachtstiick, bald ein Blumenstuck
wurde. Der Schulrat verlieB uns, weil er den Garten, der als ein
alter Korrelations- und Bildersaal des Harsdorferschen Blumen-
20 ordens ihm nicht gleichgiiltig sein konnte, Stuck fur Stuck durch-
schreiten wollte, um ihn zu aichen wie Herschel den Himmel,
und um darauf der gelehrten Welt iiber dieses poetische Areal
ein Wort zu sagen: unter dem Monde hatte der gute Rat keinen
andern Wunsch, als auf der lesenden Erde ein solches Licht der
Lesewelt zu werden, daB er droben einen Flecker? vorstellen
konnte.
Als ich so allein zum ersten Male mit meinem Freunde ging,
und als die umherfliegenden Wolken die grime Erde zauberisch
auf- und zudeckten: so regte sich die Sehnsucht wie ein leben-
30 diges Kind in meiner Seele, und ich fragte ihn, ob er nicht ein
paar Sternbilder aus dem Himmel weggabe, konnt' er dafiir das
Bild seiner Natalie im jetzigen haben. Er sagte mir, er sehne sich
1 Zweiundachtzig Zentner Messing sind in diesem Brunnen zu Tugend-
bildern vergossen.
8 Leserinnen werden wissen, daB die Mondsflecken den Namen grofier
Gelehrten fuhren.
C>l6 PALINGENESIEN
sanft nach ihr, aber nicht schmerzlich, und die Ehe miisse iiber-
haupt - und er konne als Veteran ein Wort mehr reden als ich -
gleich einem Winterhause weder zu warm noch zu kalt gehalten
werden, damit die Gewachse weder erfrieren noch treiben. »Man
schweigt allerdings«, sagt' ich, »zweimal in der Liebe, das erstemal
aus Furcht, das zweitemal aus Vertrauen: das einemal im stum-
men Vorfruhling des Herzens, wo die Blicke noch zu laute Worte
sind und wo jede Seele in ihrem dunkeln Laube fur die andere
reift; das anderemal im Nachsommer des Herzens, wo zwei ver-
trauende Menschen schweigend, erinnernd und genieBend auf der 10
erreichten stillen Hohe nebeneinander stehen, wie man im Friih-
ling auf einem hohen Gebirge die Sonne iiber die glanzende
Ebene aufgehen sieht, aber das Morgengeschrei der Vogel, die
darin und dariiber schweben, oben nicht vernimmt.« —
Ich sah jetzt den armen einzelnen Schulrat in einen Lauben-
gang verschwinden, und ich dachte an das so treu geliebte und so
treu liebende, vom Leichenstein verschlossene Herz seiner Lenette :
in dieser Minute fingen tief im Garten zwei Waldhorner ihre
wogenden zuruckweichenden Tone an. »0 das hast du geordnet,
guter Firmian,« (sagt' ich) »aus Liebe gegen meine Hermine und 20
den heutigen Festtag,« und umarmte ihn, und die warmen Tone
sagten meine Liebe aus, als ich an seinem Busen schwieg. Aber
unter der Tonkunst schwillt das Meer unsers Herzens auf wie
unter dem Mond die Flut: und die Unsichtbarkeit meiner Her-
mine erinnerte mich immer daran, mit welcher verheimlichten
Qual Kinder, Eltern, Garten, welche die Zeit oder die Ewigkeit
auseinander gefuhret hat, nun ihre Feste einsam feiern, die sie
sonst verbunden erlebten. Da wir nun naher auf die Laube zu-
kamen, worin ich Herminen vor zehn Tagen so bekummert ge-
schrieben hatte - und da die Wolkenschatten wie Menschen- 30
nachte flogen, und da der finstere Hain sie durch die Tone einzu-
ziehen und dann zu verschlingen schien - und da mir alles, was
um meine Seele war, Firmians Wort vorhielt, daB die Toten ein-
gelegtes Bildwerk der Erde sind und wir erhobenes, daB wir
Bilder sind, welche die Bilderuhr der Zeit unter dem Ausschlagen
einer Stunde herausdrehet und dann zuriickreiBet — : wurden mir
NEUNTER REISE-ANZEIGER 917
da nicht vom Schicksal selber die Farben gerieben, woraus ich
mir das Gemalde einer einsamen Zukunft und eines Tages bilden
konnte, wo einmal entweder ich oder sie den Verlobungstag nur
abgetrennt und triibe begehen? Und kann dann vor solchen Ge-
maldeausstellungen ein iibergehendes Auge, ein von Liebe und
Trauer bewegtes Herz und eine Sehnsucht ohne Schranken ver-
boten sein oder verborgen werden? - O wer nicht zuweilen zu
viel und zu weich empfindet, der empfindet gewiB immer zu
wenig! -
10 Als ich vor meinem Firmian nichts verdeckte, was in meinen
Augen hing und worauf meine innern blickten: so stand er, noch
eh' wir die Laube sahen und wahrend eine lange Wo Ike skh iiber
den Mond wegschleppte, auf einmal still und sah mich geriihrt
und forschend an; ich antwortete schnell und wollte heiterer
scheinen: »Ich bin darum doch froh und durch deine freundliche
Miihe glucklich: die StoBe des heutigen Tages haben nur mein
Inneres zu sehr aufgelockert und zerlegt - bei solchen Erdbeben
lauten die Glocken sich selber, wenn man auch das Glockenseil
nicht anriihrt.« - »Sei aufrichtig gegen mich,« sagt' er: »weiter
20 ists nichts als ein Glockenspiel der Erinnerung?« -»Ja, Geliebter,«
(sagt' ich, hingerissen vom Freunde und von der Freundin) -
»eine Totenglocke geht mit darunter - Aber kann ich denn an
einem solchen Tage meine Hermine vergessen und ihr Stumm-
sein und ihre Einsamkeit und ihre Entfernung? Ach Gott, wie
innig wiirde sie, sich an einem solchen Abend erfreuet haben unter
uns!« - Aber nun trateri ihm die sanften Augen iiber, und er
umarmte mich und sagte: »Ich kann dich nicht mehr tauschen -
ja, sie ist da mit Natalien, hier im Garten - in der Laube.« Ich riB
mich aus seinen Armen und HeB ihn einsam da, lief aber beschamt
30 zuriick und kuBte ihn und sagte: »Habe tausendmal Dank, du zu
gute Seele!« - »Geh nur, geh nur,« (sagt' er, sanft zuriicktrei-
bend) »sie ist eben allein - weiB aber nicht, daB du schon im
Garten bist.« -
Und nun drang ich gerade iiber Gestrauche und Gras auf die
Laube hin - und mein Freund behielt, gleichsam die fremde
Seligkeit langsam durch- und nachtraumend, den langern Weg
918 PALINGENESIEN
eines bedeckten Laubengangs - und ich sah bald in der durch-
sichtigen Laubhiitte eine sitzende weiBe Gestalt von mir gegen
den Eingang und den Mond gekehrt, ich zweifelte aber unter dem
Schatten der breiten Wolke noch, ob es nicht Natalie sei, bis die
Gestalt sich traurig aufrichtete und ich aus dem gehalteneren
Gange und der hohern Lange sah, daB es Hermine sei. Ich rief
nicht, um sie nicht zu erschrecken. Sie trat aus der Laube mit
einem leisen Nachsingen, gleichsam mit einem harmonischen Aus-
atmen der geblasenen Liedermelodien. Aber da sie ein kurzer
Bogenweg endlich gegen mich richtete - und da die fliegende 10
Schattenschleppe der Wolke sich von mir wegzog - und da Her-
mine sah, zweifelte, aufhorte zu singen und zu gehen, und ich
heftiger eilend den leuchtenden Regen der Freude aus den Augen
schlug, und da sie mich endlich erkannte und mir nun schneller
und Iachelnd und wie ein Engel des Friedens mit ausgestreckter
Hand entgegenging, und da sie, wie eine Sonne, aus dem zer-
stiebenden Wolkenschatten trat und nun im vollsten Strahlen-
glanze schimmerte, weinte und lachelte: - - so wurd* ich ja viel
zu gliicklich fur meine Fehler - und das Regengewolke des irdi-
schen Lebens wurde voll Licht - und wetterleuchtete vor atheri- 20
scher Fiille, und ich sank unter den Blitzen der Entziickungen
mit den Augen an das himmlische Herz und konnte nur sagen:
»Ach Hermina!« - Aber ich hob schnell die abgetrockneten Blicke
auf, und da ich wieder so nahe diese auferstandne verklarte Ge-
stalt an mir hielt und da ich das freundliche Auge, den liebenden
Mund und die helle wolkenlose Stirne Wieder fand : so fragt* ich
nur aus Liebe: »Liebst du mich noch?« und unterbrach die giitige
Lippe, weil ich nicht zweifelte - o! da wurde das ganze Herz dem .
warmen Regen der liebenden Wonne aufgedeckt - und die Sterne
zitterten um uns wie glanzende Freudentranen - und die lichten, 30
hintereinander gereiheten Wolkchen standen als weiBe Regen-
bogen des Friedens im Himmel - und ein sanftes Rauschen wie
das eines verwehten Gewitters blatterte den Garten auf, und irre
weiBe Dunstflocken des blauen Athers wiegten sich auf den To-
nen der Horner und zerfiatterten harmonisch aufgelost in lichte
Punkte, die den Mondumzingelten. — ■
NEUNTER REISE-ANZEIGER 919
O fiihlt ihr nicht, ihr Menschen, in den mit ewigen Flammen
bezeichneten Stunden des Wiedersehens, wie der Mensch lieben
kann ? Ach wenn nur unsere Toten und unsere Abwesenden .allein
die selige, von blassem Mondlicht und von farbiger Blumennacht .
sanft iiberzogne und verworrene Zauberinsel des Ideals bewoh-
nen: fiihlt ihr nicht, daB euch in der epischen Stunde des ersten
BHcks der wiedergefundne Geliebte noch auf dem Ufer dieserlnsel
empfangt, und daB er, eh' er mit euch von ihr weicht, in ihrem
weiten Heiligenschein so geliebt und so leuchtend und erhaben
10 steht wie die hohen Geister und Schatten um ihn?, -
Ich fragte Hermine, auf welchen glanzenden Fliigeln der Mor-
gen- oder der Abendrote sie gekommen sei; aber hier in der kur-
zen Einsamkeit fand das iibervolle Herz, durch welches alle wei-
che Szenen der Versohnung und Liebe wieder zogen, die bisher
in der Entfernung dadurch gegangen waren, keine Lippe und
kein Wort. Allein da unser Firmian und ihre Natalie aus dem
Blatterschatten traten, so konnte sie sagen: »Unserem Freunde
und unserer Freundin haben wir diese Stunde zu danken.« - Die
feurige Natalie lieB meine gruBende und dankende Hand bald
20 fallen und driickte auf ihre Lippen und Augen Herminens Hande
kussend und hullete den zartlichen Anteil in mutige Freude ein. -
Durch Briefe ward namlich der Reiseplan angelegt: Natalie, wel-
che mehr das Reisen (wie Hermina mehr das stille Bleiben) liebte,
hatte Herminen gebeten, sie zu ihrem Firmian entgegen zu be-
gleiten; aber dieser Wunsch war nur die Blumendecke des zwei-
ten gewesen, daB die sieche Freundin auf der Lustreise eine Be-
wegung, einen unbedeckten Friihling und vielleicht eine kleine
Freude erlange. Hermine, deren Unruhe uber meine Verwicke-
lungen mir Firmian vorhin schonend verschwiegen, war von ihm
30 bisher durch kleine Tauschungen beruhigt und vom Helfen abge-
halten worden, wetf er gern die meinige durch den Schulrat voll-
fiihren wollte. Da sie, weniger wagend und mehr schonend und zu-
riickgezogen als Natalie, in keinen uberraschenden Trug gewilligt
hatte: so wurde ich und sie mit dem namlichen uberrascht. Der
Schulrat hatte bloB Natalien zu Firmian gerufen, als sie mit Her-
mine die von meinem letzten Brief bezeichnete Laube teilte. - -
920 PALI N G E N E S I E N
Jetzt wurden am Sternenhimmel immer groBere Abgriinde
blau — die Tone gaben unsern Freuden, wie vorher den Schmer-
zen, Flug und Stimme — jeder Gedanke, der durch die erleuchtete
Seele ging, zog darin, wie Schiffe im mondhellen Meer, eine Iange
schimmernde StraBe - die Erde selber glitt mit uns als ein Lust-
schifT durch den Ather dahin, und die Wolken-Segel flogen am
Himmel, und wir schifften eilig und tonend vor dem zuruckfliegen-
den Monde vorbei. »Lasset uns unsern Schulrat suchen«, sagte Fir-
mian, »und recht frohlich zusammen sein - man sollte jede Wein-
lese recht abbeeren und auskeltern, denn nichts kommt ja wieder 10
— es gibt nur bewegliche Feste der Freude - die lyrischen Stunden
des Herzens sind nur einmalige Gelegenheitsgedichte, und die
Wiederholung der Bravourarien im Singspiel des Lebens wird auf
dem Zettel verbeten.«
»Nun, so mags!« (sagte schnell Natalie) »die Ungliicksfalle
lassen, wenn sie uns auch ganz abrupfen, uns doch wie die Raub-
vogel1 das Her^ iibrig.«
»Und wenn auch die Freude eilig ist,« (sagte Hermine und
blickte ihre Freundin recht erheitert an) »so geht doch vor ihr
eine lange Hoffnung her, und ihr folgt eine langere Erinnerung 20
nach« - »wie im PoIarfruhling«, setzt' ich dazu, »lange das Bild
der Sonne aufgeht, eh' sie selber kommt, und im Polarherbst ihr
Bild noch scheint, wenn sie selber auf lange unterging.«
»Aber«, fuhr ich fort, »welchen Himmel braucht wohl ein
Menschenherz, dem ein zweites verliehen ist? In diesem hohlen
Nieten-Leben, wo unsere Wiinsche und Zwecke nur Stufen und
keinen Gipfel finden, wo unsere Taten mehr andere als uns be-
gliicken konnen und wo die reichste Seele zuletzt als eine zer-
brockelte Sandwiiste voll zerschlagner Felsen und Kristalle da-
steht, in diesem Leben werden wir nur von der Liebe wie von 30
einer zweiten Welt gefiillt; und mitten im TotenhausederVergang-
lichkeit und an Grabern und auf dem eignen Sterbebette fiihlet doch
ein Herz, das gliicklich liebet, nichts als Unsterblichkeit.« -
Und indem ich dieses sagte und indem wir den Schulrat, der
unverschuldet ohne die geliebte Seele lebt, aus dem Haine kommen
1 Nach der Meinung der alten Naturforscher.
NEUNTER REISE-ANZEIGER 921
sahen: so dacht ich an meine Pflichten und Fehler und gelobt' es
still und warm, dieser geduldigen Hermine das Leben tragen zu
helfen, wo es zu schwer auf liegt - ihr noch eine Freude zu machen,
ehe sie dahin ist oder ich - mit ihr in der Jahrszeit des Lebens, wo
noch die Nebel des Schicksals fallen, ins Freie unter dem warmen
ofFnen Himmel spazieren zu gehen, eh' das wolkige Alter einbricht,
wo alle Nebel steigen und den ganzen kurzen Tag verfinstern.
Ach ich sehnte mich jetzt schmerzhaft nach einer einsamen
Minute, worin ich ihr das alles entziickt gelobte; da ich ihr heute
10 ohnehin noch wenig sagen konnte.
Der Schulrat, durch fremde Bande an den RiB des seinigen
ennnert, sagte zu uns, aber mit fester Stimme: »er habe heute zu
oft an seine selige Lenette gedacht - er habe sich zwar langst in
Gottes Fugung ergeben - aber es sei jammerschade, daB ein so
junges gutes Herz verwese - und er habe sich nun fest entschlos-
sen, ihre Leichenpredigt mit einigen Lebensumstanden in den
Druck zu geben, zumal da ich in den B lumens tiicken oft uber ihre
erheblichsten leicht weggegangen sei.«
Lachle nicht zu sehr, Leser, sondern nimm wie ich mit Achtung
20 die Provinzialismen und Hebraismen auf, womit sich das gottlich
eingegebene Evangelium der Liebe ausdruckt. - Mich macht* er nur
weicher und meinen Wunsch einer stillen Minute nur warmer.
Da wir jetzt nahe an die Hornisten kamen : so riet der Schulrat,
wir sollten sie die Finalkadenz und den Schwanengesang abblasen
lassen und wegen der kalten Nachtluft nach Hause gehen und da
in der Warme recht frohlich sein. Wir gehorchten willig seiner
Sorge fur die zartere weiblkhe Gesundheit.
Und unter dem Scheiden und im letzten Annahern der Laube
des Wiedersehens ergriff die Sehnsucht, Herminen mein Herz
30 und meine Geliibde zu zeigen, mich immer heftiger, weil mein
altes Gefiihl der Eitelkeit aller irdischen Dinge wieder kam, das
den Menschen allzeit anfallet, wenn er etwas endigt, es mag nun
sein eignes Buch - wie dieses hier - oder ein fremder Roman,
oder ein Jahr, oder das Leben selber sein. Ja ware nur - sagt Fir-
mian mit Recht - bei unserem ewigen Hin- und Hergang vom
Vergniigen zum Schmerz, vom Gefuhle der Gesundheit zu dem
922 PALINGENESIEN
der Entkraftung, vom aufstrahlenden Feuer des Kopfes und Her-
zens zur finstern Kalte in beiden, ware da nur die Tauschung des
allmahlichen Uberganges und der Zeit nicht, die durch ihren Da-
zwischentritt die Nachbarschaft dieser Extreme versteckt: so Iage
das Gefuhl der Unbestandigkeit noch schwerer auf uns, wie es im
Alter wirklich liegt, wo vielfachere Erfahrungen jedem Zustand
die Larve seiner Ewigkeit abgezogen haben und wo der mude
kalte Mensch sich nur noch im Mondlicht der zuriickscheinenden
Jugend sonnet.
Auf einmal, da ich nahe an der Blatter-Klause auf ein Mittel 10
einer kurzen Absonderung dachte, nahm Hermine meine Hand
und hielt mich sanft zum langsamern Gange - und dieser war das
Mittel und schauete mich mit unaussprechlich-schonen vollge-
fiillten Augen an, gleichsam als fragte sie : »Hast du mir nichts zu
sagen? O wenn du wiiBtest, wie voll diese stumme Seele ist, und
wie gern sie mit dir sprache, und wie meine Freude doch Heber
weint, als spricht und lacht.« - Und als ihr Wunsch meinen er-
fiillte und ich langsamer ging, blickte Firmian sich ein wenig um
und ging sogleich schneller mit seinen Lieben.
»Gute Hermine,« sagt* ich vor der belaubten Einsiedelei, »an 20
was dachtest du vorhin so allein in unserer Laube des Wieder-
sehens h< — »An uns,« (sagte sie stockend und geriihrt) wan deinen
Brief, den du mir darin geschrieben hast, und mit unnennbarer
Ruhrung an unser heiliges Verlobungsfest vor einem Jahr« -
(»Mehr! Sage mir mehr, Hermine«, unterbrach ich sie.) - »Und
deine Besorgnis um mein Leben riihrte mich innig - und wenn
ich nachts Musik hore, wie in jeder Freude, so denk* ich immer
an meine gute Mutter — und dann sah' ich dich kommen.«... Sie
horte auf, aber die treueste Tochter wurde nur durch die heiBen
Tranen der kindlichen Sehnsucht stumm. 30
O du schone Seele! eben dieses Schmachten nach der hinauf-
gegangnen Mutter und dieses innere ZerflieBen iiber die irdische
Einsamkeit hast du heute den Augen der Freude gern verdeckt
und es in Heiterkeit verkleidet! - Ist es nicht oft groBer, die eigne
Trane verhehlen, als die fremde abtrocknen, und ist nicht oft das
schone weibliche Herz der Blumenkelch, worin der Tautropfe,
NEUNTER REISE-ANZEIGER 923
der es kiihlt und trankt, nicht den Honigtropfen verschwemmt
und verwassert, den es zeugt und der Biene vergonnt? -
Da ich jetzt ins sinnende Verstummen der geriihrten Achtung
geriet, und da sie in bescheidenem Irrtum fragte: »Du hast mir
noch nichts iiber mein Schweigen in Hof gesagt, aber Natalie ist
gewiB meine schonste Entschuldigung -«: so fiel ich ihr, wie
von den himmlischen Gestirnen entziindet, gliihend um den Hals
und sagte heftig und schnell : »Sage nichts weiter, Engels-Seele ! -
Ich habe dir nur alles zu sagen, ach so viele Reue und Fehler und
10 meine Liebe und meine Gelubde! - Und wie ich me mehr dein
treues gutes Herz verletzen will. - Nein, diese sanften zarten
Augen sollen von keiner harten diistern Trane mehr wundge-
driickt werden« - (Sie weinte starker, aber nur aus Running, und
sie wollte vergeblich den wilden ErguB der Liebe mildern.) -
»Ich beteuere dir,« (fuhr ich fort, dadurch noch heftiger bewegt
und endlich nur durch eine leidende Zuckung ihres Mundes zu-
rechtgebracht) »daB ich deine Tage und deine Seele nicht mehr
zermalmen will Aber wie diese Tone um uns sollen deine
Stunden und Tranen iiber das Leben wegflieBen - o wie dieser
20 glanzende Nachthimmel muB einmal deine Vergangenheit dich
umgeben - antworte nicht, Hermine, und wenn alle meine Tage
vorbei sind, du Gute, dann soil deine Mutter zu mir sagen in der
andern Welt: ja, du hast sie geliebt wie ich.« Ihr erschiittertes
Herz wurde von einem stummen Weinen iiberwaltigt, und wie
die Aolsharfe dem reiBenden Sturm nur eine bebende melodische
Antwort gibt, so konnte sie nur leise stammeln: »Ja wir lieben
uns herzlich und ewig!« -
Nun verstummte die befriedigte Seele - und wir folgten unter
freudigen Nachschauern unsern Freunden nach - der Vollmond
30 schwamm tief im gereinigten Himmelsblau, und die vorher von
Wolken verschuttete Stadt Gottes lag aufgedeckt mit ihren Lich-
tern in der Unendlichkeit - uns als wir schon weit mit unsern
Freunden hinter dem begltickenden Garten gingen, riefen uns
seine Tone noch lange wie traumende Tage der ersten Liebe
nach
Ende des zweiten Bandchens
JEAN PAULS BRIEFE
UND
BEVORSTEHENDER LEBENSLAUF
VORREDE
Statt aller Korrespondenten brauchte bloB mein Buchbinder in
Weimar, der alle meine Brief-Couverts leimt, als Zeuge aufzu-
stehen, wie oft ich diese fulle fur jene. Gleichwohl seh' ich noch
kein einziges Schreiben gedruckt; man setzt die Publikation,
scheint es, auf mein Verscheiden hinaus; ein schlechter Profit fur
den Briefsteller! - Daher kommt es, daB sich schon Morhof so
sehr iiber das Verlieren und Vermodern der unedierten Briefe
groBer Gelehrter beschweren muBte. Es wiird' ihm schmeicheln,
10 wenn er noch am Leben ware, daB ich die meinigen schon in die
Welt schicke, eh* ich daraus fortgegangen. Tat* es jeder, sokonn-
ten keinem zwei fremde Briefe angedichtet werden wie dem jiin-
gern Plinius, noch eigne abgesprochen, wie eben jene dem Ter-
tullian.1 In unserem Sakul ist alles publik, Siinden wie Briefe; die
besten Staatsmanner machen daher wie die Franzosen - dieses
neapolitanische Obel der Schweiz - von der Freiheit der allge-
meinen Publizitat selber Gebrauch und brechen, indes der Unter-
tan die Geheimnisse der Regierung kundtut, dessen Briefe auf,
um wieder hinter die seinigen zu kommen; denn gegen die Ver-
20 heimlichung einer geistigen Schwangerschaft kehren sie ebenso
eifrig vor als gegen die einer Ieiblichen. Uberhaupt warum er-
richtet kein Mann, der Korrespondenz hat, eine Leihbibliothek
von lauter Briefen? In Stadten und an Hofen wiirde man, wie die
Alten, gern mit einer solchen Lektiire von bloBen Manuskripten
anfangen und dann weitergehen.
Die meinigen in diesem Buch sind ein Anfang. Sie wurden in
Kuhscknappel geschrieben bei Gelegenheit eines dejeuner dan-
1 Die bekannten plinianischen iiber die Christen, die Semler dem Ter-
tullian beimisset.
928 BRIEFE UND BEVORSTEHENDER LEBENSLAUF
sant und Pickenicks in Grems, und der sechste entwirft ein kleines,
aber nettes Gesellschaftsstuck von besagtem Pickenick.
Das letzte Drittel des Buchs vertrauet dem Leser eine Kon-
jektural-Biographie meines zukiAnftigen Lebens in sogenannten
poetischen Episteln an. Wahrhafrig es ist schon, daB sich der
Mensch um jeden andern mehr zu scheren braucht als um sich;
- von sich kann er sagen und verraten und vermuten, was er
will; iiber seine Geheimnisse mussen alle Leute das Maul halten,
nur er nicht. Daher nab' ich - kalt gegen die Engherzigkeit eines
erbarmlichen Sprodetuns mit den Mysterien eigner Personalien 10
- es geradezu (ohne meine gewohnlichen biographischen Fik-
tionen) in die Welt hinausgemalt, wie mein Leben aussehen
werde von diesem Jahre an bis zu meinem letzten.
Die Dichtkunst wie die Tugend verachtet auf dem Wege zu
ihrem Sieg den Untergang persdnlicher Verhaltnisse und fluch-
tiger Freuden. Dieses Spiel schadet nicht; indes in den andern
Spielen der Erwachsenen, wie in den Spielen der Kinder, die hol-
zernen Trompeten und die Bleisoldaten vergiften und die Wie-
genpferde und Blasrohre gefahrlich erschiittern.
Als ein Doppelt ganger hab* ich in der Konjektural-Biographie 20
mich selber gesehen und gemalt und, wie Moses im Pentateuch,
sogar meinen Tod: letzterer bleibt mir in jedem Fall gewiB; und
sollte dieser historische Roman meines Ichs mit einem fruhern
Bande beschlieBen, als ich vermutet hatte: so wiirde mein Kopf
das, was er an eignen Konjekturen einbufite, wieder an fremden
gewinnen, die Doktor Gall in Wien (dem ich das Kranium hie-
mit legiere) daraus schopfen miiBte.
Heute ist Fastnacht — und Redoute - und die Larve und das
Hungertuch1 werden zusarrimen ausgehangen, und ich konnte
mit Recht aufhoren; inzwischen ist morgen Aschermittwoch,und 30
ich habe an einen beruhmten Gelehrten dieser Zeit etwas recht
auf dieses Werklein Passendes geschrieben, was ich hier (beson-
ders da dieses Buch mein let^tes im Jahrhundert ist) einriicken
kann, wovon ich aber wenig mehr weiB, weil ichs nicht kopieret
1 Ein mit biblischen Historien bemaltes Tuch, das die Papisten von der
Fastnacht bis zum Karfreitag aushingen.
VORREDE £29
habe. Es wird hier der beriihmte Mann aufgefordert, in den flo-
rierenden Anzeigern zu sagen, ob ich wirklich folgendes an ihn
erlassen habe:
»Der Teufel« (glaub' ich geschrieben zu haben) »ist los in die-
sem Jahrhundert und der heilige Geist ebenfalls, mein Herr! Ach
eine harte Zeit steht an der Ture, Erdfalle und Lauwinen zugleich !
Es werden einige Jahrzehende kommen - denn mehrere vertragt
das unsterbliche Herz des Menschen nicht — , worin Chemie und
Physik und Geogonie und Philosophic und Politik verschworen
10 den Isis-Schleier der stilleh hohen Gottheit fur eine Gestalt selber
und die Isis hinter ihm fiir nichts ausgeben werden. - Das der
Nemesis gehorsame Herz, das bescheidnere frommere Zeiten er-
zogen haben, wird zagen vor einer frechen ruchlosen Titanenzeit,
worin nur Handel und Scharfsinn gebieten und worin ein geisti-
ges Faustrecht zu Gerichte sitzt. Die jetzige Zeit wird von revo-
lutionaren Sckatten bewohnt, die, wie die homerischen, nicht eher
Kraft und Rede haben, als bis sie Blut getrunken. Wohl ist die
Menschheit erwacht - ich weifi nicht, ob im Bette oder Grabe -;
aber sie Hegt noch, wie eine erweckte Leiche, umgekehrt aufdem
20 Angesicht und blickt in die Erde.
Diese moralische Revolution (eine politische ist mehr die
Tochter als Mutter einer moralischen), dieser Obermut des Gei-
stes der Zeit geht bis zu den Kritikern herab, die den Dichter vor
der Moral warnen und die es lieber haben, daB er, wenn er doch
einmal sich mit StofT befangt, das kleinere Obel wahle und eher
zu tief in den unsittlichen greife als in den sittlichen. Ihr zerstor-
ten Zerstorer, ihr werdet die Sunder, aber nicht die Dichter ver-
mehren; leiden denn diese bei uns so sehr an der moralischen
Teleologie? Und wer durch diese ein Prosaiker wird, der wiirde
30 es auch durch die unsittlichste von der Welt verbleiben, wie die
Franzosen beweisen. Ist nicht bei den zwei groBen griechischen
Dichtern, bei Homer und Sophokles, die Hippokrene ein heiliges
Weihwasser und ihr ParnaB ein Altar der Nemesis und ganz ge-
bauet auf einen moralischen Sinai? -
Inzwischen wird auch diese Zeit ihre Sonnenwende finden.Das
Menschenherz verstaubt, aber nie sein Ziel. Wie nach den Natur-
930 BRIEFE UND BEVORSTEHENDER LEBENSLAUF
kundigern ein ganzes Pflanzen- und Tierreicb sich niederschlagen
muBte als Blumenerde und Unterlage fur das Menschenreich : so
ist die Asche der schlimmern Zeiten das Diingesalz der bessern. -
Jeder verbessere und revolutioniere nur vor alien Dingen statt
der Zeit sein Ich; dann gibt sich alles, well die Zeit aus Ichs
besteht. Er arbeite und grabe still mit seiner Lampe an der Stirn
in seinem dunkeln Bezirke und Schachte fort, unbekiimmert um
das Auf- und Abrauschen der Wasserwerke; und falls die Flam-
men, worein die Grubenlickter die Bergsckwaden setzen, ihn er-
griffen: so ware doch fur die kiinftigen Knappen die Luft ge- 10
saubert. — Aber wir sind alle so : die Unermefilichkeit des Raums
bewilligen wir den Entwickelungen des Universums gern; hin-
gegen die Unermefilichkeit der Zeit schlagen wir ihnen ab, als
gehorten nicht beide zusammen. Das tausendjahrige Reich des
Alls soil (verlangen wir) morgen an unserem Geburtstage drau-
Ben eben ausgeschifft vor der Tiire stehen und uns gratulieren,
damit wir auch davon profitieren.«
Aber wie gesagt, es ist noch ungewiB, ob ich mich gerade so an
den beruhmten Gelehrten ausgedriickt; denn ich schreib* es hier
nur aus dem Kopf. 20
Weimar, am Fastnachtstage 1799.
Jean Paul Fr. Rkhter
Erster Brief. An Frau Spezialin1 Zeitmann
Einladung zura dejeuner dansant - iiber das Lesen der Madchen
Postkript; privilegiertes Testament fiir meine Tochter
Kuhschnappel, den 22. Jun.
Sie haf^en jetzt, Madame, einen Hasenbrecher in der Hand und
zerteilen und verteilen; das sen* ich aus der Eidechse durch ein
langes, mitten in der Stube aufgestelltes Erdrohr recht deutlich.
Jetzt zeigen Sie boshaft mit der Gabel nach dem Berghemschen
Seestiick am Himmel und weiden sich an den herunterlaufenden
10 Kaskadellen. Jetzt lachen Sie gegen den Gasthof zur Eidechse hin
und wahrlich iiber mich Ich kann nur nicht zugleich den
Tubus und die Feder halten und habe keine Herschelsche
Schwester, der ich die Observationen diktierte: sonst hatt' ichs
gesehen, daB Sie Herrn Spezial wahrend dieses Briefes meine
Wetterprophezeiung3 und Ihre sieghafte Wette vorgetragen
haben.
Meinetwegen ! - Ich konnte mich zwar wehren und den Regen
- fiir Sie ein goldner, fiir mich ein Steinregen - zugestehen und
fast weg erklaren, da heute Sommers- und auch erst Freitags-
20 Anfang ist und abends Ihre Seeherrschaft gewiB aufhort; aber
hier geb* ich Ihnen den weiblichen Schwabenspiegel in Form
eines Testaments, ohne meinen prophetischen Kristallspiegel zu
zerschlagen.
Eh' ich weiter vom Schwabenspiegel rede : will ich Ihnen sagen
- weil ich ihn mehr verschenkt als verwettet habe — , was ich da- ^
fiir haben mufi: den Herrn Spezial und Ihre Tochter und Sie.
Ich und der Hospitalprediger Stiefel haben es gestern miteinander
1 Im Wurttembergischen und im Reichsmarktflecken Kuhschnappel he-
deutet Spezial Superintendent.
30 3 Ich hatte gewettet, wenn es an Sommers- Anfang regnete, »ein Testa*
ment fur meine Tochterw, namlich fiir ihre zu machen.
932 BRIEFE UND BEVORSTE HENDER LEBENSLAUF
iiberschlagen, daB es gar zu lazarus-maBig aussahe, wenn wir
konfoderiert nichts weiter zum groBen Gremser Pickenick zu-
schossen als die Suppe; indes Sie und die iibrigen Bundes- und
Tischgenossen vielleicht mit schweren ProviantschifTen vorfiih-
ren vor den Haspel des ausladenden Tischzeugs. Nein - sondern
wir geben zusammen an demselben Morgen ein dejeuner dansant
und ein Feuerwerk bei Sonnenlicht. In Kuhschnappel muB ein
dejeuner dansant ein weiBer Rabe und sogar der Name ein Fremd-
ling sein; es ist aber solches ein tanzendes Fruhstiick, Madame,
wo man an Hofen Tanz, Musik und gewohnliches Fruhstiick in 10
Mixturen genieBt. Dazu nun invitieren wir, Stiefel und ich, vor-
ziiglich Sie und Ihre lebendige Marietta, ohne welche Herr Voit
oder Vito oder Veit weder vor- noch mittanzen konnte. Das
Krebsleuchten des Feuerwerks ist mehr zum Fang der Herren
bestimmt; und wir bitten Sie instandig, Herrn Zeitmann zu be-
reden, zu bezwingen, zu bringen. Oft stellet man hinter Brauti-
game, die am Altare nicht Ja sagen wollen, Kiister, die es fur sie
sagen: warum postiert man nicht hinter Ehemanner dergleichen
Kiister? - Wahrhaftig, Herr Zeitmann fodert von der leichten
Freude zu viel Freude, vom winzigen bunten sumsenden Kolibri 20
ein Pfund Bettfedern, wie von der ernsten Gans, oder eine pom-
mersche Gansbrust oder Vorspannkrafte wie vom Vogel StrauB.
Der Honigsauger schwebe und sumse und glanze und damit gut!
- Welches Kind wird seinen Gugelhopf aus Schnee, mit Ziegel-
steinmehl gebraunet, in dem Bratofen backen wollen? - Kurz,
er soil kommen.
Noch dazu ist am Siebenschlafertage aus guten Griinden das
schonste Wetter fur das Feuerwerk, und Sie haben ihn samtlich
recht klug zum Sitz- und Kreistag des Pickenicks erwahlt. Meine
Gehirnhohlen sind hier wieder delphische und weissagen; ja ich 30
wette wieder.
Doch ich tat Ihren Willen durch meinen letzten; aber in mog-
lichster Kurze - Sedez ist das Format fur das Weiberherz - auf
das Murmeln einzelner Worte horcht man starker als auf einen
rauschenden Predigtstrom - diese Pflanzchen muB man nicht
mit dem Nil der Hofmeister und Mutter wassern, sondern, wie
ERSTER BRIEF 933
Aurikel, nur mit einer nassen Biirste iiberstauben. Zweidrittel ist
aber aus dem Hesperus und den Blumenstiicken.1 - Und so sei
und bleib* ich
Ihr
J- P«-
N. S. Ich ersuche Sie um Ihre Teemaschine zum dejeuner dan-
sant. Da ich auf Reisen keine Mobeln fuhre — zu Hause nicht
einmal - und da" der Hospitalprediger, der seit Lenettens Tode
das Friihstuck aus einer Untertasse nimmt, so wenig um sich hat
jo als ein Feuerlander: so muB die Feuerwerker- und Tanzgesell-
schaft uns beiden fast alles leihen, was wir ihr zu geben denken.
Und das bringt mich auf mein verwettetes Testament. Madame,
Sie taten mir durch den Antrag zu viel Ehre und VerdruB an,
einen goldnen Spiegel fiir eine Tochter zu gieBen. Ihre Marietta
braucht keinen und ist selber einer, und ein zweiter zeigte ihr nur
sie selber. Aber auch das abgerechnet: so dient ein solcher, wie
denNurnbergerinnen die auBern amFenster, bloB zumBeschauen
und Beurteilen anderer Leute auf der Gasse. Dazu gehts mit der
Biicherkost oft wie mit der leiblichen: ein gutes Zeichen, behaup-
20 ten die Arzte, ist es, wenn man zu Anfang eines Monats durch die
Nahrung einige Pfund schwerer wird, am Ende desselben aber
sie wieder verliert; gleicherweise nab* ich Leserinnen, die gerade
nach dem Genusse einer Lektiire mehr Gewicht hatten, einige
Wochen darauf, wenn ich sie wieder wog, so leicht befunden wie
zuvor, zum groBten Beweis einer festen ^Constitution.
Privilegiertes Testament fur meine samtlichen Tochter.
Ihr konntet, Kinder, in meinen gesunden Tagen wenig von mir
profitieren, weil ich als Gelehrter den ganzen Tag auf meinem
Leseesel saB und schrieb; so sehr gleicht ein Autor einem Wan-
30 delstern, der fur Leute, die die FiiBe auf ihm haben, eine sumpfige
dunkle Erde ist, indes er sich um feme Planetenleser als ein leuch-
tender Stern bewegt. Daher liab' ich hier auf der Sterbematratze
1 Im Druck schnitt ichs natiirlich wieder weg.
934 BRIEFE UND BEVORSTEHENDER LEBENSLAUF
meinen letzten Willen, der euer erster werden soil und kann, zu-
mal da ihr mir jetzt schwerlich widersprecht, weil ihr wohl wisset,
daB mein schweres Gehor euch nicht bis ins Grab hinunter hort.-
Solltet ihr euch jetzt zusammensetzen und ausmachen wollen,
welcher Schwester von euch der satirische Vater unter den allge-
meinsten Testamentsverfiigungen einen feinen Hornissenstich ver-
setzen wollen, ob dem guten Suschen, oder Franzelinen, oder
Samuelinen, oder Fidessen, oder Raphaelen und Emanuelen: so
erwagt doch um Gottes Willen, ihr Kinder, daB ihr noch gar
nicht existiert und daB es ja nur an mir selber liegt, wenn ich mir 10
euch nicht so denke, wie ich euch haben will. Testator und Erben
gelten schon im romischen Recht fur eine Person; wie viel mehr,
wenn sie samtlich noch unter einer Gehirnschale hausen.
Ich verordne demnach — aber mutet einem Menschen, der sein
Testament macht, keine groBere Ordnung zu, als in eueren Brie-
fen regiert — zuerst, daB ihr euerer Mutter nachschlagt und kiinf-
tig glaubt, es gebe kein Kunstwerk, welches dem Genie und
Geschmack einer Frau mehr Ehre macht, und woran sie taglich
bessern und polieren soil, als ihre - Tochter. Dem Vater fehlt
die Zeit, weil er den ganzen Tag kleinere Kunstwerke befeilt, 20
z. B. Testamente fur Tochter.
Ich verordne ferner, daB ihr langsam und leise sowohl geht
(besonders an dffentlichen Orten, wo nur eine Verlegene lauft)
als sprecht, weil fur Madchen und Harmonikas nur Adagios pas-
sen. Auch das homerische Gelachter mustert aus, weil ein starkes
oder langes einen schonen Kopf nicht nur verunstaltet, sondern
wirklich berauscht; jede heftige Regung muB euer Geschlecht,
weil es immer maBig ist und weil sein diinnes oszillierendes Ner-
venspinnengewebe leicht mit alien Faden schwankt, uberfiillen
und ubermannen. Das Messer der Kultur, das uns den besten 30
Birkensaft abschropft, schneidet euere berstende Nelkenknospe
bloB zu einer herrlichen Entfaltung auf.
Denkt ewig an das Wort, was euer Vater auf seinem Sterbe-
lager sagte: Die unschuldigste Liebkosung kann durch Wieder-
holung eine schuldige werden. Es ist mein testamentlicher Wille,
daB ihr in einer Virtelstunde nicht mehr als einen KuB annehmet,
ERSTER BRIEF 935
deraber keinelangseindarf.Ihrwisset nicht, wie meinGeschlecht,
das der sonderbare Abstich euerer erstern Liebe voll Neins mit
der spatern voll Jas ganz bestiirzt, aus Einfalt entweder zu kalt
wird oder zu warm. Trauet euerem Herzen, aber nie eueren sie-
chen Nerven; ach, bei den schonsten edelsten Gefuhlen ging es
mancher Stiefschwester von euch aus Mangel an Festigkeit des
Willens und der Gesundheit wie den Mexikanern, die sich, weil
sie nur weiches Gold und kein Eisen hatten, von den Spaniern
muBten erobern lassen.
10 Werft jeden schonen Gelst und schonen Korper (der haufig in
Offiziers-Uniform einhergeht), zumal wenn beide Moitisten sind
und ein Stiick ausmachen, aus dem Hause, worin ihr Tochter
habt. Zehn Romane sind nicht so schlimm als ein Romanen-
schreiber. Biographen aber konnen kommen.
Ferner will und verordn* ich, daB ihr nach meinem-Tode
Griinde annehmt.
In meinen gesunden Tagen nahmet ihr alles, sogar gute Worte,
lieber an. Uberhaupt andert eine Frau ihre Meinungen schwerer
als ein Mann, weil jene sie auf Gefuhle und auf Anschauung
20 bauet, dieser sie mehr auf Schliisse und oft auf fremde Worte;
und weil die mannlichen Satze ofters nur Wahlkinder, die weib-
Hchen aber eigene sind. Euere sind lebendige Empfindungen, die
keinen Schliissen weichen, sondern die nur der Zeit, oder wenn es
in der kiirzesten sein soli, einer andern lebendigen zurucken. Da-
bei habt ihr eine eigne Gabe, euere vorigen Empfindungen uber
die regierende zu vergessen, wodurch ihr ein schones Gefuhl
euerer Unfehlbarkeit und Unveranderlichkeit erbeutet; so wie
ich Leute mit schwachem Gedachtnis kannte, die letzteres nie-
mals innen wurden, bloB weil sie die Falle nicht behalten konn-
30 ten, worin sie etwas nicht behalten hatten. -
Himmlische Kinder, die vorige testamentarische Verfiigung
muB ich in einem Kodizill repetieren, so wichtig und schwierig
erscheint sie mir. Freilich nahmet ihr gern Griinde an, wenn ihr
euch - welches nur euere Vater vermogen - wie ein musivisches
Gemalde durchschneiden und so verdoppeln und euch als eine
Zwillings- oder Milchschwester eueres Ichs vor euch hinstellen
936 BRIEFE UND BEVORSTEHENDER LEBENSLAUF
und beschauen konntet; - aber ihr konnts ja nicht. Ihr leset alle
Herzen, ausgenommen euer lesendes. Und doch muB man, was
ihr nicht tut, durchaus, urn sich zu heilen oder zu erhalten, sich
oft recht hart und durchgreifend befragen: »Was verlangst du
eigentlich?«, da zuweilen zehn Gefuhle sich wie Kinder hinter-
einander verstecken, und das letzte will nicht reden. - Nur ein
Beispiel, ihr Guten! Wisset ihr keines, daB ein recht gutes Mad-
chen zerflieBend und berauscht (und berauschend) an Mond und
Sternenhimmel und Landschaften immerfort hing, ausgenommen
in der-Ehe?- Wahrlich, ich weiB, wieesist, und verarge wenig; IO
aber das sei mir erlaubt, ihr Herz mit dem Johannis in Diissel-
dorf1 zu vergleichen. Sonst hing in der Galerie eine hiibsche
wasserfarbige Landschaft ohne viel Aufsehen. Zufallig wollte der
Inspektor und Maire dieses orbis pictus einmal an dem Stiicke
putzen und reiben: als auf einmal der Armel eines zweiten Ge-
maldes darunter vorkam - er schabte weiter — und endlich sprang
aus der Landschaft der ganze olfarbige Johannis hervor, der sich
ebenso beruhmt gemacht. Wiirde man aber nicht oft, wenn man
die Claude Lorraines in manchem weiblichen Herzen naherpriifte
und endlich wegscheuerte, unter der schonen Natur einen schdnen Zo
Johannis antreffen, - oder einen schonen Hans, oder Jean, oder
Jack? Sprecht, ihr Guten! -
Auch ist es mein letzter Wille, daB ihr Freundinnen nicht so
schwer vergebt und Freunden nicht so leicht. Bei diesen sichert
euch(wie uns)nichts so gut vorBeleidigungen als die GewiBheit,
daB sie nicht verziehen werden. Nie lege bei der Versohnung mit
der Freundin bloB die Zeit euere und ihre Hande zusammen, son-
dern der Drang und die Kiihnheit; nicht annahernd und zufallig,
sondern im Sturm und weinend und auf einmal: sonst tragt ihr in
die Erwarmung die zu lange Erkaltung hiniiber. 5o
Sprecht kein Wort von Politik ; man weiB recht gut, mit welchem
fremden Kalbe ihr pflugt oder um welches goldne ihr tanzt. Gleich
den Bischofen fliehet das Blut der Kriege; ungleich den Miicken,
wovon nur die Weibchen es saugen. Wenn ihr wisset, daB Frank-
reich frei geworden : so ists genug und mehr, als ich selber weiB.
1 Stolbergs Reisen etc., i. T.
ERSTER BRIEF 937
Es angstigt euren Vater in der letzten Stunde, daB er durch
seine schonen Werke euch ein Lebens-Arkadien in den Kopf
setzen helfen, das keine Kiiche, keine Kinderstube und keinen
Waschtag hat, sondern nur einen herrlichen Himmel und einen
wohlgestalteten Schafer darunter, der so lange fortkniet, bis ihm
die Haare ausfallen. Testator ^ann nichts dafur, wenn ihr poe-
tische Blumen, wie Fieberkranke die Blumen des Bettevorhangs,
zu lebenden gehenden Wesen macht. Ihr klaget iiber die mecha-
nischen Arbeiten eures Geschlechts, ohne hinzusehen, daB meines
10 ebenso viele unter schonern Namen hat. Eine Gerichtsstube find*
ich vom Waschhause, eine Expeditionsstube von der Kiiche, oder
die Schulstube von der Kinderstube in nichts verschieden als
darin, daB ihrs besser habt, da in unsern Raspelhausern der Kopf,
in euren nur die Hande an den Arbeits-Eisenring befestigt sind.
Denn falls euer Geist nur den Korper am Nahrahmen oderFeuer-
herde zunicklasset, wer hindert jenen, vom Dache eines Lust-
schlosses zum andern, vom Gipfel eines daphnischen Haines zum
andern zu hiipfen und endlich in herrliche elysaische Felder nie-
derzufallen? - Und wurd* euch nicht der Lebens-Mai mit dem
20 jungfraulichen far niente voll geselliger Freuden und schoner
Traume beschieden, indes wir unsern Lenz in Schulstuben, Hor-
salen, im clinico, relatorio, repetitorio, stylistico gebiickt ver-
ackern und versaen muBten, und lustwandeltet ihr nicht auf den
blumigen Rainen, indes wir darinnen in den schwarzen Furchen
mit Pflug und Egge hantierten? -
Ein Ehepaar beschreibe seine Lebensbahn gleich der Sonne und
dem Neumond, die miteinander auf- und weitergehen ! Denn wie-
wohl der Phobus glanzt und brennt und Luna der Welt nur eine
unscheinbare Seite zukehrt (ihrem Phobus aber die helle), sozieht
30 sie doch starker an wie er und reget die Wasser und bestimmt
das Wetter und den Wachstum und die Fruchtbarkeit. - Ungern
nab' ich in diesem Gleichnis uns Manner zu Phobis erhoben.
Da ich jetzt als Testierender bald auf meinem Kopf kissenunter-
gehe und doch mein privilegiertes Testament vorher schlieBen
muB und da ich wegen der zustromenden Materie nirgends weiB,
wo ich aufhoren soil: so muB ich uberall aufhoren konnen, also
938 BRIEFE UND BEVORSTEHENDER LEBENSLAUF
auch hier. Freilich noch tausend testamentarische Verftigungen
hatt* ich zu machen - ich konnte noch verordnen: flieht reichen
und gesetzgebenden Anzug, wenn ihr nicht euer Geschlecht zur
Essigmutter des Hasses machen und von ihm die Tabaksbeize der
Verleumdung erhalten wollet - trennt euere Tochter von den
Dialogen des Gesindes, die ihnen wenigstens wie die Kletten auf
Spaziergangen im Nachsommer die Miihe machen, sie vomRock-
saume abzuzupfen - sprecht mit Freundinnen so, als wenn euch
ein Mann zuhorte, und mit einem Jungling so, als standen die
Freundinnen dabei - erscheinet mit einer ganzen neuen Kleidung 10
nie zuerst an einem ofTentlichen Ort, weil die Verlegenheit oder
das Gefuhl einer neuen den Schein des Stolzes annimmt - haltet
eueren Korper fur einen Heiligenleib in einem Glaskasten, fur
einen Teil euerer Seele und Tugend, und euch fiir Schminkboh-
nen, an denen Schale und Kern zugleich kostlich sind, indes wir
gleich den sogenannten Saubohnen nur mit dem nahrhaften Kern
in Topf und Schiissel taugen — schweigt nicht immer untermann-
lichen Gesprachen und sprecht nicht ewig unter weiblichen -
lobt und tadelt uns nicht feurig - lernt von euerer Mutter durch
Festigkeit regieren iiber euere Leute, usw. wie ges.agt, das 10
alles und weit mehr konnt' ich testamentarisch verfiigen; aber ich
wiirde nicht fertig und das Testament langer als das Alte und
Neue. Dieses gelte, wie jedes romische, fur ein Gesetz; - und so
lebt so froh dahin, wie ich von dannen fahre.
Mittelspitz, den 2i.Marz.
Jean Paul Fr. Richter
Zierliches Kodi^ill
Nehmt Griinde an, ihr Gold-Kinder!
Actum ut supra.
zweiter brief 939
Zweiter Brief. An Marietta Zeitmann
Der Stumme mit den Blumen - der eiserne Blumengarten
Postskript; Luna am Tage
K., d. 23. Jun.
Die Rose, die sonst die Parole des Schweigens ist, hat der arrae
stumme Florist1 als eine Stummenglocke in der Hand; er will
wie die sultanischen Stummen etwas haben mit seiner Blumen-
sprache; - und ich auch, Hebe Marietta. Zuerst soil er vor Ihnen
das ganze Blumenkorbchen umsturzen und ausschiitten, damit
10 der Bodensatz, mein Nachtstiick, herausfalle. Alles das wird Ihnen
geschenkt, weil Sie Verse machen; das Nachtstiick, damit Sie es
darein bringen und einrahmen; und der Junius-Flor, weil ich
Ihnen, wenn ich die Academie des Jeux Floraux ware, statt der
weichen Violen und Ringelblumen harte von gutem Silber geben
miifite. Und ich glaube, ich tate dann besser. Sie Madchen samt-
lich lieben an Blumen mehr die Farben, wir die Diifte; und fiir
Sie sind alle Blumen VergiBmeinnicht und jede Flora eine seidene.
Hatt* ich das Geld, ich lieBe mir welsche und lyonische Floristen
statt der Gartner kommen und fur Gartenfreundinnen einen
20 ordentlichen Hesperidengarten aus Draht und Florettseide pflan-
zen. Welch eine Idee ! Sie verdient noch drei Blicke. Oh, sehen Sie
nur wenigstens zur Gartentiire hinein auf mein Rosenparterre
aus Holundermark - nicht nur Sie als Blumengottin in Seide,
sondern auch allelhre Landeskinder - ein perennierender floreal
mitten im haBlichen brumaire - die Blumen ganz verschie-
dener Jahrszeiten, wie in einem deutschen Gedicht, nebenein-
ander gedeihend - herborisieren Sie weiter, so kann ich Ihnen
einen Prince Paul2 aus Papier prasentieren und anstecken, indes
im Bouquet um den Prince noch ein glaserner Mark Aurel, ein
30 porzellaner Agathon und ein Ovid aus Federn gebunden sind. —
1 Ein stummer armer Knabe, der seine Bitte um Geld in einen Handel mit
Blumen einkleidete.
1 So nennen die Blumisten die doppelte rote Hyazinthe; die ubrigen
Namen sind auch Hyazinthen. Delany macht aus Papier Blumen, Schdfer
umgekehrt aus Blumen Papier.
940 BRIEFE UND BEVORSTEHENDER LEBENSLAUF
Aber nun will ich wieder mein Stummer werden, zumal da ich
nichts so Bliihendes wie er zu geben habe; und wahrhaftig, man
sollte jetzt mehr die redenden als die stummen Teufel aus den
Menschen austreiben. - Apropos! Das Gremser Feuerwerk und
tanzende Friihstuck bleibt ein unbewegliches Fest; und ich habe
hier bloB so viel fiir Sie getan und geschrieben, damit Sie der
Frau Spezialin zureden, dem Herrn Spezial zuzureden. Es muB
sein. Ich und der Prediger wollen uns nicht umsonst in Kosten
gesetzt haben. Addio ! Das Nachtstuck hier wird Ihr weiches Herz
mehr befriedigen als das scherzende Blumenstuck. - 10
J. p.
*
Luna am Tage1
Mit erdenfarbiger erloschner Gestalt und mit langen Seufzern
zog Luna auf ihrem Wagen nahe vor des bliihenden Apollos
Feuerradern durch den Himmel und schauete immer gegen das
warme lachende Antlitz ihres Bruders zuruck, um ihn zu lieben
und sich zu trosten; denn ihr teuerer Endymion wurd* ihr vora
Tage genommen, die Fesseln seines unsterblichen Schlummers
banden ihn in seiner Hohle fest, und die Liebende schmachtete
nach der alten Stunde umsonst, wo sie unter dem Mantel der Nacht 20
zum bliihenden Traumer heruntersank und ihn siiB-zitternd an-
schauete und sich immer bebender niederbog und endlich von
den ewigen Rosenknospen seiner jungen Lippen mit einem eiligen
Kusse entfioh.
»0 siehe, mein Bruder,« (sprach sie zu Phobus, ihr zartes Weh
verkleidend) »wie mir alle meine Violen drunten ihren Duft ver-
sagen und ihn erst hauchen, wenn ich voriiber bin. Dir aber off-
nen so viele tausend Blumen ihr Herz!«
Recht beklommen schauete sie nun uber die heiBe matte Erde
voll Rauchsaulen und sterbender Schatten hin; da erblickte sie 3<>
1 Wenigen Leserinnen wird erst die Note zu sagen brauchen, daD der
Neumond mit der Sonne aufgehe; daC er sie uns verfinstere, wenn er sich
vor sie stellt, und daC, wenn er sie ganz verdeckt, die Nachtigallen schlagen,
die Blumen zufallen, der Venusstern mitten am Himmel erscheine, usw.
ZWEITER BRIEF 94I
zwei Liebende auf ihr, die sie nie unter ihrem nachtlichen Wagen
gefunden. Sie waren immer vom Argus des Tages begleitet; -
niemals hatten sie nebeneinander auf die Nachtigall gehorcht und
zum Lacheln der Sterne aufgeblickt und dann siiOer alles wieder
verloren und nur einander gefunden; - bloG unter den harten
Tonarten der gellenden Welt vernahmen sie die Lautensaiten der
Liebe; - und blode, wie Luna, und liebe-schonend verlangten die
zarten Herzen vom Tage nur ein kurzes Wiedersehen, und keinen
Handedruck und nicht den ersten KuB.
10 Die bleiche, vom Bruder bewachte Luna fiihlte die weichen
Schmerzen und Wiinsche der fremden Liebe in der eignen Brust.
O, von der Liebe wird die Liebe vergeben und geehrtl »Geliebter
Bruder,« sagte sie bittend, »schaue nach Delos hinab auf deine
bliihenden Geliebten, auf deine Sonnenblume, auf deinen Lorbeer
und auf die Hyazinthe und die Zypresse und die Weihrauch-
staude, wie sie diirsten und sich beugen! - Und sprenge auf die
heifien Zweige einen labenden Tropfen Tau! - Lasse mich, du
Lieber, den Mantel der Nacht iiber deine feuerschnaubende Rosse
schlagen.«
20 »Verhulle ein wenig die Flammen!« sagt' er willig, weil er in
den geheimern Wunsch des Schwester-Herzens eindrang. Nun
fiel die erfrischende kiirzeste Nacht wie ein Abendregen auf die
Erde und auf das liebende Paar! Wie stauntet ihr Gliicklichen, als
die kreischendenKanarienvogel stockten und die Lerchen schmet-
ternd holier aufflogen - und die Nachtviolen aufgingen und die
siiBen Abendopfer brachten - und als auf der tief behangnen Erde
voll liebender Einsamkeit nichts mehr leuchtete als die Vulkane,
deren schmutzige Wolkensaulen zu Feuersaulen anglommen und
gegen die Sternbilder aufbrannten - und als Philomele in den
30 schlafrigen Bliiten erwachte und aus der uberfiillten Brust melo-
disch stohnte und in schone Klagen dahinfloB — aber ihr staun-
tet nur kurz, und das Herz wandte sich zum Herzen und das Auge
zum Auge. - O, ihr Seligen ! Zweifelnd und doch gliihend, zagend
und doch schon tranen-trunken wie die Blumen urn euch, die die
kleine Nacht betauet, blickt ihr euch an und scheuet eilend die
Flucht des schonen Dunkels und doch zogernd die erste Kuhn-
94^ BRIEFE UND BEVORSTEHENDER LEBENSLAUF
heit des Handedrucks. — Aber die schuldlosen Herzen, so gefan-
gen und betaubt von der freudigen Finsternis, wie die Bienen urn
sie von dem nachtlich zufallenden Tulpen-Kerker, vergaBen die
erste Kuhnheit und sanken uberwaltigt mit der siiBern aneinander
und kiiBten sich und ruhten auf dem KuB und vernahmen nur
noch wie ein femes Echo die Nachtigall, und die Diamanten auf
dem geliebten Herzen flngen zu leuchten an, gleichsam als gaben
sie nicht bloB den eingesognen Glanz der Sonne, sondern auch
der Freude zuruck.
Da glanzte Lunens Auge vom Schmachten feucht, und sie 10
suchte schnell und kiihn auf der traumerisch-erleuchteten Erde
Endymions Hohle. Sie fand den Latmus-Berg und den Geliebten,
und wache Johanniswiirmchen spielten in der Grotte um seine
Rosenwangen. Erschrocken und der Tranen unbewuBt blickte
sie sich um; da sah sie die Venus lachelnd neben ihrem Bruder
stehen. Sie errotete und riB den Schleier der Nacht von den Flam-
men der Rosse weg, und der Tag sank wieder mit seinem weiten
Glanz iiber die ganze Erde. Und die Liebenden drunten wachten
auf wie an einem Morgen, aber die Morgenrote stand bloB auf
ihren Wangen; und sie schaueten selig die helle, jugendliche und 20
singende Erde an und den Glanz ihres Taues in den aufgerich-
teten frischen Blumen. Luna aber blieb vom Sehnen trage hinter
dem raschen Jiingling zuruck und immer weiter zuruck, bis die
Nacht sie ubereilte: dann ward auch die Blode wieder selig.
Dritter Brief. An Doktor Viktor
StraBenbettler und Strafien - meine neuen Bekanntschaften - Hut-Orden -
heutige Achtung fur das Alter - Gemeinwesen von Kuhschnappel - nahere
Berichte vom Gremser Pickenick
Postskript; Btttschrift an die deutsche Hut-Union
K., d. 24. Jun. 30
Du muBt, Lieber, nun meinen Brief aus Uberlingen haben.
Jetzt bin ich schon in Kuhschnappel; und kenne da so viele Leute,
daB ich einige Wochen bleiben kann.
DRITTER BRIEF 943
Entsetzlicher Schmutz, der einen furstHchen StraBendamm
verschlingt wie Sand den Rhein, gibt mir immer die Hoffnung,
da8 ich einer Reichsstadt oder einem Reichsvorstadtchen wie
Kuhschnappel zufahre,* ein elender Weg, ich meine das, was dar-
auf liegt, ist die beste Losung und Fahrte der freien Reichs-
Peterlein; das zweite Kennzeichen ist a'uch eines, daB namlich zur
freien Reichsstadt nicht wie zu jiidischen Freistadten die Wege
leicht und gerade laufen, sondern wie zu Lusthausern schon ge-
bogen.
10 Paullini, der eine Teleologie des Kotes schrieb, handelte nicht
gut, daB er nicht zu den Kuhschnapplern zog, die der Schwalbe
gleichen, welche den Sommerschlaf in trocknem verbringt, und
den Winterschlaf in feuchtem. - Aber hatt* ich auch meinen
Durchgang durch das rote oder schwarze Meer im Schlafe ge-
macht: so hatte mir doch ein dritter Reichsanzeiger einer Reichs-
stadt aus ihm und dem Traume geholfen, das Bettelvolk.
Du kannst es nicht zahlen, weil es, ungleich dem jiidischen,
eben unter der Zahlung wachst. Ich debiitierte in einer Benefiz-
komodie fur Arme mit der Forcerolle und gab und gab. Meiners
20 muB von der Schweiz aus hier durchgegangen sein, weil er be-
merkt, daB nirgends mehr Gelder liegen als in Despotien - und
folglich in Freistaaten und gar Freistatlein kein anderer Heller,
als den Bettler kriegen. Wahrhaftig, wie eine Bilderbibel die Bibel
fiir Arme und PHnius die Bibliothek fiir Arme heiBet: so ist eine
solche Stadt die Judengasse fiir Arme.
Es begegnete mir schon in andern biographischen Stadten und
so in dieser, daB ich -in der Feme noch auf den Schachfeldern
ihrer Dacher die poetische Illumination leuchten sah, die nachher,
wenn ich durchs Tor bin, Lampe nach Lampe erlischt. Ich stieg
30 im Gasthof zur Eidechse ab, weil Siebenkas, wie du aus dem letz-
ten Kapitel meiner Blumenstucke weiBt, hier die letzten Schmer-
zen oder den Nachwinter seiner Vergangenheit gefunden hat. Ich
ging sogleich zum Schulrat Stiefel, an dessen Fenster (die Schul-
wohnung ist dem Gasthofe gegeniiber) ich schon eine Stunde
lang eine Amazone mit einem dreieckigen Hute unbeweglich
stehen und gucken sah. Ich fand ihn feurig in seinem Redaktorat
944 BRIEFE UND BEVORSTEHENDER LEBENSLAUF
des Gotterbotens deutscher Programme sitzend und taub und
blind gegen die driickende Einsamkeit seiner Wohnung. Die
Amazone war bloB sein Hut, den er auf den Haubenkopf Lenet-
tens abgelegt. Er warf mir bald einen Schnitzer in meinen Palin-
genesien vor: »er sei zwar«, sagt' er, »noch Rektor, aber jetzt
auch Hospitalprediger dazu - was ich gefalligst in einer neuen
Auflage korrigieren mochte. Von solchen historischen Unrich-
tigkeiten wimmelten iiberhaupt die Blumenstiicke, so daB man
sie mehr fur ein Werk der Phantasie als des historischen FleiBes .
halten sollte; und er habe einmal in den literarischen Anzeiger 10
einen kleinen Anzeiger davon inserieren wollen.« Oberhauptwird
er jetzt kiihner und greift aus. Autoren, die Iange Rezensenten
gewesen, hangt immer etwas Entscheidendes und Grobes an; und
ob sie gleich als die Absonderungswerkzeuge des gelehrten Kor-
pers nur das Verdorbene eihsaugen und ausfuhren sollen, so er-
starken sie doch am Ende so, daB sie sich auch ans Gute machen.
Wenn du Huhner (es ist derselbe Fall) mit Eierschalen futterst,
die du zu groB gelassen, so lernen sie daran zuletzt nach vollen
Eiern hacken.
Er erbot sich, mich mit den Gelehrten von Kuhschnappel be- 20
kannt zu rriachen, und wollte auf den Abend diese Landsmann-
schaft zu sich invitieren. Nun will ich lieber ein Irrenhaus be-
schauen - ich blattere da viel weiter in der menschlichen Natur -
als ein gelehrtes Kuhschnappel. In Fachern, wo der Autor den
Menschen ins Spiel zieht (z. B. in der Philosophic, Dichtkunst,
Malerei; und da nur im Falle der Genialitat), klopP ich gern beim
Menschen an; aber in andern, die mit dem Autor ohne den Men-
schen auskommen (z. B. in der Sprach-, Rechts-, MeB- und Alter-
tumskunde), da jag* ich nur dem Autor nach, d. h. dem Buch.
Allerdings kann man einen Gelehrten Sufsuchen - wie ich 30
wirklich den Spezial Zeitmann — , aber dazu muB er eine Tochter
haben, die man sehen will; bei einem ehelosen ist nichts zu ma-
chen. »Ist Zeitmann gliicklich in der Ehe?« fragt' ich. - »Nach
Wunsch.« - »Studieren Sonne von ihm in Tubingen oder sonst?«
— »Er hat gar keine.« - »Also ohne Kinder? der arme Mann!«
— »Eine einzige Tochter.« - »Geht sie schon in Ihre Schule?«
DRITTER BRIEF 945
- »Sie ist schon heraus und majorenn, sie ist die Sappho von
Kuhschnappel.« - »Das ist wenig und gleichgiiltig; aber haften
Sie mir dafur, daB ich am Superintendenten einen Mann antreffe,
mit dem ein wissenschaftlicher Diskurs zu haben ist? Sonst bleib*
ich lieber in der Eidechse.« Stiefel haftete mir dafur.
Ehe wir gingen, muBt' er mir seine Wirtschaft und (zu seiner
Verwunderung) Lenettens abgepniickten Nachflor zeigen, sogar
ihren Kleiderschrank (fur mich ein Universitatsgebaude). Wir
sind beide einig, daB ein Schleier, ein Shawl, besonders ein All-
io tagskleid eine Hebe Person, wenn sie lebt, reizender, und w'enn sie
schlaft, trauriger und heiBer in unsere Seele male als ein ganzes
Briefgewolbe von ihrer Hand und ein Bildersaal von ihrem Gesicht.
Aber nun wollt* ich nicht aufhoren. Ich weiB nicht, was der
Hospitalprediger wird gedacht haben, daB er mit mir iiberall hin-
laufen muBte, durch alle wie englische Alleen krummgepfianzten
Gassen - in alle Olgarten, wo unser Siebenkas in seinem Stande
der Erniedrigung die Geburtsschmerzen seiner trostenden Zukunft
erduldet und verbissen hat. -Aber da ich alles besah, sein enges
Stiibchen beim Friseur Merbitzer — das engere Schlafkammer-
20 chen, worein nicht zwei Kanarien-Heckkasten zu stellen waren -
und von weiten den griinenden Rabenstein und des Heimlichers
Haus - und in der Nahe seinen Grabstein auf seiner let^ten, aber
zum Gliick noch leeren Diogenes- Tonne des Lebens und den bun-
ten Betthimmel auf der letzten Bettlade, worin die miide Lenette
mit geschlossenen Augen liegt, die nicht mehr wie sonst am kunf-
tigen Morgen zum Weinen aufgehen: da druckte die Wirklich-
keit mit der Inkuben-Tatze hart und tief auf meine Brust herein;
die Dornen der Leiden, die in der spielenden Dichtkunst weich
und biegsam grunen, werden in der reifenden Gegenwart ste-
30 chend, starr und schwarz. Ebenso stellen die von der Poesie der
Erinnerung beschienenen Jugendorter wieder die Schrecklarven
der verschmerzten Wirklichkeit vor das physische Auge. Aber ich
leid' es nicht lange; die Dichtkunst macht mir bald wieder ihre
dunkle Kammer auf, worin (wie in der optischen) die zerbro-
chene halbbedeckte Sonne -sich zur ganzen hellen Scheibe riindet.
Wir gingen spat zu Stiefels Vorgesetzten und Priester Johan-
946' BRIEFE UND BEVORSTEHENDER LEBENSLAUF
nes, zum Spezial. Lauere nicht auf ellenlange Schilderungen ! Kurz
der Mann war erstarkt, weniger durch Speisen als Jahre, und sein
innerer Mensch kam mit einer angewachsenen Krone auf die
Welt, worauf er noch eine konsekrierte setzte; er war physisch
und moralisch und geistig ein wenig aufgeblasen. Aber ich und
du vergeben leicht den Stolz, besonders einem armen Schelm;
und das ist der SpeziaL Wie die Gemeinden, bloB um sich das Al-
mosen zu ersparen, gewohnlich den Armsten im Dorf zum Hirten
erlesen, ebenso erkiesen sie auch den Seelenhirten. Der Lutheraner
kann diesen Kirchen-Sparlampen kaum Ol genug entziehen, um 10
seine Unterscheidungslehre im Gegensatz der fetten Monche recht
ins Licht zu setzen, die im Tempel das Ol nicht als Docht, son-
dern als Eulen saufen; wenn nicht gar der Lutheraner den Katho-
liken durch die Befolgung eines von diesem nur aufgestellten und
nie erfullten Statuts beschamen will, daB ein Geistlicher nichts
haben soil.
Zeitmann ging mit der Zeit fort bis zu Rabeners Zeit; aber bis
zu mir ging nur Frau und Kind. Beide kamen in sein Museum.
Die herausplatzende Mutter ist ein gutmeinendes Wesen, aber
ihre Herzenstiire ist lahm und geht nicht - zu. Die Tochter 20
Marietta ist fur eine Kuhschnapplerin zu kuhn, spricht mit schar-
fem Akzent und feurig und schnell, aber edel und stark. Ich las
einen Bogen Verse von ihr, sann aber unter dem Lesen bloB auf
eine Milderung des Urteils. Sie oder uberhaupt ein weibliches
Herz lebt poetischer, als es schreibt; Weiber sind mehr dazu ge-
boren, Kunstwerke zu sein als Kiinstler. An Madchen, diesen
Menschen- Rosen, seh* ich Gedichte oft fiir Schlafapfel an, die an
ihnen wie an Rosen nur durch eingespundete fremde Eier aus-
schwellen; Rosenblatter sind immer lieblicher als Rosenapfel. Die
Madchen trinken Wasser und tunken darein, ihr Phobus zieht 30
Wasser und verbleibt im Wassermann. Allem in der Ehe ent-
weicht diese holde Liebhaberei, wie die Sonnenblume nur in der
Jugend sich nach Phobus dreht. Ach nie ist eine Schriftstellerin
nur halb so gliicklich wie ein Schnftsteller, z. B. ich I Gleichwohl
lasse sie immerhin in der Ehe die iibrigen Bande drucken; eine
hausliche Hausfrau macht sich, so weit sie kann, alles selber, den
DRITTER BRIEF 947
Kopfputz, den Anzug, das Garn und folglich auch die - Maku-
latur; und dabei erteilt sie noch dem Papiere, wie Topfer den
Schiisseln, durch poetische Blumen und Verse einen asthetischen
Wert fur Liebhaber auBer dem hauslichen. -
Aber was will ich? Marietta ist gut; und damit gut! - Inzwi-
schen gingen wir fort, und am andern Tage kamen 12 Lazari, die
den Armeneid vor mir als dem Almosenierer prastierten; - und
ich gab ihnen recht. Ich hatte vorher die Armenbuchse — die du
in jedem deutschen Wirtshause mit ihrem ermahnenden Rezepte
10 detur ad pyxidem antriffst - besehen und es bedacht, daB vielleicht
unter tausend Passagieren kein einziger einen Dreier in diese
Bettel-Stimmritze schiebe; und fand also das personliche Termi-
nieren der Interessenten verniinftig, weil sie Fiirsten gleichen, die
in gewissen Stadten ihre Steuern nur erheben, wenn sie in Person
erscheinen.
Aber was sagst du, als man mich um 10 Uhr selber zu den
Terministen schlug? — Der GroBweibel schickte den bekannten
Landschreiber Borstel zu mir und HeB mir sagen, wenn ich einige
Wochen hier zu bleiben gedachte, so muBt* ich zwei Biirgen und
20 einen Revers stellen, daB ich dem Hospital zum heiligen Judas,
das fremde Siechlinge verpflegt, nicht zur Last fallen wollte, falls
ich erkrankte. Ich schrieb daruber an den Hospitalprediger. Erst
nachmittags kam er zu mir mit der Nachricht, er und ein junger
Kaufmannssohn, der mich in Leipzig gesehen und gelesen, hatten
sich miteinander fur mich zu Pfandern eingesetzt. Der reiche
Vater des letztern, Poshardt, wollt* es anfangs nicht zugeben:
»Man weiB nicht, wer seine Hiihner und seine Ganse sind«, sagt*
er; aber die Mutter uberredete den Mann und glich, wie mehr
Weiber, den Sternen, die nicht notigen, aber lenken. (Astra in-
30 clinant, non necessitant.)
Der junge Veit (so heiBet mein zweiter Biirge) HeB mich durch
Stiefel zu seinera Klub abholen. Ich kannt' ihn in Leipzig als
einen gutmutigen geschickten Menschen, der seinem Handlungs-
haus die ganze italienische Korrespondenz besorgte; nur hat er
den Fehler, daB er ein Narr ist - in kleinen Punkten; so schmolz
er z. B. den trivialen Veitsnamen in Voit oder Vito um.
948 BRIEFE UND BEVORSTEHENDER LEBENSLAUF
Stiefel fuhrte mich in ein Haus mit einem Weinkranz, dessen
parasitische Pflanze gern der Lorbeerkranz ist; halb Kuhschnap-
pel saB darin, in Schopfknechte verwandelt, sich im Hafeh tee-
rend. Und doch wars das Poshardtsche Haus. Der Reichsort hat
namlich eine Gebiirgskette oder doch ein Dockengelander von
Weinbergen urn sich her, wird aber vom Wein, weil er elend ist,
nicht so viel ins Ausland los, als zu einem warmen Umschlag urn
den Magen gehort. Daher sondert sich der Reichsort in zwei Par-
teien, die eine besteht aus Weingasten und die andere aus dem
Weinkiifer, der jenen einschenkt. Hat dieser verzapft: so wird er 10
aus dem Kiifer ein Gast und irgendein Gast ein Kiifer. Und durch
dieses Alternieren — weil jede Gasse die absorbierende Erdart der
andern wird - setzt der Marktflecken das ganze Produkt im vor-
teilhaftesten Aktivhandel an sich selber ab, und kein Tropfe
kommt um oder bleibt da. - Du siehst, ich fuhre dich ins leib-
hafte Oberlingen zuriick.
Wir wurden in Veits Stube gebracht, worin niemand war als
eine groBe Frau mit mannlich gebogner Nase und mit freund-
lichen, aber scharfen Augen, Vitos Mutter, die den Sesseln die
Konservations-Kappen abzog und dem Gips-Personale den rot- 20
flornen Staubmantel. Sie empfing uns mit einer m Kuhschnappel
ungewohnlichen Freiheit von Verwirrung und mit Ruhe und
Herrschaft liber sich. Endlich kam der Klub und der Sohn die
Treppe herauf.
Die hereinbrechende Truppe war modisch-geschoren wie eine
Kuppel SchoBhunde, obwohl eben am Gliede, das an diesen haa-
rig bleibet, am Kopfe, der eine a la Tite, der andere a la Alcibiade,
der dritte a la Caracalla. Sie verbogen sich modisch, d. h. sie
traten steilrecht dicht an die Mutter und nickten vor ihr mit dem
Kopfe, als wenn sie etwas bejahten. BloB der bewegliche Sohn 30
kiiBte ihr die Hand. Ein Berner, der Statthalter von Habsburg1,
setzte nach seinem Knickse an die Frau den Hut wieder auf, und
1 So heifiet im auBern Stande zu Bern, der den grofien und kleinen Rat
nachspielt, der Jiingling, der den General bei ihren Kriegsiibungen macht.
Nach neuern Nachrichten aber soil der obigc-Berner etwas ganz anderes
sein, wiewohl immer aus einer guten Familie.
DRITTER BRIEF 949
als diese fortging, tatens die andern mit ihrem nach.Da die gutige
Mutter, die ihren Taufnamen Benigna verdient, der Truppe Kaf-
fetiers und Erbschenken und Ratskellner und Erzkiichenmeister
und Futtermarschalle und Schweizerbacker zuschickte - namlich
die Attribute oder Gaben dieser Leute -: so ist mir der tolle Ge-
danke zu passieren, daB ich die infulierte Assemblee fur Juden
nahm, die sich bedecken, wenn sie sich nahren. Benigna ging zu-
weilen dutchs Zimmer; dann opferte die Gesellschaft wieder mit
entbloBtem Haupt, und zwar den Alten gleich, die sich nur vor
10 zwei Gottheiten unter dem Opfern enthullten, vor dem Honor
' und dem Saturn (der Zeit, die sogar an die Haare das Skalpier-
messer setzt).
Ich fand die Scharade so langweilig wie du jetzt, bis ein neues
MitgHed der Hut-Gilde dazukam — indem es erst auf der Stelle
dazu erhoben wurde -, namlich Herr Vito selber. Es ist so : die
jungen Leute (einige von der MeBfreiheit groBer Stadte yerzogen,
andere von ihr angelockt) fanden es fur ihren Kopf zu klein und
fur den Hut zu nachteilig, diesen immer abzuziehen; sie taten
sich daher nach dem Muster eines fruhern, im Juli des Modejour-
20 nals von 1788 gezeichneten hutaufhabenden Klubs zusammen
und sagten sich zu, einander nie barhaupt zu griiBen, sondern ein
Exempel zu geben. Die Stube wurde eine Arbeitsloge und Vito
ein B ruder; der Statthalter war der Logenmeister. Es gibt fur
einen, der aus einer groBen Stadt herkommt, nkhts Schwereres,
als in einer kleinen kein Narr zu werden; der bedeckten Loge
wurd' es zu schwer. Mein eignes Buch iiber die Stadt wurde zu
einer Pillory derselben verkehrt; die junge Bande sprach jedem
den Kopf ab, der auf ihm Haare hatte oder keinen Hut.
Die Alten zitierten die Alten sonst wohlwollend mit dem Bei-
30 wort »unsere frommen Alten«; aber von uns werden sie ironisch
»die guten Alten« genannt. Doch das vergib; denn wenigstens
ist unser Jahrhundert alter als jedes andere; und mithin sind wir
als die erfahrungsreichern eigentlich die Alten, gegen tote Alte,
aber nicht gegen lebendige gehalten. Allein in unserer frechen
Literatur wirtschaften jetzt nicht Alte, sondern Junge vom Berge,
bei denen man gerade nach der Anciennete devanciert; die leben-
950 BRIEFEUNDBEVORSTEHENDERLEBENSLAUF
den Alten, denen Pythagoras in Kroton zuletzt predigte, belehret
ein Junger vom Musenberge zuerst und fangt bei ihnen mit der
peinlichen Frage und Folter an, von welcher sie der strengflussige
Jurist losgibt. Er postuliert freilich von sich mit dem Rechtge-
lehrten, daB die Bosheit das Alter ersetze; aber sei es auch, daB
sie die Verhartung des Herzens antizipiere: so hat der Mensch
doch in jedem Jahrzehend veinen Verstand, der nicht vor dem
Jahrzehend kommt. Es gibt einige mit einer ganz unleserlichen
Hand geschriebene Blatter im Buche der Natur, die nur einer
lesen kann, der sich lange mit der Hand vertraut gemacht. — 10
Nur den Hut-Orden entschuldige I In Reichs- und in kleinen
Stadten ists schwer, die Vorzuge der jetzigen Zeit nicht zu iiber-
schatzen mitten unter den Nachteilen der vorigen. Nur ein bio-
graphischer Dramatiker wie ich hat es leicht; er balgt auf der
Stelle die massiven Gestalten zu durchsichtigen poetischen aus,
und dann sieht er ihr Gutes und Schlechtes unverworren neben-
einander hangen.
Dariiber wirst du dich wundern, daB ich mich selber zu einem
Klubisten des Hut-KIubs rezipieren lieB - ich tats, mein Freund,
um einen Vorwand zu bekommen, acht Tage darauf wieder dar- 20
aus zu treten.Ich lege hier meinemerkwiirdigeRenuntiationsakte
bei, die ich gestern deshalb dem Orden zugeschickt. —
Der hofliche Veit schwur vor Freude, der neue Ordensbruder
miiBte mit ihm bei dem Gremser Pickenick sein. Aber der Ho-
spitalprediger versetzte ganz entschlossen; »er gebe, hofF er, seine
Suppe dazu und konne also so gut seinen Gast mitbringen als
jeder - und er zahle darauf, daB ich mitginge, da ich der seinige
fruher gewesen.« Ich glich es so aus, daB ich mit ihm gemein-
schaftlich die Suppe aus unsern Operationskassen bestreiten wollt;e
- ich nahm das Eingebrockte auf mich und er das NaB. 5o
Grems ist ein der Reichsstadt Kuhschnappel zugehoriges ge-
meines Stadt- oder Kammergut und hat seinen Verwalter. Der
alte Poshardt, als Mitglied des Sechsergerichts, hat die Ober-
aufsicht iiber beide gleichsam als Curator absentis. Das Gut ren-
tiert der Stadtkasse durch hiibsche Teiche, bei deren Fischerei
der groBe und kleine Rat hinausfahrt und sich die Rechnungen
DRITTER BRIEF 95 I
und eine Mahlzeit iibergeben lasset; und immer wird so viel dar-
aus gefischt, daB man mit den geloseten Fischgeldern das Rats-
essen bestreitet und noch den Karpfensatz tibrig behalt fiir das
nachste Jahr.
Nun ist eine Viertelstunde davon ein Kirschenwaldchen (wie
bei Frankfurt) belegen (ebenfalls gemeines Stadtgut), das der
Stadtrat nicht eher und nicht langer verpachtet als auf den Sieben-
schlafertag, wo die Kirschen zeitig sind, und zwar an Frau und
Kinder und andere Honoratiores. Die meisten Familien pachten
10 einen Baum, manche ein paar. Am Siebenschlafer geben nun
samtliche Kirschen-Pachter vorher ein wetteiferndes Pickenick
und machen sich dann zu FuB ins Waldchen hinaus zur General-
furagierung, und jeder halt seine Kirschenlese. Da nun das Pacht-
geld nur durch freundschaftliche Konnexionen angesetzt wird: so
magst du dir wohl denken, was mancher bei seinem Baume pro-
fitieren moge.
Benigna kam - zwischen die Kinder- und die Klubisten-Stube
geteilt - aus jener wieder und visitierte den Zustand des eidgenos-
sischen Fruchtmagazins und Weinlagers; und entschuldigte die
20 Unsichtbarkeit ihres Mannes mit dem Posttag. Aber der Sechser,
wie sie ihn nennen, macht sich nur aus einem Paar Gelehrten
nichts. Sie vernahm freundlich vonVito meinen Suppen-Beitrag
zum Pickenick; beim Himmel! sie lieset mich so sehr wie ich. Mit
einer Frau riickst du in Stunden weiter - weil sie mehr Mut hat
und gibt - als mit einer Jungfrau in Tagen. Diese ist eine frische
WalnuB, von deren Kern du erst die grime, dann die steinerne,
endlich die Spinnweben-Haut zu schalen hast; die altere aber
machst du nur auf. Sie steckte mir einen langen Lorbeer-Fechser
in mein Haar, schlug mich aber vorher damit stark auf die Schreib-
50 finger, weil ich fiir meinen schnellen Fieberwechsel zwischen
Ernst und Scherz nichts Bessers verdiene als diese Pfanderstrafe.
»Wer kann«, versetzt' ich, »mit einem so liebenden- Wunsch auf
Hieb und StoB fechten? Fiir den Mann ist das Komische bloB
das Umgekehrte der comedie larmoyante. Aber ihr Weiber wollt
nur eigentlich gar keines; mein Schlegel hingegen will nichts als
das, er kdnnte euere Bisamratze sein.« -
952 BRIEFEUNDBEVORSTEHENDER LEBENSLAUF
Um es ihr klar zu machen, sagt* ich, daB Schlegel (entweder
mein Tauf-Namensvetter oder der andere oder beide) gerade das
Sentimentalische oder das Edle in meinen Werken verwurfen und
sezernierten, wie die Bisamratze oder Zibethmaus von den genos-
senen Perlenmuscheln die Perlen als unverdaulich wieder von
sich gibt fur Perlenfischer.
Sie muBte mir ihre Handbibliothek zeigen, die vielleicht so
schwer ist als der groBte Foliant und die in ihrer Kinderstube
steht. Sie hat keine literarische Freundin als Marietta, die sie nur
verstohlen oder auf demKirchweg sieht und hort. Aber die Hoff- 10
nung auf die Nachtstunde, wo die Poesie, als der fruhere Traum,
sie auf der Himmelsleiter in einen tief gestirnten Himmel auf-
richtet, fuhrt und hebt sie bei den schweren Tritten auf dem aiis-
getretenen Steige des Tages. Ihr Sohn ist fur sie und fur Marietten
der Buchhandler und Verleiher, aber diese bekommt von ihm
noch den Verleiher dazu; er soil sie sehr lieben. Ein wenig vor- .
eilig und im Nachdenken iiber den Sechser - dem drunten seine
Schmierbucher lieber waren als ein Paar Gelehrte, die groBere
geben konnen - tat ich die Frage, ob sie glucklich sei; »gewiB -
bis auf die Sorgen, die immer die Kinder, wenn sie auch geraten, 20
machen«, versetzte sie.
Aber den andern Tag wurd* ich belehrt. Da ich so gern ein
Wind bin oder einKerbtier,wodurch derBltitenstaub derFreund-
schaft zwischen verwandten Blumenkelchen hin- und hergelangt:
so malt' ich der Spezialin Benignens Liebe fur ihre Marietta aus.
»Was hilfts aber,« versetzte sie lebhaft, »wenn der alte Poshardt
sich nicht andert?« - »Unm6glich«, sagt' ich, »kann der Mann
ein Nero? ein Freund Hein, ein Moloch sein, wenn eine Frau wie
Benigna so glucklich bei ihm ist.« - »Ich rede«, fuhr sie fort,
»nicht von ihr, sondern von meiner Tochter. Aber die Poshard- 30
tin so glucklich? O die Arme! Sie darf kaum lesen, solang' er
wacht; mich und Marietta heiBet er gelehrte Weiber, mit denen
sie nichts zu schaffen haben soil; und da Sie Biicher schreiben,
so hat er Sie lieber hinaus- als hineingehen sehen.« Jawohl, die
Arme! Halte mich aber zuriick, damit ich dir nicht ein breites
Gemalde von der geriihrten liebenden Hochachtung auspacke
DRITTER BRIEF 953
und aufspanne, womit jede Seele wie diese mein Herz bewegt,
welche duldet und das Dulden verhehlt und die, gleich den Gro-
Ben, nur in der Finsternis die Hinrichtung empfangt. — O das
Schweigen des Schmerzes wird in jeder fremden guten Brust ge-
hort!
Gestern trug mir ein Stummer einen Kauf von Blumen an, der
offenbar, wie der Kauf bei den rornischen Erbschaften und Ge-
schenken, nur eine Fiktion war; aber wie bewegte mich das! Und
noch defer wiirde sich mein Inneres regen und ich miiBte etwas
10 geben, wenn ich in Paris vor Haustiiren vorbeiginge und wenn,
wie zuweilen, hausarme Weiber darunter standen und nur die
Hand' ausstreckten, ohne ein Wort zu sagen! — Plotzlich rufet
jetzt vor mir das Kirchengelaute den Namen des heutigen Tages
aus ! Ach guter Viktor ! Ich will dir nichts uber das lange Gewolke
sagen, das der langste Tag uber dich wie uber die Lander herzieht ;
ich wollte dir nur sagen, dafi ich an den Johannistag dachte.
Die Spezialin kam jetzt zur Sache, und fast mit einer unweib-
lichen Offenhek zersprang ihre Samenkapsel voll Nachrichten.
Beide Vater, Poshardt und Zekmann, meiden einander aus ge-
20 genseitigem Stolz; jener thronet auf dem Goldklumpen und dieser
auf dem Kanzel-Olymp, und jeder wiirde weniger fodern, wenn
er nicht glaubte, der andere fodere dariiber. Aber sieh, wie dieses
Steppenfeuer des Zorns die Auen der Liebe, auf denen sich Vito
und Marietta suchen, absondert oder gar, wie Blitze die Bliiten,
versengtl
In Grems kann es nun beim Pickenick, das eigentlich als Lie-
besmahl wirken soil, manche Handel setzen, und ich verspreche
mir einen der windigsten Lebenstage. Die Familien werden noch
dazu in Naturallieferungen wetteifern, besonders der Sechser mit
30 dem Spezial. - Du sollst alles nachstens lesen. Ich verflel endlich
auf etwas Gescheutes, das ich der Spezialin warm mitteilte - weil
ihre Aufrichtigkeit kein verstecktes Erforschen, ihr Sprachrohr
kein Horrohr ist, wie etwan in Paris die Ausrufer in den Gassen
oft die Spione derselben sind -; das Gescheute ist das Frohe, daB
ich mit Stiefel vorher ein dejeuner dansant geben will, damit die
jungen Leute wenigstens etwas haben, namlich sich.
954 BRIEFE UND BEVORSTEHENDER LEBENSLAUF
Ach fur die schweigende Beriigna mocht' ich Wunderdinge
tun. Bedenke eine zarte voile helle Seele erstlich unter den Kuh-
schnapplerinnen, wovon gleich gutem Blattsalar sich keine zum
Kopfe schlieBet, und unter rauhen Mannern, die keinen Ather
suchen und kaufen als den aus Weingeist und Vitriol und fur
welche nichts edel ist als ein Hirsch und nichts ritterlkh als eine
Sau1 — Ach du arme Benigna! - Lebe wohl! Du sollst bald mehr
vernehmen. Jetzt schreib' ich an sie.
Bittschrift an die deutsche Hut-Union. 10
Ehrwtirdige Bundner!
Gerade diesen Sonnabend vor acht Tagen genoB ich das Gliick,
der hutersparenden Gesellschaft als ein unwiirdiges Glied mit den
Rechten eines Grandes und Quakers einverleibt zu werden. Ich
bin noch unsers schonen hutgenossischen Abends eingedenk,-wo
ich nichts wiinschte, als er ware vorbei und der helle Tag schon
angebrochen, an welchem ichlhnen mit demHute begegnen und
ihn vor Ihnen auf behalten konnte. Von dem Kopfe holet ohnehin
Winckelmann bei alten Figuren den vornehmsten Beweis ihres
Stiles her. Als ich im Gasthofe war und auf die Gassen heraussah, 20
durchlief mich bei dem Gedanken, in ihnen, wenn nicht eine auf-
gehangene Laterne voll Aufklarung, doch ein Laternenpfahl zu
sein und die Aufklarung auch in Kuhschnappel weiterzutragen,
eine gelinde Warme, wobei ich transpirierte. Welch eine Menge
von Kopfen aber, viel groBer als die 70000 Schadel, woraus Ti-
mur einen Turm auffiihrte, werden in der babylonischen Baute
desLeuchtturms der Aufklarung verbauet ! Denn der Hut-Verein,
welcher, Tvie Deukalion, mit bedecktem dastehet und seinen Stein,
ohne hinzusehen, mit dazu wirft, greift (sagt* ich) auf eine unver-
mutete Weise mit dem Pariser Freiheits-Miitzenverein zusam- 30
1 Im Weidmanns-Babel heifiet jener ein edles Tier und diese ein ritter-
liches.
DRITTER BRIEF ■' 955
Ich meinte ganz etwas anders als das, dafi diese feste Miitze
gleich der offizinellen Pechhaube nie abgezogen werden kann als
mit Gewalt. Ich meinte die allgemeine Haarschur daselbst. Uber-
haupt schon vor einigen Jahren wurd' ich auf das allmahliche
Zuriickkriechen unsers Zopfes aufmerksam und schloB bald, daB
der Sterzwurm1 nicht viel iibrig lassen wiirde und weniger, als
nochvonRobespierrensSchweife steht. Jetzt hat sich nun, wie ich
richtig vorausgesehen, die groBe Nation tonsuriert, sogar die
Weiber2, um die vier Jesuiten-Geliibde zu tun, des Gehorsams,
io der Armut, der Enthaltung (weil ohnehin mancher nicht so viel
Haar mehr aufhatte, als* er zu einem Ring fur eine Geliebte
brauchte) und der Mission. — Man muB mir nicht sagen, daB
dieser Haarschnitt tausend Griinde habe — daB man die letzte
konigliche Krone, die bei den alten frankischen Konigen in einem
langen Haar bestand, wegschaffen wolle - daB es ein Zeichen der
Requisition sei, weil die Alten ebenso die Menschen den unter-
irdischen Gottern gewidmet — daB es klinischen Nutzen habe, weil
Aretaus und andere Arzte Tolle beschoren - daB unter einer
knappen Freiheitsmiitze bloB ein Kahlkopj] dergleichen die Geier
20 tragen, Raum habe - man braucht, sag* ich, das einem Manne
nicht zu sagen, der hier zeigt, daB ers weiB.
Aber weiterl Driickt nun in Paris ein Friseur seine Schere zu:
so fallen den zehn deutschen Kreisen die Zopfe ab, und wir kon-
nen, hofF ich, nun eine Zeit erleben, woutis jede Woche zwei
Mann zugleich, vorn der Bartscherer, hinten der Haarkrausler,
barbieren. Verehrte Biindnerl wenn war es notiger als jetzt, den
Filzhut aufzusetzen, diesen Hasenhaar- und Postiche-Fortsatz des
weggeschornen, diese criniere de Paris? —
Das waren Sonnabends meine Gedanken im Gasthof. Am
30 Sonntage nach dem Essen war der schone Tag, wo der ganze
schwabische Bund aus- und herumging und dem ganzen Bunde
in den Wurf kam und ich mitten darin und keiner den andern
1 Die Viehkrankheit, worin ein Gelenke des Schweifes nach dem andern
abbricht.
1 Ihr deutschen Weiber, tut nur diese haOlichste Nacktheit, die den Pickel-
heringen und Baugefangnen gehort, nicht nach, ich bitt' euchi
956 BRIEFE UND BEVORSTEHENDER LEBENSLAUF
salutierte — wir stieBen iiberall aufeinander, in der Mordgasse, in
der Fischergasse, in der Elendengasse, im Hafer.gaBlein - mit der
Ebene meiner Laufbahn durchschnitt ich alle fremden Ebenen
und stand einmal auf dem Markte in Opposition und in Konjunk-
tion und im Gedritterschein - wahrlich, herrlich wars, aufgesteift
voriiberzurucken mit festem Hut wie Markt-Bauern, die mit zwei
aufgesetzten heimgehen. Was mich im Genusse storte, war, daB
ich einen griinen lackierten Reisehut aufhatte, dem das Festsitzen
wenig helfen konnte; ein auBerst feiner Biberhut ware da an
seinem Ort gewesen. 10
Montags vormittag macht' ich einige Streifzuge durch die
Hauptgassen, um vielleicht zufallig jemand aufzustoBen, den ich
nicht zu griiBen brauchte. Ich strich lange umher und zuletzt in
Sackgassen; aber ich brauchte den Hut ohne den geringsten Vor- ,
teil der Genossenschaft nicht zu riicken, weil ich auf nichts traf.
Es war uberhaupt ein vitriolsauerer Gang; denn als unweit mei-
nes Gasthofes ein Herr vor mir abzog, den ich fur einen mich
scherzend auf die Probierwaage setzenden Ordensbruder hielt:
macht' ich ein leichtes Zeichen mit der Hand und verblieb ge-
helmt; es war aber Herr Spezial Zeitmann gewesen, fur den ich 20
nun ein Grobian bin.
Dienstags war Posttag - ich trug meine Briefe voll Gedanken
auf die Post - und als ich schon zu Hause war, flel mirs ein, daB
ich an die Sache hatte denken und an den Fenstern nach den Brii-
dern herumsehen konnen.
Mktwochs fing mir die versilberte Pille allmahlich auf der
Zunge zu zerlaufen an, und ich wurde unlustig; ich begegnete
zwar einigen Briidern, arbeitete aber ohne sonderliches Vergnu-
gen in der Loge. Ich hatte den Kandis von unserer iiberzognen
bittern Mandel meist abgeleckt; und es wurde mir zuletzt pein- 30
lich, daB ich immer mit den Augen vorauslaufen und schleunig
jeden FuBganger in seinem rechten Sprengel sortieren muBte, um
ihn entweder als einen Kahlschwanz und Einsiedlerkrebs zu be-
handeln, der ohne feste Schale in einer fremden aus- und eingeht,
oder als FluBkrebs, dem sie angewachsen anliegt.
Donnerstags schienen die Furien gassatim zu gehen; denn am
DRITTER BRIEF 957
Morgen holt* ich das BegruBen von Profanen erst nach, wenn
sie schon um die Ecke waren; und nachmittags hatten ich und der
Logemeister die Fingerspitzen schon an den Hutspitzen, als wir zu
uns kamen und die Inful bloB defer hereindruckten, so daB wir
den Schinken doch mit loser Schwarte servierten. - Und als ich
in der fatalen Abendschwule mich luftend barhaupt ging : muBt*
ich mehrmalsj wenn Biindner kamen, den Hut aufsetzen, um ihn
aufzubehalten und erst hinter ihnen abzunehmen - welches ja ein
umgekehrter GruB war.
10 Freitags oder gestern sagt' ich schon im Bette: wollte Gott, es
gabe Handel und der Verein stieBe dich aus! Und als ich mich in
meine glucklichere, hutverschwendende, chapeaubas Vergangen-
heit zurucksetzte : wurd' ich ganz wild uber die Ketten; ich ver-
glich mich in meinem Kopf-Verlies und Stockhaus mit dem Rie-
sen Og, der seinen Kopf in einem aufgesetzten Berg stecken hatte,
an welchem Moses, da Og ihn nicht herausziehen konnte, mit
einer Axt hinaufsprang und ihm den Rest gab. »Lieber dieseStuhl-
kappen setz* ich auf,« schwur ich, »als daB ich langer mein eigner
Hutstock und Infultrager bin.«
zo Und als ich unter dem KafTeetrinken noch dazu der philosophi-
schen Kalte die leidenschaftliche Warme zusetzte und mir sagte:
»Leider reformieren die Menschen vom Hut nach dem Gehirne
zu anstatt umgekehrt; so viele sagen und kratzen an dem Paar
Bestandteilen, woraus sie bestehen, fruher mit der englischen
Justier- und Schattierfeile als mit der dicken Armfeile; aber von
dir erwartet man mehr« : da sprang ich genesen auf und ging auf
die Gassen und zog vor Ihnen, verehrte Unierten, ohne Bedenken
ungemein verbindlich den Hut ab.
Heute hab' ich mich an diese Bittschrift gesetzt, deren Inhalt
30 nichts ist als die Bitte um die Konzession, vor Ihnen den Hut
abzunehmen.
Sollt' ich aber einmal so gut werden, daB ich die Armfeile weg-
werfen diirfte - ich meine, in einer andern Metapher, hab' ich
einmal meine vier Gehirn- und vier Herzenskammern so gleiBend
ausgescheuert und glatt ausgehobelt wie einen Bienenstock, eh'
ihn Honig fullt - oder in einer dritten, hab' ich einmal den StoB-
958 BRIEFE UND BEVORSTEHENDER LEBENSLAUF
vogeln der Leidenschaften die Schwungfedern oder gar den Kopf
abgerissen: so werd' ich von dem ausgekrochnen Seelen-Kiich-
lein, dem noch die Eierschale des Hutes anpicht, auch gern diese
abziehen und wieder in die Hut-Genossenschaft eintreten. Bis
dahin aber bitt' ich Sie, mir ein hoflicheres Zeichen zu lassen, als
ich bisher hatte, wenn ich vorbeiging, urn Ihnen zu zeigen, mit
welcher Hochachtung ich bin
Ihr
Ex-Bruder
j. p.
N. S. Das ware aber weniger gegen meine Grundsatze, wenn
wir gegen eine andere haBIiche Salbaderei des Zeremoniells uns
zu einer Union formierten, deren Statuten (ich will das Primat
annehmen) waren, daB zwei Mitglieder, zum Trotze der Sitte,
einander stets zur Rechten gingen und vor Turschwellen jeder
vor dem andern voraus.
Vierter Brief. An Benigna
0£er die Geduld der Madchen und der Frauen
Postskripte: der doppelte Schwur der Besserung - die Neujahrsnacht
eines Ungliicklichen 2o
K., d. 24. Jun.
Es hatte wenig gefehlt, Madame, so hatt* ich heute vormittags
in der Hospitalkirche, wahrend Sie unten zu mir heraufsangen, zu
Ihnen hinuntergeschrieben; und wenn eine Verszeile auf Sie pas-
sete, sang ich sie laut mit. Wahrlich der Brief hatte zum Haupt-
lied gestanden. Ich hatte gewiB darin von den schonen Quellen
und Hohen der Seele gesprochen, die das Erdbeben des Schmer-
zes in unserer Seele auftreibt - und von der dunkeln Stille des
Grams, worin man im irdischen Heidenvorhof manche Tone aus
dem unbekannten Allerheiligsten leichter als im Lustgetummel 30
horet, wie man vor dem leisen Nachtfluge der Melodien der
Mundharmonika die Lichter wegtragt. -
VIERTER BRIEF 959
Ich hatte im kirchlichenBriefe ohneZweifel die doppelte Weise
auseinandergesetzt, wie ein Mann und wie eine Frau die Ober-
fracht des Lebens tragen - jener auf dem Kopfe, diese auf der
Brust; jener beweiset sich, daB die heranschreitenden Ruprechte
und freres terribles nur verkleidete Plaggeister sind, welche mehr
drohen als schaden, aber diese sieht sie fur wahre Todesengel an
und driickt die Augen zu und wartet gottergeben. Ein Mann kann
sich sagen - und wahrlich er soil es — : »Hattest du vor der Geburt
dir fur den Abend dieses von 6 bis 8x/2 Uhr spielenden Lebens
10 die mit Schlagen geplagte Rolle selber gegeben : du spieltest sie
gewiB vergniigt hinaus. Kannst du aber nicht in jeder Minute das
Schicksal fiir einen EntschluB ansehen - z. B. den Kerker fur ein
Zuhausebleiben - das Exil fiir eine Reise - langweilige Gesell-
schaft fur ein Wachsngurenkabinett — den Regen fur ein Tropf-
bad - schlechtes Wetter fiir ein selbsterwahltes Klima — und den
Hunger fur eine Hungerkur?« —
Damit helft ihr guten Wesen euch nie. Wie gewisse indische
Baume senket ihr unter der Hand des Geschicks euere Zweige bis
auf die Wurzel nieder und in die Erde, aber dann stent der ge-
20 bogne Zweig als ein neuer Gipfel wieder auf.
Ich hatte aber, Verehrte, wenn ich das geschrieben hatte, mehr
auf den Kirchenstand des Rates als der Geistlichkeit1 nieder-
geschauet. Die Madchen sind hierin nicht so gut wie die Weiber;
zumal wenn sie eben gut und poetisch sind. Die lichtesten Sterne,
sogar der Stern der Liebe und Merkur, werden, wenn sie durch
ihren Phobus gehen, zu schwarzen Punkten; und jeden Knoten
ihres jungen Lebens soil, wie in fehlerhaften Romanen, der Tod
zerschneiden. Hingegen in der Ehe lernen sie, daB der Wunsch
des Lebens schwerer und verdienstHcher sei als der Wunsch des
30 Todes - daB man die zweite Welt erst auf einer ersten verdienen
miisse und man nicht so gratis in jene fahren konne wie in diese,
weil man sonst diese gar nicht gebraucht hatte - und daB, wie der
Unendliche neben dem groBen Reiche der Wahrheiten und der
Herzen doch die ganze irdische kotige Welt der Wurmer schafft
und sieht, wir uns der Fortsetzung dieser Schopfung nicht scha-
1 In jenem war sie, in diesem Marietta.
960 BRIEFE UND BEVORSTEHENDER LEBENSLAUF
men konnen — und daB es mit dem gen Himmel sehenden Auge
wie mit Himmelsrohren 1st, wovon eines alles umgekehrt auf der
Erde zeigt, indes ein Paar ein gutes Erdrohr geben, das nicht
verkehrt.
Oberhaupt lernen sie in der Ehe, daB es Leute gibt, die in
Kirchen Briefe anzetteln und solche, wenn sie sich auch eines
Bessern besinnen, doch nachmittags in einem langweiligen Ex-
trakte liefern und ins Lob der Geduld eine Probe der Geduld
verfloBen.
Aber moge nur das Fest keine zweite werden, wozu ich Sie und
die Ihrigen schon einmal durch Ihren Vito einlud und jetzt selber
einlade, das tanzende Fruhstiick. Die jungen Leute miissen wahr-
haftig etwas haben : was helfen ihnen die Kirschen und die Braten ?
Meine schon abgedrucktenAufsatze, denSchwur derBesserung
und die Neujahrsnacht1, nab* ich Ihnen versprochen, ich schicke
sie aber nicht, sondern dafur dieselben Aufsatze umgeschrieben
und umgegossen, so daB sie fiir eine zweite Auflage nun fertig
angekleidet liegen. -
Moge Sie, liebes Wesen, alles erfreuen, Postskripte, Briefe und
tanzende Fruhstucke mit Feuerwerk! :
J. p.
Der doppelte Schwur der Besserung.
Heinrich war ein funfzehnjahriger Jiingling, das heiBt, voll
guter Vorsatze, die er selten hielt, und voll Fehler, die er taglich
bereuete; er hatte seinen Vater und seinen Lehrer innig lieb, aber
seine Vergniigungen oft starker; er wollte gern das Leben fiir
beide aufopfern, aber nicht seinen Willen; und seine aufbren-
nende Seele entriB denen, die er liebte, nicht mehr Tranen als ihm
selber. So irrte schmerzlich sein Leben zwischen Bereuen und
Siindigen umher; und zuletzt nahm sein langer Wechsel zwischen 30
guten Entschliissen und verderblichen Fehltritten seinen Freun-
den und sogar ihm die Hoffnung der Besserung.
1 Sie stehen im »TaschenkaIender fiir die Jugend. Baireuth bei Liibecks
Erben, i7$>6«; sie sind fur Kinder; und dazu will sie auch nur Benigna.
VIERTER BRIEF 961
Jetzt kam dem Grafen, seinem Vater, die Sorge nicht mehr aus
dem zu oft verwundeten Herzen, daB Heinrich auf der Akademie
und auf Reisen, wo die Irrwege des Lasters immer blumiger und
abschiissiger werden und wohin keine zuruckziehende Hand,
keine zuriickrufende Stimme des Vaters mehr reicht, von Schwa-
che zu Schwache sinken und endlich mit einer besudelten, ent-
nervten Seele wiederkehren werde, die ihre reinen Schonheiten
und alles verloren, sogar den Widerschein der Tugend, die Reue.
Der Graf war zartlich, sanft und fromm, aber kranklich und zu
10 weich. Die Gruft seiner Gemahlin stand gleichsam unter dem
FuBboden seines Lebens und unterhohlte jedes Beet, wo er Blu-
men suchte. - Jetzt wurd* er an seinem Geburtstag und vielleicht
durch diesen krank, so wenig ertrug die gelahmte Brust einen
Tag, wo das Herz starker an sie schlug. Da er von Ohnmacht in
Ohnmaeht sank: so ging der gequalte Sohn in das englische
Waldchen, worin das Grabmal seiner Mutter und das leere war,
das sein Vater sich in der Leichenklage hatte bauen lassen; und
hier gelobte Heinrich dem mutterlichen Geiste den Krieg mit
seinem Jahzorn und mit seinem HeiBhunger nach Freuden an.
20 Der Geburtstag des Vaters rief ihm ja zu: »Die diinne Erde, die
deinen Vater halt und ihn vom Staube deiner Mutter absondert,
wird bald einbrechen, vielleicht in wenig Tagen, und dann stirbt
er bekiimmert und ohne Hoffnung, und er kommt zu deiner Mut-
ter und kann ihr nicht sagen, daB du besser bist.« O da weint* er
heftig; aber, ungliicklicher Heinrich, was hilft deine Riihrung
und dein Weinen ohne dein Bessern ?
Nach einigen Tagen erhob sich der Vater wieder und driickte
im kranklichen ObermaBe von Riihrung und Hoffnung den reu-
igen Jiingling an die fieberhafte Brust. Heinrich berauschte sich
30 in der Freude iiber die Genesung. und iiber den KuB - er wurde
froher und wilder - er trank - er verwilderte mehr - sein Lehrer,
der die sieche Weichheit des Vaters durch kraftvolle Strenge gut
zu machen suchte, bestritt das Aufschwellen des Freuden -Tau-
mels - Heinrich wurde gliihend den Geboten ungehorsam, die er
fur keine weichen vaterlichen hielt — und da der Lehrer fest, stark
und notwendig sie wiederholte, verletzte Heinrich im Taumel
9^2 BRIEFE UND BEVORSTEHENDER LEBENSLAUF
das Herz und die Ehre des strengen Freundes zu tief — und da flog
auf das so oft getroffne kranke Herz des hoffenden Vaters der
Aufruhr gegen den Lehrer wie ein giftiger Pfeil, und der Vater
unterlag der Wunde und sank auf das Krankenbette zuriick.
Ich will euch, Hebe Kinder, weder Heinrichs Gram nochSchuld
abmalen; aber schlieBet in das strenge Urteil, das ihr iiber seine
sprechen miisset, auch jede ein, die ihr vielleicht auf euch geladen;
ach, welches Kind kann an das Sterbebette seiner Eltern treten,
ohne daB es sagen muB : »Wenn ich ihrem Leben auch keine Jahre
nahm, o ! so kost' ich ihnen doch Wochen und Tage I - Ach die 10
Schmerzen, die- ich jetzt lindern will, hab* ich vielleicht selber
gegeben oder verstarkt, und das liebe Auge, das so gern noch eine
Stunde lang ins Leben blicken wollte, drucken ja bloB meine Feh-
ler friiher zu!« — Aber der wahnsinnige SterbHche begehet seine
Siinden so kiihn, bloB weil sich ihm ihre morderischen Folgen
verhiillen ; - er kettet die in seine Brust eingesperrten reiBenden
Tiere los und lasset sie in der Nacht unter die Menschen dringen,
aber er sieht es nicht, wie viele Unschuldige das losgebundne
Untier ergreife und wiirge.
Leichtsinnig wirft der wilde Mensch die glimmenden Kohlen 20
seiner Siinden umher, und erst, wenn er im Grabe liegt, brennen
hinter ihm die Hiitten auf von seinen eingelegten Funken, und
die Rauchsaule zieht als eine Schandsaule auf sein Grab und steht
ewig darauf.
Heinrich konnte, sobald die HofTnung der Genesung ver-
schwand, die zerfallende Gestalt des guten Vaters vor Qualen
nicht mehr anschauen ; er hielt sich bloB im nachsten Zimmer auf
und kniete, wahrend Ohnmachten mit dem vaterlichen Leben
spielten, wie ein Missetater still und mit verbundnen Augen vor
der Zukunft und vor dem zerschmetternden Schrei: Er ist tot! - 3o
Endlich muBt' er vor den Kranken kommen, um Abschied zu
nehmen und die Vergebung zu empfangen; aber der Vater gab
ihm nur seine Liebe, aber nicht sein Vertrauen wieder und sagte :
»Andere dich, Sohn, aber versprich es nicht !«
Heinrich lag niedergedriickt von Scham undTrauer im Neben-
zimmer, als er wie erwachend seinen alten Lehrer, der auch der
VIERTER BRIEF 963
Lehrer seines Vaters gewesen, diesen einsegnen horte, als ziehe
schon die langste Nacht um das kalte Leben: »Schlummere suB
hinuber,« sagt* er, »du tugendhafter Mensch, du treuer Schiller!
Alle gute Vorsatze, die du mir gehalten, alle deine Siege uber
dich und alle deine schonen Taten mtissen jetzt wie hellrote
Abendwolken durch die Dammerung deines Sterbens ziehenl
Hoffe noch in deiner letzten Stunde auf deinen ungliicklichen
Heinrich und lachle, wenn du mich horest und wenn in deinem
brechenden Herzen noch eine Entziickung ist.«
10 Der Kranke konnte sich unter dem schweren uber ihn ge-
walzten Eise der Ohnmacht nicht ermannen, die gebrochnen Sin-
nen hielten die Stimme des Lehrers fur die Stimme des Sohnes,
und er stammelte: »Heinrich, ich sehe dich nicht, aber ich hore
dich; lege deine Hand auf mich und schwore es, daB du besser
wirst.« Er stiirzte herein zum Schwur; aber der Lehrer winkte
ihm und legte die Hand auf das erkaltende Herz und sagte leise :
»Ich schwore in Ihrem Namen.«
Aber plotzlich fuhlt* er das Herz gestorben und ausruhend von
der langen Bewegung des Lebens. »Flieh, Unglucklicher,« sagt*
20 er, »er ist ohne HofTnung gestorben.«
Heinrich floh aus dem SchloB. O wie hatt* er eine Trauer
schauen oder teilen durfen, die er selber uber die vaterlichen
Freunde gebracht? Er lieB seinem Lehrer bloB das Versprechen
und die Zeit der Wiederkehr zuriick. Schwankend und laut wei-
nend kam er ins englische Waldchen und sah die weiBen Grab-
maler wie bleiche Skelette die griine Umlaubung durchschneiden.
Aber er hatte nicht den Mut, die leere kunftige Schlummerstatte
des Vaters zu beriihren; er lehnte sich bloB an die zweite Pyra-
mide, die ein Herz bedeckte, das nicht durch seine Schuld ge-
30 storben war, das miitterliche, das schon lange stille stand im
Staube der zerfallenden Brust. Er durfte nicht weinen und nicht
geloben; schweigend, gebiickt und schwer trug er den Schmerz
weiter. Oberall begegneten ihm Erinnerungen des Verlustes und
der Schuld - jedes Kind war eine, das dem Vater mit der hoch
einhergetragnen Ahrenlese entgegenlief- jedes Gelaute kam aus
einer Totenglocke - jede Grube war ein Grab - jeder Zeiger
964 BRIEFE UND BEVORSTEHENDER LEBENSLAUF
wies, wie auf jener koniglichen Uhr1, nur auf die letzte vaterliche
Stunde.
Heinrich kam an. Aber nach fiinf dunkeln Tagen voll Reue
und Pein sehnt* er sich zum Freunde des Vaters zurtick und
schmachtete, ihn durch die Erstlinge seiner Veranderung zu tro-
sten. Der Mensch feiert seinen Geliebten ein schoneres Totenfest,
wenn er fremde Tranen trocknet, als wenn er seine vergieBet;
und der schonste Blumen- und Zypressenkranz, den wir an teuere
Grabmaler hangen konnen, ist ein Fruchtgewinde aus guten Taten.
Er wollte erst nachts mit seiner Schamrote in die Trauerwoh- 10
nung treten. Als er durch das Waldchen ging, stand die weiBe
Pyramide des vaterlichen Grabes schauerhaft zwischen dem le-
bendigen Gezweig, wie im Blau des reinen Himmels die graue
Dampfwolke eines zusammengebrannten Dorfes schwimmt. Er
lehnte das sinkende Haupt an die harte kalte Saule und konnte
nur dumpf und sprachlos weinen, und im dunkeln, mit Martern
angefullten Herzen war kein Gedanke sichtbar. Hier stand er ver-
lassen; keine sanfte Stimme sagte: weine nicbt mehr! - Kein
Vaterherz zerschmolz und sagte: du bist genug gestraft. Das
Rauschen der Gipfel schien ein Ziirnen und die Dunkelheit ein 20
Abgrund. Dieses so Unwiederbringliche im Verlust lagerte sich
wie ein Meer weit um ihn, das niemals ruckt und niemals fallt.
Endlich erblickte er nach dem Fall einer Trane einen sanften
Stern am Himmel, der milde wie das Auge eines himmlischen
Geistes zwischen die Gipfel hereinblickte; da kam ein weicherer
Schmerz in die Brust, er dachte an den Schwur der Besserung,
den der Tod zerrissen hatte, und nun sank er langsam auf die
Knie und blickte zum Stern hinauf und sagte: »0 Vater, Vater!«
(Und die Wehmut erdriickte lange die Stimme.) »Hier liegt dein
armes Kind an deinem Grabe und schworet dir - Ja, reiner from- 30
mer Geist, ich werde anders werden; nimm mich wieder an! —
Ach konntest du ein Zeichen geben, daB du mich gehoret hast!«
1 Im chateau royal zu Versailles war sonst eine Uhr, die so lange, als der
Konig lebte, stand und auf die Todesstunde des vorigen zeigte und nur
ging, wenn wieder einer starb. (S. Sanders Reis. 1. B.) Ein schoneres
memento mori als irgendeines! -
VIERTER BRIEF 965
Es rauschte urn ihn; - eine langsame Gestalt schlug die Zweige
zuriick - und sagte : »Ich habe dich gehort, und ich hoffe wieder !«
Es war sein Vater.
Das Mittelding zwischen Tod und Schlaf, die Schwester des
Todes, die Ohnmacht, hatte wie ein gesunder defer Schlummer
ihm das Leben wieder beschert; und er war dem Tode wieder
entgangen. Guter Vater! und hatte der Tod dich in den Glanz
der zweiten Welt getragen, dein Herz hatte nicht froher zittern
und siiBeruberstromen konnenals indieser Auferstehungsminute,
10 wo dein vom scharfsten Schmerze umgeanderter Sohn mit dem
bessern an deines sank und dir die schonste Hoffnung eines Vaters
wiederbrachte. -
Aber, indem der Vorhang dieser kurzen Szene fallet, so frag*
ich euch, geliebte junge Leser: habt ihr Eltern, denen ihr die
schonste Hoffnung noch nicht gegeben habt? O dann erinnere
ich euch wie ein Gewissen daran, daG einmal ein Tag kommen
wird, wo ihr keinen Trost habt und wo ihr ausruft: »Ach sie
haben mich am meisten geliebt, aber ich UeB sie ohne Hoffnung
sterben, und ich war ihr letzter Schmerz!« -
20 Die Neujahrsnacht eines Unglucklichen.
»Ein alter Mann stand in der Neujahrsmitternacht am Fenster
und schauete mit dem Blick einer langen Verzweif lung auf zum
unbeweglichen, ewig bluhenden Himmel und herab auf die stille
reine weiGe Erde, worauf jetzt niemand so freuden- und schlaflos
war als er. Denn sein Grab stand nahe an ihm, es war bloG vom
Schnee des Alters, nicht vom Griin der Jugend verdeckt, und er
brachte nichts mit aus dem ganzen reichen Leben, nichts mit als
Irrtiimer, Siinden und Krankheit, einen verheerten Korper, eine
verodete Seele, die Brust voll Gift und ein Alter voll Reue. Seine
30 schonen Jugendtage wandten sich heute als Gespenster um und
zogen ihn wieder vor den hellen Morgen hin, wo ihn sein Vater
zuerst auf den Scheideweg des Lebens gestellt, der rechts auf der
Sonnenbahn der Tugend in ein weites ruhiges Land voll Licht
und Ernten und voll Engel bringt, und welcher links in die Maul-
966 BRIEFE UND BEVORSTEHENDER LEBENSLAUF
wurfsgange des Lasters hinabzieht, in eine schwarze Hohle voll
heruntertropfenden Gift, voll zielender Schlangen und finsterer
schwiiler Dampfe.
Ach die Schlangen hingen urn seine Brust und die Gifttropfen
auf seiner Zunge, und er wuBte nun, wo er war.
Sinnlos und mit unaussprechlichem Grame rief er zum Himmel
hinauf: gib mir die Jugend wieder! O Vater, stelle mich auf den
Scheideweg wieder, damit ich anders wahle!
Aber sein Vater und seine Jugend waren langst dahin. Er sah
Irrlichter auf Siimpfen tanzen und auf dem Gottesacker erloschen, 10
und er sagte : es sind nieirie torichten Tage. — Er sah einen Stern
aus dem Himmel fliehen und im Falle schimmern und auf der
Erde zerrinnen: Das bin ich, sagte sein blutendes Herz, und die
Schlangenzahne der Reue gruben darin in den Wunden weiter.
Die lodernde Phantasie zeigte ihm schleichende Nachtwandler
auf den Dachern, und die Windmuhle hob ihre Arme drohend
zum Zerschlagen auf, und eine im leeren Totenhause zuriick-
gebliebne Larve nahm allmahlich seine Ziige an.
Mitten in den Krampf floB plotzlich die Musik fiir das Neujahr
vom Turm hernieder wie ferner Kirchengesang. Er wurde sanfter 20
bewegt - er schauete urn den Horizont herum und iiber die weite
Erde, und er dachte an seine Jugendfreunde, die nun, gliicklicher
und besser als er, Lehrer der Erde, Vater gliicklicher Kinder und
gesegnete Menschen waren, und er sagte : o ich konnte auch wie
ihr diese erste Nacht mit trocknen Augen verschlummern, wenn
ich gewollt hatte - ach ich konnte gliicklich sein, ihr teuern El-
tern, wenn ich euere Neujahrs-Wiinsche und Lehren erfiillet
hatte.
Im fieberhaften Erinnern an seine Jiinglingszeit kam es ihm
vor, als richte sich die Larve mit seinen Ziigen im Totenhause 50
auf- endlich wurde sie durch den Aberglauben, der in der Neu-
jahrsnacht Geister und Zukunft erblickt, zu einem lebendigen
Jungling, der in der Stellung des schonen Junglings vom Kapitol
sich einen Dorn auszieht, und seine vorige bluhende Gestalt wurd*
ihm bitter vorgegaukelt.
Er konnt' es nicht mehr sehen - er verhullte das Auge -
FUNFTER BRIEF 967
tausend heiBe Tranen stromten versiegend in den Schnee — er
seufzete nur noch leise, trostlos und sinnlos: komme nur wieder,
Jugend, komme wieder !«
- Und sie kam wieder; denn er hatte nur in der Neujahrsnacht
so furchterlich getraumt; - er war noch ein Jiingling. Nur seine
Verirrungen waren kein Traum gewesen; aber er dankte Gott,
daB er, noch jung, in den schmutzigen Gangen des Lasters um-
kehren und sich auf die Sonnenbahn zuriick begeben konnte, die
ins reine Land der Ernten leitet.
Kehre mit ihm, junger Leser, urn, wenn du auf seinem Irrweg
stehst! Dieser schreckende Traum wird kiinftig dein Richter
werden; aber wenn du einst jammervoll rufen wiirdest: komme
wieder, schone Jugend - so wiirde sie nicht wiederkommen.
Funfter Brief. An den Korrespondent Fisch1
Ober das Zeitungslesen
Postskripte: 1. Die wandelnde Aurora. 2. Ober das Traumen
K.,d.25.Jun.
Ew. Wohlgeborn sende hier samtHche Zeitungen von 97 un-
beriihrt zuriick, weil wir uns miBverstanden und ich nur die von
20 97 vorigen Sakuls haben wollen.
Es kann Sie, lieber Herr Fisch, als bloBen Kollekteur der Zei-
tungen und Zeitungsleser ein Ausfall auf diese unmoglich ver-
drieBen. Letztern tu' ich so oft und so stark, daB ich sogar an
offentlichen Orten die Zeitungen nur hohere Stadtneuigkeiten
und Rittergeschichten fur Manner heiBe. Die meisten Leser inter-
essiert, als Stadt-Weltklatschen, nicht die Begebenheit - noch
ihr EinfluB - noch ihre Notwendigkeit - kaum ihre Wahrheit -
LEr ist Lesevater des Kuhschnappler Journalistikums (ein tolles drei-
ziingiges Wort aus drei Sprachen), ferner Korrespondent liberal lhin und
3o gehort durch die matte glatte Alltaglichkeit seines Gesichts, seiner Gedan-
ken, Worte und Werke unter die wenigen Menschen, die mich, wie Eber-
wurz und Knoblauch unter dem Schweife eines Pferdes das nachgehende^
entsetzlich schwachen und lahmen.
968 BRIEFE UND BEVORSTEHENDER LEBENSLAUF
sondern die Inschrift: daB sie in diesem Jahre gedruckt ist: alte
Zeitungen und Obligationen verlieren gegen neue; und wie bei
Erbschaften stehen die Aszendenten den Deszendenten nach. Ists
die Miihe wert, so viel tausend kahle Ideen, fiir welche man ein
Jahr spater kein altes Zeitungsblatt gabe - man lese zur Probe
nur ein altes - und die man nach dem Lesen wieder aus dem
Gedachtnis entlasset, in den Pfandstall desselben einzuziehen? -
Vaterlandsliebe konnen Sie, Herr Fisch, nicht viel daraus extra-
hieren (weil wir, ungleich den Briten, in unsern Zeitungen das
Departement der auswartigen Angelegenheiten zuerst besetzen), 10
aber wohl Neutralitat gegen das Vaterland, weil unsere Zeitungen
keine britische Rechts- und Unrechtsgeschichte, sondern nur fak-
tische Geschichte zu geben haben. Schrieben denn nicht die in-
quisitorischen Venezianer die erste Zeitung; und kommt im skla-
vischen Pekin nicht taglich eine von 70 Seiten heraus? Herr Fisch,
solche Zeitungsbande statt der Blatter sollten uns zugedacht sein.
Viel erzahlen, sagt La Bruyere, ist das Zeichen eines schwachen
Kopfes; ich wollte noch den zweiten schwachen dazusetzen, der
gern viel erzahlen hort; aber am Ende sind beide einer, weil jeder
lange Erzahler vorher ein langer Zuhorer sein muBte. Fiir die 20
Lahmung der rechten und linken Seite des innern Menschen sind
Neuigkeiten, zumal recht schlechte, eine herrliche Urtikation
(NesselngeiBelung) - wie Sie an alien muBigen, schlaffen, leeren
Menschen sehen — wie Hinrichtungen fur das Volk und Mord-
geschichten fiir die jiingsten Leserinnen; aber noch sanfter als das
Kriegsschauspiel tut wie bei andern Schauspielen die Kritik iiber
die Schauspieler.
Herr Fisch, die Menschen sollten, wie der flamen dialis, keine
schufifertige Armee zu sehen bekommen; bloB damit sie nie eine
rezensierten. Allerdings hat Zimmermann gesagt, das Genie eines 30
Generals habe die groBte Verwandtschaft mit dem Genie eines
Arztes - wenigstens macht jenes dieses notig -; und ich und Sie
geben auch den SchluB daraus gern zu, daB, da jeder, nach Taub-
mann und nach dem Sprichwort, den Arzt nachspielt, jeder eben
darum zum General geboren sei. Beim Himmel, wenn jeder Pudel
das Gewehr prasentieren kann, so muB jeder geistige Bettler so
FUNFTER BRIEF 969
gut unter die Generalitat zu stecken sein, als sonst ein korperlicher
von Joseph II. unter die Regimenter. Aber eins mochte Erwagung
verdienen, namlich Turennens Wort, da6 der beste Held nicht
mehrere Mann gut kommandieren konne als 35000 - welches
nichts ist gegen die Anzahl von Regimentern nicht sowohl als
von Armeen und von Generalen, die jeder Zeitungsleser taglich
alsUniversal-Generalissimus mitdemKommandostab der Queues
und Tabakspfeifen anfuhrtl
Meinetwegen lese jeder alles; nur werP er nicht mitten in der
10 Teestunde der gedruckten Zeitungen den Weibern die schwarze
Stunde der gehorten vorl
Freilich halten Ihr Journalistikum, Herr Fisch, Seelen mit,
welche, wie Lessing in jeder Stadtneuigkeit den Stoff eines Dra-
mas, so in jeder Weltneuigkeit den Stoff eines hohern finden und
welche die Welthistorie nicht ewig in der Vergangenheit, sondern
auch in der Gegenwart suchen. Der Gedanke ist schon und -
schwierig. Aus zwanzigtausend Weififischen wird ein ganzes
Pfund Perlenessenz (zu falschen Perlen) gewonnen; aber wahr-
haftig aus ebenso vielen Zeitungsschreibern ist schwer der prag-
20 matische Auszug eines welthistorischen Tomus iiber die Blase zu
Ziehen. Eigentlich sollte man die neueste Geschichte so kurz stu-
dieren, als man die alte wider Willen muB, um nicht das Ganze in
unformlichen Verhaltnissen und aus ungleichen Entfernungen zu
beurteilen. Ohne die Luft- und Linienperspektive der Zeit turmt
sich alles ungeheuer auf oder schrumpft ebenso ein. Der Uranus
der Gegenwart spielet anfangs, wie der himmlische, eine Sonnen-
Rolle - sinkt dann zu einem Schwan^stern herab - und endlich
bleibt er als eine Schwester-.£V<& bei uns. Der gallische hat schon
jetzt das Kometenschwert, statt der Phobusleier, ergriffen.
30 So schreitet der Genius des Universums gewaltig wie ein Or-
kan iiber uns hin; wir horen ihn nur rauschen und sehen ihn nur
niederreifien, aber wir sehen es nicht, wie er reinigt und schafft,-
und merken es bloB nach seiner Entfernung - wie Leibniz gibt
das Schicksal die Rechnung des Unendlichen heraus, aber es ver-
birgt wie er die Beweise davon. - Und wahrhaftig wir Lebende
werden hinter Sehrohren auf Stativen, die immer itttern miissen
970 BRIEFE UND BEVORSTEHENDER LEBENSLAUF
(es sei durch Furcht oder Freude), wenig im entlegensten Him-
mel entdecken. -
Aber mit der Zeitung von 1697 mein* ich es ernstlich, mein
Freund! Das Modejournal von Portici studierte, so wie es heft-
weise erschien, gewiB nur der Narr und nieht der Weise; aber
spater, z. B. jetzt, studiert es umgekehrt nur dieser; und dieselben
Kleinigkeiten des Gazetten-Details, die ohne die Perspektive der
Zeit unformlich und unkenntlich bleiben, werden durch diese zu
einer Dekoration des Welttheaters und malen etwas. —
Sonst bekam man die Zeitung vonHalbjahr zuHalbjahr; wahr- 10
lich das war doch immer etwas fur den Weisen !
In dieser sakularischen HofFnung und Bitte verharr* ich,
Deroselben
jp-
N. S. Nachkommende Annexa, die Aurora und den Traktat,
ersuche Ew. WohlgeborninbeliebteMonatschriftenzu inserieren,
letztern in eine philosophische Zeitschrift, zumal da man jetzt die
empirische Psychologie iiber die ontologische ganz vergisset. Die
Welt liebt jetzt Zeitschriften - aus Zeitmangel, weil wir alle, Men-
schen und Bucher, wie eine fliehende Armee im Laufen sind und 20
wie eine romische nur marschierend essen -, und ich arbeite
selber an mehrerern mit, wie ich hore; denn zum Selbstlesen
bringt mans selten in diesem eiligen Sakul. -
Ew. Wohlgeborn sind schonvomHerrnHospitalpredigerStie-
fel zum dejeuner dansant mit Feuerwerk, das wir am Sieben-
schlafer geben, eingeladen; und ich fuge meine Bitte dazu, um so
mehr da wir Hoffnung haben, daB das meiste, was von Stand in
Kuhschnappel ist, unser Fmhstiick schmiicken werde.
Die wandelnde Aurora.
Als der Mensch die leuchtende Morgenrote zum erstenmal am 30
Himmel sah: nahm er sie fur die Sonne und rief ihr zu: »Sei ge-
griiBet, mit Rosen uberschutteter Phobus, auf deinem weit lo-
dernden Wagen!« - Aber bald trat der Sonnengott aus dem Ro-
FUNFTER BRIEF 97I
sengebusch, und vor dem langen Blitze des Tages blatterten sich
die Friihrosen Aurorens ab.
Siehe abends, da Apollos Wagen in den Ozean und unter die
Wellen fuhr und nichts am Himmel stand als wieder Aurorens
Wagen voll Rosen : da kehrte der Mensch den Irrtum des Mor-
gens um und sagte: »Ich kenne dich, schoner Fruhling am Him-
mel, du fuhrest nur die Sonne herauf, aber du bist sie nicht !« -
Und er hoffte auf die Sonne und hielt den Abendstern fur den
Morgenstern und den Abendwind fur Morgenluft.
10 Aber er hoffte umsonst - der Stern der Liebe stieg nicht hoher,
sondern sank von Wolke zu Wolke - der Rosen -Wagen ragte nur
mit einigen falben Knospen aus dem Ozean und fuhr hinter der
Erde tief watend und einsinkend zur kalten Mitternacht — Todes-
frost wehte von ihr herauf - »Jetzt kenn* ich dich, Leichen-
rauberin1^ sagte der Mensch, »du treibst den Phobus, den scho-
nen Jungling, vor dir her durchs Meer und in den Orkus!« Und
miide und zagend schloB er das dunkle Auge zu.
Erwache, doppelter Traumer, und schaue am bliihenden Mor-
genhimmel Aurora wieder durch ihre weiten Rosenfelder ziehen,
20 und der ewige Jungling, Apollo, schreitet mit der Hand voll
Morgenblitze hinter ihr herauf. -
Und erwache du auch, tieferer Traumer, der du die Aurora der
Menschengeschichte in Westen erblickst und das Abendrot an-
fangs fiir Morgenrot ansiehst und den Aufgang der Sonne er-
wartest - und dann verzagst, weil sie verhullt um Norden zieht!
- Erwache, denn sie kommt wieder an ihrem Morgen, und jedes-
mal zu einem langern Tag.
t)ber das Traumeny
bei Gelegenheit eines Aufsatzes dariiber von Doktor Viktor
30 Herr Doktor Viktor hat recht: die vingt-quatre der Philoso-
phic geben uns Tone statt der Bilder. Hatte man dieser Fakultat,
bevor sie selber getraumet hatte, ein kleines Gutachten abgefo-
1 Die Alten schrieben den Tod der Jiinglinge Aurorens Entfuhren zu.
97^ BRIEFE UND BEVORSTEHENDER LEBENSLAUF
dert, ob sie wohl verniinftige Wesen auf irgendeinem Planeten,
z. B. dem Monde^ fur denklich hielte, die Vernunft, Sinne, Ge-
dachtnis und Freiheit taglich, fast wenn sie wollten, verloren und
die man doch mit einem Laut und Ruck sogleich verniinftig,
moralisch-frei, sehend und eingedenk aufstellen konnte: so wiir-
den skh alle philosophische Adjunkten erklaret haben, auf solche
Fragen gehore keine verniinftige Antwort; oder sie hatten spot-
tisch versetzt, im Mond im palus somni und in der peninsula de-
liriorum1 geb* es dergleichen — Beim Himmel! dieses spaBhafte
Responsum ware ja ein ernsthaftes! - Aber was gehen uns Archi- ro
medesse an, welche sich in ihren logischen Zirkeln im Sande nicht
storen lassen und die, gleich den Babyloniern nach Strabo, nur
aus Armut an Bauquadern die Kunst, systematisch zu wolbeny trei-
ben. Sonderbar ists, daB Herr Doktor Viktor sich mehr iiber das
Wunder betriibt, wodurch die Vernunft fortgeht, als iiber das
andere erfreuet, wodurch sie wiederkommt (ein wahres mira-
culum restitutionis). Obrigens weifi mein gelehrter Freund zu
wohl, daB, wenn einmal der Korper der Satellit unsrer innern
Welt sein sollte, beide einander jede Minute anziehen, erleuchten
und verdunkeln miissen; und iiber ein neues Zeichen dieser Kon- 20
junktion konnen wir nicht mehr erstaunen als iiber das alte erste,
daB z. B. das Niederziehen zweier Haute uns das ganze gefarbte
Universum verhangt. Aber zur Sache!
Addison nennt die Traume selber traumerisch-schon den Mond-
schein des Gehirns; diesen wirft nun, wie ich beweisen werde,
eben unser Satellit und Mond aus Fleisch. Die psychologischen
Erklarungen sind kaum halbe. Warum kann denn die mit der
Sperre der Sinne eintretende Vergessenheit der ortlichen undzeit-
lichen Verhaltnisse uns im Traume die Vernunft und das BewuBt-
sein rauben, welche beide uns dieselbe Vergessenheit im tiefen 30
Denken und Dichten lasset? Der Traum bringt uns noch dazu
andere Zeiten und Orter, obwohl irrige, und also immer die Be-
dingungen des personlichen BewuBtseins mit.
Auch die Suspension der Empfindungen ist keine psycholo-
gische Ursache des raubenden Traums. Man binde mir Augen,
1 Namen, die Hevel gewissen Mondsflecken gab.
FUNFTER BRIEF 973
Ohren, Mund und Nase zu und lasse mir nicht viel mehr Emp-
findung, als die FuBsohlen heraufschicken, worauf ich stehe: buB*
ich darum Gedachtnis und BewuBtsein ein? Wird nicht vielmehr
der Lichtmagnet des BewuBtseins in diesem Dunkel desto heller
funkeln? - Auch das Babel und die lebendige Polterkammer des
Traums losen wenig auf, da ich, gesetzt ich wurde von der gan-
zen Erde wie von einem durcheinanderfliegenden Schutthaufen
eingebauet, zwar schaudern, aber doch nicht selbstvergessen trau-
men konnte. —
io Wir wollen miteinander den Traum vom Ei anfangen oder
ausbruten und ihn beschlafen. Meine und Viktors Behauptung
im Hesperus (4. T. p. 21), daB der Schlaf das Kordial und die
Friihlings-Wasserung der Seelenorgane, nicht der Korperorgane
sei, bewahrt sich durch die Willkiir des Einschlafens. Nichts ist
wunderbarer als zu sagen - und es noch dazu zu tun — : jetzt will
ich einschlafen, d. h. jetzt will ich durch ein kleines Dekret einen
Teil meiner Seelenkrafte wie ein Parlament dissolvieren. Also
wodurch eigentlich? - Durch ein absichtliches Aussetzen und
Innehalten der geistigen und mithin der korperlich-korrespon-
20 dierenden Anstrengung. Aber dann kommen die Bilder - d. h.
die Kompositionen der fortoszillierenden Organe - ungerufen
vor den Geist, der, als Widerspiel des Tags, jetzt nur anschauet,
und nicht erschafTt und hier mit seiner Tatigkeit der korperlichen
nur nach-^ wie am Tage vorzugehen scheint. Das vom schnellern
Pulse der Nacht und von den Friktionen des treibenden Tages
erhitzte Gehirn halt elektrische Bilder vor das Ich, so wie in
Fiebern, in der Hypochondrie, im Rausch.
Haller bemerkt schon, daB wir vor und unter dem Einschlafen
statt der Zeichen Bilder (richtiger : hellere selbstbewegliche Bilder
30 statt der bleichern gehorsamern) beschauen. Darum, wer feme
Geliebte heller sehen will, der schaue sie auf dem Kopf kissen an,
diesem Bildersaal, dieser Gemalde- Ausstellung aller geliebten Ge-
stalten; da hangen ihre Kniestiicke frisch gemalt und noch naB
vor ihm. Eben deshalb, besonders da schone Formen seltner
durch unser Inneres ziehen und fliegen als verzogne, konnte der
Maler die heiBe ikonologische Stunde vor dem Einschlafen -oder
974 BRIEFE UND BEVORSTEHENDER LEBENSLAUF
noch Lesser, die Stunden auf einer preuBischen Extrapost, die den
Schlaf am besten vertreibt - zur fruchtbarsten Schaferstunde idea-
lischer Erzeugungen machen und in diesen Abendwolken der
Seele so viel Studien finden, als lhm Meyer in den Wolken des
Himmels verspricht; wahrlich in meinem Schlafgemach wollt'
ich RafTaels seines machen.
Ich wende mich von dieser sonderbaren Mischung1 unwillkur-
licher Lebhaftigkeit mit zufallenden Augenlidern auf einige Mi-
nuten zu den Nebenhiilfen dieses taglichen Selbstmords. Dazu
gehort die waagrechte Lage; und"zwar die naturliche (obwohl fur 10
uns nicht mehr offizinelle) auf dem Riicken, wie der Seepapagei
und die Bauern wahlen; eine Lage, die auf eine mehr als mechani-
sche Weise uns dem magnetischen Schlummer nahert, so wie sie
(nach Zimmermann) Ohnmachten endigt. Ich und andere sollten
unsere Betten wie Magnetnadeln nach Norden mit 210 westlicher
Deklination und 770 Inklination stellen, da vielleicht etwas dabei
herauskame. Im Sommer werd* ich bei allem Feuer, das er in mir
aufblaset, doch durch Niederlegen auf die bluhende Erde schlaf-
rig, wiewohl Doktor Viktor dieses dem reichern Lager der schwe-
ren Lebensluft beimaB. — 20
Die zweite Nebenhiilfe ist die Fixsternbedeckung des Auges,
dessen Reich in unserer innern Welt eigentlich den groBten Welt-
teil bildet; daher in unsern Traumen der Guckkasten groBer ist
als der Konzertsaal oder gar die noch kleinere Garkuche. Blinde
werden, wie ich vermute, zu dem Schlafe mehr durch verworrene
Klange als durch verworrene Bilder gehen. Der Hase, der mit
offnen Augen schlaft, hat vielleicht schwache, zumal da er gute
Ohren hat. Aber schonend, zartliche Allmutter, ziehest du das
Augenlid iiber das vom Schlaf gebrochne Auge, damit dieses uns
nicht mit dem toten Scheine der anblickenden Seele martere, der 30
uns in Wachsgestalten und die Tiirken* in Statuen mit der Luge
1 Hang zum Schlafen und zur Lebhaftigkeit vertragt sich sonderbar in
einer Minute. Der von Opium oder Wein oder Fieber entbrannte Mensch
ist zugleich dem Schlafe und dem geistigen Funkeln naher als der Phleg-
matiker
2 Die Tiirken Ieiden keine Statuen •(nach Thevenot), weil der Mensch
ihnen keine Seele geben konne; und verstiimmeln sie.
FUNFTER BRIEF 975
des Lebens angstigt, wie mich und den Thomas von Aquino so-
gar Sprachmaschinen und AfTen.
Ich komme zu dem Ideen-Charivari zuriick, womit der Tag in
uns ausklingt. Der Weg vom Wachen in den Schlaf geht durch
den Traum; aber man ist sich dieser Vortraume nur bei Storungen
des Einschlafens bewuBt.
So liegt also der Schlaf zwischen zwei Traumen, wie das biirger-
liche Leben zwischen den dichterischen kindlichen Traumen der
Jugend und des Alters. Der Inauguraltraum ist wild, kurz und wird
10 immer dunkler; die vbm rastenden Geiste nicht mehr gestoBenen
Pendiile der Denkorgane machen immer kleinere Schwingungen,
bis er endlich selber die schweren Pendiile nicht mehr regen kann.
Aber gegen Morgen treibt das brachgelegene und vom Ner-
ventau erfrischte Gehirn die Fruhlingsblumen heraus, die Mor-
gentraume, die sich mit dem auBern Morgen erhellen und die
vielleicht darum den Griechen prophetisch waren. Daher macht
das noch energische und elastische Gehirn den Mittagsschlummer
mehr zu einem Mittagstraum oder Homers-Schlaf.
Ich komme nun zu den kleinenKelchberaubungen desTraums,
20 die mein gelehrter Freund, Doktor Viktor, uns banger und ge-
nauer vorzahlt als die Gaben desselben. Erstlich die Traume sind
voll Vergessenheit, ohne Gedachtnis fur das Wachen wie dieses
ohne eines fur sie. Vielleicht wurde darum die Lethe zur Schwe-
ster des Schlafs gemacht. Gern stimm' ich hier in Viktors schone
Klage ein : » Wenn wir im affenden Widerschein des Lebens, im
Traume, endlich wieder langst zerfallene Hande fassen und wenn
uns wieder ein warmes helles Auge aus der Aschenhohle anblickt :
warumverbirgt uns da die feindseligeVergeBlichkeit desTraums,
daB es gestorbene Geliebte sind? - Warum wird der durstigen
30 Brust, wenn sie endlich dem lang ersehnten Herzen begegnet,
durch eine vorgelogene kalte Vergangenheit die Entziickung des
Wiedersehens und die Stunde der hochsten Liebe genommen? -
Ach wie wiirden wir an Herzen ruhen, die sich iiber den Sternen
geheiligt haben und die uns schon friiher gehorten! Ho her Ema-
nuel, ich zerflpsse vor deiner Gestalt, wenn sie vom Himmel
kame in meinen Traum herab !« -
976 BRIEFE UND BEVORSTEHENDER LEBENSLAUF
Eben darum, da die Riihrungen der Traume so tief ins Mark
des Herzens greifen, ist es gut, daB sie uns nicht den einzigen
Trost an Grabern rauben, das stille Erblassen holder Bilder, und
daB der Traum uns lieber oft mit der Vergangenheit der vorigen
Siinden gegen die Liebe beschamt, um unsere Gegenwart warmer
zu machen.
Woher kommt aber sein schwaches Gedachtnis? - Daher: der
Schlaf ist nurein schwacherer Nervenschlag, also eine periodische
Lahmung und Asthenie des Gehirns; alle asthenische Zustande
aber vertilgen das Gedachtnis, z. B. die athenische Pest, Alter, 10
Hysterie, SchlagfluB, Ohnmacht, Blutverlust, Unenthaltsamkeit
etc. - Indes ist die VergeBlichkeit wie im Alter nur partial und
betrifft mehr neue als alte Objekte; und die starksten Proben des
Erinnerns und Vergessens wechseln ab. Eben dasselbe ist in asthe-
nischen Krankheiten. Doktor Viktor fuhret aus Nikolais Patho-
logie1 — und dieser aus Hambergers Physiologie - einen apo-
plektischen Musikus an, der seine Muttersprache und das Abe ver-
gaB, aber Vokalmusik und Noten behielt. Beattie erzahlt, daB der
SchlagfluB einem Priester nur die Erinnerung der vier nachsten
Jahre, nicht der andern nahm usf. Woher aber wieder dieses 20
konime, das zu erklaren gehort erstlich nieht hierher, und zwei-
tens weiB ich auch selber keine Erklarung, versprech' aber, im
Traktat iiber das Gedachtnis auf eine zu fallen.
Der Traum setzt uns, nach Herders schoner Bemerkung, im-
mer in Jugendstunden zuriick; - und ganz natiirlich, weil die
Engel der Jugend die tiefsten FuBtritte in dem Felsen der Erin-
nerung lieBen; und weil iiberhaupt eine feme Vergangenheit
schon ofter und defer in den Geist eingegraben wird als eine feme
Zukunft. Und so schlingt der erste Zierbuchstabe unsers Daseins
wie in Lehrbriefen seine langen Schonheitslinien schweifend um 30
alle vier Rander der Schrift.
Der Traum behalt nichts Ieichter als Traume, ein Sinnbild von
uns Lebens -Traumern ! Im Sonnenschein des Wachens mussen
diese Nachtlichter aus demselben Grund ungesehen brennen, aus
welchem in Wilden und in Knaben, die unter dem Gewilde er-
1 S. 5ter Band § 375.
FUNFTER BRIEF 977
wuchsen, durch die Kultur alle Erinnerung der Vorzeit rein aus-
lischt. Auch laufen im Spinngewebe der Traume die Faden in-
und ubereinander, und einer macht leicht den andern rege. Ja in
manchen Menschen ist ein gewisser Traum das bleibende Nestei,
um welches die andern herumkommen; die fixe Idee eines sanf-
tern Wahnsinns; das muB sein, da hier mehr das schwere, von
eingelegtem Bildwerk beladene Gehirn die Gestalten vorschiebt
als das ewig spiegelnde und zeugende Ich. - Mein Erschrecken
uber den intermittierenden Puis dieses Ichs nehm* ich wieder zu-
io ruck, das ich einmal bei der Geschichte hatte, daB ein Mann die
Rede, die er in der Ohnmacht anfing, nach derselben mitten im
Perioden forthielt; denn ebenso schlieBen sich die Traume meh-
rerer Nachte in fortlaufender Signatur aneinander an, obgleich
die wachende Tatigkeit dazwischenfiel. -
Ein wenig aus dem vorigen zu erklaren ists, daB der Traum,
wie das Alter, in seinen eleusinischen Mysterien oder Karfreitags-
Moralitaten gewohnlicher eine feme Vergangenheit aus unserer
Gotter- und Passionsgeschichte nachspielt als die ndchste; indes
er in Riicksicht der Zukunft umgekehrt, als ein zweites Gesicht,
20 keine feme, sondern die nachste vorgaukelt; denn unsere schwie-
rigen Begebenheiten werden - wie die biblischen von den Ex-
egeten - immer in Traume verkehrt. So traumte mir nie, daB ich
Enkel auf dem SchoBe hatte, aber ein gewisses tanzendes Fruh-
stiick, das Schreiber dieses gibt, hat er bisher drei Nachte hinter-
einander gegeben; und er und der Teufel und sechs groBe Rezen-
senten tanzen darin immer miteinander den GroBvatertanz. Wer
sollte sich solches tolles Zeug traumen lassen, wenn ers, wie ge-
sagt, nicht traumte? -
Pascal - der Heilige eines hohern Ordens - sagt, nur das Ab-
30 brechen der Traume mache uns gleichgultig gegen sie. Aber unser
Wachen erleidet ja dasselbe Abbrechen geradeso oft; indes, woll-
ten wir auch wie unsere Vorfahren, die Germanen, nach Nachten,
und wie unsere Ebenbilder, die Nordamerikaner, nach Schlafen
datieren: so wurd' es uns mit diesem Mondlicht ohne Brennpunkt
wie mit dem himmlischen gehen, von welchem Lambert erwies,
daB ein ganzes mit Vollmonden ausgelegtes Himmelsgewolbe uns
978 BRIEFEUNDBEVORSTEHENDERLEBENSLAUF
kaum das matte graue Licht eines bewolkten Tages niedertauen
wiirde. Die gediegnen Sinne, der Geruch, der Geschmack und
das Gefiihl, verlieren darin ihren Metallreiz, und selber die Ge-
stalten ziehen nur als Schatten durch diese personliche Unterwelt.
Daher ist darin unser Schrecken, z. B. iiber einen revenant oder
liber ein Hinabstiirzen, nur ein leichtes dramatisches; und immer
lindert eine dunkle HofFnung oder Furcht, nur zu traumen, das
Fieber der traumenden Brust. Und hier bei dieser Vexierwelt muB
uns Jakobis tiefes Wort gegen die ahnliche des Idealismus ein-
fallen: daB jedes Traumen ein Wachen voraussetze. - 10
Das BewuBt- und Verniinftigsein, dieses Licht aus dem schar-
fern ZusammenstoB der innern Tatigkeit und der auBern Ein-
wirkung, muB der Traum aufheben, da er das schwere paraly tische
Gehirn iiber das Ich wie iiber einen Titan walzt und damit es zia-
gleich entkraftet und bedeckt. Das Wunder der Schnelligkeit,
womit man oft ohne die innere Morgendammerung des Traums
und ohne auBern AnstoB erwacht, setzt das Wegsprengen eines
kdrperlicheh Hindernisses voraus, die siegende Krisis einer Stok-
kung. Das anfanglich kraftlose Ringen, im Traum oder noch
mehr unter dem Alpdriicken aufzuwachen, oder ein Glied zu 20
regen, beweiset die Lahmung des Nervenschlags; aber die Hei-
lung derselben durch den Willen (gleichsam wie durch Elektri-
sieren) wirft den Satz von Boerhaave um, daB jeder Schlaf ohne
auBeres Aufriitteln (z. B. ohne den Reiz der Absonderungen) ein
ewiger sein wiirde.
Der spekulative Traum, so wie der praktische der Nachtwand-
ler, der den Obergang zum Wachen (zum Wahnsinn) macht? las-
sen uns nach dem Raube der Vernunft und Erinnerung doch die
Kompetenzstucke, die Viktor erwahnt, Phantasie, Witz, Scharf-
sinn, sogar Verstand; und geben uns dadurch die Rangliste dieser 30
Krafte und ihr Verhaltnis zum Korper, zu den Tieren und Kin-
dern an. Die Phantasie kann im Traume am schonsten ihren hdn-
genden Garten aufspannen und.uberbliimen, und sie nimmt darein
besonders die aus dem liegenden so oft vertriebnen Weiber auf.
Der Traum ist unwillkiirliche Dichtkunst; und zeigt, daB der
Dichter mit dem korperlichen Gehirne mehr arbeite als ein an-
FUNFTER BRIEF 979
derer Mensch. Warum hat sich noch niemand daruber verwun-
dert, daB er in den Scenes detachees des Traums den agierenden
Personen wie ein Shakespeare die eigentiimlichste Sprache, die
scharfsten Merkworte ihrer Natur eingibt, oder vielmehr daB sie
es ihm soufflieren, nicht er ihnen? Der echte Dichter ist ebenso
im Schreiben nur der Zuhorer, nicht der Sprachlehrer seiner
Charaktere, d. h. er flickt nicht ihren Dialog nach einem miihsam
gehorten Stilistikum der Menschenkenntnis zusammen, sondern
er schauet sie wie im Traum lebendig an, und dann hort er sie.
10 ViktorsBemerkung,daB ihm ein getraumter Opponent oft schwe-
rere Einwiirfe vorlege als ein leibhaftiger, wird auch vom Dra-
matiker gemacht, der vor der Begeisterung auf keine Art der
Wortfuhrer der Truppe sein konnte, deren Rollenschreiber er in
derselben so leicht ist. DaB die Traumstatisten uns mit Ant-
worten iiberraschen, die wir ihnen doch selber inspiriert haben,
ist naturlich: auch im Wachen springt jede Idee, wie ein ge-
schlagner Funke, plotzlich hervor, die wir unserer Anstrengung
zurechnen; im Traume aber fehlt uns das BewuBtsein der letztern,
wir miissen also die Idee der Gestalt vor uns zuschreiben, der
20 wir die Anstrengung leihen.
Wie viel man traumend Scharfsinn habe, davon bin ich ein
Beispiel: so sagt' ich z. B. einmal zu mir, als ich vor einer Stein-
bank um die StraBenecke herumkam: »Wenn der Traum nur aus
deinen Vorstellungen besteht, so brauchst du ja nur die Stein-
bank dir hier in dieser Gasse zu denken, um sie zu sehen.« Ich
dachte sie, aber ich sah nichts; ich kehrte wieder um die Ecke
zuriick, aber auch vergeblich. O wir spielenden und gespielten
Wesen !
Doktor Viktor pflichtet der Meinung Hemsterhuis' und Dio-
30 nysius* bei, daB der Mensch im Traume seine moralische und
unmoralische Natur enthulle; so wie Swift es vom Traum der
Tollheit behauptet, und Seneka vom Traum des Rausches. Ich
falle ihnen alien bei, aber mit der wichtigsten Klausel. Es gibt im
Menschen eine doppelte Moralitat, eine angeborne - woriiber die
jetzige derasonierende Zeit so viele ode Worte und ihre erwor-
bene Moralitat verliert - und eben diese erworbene. Diese letztere
98O BRIEFE UND BEVORSTEHENDER LEBENSLAUF
nun, die himmlische Tochter unserer sie mit jener zeugenden Ver-
nunft, tritt leider zugleich mit ihrer gottlichen Mutter ab. Der
zum Helden nicht geborne, sondern erst durch Entschlusse er-
zogne Mensch wird in Traumen die Flucht ergreifen und darin
so gut, wie der Atheist in seinen, vor Gespenstern zittern; und
der von seiner Vernunft zahmgemachte Zorn des edeln Antonins
reiBet sich im Fieber von den SchluBketten los. - Im Traume ist
keine Vernunft und also keine Freiheit.
Hingegen die angeborne Moralitat, der mitgebrachte Religions-
und Tilgungsfond des Innern, mit andern Worten das weite Gei- 10
sterreich der Trlebe und Nelgungen steigt in der zwolften Stunde
des Traumens herauf und spielet dichter-verkorpert vor uns. Aus
Traumen der Weiber, die jenes Geisterreich noch seltener als wir
mit Doktor Fausts philosophischem Mantel und mit dem Zauber-
kreis der Doktorringe zu beherrschen wissen, wiird' ich daher
weit ernsthafter schlieBen als aus meinen oder Viktors Traumen,
da uns alle Finger voll Doktorringe stecken. Hieher gehort eine
Stelle aus den Palingenesien iiber die schonern Traume der Wei-
ber. - Fiirchterlich tief leuchtet der Traum in den in uns gebaue-
ten Epikurs- und Augias-Stall hinein; und wir sehen in der Nacht 20
alle die wilden Grabtiere oder Abendwolfe ledig umherstreifen,
die am Tage die Vernunft an Ketten hielt.
In Traumern, wie in Trunknen, in Dichtern, asthenischen
Kranken (von Nervenschwache, Blutverlust, Migrane), ist nichts
wacher und starker als die passive oder fuhlende Natur. Daher
werfen im Traum alle Gefuhle hohere Wellen, und das ganzeHerz
ist fliissig. Daher hat die Running darin, wie die Nachtschmetter-
linge fur die schlafenden Blumen, einen langern Saugeriissel und
zieht die innerste tiefste Trane herauf. Daher ist darin wie in
der Jugend das Gefiihl fiir witzige Kontraste scharfer. Daher 30
lachte Browne nur iiber getraumte Lustspiele; und hatte die
innigste Andacht nur in Traumen, die sogar den Arnobius zum
Christen bekehrten. Daher verherrlicht die Grazie Pasithea, die
Gemahlin des Schlafs, jede Huldin so sehr, die uns darin findet
und anblickt; und die Nacht, die Mutter des Amors, erquickt
das traumende Herz mit der Liebe ohnegleichen, namlich ewig
FUNFTER BRIEF 98 I
mit der ersten. Endymion, der du eine dreifache Ewigkeit
begehrtest, die des Daseins, der Jugend, des Schlafes, du brauch-
test ja nur die letztere zu erflehen, sie gab dir dann alles andere
dazu! -
Viktor tut einen tiefen Blick in den Abgrund, woraus die Kunst-
werke des Ohrs aufsteigen, wenn er iiber die von Tartini im
Traum gemachte Teufelssonate1 nachsinnt. Die Tone verlieren
unter alien Geschopfen des Tags am wenigsten durch den Re-
sonanzboden des Traums, weil die Empfindungen des Ohrs
10 schwerer als die irgendeines Sinnes von ihren Erinnerungen zu
unterscheiden sind, wie man merken kann, wenn man bei dem
Entweichen einer Musik endlich zweifelt, ob die letzten Tone
Erinnerungen oder Empfindungen sind, die dem Sonnenlicht
ahnlichen, das, aus dem rikoschetierenden Planspiegel aufgefan-
gen, noch hinter dem Brennglas warmt. Tone leben langer in uns
als Bilder, der Musiksaal kann langer nachklingen als der Bilder-
saal nachschimmern. Und wenn nun Tone den Wahnsinnigen,
den Trunknen, den Nervenschwachen so tief. ergreifen, und
mithin ihren Reprasentanten, den Traumer, noch mehr; wenn
20 dieser, aus gleichen Grunden wie die nervensiechen Madchen
und die Sterbenden, hohere, nur im Ather wallende Melodien
trinkt, die nicht durch die Ohren eingehen, sondern durch
das Herz: so kann ich ja wo hi begreifen, wie du, Viktor - und
ich selber, nur leider nicht oft genug - von dieser »Nacht-
musik«, wie du sie nennst, erhoben und aufgeloset und ent-
ziindet werden. Ach ja wohl horen wir die rechte Spharen-
musik nur in uns; und der Genius unsers Herzens lehrt uns,
wie wir Vogeln, die Harmonien nur unter der "Oberhiillung unsers
Bauers aus Erde. —
30 Und nun genug, wiewohl nicht mir. Ich konnte noch vieles
sagen; besonders konnt* ich mich wundern, warum man den
Traum nicht gebraucht, um daran den unwillkurlichen Vorstell-
1 Dieser groBe Violinist horte im Traum den Teufel ein Solo geigen, das
er beim Erwachen unter dem Namen Teufelssonate niederschrieb, die, ob-
wohl sein bestes Stiick, ihm doch so tief unter dem gehorten schien, daB er
seine Geige auf ewig zerschlagen wollte. Volkmanns Reis. Br. 32.
982 BRIEFE UND BEVORSTEHENDER LEBENSLAUF
ProzeB1 der Kinder, der Tiere, der Wahnsinnigen zu studieren,
sogar der Dichter, der Tonkiinstler und der Weiber.2 Ich konnte
den Traum noch mechanischer behandeln; aber mein Genius ruft
mir iiberhaupt zu: gleich der Schachmaschine rollet die Welt-
maschine mit lauten Radern urn, aber eine lebendige Seele ver-
birgt sich hinter den mechanischen Schein.
Ich schlieBe am schonsten mit meines Viktors Worten: »Ver-
nunft und BewuBtsein und Freiheit wachsen und fallen mitein-
ander, sie bilden die Sonne der Menschheit, die aber jeden Abend
untergeht. Aber wie auf der einen Seite jenes innere Sonnenlicht 10
dich erhebt iiber den Lebenszwang des Tiers, das auch von sei-
nem Traum in ein Wachen iibergeht, welches wieder ein Traum
gegen deinen ist; und wie du in dieser Stufenfolge die Hoffnung
antriffst, einmal so frei und besonnen zu werden, daB dein jetziges
Wachen dir ein Traumen scheint; so schlage auf der andern Seite
bei dir nicht wie bei Alexander der Schlaf, sondern das Traumen
den Dunkel nieder, der einen spinozistischen Schopfer aus dir
schafFt! Wo hat denn der liegende Gott auf dem Bette, unter dem
auf ihn geworfenen Gebirge des Schlafes, seine Freiheit, seine
Moralitat, seine Vorsatze, sogar seine letzte Liebe und Freude?8 20
— Nein, unendlicher Vater, reiche du mir deine Hand, du gabst
mir alles und wirst mir alles wiedergeben, denn ich habe ja nichts !«
1 So wird einige Jahre Jang jeder Verniinftige, der gut schreiben will,
sagen, weil nun jede Sadie ein ProzeB ist; ich nenne gern mit andern das
Leben einen LebensprozeB, die Ernahrung einen NutritionsprozeB, die
Organisation einen OrganisationsprozeB, weil das neue Wort ganz das
ausdruckt,.was das alte ausdriickt.
2 Bei den Weibern liegt die Ahnlichkeit in ihrem weichern Gefuhl, in
ihrer starkern, oft wunden Reizbarkeit fur Witz, Kontraste, Tone, Gestalten,
Riihrungen, in der groBern Herrschaft ihrer Gefiihle und in ihrem minder 30
scharfen BewuBtsein.
3 Es bezieht sich darauf, daB uns im Traume gerade das, was wir zuletzt
am meisten liebten und wiinschten, selten. erscheint.
sechster brief 983
Sechster Brief. An Doktor Viktor
Visiten-Ouvertiire der Kuhschnappler — das Feuerwerk am Tag - Tanz-
Hemmschuhe - Eifersucht - KartofTeln — jetzige Hof lichkeit dec Literatur —
der geistige Markzieher — Kuhschnappler Tischreden — Schauspieler -
Schuldramen - Kirschernte - Wetter und Wetterprophezeiung - biblisches
Personale — Ende vom Klaglied
Postskript: Schreiben an meinen Sohn Hans Paul iiber die Philosophic
K., d. 28. Jun.
Der Siebenschlafertag, das weiB ich, Freund, ging dir bisher
10 - besonders am Siebenschlafer - so sehr im Kopfe herum wie
uns alien; es gibt auch keinen tollern. Hier hast du ihn bis auf
jede Franse und Zaser. - Ich will den Brief, wie einen paulini-
schen, in Kapitel zerspalten. Verfallt einmal ein Rezensent, der
dich um ein Rezept oder ein Abendbrot oder ein testimonium
paupertatis oder um Hiibners Lexikon anspricht, von ungefahr
auf diese Materie und greift mich an, weil ich aus Affektation
statt Kapitel stets Manipel, Sektores etc. schreibe: so ziehe die
Kapitel aus der Tasche und hake sie dem Kahlmauser unter die
Nase und sag* ihm ganz kurz: verdiente Manner muB man erst
20 genauer kennen, bevor man sich an sie macht.
Erstes Kapitel
Bei friiher Tagszeit setzten ich und der Hospitalprediger Stie-
fel uns in Marsch nach Grems, schon nett und mit Prunk-Krusten
tapeziert. Zur RafTaelstapete hatt' ich einen feinen Rock von der
Farbe an, die man Pfeffer und Salz nennt; Stiefel ging in einem
hollandischen schwarzen Rock, den er nur in den groBten Stadten
anzieht. Denn da er ein wenig vorausging und ich sah, daB die
Knopfe in den RockschoB-Falten noch in Papier eingeschlagen
waren: so erfuhr ich unter dem Abwickeln, daB die Papilloten
30 noch von seiner Lenette, die sie fur eine Augsburger Reise her-
umgemacht, her waren. Solang' er also Witwer ist, zog er mit
den eingewindelten Knopfen herum. Ich steckte die Wickel, mit
einem leisen Ach fur die Schlafende, zu mir, und ich nahm mir
vor, dir einen davon zu schenken.
984 BRIEFE UND B EVORSTEHENDER LEBENSLAUF
Das Wetter war holdselig, der Himmel tiefblau und meine
Prophezeiung wahr. Mein prophetischer Sorites war der gewesen :
»Regnet es am Siebenschlafer, so regnets auch an Maria Heim-
suchung; ist das, so regnets notwendig wieder 40 Tage lang: was
Wetter! war* aber das?«
Unterwegs teilte mir der Schxilrat etwas Wichtiges griechisch
— weil uns unser Feuerwerker folgte - mit, wodurch dir dieSache
naturlicher werden muB, dafi der Spezial und der Sechser als zwei
feindliche Mineurs nebeneinander die Erdbohrer drehen und in
die Rohren horchen, um zu wissen, wo jeder grabe. Viele Herren 10
aus dem Rate namlich, denen nicht entgehen konnte, daB der
Spezial im Priesterornat unmaBig schnupfe, fingen am Ende an,
es zu iiberlegen. Es war leicht zu sehen - schon aus der Rats-
Empor heraus -, was das Chorhemd von dieser Rolle einer Ser-
viette - da Zeitmanns Dose gleichsam die leerlaufende Kanzel-
uhr war — fiir Profit haben konnte. Die vom Rat zur Tempel-
reinigung bestallte Wascherin zerrieb in der Wanne das pium
corpus und war selber verdruBlich. Kurz einige dieser Katharer
trugen dem Sechser, damalsnochein Friedenskamerad desSpezials,
ausdriicklich auf, auf eine gute Art ihm die Leviten zu lesen und 20
das ZerreiBen des Vorhangs des Allerheiligsten zu widerraten.
Poshardt fing es nicht fein genug, sondern mit zu tappischem
SpaBe an - der Superintendent schwoll auf uber dieses Eingreifen
des weltlichen Arms in den geistlichen, der die Dose hatte, und
lieB sich nicht berichten - kurz er schnupft noch, gedenkts aber
dem Sechser. -
Als wir ankamen in Grems, war der Sechser schon da.
Zweites Kapitel
»Serviteur, Ihr Herren! — Ich stehe schon seit 6 da und wettere
mich ab uber die verdammten Mistnnken; ich habe sie aber ge- 50
schuriegelt!« sagte der Sechser und sprach von den Pachters-
leuten. Denke dir ihn als einen abgekiirzten Kegel- schieb ihn in
ein feines, aber archaologisches Anzugs-Hulfter und setz ihm
seine Zopfperiicke auf, auf welche er eine zweite bessere tun sollte
- und gib ihm eine lustige straffe Wangen-Fiille und ein gesetztes
SECHSTER BRIEF 985
Auge, das sich aus den Gipskopfen der grofiten Gelehrten nichts
machen kann als eine Gipsdiingung und aus ihren Papiermache-
Bilsten nichts als ein Futteral - denke dir ihn mehr als einen
Verwasch- und Borsten- als Spkzpinsel, so hast du ihn mit einem
Spitzpinsel gemalt. Leute wie der Sechser konnen mitten im La-
chen abbrechen und einen okonomischen Schnitzer neben ihnen
fluchend abstrafen. Wie groBe Gelehrte amBrauttage, so arbeitete
er an diesem Festtag fort.
Endlich zogen die Familien, in Sternschichten abgesondert, im
10 Taue daher, voraus ein Bart-Sternenkegel von Mannern, dann
ein Siebengestirn von Weibern und zuletzt ein jungfrauliches
Planetensystem, mit eleganten Trabanten durchschossen - der
weibliche Teil, sogar die Krahen darunter, gleichsam ausgebalgte
Pfauen, aber mit jedem Glied einen Pfauenschweif auf blatternd,
hoch aufgeschiirzt durch Aurorens Tranen dem Stiefel -Vortrabe
gewaltig nachschreitend.
Wer wars? fragst du das dritte Kapitel.
Dieses Kapitel
Es war der GroBweibel Scknorhamel mit Frau und Tochter
20 und dem Bedienten, dem bekannten Landschreiber Borstel - der
Statthalter von Habsburg Alessandro - Benigna und der junge
Sechser Veit - der Korrespondent Fisch mit Frau und Tochter
- der Forstmeister Hedasch - und die iibrigen, deren Namen ich
nicht behalten.
Vieries Kapitel
Gefahren aber kam bloB der Spezial mit der Zutat; daher die
Gesellschaft ihre eignen stillen Gedanken daruber hatte — und ich
hier mein Kapitel.
Funftes Kapitel
30 Unlustigers gibts in ganz Kuhschnappel nichts als ihre ersten
Visiten-Viertelstunden. Gleichsam als standen sie samtlich aus
einem herrnhutischen Gottesacker, wohin alle Nationen Depu-
tierte schicken, von Toten auf, wo jeder sich die Augen ausstaubt
986 BRIEFE UND BEVORSTEHENDER LEBENSLAUF
und sich des narrischen Nebenmanns gar nicht entsinnen kann :
so stehen, in der Hansel -Viertelstunde, die Kuhschnappeler blut-
fremde nebeneinander, ganz verwundert und perplex iiber die
Nachbarschaft und gegen Gefahren geriindet wie Igel und sich
tot stellend wie Raupen. Zuweilen tut einer, wie Kirchenmusi-
kanten unter dem Praludieren, zum Stimmen da einen Geigen-
strich, dort einen Paukenschlag, hier einen TrommetenstoB ; aber
bevor sich die Weiber berauschen durch Reden, und die Manner
durch Berauschen: bleiben sie alle den Peguanern gleich, welche
ein neues Haus im ersten Monat dem Teufel geloben und leer 10
lassen, um in den ubrigen von alien seinen Teufeleien frei zu
bleiben.
Heute brachten ohnehin alle Weiber auBer dem gewdhnlichen
horror naturalis noch einen eignen Vorwinter oder rheumativ-
herumziehenden Groll mit, weil bei der allgemeinen Kochpro-
motion des Pickenicks jede sich durch ein tafelfdhiges Gradual-
essen habilitieren wollte.
Wer nun irgendeine verdriiBliche Bemerkung in der Luftrohre
hatte, gab sie, anstatt durch unmerkliche Perspiration, jetzt ganz
und trocken von sich. »Wir kriegen heute«, sagte der Sechser, 20
»noch ein derbes Bad, nach meinem Wetterglas zu schlieBen.« -
»Und das gottlos!« (setzte der Forstmeister dazu) »es sauste der
Wald.« Ich fragte, was sie wetten wollten - es bleibe hell - denn
es sei der Siebenschlafer. »Ich wette Ihr Feuerwerk,« (sagte der
Statthalter Alessandro ironisch, der sich fruchtlos suchend nach
dem Geriiste umdrehte) »und zwar sollen Sie es im Zimmer geben,
wenns regnet.« - »Da geb* ichs ohnehin, und zwar gleich«, sagt*
ich.
Eh ich dich naher vor das Feuerwerk lasse: muBt du mit mir
betrachten und bedauern, daB ich und Stiefel mit unserem Tanz- 30
Friihstuck gerade in die sauertopfische Karenz- und Trauer-
schneppen -Viertelstunde fallen muBten.
Nun rief ich den Feuerwerker her und bat die Gesellschaft, uns
in den Speisesaal zu folgen. Die Weiber (ausgenommen Benigna
und die Spezialin) straubten sich gegen die Feuersgefahr, da Fun-
ken auf die Kleider spritzen konnten; aber sie wurden durch
SECHSTER BRIEF 987
einige Herren hinaufgebracht, die aus den Fenstern herunter-
schwuren, keine Stange von einem Geriiste, geschweige SchieB-
pulver sei im Saal. Ich wurd* am Ende selber neugierig auf das
Lustfeuer, ob ich es gleich schon zehnmal genossen hatte.
Wir traten hinein und um den Feuerwerker herum, der sich
auf einen Sessel setzte. Die meisten der fernen Weiber nahmen es
fur gewiB, er schieBe nun aus den Taschen mit feurigenMeteoren.
Endlich fang er an und machte - welches in Paris, dem Stelldich-
ein aller Vexier-Kiinstler, gewohnlicher ist - mit dem Munde
10 ungemein treffend ein Feuerwerk vor, namlich den Knall davon
- die Feuerrader, die Raketen, die Feuerkugeln, das kleine Ge-
wehrfeuer bei dem Stiirmen einer Festung, alles das stellte er uns
so deutlich dar, daB man glaubte, die Sache wirklich zu horen;
und ware gar noch Feuer dabei und etwas zu sehen gewesen : ich
wiiBte wenig dariiber. Inzwischen wollte der Versammlung das
trockne Knallwerk nicht sonderlich schmecken : sie hatte sich auf
etwas Warmes und Scheinbares gespitzt und optischen Betrug
gehofft statt akustischen. Die meisten HeBen den prasselnden
holzersparenden Feuerwerker sitzen — Poshardt brummte leise
20 zum GroBweibel: »Lauserei!« - und dieser versetzte politisch:
»Es soil wohl Fopperei sein« und suchte etwas darhinter - und
eben dadurch, daB man ihnen keinen roten Hahn aufs Haus setzte,
setzte man ihnen den Hahn in den Kopf und ins Gesicht. Nur
Hedaschwar ein gescheutervernunftiger Mann und grifTdem Maul-
christen ins Maul und fiihlte darin umher, ob er die kalten Schlage
mit etwas mache. - Die Weiber waren wie gewohnlich voll Lust-
barkeit, daB sie doch wieder eine Lustbarkeit in so kurzer Zeit -
uberstanden hatten; und ebenso muB man vom armen Land-
schreiber Borstel sagen, daB er sehr damit zufrieden war und vor
5o Verwunderung nicht wuBte, was er machen sollte.
Sechstes Kapitel
Dir wird freilich kein SpaB verdorben, sondern vielmehr einer
gemacht, daB das Tannenharz der zahen Langweile iiber den
Paradieses-FluB, worin der Gremser Klub schwimmen wollte,
allmahlich eine Haut herzog und daB wir wie Essigaale (nach
988 BRIEFE UND BEVORSTEHENDER LEBENSLAUF
Goze), denen die Essighaut die Luft verspundet, immer mit den
Leibern undulieren mufiten, urn Luftlocher zu behalten. Allein
was einem sogar selber gefallet unter dem Beschreiben, gibteinem
wenig Freude unter dem Erleben. Wenns so fortging oder garder
Regen dazukam: so hatte der Teufel sowohl zwischen die Liebe
der Kinder als zwischen die Freundschaft der EI tern seine Teu-
felsmauer fertig hineingeschoben.
Das Friihstuck gaben ich und Stiefel gut und reich genug, und
der Tee, worauf wir am meisten kalkulieret hatten, ging nicht
halb auf. Endlich liefien wir Musik anfangen aber, neues 10
Elend ! keine Ferse hob sich auf. Der vergaffte Veit wollte nur mit
Marietten herumspringen und wagt* es doch neben den Kanker-
Augen der Vater nicht - der spottische Statthalter, der nicht so
viele Haare auf seinem Polarkreise hat als ein Setzhase im Maul,
sah aus Bosheit und aus Kalte gegen die nicht sehr spirituosen
Madchen unserem Angstigen mit Fassung zu und lieB sich mit
Hedaschen in ein weit aussehendes Gefecht iiber die Saujagd ein
- und die andern jungenHerren waren Kuhschnappeler — Ach
davon wisset ihr in euern groBen Stadten nichts, aber wir Leute
in kleinen (z. B. ich unter dem Schreiben deiner Historie), wir 20
wissen ein Lied von den hysterischen Kugeln und Erstickungen
zu singen, die eine dasitzende schone Welt in der Luftrohre aus-
steht, wenn die herrlichste Tanzmusik losschlagt und die Tan-
zerinnen schuBfertig und munter auf ihren Sesseln halten und
keiner von den verdammten Narren zuerst an die Sache will, son-
dern jeder, wie eine Gewerkschaft bei dem Bau eines Galgens,
den Leithammel erwartet - wenn die Musik und die Marter fort-
wachst und die besagten Spitzbuben sich wie Bienen, die es nicht
zum Schwarmen bringen konnen, zusammenreihen und Hoff-
nung geben und doch fest verharren, wie Spatzen, die sich im 30
Nachsommer drauBen zum Zuge nach Warme rottieren und doch
keinen FuB aus Europa setzen - wenn man weinen mochte und
doch auch lachen iiber die garnierten Tanzerinnen, die freundlich,
obwohl roter, und mit Seitenblicken miteinander diskurierend
und schon trocken lackiert und glasiert herumsitzen — O Freund,
ich habe zwar hierin ausgelitten und ausgerungen; aber sonst
SECHSTER BRIEF 989
fragt* ich: warum setzt die Natur ihre Blasenbandwiirmer lieber
unter Kranien von Schafen, entweder oben, wodurch das Schaf
ein Dreher, oder seitwarts, wodurch es ein Seitwartssp ringer
wird, als in diese Kopfe, wo solche Wurmer an ihrem Platze und
von Nutzen waren? Sollte die Polizei nicht einen Preis - so wie
fur den, der die erste Spritze zu Feuersnoten herbeifahrt - fur
den aussetzen, der mit dem ersten Tanz aushilft ? Freilich endlich
werden sie durch den unter den FiiBen brennenden FuBbodenwie
Kamele durch einen geheizten zum Tanz gebracht, der vielleicht
10 lebhafter ist als der, den die Neger auf dem Verdeck eines Skla-
venschiffes vor der Peitsche fur ihre Gesundheit abtanzen. -
Komme nach Grems zuriick! Ich und Stiefel standen, wie ge-
sagt, da, ich mehr im heiBen Strudel gebriiht als er - der Puis, der
nach Marquet bei alien Menschen imTakte desMenuettes schlagt,
geriet in meinem Ellenbogen in den eines Kotillons - ich zog die
Uhr heraus, bloB um zu sehen, welchen Datum wir schrieben,
wegen der Tageslange der Zeit - ich stach mit meinem vielleicht
einige Pratensionen machenden Pfeffer- und Salz-Rock nach-
teilig ab gegen meine Lage. - Sage gar nicht, ich hatte selber
20 vortanzen sollen. Ich weifl, du und noch einige meiner Freunde
schrien mich gern fur so etwas von einem deutschen Vestris aus;
allein glaube mir, jeder kennt sich, und ich hatte fuglich in Paris
das beruhmte Ballet »Amor und Psyche« tausendmal mittanzen
konnen, ohne wie die Tanzerin, die nachher nur die Psyche hieB,
meinen Namen einzubuBen und als Amor zu rulieren.
Der Himmel weiB, womit der Sanskulotte Alessandro, kalt
wie ein Fliegenschwamm, den Forstmeister auf den sogenannten
Kuckuck leitete, den er bei sich hatte - genug Hedasch nahm den
Wildruf aus derTasche und machte ihm die verschiedenen Stim-
30 men des Gewildes tauschend vor - an sich war die Darstellung
schatzbar, nur litt die Tanzmusik bei den Ripienstimmen der
Auerhahnen, der wilden Ganse, der Fiichse und der Sauen
als der ehrliche zerstreuete Mann, durch einen dissonen Kontrast
seines Kuckucks geweckt, auf einmal rief : »Zum Henker, tanzt
ihr junges Volk denn nicht ?« — In derselben Minute hatte Veit
einen treibenden Wink von seiner Mutter erhalten — der Statt-
990 BRIEFE UND BEVORSTEHENDER LEBENSLAUF
halter, der dessen Wahl erriet, traf sie eilig selber, fassete Marietten,
und so gings Ios. Inzwischen konnt* der Statthalter nie gegen ein
Madchen hoflich sein ohne ein Zugemiise von Grobheit; er zog
eine neue, von Forrer in Wien gekaufte Taschenuhr heraus, die
sich selber aufzieht, wenn man mit ihr geht, und zwar bei jedem
Schritte um ein Zahnchen, und sagte : »er mache so viele Pas, als
sie Zahne habe; und er tanze bloB, um seine Uhr angenehmer
aufzuziehen.« —
Siebentes Kapitel
Tanz haben wir endlich, Viktor, aber der bose Feind schwenkt 10
sich darunter umher und verzettelt bei jedem Pas sein Unkraut.
Der Terrorist oder Angstmann1 Alessandro gibt dem armen hof-
lichen Vito die poetische Huldin nicht wieder, erstHch weil sie
feuriger und kiihner als andere Kuhschnapplerinnen spricht —
denn eine besingende Schonheit wagt noch mehr als eine be-
sungne — zweitens weil er aus Mangel an Eifersucht diese gern
austeilt — drittens weil er ein Filou ist von Haus aus und dem
Laster gleicht, das eine schillernde flieBende Schonheitslinie auf
dem Schlangenrucken tragt, Giftzahne aber in den Kinnbacken
fuhrt, einer jener weiblichen Lockenrauber, die vorher zwanzig 20
Madchen die Ehre nehmen und dann erst eines zur Ehe, wie die
kleinen Feldmause dadurch am meisten schaden, daB sie zehn
Ahren abbeiBen und priifen, eh sie eine in ihr Loch eintragen.
Veit behalf sich mit des GroBweibels Tochter, Zephyrine ge-
tauft, ein prudes stummes weiBes niederguckendes gekrauseltes
Ding, wie gefrorne Milch aussehend. Ich weiB, Veit wollte an-
fangs mit diesem EiweiB ohne Dotter nichts machen als einen
Hopstanz; aber hore weiter!
Das vom Vortanzer und Saemann Satanas dem Tanzboden an-
vertrauete Unkraut schoB bei diesem warmen Wetter bald zu 30
einem verwickelnden Gestrippe heraus. Ich konnte in ihrem Vor-
iiberfahren horen, daB der Statthalter Mariette kiihn und pikant
1 Angstmann wird in einigen Orten Deutschlands sehr gut der Henker
genannt; und so wag* ich Terrorist zu iibersetzen, um so mehr da in Spa-
nien der Henker alle Gesetze promulgiert.
SECHSTER BRIEF 99I
anklagte und tadelte, um sie in ein Feuer zu setzen, woran er
wenigstens die Hande warmen konnte. Du hast wohl, Doktor, in
deinen Rennwochen auch oft getadelt, um zu loben. Kurz die
Dichterin - die als solche zwei Gottinnen in ihren zwei Herz-
kammern mit Rauchern zu ernahren hat, in der einen die Schon-
heitsgottin, in der andern die Muse - lieB sich in ein Treffen mit
diesem von Frankreich ausgeriisteten Kaper ein - er hatte viel
Goldstangen geladen - er hatte einen feinen Geschmack fur Verse
und Reize — Madchen glauben, ihr Herz habe wenigstens die
10 Kruggerechtigkeit, zu schenken, wenn auch nicht zu logieren — es
sind tolle Wesen, die sich, wie die alten Gotter, ebensowohl die
Tiere (uns) opfern lassen, die ihnen verhaBt, als die, so ihnen lieb
sind - sie schielte nach Veiten - sie glaubte Ursachen zu haben,
Vitos Hopstanze mit Zephyrinen genauer zu priifen und zu stra-
fen - kurz sie engagierte sich dem Angstmann zum vierten Tanz
und zwang den sanften Veit, Rache zu schnauben und zum Fo-
derativsystem mit Mademoiselle Schnorhamel zu greifen.
Veiten muB ich dir vorher als einen ganz andern Menschen
malen wie den Angstmann - es ist ein lebendiger Schnorkel, kem
20 Kampf-, sondern ein Perlhahn aus Leipzig, wo er mores gelernt,
und zwar die geschmeidigsten, womit ein parfumierter lebendiger
Damenhandschuh nur anliegen kann - etwas marklos oft und
von Gartenscheren ausgeastet bis auf die Zunge, aber gutmei-
nend, zuvorkommend und schonend — er wiirde den Galgen aus
Lakrizienholz auszimmern und in der Holle, wenn er der Teufel
ware, Ofenschirme herumgeben - nur geldstolz gegen den reich-
sten Gelehrten, nicht gegen das armste Madchen - ein Mensch,
der gelesen hat in Lesebibliotheken, und ein passionierter Blumist
und Florist des weiblichen Blumenzwiebelnflors, ihn schirmend,
30 ihn wartend, ihn begieBend und versetzend - Freund, er triige den
nachfahrenden Schatten der vorgespannten Dame nach, konnt*
er seiner habhaft werden.
Von zwei eifersiichtigen Liebenden, deren jedes seine Siinde
nur fiir die Strafe der fremden halt, bekommt man die alte Frage
wieder: hat das Herz die Adern oder diese jenes gemacht? oder
die ahnliche: wie war die erste Zange moglich, da eine Zange nur
992 BRIEFE UND BEVORSTEHENDER LEBENSLAUF
durch eine zu Schmieden ist, daher sie die Rabbinen erschaffen
lassen? Vito suchte demnach Zephyrinen in jene nur in Leipzig
noch aus den franzosischen cours d'amour restierende Lusttreffen
und Schimpfturniere zu verwickeln, worin man iiber jede Klei-
nigkeit mit schonen Gestalten scherzend und stundenlang und
gewandt und oft fade ficht. Ich tanzt' oft in diesem Waffen- und
Fackeltahz mit meiner Fackel dahin wie andere, ja ich war haufig
eine legio fulminatrix im kleinen.
Schlimm wars, da8 Mademoiselle Schnorhamel in die witzigen
Viertels- und halben Schwenkungen und in die Taktik der Leip- 10
zigerinnen wenig eingeschossen war; nur so viel kam ihr in die-
sem Sukzessionskriege vor, Veiten sei sie nicht gleichgiiltig; eine
Ahnung, welche Madchen, die oft sonst nichts ahnen, selten ab-
geht, gleich den Zahnen, die weder Gestalt noch Soliditat der
Korper zu fiihlen taugen, und doch deren JVdrme und Kalte spii-
ren. - So stehen die Sachen in diesem Kapitel, mein Freund !
Achtes Kapitel
Gegenwartiges Kapitel wird, wenn ich anders etwas dabei zu
sagen habe, bloB mit dem Beschauen des vorigen zugebracht, be-
sonders da erst im neunten das Schmausen angeht. 20
So viel sieht man beim ersten Blick, daB Not und Wirrwarr
mit der Sonne steigen. Vom Wetter sag' ich dir gar nichts, weil
du lachst; genug, durch das vertiefte Himmelsblau fuhr wie nach
einem Regen der Sonnenstrahl scharf geschliffen ohne Abstump-
fen, und ich wufite aus vieljahrigen Wetterbeobachtungen, was
ich davon zu halten hatte, namlich wenig Gutes. Ich hatt* es der
Gesellschaft vielleicht eroffnet, glekhsam die vierteljahrige Auf-
kiindigung des Sonnenscheins, wenn ich nicht den Grundsatz
hatte, stets auf der ersten Prophezeiung zu beharren, weil ich
mit einer zweiten, vielleicht richtigern entgegengesetzten immer 30
einmal verliere, es mag eintrerTen, welche da will.
Die doppeltverletzte Benigna konnte sich an dieser eigensinni-
gen Flucht und desertio malitiosa eines allein geliebten Sohnes
und ihrer und seiner Freiindin nicht erbauen. Ja sie erriet leicht,
daB die iiberall voreilige Spezialin die Erdferne des Liebhabers
SECHSTER BRIEF 993
auf die zurucklenkende Hand der Mutter schieben werde. Und
wenns gar der alte Sechser sah, so war diese reiche Zephyrine
gerade ein herrliches Wasser auf die Glmuhle, wovon er schon
ein Modell im vaterlichen Kopfe herumtrug. Zum Gluck aber
hatt* er und die beweibte Mannschaft sich eine Motion im Forste
der gemeinen StadtKuhschnappel gemacht. BloB der uberflussige
Korrespondent Fisch mit seinem planierten abgegriffenen Ge-
sicht, als war* es ein Jahr als Hemmschuh an ein erzgeburgisches
- Postrad untergeschnallt gewesen, war dageblieben, um sich zu
10 mir zu halten und mit mir als Handwerksgenossen in ein lehr-
reiches literarisches Gesprach zu geraten.
Ich spann aber mit der wunden Benigna ein kulinarisches zu
ihrer Zerstreuung an und drang ihr, da sie beim Pickenick den
Braten lieferte, das Versprechen ab, fur mich einige KartofFeln
dazuzugeben, diese Kastanien aus der niederlandischen Schule:
»Ich bin dem Totenkopfvogel«, sagt* ich, »nicht bloB in seiner
Seltenheit ahnlich und in seinen Erinnerungen ans Sterben, son-
dern auch in seiner Liebe fur dieses Gewachs.«
Marietta benutzte endlich die Ferien des Rangierens zu einem
zo zartlichen Abstecher an Benignens Mutterhand und schmiegte
sich recht liebend an und schien bewegter als sonst. Benigna blieb
die alte Freundin; sie war es gewohnt? die Wunden, wie die galli-
schen Tragiker die Ermordungen, nie den Zuschauern darzu-
stellen. Und dann ging Mariette wieder, wiewohl langsamer, zu
den Tanzfingerschuhen Alessandros.
Allmahlich kamen auf der Nordseite die beweibten Herren und
Magen, und von der Sudseite die agyptischen Fleischtopfe und
Proviant-Schaluppen dahergezogen und darhinter endlich auch
die beiden stief lischen und paulinischen Suppen, ohne welche als
30 die Ontologie und Wissenschaftslehre des Mahls das Essen gar
nicht anfangen konnte. Ich wlifite nicht, warum ich dieses Kapitel
nicht schlieBen sollte.
Neuntes Kapitel
In einem bureau d'esprit kann nicht so viel mannlicher Neid
haushalten als in einem Pickenick weiblicher; es ist eine Nacht-
994 BRIEFE UND BEVORSTEHENDER LEBENSLAUF
mahlsvergiftung fur weibliche Seelen und Leiber dazu, da sie oft
monatelang gerade an den Preis- und Akzessit-Speisen ihrer Ne-
benbuhlerinnen verdauen; elende schlagen als verdaulicher ihrem
Magen zu. Nicht ohne Angst, Neid zuentzimden, sah ich, wie ich
gern bekenne, unser Suppen-Paar auftragen; der Hospitalpre-
diger reichte eine Kerbelsuppe, ich hingegen als ein ziemlich be-
ruhmter Schriftsteller glaubte nicht zu viel zu tun, wenn ich mit
einer Bergsuppe erschiene. Sie muB dir erinnerlich sein durch den
Kegel von schwarzem Brot, mit Zimt und Zucker beschneiet,
wovon sie den Namen fiihrt. Die Weiber waren (vielleicht vom 10
Geschlecht bestochen) nachsichtiger gegen uns, und unsere Sup-
pen entkamen dem Neid; aber was half das mir? Denn hore!
An einer guten Tafel ist eigentlich das Beste - Sitz und Stimme.
Hebe mich aus Rahm und Fassung rechts und links: so zerfair
ich und danke fur alles. Ich hatte mich daher absichtlich schon im
voraus yie einen Juwel zwischen Marietten und Benignen ge-
fasset una verzog nach demTischgebet - unter welchem der Statt-
halter blo^ das Zahnstocher-Etui geoffnet und gebraucht hatte -
bloB verbindlich-nachbleibend ein wenig mit dem Einsitzen, als
der grobe Angstmann sich friiher nieder- und hineinsetzte als 20
irgendein Herr. Ich wiird' ihn frech nennen, wenn nicht eine neue
- der Londner humane-society entgegengesetzte - inhumane-so-
ciety das Wort jetzt asthetisch so veredelt zu brauchen suchte, daB
es kaum auf diesen Inhumanisten mehr passet; aber wahrhaftig
grob ist er.
Auch das wird ebenso gemein. Viktor, war's kein Brief an
dich: wahrlich ich wagte hier ein Extrablatt uber den Inzivismus
der neuesten Humanisten und Philosophen, der das Musen-
Philadelphia zu einem Misadelphia versauert. Wenig verfangen
dagegen die Beispiele der moralischen Schonung, die Fichte, 3°
Schelling, VoB, Jakob, Wolf und beide Schlegel geben, und sie
sind, wie es scheint, entweder gegen den TroB zu unkraftig, oder
zu selten, als daB sie die jetzigen prosaischen posthumi derXenien
bekehren konnten. Ja gerade jene exemplarischen Manner sind
vielleicht noch ofter als ich und du zum Lesen solcher Werke ge-
notigt, wo der Kantische Endzweck, der Mensch, wegen eines
SECHSTER BRIEF 995
elenden Mittels nicht einmal mehr so sanft wie ein Mittel behandelt
wird - wo man wie Swift und Bonaparte zuerst die Leute anfahrt
Probierens wegen - wo man als Humanist ungefahr ebenso die-
sen Namen verdient wie die Butter-Blume ihren, vor der allein
als der Lokusta der Butter das Vieh vorubergeht, und wo man
uber den langen trojanischen Krieg einen langern moralischen
fiihrt - oder wo man als Philosoph die Philosophie, diese alte
sokratische Herrin der Leidenschaften, zu einer stillen Magd der-
selben verdingt und den Stern der Weisen zum blassen kritischen
io asteriscus macht, wie das kabbalistische Sechseck von Holz, sonst
ein Amulett gegen Feuer, jetzt als ein Bier^eichen heraushangt. -
Unsere Philosophen reiBen die Steine aus dem Pflaster der Wahr-
heit, weniger weil man Bomben darauf wirft, als weil sie selber
einem und dem andern Kopf und Fenster einzuwerfen haben.
Gegen den Angstmann hier viel zu sagen, wurde von wenig
Nutzen und beinahe parteiisch scheinen, da er allein mich auf
mein romisches Folterpferd gesetzt; es ist genug, wenn ich wegen
historischer Treue nachhole, daB er dortsaB - den Hut auf- die
Rechte am Herzen oder in der Weste — weder Teller noch Wein
20 anbietend - ich meine keinem Madchen, er ein Mensch, der nie
geheiratet und der mithin noch keine mit einer iweiten iiberspon-
nene Sake ist, die grober klingt — Inzwischen ist er mir, ich weiB
nicht warum, zu gleichgiiltig, um nur noch einmal seinetwegen
einzutunken.
War' ich, venezianisches Glas: so hatte mich dasmal Fenster-
blei gefasset, der Spezial Zeitmann und der Korrespondent Fisch.
Der 'Spezial geht noch hin, es ist bloB ein feiner rotwangiger
politischer Mann, der, wenn die Tiirken unter den 99 Namen
Gottes dendes Stolzen haben, auch als dessen Diener nachdiesem
30 Namen schnappt ; hingegen Fisch ! - Du weiBt, es gibt fur dich und
mich gewisse uns das Ruckgrat und das ganze Knochenskelett
ausleerende Markzieher von platten Leuten, die uns jeden Arm
des innern Menschen dergestalt lahmen, daB er keinen Schmetter-
ling mehr hebenjcann - mit Witz, Feuer, himmlischen Gedanken
ist es clann ohnehin vorbei-fiir das ganze angebotene linke Rhein-
ufer bracht' ich kein Epigramm, z. B. aufs rechte, zustande - und
996 BRIEFE UND BEVORSTEHENDER LEBENSLAUF
so fall' ich von Stunde zu Stunde matter und falber aus, bis ich
unter einen solchen Markzieher selber sinke, ders weniger durch
Plattheit des Kopfes als des Herzens ist, das man mit nichts er-
hitzen und erheben kann.
Fisch war dergleichen, mein antizipierter Marasmus. Zum Un-
gluck saB er in der HofTnung neben mir, etwas Vernunftiges oder
eigentlich Literarisches von mir aufzuschnappen; und selber der
kluge Spezial war so einfaltig, daB er auf die kliigsten Remarquen
zahlte Eine der verdammtesten Erwartungen, die mir liberal!
nachsetzt! — Verhenkert! Ich weiB es, leben soil der Autor, wie 10
er schreibt - ja noch besser fast, und nach einem schonen Gleich-
nis, das ich hier machen kann, soil er in die weiten Tage seines
Lebens die moralischen Kleinodien allmahlich wahrhaft einwiir-
ken, die er seinen Traum-Gestalten in reichen Zusammensetzun-
gen auf einmal umhangt, wie im Dresdner grunen Gewolbe alle
die groBen Juwelen, wovon anfangs die unechten Nachbilder in
der sachsischen Krone aufgefadelt gewiesen werden, dann echt
auf Kissen umherstehen - ich sage also, er soil so leben, wie er
schreibt, aber doch beim Himmel nicht so sprechen. Wie, Viktor,
alle lebendige Modelle in Malerakademien hatten wenigstens an 20
Festtagen die Konzession, die Gestelle zu raumen und einen Tag
lang kein Muster zu sein; und wir arme Ritter- und andere Bu-
cher-Macher sollten nicht einen Festtag gewinnen, wo wir keine
Umstande zu machen brauchen, sondern nur dummes Zeug? Wie,
ewig sollten ich und Lavater und Meusels gelehrtes Deutschland
uns zusammennehmen und mit beiden Handen die gottlichsten
Bilder, Sentiments und Rafflnements rechts und links auswerfen?
Und unser Lohn halbjahriger Anspannungen bestande bloB in
noch groBern augenblicklichen ? - Da sei der Teufel klassischer
Autor! - Es ist mehr als genug, wenn man fiir seine Nachbarn 30
und Verwandten ein Schaf ist und erst fur Ausland und Nachwelt
ein voranschreitender Leithammel und ein goldnes Kalb oder
Simultan-Ohrengehenk.1 —
1 Das goldne Kalb wurde bekanntlich aus Ohrringen gegossen.
SECHSTER BRIEF 997
Zehntes Kapitel
Die weiblichen Magenfieber vom Pickenick waren anfangs
noch gelinde Schauer. Mit Vergnligen sah ich, wie schon gesagt,
daB man Stiefels Kerbelsuppe und meine Bergsuppe ohne Neid
aufnahm - Hedasch schlug sich mit seinen Hechtwiirsten samt
Hopfen von armen Rittern wohlbehalten durch - die dressierte
Rinds-Pastete der Spezialin war schon schwerer zu verfechten -
aber jetzt trat der farschierte Puter des Sechsers mit seinen Kar-
toffeln auf. Die Manner nicht, aber die Weiber spreizten und
10 spannten alles, was sie von Puterfktichen und Schwanzradern am
innern Menschen hatten, jetzt auseinander und klappten auf und
zu und wetzten und rauschten ! - Gar aber hicht des farschierten
Hahnes wegen, sondern weil Kartoffeln kamen.
Diese wurden allgemein fur Epigrammen und Parodien der
iibrigen NaturalHeferungen gehalten; wenige waren der reichen,
eingezognen, lesenden Benigna gut* »Was soil das, Frau?« fragte
hinglotzend der alte Poshardt. »Herr J. P.«, sagte sie, »hat mich
darum ersucht, bloB fiir sich.« Zum Ungliick bot ich, in meiner
blinden Abstumpfung neben dem Markzieher, die Plmzen herum
20 und sagte: »ob sie gleich ein Oberrest aus dem Paradiese waren,
aus Quito : so genoss' ich sie doch nur darum gern, weil man sie
einmal auf das Tischtuch 'des franzosischen Konigs aufgesetzet,
eines Mannes, der seine 448 Menschen in der Kiiche hatte, wobei
ich 161 gargons de la Maison-bouche gar nicht rechnete.« Pos-
hardts Frage, unser Einverstandnis, das Prasentieren, das Plai-
santieren gab noch mehr den Kartoffeln den Schein satirischer
Gift- und Pechkugeln. Ich gutmiitiger armer Teufel, dessen Galle
unter Leuten wie die eines Fotus suB ist, soil iiber Kochkunst,
uber welche Weiber noch weniger als iiber ihre Kleidung Scherz
3° verstehen, einen getrieben haben? Rede du fur mich! In der Tat
sollte man nur ofter, wie man gepiilverte SpieBglasspitzen in Pelze
saet, die Wurmer zu spieBen, sich den Pelz mit ahnlichen Spitzen
gegen geselliges Ungeziefer bewaffnen!
So viel ist nun klar, daB die jetzt lebende Generation in Kuh-
schnappel kein Pickenick gibt - die kunftige kann vielleicht diese
eucharistischen oder sakramentarischen Streitigkeiten vergessen.—
998 BRIEFE UND BEVORSTEHENDER LEBENSLAUF
Inzwischen erfuhr ich alles erst spater von Benignen; in kleinen
Stadten ist man scheuer und stummer als an Hofen - man spricht
und geht so piano, als wenn man unten vor Lauwinen vorbei-
reiset, um sie nicht auf den Kopf zu bekommen; - so saBen wir
unter der peine forte et dure, aber bloB um zu schweigen, durch-
einander. Da Unzer behauptet, daB die beschwerlichen gekiin-
stelten Attitiiden in Gesellschaft der Gesundheit durch die Mus-
kel-t)bung frommen : so lieB es sich zu einem allgemeinen Gene-
sen durch stille Motion recht gut an.
Noch betriibter sah es mit den jungen Leuten aus. Der Statt- 10
halter hatte Augen und Ohren, gliicklicher als wir, nur beiMariet-
ten und hielt ihre fest. - Veit war der rachsiichtigen Rolle bei
Zephyrinen satt, und unter der Serviette zerfloB ihm das Herz,
und er guckte endlich, da die prude Schnorhamel nicht repartierte, .
gerade vor sich hin auf mich und sah aus wie einer, der niesen
will oder weinen. Diese Schnorhamel mochte etwan gehort haben,
daB reiche weiche Prinzessinnen und Grafinnen bei Tische selten
anbeiBen und bloB einige kandierte Stengel Sonnenstrahlenkauen
und ein Spitzglas voll Himmelsluft dazu nippen; daher wollte sie,
bei so viel Geld, so gut ihr Karenz-Leben haben wie eine und lieB 20
mit niedergeschlagnem Augenlid und kaltschuttelndem Kopfchen
Hecht und Puterfarsch voriiberlaufen — die Kerbel- sowohl als die
Bergsuppe wurde vom Mutze aus Verachtung nicht einmal be-
leckt.
Eilftes Kapitel
Im Leben ists wie am Himmel: eben dadurch, daB Sternbilder
auf der einen Seite untersinken, mussen neue auf der andern her-
auf. Der Spezial erzahlte dem Pickenick, er habe schon 40 Pru-
fungen zu geistlichen, 6 zu Schulstellen, 17 Predigerkonferenzen,
47 Ordinationen und 11 Synoden gehalten; »aber unser Leben«, 30
setzt' er hinzu, »ist, wenn es vorbei ist, ein Nebel gewesen - buch-
stabieren Sie Leben riickwarts, so kommt Nebel heraus.« Diese
Retour-Fracht des Worts setzte den alten Sechser ins groBte Er-
staunen — »Ich mochte nur wissen, wie man auf so was fallen
kann«, sagt* er und brummte: Leben Nebel, Nebel Leben. »Ja
SECHSTER BRIEF 999
Heset man«, setzt' ich dazu, »NebeI riickwarts, so kommt wieder
Leben heraus.« - »Ganz naturlich«, sagte Zeitmann.
Poshardt konnte sich-ob er gleich wie indischeKaufleute dem
andern die Hand nur driickte, urn zu handeln, und nur durch das
wach blieb, wodurch Leibniz sich einschlaferte, durch Zdhlen -
einer religiosen Achtung fiir Wissenschaft in Amtern und fiir
Geistlichkeit schwer entschlagen; und da Zeitmann, so wie im
Stifte zu Tubingen ein Stipendiat ins Essen hineinpredigt, etwas
Ahnliches tat: so wurde Poshardt von der Wiirde iibermannt und
10 erhob dessen Scibile. Vielleicht wurd* er durch Vitos Abson-
derung von Marietten zahmer.
Zeitmann, aufgemuntert, fragte, da er so viel von Hamburg
ziehe, ob er wohl wisse, woher Altona den Namen habe, und fuhr
fort: »Von Alliunah an Hamburg.** Die Gesellschaft sann zwei-
felnd; »to«, sagt' ich, »heiBet im Englischen {«.« - »Altona!« fuhr
der Sechser gegen den Forstmeister, der ein lustiger Kopf war.
» Oho, bin ich dem Herrn Hamburg Allzunah ?« - »Eher ein Halber-
stadt konnte Herr Forstmeister Hedasch heifien ; denn Halberstadt
fiihrt den Namen, weil es nur halb ausgebauet wurde«, versetzte
20 der Spezial mit dem gehaltenen leichten Predigerlacheln. Wir
lachten alle sehr, weil der dunne Hedasch gerade der halbe Sektor
vom dicken Sechser ist..
So flog Witz und Gelehrsamkeit verkuppelt wie ein Paar
Krammetsvogel iiber die Tafel hin und her.
Nur von mir versieh dich keiner Saillien und Repartien, wenns
nicht eine einfaltige Sprachanmerkung iiber das to ist. Ich saB in
meinem Pfeffer und Salz-hasenhaft da und hatte meine vis cogita-
trix-aestimatrix-conformatrix-concoctrix-appetiva-motiva (zwar
scholastische Namen; aber alte) bei mir ohne den geringsten Nut-
30 zen. Lasse mich immerhin den langsten sich um den Ellenbogen
schlagenden Aal vorstellen - mir hilfts nichts, Fisch legt sich als
altes Eisen auf mich, das den starksten Aal erschopft und aus-
mergelt. Er arbeitet an einem gelehrten Kuhschnappel und wiinscht
sich Notizen von Siebenkasens Leben. - Er meldete mir, daB er
miihsam schon dreizehn Jahre an einem gelehrten Deutschland
von anonymen Autoren sammle und schwitze; daB ers aber gar
IOOO BRIEFE UND BEVORSTEHENDER LEBENSLAUF
nicht zum Edieren zu bringen, vermoge, weil immer, wenn er den
Band zu einer gewissen Grofie hinaufgebracht, sich 10, 20 an-
onyme Autoren auf einmal in einer Messe nennten, und so werd*
ihm leider stets vornen so viel abgangig, als er hinten ansetze. -
Da ihm nicht am Genusse oder Werte, sondern nur am Dasein
eines Werks gelegen ist: so fragt' er mich, womit ich wieder die
gelehrte Welt beschenkte. »Mit einem rediviven Kreuztrager
Hiob«, versetzt' ich Fischen.
Aber weiter, weiter!
Zwolftes Kapitel 10.
Der Landschreiber Borstel trat gebogen vor den aufgebaumten
aufgetriebnen GroBweibel und stotterte: »Ein Haufe Komodian-
ten seien drauBen und wollen die Gnade haben und in der Stadt
ihren Hokus-Pokus machen, wenns Ew. Gnaden ihnen gnadigst
permittieren; sie wollen alle darum anhalten.« - »Sag* Er dem Ge-
sindel, Schreiber, ich wtird* es ihnen wahrscheinlich rund ab-
schlagen - sie sollen aber warten, ich wollte erst ihre Testimonien
und Legitimationen genau durchgucken - jetzt aBe Sein Herr
Prinzipal.« - »Das soil ihnen ausgerichtet werden, gnadiger Herr«,
versetzte Borstel und trug das Publikandum fortgebiickt hinaus, 20
kam aber schleunig wieder und sagte kopfschuttelnd : »Sie bitten
und betteln drauBen ganz spektakulos - sie sagen alle, ich sollte
nur so lieb sein und sagen, sie hatten.nichts Weltliches, sondern
lauter geistliche biblische Historien, in dergleichen waren sie ganz
perfekt.« - »Hab* ich Ihm nicht gesagt, daB ich jetzt speise?«
wandte sich Schnorhamel um. »Das Volk«, sagte der Schreiber,
»kann warten, es soil mir niemand mehr kommen.« - Borstel
trug seinen angebornen Buckling weg, der den des Pisaturms,
wenn man von ihm wie von diesem ein Senkblei fallen lieBe, viel-
leicht erreichen wiirde; denn die Spitze des Turms fand man jo
1 2 FuB iiber die Basis hinausgebiickt. Er und viele Beamten von
Kuhschnappel genieBen mehr als andere Deutsche das Privile-
gium, das der elfte Paragraph1 der Miinzordnung von 1559 er-
teik, daB man in Zahlungen niemals iiber 26 fl. kleine Miinze solle
* SchmauB. corp. jur. publ.
SECHSTER BRIEF IOOI
anzunehmen gehalten sein; denn sie haben uberhaupt nie so viel
einzustreichen.
Jetzt wurde das Gesprach dramaturgisch. Der Forstmeister -
der verniinftigste, freieste, natiirlichste Mann am ganzen Tisch -
gab dem GroBweibel gegen die Windgeschwulst ein abtreibendes
Pulver ein und erzahlte, Schnorhamel habe als Gymnasiast in
dem Schuldrama von Elisa und den gefressenen Kindern wegen
seiner Lange allezeit den Zeiselbar allein gemacht, da sonst zu den
Vorder- und zu den Hintertatzen zwei Tertianer notig gewesen
10 waren: und davon nab' ers Brummen noch. Der ausgebalgte Bar
kontrastierte gegen den vollen ohne Fell, der den Erdglobus fiir
das Throngeruste des GroBweibels nahm und dessen Ich in der
Sommeringischen Gehirnfeuchtigkeit taglich wie ein Ersoffner,
oder wie der fette gebratene Schwamm im Magen einer saufenden
Ratte, starker schwoll.
Poshardt hingegen erzahlte, er und der Spezial hatten in Augs-
burg als Gymnasiasten in den romischen Geschichtenmitgespielt,
und zwar er den Brutus und Zeitmann den Casar. »Ich und Herr
Spezial«, fuhr er fort, »waren damals Schulkameraden und sehr
20 kordat, von quinta bis tertia waren wir ja zusammen fortge-
rutscht. Aber das Drama! - Wissen Sie, Herr Spezial, Sie fuhren
mit Ihrem Stichwort heraus: >Auch du, mein Sohn!< eh ich noch
zugestochen hatte. - Bei meiner Seele! ich forchte mich auf ein-
mal, ich mochte Ihnen einen Stich geben, wenn ich Sie ersrache -
Und schon sah er auch aus, Madame! - Und ich war damals ein
weichherziger guter Teufel - kurz ich lieB meinen Sarras fallen
und wurde nachher vom Prazeptor tuchtig ausgehunzt. - Ich
denke noch heute daran.« -
»Ich entsinne mich«, versetzte Zeitmann, »dessen ganz gut;
30 und auch einer ahnlichen Geschichte1 zwischen zwei welschen
Sangern, wovon der eine den andern wegen des schonen Gesan-
ges umarmte; ich glaub', er sollt' ihn iimbringen. - Ich muB aber
sagen: zieh' ich jetzt das Verhalten unsers Prazeptors vor den
padagogischen Richterstuhl : so kann ichs nicht ganz lossprechen
1 Der Sanger Senesino sollte als Tyrann den ungliicklichen Helden
Farinelli anfallen, statt ihn zu umarmen.
1002 BRIEFE UND BEVORSTEHENDER LEBENSLAUF
- ich wtirde an seiner Stelle mehr die gute moralische Gesinnung
erwogen haben, die Sie dabei zu erkennen gaben.«
Betrachte hier die feste Hand, womit der Spezial mit dem eng-
lischen Schliissel Petri, wenn er ihn hatte, manchem koniglichen
GebiB Hunds- und Weisheitszahne ausbrechen konnte • betrachte
seine Wiirde, die der Warme wie dem Reichtum trotzt (denn er
wie seine Diozesani haben, da Christus den Jungern zwei Rocke
verbot, mithin als deren kleinere Nachfolger nicht so viel an, als
jenen verstattet war) - betrachte den Sechser, dessen froher sym-
pathetischer Humor nur vom Handel, dieser Quickmuhle des Teu- 10
fels, die Legierung erhalten - betrachte die schon gefarbte Mor-
genrote einer moglichen Aussohnung und lies dann das
drei^ehnte Kapitel
Du findest uns alle schon unter den Kirschbaumen - die bibli-
schen Komodianten miissen warten — alle Pachter sitzen in den
Gipfeln, und die Pachterinnen stehen auf den Wurzeln und halten
die Schiirzen auf, und man lacht viel.
Aber daran ist etwas schuld, was du gar noch nicht weiBt.
Indes wir namlich nach dem Tischgebet am Fenster standen, rief .
auf einmal die Spezialin : »Um Gottes Willen, Herr Rat, schneu- 20
zen Sie nicht! was haben Sie da?« - Stiefel hatte bloB sein Hemde
in der Hand. Der gute Prediger, der den Kopf voll Cypselus- und
Mumien- und Lettern-Kasten hatte und darin keinen Wasch-
kasten mehr setzen konnte, hatte statt eines weiBen Schnupftuchs
ein nett zusammengeschlagenes Oberhemd eingesteckt. Ungliick-
licher- oder vielmehr glucklicherweise - denn dieses mouchoir
de Venus suspendierte den arsenikalischen Schwaden der satiri-
schen Kartoffeln - schauete die Zeitmann zu, wie er etwas WeiBes
herauszog und auffaltete, wovon zwei Armel niederhingen und
das ihm nicht recht in die Hand fallen wollte. »Ich kdnnte«, sagte 30
er etwas rot, »noch auffallendere Exempel von gelehrter Zer-
streuung aus meiner geringen Lektiire beibringen.« Inzwischen
heitert dergleichen verstimmte Kranzchen sichtlich auf.
Alles tobte und schluckte, die Spezialin auch mit, die mich jetzt
floh, weil ich sie weniger suchte als Benignen, die anfangs mir
SECHSTER BRIEF IOO3
auswich, weil in Kuhschnappel zwar schon ein bloBer Biicher-
schreiber ohne Amt - denn einer mit einem bleibt immer ein
Rotkehlchen, das neben dem Dienste eines Sangers auch den des
Fliegengiftes tut und Mucken fangt -, aber doch noch mehr eine
Freundin dieses Schreibers gehasset wird. Ich gestehe dirs, der
ganz in ecorche1 gekleidete innere Mensch der Spezialin, deren
Tochter wenigstens ein Paar demi-negliges mehr umschlagt, war
gegen meinen Geschmack, der Weiber den Schnecken vergleicht,
wovon die verschlossenen zarter zu genieBen sind.
10 Benigna war iiber das tolle junge Paar niedergeschlagen. Und
beim Henker, mit Recht ! Wie selig hatten heute Vito und Marietta
im Tanze, im Essen und unter den Baumen in den Perlenbachen
der Freude fischen und schnalzen konnen ! Aber wir sind alle so :
wenn wir Wasser haben, setzen wir, wie in die Seine, Netze zum
Auffangen einiger Leichen ein, und erst wenn der Zirknitzer See
wieder verlaufen ist und wir stranden und festskzen, wollen wir
platschern und segeln und fischen ! O welche Bliitezeiten, welche
nie umkehrende Fruhlinge hat nicht jede klagende Seele schon
versaumt !
20 Als Benigna mit dem auBer sich gebrachten Veit einige ver-
mutlich gesetzliche Worte gesprochen hatte: prasentiert' er der
Spezialin und der Tochter sehr viel Steinobst. Weiber sind in der
mannlichen Uhr die Unruhe, welche die Bewegungen maBigt.
Benigna blieb allein auf einem Hiigel; »er sei ihr immer lieb,«
sagte sie, »weil sie in ihrem funfzehnten Jahre nach einer fast tod-
lichen Krankheit, worin sie ihr Vater (Antezessor des Spezials)
von Gott erbeten, hier zum ersten Male wieder die untergehende
Sonne in der Kirschenzeit gesehen, wiewohl sie kraftlos nicht
wieder zu FuBe zuriickgekonnt. Damals« (schloB sie) »kam mir
3° die Welt ganz anders vor; warum hat mich Gott nicht in diesem
Glauben weggenommen? Ich ware vielem entgangen.« Ich ver-
setzte: »Wenn immer die Eingebornen einer bessern Welt und
die Opfer der hiesigen aus dieser laufen wollten : so blieben am
Ende nur die Qualgeister der erstern auf ihr sitzen ; und dann war'
1 So heiBet die den Tanzerinnen angenahte fieischfarbige Kleidung und
Nacktheit.
1004 BRIEFE UND BEVORSTEHENDER LEBENSLAUF
es am besten, das Narrenschiff der Erde gar abzutakeln und zu
entmasten.«
Dieses Trosten ging mir schwer von der Zunge; solche Her-
zensaugen wie ihre sieht und macht einer wie ich - der das Auge,
zumal das weibliche, fur kleinere Himmelskugeln halt und gern
einen Augen-Harem hatte - lieber naB als trocken; besonders an
einem schonen Wesen, dem das Geschick wie den meisten von
uns, wie ein Kinderlehrer, nach den schon illuminierten Weltkar-
ten zur Obung irn Zurechtfinden bloBe farbenlosey schwarz und
weiBe gegeben. Es arbeitet etwas HaBIiches in uns Mannern, was 10
mit sanftem Riihren die weiblkhen Schmerzen, um sie zu teilen,
votiier gern mehren will; wir wischen die Tranen oft wie der
Chirurgus das Blut der geoffneten Ader ab, bloB damit es starker
rinne. Viktor, dagegen laB uns wacker kampfen! -
Vier^ehntes Kapitel
Hier wird mir schon wieder meine selige Kalypsos-Insel unter
den FuBen weggezogen. Ich prophezeiete oben, wie du weiBt,
nichts Gutes. Das Gewolke warf von Zeit zu Zeit bloB einige
Platzkiigelchen. »Noch hat es keine Not,« (rief ich der frucht-
tragenden Gesellschaft zu) »aber abends steh* ich fur nichts, wenn 20
der Mond aufgeht, welches um 6 Uhr sein muB.« -
Hedasch marschierte aber unglaubig nachGrems. »Aber,Herr,«
rief der Sechser, »der Bose soil Ihnen das Licht halten, wenns
nicht wahr ist.« '— Statt der Samenperlen fuhren schon einge-
schmolzene weiche SchloBen nieder. Ich wollte noch einige Trost-
worte auf die bewohnten Baume werfen : als die Wolkenzisternen
uber uns umgestiirzt - Tropf bad in Plongierbad verwandelt - die
Pacht-Unitat in FluBgotter und Wassernixen eingeteilt - und wir
samtHch damit iiberrascht wurden, daB wir nicht ersofFen. Eine
wassersuchtige Wolke war angebohrt oder zersprungen. - Als 30
wir uns unter den nachregnenden Blattern lieber badeten als unter
dem nachregnenden Wolken-Abhub : HeB ich mir die verschie-
denen Phrasen nicht entwischen, womit sich jeder half; die Spe-
zialin sagte: Mariettchen! - und diese: Mutter, Mutter! - der
Spezial: Gott sei uns gnadig! . — Vito: Sapperment, Sandro! -
SECHSTER BRIEF IOO}
Alessandro: peste! - der Sechser: ein verfiuchter Windsack, der
Bucherfex I - der GroBweibel : pferdemaBige Teufels - Wirtschaft !
- der Landschreiber: ach Herr jemine! - und ich: es ist gleich
vorbei! -
Und das geschah auch; aber die warme Sonne setzte ihre Stech-
strahlen auf nasse Gewander an den schreitenden Stamen, an
denen nichts mehr trocken war als Einfalle wie dieser. Und so
kam der noachitische KongreB von Tauf lingen im Lustsaale fort-
regnend an, voll katarrhalischer Angsten und ohne Aussichten auf
10 trockne Wasche. Niemand hatte etwas anzuziehen als der Pre-
diger sein Schnupftuch.
Solchen Tauf lingen war eineFeuer-Taufe nachso nassent)ber-
schlagen notiger als alle Reichswohltaten : wer sprang uns bei als
das
funfaehnte Kapitel
Anfangs wollte nichts werden, wir standen mit unseren Saug-
adersystemen da und zogen wie Sonnen Wasser; ich meine uns
Manner; denn die Weiber waren schon in einer Schal-Miihle der
Pachterin und ihrer Tochter, in deren Kleiderschrank man sich
20 teilte und kleidete. Die mannliche Gespannschaft aber war schwer
aus dem Kleidermagazin des alten Pachters zu montieren, das
an einem Nagel hing.
Gliicklicherweise waren die biblischen Komodianten noch
drunten, die auf Sonnenschein und Schnorhameln gelauert hatten.
»Wohlgeborne Herren,« sagt' ich, »konnen wir denn nicht, bis
die Sachet trocken werden, uns einstweilen in die biblische Thea-
tergarderobe stecken? Sollte sich jemand von uns schamen, ein
weiser Salomon, ein gefallner Adam, ein Hiob oder ein Levit zu
sein? Mit Vergnugen werd' ich meines Orts mich zu allem um-
30 kleiden, zum erschlagnen Abel oder, wenn sein Rock fehlt, zum
Kain, der ihn totmacht.«
»Ein schnurriger Gedanke!« sagte der Sechser, »aber einmal
haben wir den Karren in den Dreck geschoben; er muB wieder
'raus. Nur her! Ich ziehe den Teufel und seine GroBmutter an,
wenn er trocken ist.« - »Ein sehr bedenklicher Handel !« sagte
der Spezial. »Man soil wohl seine Gesundheit nicht riskieren;
IO06 BRIEFE UND BEVORSTEHENDER LEBENSLAUF
aber Argernis ist in jedem Fall zu meiden: sind denn die Kleider
so gewiB alt- und neutestamentliche, Herr Paul ?« — »Und geben
sie denn die Komodianten her?« sagte der Sechser. »Das ist wie-
der eine ganz verhenkerte Frage.« - »Sie miissen,« sagte der
GroBweibel, »man lasse mich das machen.« -
Denke dir den Jubel von uns jungen Leuten uber die Scenes a
tiroir oder Moralitaten, die uns der Zufall zu extemporieren gab.
— Denn um kurz zu sein, der Kleiderkasten wurde vom Wagen
in die Herrenstube hinaufgeschafft. Wir fanden darin jede Rolle,
namlich die Kleider derselben, zusammengeschnurt mit ange- 10
stecktem Namenszettel. Gekronte oder sonst ansehnliche drama-
tische Personagen lagen im Kasten oben. Zuerst was immer oben
schwimmt, eine Schicht Konige. - Der Spezial nahm den Konig
David und ging damit in die Anziehkammer-Poshardt griff zum
Sonne, dem Salomon. - Der GroBweibel zog den Hohenpriester
wegen des Brustschildes in jedem Betracht den drei Konigen aus
Morgenland vor. - Diese waren nicht sonderlich brillant; da aber,
wie in der Welt, wenigstens einer davon schwarz war und noch
dazu einen Ordensstern auf dem Knopf loch hatte, so zog Vitomit
Recht bei der jetzigen Welt-Land-Trauer der Mode den schwar- 20
zen vor und an. - Alessandro, der ebensogern zur Parodie Vitos •
und aus Mode sein eigner Schwarzbinder und Kammermohr sein
wollte, biB in einen sauern Apfel und warf uber seinen innern Unter-
zieh-Menschen den Ham, den Noah durch Verfluchen unter dem
Zuhoren schwarz gebeizt. - Stiefel ging, ohne nur nach demTauf-
schein zu schauen, als Absalom davon. - Sehr gute oder leidliche
Charaktere gingen durch anonymeKlubisten weg; denn dukannst
dir denken, daB ich dir nicht habe jeden Narren prasentieren und
mit meiner Spring- und Uhr-Feder in der Hand nicht ein so in-
einander verschranktes Raderwerk unserer Konzert- und Kuk- 30
kucksuhr umtreiben konnen. — Jetzt waren nur noch zwei mann-
Hche Charaktere im Kasten, Adam nach dem Fall und der Teufel.
Ich maBte mir des erstern Exemplar an, es war ein nicht sonder-
lich illusorisches ecorche von Leder, genau gesprochen ein Paar
Oberhosen, die bis an den Adams-Kriips langten, mit einem Paar
Lederarmen, wie du taglich von weiblichen in Gestalt der Hand-
SECHSTER BRIEF IOO7
schuh (eigentlich Arm-Schnurstiefel und Arm-Gurgeln) ziehen
kannst. Der Teufel - der Feind, der im Gleichnis Unkraut saet -
bestand, wenn man die Horner nicht aufsetzte, in einem leid-
lichen Fantaisie-Balg, eigentlich ein zurechtgenahter, auswarts ge-
kehrter Schafspelz, woran hinten des Kostiims wegen ein mit
Draht aufgesteiftes MufF-Schwanzchen ungefahr wie ein Fuhr-
mannspfeifchen aufstand. -
Aber den Teufel mochte keiner - dem Landschreiber Borstel
wurden vieleVorschlage, aber in den Wind getan - seine Haupt-
10 besorgnis war, der Bose lasse nicht mit sich spaBen und kdmme,
so an die Wand gemalt, personlich vor das Bene, wenn man frevle
- man bat ihn, das Pelz -Warns aufzuheben und das Heiligen-
oder Schwanzbein anzufassen und zu observieren, wie abge-
scheuert schon alles vom Tragen sei und daB also der bose Feind
den Trager schon langst geholet hatte, ware dem Feind die Sache
sonst unangenehm - alles verfing nichts, weil er sagte, dafiir sei
der Mann ein Komodiant und sei bloB in seinem Beruf. Er hin-
gegen wiirde sich dergleichen nur als ein Frevler unterfangen -
Kurz er war nicht ins gehornte oder geschwanzte Warns zu brin-
20 gen, bis der freigebige Alessandro sagte : sonst bringe der Teufel
Geld, aber hier soil* ers holen; und bis mein Freund Stiefel ver-
sicherte, als Hospitalprediger, er nehme das Risiko auf sich. -
Der Korrespondent Fisch tropfte noch und hatte auf nichts zu
fuBen als auf jiidische Damen-Kleider, worein er aber nicht wollte :
»Der FuJ3y« sagt* er markziehend, »worauf man sich bei der-
gleichen setzt, bewerkstelligt stets eines und das andere, was zwar
ein anderer in die Acht schlagen wiirde, worauf aber ich, dessen
bin ich nicht hehl, hochlich Bedacht nehme. « - »Sapperment,
Herr,« (sagte der weise Salomo, Poshardt, der schon fertig zuriick
30 war) »Sie werden unter uns nicht allein den Superklugen machen
wollen; was heute ein gescheueter Mensch und kein Hans Dampf
ist, der geht hinaus und kommt so blitznarrisch wieder herein wie
ich« - » Aber hier«, sagt' ich plotzlich, »hab' ich einen hermaphro-
ditischen Ausweg: das Leder hier« (es soil die gefallne Eva vor-
stellen) »kann jeder vernunftige Mann und jedes Geschlecht an-
tun; es ist mehr ein Futteral als ein Habit.«
1008 BRIEFE UND BEVORSTEHENDER LEBENSLAUF
Und so ging die allgemeine Retour-Seelenwanderung vor sich;
nur Hedasch blieb, wie er war, sein eignes Trockenseil; aber er
war auch friiher und trockner angelangt als jeder.
Sech^ehntes Kapitel
War's kein Schreiben an dich, Viktor, sondern an die Welt: so
konnten bei einem solchen Durcheinanderspringen von Rollen
und Charakteren an alien Wasserwerken des Witzes die Hahne
aufgedreht und ein paar Bogen vollgespritzt werden; dir aber
muB ich bloB erzahlen.
Noch ehe die Weiber kamen, wurde das medizinische Psephis- 10
ma oder das Kreisdirektorialkonklusum abgefasset — der Erkal-
tung wegen-, daB man etwas trinken miisse; und dieses erklart
das bekannte Faktum, daB hernach Bouteillen abgezogen wurden
auf Weinglaser: »Auf Biihnen,« sagt' ich, »wozu nun auch die
Herrenstube gehort, ist Trinken stets reell.« Der Teufel mit sei-
nem unschuldigen Drachenschwanzchen war unser Mephisto-
pheles, verschrieb aber selber sich unsern Seelen aus Hoflichkeit.-
Betrachte nun die Zauber-Bauerinnen, wie sie hereintreten •*-
erstlich Mademoiselle Schnorhamel! Ihre geborgte Halbtrauer
(denn die Hemd-Armel waren weiB) stand als ein schoner Halb- 20
schatten um ihr blasses Gesicht, vom Angstigen und Umkleiden
leicht koloriert ; und sie selber ist durch die neue Lage eine wenig-
stens nicht mehr nach dem Drahte, sondern nach dem elektri-
schen Funken tanzende Puppe. Anfangs wehrte sie sich ver-
schamt gegen die Hemdarmel, weil diese nur bis an den Ellen-
bogen reichen, ihre abgezognen Handschuh aber bis ans-Achsel-
bein. Betrachte meine mir zugehorige Benigna, von der ich als
fallender Adam lieber einen verbotenen Holzapfel empfinge als
von meiner ledernen Halfte und Heva, Fisch, den besten Hespe-
riden-Stettiner; die Emballage lieh und stahl ihr nichts; sie schien 30
jedem Stande gefugig und keinem gehorig. - Freilich blieb Ma-
rietta unter alien, von ihrer Schwiegermutter an bis zur ersten
Mutter Fisch herab, die Cypris. Leg ihr doch um das seelenvolle
Angesicht, worauf ein paar rote Perlen Aurorens zerflossen sind,
zwar die weiBe Biirgershaube und darunter das weiBe Halstuch -
SECHSTER BRIEF IOO9
denn sie ist im geistlichen Nachtmahls-Ornat der Bauerin — , aber
breite doch besonders die schwarze konigliche Kopfbinde mit
dem langen Spitzensaum iiber den Schnee der Stirn und schaue
dann das anredende blickende Blumenstuck unter dem schwarzen
Rahmen feurig an. O warum erleb' ich nicht die Mode kohl-
schwarzer Stirnbandagen, welche die Stirn so griechisch-lieblich
schmalern und besanftigen ? An Fischen freilich ware dergleichen
nur ein schwarzes Stockband von Leder.
Der Weise aus Morgenland, Voir, mit dem Stern der ubrigen
10 Weisen lief erstaunt, entsuhnt, erweicht und warmherzig gegen
diese riihrende bescheidnere Braut Christi los, voll guter Anspie-
lungen auf das Anbeten der drei Konige : als ein anderer Weise
aus Morgenland, der weise Salomon aus Norden, sein eigner Herr
Vater,der Konig, dasselbe tat und, weil er zugleich die Wirkung
des Direktorialkonklusums und des Stirn -Trauerrandes verspiirte,
lustig fragte: »Sehen Sie mich wohl fur den weisen Salomo an,
Mademoiselle ?« - »Und fiir den reichen?« sagte die Spezialin.
Ich prasentierte die biblischen Personagen: »Wir beide als erste
Eltern, gleich dem heiligen Bartholomaus1 im Besitz einer dop-
20 pelten Haut, prasentieren Ihnen hier unsere siindigen Nachkom-
men-hier den umgeschlagnenHam, den Stammvater der Schwar-
zen - hier die beiden Sonne des Psalmisten Davids, wovon Sie
den Absalom am langen Haar (Stiefel trug ein kurzes Periick-
chen) erkennen, den andern an der groBern Liebe fur den konig-
lichen Herrn' Vater. - Der Hohepriester kann nicht verwechselt
werden, weil er nach den jiidischen Gesetzen ohne alles Fehl sein
und elf Merkmale am Kopfe, neunzehn an den Augen und so
weiter haben muB. — Der Geschwanzte ist der Seibeiuns und ge-
horet nicht zur Familie, er saet bloB Unkraut und verbotene
30 Apfel aus und verfiihrt erste Eltern und letzte Enkel nicht mehr
zum Essen, sondern zum — Trinken.« -
Menschen, die aus demselben Abgrund und Pfuhl heraufkro-
chen, werden einander unter dem Heraufkriechen gut; die Wei-
ber hatten, wie Falken, dutch das Mausern das Gedaehrnis^z; B.
1 Er wird bei den Katho liken oft dargestellt, wie er seine skalpierte Haut
in der Hand tragt und doch seine anhat.
IOIO BRIEFE UND BEVORSTEHENDER LEBENSLAUF
der Kartoffeln) verloren und vielen Verstand bekommen; und
der Friedensengel ging unsichtbar mit einem breiten Olzweige
umher und fachelte von den weiblkhen Herzen jede fliegende
Hitze und Bremse weg.
Solche Verkleidungen machen, als kleinere Redouten und
Saturnalien, die Menschen frei und friedlich. Ich beschloB, dem
Friedensengel zu helfen, namlich den Hammer hervorzunehmen
und die Eisenstabe, so lange als sie noch warm waren, zu Schmie-
den und zu loten. Ich ging zum Forstmeister und sagte: »Herr
Hedasch, Sie sind ein gerader fester heller Mann - der Sechser 10
und der Spezial stehen sich heute naher, als sie jemals stehen wer-
den - man muB sie gar aneinanderdriicken - helfen Sie mit.« -
»Das ist meine Christenpflicht so!« sagt' er und ging mit mir zum
Vor- und Nachfahrer-Paar, zum David und Salome
»Friede gemacht, ihr Konige!« rief Hedasch. »Wir kriegen gar
nicht«, sagte Zeitmann. - »Und beim Himmel!« (lenkt* ich ein)
ein Paar solche Manner, die schon am Morgen des Lebens mit-
einander ausgereiset und am Mittage eingekehret sind, konnen
sich in der Vesper desselben nicht scheiden; schon die Spiele der
Schule und des Dramas haben Sie unter schonen romischen Na- 20
men verknupft, und Sie, Herr Poshardt, haben Ihre Brutus- Rolle
mit einem so freundlichen Herzen gespielt — Die heutige Ver-
kleidung muB sie an jene alte erinnern; und durch den groBten
Zufall von der Welt spielen Sie wieder Vater und Sohn.« - »Ich
will verdammt sein,« (sagte Poshardt und erzahlte nach Art des
Volks die Historie zum zweitenmal) »wenn ich hatte zustechen
konnen, denn Sie sagten das Stichwort etc.«-»Ich berge gar nicht, «
sagte Zeitmann, »dafi mich der Trait stets geriihrt, wenn ich als
Rektor Welthistorie lehrte und innerlich an unsern Vorfall dachte.«
— »Das beweist,« (sagte der Sechser warm) »daB Sie einen alten 30
redlichen Schulkameraden nicht ganz vergaBen.« - »Wer Teufel,
Herr,« (sagte Hedasch) »wird das?« - »Man sagt nur Schul- und
Jugendfreunde,« (setzt* ich dazu) »nie aber Kollegien- und Alters-
Freunde; und eben darum muB man fruh gewonnene Herzen
festhalten, weil man nachher auf den spitzigen Stoppeln des Al-
ters nichts Sonderliches mehr findet.« - »Nun so gebt einanden*
SECHSTER BRIEF
(sagte mem Hedasch, die Trauungsformel parodierend, und tat
selber die Sache) »die rechte Hand und sagt Ja!« - »Ist das Ihr
Ernst, Herr Spezial,« (sagte Poshardt) »und meinen Sie es so mit
mir wie ich mit Ihnen?« - - »Herr Sechser,« (fing Zeitmann an,
der den Schein der Kalte fallen lieB, den er bisher der moralischen
und der priesterlichen Wurde und sogar dem Argwohn schuldig
war, er achte auf Geld oder auf seine Tochter) »ich bin ein Christ,
ein Priester und bin Ihr alter Freund: und iiberhaupt in diesem
Nebelleben und Lebens-Nebel wie konnen Sie mich so fragen?«
io - Und hier fing sein Auge an feucht zu zittern, wahrlich nicht
heuchlerisch, sondern weil sein poetischer oratorischer Stand
leicht in eigne schnelle Ruhrung setzt. - »Alter Schul-Kamerad,
alter Fritz,« (so hieB Zeitmann) »alte Liebe rostet nicht, da ist
meine Hand«, sagte Poshardt mit zwei groBen Tranen der Natur.
- »0 mein guter Vater!« sagte Marietta mit liebevollen geriihrten
Blicken, die anfangs aus einem MiBverstandnis unserer Lebhaf-
tigkeit naher gekommen war. »Es ist gut, Liebe !« sagt* er, Fein-
Fein- Fein-sein-wollend, aber freundlich und lustig, »geh nur wie-
der!« Er wuBte gar nicht, daB er geriihrt war.
20 Sie stellte sich ans Fenster und schauete weich in die bluhende,
von Tropfen zitternde Natur, die unter Sonnenblicken wie be-
tauet funkelte. Und als Vito blode zu ihr trat, sah sie ihn recht
vollherzig ins Auge und legte ihre Hand auf seine und sagte, ohne
die weibliche Stufenfolge der Versohnung, mit dem fliegenden
Sprang einer Dichterin: »Wir wollen wieder gut sein, Veit!« -
Und dieser Konig mit dem Abendstern der Liebe auf und in der
Brust wurde nicht nur gut, sondern entzuckt, entriickt, verruckt.
Sieh, Viktor, so find* ich die Menschen immer menschlich und
gut; und wenn man sich nur die Miihe nicht verdrieBen lasset,
30 von ihnen wie von der nux vomica einige giftige Haute, oder
doch die klein- oder groBstadtischen oder standesmaBigen Hul-
sen abzuschalen: so hast du einen Kern vor dir, der sich essen
lasset. Der Hauptfehler des Menschen ist, daB er so viel kleine
hat; und der Nebenfehler ist, daB wir das ganze Jahr die Wahr-
heit, wie sehr jeder endlichen Person durchaus einige Mangel zu-
zutrauen und nachzusehen waren, uns und andern vorpredigen
IOI2 BRIEFE UND BEVORSTEHENDER LEBENSLAUF
und gleichwohl bei jeder einzelnen nichts weniger erwarten als
einen Defekt, sondern ganz aufier uns dariiber kommen vor Stau-
nen und Grimm, besonders gerade iiber den gegenwartigen Defekt;
denn jeden andern, sagen wir, hatten wir ja von Herzen gern
vergeben.
So wollte sich z. B. mein Herz schon wieder schief setzen, als
der Sechser bei unserem Ratschlagen liber die Rekompense der
Komodianten sich mit einigen merkantilischen Moderationen von
weiten zeigte; bis ich mir satirisch vorwarf: »Blofi um den Sech-
ser recht zu lieben, hast du ein Ideal daraus geformt, und stutzest 10
nun iiber den Handelsflor in seiner Seele.« - Auf diese Art, mein
Lieber, erhalt' ich die Wege und Briicken zu meiner innern Frei-
stadt, wie die Juden zu andern Freistadten, immer sehr gut, und
man kann sie schwer verfehlen. -
Aber zu Ende! Der einzige schwarze Ham hatte von der vori-
gen und kommenden Lust schlechten GenieB. Sein Lust-Sitz war
eigentlich allemal da, wo das Band der Ehe oder Liebe lose und
locker war, wie du Ohrwurmer immer unter dem lockern Bast
der Nelken hervorziehen kannst; da aber jetzt alle Bander der
Liebe knapp anschlossen, so muSt* er mit Mademoiselle Schnor- 20
hamel ausreichen. Er hatte gern recht treffend und witzig und oft
auf seine schwarze Rolle angepielt oder auf unsere; aber erwuBte
nicht, wer Ham gewesen; und diese unuberwindliche Unwissen-
heit der Bibel prasumiere jetzt bei den meisten jungen Franzosen
und Deutschen, doch weniger bei jungen Theologen.
Jetzt wurd' es immer schoner, auch am Himmel; 6 Uhr kam
naher und der Mond, und ich erinnerte die Gesellschaft an meine
Weissagung unter den Kirschbaumen, daB sich um 6 Uhr das
Wetter andern wiirde, das nun, da es zum Gliick boses war,
naturlich in nichts umschlagen konnte als in gutes. Nahe vor der 30
Erfullung werd* ich — wie die letzten Propheten, z. B. Zacharias,
immer deutlicher weissagten - immer klarer und bestimmter, ob
ich gleich recht gut weiB, daB man in wenig Minuten mich mit
dem Wetter konfrontiert.
Wohin du jetzt nur blickst, auf welches Gesicht du willst, du
ertappest Lust darauf. Die Weiber kamen ins Sprechen und sag-
SECHSTER BRIEF IOI3
ten von den zu Hause gebliebenen, ohne sie zu hassen, das notige
Schlimme - Benigna und die Spezialin waren iiber den Frieden
ihrer Manner und Kinder entziickt und schlossen ihren fester -
Hedasch setzte seinen Kuckuck wieder an und fuhrte das Tier-
reich redend ein - mein Kerl muBte wieder auf den Sessel und
sem kaltes Feuerwerk vorschnappen und stand ganz mit Lor-
beern bedeckt wieder auf, viel anders als am Morgen - die Man-
ner (ich meine die meisten) setzten sich aus Regenmessern in
Visierstabe und DanaidengefaBe der Weine um — und der weite
10 Himmel wurde ein glanzendes Blau, wie ichaber vorausgesehen-
die jungen Leute sonnten sich drauBen neben perlenden Baumen
und unter den frohlockenden Lerchen auf diesem Morgen der
Natur. -
Was das Brautpaar anlangt, Viktor, so ists ein Jammer, daB
das hier ein Brief ist und kein Roman, wo ich make und loge nach
Gefallen. So viele Paradiese und Schaferwelten mit einigen Phil-
anthropistenwaldchen ich nur fur die gute Marietta auftreiben
und aneinander schieben konnte, so viele nahm' ich und setzte das
Kind mitten hinein ; denn nach einigen Jahren Leben im Komptoir-
20 Schacht vererzet und iibersintert sich der junge Poshardt doch so
gut wie der alte und wird metallisch und hart und sieht sich gern
(ach das wird Benigna oft bei dem Eden der Liebe des Paars
einfallen!) einer Liebe enthoben, die kein Ende nehmen will, so
wie in Paris Drahtperiicken bloB darum verboten wurden, weil
sie immer hielten. Inzwischen wird ihr der junge Handelsmann
schon, wie der Hamster den Vogeln, die poetischen Fliigel ent-
zweibeiBen.
Ich bin aus der Erzahlung heraus und mag auch nicht wieder
hinein. Kurz, als die Sonne unten am Himmel gliihte undschmolz,
30 brachen wir alle, wieder in unbiblische Charaktere umgestiilpt,
versohnet auf und kamen, wiewohl wirr gleich der braunschwei-
gischen Mumme, unter der heutigen Fahrt etliche Male sauer ge-
worden waren, doch wie diese suB zu Hause an; und die Manner
faBten, eben weil sie Kleinstadter waren, einander mit warmern
festern Handen. - Und nun gehab dich wohl! - Aus Niirnberg
oder Erlangen schreib' ich wieder.
IOI4 BRIEFE UND BEVORSTEHENDER LEBENSLAUF
Das beiligende philosophische Schreiben an meinen SohnHans
Paul gib, wenn du durch Jena reitest, fur das Niethammersche
philosophische Journal ab, worein man es, sollt* ich denken,
nicht ungern aufnehmen wird.
Das BewuBte besorge gescheut, aber ohne Klotilden ein Wort
zu sagen; schneide ja, ehe du ihr den Brief gibst, diese Ecke weg.
Addio!
J.P.
Brief iiber die Philosophie.
An meinen erstgebornen Sohn Hans Paul, den er auf der Universitat
zu lesen hat
Guter Hans Paul! Ich muB dir schon im i8ten Jahrhundert
schreiben, weil ich ja nicht weiB, ob ich das neunzehnte oder
deine akademische Majorennitat erlebe oder nur deine Geburt.
Soil ich dich ungewarnet und unbewehrt in die philosophische
Judengasse laufen lassen, gleichgultig, ob sie dich fur den Porti-
kus oder fur das Lyzeum oder die Akademie oder fur Epikurs
Garten wegpressen? — Denn Ieider ist fur einen jungen Menschen
das erste System, das wenigstens etwas auf so viele dunkle Fragen
seiner Brust antwortet, immer despotisch; er mufite ein zweites :
bei sich fiihren, urn das erste abzuwehren. Aber wenn auch der
Philosoph wie ein junger Kaufmann mit Speditions-Handel an-
fangt: am Ende legen sich doch beide auf eigne Waren.
Ich gebe. dir, ehe du dich in den Luftballon der Philosophie
einschiffst, folgende Fallschirme oder Le Roux-Miitzen mit.
Hier nimm den ersten Fallschirm, aber faB ihn recht an, Hans I
Der logische Zusammenhang eines Systems und die Leichtigkeit,
womit es recht viele Erscheinungen beantwortet, sei dir kein Zei-
chen seiner Richtigkeit, weil falsche oft dasselbe fiihren. Lies -
ich sage nicht einmal die verschiedenen Hypothesen der Geolo- 3
gen, deren jede mit tausend Faktis zusammentrifft - oder das
konsequente System der Katholiken oder das der Orthodoxen -
SECHSTER BRIEF IOI 5
oder jene Beweise, daB Homer nur eine Allegorie sei - oder die
alten, daB die Gottergeschichte nur eine versteckte biblische -
oder die neuern, daB sie eine verhullte Sternkunde sei - ich sage,
lies nicht einmal das, sondern lies die spaBhaften Aufsatze, die du
von deinem Vater geerbt und worin der Mann fiir tolle Liigen die
Stiitzen aus alien Wissenschaften zu seinem eignen Erstaunen zu-
sammentreibt1; und dann wag es einmal, aus der bloBen Har-
monie und Analogie eines Systems sogleich dessen vorherbe-
stimmte Harmonie mit der Wahrheit zu schlieBen! Das dreifache
10 Weltall - das physische, das historische und das geistige - ist so
voll Linien und Umnsse, daB jeder seine Lettern darin zu lesen
glauben muB, so voll verschlungner geburgiger Formen, daB sie
jeder, wie der Pilger die Tropfsteine der Baumannshohle oder
der Grieche seine Berge, zu den Geschopfen seiner Phantasie ge-
stalten kann. Und wenn schon die Bibel und Homer zwei Wolken
sind, aus denen jedes malerische Auge andere Formen buk : so muB
ja wohl das unabsehliche Gewolke des Universums noch mehreren
optischen Personifikationen durch die Vielheit und Feme seiner
Windungen Stoff und Raum darbieten. - Hier ist gar kein Skep-
20 tizismus; denn jede Gestalt, die wir irrig wiederfinden, war friiher
wirklich gegeben, wie das Wachen friiher war als sein Anagramma,
der Traum. Allein, wirst du fragen, woran halt' ich mich denn
sonach?
Du bringst mich auf die zweite Fallmiitze, die ich dir aufsetzen
will. Du haltst dich, will ich, gleichwohl an die oben von mir
verworfene Harmonie mit sich und mit auBen, nur aber an die
grofiere.
Ich muB mich erklaren. Es gibt zwei sehr verschiedene philo-
sophische Kopfe, die ich, da Kant gern die negativen und posi-
3*0 tiven GroBen in die Philosophic herein hatte, mit Vergniigen
1 Es fehlt oft, z. B. meinem gedruckten Beweise, >»dafl die Bettler die
deutschen Barden sind«, oder andern, ungedruckten, z. B. dem, »da6 ein
Dieb ein katholischer Heiliger ist«, weiter nichts zum Werte eines ernst-
haften Erweises, als da3 ich sie selber dafur halte. Man hatte z. B. die Hiero-
astronomie aus Scherz machen konnen, und dann ware sie witzig gewesen;
aber jetzt ist sie es nicht, weil sie ernsthaft ist und der Verfasser sie selber
glaubt.
IOI<5 BRIEFE UND BEVORSTEHENDER LEBENSLAUF
in beide zerfalle. Der positive Kopf- gewohnlich der Baumeister
einer langen philosophischen Schulbank - wird wie der Dichter
der Vater einer, mit der auBern erzeugten, innern Welt und stellet
wie dieser einen metamorphotischen Spiegel auf, vor welchem
die verrenkten verwickelten Glieder der Wirklichkeit in eine leichte
runde Welt zusammengehen; die Hypothese des Idealismus, der
Monaden, der vorherbestimmten Harmonie, des Spinozismus
sind Geburten eines genialischen Augenblicks, nicht holzerne
Schnitzwerke der logischen Miihe. Nur verwechsle nicht die
schulgerechte Erziehung dieser Kinder mit der poetischen Er- 10
zeugung derselben. Kopfe also wie Leibniz, Plato, Herder, Jakobi
etc. kann ich positive heiBen, weil sie das Positive suchen und
geben und weil ihre innere Welt, die sich holier aus dem Wasser
gehoben als bei andern, ihnen und dadurch uns eine groBereFiille
von Inseln und Landern aufdeckt.
Ein negativer Kopf, mein Hans, hat mehr Scharfsinn als wir
beide, und damit findet er statt der positiven Wahrheiten die
negativen anderer Leute, wie Kant die Irrtumer benennt. Ein
solcher - z. B. der groBte, Bayle - taxiert fremden Fund und
ist der Kritker des philosophischen Genies und der Richter des 20
StofFs weniger als der Form. Er gibt uns statt der vorigen dun-
keln Ideen klare, aber keine neuen; weil nur das ins Klare zu
setzen ist, was eben schon dasaB im Dunkeln. Denn das merk-
wurdige Gefuhl einer daliegenden Wahrheit oder Luge lauft vor
jedem Beweise voraus, der sie hervorziehet; wie das Gefuhl der
feinsten asthetischen Mangel und Reize vor der kritischen Ent-
wicklung derselben ; daher lass* ich mich bei der Lektiire gemei-
ner Autoren in keinen syllogistischen Rechtsgang ein, sondern
durch jenes Summarissimum der Logik, durch jene fides impli-
cita tu' ich sie schnell ab.1 3b
Mit diesen negativen Kopfen kannst du nun, lieber Sohn, dich
keine Minute einlassen, ohne deine zweite Fallmutze auf dem
deinigen zu haben. Ich rede freilich von denen meiner Zeit, von
den kritischen; ich sollte aber vermuten, daB du in der philo-
1 Z. B. die Sentenzen werden samtlich von diesem Gefuhl auf der Stelle
gerichtet und entweder verdammt oder angenommen.
SECHSTER BRIEF IOI7
sophischen Geschichte, die ich dich in Jena horen lassen, etwas
von ihnen erfahren hast, wenn nicht die Namen, doch die Zahl.
Sogar eine kleine Devalvationstabelle ware nicht zu viel von
einem Professor der philosophischen Geschichte gefodert ge-
wesen, da die Sekte kaum eingeschmolzen ist, ja zur Zeit dieses
Briefes noch kursierte. Aber das macht mich eben so perplex,
daB solche Kunstwerke, die in meinen Augen so unsterblich
sind wie die eines Garricks, Preville und anderer Komodianten,
gerade wie diese theatralischen nur so lange dauern, als sie
10 entstehen; indessen ists nicht so arg bestellt, daB nicht immer
einige Meisterstucke bleiben sollten, welche - fester als die
garrickschen, die nicht langer leben wie die Eintagsfliege nach
der Entpuppung, namlich einen Abend - sich leicht so lange
halten wie diese Fliege vor der Entpuppung, namlich ein paar
Jahre.
DaB eine ganze Flottille von negativen Weisen hinter Kanten
nachschwamm, wie Speckhauer hinter dem Walnsch, ist ein Reich-
turn, der nie die Gabe der Geburt, d. h. des Zufalls sein, kann:
sondern diese Weisen schufen bei dieser Gelegenheit sich selber,
20 aber auch weiter nichts anders. Oft in gemeinen Seelen kann ein
gewisser Scharfsinn haften ; dieser kann noch unendlich erhoht (so-
gar ersetzt) werden durch langes hartnackiges Blicken auf einen
Punkt; und wie Pholaden oder Bohrwiirmer arbeken sie sich
ohne alles Brechzeug, bloB durch stetes Netzen in den Stein. Bei
Lebzeiten deines Vaters brachten diese Leute noch durch dascoro
und im Korrelationssaal etwas zustande, indes sie einzeln, jahr-
zehendeweit auseinandefgesaet, wenig abgeworfen hatten; wel-
ches BufFon ebenso an den Bibern fand, die in ihren nordameri-
kanischen Cincinnatusgesellschaften schonen architektonischen
30 KunstfleiB zeigen, indes sie in Frankreich, isoliert, als Tiere ohne
bedeutenden Kunstverstand privatisieren.
Begleite mich aber in die nahern Kautelen und wende die, die
ich von den jetzigen Sekten abziehe, auf die kiinftigen Parteien
an, die zu deiner Zeit ihre freien Religionsexerzitien treiben -
Denn alle negative Kopfe jeder Zeit - wie ich sie so ungemein
glucklich genannt, weil ich damit leicht an die elektrischen Kor-
IOl8 BRIEFE UND BEVORSTEHENDER LEBEN3LAUF
per erinnere, wovon die positiven den Funken geben, die nega-
tiven aber empfangen - stehen in der Hauptsache fur einen Mann,
im Abscheu vor allem Positiven, das sie auf der Stelle in den
papinianischen Topf werfen. Trieb, Gefiihl, Instinkt, alles Uner-
klarliche leiden sie nicht ofter als einmal7 namlich oben am System
als Haken, woran sie die SchluBketten festmachen. Ein Gegen-
stand ist ihnen wie den norwegischen Feldmausen ein Greuel,
weil er sie und die Mause im geraden Wege aufhalt. Sie machen
es daher so: sie ersinnen ein geraumiges, hinten und vornen orT-
nes Wort, in das alles geht, und darein stecken sie alles. Z. B. waV 10
ich ein Wolfflaner: so wurd* ich die ganze voile Seele, so wie
man Raupen zum Konservieren auspresset, etwan zur Vorstell-
kraft plattieren und breitdriicken und sie so durchsichtig vor-
zeigen. Wollen, wiird' ich sagen, ist auch Vorstellen, nur frei-
Hch ein starkeres, innigeres1 - Begierden sind wieder nur ein
innigeres, bestimmteres Wollen - und Empfinden ist nur
ein verworrenes Vorstellen — und alle unsere Freuden und Be-
strebungen und Schmerzen setz' ich bloB, wie Sulzer, in Ideen,
und dann lass' ich die samtliche Geisterwelt laufen. — Auf eine
ahnliche Weise, aus derselben philosophischen fuga pleni - zu 20
der man jetzt einen asthetischen horror pleni fiigt - mazerierte
und verwandelte der selige Finanzpachter Helvez die Ehrliebe -
die ich weder in den moralischen noch in den eigenniitzigen
Trieb auflose, sondern fur sich feststelle - und die Sittlichkeit
und alles in das Fiinfer-Direktorat der Sinne. Ebenso zersetz-
ten sonst die Physiker alle Erscheinungen in Bewegung - weil
diese wie die Vorstellkraft uberall zu haben ist -, also Licht
1 Hume hingegen gibt gerade den Wolffianischen Unterschied des Wol-
lens vom Vorstellen fur den Unterschied der Oberzeugung von der bloCen
Vorstellung aus; aber mich dunkt, ebenso irrig. Erstlich die Lebhaftigkeit 3°
und Innigkeit wechselt an der Oberzeugung so gut wie an der Vorstellung
ab und kann also beide nicht unterscheiden. Zweitens scheint er die wach-
sende Lebhaftigkeit, wodurch innere Bilder endlich, wie im Fieber, zu
aui3ern arten und mithin zu geglaubten wirklichen, auf Ideen ubergetragen
zu haben. Drittens wie nach Kant kein Ding durch das Dasein mehr Pradi-
kate bekommt, als es vorher in der Moglichkeit und Vorstellung hatte:
ebenso gehet mein Glaube an die Vorstellung - d. h. an die Existeni ihres
Stoffs aufler mir - nicht die Vorstellung an, sondern mich und mein Ver-
haltnis zu ihr.
SECHSTER BRIEF IOI9
in Bewegung des Athers, Farbe in schwache der Korper, Hitze
in starkere.1
Die meisten Auflosungen der menschlichen Natur - die so
sind, da6, wenn diese wieder zusammengesetzt wiirde, nie die
vorige zum Vorschein kame - sind dem geschickten Taschen-
spieler abgesehen, der einen lebendigen Vogel im Morser zu Brei
analysiert und darauf doch den Vogel wieder lebendig produ-
ziert, indem er bloB einen nicht analysierten aus dem zweiten
Boden des Morsers freigibt. Uberhaupt ist fur Philosophen, Ta-
10 schenspieler und Goldmacher der doppelte Boden der eigentliche
goldne Boden des Handwerks.
Schlimm wiirdest du es haben, Paul, wenn du die ausgekernten
hohlen Worter der jetzigen Philosophie als Samen zu Taten
brauchen wolltest; es wiirde nichts Lebendiges aufgehen. Und
gegen die vollbllitigen Triebe, gegen die eindringenden Ver-
suchungen wiirdest du an ihnen ungefahr eine Mauer haben, wie
die im Shakespeare ist — namlich ein wenig Mortel und ein Stein,
von Peter Schnauz gehalten.
Aber weiter ! Kann der negative Kopf eine Sache nicht zu einem
20 Wort verdiinnen: so verdi'ckt er wenigstens ein Wort zu einer
Sache; und da hebt sein eigentHches Leben erst recht an. Die
Taufe irgendeiner Schwierigkeit gilt stets fur die Erklarung der-
selben. Z. B. durch das Simultaneum der iibersinnlichen Welt,
worin der Mensch frei handelt, und der empirischen, worin er
notwendig agiert, ist die schwierige Frage nur anders benannt,
aber nicht anders beantwortet als vorher; indes setzet der Haufe
auf diese Gebaude wieder neue; und das oft gebrauchte Wort
wird endlich eine feste Sache und das dunkle durch Wieder-
holung ein klares. So ist die Raum-Anschauung a priori ein Wort
30 l Eben les' ich des vortreff lichen Darwins Zoonomie, der mich auf jedem
Blatte mit ahnlichen Mazerationen peinigt; er erklart z. B. das Nester-
machen, die jahrlichen Ziige, den Gesang etc. der Vogel fur Fortschritte
der Tradition; er lasset alles lernen, entweder im Mutterleibe, z. B. Saugen,
Schwimmen, oder auBer demselben, z. B. Weinen, Lachen, Schaudern.
Diese Leute qualet der Instinkt so, wie die biblischen Wunderwerke den
Theologen, dem es wohl wird> wenn er nur wieder eines oder ein paar
durch Exegese weggebracht; obgleich ein iibrigbleibendes so gut ist als
10000.
1020 BRIEFE UND BEVORSTEHENDER LEBENSLAUF
wie Dichtigkeits- oder Farben-Anschauung a priori, weil du kei-
nen Korper ohne Ort, aber auch keinen ohne Dichtigkek,* ohne
Farbe denken kannst.
Allgemeine abstrakte Termen sind, eben weil sie unbestimmter
und weiter sind und also unter den geraumigen Hut leichter viele
Kopfe bringen, der Menge faBlicher als bestimmte Anschauungen
des Positiven, die nur immer in eigner Erfahrung gegeben wer-
den konnen. Daher ergriffen die vorigen Scholastiker, die gleich-
sam nur Worte in geraumigere Worte zerlegten, ihr Jahrhundert
so sehr als die jetzigen das jetzige. Beilaufig! die kritischen Scho- 10
lastiker sind den theologischen nicht nur in diesem Destillieren
der DestilliergefaBe, der Worte, sondern noch in der Sitte, das
in der Philosophic falsch zu bennden, was nachher in der Theo-
Iogie als richtig gilt, auffallend ahnlich; denn so hatten die neuern
vorher alles in der theoretischen Vernunft erlogen befunden, was
ihnen nachher in der praktischen fiir wahr gegolten.
Wenn der groBte Scharfsinn nichts hilft ohne einen innern
reichen Genius, der ihm die Gegenstande dazu schafft und zeigt;
und wenn man mit jenem ohne diesen ein herrlichcs Spiegeltele-
skop ohne Finder ist und ins Blaue sieht: so muB dichs frappieren, 20
daB meine kritischen Magistranden nicht bloB die innere Welt,
die ohnehin nur der Genius reicht, sondern auch die auBere,
namlich die gelehrte zu entraten wissen. Ohne etwas im Kopfe
zu haben als das geistige Wesen darin, setzen sie sich hin und be-
fruchten sich, wie Seehasen, selber und geben dann das Lexikon
ihres Innern der Welt; gleich Glaskugeln, die sich, leicht gerie-
ben, mit einem schonen innern Licht anfiillen, wenn sie luftleer
sind. Sie nehmen gern von ihrem heiligen Vater in Konigsberg
reine Vernunft und alles an, aber nicht seine Gelehrsamkeit; sie
glauben vielmehr eben durch ihre Reinheit von alien fremden 30
Systemen die Arche des kritischen leichter oben zu erhalten, wie
nach Franklins Rat ausgetrunkne Bouteillen, wohl zugestopft,
ein SchifF im Sinken heben wiirden.
Wenn du den folgenden Fallhut genomraen, geb' ich dir nur
noch einen. Da die Prozession und Wesenkette hinter einem
metaphysischen System endlich mude wird, es bloB abzusingen,
SECHSTER BRIEF
oder unvermogend, es in seinen kleinen Ramifikationen ferner zu
beschneiden oder zii vergroBern : so schwarzen sie es wider seine
Natur in ganz fremde Wissenschaften ein ; und dann gibt es wie-
der Lust. So haben sie das kritische in die Theologie, Physik,
Metrik, Kameralwissenschaft und Asthetik gezogen. Aber alle
diese Anwendungen sogar der wahrsten Metaphysik mussen so
leer und venvirrend sein, als wenn einer nach der Farbentheorie
Eulers und mit ihren Worten ein Farberbuch oder Regeln fur das
Kolorit verfassen wollte. Diese scholastische Verunreinigung
io fand Bakon in der Physik. Sogar dein Vater soil nach einer sol-
chen Asthetik seine Sachen modeln, z. B. diesen Brief an dich:
was denkst du dazu, Hans?
Inzwischen kann dafur der Alte in Konigsberg so wenig als die
Gracchen, wenn der Senat einen und den andern Tribun zu einer
erweiterten Ausdehnung ihrer Vorschlage vermochte, bloB um
auf jene Hafi zu laden. -
Hier hast du den letzten Fallhut, den ich stets auf dem Wege
zur hohen Loge des Lichts aufhabe. In der Philosophic wird nicht
wie in der Dichtkunst der Pegasus-Schaum durch den Wurf des
20 Pinsels gemacht, sondern durch dessen fleiBigen Zug. Ein Mann,
der uns ein Buch voll Wahrheken gegeben, kann uns in der Vor-
rede, die er wegen der Messe vie! zu schnell wegschrieb, lauter
Irrtumer vorsetzen; denn das philosophische Genie erlangt nicht
im Fang der Wahrheken zuletzt eine Fertigkeit wie das dichte-
rische im Fang der Schonheiten, sondern die Wahrheit wird zwar
von dem Schalttage erfunden, aber doch erst vom Schaltjahre ge-
pruft. (Biicher werden umgekehrt vom tragen Saturn geschaffen
und von der leichten Hore taxiert.) In einem System gibts keine
Ferien, und den Nebenpartien gehort dieselbe Anstrengung und
30 Zeit wie den Hauptfiguren. Irrtum aber riihrt oft von bloBer
Ermiidung her. Mache dir also aus dem groBten Philosophen
nichts, sondern lies immer mit der Voraussetzung, hier brauch' er
deinen Rat, und traue keinem weiter, als du siekst.
Dein Vater ist hierin, scheint es, keeker als einer. Vor einigen
Tagen ertappte er einen groBen Philosophen von zweischneidi-
gem Scharfsinn, dessen fester, gleich den alten Deutschen mit
1022 BRIEFE UND BEVORSTEHENDER LEBENSLAUF
Ketten aneinandergeschlossener Phalanx demosthenisch daher-
dringt, dennoch iiber folgendem Fehler, den Fichte scharfer ahn-
den wiirde, hatt* ihn nicht - Fichte begangen. Er nimmt (aber mit
andern Worten) nach MaBgabe der drei Tonsysteme drei wun-
derbare Harmonien an ohne einen Harmonisten, der sie gestiftet:
die der weiten sinnlichen Welt - die der moralischen - und eine
dritte prastabilierte zwischen beiden vorigen, zufolge welcher
z.B. eine Luge nie in der sinnlichen schaden kann. Ich rede aber
hier nicht von der in seinem Systeme konsequenten Annahme
dreier musikalischer Kompositionen ohne den Komponisten: 10
sondern von seinem Beweise der dritten. »Das moralische SoIIen«,
sagt er, »setzt durchaus das Konnen voraus.« Jawohl, aber bloB
das moralische Konnen, d. h. die Freiheit; und diese haben wir
alle, z. B. nicht zu lugen und stiirzte daruber die Welt ein; aber
in jenem Sollen liegt ja keine empirische Assekuranz, daB sie
nicht einstiirze. Die Erfahrung fuhr' ich gar nicht an, die ihm
zwar nicht durch die Regel, aber doch durch die Ausnahme wi-
derspricht.
Nun genug! Nach so vielen Helmen von Mambrin brauchst du
Helme von Minerva, statt der Fallmutzen Merkurs-Kopfschwin- 20
gen und Hebezeug. - Hier nimm! Jede Wissenschait, jeder Stand,
jedes Alter, jedes Jahrhundert machen einseitig und verriicken
das Altarblatt des Universum zu einem Vexierbild; also lerne und
versuche und erlebe, so gut du kannst, alles, wenigstens allerlei! -
Beschutze gegen die Despotie jedes Systems deine hohere poe-
tische Freiheit durch das Studium aller Systeme und unahnlicher
Wissenschaften. Lerne philosophisches MaB an den Alten und
am britischen KolqB, Bakon, der wie der rhodische mit seiner
Leuchte den Schiffen, die unter seinem Leib durchstreichen, lange
nachleuchtet. Lerne sokratische Freiheit und Form an Plato, Wie- 30
land, Lessing und Bayle. Lerne StofT aus Hemsterhuis. Jakobi,
Leibniz und Bakon. Und gehe besonders nie unter Philosophen,
ohne eine Kronwache von Physikern, Geschichtsschreibern und
Dichtern urn dich zu haben.
Zumal von letztern. Alle Wissenschaften und Zustande neh-
men auf ihrem hochsten Tabor die poetische Verklarung an, wie
SECHSTER BRIEF 1023
alle Gotter nach Makrobius nur Verkleidungen des Apollo sind.
Die Dichter hangen den Kopf wieder mit dem Herzen zusammen;
und ohne sie wird deine Philosophic, die mehr die Freuden als
Leiden wegzudisputieren versteht, bloB zu einem hellen Mittag,
wo kein Regenbogen moglich ist, und doch die schwersten Ge-
witter. -
Vorziiglich handle I O in Taten liegen mehr hohe Wahrheiten
als in Biichern! Taten nahren den ganzen Menschen von innen,
Bucher undMeinungen sindnurein warmer nahrhafter Umschlag
io urn den Magen. Statt da(3 die jetzigen matten Iiebelosen Philo-
sophen,gleichsamzerbrockelnde,von der Sonne kalzinierte Licht-
magnete, nichts mehr lieben als ein - Auditorium und, gleich
den Kindern im Scharlachfieber, nur heifie Stirnen, aber kalte
Hande (zum Handeln) haben, wird dann bei dir der Baum der
Erkenntnis, mit dem Baum des Lebens ablaktiert, herrlkh treiben
und tragen. - Und dann wird dir ein Gott den Glauben zeigen,
dessen Wurzeln mit dir geboren wurden und den die Winde des
Lebens nicht umreiBen und unter dessen Zweigen du Schatten
und Dufte und Friichte findest.
20 Ich will mein Sendschreiben ausmachen, Paul; aber es war
vielleicht kaum notig, es anzufangen. Denn du wirst einmal einen
Genius lesen, den du zwar in deiner Jugend vor Entziicken zu
verstehen vergessen wirst, der aber spater mit Gliedern, die wie
an jener prophetischen Gestalt samtlich Fliigel sind, dich liber
die papiernen Weltgloben der Verbal -Weisheit tragen wird. - O
Paul, wenn du einmal die hohe Welt dieses Genius ersteigst, der
keinen Gedanken und keine Kenntnis einsam hat, sondern jeden
Wellenring zur Planisphare macht - der nicht den Obstbrecher
an einzelne Zweige des Baumes der Erkenntnis legt, sondern wie
30 das Erdbeben den Baum durch den Boden erschuttert, worauf er
steht — wenn du, sag' ich, seine Welt ersteigst: so wirst du- auf
einem Gebirge sein, die Volker unten werden naker1 und ver-
bunden urn dich liegen, und eine hohere Duldung, als das Jahr-
hundert kennt, wird dieser Volker- und Zeiten-Maler deinem
Herzen geben — auf seiner Alpe wird dir die Seele hoher werden,
1 Auf Bergen ruckt die reinere Luft alles Feme naher.
1024 BRIEFE UND BEVORSTEH ENDER LEBENSLAUF
und die reine diinne Bergluft wird dir den Himmel und die Erde
nahern und den Glanz der heiBen Gestirne und das Gepolter des
Lebens mildern — die Phantasie wird ihre morganischeh Feen
malen und ihren Regenbogen als Kreis aufhangen - und, Melo-
dien werden dich umwehen, wenn er einen Altar erbauet, weil
auf alien seinen Bausteinen Apollos Leier1 lag Dann, guter
Sohn, wenn du durch ihn so gliicklich wirst, denke daran, wie
sehr es auch dein Vater durch ihn ward, und gib dann, wie ich,
dem Menschen, den du am innigsten liebst und ehrst, nie einen
andern Namen als — Herder \ -
J- p.
1 Der Stein, worauf Apollo unter seinem Bau die Leier ablegte, nahm von
ihr die Gabe zu ertonen an. Paus. Att. 42.
KONJEKTURAL-BlOGRAPHIE
Erste poetische Epistel
Mem Giitlein Mittelspitz
Leipzig in der Bottcherwoche der
Michaelismesse, 1798.
Lieber Otto I Jetzt treibt mich eine Idee durch die Alleen und
Garten, die schon alle Wande meines Kopfes mit Griin und
Hesperiden-Fruchtschniiren uberzogen hat; - sie soil aber voll-
ends herauswachsen ins Freie mit ihren vollen Zweigen dem Pu-
blikum in die Hand. Sieh! ich will meine Lebensgeschichte, die
10 mir noch bevorsteht, treu in poetischen Episteln aufsetzen. Sollt*
ich sie wider VerhofFen nicht erleben : so nab* ich doch die Ko-
modienprobe, die gestikulierende Lufterscheinung, das Panorama
davon gehabt und halb Europa die Beschreiburig. - Damit ich
aber nichts fingiere - und aus noch zehnmal sanftern Griinden -
richt* ich alles an dich in gedruckten Briefen, wie Kaufleute sen-
den, von denen uberhaupt jedes Wort gedruckt zu werden ver-
dient, weiljedes eine lettre toute prete fur mehr als einen ist.
Fur mein jetziges Leben wiiBt' ich nichts Bessers als die Schil-
derei des nachsten; jetzt im Oktober- gerade wo ich vor einem
20 Jahre nach Leipzig zog - mach* ich mit andern Leipziger Lerchen
aus einerlei Instinkt wieder die Fliigel auf und flattere nach Wei-
mar; und wahrlich unter dem ewig wiederkommenden Einpacken
des wachsernen Flugwerks fiir das Leben, des Federntopfes, des
Papageienringes, der Fliigeldecken und der Frefi- und Saufnapf-
chen, kann sich kein Strichvogel der Frage erwehren; wie oft
pack' ich noch ein, eh* ich eingepackt werde? Dann halt man die
Ohren zu nahe an das rauschende Fliegen des Lebens und an die
langen Schwungfedern der Zeit. - Cberhaupt sollte ein verniinf-
tiger Mann im Herbste gar nicht fortziehen, wie ich doch wieder
30 tue; im Friihling will das von der Natur erfrischte Herz mit so
1028 BRIEFE UND BEVORSTEHENDER LEBENSLAUF
viel hundert Wiinschen jedem Posthorn nach wenigstens bis nach
Rom; aber im Herbste — dem Rusttage des Winters -, wenn alle
Welt ihren Dachsbau grabt und das Winterlager weich ausfiittert^
ist es fur eine hausliche Seele hart, zu wissen: Du sitzest nicht mit um
denwarmenOfen,furwelchen sie jetztdas Winterholz abladen. —
Lieber Otto, ich wollte etwas sagen und kam ab; denn i'ch
meines Orts fahre — wenn andere im Herbste der Jahre wie des
Lebens gleich den Schmetterlingen mit abgestofienen Fliigeln
umherschwanken - wieder wie die uberwinterten Papillons ge-
rade im Lenze mit struppigen kurzen ans Licht, weil ich weiB, 10
was mir so viele Friihlingsanfange versprachen und schwuren
und was sie hinterher hielten, und wie die Wiinsche des Jugend-
und Kalender-Friihlings gleich den Rauchsaulen anfangs steil-
recht in die Hohe gehen, dann aber in der matten Luft waagrecht
und parallel mit dem Boden streichen! - Der Herbst hingegen
macht sich zu nichts als einem Friihling anheischig, und den lie-
fert er gewissenhaft.
Ich will also die Herbst-Zeit der Traume mitnehmen und mich
auf Jakobs Stein niederlegen. Wahrlich da mein kiinftiger Le-
benslauf ja aus nichts bestehen kann als aus meinem wirtschaft- 20
lichen Feld- und Hausetat, den ich sehr klar beschreiben will, und
aus der Frau, zu der ich vorher die Braut suche, und aus mir als
Hausvater und aus meiner letzten Oluhg und Totengraberszene:
so wuBt' ich nicht, was — die letztere ausgenommen - dazwischen-
kommen konnte, daB nichts aus der ganzen antichambrierenden
Zukunft wiirde; aber was mich am meisten beruhigt, ist der nek-
kende Hang, den ich offers am Schicksale bemerkt, immer nach
dem Szenenplan meiner fremden Geschichten meine eigne auszu-
schneiden und so, wenn andre mit der Wirklichkeit ihre Dicht-
kunst wassern, schoner jene mit dieser bei mir abzusiiBen. Wie 30
bei einem SchwenkschieBen erzielt' ich haufig mit den optischen
Kuchenstiicken zugleich reelle Suppentafelchen und kalte Kiiche.-
Ich kann noch nicht anfangen, bevor ich das elende Geschrei
gestillet, das enge Vigesimo-Herzen in Taschenausgabe iiber das
Zuriickschlagen meiner hauslichen Fenster-Vorhange, iiber mein
Einsetzen des von Momus angepriesenen Brustfensters, das bei
KONJEKTURAL-BIOGRAPHIE IO29
andern sonst ein hllndes ist, und uber die Zudringlichkeit erheben
werden, womit ich von meinen Lebens-Gastrollen, vom Zuge
nach Weimar, von der Heirat und vom Tode ein paar Tage vor-
her Komodienzettel an die Gassenecken klebe und in die Hauser
trage. — O ihr Furchtsamen, ist es nicht ohnehin die Pflicht der
Literatoren, mich nach meinem Ableben - der vielen Reiseschrei-
ber nicht zu gedenken, die mich schon bei meinem Leben ab-
driicken mussen in Wachspasten — mit ihren Poussiergriffeln auf-
zugreifen und in nekrologische Wachsfigurenkabinette zu schaf-
10 fen, indes mehrere Kritiker beschaftigt sind, einzelne Glieder, die
Gehirnhaute, den Herzbeutel, die Gallenblase, mit ihrem Wachs
und Quecksilber kunstlich auszuspritzen ? - Warum wollt ihr
mehr von den Personalien des elendesten Landstiirzerromanen-
Helden erfahren als vom Geschichtsschreiber und Schopfer des
Helden selber? - Und steckt nicht in der Geschichte eines jeden
Narren eine kompendiose Weltgeschichte, aber nicht umgekehrt ?—
Meine zukiinftige wird eigentlich welthistorisch, nicht in Wei-
mar, sondern spater, wo ich mein Landgutlein kaufe; und da muB
sie jetzt angefangen werden. Die Chronologie wird schon Gott
20 in die Historie hineinmachen.
In der nachsten poetischen Epistel wirst du Auskunft erhalten,
warum ich uber das Landgutlein - es heiBet Mittelsplt^ - gerade
im Jenner und noch dazu mit der grofiten Heimlichkeit und unter
dem Scheine eines Mietkontrakts den volligen Kaufkontrakt ab-
schliefie. Antonin Pikatel handelte sich 145 5 fur seinen subhastier-
ten Meierhof einen Livius an; ich muB umgekehrt doch leichter
mit so vielen livianischen Annalen voll Patavinitat den Kauf-
schilling eines Gutleins bestreiten konnen; aber komme nur zu
mir oder zum Herrn Verkaufer, so sollen dir Kauf- und Schuld-
30 briefe zum Beweise aufgeschlagen werden, daB man die teuersten
Sachen kaufen kann, wenn man sie borgt, entweder zum Teil
oder ganz.
Wahrscheinlich an Pauli Bekehrungs -Tage (d. 25. Jenner)
werden meine Transitogliter, meine fahrende Habe, zum letzten
Male gefahren und verzollt und in Spit\ immobiliar gemacht; und
1 Namlich mit seinem fingierten Namen.
IO3O BRIEFE UND BEVORSTEHENDER LEBENSLAUF
dann setz' ich mich in den GroBvaterstuhl und sage erheitert:
»Endlich bist du festgeschraubt und dein Merkur fixiert, daB er
wenigstens nicht starker auf- und absteigt als in einem Wetter-
glas am Gleicher.« Das Schicksal rupfet uns, wie die Falkenierer
andern Adlern, mehrere Federn am GesaBe und Bauche ausrda-
mit der Frost, den wir daran leiden, wenn wir zu hoch steigen
wollen, uns wieder auf den warmen Boden zurucktreibe.
Ich bitte dich aber, schau aus meinem langen Arbeitsstiibchen
in Spitz - denn Autoren, Seiler und Emmerlinge mussen zu ihrem
Spinnen und Singen lange Bauer haben, Gaste aber wie Kanarien- 10
vogel nur hohe - in die Gegend hinaus, die freilich ihre Tafel-
aufsatze noch unter der Serviette des Schnees auftragt. Sie hat die
eigentlichen drei Dimensionen der schonen Natur, Tal, Ebene
und Gebiirge. Ein Tal hat seine herrnhutischen Seitenhohlchen,
seine aus Blatternacht und Wellenschein gemachte Dammerung
und seine von Vogeln und Bachen gesetzten Wiegenlieder nur
fur das Entziicken mit dem Dampfer (con sordino), fur die selige
Stunde, wo der Friede, unser innerer Guido, oder auch wo der
Amor in uns malt und schafft. Ich werde von meinem Tale, Chri-
stian, gehorigen Gebrauch zu machen wissen. Durch die Ebene - 20
den besten Reitboden des Auges, wenn die Seele im mittlern Zu-
stande zwischen Himmel und Holle lebt - bin ich eben mit mei-
nem Bagagewagen gegangen; aber das Beste ist, daB sie alle
ihre Dorfer am Ende verlasset und am Morgen-Horizont auf
lange Berge aufsteigt und da gen Himmel fahrt. O niemand
schleife die Berge, diese Festungswerke des Herzens, wenn der
Schmerz es feindlich sturmen will! Und dabei sind sie noch die
Kanzeltreppe der Seele, die sich erheben will, und der hangende
Garten fur die umherblickende Sehnsucht an himmelblauen
Tagen. 30
Ich gestehe dirs, wenn mich nicht die Berge behaufeln, so fallt
mein Stengel um und treibt wenig heraus. Aber nur gegenuber> nicht
auf den Bergen muB man wohnen, weil man droben nichts hat
als das - Untere der Kane.
Es ist eine schone Einrichtung, daB der Mensch an jedem Ort,
wohin und wenn er auch ziehe, immer drei neue Jahrszeiten noch
KONJEKTURAL-BIOGRAPHIE IO3I
vor sich zu erleben hat; also dieser bin ich auch meines Orts in
Spitz gewartig, besonders da ich mich gerade in dem Januar,
dem magersten Voressen des Jahrs, an die Tafel setze. »Wie?« -
werd* ich auf dem beschneieten Berge fragen, auf dieser Silber-
kiiste der Talbucht unter mir - »jetzt siehst du schon so viele
Pracht: was wird erst werden, wenn Blumenmonde, Erntemonde,
Weinmonde wie drei Horen dich umtanzen? An ganz andere,
noch schonere Neuerungen erinnere ich dich aus Absichten gar
nicht.« - Ja wohl schonere; aber diese gehoren der zweiten Epi-
10 stel, die es ohnehin motivjieren muJ3 (denn sie kanns), warum ich
aus Spitz unaufhorlich in die Stadt gelaufen komme, woraus ich
kaum gezogen bin. - Und Addio bis dahin ! -
Fr. Richter.
N. S. Sehr halten mich in der gegenwartigen die MeBfremden
und MeBlustbarkeiten auf; und doch muB dieses Leben a parte
post hier beschlossen werden, und sollt* ich erst tief im Oktober
einsitzen. Die jetzigen ungedruckten Briefe iiber das a parte ante
laufen ungestort, wie du siehst, wochentlich an dich ab; indes
man dir diese gedruckt auf einmal zu Ostern in die Hande legt.
ZWEITE POETISCHE EpISTEL
Zank mit den Hagestolzen - elektrische Liebeserklarung - die Urne -
Einschluft an Rosinetten
L. in der Bottcherwoche, 1798.
Mittelspitz ist gar kein Landgiitlein ohne Bedeutung; denn es
muB - sonst nehm'. ich nicht Besitz - wenigstens seinen Postzug
Untertanen haben, die ich durch die niedere Gerichtsbarkeit re-
gieren kann. Du brauchst mir nicht zu sagen, Otto, daB meine
nur auf den Federkiel eingeschossenen Schreibfinger vielleicht
zu schwer den Schaft des Zepters handhaben. Allerdings hab* ich
30 mehr zu einem GroBherrn Ansatz als zu einem Gerichtsherrn,
weil jedes Land desto leichter zu regieren ist, je breiter und langer
IO32 BRI EFE UND BEVORSTEHENDER LEBENSLAUF
es ist. Ein Gymnasiarch hat mehr zu besorgen als ein Prorektor -
der DorfschultheiB mehr als der ReichsschultheiB - ein Hammer-
herr mehr als ein Lehnsherr - ein einziger Affe wurde dem Ge-
fiinfter-Direktorat mehr Lenkziigel kosten als die grofie Nation
- und ich kann jede Stunde Zar werden, aber kein Sklavenauf-
seher - und ein regierender Planet, der gar die ganze Erde unter
sich hat, verrichtet gar nichts. Eben daher sucht jeder Landesherr
sein Reich immer groBer abzustecken, urn sich die Ephorie dessel-
ben leichter und stiBer zu machen ; so lasset ein sogenannter star-
ker Mann desto leichter die Schmiedsgesellen auf seinem Busen 10
hammern, je schwerer und groBer der AmboB ist, den man auf
das Brustbein hob.
Aber ich habe nur den Thronhimmel, und der Gerichtshalter
das Thronfegfeuer, weil er der tragende Atlas des Baldachins
sein muB. Wozu aber das alles? Soil ich denn nie die Freude er-
leben, einen Gerichtstag und Gerichtshalter zu halten, ein giitiger
Gerichtsherr zu sein, angebetet zu werden von meinen Lehn-
mannern und Lehnfrauen und unter meinen und des Gerichts-
halters (Dunst-)Kreis-Direktorialkonklusa die Unterschrift zu
erblicken: wohlLobliche Richtersche Gerichte allda? - 20
Als bloBer elender privatisierender Gelehrter in Spitz zu sitzen,
ware mein Tod; man muB nicht bloB an einem Orte sehr viel
sein, sondern auch fur einen Ort, und wie oft haben wir nicht
dariiber gesprochen, daB ein gehortes Lob hundertmal besser sei
als ein gelesenes oder gedachtes und daB ein Mr. Couplet1 , der die
Stadt Coulanges wasserte und nun durch die getrankten Gassen
unter lauter nachgeworfnen Lorbeerkranzen wandelte, einen viel
tiefern und siiBern BiB in den Paris- Apfel des Vorrangs tue als
ein Homer, an dessen Grabe sich sieben Stadte um seinen Ge-
burtsschein raufen, oder ein anderer, der lebendig und frostig 30
zu Hause hockt und Briefe aller ReuBen und PreuBen erbricht,
worin trockne Risse zu weiten Ehrenpforten fur ihn liegen! Nein,
1 Als er dieser Stadt, die aus Wassermangel die Feuersbriinste mit Wein
abloschte, endlich neue Quellen anwies: so wurden die Glocken gelautet,
Kinder badeten, Blinde tauchten in das neue Wasser. Eloge de M. Couplet
par Fontenelle.
KONJEKTURAL-BIOGRAPHIE io33
Europa und Nachwelt reiche dem Rittergiitleins-Besitzer von
Mittelspitz die drei RoBschweife des Hterarischen Drei-Weisen-
Ruhms: mit Dank wird er die Schweife nehmen und tragen — ;
aber ebenso gewiB wird er das Parade- und Ritterpferd mit einem
Schweif beschreiten, das ihm sein Spitzer-Postzug vorfuhrt, die
Steigbiigel haltend, und wird auf besagtem Pferde taglich einen
oder ein paar Ritte machen.
In Frankreich mietet man Landgiiter; fur ein Mietgiitlein geb'
ich meines - die gegenwartige Publikation soli mir nichts schaden -
10 bei einer gewissen himmlischen weiblichen Seele so lange aus,
bis sie die Lehnsherrin des Lehnsherrn und Lehngiitleins zugleich
wird. Nur um sie an ihrem hochzeitlichen Namenstage, der sie zu
meinem Namensvetter macht, mit einer konstantinischen Schen-
kung erfreuend zu iiberfallen, spieP ich den Betrug, aber nicht
aus dem MiBtrauen, sie werde etwan am Spitzer Gemeinschuldner
und Ehe- und Gerichtsherrn mehr sein Gut erwahlen und lieben
als sein Gutes. O wie hass' ich die Leute, die immer wie Zimmer-
meister und Miiller mit Beilen und Axten bewaffnet herumgehen !
— Schenke ohne Bedenken einem guten Jiingling mehrere Gold-
20 kiisten und Perlenbanke unddazueinehausarmeWaisevonBraut,
die nicht so viel Gold rentiert, daB sie seinen Hutknopf oder ihren
Ehering damit tiberspinnen konnte: wird die Waise darum fur
die ungemeine Liebe ihres Krosus weniger Liebe haben, weil
diese noch an der Dankbarkeit sich warmt? Wird denn nicht
jede Liebe, die gegen den Schopfer , fur die Tugend, fur die Wissen-
schaften ins Lohbeet des Bedurfnisses gesaet und an den Staben
der Vorteile gestengelt und gestiefelt, treibt aber eben wie das
Wintergriin tiber die Stutzen hinaus und schlagt dann erst, wie
dieses, ihre schonen Bliiten auf?
30 Ich brauche den ganzen, an mir lacherlichen Beweis gar nicht,
da ich der meinigen im Ehezarter nichts anbiete als den Ehezarter
selber, einige zweite und dritte Auflagen und die Gelder, die auf
Spitz landesherrlich versichert sind und womit man den Kauf-
schilling abstieB. -
Eigentlich ist, wie ich jetzt merke, mein lyrisches Drama gar
noch nicht angegangen; nur das Theater oder der Ort, die An-
1034 BRIEFE UND BEVORSTEHENDER LEBENSLAUF
schauung a priori ist erst fertig fur eine noch schonere. - Und
doch werd' ich wieder aufgehalten von der kahlkopfigen, wenig
fruchtbringenden Gesellschaft der Hagestolzen, die mich gern zu
ihrem Ordensbruder anwerben mochten und die es verdrieBet,
daB ein junger Mann in einem Alter, wo er im alten Rom kaum
ein Adil, geschweige im neuen ein heiliger Vater werden konnte,
schon ein seliger werden will. Im ganzen besteht sie, diese ehe-
lose Propaganda, aus Leuten, die, wie die Agypter, den Wein
verabscheuen, aber die Trauben verzehren, oder die es wie die
Fledermause machen, welche kein angeziindetes Licht vertragen, 10
aber doch in die Speckkammer schliipfen und ihm das Fett ab-
nagen.
Dieses Jahrhundert hat viel auf seinem Gewissen und auch
dieses soldatische Aufschneiden der Ehebetten voll guter Flaum-
federn. Das Jahrhundert ist gleichsam das Scheidewasser und der
Alkahest der Vorzeit, und wir werden am Ende nichts ubrig be-
halten als das fressende Menstruum und ein darin schwimmendes
infusorisches Chaos. Die Aufhebung aller Orden der Mensch-
heit, des elterlichen Ordens, des ehelichen, des burgerlichen, ist
das Dichten und Trachten dieses septembrisierenden Sakuls, es 20
wirft alles aus dem Schiff, weswegen man eines braucht, und ret-
tet es leicht. Wie das philosophische seinen Lichtstoff begehrt,
ohne einen Gegenstand, den er zeigt und worauf er festsitzt, einen
Strahl, der zugleich Farbe, Flache und Sehnerve ist: so dringt das
praktische auf einen Wdrmstoff, der im Freien herumfliegt und
an nichts hangt, auf ein moralisches philanthropisches Betragen
des Ichs gegen sich. Gott sei Dank, daB der Teufel das Sakul in
einigen Jahren holt ! - Aber schwer wird es noch gefiihlt werden,
daB man der menschlichsten Liebe, die sich aus dem Zusammen-
leben und aus dem Zusammenhandeln bildet, das Herz ausreiBen 30
will. Nicht bloB in der Physikfangennaheundlangzusammenge-
legte Dinge Feuer;Menschen in demselben Werkhause, Schachte,
Gewerbe greifen einander warmer unter die Arme als ein paar
bandfreie idiopathische Narren, die, nur an der Landtrauer des
Universums und an den sakularischen Spielen der Geisterwelt
teilnehmend, das Weltmeer breit befahren und kalt und scharf,
KONJEKTURAL-BIOGRAPHIE IO35
wie zwei Eisfelder, vor ihren gegenseitigen durchsichtigen ab-
strakten Herzen voriibergleiten. -
Doch wirft sich mancher ehelose Strohwitwer von Stand im
Alter anders und lasset sich seine Strohkranzrede halten, undzwar
- da ohnehin nach der politischen Rechnung allemal der Funf-
zigste im Lande heiratet - als Funfziger. Wenn er so im Zustande
einer gekopften Weide, die noch auf der ausgehohlten Borke
sprieBet, ins Winterhaus des Ehebettes eingestellt wird : so muB
dem invaliden Schelm daran gelegen sein, daB er fiir alle Vor-
10 ziige, die er unterwegs verloren, den Ersatz und die Doublette an
den weiblichen finde, und er kann daher nicht gut weniger An-
spriiche machen als das Haus Osterreich, namlich 441, indes an-
dere sich auf 33 einziehen; er kann wie der Basilisk nichts weniger
suchen als sein Ebenbild, sondern gleich der negativen Elektrizitat
gerade die positive; so bemerktMeiners, daB die Schwarzen nichts
lieber heiraten als die WeiBen.
Aber ich bitte dich, wie gerat ich unter Basilisken und Schwarze,
in einem friedfertigen harmlosen Briefe, ders bloB angenehm aus-
einandersetzen soil, warum ichs hundertmal besser mache als sie
20 und heirate? Ich will dir in der Auseinandersetzung nicht viel
vorsingen weder von den Frachten, die man tragt, noch von den
Opfern, die man bringt, wenn man* wie die Romer eine fremde
Gottheit nach der andern annimmt und endlich den ganzen Tem-
pel voll bekommt — noch von den Gefahren, die man lauft, sich
jahrelang vor das Gewehrfeuer der weiblichen Scheren-Flotte
und vor ihre Pechkranze aus Blumen, unter die Streitaxt ihres
Fachers und vor die geworfnen Leuchtkugeln ihrer Augen hin-
zustellen. Ich will hier kein Bataillenmaler Rugendas sein; aber
wahrlich bedenket und betrachtet man ein wenig diesen Sukzes-
30 sionskrieg des weiblichen Wehrstandes gegen den mannlichen
Nahrstand - von der Kriegsankiindigung an, die sie wie die Athe-
ner durch ein Lamm* tun, bis zum wirklichen Ergreifen aller
1 Gruber zahlt in seinem Lehrsystem der Diplomatik, Wien 1783, vier-
undvierzig Anspriiche auf, die Osterreich an verschiedene Machte hat.
S. Miillers Furstenbund. - 33 Schonheiten fodert man bekanntlich von
einem Weibe.
8 Potters griech. Archaolog. von Rambach I. p. 369.
IO36 BRIEFE UND BEVORSTEHENDER LEBENSLAUF
Waffen- und Regimentsstiicke und des Artillerietrains der Toi-
lette - erwagt das Labarum des Shawls, die Taktik des Tanzes,
das Reffelkrautpulver des Puders, den Marseiller Marsch der er-
sten besten Arie - und die echten Kriegslisten, weswegen sie bald
wie die Arier nur in der Nacht Treffen liefern, bald wie die
Athiopier sich weiB, bald wie die Cimmerier schwarz, bald wie
dieSparterrotanziehen und gleich denNordamerikanernschmin-
ken, um nicht vor dem Feinde zu erblassen ■ — und bringt man die
Erbitterung in Anschlag, womit sie Heber auf dem Bette der Ehren
sterben wollen als die Flucht ergreifen: beim Himmel, man er- 10
schrickt, wenn man dann bedenkt, daB man sich jahrzehendelang
so hielt und (uber der Brustwehr fechtend) blofi mit den Wunden
des AderlaBmannchens im Kalender davonkam. Man begreift
nicht, daB man noch lebt. —
Aber bessere und ernstere Griinde fur den Ehestand kommen
im Gemalde vor, das ich dir von meinem entwerfe; jetzt ists
hohe Zeit zur Geschichte!
Rpsinette soil noch meine Hermine heifien, der ich mit dem
Brautgeschenk des Geschlechtsnamens noch das Patengeschenk
ernes Zunamens mache. Romantische Namen gehoren nur fiir 20
romantische Stunden; in der stundlichen rauhen Wirklichkeit
fiihret sich ihr Geprage jammerlich ab. Rosinette harmonieret
uberhaupt sehr mit der muntern Laune, die das Hebe Kind haben
wird und soil. Ein Madchen ist uberhaupt ein Wesen, das leichter
lacht und weint als das, woruber es beides tut (welches wir sind),
und ich kenne in der Geschichte Heiden und Tiirken, aber keine
Heidinnen und Turkinnen, die in ihrem ganzen Leben nicht ofter
gelacht als ein paarmal; nur in den Wintertagen der verlornen
und verletzten Liebe kann in den guten Wesen die frohe Beweg-
lichkeit erstarren, wodurch man am schonsten uber das sumpfige 3°
Leben hupft. Wenn das Schicksal zuweilen das hohe Korn weg-
maht, worin ich und Rosinette in unserem Neste sitzen, und wir
nun kalt und angewehet im Freien halten : so wollen wir lachend
wie Rebhuhner aufflattern; und so ists vorbei. Ein einziger Scherz
zerstreuet unsere innern Feinde oft schneller als ein schwerbe-
waffneter syllogistischer Figurenzug. Wenn diinnes Spinnenge-
KONJEKTURAL-BIOGRAPHIE IO37
webe uns fangen und angstigen kann : warum wollen wir nicht,
wie die Chirurgen, auch mit Spinnengewebe die Wunden ver-
stopfen und dem Weinen ohne Ursache das Lachen ohne Ursache
entgegenstellen? - Die Philosophic aber verdeckt uns oft die
Leiden nicht besser wie der Nachrichter in Sina, der dem armen
Sunder die skalpierte Haut iiber die Augen zieht, damit er seine
Plagen nicht sehe. *
Hingegen vor der Ehe kann mir Rosinette schwerlich zu ernst-
haft sein. Eine lustige Liebe ist fur mein Gefiihl ein lustiger Got-
10 tesdienst, ein miltonsches Paradies voll sternischer Laune. Du
weiBt, ich hatt* einmal eine Zeit, wo ich, um ein schones Wesen auf
ein Isolatorium zu bringen und es mit Himmels-Ather vollzula-
den, vielleicht einen und den andern elektrischen Scherz getrieben
hatte, z. B. etwan folgenden elektrischen im eigentlichen Sinn.
Ich hatte mich stark gegen die Gewitterfurcht erklart, und natiir-
lich aus elektrischen Griinden, und endlich mich erboten, mich
auf der Stelle selber in ein freilich kompendioses Gewitter in
Stubenformat umzusetzen, besonders da jetzt das Wetter so kalt
und trocken sei. Man hatte die groBe Etektrisiermaschine ge-
20 bracht und den Pechkuchen zu meinem Gestell. Ich hatte den
Kuchen bestiegen mit der Ladekette in der Hand, und ich hoffe,
du hattest mich mit laden helfen. Ich hatte jetzt die Gesellschaft
gebeten, alle Lichter wegzutragen, damit sie mich wie einen hei-
ligen Johannes oder heiligen Paulus mit dem Kopfe in einer Hei-
ligenglorie brennen sahe, welches die Bosische Beatifikation hei-
Bet. Es kann hier nicht berechnet werden, wie weit diese Heilig-
sprechung der Seligsprechung vorgearbeitet hatte; aber war' ich
nun weitergegangen in meinem Zwerg-Donnerwetter und hatte
die ungemein aufmerksame, aber sehr zaghafte Rosinette vor-
30 laufig ersucht, von weitem, aber doch in einiger Nahe auf meiner
goldgestickten Weste - denn diese gehort zum elektrischen Ap-
parat - umherzufahren, z. B. etwan in einem quadrierten Zirkel
um mein Herz; und wenn naturlich der ausstrahlende seinsollende
Kreis mehr ein hinter der Weste abbrennendes Herz vorgebildet
hatte: so ware das doch schon etwas gewesen. Aber weiterl Wenn
1 Des Essarts histor.-jurist. Worterbuch.
IO38 BRIEFE UND BEVORSTEHENDER LEBENSLAUF
ich nun bei so wichtigen Zeichen ihres gestarkten Mutes, womit
sie sich naher unter den Schimmer meines Heiligenscheins heran-
gemacht, jetzt des Kiihnsten kapabel gewesen und auf einem
Funkenziehen aus meiner Oberlippe bestanden ware, welches sie
am Ende (oder es ware verdachtig) hatte tun mussen, obwohl
(sah' ich anders im Widerschein des Heiligenscheines richtig)
ein wenig errotend und nur mit einem eiligen Atalantas-Bestrei-
fen ; und wenn dann meine Lippe mit einem langen Blitze, ver-
setzt mit einem der fluchtigsten Kiisse, in ihren kleinen Finger
eingeschlagen hatte und ich mit der doppelsinnigen Anmerkung 10
gekommen ware, wie in diesem Feuer Nehmer und Geber kaum
zu unterscheiden waren, nicht einmal in ihren Schmerzen dabei
— : was glaubst du wohl, wenn wieder Licht gekommen und die
Wangen der herrlichen Seele mit dem Mattgold der iiberraschen-
den Nachempfindung und meine eignen mit dem Glanzgold der
doppelten Feuerladung, sowohl von Rosinetten als von dir, er-
schienen waren, was glaubst du wohl, daB ich an jenem Abende
in der Bekehrung und Missionsanstalt, die schon durch das Tei-
len desselben Martyrtums begonnen war, mit meiner feurigen
Pfingstapostelzunge und Lippe noch hatte nachzuarbeiten ge- 20
habt? - -
Aber warum sollst du darauf antworten, da ich jetzt eher alles
machen wurde als ein solches elektrisches Kunststuck? Nein, edle
Rosinette Hermine, befahre keines - denn die Epistel kommt
doch einmal vor dich -, ein hoherer Blitz und Heiligenschein*, als
der. Dunstkreis gebiert, muB die Flamme schlagen, die zwei Men-
schen verschmilzt und magnetisch macht. Vertrauen auf gegen-
seitiges Vertrauen - Milde gegen alle Wesen - unvergangliche
Warme fur die nachsten - ein offnes Auge fiir den Zauberpalast
des Lebens und der Natur und ein erhobenes zu dem gestirnten 30
Himmel, der liber den Grabern steht - ein Zweck, ein Gliick, ein
Herz, ein Gott, das allein hat unsere warmeren Voreltern ver-
kniipft und soil ihre ahnlichern Kinder binden. - Nein, ich kann
mir schonere Altare eines ewigen Biindnisses denken. Eine Urrie
in einem englischen Garten - von einem liebenden Herzen einem
geliebten untergesunknen errichtet - neben einem stillen, rein
KONJEKTURAL-BIOGRAPHIE I039
nachmalenden Wasser — weich-errotend in dem Rosenschein der
tiefen Abendsonne, der gleichsam auf den Blumen unter den
Trauerbirken hinzukriecht — eine solche Stelle und Stunde ware
schoner gewahlt, wenn zwei gleichgesinnte Wesen sich den Bru-
derkuB der Verwandtschaft geben sollen — sie lesen nebenein-
ander die Klagen der Liebe, die Wiinsche des Herzens, die Seuf-
zer iiber das Leben, womit die Urne von unbekannten Handen
umschrieben ist - in der sanften Stimmung vergeben sie die Irr-
tumer des Geschmacks und verbergen unter die fremde Running
10 die eigne und lesen das, was sie sich sagen mochten - und hier
vor der Sonne, vor dem Tode und der Liebe enthiillet vielleicht
die Bewegung und Begeisterung^an der weiblichen Seele die Ge-
fiihle, welche die Ruhe verbirgt, wie Abendschmetterlinge nur
im Fluge die Fiihlhorner ausdehnen, die sie in der Ruhe auf die
Brust zuriicklegen. Dann schweigt der selige Mensch, und iiber
die ganze Seele breitet sich die Stille aus, welche die Saestunde der
unaufhorlichen Liebe ist, wie man Anemonensamen nur an stillen
Abenden streuet
Da aber noch nichts davon geschehen ist: so fuhl' ich eine
20 unbeschreibliche Begierde, hier - nach Art des Klopstockschen
Gedichts an eine kiinftige Geliebte - einen Brief an sie in deinen
einzuschlagen. Wahrhaftig ich tu* es. Aber in der kiinftigen
dritten Epistel gelob' ich dir ernstlich chronologische Reiseroute
und Taktik an, die beiden vorigen ganz fehlt. Ich muB das Schrei-
ben der Ordnung wegen unter der Fiktion eines Postskripts ein-
fuhren.
R.
N. S. Du liebe, liebe Rosinette! So red' ich dich aus Liebe
gegen dich und meine teuere Mutter an, die Rosina hiefi. Auch
30 in der Ehe, besonders in Briefen, wirst du haufig Rosinette und
Hermine benannt, du magst mich immerhin fragen, ob ichs denn
vergessen hatte, daB du dich Luise nach VoB oder Charlotte nach
Werther oder Dorothea nach Hermann oder Idoine schriebest,
welches letztere ein schoner Name aus dem Titan ware. - Kiinf-
tig wirst du dich darauf besinnen rmissen, was du gerade heute
IO4O BRIEFE UND BEVORSTEHENDER LEBENSLAUF
am Michaelistage jetzt unter der Nachmittagskirche vorgenom-
men, wo mich das nachbarliche Singen und Orgeln der Nikolai-
kirche sekundiert und wo ich in mir nur Friedenslieder und das
Angelika- Register des Herzens hore und so sanft bewegt dir
schreibe. Ein nur wenig wahrscheinlicher, aber herrlicher Zufall
war' es, wenn du jetzt am Fenster saBest und lasest, und zwar
gerade in den Palingenesien die Briefe an Hermina. Das bist du ja
selbst, Gute, jede Zeile, jede Szene darin ist dir geheiligt; nur
wirds dein stilles Herz nicht innen, sondern lachelt, wie ein Kind,
seine freundliche Spiegelgestalt als eine Gespielin an. O wie woh- 10
nen wir alle hinter hohen Felsen und liegen, durch dicke Erde
geschieden, arbeitend nahe und unbekannt nebeneinander in un-
sern Schachten! Welche kleine Zufalle miissen ihre Leuchten
voriibertragen, damit wir Nachtboten und Nachtpilger einander
ins Gesicht sehen und uns griifien konnen, wenn nicht gar ein
noch kalteres Schicksal eine weiche holde Gestalt auf immer in
eine ewige eiserne Maske einschmiedet! -
Ach vielleicht nab' ich dich schon gesehen, und ich weiB es nur
nicht gewiB. Mich kennst du freilich in jedem Fall als Kupfer-
stich; man muB dir aber sagen, daB die drei Gesichter, die von 20
mir an Nageln oder an Titelblattern hangen, den StofTnoch nicht
so erschopfet haben, daB nicht ein neues viertes zu geben ware,
falls man das fiinfte, das ich selber auf habe und behalte, bloB ab-
kopieren wollte. —
Der Michaelistag ist himmlischblau, und ich glaube leichter,
daB du drauBen bist und zuschauest, wie die mude Natur, einem
guten Kinde gleich, so willig zu Bette geht. Wie still bricht sie die
Blatterzelte ihrer Sanger ab! Wie leise legt sie ihren Blumen-
schmuck und ihren Prunkanzug auf die Erde nieder! Und wie
fern vom ungehorsamen Murren der Menschen zieht sich das 30
Pygmaenreich der Insekten in die Winterkerker und unter die
Erde, und die fliegende Volkerwanderung iiber uns eik in Frieden
und zu keinem BlutvergieBen durch den Himmel in ein warmes
Land I -
O sei nur du auch so still! Das Wehen und Glanzen des dahin-
fliegenden Sommers bringe dir keine truben Vergleichungen !
KONJEKTURAL-BIOGRAPHIE IO4I
Wirst du den Seufzer bezwlngen, wenn das kranke Laub jugend-
lich gliiht wie junge Blumenbeete? Wirst du nicht beklommen
gleichsam den fernen Fruhling nachklingen horen, wenn seine
Wecker, die Frosche, wieder wie aus den herrrlichen Mamachten
heriiberlarmen? - Ach wenn es ware und du weinen muBtest, du
liebes Wesen, iiber irgendeine verlorne HofFnung, iiber abge-
schlagene Wiinsche - wie gern nahm' ich deinen Schleier weg
und trocknete dein liebes Auge, und wie wehe tut es mir, daB ichs
nicht kann!
10 Ich wiirde dir, wenn ich bei dir ware, es klar auseinandersetzen
- fast schon dadurch, daB ich ein Buch mit goldnem Schnitt auf-
blatterte -, warum im Buche unsers Lebens nur an den durch-
gegangnen Blattern und an den restierenden etwas Gold zu kleben
scheint, nie aber am Blatte, das man gerade in den Fingern hat. . .
Ich werde iiberhaupt vor deinen Augen das Beet — wie man bei
Hyazinthen tut - etwas fest zusammentreten, woraus die Blumen-
zwiebeln der Freude aufgehen sollen .
Aber habe du nur deine Traume ! An den Festtagen der Seele
- denn von deinen Geburtstagen will ich gar nicht reden, ob ich
20 wohl wiinschte, heute fiele einer davon - oder wenn wir mitein-
ander den Nacht-Himmel oder die Abendsonne oder den Fruh-
ling ansehen, da will ich dich iiber deine dichterische Vergangen-
heit ausfragen und iiber deine vorigen Hoffnungen; - ach warum
kann ich dich mit keiner lauen Sommernacht des Lebens voll
Mondlicht und Violenluft umziehen, worin man ebenso bezau-
bert ist, wenn man wacht, als wenn man traumt? - Ich will dann
auch sagen, wie sonst meine Seele war und wie lange du schon
bei ihr bist; - wenn die Tonkunst mit der Engelszunge sprach, so
redete sie leise von dir - wenn der Fruhling seinen weiten Bliiten-
30 Garten wiederbrachte, so sucht' ich dich darin - und hinter dem
blaBroten Gebirge aus Dunst, das in der Fruhlingsmitternacht
am Himmel zwischen dem weiBen Abend und Morgen blunt,
standest du neben der Sonne wie eine Luna, und ihr milder Schein
verklarte dich - und wenn mich das Leben wie eine ho hie Leiche
aus Wachs mit holzernen Augen ansah und nicht atmete, so kam
mir deine Gestalt entgegen in Fruhlings-Warme, und sie hob den
IO42 BRIEFE UND BEVORSTEHENDER LEBENSLAUF
Schleier zuruck, und ich sah die HofFnung - und o kam nicht in
der Begeisterung, wo ich hohere Friihlingsmonate der Liebe
make, als ich hatte, und wo das Herz neben offnen gliickseligen
Inseln der Dichtkunst sein sehnsiichtiges Darben zu sehr emp-
fand, deine Stimme lieblich aus der Feme her und trdstete mich
und sagte: sei still und vertraue, wir werden uns finden! - Kalt
schneidet jetzt ein Gedanke durch mich — ich schwebe ja hier
neben den Inseln der Dichtkunst, und die feme Stimme, die mich
trosten will, kommt nur aus meiner Brust — Nein, wer sie hin-
eingeschafFen, der kann sie nicht lugen lassen. 10
Bis dahin, Unsichtbare, fliege dir leicht das geteilte Leben da-
hin, und das Geschick spiele deine Stunden weder auf Sturm-
noch auf Stummen-, sondern auf Harmonika-Glocken ab! — Und
wenn ich dir einmal die in den folgenden Briefeh kommende
Schopfungsgeschichte vorlese, moge deine Seele zu mir sagen
mussen: du hast dich nicht geirrt!
Fr.R.
Dritte poetische Epistel
Mein Brautigamsstand - heiliger Abend vor dem Hochzeitsfest
Leipz. MeBwoche 98. 20
Wie alles unter meinem Fenster auf- und niedertobt, und ich
beschreibe dir die Ruhe und das Land! Ich bin uberzeugt, dauerte
eine Messe 53 Wochen: alle Leute wiirden so kalt und korsarisch,
wie das 19. Sakulum ist, das (bei diesem ungeheuern Wachstum
des Handels) nichts werden kann als eine MeBwoche und die
Menschen MeBfremde und die Erde eine Judengasse voll MeB-
logis. Bengel setzt das tausendjahrige Reich ins neunzehnte Jahr-
hundert: wenigstens lasset die moralische Verschlimmerung, die
darin wachsen muB, etwas dergleichen hoffen; denn den morali-
schen Sanitatsanstalten fur Volker geht es wie den Gesundbrun- 30
nen, wovon die Arzte bemerkten, daB sie anfangs, besonders
wenn sie ungemeine Heilkrafte hatten, mehr Kranke als Gesilnde
lieferten. -
KONJEKTURAL-BIOGRAPHIE IO43
Das fahre hin! Eine Leipziger Messe wird doch immer das
Gute behalten,daB nachts in ihr Savoyarden-Orgeln herumgehen,
worauf ich mich heute den ganzen Tag schon freue.
In dieser Epistel hast du mich als wirklichen Gutsbesitzer von
Spitz und als erklarten Liebhaber von Rosinetten anzusehen;meB
aber nun die unsagliche Lust, den langen, mit springenden Quet-
len und Randblumen vergoldeten FuBsteig, den ich zwischen der
Verlobten und dem Giitlein fast taglich hin und her zu machen
habe! Denn die Stadt glaube nur nicht, daB ich sofort aus dem
10 leichten Tanzschuh des Brautigams in den FuBsack oder Steif-
stiefel des Ehemanns fahre. Ich will vom daphnischen Hain vor-
her die Bliiten und Gange genieBen, eh* er angeplatzt, getrocknet
und zum Ehebette zusammengeschnitten wird . . . Den Schwieger-
eltern muB es einleuchten, wenn ich ihnen vorhalte, daB es auf der
Erde von Biichern zweite Auflagen gebe, aber von nichts weiter,
besonders von keiner Lust- und Lebenszeit - daB jede Freund-
schaft, jede Freudenblume nur mit andern Nektarien, Farben,
Diiften wiederkomme, daB aber die Menschen leider nur das Ge-
meinschaftliche, nie das Eigentumliche an Freunden und Zeiten
20 auszukosten suchen, daB der eine aus alien Blumen Rosensirup
sieden wolle, indes der andere nur auf kochenden Veilchensirup
in seinem Kessel aufsehe - und daB der Schwiegersohn meiner
Schwiegereltern bessere Prinzipien habe. Ich meine das : wer gibt
mir, wenns vorbei ist, auf der Erde das Repetitorium und ancora
wieder, daB ich im Februar dort sitze im feurigen und fliegenden
Schreiben neben der uber den ganzen Himmel rot hinauf bliihen-
den Dammerung - und daB ich dann aufspringe bei der besten
Stelle und nach der Stadt fortwill, wo ich in einem andern Sinn
eine beste Stelle finde - und daB ich dann hinaustrete in lichte
30 weiBe Schneebeete, welche die rote Sonne, wie ein verwundeter
Adonis, zu betropften Adonisblumen farbt - und daB die langere
Hornungs-Dammerung das Winterherz erleuchtet - und daB die
innere Brauseerde sich gleichzeitig mit der auBern blaht - und
daB die ersten Lerchen, deren melodischer Name schon im latei-
nischen Vokabelbuch (alauda) fur mein Knabenohr ein Lerchen-
gesang war, als die schnellsten Vorsanger dem mit tausend Blumen
1044 BRIEFE UND BEVORSTEHENDER LEBENSLAUF
und Vogeln vollgepackten nachwatenden Friihling vorflattern?
Ich sagte: welche Ewigkeit hat denn diese Zeit zweimal?
Gleichwohl ist das nur ein Anfang; denn nachher lang' ich an
bei der Lieben, und o wie? An jedem Tag bei lichterer Zeit und
mit dem Lerchen-Nachschlag und Fruhlings-Vorschlag in der
nachklingenden Brust - die Unendlichkeit des Wunsches, wornach
jede Seele, wie nach der Sonne jede Erde, angezogen und stiirzend
dringt, wird nun weder verboten noch bewolkt - ich. bring* ihr
meine ganze Seele mit und verschweige keinen Traum - wir blat-
tern miteinander die Monatskupfer unsers nahen Eden-Jahres auf, 10
und tausend Anspielungen unterstiitzen uns in der Sache, sowohl
die strohgelben Rosenblatter, die ich mit dem Schnupftuch aus
der Tasche reiBe, als ihre gestrickten Blumen, wovon ich jedesmal
eine neue fertig finde als ein Zeichen und Epitaphium der Ab-
wesenheit, und auch die Eisblumen des Fensters, in deren durch-
sichtigen Rohren der gluhende Ichor der Abendsonne rinnt —
diese schmelzenden Schnee-Blumen bezeichnen und betauen un-
sere nahe Rosenzeit - ich finde jeden Tag neue Reize, entweder'
neue Geheimnisse (z. B. was denn eigentlich die Gute fur den
miitterlichen Geburtstag nachtlich nahe), oder neue Biicher oder 20
neue Arbeiten und sogar neue Stellungen, und war's nur die
niedliche, worin sie vor den kleinen Geschwistern putzend kniet
- und wir (vom Reden war noch kaum die Rede) sprechen sogar;
nur wird leider den begeisterten Kanarienvogeln durch Verhan-
gen das Schmettern verboten, das um meines eine Decke gezogen
hatte - und ich, ich weiB und brauche von den funf Weltteilen
und vom gelehrten Deutschland nichts weiter als ein Herz
o ich bitte jeden, soil ich eine solche Hesperidenzeit verkiirzen
lassen, die niemals umkehret? - Ich meines Orts wills der Zeit
schon hoch anrechnen, ist sie nur einmal dagewesen. 3°
Freilich, endlich geht sie auch fort; aber ich kann es so machen,
daB es zu Pfingsten geschieht. Wahrhaftig wenn ich meinen
Schwiegereltern zeige, daB ich Grtinde habe und gleich der Natur
in meinen Biographien die Rosenszenen immer in die Pfingsttage
verlege - und daB wir ja alle daran das erste Abendmahl, diese
Ambrosia der kindlichen Unsterblichkeit, empfangen - und daB
KONJEKTURAL-BIOGRAPHIE 1045
dann die Birken von Spitz in der Kirche stehen und dammern und
duften: so sind meine Schwiegereltern gewiB die Leute nicht, die
mich hindern, am dritten Pfingsttage mit Ring und Kranz an den
Altar zu dringen.
Dieser Dennitiv-Tag des Lebens soil gut gemalt aufgehangen
werden in einer nachsten Epistel; in dieser setz* ich den Vigilien-
tag vorher auf die StafFelei.
Die Welt wird stutzen und ihre Gedanken dariiber haben, daB
ich am zweiten Pfingsttage zu Hause bleibe. Ich tu es aber nkht
10 bloB, um auf morgen vorzukehren; sondern um aus dem Hause
hinauszulaufen und auf den freien Bergen zu bleiben, bis die
Sonne untergeht. Ein Tal ware da fur meine innern aufgemachten
Seelenflugel ein knapper Sarg und Erdfall. Ach, Lieber, ich weiB
wohl, wie mir dann sein wird. In jedem Fruhling tragt unser
Geist, wie der Winzer, frische Erde auf den ausgewaschenen
Weinberg der ktinftigen Lese, und die ganze Unendlichkeit un-
serer Brust wird von dieser warmen briitenden Aprilsonne mit
tausend Knospen von Planen, Reisen und HofFnungen heraus-
gelockt. Auf den Spitzer Hohen wird dieser aus unserem Busen
20 wachsende Dornstrauch, der mit unserem innersten Blute seine
Bluten trankt und farbt1, die Aste ausdehnen, aber ich werde sie
kurz scheren. Wenn der reiche Fruhling sich vor mir die Ebenen
lunablagert und Walder und Schmetterlinge und Blumen auf dem
SchoBe halt — und wenn es iiberall rauschet wie von einem herab-
kommenden unendlichen Leben — und wenn die Wasserwerke
und Getriebe der Schopfung wie in einem Bergwerk donnernd
auf- und niedersteigen - und wenn das weite wogende Leben sich
nach Jugend und Feme und nach Suden drangt, wie die Polar-
meere nach dem heiBen Erdgurtel : so fuhren die Wogen wieder
30 das Menschenherz mit sich fort, und es will in die Feme und in
die Zukunft, und ich blicke schmachtend nach den fernen dun-
keln Bergen gleichsam wie nach den Jahren, die in der Zukunft
1 Der Spanier Roccus Martinus aus Orca fiel sich einen Schlehenstrauch
in die Brust; dieser wuchs darin und muflte jeden Fruhling beschnitten
werden. Papst Urban VIII. hatt' einen Zweig davon. Relationes curiosae p.
186.
IO46 BRIEFE UND BEVORSTEHENDER LEBENSLAUF
ruhen aber dann ruft plotzlich etwas mir zu : erwache,
nimm Abschied von der Zukunft und Hebe die Gegenwartl
Ich werde erwachen und mutig scheiden - weil ich weiB, dafi
wir alle die Zukunft in dem Leben betoret fiir die Zukunft nack
dem Leben halten — : aber dann wird ihre altere blasse Milch-
schwester, die Vergangenheit, naher an mich treten und fast mehr
lacheln und weinen als sonst und sagen: ich bleibe bei dir.
Ich werde auf meine Brust niedersehen, und jene bleiche Paulina1
wird langsam alles darin voruberfuhren, was im Leben unver-
ganglich ist, jede groBe Stunde, die ewig nachgliiht, und jede 10
schoneSeele, die nievergessenwird, und vielleicht einige Schmer-
zen, und ich werde ihnen nachsehen und nachrufen : ich bin noch
wie sonst. — Nein, ihr Freundinnen, nicht als wenn wir uns ver-
lieren und verlassen, sondern weil auf der Aolsharfe der Erinne-
rung vor dem wehenden Abend alle Saiten reden und zittern,
werd* ich wie scheidend und geschieden in die Feme sehen, und
die Berge werden vor dem Nebel der feuchten Augen traumerisch
wanken : »0 nur recht wohl geh* es euch allen,« werd' ich sagen
miissen, »nur recht selig mog' ich euch jedesmal wiederfinden -
und so ziehet dahin wie ich, und keine gute Stunde werde je von 20
uns vergessen!«
An dich denk' ich auch, Otto, aber es ist, als bekam' ich dich
dann mehr, als hielt* ich mit dir meine Vergangenheit und Jugend
naher und fester Wie jetzt das Tonen der Gassenorgel mein
Herz ergreift, gleichsam mit einer lauten Vergangenheit und Zu-
kunft! - Aber ich fahre fort unter den weichen Nachklangen. -
Dann geht die Sonne wie ein Fruhling bliihend unter, und die
Lerchen schweben rot iiber ihr und singen herab - der Abend-
wind stiirmt in ihre weiche Glut aus Duft und kann den Rosen-
hauch nicht verriicken und verwehen - der ruhige Himmel tritt 30
mit seinen stillen Gestalten iiber die bewegte Erde - die Nacht-
schmetterlinge saugen, wie die Menschen aus eingeschlafnen
Freudenblumen der Vergangenheit, aus den geschlossenen Blu-
men den Honig herauf - mir ist, als flatterte weiches Getone um
1 Der Gemahlin des Seneka blieb vom Verluste des Blutes, das sie mit
ihrem sterbenden Mann vergofl, eine blasse Gestalt.
KONJEKTURAL-BIOGRAPHIE IO47
mich oder Echos umzogen den Horizont - und mit einer hohern
Liebe gegen alle Herzen des Allgiitigen beschlieBe ich den un-
schuldigen Tag, und ich sehe nach der Stadt mit der Brust voll
siiBer Tranen, sehnsuchtig nach meiner Hermina, um sle an der
ihrigen zu vergieBen. Gute Nacht! -
VlERTE POETISCHE EpISTEL
Der italienische Tag
Leipz. In der MeBwoche 98.
Hier findest du mich mit ihr in der kalten Stadtkirche. Der
10 gestrige Abend glanzte noch in meiner Seele nach, als ich heute
in die Stadt iiber den tauenden Morgenknospen fester Blumen
und durch das traumerische Dammern ging, das uns zweimal des
Tages an Liebe und Jugend erinnert, wie ja am Himmel der Stern
der Liebe nur in den beiden Dammerungen kommt und glanzt. -
Fiirsten werden die Ringe auf goldnen Tellern prasentiert; aber
ich nehme sie lieber aus der geliebten Hand. Ich strecke die mei-
nige fur einen wundertatigern Ring, als der salomonische und
papstliche Siegelring zusammen sind, gegen meine Rosinette aus
- er ist die Fassung meines Lebens, wie meiner des ihrigen; den
20 triiben Saturn der hiesigen kleinen Zeit machen, wie den astro-
nomischen, zwei Ringe Hcht.
Andere Leser als du machen sich jetzt auf einen langen Rap-
port- und Komodienzettel von Hochzeitgasten gefaBt, die mit
dem jungen Paar in einer ausgestreckten Wagenburg nach dem
Giitlein fahren; - was auch, wie naturlich, geschieht bei der Sil-
berhochzeit, wozu man die Jungfrau Europa hier voraus invitiert
als Kranzeljungfer; aberwahrlich nie bei der Gold- oder Juwelen-
hochzeit. Wo muBte der Brautigam seine fiinf Sinne haben, wenn
er einen zarten Tag, den er wie einen sakularischen Jubeltag nie
30 in duplo bekommt, und der als ein VergiBmeinnicht der Liebe
ein stilles Tal zum Wachsen fodert, vor Brennspiegel setzen oder
solchen mit Saus und Braus, mit Trommetenschall und Pauken-
IO48 BRIEFE UND BEVQRSTEHENDER LEBENSLAUF
knall erschrecken und betauben wollte? — Schon gleichgiiltige
oder gar liebe Gaste werden storende Drehkreuze der weichern
Liebe; aber vollends alte, seit Jahrzehenden gekannte Men-
schen, mein Otto, diese wurden wenigstens deinen so sehr be-
wegten Freund dann zu tief bewegen. Gibt es denn einen Tag auf
der Erde, wo alle Jahrszeiten in der Brust und die schonsten Tra-
nen im Auge sind? - Wend* ich nicht schon so gewaltsam meines
von den kindlichen weinenden Umarmungen ab, unter denen
Rosinette ihre Eltern wie zum erstenmal verliert und sich von
ihnen abreiBet wie von der leichternZeitder Jugend und Liebe? 10
Weine nur nicht zu Iange, Hermine, erinnere mich in einer sol-
chen Stunde nur nicht zu lange durch deinen Abschied, daB ich
keinen mehr zu nehmen habe - daB die guten Augen, die sich
iiber das Gliick eines Sohnes erfreuen und benetzen konnten, o
schon so fest zugefallen sind! Riihre die Wunden nicht an, die nie
auf der Erde verschwinden und fur welche die Zeit nicht die
Wundarztin, sondern die defer schneidende Eisen-Jungfrau ist.
Werd' ich nicht ohnehin noch im Freien auf dem Wege die
liebe Seele zu sehr mit dem Gedanken anschauen : sie ist nun eine
Waise, und nur durch einen Fremdling wird sie elend oder froh? 20
— Eine Braut hat ein hoheres und kuhneres Vertrauen als ihr Ver-
lobter, der gleichsam auf dem Marktplatz des Glucks noch in alle
Gassen des Lebens sieht. - Sogar Rosinettens Putz macht sie
ruhrender und kleidet sie heiligend fur das Kloster der Zukunft
ein; und dem Geiste, der sie ehrt, kommt die Pfiicht ehrwurdiger
und schwerer vor, der edeln Waise voll Vertrauen die Eltern zu
vergiiten und dem von den elterlichen Wurzeln losgeschnittenen
Zweige seine Blumenerde und Pflege zu geben.
Als ich indiesemFruhjahr in derDresdnerRiistkammer, dieses
bessere grime Gewolbe fur dasHerz, herumging und die von den 30
fiirstlichen Brautfesten iibriggebliebnen Paradepferde mit ihren
Schellendecken ansah und einigemal die fest hangende schwei-
gende Hochzeitglocke des klingenden Schellenspiels anzog: so
bedacht' ichs geriihrt, daB ich dieselben Tone auferwecke, die
einmal in freudigwallende Herzen sanken, und daB der leichte
Klang fortlebe, indes die Ohren und die Freude und die Zeiten so
KONJEKTURAL-BIOGRAPHIE 1049
tief eingeschlafen sind. - Nein, Hermine, mit diesen Phantasien
will ich nicht in deine bliihende Gestalt voll lachelnder Hoffnung
blicken.
Aber in dieser Stimmung wiird* es uns beide wie mit frischem
Wasser ansprengen, wollten meine vier Spitzer Untertanen einige
Lot Pirschpulver und Geigenharz aufwenden - wiewohl ich ja
das Getd dazu geben kann - und mich als ihren Vierfiirsten samt
ihrer Vierfurstin mit Schiissen und Klangen einholen und salu-
tieren; Rosinette fande sich dadurch nicht nur wie unter Ein-
io heimischen wieder, sondern ich bekame auch da die Gelegenhek,
den schon seit so vielen Monaten und Briefen vorbereiteten Zau-
berschlag zu tun, womit ich das gemietete Gutlein in ein gekauf-
tes verwandle; ich konnte den Kauf brief hervorziehen und ihr
ihn geben mit dem Scherze, der ihre zu geruhrte Oberraschung
milderte: »Es sind deine vier Lehnmanner und Vasallen, und
nimmst du mich zum funften an, so hast du alle funf TrefTer.« —
Ich glaube, ich kann es so machen. —
Endlich treten wir mit dem uns nachgniBenden und nachschie-
Genden Quartett in den Schlofihof des Lustschlosses, das darin in
20 der Gestalt eines niedlichen Gartenhauschens steht. Lasse mich
stillsein iiber den ersten betenden Augenblick, den wir im Wohn-
zimmer haben, wenn wir denken: »Hier sagen wir das schone
Wort wiser zum erstenmal ; hier bleiben wir beisammen, und hier
findet uns beide das Schicksal, das uns frohe Tage bringen oder
wieder nehmen will.«
Ich fiihre dann die Herzliche uberall herum von meiner Ar-
beitsstube an bis zur Kuche hinab - ich zeig' ihr, wie ich ihr Ein-
gebrachtes pele mele aufgestellt und aufgehangen : »Jetzt setze du
alles zurecht nach deinem Gefallen«, sag' ich - sie soil sich heute
30 mit nichts bemengen — es ist ein lyrischer Tag, der durchaus
italienisch zu verleben ist — das Hochzeitmahl wird aufgesetzt,
allein ich sage: »Essen ist an solchen Tagen meine Sache nicht,
leichter trank' ich ; ich weiB aber, kiinftig mach* ich mehr daraus.« -
Nach dem Essen kommt die Hauptsache, der italiettische Tag.
Ich weiB nicht, was andere von ihm halten; ich und du und die
Unsrigen kennen ihn ganz gut von unsern Sonntagen in »Neu-
IO5O BRIEFE UND BEVORSTEHENDER LEBENSLAUF
haus« und »Hofeck« her. Inzwischen wird er hier gemalt. Ich
konnte auch eine geograpkische Definition von ihm vorausschik-
ken und sagen, ein italienischer Tag sei ein Tag in Italien, an
welchem man genug hat ohne die Perspektive eines pveiten; aber
eine dramatische Definition scheint ebensogut.
»Rosinette,« - sag' ich nach dem Kaffee - »es ist unmoglich,
da6 man heute Platz hat in der Stube an einem solchen Tag, o sieh
nur den himmlischen Himmel drauBen! - Und ich muB dir unser
Tal zeigen.« Wir gehen (ich glaube um 2 x/2 Uhr) durch das ganze
Dorf. Ich nenn* ihr die meisten Hauser und zeige ihr besonders die 10
vier in meinem Reich von Aachen liegenden. Und mit jedem
Schritte, den ich durchs Dorf mache, fiihl* ich, sinken und wur-
zeln hinter mir die Saulen unsers Gliicks -Tempels tiefer ein. Was
von meinen Untertanen zuHause ist- namlich der weibliche Teil -,
sieht dem Fiihren seiner Dogaressa und Dauphine nach. Der
mannliche jauchzet schon den dritten Festtag an in der Karawan-
serei; und es ist ein schoner Zufall, daB die nan* an ihr Hegende
Miihle das Klappern der Rader sonderbar-wehmiitig mit dem
Klappern der Tanzer verdoppelt und verwirrt. Wir gehen etwas
absichtlich nur von feme vor dem neuen Pfarrhaus voll Pfingst- 20
gaste der Nachbarschaft vorbei; es ist mir ohnehin schon unter
der wachen Menge, als hatt' ich meine Rosinette nicht so nahe an
mir wie in meinem SchloB, und ich sehe mich unaufhorlich um
nach der Gegenwart der Lieben. Hore, ist sie nicht redlich und
deutsch und nichts als ein Herz? - Ich verberg' es nicht, es ist mir
lieb, daB wir nichts vom Pfarrer sehen als im Garten seinen kleinen
Fritz mit einem Stabnetz zum Fange der Schmetterlinge. Beim
Himmel ! ich brauche mit keinem Netz zu laufen - ja ich bin selber
einer und neben einer unverwelklichen Blume.
AuBen am Dorfe an einer kleinen Sennen-Hiitte, auf deren 30
Strohdach nicht unmalerisch eine hinausragende Leiter Hegt, rufet
uns aus der Mitte des Dorfs das eintonige Schweizerhorn des
Hirten arkadisch nach; und wir sehen die Kinder, die ihm das
beschorne Schaf mit dem Lamme freudig zutreiben. Vielleicht ist
der schone, aber mitleidige Anblick des entkleideten stillen Tieres
an dem Bedauern schuld, das wir mit der Feldeinsamkeit des
KONjEKTURAL-BIOGRAPHIE 1051
Hirten haben, wahrend der tanzenden schwatzenden Geselligkeit
des Orts; aber abends hat der Mann noch zu allem Zeit.
Nun wirst du glauben, daB wir nach Hofeck Ziehen (denn so
will ich dem Hofer Hofeck1 zu Ehren das Spitzer nennen, das an
der Hintertiire des Tales liegt) ; es sollte mich aber wunderneh-
men. Das Ortchen an sich ist zu schatzen und recht fur semen
Zweck gemacht. Jeder will zu seiner Lustbarkeit ein nahes Dorf-
chen, ein Brandenbourg-house, ein Luisium, einen Prater haben,
von welchem er zweierlei verlangt, erstlich daB er da seinen Kaf-
10 fee - oder was er mitbringt - so gut zu sich nehmen konne als
zwischen seinen vier Pfahlen, und zweitens daB er dahin zu mar-
schieren habe, wenigstens eine Viertelstunde lang. Paaret nun
eine solche konigliche Bagatelle, ein solcher Sommersitz beide
Vorziige : so geht man wieder nach Hause, ganz neu aufgefarbt
und umgegossen, und findet daheim - so wie wenn man nach-
mittags einige Stunden geschlafen hat - nach so langer Abwesen-
heit alles neu und sieht jeden an.
Ich sagte aber, es sollte mich wundernehmen, wenn ich mit ihr
nach Hofeck ginge - und zwar darum, weil wir uns dann einen
20 Zweck vorsetzen miiBten, welches, den besten italienischen Tag
zugrunde richten miiBte. Man genieBet die Natur nie ganz, wenn
man irgendwo - und war's zum nachsten Pfahl - hinwill, oder
auf irgendeine Sache - und war*s eine Geliebte - auslauft : son-
dern man lasse sich wie ein s.chlafender Schwan dahingegeben
von ihren Wogen drehen und fiihren. O warum fangt der Mensch
im Leben das Leben von neuen an und glaubt nur die Zukunft
begiitert und das Jetzt verarmt? Warum schiebt er den Zeitpunkt,
wo er von der Zukunft nichts begehrt als dessen Fortsetzung, ins
- Alter hinaus, wo er nur aus Mangel an Zukunft sich mit dem Jetzt
30 abspeiset? -
Aber schaue lieber in unser voiles helldunkles Tal, gleichsam
in eine verlangerte Laube, in ein bliihendes Souterrain des Frii fi-
lings. Wir gehen an einem durchs ganze Tal hinaufredenden Bach
und treten bald in den Schatten, bald in den Glanz und gehen
1 Ein anmutiges Lustortlein bei Hof ^mit Heblicher Aussicht und Nach-
barschaft.
IO52 BRIEFE UND BEVORSTEHENDER LEBENSLAUF
durch vergoldete, in den Liiften streitende Heere, durch flie-
gende Lieder und durch schweifende Freudenrufe und Lockun-
gen. An der schonsten S telle, wo etwan der Bach sich selber einen
runden stillen glatten Hafen bauet, muB sie ausruhen; wir kon-
nen auch sitzend leichter ein Wort red en und uns ansehen. Wie
uns die Welt so freundlieh und friedlich mit einem Ringeltanz
freudiger Kinder umgibt!
Wir sind so beruhigt, daB ich das Buch, das ich zum reizenden
Wechsel zwischen Lesen und Reden eingesteckt, herausziehe; es
betitelt sich »Jean Pauls Briefer Aus Abneigung gegen eignes 10
und fremdes Vorlesen bin' ich Rosinette, das Buch so ausein-
andergebrochen zu halten, daB beide Schalendeckel sich beruhren,
weil ich, da ich schneller bin, die untere zweite Seite lesen will,
indes sie noch an der ersten studiert. Ich bin den Augenblick
fertig und schaue dann muBig, unter das Buch gebiickt, hinauf in
ihr halbgeschlossenes gesenktes Auge, das sie, weil sie mich schon
ein wenig kennt, ungemein liebreich zuweilen wie einen Himmel
gegen mich aufschlagt, darnit ich etwas habe. Auch ergreift die
reizende Dichtung darin »Luna am Tage« sie in der Tat. Dann
les' ich wieder mit ihr, geschmiegt an ihren linken Arm, die obere 20
Seite und bin wieder gleich herunter — verzeih' mir der treffliche
A.utor der Briefe dieses leichte Wesen! — und schaue sie in den
Ferien durch die Locken und dann von der Seite an und hange an
der nahen jung- und zart-gemalten Wange und an den fein zu-
sammenlaufenden Schonheitslinien des halben Knospen-Mundes
- sie Iieset ernst fort, als sen' sie nicht alles - ich lehne mich ein
wenig vor und erprobe und sichte durch Lacheln den verstellten
Ernst — die Purpur-Lippen stemmen sich gegen das innere La-
cheln, aber endlich zerflieBen sie eilig ins auBere - und sie legt das
Buch nieder (ich bedauere nur den armen Verfasser) und sieht 30
mich mit ergebener Freundlichkeit an, gleichsam als sagte sie:
nun, so spiele denn, Schaker! - Aber ich falle, geriihrt von der
leuchtenden Liebe, ernst an das fromme Herz.
Allein dann sind wir zu bewegt, zu scherzen oder zu lesen. O
wie glanzet die Welt vor dem feuchten Auge ! Der Wind spielet
mit dem Grase, und es schimmert unter dem Aufrichten - der
KONJEKTURAL-BIOGRAPHIE io53
Schatte einer hellen Wolke ruht neben einerBlume fest und riicket
nicht - und der Kafer voll Blumenstaub tragt wie in einer Ent-
ziickung die Fliigel wie aufgebundnes Haar weit auBer den Flii-
geldecken, und das durchsichtige hellgriine Raupchen hangt wie-
gend in der Schaukel seines Fadens nieder - und auf dem belaub-
ten FuBsteig am Bergriicken wandeln geschmiickte Menschen zu
den Freunden und Freuden des Festes - und oben auf dem wal-
digen Gipfel des langen Berges ruhet lachelnd die Sonne und
schauet in ihren Friihling herein. — Wir verlassen die selige Stelle
io und schwanken dann still und voll durch den langen, von Bliiten
verfinsterten Irrgarten des Tals. Das Saitenspiel der Wonne er-
klinget jetzt von selber ohne eine spielende Hand, es tonet schon,
wenn die Miicke oder der Zephyr darauf fliegt. Nicht mehr ein-
zelne Schonheiten, sondern das dunkle und zusammenlaufende
Gemisch von hohen Liedern iiber uns und von geatzten Vogeln
und vom Wehen und Sumsen und von fernen Menschenstimmen
und die ganze vielgestaltige tausendstimmige Natur dringt in
einem groBen Traum fullend in die Brust. -
Jetzt ist es gut, daB wir zufallig uns verirret haben nach -
20 Hofeck. Es mildert die hohen Farben des Traums. Hier stelP ich
ihr das Haus und die Leute vor, die wir so oft besuchen werden.
Wir sehen auf einmal tausend schone Nachmittage in ihren Knos-
pen vor uns. Der Zuhorer wegen breit' ich vor Rosinetten eines
und das andere Model- und Mustertuch aus, wornach etwan das
kiinftige Haushalten zu zeichnen und zu sticken ware.
Endlich setzen wir uns in den duftenden Garten heraus. Es wird
dir gefallen, daB ich noch etwas in der Tasche habe, was recht
ins kleine runde Eden passet, namlich Rosinettens Stammbuch.
Weibliche Stammbucher waren fur mich von jeher ein Album
30 im moralischen Sinn, ein Blumenblatterkatalog, eine Blumenlese
zarter Wiinsche und Traume, ein Ernteregister der Stundenzettel
der jungfraulichen Jugend. Dieses Manuskript les' ich ernsthaft
mit ihr und innig bewegt von den liebenden Wunschen und oft
fast verzagend an dem, der sie erfullen hilft. Unter den wenigen
mannlichen darin will mir keiner gefallen, den ausgenommen,
den ich selber hineingeschrieben. Hier ist er; er wurde damals
1054 BRIEFE UND BEVORSTEHENDER LEBENSLAUF
noch ohne Riicksichten und HofFnungen gemacht, inzwischen
dacht* ich doch (wie wir alle) dabei an Moglichkeiten :
»DieFehler derweiblichenSeele kommen aus zuweicherLiebe,
und ihre Flecken sind, gleich den Mondsflecken, Blumenauen;
unsere Fehler kommen aus Egoismus und Harte und sind, gleich
den Sonnenflecken^ ausgebrannte oder entbloBte Teile des Son-
nenkorpers.
Eine Jungfrau wohnt in einem heiligen dunklen Hain, von wel-
chem niemand einen Zweig abhaue und den nur die Jahrszeit
lichtet; und im Haine hangt sogar iiber ihre Gottin wie uber die 10
Isis der Schleier nieder.
UnvergeBlichei So gliicklich es Ihnen auch auf der be-
weglichen Erde gehe, so zufrieden Ihre stille Seele werde :
so werd* ich doch immer sagen: sie hat mehr verdient!
' - i — , d. 29. Mat 179-
Jean Paul Fr. Richter.«
Wenn ich diese unter so unsichtbaren HofFnungen geborne An-
rede im Garten wieder lese: so sen' ich bescheiden meine Hermine
an und wiederhole die letzte Zeile, und so schonend und liebend
sie auch aussehe, so sag* ich doch mit der letzten Zeile: »Du hast 20
mehr verdient !«
Dann brechen wir auf. Das selige Herz ists zu sehr - Jedes
Gefuhl tragt eine Krone - Die kleinsten Sternschnuppen des ver-
ganglichen Lebens werden Sternbilder und riicken als ein Son-
nen-Kreis dem Herzen naher - Der Mai geht vor uns her, nicht
(wie nach dem Abbilde der Alten) als ein reitender Jungling, der
einen raubenden Falken tragt, sondern als einer voll zahmerGras-
miicken und Nachtigallen. — Innig-selig wandern wir die alten
betaueten Steige des heitern Nachmittags zuriick, und uns ist, als
sei es schon lange, daB er dagewesen. - Die Schatten haufen sich 30
wie ausgebrannte Schlacken am langen Bergabhang unter dem
griinenden Golde des Abends an. Wir kommen wieder an die
kleine Quellen-Bucht, unsern heutigen Spiel- und Ruheplatz, er
ist schon kiihl beschattet, und nur rege Goldfalter glimmen noch
KONJEKTURAL-BIOGRAPHIE IO55
auf den kurzen Uferblumen. Die wankende Welt von Gipfeln
ruht aus und zeigt fest gen Himmel; und die niederhangende
Sonne reift als eine goldne Frucht zwischen ihrem Laub ; und wir
drehen uns unaufhorlich urn nach dem milden fallenden Glanz.
»Ach Hermine,« sag* ich, »wie lieb und nahe wird einem Men-
schen die Erde und das Leben wieder, der lieben darf und der
geliebt wird 1 - Wie befestigt der Gedanke das Herz, daB, wenn
immer einst die kalte Zeit anriickt, die alle unsere Bliiten abstreift
und den langen Friihling in einen diinnen Traum verkehrt, daB
io wir durch sie nichts zu verlieren und zu fiirchten haben, weil das
Tempelfeuer imHerzen durch alle nassewindige Jahre fortbrennt,
weil ja unsere Herzen einander nie verlassen, weil ja deine Hand
in meiner bleibtU - Und sie antwortet: »Ach die Liebe leidet bei
jeder HofTnung, sie will keine, sondern nur Gegenwart.«
Du gute Sonne gieBest auf einmal wieder deinen Glanz daher,
weil du zwischen den weiten Stammen zerronnen auf den Berg-
blumen als ein grofier goldner Tautropfe liegst - und nun werfen
aus dem bestrahlten Bach die springenden Fische goldne Wellen
empor - und an den Fenstern unserer Heimat leuchtet der ver-
20 glimmende Abend - und iiber unserem Hause ruht bescheiden
die bleiche Wolkenflocke, der Mond, und verschiebt den Glanz -
- Meine arme, nur an einsame Wonne und an unerfullte Traume
gewohnte Seele wird freudig iiber die nahe zweite Seele und iiber
die Erfullung erschrecken : »Ach Hermine,« werd* ich sagen, »wie
selig bin ich! - Und bist du es nicht? - In diesem Himmel kon-
nen wir immer besser und heiliger werden; und ich werde dich
jeden Tag mehr lieben, je besser ich werde.« - Aber ihr nasses
Auge wird mich ansehen, und ich errat' es wohl, daB sie meint :
»Ja wir werden immer besser werden, aber konnen wir uns mehr
30 lieben ?« —
R.
IO56 BRIEFE UND BEVORSTEHENDER LEBENSLAUF
FUNFTE POETISCHE EpISTEL
Meine Hausvaterschaft - das Kinderkonzert.
Leipzig. Zahlwoche, 98.
Aber die Zahlwoche geht mich nichts an, kaum als Buchhand-
lerwoche. — Gott erhalte diesen Friihlingshimmel iiber uns so
lange blau, bis ich unter ihm weg nach Weimar abfliege! - Ich
kann nicht recht in die Epistel hinein, lieber Otto - eine blaue
Mundtasse neben meinem Ellenbogen, woraus ich trinke, pertur-
biert mich in meinem planetarischen Lauf. Augusta, die mit Mann
und Schwester dagewesen (ich habe dirs aber geschrieben), schenkte 10
mir das perturbierende Weltkorperchen^ Reise unter einer milden
wolkenlosen Sonne, Hebe Seele, sowohl nach Haus als durchs
LebenI -
Im letztern Fall bin ich in der jetzigen Epistel. Du solltest uns
beide, die Neuvermahlten, sehen im ersten Jahre unserer Freiheit
von der Welt - namlich jetzt, denn wenns da ist, kommst du
ohnehin -, wie wir dasselbe mit italienischen Tagen, Nachmit-
tagen und Stunden durchwinden! -
Ich distinguiere nach der Zahl meiner Landessassen vier Jahrs-
zeiten der Liebe gegen eine Frau: die erste ist die Liebe'gegen sie 20
vor der Verlobung oder der Friihling - die zweite, heiBere, nam-
lich der Sommer, fallt nach derselben und dauert bis an den Altar
- die dritte, der magische traumerische sanfte Nachsommer, den
andere das Honig- oder Flitterjahr nennen (ein Flitter jahrhun-
dert •war' etwas), werd' ich sogleich an mir selber malen, wenn
ich die vierte genannt, den hellen reinen hauslichen Winter der
Freundschafr, die durch einerlei Zwecke, durch gegenseitige Un-
entbehrlichkeit, durch eine lange Gemeinschaft des Lebens und
Duldens und Freuens so sehr zwei Herzen mit alien ihren Wur-
zeln ineinander verwickelt, da£ es mir oft wehe tut, daB die Hand 50
der Zeit dem armen, so oft beraubten Menschen gerade im kalten
schwerheilenden Alter die weiteste Wunde macht und ihm das
Beste aus der Brust schmerzlich zieht, das eingewurzelte zweite
Herz.
KONJEKTURAL-BIOGRAPHIE IO57
Wo bin ich? Aber der Komodienzettel, der mir mit seinem
angekiindigten Trauerspiel hergelegt wurde, fiihrte mich so tief
in jenes.
Ach das Hyblahonig-Jahr! - Ich weiB nicht, ob ichs nicht das
tausendjahrige Reich der Liebe heiBe. Urteile selber! - Man sitzt
droben in seiner Studierstube in neuer Wasche wie BufTon1 und
schreibt an den besten Schriften weiter, und die emsige Seele im
weiBen Hausgewand will nur durchlaufen, urn den Mann nicht
zu storen; aber er legt die Feder uber das DintenfaB und gibt ihr
10 die Hand und zieht sie an sich, und sie buckt sich lesend gegen
das, was er hingesetzt - Mit groBerem Feuer, weil ihr ja alles zu-
gute kommt, sowohl die Schopfung als die Ehre und der Ehren-
sold, tunkt er wieder ein und denkt unter den schonsten Szenen
ans Essen! - Denn das Essen Neuvermahlter ist das einzige echte
oder das mit seinen Kindern; bei jedem andern als Einsiedler oder
als Gast mocht* ich ebensogern Zahne und Schlund in die Tasche
stecken. Er aus seiner, sie aus ihrer Kuche kommend - beide fiir-
einander arbeitend - streitend nicht um, sondern gegen die kost-
lichsten Bissen - und so recht lange beisammensitzend ohne Mit-
20 tagsschlaf, leicht, zufrieden, often, warm, zart und lustig - welche
Hochzeitgaste ! - Kann der junge Mann nicht sogar scherzen
uber seine Schreibereien wie Siebenkas? Er kann, sollt' ich den-
ken, leicht sagen, das Fixum fiir seine satirischen Digressionen
und Extrablatter setz' er ihr zum Nadelgelde aus - die Sporteln
fiir das Tragische konne man fiir die Kinder aufheben - von der
bloBen Geschichte werde gelebt und gewirtschaftet - mit trock-
nen Abhandlungen gegen Philosophen und Kritiker konne man
Gaste traktieren.
Ich halte diese Zeit fiir die neueste, die man im Leben hat, denn
30 alles ist neu darin, jeder Gast, jede Woche, jede Hoffnung. Aber
doch wird der Honig derselben aus hoch hinauf bedornten Blu-
men genommen; diese Zeit nahrt einen Seufzer, der die Liebe
darin so unendlich zart und heilig, aber auch so bange macht.
Schon seit zehn Jahren - denn ich kann nichts erleben als vidi-
mierte Kopien dessen, was ich schon zehnmal gedacht und ge-
1 Er zog sich weiB und reinlich zu seinem Schreiben an.
IO58 BRIEFE UND BEVORSTEHENDER LEBENSLAUF
schrieben habe - trag' ich mich mit der Angst vor einem Tage
herum, der zwar meist in jedem Jahre wiederkommt, der aber im
ersten einem Hebenden Manne immer so erweichend vorschwe-
ben muB, daB ich nicht begreife, wie er das teuere leidende Wesen
ohne innigste Ruhrung und Liebe ansehen kann, das so allein
ohne ihn uber einen schmalen scharfen Steig zwischen Alpen-
griiften gehen muB, indes er driiben fest auf seinem breiten Boden
sitzt.
Aber ich will nicht in die heilige Wolke treten, womit der All-
gutige eine fremde Zukunft bedeckt; ja sie bleibe mit ihren Far- 10
ben auch auf einer darauf folgenden Wonne verhullend, welche
der Dichter schwer ahnen und nur der Vater fuhlen und nur, wer
beides ist, beschreiben kann.
Ich sollte statt eines Absatzes eine Epistel anfangen, weil ich
uns beide auf einmal in die spate vierte Jahrszeit der Liebe fuhre
iiber manche Berge und Jahre hinweg. Du sollst sie nach dem
Andreastage beurteilen, den ich aus der Jahrszeit aushebe. Die
Hauslichkeit und Ehe gleicht dem Magnet auch darin, daB sie im
physischen Winter in Norden, bei Nordwinden und nassem Wet-
ter groBere Krafte zeigt. 20
Du kannst dir denken, daB ich am Andreastage so aufstehen
werde, daB ich keine meiner jetzigen Westen um mich zuknopfen
konnte. Stelle dir einen stattlichen proportionierten Funfziger
vor, so schwer wie seine vielen Werke, der ein ernsthafterMensch
sein konnte, wenn er sonst wollte! Aber diesen wird nie dieses
Hokuspokus-Leben an mir erleben, das uns auf der gestirnten
Buhne des Universums zu bloBen Statisten macht, wenige Genies
ausgenommen, die es zu Bedientenrollen treiben oder gar zu sol-
chen, wo sie gepriigelt werden. Es ist mir uberhaupt trotz meines
lieb- und geistlichen Wohlbefindens immer so, als war' ich rioch 30
gar nicht recht ins Leben hinein, als schwebt* ich auBen darum,
als muss' es etwas Festers und Dichteres sein; oder hat mich viel-
leicht der Komet der zweiten Welt - welches wohl sein kann, da
er vor vielen Jahren im November mit seinen Anziehungskraften
zu nahe vor mir voriiberging - mit den Wurzeln herausgezogen
und hat mich so wie eine Hyazinthe in der Luft hangen lassen,
KONJEKTURAL-BIOGRAPHIE IO59
wiewohl bliihend? Indes schnellet dieses Tremplin oderSchwung-
brett einen Mann iiber manchen zwickenden Krebs und giftigen
Dunst empor — und die Freuden, die aus Erdarten praparierten
ausgenommen, behalt man alle. Vielmehr setzet man dadurch vor
alle blendende Freuden italienische Transparents, mit Mond-
schein bemalet, ja alle reichen Auen liegen in einem verklarenden
Mondlicht um uns - und endlich steigt doch am Horizont der
Kopf des Freund Heins als Sonne auf. -
Ich nehme einen solchen Andreastag, wo es schon zugewintert
10 hat und man im Kampanertal, wo der italienische Tag gebliiht,
sehr waten muB. Die Kinder freuen sich iiber den tiefen Schnee
und stampfen darin versuchsweise herum und erkalten sich, um
sich nachher zu erwarmen. Sie erwarten auf nachmittags ihren
Herrn Paten; das bist - du. Was du namlich von Tauf- und Ge-
schlechtsnamen an dir hast, hab* ich zweimal zu Gevatter gebeten,
einmal mannlich, einmal weiblich flektiert, so dafi die Namen
eben zu 7 Kopfen zulangten. Es wird friiher abgegessen — vieles
gebohnt - seltene Tassen werden vorgehoben, namlich ein Paar
mehr fur dich; denn ich kenne nichts HaBlicheres, als gerade das
20 Schonste ungebraucht zu sparen wieder fiir einen Sparer; und
war* ich ein Erzengel, fiir welchen, wie ich mir oft gedacht, ein
ganzes Weltensystem nur eine mit Brillanten besetzte Achttage-
uhr mit Terzienzeigern von Monden ist, und hatt* ich diese Uhr,
ich triige sie auf Reisen und iiberall.
Du bist kaum herein und hast noch den Schnee an: so sprech*
ich schon vom Fortgehen, woraus heute in jedem Betrachte nichts
wird; jeder Festtag will eine unbestimmte Lange, und diese hat
nur ein Abend. Jetzt erst lass* ich dich ein Wort mit deiner lar-
menden Namensvetterschaft sprechen. Christian und Otto wer-
30 den dich freuen, auch Hans, der Philosoph, an den ich den Brief
adressiert, weiB fiir sein Alter Bescheid. O sieh auch die blasse
stille Christine an, die sich an die Hand ihres Vaters schmiegt und
so verschamt und freundlich die blauen Augelein zu dir aufrichtet,
die leibhafte Mutter! -
Abends sind sie gesonnen, dem Paten ein Konzert zu geben,
und der Vater ist als Musikdirektor dabei angestellt.
I060 BRIEFE UND BEVORSTEHENDER LEBENSLAUF
Vorher fahren wir beide, nach dem Verbrauch der seltensten
Tassen, in Diskursen in der warmen Stube auf und ab. Die Frau
steht noch auf dem okonomischen Horeb und Sinai und fertigt
10 Gebote aus, und nur in der Dammerung und abends hat sie
eine ruhige Stunde fur uns. Die gute Seele will Heber den Freund
entbehren, den sie mit mir liebt, um mehr fur ihn zu sorgen; so
sind die guten Weiber; die weiblichen Kraftgenies hingegen sind
wie wir. Ich und du werden nicht feftig miteinander und sind
doch nicht uneinig - nab* ich nicht von Welthandeln mit dir zu
reden, und von gelehrten Sachen, von der Auswechslung unserer 10
Manuskripte, von der Stadt und von meinem Pfarrer in Spitz?
- Ich werde dich dann (ich sag* es hier voraus, und du kannst
mich beim Wort halten) daran erinnern, daB die Weissagung, die
ich in der Vorrede dieses Buchs aussprach, nur zu wohl einge-
troffen. Wir werden unsere Gedanken dariiber haben, daB der
egoistische Handel, eine hohere Art von Kommerzspiel, immer
weiter greift und daB die Liebe jetzt nur als Hermerotes1 darzu-
stellen ist, die Weisheit als Hermathena, die Kraft als Hermeraklae.
- Wie war's in dieser Warme moglich, auf den Polterabend der
lauten Kinder hinzuhoren, denen auf dem Lande stets ein Gast 20
das lustige Feuerwerk losziindet und denen er einen hubschen
Ast vom Freiheitsbaume abhauet und zulangt? -
Auf einmal lispelt die blaBwangige blauaugige Christine den
Brudern etwas ins Ohr - wer errat es nicht? -, und die Briider-
schaft stiirzt hinaus, Hans, den groBen Philosophen, ausgenom-
men, der an den philosophischen Schreibfingern des Vaters mit
auf- und abtrabt und schon etwas Rechtes sein will. Ich sage dirs
auf griechisch, was sie vorhaben. Endlich machen die Wildfange
die Tiire weit auf (ganz wie es bei meinen guten Eltern war; daher
ich auch glaube, der Geschmack an dem hauslichen Leben neh- 30
me einen Teil seiner SuBigkeit aus der damit verbundnen stillen
Wiederholung des kindlichen her), und nun* zieht unser alter
Holzhacker eine sperrige weitastige Birke mit dem Stamm voran
1 Diese Statue stellte den Gott der Kauf leute mit dem Amor verschmolzen
vor; die zweite ihn mit der Minerva; die dritte seinenRumpf unterHerkuIes*
Kopf. Pitiscus und Schottgen.
KONJEKTURAL-BIOGRAPHIE Io6l
rauschend herein, und Christian tragt noch einen diinnen Ho-
lunderbaum nach. Die Madchen schleppen Wasser zu, das heiBe-
ste, was die Kiiche Hefert, und Lauge als Dungesalz, und Hans
der Philosoph den groBten Topf im Hause. Und so wird der
Spalierbaum in seinen Treibwinkel mit Schniiren eingespannt,
und kein Stamm- und Freiheitsbaum verschlieBet schonere Bliiten
und Friichte, als er Hefern wird. O ihr seligen Kinder, noch indi-
sche Gotterchen auf Blumen, oder Genien, die halb darin einge-
scheidet wachsen ! Jedes griine Blatt ist euch ein Blutenblatt, in-
ip des unsere Bliiten, gleich denen eines Baums in Portugal, oft
FHegen gleich sehen ! - Ihr braucht keine kiinftige, noch weniger
vergangene Freude zu einer gegenwartigen, indes wir tief ineuere
Zeit hinabgraben miissen, um Abdriicke von Blumen uns zu ho-
len, wie auch in der physischen Erde die Blumenabdriicke unter
alien am tiefsten liegen.
Dann kommt das Hesperien der Dammerung, und wir sitzen
nieder, und die Kleinen setzen sich um und auf uns. Ich hoffe, du
liigst dann so gut wie ich liber das in der Hohe ziehende Christ-
kindlein und iiber viele ihm entfallne Goldflitter, die du auf dem
20 Schnee angetrofTen und yon welchen du einige wirklich vorzei-
gen kannst. Ich will blofi auf etwas Rotes am Himmel aufmerk-
samer machen, aber nicht dariiber disputieren, kommts vom
Abendrot oder vom Widerschein der goldnen Fliigel des hei-
ligen Christs oder seiner roten Stettiner her. Wahrend du deine
Flitter vorweisest, behang' ich ungesehen den Baum; und wenn
Hermine hereinkommt - der sie mehr glauben als mir, weil der
Vater oft nur spaBet -, soil sie gegen den Baum hin sagen : » Was
ist denn da?« In der Tat wissen wir beide nicht, was wir dazu
sagen sollen, daB ein Marzipanherz, ein Goldapfel, eine SilbernuB
30 und ein ftLmenbild aus Kandis nebst Wachslichtchen daran han-
gen, und ich frage die Kinder, ob es, welches ich nicht vermuten
sollte, nicht schon vorher unsichtbar daran war, als der Holz-
hacker die Baume brachte. Der Geruch der Sachen macht jeden
attent* man mdcht' ihn atherisch oder aus fernen Friihlingen her-
kommend nennen. -
Am Ende dieser Kinder-Mythen muB Rosinette ein wenig bei
IO<$2 BRIEFE UND BEVORSTEHENDER LEBENSLAUF
uns verharren; die in den fernen Zweigen angeziindeten Fixsterne
aus Wachs und vielleicht der breite, iiber die halbe Stube hinge-
legte Mondschein schmiicken die vertrauliche Dammerung aus.
Es wird verniinftig von Haushalten gesprochen, das ich zwar
nicht verstehe, aber aus guten Grunden mit fuhren helfe, weil ein
Poet, um nicht ohne Haltung zu zerrinnen, immer das idealische
oder poetische Leben mit etwas vom burgerlichen (es sei ein Amt
oder eine Handarbeit oder Okonomie) versetzen muB, wie man
goldne GefaBe mit Kupfer legiert, damit sie weniger abgefiihret
und verbogen werden. Wir sehen dann ins Abendrot der ver- 10
gangnen Zeit und reden von vielem, von Hof - und den um-
liegenden Ortschaften - und von den alten Sonntagen - und von
den alten Dammerungen, worin um uns, wenn wir in Diskursen
auf- und abliefen, alle Sterne am Himmel der Wahrheit blitzten -
und von Friihlingen, die schon unter zwanzig Friihlingen ver-
schiittet Hegen Wie schon ist es, wenn zwei Menschen mit-
einander veralten, und keine Jugend ist verloren, wenn der Ju-
gendgenoB noch nicht verloren ist! - Wir sprechen ferner von
den ersten Jahren meines Ehestandes, wo ich noch das Gliick
hatte, am Titan fortzuschreiben, und wo ich oft mitten aus der 20
Bildergalerie der heiBestenLiebeweglaufen konnte und am Munde
der guten Gattin (du muBt ihre rechte Hand halten und ich die
andere) mir selber zum Modell der Schildereien leicht saB. Es
wird davon gesprochen, wie ich sogleich in den ersten Jahren
meinen eleganten Kleiderschrank, der mich rot im Modekalender
unterstreichen sollte, abgedankt und mchts mehr angezogen habe
als einen platten Oberrock und unter ihm wenig von Betracht.
Ich beschwore dann wieder, daB sich auf der Erde in jedem Bei-
sammenleben der Kopf erschopft, Witz und Phantasie und Ver-
stand; nur aber nie ein gutes Herz, das eine ewige Quelle ist, 30
und ich tadle es, daB wir fur die Ehe nicht dem letztern zuerst
nachjagen. Ich erzahle dirs im Feuer, daB diese gute Hermine das
einzige Wesen ist (auBer noch einem), dem ich von meinen heim-
gegangnen Eltern so viel und lange erzahlen darf, als ich nur will,
dem ich aber auch teilnehmend zuhore, wenn es sich iiber die
Verwandten seines Herzens liebend ergieBet.
KONJEKTURAL-BIOGRAPHIE IO63
Fehler freilich hat jeder Verfasser; und die Gute wird es dir
zwar nicht sagen, aber ich, daB ihr Ehekonsort sonst (jetzt fast
gar nicht) mitten im dichterischen Feuer leicht anderes fing und
daB er da (wiewohl ubrigens ein Lamm) betrachtlich aufprasselte;
inzwischen hat er sich sehr geandert und gibt bei seinen schop-
ferischenSturmwinden,wieHausvater bei andern, mehr auf Feuer
und Laternen acht. Die Scholastiker sagen, dem Himmel sei das
Sitzen und Stehen und jede Kleinigkeit einer Person im Zolibat
gefalliger als die grofiten Tugenden einer verehelichten - wahr-
10 haftig ein Ehemann ist der leibhafte Himmel: aus funf Haaren,
die ihm die Verliebte zu einem Ringe steuert, macht er mehr als
aus einem Kopfe yoll grauen, den eine Frau durch Sorgen fiir ihn
aufsetzt. -
Endlich kommt Licht, und ein Kind urns andere bringt sein
Tafelzeug, und zuletzt setzen wir uns mit dem hungrigen ge-
schwatzigen Siebengestirn zu Tisch. Nur Kinder und Geliebte
sind die senk- und waagrecht tiefen und auslaufenden -Wurzeln,
womit man sich fest und nahrend an die Erde klammert. Ich
hofFe, du sollst bei diesem Triklinium oder petit souper auf
20 mehr als eine Probe der warmen zarten Aufmerksamkeit geraten,
womit dir das schone Herz meiner Hermine stille Achtung
und Liebe ausdriickt. Ists aufzutreiben am Andreastag, so
schafF ich Ackersalat oder Rapunzchen (Valeriana locusta) herbei,
weil mir (aber besonders im Februar) bei diesem Kraut immer
ist, als nab' ich den Friihling an der Gabel. Vorschneiden mufit
du.
Und nun laB uns, wenn du satt und froh bist, aufstehen und
das Konzert nicht versaumen, das die sieben kleinen Weisen ge-
ben wollen. Der Kapellmeister setzt sich als Klavierist an ein altes
30 Cembalon und hammert ein Arioso - einer von den Jungen ist
der erste und letzte Violinist - Hans der Philosoph streicht, weil
er wie seine ganze Gewerkschaft etwas unbeholfen ist, bloB den
BaB mit seinem Orpheus- Arm - und der Rest singt, von der
schonen Vorsangerin, der Mutter, angefiihrt. Ach wenn du so
den alten guten Hausvater im Zirkel seiner unschuldigen Ripie-
nisten siehst, die noch nicht fiihlen, was sie singen und geigen
IO64 BRIEFE UND BEVORSTEHENDER LEBENSLAUF
- und wenn du die sanfte blauaugige Sopranistin Christine an der
Hand hast und meine Rosinette ein paar kleinere Diskantistinnen-
und wenn so viele teuere kleine Stimmen immer mehr mein
Herz umstricken und fortziehen, sogar das vor mir auf dem Basse
ernst arbeitende Spielmannchen - und wenn ich immer die sehn-
siichtigen Augen gegen die runden Rosengesichterchen und ge-
gen dich und die Mutter aufschlagen muB - und ich merke, daB
uns bald die Running uberwaltigen wird - und wenn die feuch-
ten Augen die Noten schwer sehen und ich lieber aufhore und die
Mutter die nachsten Kinder kiisset und du deine holde Kleine - 10
und wir nasse Augen haben, ohne daB die guten Kinder begrei-
fen, was uns fehlt : — welche Stunde, lieber Otto, fur drei Men-
schen, die verbunden sind! Und du, Allgiitiger, der du sie in
deiner Ewigkeit hast, solltest du sie versagen? -
Sechste poetische Epistel
Ich als literarischer Jubilar - und als Greis
Leipz. im Nachsommer, 98.
Ich schreibe mich, Lieber, der doppelten Abreise sowohl aus
Leipzig als aus der Kugel, worauf es liegt, immer naher. Ich stehe
in dieser .Epistel nun schon imOktober desLebens vor dir,mein 20
Laub farbet sich, hangt aber noch, und der stumme Nachsommer
zeigt Gespinste und Nebel auf der Erde und blauen Ather oben.
Mach aber mit mir die Obstkammer dieses Herbstes auf und be-
trachte die kleine allgemeine deutsche Bibliothek samt den Supple-
mented die ich in diesem kurzen Leben zusammengeschrieben
habe.
Ich leugne nicht, ich hatte tausendmal lieber statt der maBigen
Regimentsbibliothek, die ich drucken lassen, eine alexandrinische
gemacht. Aber die Siindflut macht das jedem Autor unmoglich.
Sie kiirzte das Leben der Menschen ab bis auf einen Stummel, 30
den sie ihnen lieB, und mithin auch das Schreiben derselben; und
wenn ein solcher Lebens-Fragmentist wie Voltaire im 8oten Jahre
KONJEKTURAL-BIOGRAPHIE IO65
und Bande steht und angefangen hat: so wird er aus der Erde
weggejagf und springt, noch beide Hande voll Samenkorner, ins
Schattenreich hinein.
Zum Ungluck erhalt sich kein Autor auf der deutschen Lethe
flott, der sie nicht befahrt auf einigen von ihm gefullten Biicher-
brettern sitzend; mit einem Bandchen (wie etwan Persius oder
Virgil) schoss' er den Augenblick auf den Grund hinab; wie Holz
zu Boden sinkt als Sagespan. Gleichwohl werden die europa-
ischen Publikume verdruBlich, wenn ein Autor in jeder Messe
jo aussteht mit der Ladenschiirze und ein neues KauffahrteischifT aus-
ladt und feil hat. Hingegen wenn er begraben ist, so nehmen sie
Besen und uberfahren sein Museum wie eine Goldarbeiters-Stube
und kehren die zerstreueten Papierschnitzel zusammen, damits
ein maBiges Bandchen wird, ein posthumum. Du kannst dirs er-
klaren. Denn der Mensch ehret (nach Jakobi) nur das, was. nicht
nachzumachen ist; bei dem ersten Teile eines jeden originellen
Buches begreift niemand, wie ein folgender nur moglich sei; je
ofter nun aber ein folgender kommt, desto mehr leuchtet uns
die Moglichkeit des Machens und also des Nachmachens ein.
20 Das Grab hingegen ist der Isolierschemel der Werke; es wird
ein absondernder heiliger Zauberkreis auf ewig um sie gezo-
gen. -
Aber zur Sache! Ich finde, daB unter den Denkwiirdigkeiten
meines Alters viellekht das Autorjubilaum, das ich da beginge,
die groBte sein wtirde. Ich bin ganz entschlossen dazu. Magister,
Papste, Universitaten, Schulen, Eheleute jubilieren haufig; war-
um sollen Autoren nichts machen? - Und da ich zum Gliick
schon Anno 1782 in meinem zweiten akademischen Jahre die
gronlandischen Pro^esse schrieb und Anno 83 die Akten inrotu-
30 lierte: so qualifizieret mich ja schon mein 6c>tes Jahr - welches
meines Erachtens nicht schwer zu erleben sein kann - zum Jubel-
Autor.
Anno 1832 werd* ich demnach in den Hterarischen und in den
Literatur-Anzeiger eine kurze Beschreibung des Jubels unter dem
Titel »Jubelseniorat des Verfassers des Jubelseniors« in jedemFall
einschicken - es muBte denn sein, daB ich schon etwas Besseres
1066 BRIEFE UND BEVORSTEHENDER LEBENSLAUF
ware als ein Mensch und ein alter Mann. In der Anzeige ent>
schuldige ich mich mit nichts vor dem Lesepublikum, daB ich .
dasselbe nicht zur Jubelfeier eingeladen, als mit der Unmoglich-
keit. Ich bitte, wo konnt' ich nur solche Leute und ihre Bedienten
und Pferde, wenn ich auch Noahs Kasten hatte, unterbringen
und stallen, die mich ganz gelesen - oder gar die, die es nur halb
und fluchtig getan? Und gesetzt, ich hatte einen freien Platz, so
groB wie Deutschland, fur diese zustromende Welt: so muBt' ich
doch einen viel groBern geraumigern fur die ankommende Nach-
welt mieten, in deren Lesebibliotheken ich zirkuliere, so daB ich 10
die ganze Primarversammlung auf einen auswartigen Planeten
bestellen muBte, wie der Saturn ist - und wahrhaftig nach dem
Tode, wo man die Nachwek so gut als die Vorwelt kennen lernt,
kann hierin viel geschehen.
Aber eingeladen werden auBer den Verlegern noch meine Re-
zensenten und — was auch Rezensenten sind - die Redakteurs
schweigender Zeitungen und jeder Redakteur, der das Journal
allein schreibt gleich der Bibel, die Spinoza einem Verfasser bei-
misset. Die Jubelschrift gibt die Namen an. Die Nachdruckerhab'
ich nur invitiert, damit sie aus eignen Beuteln Jubelmunzen unter 20
das Volk auswerfen — welches die Schelme gern tun werden, so-
bald ich ihnen dafur ein scharfes Pasquill auf sie selber assekuriere
und verspreche, wofiir ich nichts verlange, so daB es so viel ist,
als druckten sie es nach, und noch dazu mit Recht. - In der Jubel-
schrift liefer' ich eine Jubelrede in extenso, die auch hier geliefert
wird. In dieser Jubelrede beruF ich mich auf die sonderbar er-
fullten Weissagungen, die ich in der »sechsten poetischen EpisteU
soil von mir gestellet haben. Ich muB sie aber hier erst stellen;
ich wahrsage hier namlich, daB ich wie Alkuin 40 Jahre lang mit
derselben Feder schreiben werde, namlich in demselben Stil. Es 3o
ist unsaglich, was ich in 34 Jahren von heute an bis zum Jubilaum
wieder werde gelesen haben; leider ungleich genug den jetzigen
Autoren, wie an Talent, so auch darin, daB sie sich der frugalsten
Geistesdiat unterwerfen wie Schwangere der leiblichen, beide da-
mit sie das Kind leichter zu gebaren haben, wenn es mager ge-
blieben. Mit den Jahren und Ideen werden nun freilich - da ich
KONJEKTURAL-BIOGRAPHIE I067
den ganzen Tag mit Hochzeittexten und Brautfackeln am Trau-
altare stehe und nichts tue als Ideen kopulieren - die Soldaten-
und Priesterehen und die Ehen im verbotenen Grade zwischen
besagten Gedanken so anwachsen und sie alle so untereinander
verschwistern und verschwagern, gleich europaischen Hofen,daB
im ganzen Kopf fiir Geld kein geschiedenes Ideen-Paar zu erfra-
gen ist und daC ich in lauter Gleichnissen rede, fluche, bete und
zanke. - Allein da ein Autor leicht wissen kann, was er sagt, aber
nicht, was er gesagt hat in fruhern Werken: so werd* ich oft
10 manche Gleichnisse, wie Erisichthon seine verwandelte Tochter,
mehr als einmal auf den Markt treiben, weil ich mich unmoglich
den ganzen Tag lesen und so viele Trillionen Gleichnisse memo-
rieren kann. Jeder Leser, der mir solche Duplikate oder partiale
zweite Auflagen berichtet, wird mich bei totalen zweiten Auf-
lagen ungemein verbinden und verbessern.
Im Lebens - Vendemiaire muB ferner mit der Herrschaft iiber
sich auch der Scherz, die Ironie und die Laune holier wachsen,
waren sie anders in den fruhern Monaten gesaet. Auch der Wohl-
klang des Stils gewinnt viel. Die Gedankenstriche fahren von
20 selber aus der Feder, ohne langes Denken. - Aber manches andere
bliihet ab oder stirbt aus. Der Handschrift sieht man es an, daB
man schon vieles und fliichtig geschrieben, die wankende Hand
nicht einmal gerechnet. In den gehet man so sichtbar zuriick;
das - verbuttet und verschimmelt auch; uncf wie ists mit - be-
stellt?1 -
Ich bin wieder bei der in den literarischen Anzeiger kommen-
den Jubelschrift. Mit Vorbedacht zieh' ich dir aus ihr weder die
verschiedene Ehre aus, die man am Jubilaum teils mir antat, teils
ich den Gasten - noch das landliche Mahl, ganz wie es in einer
3o geBnerischen Idylle gemolken und gesauert wird - noch das FuB-
gestell aus Werken, die mir teils abgestohlen, teils geschenkt,
1 Ich halt' es fiir weltklug, diese Retrogradationen meines kleinen Erd-
korpers nicht anzuzeigen, weil ich sonst irgendeinen groben Gesellen stutzig
machej daB er ein kiinftiges Werk von mir lieset und nachher in der Rezen-
sion bemerkt: »Das Alter guckt schon aus dem sonst trefflichen Werke
heraus,und den Verf. scheinen jene herrlichen Gaben allgemach zu verlassen,
die er hatte, zu etc.«
1068 BRIEFE UND BEVORSTEHENDER LEBENSLAUF
teils zugeschrieben1 worden ohne Schenken — noch kleinere Ju-
belfeierlichkeiten, weil ich dabei die seit Jahren an mich einge-
gangnen Briefe anfiihren muBte, die ich zusammengeschniirt vor-
zeigte und auf denen, wenn Sulzer das Schlagen gelehrter Bild-
nisse auf Miinzen wunscht, die aufgepreBten Siegel gleichsam
Medaillen fur den Autor sind - noch tausend andere Dinge.
Wichtiger scheint mir die Jubelrede, die der Jubilar an die Re-
zensenten halt und die ich aus der Jubelschrift in extenso nehmen
kann. Der graue Jubelredner tritt nach einigen guten Diskursen
iiber Druckfehler und iiber die Ausgabe seiner opera omnia und 10
nach dem Kontrakte iiber die letztere zufallig oder absichtlich
unter die wie ein Krater oder eine Kanzel aufgeschlichteten Werke
- in der Tat sind sind sie sein Mezzovo* -, und er halt aus dem
Stegreif folgende kurze Abschieds- und Erntepredigt an diejenigen
Gaste, die ihn rezensiert:
»Statuere, meine Herren, quis sit sapiens, vel maxime videtur
esse sapientis, sagt unser Cicero, oder verdeutscht : ein Rezensent,
der einen Verfasser lobt und malt, meint sich auch mit.
Gehorten freilkh einige von Ihnen zu den damaligen3 kanti-
schen oder fichtischen Idealisten: so hatten diese Grund, sich, die 20
Wahrheit zu sagen, fiir die einzigen Menschen von Kopf anzu-
sehen und den Rest fiir gar nichts. Ein guter Idealist senket, er
mag uns so viele unbekannte X fiir U machen, als er will, stets
den Pumpenstiefelm sich hinab und schopft alles aus sich herauf,
die physische Welt und mithin auch die nur in sie eingefleischte
fremde geistige. Der Idealist entwickelt das Auge und mithin
alles, was er damit sieht, aus sich und folglich jedes Buch, das er
1 Nicht den Lesern, sondern den Kaufern nab* ich es zu sagen, daB seit
den Mumien kein Buch von mir is t oder sein wird, dem nicht mein Name
vorsteht. Zarte buchhandlerische Seelen hoffen die Hanswiirste, die im 30
Mittelalter der Kaufmann als Aushangeschild und ZeitungsavisO seiner
Ware mitbrachte, durch Ankiindigungen zu ersetzen, die auBer den gewohn-
lichen Liigen noch die enthalten, daB ich die Ware geschrieben. Freilich
wollen sie mir durch das Fremde, was sie mir zuschreiben und schenken,
das Eigne erstatten, was mir andere stehlen, es seien ganze Personen oder
einzelne Reden. Aber letztere sind besser: hier tragt man meine Siinden,
dort trag' ich fremde.
2 So heiBet der ParnaB jetzt.
3 Jetzigen.
KONJEKTURAL-BIOGRAPHIE IO69
bloB wie ein Traumer zu lesen glaubt, indes ers wirklich selber
macht. Den Stolz, den daher ein Idealist damals1 haben konnte,
goutiert* ich so sehr, daB ich meines alten Leibgebers Ausspruch
hieriiber noch jetzt unterschreibe und hersage : >Wie? da der echte
Idealist alles selber macht, alle Sterne am Himmel und die phy-
sische urid die gelehrte Welt; da er die Werke der besten Autoren
geschrieben, von Homer bis Goethe; und da er keine herrliche
Zeile loben, exedieren und ubersetzen kann, die er nicht eben
darum selber gemacht: so war* er ja ein Narr, wenn er, ein mit
10 tragbaren gelehrten Welten und Meuselschen Deutschlandenaus-
gepolstertes Ich, er, der Musensitz der Musensitze, er, der den
Magisterhut nicht auf, sondern in dem Kopfe hat und den Kopf
nirgends als wie die inkorporierten Weisheitszahne und den phtlo-
sophischen Bart und Mantel nur in sich - ein Narr, sag' ich, war*
der ganze Gott, wenn er eine demutige Haut ware und nicht ge-
radezu sagte: alles, was ich lobe und lerne, schafF ich und lehr*
ich eben dadurch, und ich mochte den sehen, der neben mir exi-
■ stierte, geschweige brillierte.<
Freilich wirft ein solcher Universalmahn (aus ontologischen
zo Griinden) keine Fehler vor als solche, die er eben selber macht.
>Alle hoflich/< antworten narrisch die Bergleute, wenn man
fragt, wie es mit ihnen stent. Diese Antwort kann kein Redakteur
iiber seine 70 Jlinger geben. Schon Jugend an und fiir sich ist
grob; aber noch mehr eine humanistische, sogar im Alter; und
zwar darum 1) weil der Geist der Alten auf jeden kraftigen
Menschen, er sei ein Weltmann oder ein Kunstler, tiefer wirkt als
auf die Linguisten, die nur den Korper suchen, 2) weil ihr lingui-
- stisches Studium ihr kleines Auge noch mehr eingrenzt, 3) weil
Leute, die etwas treiben, was wenige konnen, desto mehr ent-
50 scheiden und stolzieren, so klein ihr Treiben sei, 4) weil der
Mensch sich mehr eines Sprach- als Denkfehlers, mehr eines
grammatikalischen als moralischen oder logischen Fehlers, so wie
mehr eines korperlichen als geistigen annimmt und schamt, und
zwar darum, weil die Fehler der erstern Art unwillkurlich, die
der letztern aber willkurlich und also leicht abzulegen scheinen,
1 Jetzt.
I070 BRIEFE UND BEVORSTEHEN DER LEBENSLAUF
5) weil von jeher keine Hahne so erbittert kampften als die huma-
nisdschen, mit Federmessern1 bewaffneten, wenige Neuere wie
ScioppiuSj Burmann, Klotz und die beiden - Skaliger ausgenom-
men. -
Ich bin schon ein alter Mann; von Ihnen hingegen konnen die
meisten die Unsterblichkeit erleben, die Sie mir, sei es auch nur
durch Schweigen*, zugewandt; - denn wie der dreitagige Tod
Christi einem ewigen gleich gait, so steckt in einer dreitagigen
Unsterblichkeit jetziger Autoren die langste. Ich spreche freilich
nur von der Unsterblichkeit unter Sterblichen; die langere unter 10
Unsterblichen fangt erst an, wenn die Augen brechen.
Noch ein Wort! Nach diesem Jubeljahr hofP ich, nicht ohne
alien Geschmack zu schreiben. Ich hatt' es friiher gekonnt, wenn
ich zur Apoplexie mich entschlossen oder wenn ich, wie Ludwig
XIII. von Frankreich auf Befehl seines Arztes Bouvard, in einem
Jahr zu 215 Purganzen, 212 Lavements und 47 AderofFnungen
gegriffen hatte; ich ware dann kapabel geworden, so ordentlich
und nuchtern zu schreiben wie ein verniinftiger Mann im Reichs-
Anzeiger. Inzwischen da das Alter selber eine Krankheit ist, und
eine asthenische dazu : so ist noch schone Hoffnung da und wenig 20
verloren. Und warum soil ich nicht mich mit der Hoffnung tro-
sten, daB ich einmal ebenso glucklich sein kann wie mehrere
Kopfe, die, wie andere Vulkane, nach den Flammen und der Lava
doch zuletzt Bimssteine auswarfen, welche leicht waren und wo-
mit man poller en konnte? -
1 Die englischen Streithahne werdert so bewaffnet.
1 In Deutschland gibt es drei Publikume oder Publika: 1) das breite, fast
ungebildete und ungelehrte der Lesebibliotheken — 2) das gelehrte, aus
Professoren, Kandidaten, Studenten, Rezensenten bestehend - 3) das ge-
bildete, das sich aus Weltleuten und Weibern von Erziehung, Kiinstlern 5°
und aus den hohern Klassen formt, bei denen wenigstens Umgang und
Reisen bilden. (Freilich kommunizieren oft die drei Kollegien.) Der Verf.
dieses ist dem dritten Publikum den einzigen Dank schuldig. Inzwischen
behandelteihn doch das zweite immer so wie das erste. Daher er dem zwei-
ten einen Dank abzutragen glaubt, wenn er einmal a He offentliche laute
Urteile iiber sich samt den Namen der guten stillen Zeitungen sammelt, sie
vergleicht und sie der Nachwelt mit Reflexionen uberliefert, worin er zu
erweisen meint, dafi das gelehrte Deutschland noch nicht arm an echten
Gelehrten sei.
KONJEKTURAL-BIOGRAPHIE IO7I
Was scherz' ich? Nah* am Meer der Ewigkeit will in dasselbe
der Mensch, wie andere Fliisse in ihres, mit schiffbaren Armen
voll Gaben fallen. Ich habe vor Jahren, da ich diese Jubelrede
in >J. P. Briefen etc.< schreiben wollte und vorher die Abhand-
lung uber das Traumen, den heutigen Tag getraumet; - ich sah
mich anfangs in einem Glaskasten aus Wien als einen heiligen
Leib gebracht, den man bald fur den heiligen Paul, bald fur die
heilige Laurenzia, die Schirmvogtin der Bucher und Kenntnisse,
ausgab - dann sah ich (es 1st ganz so wild, als ein Traum sein
10 kann) mich in meinen Kupferstich verwandelt, vor dem die Zeit
stand und hinter ihrem Rucken ins DintenfaB tunkte und waag-
rechte Linien durch die Stirn, d. h. Runzeln zog - Auf einmal
stand ein Skelett an einem verhangnen Pfeilerspiegel, dem ein
unverhullter gegenuber hing - Plotzlich fuhr die seidene Hulle
auf - und beide Spiegel gaben einander ihre unermeBliche zu-
ruckkriechende Gestalten-Kette, und jede Unendlichkeit wieder-
holte sich und die fremde — und die zwei dunkeln einschwinden-
den Reihen schienen die Nachwelt und die Vorwelt nachzubilden
— was war es? - Ein Traum! Aber in der kaltesten Stunde des
20 Daseins, in der letzten, ihr Menschen, die ihr mich so oft mifi-
verstandet, kann ich meine Hand aufheben und schworen, daB
ich vor meinem Schreibtisch nie etwas anderes suchte als das Gute
und Schone, so weit als meine Lagen und Krafte mir etwas davon
erreichen lieBen, und daB ich vielleicht oft geirret, aber selten
gesiindigt habe. Habt ihr wie ich dem zehnjahrigen Schmerzeines
verarmten, verhiillten Daseins, eines ganz versagten Beifalls wi-
derstanden, und seid'ihr, bekriegt von der Vergessenheit und
Hulf losigkeit, so wie ich der Schonheit, die ihr daftir erkanntet,
treu geblieben?«
30 Was geht mich die Jubelrede mehr an ? Ich sage das : nur ein-
mal wandert der Mensch uber diese fliehende Kugel, und eilig
wird er zugehullt und sieht sie nie wieder; wie, und er sollte der
armen, so oft verheerten und vollgebluteten Erde nichts zuriick-
lassen als seinen Staub oder gar versaetes Giftpulver und Ver-
wundete? - O wenn einer von uns eine Tagreise durch irgend-
eine stille Welt am Himmel, durch den milden Abendstern oder
I072 BRIEFE UND BEVORSTEHENDER LEBENSLAUF
den blassen Mond tun difrfte: wiird* er da, noch dazu wenn er
feme Seufzer horte oder vergoBne Tranen fande, sein eiliges
Durchfliehen mit herumgelegten Selbstgeschossen und ausge-
streueten Dornen bezeichnen und nicht vielmehr, falls er konnte,
mit irgendeiner geoffneten Quelle, mit einer zurilckgelassenen
Blume, oder mit was er zu erfreuen wuBte? - O es sei immer
vergessen von der ganzen Zukunft, was ein sanftes Herz wollte
und tat; wenn es nur unter dem Handeln sagen kann: nach lan-
gen, langen Jahren, wenn alles verandert ist und ich auf immer
verflogen oder versenkt, da wirft vielleicht die Hand der Zeit den 10
Samen des kleinen Opfers, das ich jetzt bringe, weit von mir und
meinem Hiigel zu irgendeiner Frucht oder Blume aus, und ein
mattes Herz wird daran erquickt und schlagt voll Dank und
kennt mich nicht. —
Mein Jubilaum ist aus; - aber jene HofTnung ist eigentlich das
recht'e. -
Teh brach diese Epistel, die mit der Schilderung des Alters
schon die Geschwatzigkeit desselben zu verbinden scheint, heute
friih ab, um zum letztenmal (weil ich morgen reise) die englischen
Anlagen um Leipzig unter der freundlichsten Herbst- und Mor- 20
gensonne beklommen-selig zu durchgehen. Ich habe dir diese
Sommer- und Sonnenseite der Leipziger Landschaft, diese Win-
ter -Villeggiatura der Einwohner und Einwohnerinnen, die in kal-
ten Tagen da stets zum Luftbad als Badgaste zusammentreffen,
oft genug gezeichnet; und Leser, die da waram, kennen sie ohne-
hin. So viel ist gewiB, ich kann nie in diesem so rein-entworfenen
Naturgarten voll Garten, Rasenplatzen, Waldchen, lichter und
dunkler Stellen herumirren, ohne auf den Schopfer desselben1
Jubelmunzen zu schlagen, d. h. ohne immer zu sagen: habe recht
Dank! 30
- Aber die Malerei des Stilkbens des Alters, wovon ich eben
aufgestanden war, setzt' ich im Marschieren sonderbar wieder
fort. Ach ich wurde ja von jedem Baume darauf gebracht! Die
1 Burgermeister Miiller.
KONJEKTURAL-BIOGRAPHIE IO73
Sonne ging herbstlich tief — ich stand auf einem kunstlichenBerge
des Gartens - er war eine Sternwarte fur mich, und der ruhige
Himmel breitete sich unten auf dem Boden aus - das Getose und
Gelaute der Stadt schlug in die Stille herein - ich sah hinunter
iiber die langen Kreuzgange aus Gipfeln und die glanzende be-
seelte Ebene und iiber das holde Wassersttick mit seinen Schwa-
nen und mit den Spiegelbildern der vorbeigehenden Strandbe-
wohner und mit dem nachgemalten tiefern Himmelsblau und
iiber die bunte Briicke (das Zeichen der irdischen Flucht) und
10 iiber die Trauerweiden mit hangenden Armen - und ich dachte
an den Friihling dieses Jahrs, wo ich alles zum erstenmal genoB,
und an die Nachtigallen, welche damals auf den Baumen an der
Briicke schlugen; und die Fruhlingsmorgen feierten wieder die
Maienfeste in meiner Brust: da dacht' ich zwar bewegt: es ist
wieder vorbei, und es kommt mir lange vor; aber ich sagte mir
auch: »Dein Erinnern nimmt ja jahrlich zu; sonst muBte ein Tag
ein paar Jahre weit zuriickgewichen sein, um sich zu verklaren,
jetzt gehest du kaum einige Schritte vor einem kalten hellen Tau-
tropfen vorbei, so kannst du dich umsehen, und er glanzet herr-
20 lich bunt in seiner Blume nach.« Wie mu6 erst ein sechzigjahriger
Kopf mit Erinnerungen, den Votivgemalden unsers Herzens,
vollgehangen sein ! - Wenn also die Jahre kommen, wo der graue
Mensch an einem schonen Fnihlingstag ins Freie geht, bloB um
den alten Korper zu warmen und zu regen, ohne alle vorige Ab-
sichten und Aussichten auf eine ins Unabsehliche hinausbliihende
Zukunft voll Avantiiren und Lander; wenn diese kalte, aber
ruhige Zeit kommt: so wend' ich meinen Kopf nur riickwarts in
dieselbe magische Perspektive, aus der ich noch dazu herkomme,
und das alte Herz sonnet sich an der tiefen Wintersonne. Wie an
30 Menschen, die einem frostigen Wind entgegengehen, so sieht
an Alten das Gesicht bleich und eingewiirzelt aus; kehren aber
beide es um, so wird es warm und bluhet wieder rot.
Platner sagt: wir haben nur ein Gedachtnis fur die Freude,
nicht fur den Schmerz; ich sage: wir haben fur beide dasselbe
Gedachtnis - ja wir haben ein starkeres fiir das Fehlschlagen der
Hoffnungen als der Besorgnisse -,aber nicht dieselbe Phantasie;
1074 BRIEFE UND BEVORSTEHENDER LEBENSLAUF
diese mildert und verklart, also zieht sie auch um den Schmerz den
Regenbogen.
Alle Glieder veralten am Menschen, aber doch nicht das Herz.
Mit jedem Jahr werd* ich meines jiinger und weicher schreiben.
Wenn ich Junglinge sehe, werden sie mich so gut wie jetzt die
Kinder mit ihren Rosenfesten laben, und ich werde ihnen zurufen :
»0 feiert sie nur recht hinaus, bis der Morgenstern am Himmel
steht, aber erhitzt und erkaltet euch nicht !« — Und meine guten
Jugendfreunde, die mit mir denselben Blumengarten des Lebens
gemeinschaftlich bewohnet haben, ach wie konnen sie mir in der 10
kalten Jahrszeit im Garten, wo schon mancher unter seinem
Beete liegt, begegnen, ebenso gebiickt von der Zeit wie ich, ohne
daB mich diese zuriickgebliebnen Friihlinge meines Daseins bis
tief ins Herz erleuchten und erwarmen? - Und an Friihlingstagen
und an Geburtstagen will ich den Mumienkasten orTnen und die
alten Briefe und meine Antworten lesen, und mein ganzes Herz
wird sich jugendlich erfulien, und ich werde mit nassen Augen
sagen: hab* ich nicht eine ganze Ewigkeit vor mir zur Liebe?
Und wenn, wie im Haydenschen Konzert1, ein Konzertist um
den andern sein Licht ausloscht und mit dem Instrumente hinaus- 20
geht und ich etwan der Kontrabassist sein soil, der zuletzt spielt -
ach nein, ich werde schon eher mein Licht ausblasen und die
Noten einstecken; aber war's auch: wir kommen doch alle wie
im Haydenschen Stucke mit unsern Lichtern wieder. —
Lebe wohl! Ich danke dir, daB ich dich bis hieher habe zum
sanften Begleiter wahlen diirfen. Ich packe jetzt auf morgen ein
und nehme Abschied von so mancher Seele, die ich liebe. Sonder-
bar wirret sich jetzt Gegenwart und Zukunft, Reise und Alter
durcheinander. - Und doch liegt der Abend drauBen so hell-rot
um die Welt! - Und nie lieg' er anders um deine, du Geliebter! - 30
1 Als Esterhazy seine Kapelle entlassen wollte: machte der genialische
Hayden eine Symphonie, worin ein Spieler nach dem andern am Notenpult
das Licht ausloschte und fortging, bis zuletzt nur der Kontrabassist iibrig
blieb; ders auch so machte. Dieses riihrte den Fiirsten so, daB er die.Kapelle
restituierte. Dazu machte Hayden wieder eine Symphonie, worin in umge-
kehrter Ordnung einer um den andern ebenso kam.
KONJEKTURAL-BIOGRAPHIE 1 075
SlEBENTE POETISCHE EpISTEL
Das Ende
Unterwegs 1798.
Ihr guten Leser, die ihr vom unbekannten einschlafenden Men-
schen doch den fortsprechenden Autor erbet, schauet Ieicht mei-
nem kleinen Schachspiele mit mir selber zu bis zum Umlegen der
letzten Figur. - Ich kann und will in dieser Epistel nicht an die
Menschen denken, die ich in den vorigen aufgefuhrt.
Ich fuhr heute am Morgen einsam aus Leipzig iiber den ent-
10 volkerten Markt, wovon die holzerne Budenstadt in der Stadt
nach der Messe schon abgetragen war. Ein Mensch, der sich aus
dem lebendigen Kreise eines Ortes abloset, verlasset nicht den
letztern (denn dieser merket keinen Abgang), sondern einen alten
Lebens-Zyklus, den er nun gegen einen neuen umtauscht; unter-
wegs ist er ledig-einsam und nichts. - Meinen Wagen begleitete
in der Stadt - ob wir gleich schon Abschied genommen - von
weiiem ein guter Jiingling, den ich herzlich liebte: bleibe so
schuldlos, wie du bist, reiner heller Mensch, und lese immer diese
Zeile so wie jetzt! - Draufien lief die ebene lange StraBe durch
20 eine Baumschule auf beiden Seiten gleichsam in den blauen kalten
stillen Himmel des Herbstes hinein - ich stieg aus und irrte dem
schleichenden Wagen nach - o war ich nicht so oft auf diesem
Weg an schonen glanzenden Morgen und Abenden sanften Freu-
den entgegengegangen und der Hoffnung, ihn zu wiederholen? -
DerHerbstdampfteglanzend amUmkreise derErde-ichschauete
mich urn, und zwischen den Turrnen standen die Rauchsaulen-
farben trunken vor der malenden Sonne wie aufrechte Morgen-
roten iiber der Stadt Es gehe dir wohl, menschenfreundliche
Stadt! Und dir, geliebter Weifiexy bleibe die Jahrszeit deines Le-
30 bens so warm und hell wie die jetzige und wie dein Herz!
S pater in der einsamern Feme und in der leeren Ebene ohne
Berge dacht* ich an den Inhalt dieser siebenten poetischen Epistel,.
1 Ich meine den liebenswiirdigen Verfasser der vortrefflichen Amazonen-
iieder, des Kinderfreundes etc.
IO76 BRIEFE UND BEVORSTEHENDER LEBENSLAUF
aber recht froh. O warum darf man nicht unter dem blauen Him-
mel, auf der griinenden Erde, die ja, wie ein Krankenstuhl, zu-
gleich unser Tisch, unser Sitz und unser Bette sein kann, vor der
grofien Natur die sinkenden Augenlider schlieBen? Schlafen nicht
Kinder am liebsten neben der schirmenden Mutter ein? -
Unter alien Episteln ist keine ihrer beschriebenen Stunden so
gewiB als diese meiner letzten. Ja die andern konnen lugen, nur
diese nicht. Wenns inzwischen jenes ist, ich meme, wenn das
Schicksal meinen Milchtopf wie in der Fabel umstoBet: so nab*
ich wenigstens, eh' es geschah, den Topf und den Traum gebabt; 10
und nachdem es geschehen, nab' ich noch mehr als die Erfullung.
Ich kenne dich, Leben, und nehme dich uberall ganz; du bist ein
Sousball in Paris, worin man nicht den ganzen Ball zu bezahlen
braucht, sondern einen und den andern Tanz, wofur man wenige
Sous gibt — Du bist eine Kreuzerkomodie in Bayern, dieman nicht
ganz auszuhoren braucht, sondern aus welcher man sich, da sie
immer wahrt, fur seinen Kreuzer seine Szene wahlt und dann
fortgeht, indes andere bleiben und kommen. -
Ich konnte eigentlich an der Unsterblichkeit versterben, wenn
ich wollte oder durfte; - ich hatte unter dem Schreiben weiter 20
nichts notig als (da mein Gehirn wie ein Glas, worein man schreiet,
mit jeder Seite der redenden Seele starker nachzittert und ich
immer bei einem Feuer aufhore, womit ich wiinschte anzufangen)
- ich brauchte nur, sag* ich, fortzufahren, mich aus einem Zeit-
alter ins andere zu schreiben, aus dem eisernen ins erzene, daraus
ins silberne, dann ins goldne und endlich in die Ewigkeit. Denn
ich kenne den Tod, er wurde sogleich - er passet darauf -, so
wie der Jager aus der Schwinge eines Raubvogels eine Feder
reiBet und ihn damit am Genick ersticht, aus meinen Fittichen
eine nehmen und mich erspieBen ; aber darauf kann er warten. - 30'
Inzwischen tritt er am Ende doch herein, ohne zu fragen; treib'
er nur nicht, wie die Sternkundigen, sein Werk in langen, langen
Nachten. Und gleichwohl - dauert denn die langste Nacht bei uns
langer als sechzehn Stunden und zwei Minuten? Gesetzt, siekehre
ein paarmal um: so bricht doch nachher ein Morgen an, dessen
Aurora von einer MilchstraBe zur andern brennt. Der Sterbliche,
KONJEKTURAL-BIOGRAPHIE I°77
der iiber die Lange irgendeines Drangsals wimmert, hat ja diese
eben schon verwunden und zuriickgelegt, und er zagt nur vor
einer Zukunft, die eben darum leichter kurz ist als lang.
Das Alter, besonders das eines gesunden Autors, beschlieBet
sich gewohnlich mit dem Nervenschlage, der dem schnellen Zer-
springen gleicht, worait eine Sonnenblume alle ihre Bluten er-
weitert. Diesen Zauberschlag, der diese Welt in die andere ver-
wandelt, setzt der vortreff liche Darwin1 in die zwei Aquinoktien,
worein auch beide Biicher-Messen fallen. Ich fand aber an mir
10 und andern das Herbstaquinoktium noch gesiinder als selber den
kiirzesten Tag; hingegen die Fruhlings-Nachtgleiche ist, wie die
Ostermesse, ergiebiger fur ihn und ist zumal nach harten hellen
Wintern der eigentliche Ziehungstag des Freund Heins. Und da
wird er mich wahrscheinlich ziehen; zumal wenn der Winter-
oder Nachwintertag (etwan in der Fruhlingsnachtgleiche) son-
derlich heiter und kalt sein sollte und gleichwohl das Wetterglas
fiele. Die mit der Muskularkraft vertragliche Nerven-Asphyxie,
die gegenwartigen Verfasser oft an Wintertagen verodet, befestigt
schon Weikards8 und Browns System. —
20 - Wie himmlisch und italienisch-dunkelblau bist du, heutiger
Tag! Ich ruhe jetzt, in schoner dankbarer Erinnerung an eine
Familie voll elterlicher und kindlicher Liebe, am romantisch-
bewachsenen Ufer der Saale* und blicke in den vertrauten Strom,
an welchem ich aufwuchs und worin das traumende Kind oft
seinem schwimmenden Lacheln lange nachgesehen und den ich
nach so langer Zeit hier in der Feme wiederfinde. O wie linde
und weich laufen deine Heben Wellen voriiber, die ja alle vor
meinen Geliebten in Hof und vor ihren Spaziergangen vorbei-
gezogen sind! Sehnsuchtig und bekannt schau* ich jeder daher-
jo flatternden Woge entgegen und folge dann lange dem fliehenden
Wasserringe nach und mochte die liebe Flut trinken und sie auf
meine Brust kuhlend sprengen. - Moget ihr nur, ihr Wellen,
1 In seiner Zoonomie 2. B.
2 Seine »Toiletten-Lektiire fur Damen und Herrn« kann, einen mit dem
Titelblatt abstechenden Zynismus abgerechnet, diatetisch nicht genug emp-
fohlen werden.
3 Bei WeiBenfels; bekanntlkh flieBet sie auch vor Hof vorbei.
IO78 BRIEFE UND BEVORSTEHENDER LEBENSLAUF
lachelnde Gestalten und rote Abende nachgespiegelt haben und
den breiten Glanz der Mondesnacht, und keine Trane soil mit
euch gefiossen kommen ! -
Wir wiirden alle den Tod schoner finden, wenn er unsere Hiille
nur entseelte, nicht zerlegte - ferner wenn wir die Trauer, die
uns geliebte fremde Graber geben, nicht verwirrend in das Bild
des unsrigen iibertriigen - ferner wenn wir uns nicht im Leben
so recht wie in einem warmen hauslichen eingewohnten Neste1
festgesessen hatten, aus dem wir nicht gern aufwollen in den ho-
hen kalten Himmel - und endlich wiirden wir den Tod verscho- 10
nern, war' er uns versagt. Ich traumte einmal, durch Swift ent-
ziindet, von einem groBen Geiste, der ewig auf die Erde ge-
schmiedet ware.
Der unsterbliche Alte hatte fiinf tiefe Wundenmale seines Un-
gliicks: er war ungliicklich im Friihling, weil uns dieser ewig
durch eine hohere HofThung erfreuet und trostet, als der runde
Kirchhof der Erde erfullen kann - er wars vor der Musik, durch
welche die ganze Unendlichkeit seines Herzens wach wurde und
der er zurief: »Sirene, im langen, Iangen Leben fand ich nichts
von dem, was du versprichst« - er wars vor der Erinnerung der 20
hohen Liebe, die in der hiesigen Welt nur keimen und erst in der
andern bluhen kann — er wars vor der Sternen-Nacht, zu deren
weit schimmernden UnermeBLichkeit er weinend hinauf klagte :
»So leb' ich denn ewig geschieden von dir; und das groBe Son-
nen- und Erden-Universum steht ubef und unter mir, und der
Kot einer kleinen Kugel halt mich fest« - er war ungliicklich vor
der Tugend, vor der Wahrheit und vor Gott, weil er wuBte, in
welcher Feme sich der Erdensohn ihnen nahern kann.
Aber es gibt keinen solchen ewig von der wachsenden Nach-
welt abgestoBenen Menschen, vor welchem sich im-mer nur die 30
1 Die Menschen fiirchten weniger die Vernichtung als eine hohe Art des
Seins. Wenn z. B. der Tod darin bestande, dafi jedes Jahr ein Komet an der
Erde tief voriiberfloge und die Alten und Kranken lebendig zu sich aufrisse,
unter eine Gesellschaft hoher Geister: so wiirden die meisten Kanzlei-,
Forst- und andere Bedienten nicht wissen, was sie davon haben, daB sie
droben in einem fort seraphisch verfahren sollen, indes sie unten die besten
Sonntagsbraten und Kranzchen und Tabaksrollen wissen.
KONJEKTURAL-BIOGRAPHIE IO79
diirre Korperwelt ohne die Geisterwelt, wie vor uns die vergla-
sete Halbkugel des Mondes ohne die zweke voll Blumen1, vor-
drehte, es gibt keine fragende Brust in dieser runden Wiiste, zu
welcher nicht irgend einmal der Tod trate und ihr antwortete. —
Du muBt mir auch einmal antworten! Jetzt ist die Welt so
stumm ! - Wie in der wuhlenden Stunde des Erdbebens, wenn
Berge und Stadte schwanken und das aufgeworfne Meer in ho-
hen Wellen emporfahrt, wie da furchterlich das Luftmeer und
der Himmel stille stehen und kein Liiftchen iiber das Getiimmel
10 weht : so liegt uber diesem lauten Leben und uber unsern Seuf-
zern und iiber dem Toben der Volker das Geisterreich stumm
und fest und eingehullt, und nichts spricht mit dem einsamen
Geist als er selber — Aber der Tod wirft den tauben Korper und
die dicke Erde weit von uns, und wir stehen frei und hell in der
lichten Welt unsers Herzens und unsers Glaubens und unserer
Liebe. -
Wenn du nun kommst zu mir, letzter Genius des Lebens: so
werd* ich dich, dessen schones Angesicht und dessen glanzende
Flugel so oft an meinem Schreibetisch offen standen, hofF ich,
20 noch kennen - und wenn ichs nicht mehr konnte, so ware der
Irrtum nur kurz — , und ich werde sagen : nimm nur hin den leich-
ten durchsichtigen Sommernachtstraum des Lebens, weiter ist
nichts dal Und wenn du dann, wie wir schon bei kleinern Myste-
rien tun, das scheidende Auge verschleierst und wenn nur noch
ein paar Traume in der leeren Seele wohnen : o so werd' ich, wenn
ich kann, segnend an euch Menschen denken - denn ich nab* euch
gewiB geliebt — , und es wird mich da noch schmerzen, daB du
arme, so oft verwundete Menschheit noch so blutige Entwick-
lungen zu uberstehen hast. Wenn die letzte Wolke dann dichter
50 um das Auge zieht: dann kommt, ihr Jugendmorgen und Junius-
nachte, ich werde die jungen Rosen in eueren Handen schon ken-
nen - und ihr gestorbenen Freunde, tretet nahe herbei, denn nur
noch das schlagende Herz steht zwischen mir und euch - und
wenn dann, was das Geschick doch so vielen Scheidenden be-
1 Einige Astronoraen nehmen an, daB die von uns abgedrehte Halfte
des Mondes Auen und alles habe.
IO80 BRIEFE UND BEVORSTEHENDER LEBENSLALTF
scherte, ein inneres Tonen und Klingen den entrinnenden Geist
begleitete, so wiird* er noch uber diesem holden Friihling der
Ewigkeit, iiber dieser ersten Erde weinend schweben und wiin-
schen: lebt wohl, ihr Morgen und ihr Abende, ihr reichen Taler
und Berge, ihr Sternennachte, ihr Friihlinge und du ganze Hebe
Erde! - Und dann nab' ich sie verloren. - O noch ruht sie so
glanzend vor mir und tragt die untergehende Sonne an ihrem
Herzen — der Abend brennt hinter seinen Wolken auf den Bergen
— die entfliehenden Lerchen singen dem kiinftigen Friihling ent-
gegen - aus den vertrockneten Auen griinen die hohen Winter- i.o
saaten mit Fruhlingssprossen auf - und ich gehore noch der er-
freuenden Erde an — o ich will in diesem Vorhof des Seins noch
tun, was der Schwache vermag.
Die Sonne geht hinab - meine Reise endigt — und in wenig
Minuten bin ich an einem geliebten teuern Herzen — es ist deines,
unsterblicher Wieland!
DAS HEIMLICHE KLAGLIED
der jetzigen Manner;
eine Stadtgeschichte
und
Die wunderbare Gesellschaft
in der Neujahrsnacht
VORREDE ZU VoRREDEN
Sie hat nichts anzuzeigen als den literarischen Geschichts-
forschern und Anzeigern die Schreib-Geschichte der nachstehen-
den Stadtgeschichte. Urspriinglich wurde solche fur die »Ruhe-
stunden fur Frohsinn und hausliches Gliick« aufgesetzt und auf-
gegeben auf die Post - Nicht lange darauf wurde dem Verfasser
die Tor- und Fruchtsperre jener chronischen Schrift gemeldet
und dabei ein besonderer Solo-Abdruck seiner Stadtgeschichte
sehr gewiinscht - Er stand gar nicht an, es dazu kommen zu las-
ro sen, lieB aber - was wohl jeder bilHgt - sein heimliches Klaglied
wieder aus Bremen kommen, urn das Lied, das anfangs in der
Partitur einer ganzen periodischen Schrift ungehort weglaufen
sollte, nun aber als besonders ausgesetzte Stimme zugleich den
Vorteil der Begleitung zu entbehren und den Nachteil der un-
geteilten Aufmerksamkeit zu erwarten hatte, von neuem zu setzen
und reicher zu fugieren - Der Komponist glaubt dieses durch die
Zerspaltung in Kapitel geleistet zu haben, welche dem Werke,
wie der Bibel, anfangs fehlten; und deren er nach Anzahl der
Hundszahne, Fakultaten und Singsummen viere hineinmachte,
20 obgleich das Lied noch kapitelfahiger gewesen ware. Er nannte
die Kapitel Ruhestunden, gleichsam kanonische Horen des Klag-
Heds, die man zu singen.
Das ist alles, was ich von der Schreibgeschichte des Liedes auf-
getrieben; fur Personen, welche mein Buch selber lesen, in der
Tat gleichgiiltig genug, aber niemals unwichtig dem redlichen
Literaturgeschichts-Forscher, dem die »Geschichte des Buchs« -
wie Lessing die Vorrede definiert - das Buch selber ist; ein sol-
cher Forscher beneidet Menschen wenig, denen ein trocknes
Manuskripten-Faktum, das seinem Magenmund als Klee- und
IO84 DAS HEIMLICHE KLAGLIED
Kanarienfutter, als Doktorschmaus und Hirschkolbe zuschlagt,
nichts Besseres ist als Hechsel und Trebern.
Ich hab' es daher (gegen die Sitte, aber mit Vorbedacht) ver-
anstaltet, daB diese Vorrede auch abgerissen vom Buche einzeln
von der Buchhandlung ausgegeben werde, sauber broschiert. (Auf-
geschnittene Exemplare konnen nicht zurtickgenommenwerden.)
Es bleibt Gewalttatigkeit und Gassenraub, wenn man denMeusel-
schen Literator, der bloB um die Geschichte, nicht um die Textur
des Buchs bekummert ist, notigen will, sich zu jener, die er in der
Vorrede schon vollstandig flndet, noch das lange ausgestreckte 10
Anhangsel und Wirtschaftsgebaude des Werkes selber anzukau-
fen. Cui bono? fragt er mit Nachdruck und verlangt eine Vorrede
ohne die lange Beilage des Buchs sub Littera a, b, c bis zu z, wel-
ches man ein Alphabet oder dessen Signatur heiBet.
Der Rezensent vollends — der Vorlaufer und Gazettier des
Literaturhistorikers - geht fast unter bei dieser britischen Union
der Biicher mit den Vorreden. Er kiindigt seine Schreiberei so-
gleich als bloBe Zeitung (Literatur-jgelehrte1 und andere) an : wie
kommt nun er, der Protokollschreiber der Geburtslisten, die ja
nie Konduitenlisten sind, dazu, daB er auBer der Erscheinung, der 20
Zahl und der Eltern der Gebornen auch noch das Genie derselben
ausschreien und sich aus dem reinhistorischen Kreise der Vorrede
ins materielle Buch vertreiben lassen soil?
In literarischen Stadten, welche zur Gelehrtenbank der Stadte
gehoren - wie Residenzen zur Ritterbank -, auf akademischen
(z. B. Jena, Erlangen etc.) ist daher langst die gute Einrichtung
getroffen, daB irgehdein maBiger Sortimentsbuchhandler eine
Leihbibliothek von bloBen Vorreden errichtet, welche nachher
unter den gelehrten Mitarbeitern Umlaufen, sowohl in der Stadt
als auf dem Lande; Werke, denen (wie bei Goethischen, Schiller- 30
schen oft der Fall ist) Vorreden fehlen, konnen daher (es sind
keine spruchfertigen Akten) entweder schwer beurteilt werden,
oder ihre Titel zirkulieren.
In der Tat bei der allgemeinen Schreiberei - und da jetzt Ideen
1 Oder als deutsche Bibliothek, welches dasselbe sagt, wenn sie nicht wie
die von le Clerc zugleich bibliotheque raisonnee ist.
VORREDE ZU VORREDEN IO85
nicht mehr untatig im Kopfe bleiben wie sonst, sondern da sich
die Denk-Matene wie die Gicht-Materie allgemein in den tatigern
Muskeln, in den Ellenbogen- und Handgelenken absetzt, welche
deswegen die Materie durch Bewegung weitertreiben und aus-
werfen und dazu Federn fuhren - und bei dem geringen Gehalt
der gedachten Sekretionen ist eigentlich mehr die Geschichte eines
Gelehrten erheblich als er selber, und das Verzeichnis der Bucher
wichtiger als ihr Inhalt, falls einer dabei ist. Daher wird die Vor-
rede - der historische Teil des Werks - als die BlUte, als die
10 Kuppel des Buchs vom Verfasser ganz zuletzt, wenn er schon
reifer ist (wie ich denn nachstehendes Buch in Weimar verfafite,
die Vorrede aber erst in Berlin), aufgesetzt; es ist der kostliche
Steifi am gebratnen Kapaunen. Vorher, am ersten Tage - im
Buche - wird Licht geschaffen, am letzten - in der Vorrede - der
Mensck) der Autor; er kommt, wie der romische Feldherr, im
Triumph erst zuletzt selber gefahren und geht (er sitzt bekranzt
im Triumphwagen der Vorrede) zugleich als Volk nebenher, das
auf ihn schimpft, und steht (denn er muB das alles allein spielen)
auch als der Kerl hintenauf, der ihm unaufhorlich zuruft : gedenke,
20 daB du ein Mensch bist; und so lasset er uns wie jeder gute Histo-
riker tief genug in die Schwachheiten des menschlichen Herzens
blicken, in seine Eitelkeit und Heuchelei. Darin fischen nun samt-
liche Literaturhistoriker, Programmenschreiber, Anzeiger, Schul-
manner und Humanisten und sondieren die possierliche Haut,
das Menschenherz, und die mokanten Schelme heizen nachher
dem Vorredner ganz anders ein als er selber.
Was den zweiten Teil dieses Biichleins anbelangt, die wunder-
bare Nachtgesellschaft: so wiinscht' ich von Herzen, hier in der
Vorrede manches gute Wort zu seiner Zeit ihr vorzureden, wenn
30 ich eines samt der seinigen hatte. -
Berlin^ den 10. Jenner 1801.
Jean Paul Fr. Richter
I. Das heimliche Klaglied der jetzigen
Manner
Erste Ruhestunde
Rasonierender Katalog der handelnden Personen - der Aprilnarr
Kleidete ich diese Ruhestunde in einen Komodienzettel ein, so
hob* ich freilich an : der Schauplatz ist in Krehwinkely einem hub-
schen,aber sehr kotigen und steinichten Landstadtchen in Flach-
senfingen, woraus drei farbenstriemige Holz-Ellenbogen jeden,
der sich unter dem Tore nach Wegweisern umsieht, in drei Welt-
gegenden versenden. Allein die Ruhestunde ist mehr eine Ko-
modie als ein Zettel davon, und Krehwinkel ebensowohl die
10 Schauspielertruppe als der Schauplatz. Seit Jahren rang schon die
Stadt nach nervis probandi und ganz entscheidenden Schliissen
in Festino, Darapti, Barocko und Ferison, daB der schonlockige
Konsistorialrat Perefixe wirklich die Ehe breche mit der Berg-
geschwornen, der Madame Traupel; vermuten konnt* es jeder.
Nur uber die Frau waren die Frauen nicht zweifelhaft, sie warfen
mit gewohnlicher Wahl (wie man bei neugebornen Hiindchen
tut) bloB das schonere Geschlecht ins Wasser. JedeKrehwinklerin
wiinschte eine Helferin in jeder Not und besonders eine Geburts-
helferin zu sein, bloB um die Hiilfe so lange zu verweigern, bis
20 nicht nur der Vater des Lebens-Pratendenten angegeben war,
sondern auch die samtlichen Vettern, Basen, Stiefgeschwister und
Stiefeltern des Wurms. Oberhaupt gibts in kleinen Stadten keinen
verdriiBHchern, windigern Ort - der Pranger ist dagegen ein
Luststand - als ihre Gedachtnistafel, dieses Portativ-Drillhaus-
chen, das man immer voll auf jedem Kanapee aufstellt und um-
dreht. Die VergiBmeihnichte - welche schon die Botaniker unter
die Giftpflanzen stellen, und welche es durch die Liebe noch
leichter werden - sind? aus der Hand eines Stadtchens gereicht,
ein BlumenstrauB, den man einem armen Sunder ansteckt. Be-
30 schadigen will dabei niemand, weil jeder weiB, daB der Pranger-
IO9O DAS HEIMLICHE KLAGLIED
Statist immer in der Stadt so vollgiiltig nachher kursiere als vor-
her; so wie Juden, welche die Goldstiicke in Scheidewasser ein-
weichen, nur ihr Gewicht, nicht ihr Geprage andern wollen, son-
dern den fernern Kurs vielmehr herzlich verlangen.
Die Frage nun, welche - so wie Newton, Bernoulli, Leibniz
schwere Probleme und Resultate in den Leipziger actis erudi-
torum ausstellten, damit das ganze mathematische Europa darauf
vernunftig antwortete - ebenso der Rat Perefixe und die ge-
schworne Traupel in den Krehwinklischen actis sanctorum dem
Stadtchen uber ihren gegenseitigen Ehebruch vorlegten, damit 10
es entscheide, war wie folgt abgefasset, so wie iiberhaupt die
ganze Historie wie folgt angeht:
Der Konsistorialrat Perefixe war ein Mann, den man - wenn
er im Sommer in den Damenklub des NuBmannschen Gartens
trat, mit jugend lichen Blicken und ofFner heiterer Stirn, so ge-
wandt undzierlichundals leichterRegisseurdersitzendenTruppe
von ersten Liebhaberinnen - schwerlich fiir einen Konsistorialis-
nahm, geschweige fiir den ersten Sanger des heimlichenKlaglieds.
Er gehorte unter die Leute, die in Deutschland von keinem Ge-
wichte sind, weil sie mehr Quecksilber haben als Blei, obgleich 20
jenes = 13,568 wiegt, dieses aber nur = 1 1,352; alles schien und
war den Krehwinklern zu schnell an ihm, seine Sprache, seine
Rlihrung, seine Liebe und Gefalligkeit, und dabei zu stark; jeder
Fremde interessierte ihn so sehr, und jede Fremde zu sehr. Die
bleierne Stadt will erweisen, daB er den Bettelstab in Handen
hatte, wenn das salische Gesetz noch regierte, das einen Mann fiir
jeden Druck einer fremden weiblichen mit 15 Goldschillingen
abstrafte; und sie bewahrt Leute auf, die es aus dem eignenMunde
dieses lutherschen Konsistorialrats vernommen, daB er sich ge-
wiinscht, ein - Kardinal zu sein, bloB weil dieser das Recht ge- 30
nosse, jede Fiirstin und Konigin1 auf den Mund zu kiissen. Ein
narrischer Mann! Doch in letzterem Wunsch ist ihm heutzutage
nachzusehen, und ich triige selber mit Vergniigen einen roten
Hut. -
Natiirlich ist er daher wie ein Franzos — und seinem Namen
1 Ausgenommen die franzosischen, nach Voltaire.
ERSTE RUHESTUNDE IO9I
nach gehort er ja zur Kolonie - nicht galant gegen eine Frau,
sondern gegen alle; und er dediziert - wie der Italiener jeden
Band eines Werks einem andern Mazen - so jede halbe Stunde
einer andern Gonnerin; allein was die Stadt nicht iibersieht, ist
seine auszeichnende Liebe zu Madame Traupel und seine Besuche
bei ihrem Manne. Dieser, von welchem sie den dummen Namen
herhatj ist Berggeschworner und weniger auf der Erde bekannt
als unter ihr. Dieser Berggeist oder Bergleib mit kurzer Nase und
Stirn mag wohl besser und vielhaltiger sein, als ich ihn schildern
.' will - seine Seele ist nicht wie die im orbis pictus aus Punkten,
sondern aus Kommaten zusammengeschmiert, die nichts anfan-
gen und nichts endigen - das dicke Fallgatter seiner schmalen
Stirn lasset keine fremde Meinung ein, und das wenige, was er mit
Wirkung lieset, ist vom Knappschaftsschreiber aufgesetzt - einen
Lorbeerbaum, dessen Pfahlwurzel nicht in die Schachte hinein-
wachset, kann er nach seiner Meinung umblasen, und das A-leder
ist ihm die einzige Logenschurze, die rechte bunte Fliigeldecke
des Menschen - fremder Hochmut setzt ihn ganz auBer sich: »lch
konnte so gut prahlen als mancher andere,« (sagt er) »aber mit
> mehr Recht.« - Ebenso schont er fremde Dummheit nicht: »Ich
muB sagen,« sagt er, »einfaltige dumme Pinsel sind mir recht ver-
haBt; ich kann nicht leugnen, einfaltiges Ochsen-Volk steh' ich
nicht aus, und ich zwick' es nach Gelegenheit erbarmlich.« - Er
hat die gute Gewohnheit deutscher Autoren, jeden Gedanken,
wie einen Wechsel nach Welschland, stets zweimal nacheinander
abzusenden, welches mir schon aus dem Gehirn - wo solcher
wachset - einleuchtet, well jeder Teil und Hiigel doppelt da-
liegt. - -
Zu verwundern ist nur, wie er eine Frau nahm und bekam, wel-
d che funfzehn Sommer junger als er - denn er war funfzehn Win-
ter alter als sie - und iiberhaupt so schon, klug, keck, arm und
gelehrt war, daB er eher in den nachsten Schacht vor ihr hatte
untertauchen, als ihr daraus im Brautigamsrock entgegensteigen
sollen. Die geizigsten Manner haben zwar oft eine Stunde, wo die
Liebe aus einem Handelsartikel ein Glaubensartikel wird, die
wildesten eine, wo sie den Essig erreichen, der sich versiiBet,
IO92 DAS HEIMLICHE KLAGLIED
wenn er die heiBe Linie passiert, wiewohl er wieder versauert,
Wenn ef retour geht; aber die Sache war anders, und bloD der
April, den die Alten mit einer Blume malten, gab unserem Trau-
pel eine, namlich seine Frau. Es ging so:
Den ersten April bat sie denBergmann um die doppelteErlaub-
nis, mit einer Freundin aus seinem groBen Hause dem Jahrmarkte
zuzusehen und ihn da in den April zu schicken. Das war fur sei-
nen innern Menschen wahre griine Futterung; er gab wphl zu,
daB man ebenso klug sein konne wie er, aber nicht kluger; denn
das Unverstandliche war ihm das Unverstandige, und Dunkel- 10
heit diesseits seines Augenlides eine jenseits desselben. Er sclvwur
heimlich, nichts zu tun, was sie begehre, um sich in kein April-
narrenhaus zu verlaufen. Sie kam und versicherte ihn mit aufrei-
zender GewiBheit, sie werd' ihn dahin verschicken. Er versetzte,
wenn ihr das gelinge, erbiet' er sich, sie jedes Jahr, solang sie lebe,
ins Karlsbad auf seine Kosten zu schicken; -»und ich«, sagte sie,
»wette mich selber, ich heirate Sie.« -
Auf dem Markte war allerlei zu sehen unci ebenso viel dariiber
zu reden; aber Traupel hiitete sich vor letzterem. Er sah lieber
Ninetten an und lauschte auf jede mimische Woge, die um jede 20
Fischreuse spielte, in die er einfahren, auf jede Schwimmfeder eines
Angelhakens, der fur seinen Hechtskopf ein Passionsinstrument
werden konnte. Auch Ninette schauete weniger die verworrenen
Bewegungen des Marktplatzes an als die seiner Physiognomie, an-
fangs schelmisch, zuletzt teilnehmend. Plotzlkh fuhr sie vom Fen-
ster zuruck, sie entdeckte einen Schieferdecker im Lauf band sei-
nes Luftbankchens den nahen Lorenzturm umrutschend. Dieser
imHimmel und an so wenigHanffasern hangendeLaufstuhl machte
ihr zu bange. Traupel setzte sich mit ihr aufs Kanapee; die Freun-
din, eine etwas dickgepolsterte jungfrauliche Fimfundvierzigerin, 30
verharrete am Fensterstock, weil sie in der Welt nichts lieber tat
als - sehen, schon aus Mangel der Ohren weniger als des Gehors.
Der feine Traupel hatte bloB den Aprilnarren im Kopf und be-
dachte alles, was er sagte. Ninetta versicherte, sie versteh' ihn recht
gut, er wolle nur das Badreisegeld erretten, sogar auf Kosten sei-
ner und ihrerFreiheit,aber es soil' ihm gewiB nicht so gut werden.
ERSTE RUHESTUNDE I093.
Eswurde nun sehr gefochten-er fand freilich scheme Absichten
auf sich in ihrer April -Wette und glaubte, sein Bild oder Bildchen
sei in ihrem Herzen und gucke, sich auf die Zehen stellend, aus ihrem
warmen Auge mitdemGesichtchen zumFensterheraus-erwurde
noch entschlossener, seine Wette und Ehre und dadurchsieselber
zu gewinnen - er maclite in der Tarantel-Allemande der Liebe das
Kompliment, die pas balances, die Viertelsphysiognomie, denein-
fachen Handewechsel, die 1;2, die 3/4, die ganze Physiognomie im
Drehen und endlich den halben deutschen Sklaven mit dem pas
ic emboitte und vergaB sich und den April und sprach vom Gluck-
auf dieser Stunde (er lieB eigenhandig eine Repetieruhr an ihrem
Halse solche repetieren) und erklarte auBer noch andern Dingen
seine Liebe - Da sprang sie lachend auf und sagte, daB es beinahe
die taube 45gerin storte: »Aprilnarr, Aprilnarr! Wer liebt Sie
denn? Ich nicht.« Der Geschworne war halbtot, folglich zum
Gliick auch halblebendig - sagte, das sei ja gottlos hausgehalten
mit ihm - wurde versauert, wieder abgesiiBet - allein nach einigen
Tagen gab sie so weit nach, daB sie beide verlieren wollten und
sie die Heirat und er die jahrliche Badreise verwettet haben sollte.
10 Wollte der Himmel, ich hatte damals ein Heirats-Bureau ofFen-
gehalten und die Geschworne ware in mein Komtoir getreten,
ich wiird* ihr einen ganz andern Mann, einen, der ein Hausmacht,
einen Grafen oder dergleichen zugewiesen haben. Lieset sie nicht
die besten Franzosen und kann keinen zu sprechen bekommen,
auBer unsern Herrn Perefixe? - Hat sie nicht durch Kultur eine
gewisse kunstliche Einfachheit und Phantasie gewonnen und ist
eine unverwelkliche italienische Blume, die sich durch feine Ole
den Geruch der natiirlichen ansalbt? - Braucht sie nicht entsetz-
lich viel Geld, so daB ihr Berg-Mann ihr nur als das graue Berg-
^o Miinnlein erscheint, das den Zeigefinger auf Goldadern ausstreckt :
- Ist sie nicht der besten rrysterischen Zufalte und Konvulsionen
machtig und halt darin dem Gesclrwornen die strengsten BuB-
reden, und sind diese hysterischen Kontroverspredigten nicht den
besten Gardinenpredigten, die wir haben, vorzuziehen? - Mit
einem Wort, hat sie nicht eine vornehme ahnenreiche Ehe notig,
die, wie ein Konferenzzimmer rangsuchtiger Gesandten, viele
1094 DAS HEIMLICHE KLAGLIED
Tilren und keinen Ofen hat? — Kurz, ist sie nicht der Engel und
der Teufel in einer Person?
Was freilich Traupel mit ihr tut, wenn er zuweilen in seine vier
Pfahle zuriickkommt und der fiinfte ist, das wird mir schwerlich
konnen hell gemacht werden. Mit Perefixe ist es etwas anders,
aber das ist der Kern meiner Stadtgeschichte.
Kein Krehwinkler - wenigstens Traupel nicht, der nur am
Berg-Schabbes, am Sonnabend, nach Hause kam, wo Perefixe
Amtswegen zu Hause blieb - kann so oft auf dem bergmanni-
schenKanapee gesessenseinalsebenderKonsistorialis;erschwang 10
sich zum Gesellschafter hinauf, von da zum Hausfreund und hatte
nur noch die hochste Charge vor sich, den Hausfeind. Traupel
wuBf es zu schatzen, daB sich ein Mann und Vikarius vorfand,
der mit seiner Frau parlierte und in ihre wweltweisen Schnurren«
(sie war eine Philosophin) einging, da sie jeden andern Kreh-
winkler aus Ekel vor allem Kleinstadtischen stolz aus ihrem Zau-
berkreise wies. Sogar wenn sie ihrem Manne, der keinen Vogel
Heber schoB als einen festen holzernen auf der Stange, es erlaubte,
eine kleine Schutzengesellschaft zu einem PrivatschieBen zusam-
menzubitten: so muBten die Schiitzen poetische Zentauren, halb 20
Menschenpferde, halb Schiitzen, sein, gebildete Edelleute aus der
Nachbarschaft; denn sie sagte, ihr falle am Ende doch alles auf
den Hals. Die Herren kannten namlich des Bergmanns Passion
fur diese stehende Vogeljagd; folglich suchte jeder ein Vergniigen
(er sprach wahrend des Schusses mit der Frau) darin, daB er den
Geschworenen fur sich schieBen lieB, so daB dieser als das repre-
sentative System der Schutzenkompagnie und als ihr Kreisstand
und Zentralpunkt immer im Kreis stand und so als bevollmach-
tigter Gemein-Schiitze (in jedem und auch in seinem Namen) den
ganzen Vogel allein herunterholte. - 30
Wie kam ich auf diese Geschichte? - Kurz sie trug am meisten
mit bei, daB die samtliche Geistlichkeit, die ohnehin an ihrem
Loseschliissel langst den Bart abgedreht hatte, und die samtliche
Dienerschaft und der Wirt vom Hotel de Krehwinkel sich darauf
totschlagen HeBen,derKonsistorialis gehe mchtauf gutenWegen,
sondern»extra«-; die Weiber dieser Manner (auch weniger Fleck-
ERSTE RUHESTUNDE IO95
ausmacherinnen als Fleckmacherinnen) nahmen die Geschworne
als kokette Wildschiitzin jedes ehelichen Grenzwildprets auf sich
und wollten samtlich darauf sterben, blofi Ninetta sei der Teufel
und hebe an ihrem Angelhaken den guten jungen Mann aus dem
Wasser.
Nur eine Frau dachte edler von ihm, seine eigne. Josephine
hatte die gottliche Kraft, einem Menschen zu vertrauen. Sie lieB
die groBen kiinstlichen Waschmaschinen, in welchen ganze Fa-
milien auf einmal (Tee oder KafTee wird als Lauge zugegossen)
io sehr gut eingeweicht, gehandhabt und gewalket werden, niemals
in ihrer Stube aufstellen. Seine Zephyretten-Natur wurde durch
ihren christlichen Ernst und durch die Waage ihrer weiblichen
Besonnenheit sanft angehalten; seine Foderationsfeste mit alien
Menschengesichtern wurden unter ihren Richter-Augen niich-
terner begangen; und ebenso fuhrte wieder umgekehrt sein leich-
ter Gang auf dem Lebenswege und die Freundlichkeit, womit er
alien Pilgern seine Hand, und was darin war, anbot, diese ein-
same stolze Seele auch an andere naher heran.
Sie schrieb seine Besuche bei Ninetten, da diese die feinsteFrau
20 im Orte war und er der feinste Mann, der Verwandtschaft ihrer
Kultur und Lektiire zu. Er war der einzige Geistliche in Kreh-
winkel, der imstande war, Ninettens Schmfnke zu verzeihen, oder
der es zu schatzen wufite, wenn sie sich ganz uber stiimperhafte
Maler erhob, welche ihr Unvermogen im Nackten durch Ge-
wander verdecken. Doch konnte Josephine fur ihre Zuversicht
weiter nichts anfiihren als seine bisherige Rechtschaffenheit und
den SchluB von ihrem Herzen auf seines und die Donnerkeile,
die er von jeder Hohe, nicht bloB von der Kanzel, auf das liider-
liche, Herzen- und Ehebrechende Sakulum fallen He8. Er lieB sich
30 oft auf den Beweis ein, daB, wenn das kunftige Jahrhundert auch
sonst der Menschheit das Krankenlager weicher bettete, es doch
den intermittierenden Puis derselben vermehren wiirde - der An-
stalten zu einer allgemeinen Entkraftung und Auskernung, be-
wies er, seienzu viele - der Luxus wachse hoher mit dem Reich-
turn,, dieser mit jenem, die Armut mit beiden, die Ehelosigkeit
und die Verspatung der Ehen mit alien dreien, die fruhere Mann-
IO96 DAS HEIMLICHE KLAGLIED
barkeit desgleichen, mit dieser und jenen wieder die Ausschwei-
fung und mit der Ausschweifung wieder alle jene Obel, und so
gehe die entsetzlichste Zusammenbrechung der Menschheit in
immer schmalere Formen zwischen diesen ineinander arbeitenden
Tatzen wie zwischen zweien, einander immer verkleinernd wie-
derholenden Spiegeln fort - und was dann von Jiinglingen, die
sich schon in der verjilngten GroBe des kindischen Greisenalters
biicken, zu hoffen oder vielmehr zu furchten sei, das mog' er
nicht erleben. Aber noch feuriger und ruhrend-geruhrt wandt*
er sich zu den Kinderfeinden, die jetzt in ganzen Rotten die Erde ic
besetzen, die als Widerspiel Abrahams ihren Isaak schlachten,
um einen wollenreichen Widder zu retten, und dann sah er wei-
nend den tausend vaterlosen Waisen lebender Vater entgegen,
diesen Zangen-, Achsel- und Kniegeburten des Lebens, als eignen
Symbolen ihres kunftigen Blutens, Tragens und Kniens, welche
in ihrer besten und langsten Schlafzeit in einer von Stroh und
Kissen ausgeleerten harten Wiege des Lebens frieren und zappeln
- Er konnte dann nicht mehr fortreden.
Leser wissen iiber die Quellen solcher Reden Bescheid; aber
Josephine trauete, wie alle Weiber, dem mannlichen Sprecher zu ic
sehr - mehr als dem mannlichen Handeln -, weil bei ihnen das
Geblase der Phantasie dicht an ihrem Herzen liegt und pfeift und
also einer, der jenes zu regen und zu treten weiB, damit leicht
dieses rot und gliihend blasen kann. Ja, gutes Weib, dein Mann
konnte kein Heuchler und doch ein Sunder sein, aber ein reuiger,
der biiBen und bessern will. Und hangen nicht uberhaupt zwar
vom Kopfe des Menschen die langsten Engelsflugel nieder, aber
auch von seinen Fersen verdammt dicke FuBblocke, so daB er
wie eine Kokette dem Fischernetz auf ein Haar gleicht, das oben
Korkkugeln .schwimmend erhalten, indes Bleistiicke es dem 5c
Schlamm anheften?
Nur eine Sache qualte die feste Josephine zuweilen, namlich die
Frage, was ihn quale; denn er kam selten aus dem Traupelschen
Hause zuruck, ohne in seinen Gesichtsziigen einen ganzen Wol-
kenzug mitzubringenj welcher in einer weniger gliicklichen Ehe
skh in den weiblichen festgesetzet hatte als sanfte Lammerwol-
ZWEITE RUHESTUNDE 1097
ken. Bedenklich wars, daB dieser Heerrauch des Unmuts in ihm
anhielt, solange Ninetta im Karlsbade war; auch fiel es Josephirien
spater ein, daB er einmal plotzlich zu weinen angefangen, als sie
abends um 1 1 Uhr vor Traupels Hause miteinander vorbeigingen -
und der Nachtwachter davor eine im BaB gesetzte Gratulanz ab-
sang, womit er nach krehwinklischer Sitte die eben geborneToch-
ter des Bergmanns unter der Jubelpforte des Lebehs salutieren
wollen. Da das gute Weib keiner Liige, nicht einmal einer Zu-
riickhaltung fahig war : so hatt' sie ihn sanft und oft iiber seinen
io Gram gefragt; seine Antwort war immer gewesen, ihn betriibe
die kokette peinliche Erziehung so sehr, welche Ninetta ihrer
Tochter Cara gebe. Josephine glaubt' es aus Pflicht und aus
Vertrauen gegen ihn, besonders da sie bemerkte, daB eben jene
mitgebrachten Wolken sich allzeit in warme fruchtbare Ergie-
Bungen fur sie selber und ihr Kind aufloseten.
Die lesende Welt ist nun ganz berechtigt, von mir iiber das
. heimliche Klagelied der jetzigen Manner, das der Konsistorialrat
als Chorist mitsang, das Nahere zu erfahren, und zwar bald. -
Dazu wird die nachste oder £weite Ruhestunde ausgesetzt, wo ich
=o wieder den Leser manipulierend in den magnetischen Schlaf hin-
einzustreichen hoffe, der ihn so sehr in Rapport mit dem schrei-
benden Magnetiseur versetzt.
Zweite Ruhestunde
Mondschein - Niquille - kosmetische Hungerkur - Vatermartern
Es war mitten im Marz des Jahres, in dessen ersten April ich
den Leser schon weiter oben habe gehen lassen, daB Pereflxe in der
Flachsenfinger Redoute mit einer langen, gewandten, frohen weib-
lichen Maske tanzte. Im ausruhenden Gesprach machte er nach
seiner jugendlichen vertrauenden Offenheit sie friiher mit sich be-
kannt als sich mit ihr; sie gab sich als eine nach Wien reisende
Sangerin an, namens Niquille. Zum Gliick - einen Tag spater
sagt oft der Mensch: zum Ungliick - logierten beide in einem
IO98 DAS HEIMLICHE KLAGLIED
Gasthofe; und stiegen vor einer Hausttire aus. Niquille konnte
nur franzosisch und italienisch, er war der Mittler zwischen ihr
und der deutschen Wirtsdienerschaft. Es kann weniger durch die
Abreise, die schon morgen einflel, als durch die Unmoglichkeit,
irgendein Mondlicht, besonders ein gemaltes, bei Tagslicht zu be-
schauen, entschuldigt werden, daB sie noch heute nachts den
Konsistorialis ersuchte, einige italienische Transparents oder
Mondscheinstiicke, dergleichen ich mehrere sehr elende gesehen,
in Augenschein zu nehmen. Diese Bilder fiir bloBe Augsburgi-
sche Thesesbilder und Buchdruckerstdcke ihres Themas anzu- 10
sehen, das war er so gut imstande als einer, der auf keiner Mas-
kerade, geschweige an deren Schenktischen gewesen; allein - da
Niquille so keck und philosophisch dachte, sich gegen alle Jagd-
verbote der Liebe metaphysisch erklarte und sagte, sie wiirde
jedes aufheben, hatte sie sonst Temperament - so wollt* er sehen,
ob sie denn der - Teufel plage. Es gibt Foliobande, welche aus-
fiihren, daB dabei nicht viel Segen sei. Das Zimmer wurde, wie
eine Glocke luftleer,so lichtleer gemacht und die einfaltige Rotel-
zeichnung des purpurnen Mondscheins - denn von der magischen
Silberhochzeit der Nacht ist auf diesen Schwefel-Abdriicken des 20
Abendrotes wenig nachzuweisen - eingesetzt und angeleuchtet.
Die vertrauliche Dammerung, dem Mond- oder Nordschein ge-
geniiber, lockte allmahlich ein oder ein paar Dutzend Teufel
naher, Dammerungsvdgel, welche dann am liebsten nach Futter
ausfliegen. Es fiel ihm vielerlei zu sagen und zu bedenken ein,
z. B. daB es heute Friihlings-Anfang sei, welches er sinnreich auf
diese Stunde applizierte - daB diese Ballenbilder an Raffaels schon
ausgemaltes Schlafgemach erinnerten - und daB Niquille bloB
eine Sangerin sei, die er nie am Tage mehr sehe, geschweige bei
diesem italienischen Nordschein. - Manche Menschen sind die 30
Sklaven der Minute, obwohl die Herren des Tages; Leidenschaft
in ihrem Herzen ist Feuer in einem Schiff. Mit einem Wort: wie
der Priester nach der Tonsur zu den 7 kleinern Amtern, deren
Treppen erst zur Priesterwiirde fuhren, sich in wenig Stunden,
als vom Tiirhuter zum Lektor, von da zum Exorzisten, dann zum
Akoluthen, dann zum Subdiakonus, zum Diakonus und endlich
ZWEITE RUHESTUNDE
IO99
zum Presbyter hinaufschwingt - so lieB die Sangerin, in Verbin-
dung mit den Dammerungsvogeln, den Konsistorialis das Avan-
cement, das durch die 7 ordines minores sines Liebhabers herauf-
geht, namlich die Amter eines seufzenden, eines anblickenden,
eines handedriickenden usw., so schnell hintereinander wegma-
chen, daB er in ebenso kurzer Zeit ihr Priester wnrde als ein
anderer ein katholischer.
Der arme Teufel! In Krehwinkel sann er sehr dariiber nach.
Er wurde sogleich aus dem ersten ScMafe seiner Selbstvergessen-
io heit herausgeholt durch ein sanftes Faustchen. Niquille nannte,
als dieser Weltpriester mit dem Beichtsiegel vor ihr stand, ihren
Namen Ninetta und vertierte die Reise nach Wien in eine
nach Krehwinkel. Aber auch der Erschrockne setzte sich in einen
Schreckensmann um : er zog von seiner Verlobung mit Josephi-
nen den Vorhang weg, und Ninettens Priester blieb ein — un-
beeidigter.
Was gleich darauf und spater fur Sturme sauselten und was fur
dissertatiunculae gegenseitig gedruckt wurden, mogen habilere
Stadtgeschichtsschreiber ausfuhren; ich habe am Faktum genug,
20 daB der Teufel in der kurzen Sieste, wo der Konsistorialis sein
Gewissen verschlief, sich Gelegenheit ausersehen, fur dessen gan-
zes Leben den Kern eines breiten Giftbaums in die Erde zu brin-
gen. Sein reuiges Herz, obwohl ewig dem edlen seiner Josephine
ergeben, wurde an das verderbliche durch ein heiliges Band ge-
heftet - durch Cam. Er hatte die feinen geistigen und physio-
gnomischen Ahnlichkeiten nicht erst nachzuzahlen gebraucht,
die das arme Wesen dem Adoptiv-Vater absprachen; denn als er
vor dem gratulierenden Nachtwachter vorbeiging, hatt' er schon
Vater-Tranen vergossen, aber blofi bittere.
30 Wir erinnern uns alle noch, daB Ninetta, selber aus einem April
kommend, nachher den Geschwornen dahin verschickte, daB die-
ser das Gliick hatte, daraus die Kalender-Insignie des Monats,
eine schone Blume mit einer genie fleuronnee1, mitzubringen,
namlich seine Ninetta. Sie nannte ihn daher am liebsten Ndrrchen
1 Genies fleuronn^es sind in der Kunst gefliigelte Kinder, die aus Laub
oder einer Blume mit halbem Leibe wachsen.
I TOO DAS HEIMLICHE KLAGLIED
und lieB den April weg, der doch nur ein Zwolftel des Jahrs be-
zeichnet ; auch andere Weiber sagen gem : Narrchen ! - Ich komme
nun aus der Vergangenheit der Geschichte zur Gegenwart der-
selben zur tick:
Perefixe hatte in seiner Ehe nur einen Sohn erzeugt; und Trau-
pel hatt* in seiner auch nichts erzielt als diese Cara. Desto feuriger
hing nun jener Vater am holden Kinderpaar; ja der lebendige
Zaun, der mit seinen Dornen zwischen ihm und dem Tochter-
herzen dick aufwuchs, machte nur, dafl sein eignes desto vater-
licher in dieser Nahe und dieser Trennung dem abgerissenen ent- 10
gegenklopfte. Dadurch griff nun Ninetta in das Heft und die
Handhabe seines Lebens und Herzens und hielt ihn an seinem
Fehler fest - aus Rache und aus Eitelkeit. Sie konnte ihn qualen
und beherrschen durch jeden Pfeil, den sie gegen die Brust seiner
Tochter auf den Bogen legte. Kurz er muBte - um nur die Toch-
ter zu sehen — die erbarmliche Rolle machen, daB er hinter der
Triumph -Volante, wovor immer neuer Vorspann trabte, stand
und sich stoBen lieB, mit der Hand im Lakaienriemen.
Er muBte zusehen, wie die kokette Weidmannin, der die sanfte
Cara zu still, zu bescheiden, zu gutmutig und offenherzig war, 20
alle diese offnen Blumen verdrehen, eindrucken und abschneiden
wollte, um eine jiingere Ninetta daraus zu ziehen. Er muBte zu-
sehen, wie sie sogar den Korper in der Poliermuhle zercjuetschen
wollte, damit die Tochter die Mutter wurde. Da das stille Meer
von Carens Blut, das immer seinen sanften Himmel abspiegelte,
Ninetten zu viel Fett abzusetzen schien: so schickte sie in das
Meer von Zeit zu Zeit die notigsten Sturme. Wie Sparter unter-
sagen solche Mutter das weibliche Fett - wie das Fannische Ge-
setz das Masten der Huhner1 — , weil der Krieg dabei leidet. Des-
wegen stellte sie bei ihrer Tochterschule den besten Koch - den 30
Hunger— als Figuristen und bildenden Kunstler an, um das ruhige
gesunde Wesen zur Charis einzukochen, wie Gewachse durch
Nahrungs-Mangel sich in bunte Farben aufblattern. Was guter
Essig und langes Wachen tun konnte, wurde angewandt, um den
Golddraht der schonen Taille auf dieser Ziehbank immer feiner zu
'Plin. H.N. X. 1.
DRITTE RUHESTUNDE HOI
ziehen. Armes, weiches Geschopf ! woran die Axt statt der Baum-
schere formt und dem man die Wurzeln statt der Zweige aus-
schneidet ! Komisch und riihrend zugleich fiel die zuriickgebrochne
manirierte Stellung des Madchens gegen die kindliche Unbefan-
genhett ab, die aus den weiten hellen Augen lachte, und der ge-
bietende Anstand gegen das demiitige Herz voll Anhanglichkeit.
Hatte nun nicht mein Titel recht, eine Marter, wie Perefixe in
diesem Erziehungsinstitut aushielt, ein Klaglied zu nennen? Und
war alles nicht desto bitterer, da er das Lied nur heimlich in den
■ Bart hinein singen durfte? —
Dritte Ruhestunde
Betrachtungen iiber das Klagelied — fernere Strophen desselben — das
edle Bergwesen - Wolfgang - Cara.
Ein paar Oktavseiten, und was darauf steht, werden nicht ver-
loren sein, wenn man sie bloB zum Schildern und Bedauern der
jetzigen Manner verbraucht, welche ich in ganzen Singschulen
beisammen stehen sehe und mit den ausgeteilten Singstimmen in
der Hand das Klaglied intonieren hore. Selten kann ich iiber den
Markt weggehen, ohne auf ein oder ein paar mannliche Gesichter
20 zu stoBen, auf denen herbe Sorgen iiber ihre Kinder der ersten,
zehnten, zwanzigsten Ehe stehen, ob es gleich denen von der
letzten Ehe, worin sie wirklich leben, ganz gut ergehen moge.
Die Venus am Himmel zieht nicht nur die Erdkugel aus ihrer
Bahn, sondern auch die Insassen derselben noch mehr, und ich
habe iiber die letztern Weltkorper genauere Perturbations- und
Nutationstafeln im BeschluB als viele andere. Manner, die weit
herumgereiset, denk' ich mir hierin als die groBten Dulder, weil
sie in jeder Seestadt, auf jeder Insel, in jeder Residenzstadt von
den georgiques frangaises ihrer Schaferstunden - wie Delille von
3o seinem Buch - 12 Ausgaben veranstaltet haben, so daB - wenn
Linne in seinen alten Jahren alles, sogar den Namen seines Schwie-
gervaters vergaB und man sich dariiber in Europa wunderte -
II02 DAS HEIMLICHE KLAGLIED
man sich gar nicht zu wundern hat, wenn diese Pilgrime in ihren
besten die Schwiegervater nicht behalten konnen; weils die Menge
macht. Das heimliche Abharmen eines solchen Heerfuhrers seiner
in ganz Europa postierten enfants perdus ist offenbar genug.
Was den Adel anlangt, so ists, hofF ich, anerkannt, welche
Schritte der groBere Teil desselben tut, sich mit dem tiers-etat
zu vereinigen, auch dadurch; - und der etat seinerseits will auch
nicht nachbleiben — und auf diese Weise mag sich Gleichheit wie
sonst in Norden das Christentum fortpflanzen, namlich durch
Weiber. Es kann sein, daB man aus diesem Grunde in Spanien alle 10
Fiindelkinder fiir adelig erklart. Aber man setze sich einmal in die
Seele eines sechzehnschildigen landtagsfahigen Edelmanns, der
auf der Hausflur vor seinem Stammbaum stehen bleiben und den-
ken muB : »Meine besten rustigsten Junker und Fraulein hab' ich
in Bauernhauser, Fuggereien, Kaufhauser verteilt - sie wachsen
in der schlechtesten Gesellschaft auf, die nicht turnierfahig ist,
und werden selber nichts Bessers — zu den Legitimationen der
Wurmer fehlt Geld - nur gerade was in meinem Schlosse mit
meinem adeligen Gebliite und Wappen herumlauft, sind ein paar
diinne weiBe Schatten: ist das nicht nagend?« - Gratulieren sollte zo
sich noch der Edelmann, daB er doch die weiBen Schatten hat und
aus alien Volkern gerade diese Kinder Israels zu seinen erwahlten
machen konnen. Bei Mannern, die zur Ehe nur wie Madchen zur
Tabakspfeife greifen, namlich in der Zeit der Not, sind Schatten
ein wahres unerwartetes Geschenk; denn gewohnlich lasset die
kunstliche Ehe, wie kiinstliche Blattern, wenig Spuren zuriick.
Diese ganze biiBende Brxiderschaft wird sich mehr erholen,
wenn man mit Hiilfe der neuern Romane noch weiter in der Sache
geht, so daB Kinder nicht sowohl, wie in Sparta, von gemeiner
Stadt erzogen werden als vollends erzeugt, Lands-Kinder im 3°
schonsten Sinn. Immer notiger wird es daher, daB schon jetzt die
Konsistorien von alien verbotnen Verwandtschafts-Graden auf
einmal dispensierten, weil bei dem allgemeinen Foderalismus und
der galvanischen Kette der Liebe, die um das seidne Band der Ehe
herumlauft, kein junger Mensch mehr gewiB sein kann - wenn er
eine verwandte Seele heiratet -, ob er nicht seine Schwester trifft.
DRITTE RUHESTUNDE I 103
Das ist nun das heimliche Klaglied der jetzigen leidtragenden
Manner, wovon ich im Titel sprach, und welches das einzige ist,
in welches sie gutmiitig die Weiber nicht einzufallen zwingen;
denn diesen verbleiben gliicklicherweise immer die Kinder, we-
nigstens die natiirlichen. - Auch das miBmiitige murrische Ge-
sicht vornehmer und reicher Jiinglinge leit' ich leicht von diesem
innern Passionsliede ab; die armen jungen Narren werden schon
von tausend stillen Vatersorgen verfolgt und angepackt.
Wieder zur Geschichte! - Perefixens Leben Hef iiber Iauter
, Stacheln und spanische Reiter weg. War er mit Ninetten allein:
so iibergoB er sie nach seiner Lebhaftigkeit mit padagogischen
Bitten, die nichts fruchteten, weil sie auf viel warmere rechnete.
Einmal an einem Sonnabend iiberraschte der Geschworne beide
in einem heftigen Zank, der fur ihn arabisch war, namlich fran-
zosisch. Perefixe hatte feuchte Augen. »Wir streiten iiber die
Erziehung meiner Cara« - sagte frech Ninetta - »der Herr Kon-
sistorialrat interessiert sich schon fur das hiibsche Ding.« Traupel
iibersah Perefixens wetterleuchtenden Blickund sagte verschmitzt :
»0 charmant, charmant!« Bei solchen Ratseln passete er bloB auf
> den Abend nach dem Essen und auf ganz spaBhafte Aufschliisse,
die ihm die Frau iiber den narrischen Konsistorialis ubermachen
werde. Daher bestrich er ihn haufig mit jenen listigen muntern
Epopten-Blicken, die sagen wollten: »Teuerster Rat, um Gottes
willen nur nicht groB getan mit Seinem Verstand und Dem und
Jenem - man fiihrt Ihn, so wahr Gott Verdammtl darf man
denn reden?« -
Gleichwohl muBte Perefixe bei diesem Segment eines Kopfes
geduldig ausharren. Ja er gewann ihn lieb zuletzt aus Mitleid,
weil die Frau die schlechten Augen beriickte und verhohnte, die
) der Bergmann auBerhalb seines Maulwurfshaufens der Bergwis-
senschaft fiir fremde Gdnge hatte: Perefixens Herz vergitterten
keine harten Brustknochen, und er konnte auf der Gasse vor
keinem gepeitschten Kinde voriibergehen, ohne hinzuspringen
im Priesterornat. Darum nahm er sich des betorten Bergmanns
an und driickte diesen nicht in seinem heimlichen Aufblasen.
Er trat gern naher bin zu dem Geschwornen (und zur Lang-
II04 DAS HEIMLICHE KLAGLIED
weile) - indes Ninetta fortlief -, wenn dieser anfing, mit Weni-
gem das Hiittenwesen und die Zechen zu beruhren - der Phan-
tasie des Zuhorers den Berghabit anzulegen — als ihr Steiger mit
ihr ins Elysium der Unterwelt einzufahren, nachdem er sich
vorher kaum im Vorbeigehen nach dem Hundejungen und dem
Schwenzel umgesehen - und mit ihr drunten in den Gangen und
hinter den Wasserwerken herumzukriechen. Perefixens Aufmerk-
samkeit setzte dann den Geschwornen auf den Thron. Er fuhr
mit der Phantasie wieder zu Tage und ging (und Perefixe mit) in
seine Schreibstube, um das Wunder- und Meisterwerk seines Da- 10
seins, wornach er allein gewogen sein wollte, ein wenig zu zer-
gliedern, namlich ein tragbares Zwerg-Bergwerk, worm er das
ganze Bergwesen mit alien Flozen und Knappen nachgebosselt
hatte bis zum kleinsten Faustel und woran er nichts ausgelassen
als die Berggeister. Wenn nun der Vulkanist seine Zangengeburt
in alien ihren Gelenken auf einmal uberschauete und die iooo
Schopfungstage summierte - und wenn er noch dazu etwan in
dem Kronungsanzug des Berghabits, worin er einmal seinen gna-
digsten Herrn mit der Knappschaft einholte, dastand, die Stirn
unter Blech, den H. unter Leder: so tat er freilich nichts anders, zo
als was von der schwindelnden Menschentextur auf solchen Ho-
hen zu erwarten ist, wenn er den Konsistorialrat zuerst kakbliitig
fragte, ob er seines Orts auch glaube, daB bei dem Bergbau ein
anschlagiger Kopf nicht ganz ubel angebracht sei, und wenn er
dann, sobald Ja gesagt war, mit vollen Segeln herausfuhr: »Nun
so lassen Sie sichs von einem, ders inne hat, gesagt sein, daB alle
euere Wissenschaften nur Fixfaxerei ist gegen wahres Bergwesen;
denn wahrlich ein Bergmann steht in seiner Grube iiber euch alle
und braucht niemand anzusehen.« -
Perefixens Kummer nahm mit den Jahren seiner Tochter, mit 30
der Liebe zu ihr und mit Ninettens EinfluB auf sie zu. Oft wenn
er sah, wie die Mutter ein Vulkan war, welchen die Kleine wieder
vertrauend bestieg, sobald er ausgedonnert hatte, und wie sie
noch mehr - als der Mutter - dem trocknen, selten erscheinenden
Traupel das ganze Herz zukehrte: so seufzete er iiber die schone
Liebe, die sich an den scheinbaren Vater verirrte, und uber den
DRITTE RUHESTUNDE I IO5
wahren, der sie entbehrte; ja mitten durch die Freude uber die
eiserne Geradheit seines Sohnes - das Gebilde der mutterlichen
Erziehung; denn er pflegte, wie die meisten Vater, die Kinder
mehr zu genieBen als, zu erziehen - fuhr der stechende Gedanke
an das Verderben der Tochter.
Geheimnisse in der Ehe sind gefahrlich und nichtig, ihre
Scheide bedeckt immer einen Dolch, den die Zeit endlich zieht.
Josephine wurde zuletzt unruhig und beklommen, wenn sie den
daliegenden Sphinx ansah. Seine Trauer uber die Badreisen, in
io welche Ninetta immer die Kleine zu den Brunnenbelustigungen,
d. h. zu den Brunnenvergiftiingen mitschleppte, nahm bei Jo-
sephinen die Nebenbedeutung eines Schmerzes uber Ninettens
Entfernung und uber die GewiBheit an, daB ein Badort eine
Redoute voll Gleichheit und Freiheit sei. - Noch irriger wurde
sie, als sie vollends auf die Geschworne naher und ruhig, wie ein
Stern, die geraden scharfen Strahlen fallen lassen und an ihr eine
prangende Tulpenglocke gefunden hatte, deren beifiende Tul-
penzwiebel in der Erde schwillt. Josephinens Harte und Scharfe
gegen den Fehler — so groB wie ihr Vertrauen auf den Wert —
20 wurde eheweiblich aufgeregt durch Ninettens satirisches Betra-
gen gegen das Beten und Wissen des ehrlichen Traupels, der sei-
nen Geist wie seinen Magen gern mit einer Berghenne1 ernahrte
und es dem Konsistorialis dankte, daB er seiner Frau feine goutees
vorsetzte. Und was muBte Josephine erst uber die verschiedenen
Gestalten denken, in welche sich jene vor Perefixen brach, indes
sie selber in einer blieb, wie unreines Wasser in mehrere Figuren
gefriert als reines? - War er, wenn er allein da war, nicht ein
hupfendes Eichhornchen neben der Klapperschlange- ein SchneuB-
vogel, der sich in einem Haare fangt, wenn es in einem Ringe
30 schone Worte bildet, und vollends in einer Locke? -
Sie nahm sich vor, ihm einen sonderbaren Vorschlag zu tun;
und die Zeit, worin sie es wollte, schien erlesen dazu.
Er und sie hatten namlich ihren Sohn mit gleichem Willen
zum Soldaten bestimmt. Ihr Wolfgang war einsekig, storrisch,
ehern ohne Phantasie, aber voll Mark und Mut, voll Treue und
1 Die schlechteste Bergmannskost.
II06 DAS HEIMLICHE KLAGLIED
Liebe. Er war stets wieder vom Musenberge herabgerutscht, so
hoch man ihn audi hinaufgezogen hatte, bis man endlich einen
festen Sandboden - und einen Archimedes dazu - fur ihn aus-
mittelte, worein er seine Figuren und Zahlen treten und schreiben
konnte; - es konnte ein guter Mathematiker und Krieger aus ihm
werden. - In der Woche, wo Josephine den Vorschlag tun wollte,
sollt* er in die Welt hinausgeschickt werden, in eine Kriegsschule
eigentlich und uneigentlich. Die Eltern waren geriihrt, der Vater
noch mehr als die Mutter, weil seine groBere Phantasie sein zwei-
tes Herz wurde; — die Wuste der kinderlosen Einsamkeit dehnte 10
sich vor ihnen aus.
An einem Abende, als Wolfgang, dem schon alles eingepackt
war, ausgenommen sein letztes Arbeitszeug, die Flote, im obern
Zimmer diese blies, sahen sich die Eltern mit Augen voll wechsel-
seitiger Schmerzen an. »Ach, eine Tochter«, sagte Josephine nach
dem Abtrocknen der ihrigen, als antwortete sie dem Manne, »ver-
lieBe uns nicht so friih.« Er sah sie erschrocken an, aber in ihren
Augen warXiebe und Mutterschmerz und nlchts weiter. »H6re
einen Vorschlag an, du Lieber! Ich kenne eine, die ich und du so
Iieben, als ware sie unser Kind. Nimm sie ins Haus. Rate wer!« 20
— Er sah ihr starr ins Angesicht — ob dieser Vorschlag vielleicht
ein Luftreinigkeitsmesser seiner Treue sei-; aber dieses trug, da
sie durch die Adoption des Kindes einer Nebenbuhlerin etwas
Verdienstliches zu tun glaubte, bloB den Glanz der ofFnen be-
geisterten Unschuld. Er riet leise: »Wer? - Cara?« - »Aber ohne
die Mutter !« sagte sie scherzhaft. - »Josephine,« (antwortete er,
indem sein Angesicht flammte und sein Herz weinte) »glaubst du
an mich, so wie ich an dich glaube?« - »Nein,« sagte sie leicht -
»o ja, ja! ewig,« und fiel in seine Arme, und als sie seine Tranen
fuhlte, setzte sie leise und ernst dazu: »Ewig! o sonst stiirb' 30
ich ja!«
Er eilte zufolge seiner Flughitze noch diesen Abend zu Ninet-
ten. Seine Beredsamkeit und Running gewann vor ihr die Gestalt
des Anteils an ihr - die Vaterliebe zur Tochter gefiel ihr als eine
Nachbarin der Liebe zur Mutter - sie hielt alles bloB fur seinen
Wunsch, nicht fur Josephinens - an der unverwelkenden Blumen-
DRITTE RUHESTUNDE 1 107
kette der vaterlichen Liebe konnte sie ihn noch immer Ziehen und
lenken, ja jene wurde jetzt eine festere Fruchtschnur - kurz sie
kiiBte ihn und HeB ihm Cara.
Ich will es beilaufig mit herwerfen, daB das groBere Alter
Carens und die gleiche Lange, so wie ihre Aufmerksamkeit auf
manchen Herren-Besuch ihr es leicht machte, das Kind um einige
Gassen weiter zu wissen; Mutter, die keine sind, biiBen durch
Tochter ein; der alte Wein im Fasse triibt sich, wenn der junge
aufbliiht. - Ihren Mann, der Cara sechs Tage lang entbehren
10 konnte, weil er nur am siebenten kam, versohnte sie am* leich-
testen mit der Auswanderung in ein geistliches frommes Haus;
»du weiBt,« sagte sie, »daB ich eben nicht die Frdmmste bin;-
und wer kann wissen, wie es mit Wolfgang geht?« - sie tat, als
wenn sie eine Heirat meine; sie war eine Philosophin, Perefixe
ein Kapitalist.
Lasset uns die Augen auf schonere Seelen richten und auf den
uberirdischen Tag, wo morgends die geliebte Tochter einzog,
indes abends der treue Sohn fortwanderte. Zuweilen malt das
Geschick die nackte Leinwand der Wirklichkeit so gut, als Deko-
20 rateur, daB diese in der Tat ins poetische Spiel des Herzens ein-
greift, und streicht die Hanf-Seile, an denen die Gotter zu uns
niedersinken, mit der Farbe der Unsichtbarkeit an. Ein solcher
dekorierter iibermalter Tag war der, wo die zwanglose, zartliche,
biegsame Cara aus der schwiilen kosmetischen Folterkammer in
die luftige Laube dieses Hauses hiipfte und mit herzlichen Augen
den Kreis liebender Seelen umlief, und wo Perefixe alle Herzen
auf einmal erbte und Josephine sich ihres edeln Werkes erfreuete.
Was Wolfgangen anlangt, so trug er sich den ganzen Tag - um
nicht unsoldatischgeriihrtzuwerden— gute Flotenstiicke vor; und
30 nur als er abends ausgeflotet hatte, fuhren acht Tropfen in seine
blauen Augen. Cara rechnete sich sehr mit zur Familie und nahm
daher, als er sich nachts auf die Post setzte, so gut ihren geruhrten
Anteil mit daran als jeder andere.
II08 DAS HEIMLICHE KLAGLIED
VlERTE RuHESTUNDE
Der Leder-Arm — Air a trois notes - Enthiillungen aller Art - Verhiillung
Nun gingen die Jahre einen sanftern Gang. Dem Sohne wuchsen
immer langere Adlersfedern, und Cara, die weiBe Taube, bliihte
zum Schwane auf. Perefixe gewohnte sich immer fester an die
nahe Tochter an, und sein Herz zerschmolz in Vater-Warme,
wenn er in den Mondschein ihrer Hchten, aber ruhigen Seele
blickte. Sie wurde jetzt vom Geschwornen und sogar von Ninet-
ten mehr geliebt. Ja da nun nicht mehr die Vipern des padago-
gischen Zanks um diese und Perefixen herumkrochen und beide 10
mit ruhigern Handen nebeneinander auf ihrer freundschaftlichen
Moos-Bank saBen: so gaben sie sie einander zuweilen. So sehr
waren oft nur unsere Verhaltnisse hart, indes unsere Herzen es
geschienen.
Allein das Kriegsheer des Unglucks ruckte doch im Nebel der
Zeit ungesehen gegen den armen Vater fort. Josephine wurde im-
mer dichter von der Schlange des alten Ratsels umwickelt; der
Mann besuchte nicht nur die Geschworne jetzt fast ofter wiesonst
(er muBte), sondern er blickte auch oft die liebe Cara mit war-
mern Augen an, als ein Konsistorialis fiihren soil. Einmal ertappte 2a
sie ihn in einem Kusse; - das war ihr am galanten Mann nicht
fremd, aber sein Erroten dabei. Ach es kam eben von jetziger Un-
schuld und friiherer Schuld. Nur einmal ging der fluchtige Ge-
danke an die wahre Auf losung des ganzen Ratsels vor Josephinen
wie ein kalter Gespenster-Schatten vorbei ; aber sie erschrak, nahm
ihre schone Seele zusammen und stieB den zuriickkriechenden,
mit Krebsscheren umhergreifenden Argwohn weit von sich. Um
sich davon zu entsiindigen und das von ihm bekrochene Herz zu
reinigen, lieB sie die Halfte von ihrer rasonierenden Strenge
gegen den fur sich und andere zu nachsichtigen Gatten nach und 3^
saete um ihn einen neuen Bliitenflor der Liebe aus; aber die gute
Seele merkte nicht, daB sie zu derselben Zeit auch warmer fur
seine Cara wurde, gleichsam als sei diese das, was sie - war. -
Wolfgang hatte sich unterdes ins Ingenieur- Corps hineinge-
VIERTE RUHESTUNDE I IO9
arbeitet mit seinem trigonometrischen Kopf und errang sogar die
Ehre - gliicklicherweise nahm der Fiirst Anteil a^m franzosischen
Kriege -, mit zu belagern. Josephine, deren Vater Major gewesen,
zeigte weniger Besorgnisse als ihr Mann, der zwar groBen Mut
fur die Gegenwart, aber ebenso groBe scheue Phantasien iiber
die Zukunft hatte. Am schmerzlichsten pochte das junge kriegs-
unerfahrne Herz der sympathetischen Cara, aus Liebe fur die
Pflegeeltern, denen sie alles nachtat und nachempfand; zitternd
horte sie seine Briefe lesen, an denen ihr nichts so gefiel als seine
10 Handschrift, das Dokument seiner Existenz.
Auf einmal horten die Briefe auf — zum Gliick auch die Be-
lagerung (nach der Zeitung) - vor dem Posttag hatte die HqfT-
nung das Wort, sogleich nach ihm die Angst.
Ach nur diese hatte recht. Der im Kriege noch unbandiger ge-
wordne Tollkopf wollte, da der Soldat im Frieden so langsam
avanciert, als ein Kardinal fahrt, die von den Gliickskugeln des
Todes geebnete und rasierte RennstraBe des Avancements recht
wild durchrennen, als ihm unterwegs eine von diesen Kugeln
den rechten Arm wegbrach. »Eine wahre Fatalitat!« sagt* er und
20 weiter nichts. Er gab wahrend seiner Heilung keine Nachricht
von sich, damit die Eltern nicht iiber ihren Ausgang Grillen fin-
gen. Als aber die Statte des Arms wieder mit Fleisch zugeschlos-
sen und ein neuer von Leder darauf restauriert war: macht' er sich
mit seiner ganzen fahrenden Habe, mit dem Reisekoffer, auf nach
Krehwinkel.
Der Konsistorialrat reisete eben im Lande umher und arbeitete
an Investituren und Kommissionen. Josephine und Cara wohn-
ten miteinander in einem Garten vor dem Tore. Es war ein scho-
ner blauer Vormittag, als er ankam; sogar in der Stadt larmten
30 die Vogel, alle Wiesen lagen noch in hohen Bliiten um den Gar-
ten, und dieser selber war fast undurchsichtig vor duftender und
griinender Fulle. Wolfgang blieb mitten im Garten ein wenig
stehen vor einer Sonnenuhr, um seine Taschenuhr darnach zu
stellen : als er hinter dem hochstaudigen Bohnenbeete seine Mut-
ter horte, die zu Cara sagte, sie solle das Postskript an Wolfgang
machen. »Nicht notig!« rief er und trat herum. »0 Gott! das ist
IIIO DAS HEIMLICHE KLAGLIED
er«, rief Josephine. »Leibhaftig!« sagt' er und ging im abgemes-
senen Soldatenschritte auf sie zu und umarmte sie mit einem Arme,
indes der ktinstliche vornehm zwischen die Westenknopfe ge-
schoben blieb. Die mitten in der Entziickung aufmerkende Mut-
ter blickte mit fragendem Erschrecken auf den festen Arm und
dann in sein vom Kriege gebrauntes Gesicht, auf dem eine von
der Marmorsage der Kur-Folter gezogne steilrechte Falte mitten
auf der jungen Stirn und die Mischung von mannlicher Resi-
gnation und von kindlicher Riihrung iiber den Gedanken, daB er
seinen Eltern einen Kruppel mitbringe, unaussprechlich wehetat, 10
und dann sah sie wieder auf den Arm mit den leisen Worten:
»0 Gott! Sohn?« - »Ja, ja,« sagt' er, »der Teufel hat den alten
geholt.« Da lehnte der iibertaubende Schmerz die starke Mutter
an ihn, und Cara nahm seine Hand zwischen ihre beiden und
biickte sich weinend mit den erstickten Worten darauf hin : »Ach
Sie armer, guter Mensch!« - Er riB seine heraus, fuhr tiber das
feurige Auge und sagte: »Pah! - Wo ist der Vater?« - Und so
hatten wieder drei Menschen eine bitterste Minute uberstanden.
Allmahlich zog sich der Nebel ihrer Seelen auseinander, und
der Himmel blickte wieder durch; nur fur die gute Mutter war er 20
als eine feste lange Wolke in ihr Blau gestiegen. Die Mutter legen
einen groBern Wert als die Vater auf gesunde und gerade GHeder
ihrer Kinder, weil sie Teile ihres Wesens sind und die Denkmaler
ihres Daseins.
Nach so vielen Kriegswettern und nach so vielem Schmerz aus
dem schwiilen Leben unter Fremden und Kranken war dem guten
Soldaten dieser leise sanfte Tag zwischen zwei pflegenden Herzen
ein geistiger Balsam, der eine gelinde Warme durch sein Wesen
verbreitete, ohne daB er wuBte woher. Das Herz der guten Cara
war auch voll, sie dachte, es sei von Mitleid; - audi war viel da- 30
von mit darin, da ohnehin Weiber die Schmerzen der Manner
inniger bedauern als die eines Geschlechts, dessen Leben wie das
Alter eine Krankheit ist — ; aber Amor schneidet sehr oft aus der
Binde um die Wunden eine um die Augen zu. Ich sehe ihn dasmal
mit Vergnugenarbeiten; beiden unbefangnen treuherzigen Wesen,
noch selig-fern von jener asthetischen Besonnenheit des eignen
VIERTE RUHESTUNDE I II I
Werts, die dem andern jede Perle des Schmucks auf der Perlen-
waage hinwiegt, hatte die Natur die Ringfinger fiireinander auf
die Welt mitgegeben.
Wolfgang war in seinem eignen Lager ein Trompeter mit ver-
bundnen Augen und wuBte nicht, ob er eine Eroberung mache
oder eine sei. Unter dem Essen sprach er bloB von blutigern Er-
oberungen, und sein Gesprach wurde ein Feuerwerk, das in die
Luft die Gefechte zeichnete; aber er merkte nicht, daB er, indem
vier zartliche Augen aufmerkend und sorgetragend zu ihm aufge-
10 hoben waren, sich und andere an einem nahern als dem Kriegs-
feuer erwarme. - Doch blieb er nicht bei den Weibern, er wollte
schon heute wieder in die Achse-Bewegung seiner taglichen Arbeit
kommen und konnte kaum erwarten , bis gegen Abend sein Arbeits-
zimmer zugeriistet war.
Man trug seinen KofFer hinauf, und die emsige Cara eilte nach,
um seiner einzigen Hand mit ihren im Auspacken beizustehen;
die Unschuldige dachte, da die edle Mutter ihn so Hebe, so durfe
sie ihres Orts ihr auch an solcher Liebe nicht nachbleiben. - Sie
trat hinein zum stillen einarmigen Menschen, er kramte schon
20 miihsam aus; Abendschein und Baumschatten spielten zauberisch
um seine schone Gestalt, und Cara fuhlte, wie sich ihr das Herz
und eine Zukunft offne. Sie litt sein einhandiges Auspacken nicht,
sondern trug ihm alles zu - er hatte nur zu ordnen -, die groBen
Landkarten, die Festungs-Abrisse, seine mathematischen Bucher.
Dann brachte sie drei schwarz gesiegelte Briefe, die an benach-
barte Eltern gefallner Sonne waren: konnte sie da dem Gedan-
ken entweichen^ daB ein ahnlicher vierter an Josephinen schon
angefangen war, nur aber nicht ausgeschrieben wurde, weil das
Verhangnis sich die Libation der Armwunde statt des ganzen
30 Opfers gefallen lassen? -
Sie reichte ihm einen sogenannten Kriegsschauplatz, er rollte ihn
auseinander und zeigte ihr, was dieser haBliche Wundzettel der
Menschheit eigentlich enthalte. Kriegskarte - wie leicht wird das
Wort ausgesprochen, wie kalt sie verkauft und gekauft ! Aber was
bedeutet das Land darauf ? Ein armes- verflnstertes Stuck Erde,
das unter dem dicksten Hagel des Schicksals zittert. Was enthal-
I 112 DAS HEIMLICHE KLAGLIED
ten die Stadte und Flusse darauf ? Jene die Verwundeten auf Wa-
gen und diese die Leichen zwischen blutigen Ufern. Es gibt keinen
Schmerz, der nicht auf diesem Schauplatz wohne, und keine
Siinde, die da nicht siege, und alles ist fiiehende Scheidung, und
nur in Grabern sind, wie slcli gescheiterte SchifFer aneinander-
binden, die Menschen gehauft beisammen. - Wirf sie weg, diese
schwarze Karte der Erdrlecken, sanfte Cara, und mal es nicht
nach, was dir dein Freund davon vormalt, um dich in dem Ge-
burtsort seiner Wunde einheimisch zu machen!
Endlich fand sie etwas Schoneres, was er tief verpackt hatte,
um es nicht mehr zu sehen, die Flcte; sie trug sie hin. »Sind Sie'
klug, liebwertes Kind?« (sagt' er) »Mit meiner Pfeiferei ists nun
aus auf immer.« - »Einige Noten doch noch!« sagte sie zartlich -
»so viele doch wenigstens!« setzte sie dazu und spreizte scherzend
fiinf Finger aus, wollte aber mit allem diesen blo(5 seine deutliche
Verzweiflung iiber das von einer Kugel niedergerissene Lust-
schloB und Odeum mildern. »0 noch eine mehr, wenn Sie da
sind«, sagte er. »\Vir brauchen nur die Halfte«, versetzte sie —
und lief davon - und kam wieder - und hatte Rousseaus Air a
trois notes in Handen. :
Guter Rousseau! wie oft haben in diesem nicht harmonischen,
sondern melodischen Dreiklang deine Traume im weichen Italien
und die in deinem gleitenden Boote und alles Abendgelaute eines
fernen? unter dem Abendrote uns stillenden Arkadiens zu mir
heriiber geklungen ! O vor deinen drei Tonen wachen drei sehn-
siichtige Seufzer auf in der diirftigen Brust, und wir sehen uns
um, und die Vergangenheit und die Gegenwart und die Zukunft
gingen voriiber. - Weicher Rousseau! du hattest ein Herz! .-
Cara setzte sich mit der Arie: Comme le jour me dure, Passe
loin de toi1 in das Fenster und sap^te, sie woll* sie singen, wenn er 3
sie blase. Sie saB ihm zur toten Rechten, die niedergehende Sonne
gliihte ihr seitwarts ins bliihende Angesicht. Unter den miih-
samen Tonen blickte sie in die abbrennende Tages-Flamme hin-
aus; denn sie konnt' ihn nicht anschauen bei dem immer umkeh-
1 In der Gotterschen Obersetzung : Wie der Tag mir schleichet, Ohne
dich vollbracht.
VIERTE RUHEST-UNDE III3
renden Gedanken: dieser dreisilbige Uberrest ist alles, was ihm
noch von seiner reichen Kunst geblieben; und die beschattete
Wange farbte sich ebenso rot als die angestrahlte. Am Ende des
Gesangs wandte sie sich urn, riihrte spielend ein wenig an den
gestorbnen Miet-Arm an, und endlich sah er aus den gesenkten
Augenlidern Tropfen fallen, die ihr gar nicht der Gesang, son-
dern das nahere Bild entriB, das sie sich von seiner zerrissenen
Gestalt nach dem Verluste des Armes entwarf. »Nu?« sagt' er
gutmiitig. Ihre weinenden Augen gingen zu ihm auf — Da zog
10 der Gott der Liebe vorbei und druckte in ein weiches, junges
Herz leicht im Fluge den Pfeil und sah sich nicht um nach der
Wunde.
Ohne Zeremonie ergriff er ihre Hand, zog sie vom Sitze auf
und ging mit ihr in der Stube auf und ab und sagte nichts. Er
fuhlte seine feste Natur auf einmal in Bewegung, dieses auf dem
festen Lande aufgebauete Schiff war in ein spielendes wankendes
Meer gerollt; aber das Wiegen war sanft. »Nur noch einmal das
Lied, liebe Cara, aber deutsch!« sagt* er. Sie setzte sich willig
wieder vor die Sonne, die, selber eine Sonnenblume, sich gelb-rot
20 ausdehnte und die Krone gegen die Erde senkte. Jetzt umflogen
die Tone berauschend wie Diifte beide, und jede Zeile war eine
schlagende Nachtigall, welche das ausspricht, was ein seligesHerz
zuhullt.
Aber als sie keine Sonne mehr zu sehen hatte und jetzt die
Worte sang:
- Hah* ich dich verloren,
Bleib' ich weinend stehn,
Glaub', in Schmerz versunken,
Langsam zu vergehn —
50 sprang sie auf und sagte, die Mutter rufe sie. Er hielt sie - sie hob
das Auge blode auf und schlug es bloder nieder, und er schlang
den Iinken Arm um sie und preBte sie an die lebendige Brust, -
Unsaglich-schmerzhaft war ihr das neue Gefiihl einer einarmigen
Umfassung, und in der Besturzung des Mitleidens umfaBte sie ihn
mit beiden Armen, wich aber erschrocken zuriick und sagte, siel
I I 14 DAS HEIMLICHE KLAGLIED
habe ihm weh getan — »0h,« sagt* er heftig und warf den toten
weg, »der kann fort !« - Und als sie im neuen Schauder uber den
hiilflosen zertriimmerten J tingling sich an ihn klammerte: da fand
seine Lippe und sein Auge die ihrigen, und der BlutenstrauB der
Wonne umzog sie stiB verfinsternd wie der Abend, und das Leben
trug alle seine vielfarbigen Juwelen schnell vor ihnen voruber - —
Und doch wuBten sie kaum, ob sie sich liebten und wie unendlich
O die Unschuldigen und Glucklichen! - Und die Ungluck-
lichen! - Denn auf dem Berge liegt schon das Gewitter, das in
euer Tempe herabschlagt; es stieg an dem Tage auf, wo euer 10
Vater sundigte, und bald bricht es los uber der unschuldigen
Liebe. -
Aber sie haben doch noch zwei Sommertage vor sich, die im
vollen Sonnenscheine stehen, die Lebensluft geht noch frisch von
Morgen, und das ganze Leben bltiht wie ein Maitag. Vor Jose-
phinens scharfen Augen blieb die Floten-Stunde a trois notes
nicht lange verdeckt, worin beide die erste und vielleicht die letzte
Spharenmusik ihres Lebens gehoret hatten. Cara nahm zwar aus
Furcht vor der strengen Mutter den Angelikas-Ring auf die Zunge,
um sich unsichtbar zu machen; aber der ofFne Wolfgang spiegelte 20
ihr jede Bewegung der Seele ab, die sich ihm enthullet hatte.
Josephine erschrak, versteckte aber sorgfaltig ihr Bemerken
und Erschrecken und ging unter dieser hangenden Lauwine nur
mit leisen Schritten vorbei, um sie nicht durch Gerausch zu be-
wegen; und hob ihrem Gatten eine reine Entscheidung auf. Den
Sohn, fur den jetzt Cara eine ganze mathematische Bibliothek
war, woraus er die hohere MeBkunst schopfte, sandte sie als einen
Gast und als den besten Boten auf einen Tag (»dein Vater kommt
ohnehin erst morgen«, sagte sie) nach »Gottes Hiilfe« zu Traupel,
einer ziemlich ergiebigen Bleigrube. 3c
Der Bergmann driickte ihn an seinem ehrlichen Herzen recht
heiB. Der junge Mensch gefiel ihm, weil er nicht alles »so spitz
nahm« wie sein Vater, bei dem er nie ganz in seinem feuchten
Elernente war, sondern wenigstens mit dem Riicken aus dem
seichten Wasser in den Sonnenstich hinausstand. Perefixe war
ihm ein argerliches Kastchen, woran er kein SchloB und keinen
VIERTE RUHESTUNDE 1 1 1 5
Deckel zum Aufmachen sah, sobald ers zugeklappt. An dem In-
genieur war ein KirchenschloB samt Driicker und Turgriff an-
gebracht. Er hielt den untergesteckten Kebs-Arm eine Stunde
lang fur gute Lebensart - so wie er seinen Schimmel funf Jahre
ritt, ohne hinter dessen schwarzen Star zu kommen -, bis er bei
Gelegenheit der Marktscheidekunst, die Wolfgang gut verstand,
den Einarmigen zum Einfahren invitierte und nun erfuhr, der
rechte gehore nur unter dessen Nippes. Nie fuhr wohl ein schon
hoch stehender Warmemesser so schnell hinan - auf 2120 Fahren-
10 heit, 8o° Reaumure, 200 de l'lsle stieg der Traupelsche - »Gluck
uber Gluck,« rief er, »da6 Sie Mittel haben - Sie konnen leben -
Posito, gesetzt Sie werden unser Landmesser, so will der dumme
Sturzel gar nichts sagen.«
Die Geistes-Zwillinge wurden so vertraut, daB Wolfgang die-
sen Abend dableiben muBte zu einem »L6fTel Suppe und einem
vernunftigenWorte«, unter welchem er einBataillenstuck meinte.
Je gewohnlicher die Menschen sind, desto mehr suchen sie diese
Malerei. Das Kriegstheater ist fur sie das hohe griechische Thea-
ter und ein Generalissimus ein Shakespeare. Im Feuer des Redens
20 und Trinkens wurde dem Ingenieur die Liebeserklarung gegen-
wartiger als die Kriegserklarung, und seine Sonne ruckte allmah-
lich aus dem Zeichen des Lowens in das der Jungfrau. Er warf
viele Kranze mit leichter Hand uber Cara, um »den Alten vor-
laufig zu sondieren«. Traupel, nicht weniger fein, dachte: warte,
durchtriebner Schelm! und »sah ihn kommen«. So arbeiteten
beide mit Lacheln in ihren Entzifferungskanzleien und konnten
sich daraus sehen und begriiBen. Eine Hauptfinesse schien es
Traupeln zu sein, wenn er seiner Frau, die in der Egerschen
Badewanne saB, den Rang abliefe und, bevor sie wieder ausstiege,
30 das Madchen ohne' weiteres an einen rechtschaffnen bemittelten
Jungling brachte und ihr so den Weg'verbauete, ihm wohl gar
einmal aus dem Bade einen verschmitzten vornehmen Sausewind
zum Schwiegersohne zuzufiihren. - Und darum schieden am
Morgen beide mit dem frohen Versprechen: »Wir wollen noch
dicke Freunde werden, so Gott will !«
Der arme Perefixe war schon den Abend vorher nach Hause
IIl6 DAS HEIMLICHE KLAGLIED
gekommen. In der ersten Freude iiber den erretteten Sohn und
im ersten Schmerze uber den verstummelten dacht' er an weiter
nichts als an die annahende Wiedererkennung. Cara erzahlte seine
Erzahlungen. Die Mutter sagte, er bleibe bei ihnen, und setzte
dazu: »Wir haben nun bunte Reihe.« Jetzt fing die Lauwine, die
ein Haus des Friedens zu verschiitten drohte, oben an, die ersten
Schneeflocken zu regen; mit Schrecken sah der Vater die Mog-
lichkeit vorbeifliegen, daB beide sich vielleicht liebgewinnen
konnten. Er schwieg zu Josephinens Wort und wollte heute da-
bei bleiben. Aber seine Heftigkeit — die heute schon an ihren 10
beiden Handhaben gefasset war, von Freud* und Leid - erlaubte
ihm nicht, aufzuschieben, besonders einen Plan. Er erfand sich
daher einen Vorwand, mit Josephinen allein in Wolfgangs Stube
zu gehen. »Die jungen Leute«, fing er an, »konnen unmoglich so
unter einem Dache beisammen bleiben; Cara muB wieder nach
Hause.«
Josephine stutzte, sagte aber bloB, man miisse wenigstens auf
Ninettens Ruckkehr aus dem Bade warten. Gerade jetzt muBte
Ninetta fehlen; und so arbeiten so oft mehrere Menschen auf ein-
mal, wie agyptische Bildhauer, an einem Gebilde des Schreckens, 20
und sie wissen nicht, zu welcher schwarzen Gestalt jeder sein
Glied aushaue. Er lief auf und ab und sagte: »Das wircl zu lange.«
- Josephine sagte ernst: »Wie kommst du mir vor? Unser Sohn
denkt rechtschaffen und Cara auch. Wenn sie sich lieben, desto
besser.« - Perefixe machte auf einmal einen weiblichen Ausweg:
»Desto schlimmer«, sagt* er; »in meinem Vaterland1 darf alles
unter einem Dache schlafen, ausgenommen Liebende.« - »Aber
ernstlich!« sagte Josephine, »sie lieben sich in der Tat!« - »Sind
sie des Teufels? - Es geht nicht, soil nicht«, sagt* er, durch diese
Wendung aus seiner geworfen. - »Konrad !« sagte s*ie mehrmals, 30
gleichsam vorwerfend und anfragend.
Er sch'iittelte und schwieg. Denn er stand vor seinem Gewissen
und fragte, ob er den Sargdeckel des Schweigens von diesem
verpestenden Geheimnis aufzuheben brauche; und es kam ihm
1 In Frank reich erlaubt die vornehme Si tte es alien Person en von zweier-
lei Geschlechr, nur Verlobtcn nicht.
VIERTE RUHESTUNDE III7
vor, als ob ers weniger mufite, ware Ninetta - tot. Jetzt hingegen
bei ihrem Leben stand sie ja, wenn die Kinder sich liebten, mit
dem Zundstrick an dem gefiillten Minengang, auf dem so viele
Herzen wohnten. - Er glich dem Minierwurm, der auf seinem
Blatte weiterhohlen muB und sich nicht wenden kann.
Aber nun blieb die unruhige Josephine nicht mehr sanft - ein
furchterliches Licht ging ihr auf, ein blutiger, durch die Sterne
brennender Komet durchschnitt ihren Himmel - sie wurde an-
dringencler - wSprich, warum?« sagte sie zurnend, »ich ahne, ich
io bebe, sprich!« - Ihm stiirzten Tranen herab, er stand still bei der
Flote des Sohns : »Er kann dich auch nicht mehr brauchen«, sagt'
er. - »Sprich, Mann I« - sagte sie mit erhabener Stimme, ungeriihrt
von seinen Tranen - »mein Herz zerspringt« - »Wohl, o Schick-
sal !« (sagt* er und bedeckte sein Gesicht mit beiden Handen und
biickte sich) - »Gleich, Josephine !« - Und endlich sagt* er schluch-
zend die schrecklichen Worte: »Ich bin der Vater von Cara.« -
»0 Gott, Gott! Du?« schrie sie schnell und hielt sich an dem
Fenstervorhang fest; - in einer diistern Minute horten sie ein-
ander weinen und atmen und schwiegen. - Endlich trocknete
ao Josephine schnell die Tranen und stand und sagte: »Ich verachte
dich,« und ging stolz hinaus. Die Glut des bessern Selbst-
bewuBtseins schoB durch das zusammengefallne Herz des Man-
nes, und das harte Wort starkte es ein wenig; sein ganzes Leben
war ja eine Entsiindigung und Strafe jener blinden Stunde ge-
wesen; warum treibt ihn der Racheengel in eine neue Holle?
Aber das ist der Gang des Schicksals. Wie nur die fallenden
Menschen, aber nicht die fallenden Engel einen Erloser bekamen :
so wird der Fehltritt eines Heiligen harter gestraft als der Fall
eines Sunders, und ein einziger Fehler tragt in das Leben einer
30 edeln Natur eine fortfressende Pest,, indes die unedle in der
Schlangenhohle ihres Lebens unter den giftigen Taten, die sich
urn sie winden, ungestochen wohnt und wie Mithridates, von
Gift genahrt, an keinem stirbt.
Der Abend war triibe und einsam fur alle, jedes lebte nur in die
Wolke seines Schmerzes eingeschlossen - und bloB die unbe-
lehrte Cara hatte den suBern, sicli nach dem Geliebten zu sehnen.
IIl8 DAS HEIMLIGHE KLAGLIED
Am Morgen kam der arme Jiingling zeitig auf der Brandstatte
unter den schwarzen Triimmern so vieler Freuden an ; er war ge-
eilet, um in eine dreifache Umarmung zu fallen und die vierte zu
erzahlen. Ungliicklicher ! wie triibe und verworren empfangt dich
deine Mutter ! Wie schmerzlich-erschuttertvon deinerGestalt und
deinem Geschick und deiner Zukunft reiBet dich der Vater an die
Brust, in welcher Liebe und Schmerz und Freude so grimmig
durcheinandergreifen ! — Und nur Cara allein weint bloB vor
Freude.
Aber allmahlich ahnen die Kinder aus dem angstlichen Ge-
flatter der Elternj daB in der Hohe ein unsichtbarer Raubvogel
uber dem Gliick des Hauses schwebe und ziele. Bald wurde der
schwarze Punkt groBer: der Sohn foderte heftig der Mutter den
AufschluB uber die Veranderung im Hause ab. Sie sandte ihn
zum Vater. Dieser lieB sie durch den Sohn zu einem einsamen
Gesprach im Garten bitten. Sie bewilligt* es, bloB aus Liebe fiir
ihr Kind; gegen Perefixe hatte sich in ihrer Brust nicht heiBer
HaB, sondern kalte Verachtung festgesetzt; aber desto schlimmer:
jener ist ein Vulkan, der sich immer andert und oft zerstort, diese
ein Eisberg, der glatt und hart unter der Sonne steht. Man rechn' ;
es diesem hohen Gemute nicht strenge an; sie hatte bisher ein so
langes, so oft angefochtenes Vertrauen fiir ihn lebendig bewahrt,
und jetzt ermordet er es selber mit einem Schlag* Nicht der Fehler,
sondern die lange Heuchelei erbitterte sie am meisten. Das ist die
Logik der Leidenschaft; Eubulides erfand sieben Trugschlusse;
aber jede Leidenschaft erfindet siebenmal sieben.
Ganz verschieden von der gestrigen Zerknirschung war die ge-
faBte Stimmung, womit er heute vor sie trat. Der alte, sich in
seine Brust einsenkende Fels des Geheimnisses und der Verstel-
lung war abgehoben, und in dieser Stunde wurde sie frei und
leicht nur von der Pfiicht bewegt. Er erzahlte ihr ohne Leiden-
schaft seine Vergangenheit und sein stilles BiiBen - und erklarte,
wie sein heftiges Predigen gegen diese Abwekhung nicht aus
Heuchelei, sondern eben aus dem forteiternden Gefiihle ihrer
Folgen gekommen sei - er bewies ihr, daB die Wirksamkek seines
Standes und das Gliick des Geschwornen und der Tochter (hier
VIERTE RUHESTUNDE III9
schlug er die Augen nieder) durch die Offenbarung der Mysterie
untergehe - und daB bloB Wolfgang es wissen miisse und konne,
da er ebenso verschwiegen als unbiegsam sei. Sie antwortete mit
einem zusammengebrochnen toten Innern, worin die Pflicht allein
die einzige lebendige Stimme war : »Ich sen* das alles ein — sag es
ihm selber - ubrigens verschone mich kunftig mit jeder fernern
Erwahnung davon.« Sein zerquetschtes Herz, sein Hebendes nas-
ses Auge, seine bebende Hand wirkte nicht mehr auf sie - und er
vergab es ihr gern, ja er freuete sich seiner Strafe als Linderung.
10 — Aber nun verlanget keine peinliche Ausmalung, wie das fal-
lende Laub eines Menschen die Blumen und Gewachse, die unter
ihm wuchsen, iiberdeckte und erstickend niederdriickte ! Soil ich
euch den unschuldigen Sohn in der Stunde zeigen, wo ihm das
Verhangnis wieder einen Teil seines Wesens abreiBet und wo der
feste Mensch weichlich weint und unter der Verwundung dem
Vater ein hartes Wort sagt, dessen er sonst nie fahig gewesen
ware, und wo er nicht einmal von der Schwester, sondern nur
von der Mutter Abschied nimmt, »um«, wie er sagte, »so bald
nicht wieder zu kommen«? Oder soil ich euch den stillen Gram
20 der Mutter iiber den untergegangnen Morgenstern ihrer Liebe
zeigen, der als kein Abendstern wiederkehrt? Oder soil ich euch
zu der stillen Cara fiihren, die in der dunkeln langen Hohle des
Geheimnisses geht, ohne Jugendfarbe, gebiickt, voll Tranen und
furchtsam und das Leben als eine schwere holzerne Harfe, aus
der ein Griff alle Saiten weggerafft, nachschleppend, und die nun
nichts weiter auf der Erde erfreuen kann, als wenn der alte Mann,
den sie noch fur ihren Vater halt, sie mit bittern Tropfen ansieht
und sagt: »Bei Gott! ich habe dir deinen Spitzbuben geben wol-
len«? -
30 Nein; aber ich wollte Ueber einigen von euch - denen, die zu
einem Mittagsschlaf sich in das Blumenbeet eines ganzen fremden
Lebens hineinlegen und gleichgultig wieder aufspringen vom er-
quetschten Blumenflor - das malen, was euch naher steht, die
armen Zoglinge der Not, denen euer Name gehort und euere
Sorge und die in dem kalten, von euch fiir sie erbaueten Ugolinos-
Turm der Diirftigkeit zuerst die Augen aufschlagen. Malet ihr
II20 DAS HEIMLICHE KLAGLIED
euch diese niemals selber? Poltern nicht ihre Schatten in eueren
Herzen wie begrabene Schein-Leichen und rufen nach Leben ? -
Konnt ihr eine selige liebende Stunde mit euern benannten Kin-
dern haben, ohne an die tausend martervollen euerer unbenannten
zu denken? - Konnt ihr am Geburtsfeste eueres nahen Kindes
euch freuen und seiner schonen Entwicklung nachrechnen, ohne
daB sich das todliche Gemalde seiner fernen verhiillten Geschwister
vor euch aufrichte, die vielleicht an diesem Tage darben und seuf-
zen, oder sich das reineHerzvergiften?-Durft ihr von Vaterliebe
sprechen und sagen, ihr habt euern Kindern eine feste frohe Statte 10
bereitet, indes die andern drauBen im Weltmeere auf Eisschollen
frieren und zitternd weiterschwimmen und vielleicht endlich nie-
derbreclien? — Nennt euch nicht Manner, ihr seid furchtsamer als
die Mutter, die als die Verlassenen bleiben bei den Verlassenen I
Nennt euch nicht Vater, es gibt mehr Mutter als Vater, und weni-
ger Kindermorderinnen als Kindermorder! -
II. Die wunderbare Gesellschaft in der
Neujahrsnacht
Wir haben alle schon verdruBliche Geschichten gelesen, die uns
mit der Heblichsten Irrhohle voll Verwicklungen bezaubertenund
angstigten und uns unruhig nach einem hellen Ausgang bogen-
lang herumgreifen lieBen, bis endlich die unerwartete Zeile »als
ich erwachte« uns die ganze Hohle unter den FuBen wegzog. Bei
dem zweiten Lesen fanden wir dann alles durchsichtig und hell
und waren nicht mehr zu peinigen. Eine solche trockne Historie
ist gottlob meine von der wunderbaren Nacht-Gesellschaft nicht;
ich war leider bei der Erscheinung derselben so wach als jetzt und
io saB am Fenster.
""' Vorher muB sich der Leser einige Personalien von mir gefallen
lassen, dam it mein erbarmliches Benehmen gegen die Nacht-
Sozietat, das meinen Mut mehr verbirgt als zeigt, zu erklaren ist.
- Nachmittags am Valettage des ein Jahr lang sterbenden Saku-
lums ging ich von 3 bis 8 Uhr nachdenkend in meinem Schreib-
zimmer auf und ab, weil ich vor Migrane nichts schreiben konnte;
und hatte besonders iiber den unabsehlich-langen, um die Erde
kriechenden Strom der kunftigen Zeit meine schwermiitigen Ge-
danken? wovon ich am Neujahrstage die besten ausklauben und
20 niederschreiben wollte fiir dieses Werkchen. In die hinter funf,
sechs Jahrtausenden liegende Vergangenheit zuriickzuschauen,
gibt uns mutige Jugend-Gefuhle; sie kommt uns als unsere anti-
zipierte Kindheit vor; hingegen vorauszublicken weit iiber unsern
letzten Tag hinweg und unzahlige Jahrtausende herziehen zu
sehen, die unsern bemooseten Spiel- und Begrabnisplatz immer
hoher iiberschneien und auf uns neue Stadte und Garten und auf
diese wieder neuere und so ungemessen fort aufschlichten, dieses
ewige, immer tiefere Eingraben und Oberbauen verfinstert und
1 124 DAS HEIMLICHEKLAGUED
belastet uns das freie Herz. Dadurch verdorret uns die Gegenwart
zur Vergangenheit, und sie wird von totem Schimmel traurig
iiberzogen. Der Geist des Menschen hasset nach seiner Natur die
Veranderung, erstlich weil er sie auBer sich nur bei groBenSchrit-
ten und nie in ihrem ewigen Schleichen wahrnimmt, und zwei-
tens weil er sie in sich weniger merkt, wo er der unveranderliche
Schopfer seiner eignen ist; dem Regenbogen und Lauffeuer in
und auBer sich sieht er nicht an, daB immer nur neue Tropfen und
neue Funken sie bilden.
Und gerade am Nachmittage, wo ich mein Inneres mit Trauer- 10
tuch ausschlug und den Flor anlegte fiir das einschlummernde
Jahrhundert, war ich ganz allein in meinem SchloBlein zu Mittel-
spitz — Hermine war in der Stadt bei einer kranken Freundin und
wollte erst nachts heimkommen, »obwohl noch in diesem Jahr-
hundert", nach dem gewohnlichen sakularischen Scherz, den der
Mensch nicht lassen kann — ich saB oben einsam in meinem Mu-
seum, unsere Magd war unten im Bedientenzimmer — wegen der
grimmigen Kalte lagen alle Lehnsmanner meinermittelspitzischen
Krone in ihre Schneckenhauschen eingespundet, und das dunkle
Dorfchen war still. - 20
Mir war nicht wohl, sondern etwa so in meiner Haut, als hatte
sie mir Nero harzig anpichen und annahen lassen, um mich in
seinem Garten zu lanternisieren. Ein atzenderes Sublimat fiir fliis-
sige Gelehrten-Nerven konnte wohl schwerlich erdacht werden,
als rechte Dezemberkalte ist; jeder Schnee ist ein Marzschnee, der
sie abfrisset, der Frost ist ein Baumheber fiir unsere Wurzeln,
kurz, wenn Todes- und Fieberkalte ein Autodafe ist, so ist Win-
terkalte ein Autillodafe. Leben kann man ohnehin nicht, nur lei-
den. So schwachten nun Frost und Migrane gemeinschaftlich alle
Entschlossenheit in mir, die ohnehin zur Winterszeit in keinem 30
Wesen zunimmt, das nicht gerade ein Wolf ist.
Beklommenheit umspannte mein Herz, ich sah den Menschen
trotzig mit dem Schwerte in der Hand unter einem iiber dem
Haupte fechten und sah das Haar nicht einmal, das es trug. Noch
engbrustiger setzte ich mich nach dem einsiedlerischen Essen in
die Fenster-Ecke, bedeckte die Augen mit der Hand und lieB
DIE WUNDERBARE GESELLSCHAFT IN DER NEUJAHRSNACHT 112$
alles vor mir voruberziehen, weswegen der Mensch das Leben
eitel und nichtig nennt- schnell eilten die kiinftigen Jahrhunderte,
wie Fixsterne vor dem Sternrohr, vorbei, endlich kamen lange
Jahrtausende und trieben ein Volk nach dem andern aus den
S tad ten in die Graber; die Generationen verfolgten einander wie
fliegende Strichregen und schossen in die Griifte herunter und
rissen den Himmel auf, worin der Todesengel sein Schwert durch
die Welten hob und keine Sterbenden, sondern blofi das Sterben
sah. -
io Wahrend dieser Phantasien war mir einige Male gewesen, als
hort' ich leise Worte; endlich vernahm ich nahe an mir diese:
»Die drei Propheten der Zeit«; ich tat die Hand vom Auge — die
wunderbare Nacht-Gesellschaft war im Zimmer. Ein langer, to-
tenblasser, in einen schwarzen Mantel gewickelter Jiingling mit
einem kleinen Bart (wie der an Christuskopfen), iiber dessen
Schwarz die Rote des lebendigen Mundes hoher gliihte, stand vor
mir, mit einem Arme Ieicht auf einen Stuhl gelehnt, worauf ein
erhaben-schoner, etwa zweijahriger Knabe saB und mich sehr
ernst und klug anblickte. Neben dem Stuhle kniete eine weiB-
20 verschleierte, mit zwer Lorbeerkranzen geschmuckte Jungfrau,
von mir weggekehrt gegen den hereinstrahlenden Mond, eine
halb rot, halb weiBe Lankaster-Rose in der Hand, eine goldne
Kette um den Arm - die Lage vor dem Knaben schien ihr vom
schwesterlichen Zurechtriicken seines Anzugs geblieben zu sein.
Sie glich mit der niedergebognen Lilie ihrer Gestalt ganz Lianen,
wie ich mir sie denke, nur war sie langer. Auf dem Kanapee saB
eine rotgeschminkte Maske mit einer seitwarts gezognen Nase
und mit einer Schlafmiitze; neben ihr ein unangenehmes mageres
Wesen mit einem Schwedenkopf und feuerroten Kollet, hoh-
50 nisch anblinzelnd, das nackte GebiB entbloBend, weil die Lippen
zu kurz waren zur Decke, und ein Sprachrohr in der Hand.
Himmel! wer sind sie, wie kamen sie, was wollen sie? - An
Rauber dacht' ich nicht im geringsten - so nahe auch der Ge-
danke lag, es konnten ja wahrend unsers Dialogs Helfershelfer
mich ausstehlen, mir die Juwelen einpacken und das Federvieh
aus den Stallen treiben — ; die edle feierliche Gestalt des bleichen
I 126 DAS HEIMLICHE KLAGLIED
Jiinglings vertrat mir sogleich diesen kleinlichen Argwohn. Ob
es nicht Wesen entweder der zweiten Weltfoder meines Gehirn-
globus sind? Wahrlich diese Frage hatt' ich spater zu tun. Son-
derbar wars, daB sie mir alle ganz bekannt vorkamen, sogar die
Stimme der Maske, indes ich mich doch keines Namens entsann.
Aus einem gelinden Nervenschlag - nicht aus elender Mut-
losigkeit - muB es abgeleitet werden, da6 ich unvermogend war,
mich zu regen, geschweige zu erheben, als der hohe Jungling
winkte und langsam sagte: »Tritt in das Reich der Unbekannten
und frage nicht, wir verschwinden mit dem Jahrhundert - das 10
eine Jahrhundert erntet der Mensch, das nachste erntet ihn — der
Engel der Zeit1 fliegt mit sechs Fliigeln, zwei decken ihren Ur-
sprung, zwei decken ihren Ausgang, und auf zweien rauscht sie
dahin - Heute heben wir die Fliigel auf, die auf ihrem Antlitz
liegen !« - »Schaudert nicht, mein Herr,« (sagte die Maske und
ihrzete mich, wie Leute tun, die lange in Frankreich und Italien
gewesen) — »wenn alles Erscheinung hienieden ist, so ist der
Schauder dariiber auch eine und nicht sehr erheblich - der Ernst
ist ein wahrer SpaBvogel und der SpaB ein Sauertopf, ich stehe
mit beiden auf freundschaftlichem FuB - Bossu versichert, in die 20
Nacht sei keine Tragodie zu verlegen ; das wollen wir heute sehen,
wenn der Polterabend des Jahrhunderts verstummt in einer Mi-
nute um 12 Uhr, namlich in der sechzigsten.« -
»Mein Name ist Pfeifenberger« (redete der widrige Schweden-
kopf mich durch das angesetzte Sprachrohr, aber leise, an) -»Wir
sind die drei Propheten der Zeit und weissagen Ihm, meinFreund,
so lange, bis das Jahrhundert dezembrisiert ist. Ich spreche zu-
erst.« -
Die Jungfrau schwieg, der Knabe sah unwillig gegen den Schwe-
denkopf, der schone Jungling hatte die Hand der Jungfrau ge- 3°
nommen und beschauete auf dem Ringe ein herrliches groBes
Auge, dem gleich, unter welchem sonst die Maler den Allsehen-
den vorstellten.
Pfeifenberger nng an: »In der kiinftigen Zeit wird freie Re-
1 Zwei Fliigel verhullen die FiiBe der Seraphim, zwei das Haupt, zwei
tragen sie.
DIE WUNDERBARE GESELLSCHAFT IN DER NEUJAHRSNACHT 1127
flexion und spielende Phantasie regieren, keine kindischen Ge-
fiihle; man wird keinen Namens- und Geburts- und Neujahrstag
mehr feiern und kein Ende des Jahrhunderts, weil man nicht weifi,
wenn es schliefiet, ob bei dem ersten Viertel- oder letzten Glok-
kenschlage, oder ob bei dem Ausgehen oder bei dem Anlangen
des Schalles; und weil in jeder Minute 100 Jahre zu Ende sind.
Auch wird die Erde, eh sie verwittert, noch oft von anno i an
datieren, wie die Franzosen — Die Juden und Priester werden
aufhoren, und die Volker, die Weiber, die Neger und die Liebe
10 frei werden - Sprachgelehrte werden in alten Bibliotheken nach
einer Edda und nach einer Bibel forschen, und ein kiinftiger
Schiller wird das Neue Testament lesen, urn sich in die Charak-
tere eines Christen und Theisten tauschend zu setzen und dann
beide aufs Theater — Griechenland wird wie Pompeji den Schutt
der Zeit abwerfen, und von keiner Lava ubergossen, werden seine
Stadte in der Sonne glanzen - GroBe Geschichtsforscher werden,
um nur etwas von den Begebenheiten und Menschen des bar-
barischen, kleinstadtischen, finstern Mittelalters (so nennen sie
das aufgeklarte Jahrhundert) zu erraten, sogar einen daraus ubrig
20 gebliebnen homerischen Hans Sachs studieren, von dessen Wer-
ken ein kiinftiger Wolf erweisen wird, daB sie von mehreren
Sangern zugleich gemacht worden, z. B. von einem gewissen
Pfeifenberger - Was freilich Seine opuscula omnia anlangt, mein
guter Freund,« (- hier lachelte das Eisfeld; denn zu einem Eis-
berg war das Ding nicht kraftig genug) »so wird es dem besten
Literator, der sich zum Studium der seltensten Inkunabeln sogar
bis ins 20. Jahrhundert zuriickgewuhlet, nicht gliicken wollen,
mit irgendeiner Notiz von Ihm und Seinen Schreibereien auszu-
helfen.« —
30 - Es ware mir in dieser Gespensternacht nicht zu verdenken
gewesen, wenn ich von diesem Oberlaufer aus dem jenensischen
Amizistenorden in den Inimizistenorden einige Male geglaubt
hatte, den lebendigen Teufel vor mir zu haben. Aber seine Hoff-
nung, daB die kultivierte Zukunft keinen Gott und Altar mehr
haben werde, wie bei den Juden nur unpolierte Steine zum Altare
taugten - sein vernunftiger Frost, worin keine Blumen mehr
I 128 DAS HEIMLICHE KLAGLIED
wachsen als die aus Eis - seine perennierende Aufgeschwollen-
heit, die ihn gegen jede Riige verpanzert, wie nach dem Plinius
sich der Dachs durch Aufblasung gegen Schlage verwahrt - und
seine Bitterkeit, die jetzt die sanftesten Neuern (mich selber aus-
genommen) mehr an als in sich haben, so daB sie wirklkh so gut
zu genieBen sind als die Staren, denen man, bevor sie gebraten
werden, bloB den bittern Balg abzieht — alles dieses zeigte leicht,
daB er mehr zu den sanften Neuern zu schlagen sei als zu den
Teufeln selber.
Obgleich die Pfeifenbergerische Bosheit wieder Leberisfeuer 10
unter meinen vom Gespensterhauche kalt geblasenen Nerven an-
schurte: so machte doch die Kalte, womit der Schwedenkopf
menschliche Gesichter in Brot bossierte und die Physiognomien
einem schwarzen Spitz unter dem Kanapee zu fressen gab, mir es
schwer, ihm wie einem rechten Menschen zu begegnen. Ich fing
denn so gefasset, als ich konnte, an: »Ich antwort* Ihm, mein
Pfeifenberger, auf Seine Weissagung nur mit Still- und anderem
Schweigen, besonders puncto meiner. In kalte Zeiten, wo die
Menschen nichts mehr im Herzen haben als ihr Blut, verlang* ich
nicht einmal hinein; leider sind jene von der ewig wachsenden 20
Volksmenge des Erdballes zu furchten, die wie eine groBe Stadt
und Reise un,d aus gleichem Grund Kalte gegen Menschenwert
mitteilt; der Mensch ist jetzt dem andern nur im Kriege so heilig
wie sonst im Frieden, und im Frieden so glekhgultig wie sonst
im Kriege. Obrigens bescheid' ich mich gar gerne, daB Jahrhun-
derte, ja Jahrtausende kommen, die mich nicht lesen. Wie bisher,
so muB kunftig mit der Ausdehnung und Durchkreuzung der
Wissenschaften, mit dem Veralten der Schonheiten und mit der
Obung des geistigen Auges die Kiirze des Stils, die Verwandlung
alter Bilder in neue Farben und kurz der asthetische Luxus hoher 30
steigen; mithin wird ein zei tiger Schreiber wie ich zwar anfangs
noch eine Zeitlang als korrekt mitlaufen, aber endlich werd' ich
als gar zu nuchtern, als ein zu franzosischer ha- und magerer
zweiter Gellert, der bloB glatt- und matten Leipzigern gefallen
will, beiseite geschoben. Niemand ist wohl von diesem Ungliick
mehr fester iiberzeugt als ich selber. - Irgend einmal wird Sein
DIE WUNDERBARE GESELLSCHAFT IN DER NEUJAHRSNACHT 1 1 29
und mein Deutsch, Freund, sich zu dem kiinftigen verhalten wie
das in Enikels Chronik zum jetzigen; wir werden also geradeso-
oft auf den Toiletten aufgeschlagen liegen als jetzt OtfriedsEvan-
gelium, namlich bloB um die einfaltige Schreibart und die Rein-
heit der Sitten zu studieren an Ihm und mir.
Wahrlich bei einer gar zu langen Unsterblichkeit verniichtigt
sich der Autor, und nur der Bodensatz, das Werk, sitzt fest; ich
wiinschte nicht, ein Konfuze, Homer oder Trismegistus zu sein
(ihre breiten Namen sind in ein unartikuliertes Luft-Pfeifen zer-
10 fahren), sondern lieber etwas Naheres und Kompakteres, etwa
ein Friedrich IL, oder ein J. J., oder ein Pfeifenberger nach Sei-
nem Tod.« -
Hier wurd* ich, zumal in einer so kranken Haut, ungemein er-
weicht von einem benachbarten Gedanken: »Ich werde also so
gut verschwinden«, fuhr ich fort, »wie mein Jahrhundert — die
Sanduhr der Zeit wird ihren Hugel so gut uber mich gieBen wie
iiber den Hesperus am Himmel, wahrlich ich werde und muB
einen let^ten Leser haben Letter Leser — eine wehmiitige
und sanfte Idee! Beim Himmel! ich hang' ihr irgend einmal nach
20 und rede den Menschen an und sage etwan :
0 du, in dem ich mit meinen spielenden Kindern und mit
meinem ganzen Herzen zuletzt wohne, sei der Seele giinstig, an
die auf der weiten Erde und in der weiten Zukunft kein Freund
mehr denkt als du, und deren Traume und Weiten und Bilder
alle sterben, wenn du entschlafst.« -
Der Knabe nickte, als meint' ich ihn. Der ernste Jiingling
schien niemand zu horen.
Jetzt fing die geschminkte Maske einen entsetzlich-langen Peri-
oden an und sagte mit eintoniger ergreifender Stimme: »Wenn
30 die groBe Uhr in der Marienkirche zu Liibeck nicht mehr zu
brauchen sein wird, weil sie gar zu oft umgestellet worden, und
weil auch der Mond schon anders umlauft als sie1 - Wenn man-
cher Hottentott noch einen alten, nach »verbesserter und alter
Zeit wohl eingerichteten lustigen Historienkalender auf das ge-
1 Sie zeigt den taglichen Stand und Gang der Himmelskorper etc bis zum
Jahr 1875; dann mufi sie verandert werden.
I I3O DAS HEIMUCHE KLAGLIED
meine Jahr iooooo« vorweisen kann, den seine UrurgroBeltem
durchschieBen lassen, um Termine, Gaste und Haushaltungs-
sachen auf treuherzige alte Weise (der Enkel kanns nicht ohne
Lacheln lesen) einzutragen - Wenn die bittere Zeit dagewesen ist,
wo Menschenliebe in keinen Herzen mehr war, auBer in denen
der Hunde - Wenn, obwohl lange nach der Eroberung Europas
durchdie Amerikaner, derhaBliche WeiBen-Handelaufgehort, den
die Schwarzen zum Teil nach ihren nordindischen Besitzungen
hin getrieben — Wenn wegen der entsetzlichen Bevolkerung alle
Dorfer sich zu Stadten ausgebauet und die groBen Stadte mit den 10
Toren aneinanderstoBen und Paris bloB ein Stadtviertel ist und
der Landmann oft auf seinem Dache ackert, das er ganz artig
urbar gemacht - Wenn in ganz Europa so schwer ein holzernes
Haus zu finden ist wie jetzt ein goldnes, bloB weil man bei dem
mir begreiflichen Holzmangel statt der Silberstangen Holzstangen
sowohl aus Indien holen muB als aus unsern Schachten, wo die Vor-
welt sie so vorsichtig aufgespeichert; daher es leicht zu erklaren,
warum man dann Glas nur mit sich, namlich mit Brennglasern
macht, und warum man im Winter so kiinstlich von auBen heizt mit
der Sonne durch besonders geschliffne Scheiben - Wenn endlich, 20
weil durch ewiges Graben und Miinzen das Geld schon lange zu
spartischem Eisengeld devalviert geworden, nur Perlen die kleine
Munze sind und Juwelen die groBe - Wenn die Prachtgesetze die
einfache alte wohlfeilere Tracht zuruckgefiihrt, indem sie uberall
auf Seide bestanden, und wenn die Mode die hochsten Verlan-
gerungen und Verkiirzungen (bis zur Nationalkleidung der
Menschheit, der Nacktheit) und jede Versetzung durchgespielt,
so daB bei Weibern die maillots1, die Schiirzen am Hals, die am
Rucken, die hinten offnen Totentalare, die bed-mats, und bei
Mannern die mat-beds, die peaux de Hon, die Berghabite, die hin- 30
ten zugeschnallt und zugespitzten Schuhe, die hinten zugeknopf-
ten Rocke, der doppelte Schuh1 und die Schleier und Schiirzen
1 Ich brauche den Leserinnen wohl nicht zu sagen, daB dieses erst zu-
kunftige Moden sind.
E An den jetzigen eigentlich halben Schuh wird namlich kiinftig hinten
ein neuer angebauet, der leer bleibt wie unser hoher Hut.
DIE WUNDERBARE GESELLSCHAFT IN DER NEUJAHRSNACHT II3I
wieder schon ein paarmal ab- und aufgekommen sind - Wenn
die Handwerker und Gelehrten in immer kleinere Subsubdivi-
sionen auseinandergewachsen1 - Wenn das letzte wilde Volk aus
seiner Puter-Eierschale ausgekrochen, und zwar schneller als das
erste% weil alle zahme an der Schale hackten, wenn zwischen alien
Vdlkern, wie jetzt zwischen Herrnhutern und Juden, die Schiffe
wie Weberschiffe verwebend hin- und herschieBen und der Thii-
ringer seinen nordamerikanischen Reichsanzeiger mithalt und
den afrikanischen Moniteur — Himmel! wenn dann der ganze
10 Globus schreibt, der Nord- und der Siidpol Autor ist und jede
Insel Autorin, wenn RuBland die Werke selber verfertigt, die es
eben daher fruher nicht eingelassen, und die Molukken mit den
Gewiirzen aus Habsucht die Makulatur dazu liefern und die Kam-
tschadalen alle die Blasphemien, Zweideutigkeiten und Hohne-
reien, die sie vorher mundlich verrauchen lieBen, besser in Ro-
mane auffangen; wenn natiirlicherweise eigne Stadte gebauetwer-
den miissen, wo bloB Biicher wohnen, so wie ganze Judengassen
bloB fur schreckliche Registraturen; wenn die Menge so herr-
licher Genies und die Menge der Nationalgeschmacke so vieler
20 Inseln, Kiisten und Jahrhunderte die hochste Toleranz, Ober-
sicht, Vermischung und Laune geboren — Wenn man die Wolken so
richtig wie kiirzere Sonnenflnsternisse prophezeien kann, Schwanz-
sterne ohnehin; und wenn die Flora und Fauna im Monde so gut
bearbeitet ist als die Landerkunde des Abendsterns — Wenn alle
RafFaele verwittert, alle jetzigen Sprachen gestorben, neue Laster
und alle mogliche Physiognomien und Charaktere dagewesen,
1 Der Wilde und der westfalingische Bauer machen sich, wie der Redner
Gorgias, alles selber; mit der Kultur teilen sich die Handwerker auseinander;
diese Abteilungen werden sich wieder spalten und z. B. die Mundkoche sich
3° in Vogel-, Fischkoche etc., diese wieder in Lachs-, Forellen-, Karpfen- etc.
Koche sondern. Bei den Gelehrten werden die ASastungen noch iippiger
ausfallen. Z. B. in der ungeheuer aufwachsenden Geschichte wird jedes
Volk, jedes Jahrtausend seinen eignen Historiker fodern, der von sei-
nem historischen Wandnachbar gar nicht zu wissen braucht, dafl er in der
Welt ist.
3 Volker (wie Kinder moralisch und physisch) wachsen anfangs am
schnellesten und starksten; in einer gewissen Hohe der Kultur kann die
Menschheit sich nur Iangsam andern und hoher heben, wie alle Sterne vom
Horizont schneller aufsteigen als von der halben Bahn.
1132 DAS HEIMLICHE KLAGLIED
die Zartheit und Besonnenheit und Kranklichkeit groBer, die
Hohlwege zehnmal tiefer und die tiefsten Wahrheiten platte ge-
worden - Wenn Flotten von Luftschiffen iiber der Erde ziehen
und die Zeit alle ihre griechischen Futura durchkonjugiert -
Wenn alles unzahlige Male dagewesen, ein Gottesacker auf dem
andern liegt, die alte runzlichte graue Menschheit ein Jahrtausend
nach dem andern vergessen und nur noch, wie andere Greise,
sich ihrer schonen Jugendzeiten in Griechenland und Rom er-
innert und der ewige Jude, der Planet, doch noch immer lauft
sag an, o bleicher JungHng, wenn schlagt es in der Ewigkeit 10
12 Uhr, und die Geisterstunde der Erd-Erscheinungen ist vor-
bei?« —
»Ach Gott,« (sagte der Knabe sonderbar-klug) »das Leben ist
lang, aber die Zeit ist kurz, sie hat nichts als Augenblicke — Alle
Uhren gehen sehr« (wobei er eine herauszog und ansah, auf der
sieben iibereinander stehende Weiser1 unten ruckten, Hefen und
oben pfeilschnell flogen) - »0 die groBe Uhr rasselt schon und
schlagt das Jahrhundert aus - dann fliegt die weiBe Taube sehr
anmutig durch die Sterne, und die Toten des Jahrhunderts ziehen
getrost.« Hier schlang er sich an die Brust der Jungfrau und gab 20
seine Uhr mit den sieben Zeigern der Maske. »Die groBe Uhr
drauBen hat freilich«, sagte diese, »ein Richtschwert zum Perpen-
dikel, und das ist Geistern ganz fatal.«2
Er trug die schwindelnd ineinander laufende Uhr unter den
Spiegel. Fiirchterlich war es mir, als ihn der Spiegel nicht ab-
bildete und die andern auch nicht. - Im Hintergrunde des Zim-
mers stunden wieder neue unkenntliche Gestalten, die alle strenge
auf ihre Uhren sahen - Der Schwedenkopf drehte bald umar-
mende Menschen, bald Herzen aus Brot und fiitterte den schwar-
zen Hund. - Die Jungfrau faltete sanft die Hande empor, aber 30
unter dem Erheben iiberzog sich das gottliche Auge des Ringes
mit einem weiBen Augenlid. - Mein Herz zuckte bange zuriick
vor dem nachtlichen kalten Anwehen eines hin- und herge-
1 Namlich die Terzie wieder in 60 Teilchen, jedes wieder in 60, und dieses
wieder geteilt.
8 Geister fliehen nach dem Aberglauben Richtschwerter.
DIE WUNDERBARE GESELLSCHAFT IN DER NEUJAHRSNACHT II33
schwungnen Dolchs und vor dem ersten Glockenton, der das
Jahrhundert ausmachte.
Der Mond strahlte plotzlich den Jiingling an; groB, unbeweg-
lich, bleich, aber voll Glanz fing er an, ohne der Maske zu ant-
worten, und unter der Rede bebten tiefe Tone im Klaviere, aber
keine Taste regte sich:
»Es gibt einmal einen letzten Menschen - er wird auf einem
Berg unter dem Aquator stehen und herabschauen auf die Was-
ser, welche die weite Erde iiberziehen - festes Eis glanzet an den
30 Polen herauf - der Mond und die Sonne hangen ausgebreitet und
tief und nur blutig iiber der kleinen Erde, wie zwei triibe feind-
liche Augen oder Kometen - das aufgetiirmte Gewolke stromet
eilig durch den Himmel und stiirzet sich ins Meer und fahrt wie-
der empor, und nur der Blitz schwebt mit gluhenden Fliigeln
zwischen Himmel und Meer und scheidet sie1 - Schau auf zum
Himmel, letzter Mensch! Auf deiner Erde ist schon alles vergan-
gen - deine groBen Strome ruhen aufgeloset im Meere. —
Die alten Menschen, in welchen die friihern Alten lebten, wie
Versteinerungen in Ruinen, zergehen unter dem Meere - nur die
20 Welle klinget noch, und alles schweigt, und das Gelaute der
Uhren, womit deine Briider die Jahrhunderte wie einen Bienen-
schwarm verfolgten, regt sich nicht im Meeressand — Bald flatten
das noch von dir bewohnte Sonnenstaubchen hinauf, und die
groBern blinkenden Staubkorner auch; aber die Sonne tragt den
1 Die Astronomie beweiset, dafi sich die Erde der Sonne (wie nach Euler
der Mond der Erde) in einer Spirale immer naher drehe; und schon die
Mechanik beweiset es, da es ebensowenig aufler als auf der Erde ein perpe-
tuum mobile geben kann, weil ja Kraft und Zeit im umgekehrten Verhaltnis
stehen und mithin jene null wiirde, wenn diese unendlich wiirde. Aber ehe
30 der Planet zur Sonne wird (wie der Mensch zur Erde), wovon er genommen
ist : so ist weniger die Erhit^ung des Erdkorpers - die z. B. nicht bisher mit
der Sonnennahe am Aquator unter den geraden Strahlen wuchs und die ja
nicht vom Sonnen-Abstahde abhangt, da wir keine diversen Merkmale des-
selben in den fernsten und nachsten Planeten entdecken — als seine Ober-
schwemmung zu befiirchten, weil - auBer dem, dafi alle Meere immer gegen
den Aquator hinaufstromen — die ndhere Anziehung der Sonne, des Mondes
und mithin der andern Planeten, wie in den Aquinoktien, furchterlich die
Flut der Meere und ebenso des Dunstkreises und zuletzt der Elektrizitat
auftreiben und iiber unsere Ameisenhaufen, die wir vom Maulwurf des
40 Erdbebens geerbet, hertibersturzen muB.
1 134 DAS HEIMLICHE KLAGLIED
Kindersarg der Menschheit leicht im Arm und hiipfet, von deiner
Flugerde schwach bestaubt, jugendlich, obwohl kinderlos, mit
andern Schwestern um die Muttersonne weiter . . . Schwacher
Sterblicher! der du vor allem zitterst, was alter wird als du, hore
weiter! Auch die Sonnen der MilchstraBe ergreifen endlich ein-
ander feindlich und umschlingen sich kampfend zu einer Riesen-
schlange, und eine chaotische Welt aus Welten arbeitet brennend
und flutend - Aber im unendlichen Himmel hangt ihre schwarze
und feurige Gewitterwolke nur unbemerkt und klein, weit uber
und unter ihr schimmern die Sterne friedlich in ihren tausend 10
MilchstraBen. - Vernimm weiter, Erschrockner! In der Ewigkeit
kommt ein Tag, wo auch alle diese StraBen und weiBen Wolk-
chen sich verfinstern und wo in der weiten UnermeBIichkeit nur
Gewitterwolken ziehen, aus Sonnen gemacht, und wo es dam-
mert in der ganzen Schopfung... Dann ist Gott noch; er steht
licht in der Nacht, seine Sonne zog die Sonnen -Wolken auf, seine
Sonne zerteilt sie wieder — und dann ist wieder Tag. — Und nun
sprich nicht mehr von der kleinen Vergangenheit der kleinen
Erde. - Gott hat den Donner und den Sturm in der Hand und den
Schmerz und ordnet die Ewigkeit - und das weiche Wurmchen 20
pflanzet sich doch fort durch die stiirmischen Jahrtausende; — aber
der Mensch, die Parze der Erde, die auf Wurmchen auftrat, und
die uberall Opfer foderte und machte, klagte uber die hohern fur
das Hochste. Der Unendliche und die Sonne waren ihm, so
wie seine Erdscholle sich auf- oder unterwarts kehrte, bald im
Auf-, bald im Untergang - Tor ! sie haben beide keinen Morgen
und Abend, sondern sie glanzen ewig fort, aber sie ziehen mit dir
und deinem Ball in die unbekannte Gegend1 — Letzter Mensch,
denke nicht nach uber die lange Welt vor und nach dir; im Uni-
versum gibts kein Alter - die Ewigkeit ist jung - sinke in die 30
Welle, wenn sie kommt, sie versiegt, und nicht du!« -
Der edle Jungling hatte vor Entziickung die Augen geschlos-
sen, und der Schnee seines Angesichtes war zu Glanz geworden.
Plotzlich anderte sich alles in der uberirdischen Minute; der
1 Bekanntlich bewegt sich die Sonne mit ihrem Gefolge nach einem noch
unbekannten Ziel im Norden des Himmels.
DIE WUNDERBARE GESELLSCHAFT IN DER NEUJAHRSNACHT 1 135
Knabe rief schreckhaft: »Es wird 12 Uhr; meine Weiser stehen.«
Auf der Uhr mit sieben ruhten schon funfe iibereinander, und nur
die schnellsten flogen noch um. »DrauBen fliegt schon die Taube
aus Osten«, rief jemand, und die Turmuhr schlug aus.
Ich blickte durch das Fenster, und in den langen Bogen des
Fluges zog eine blendende Taube unter den Sternen durch den
tief-blauen Himmel hin; und LuftschifFe voll unbekannter Ge-
stalten jagten nach, und eines ging wie unter Schleiern vortiber,
worauf alle Menschen waren, die ich innig geliebt und nur am
10 Grabe verloren habe - und dann schoB eines vortiber, worm der
Knabe und die verhtillte Jungfrau ruhten; und Sterne flelen in ihr
Schiff, sie aber warfen Rosen aus.
Ich blickte nach dem Zimmer zurtick. Welches ringende Gei-
ster-Chaos! Die alten Gestalten gingen durcheinander — neue
liefen zwischen sie - die Saiten klangen ungespielt - der Knabe,
die Jungfrau und der Jungling waren entflohen - In dem von
innen hell erleuchteten Spiegel war nichts als mein sitzendes Bild;
dieses richtet sich auf, bewegt sich, tritt nahe vor das Glas und
will drohend heraus und sagt, mich anblickend : »0 sell' ich mich
20 dort selber? - Warte, Lufterscheinung, ich fiirchte dich nicht, ich
setze mir, wie Nicolai, einen Blutigel an den After, und dann zer-
flieBest du.« — O wie ist der Spieler, der Mensch, ein Spiel! -
Gliihende Toten-Asche legte sich finster auf mein Auge - das
gepreBte Leben schlug gewaltsam gegen die kleinste Ader an -
endlich buckte sich der uberstromte Kopf und lieB sein heiBes
Blut aus sich flieBen.
Zugleich lauter und dunkler wurd* es um mich; ein scharferes
Getone umfloB den Betaubten und warf hohere Wellen, um das
Leben wegzuspiilen; aber die Gestalten fingen zu erblassen und
30 zu weichen an, selber die Maske wurde weiB - peinlich drohnten
in meine ofFnen Adern die langsamen Glockenschlage von 12 Uhr
wie Kanonenschiisse neben der Gruft des Jahrhunderts, und ich
erwartete bebend den zwolften - aber er verzog, der Tod hielt
die Streitaxt des Glockenhammers immer aufgehoben, und die zu-
sammenrinnende Menge, weiB wie Enrunkne, murmelte immer
banger: zwolf, zwolf als auf einmal eine bliihende, beseelte
II36 DAS HEIMLICHE KLAGLIED
die Ttire ofTnete und durch die luftigen Figuren durchging und
mit einer teuern lebendigen Stimme meinen Namen nannte: ach
es war meine Hermina. 0 wie der Mensch nur durch den Men-
schen in das Tageslicht des Lebens tritt, indes er in der auf losen-
den Einsamkeit auf seinen Geist und Leib nur wie auf einen toten
fremden, unter ihm zuckenden Torso niedersieht! -
Durch die gute Erschrockne und durch die Krisis der bluten-
den Natur kam ich aus meinen Bildern zuriick, die sich immer mehr
verglaseten und sich endlich nur zu zerstreueten Gliedern eines
Antikenkabinetts zersetzten, Pfeifenberger hielt sich am langsten 10
und wollte schwer zerfahren, und sogar als er schon verfluchtigt
war, streckt' er noch sein Sprachrohr aus. Ich beruhigte die gute
Hermina durch Nicolai, dem ahnliche Erscheinungen viel langer
zugesetzt1, der sie aber mit besserer Entschlossenheit empfangen
als ich.
Wie erstaunt' ich, als mir Hermina sagte, sie habe ihr Wort ge-
halten, noch friiher zu kommen als das rote Sakulum. Es war erst
ii Uhr; so richtig hatte das innere Ohr, das immer den zwolften
Schlag begehrte, mitten unter den Stiirmen nachgezahlt; dieser
stille Sonnenzeiger in uns bewies sich schon bei Wahnsinnigen 20
und am Ende bei Schlafenden, die in der vorgesetzten Stunde er-
wachen. Aber nun war ich fur die letzte Szene des funften Akts
ganz kalt. Ein Jahrhundert schwand ein vor den gigantischen
1 Dem Publikum sind die Gestalten, die Nicolais Augen und Ohren er-
schienen, schon bekannt. Ich kenne drei zartorganisierte und phantasiereiche
Madchen, welche dieselbe optische Plastik qualte. Es kann keinem Psycho-
logen schwer fallen, meine optische Nachdruckerei der Wirklichkeit, diese
grofiern mouches volantes, sich zu erklaren, wenn er den Frost, die Nerven-
schwache, die Einsamkeit und das Abendessen und Trinken zusammen-
nimmt. Ja jedes Wort der wunderbaren Gesellschaft getrau* ich mir aus den 30
Betrachtungen herzuleiten, die ich nachmittags iiber die Zukunft angestellt;
und selber die drei Akteurs (wie anfangs in der griechischen Tragodie)
scheinen nur Sonne und Konterfeie der Charaktere zu sein, denen ich im
Aufsatz fur dieses Werkchen meine sakularischen Betrachtungen soufflieren
wollen. Der Schwedenkopf ist eine offenbare Reminiszenz des wilden
Jagers, der jetzt aus dem jungen burschikosen Jena ausreitet und dessen
Jagdpersonale, Wildzeug, Hift homer, Hundekoppel und Weidwerk, am
Tageslicht besehen, auf ein Mandel mausender Eulen hinauslaufen. - Man-
ches ist aus den Gemalden meines Zimmers zu erklaren, z. B. aus Da Vinci s
Christus im Tempel. 4o
DIE WUNDERBARE GESELLSCHAFT TN DER NEUJAHRSNACHT II37
Jahrmiliionen, die der Jungling vorubergefiihrt; und selber die
Lebendigen schienen mir, wie die wunderbare Gesellschaft, sich
jetzt leichter zu entfarben und aufzulosen. Die frische Sonne,
dacht' ich, wird morgen (wie in ein altes Menschenherz) in das
Gebeinhaus des alten Jahrhunderts scheinen auf zerschlagne Sta-
tuen, Torsos, Aschenkriige und Ruinen; und sie wird ein neues
heriiberbringen, das die Erde mit dem Interdikt belegt, das die
Altare entkleidet, die Reliquien vergrabt und die Heiligenbilder
mit Disteln bedeckt und die Tempel verschlieBet. Aber sie tu' es
10 dennl Ein triibes Jahrhundert ist in der langen Jahrszeit der Erde
nur ein fliegender Maifrost, eine Sonnenfinsternis; o wie viele
und Stiirme dazu sind schon bei Friihlingsanfang dagewesen ! -
Aber das bessere Herz bleibe sich nur treu und verstumme nicht
vor der tauben Zeit. Am Nordpol versteinert (nach demMarchen)
der Winter den Strom der Musik, aber in den Fruhlingsluften
flieBen die aufgelosten Tone wieder laut dahin: so wird manches
warme Wort erstarren, und die heiligen Laute wird niemand
horen; aber sprecht sie aus, es kommt die mildere Zeit, und dann
klinget die Aolsharfe aus der rauhen neu.
20 Weich, aber gestillt stand ich mit Hermina am Fenster vor dem
zauberisch wie ein Fruhlingshimmel auf die winterliche scharfe
Erdennacht erhaben herunterleuchtenden Sternengewolbe, und
wir feierten sanft die ernste Stunde. Der Mond schwamm einsam
in einem weiten reinen Blau, gleichsam das groBe Auge auf dem
Ringe der Jungfrau, und weit von seiner Lilienglocke waren die
Maienblumchen kleiner Sterne gesaet.»0 wie gut ist es,Hermina,«
(sagt* ich, als ich ihre von der Reise sanft nachgluhenden Wangen
ansah) »daB du vorhin nicht unter den Gestalten erschienest, die
neben mir blaB wurden - es hatte mich zu sehr ergriffen.« - »Du
30 hast ihr Gesicht nicht gesehen,« sagte sie, »vielleicht war ich die
kniende Gestalt mit dem Schleier»« - »Das verhiite Gott,« (sagt'
ich) »denn die Verschleierte saB mit auf dem Toten-SchifT, das
durch den Himmel flog - Ruhre mich heute nicht sehr - ich bin
ganz aufgeloset, und noch immer schieBen mir weifie Gesichter
auf, und es tonet mir noch von weitem her.« Da ging die Gute,
gleichsam um das Tonen zu uberstimmen, an das Klavier und
1 138 DAS HEIMLICH*. KLAGUED
sang ihr liebstes Abendlied, mit den betenden Augen an den Ster-
nen liegend ; und unter den heiligen Tonen, die unser Herz ver-
jiingten und es wieder in seinen ewigen Friihling trugen, loseten
sanft und kaum bemerkt die Jahrhunderte einander ab.
ANHANG
Anmerkungen
Leben des Quintus Fixlein
Der Plan zu einer kleinen, idyllischen Erzahlung, die ganz »in der Groschen-
galerie und auf dem Parterre« spielen sollte, taucht schon wahrend der Ar-
beit am »Hesperus« auf (vgl. den Brief an Christian Otto vom 24. Juli 1793)-
Er wird dann, kaum daR der umfangreiche Roman abgeschlossen ist, so-
gleich energisch in AngrifT genommen. Nach den Angaben im sogenannten
»Vaterblatt«, in dem Jean Paul iiber seine Werke Buch zu fiihren pflegte, zog
sich die Niederschrift mit den vorbereitenden Arbeiten vom Juli 1 794 bis zum
Mai des darauffolgenden Jahres hin. Nur das »Billett an meine Freunde«,
das vom 29. Juni 1795 datiert ist, und das am 2. Juli geschriebene »Post-
skript« sind spater noch angefiigt worden. Da Jean Pauls alter Verleger
Carl Matzdorff in Berlin nicht gleich auf des Dichters Verlagsangebot ein-
ging, wandte sich dteser an den Bayreuther Buchhandler Liibeck, der das
Werkchen zu Ende des Jahres 1795, jedoch mit der Jahreszahl 1796 heraus-
brachte. — Fur die zweite Auf lage, die schnell naherzuriicken schien, schrieb
Jean Paul im Herbst 1796 eine langere »Geschichte meiner Vorrede zur
zweiten Auflage des Quintus Fixlein«, die noch im gleichen Jahr, da sich
der Termin fur den Neudruck verzogerte, gesondert erschien. Die lange
vorbereitete Neuauflage des "Quintus Fixlein« kam schlieBlich erst 1800,
mit dem Titelvermerk 1801, heraus. Von den zahlreichen geplanten Ver-
anderungen und Erweiterungen hat Jean Paul darin fast nichts ausgeftihrt:
neben geringfiigigen stilistischen Korrekturen machte er nur ein paar kleine
Einschube im Text der Idylle, vorwiegend in den ersten Zettelkasten. So-
weit diese Erweiterungen von Belang sind, werden sie in den Anmerkungen
jeweils angezeigt. - Fur die Gesamtausgabe letzter Hand konnte Jean Paul
nur noch die »Geschichte meiner Vorrede« durchsehen und nach den eigen-
willigen Grundsatzen seiner letzten Zeit korrigieren. Ungeachtet der stili-
stischen Divergenzen, die dadurch innerhalb des Werkes entstehen, haben
wir uns gegen die Kritische Ausgabe, die nur die eigentlichen Wort-
veranderungen in ihren Text ubernimmt, hier auch in der Orthographie
dem letzten vom Dichter bestimmten Wortlaut angeschlossen, haben
also auch seine umstrittene Tilgung des Genitiv-S nicht riickgangig ge-
macht.
Titel: Unter dem Mufiteil versteht man in der alter en Jurisprudenz eigent-
lich die Halfte der bei Erbteilung vorgefundenen Speisevorrate, welche der
Witwe des Erblassers zuf alien, Jus de tablette sind »Fleischbriihwurfel«.
1 142 ANMERKUNGEN
S. 9,8 Gratlal; Dankgeschenk. — 8 don gratuit: freiwillige Abgabe, in
vielen Teilen Frankreichs jedoch als Pffichtsteuer eingefuhrt.
S. 10,33 John Howard (1726-90): engl. Philanthrop, der sein Lebenswerk
den hygienischen Verbesserungen im Gefangnis- und Hospitalwesen wid-
mete und zu diesem Zweck ausgedehnte Reisen unternahm. Sein Bericht:
»The State of the Prisons in England and Wales; and an Account of Some
Foreign Prisons" (1777, dt. 1780) erregte ungeheures Aufsehen.
S. n,6 Hundsgrotten: Anspielung auf die sog. »grotta del cane« bei
Neapel. Diese Hohle war durch ihre unerklarliche Luftleere seit dem Alter-
tum sehr beruhmt: man warf ursprunglich Sklaven, sparer Hunde in die
Grotte, die nach wenigen Augenblicken erstickten. Die Kenntnis dieser
Geschichte verdankt J. P. vermutlich J. J. Volkmanns »Historisch-kritischen
Nachrichten von Italien« (3 Bde., zuerst Leipzig 1770—71, zitiert nach der
Neuauflage 1795), Bd. 3, S. 2446*".. — 30 mikroskopische Betustigungen: wohl
von J. P. frei gebildet in Anlehnung an eine damals verbreitete Titelmode
bei wissenschaftlichen Werken, vgl. etwa u. zu S. 265,6". — 31 Brunnenbe-
tustigungen: Name von Heilquellenbuchern. Am bekanntesten die franz.
Schrift: »Les amusements des eaux de Spaa«, von der vermutlich die deut-
schen Bezeichnungen abgeleitet sind.
S. 12, .2 Plutos Quinterne und Aus^uge: Bei der alteren Lotterie benannte
man die Gewinne ansteigend nach der Zahl der richtig getroffenen Los-
nummern: Auszug, Ambe, Terne, Quaterne und Quinterne, den eigent-
lichen Haupttreffer. Dabei verwechselt J. P., wie meistens, Pluto, den Gott '
der Unterwelt mit Plutos, dem Gott des Reichtums, den er hier offenbar
vor Augen hat. — 18 %u Hause {u bleiben: Die Originalausgaben setzen
vermutlich fehlerhaft: »zu Hause bleiben«. - 2 5 Georg Philipp Rugendas
(1666-1742): gefeierter Schlachtenmaler aus Augsburg. Er benutzte das
Bombardement von Augsburg (1703) und die Schlacht bei Blenheim (1704),
urn fur seine Darstellungen Studien nach der Natur zu machen. — 26 Lu-
dolph Bakhuisen (163 1— 1709): Maler und Radierer der niederlandischen
Schule. Er setzte sich in einem zerbrechlichen Nachen mehrfach dem sichern
Untergang aus, um die Wirkung eines Seesturms aus der Nahe zu erleben.
S. 13,^ Schlacht- Marif eld: Anspielung auf das Pariser Champ de Mars,
den Platz vor der Militarakademie, auf dem sich viele Greuelszenen der
Revolution abspielten.
S. 13,4 Kinderfreund: Unter diesem Titel gab der Dramatiker Chr. Felix
WeiBe (1 726-1 801) in den Jahren 1775—82 eine periodische Schrift fur
Kinder heraus.
■ S. 16,5 Erasmus: Er berichtet davon selbst in dem Geleitbrief an seinen
Freund Thomas Morus, den er seinem kleinen Werk von 1 509 voranstellte. —
zo Richard Savage (1697-1743): engl. Dichter. Er schrieb Lehrge-
dichte, die erwahnte Tragodie: »Sir Thomas Overbury« (1724) und eine
Anzahl scharfer Satiren. Die Anekdote war aus Samuel Johnsons Biographie
des Dichters in den »Lives of the English Poets« (1744) allgemein bekannt. -
ANMERKUNGEN 1 143
16 grofie Tour: Sie fiihrte damals den jungen Mann vornehmer Abkunft
durch die gebildeten Lander Europas. Die Erzahlung ist naturlich fingiert,
da J. P. vor der Niederschrift seines ersten Romans, der den erwahnten
Untertitel: »Mumienu tragt, seine Heimat nie weiter als zum Studium nach
Leipzig verlassen hat. J. P. spielt vermutlich auf den Aufsatz: »Habermanns
grofie Tour« an, den er in seiner Sattrensammlung: »Auswahl aus des
Teufels Papieren« (1789) zuerst verorTentlicht hatte.
S. 17,22 nach Rousseau: Die Behauptung ist Rousseaus Preisschrift:
»Discours sur l'inegalite parmi les hommes« (1754) entnommen. — 28
papinianische Kochmaschine : ein von dem franz. Arzt Dionys Papin 1680
konstruiertes Gerat, urn Knochen zu erweichen und wieder in Gallert zu
verwandeln. — 29 .Girtannerische Respirationmaschine : eine Maschine, urn
das Atmen in Stickluft zu ermoglichen, die in Deutschland zuerst von dem
Arzt und Historiker Christoph Girtanner (s. u. zu S. 237,36") entwickelt
wurde.
S. 18,2 physisches: So die Gesamtausgabe letzter Hand, der vor-
ausgehende Druck der »Geschichte meiner Vorrede« setzte »physi-
kalisches«, was einen besseren Sinn gibt. Doch scheint es sich nach S. 3 1 i,j j,
wo »physisch« in der gleichen Bedeutung verwendet wird, nicht um einen
Druckfehler zu handeln. Beide Bedeutungen werden auch sonst im 18. Jahrh.
nicht eindeutig geschieden.
S. 19, £ Tabor-Berg-Kette: Der Tabor gilt als der Ort der Verklarung
Christi. - 9 Fufitrltte weggeflatterter Engel: Ein bei J. P. haufiger Vergleich,
der vermutlich auf der folgenden Bemerkung aus J. G. KeyBlers »Neueste
Reisen durch Teutschland, Bohmen, die Schweiz und Italien« (Ausgabe von
1791, Bd. 1, S. 710) beruht: »Auf einem Stein der Kirche [S. Maria in Ara-
coeli] zeigt man die eingedruckte Fufistapfen eines Engels, der dem h. Gre-
gorio M. erschienen sein soll.« - t5 Rabenstein: Galgenberg. - 17 Philips
Wouvermans (1619-68): im 18. Jahrh. haung kopierter, holl. Landschafts-
und Genremaler. - 18 bowling-green: Rasenplatz in engl. Parkanlagen. -
19 Belagentngkrani (corona obsidionalis) : wie die Mauerkrone ein Reif
aus Gold oder Metall, der bei einer erfolgreichen Belagerung dem Ritter
oder Sdldner iiberreicht wurde, der als erster den Wall der feindlichen Stadt
erstiegen hatte. - 29 Zwickstein; verfugter Keilstein. - 29 Hen von Moser:
s. u. zu S. 83, 31. — 34 theses magistrates; behordliche Verordnungen.
S. 20,7 pragmaticae sanctiones: allgemeine Gesetze zur Landeswohlfahrt,
besonders die Verordnung Karl VI. aus dem Jahr 171 3, durch welche er die
Erbfolge in Osterreich regelte. - 8 Vikariatkonklusum : Entscheid des bi-
schof lichen Obergerichts. -9 kanig: schimmlig. - 1 7 Herr Kunstrat Fraisch-
ddrfer: Hier macht J. P. zum erstenmal die Lesewelt auf seinen entstehenden
Kardinalroman aufmerksam, in welchem dem Kunstrat Fraischdorfer ur-
sprunglich eine gewichtige Rolle zugedacht war. In der endgiiltigen Fassung
des »Titan« trat er dann jedoch stark in den Hintergrund. - 18 Bamberg:
Im August 1796 stieOen die franz. Revolutionstruppen bis in die Gegend
1144 ANMERKUNGEN
von Bamberg und Niirnberg vor, wurden aber zu Ende des Monats bei
Amberg in der Oberpfalz geschlagen und zuriickgeworfen. — z5 neue all-
gemeine deutsche bibliothekarische Re%ensier-Faktorei: Die von Christoph
Fr. Nicolai (s.u. zu S. 280,26") herausgegebene Zeitung: »Allgemeine Deut-
sche BibIiothek« erschien von 1765 bis 1792 und wurde dann als»Neue allge-
meine deutsche Bibliothek« fortgesetzt. Sie war das Hauptorgan der deut-
schen Aufklarung. - 26 haarhaarisch, scheerauisch und fiachsenfingisch:
Haarhaar ist das Fiirstentum Albanos im »Titan«, Scheerau heiBt die Haupt-
stadt in der »Unsichtbaren Loge«, Flachsenfingen die Residenzstadt im
»Hesperus« und im »Quintus Fixlein«.
S. 21,72 orbis pictus : So nannte Joh. Amos Comenius (1592— 1670) sein
groBes Lehrbuch in Bildern, das 1658 erschien und bis weit ins i8.Jahrh.
verwendet wurde. Eine der Bildtafeln stellte menschliche Gesichter dar, die
aus jeweils fiinf Punkten zusammengesetzt waren. - zy viele neue Ziige
von Flxlein; Das ist stark iibertrieben, vgl. die Eingangsbemerkung. —
28 Figurant: Stumme Person auf der Biihne, Biihnendouble. - 28 curator
absentis: Sachwalter oder Vormund in Abwesenheit. - 31 wie die Floren-
tiner: In Florenz wird seit 1406 eine vollstandige, aus dem 6.Jahrh. stam-
mende Handschrift der Pandekten aufbewahrt, des zweiten Teils des unter
Kaiser Justinian kodifizierten rom. Rechtes.
S. zz,4 Sanchuniathon: phonizischer Geschichtsschreiber, der um 1250
v.Chr. eine Geschichte der Phonizier geschrieben haben soil. Von ihr hat
sich in den Werken des Eusebius ein Auszug aus einer griechischen Ober-
setzung teilweise erhalten. - y Bunhels Leben: Anspielung auf den auf-
klarerischen Roman: »The Life of John Buncle Esq.« (1756-66), der in
der Obersetzung von Pistorius 1778, die von Nicolai propagiert worden
war, zwischen Nicolai und Wieland eine heftige Auseinandersetzung aus-
gelost hatte. — 8 pieces dujourt Gelegenheitsgedichte. - ; 2 Balthasar Denner
(1685— 1741): einer der beliebtesten Portratmaler des i8.Jahrh. Er war dem
breiten Publikum fast nur als der Verfer tiger sorgfaltigst ausgefuhrter
Kopfe von alten Weibern und Mannern bekannt.
S. 23,20 kritische Briefs: Aus dem hier scherzhaft angedeuteten Plan
ging sparer die »VorschuIe der Asthetik« hervor. - zy Ries: Papiermafi,
das je 20 Buch oder 480 Bogen umfafit.
S. 24,7 Bambocchiade (it. Kinderspiel) : So nannten die Italiener im
niederlandischen Stil gemalte, derbe Genreszenen, wie sie wahrend des
17. Jahrh. in Rom sehr in Mode waren. — j5 das Dorf »die drei Bratwurste«
genannt: Gemeint ist nach Berend das heutige Friedmannsdorf bei Gefrees,
»an dessen Stelle friiher ein einzelnes Wirtshauf: >Zu den sieben Wursten*
gestanden haben soll.«
S. 25,/ Huart: Darunter ist der span. Arzt Juan de Dios Huarte (geb.
um 1 530) zu verstehen, dessen Abhandlung: »Examen de ingenios para las
ciencias« (zuerst 1 578) kuriose Gedanken iiber die Erzeugung und die Bil-
dung von Genies enthielt. Das sehr beriihmte Buch wurde noch 1785 mit
ANMERKUNGEN 1145
Anmerkungen von J. J. Ebert in deutscher Obersetzungneu herausgegeben. —
y Mitchbruder Jupiters : Jupiter wurde von der Ziege Amalthea gesaugt. -
8 weifen: haspeln, aufwickeln. — 23 Plat^gold: ein Praparat aus Goldlack
das beim Erwarmen mit Knallen auffliegt. - 29 George Louis Leclerc,
Graf von Buffon (1707-88): franz. Naturforscher, verfafite mit Daubenton
eine umfangliche »Naturgeschichte der Tiere« (1749-83, 24 Bde.). Seine
beriihmte "Histoire naturelle, generate et particuliere« erschien fast gleich-
zeitig mit 38 Bdn. in Paris 1750-88. — 34 wie %wei bekannte Tiere: Pferd
und Esel
S. 26,29 der Ausspruch Schlegels: Zur Erklarung verweist Berend auf
ein Fragment des jungen Friedrich Schlegel iiber Goethe, das als Vorab-
druck aus seiner Schrift: »DieGriechen und dieRomer« (1797) inReichardts
Zeitschrift: »Deutschland« erschienen war. Vgl. dort das 2. Stuck (1796),
S. 260: »So gefallt er sich auch zu Zeiten in geringfugigem Stoff, der hier
und da so dunne und gleichgiiltig wird, als ginge er ernstlich damit urn —
wie es ein leeres Denken ohne Inhalt gibt - ganz reine Gedichte ohne alien
Stoff hervorzubringen. In diesen Werken ist der Trieb des Schonen gleich-
sam mufiigj sie sind reines Produkt des Darstellungstriebes allein«.
S. 27, i Schiller: vgl. den 22. Brief iiber die asthetische Erziehung des
Menschen in den »Horen«, 6. Stck. (1795), S. 71 ff.. — 33 Anmerkurig: Im
ersten Fall Anspielung auf eine von der stoischen Lehre abhangige Grund-
einstellung im Denken Montaignes, im zweiten Falle ist an den von Nikolaus
von Kues stammenden Begriff der »docta ignorantia« zu denken, der auch
in der Philosophic Pascals eine gewichtige Rolle spielt. - 14 den neuesten
ausgenommen: Der Kunstrichter ist J. P. selbst.
S. 28, i wie der Re^ensent der Literatur^eitung: In der »Jenaischen Allge-
meinen Literaturzeitung« (1785 ff.) hatte Friedrich Jacobs iiber die ersten
Romane J.P.s und iiber die erste Auflage des »Quintus Fixlein« positive
Rezensionen geschrieben. - 4 konnen: So die Ausgabe letzter Hand, die erste
Auflage hat dafur »konne«. - 30 Ernst Plainer (1744 bis 1818): Mediziner,
Anthropologe und philosophischer Schriftsteller, lehrte an der Leipziger
Universitat. Er zog durch die Vielfalt seiner philosophischen Studien und
Gedanken den jungen J. P. besonders an und war in dessen Leipziger Uni-
versitatsjahren 1781-84 sein starkster Anreger. Die Stelle bezieht sich auf
Platners »Neue Anthropologie« (Leipzig 1790), Bd. 1, § 1074.
S. 29,2 wie Parrhasius: Von diesem griechischen Maler berichtet Seneca
in seinen »Controversiae« (II, 17), er habe fur die Darstellung des gefes-
selten Prometheus einen Sklaven zu Tode gefoltert, urn an seinem Sterben
den Ausdruck des Leidens zu studieren. - 2 jener Italiener: Michelangelo.
Das seit der Renaissance weit verbreitete Marchen, Michelangelo habe fur
eine Darstellung der Kreuzigung sein Modell zu Tode gefoltert, kniipft
offenbar an die erstgenannte Anekdote an. - 6 Polus: Berend zitiert aus
J. P.s Exzerpten: »Der griechische Schauspieler Polus spielte die Elektra,
die ihren Bruder beweint, gut, da er eine Urne mit seines Sohnes Asche
I I46 ANMERKUNGEN
vor sich stellte.w Die Notiz ist der »Theorie der schoneft Kiinste« (letzte
Ausg. 1792-94, 4 Bde.) des Asthetikers Joh. Georg Sulzer (1720-79)
entnommen, Vgl. dort den Art. »Schauspieler«. — <> der Eustathius Nero:
Das Metaphernspiel ist schwer zu erklaren. Der spatantike Homer forscher
Eustathius von Thessalonike trug einen gewaltigen Kommentar zum
Verstandnis der Werke Homers zusammen. Das Verbindungswort zu
»Nero« scheint »illustriert« zu sein, und man wird den ganzen Satz
mit Vorteil so umschreiben: Wie Eustathius durch seine Erklarungen
die Darstellungen des Homer illustrieren wollte, so , versuchte Nero
durch den Brand von Rom Virgils Darstellung des untergehenden Troja
zu illustrieren. — 1 1 General Or low: Fur den Maler Philipp Hackert, der
im Auftrag der Kaiserin Katharina der GroBen die Verbrennung der
turkischen Flotte durch die russische im Hafen von Tschesme malen sollte,
KeB der General Orlow bei Livorno eine russische Fregatte in die Luft
sprengen. — 1 2 Akademie: hier in dem alteren Sinn von »Modell«, wie ver-
schiedentlich bei J. P. Berend fiihrt an anderer Stelle diese Bedeutung auf
Elwerts »Kleines Kunstlerlexikon« (1785) zuriick. Vgl. dort S. VIII: »Aka-
demien nennt man diejenige nackende oder auch bekleidete Personen, nach
denen die Lehrlinge in einer Zeichenschule zeichnen«.
S. 30,/ 5 toricellische Leere: der luftleere Raum, welcher in dem von dem
it. Mathematiker Evangelista Toricelli (1608-47) erfundenen Barometer
iiber der Quecksilbersaule bleibt. — 30 Tempe: das idyllische Tal des
Penaios zwischen Ossa und Olymp.
S. 31, 3 Eliaswagen: der jiidische Prophet EHas wurde von Gott in einem
Wagen zum Himmel emporgeriickt. Vgl. 2. Kon. 2,11: »>Und da sie mit-
einander gingen und er redete, siehe, da kam ein feuriger Wagen mit feuri-
gen Rossen und scheidete sie beide voneinander; und Elia fuhr also im
Wetter gen Himmel. « — 20 Ter\ie: der sechzigste Teil einer Sekunde. —
26 nach Montesquieu; vgl. dessen »L'esprit des lois«, XII, 24.
S. 32,5 Peischwa: svw. Pascha. - 12 Correggios-Nacht ; Auf dem be-
ruhmten Bilde der »HeiIigen Nacht« des Correggio, das sich seit 1746 in
der Dresdner Galerie befindet, geht alle Helligkeit in Strahlen von der
Krippe aus. - 2y Albrecht v. Haller (1708-77): »das Wunder seiner Zeit«,
Arzt, Naturforscher, Politiker und Dichter. Sein med. Hauptwerk: »Ele-
menta physiologiae corporis humani« (1759-66, dt. 8 Bde. 1762-66) iibte
auf den jungen J. P. ungemeinen EinfluB aus. - j5 herrnhutisches Ehe-Lose-
liehen der Madchen; In der Briidergemeine entschied urspriinglich das Los,
welches Madchen wen zum Manne nehmen durfte, damit korperliche und
sinnliche Anreizungen in der Gattenwahl ausgeschaltet wiirden. - 36 An-
merkung: Die falsche Quellenangabe ist erst ein Zusatz der Ausgabe letzter
Hand, der vermutlich nicht von J. P. stammt. Der Gerichtshalter Weyer-
mann tritt nicht im »Siebenkas«, sondern im »Satirischen Appendix^ der
»Biographischen Belustigungen« auf, vgl. o. S. 363 fT.
S. 33, n Benvenuto Garofalo (1481-1559): it. Maler aus der Schule
ANMERKUNGEN 1 147
des RafFael. Das erwahnte Bi!d befindet sich ebenfalls in der Dresdener
Galerie.
S. 34, z # tausenJsckneidige Oubliette .'J. P. denkt an die oft mit zahlreichen
Eisenspitzen gespickten Fallgruben fur heimliche Hinrichtungen. — 3 off.
Anmerkung: Der ev. Theologe J oh. Timotheus Hermes (1738-1821), be-
kannt durch seine Romane : »MiB Fanny Wilkes« (2 Bde. 1 766) und »Sophiens
Reise von Memel nach Sachsen« ( 1 5 Bde. 1769-73) trat haufigund entschieden
fur eine hohere Bildung der Frau ein (»Fiir Tochter edler Herkunft« 1787).
Auch der Sprachforscher und Padagoge Joachim Heinr. Campe (1746-1818)
bemiihte sich um eine Verbesserung des Erziehungswesens fur Madchen.
J. P. behandelte das Problem spater im 4. Bruchstiick der »Levana«.
S. 35,2^ braunschweigische Mumme: ein starkes Bier.
S, 36, 14 spartische Skytale: ein geheimer Brief zwischen dem spartani-
schen Ephoren (s. u. zu S. 468,5) und dessen Feldherrn. Beide hatten einen
Stab von gleicher Form, und nur, wenn der abgeschickte Brief vom Emp-
f anger auf den entsprechenden Stab aufgewickelt wurde, war die Botschaft
lesbar.
S. 37,24 Hermessaule: Solche Saulen wurden im alten Griechenland ent-
lang den StraBen aufgestellt, damit Hermes als der Gott der Wege die
Reisenden beschiitze.
S. 45,/ Der Tod elnes Engels; Die kiirzere und sehr anders geartete Fas-
sung dieser Erzahlung aus dem »Deutschen Museum« sei hier zum Vergleich
beigegeben, da die Erzahlung eine der friihesten Proben von J.P.s dich-
terischer Prosa darstellt:
Was der Tod ist.
Der Engel Raziel, der den enterbten und gesunknen Adam trostete, war
oft beim Tode der armen Menschen und trug zuweilen die abgeriBne kalte
Frucht in einen hohern warmern Garten : darum sehnte er sich, einmal selbst
den menschlichen Tod zu fuhlen, Ein Kreis von freundschaftlichen Engeln
versprach, ihn nach dem Augenblick des Todes mit ihrem Lichthimmel
zu umringen, damit er wiiBte, daO es der Tod gewesen.
Er schlug wie ein elektrischer Strahl sich in den Leichnam eines ungluck-
lichen unbekannten Rechtschaffenen, dessen Untergang gewesen war nicht
wie der der Sonne, die sich prachtig vor dem Angesicht der wachenden
Natur ins Meer wirft, dafi rote Wellen am Horizonte hinaufschlagen, son-
dern wie der Untergang des Mondes, der still um Mitternacht hinter einem
falben Gewolke versinkt; und er fullte das welke und mude Gehirn des
Armen mit einem belebenden Feuer; aber niemand merkte, daB nun aus
dem Korper nicht der RechtscharTene, sondern ein Engel handle. Jetzt
flogen seine Gedanken nimmer, sondern wateten durch die Atmosphare des
Gehirns; und eine schwiile Luft driickte ihn,* die Gegenstande legten fur ihn
die herbstliche verflieBende Duftgestah ab und stachen auf ihn mit einbren-
nenden Farben; er empfand alles dunkler, aber stiirmischer und eingreifen-
der; der Hunger riB an ihm, der Durst brannte an ihm; - ist das der Tod
II48 ANMERKUNGEN
der Menschen? sagte er. Da er aber keine Engel und keinen umflammenden
Lichthimmel sah: so merkte er wohl, daB das bloB das.Leben derselben sei.
Abends lagen seine Phantasienbildernicht mehrimSonnenschein, sondern
in einem dampfenden Feuer, und Bilder vom Tage rollten lebendig und wie
Gespenster vor ihn, und eine unsinnige unbandige Sinnenwelt stieg vor
seinen Gedanken auf, und auf seinem Haupte lag ihm (so kamen ihm die
Vorboten des Schlafes vor) ein quetschender Erdball, bis endlich hinter
dem dicken Leichenschleier des Schlafes sich der den Himmel nachaffende
Traum mit einem zaubernden Kusse urn ihn klammerte: da rannen (schiens
ihm) die Erde und sein Korper von ihm ab und der verlassene Lichthimmel
mit seinen Engeln strahlte ihn an. »Das war denn der Tod, da ich mich
niederlegte«, sagte er im Traum: aber da er wieder mit seinem eingeklemm-
ten Menschenherz aufwachte und die Erde noch erblickte, so sagte er : das
ist doch nicht der Tod, sondern bloB der Schlaf und der Traum des Men-
schen, ob ich gleich den Lichthimmel und Engel gesehen.
Der verstorbne Rechtschaffene hatte doch einen Freund, wo ran ich
oben nicht dachte, da ich ihn ungliicklich nannte: aber der Freund wuBte
nicht, daB den Korper seines entwichnen Freundes bloB ein Engel beseele.
Der Engel liebte ihn mit freund schaftlicher Eifersucht und Iabte sich mit
dem Augenblick, wo er diesem einmal sagen konnte, er hatte in einem
Korper zwei Freunde geliebt. Du dusteres Menschenherz von Erde, sagte
er, wie konnt* in dir das atherische Gewachs der Freundschaft aufgehen
und dich mit seinen heiligen Wurzeln umschlingen und auf dir mit einem
Blumenkelche prangen, in dem der niedergefallne Himmel mit seinen
Reizen wohnt. Der Engel wiinschte, der Freund stiirbe mit ihm in den -
Himmel : aber er starb fruher. Als nun die harte nackte Statue ohne den ein-
wohnenden Gott umlag und der Tod durch das versteinerte Antlitz heraus-
sah und starrte und mit der kalten' gelben Hand den Lebendigen anfaBte
- als dem Engel schmerzhaftes Sehnen nach dem Freunde und trauriges
Blut das Herz auseinanderdruckte, und zuletzt das schwellende Auge in
eine brennende Trane zerriB; so dacht* er, er flosse mit der Trane weg
und stiirbe so; allein es umfing ihn kein Lichthimmel, und er seufzete, daB
das der Tod noch nicht sei, sondern nur der Schmerz iiber einen fremden
Tod.
Der Korper des Rechtschaffenen Iegte ihn auf alle die Dornen, in die die
hohern Stande mit vereinten Druck den niedrigen tiefer eintreten und ein-
riitteln; die Krallen vornehmer Wappentiere sah er am wehrlosen Raube
hacken und pfliicken, und diesen horte er vergeblich stohnen. Da durch-
schoB der Stich des menschlichen Hasses zum ersten Male sein englisches
Herz: denn sicher netzet und schwarzt dasLaster mit Gift die Spitze dieses
Pfeils. Er fuhlte eine innere Verwiistung und Zerreiflung und sagte: der
menschliche Tod tut wehe. Aber er sah keine Engel : doch begriff er nicht,
warum das Laster nicht den Geist zernage und ermorde.
Allein da er einmal in einer Abendstunde las die Beispiele der mensch-
ANMERKUNGEN 1 149
lichen Tugend, wie der Mensch unter dem Anbellen seiner eignen Bediirf-
nisse, unter tiefen Wolken und hinter lauter Nebeln auf dem einschneiden-
den Lebensweg, doch mipdem Blick auf die Sonne am hochsten Himmel
auf die Pflicht, fur El tern, fur Kinder, fiir Freunde, fur Burger gebende
und fuhrende und helfende Arme ausstrecke, nun nichts bei sich als die
HofFnung trage, gleich der Sonne in der altenWelt unterzugehen,umwieder
in der neuen aufzugehen: so schlug seine Entziickungsflamme liber das
geborgte irdische Gebaude hinaus, die miirben Bande des Korpers gingen
auseinander und der tiefste, aber voruberftiegende Schlummer deckte vor
ihm den Lichthimmel und die Engel auf, deren Strahlenstrom ihm iiber
den umgefallnen irdischen Damm entgegenwallte. »Bist du wieder da, du
spielenderTraum?«sagte er: aber sein verstorbner Freund umschlang Ihn,
unter dem Lacheln des Himmels, mit dem begeisterten KuB und sagte:
Das war der Tod, du Erd- und Himmelsfreund ! J.P.F.Hasus.
S. 5o,j melne Pfiegesckwester Philippine: Sie tritt als die Schwester des
Autors bereits in der »Unsichtbaren Loge« auf, die fingierte Erhebung
J.P.s zum Sohn des Fiirsten von Flachsenfingen am Ende des »Hesperus«
machte es dann notig, sie in eine Pflegeschwester zu verwandeln. — 6 Joujou
(de Normandie) : »Rollradchen«, ein zur Zeit der franz. Revolution in Mode
gekommenes Ballspiel.
S. 52, 26 weifier Obelisk: Berend vermutet hier eine Erinnerung J.P.s
an eine Pyramide auf dem Weg von Morges nach Lausanne, »die dort zum
Andenken der Begegnung einer Grafin von Brionne aus dem Hause Loth-
ringen mit ihrer Tochter, Prinzessin von Cardignan, errichtet war.« J. P.
hatte sich eine diesbezugliche Notiz in seinen Exzerpten gemacht.
S. 53,* 6" sensitive (mimosa pudica): strauchartiges Gewachs aus West-
indien, das durch eine hohe Reizbarkeit seiner Blatter ausgezeichnet ist.
S. 65, 1 Zettelkasten: s. o. S. 83,^7 und die Anmerkung. -
S. &l->36 Pfeiffers critica sacra: August Pfeiffer (1640-98) war ein bedeu-
tender Orientalist und Bibelexeget, dessen Abhandlung »Critica sacra« noch
1773 in neuer Ausgabe erschien und auf Hochschulen gern benutzt wurde.
S. 68,5 Rhi{ophagen: Wurzelnfresser. - 9 Murki (Murmelstiick) : kleines
Tonstiick fiir Klavier oder Orgel mit einer gleichformigen, aber lebhaften
Bewegung der Basse. - 21 nach Lessing: vgl. Hamburgische Dramaturgic,
36. St.
S. 69,77 Achilles-Schild: Auf ihm stellte Hephaisth nach Homers Bericht
(Ilias XVIII, 478 ff.) Menschen, Tiere, Stadte, die Erde und das Meer, die
, Sonne und alle Gestirne dar.
S. 71, 24 der hochstselige Kdnig: Friedrich der Grofle. - 28 casa santa:
Das Geburtshaus der Maria wurde der Sage nach 1295 von Engeln nach
Loreto in Italien gebracht. Dort wird es noch heute in einem gewaltigen
Dom verehrt. - 35 bureau d* esprit: Versammlung von Schongeistern. So
nannte man im iB.Jahrh. erst spottisch, spater lobend die Salons, die durch
Madame de Tencin in Mode gekommen waren.
1 150 ANMERKUNGEN
S. 72, 1 4 Hippohrene : die Musenquelle auf dem Helikon, dem Berg Apollo
in Arkadien, die jeden, der aus ihr trank, dazu zwang, in Versen zu sprechen. —
2 j Petrus Rebuffus: Der Titel des seltenen Buches lautet vollstandig:
»De scholasticorum, bibliopolarum atque caeterorum universitatum om-
nium ministrorum juratorumque privilegiis«, Paris 1540. Die Kenntnis
dieses Buches verdankte J. P. dem »Akademischen Roman« (1690) von
Eberhard Werner Happel (1647-90), den der Dichter Ende 1794 gelesen
hatte.
S. 75,34 Archimedes: Der beruhmte griechische Naturwissenschaftler
soil wahrend der Belagerung von Syrakus unter anderem auch eine Ma-
schine errichtet haben, mit deren Hilfe man ohne Kraftanstrengung ganze
Schiffe zu heben vermochte.
S. 74, .7 wiejuden am Zahlen sterben: vgl. 2. Sam. 24. — 10 wie der betende
Ignatius Loyola : Von ihm berichtet die Legend e, daB er wahrend des Ge-
betes mehrfach iiber den Bo den schwebend erhoben wurde. — 1 1 wie die
gestrafte Juno: vgl. Ilias XV,i8fT.
S. 75,2/ Latrie .- Verehrung, eigtl. Heiligenverehrung.— 24 jus compascui:
Triftgerechtigkeit, eine freiwillige Erlaubnis, den Weidegrund mitzu-
benutzen. - 28 Meusels gelehrtes Deutschland: Der Publizist Joh.
Georg Meusel (1743— 1820) setzte Hambergers vielbandiges Sammelwerk;
"Gelehrtes Deutschland oder Lexikon der jetzt lebenden deutschen Schrift-
steller« in drift er Auflage fort und erganzte es spater durch ein umfang-
reiches »Verzeichnis der 1 750-1 800 verstorbenen deutschen Schriftsteller«.
S. 76,23 Joh. Heinr. Lambert (1728-77): Mathematiker und Astronom,
cler die letzten zwolf Jahre seines Lebens am Berliner Hof zubrachte.
S- 77,13 keine Karl Genofeva Louise Auguste Timothee Eon vonBeaumont:
Der als Chevalier d*Eon bekannte franz. Diplomat Charles de Beaumont
(1728-18 10) gait zu Lebzeiten, aber auch noch nach seinem Tod, fur ein
Zwitterwesen.
S* 79, 9 Fettpolster: Da fur setzt die erste Auflage »BettepoIster«, was
eben falls einen ertraglichen Sinn ergibt. .
S. So,3z~3& Fixleins Zeitungsbettel: Einschub der zweiten Auflage.
S. 81, .27 Masorethen: altjiidische Gesetzeslehrer, die eine Sammlung von
kritischen und erklarenden Anmerkungen zur Bibel verfaBten, die sog.
»Masorah«, um die Heilige Schrift vor Verfalschungen zu bewahren.
S. 82,2 1 Karl Ferd. Hommel (1722-81): verdienstlicher Rechtsgelehrter,
dessen »Rhapsodia quaestionum in foro quotidie obvenientium usw.« (1765)
ihren Verfasser lange in Ansehen erhielt. Gedacht ist vermutlich an seine .
beiden »Continuationes« (1761 und 1769) zu Beyers »Notitia auctorum
juridicorum«. Die nachfolgende Liste, die bekannte und unbekannte Namen
bunt durcheinanderwurfelt, ist zum grofien Teil aus Flogels »Geschichte
der komischen Literatur« (4 Bde. 1784; vgl. dort Bd. 1, S. 247-259) gezogen
und erinnert stark an die ahnlichen Digressionen bei Sterne. Vgl. etwa
Tristram Shandy 11,20.
ANMERKUNGEN 1 1 5 I
S. 83, 31 Joh. Jakob v. Moser (1701-85): bedeutender Staatsrechtsge-
lehrter und Patriot. J. P. bezieht sich hier auf Mosers »Lebensgeschichte von
ihm selbst erzahlt« (3 Bde. 1777), §68.
S. 85,5 wie der Graf St. Germain: Unter diesem Namen verbarg sich ein
bertihmter, vermutlich span. Abenteurer des i8.Jahrh. Er besaB angeblich
die Kunst, Diamanten zu machen, wuBte die Zukunft und gebrauchte ein
Lebenselixier, dem er seine ewige Jugend verdanken wollte. Er starb gegen
1790 in Eckernforde. Ober seine Gepflogenheiten und seine Lebensweise
kursierten die seltsamsten Geriichte, die mit einiger Systematik in den
anonymen »Nachrichten vom Grafen von St. Germain« 1780 gesammelt
wurden. — 30 offi{inell: arzneilich, heilsam.
S. 87, z.9 Alexander: Ihm wird schon in der antiken Oberlieferung der
Ausspruch zugeschrieben, auch er sei nur ein Mensch, wie man an seinem
Schlaf, seiner Wollust und seinem Stuhlgang bemerken konne. Vgl. Rabe-
lais' »Gargantua und Pantagruel« IV,6o, wo der Satz allerdings richtiger
dem Antigonus von Mazedonien beigelegt wird. — 1 9 Joh. Salomon Semler
(1725-91): vielbandiger, ev. Theologe und Professor in Halle. In seinen
Exzerpten hatte sich J. P. aus K. Ph. Moritz' »Magazin der Erfahrungsseelen-
kunde« (n Tie. 1783-93; vgl. dort Bd. 2, 1. St., S. 11 iff.) die Notiz ver-
merkt: "Semler stellt 10 bis 17 schlechte Biicher auf den Abtritt, die er darauf
(des Tags 3mat)lieset.« — 20 Haf en der Flaumwogen: Beide Ausgaben setzen
dafur »des Pflaumwogen«, die Kritische Ausgabe verbessert, analog zu
S. 105, z 1 : »Flaum-Weiher«, in >»Flaumwogen«, behalt aber den Singular bei
mit dem Hinweis, daC vielleicht die alte Form »Wog« in der Bedeutung
»Weiher« zugrunde liegt, die allerdings seit dem 16. Jahrh. fast ausgestorben
und bei J. P. sonst nicht belegt ist.
S. 88>£-2/ Schilderung des Herbstes: Einschub der zweiten Auflage. -
25 Daniel Georg Morhof ^(1639-91) : deutscher Wissenschaftler und Dich-
ter. Sein umfangreiches Sammelwerk: »Polyhistor« (1 688-1707 in end-
giiltiger Gestalt) hat J. P. haufig zum Exzerpieren benutzt. In den Original-
ausgaben J.P.s wird der u. Z. 28 erwahnte Gelehrte Fortius stets in »For-
tins« verschrieben. - 3G Muse a belles fesses: analog zu » Venus a belles
fesses« gebildet. »Venus mit den schonen Hinterbacken« Iautete die franz.
Obersetzung des griechischen Beinamens »kallipygos«. So hieB auch eine
beruhmte Plastik des Praxiteles, die in mehreren Repliken erhalten ist.
S. 89,-24 g.G.: geKebts Gott!
S. 90, z 1 Spiefiglas (oder SpieBglanz) : das Antimon-Metall, das sich in
Antimon-Bluten auflost. - 1 9 blasonieren: (in der Heraldik) die Wappen
kiinstlich mit Gold ausmalen. -20 Mun^probation: Miinzprufung. - 32 J.
J. Rousseau: vgl. das 5. Kap. in Rousseaus Spatwerk "Reveries d'un pro-
meneur solitaire« von 1782.
S. 91,2.5 Baumannshohle: beruhmte Tropfsteinhohle im Harz, die 1670
von einem Bergarbeher namens Baumann entdeckt wurde.
S. 92,/ 2 Hesperidenfriichte: Nach der griechischen Sage bewachen die
1 1 52 ANMERKUNGEN
Hesperiden in einem Garten jenseits des Weltmeeres die goldenen Apfel
des Lebens.
S. 93, 19 Agioteur: Borsenspekulant.
S. 94,^ narrische Philosopken: vgl. Gullivers Reisen, 3. Tl., 5. Kap. —
30 der seraphische — der unwiderleglicke — der scharfsinnige : Bonaventura
trug den Beinamen eines "Doctor seraphkus«, Alexander von Hales den
eines "Doctor irrefregabilis« und Duns Scotus den eines »Doctor subtilis«.
S. 95, yf. nach Tristram und Wahher Shandy: vgl. Tristram Shandy IX,I3
und 1,19. - 8 Lavater: s. o. zu S. i$6>28. — 31 Rolfinken: Dazu fuhrt
Berend folgende Stelle aus Jochers "Allgemeinem Gelehrtenlexikon« an,
die sich auf den Jenaer Medizinprofessor Werner Rolfinck (1599— 1673)
bezieht: »Weil er fleiBig aufstellte, um Cadavera zur Anatomie zu bekom-
men, so baten sich die Malefikanten insgemein aus, daB sie nicht mochten
gerolfinckt werden.« — 32 Prosektor: Gehilfe des Anatomen, der die Leichen
zur Sektion vorbereitet. — 32 Augustin: Er fuhrte in seinem "Enchiridion**
alle Siinden auf das Essen der verbotenen Frucht im Paradies zuriick. —
34jener in einen Kirschkern Gesichter: Nach S. 6$2y2iff. befand sich in der
Preziosensammlung, die im griinen Gewolbe des Dresdener Zwingers auf-
bewahrt wurde, ein Kirschkern, in den ein Unbekannter 85 Gesichter ein-
geschnitten hatte.
S. 96,^ nach Popes Verse: vgl. Alexander Popes (1668- 1744) Lehrge-
dicht: "Moral Essays«,III, 127: »The crown of Poland, venal twice an age.«—
8 Weifiescher Kinderfreund : s. o. zu S. 13,4. — 24 Bewindheber (holl. be-
windhebber): Vorsteher der holl. Handelskompagnie. - 33 Reverberier-
laternen: groBe StraBenlaternen, bei denen das Licht von einem glanzenden
Metall reflektiert und verstarkt wird.
S. 97, 1 aus Voltaire: Zu dieser Stelle gibt Berend folgende Anmerkung:
"Voltaire spricht in einem Brief an die Marquise von Deffand vom 1. Nov.
1769 von einem Genfer Prediger, der sich mit 45 Jahren getotet habe;
>c'etait une maladie de famille: son grand-pere, son pere et son frere lui
avaient tous donne* cet exemple* (Oeuvres de Voltaire, 66. Bd., Paris 1833,
S. 79) DaB der Selbstmord immer im gleichen Alter erfolgt sei, ist daraus
nicht zu entnehmen.«
S. <)&,24ff. adeliger Triumphwagen : Bei den Triumphziigen der rom. Im-
peratoren stand auf dem rliicksitz des Triumphwagens ein Sklave, der dem
siegreichen Feldherrn standig zurufen muBte: »Bedenke, daB du ein Mensch
bist !«
S. 1 00, 13 Zainhammer (auch Zahnhammer): Werkzeug der Steinhauer.
S. 101 ,36 ein junger Phbnix: Der Vogel Phonix in der Sage verbrennt sich
alle hundert Jahre selbst und ersteht aus der Asche zu neuem Leben.
S. 1 02, 3 wie die Fran^osen: Nach der Revolution wurde in Frank-.
reich bekanntlich ein neuer Kalender eingefuhrt, der vom 22. September
1792 datierte. - 8 Pontak: herber franz. Rotwein aus der Gegend von
Medoc.
ANMERKUNGEN II53
S. 106,/ 3 wie Lessing behauptet: in seiner kleinen, theologischen Streit-
schrift: »Eine Duplik« von 1778, im 1. Stuck - 27 Rdndelmaschine : Mit ihr
wird an den Miinzen der gezackte Rand ausgepragt.
S. 107, 1 Teickdocke: der Deichzapfen, um das Wasser abzulassen. -
8 dieser \weite September: Am 2. September 1792 fanden in Frankreich die
beriichtigten Septembermorde statt.
S. 108, 3 1 Inkarnat: die rotliche Fleischfarbe in der Malerei.
S. 109,22 in die Stube: So verbessert bereits die erste Reimersche Ge-
samtausgabe. Die Kritische Ausgabe behalt »in der Stube« bei, da es nicht
ganz erwiesen scheint, ob es sich bei dieser Form in den beiden Original-
ausgaben wirklich um einen Druckfehler handelt.
S. 111,1 Pansterkette: die Kette an den Wasserradern einer Miihle.
S. ii2,j5 Joh. Nepomuk Hunciovsky (1752-98): Anatom und Professor
an der Wiener Mtlitarakademie, fur die er durch seine enorme padagogische
Begabung zahlreiche Schuler heranbildete.
S. 1 19, z 3 Potosi: eine durch unermeBliche Silbervorkommen ausgezetch-
nete Provinz-in dem span. Vizekonigtum Rio de la Plata. — 2 1 Palingenesie :
Wiedergeburt. — 30 Halbscheid: svw. Halfte.
S. 120,22 vidimieren: amtlich beglaubigen.
S. 122,2 Joh. Jak. Schmaufi (1690-1737): Rechtsgelehrter, gab in zwei
groBen Sammlungen 1722 das "Corpus juris ctvilis germanici« und 1730
das "Corpus juris gentium« heraus. - 30 torquieren: erpressen, auf die
Streckfolter legen.
S. 123,7 Engels verlorner Sohn: J. P. hat hier J. J. Engels (1741-1802)
seichtes Lustspiel: »Der dankbare Sohn« von 1770 im Auge. - 26 Con-
ringius de antiquitatibus academicis; Das angefuhrte Werk des Polyhistors
Hermann Conring (1606-81) erschien zuerst 165 1 und wurde noch 1739
neu aufgelegt. J. P. verdankte das Zitat vermutlich gleichfalls Happels
"Akademischem Roman«. — 34 Flachsenfinger Fiirst: vgl. das »Letzte" Ka-
pitel« im »Hesperus«. Die Anordnung bezieht sich auf die Zeit der Nieder-
schrift des »Quintus Fixlein«, denn der Roman, den J. P. fast stets wie hier
mit seinem Untertitel zitiert, war aber inzwischen naturlich vor der Idylle
erschienen.
S, 124,5 testimonium paupertatis ; Armutszeugnis. — 34 aus Lange: Hein-
rich Arnold Langes »GeistHches Recht der ev.-luth. Landesherren und ihrer
Untertanen«, 1786 aus dem NachlaC des Kirchenrechtlers herausgegeben,
war lange das angesehenste Handbuch seiner Art.
S. 125,5 ihr ein Goldstuck auf die Ehe gegeben: vgl. o. S. 116, z off. — 1 z a
latere-Legatin: Einen Nuntius a oder de latere nennt man einen bevoll-
machtigten Gesandten des Papstes.
S. 1 26, 5 wie der dumme Manutius: Gemeint ist Paulus Manutius (151 2-73),
der Sohn des venezianischen Verlegers Aldus Manutius. Seine in vielen
Jahren entstandene Sammlung: »Epistolae et praefationes« (1564) gewann
europaische Beruhmtheit. Die Notiz aus Pietro Scioppio (1547— 1600) zog
I 154 ANMERKUNGEN
J. P. seinesteils vermutlich wieder aus Pierre Bayles (1647-1706) beruhm-
tem »Dictionnaire historique et critique** (zuerst 1695-97).
S. 127,2 Passionsknochen: Die Knorpel am Kopf des Hechtes sollen nach
dem Volksglauben den Marterwerkzeugen Christi gleichen.— 2 undjBeset^-
und1 Streckteich : Teiche zum Aussetzen und zur Aufzucht der Fischbrut. —
z 3 Timoleon Ct"337 v. Chr. in Syrakus): griech. Feldherr aus Korinth. Sein
Geburtstag wurde nach Plutarch (Tim. 47) von ganz Sizilien feierlich be-
gangen, weil er die meisten Siege an diesem Tag erfochten hatte. — 1 6 sem-
per frei (urspr. : sendbar freQ : des hochsten Grades von Freiheit teilhaftig. -
23 Allodium: das Privatvermogen furstlicher Familien, auch der lehens-
freie Besitz eines Gutsherrn. — 2 3 Schatull-Geld: die Ertrage eines Gutes,
welche der kbniglichen Schatulle zuflieBen. — 28 Petermannchen: eine dem
WeiBpfennig ahnliche Art von Scheidemunze mit sehr geringem Wert.
S. 129,14 Donatschnitier : grober SprachverstoB gegen die Elementar-
regeln der Grammatik, genannt nach Aelius Donatus, einem bekannten
rora. Sprachlehrer des 4.Jahrh. — iS Kontuma^hduser ; Quarantanehauser
fiir Pestkranke. - 29 ff. Einladungsschrtft : Hier parodiert J. P. nach Berend
»bis in den Wortlaut hinein ein bei gleicher Gelegenhek verfafltes Pro-
gramm des biedern Konrektors Rennebaum«, das »0ber die Wichtigkeit
der Schulautoren« handelte. So entspricht etwa die Aufzahlungder Redner
ziemlich genau der Vorlage. - 33 Veit Ludwig v. Seckendorff (1626-92):
Historiker undTheologe. Aus seinem NachlaB erschien 1692 ein »Commen-
tarius historicus et apologeticus de Lutheranismo« (3 Bde.).
S. 1 30, 29 wahrscheinlichen: Bezug unklar, erg. vielleicht »Verdienste«.
S. 132,7 Burchardt Grofimann: Das vielgesungene Lied aus GroBmanns
Sammlung: »Angst der Hellen und Friede der Seelen« von 1623 beginnt
richtig: »Brich an, du lieber Morgen!«. - i5 Augarten: ein unter Ferdi-
nand III., errichteter und unter Joseph II. im englischen Stil umgestalteter
und dem orTentlichen Besuch zuganglich gemachter Lustgarten infWien. -
22 Kennikottischer Varianten-Almosensammler : Der engl. Theologe Ben-
jamin Kennicott (1718-83) veranstaltete mit einer groBen Schar von Mit-
arbeitern in den Jahren 1776-80 eine Ausgabe des A.T. mit den Varianten.
Doch gelang es ihm nicht, die gesuchte Urgestalt des Textes iiberzeugend
herzustellen, so daB er viel Tadel, Ablehnung und Spott erfahren muBte.
S. i34,j2# Joachim Heinr. Campe: s. o. zu S. 33,joJf. Er bemuhte sich
als Sprachforscher um eine durchgreifende Bereinigung der deutschen
Sprache von Fremdwortern und geriet dabei in vielen Fallen an die Grenze
des Lacherlichen und Abgeschmackten. Spater hat jedoch J. P. in der »Vor-
schule der Asthetik« §84 auch die Verdienste Campes gelten lassen.
S. 136,22 vomissement de la reine: wohl ahnlich wie »caca du Dauphin**
gebildet, eine Farbbezeichnung fiir ein dunkles Braun.
S. 137,4 Neue allgemeine deutsche Bibliothek: s. o. zu S. 20,25.
S. 139,2 Bakel: Schulstock. - 3 Neperische Stabe: Rechenstabe. - 4 vier
Species; die vier Grundrechnungsarten in der Arithmetik.
ANMERKUNGEN 1 1 55
S. 140,70 regula falsi: »Regel des Falschen« (erg. Ansatzpunktes). Rech-
nungsverfahren zum Losen von Gleichungen. Man setzt eine ungenaue
(»falsche«) Losung und kommt durch schrittweises Verbessern des Fehlers
zum richtigen Ergebnis. — 24 homiletisch: kanzelrednerisch.
S. 141,19 Quaterne: s. o. zu S. 12,2. - 21 Quinterne: s. o. zu S. 12,2.
S. 142,6" vierfache Erinnerung: Die erste gilt dem verstorbenen Senior
Astmann. - 23 Ring der Ewigkeit: s. u. zu S. 177,2$. - 31 Braut- oder
Kammerwagen: Wagen, auf dem das Hochzeitsgut dem Brautigam ins
Haus gebracht wird.
S. 143, 4 Wagen deiner Psyche: Dem Bild liegt die bekannte Darstellung
der Psyche aus Platos »Phaidros« zugrunde, die J. P. hier wie an andern
Stellen abgewandelt nachbildet.
S. 144, 1 sLagerhaume; Gestelle zum Aufbewahren von Bier oder Wein. -
2$ der Ritter Michaelis: Darunter ist der als Orientalist damals weltbe-
riihmte ev. Theologe J oh. David Michaelis (1717-91) zu verstehn.
S. 145,7-2 Senftische Gebriider: eine kleine Verlagsbuchhandlung, die
einen alljahrlich erscheinenden Kalender mit schlechten Kupfern und Ka-
lendervorhersagen (Kalender- Praktika) herausbrachte.
S. 146,5 iwei gewundene Horner star re ten iwischen einer steifen Trompete:
Der Satz ist jedenfalls in Unordnung, ohne daB eine Sinnverkehrung diese
Verwirrung verbessern konnte. Verstandlicher ware: »Eine Trompete zwi-
schen zwei Hornern«, wie es Berend vorschlagt, doch widerspricht dieser
Verbesserung der Nachsatz: »wie Fragezeichen zwischen Ausrufungszei-
chen.w — 28 diefiihrende Feuer-Saule: vgl. 2. Mose i3,2off.
S. 155,77 Trokar: anatomisches Instrument, urn durch den Einstich
Fliissigkeiten aus dem Korper zu ziehen.
S. 156,70 revenant: eigtl. Erscheinung, Gespenst. — 70 ichnographisch:
durch den Scherenschnitt. — 20 Louvre: hier allgemein: »SchloB«. — 24 An-
ton Friedr. Busching (1724-93): Begriinder der neueren Geographic Seine
»Neue Erdbeschreibung«, 1754 begonnen, war noch bei seinem Tode un-
vollendet. Ein ahnlicher Scherz findet sich im 1 1. Sektor der »Unsichtbaren
Loge« und geht dort wieder auf den Romancier J. K. A. Musaus (1735-87)
zuriick. Vgl. das 4. Heftlein in Musaus' »Physiognomischen Reisen« (1778
bis 79). — 31 Lukasiettel: s. u. zu S. 441,5.
S. 157,77 Wintergeschichte der vier russischen Matrosen auf Nova Zembla:
Dazu merkt Berend an: »Gemeint ist jedenfalls die in der >Histoire des
Naufrages< von I. L. H. S. Deperthes (Paris 1790) erzahlte Geschichte des
russ. Matrosen Alexis Himkof und seiner drei Kameraden, die 1743 an ^er
Ostkiiste von Spitzbergen ausgesetzt wurden und sechs Jahre dort aushar-
ren muBten.« - 22 Stadtchronik von Flachsenfingen : Vermutlich ist die Hofer
Stadtchronik des Enoch Widmann gemeint.
S. 158,20 Ktapperstein: dient in der Volksmedizin als Amulett fur eine
gliickliche Geburt. - 23 Giuseppe Gorani (1744-1819): it. Diplomat und
Schriftsteller. Die Anekdote entnahm J. P. vermutlich seinem Werk:
1 156 ANMERKUNGEN
"Memoirs secrets et critiques des Cours, des Gouvernements et des Moeurs
des principaux etats d'ltalie" (3 Bde. 1793), das schon 1794 in zwei deutschen
. Obertragungen erschienen war.
S. 161, 2y Hundsposttag : s. o S. 123, 34 und die Anmerkung.
S. 162, 19 Evangelium vom guten Hirten: Das Gleichnis bei Joh. 10,12-16
dient als Evangelientext fur den Sonntag »Misericordias Domini", der 1794
auf den 4. Mai fiel. — 33 Klosterpro^efi : Das Ordensgeliibde.
S. 163,20 Abernetky; Berend verweist als Quelle auf den »Gottinger
Taschenkalender fur 1795", S. 121.
S. 166,12 Legestachel: Legerohre bei manchen Insekten, durch die sie
ihre Eier legen. — 18 Schliefiquadratchen : bei den Buchdruckern der vierte
Teil eines Quadrates, mit dem man die Zeilen ausschlieCt.
S. 167, 3 Kammeriieler : seit 1548 Steuer fur das Reichskammergericht
in Wetzlar.
S. 169,^0 Kammerkerrnschliissel: Zu den Abzeichen der Wiirde eines
Kammerherm gehorten neben den drei sog. Kammerherrnknopfen auch
der Schliissel und der Stab.
S. 170,/ 9 Christi Statue in Rom: Gemeint ist die Statue des auferstandenen
Christus in S.Maria sopra Minerva. — 24 das griechische Feuer: bereits im
Altertum bekanntes Kriegsmittel, das im Seekampf gern verwendet wurde,
da dieses Feuer auch durch die Beriihrung mit dem Wasser nicht geloscht
wird.
S. 171, z j Nutritor: wie Kurator Bezeichnung fur ein hohes akademisches
Amt.
S. 174,31 Fischhamen: Fischreuse.
S. 175, u nurnbergische Konvertitenbibliothek ; sicher Anspielung auf eine
Erbauungsschrift der Zeit. Doch war es nicht moglich ein Buch dieses Titels
ausfindig zu machen. - / 6 Palais Royal: das von Richelieu errichtete Stadt-
schloB, das spater den Herzogen von Orleans als Residenz diente. Das Ori-
ginal der erwahnten Uhr, von dem sich auch im Ludwigsburger SchloB
eine Nachbildung erhalten hat, befand sich in Versailles. - 30 physiogno-
mische Reisen: Anspielung auf den o. zu S. 156,24 erwahnten Roman von
Musaus.
S. 176,22 als der hdfyerne Taufengel niedergeflogen : altertiimlicher, heute
fast nur noch in Italien iiblicher Kirchenbrauch.
S. i77y28 Schlange der Ewigkeit: Als Quelle fiir dieses bei J. P. haufig
wiederkehrende Bild diente vermutlich die Stelle aus Herders Aufsatz:
»Persepolis. Eine MutmaBung«, der 1787 in der 3. Sammlung der »Zerstreu-
ten Blatter« erschienen war: »Er [der Ring] ist bei alien morgenlandischen
Nationen das Bild der Zeit oder Ewigkeit, zu deren Symbol man nichts als
den Zirkel, Ring, Reif oder eine in sich zuriickkehrende Schlange oder
endlich die Kugel wuftte.«
S. 179,5 ihn: mundartlich bedingte Verwendung des Akkusativs fiir den
zu erwartenden Dativ.
ANMERKUNGEN 1 1 57
S. 181,34 Herman Boerhaave (1668-1738): bedeutender Arzt und Ana-
tom, der Lehrer August v. Hallers in Leyden. Er gilt als Begrunder der
modernen Physiologic
S. 1 82, j j Fallhut: Ihn setzte man ldeinen Kindern auf, damit sie sich
beim Hinfallen nicht verletzten. — 29 sich harten: Imperfekt von »sich
haren«, die Haare verlieren.
S. 183,-2.9 wie Hishias Sonnenuhr: Um dem Konig Hiskia ein Zeichen zu
geben, HeB Jesaias die Sonnenuhr im Palast zehn Stufen zuriicklaufen, vgl.
2. Kon. 20.
S. 184,25 Hommelsche Plapperei: s. o. zu S. 82,2/. — 28 Meftprasente:
Sie wurden bei einem erfolgreichen AbschluB der Messe verteilt.
S. 185, zj7 Domitian: vgl. Sueton, Dom. 3.
S. i86,25 Joh. Kaspar Lavater (1741— 1801): ev. Theologe, Erbauungs-
schriftsteller, Begrunder der Physiognomic Er veroflentlichte 1774 ein
kleines Bandchen: »Vermischte Gedanken; Manuskript fiir Freunde; her-
ausgegeben von einem unbekannten Freund des Verfassers.«
S. 187,27 apokalyptischer Drachen: vgl. Apokal. 12,46°.
S. 188,2 Horai: Er fordert in seiner Epistel: »de arte poetica« (v. 388-89):
>monumque prematur in annum / membranis intus positis.« (Neun Jahre
halte es unsichtbar und laB die Handschrift eingeschlossen ruhen.) —
10 Konfekttischchen: vgl. J. G. KeyBIers »Neueste Reisen durch Teutsch-
land . . . die Schweiz, Italien und Lothringen«, (Ausgabe von 1740), Bd. 2,
S. 1421.
S. 195,2 natilrliche Magie: Anspielung auf den Titel des beriihmten
Werkes: »Joh. Nikolaus Martius* Unterricht in der nattirlichen Magie . . .
umgearbeitet von Joh. Chr. Wiegleb« von 1779. Das Buch wurde bis 1805
in zweiter Auflage als ein riesiges Korpus von 20 Bdn. ediert. - ijsensorium
commune: Gehirnzentrum, in dem alle Sinneswahrnehmungen zusammen-
treffen. - i5 Claude Adrien Helvetius (1715-71): franz. Philosoph, erklarte
sich in seinem Hauptwerk: »De resprit« (i7$8)4entschieden und radikal fiir
einen hedonistisch gefarbten Sensualismus und griindete darauf wesentlich sein
philosophisches System. - 27 Musivmalerei: Darstellung in Mosaikmanier.
S. 196,^2 bekanntes: Die erste Auflage setzt dafur einleuchtender »un-
bekanntes«, vielleicht ist das »un-« in der zweiten Auflage nur versehentlich
ausgefallen.
S. 197,-; Isolatorium: Gerat bei elektrischen Versuchen, um den Rapport
(die Beriihrung) des Mediums mit dem Boden zu verhindern.
S. 198, 2# La^arus-Orderi: s. o. zu S. 220,36. — 29 Gays Bettleroper : John
Gay (1685-1732), engl. Lyriker und Essayist, schrieb 1728 die Parodie:
»The Beggars Opera«, die einer der groCten Theatererfolge in England
wurde.
S. 199,5 Gefinerische Idyllen-Ideale: Der Schweizer Kupferstecher und
Dichter Salomon Gefiner (1730-88) bildete mit seinen »ldyllen« (1756^)
zuerst die literarische Kunstform der Idylle aus.
II 58 ANMERKUNGEN
S. 200, 2 3 Pappelinsel: kleine versteckte Insel im Park von Ermenon-
ville bei Soissons. Auf ihr wurde Rousseau nach seinem Tode bei-
gesetzt. - 36 Anmerkung: Das Zitat aus den »Mumien« ist dem
20. Sektor der »Unsichtbaren Loge« entnommen (vgl. Bd. 1 unserer
Ausgabe S. 174^-)-
S. 201,2 Kant: vgl. Kritik der Urteilskraft § 26 : »Erhaben ist also die Natur
in derjenigen ihrer Erscheinungen, deren Anschauung die Idee ihrer Unend-
lichkeit bei sich fuhrt.« - 23 Herkules-Sdulen (columnae Herculis): nach
antiker Auffassung verschiedene Erderhebungen an den Endpunkten der
Welt, die Herkules dort auf seinen Wanderungen errichtet hatte. Im beson-
deren verstand man darunter die beiden Gebirgsziige an der Meerenge von
Gibraltar.
S. 202, i wie schon Herder bemerkt: vgl. Zerstreute Blatter, 1. Sammlung
1785, S. 236f.
S. 203,.9 Suiter: vgl. seine »Allgemeine Theorie der schonen Kunste«,
Art.: »Ahnlichkeit«. - 19 kuri das Idealische: Dazu verweist Berend auf die
folgende Stelle in Kants »Kritik der Urteilskraft« §51 : »Wie aber bildende
Kunst zur Gebardung in einer Sprache . . . gezahlt werden konne, wird
dadurch gerechtfertigt, dafl der Geist des Kiinstlers durch diese Gestalten
von dem, was und wie er gedacht hat, einen korperlichen Ausdruck gibt
und die Sache selbst gleichsam mimisch sprechen macht: ein sehr gewohn-
liches Spiel unserer Phantasie, welches leblosen Dingen ihrer Form gemaB
einen Geist unterlegt, der aus ihnen spricht.«
S. 204, 1 3 ein gebildeter Apollos- und ein gemalter Jokanneskopf: J. P. denkt
dabei an den Kopf des Apoll von Belvedere und an Leonardos Spatbild des
Johannes des Taufers im Louvre. — ly Tithon: nach der zuerst in den
homerischen Hymnen IV,2i8ff. angedeuteten Sage.
S. 206, 1 o commixtio undconfusio: Vermischung und Verschmelzung gal-
ten in der proculejanischen Rechtsschule im alten Rom als legale Erwerbs-
moglichkeiten {modi adquirendi), Beide Termina fanden Eingang in das
Corpus juris des Justinian. - 14 accessorium: Beiwerk, Beigabe. - 26
mutschierungsweise : teilungsweise. Mutschierung nennt man in der alteren
Rechtssprache die vertragliche Teilung des Besitzes und des Genusses von
Stammschlossern. - 26 Jupiter: vgl. IHas XXIV,$27f.
S. 207,5 das grofite Ungliick: Ein Kirchhofsbesuch an BuBtagen bringt
nach dem Aberglauben Unheil. - 23 Exordium: Eingang bei Predigten.
S. 209, 3 3 memento mori-Orden: die Kartauser. — 36 Beerdigung der
magna charta : Als Quelle verweist Berend auf das von J. P. auch sonst
haufig benutzte Buch von J. Archenholz: ^England und Italien« (1785),
r. TL, S. 461.
S. 210,2 der alte Publicist Reichsherkommen: J. P. notierte sich in seinen
Exzerpten aus Bielfelds »Staatsrecht« III die Anekdote: »Ein franz. Schrift-
steller hielt das Reichsherkommen, auf das man sich in offentlichen Urkun-
den immer beruft, fur einen groBen Gelehrten im Staatsrechte, der Herr
ANMERKUNGEN 1 1 59
Herkommen hieBe usw.« - Der Name findet sich auch im i.Heft der er-
wahnten »Physiognomischen Reisen« von Musaus (vgl. dort S. 46 der
2. Aufl.). — 14 sptanchnologisch : Splanchnologie ist die Wissenschaft von
den Eingeweidewiirmern. — 1 8 Beit^opf: Ledergurt, um sich das Aufstehen
aus dem Bett zu erleichtern. - z5 Labarum: die rom. Kriegsfahne mit dem
Kreuzzeichen, die unter den spateren Kaisern seit Konstantin eingefuhrt
war. - 34 Kaiser Vespasian: Dieser starb an einem Darmleiden, bei dem
ein Durchfall die vollige Ahnahme seiner Krafte verursacht hatte. Vgl.
Sueton, Vespasian 24.
S. 212,7 Apostel: Bei einer Apellation wurden die Berichte des Unter-
richters an die nachsthohere Gerichtsstelle »ApostoIi« genannt. - 24 Judex
a quo und Judex ad quern : die betden Gerichtsstellen im Apellationsprozefi. —
2$Lavaters Tierstucke: Lavater handelt an mehreren Stellen seines Haupt-
werkes, der »Physiognomischen Fragmente« (1778 ff.), von der Ahnlichkeit
mancher Gesichtsziige zwischen Mensch und Tier.
S. 213,6" Joh. Georg Ritter v. Zimmermann (1728-95): medizinische
Zelebritat. Seine Abhandlung: »Ober die Einsamkeit« (1784 in endgiiltiger
Form) hatte ihm fruh literarischen Ruhm eingebracht. Er lebte bis zu seinem
Tod als Leibarzt des engl. Konigs in Hannover. — 22 Re^idiv; wieder-
kehrender Anfall. - 27 Durchmarsch der Ungarn: s. u. zu S. 248,4.
S. 214,7 Barnabas-Tag: 11. Juni.
S. 217,7 Velutierung ; Samtbespannung.
S. 220,6" plethorisch: wassersuchtig. — 13 bossieren: in Stein bilden. —
36 ein gottlicher Mensch: Der heilige Vinzenz von Paul (1 576-1 660), der
Stifter des Lazarusordens, widmete die sen Orden und sein ganzes Leben
der Rettung und Befreiung christlicher Sklaven.
S. 222,/ 3 clausula salutaris: abschlieBende, hofliche GruCwendung in
Briefen.
S. 223,5 iweimal umgeschrieben: Die erste Niederschnft erfolgte wohl
im Sommer 1790, bei der letzten Bearbeitung vom Marz 1795 fiigte J. P.
diese letzten Abschnitte und die »Physische Note iiber den Zitteraal« hinzu.
S. 225,5 das Senfkorn des Glaubens: vgl. Matth. 17,20 und Luk. 17,6. —
12 wie Lessing: Berend zitiert zur Erklarung aus Friedr. Heinrich Jacobis
(1743-1819) Schrift: »Ober die Lehre des Spinoza« die folgende Stelle aus
einem Brief (vom 1. Aug. 1784) des Moses Mendelssohn: »Er [Lessing]
war gewohnt, in seiner Laune die allerfremdesten Ideen zusammen zu
paaren, um zu sehen, was fur Geburten sie erzeugen wurden. Durch dieses
ohne Plan hin und her Wiirfeln der Ideen entstanden zuweilen ganz sonder-
bare Betrachtungen, von denen er nachher guten Gebrauch zu machen
wuflte.«
S. 226,20 Fechser: aufgepfropfter Reben schooling.
S. 227,77 Prima (plana): Chargen einer Kompanie, die nicht in Reih
und Glied stehen mufiten. — 29 wie Hogarth : Vom jungen Hogarth erzahlt
man sich, er habe bei seinen Streifziigen durch die Elendsviertel und Hafen-
Il6o ANMERKUNGEN
spelunken von London haufig seine Skizzen unbemerkt auf die Fingernagel
zeichnen miissen, um sich vor den heftigen Reaktionen seiner zu wohl
getroffenen Modelle zu sichern.
S. 228,30 Chr. Gotthilf Sal^mann (1744— 181 1): aufklarerischer Pad-
agoge, stiftete 1784 nach dem Beispiel des dessauischen, 1774 von Basedow
gegriindeten Philanthropinums das Schnepfenthaler Erziehungsinstitut. J. P.
las zur Zeit der Niederschrift seiner Geschichte die 6 Bde. der »>Reisen der
Salzmannischen Zoglinge« (17840*.). — 30 Weifie: Die Originalausgaben
setzen dafiir »Weise«, doch ist wohl kaum an den Zittauer Schuldirektor und
Dichter Chr. Weise, sondern wieder an Chr. Felix WeiBe (s. o. zu S. 13,4)
zu denken. Berend vermutet eine Anspielung auf dessen »Ausfuhrungen
uber den Nutzen des Reisens fur die Jugend« im »Briefwechsel der Familie
des Kinderfreundes«, 9. Tl. (1789), S. 23 iff.
S. 229,2 Gangelwagen: Laufgestell fur kleine Kinder. - 11 Apharesis,
Synhope usw.: Ausdriicke der Einschrankung und der Erweiterung aus
der Rhetorik. — ij Ballei: Ordensprovinz. - 22 nach dem pythagoreischen
System .-Die Py thagoreer glaubten an eine kreisformig sich wiederholende
Seelenwanderung.
S. 230, 3 Lukubrieren: gelehrtes Nach tarbei ten. — 12 Badine: Spazier-
stock. — j 1 frere servant: dienender Bruder, der in den Freimaurerlogen die
niederen Arbeiten verrichtete, ohne vollgiiltiges Mitglied zu sein.
S. 231,6" homannische Karten: Die Landkarten des Kupferstechers und
Geographen Joh. Bapt. Homann (1663-1724) wurden bis in J.P.s Zeit
haufig nachgestochen. - /p Palast des Nero: Die »doiiius aurea«, das
Goldene Haus des Nero, 64 n. Chr. nach dem Brande Roms erbaut, be-
deck te mehr als anderthalb Quadratkilo meter, so dafi in Rom das Witzwort
umlief : »Rom wird ein einziges Haus. — 3 1 Mediateur: Mittler, Schieds-
richter.
S. 232,5 die Odyssee und das Buck Tobias: Bekanntlich wird Odysseus
bei seiner Heimkunft nach Ithaka von seinem alten Hund als einzigem
wiedererkannt, vgl. Odyssee XVII,29ofT.; Tobias wird gegen den jiidi-
schen Brauch auf seiner Reise von seinem Hund begleitet, vgl. Tob. 5,17. -
10 Gato- und Onoskia-Machie: Lope de Vega verfaOte 1597 ein kleines
Epos uber den Katzenkrieg (Gatomachia) ; der schon der Antike uberlieferte
Streit um des Esels Schatten (Onoskiamachie) ist am bekanntesten aus dem
3. Tl. von Wielands »Abderiten« (1781). — j5 Neger-Handelsherr : Das
Motiv, das bei J. P. ofters wiederkehrt, ist dem Buch: »Erzahlungen von
den Sitten und Schicksalen der Negersklaven« (von L E. Kolb) von 1789
entnommen.
S. 233,5 Cicero: Als Quelle diente eine Bemerkung in Sulzers (s. o. zu
S. 20,6") "Allgememer Theorie der schonen Kiinste«, vgl. dort den Art.
»Scherz« : »Der nuchterne, zu den groCten Geschaften tiichtige Cicero konnte
mit Recht iiber den unwitzigen Antonius, der sein Leben in Schwelgerei und
lustigen Gesellschaften zugebracht hatte,spotten.«— 1 z Schnurren, Schnacken
ANMERKUNGEN TT6l
und Charakter^uge: Titel einer Schrift von J. J. v. Hagen, die dieser in
3 Tin. 1783-86 erscheinen lieG. - 16 falbeln: svw. falteln. - 28 Traiteur:
Wirt, Garkoch.
S. 234,6" Sturms Betrachtungen der Natur; Seine zweibandigen, als Er-
bauungsbuch verbreiteten » Betrachtungen iiber die Werke Gottes im Reiche
der Natur und der Vorsehung« erschienen 1772. Die nachfolgenden Zitate
stimmen nach Berend bis auf Geringfiigigkeiten mit dem Original iiberein.
S. 235,2 3 Soloiismen: Miflgeburten, Sprachfehler. - i4peccata splendida:
glanzende Fehler. So nannte Augustin die verdienstlichen Werke der Heiden
und Unglaubigen. - 14 Patavinitat: bauerliche Redeweise, nach der un-
romischen Diktion des rom. Historikers Livius, der aus Padua stammte. —
z 8 Stiftshutte eines kunftigen Tempels:vgl. 1 Chron. 28,nff.- 31 Pyramide:
In ihr verbarg sich vermutlich ein Abtritt, vgl. o. S. 294,26".
S. 237,^5 S. T.: sui tituli. - 36 Christoph Girtanner (1760-1800): Arzt
und historischer Schriftsteller. Er war allgemein verhaGt durch seine reak-
tionaren und oftmals verfalschenden »Historischen Nachrichten und poli-
tischen Betrachtungen iiber die franz. Revolutions 17918". ~ 3 6 Leopold
Aloys Hofmann (1 746-1 806): beriichtigter Denunziant und Winkeljour-
nalist aus Wien,.gab 1792 die »Wiener Zeitung« heraus, in der er versteckt
und offen gegen die aufklarerischen Tendenzen und Ideen der Revolutions-
zeit zu Felde zog.
S. 238, j Myrmidonen: Der Sage nach stammten sie von den Ameisen ab. -
6* mein reisendes Schnepfenthal ; s. o. zu S. 228, 30. - 31 Joh. Aug. Hellfetd
(1717-82): Jurist und Rechtshistoriker, dessen "Jurisprudent forensis se-
cundum ordinem pandectorum« (zuerst 1764) lange Jahre als Handbuch
an den Universitaten verwendet wurde.
S. 239,2 primus adquirens: erster Besitzer oder Besitzanwiirter. — 5 Hy-
steronproteron: »Hinterst-Zuvorderst« (Goethe), eine grammatische Figur,
der die Verkehrung der richtigen Reihenfolge im gedanklichen Ausdruck
zugrunde Hegt. - 12 Thomas Paine (1737-1809): aus England gebiirtiger
Publizist, der 1790 in seinem Buch »The Rights of Man« (2 Bde.) die franz.
Revolution gegen Edmund Burke verteidigte. - 13 Haselant: HasenfuB,
auch Possenreifier.
S» 240,2 CamerariuSy Minellius usw.: Zu dieser Namenshaufung vgl. o.
zu S. 82,2 1. — 2$ Bachische Finger- und Fiifiesetqung: Carl Phil. Emanuel
Bach (1714-88), der "Berliner Bach«, verfafite 1753-62 in 2 Tin. einen be-
deutenden »Versuch iiber die wahre Art das Clavier zu spielen«, dem aber
kein Teil iiber das Orgelspiel beigegeben ist-
S. 241,23 peccieren: spotten, argern.
S. 243,5 Otaheiti: eine der Gesellschaftsinseln. Die Kenntnis der Insel
verdankt J. P. im wesentlichen Joh. Georg Forsters »Reise um die Welt in
den Jahren 1772-75" (dt. 1778-80). Otaheiti wird haufig erwahnt und be-
zeichnet bei J. P. ein Paradies nach Rousseauschem Geschmack.
S. 244, # wie der grofie Themistokles ; Als Eurybiades den Themistokles
Il62 ANMERKUNGEN
mit einem Stock bedrohte, sagte dieser zu ihm: »Du magst mich schlagen,
doch hore mich an!« - 14 Xenophontiscke Armee: Nach dem Tod des jiin-
geren Kyros fuhrte Xenophon einen Teil des Heeres unter unsaglichen
Strapazen von dem gescheiterten Feldzug zuriick. ~ 2 5 Sturmvoget: Er gilt
an der See als Wetterprophet.
S. 245,76" Valerius Maximus: rom. Geschichtsschreiber im 1. Jahrh. n.
Chr., schrieb »Factorum dictorumque memorabilium libri IX«, deren mani-
rierter Stil ihm ein zweifelhaftes Ansehen brachten.
S. 247, 2 versio interlinearis : Obersetzung zwischen den Zeilen. — 5 Mau-
pertuis: In seinen »Lettres philosophiques« (neue Aufl. 1768) schlug der
franz. Physiker und Philosoph Pierre Louis de Maupertuis (1 698-1 759)
die Griindung einer lat. Gelehrtenstadt vor. - 9 vier^ig eigne Stadte: vgl.
4 Mose 35,<5f., wo aber von 44 Stadten die Rede ist. — 36 nach Biisching:
vgl. Biischings »Erdbeschreibung«, 7. Bd. (7. Aufl. 1790), S. 912.
S. 248,4 ein Hangar: Im Oktober 1790 waren mehrere kaiserliche Regi-
menter, diezur Unterdruckung der niederl. Revolten abkommandiertwaren,
durch die Oberpfalz marschiert. — 24 Priscianus von Caesarea (urn 500 n.
Chr.) : der bedeutendste Grammatiker der Spatantike, dessen »Institutiones
grammaticae« in ihrer Anlage und Terminologie alle folgenden Werke
uber Grammatik bestimmten.
S. 249,6" Warlimini: Die Originalausgaben setzen hier »Warlinimi«, Z. 19
hingegen »Warlimini«. Wir folgen bei unserer Konjektur der Kritischen
Ausgabe. — i5 Terne: s. o. zu S. 12,2 — 16 Kranium: Schadeldecke. —
24 Schustak: kleine ung. Scheidemiinze. - 24 Lausewen^el: schlechte, bil-
Hge Tabaksorte.
S. 250,2 6 jeder weiche Mensch: Berend weist hier zurecht auf die enge
Verwandtschaft dieser Szene in Stimmung und Ausdruck mit der Maria-
Episode in Sternes »Tristram Shandy« hin (vgl. dort IX,24). Die SchluC-
worte, die J. P. in der Kleinen »Nachschule zur Vorschule der Asthetik« § 16
alsBeispiel des Riihrenden anfuhrt, decken sich beinahe wortlich mit unserem
Satz: »denn eben den Augenblick nahm sie ihre Flote und erzahlte mir
damit eine solche Geschichte des Jammers, daB ich aufstand und mit schwan-
kenden Schritten langsam nach meinem Wagen ging.«
S. 251, 3$ Didos-Kuhhaut: Dido sollnach der Sage vom Konig von
Karthago so viel Land zugewiesen bekommen haben, als sie mit einer Kuh-
haut bedecken konne. Darauf zerschnitt sie die Haut in diinne Streifen und
umsaumte damit einen grofien Teil Landes. - 35 Idiotihon: Mundartworter-
buch. L
S. 252,21 Platos Diktum: J.P. denkt vermutlich an die Gegeniiberstel-
lung des Gerechten. und des Ungerechten in Platos »Staat«, wo aber diese
Meinung dem Gegner Glaukon in den Mund gelegt wird. Vgl. Staat 11,5. _
29 indignatio facit versus: »Die Emporung gibt die Verse ein.« Frei nach
Juvenals »Satiren« 11,79: »Si natura negat, facit indignatio versum.« -
j5 Wolf: Darunter ist der beriihmte aufklarerische Philosoph und Mathe-
ANMERKUNGEN 1 163
matiker Christian v. Wolff (1679-1754) zu verstehn. - 36 Abraham Gott-
helf Kestner (1719-1800): Professor der Mathematik in Gottingen.
S. 253,24 wie der dltere Plinius: Er kam beim Ausbruch des Vesuvs in
Herculanum urns Leben, als er versuchte, die Eruption aus unmittelbarer
Nahe zu beobachtem - 28 Manumission: bei den Romern die Freilassung
eines Sklaven; spater auch ein im Kampf fur die Freiheit der Neger-Sklaven
in Amerika gebrauchlicher Ausdruck. - 29 Kornut: Halbgeselle, hier svw.
Lehrling.
S. 255,24 {Wetter- J Prophet: J. P. hielt sich viel auf seine Kunst der
Wettervorhersage zugute. — 32 nach Kant: allgemeiner nach dem Kanti-
schenSystem.
S. 256,5 Joh. Theodor Helfrecht (geb. 1752): Rektor des Hofer Gym-
nasiums. Er gab erst 1799 seinen»Versuch einer geographisch-mineralogischen
Beschreibung des Fichtelgebirges« heraus, hatte diesen aber schon lange
vorher angekiindigt. — 12 Pindus: Gebirge im nordlichen Griechenland,
die Grenzscheide zwischen Thessalien und Epirus.
S. 258,2 Postskript: zu dem »Billett an meine Freunde«. — 20 Schlag-
schati: Munzabgabe fur das Recht, eigene Miinzen zu pragen. — 22 Semilor:
goldahnliche Kupferlegierung zu Schmucksachen. — 27 Fidgets Bemerkung:
vgl. Flogels »Geschichte der komischen Literatur« 1. Bd. (1784), S. 124.
S. 25 9, 3 Ensoph: mystischer Name fur das hochste gottliche Wesen in
der Kabbala. — ly Danaiden: Sie muflten nach der antiken Sage Wasser
in ein durchlochertes Fafi schopfen. — 19 Wagen meiner Psyche: s. o. zu
S. 143,4. - 34 du Geliebter: Gemeint ist Georg Christian Otto (1763-1828),
der Freund und langjahrige literarische Ratgeber des Dichters.
BlOGRAPHISCHE BELUSTIGUNGEN
Nach dem Abschluft des »Quintus Fixlein« versuchte sich Jean Paul in
einem ersten Anlauf an der lan^e vorbereiteten Niederschrift des »Titan«-
Romans, die er jedoch nach den ersten Versuchen zugunsten eines neuen
Planes wieder aufgab: den der »Blumen-, Frucht- und Dornenstiicke«, der
Biographie des Armenadvokaten Siebenkas. Fast aus der gleichen Zeit
(vom 16. April 1795) stammen auch die ersten Aufzeichnungen zudem vor-
liegenden Fragment. Die »Biographischen Belustigungen« sollten urspriing-
lich als Episode in den »Titan« Eingang nnden und bilden eine Art Vorstufe
im »italienischen« Geschmack zu diesem Werk. Zwischen burleskem und
hohem Stil schwankend, noch uneinheitlich und unsicher in der Tonlage,
bedurfte Jean Paul mehr als eines Ansatzes, ehe das Bruchstiick seine heu-
tige Form erreichte. Die endgultige Niederschrift der sechs Kapitel erfoigte
dann im Juli und August 1795, Mitte September ging das durchgesehene
Manuskript an Carl MatzdorfT nach Berlin ab, und Jean Paul wandte sich
mit neuem Nachdruck der Arbeit an den »Blumen-, Frucht- und Dornen-
I 164 ANMERKUNGEN
stiicken« zu. Der zweite, locker oder gar nicht angefugte Teil des Band-
chens, der Appendix iiber die "Salatkirchweih in Obersees« wurde im
Februar 1796 in einer Schaffenspause der Arbeit am »Siebenkas« niederge-
schrieben und nachgeliefert. Das schmale Bandchen erschien noch zur Friih-
jahrsmesse des gleichen Jahres und fand allenthalben ein lebhaftes Echo.
Obgleich Jean Paul haufig um eine Fortsetzung gebeten wurde, fand der
Dichter jedoch, seiner Versprechungen ungeachtet, weder Lust noch MuBe,
sich diesem Geschaft zu widmen. Eine Neuauflage ist zu seinen Lebzeiten
nicht mehr erschienen.
S. 265,6" Spiefiens Mun^belustigungen usw.: J. J. Spiefiens »Brandenburgi-
sche Munibelustigungenu erschienen 1768-74 in 5 Tin.; Aug. Joh. Rosel
v. Rosenhof (1705-59), Zoologe und Kupferstecher, veroffentlichte seit
1746 die »MonatIich herausgegebenen Insekten-Belustigungen« (2 TL); iiber
Brunnenbelustigungen s. o. zu S. 11,3 1. — 10 Rest des Titels: s. o. S. 2916°.
S. 269,23 Flachsenfingen : s. o. zu S. 20,26".
S. 270,7 Besemen: dialektische Nebenform zu »Besen«.
S. 271,75 Hundsposttage : s. o. zu S. 123,3.4. Der »Hesperus« betrog die
Erwartung seines Verfassers und erschien erst nach der Messe im Sommer
1795-
S. 272,25 Kaiman: Alligatorart. — 28 Legestachel : s. o. zu S. 166, 1 2. —
30 Kriiniti: Gemeint ist Joh. Georg Kriinitzens (1728-96) umfangreiche
»Okonomisch-technologische Enzyklopadie, oder, allgemeines System der
Staats-, Stadt-, Haus- und Landwirtschaft« (begonnen 1773, abgeschlossen
erst 1858 mit dem 242. Bd.).
S. 273,5 Kammerherrn-Stab : s. o. zu S. 169,30. — 6 Guardian: Vorsteher
eines Klosters. - 21 Tusche: alte Pluralform! - 24 Sie: Die Reimersche
Ausgabe verbessert in »Ihnen«, doch handelt es sich um einen dialektisch
bedingten, grammatischen Lapsus des Dichters.
S. 274,5 Herkulessaulen: s. o. zu S. 201,23. — 18 Abdera: kleine Stadt
in Thrazien, deren Bewohner als die Schifdburger des Altertums galten.
Vgl. Wielands Roman: »Die Abderitenu (1781). Berend fuhrt zu dieser
Stelle die folgende Briefnotiz von J. P. (Brief vom i8.Juni 1796) an: »Wie-
land war des hdhnischen Dafurhaltens, Flachsenfingen liege in Deutsch-
land sehr zerstreut.«
S. 275,2 Winterkasten : Der Landgraf Karl von Hessen-Kassel liefi durch
den it. Architekten J. B. Guerriero in den Jahren 1701—14 das alte SchloB,
den sogenannten „Winterkasten" und den Park Wilhelmshohe bei Kassel
errichten. Auf dem hochsten Punkt der riesigen, nach dem Schlofi hin ab-
fallenden Kaskaden steht die 18 Meter hohe Kupferstatue des Herkules. -
1 3 Orlogskopf: der Bug bei KriegsschirTen, der meist als Ausguck diente. -
33 toricellische Leere: s. o. zu S. 30, 1 5.
S. 276,7 Schatullguter : s. o. zu S. 127,23. — 27 Reichsmatrikularanschlag :■
Steuer fur das von den Standen aufzubringende Truppenkontingent. —
ANMERKUNGEN 1 165
34 ein {wetter MUo: Der beruhmte Riesenringer von Kroton, der sechsmal
Sieger in Olympia war, soil der Sage nach mit Leichtigkeit einen Ochsen
erdrosselt, getragen und verzehrt haben.
S. 277,14 Plethora: Wassersucht. — ly Schnepper (Scarificator): chirur-
gisches Instrument zum Aderlassen. - 22 raffinieren: Zum Raffinieren des
Zuckers wurde friiher Ochsenblut verwendet.
S. 278, 3 Kranium: Schadeldecke. — 24 Gyges-Ring: unsichtbar machen- ■
der Ring, mit dessen Hilfe sich der Hirt Gyges zum Herrscher von Lydien
aufschwang.
S. 279, j Kothurn: der hohe Schuh, den der griechische Schauspieler in
der Tragodie trug, wahrend er bei Komodien den niedrigen Sokkus benutzte.
Sonst dienen beide Ausdriicke auch gern als Metaphern fur Weinen und
Lachen.
S. 280,25 Mendikanten: Bettelmonche. - 26 Pupillenrat; Anwalt am
Vormundschaftsgericht. - 26 Christoph Fr. Nicolai (1733-1811): Publi-
zist, Popularphilosoph und Romancier, als Herausgeber der »Allgemeinen
deutschen Bibliothek« (s. o. zu S. 20,6") durch Jahrzehnte der Gesetzgeber
der Berliner Aufklarung. Er hatte in den Jahren 1781 ff. eine »Beschreibung
einerReise durch Deutschland und dieSchweiz« in 12 Bdn. herausgegeben. -
27 der Minister von Hardenberg: Er hatte am 5. April 1795 in Basel den
Friedensvertrag zwischen PreuBen und Osterreich unterzeichnet.
S. 282,; 2 Arafnens-Tenne: vgl. 2. Sam. 24, I5ff. - 16 Greve-Platf: Auf
ihm fanden friiher in Paris die offentlichen Hinrichtungen statt. Der fol-
gende Gedanke ist nach Berend aus Edward Youngs (s. u. zu S. 330,^3)
»Nachtgedanken«, 9. Nacht, entlehnt.
S. 288, 1 5 Sensitive: s. o. zu S. 53, 16.
S. 289,20 wie iiber jenen Riesen der Atna: Nach der Sage stiirzte Zeus
im Gigantenkampf den Enkeladus durch einen Blitz nieder und tiirmte, da
er ihn nicht toten konnte, den Atna iiber seine Brust. Vgl. Ovids »>Meta-
morphosen« 1,165 ff.
S. 291,22 corpus mysticum: eigtl. »der geheimnisvolle Leib« (Christi),
dann Bezeichnung fur die Kirche, die von Paulus mehrfach mit einem
menschlichen Leib verglichen wird, bei dem Christus das Haupt und die
Glaubigen die Glieder bilden. — 23 Kornak: Elefantentreiber.
S. 292,26" Jupiters-Kette: Nach der antiken Mythologie forderte Jupiter
die Gotter, die sich seinem Spruch widersetzen wollten auf, sich alle an
eine goldene Kette zu hangen. Sie vermochten auch dann nicht, ihn von
der Stelle zu riihren, er aber werde sie mit Leichtigkeit hochziehen. Vgl.
Ilias VIII,i7fT. — 32 Fuggerei auseinandergesdeter kouleurter Zimmer: J. P.
hat hier ofTenbar die Eremitenhauschen im Park der Bayreuther Eremitage
im Auge, die Markgraf Georg Friedrich dort nach 17 15 hatte errichten
lassen. - 36 ' Bilderblinde (oder -blende) : Nische, in die ein Bild eingelassen ist.
S. 294, i homanmsche Karten: s. o. zu S. 231,6*. — 5 Loretto-Hauschen:
s. o. zu S. 71,28. - 12 Joh. Esaias Silberschlag (17 16-91): Oberkonsi-
Il66 ANMERKUNGEN
storialrat in Berlin. Er versuchte in seiner »Geogonie« von 1780 eine Re-
konstruktion der biblischen Arche. - 31 Potsdamerin: Anspielung auf die
wlangen Kerls« in Potsdam. - 33 Felsen-Paste der Semiramis: Die sagen-
umwobene Konigin von Babylon soil ein Mausoleum geplant haben, uber
dem sich, aus einem Felsen gehauen, ihr Standbild erheben sollte.
S. 295,6* Wilsonscher Knopf: Der schottische Maler und Physiker Benja-
min Wilson (1721-88) konstruierte einen runden Blitzableiter und geriet
daruber 1757 mit Franklin in eine heftige Kontroverse, als dieser fur die
zweckmaftigere spitze Form eintrat. - 29 Fontange: Kopfputz aus Reiher-
federn fiir Damen, den die Herzogin yon Fontanges 1679 zuerst am franz.
Hof einfuhrte.
S. 296, 1 2 gradus ad Parnassum (Stufen zum ParnaB) : So wurde lat. und
griech. Worterbiicher genannt, die den Worten Synonyma und metrische
Bezeichnungen beigaben, zum Gebrauch W prosodischen und poetischen
Obungen. Der erste »Gradus ad Parnassum« wurde 1702 von Paul Aler in
Koln ediert. - 36 als ich Schuhe: erg.: »hoch sitze«!
S. 297,20 Simon-Andre* Tissot (1728-97): Schweizer Arzt.
S. 299,27 wie ein Atna: s. o. zu S. 289,20.
S. 301,2 Thomas Sanchez (1551—1610): span. Jesuit. Seine Untersuchung :
»de matrimonio« erschien zuerst 1592. Vgl. in Bayles »Dictionnaire« (s. o.
zu S. 126,5) den Artikel »Sanchez«, Note C. — 8 frere servant: s. o. zu
S. 230,^/. — 8 Gebruder-Redner : Arm in den Freimaurerlogen. — 32 Gratial:
Dankgeschenk.
S. 302,6" Plus-Liiitans : Htiherbieter. - 34 liquor prohatorius (1. vini
probatorius): Hahnemannische Weinprobe. Durch das einfache Auflosen
von Weinsaure in Schwefelwasserstoff kann man die Verfalschung des
Weines durch Bleisalz feststellen.
S. 303,2 8 quarta falcidia (nach dem Gesetz eines Volkstribunen Falcidius
genannt) : der vierte Teil einer Erbschaft, den der Erbe vorweg beanspru-
chen kann, dann Pfiichtteil der Erbschaft. - 32 wie der Plantagenbesitier :
s. o. zu S. 232,^5.
S. 304,2 5 offiiinell: arzneilich, heilsam.
S. 305,^6" Anton Friedr. Achard (1754-1821): zu seiner Zeit beriihmter
Chemiker und Physiker.
S- 307, 20 der Graf von Thun: Gemeint ist der fur seine Mesmerischen
Versuche bekannte Graf Franz Joseph v. Thun (1734-1801). Der AngrirT
in der FuBnote richtet sich, nach Berend, gegen einen Aufsatz uber den
Grafen in der »Berliner Monatsschrift« (Juli 1794, S. 39ff.). Unter dem
»Freund« ist vielleicht der Bayreuther Hofrat Schafer zu verstehn, der in
der Familie des Grafen verkehrte.
S. 309,2.2 Statuen der rbmischen Gotter: wohl ein Hinweis auf die damals
haufig vertretene Theorie, ein Teil der antiken Statuen sei deshalb wohl-
ANMERKUNGEN II67
behalten auf uns gekommen, weil sie die Romer selbst in der Erde ver-
borgen hatten. — 13 Mosis Gesiah: vgl. 2. Mose 34,6.
S. 310,5? Harpokrates-Finger : Harpokrates, der Begriinder der Medizin
wird gewdhnlich mit dem Finger vor dem Munde dargestellt, da er fiir die
Arzte die Schweigepflicht erliefi.
S. 311, 5 Genetay; Zur Quelle vgl. u. zu S. 331, z 6".
S. 3 1 2, 30 Blumen im Morgenlande: J. P. denkt an die sog. Selam-Sprache,
die den Blumen, ihrer Farbe und Auswahl eine bestimmte Bedeutung ver-
liehen hatte.
S. 316,33 Lockenraub; Titel eines beriihmten frivolen Gedichtes von
Alexander Pope (s. o. zu S. 96,4).
S. 318,33 Reisegenosse des jungen Tobias; vgl. Tob. 12, iff.
S. 319,2^ Robespierres Schweif: »queue de Robespierre« nannte man die
wenigen Anhanger, die Robespierre nach seinem Sturz im Juli 1794 treu
blieben und mit ihm das SchafTott bestiegen.
S. 320, z 4 Furst v. Esierha^y; Die Stelle versucht Berend unter Hinweis
auf andere Anspielungen J. P.s so zu erklaren : »Im Esterhazyschen Schlosse
stand als Gegenstiick zu einem wirklichen Ofen in Gestalt einer Statue . . .
ein scheinbarer, der, versehentlich angeheizt, einen Schlofibrand verursachte
(vielleicht den Brand vom 18. Nov. 1779, der einen Teil des beriihmten
Schlosses zerstorte).«
S. 323,5 Konvulsionars ; Fallsiichtige.
S. 324,z 3 musivisch; mosaikartig.
S. 325,5? well: svw. wahrend. - 31 Genius: der Tod, der in der helleni-
stischen Kunst oft als Amorette mit der umgekehrten, erloschenden Fackel
dargestellt wurde.
S. 326, 35 Killean: richtig: Killearn.
S. 328,24 Baumannshohle: s. o. zu S. 91,25. - 32 Hubners Reim-Register ;
Gedacht ist wohl an Joh. Hubners (1668-1731) »Poetisches Handbuch«, das
zuerst 171 2 erschien.
S. 329,4 Moses; vgl. 2. Mose 34,15 — 16.- 5 nach Michaelis: s. o. zu S.
144,25;
S. 330,2 Hypochondrist: vermutlich J.P.s Jugendfreund Adam Lorenz
v. Oerthel (1763-86). - 3 Youngs Nachtgedanken ; Edward Young (1683 bis
1765), engl. Lyriker. Sein Hauptwerk: »The Complaint, or Night-Thoughts
on Life, Death and Immortality** (1742—45) formulierte am scharfsten den
Gedanken der Weltflucht im 18. Jahrh. und wirkte damit iiber die Empfind-
samkeit hinaus bis zum Weltschmerz der Spatromantik. — 4 Reichsgeschichte
von Haberlin; Der Professor der Geschichte in Helmstedt Franz Dom.
Haberlin (1720-87) verofTentlichte durch Jahrzehnte einen vielbandigen
»Auszug aus der allgemeinen Welthistorie«, deren zweiter Teil, die »Neueste
teutsche Reichshistorie« bei seinem Tod erst bis zum Jahre 1600 gelangt war.
S. 33i,z6" St£phanie-FeHcit£, Grafln von Genlis (1746-1830): franz.
Schriftstellerin. Die Stelle findet sich in den »Abendstunden auf dem Lande
Il68 ANMERKUNGEN .
der Mad. Genlis, iibersetzt von Chr. F. WeiBe«, 2. Bd. (1785), S. 381 f.
Ihr ist auch die vorhergehende Notiz iiber das Echo in Genetay entnommen.
S. 336,25 wie David: s. o. zu S. 235, 18.
S. 342,26' Gangelwagen : s. o, zu S. 229,7. — ji russischer Eispalast: Im
strengen Winter 1756 hatte ein Hofling fur die Kaiserin Katharina von
Ruftland auf dem See bei Petersburg einen Palast aus Eis errichten lassen.
An seinen Eingangen spien Delphine kalte Naphthaflammen.
S. 347,-5' vidimieren: gerichtlich beglaubigen. - 9 scheerauische Berghaupt-
mannschaft: Dieses Amt legt sich J. P. im 20. Sektor der »Unsichtbaren
Loge« selbst bei.
S. 349,-^ animum injuriandi desuper nobile: hier wie im folgenden scherz-
haft zusammengestoppelte Klauseln aus Gerichtsprotokollen. — 10 S. T.:
sui tituli. — 12. Werthers Freuden: So nannte Friedr. Nicolai seine plumpe
Satire (1777) auf Goethes Roman. - 29 Tief hammer: Werkzeug an langer,
gekehlter Bahn, um damit auf dem Boden von GefaBen hammern zukonnen.
S. 351,7 Boerhaave: s. o. zu S. 181, 34. - 2off. mit Pirchheimer usw:. Zur
Namenszusammenstellung vgl. o. zu S. $2,1 1. Marzian ist jedoch, wie Be-
rend nachweist, mit Moschion verwechselt. Vgl. Plinius, Hist. Nat.
XIX, 5, 26.
S. 352,77 wie Montesquieu schbn bewiesen: vgl. »L'£sprit desLois« III, 6 —
32 Moratorium: Wechselfrist, Anstands- oder Verzugszeit. - 33 Quin-
quenell: Verzugsfrist fur Wechsel auf fiinf Jahre. - 3S Lasterstein: ein
Schandstein, auf dem ehrlose Madchen und Ehebrecherinnen offentlich zur
Schau gestellt wurden.
S. 3 5 3, j Strohkrani: Ihn muBten ehemals in manchen Gegenden gestrau-
chelte Madchen am Hochzeitstag als Schandzeichen tragen. S pater anderte
sich der Brauch, und der Strohkranz wurde nun der Braut am Tage nach
der Hochzeit mit einer scherzhaften Rede iiberreicht. - 26 in faciem insi-
nuieren: personlich iibergeben.
S. 354,27 Litis-Konsort : ,Rechtsverbun deter; alle, die vor Gericht den
gleichen Rechtsanspruch vertreten. - j5 Joh. Fr. Jacobi (1712-91); Gene-
ralsuperintendent zu Liineburg, gab »Abhandlungen iiber wichtige Gegen-
stande der Religion" (4 Tie. 1773-78) heraus. - j5 Joh. Peter Miller
(1725-89): aufklarerischer Theologe in Gottingen. - j5 Christian Oemler
(1728—1802) : Konsistorialrat in Jena, gab 1786-89 in 4 Bdn. ein iibergrund-
liches "Repertorium iiber Pastoraltheologie und Casuistik« heraus, das dem
Pfarrer Rat und Hilfe in alien erdenklichen und unerdenklichen Situationen
seines Berufes geben sollte.
S* 355, 31 Rindspsalter (von ndt. salter): Vormagen des Rindes.
S. 356,/ 2 herkulanisches Instrument: bei den Schriftfunden in Herkulanum
entwickeltes Gerat, um die Reste der Bilder und Biicher wohlbehalten zu
bergen und zu entziffern.
S. 357,2 Joseph Addison (1672— 171 9): einfluBreicher Schriftsteller der
engl. Aufklarung. Er gab mit seinem Freund George Steele die asthetisch-
ANMERKUNGEN 1 169
moralischen Wochenschriften: »The Tatler«, »The Spectator" und »The
Guardian" heraus. Die angefuhrte Anekdote steht im »Spectator« Nr. 408. -
2 wie Jupiter: s. o. zu. S. 25,7. - 5 Bocksfufi: Schon in der Vorrede zur
»Unsichtbaren Loge« fingiert J. P. einen KlumpfuB, der ihm angeboren sei. -
i3Prini Antiochus Kantemir ; Als Quelle diente J.P. Flogels »Geschichte
der komischen Literatur« Bd. 3, S. 600. Allerdings ist wohl Konstantin
Demetrius Kantemir (gest. 1744) gemeint, der durch seine Satiren ein
fruhes Aufsehen erregte. Seine »Satiren« erschienen 1752 in dt. Obersetzung
von H. E. v. Spilcker. — 22 qumal aus Kurland: Das Herzogtum war im
Marz 1795 durch den dritten polnischen Teilungsvertrag an RuBland ge-
fallen.
S. 358,^ Buffon: s. o. zu S. 25,-2 9* Vgl. »Histoire naturelle«, 1 Tl. (Aus-
gabe von 1799), S. 138. - 8 Kant: vgl. »Allgemeine Naturgeschichte und
Theorie des Himmels", 2. TL, SchluBabsatz des 2. Hauptstucks, wo auch
der Analogie bei Buffon gedacht wird. - 20 Reverberierfeuer : s. o. zu
S. 96, 33. - 33 Anmerkung: vgl. Vorschule der Asthetik § 33.
S. 359,# debitum conjugate: die rechtliche Pflicht zum Vollzug der Ehe. -
25 advocatus diaboli: der »Advokat des Teufets« in den Heiligsprechungs-
prozessen der kath. Kirche. — 31 Simultaneum : gemeinsames Gotteshaus
fur Angehorige verschiedener Konfessiorien. - 32 vota curiata: die Wahl-
stimmen bei der PapstwahL
S. 361,26" edictum perpetuum: ewig gultiger ErlaB, analog gebildet zu
»capitulatio perpetua«, wie der Wahlvertrag des Westfalischen Friedens
genannt wurde, da er unauflosliche Geltung besitzen sollte.
S. 362,2 Dikasterium: urspr. griechisches Schwurgericht. - 4 Riicken-
Positiv: kleine Stuben- oder Stellorgel, dem Harmonium verwandt. —
4 Murki: s. o. zu S. 68, 9. - 5 Fetwa: Bekraftigung eines Urteilssp ruches
durch den tiirkischen GroCwesir, ohne den kein Verbrechen mit dem Tod
bestraft werden konnte, — 5 Arret (franz.) : bindender Rechtsspruch eines
hohen Gerichts. Beide Ausdriicke sind hier mehr in dem Sinne von »Frei-
brief« zu verstehen.
S. 363,5) copiales; Schreibgebiihren. — 1 2 Oekrmann: Der Kaufherr spielt
in der Vorrede zum »Siebenkas« eine gewichtige Rolle. - 14 Exhibita:
juristische Eingaben.
S. 364, 3 Beinschwar$: tiefschwarze Far be aus gebrannten und zerriebenen
Knochen. - 22 Michaels-Ritter in Spaa: Der Orden des heiligen Michael
wurde 1469 von Ludwig XI. von Frankreich gestiftet, stand bis zum Ende
des »ancien regime" in hochstem Ansehn und wurde wahrend der Revo-
lution aufgehoben. In dem belgischen Badeorte Spaa gaben sich auch Gau-
ner und Beutelschneider als Mitglieder des Ordens aus, wie J.P. aus Weck-
herlins »Grauem Ungeheuer« wuCte. Vgl. dort Bd. 4 (1785), S. 179^
S. 365,? wie Goeie berichtet: Gemeint ist Joh. Ephr. Goeze (1731-93),
Theologe und Naturforscher, der Bruder des beruhmteren Hamburger
Hauptpastors. - 13 I.H.S. : die griechischen Anfangsbuchstaben den Na-
1 170 ANMERKUNGEN
mens Jesus. —-2.8 erne Bagatelle vom Prin\en von Artois: Unter diesem
Namen verbirgt sich der Bruder Ludwigs XVI., Charles-Philippe (1757
bis 1836), den sein GroBvater zum Grafen von Artois erhoben hatte. Der
gewandte und glanzende Hofmann uberlebte die Revolution und wurde
1824 als Karl X. Konig von Frankreich. 1775 lieC er durch Bellanger in
weniger als drei Monaten das kleine LustschloB Bagatelle im Bois de Bou-
, logne bei Paris errichten. — 29 Solitude: Von den Schlossern dieses Namens
ist vermutlich das 1763-67 fur Herzog Karl Eugen von Wurttemberg bei
Stuttgart errichtete LustschloB gemeint.
S. 366,52 Sequester: hier svw. Vormund.
S. 367,22 a la Hamlet: d. i. mit offenem Kragen.
S. 368,^ Bettauf heifer: s. o. zu S. 210, 18. - lo der sixtinische Obelisk: der
grofie Obelisk auf dem Petersplatz, der 1586 durch Sixtus V. errichtet wurde.
S. 369,2 aura seminalis: befruchtende Kraft. — 21 drei Kammerkerrn-
Knopfe: s. o. zu S. 169,^0. — 26 Feimer: obdt. Femerichter. - 36 Profes-
sionist: mundartlich fur Handwerker.
S. 370,4 neuer Klecks im Mond: Der it. Astronom Giovanni Battista
Riccioli (1 598-1671) fiihrte in seinem »Almagestum novum« (165 1) die
noch heute iibliche Benennung der Mondkrater nach beriihmten Astrono-
men ein. — 18 Friedrich II. Name: Ein Sternbild zwischen Pegasus und
Cepheus erhielt 1787 von Joh. Elert Bode den Namen »Friedrichs Ehre«.
S. yji^n Selah und clausula salutaris: svw. hofliche Grufiform. — 12
Eulerscher Rosselsprung: Der Mathematiker Leonhard Euler (1707—83)
schrieb 1759 eine Abhandlung iiber den Rosselsprung, die in den»Memoires«
der Berliner Akademie erschien.
S. 372,7 otaheitisch: s. o. zu S. 243,5. - iSfixeLuft: Stickstoff. - 25 index
expurgandorum : von der rom. Kurie veroffentlichtes Verzeichnis derBiicher,
die nur nach einer Oberarbeitung zur Lektiire des kath. Christen zugelassen
sind. — 26 Lieder-Unruhen in Berlin: 1781 hatte die Einfuhrung eines moder-
nisierten Gesangbuches lebhaften Widerstand unter den orthodoxen Kirch-
gangern hervorgerufen. — 32 versus memoriales: die noch heute beliebten
Denkverse, um dem Schuler das Erlernen grammatischer Regeln im Latein
zu erleichtern.
S. 373,2 wie Gellert: Wahrend seines Leipziger Aufenthaltes i76oempfing
Friedrich II. den damals weitberiihmten Dichter Christian Fiirchtegott
Gellert zu einer langeren Unterredung. — 22 poeta laureatus: Die aus der
Renaissance uberkommene Sitte, einen Autor offentlich zum Dichter zu
kronen, wurde noch bis in J. P.s Zeiten bisweilen geiibt. — 34 Donatschnit^er :
s. o. zu S. 129,?^.
S. 374,^2 Joh. Christoph Adelung (1732-1806): aufklarerischer Sprach-
forscher und literarischer Zensor aus der Schule Gottscheds.
S. 375,2 Diogenes von Apollonien: rich tig »ThaIes von Milet«; nach Dio-
genes von Apollonia bestand die Welt aus Luft. - 22 bouts rimes: modische
Gelegenheitsverslein. - 30 Rat Adelung: Er vertrat die Behauptung, die
ANMERKUNGEN 1 171
klassische Epoche der deutschen Literatur sei das Zeitalter Gellerts gewesen
haufig, so etwa in seiner »Anweisung zum deutschen Stil« (1784).
S- 378,7^ Montgolfiere : Die beiden Briider Jaques-Etienne und Joseph-
Michel Montgolfier konstruierten 1783 den ersten tragfahigen Flugballon. —
26 Ludwig XVIII. : 1795 machte der Bruder Ludwigs XVI., der Graf von
Poitiers in einer Proklamation von Aachen aus seine Anspriiche auf den Thron
von Frankreich geltend.
S. 379, 14 nach Kant: allgemeiner »nach Kants Lehre«.
S. 380,26" auerbachischer Hof: beruhmter Gasthof in Leipzig. — 28 Seba-
stian Carvalho, Marques de Pombal (1699— 1782): portug. Minister, im
i8.Jahrh. beruhmt durch sein mutiges Auftreten gegen den allmachtigen
Jesuitenorden. Fiir seine Verdienste wahrend des Erdbebens von Lissabon
1755 wurde er zum Grafen von Oeyras ernannt.
S. 382^ Fraischpfand: gerichtliche Beweisstiicke. — ^p Diebsdaum; Dau-
men, die man von Leichen am Galgen abschnitt, sollten zauberische Krafte
besitzen. — 30 Magenmorsellen: Magentafelchen, Pillen. - 31 wie Bahrdt:
Der ev. Theologe Karl Friedr. Bahrdt (171 1-92) vertrat eine radikal auf-
klarerische Dogmatik, die ihm schliefilich ein Lehrverbot fur sein Gebiet
an den Universitateri eintrug. Er wurde nach 1789 ausgewiesen und starb
verbittert als Schankwirt.
S. 383,25 der romische Stuhl: bezieht sich wohl darauf, daB die elfen-
beinerne »cathedra Petri« unzuganglich in Berninis Hochaltar der Peters-
kirche eingebaut ist.
S. 384, 1 2 copula carnalis; eheliches Band. — 16 Hegebereiter : berittener
Forstgehilfe. - 21 Panist; Laienpfrundner. - 22 Pluto; s. o. zu S. 12,2. -
32 Fidget: vgl. Geschichte der kom. Literatur 1. Bd. (1784), S. 359.
S. 385,^ Troils Reisebeschreibung : Gemeint sind die »Bnefe iiber eine
Reise in Island« (1777) des schwedischen Theologen Uno de Troilius
(1746-1803). Doch findet sich nach Berend in der angegebenen Quelle
keine solche Behauptung. - i5 Schmidt: Darunter ist Chr. Heinr. Schmid
(1746-1800), einer der Begriinder des »Musenalmanachs« zu verstehen, der
1769-70 zwei Bande: »Biographie der Dichter« verfaBte und mit seine m
»Nekrolog von dem Leben und den Schriften der vornehmsten verstorbenen
deutschen Dichter« (2 Bde. 1785) die Anregung zu Schlichtegrolls bedeu-
tendem Werk gab. - iS Meusel: s. o. zu S. 75, 2#. - 16 Helikon: s. o. zu
S. 72,24. - 30 bureau d' esprit: s. o. zu S. 71,3s. - 34 wie Ludwig XIV.:
Der franz. Konig setzte, einem Brauch der Zeit entsprechend, zahlreichen
auslandischen Autoren und Gelehrten feste Pensionen aus.
S. 386,2 Prytaneum: offentliches Ratsgebaude in Athen, wo mit den 50
Ratsherren (Prytanen) auch die um den Staat verdienten Manner Zeit ihres
Leben s speisten. - 3S Hospodar; Herr, Furstentitel an der Moldau und in
der Watachei. - 36 infulieren: (mit dem Bischofshut) kronen.
S. 387, 29 Konviktorist; Freitischganger. - 32 Fakultist: Mitglied einer
Gelehrteninnung an den alteren Universitaten.
I I72 ANMERKUNGEN
S. 388,25 Blumenbachs Bildungstrieb : Joh. Friedr. Blumenbach (1752
bis 1840), Professor der Medizin in Gottingen, bezeichnete als Bildungs-
trieb (risus formativus) in einer Abhandlung von 1781 : »Ober den Bil-
dungstrieb und das Zeugungsgeschaft« die mannliche Zeugungskraft.
S. 389, 1 Busching: s. o. zuS. 156,24. — 10 Ludw. Timotheus v. Spinier
(1752— 1810): Historiker und wiirttembergischer Staatsminister. — ij Peter
Villaume (1746-1806): Professor der Moral am Joachimsthaler Gym-
nasium zu Berlin. Seine pada'gogischen Schriften, die auf eine aus der An-
schauung gewonnene Bildung der Kinder abzielten, standen unter dem
EinfluB Saizmanns.
S. 391,20 Envoye: stellvertretender Gesandter. — 2$ Spinier: vgl, seinen
»GrundriB der Geschichte der christl. Kirche« (3. Aufl. 1791), S. 444.
S. 392, / 2 matres lectionis (Lesemiitter) : eingeschaltete hebraische Vokal-
zeichen. — 19 inspirierten: Die Originalausgabe setzt dafiir falschlich »in-
spirierte«.
S. 393, 23 das Gebot Solons: Der bekannte Ausspruch: »De mortibus nil
nisi bene« wird schon in der Antike Solon heigelegt. — 34 allgemeine deutsche
Bibliothek: s. o. zu S. 20, 2 5.
S. 396,2^ Kikoschetschufi : ein PrallschuB, bei dem die Kugel wie ein
flacher Kiesel auf der Wasseroberflache mehrfach aufschlug, um die feind-
lichen Geschiitze auf den Bastionen aufler Gefecht zu setzen.
S. 397,4 Ermenonville : Landschaftspark im engl. Stil bei Senlis, den dort
Rene Louis de Girardin nach 1763 errichten IieB. Dort verbrachte J. J.
Rousseau die letzten Jahre seines Lebens und wurde auch dort beigesetzt. -
z / Fallmeister: Schinder, der das gefallene Vieh abhauten und verscharren
muB. Der Beruf gait nach dem alten Recht nicht als ehrlos, aber als anruchig.
In der o. zu S. 157,22 erwahnten Chronik der Stadt Hof wird mehrfach
berichtet, daB sich die Bevolkerung geweigert habe, bei der Beerdigung
von Selbstmordern Hand anzulegen.
S. 400, 11 Berliner Monatsschrift: Sie wetterte besonders heftig gegen
verborgene jesuitische Umtriebe in Deutschland. - 16 auf eines Weibes
Haupt immer eine Glat^e: Der Text ist hier verderbt. Offensichtlieh ist ein
Stuck des Satzes ausgefallen, so. daB sich ein e,rtraglicher Sinn nicht mehr
rekonstruieren laBt. Die erste Reimersche Gesamtausgabe setzt die vollig
unbefriedigende Konjektur: »auf eines Weibes Haupt setzt der Mann immer
eine Glatze«.
S. 4or,j* palmyrische Rudera: Die Ruinen von Palmyra, der unter der
Herrschaft der Zenobia bluhenden Handelsstadt in Syrien, waren schon
im i8.Jahrh. durch das von Wood und Dawson veroffentlichte Kupfer-
stichwerk: »The Ruins of Palmyra« (1753) se^r beriihmt.
S. 402,52 acidum vitrioli: altere Bezeichnung fur verdunnte Schwefel-
saure.
S. 404,50 Faustel: Bergmannshammer, mit dem man fruher dtn MeiBel-
bohrer bediente.
anmerkungen 1 173
-Der Jubelsenior
Die Idylle wurde vom 21. September 1796 bis zum Ende des gleichen Jahres
niedergeschrieben, doch reichen die Skizzen und Plane, wie haufig bei Jean
Paul, geraume Zeit weiter zuriick, in diesem Fall bis in den Anfang des
Jahres 1794. Am 1. Januar 1797 schickte derDichterdasManuskript,vondem
er noch wenig befriedigt war, an Christian Otto zur Durchsicht. Nach
dessen eingehender Kritik iiberarbeitete Jean Paul die Geschichte noch ein-
mal an einigen Punkten und gab sie bereits Mitte Januar zum Druck an den
Leipziger Buchhandler Beygang, der ihn um ein neues Werk ftir seinen
Verlag angegangen hatte. Durch Schwierigkeiten mit der Leipziger Zensur
zogerte sich der Satz des Buches ziemlich hinaus, und erst Anfang Juni
1797 konnte der Dichter die ersten Freiexemplare an seine Freunde verteilen.
Das kritische Echo war durchweg kiihl und zuriickhaltend. Eine zweite
Auflage des Biichleins ist zu Jean Pauls Lebzeiten nicht mehr erschienen.
S.4H,* Prodromus galeatus : »behelmteVorrede«, ein apologetischer Vor-
spann in kritischen Werken. — 12 Jupiters-Tonne: s. o. zu S. 206,-26*. —
1 2 Qumterne: s. o. zu S. 12,-2. — 1 5 Lovelace: der damonische Verfuhrer in
Samuel Richardsons (1689— 1761) Roman: »The History of Clarissa Harlo-
we« (1748). - ijTomJones: der nicht gerade prude Held aus Henry Fieldings
(1707-54) gleichnamigem Hauptwerk (1750). — ij Durchbruch: So nannte
man in pietistischen Schriften den Augenblick, in dem die siindige Seele
zur Erkenntnis Gottes gelangt. - 17 Klosterprofefi : Ordensgeliibde. -
18 Agathon: der Held in Wielands erstem Roman (1767), der in alien Ver-
fiihrungen nie das Gefuhl der naturlichen Tugend verliert und sich schliefi-
lich glanzend bewahrt.
S. 412,2 materia medica und peccans: Arznei- und Krankheitsstoff. Dabei
spielte der erste Name auf Anton Nikotais Schri ft: »Systema materiae medicae
ad praxin explicatae« (2 Bde. 1750-52) an. - 10 Polyklets-Kanon: Der
»Lanzentrager«, das Hauptwerk des griech. Bildhauers Polykletos von Ar-
gos, gait im Altertum als Kanon, um die Proportionen des menschlichen
Korpers zu studieren. — 36 Nicolais Nothanker und Thummels Wilhelmine:
August Wilh. v. Thummel (1738-1817), der Verfasser der »Reise in die
mittaglichen Provinzen von Frankreich« (8 Tie. i79ifT.) schrieb 1764 die
liebenswiirdige Idylle: »Wilhelmine«. An deren Handlung und Haupt-
figuren anknupfend,. schrieb Friedr. Nicolai (s. o. zu S. 280,-26") in den
Jahren 1773-76 den Roman: »Leben und Meinungen des Magisters Sebaldus
Nothanker« (4 Bde.), der polemisch gegen Orthodoxie und Pietismus zu
Felde zog.
S. 41 3, / 7 wie VoltairensKlio : d.h. wohl.* die Muse der Geschichtsschreibung
gab Voltaire Einfalle, zu denen der historische Gegenstand nur den AnlaB
bot. - 1 8 Narrenschiff: Sebastian Brant verb Sen tlichte 1497 sein satirisches
Gedicht : »Das NarrenschifT«, in dem er unter dem Bilde einer SchifTgesell-
1 174 ANMERKUNGEN
schaft die Narren und Torheiten seiner Zeit geiBelte. — 20 Charles Bonnet
(1720-93): Naturforscher und Philosoph in Genf. Sein System der Natur-
geschichte entwickelte er besonders in den "Contemplations de la nature**
(dt. 1766). — 32 Buffon: s. o. zu S. 25,25. — 36 musivisch: mosaikartig.
S. 414,* Asaroton: MosaikfuBboden, auf dem in der geschilderten Weise
Knochen, Kehricht und Speisereste dargestellt wurden. - 22 Schul^e: Damit
ist der Romanschriftsteller Joachim Christoph Friedr. Schulz (1762-98)
gemeint, den J. P. vorziiglich seiner Romane: »Moritz« und »LeopoIdine«
(1785 und 1790) wegen schatzte. — z5 Orseille: die sog. Farbeflechte (ro-
cella tinctuaria). Sie wird schon seit dem Mittelalter zum Rotfarben der
Stoffe benutzt.
S. 41 5,5 Thaddaus Kosciusko (1756-18 17): der Ietzte Feldherr des freien
Polen. Er geriet in der Schlacht von Macziechowize 1794 in die Gewalt der
russ. Armee, wurde aber Ende 1796 nach dem Tode Katharinas II. aus der
Haft entlassen. Da die Nachricht in der »Bayreuther Zeitung« am 2. Januar
1797 erschien, wurde die Vorrede vermutlich am 3. oder 4. Januar ge-
schrieben.
S. 416,2/ Kdlberiakn: zahnartige Verzierung des Gebalkes durch Kerben,
die in das Hauptgesims eingeschnitten sind. — 2y flachsenfinglsch; s. o. zu
S. 70,^6".
S. 417,36 gracilis adparnassum: S. o. zu S. 296,/ 7.
S. 418,5 voluntas antecedens: der vorherbestimmende Wille Gottes in
der alteren katholischen Theologie. — 10 Envoye: s. o. zu S. 391,20. —
1 8 Reverberierfeuer : s. o. zu S. 96,^.3. — 20 Jenaiscke Literatur\eitung : s. o.
zu S. 28,/.
S. 419,2 Geburtstags-Ball des Konigs: Der Geburtstag Friedrich Wil-
helms II. flel auf den 25. September. - 13 Sofinianer: Die Anhanger des
Julius Socinus (1525-62), die damals nur noch in Siebenburgen verbreitet
waren, lehrten eine vernunftbestimmte Offenbarung. Der erwahnte Satz
ist im »Rakauer Katechismus« (1605) enthalten.
S. 420,j* Gratiat: d. i. Dankgeschenk. - 3S Elenchus; SchluBteil der
Predigt.
S. 421,6" die erleuchtete Angelos-Kuppel : Die Erleuchtung der Peterskirche
gehorte zu den bedeutendsten Sehenswiirdigkeiten Roms im i8.Jahrh. —
1 1 Mosis-Decke : Als Moses vom Sinai wiederkehrte, war sein Gesicht so voll
Glanz, daB niemand ihn anzublicken vermochte und er sein Gesicht beim
Sprechen verhiillen muBte. Vgl. 2. Mose 34,29-35. - 24 Tripelalliance :
Dreierbiindnis. Angespielt ist wohl auf den am 4. Januar 1717 zwischen
Frankreich, England und Holland geschlossenen Vertrag zur Sicherung der
Erbfolgebestimmungen aus dem Utrechter Frieden. - 31 Bille: dt. gebildete
Dativform zu »Bill« (Gesetzesvorschlag). - 36 Konviktoristin: Freitisch-
gangerin.
S. 422,5 Alter vom Berge: So ubersetzten die Kreuzfahrer den Titel
Scheich el Dschebel (Gebieter des Berges), den das Oberhaupt der Assas-
ANMERKUNGEN 1175
sinnen fuhrte. - 9 Pdpstin Johanna: Nach einer verbreiteten Sage des 13.
Jahrh. regierte nach 855 eine Frau zweieinhalb Jahre die Kirche, bis die
Geburt eines Kindes sie verriet. Arnim hat den Stoff in einem Drama be-
handelt. -20 nach Euler: Leonhard Euler legte seine Gedanken zur Astro-
nomie in seiner »Theoria motum planetarum et cometarum« von 1744
nieder. - 34 Kontuma^schlofi '.• s. o. zu S. 129,/ 5.
S. 423,2 1 Weiber- oder Kunkellehen: ein Lehen, das auch auf die weib-
liche Linie tibergehen kann. — 31 Grofikreu^: Adliger, der das GroBkreuz
eines Verdienstordens besitzt.
S. 424,2 nach Rochefoucauld: Der Satz findet sich in den beruhmten
"Reflexions ou sentences et maximes morales« (1664) des Herzogs von
Larochefoucauld (1613-80). — 31 me Salomons Siegelring: Der Ring, mit
dem Konig Salomon in den Marchen die Geister zu regieren vermochte,
soil nach seinem Tod verschwunden sein. — 3S retorquieren: hier.svw. zu-
riickschimpfen.
S. 425, 33 Kings-Bench: Gerichtshof und Zuchthaus in London.
S. 426,31 Ziliiium: Gewand mit einem Stachelglirtel zu BuBubungen.
S. 428,24 Pindus: s. o. zu S. 256, z 2.
S. 429,/ 3 Exordium: Predigteingang. - 34 schillernde Eispalaste: s. o.
zu S. 342,J*.
S. 430, j dem: Die Originalausgabe setzt dafiir versehentlich »den«.
S. 431, 19 Teichdocke: s. o. zu S. 107,/. — 27 Anmerkung: Unter den
Liguisten sind die Anhanger der kath. Partei in Frankreich zu verstehn, die
sich unter dem Herzog Heinrich von Guise 1576 zusammengeschlossen
hatten. Das Zitat aus Karl Antons »Geschichte der deutschen Nation«
(1. Bd. 1793) *st nacn Berend falsch.
S. 432, 19 Idwtikon: Mundartworterbuch. - 22 Patavinitat: s. o. zu
S. 23 5, 1 4. - 3 1 krhische Briefs: die spatere »Vorschule der Asthetik«, in der
besonders das X. Programm dieser Fragestellung gewidmet ist. - 35 phy-
siognomische Fragmente: s. o. zu S. 212,2,9.
S. 434, 1 Zier-, Spieft-, Treff-, Inventions- und Jungferndank: Ausdriicke
aus der Turnier- und Landsknechtssprache, die eine Belohnung fur Turnier-
erfolge und Kriegsdienste bezeichnen. - zo effigie: bildlich. -20 Bock
in der Wuste: der sog. Siindenbock. Vgl. 3. Mose 16,21 f. - 29 Priniipal-
kommissarius : seit 1663 Titel des kaiserlichen Vertreters auf dem Reichstag. -
31 indossieren: iibertragen. — 33 Quistorps peinl. Recht: Der Rechtsge-
lehrte Joh. Christoph, Edler v. Quistorp (1737-95) verorTentlichte 1770 als
sein Hauptwerk die »Grundsatze des Teutschen peinlichen Rechts«. -
S. 435,4 delicto excepta: Kapitalvergehen. - 1 1 Pedro de Alva y Astorga
(um 1590 bis 1667) : span. Theologe. Er wies die angefuhrten Ahnlichkeiten
in seinem kuriosen Werk: "Naturae prodigium et gratiae portentum, hoc
est Seraph. P. Francisci vitae acta Christi vitam et mortem regulata et
coaptata« (165 1) nach.
S. 436, 1 S limbus infantum: Kinderhimmel; wie der wlimbus patrumu, der
Ilj6 ANMERKUNGEN
Wohnsitz der Vater aus dem A. T., ein Ort am Rande des Himmels zwischen
Holle und Paradies, in dem die Seelen der ungetauft verstorbenen Kinder
wohnen. — 26 Ewigkeitsschlange: s. o. zu S. 177,28. — 30 Kielkropfe:
Teufelskinder, syn. mit dem vorausstehenden »Wechselbalg«.
S. 437>P John Arbuthnot (1675-1735): Arzt und Schriftsteller, Freund
Swifts, mit dem er die beruhmten "Memoirs of Martin Scriblerus« (1741)
verfaBte. — 30 Homilie: Kanzelvartrag, erbauliche Lehre.
S. 439, 1 3 Prosektor; s. o. zu S. 95, 32. - 2j Chodowleckischer Kupfer-
stich: Daniel Nik. Chodowiecki (1726-1801) war der beruhmteste deutsche
Kupferstecher des 18. Jahrh., der in zahllosen Szenen das Leben des biirger-
lichen Mittelstandes verewigte.
S. 440,7 Widerruf des Edikts von Nantes: Am 22. Okt. 1685 hob Ludwig
XIV. das Toleranzedikt von Nantes, das Heinrich IV. 1598 den Hugenotten
gegeben hatte, auf und trieb diese aus ihrer Heimat fort. - 21 im entgegen-
geset^ten Falle Solons: vgl. Cicero »De senectute« XX.
S. 44i> 1 Weife: Garnhaspel. - 2 Lukas- und Agathaiettel: Sie helfen nach
altem Volksglauben, wenn sie mit lat. Segensformeln beschrieben sind,
gegen Brand und Krankheiten. — 5 Gellerts Definition von einem Briefe:
vgl. Gellerts »Praktische Abhandlung vom guten Geschmack in Briefen«,
die er der Sammlung seiner Briefe (175 1) vorausschickte. — 31 Ak^essh (er
ist nahe gekommen)/ Nebenpreis bei akademischen Ausschreibungen.
S. 442,2 Pastor fido: Liebhaber, urspr. der Titel von Guarinis beruhmtem
Schaferspiel: »I1 pastor fido« (1585). - zg als verkappter Kalif: wie der aus
»iooi Nacht« bekannte Harun al Raschid. - 20 Agioteur: Borsenspekulant. —
21 nuntius de latere: s. o. zu S. 125,77.— 2j Maskopie (holL): Handels-
gesellschaft.
S. 443, J7 O Ewigkeit, du Donnerwort: geistl. Lied von Johannes Rist
(1607—67). — 18 bowling green: s. o. zu S. 19,7 <?.
S. 444,7 Pdppelinsel: s. o. zu S. 200,2 3.
S. 445, <? Martyrologium : liter svw. Leidensgeschichte. - 14 kumaische
Sibylle: die beruhmteste Wahrsagerin des rom. Altertums. - 18 Gerhard
Honthorst (1 592-1668): niederl. Maler aus der Schule des Caravaggio. Er
war fur seine Nachtbilder so beruhmt, daB ihn die Italiener "Gerardo della
Notte« nannten. — 22 Immersion: Verfinsterung eines Sternes durch die
Sonnenstrahlen. — 33 Prd\ipitat : Niederschlag.
S. 446,18 Gravamina: Verfassungsbeschwerden. Vielleicht eine Anspie-
lung auf die Sammlung: »Der samtlichen Evangelisch-Lutherischen und
Reformierten im H. R. Reich Neue Religionsgravamina usw.« (6 Bde.,
i72off.). - 3 7 lanternisieren (lanterniser) : an die Laterne hangen, ein in der
franz. Revolution gepragter Ausdruck. - 32 im September: Die franz.
Revolutionsheere unter der Fiihrung der Generale Jourdan und Moreau
waren im August 1796 fast bis nach Regensburg vorgestoBen. Daher wur-
den die Reichstagsakten von dort zu einem groBen Teil nach sicheren Orten
ausgelagert.
ANMERKUNGEN II77
S. 447, i Inrotulieren : (in einen Rotul, ein Aktenbiindel) zusammenlegen
und einrollen, d. i. die Akten fur die hohere Instanz fertig machen. — ly der
108. Psalm; vermutlich denkt J. P. doch an den 109. Palm, in dem der
Sanger Gott urn die Ausrottung seiner Feinde bis ins andere Glied anfleht. -
i y Biirgerkrone: Im alten Rom wurde verdienten Biirgern ein Ehrenkranz
aus griinen Zweigen verliehen. - 34 Gassen-Reverberen: s. o. zu S. 96, 33. -
36 Menagiana: Das Zitat bezieht sich auf die selten gewordene Sammlung:
»Menagiana« (1693 u. 6.), in der aus dem NachlaB des franz. Polyhistors
Gilies Menage (1613-92) Anekdoten, Sentenzen und kleine Abhandlungen
versammelt wurden.
S. 448,5) formula concordiae: das 1580 zur Beseitigung der inneren Strei-
tigkeiten herausgegebene »Einigungsbuch«, eines der »symbolischen« Bii-
cher der Protestanten. — 12 karolingische Halsgerichtsordnung ; die »Consti-
tutio criminalis Carolina", das erste deutsche Strafgesetzbuch. Es wurde 1 532
durch Karl V. zum Reichsgesetz erhoben und blieb bis in die Mitte des 18.
Jahrh., in PreuBen bis 1806 in Geltung. - 25judices a quibus undadquos: s. o.
zu S. 212,24. — 2,5 Leuterant: Anwalt in einem Wiederaufnahmeverfahren. -
27 Karolinen und Theresianen: im ersten Fall die erwiihnte Halsgerichts-
ordnung Karl V., im zweiten Fall die »Constitutio criminalis Theresiana«,
die in Osterreich 1768 die altere Gesetzgebung abloste. -31 Fraisfall:
Todesurteil.
S. 449,4 Planlglob: Darstellung einer Erd- oder Himmelskarte auf einer
ebenen Flache. - 9 Schlegel: Gemeint 1st der Dramatiker Joh. Elias Schlegel
(1718-49), der eine Erneuerung der deutschen Dramatik anstrebte. Der
Satz bezieht sich auf die Praxis des klassischen franz. Dramas, Schreckens-
szenen stets vor dem Zuschauer zu verbergen, und auf Racines Eigenart in
der Behandlung der Schurken. — 1 <? Cesare Bonesano da Beccaria (1738—94):
berCihmter it. Jurist, bekampfte in einer Schrift: »Dei delitti e delle pene«
(1780 in endgiiltiger Form) die Tortur und die Todesstrafe und erregte
damit weltweites Aufsehen. — 20 Frais- und Zentherren: Gutsbesitzer, die
das Recht iiber die peinliche Gerichtsbarkeit auf ihrem Territorium be-
saGen. - 22 Tyburn und Greveplat^: Auf ihnen fanden fruher in London und
Paris die ofTentlichen Hinrichtungen statt. - 29 Feimer: obdt. Femerichter.
S. 450,? Hungerturm: Anspielung auf Gerstenbergs Drama »Ugolino«
(1768), das den Hungertod des Grafen Ugolino da Siena und seiner Sohne
zum Gegenstand hat. — 8 revenant: s. o. zu S. 156,70. — 9 aqu<* toffana:
schleichendes Gift. — 1 8 Weisel: Anfiihrer, im besonderen bei den Bienen
die Konigin. — jS gekopfet und kuri darnach gehangen; vielleicht ein be-
wuBter Anklang an die Rachearie des Osmin in Mozarts »Entfiihrung aus
dem SeraiK
S. 4$ i,8 Voltaire: Das Zitat weist Berend im »Briefwechsel Friedrichs
des Groften mit Voltaire« nach. Vgl. in der Ausgabe von R. Koser und H.
Droysen (1909), 2. Bd., S. 79 f. - 13 maltre des hautes ceuvres: Henker.
S. 452,2 VirgUs geschilderter Laokoon: vgl. Aeneis II, 20 iff.— 6 Anthro-
1 178 ANMERKUNGEN
polith: vermeintliche Versteinerungen von menschlichen Korperteilen. —
26 Ugotinos Hungerturm: s. o. zu S. 450,*. — 26 Kents ausgeleerte rote
Augenhohle: vgl. Shakespeares »King Lear« 111,7, wo aber Gloucester ge-
blendet wird.
S. 453, 30 Poussiergriffel: richtig: Bossiergriffel, Bildhauerwerkzeug
zum Modellieren in Stein. — 33 August Wilhelm Iff/and (1759-1814):
Schauspieler und Dramatiker. J. P. denkt an die unmittelbar gleichzeitigen
Stiicke, wie die »Aussteuer« und die »Advokaten« (1795), in denen Iffland
dureh ein Verknappung des Dialoges Stakkatowirkungen auf der Buhne zu
erzielen vcrsuchte.
S. 454,-2 Neuntoter: der Wiirger (lanius cinereus), ein Raubvogel, der
nach dem Volksmund jeden Tag neun Vogel erlegt. — 4 Kallus; hier svw.
knorpelige Verhartung. — 19 Blut des heiligen Januars : Das Blut des San
Genaro, des Stadtheiligen von Neapel, wird zweimal im Jahr wieder flussig. —
23 jiidischerTodesengel: vgl. 2. Mose 12,296". Die Erzahlung wurde in der
jiidischen Tradition urn zahlreiche neue Zuge erweitert. — 32 wie Ananias
und seine Ehefrau: vgl. Ap. Gesch. 5,1—10.
S. 45 5,-2 1 dreistundiger : Die Originalausgabe und ihr folgend die Kritische
Ausgabe setzen dafiir die schwache Form: »dreistundige«. - 23 Seneka:
»Nicht ein Tod war, doch der uns entreiBt, ist der letzte Tod«. - 27
todliche Ration Mdusegift: Danach scheint eine Anspielung durch
die Zensur gestrichen word en zu sein, wie Forster in »Wahrheit aus Jean
Pauls Leben« V,20i mitteilt. - 34 dekollieren: enthaupten. - 36 Homtnel:
S. O. ZU S. $2,21.
S. 456,6" Totenfatl: hier wohl svw. Totengeld, das aus der Sterbekasse
bezahlt wird. - 21 Pariser Insurgenten: Beim Sturm auf die Bastille bewaff-
neten sich die aufstandischen Proletarier bekanntlich aus dem Arsenal der
Militarakademie (Bellona ist die rom. Gottin des Krieges). - 22 Melpomene:
Muse der tragischen Dichtkunst. - 27 wie Attikus: Der einfluBreiche rbm.
Ritter T. Pomponius Atticus (108-31 v.Chr.) starb freiwillig den Hunger-
tod, veranlaBt durch eine schmerzhafte Krankheit. Vgl. Cornelius Nepos:
»Atticus« 36.
S. 457,*5 Paiingenesie: Wiedergeburt.
S. 45 8,^ 3 Scheerau, Flachsenfingen und Haarhaar: die Schauplatze der
»Unsichtbaren Loge«, des »Hesperus« und des »Titan«, an dem J. P. damals
arbeitete.
S. 459,2 Joh. Ernst Fabri (1755-1825).- Professor der Geographie in Er-
langen, gab 1780-90 eine »Elementargeographie« in 4 Bdn. heraus, der er
eine vom Dichter vielbenutzte »Geographie fur alle Stande« folgen liefi. -
1 4 Bethesda-Teich: Das Wasser dieses Teiches machte nach Joh. 5,4, wenn
es von einem Engel bewegt wurde, jeden gesund, gleichviel an welcher
Krankheit er litt. - 33 offi^inell: arzneilich, heilsam.
S. 460,2 iwei Magdeburgische Halbkugeln: die beriihmten, von Otto v.
Guericke (1602-86) erfundenen Vakuum-Kugeln, uber die er 1672 in seinen
ANMERKUNGEN 1179
»Experimenta nova, ut vocant, Magdeburgica de vacuo spatio« erstmals
berichtete. - 4 griechische Helene: Der Busen der Helena soil zum Modell
fur ein TrinkgefaB gedient haben. — 19 Jan van Huysum (1682-1749):
niederl. Stillebenmaler aus Amsterdam. — 19 Abraham Mignon (1640-79):
ein Schiiler des Davidsz de Heem, einer der bekanntesten Stillebenmaler der
niederl. Schule. Die beiden angefuhrten Maler liebten es, tauschend ahnliche
Tauperlen auf ihren Bildern anzubringen.
S. 461,5 Friedr. Wilh. Herschel (1738-1822): bedeutender Astronom,
der zuerst in den Nebeln der MilchstraBe ausgedehnte Sternfelder zu er-
kennen vermochte. — 31 Sphinxe und Phaldnen: Nachtfalter.
S. 462,5 Klopstochs Gelehrtenrepublik: Fr. Klopstocks Abhandlung: »Die
deutsche Gelehrtenrepublik« erschien auf Pranumeration 1774, und die
Liste der Subskribenten umfaBte in der Erstausgabe mehr als 70 Seiten. —
zi Sckloiertscher Briefwechsel: Aug. Ludw. v. Schlozer (173 5-1809), Hi-
storiker und Publizist, veroffentlichte in den Jahren 1776-82 in 10 Bdn.
einen » Briefwechsel, meist historischen und politischen Inhalts«.
S. 463,2 heiligen Geist: Verbesserung der Kritischen Ausgabe. Die Origi-
nalausgabe muBte dafur auf Verlangen der Zensur wguten Geist« einsetzen. -
14 Jean Calas (1698-1762): franz. Kaufmann, wurde nach dem Selbstmord
seines Sohnes, der zum kath. Glauben iibertreten wollte, angeklagt, ihn aus
religiosen Motiven ermordet zu haben, und ofFentlich geradert. 1765 sprach
ein Pariser Gericht nach heftigen Angriffen von seiten Volltaires und der
Aufklarer, Calas von aller Schuld frei. J. P. denkt vermutlich an den 1765
entstandenen und sehr verbreiteten Kupferstich von Delafosse: »La mal-
heureuse famille Calas.« - 19 Aaronsstecken; 4. Mose I7,i6ff.
S. 464,72 Postlapsarier: Riickfalliger. — 30 Baron Wolf: s. o. zu S.
252,35. — 34 Moresken: svw. Arabesken, Ziermalereien. - 34 Bamboc-
chiaden; s. o. zu S. 24,7.
S. 465,33 Anmerkung; Das vollstandige Zitat des seltenen Buches lau-
tet: Caspar Scaliger (1 484-1 558) »Exotericarum exertitationum liber quin-
tus decimus de subtilitate ad Hieronymum Cardanum« (1557)* Die Ober-
setzung gibt J. P. im Text selbst ziemlich wortlich. - 36 Bourrits Reise:
Gemeint ist T. Bourrits »Beschreibung der penninischen und rhatischen
Alpen« (1782).
S. 466,5 Kautelar jurisprudent : der Teil des praktischen Rechts, der sich
mit den moglichen VerhutungsmaBnahmen eines Schadens oder Verbre-
chens befaBt. - 18 Attitiiden der Lady Hamilton: Emma, Lady Hamilton
(1761-1815), die Geliebte Nelsons, als Maitresse an vielen Hofen Europas
auftauchend, war wegen ihrer » Attitiiden«, ihrer Kunst der mimischen Darstel-
lung, viel bewundert. - 21 Turiner Lichtchen: phosphoreszierende Wachs-
lichter in Glasrohren, die sich selbst entziindeten, sobald sie mit der Luft
in Beriihrung kamen. - 23 Enkaustik: antike Maltechnik, bei der die Farben
dem Malgrund eingebrannt wurden.
S. 467,?^ Kothurn: s. o. zu S. 279,3. - 20 heiligejubelpforte: vermauerter
Il8o ANMERKUNGEN
Nebeneingang der Peterskirche in Rom, der nur alle 25 Jahre zum Jubeljahr
vom Papst eigenhandig geoffnet wird.
S. 468,5 Ephorus: Aufseher, ein Staatsamt in Sparta, das dem des rom.
Zensors entsprach. — y Ragusa: Der Rektor von Ragusa wurde alle Monate
neu gewahlt und hatte dann diesen einen Monat die unumschrankte Staatsge-
walt. -14 Visthnu: Nach der Lehre des Hinduismus erscheint Vishnu, der
»Gott der Gotten* in zehn Verwandlungen auf der Erde. - 1 8 Lithopadium:
Steinkind, verkalktes Embryo. - 18 Zoolith: Versteinerung vorweltlicher
Tiere. — 21 Arkadier: Unter der Schirmherrschaft der Christina von Schwe-
den wurde 1690 in Rom die »Akademie der Arkadier« gegriindet, exne
Gesellschaft von Dichtern, die sich gegen die Schwiilstigkeit der barocken
Poeten wandten. Zur Zeit J. P.s war es iiblich, daB sich vornehme Reisende
unter einem Schafernamen in die Akademie aufnehmen lieBen. Vgl. J. J.
Volkmanns »Historisch-kritische Nachrichten von Italien usw.«, Bd. 2,
S. 829 fT. - 26neun Aussat^ige: vgl. Luk. 17, 1 1-19. - 37 Panisbrief; Pfriin-
denbestallung. - 38 Preiist: Bittsteller
S. 469,2 St. Germain: s. o. zu S. 8 5, ,9. — 7 wie ein Daubenton: Louis Jean
Marie Daubenton (1716—99), franz. Naturforscher, gab mit Buffon zusam-
men die »Histoire naturelle de zoonomie« (i746ff.) heraus. Er wies darin
zuerst auf die Ahnlichkeit zwischen RoBhuf und menschlicher Hand hin. —
1 4 Hamadryade : Baumnymphe. — 20 Price in London; Der engl. Alchimist
und Betriiger James Price (1752-83) behauptete, aus Quecksilber Gold
machen zu konnen. Als seine Experimente scheiterten, beging erSelbstmord.
Vgl. Gottinger Magazin, 3. Jahrg. (1782-83), S. 410, 579, 886ff. - 21 mun-
dieren: beglaubigen. — 26 Antonin; Marc Aurel. Er pflegte nur im hohen
Fieber seinen stoischen Gleichmut zu vergessen.
S. 472, 19 Asphyxie; Starrkrampf.
S. 473, 2 o Ceinturon; nach S. 673,6" ein breites, silbernes ScharpenschloB.
S. 474, 32 Alcibiades; Nach dem Bericht des Plutarch warf sich einmal
der ganz junge Alkibiades der Lange nach vor einen heranbrausenden
Wagen, der ihn beim Wiirfelspiel zu storen drohte. — 33 Jagdwurst: hier
svw. Jagdwagen. Eigtl. versteht man unter einer »Wurst« ein landliches,
schwerfalliges Gefahrt.
S. 475,6*— 19 Kaffee-Typologie : vgl. zu solchen Digressionen, deren Argu-
mentationen schlieBlich in sich selbst zusammenfallen, Tristram Shandy 11,8;
V,26; VII,27 und den §33 der »Vorschule der Asthetik«. — 29 Badine:
Spazierstock.
S. 476,3 Saksak: vielleicht der Saki, eine dem Schimpansen verwandte
Affenart. — 4 Zoiluskopf: Zoilus war ein zankischer griech. Grammatiker
aus Amphipolis, der um 270 v. Chr. lebte und fur seine kleinliche Tadelsucht
um Homer sprichwortlich wurde. — 9 Konjunktion: s. u. zu S. 956,4.
S. 477,7 Pipi: Giulio Romano (1492-1 546) hieB mit biirgerlichemNamen
Giulio Pippi. - 8 Schafe von Klaase: Gemeint ist wohl der Dresdner Maler
Fr. Christian Klaas (1752— 1827), dessen kleine Landschaftsskizzen zu J. P.s
ANMERKUNGEN Il8l
Zeit sehr geschatzt wurden. - 1 GAbderiten: s. o. zu S. 274, 18.-19 Hadrians-
Villa: In seiner Villa bei Tivoli hatte der Kaiser Hadrian gegen Ende seines
Lebens alle beriihmten Sehenswurdigkeiten seiner Welt in kleinem MaBstab
nachbilden lassen.
S. 478,26" Garzilaso de Vega, gen. Inka (1530-68): span. Historiker, der
aus dem Konigshaus der Inkas stammte. Schrieb eine mehrfach iibersetzte
»Storia general del Peru« (zuerst 1616). — 36 Demutsfcleid des heiligen Alexis:
vgl. o. S. 353,j5.
S. 479,5 Gehenna: der Ort der Verdammten in der jiidischen Theologie. -
24 Akademie: s. o. zu S. 29,* 2. — 28 Orbilius Pupillus: rom. Grammatiker
und Lehrer, der als Urbild des Schultyrannen gilt. Horaz nennt ihn
(II Epist. 1,70 f.) »plagosus«,den Schlagfertigen.- 32 Diogenes-Lateme : An-
spielung auf die bekannte Anekdote, da6 Diogenes am hellen Tage mit
einer Laterne durch Korinth gezogen sei, urn Menschen zu suchen. — 3S
sphragistisch: Sphragistik nennt man die Siegelkunde.
S. 480,2,9 die Narrheit wie Erasmus usw.: vgl. o. zu S. 82,2;. — 25 wie
Kaligula: vgl. Sueton, Cal. 22,3 ff. — 27 Lararium: Heiligtum fiir die alten
Hausgotter in Rom. — 32 Parentator: Lobredner.
S. 481,22 Zirbeldriise: In ihr ist nach Descartes der Sitz der Seele zu
suchen. — 30 Treflebube: Kreuzbube.
S. 482,^ Stylit Simeon: Die Styliten oder Saulenheiligen verbrachten ihr
Leben biiBend als Einsiedler auf hohen Saulen und Felsen in der agyptischen
Wiiste. Simeon Stylites (um 390-459), der Griinder dieser Sekte, lebte mehr
als dreiBig Jahre auf einer 16 Meter hohen Saule bei Antiochia. - 1 8 Ancora-
Traurede: wiederholte Rede.
S. 484,7 blaue Bibliothek: Diese Sammlung von Marchen und Feenge-
schichten erschien 1 790-1 800 in Gotha unter dem Titel : »Die blaue Bibliothek
aller Nationenu in 12 Bdn. - 2 0 Siechkobel: So wurden in Oberdeutschland
die Quarantanehauschen am Rande der Stadt genannt. — 1 2 Musenalmanach :
Ein solcher Anhang war dem »Gothaer Almanach« beigegeben.
S» 485,2 Festhase: Er darf noch in der Schonzeit bei ungewohnlichen ,
Gelegenheiten geschossen werden. - 6 Torus: Ruhelager, Ehebett. -
2.0 Schat^kdstlein: Titel zahlreicher Erbauungsschriften der Zeit.
. S. 486,22 Triampole, Quarampole usw.: gebrauchliche Brett- und Karten-
spiele der Zeit.
S. 487,27 Anschrot: eigtl. Anschnitt, dann Rand und Besatz. - 28
Durchgangsgerechtigkeit: das Recht auf Abgaben bei durchpassierenden
Wagen.
S. 488,2^3 Thomastag: 21. Dezember. — i5 erblichen: vielleicht Druck-
fehler fur »erblichenen«. - 32 Bewindheberin: . s. o. zu S. 96,24.
S. 489,5 Grahams-Bette: James Graham (1745-94), Quacksalber mit
dubiosem Doktorgrad, hatte in seinem mondanen Haus in dem engl. Bade-
ort Bath ein »celestial bed« aufgebaut, das gegen Unfruchtbarkeit helfen
soilte. - 26 Maskopeibruder: s. o. zu S. 442,27. - 3S Venerabile: das Aller-
1 1 82 ANMERKUNGEN
heiligste, die Hostie. — 36 William Derham (1657-1735): engl. Prediger.
Sein Hauptwerk: »Astro-Theologie« (1714) hat J. P. haung benutzt.
S. 490,4 Avisobrief: Wechselbrief. — 5 Mortifikationsschein: Tilgungs-
brief, mit dem eine Schuld fur eingelost erklart wird.
S. 491, 1 2 spanische Jesuiten: Anspielung auf die Versuche der Jesuiten,
sich durch konigliche Freibriefe in Spanien vor der Aufhebung des Ordens
zu schiitzen. fc
S. 492,/ Fuchsturm: Dieser Teil der alten Burg Kirchberg, in dem 1161
Konrad von Meifien ein Jahr gefangen saB, gehorte zu den Sehenswiirdig-
keiten, den wsieben Wundern« von Jena. — ijHaherrohr: seit dem 16. Jahrh.
eingebiirgerter Name fur die Schalmei. — 1 8 promulgieren : offentlich bekannt-
machen.
S. 493,4 bekielen: befedern. — z5 Kordial: herzstarkendes, alkoholisches
Getrank. — 28 Campe: s. o. zu S. 34,30$". J.P. stiitzt sich dabei vermutlich
auf Campes: »Proben einiger Versuche dt. Sprachbereinigung« (1791).
S. 494, # -Humoralpathologie: Krankheitslehre, die nach der Lehre des
Galen alle Krankheiten aus Verunreinigungen der Korpersafte (humores)
herleitet. — 23 verjungten: Auch hier ist an einen Druckfehler fur »verjiing-
tem« zu denken.
S. 496,; 8 Professionist ; Handwerker. — 30 Boa-Upas-Baum (antiaris
toxicaria) : ein sagenumwobener Baum der malaiischen Inselwelt, der einen
gefahrlichen Saft enthalt. Die zum Tod Verurteilten mufiten mit verhullten
Augen zu dem Baum gehen, dessen Ausdianstung sie meist sogleich totete. —
32 Minotaurus-Hohle: das bekannte Labyrinth auf Kreta.
S. 498,^ Christian Gottlob Heyne (1729-1812): vor allem als Lehrer
vorziiglicher, vielbandiger klass. Philologe. - 8 Heidenreich: Darunter ist
vermutlich der von Schiller und Goethe, aber auch von der Kantschule be-
fehdete Dichter und Asthetiker Karl Heinrich Heydenreich (1764-1801)
zu verstehen, der zahlreiche philosophische Abhandlungen verfaBt hat. -
24 Lavaier; s. o. zu S. i86,^5. - 26 wie Alexander: vgl. o. zu S. 87,7,9.
S. 499,/ o Ehezarter: Ehevertrag.- 1 y Strohkraniredner : s.o. zuS. 353,3.-
31 Pun^e: Stahlstichel zu erhobener Metallarbeit.
S. 500,7 1 John Pringle (1707-82): Kapazitat auf dem Gebiet der Militar-
arzneikunst. Sein Hauptwerk: "Observations on the Diseases of the Army«
(1752, dt. 1772) war allgemein bekannt. - 19 Gegenstandes: Die erste
Reimersche Gesamtausgabe verbessert vielleicht zu Recht in »Ehestandes«,
doch kann auch die in der Originalausgabe gegebene Form vom Dichter
intendiert sein. - 28 John Wilmot, Graf von Rochester (1647-80); geist-
voller Satiriker am Hofe Karls II. von England, der sich erst kurz vor seinem
Tod von seinem volligen Unglauben bekehrte. - 29 Julien OfTray de La
Mettrie (1709-51): franz. materialistischer Philosoph (»L'homme machine«
1743). Er war 1748 von Friedrich II. nach Berlin berufen worden. - 31
Johnsons vortrefflicher Rambler: vgl. in Samuel Johnsons (1709-84) Zeit-
schrift: »The Rambler** (1749 ff.), Nr. 14 vom 5. Mai 1750.
ANMERKUNGEN 1 1 83
S. 501, 34 Cicero: vgl. De legibus I, 50.
S. 502,*j Antoine Laurent Lavoisier (1743-94) und Pierre Simon de
Laplace (1749-1827): bedeutende Chemiker und Mathematiker, die sich
auch um die Entwicklung des Hitzemessers (Pyrometer) verdient gemacht
haben.
S. 503,^ jahrlich fiinf Festtage: die sog. Sansculottiden, die im franz.
Revolution skalender an den Schalttagen des neugeregelten Jahres einge-
schoben wurden. — ; o William Whiston (1667— 1752): engl. Theologe und
Mathematiker, veroffentlichte 1696 eine »New Theory of the Earth". Darin
versuchte er die Genesis durch den ZusammenstoB der Erde mit einem
Kometen naturhistorisch auszudeuten. — 2$ Legestackel: s. o. zu S. 166,12.
S. 504, 1 2 Klinamen: Neigung.
S. 507,25 ihrem; Die Originalausgabe setzt dafur falschlich »ihren«.
S. 508, z<? Ripienist: Musiker oder Sanger, der nur die Fiillstimme aus-
zufuhren hat. — 32 »0 daft ich tausend Zungen hdtte«: geistliches Lied von
Joh. Menzer (d. i. Joh. Fischart).
S. 5io,z Paraklet: Beistand, Troster. - 10 Robert Holcot (gest. 1349):
engl. Dominikaner, der u. a. eine Sammlung : »Quodlibeta in IV evangelia«
verfaBt hat.
S. 511,4 Berg Jovis usw.: Ausdriicke der alteren Handlesekunst.
S. ^12,18 masque en chauve-souris ; Fledermausmaske, ein grauschwarzer,
langarmliger Domino. - 3 1 Mandel: eigtl. sechs Stucke einer Art. - 32 Halb-
scheid: svw. Halfte.
S. 513,2 Vernunftschliisse in Festino und Ferison: alte Bezeichnungen fur
zwei ausgefallene Arten'der syllogistischen SchluBfiguren. In beiden wird
jedoch der Obersatz allgemein verneint, der Untersatz teilweise bejaht und
der Schlufisatz besonders verneint, was J.P.s Aussage widerspricht. -
1 1 Versikel: Bibelvers.
S. 515,4 Kirchenrat Seiler: Gemeint ist der von J. P. wenig geschatzte
Bayreuther Konsistorialrat und Erlanger Theologieprofessor Georg Friedr.
Seiler (1733-1807). — 8 Evangelium vom Wassersiichtigen: vgl. Luk.
14,1-14. - 14 Sonnabend: an welchem J.P. in das Dorf gekommen war. -
23 Laodiieisches /Consilium: Das erste der beiden Konzilien vom Ende des
4. Jahrh. wandte sich scharf gegen den MiBbrauch des Sonntags, und Augu-
stin griff in seinen kirchenpolitischen Schriften wiederholt auf diesen Ge-
danken zuriick.
S. 516,^ seinen: auf »Geschopf« zu beziehen! - 31 Gays Bettler-Oper:
s. o. zu S. 198,2,9. - 33 Michel Baron (1653-1729): einer der grofiten
Schauspieler der franz. Buhne, als Darsteller der heroischen Partien in den
Dramen Corneilles und Racines noch im hohen Alter umschwarmt. Seine
Eitelkeit brachte ihm viel Tadel und manche unzutreffende Anekdote ein. -
3$ Herder: vgl. Ideen zur Philosophie der Geschichte der Menschheit,
4. Bd. (1792) s- 99-
S. 517,22 Plenipoteniiar : bevollmachtigter Gesandter. - 33 Judenschut^:
1 184 ANMERKUNGEN
jahrliche Abgabe, welche die Juden fur den ihnen gewahrten Rechtsschutz
an ihren Landesherrn zahlen muflten. — 36 wie Yorick: J.P. verwechselt
hier "Yoricks empfindsame Reise« mit dem »Tristram Shandy«. Vgl. dort
VII, 1 6.
S. 5i8,j5 Pertschens erstes J ahrhundert: vgl. J. G. Pertsch: »Versuch
einer Kirchen-Historie. Erstes Jahrhundert« (1736), S. 66.
S. 520,^34 Anmerkung: Das Zitat entnahm J. P., wie Berend angibt,
Chr. Schottgers »Antiquitatenlexikon« (1729), S. 7.
S. ^zi,t4Jener Eispalast: s. o. zu S. 342,^7.
S. 52.2,23 gaben: richtig »gab«, doch begegnen ahnliche Formen bei J.P.
ofters. — 26 Land der Liebe: Unter diesem Titel hatten Breitkopf und Hartel
als Probe eines neuen Landkartendrucks 1777 ein schones Blatt herausge-
geben. — 23 Augarten: s. o. zu S. 132,^5.
S. 523,2 homannische Spe^ielkarten: s. o. zu S. 231,6". — 8 Flachsenfingen :
s. o. zu S. 156,2-;. — 30 Lambris: Vertafelung.
S. 524, 30 wie David: s. o. zu S. 235, ?#.
S. 525,25 Borussias: 1794 erschien von J. D. Jenisch ein Epos unter
diesem Titel.
S. 526,7,7 Bruder Redner: s. o. zu S. 301,5. — 29 Kleisteraal: Infusions-
tterchen, das vorzugsweise in Kleister oder Essig auftritt.
S. 527,6" die bekannte Insel der Vereinigung : vgl. Hesperus, 12. Hundpost-
tag.
S. 5 28, 2 z Berliner Druck : J. P. denkt wohl an die damals neu verwendete
Unger-Fraktur. - 34 Barthold Hinrich Brookes (1680-1747): religioser
Lyriker. Sein Gedicht: »Die auf ein starkes Ungewitter erfolgte Stille« aus
dem »Irdischen Vergniigen in Gott« (1721-48, 9 Bde.) vermeidet bei der
Schilderung der Stille in der Natur ganz den Buchstaben R.
S. 529,6 Vincente Cardone (um 1 590-1620): Dominikaner aiis Neapel,
schrieb als junger Mann jenes Gedicht: »L*R sbandita«, das 1614 zuerst
erschien und 161 8 zusammen mit dem »I/alphabeto distrutto« wieder auf-
gelegt wurde.
S. 532,2 Helvetius; s. o. zu S. 194,* 5. - 32 Balthasar Denner: s. o. zu
S. 22,7.2.
S. 533, 34 Saturnin: christlicher Gnostiker aus der Zeit des Kaisers
Hadrian, dessen Bewegung jedoch bald wieder vergessen wurde.
S. 5 36, 1 6 Epopoen von Bodmer und Blackmore : Der Schweizer Asthetiker
Joh. Jak. Bodmer (1698-1783) schrieb zahlreiche kleine Epen unter dem
starken Einflufi Miltons und der engl. Aufklarer; der engl. Dichter Richard
Blackmore (gest. 1 729) schrieb die Versepen : »King Arthur** (1 69 5) und »The
Creation« (171 2), die in ihrer pedantischen Ntichternheit nur als Gegenstand
satirischer AngrifTe von Pope und Dryden bekannt geblieben sind. - 31
Doktor Gaubius: Gemeint ist der Leydener Professor der Medizin Hierony-
mus David Gaub (1705-80). Die Bezeichnungen sind wohl seinem »Libellus
de methodo concinandi formulas medicamentorum« (1739) entnommen.
ANMERKUNGEN II85
S. 5 3 7, jo Kotiebuiscke Ftucht (nach Paris): Der Dramatiker und Roman-
schriftsteller August v. Kotzebue (1 761-18 19) ging 1790 aus K.ummer iiber
den Tod seiner Frau nach Paris und beschrieb die Reise ein Jahr spater in
seinem Buch: »Meine Flucht nach Paris im Jahre 1789". - 32 Extravasat:
AusfluB.
S. 5 38,2 8 Epopt: Kundiger, Eingeweihter, der an den Mysterien teil-
nehmen darf.
S. 539,2,9 Kiblah: »>das Ziel«, die Richtung nach Mekka, nach der sich
die Mohammedaner beim Gebet wenden rmissen.
S. 540,26" in integrum restituieren : unversehrt wiederherstellen.
S. 5 42, 2 3 Mausoleum der Cdcilia: Gemeint ist das Grab der CaeciHa
Metella an der Via Appia bei Rom. Vgl. J. J. Volkmanns »Historisch-kritische
Nachrichten von Italien«, Bd. 2, S. 756.
S. 543, 23 Schliefiquadrate: s. o. zu S. 166,1 8.
S. 546,75 Doxologie: Lobpreisung Gottes, die SchluBformel aller alte-
sten, erhaltenen griechischen Predigten.
S. 548,? Diirer: Nach einer wandernden, auf viele anderen Kiinstler
ubertragenen Anekdote soil Diirer mit freier Hand einen exakten Kreis
gezeichnethaben. - 1 2 drei Grade der Tortur: Schrauben, Strecken und Feuer.
S. 549, / p Justus Mdser (1720-94) : patriotisch gesinnter deutscher Staats-
mann und Publizist, der 1755 ff. »Patriotische Phantasien« veroffentlichte,
die iiberall in Deutschland lebhafte Zustimmung fanden. - 25 nicht nur:
Die Erganzung durch den Gegensatz wsondern auch« unterbleibt.
S. 55o,z£ Esel: In der Originalausgabe muBte auf Verlangen der Zensur
das Wort abgekurzt werden in »E...«.
S. 551,^7 fruhere: Entweder dieses Wort oder das in Z.z.9 folgende
»friiher« ist iiberflussig und in der Originalausgabe wohl durch ein Versehen
des Dichters stehen geblieben.
S. ^2,2 off. drei fremde Kinder: Die folgenden Abschnitte richten sich
gegen das aufklarerische Verbieten alles Wunderbaren ftir Kinder, besonders
gegen WeiBe, der im »Kinderfreund«, i.Tl. (1775), S. i87ff. dagegen ge-
wettert hatte.
S. 553,5^ Eiechielsrader : vgl. Hes. 1,15-21.
S. 554,5 Blocker: Plural zu »Bloch«, Klotz. - 5 Wellbaum: Walze.
S* 555>3' Trophonius-Hokle : antikes Orakel in Bootien, zu dem man in
eine grausige Hohle hinuntersteigen muBte.,
S. 558,^ Arkturus und Kynosura: Sternbilder an der Peripherie der nord-
Hchen Himmelskugel. - 1 3 Ascheniieher : Turmalin.
Das Kampaner Tal
Auch der AnstoB zu dieser Schrift kam von auBen, als sich im Dezember
1796 der Geraer Verleger August Hennings an Jean Paul um ein Buch fur
Il86 ANMERKUNGEN
seinen neuen Verlag wandte. Jean Paul sagte zu und begann sogleich im
Januar 1797 mit der Ausarbeitung des Gesprachs iiber die Unsterblichkeit.
Er konnte auf ausgedehnte altere Aufsatze und Untersuchungen zuriickgrei-
fen und schrieb die kleine Erzahlung in kurzer Zeit (6. Januar bis 11. Februar
1797) nieder, mit Lust und Freude, aber zugleich unter starkem zeitlichem
Druck. Noch wahrend der Arbeit an dem feierlich hochgestimmten Ge-
sprach faBte Jean Paul den Plan, diesem einen selbstandigen satirischen
Appendix beizugeben, wie er es bereits bei den »Biographischen Belusti-
gungen« getan hatte. Er verfiel darauf, einen Bilderkommentar nach der Art
von Lichtenbergs »Ausfuhrlicher Erklarung der Hogarthischen Kupfer-
stiche« 5 Tie. (1794—99) zu den elenden Holzschnitten im Bayreuther Kate-
chismus zu schreiben, denen er in ahnlicher Weise eine fortlaufende Erzah-
lung unterschieben wollte. Mit der Ausarbeitung begann er Mitte Februar
1 797 und schloB sie am 1. April ab. DasBiichlein mit seinen beiden unver-
bundenen Teilen erschien im Mai des gleichen Jahres, der Druck fiel un-
gewohnlich liederlich aus.- Obgleich die Nachfrage groB,das kritische Echo
giinstig war und mehrere Nachdrucke des Buchleins erschienen, kam es
auch hier bei Lebzeiten Jean Pauls zu keiner rechtmaBigen zweiten Auflage.
S« 5^3,-27 Beatifikation: die Bildung eines leuchtenden Heiligenscheins
aus elektrischen Strahlen bei magnetischen Experimenten, die von Georg
Matthias Bose (1710-61) zuerst entdeckt wurden.
S. 5 64, .2.9 die Platten von Hogarth: Der Erstausgabe von Lichtenbergs
Kommentar waren die Zeichnungen Hogarths in Nachstichen von E. Rie-
penhausen beigegeben. — 3S Gallery of Fashion: Titel eines jahrlich in
England erscheinenden Prunkwerkes iiber die Mode.
S. 565,(3 Areopagit: Richter am hochsten athenischen Gericht. — yAbdera:
s. o. zu S. 274, *<?. — 20 Moresken: s. o. zu S. 464, 34. — 21 Ufer: des Rheins.
S> 569, 3 Hundsgrotten : s. o. zu S. 11, 6". — 8 Antiparos: griechische Zy-
kladeninsel, die durch eine schon im Altertum beriihrnte Hohle ausgezeich-
net ist. - 8 Baumann: s. o. zu S. 91,^5. - 9 Hybla: wohl der Atna, an dessen
Siidhang ehemals die beriihrnte sizilische Stadt Hybla lag. - 10 Tabor:
s. o. zu S. 19,^. - 10 Freundschaftsinseln: von dem Hollander Tasman 1643
entdeckte Inselgruppe in Polynesien, die durch die Erforschung Cooks be-
kannt wurden. — 11 die seligen Inseln: Hesiod spricht in der »Theogonie«
von den u.axd(ott)V vvjaoi, auf denen die Seligen nach dem Tod wohnen, einem
Ort, »an dem unter Kronos' Herrschaft das goldene Zeitalter wieder er-
scheint und wo man sorglos lebt am wogenden Ozean und der fruchtbare
Boden dreimal des Jahres die schonsten Fruchte des reichsten Bodens
bietet«. - 11 Pappelinsel: s. o. zu S. 200, 2 3. - 11 JVentworths Park: der
groBe Park bei Wentworth Woodhouse in Yorkshire, der zugleich mit dem
gewaltigen SchloB nach 1720 angelegt und zu Ende des Jahrhunderts in
einen Landschaftsgarten verwandelt wurde. - 1 2 Daphnens Haiti: beruhm-
ter Lustgarten im syrischen Antiochia, der bis in die Zeiten des Pompejus
ANMERKUNGEN I187
fur einen der schonsten Garten der Welt gehalten wurde. - / 3 paphischer
Hain; In Paphos, einer Stadt auf Cypern, befand sich das Hauptheiligtum
der Aphrodite mit einem beruhmten Hain. — 13 Seifersdorfer Tal: wald-
reiches Tal in der Gegend von Dresden. - 1 3 Kampaner Tal: das vielbe-
suchte Tal von Campan, das sich an den Nordhangen der Pyrenaen hin-
zieht. - J. P. entnahm die Unterlagen fur seine Schilderungen im wesent-
lichen dem unten von ihm selbst angefuhrten Buch von Arthur Young:
»Reise durch Frankreich und einen Teil von Italien in den Jahren 1 787-90"
(in dt. Obersetzung von E. A. W. Zimmermann und J. G. Chr. Fick 1793
bis 95, 3 Tie.). Dazu trat noch fur einzelne Punkte des Berichtes das von
Th. Fr. Ehrmann 1795 herausgegebene »Historische Statistisch-Topogra-
phische Lexikon von Frankreich". — 20 Tempe-Tat: s. o. zu S. 30, 30. —
21 Rosen-Tal: friiher beliebtes Ausflugsziel bei Leipzig. — 21 Utopien: So
nannte Thomas Morus seinen Idealstaat, den er in dem Staatsroman: »De
optimo rei publicae statu, deque nova insula Utopia libellus« ( 1 5 1 7) beschrie-
ben hat.
S. 570,7 Kunkellehn: s. o. zu S. 423,57. — 1 Mufiteil: s. o. die Anmer-
kung zum Titel des »Quintus Fixlein«. - 5 als der Teufel Christo und Lud-
wig XIV. hot usw.: im ersten Fall Anspielung auf die Versuchung Christi,
vgl. etwa Matth. 4, 8-10. Bei Ludwig XIV. ist wohl an seine Raubkriege
gedacht, bei den Papsten an den Kirchenstaat und ihre Bemuhungen um
weltliche Macht. - / o die Leier Orpheus' ; In dem spatantiken Epos : »Ar-
gonautica Orphica«, das dem thrazischen Sanger eine Hauptrolle in diesem
Sagenkreis zuerkennt, bringt Orpheus die Symplegaden zum Stillstand, bis
das SchirT der Helden glucklich der Gefahr entronnen ist. - 21 Viktor:
Hauptheld des »Hesperus«. - 33 Claude. Gell£e, gen. Le Lorraine (1600-82):
bedeutendster Landschaftsmaler des 17. Jahrh. Er HeB fast stets die wenigen
Staffagefiguren auf seinen Bildern von Filippo Lauri und anderen Gehilfen
einflicken. -
S. 571,/ 1 Fabri: s. o. zu S. 459,/ u. zu S. 156,24. — 20 limbos infantum
et patrum: s. o. zu S. 436, z£. - 28 Corday: Dem Andenken der Morderin
Marats, der Charlotte d'Armant de Corday (1768-93), widmete J. P. 1801
den Aufsatz »t)ber Charlotte Corday«, der dann in die Werkchen von
»Katzenbergers Bade rei se« mit aufgenommen wurde. - 32 Freudenpferd
und Trauerrofi: Bei fiirstlichen Begrabnissen wurde imTrauerzug ein lediges,
schwarzgedecktes Pferd zum Zeichen der Trauer mitgefuhrt, hinter dem
auf einem sog. Freudenpferd ein prachtiger Reiter folgte, der die Freude
des Landes iiber den neuen Regenten vorstellte. Die Kenntnis dieses Brauchs
verdankte J. P. dem »Teutschen Hofrecht« F. C. v. Mosers. Vgl. dort Bd.
1 (1754), S. 45*-
S. 572,4 David Gar rick (1716-79): bedeutender engl. Schauspieler,
Freund Fieldings und Hogarth'. Von dem Gemalde des Sir Joshua Reynolds
(1723-92), das sich heute in der Rothschild-Collection befindet, hatte J. P.
«ben zur Zeit der Niederschrift, wie Berend anfuhrt, einen Kupferstich ge-
1 1 88 ANMERKUNGEN
schenkt bekommen. — G wie Milton: Er'liefi seinem Epos: »The Paradise
Lost« (1665) einige Jahre spater ein schwacheres Gegenstiick: »The Para-
dise Regained** (1671) folgen.
S- 573>'5 Weltauge: der edle Opal. Er erhalt durch den beschriebenen
Prozefi seine beim Schleifen verlorene Durchsichtigkeit wieder.
S. 574,-4 H>/e in der Epopoe: wohl Anspielung auf » Adams erstes Erwachen
und erste selige Nachte« (1786) vom Maler Miiller. - 1 1 Hippokrene s. v. zu
S. 72,14. — 30 Loh-Kasten: Treibkiibel, der mit geriebener Baumrinde
(Loherde) gefullt ist.
S. 575,2* wie von Blaramberg: Darunter ist Louis Nicolas van Blaren-
berghe (1716—94) zu verstehn, dessen zierliche Miniatur- und Dosenbilder
zu J.P.s Zeit ungewohnlich geschatzt wurden.
S. 176,18 an dem: Man erwartet »den«, der Ausdruck scheint unter dem
Eindruck des vorausgehenden »an dem ich meinen Freund« verdruckt oder
verschrieben zu sein. — 2$) Breitkopfs Land der Liebe; s. o. zu S. 522,26". —
20 Vauklusens Quelle : Sie war durch den Aufenthalt und die Schilderung
Petrarcas beriihmt geworden.
S. 578,6" Erebus: der Aufenthalt der Verdammten, die Unterwelt in der
griech. Mythologie. — 28 drei Tabors-Hiitten: s. o. zu S. I9,#. Vgl. zu
dieser Stelle Luk. 9, 28.
S. 579,2/ Sorites: ein von Eubolides erfundener TrugschluB in der Logik.
S. 580,76" Mittagshorn: der Pic du Midi de Bigorre.
S. 581, jo Lord Rochester : s. o. zu S. 500,28. Als Quelle dieser Erzahlung
verweist Berend auf Lichtenbergs »Erklarungen zu Hogarth", 2. Lieferung
(1795), S. 99.
S. 582,72 Wasserfall von Tivoli: Die grofie Kaskade im Felsgarten der
Villa Gregoriana in Tivoli.
S. 583, ijdieschone N. N* und ihrejiingere Schwester: Berend vermuteteine
Anspielung entweder auf J.P.s Jugendfreundinnen Amone und KarolineHe-
rold, oder wahrscheinlicher noch, auf Beate und Wilhelmine von Spangenberg.
S. 584,6" voyage pittoresque: Reise in Bildern, beliebter Titel fur franz.
Reisebeschreibungen. — y Hofer: Das Erbauungsbuch : »Kurzer, aber rich-
tiger Himmelsweg« (1672) von Joh. Cyriakus Hofer, das noch vielfaltig
im i8.Jahrh. wieder aufgelegt wurde,, ist wohl nur dem Wortspiel zuliebe
dem Kaplan als Lektiire zugewiesen. - 13 der alte Myrtill und Phylax:
Man vermutet zunachst eine Anspielung auf eine bestimmte Vorlage. Doch
scheint J. P. nur die gelauflgen beiden Schafernamen scherzhaft aufgenom-
men zu haben, ohne sie konkret zu beziehen. J. P. nennt in der Erzahlung
stets umgekehrt den Kaplan »Phylax« und sich »den alten Myrtill« (vgl. u.
Z. 32.ff.J- Es scheint sich an unserer Stelle um ein Schreibversehen zu handeln.
S. 585, *<? hatten: Textkonjektur der Kritischen Ausgabe. Der Original-
druck schreibt versehentlich »muBten . . . zuriickzulegen«. - 3 0 wie Montaigne,
Rousseau: Beide pflegten, wie iibrigens auch J.P. selbst, ihre Schriften auf
Spaziergangen auszuarbeiten.
ANMERKUNGEN H89
S. 586,2* Kings-Bench: s. o. zu S. 425, 33.
S. 587,22 Vox del soloecismus : wortlich: Die Stimme Gottes spricht aus
dem Sprechfehler. — 30 ondalgie: richtig: »odontalgie«.
S. 588, 18 derogieren: verdrieBen. — 22 sagt: von J. P. erganzt. In dem
Relativsatz fehlte in der dem Dichter vorliegenden ersten Auf lage das Verb,
das die zweite von 1793 durch wvorgetragen hat« erganzt. — 36 Erklarun-
gen uber die Reue usw.: Die Stellen weist Berend nach: »Ober Reue spricht
Kant >Kritik der prakt. Vernunft*, 1. Tl., 2. Buch, 3. Hauptstuck (S. 176
der ersten Auflage), iiber Musik >Kritik der Urteilskraft* §51-53, iiber den
Ursprung des Bosen in der Schrift: »Die Religion innerhalb der'Grenzen
der bloBen Vernunft* (i794).«
S. 589,^2 Demiurg: Bildner, Werkmeister, bei Plato Gott als Bildner
der Welt. Bei den Gnostikern wird der BegrifT modinziert: Demiurg als
der dem hochsten Gott untergeordnete Schopfer der sichtbarerf^Welt. —
1 3 Archimedes: Dieser erkannte als erster die Gesetze des Schwerpunkts
im Menschen. - 2 5 er: Die Originalausgabe schreibt wohl falschlich »es«.
S. 590,^ Kirwane: Karawane.
S. 591,^-^7 Rede des Kaplans: beinahe wortlich nach Kants »Kritik der
praktischen Vernunft«, 1 TL, 2. Buch, 2. Hauptstuck, IV: »Die Unsterb-
lichkeit der Seele als ein Postulat der reinen praktischen Vernunft«.
S. 592,4 Kant: vgl. die SchluBabsatze des 1. Tls. der wKritik der prakti-
schen Vernunft«. — 26 sokratische Hebammenkunst: Sokrates, der der Sdhn
einer Hebamme war, verglich seine Lehrmethode haufig mit der Kunst
seiner Mutter.
S. 593,* 4 epikurdische Abblatterungen: Epikur lehrte, daB sich alle Dinge
wieder in kleinste Bestandteile auf losen, die so lange in der Luft Hiegen, bis
sie sich wieder zusammenballen und ein neues Ding oder Lebewesen er-
schaffen. - 21 gleich der Sonne usw.: Zur Erklarung dieses Bildes fuhrt
Berend die folgende Stelle aus einem Brief an Herder an: »Mir tat es allzeit
wohl, wenn ich die Sonne mit einem menschlichen Gesicht im Kalender
gemalet sah. Diese Art von Menschwerdung milderte ihren Glanz und
brachte sie dem Menschen naher . . . «.
S. 596,5 petitio principii: unabdingbare Grundvoraussetzung.
S. 597, *<? a parte ante: Mit »a parte ante« und »a parte post« bezeichnet
man die Teile der Ewigkeit, die vor oder hinter einem Hegen. - 29 mendels-
sohn-platonisches Kolloquium: Moses Mendelssohn (1729-86) legte seine
Gedanken zur Unsterblichkeit in einer freien Bearbeitung des platonischen
Dialogs »Phaidon« nieder (1767), dem 1755 ein schmales Bandchen philo-
sophischer »Gesprache« vorausgegangen war. — 30 Madame Berlier: Bei
dem beigefugten Satz in Parenthese dachte J. P. offenbar an den Namen
des Theophil de Berlier (1761-1840), dem wahrend der franz. Revolution
eine fiihrende RoIIe im ProzeB gegen Ludwig XVI. zugefallen war.
S. 598,-2-4 Ter^ie: der sechzigste Teil einer Sekunde. - 3S Anthonie
Waterloo (1610-90): holl. Radierer und Landschaftsmaler. .
IIC)0 ANMERKUNGEN
S. 600, z i Klotilde: die weibliche JHtauptfigur des »Hesperus«, mit der
sich Viktor zu Ende des Romans verlobt. Im Verfolg dieser Fiktion er-
scheint sie hier als seine Gemahlin. — 32 Teichdocke: s. o. zu S. 107,;.
Sv 601,7 Mitraillade : Kartatschenfeuer. — 21 Dryade: Baumnymphe.
S. 602, 3 das Bonnetsche U titer liehkorperchen: vgl. in Charles Bonnets
(1720-93) »Idees sur Tetat futur des etres vivants, ou Palingenesie philo-
sophique« (1769), im gleichen Jahr ubers. von J. K. Lavater unter dem
Titel: "Philosophische Untersuchung der Beweise fiir das Christentum«
2. Bd. XVI. St. und Lavaters »Aussichten in die Ewigkeit« (1768-78),
1. Bd., S. 173 ff. — 4 das Platnerische Seelen-Schniir-Leibchen: vgl. E. Platners
(s. o. zu S. 28, jo) "Anthropologies 1. Bd. (1772), §2o8ff. und seine»Philo-
sophischen Aphorismen« (1793), 2. Bd. §5633*. — 31 Planiglob: s. o. zu
S. 449,4. - 31 Vespucius Americus (1451-1512): genuesischer Seefahrer.
Er lieferte von seinen angeblich vier Reisen die ersten Unterlagen fiir eine
kartographische Erfassung des neuen Kontinents, der spater nach ihm be-
nannt wurde.
S. 603,72 Ripienstimmen : Fiillstimmen. — i5 Anastomosierung : Zusam-
menmiindung (der Adern), Beriihrung. — 33 Schiller: vgl. Briefe iiber die
asthetische Erziehung des Menschen (1795). — 34 wie Longin: Dem spat-
antiken Rhetor Cassius Longinus (213-273), der ein Ratgeber der Konigin
Zenobia von Palmyra war, wird falschlich eine Schrift: »Vom Erhabenen«
beigelegt. Zu unserer Stelle fiihrt Berend auch den bei J. P. zitierten Vers
aus Popes »Essay on Criticism« (vgl. dort V. 681) an: »And is himself
that great Sublime he draws.« - 3? Hesperus: vgl. in unserer Ausgabe
Bd. 1, S. 1099. Die Angabe im Text bezteht sich auf die Erstausgabe des
Romans, in der der "9. Schalttag« noch im 3. Tl. untergebracht war.
S. 604, j5 ablaktieren: aufpfropfen.
S. 605,^5 fremde Planeten: nach dem Inhaltsverzeichnis der Original-
ausgabe korrigiert. Die Oberschrift im Text schreibt nur »Planeten«, worin
ihr die Kritische Ausgabe mit Verweis auf das Inhaltsverzeichnis gefolgt
ist. - 27 Montgolfieren: s. o. zu S. 378, 13.
S. 606,2 bowling-green: s. o. zu S. 19,/*. - 2* der gte Kurhut: Neun
Kurfiirsten gab es nur von 1692 an (endg. 1708), als Hannover mit der
Kurwiirde bekleidet wurde, bis zum Aussterben der bayr. Linie der Wittels-
bacher 1777. Dann fielen durch die Erbfolge der Heidelberger die getrenn-
ten Kurwiirden von Bayern (seit dem BeschluB von 1623) und der Pfalz
wieder in eine zusammen, und Hannover riickte an die achte und letzte Stelle.
S. 607, 1 Wormser Dreiiehner-Kottegium: wohl das Direktbrium auf dem
Oberrheinischen Kreistag, das aus dreizehn Kanonikern bestand und in
Worms zusammentrat. - 5 Schneiderische Haut: eigtl. Nasenschleimhaut,
nach Konrad Viktor Schneider benannt, der sie 1660 in seinem Werk:
»de Catarrhis« zuerst beschrieben hat. Hier ist aber wohl mehr an die Netz-
haut des Auges zu denken.
S. 610,22 wie es Kant vermutet: vgl. Allgemeine Naturgeschichte und
ANMERKUNGEN II9I
Theorie des Himmels, III. Tl. - 2S Spiritus rektifiiieren : Bestandteile eines
Flussigkeitsgemisches durch wiederholtes Destillieren trennen. — 31 destil-
latioper latus: Bei alteren DestUlierapparaten unterschied man die Vorgange
nach der Richtung, die der Dampf dabei zu nehmen hatte. Eine »d. per
Iatus« oder »d. obliqua« entspricht dabei unserer Destination in der Retorte. -
35 Pesckerdhs (franz. pecherais): kleiner Indianerstamm auf Feuerland.
S. 6ii,j5 Severambenlander : Marcheninseln, auf denen ein Idealstaat an-
gesiedelt war. Sie wurden von Veiras d'Allais in der »Geschichte der Seve-
ramben« beschrieben (dt. von J. Gottwerth Muller 1783).
S. 615,4 nach Herschel: s. o. zu S. 461,5. — 22 Phalane: Nachtfalter. -
26 Maestoso: Hier verwechselt J. P. wie stets die musikalischen Bezeich-
nungen »maestoso« (feierlich, erhaben) und »mesto« (traurig, klagend).
S. 619,20 und: So schreibt das Druckfehlerverzeichnis diese Stelle vor,
im Text fehlt das >mnd«, was dem Sinn besser entspricht.
S. 62 1, 41 884 Geister: Die 2. Aufl. der »Kritik der reinen Vernunft«
hatte 884 Seiten.
S. 622,2.9 Girandole: das groBe Rad bei Feuerwerken.
S. 627,/ Titel: Im Inhaltsverzeichnis der Original ausgabe lautet der
Titel: »Erklarung der 10 Holzschnitte unter den 10 Geboten oder Kron-
leins Avencement«.
S. 629, 1 3 Sachsen: Im Juni 1796 machte J. P. seine erste Reise nach
Weimar. - 29 Badine: Spazierstock.
S. 630,7 Prima Plana: s. o. zu S. 227,; 1. — 29 Souffre-douleur : Siinden-
bock.
S. 631,^5 Guido: Guido Reni. - 2$ anno ij6o: Die Stadt Wittenberg
wurde wahrend des Siebenjahrigen Krieges vom 10.— 14. Oktober 1760
von den Osterreichern und der Reichsarmee belagert und nach einem hef-
tigen Bombardement erobert. - 29 infulieren: (mit dem Bischofshut) kro-
nen. - 3 6 eiformiger Palast: Textkonjektur der Kritischen Ausgabe, die
nach J.P.s Vorlage, der »Geographie fur alle Stande« von Fabri (vgl. dort
1. Tl., 3. Bd., S. 424), die richtige Lesart herstellt. Die Originalausgabe
hat den Druckfehler: »einformiger«.
S. 632,5* Daktyliothek: Gemmensammlung. - 9 Ophir: sagenhaftes,
goldreiches Land im A.T., dem David die Schatze zum Tempelbau ver-
dankte.
S. 633,2.2 Dreieinigkeit : Goethe, Herder und Wieland. — 23 Barataria:
Diesen Namen tragt die Insel, iiber die Sancho Pansa als Statthalter gesetzt
wird. Vgl. Don Quixote (in der Obersetzung von Tieck), Tl. 2, Buch 9,
Kap. 15 und Buch 10, Kap. 12. - 31 Hirsching: Gemeiht ist F. C. Hirschings
♦>Beschreibung sehenswiirdiger Bibliotheken Deutschlands« (4 Bde., 1786
bis 90).
S. 634, 11 Meusel: s. o. zu S. 74*28. Seine »Miscel!aneen artistischen
Inhalts« (Heft 1—30) erschienen 1779-87. — ij Key filers Reisen: vgl. dort
Bd. 1, S. 273.
1 192 ANMERKUNGEN
S. 636,4 Gesichtsldngen: Nach ihnen wurde friiher in der Zeichenkunst
der menschliche Korper gemessen.
S. 637, 1 4 Solo^ismus: Sprachfehler. — 16 Theopneustie; gottliche Inspiration.
S. 639,7,9 curator absentis: s. o. zu S. 21, 28. — 20 Smerdes; Er war der
Bruder des Kambyses, den dieser aus Argwohn hatte ermorden lassen. Ein
vornehmer Magier gab sich fiir den Toten aus und zettelte eine gefahrliche
Verschworung gegen den persischen GroBkonig an.
S. 641,20 Bischof in partibus infidelium: bis 1882 ein Bischof, dem vom
Papst unter dem Titel des Episkopats einer der alten Bischofssitze im Nahen
Osten ubertragen war, die bei der ottomanischen Invasion verloren ge-
gangen waren. — 14 Konrektor JVinckelmann : Winckelmann, der von 1743
bis 48 das karge Amt eines Konrektors in Seehausen bekleidet hatte, war
1754 in Dresden aus Niitzlichkeitserwagungen zum kath. Glauben iiber-
getreten, ohne daft er jedoch in Italien, wie es J. P. anzunehmen scheint, der
neuen Religion innerlichnahergeruckt ware. — 1 6" Cesare Baronio(i 538-1607):
rom. Kardinal und Kirchenhistoriker. Sein Lebenswerk: »AnnaIes ecclesia-
stics (12 Bde., 1 588-1607) wurde wegen der zahlreichen Irrtiimer und Ver-
falschungen lebhaft bekampft. - 16 Robert Bellarmin (1542— 1621): jesui-
tischer Theologe, seit 1599 Kardinal, entschiedener Vorkampfer fiir die
Autoritat des Papstes gegen die Haretiker und die Reformation.
S. 642,? G Gradierhauser : Verdunstungskammern in Salzbergwerken. —
20 nach Nicolai und Hermes : s. o. zu S. 280,26" und zuS. 34, 3offi - 22 Alter
vom Berge: s. o. zu S. 422,^. - 23 Cassius: nach dem bekannten Wort
aus Shakespeares "Julius Casar«, I, 8.
S. 643, 23 gewahlet: Davor ist vermutlich »richtig« zu erganzen. - 26
Dechant Swift: Jonathan Swift verbrachte die letzten Jahre seines Lebens in
geistiger Umnachtung und stummer Lethargic
S. 644,5 Origenes: Dieser groCte Theologe der Ostkirche (185-254)
hatte sich als Jungling in asketischem Wahn entmannt.
S. 646,23 Dendrite: an verastelte Pfianzenreste erinnernde Ausschei-
dungen von Eisen und Mangan auf Kalksteinen.
S. 647,36 Mosis-Krummstab: vgl. 2. Mose 14,166°.
S. 648,3 fruchtbarster Moment: in Anlehnung an Lessings Theorie vom
transitorischen Moment. Vgl. Laokoon III. - 13 Hermeneutik : Auslege-
kunst. - * 8 Ungers Vater: Joh. George Unger (171 5-88) und sein beriihm-
terer Sohn Friedr. Gottlieb Unger (1753-1804) waren bedeutende Stein-
schneider und Schriftsetzer in Berlin.
S. 649,5 Speccius von Esmarch: Gemeint ist das lat. Grundbuch: »Speccii
praxis declinatiorium et conjugationum« (verb. Aufl. 1779) von Heinr.
Peter Chr. Esmarch. - 1 6 Kallipadie: hier svw. Erziehung zur Schonheit. -
23 Steinigung: vgl. 3. Mose 24, 10-16.
S. 650,^ Miinibelustigungen: s. o. zu S. 265,6". - 4 Neperscher Stab: s. o.
zu S. 1 39, J. - 1 4 Relatorium : Nachrichtenburo. - / 4 Avisfregatte : Schnell-
boot zum Oberbringen wichtiger Nachrichten.
ANMERKUNGEN II93
S. 65 1, 26 Culotte; Kniehose, halblanges Beinkleid der Adligen in Frank-
reich. — zy Pallium: Bischofsmantel. — 33 Paterniani: manichaische Sekte,
die eine doppelte Erschaffung des Menschen durch Gott und den Teufel
annahm. - 34 Lichtenberg: vgl. Erklarungen zu Hogarth, 3. Lieferung.
(1796), S. 206.
S. 652,5 als die Pkilister goldne Mause bekamen: vgl. 1. Sam. 6,4. — 12 La-
vater: vgl. Physiognomische Fragmente, 4. Bd. S. 476. - 29 Navigationsakte :
Seehandelsgesetz, im besonderen die Verfugung Cromwells von 165 1, nach
der engl. Waren nur auf engl. Schiffen eingefuhrt werden durften.
S. 653,4 Fruhlingsreife : Plural zu »Fruhlingsreif«. — 13 Gefiner: s. o.
zu S. 199,5. — 28 Zainhammer : s. o. zu S. ioo,zj.
S. 654,5 Professionist; Handwerker. — to Infarktus: Kotverstopfung. —
2.1 aus seinem Zelte: nach dem Druckfehlerverzeichnis der Originalausgabe
eingeschoben. - 28 James Burnett, Lord Monboddo (1714-99): schott.
Rechtsgelehrter und Sprachphilosoph. Sein Hauptwerk: »Of the Origin
and Progress of Language« wurde 1785 ins Deutsche iibersetzt, wozu
Herder eine Vorrede schrieb.
S. 655,2 Rosenmadchen: Anspielung auf den im spaten i8.Jahrh. nach
einem franz. Vorbild viel geiibten Brauch, das schonste Madchen mit dem
besten Ruf mit einem Kranz aus Rosen zu kronen. — 9 Gerade: fahrende
Habe der Frau; Hausrat, Kleider und SchmuGk, die beim Tode des Erb-
lassers der Witwe oder der Tochter zufielen.
S. 656, 12 der beiechte Er^vater Noah: vgl. 1. Mose 9,18-29. - ijgenom-
men: Die Originalausgabe setzt dafur falschlich »gewonnen«.
S. 658,7 Engel imfeurigen Ofen: vgl. Dan. 3,49 ff. - 34 Gera: Anspielung
auf den Wohnsitz des Verlegers Hennings, die aber dem Leser dunkel
bleiben muBte, da auf dem Titelblatt als Verlagsort Erfurt angegeben war.
In den »Beschaftigungen mit bewahrten Nachrichten« (4 Hefte, 1768-70)
des Hofer Historikers Paul Daniel Longolius (1704-79) findet sich nach
Be rend keine solche Angabe.
S. 659,7 dafi: vielleicht Druckfehler fur »>da«. - 13 Sara-Wiiste: Sahara.
Das schwache Wortspiel geht auf die Gemahlin Abrahams, Sarah, die lange
unfruchtbar geblieben war. - z 6ff. Bisckofe: Der folgende Scherz ist aus der
ersten Auf lage des »Hesperus« herubergenommen und befand sich dort als
Buchstabe »N« im "5. Schalttag«. Bei der 2. Aufl. des Romans (1798)
schrieb J. P. diesen Abschnitt um. - 24 Franz Hemsterhuis (1721-90):
Philosoph und Asthetiker, Sohn desbedeutenden holl. Philosophen Tiberius
Hemsterhuis. Vgl. seine »Lettres sur la sculpture** (1769).
S. 660,7 Stab Sanft: vgl. Zach. 11,7 - $ Waldhammer : ein mit dem Si-
gnum des Besitzers versehener Hammer, mit dem die zum Fallen bestimmten
Baume vorher gezeichnet werden.- 1 2 Sansculotten: So wurden die auf-
riihrerischen Proletarier wahrend der franz. Revolution genannt, weil sie
nicht die Culottes (Kniehoseri) der Standespersonen trugen, sondern offene,
lange Ho sen.
I I94 ANMERKUNGEN
S. 663, c> index expurgandorum : s. o. zu S. 372,25. - 22 Diebsdaumen :
s. o. zu S. 382, ig. — 34 discipline! arcani; Sakramentsgeheimnis.
S. 664,27 Isaak Casaubonus (155 9- 161 4): franz. Humanist, der 1614 im
Auftrag Heinrichs IV. seine umfangreiche Schrift: »Exercitationes de rebus
sacris et ecclesiasticis contra Baronium« verfaBte, in denen er den »Irrtiimern
des gelehrten Kardinals« (s. o. zu S. 641,? 6") nachging.
S. 6^5,j/^ der fremde Ambassadeur : Wir folgen in der Erklarung dieser
kaum verstandlichen Anspielung Berend: »Die fehlende Nase des Gesandten
deutet auf Lustseuche. Den Hocker hat er sich zugelegt, um als Kriippel
zu erscheinen. Sein Hof schickt ihm >Nasen<, d. i. Verweise, und >Hocker<,
d. i. Arbeiten, deren Last ihm den Rucken krummt.« Berend fiihrt zur Unter-
stiitzung dieser Deutung Belegstellen aus J.P.s Jugendschriften an.
S. 669,-2 {wei benachbarte Gebote: das funfte und sechste: »Du sollst nicht
toten!« und »Du sollst nicht begehren deines Nachsten Weib!« Gegen beide
Gebote verstieft bekanntlich David, als er die Bathseba verfuhrte und ihren
Mann im Krieg umkommen liefi. Vgl. 2. Sam. 1 1,2-27. - 9 Hospodar: s. o.
z. S. 386,^5. — jS a belles fesses: s. o. zu S. 88, j6".
S. 670,4 Herr von Tkummel: J.P.s Tadel zielt auf einige frivole Partien
in den ersten Banden von Aug. Wilh. v. Thummels (1738-1817) »Reise in
die mittaglichen Provinzen von Frankreich« (i79ifF.), welchen Roman er
im iibrigen sehr hoch schatzte. Eine ahnliche Anspielung und fast mit den
gleichen Worten findet sich schon im 29. Sektor der wUnsichtbaren Loge«
(vgl. Bd. 1 unserer Ausg., S. 258,5^). - 7 Korrelationssaal ': der groBe
Sitzungssaal auf dem Regensburger Reichstag. - 8 Odeum: ein in der
Antike zum musikalischen Wettstreit bestimmtes Gebaude, spater ein Saal
fiir offentliche Veranstaltungen. - 8 Beigangsches Museum: Ein Lesekabi-
nett in Leipzig, das der dortige Buchhandler Joh. Gottl. Beygang gegrundet
liatte. J. P. hatte sich in seiner Studentenzeit diesem Museum angeschlossen. -
8 bureau d 'esprit: s. o. zu S. 71,3s. - i5 Dekrotteur: Stiefelputzer. —
1 6 boue de Paris: »Schmutz von Paris«. Man konnte an eine der dam als
gebrauchlichen, scherzhaften Farbbezeichnungen denken (z. B. »caca du
Dauphin« usw.), vielleicht hat auch J. P. das Wort selbst in Analogie zu
»cu!« und »gorge de Paris« gebildet. In jedem Fall mu3 man den Ausdruck
mit »kunstlichem, d. i. geistigem Schmutz« iibersetzen. - 32 Goethe: Die
erste Sammlung seiner Werke erschien in 12 Tin. 1790 bei Goschen.
S. 671,/ der genialische Kommentator Hogarths : Lichtenberg. - 1 5 Halter:
s. o. zu S. 32,27. — 34 Monotheleten: Anhanger einer christlichen, von der
Gnosis beeinfluOten Sekte des 7. Jahrh.
S. 672,4 Maskopeischwester : s. o. zu S. 452,27. - 6 farnesischer Palast:
Die schon in der Renaissance gegriindete Sammlung des Palazzo Farnese,
deren Hauptwerke sich allerdings seit 1768 in Neapel befinden, war eines
der besuchtesten antiken Museen des 18. Jahrh. in Rom.
S. 673,27 Aussichten in die Ewigkeit: s. o. zu S. 602, j.
S. 674,1$ per sonae turpes: unehrliche Personen, Leute, die durch einen
ANMERKUNGEN 1 195
schimpf lichen Beruf ntcht die biirgerlichen Rechte besaGen. — i5 Yahoos:
menschenahnliche Untiere, denen Gulliver auf seiner letzten Reise begegnet.-
23 Mondsflecken: s. o. zu S. 370,4. — 3S Lichtenbergs Maga^in usw. 3teS
Heft: Das Zitat wird von Berend richtiggestellt: 1. Bd., 4. St. (1783).
S. 675,70 lergliederte polnische Proving: Anspielung auf die dritte pol-
nische Teilung von 1795.
S. 676,4 auf der siebenten Platte: Eigtl. stellt das Bild den Diebstahl
Achans dar, vgl. Jos. 7.-17 Hoffurier: Hofbedienter, der die Befehle des
Hofmarschalls auszufiihren hatte.
S. 678,30 Archenholi: vgl. Joh. Wilh. v. Archenholz (1743-1812):
"England und Italien«, 1. Bd. (1785), S. 367. - 31 Adelung: s. o. zu S. 374,32.
S. 679,5) Regalien: konigliche Vorrechte.
S. 680,33 Surpluskasse: Oberschuflkasse.
S. 681,52 Grahams himmlische Bet ten: s. o. zu S. 489,5.
S. 682, 3 Gellertsche und Zimmermannsche Unterredung mit Serenissimo :
Erinnerung an die bekannten Gesprache von Gellert (s. o. zu S. 373,2) und
Zimmermann (s. o. zu S. 213,6") mit Friedrich dem GroGen, iiber die Gellert
in seinem beruhmten Brief an Fraulein v. Stolberg vom 12. Dezember 1760,
Zimmermann in seiner Schrift: »Ober Friedrich den GroGen und meine
Unterredungen mit ihm usw.« (1788) berichtet haben.
S. 683,5) Was ieigt nun Kronlein hier der JVelt} : Die Darstellung zeigt
das falsche Zeugnis der beiden Alten gegen Susanne, vgl. Dan. 13.
S. 684, / 3 Tetrapla, Nexapla, Oktapla : vier-, sechs-, acht-sprachige Bibel. -
24 Quinterne: s. o. zu S. 12,2. - 28 Cansteinisches Bibelwerk: Bibel aus der
von Karl Hildebrand v. Canstein (1667-1719), dem Freund von Spener
und Francke, 1710 gegriindeten Halleschen Bibelanstalt, die viel zur Ver-
breitung der hi. Schrift unter das Volk beitrug.
S. 685,3 forum deprehensionis : eigtl. gerichtliche Obrigkeit, die das Recht
besitzt, einen gefangenen Verbrecher auch fur Untaten zu bestrafen, die
nicht auf ihrem Boden vorgefallen sind, hier nur svw. Gerichtsstat.t. - 1 3 wie
Moses: vgl. 2. Mose 17,1-7. — 17 wie der grofie Scipio: nach der bekannten
Erzahlung in des Cornelius Nepos Biographie des alteren Scipio, Kap. 17. -20
Achilles-Dreh-Schild: Die Riistung des Achill war bekanntlich gegen TrefTer
gefeit. -32 Gergesener: Nach Matth. 8,28-34 und Luk. 8,26-39 fuhren die
Teufel aus den Besessenen von Gergesa in etne Schweineherde. J. P. scheint
sich auf eine spatere Exegese dieser Srellen zu beziehen. — 34 Auskultant:
Beisitzer eines Gerichtskollegiums ohne Stimmrecht. - 36 Hommel: s. o. zu
S. 82,2/.
S. 686,4 sachsisches Blau: analog zu »Berliner Blau«, der beruhmten
Porzellanfarbe, gebildet.
S. 687,3 adjuvans: unterstiitzendes Ingredienz einer Arznei. - 4ff. Cha-
rondas usw.: Namen von beruhmten Gesetzgebern. Charondas war im
5. Jahrh- v. Chr. der Herrscher iiber Katane auf Sizilien, Edgar der GroGe
(gest, 975) einte als erster das angelsachsische Reich und Konig Knut (gest.
II9<5 ANMERKUNGEN
1035) war Herrscher uber England, Danemark undSchweden. — 13 die
Generate in N. N. : vermutlich die Feldherrn der osterr. Armee in I tali en
wahrend der Revolutionskriege. - 1 5 Rousseau: vgl. Confessions, I. Buch.
S. 688, 13 Pompejus* Krieger: Caesar soil wahrend des Biirgerkrieges
seinen Soldaten befohlen haben, im Kampf stets auf das Gesicht der Soldaten
des Pompejus zu zielen. -34 patrimonium Petri: das Erbteil Petri, der
Kirchenstaat.
S. 689,34 Moratorium: Anstandsfrist bei Wechseln.
S. 690,7:7 Aristoteles: vgl. Problemata XV. — 26 Dikaster'tant: Rechts-
vertreter. — 32 Academic des belles Lettres : Sie wurde 1689 von Ludwig XIV.
gegriindet. — 33 Zesischer Blumenorden: Der Dichter und Sprachgelehrte
Philipp v. Zesen (1619-89) griindete 1643 nacn ^em Muster der it. Academia
della crusca die »Deutschgesinnte Genossenschaft« und war zugleich ein
Mitglied in Harsdorffers »Blumenorden«, dem spateren Bund der »Peg-
nitzschafer«.
S. 691,? nach Lessing: vgl. Fabeln, 1. Buch: »Die Nachtigall und der
Pfau« : »Kneller und Pope waren bessere Freunde, als Pope und Addison.« -
7 Gottfried Kneller (1646— 1723): Portratmaler deutscher Abkunft, der seit
1680 in London tatig und aufs engste mit Pope befreundet war. — 2 Eddison:
s. o. zu S. 357,2. Er war mit Pope wegen dessen Homerubersetzung in einen
hitzigen Streit geraten. — 6 Isaak: vgl. 1. Mose 27. - jBileam: vgl. 4. Mose
22-24.
S. 692,77 die drei Instan^en: beim ProzeB. — 31 chalkographische Gesell-
schaft: Diese Gesellschaft wurde 1795 von dem Freiherrn Fr. Moritz v.
Brabeck gegriindet und bestand bis 1806. Sie sollte durch die Vervielfalti-
gung wertvoller Kunstwerke in Kupferstichen das Verstandnis fur bildende
Kunst in Deutschland fordern. — 33 Shakespeare-Gallery: eine im 18. Jahrh.
in London errichtete Sammlung von Zeugnissen und Erinnerungen an den
Dichter. - 36 Platte: Das Bild stellt in Wirklichkeit Jakob dar, wie er die
gestreiften Stabe in die Trankrinnen des Viehs legt. Vgl. 1. Mose 30,37.
S. 693,23 Mosis-Decke: s. o. zu S. 421,77. — 29 Bibliothek der schonen
Wis sense haf ten : erg. »und der freien Kiinste«. Diese Zeitschrift erschien, her-
ausgegeben von Moses Mendelssohn und Friedrich Nicolai, von 1757-65
und wurde dann unter dem Titel: »Neue Bibliothek usw.« fortgesetzt bis
1806. — 30 Fr. Wilh. Basilius v. Ramdohr (1757-1822): Jurist und Kunst-
schriftsteller, der 1793 eine vielbeachtete kunsttheoretische Schrift:»Charis
oder uber das Schone und die Schonheit in den nachbildenden Kiinsten«
(2 Tie.) veroffentlichte, die ihm das Lob der »Allgemeinen Deutschen
Bibliothek« und den lebhaften Tadel Schillers und Goethes einbrachte. -
32 Aristoteles: vgl. Poetik XXIV.
S. 696,77 Aigrette: Federbusch, Kopfbedeckung aus Reiherfedern. —
j 7 bekielen: befedern. — j5 lit de justice: der erhohte Sitz, auf welchem die
franz. Konige bei Gericht zu sitzen pflegten.
S. 697,-26" Kunstrat Fraischdorfer : s. o. S. 20,77 und die Anmerkung.
ANMERKUNGEN II97
S. 698,27 Francesco Albani (1 578-1660): im i8.Jahrh. hochgeschatzter
Maler der rom. Schule. — 31 Torus: s. o. zu S. 485,6".
S. 699, 1 1 Bagatelle; s. o. zu S. 365, j2<?. — 1 1 Monrepos: kleines SchloB-
chen bei Ludwigsburg. Beide Namen waren auch sonst fur kleine SchloB-
chen und Villen beliebt. - 27 Thomas Murner (1 475-1 531): Theologe und
Satiriker, dessen erwahntes Werk 1509 erstmals gedruckt wurde. - 19 Me-
nestrina: rich tig Menestrier.
S. 700, 2 6 Nutritor: s. o. zu S. 171,2,5.
S. 701 , 2 4 Plongierbad: Sturzbad. — 29 actio defiliatione : gerichtliche Nach-
forschung nach der Vaterschaft, wenn Eltern oder Kinder diese in einem
ErbschaftsprozeB abstreiten. — 31 Exorcist: Teufelsbeschworer.
S. 702,6* Senkreiser; Jungpflanze.
S. 703,34 orbis pictus: s. o. zu S. 21,22.
S. 705, 2 5 Herr H.: jedenfalls Herder, wozu Berend auf die folgende
Briefstelle verweist (Brief an Karoline Herder vom 12. Juli 1796): »Ihre
Abende kolorieren meine Traume und entfarben meine Tage. Wahrlich,
mein Kopfkissen ist fiir mich der Prasentierteller von Weimar: ich wunsche
Ihrer Wirklichkeit alle Stickerei und Deko ration meiner Traume«.
S. 706,26" Pedrillo: vgl. Wielands »Don Sylvio di Rosalva« (1772) I,n.
S. 707,22 gerade heute: Am 21. Marz 1797 wurde J. P. 34 Jahre alt.
S. 708,25 Wilsonscher Knopf: s. o. zu S. 295,6". — 30 casa santa: s. o.
zu S. 71,28. - 36 Wilh. Aug. Fr. Dani (1762-1803): Rechtsgelehrter,
dessen »Grundsatze des Reichsgerichtsprozesses« eben 1795 erschienen
waren.
S. 709, 3 Pro no tar: wohl ein Schreib- oder Druckversehen fiir wProto-
notar«. — 20 Latitudinarier ; Freidenker.
S. yio72Cf Konviktorist: Freitischganger. — 30 Litis- Konsort: s. o. zu
S. 354,22
S. 71 iy8 Spilt- und Schwertmagen: svw. die engere und weitere Verwandt-
schaft. — 31 Fratschler-Frau: Trodlerin.
S. 712,16 Palankin; besticktes oder bedrucktes Kaschmirgewebe aus
Seide.
S. 713, 14 pauvre honteuse: verschamte Arme.
Palingenesien
Im Juli 1797 ging der Geraer Buchhandler Wilhelm Heinsius den Dichter
urn eine Neubearbeitung seiner Satirensammlung : »Auswahl aus des Teufels
Papieren« (1789) an, deren Verlagsrechte er zu Beginn des Jahres von ihrem
alten Verleger Beckmann erhalten hatte. Jean Paul fand Gefallen an diesem
Plan und sagte zu. Ende Oktober 1797 machte er sich an die Arbeit, und
bereits im Dezember ging ein erster fertiger Teil des Manuskriptes zum
Druck. Die Ausarbeitung zog sich dann durch den ganzen Winter hin und
1 I98 ANMERKUNGEN
wurde am 23. Marz 1798 abgeschlossen. Der Druck erfolgte bei Breitkopf
und Hartel in Leipzig, wobei eine neue Frakturletter zum erstenmal ver-
wendet wurde. Da Jean Paul diesmal selbst Korrektur las, fiel der Druck
ungewohnlich schon und sorgfaltig aus. Das Werk erschien mit ejniger
Verzogerung, da in der Druckerei Personalschwierigkeiten zu beheben
waren, erst Ende August 1798 in zwei Bandchen. — Das kritische Echo war
sehr gtinstig, doch lieB die erst starke Nachfrage im Publikum bald nach.
Eine zweite Auflage ist zu Lebzeiten Jean Pauls nicht erschienen.
Titel: Der Titel »Palingenesien« (Wiedergeburten) war urspriingHch als
Hauptiiberschrift gedacht, da J. P. mit dem Gedanken spielte, das Werk um
einen oder mehrere Bande weiterzufuhren und auch Teile der »Gronlandi-
schen Prozesse« (1783) neu zu bearbeiten. Noch 1S01 spricht J.P. von den
»kunftigen Erben« der »TeufeIs-Papiere«, ohne jedoch diesem Plan noch-
mals naherzutreten.
S. 722,5 Mantelkind: ein vor der Ehe geborenes Kind, das legitimiert
wurde, indem es die Mutter bei der Trauung unter den Mantel nahm. -
2 j Knoppern: Gallapfel an den jungen Kelchblattern der Eiche.
S. 723,7 Oncle Tobys-Regimentsmdrsche : vgl. Tristram Shandy I,2i. —
10 argumentum fistulatorium ; gepfiffenes » Argument, wohl eine scherz-
hafte, von Sterne beeinfluBte Eigenbildung J.P.s. - z5 Schwert- und Spill-
magen: s. o. zu S. 7ii,#. — 17 Rousseau: J.P. spielt hier vermutlich auf
Rousseaus Idealvorstellungen vom Naturzustand des Menschen an und auf
sein Streben nach dem Eichenkranz des Dichters.
S. 724,7/ holierne Ente Vaucansons: Der franz. Mechaniker Jacques
Vaucanson (1709-82), der durch seine lebensgroCe Figur eines Flotenspie-
lers beriihmt geworden war, hatte 1754 eine mechanische Ente konstruiert. -
14 Asphyxia: Erschlaffung. - / 8 Bogen A und Ff: Die Druckbogen wurden
friiher nach dem Alphabet gezahlt und bei Beginn eines neuen Alphabets
die Buchstabenangaben verdoppelt.
S. 725,7 o neue Drucklettern : vgl. Vorbemerkung zu diesem Werk. Auch
hier spielt wieder eine Erinnerung an Lavaters gedruckte Manuskripte mit
herein, vgl. dazu o. S. 186, 2. 5 und die Anmerkung. — 14 das Cansteinische
Bibelwerk: s. o. zu S. 684, 28. - 34 nach Lavater: vgl. Physiognomische
Fragmente IV,269.
S. 726,3 ff. Voltaire: Die erste Auffiihrung seines Trauerspiels : »Irene«
bei seinem letzten triumphalen Aufenthalt in Paris 1778 gestaltete sich zu
einem gewaltigen Erfolg fur Voltaire, der durch einen Blutsturz nicht an
der Auffiihrung teilnehmen konnte, sondern nur am Krankenbett laufende
Berichte bekam. - 24 Nobilis: doppelter Plural! - 25 Fakultist: s. o. zu
S. 387,^2.
S. 727,2 Pindus: s. o. zu S. 256,/^. — 2 monte nuovo: ein Berg, der 1,538
durch eine vulkanische Eruption an der Kuste vor Bajae entstanden ist. -
4 Schneckenberg: ein in der franz. Gartenkunst sehr beliebter kiinstlicher
ANMERKUNGEN 1 199
Hiigel, urn den sich Laubengange in Spiralen nach oben drehten. Ein solcher
Schneckenberg hat sich in der Bayreuther Eremitage bis heute erhalten. —
6 voltairiscke Borussias: J. P. hat Voltaires benihmtes Epos: »Henriade*<
(1727) im Auge, mit einer Anspielung auf das schon erwahnte holzerne
Gedicht: »Borussias« (1784) eines D. Jenisch. — 6 dessen: Voltaires. Viel-
leicht auch ein Schreibversehen fur »deren«.
S. 728,7.2 promulgieren : verofTentlichen.
S. 729,34 Professionist : Handwerker.
S. 730,3 chalkographische Gesellsckaft; ,s. 6. zu S. 692,3*. — 23 Duode{i-
mus Fixlein in Z-ch usw.: Die Korrespondenten errmttelt Berend in einer
langen Note der Kritischen Ausgabe. Danach ist unter dem Duode^imus
Fixlein ein Joh. Kaspar Horner (1774-1834), Physiker und Astronom aus
Zurich, gemeint, der sich in einem launigen Brief vom Juli 1797 als solcher
bezeichnet hatte. Mit Herrn JV-ss-k in M-rf ist vermutlich der reform ierte
Theologe Fr. Wilh. Karl Wisselinck gemeint, der in den Vorarbeiten als
Wisselinck in Matzdorf angefiihrt wird. SchlieBlich sind unter Schiitz in B.
und seinem wohlwollenden B ruder ein Christian Heinr. Schiitze in Barkau
und dessen Bruder Joh. Fr. Schiitze zu verstehen. Der letztere hatte in
einem Aufsatz iiber den Dichter im >»Deutschen Magazin« (Febr. 1798,
S. 97-119) behauptet, daB die unter dem Namen »Hasus« erschienenen
Aufsatze in der von Archenholz herausgegebenen Zeitschrift: »Literatur
und Volkerkunde« von J. P. stammten.
S. 731,7 Leipzig: Ende Oktober 1797 war J.P. von Hof vorubergehend
nach Leipzig ubergesiedelt. — 14 oleum tartari per deliquium; Weinsteinol,
starkes Desinfektionsmittel.- 29 Robert Hooke (1635-1703): engl. Physiker
und Chemiker.
S. 732,76* Whiston: s. o. zu S. 503,70 — 21 Meusels Deutschland: s. o.
zu S. 74,2s. - 27 Lese-Esel: schmales Gestell, auf dem man rittlings zu
lesen pflegte.
S. 733,75 Ewigkeiten a parte ante: s. o. zu S. 597, 1 8. - 21 Samuel Butler
(1612-80): engl. Satiriker, der nach dem Vorbild des Don Quixote ein
komisches Epos: »Hudibras« (1663) verfafit hat. - 31 satirisches Polen:
s. o. zu S. 675,70.
S. 735,6" Pater Hardouin: Der franz. Antiquar und Numismatiker Jean
Hardouin (1646-1729) stellte in seiner 1697 erschienenen »Chronologie
expliquee par les medailles« die Behauptung auf, alle aus der Antike iiber-
kommenen Werke seien mit wenigen Ausnahmen von einer benediktischen
Schule des 13. Jahrh. gefalscht worden. - 1 o Regulus-Fafi: Der rom. Konsul
Emilius Regulus, der in karthagische Gefangenschaft gefallen war, wurde
dort in einem mit Nageln ausgeschlagenen Fafi zu Tode gefoltert.
S. 736,^ Hogarth: s. o. zu S. 227,25). - 29 Passerformen .* Nebenformen. -
28 der Venner: der bose Oheim im Siebenkas. - 30 Samielwind: s. o. zu
S. 297, 7 o. - 33 Hofkalkant: Blasbalgtreter an der Hof kirche. - 33 Pupillen-
kollegien : Vormundschaftsgerichte.
1200 ANMERKUNGEN
S. 737,/ 8 Dragonaden; So hieBen die Zwangseinquartierungen von Dra-
gonern, durch die unter Ludwig XIV. die Hugenotten in Frankreich zur
Konvertierung gezwungen wurden. - 32 in effigie: bildlich.
S. 738, 11 Steele, Addison: s. o. zu S. 357,-2.
S. 740,2 Werthers-Freuden: s. o. zu S. 349,72. - 22 inkaminieren: an-
zetteln, in die Wege leiten.
S. 741,/ 4 Amphiktyonengericht: ein aus den zwolf Hauptstammen Grie-
chenlands gebildeter Rat, der ursprunglich iiber den Schutz des Delphischen
Orakels wachen sollte und spater eine wichtige Rolle im Streit urn die
griechische Hegemonie spielte. - 26 Kastor und Pollux: Da nur der eine
der Zwillingsbriider unsterblich war, verbrachten sie beide abwechselnd
ihr Leben auf dem Olymp und in der Unterwelt. — 31 Natalia undHermina:
Natalie ist die zweite Frau, die Siebenkas zu Ende des Romans heiratet,
Hermina wird hier erstmals als die fingierte Gemahlin des Dichters einge-
fiihrt.
S. 742,/ 8 Schwabacher: alte Frakturletter. — 21 wo ich schon seit acht
Seiten . - - stehe. und auf mich wane: Hier macht sich der EinfluG Sternes
geltend, der ahnlich sich erst nach langen Ausschweifungen wieder auf seine
Personen besinnt, die er gleichsam in ihrer Bewegung erstarrt stehen ge-
lassen hat. Vgl. etwa Tristram Shandy 111,38 und IV, 13.
S. 743,4 Quartant voll Kupferstiche : vermutHch die »Historischen Nach-
richten von des loblichen Hirten- und Blumenordens von Pegnitz Anfang
und Fortgang« von Amarante (Herdegen), das 1744 in Niirnberg erschien
und unter dessen Kupferstichen ein Plan und eine Darstellung des Irrhains
sich befanden. - y Tempetal: s. o. zu S. 30,^0. - 10 Correggios-Nacht :
s. o. zu S. 32,72. — 1 8 Wonnemonat unserer Literatur: In den Jahren zwi-
schen 1740 und 1760 loste sich die deutsche Literatur langsam aus den
Fesseln der franzosischen und englischen. Dabei spielten die Werke Gellerts
und Karl Christian Gartners ( 1 71 2-9 1 ), die zusammen mit Rabener und Zacha-
ria an der Zeitschrift: »Belustigungen des Witzes und Verstandes« (i744ff,)
mitarbeiteten, eine gewichtige, wenn auch auf die Dauer gesehen kleine
Rolle. Adelung (s. o. zu S. 374,^2) und die Schule Gottscheds hielten auch
spater daran fest, diese Jahrzehnte fur die eigentliche Bliitezeit der deutschen
Literatur zu halten. — 22 Wieglebsche Magie: s. o. zu S. 194,2. — 27 Hars-
dorf: Die falsche Namensschreibung (fur »Harsd6rffer«) entnahm J. P. sei-
ner Quelle, der »Kurzen Beschreibung der Reichstadt Niirnberg« (1793)
von C. G. Muller. - 27 Cajus Joh. Klay (1616-56): Dichter und Prediger,
stiftete mit Harsdorffer zusammen den Pegnitzorden. — 33 Hesperiden- -
Garten: s. o. zu S. 92,72.
S. 744,5 Mendchmen: Ebenbilder, Zwillinge. - 26 Stangenharmonika:
eine Art Glasharmonika. - 28 Kanarienvogel: J. P. wufite aus dem 1. Bd.
von Nicolais »Beschreibung einer Reise durch Deutschland und die Schweiz«
(3. Aufl., 12 Bde. 1788—96), daB die Nurnberger Weber Kanarienvogel
ziichteten.
ANMERKUNGEN 1 20 1
S. 745,26" Kotmonat: ein seit dem i6.Jahrh. gelaunger Name ftir den
Februar.
S. 746,^ griines Gewolbe: s. o. S. 95, 34.
S. 748,/.; in der torn. Rotunde: Hier bezieht sich J. P. auf Volkmanns
"Historisch-kritische Nachrichten von Italien« (s. o. zu S. 11,6"), vgl. dort
2. Bd., S. 320: »Man sagt, daB die romischen Madchen . . . sich dieses reinen
Lichts halber ihren Liebhabern gerne zum erstenmal in der Rotonda zeigen.«
S. 752,3 Satire S. 343: Es ist das VIII. St. aus der »Zweiten Zusammen-
kunft mit dem Leser«. Der Text ist stilistisch an alien Stellen verandert,
ohne dafi inhaltlich die Varianten der fruheren Fassung von Interesse sind.
Wir verzichten darum auch im folgenden auf ein Verzeichnis der Varianten. —
6 aus dem ersten Teile seiner Biographic: vgl. Bd. 2 unserer Ausg., S. 422,
izff. Das »Fruchtstuck« stand in der 1. Aufl. des »Siebenkas« zu Anfang
des 1. Bandchens. - 13 Thomas Billington (1754— 1832): engl. Hofvirtuose,
gab in London zu Ende der 8oer Jahre ohne Jahresangabe »Youngs Night-
Thoughts, Selected and Set to Music« heraus.
S. 754,* Terete: s. o. zu S. 31,^0. — 24 Vauclusens-Quelle : s. o. zu S.
576,20.
S. 75 5, J Literatur^eitung : s. o. zu S. 28,;. Die Verlagsanzeige der »Palin-
genesien« erschien nach Berend erst am 7. Nov. 1798 im Intelligenzblatt
der »Jenaischen AUgemeinen Literaturzeitung«. — 6 Mailer : s. o. zu S. 32,27.
S. 756,20 Mouchards: Kundschafter, Polizeispitzel. — 23 semperfrei:
s. o. zu S. 127,26. — 31 symbolische Bucher; ein Kanon theologischer
Schriften, die in der reformierten Kirche rechtliche Giiltigkeit besitzen. -
31 schema examinandi : Priifungsverordnung an der Universitat. — 32 das
Edikt vom gten Jul. : das beriichtigte Religionsedikt vom 9. Juli 1788, durch
das der preuBische Staatsminister Joh. Christoph v. Wollner (1732-1800)
der Auf klarung entgegenzuwirken suchte.
S. 757,^7 Cyropadie: Unter diesem Titel schrieb bekanntlich Xenophon
einen padagogischen Roman iiber die Erziehung des jtingeren Kyros. -
23 Thersites: Er war der haBlichste der Griechen vor Troja und hatte die
schandlichste Zunge. - 24 Zoilus; s. o. zu S. 476,4.
S. 758,; Wilh. Sebastian v. Belling (1719-79): preuBischer Reitergeneral,
der sich in den Schlesischen Kriegen als Oberst der schwarzen Husaren
auszeichnete. — 3 sdkularischer Jubelgesang: Die rom. Feiern zum jeweils
hundertjahrigen Bestehen der Stadt wurden durch Lobgesange eingeleitet. -
1 9 Wolfgang v. Kempelen (1 734-1 804) : Wiener Mechaniker, der durch die
Erfindung eines Schachautomaten zu europaischem Ruhm gelangte, daneben
aber auch eine Reihe weiterer Automaten konstruierte. - 23ff. Mehr als
Roman - kein Roman usw.: Dazu fuhrt Berend eine Reihe von Beispielen
an, z.B. »Der Schein betriigt; zum Gliick nur Roman« (von Jiinger, 1787),
»Die Riickkehr ins Vaterland, ein Halbroman« (von Merkel, 1798), »Albert
der Selbstmorder, leider mehr als Roman« (1798) usw.
S. 759,3 Nomenklator: Namenweiser.
1202 ANMERKUNGEN
S. 761,7 3 Vatvationstabelle ; Werttafel. — i5 Trophonius-Hohle : s. o. zu
S. 555,3'-
S. 762,23 So De{isionen: Entscheidungen Justinians iiber altere Rechts-
kontroversen aus den Jahren 529—32. - 23 Agenden: Die Formelbiicher
der presbyterianischen Kirche.
S. 763,2 Auerbachischer Hof: s. o. zu S. 380,-26! — $ Supranumerar-
Ak^essist-Bote : iiberzahliger Botenanwarter. — 23 Botany-Bay: beriichtigte
engl. Strafkolonie an der Ostkiiste Australiens-
S. 7<5 5, 3 bekannte Galerie: die Dresdner Galerie, s. u. zu S. 871,2,9. —
28 Nervenfiebern: So nach einer Konjektur der Reimerschen Gesamtausgabe;
der Originaldruck und ihm folgend die Kritische Ausgabe schreiben: »Ner-
venfibern.« — 29 Linne: Der schwedische Naturforscher machte bekannt-
lich als erster Versuche, kunstliche Perlen zu ziichten.
S. 767,/ 3 Tithon: s. o. zu S. 204,27.
S. 768,^7 gedackte Register; gedampfte Register an der Orgel. — 2y
Cyanometer; ein von dem Schweizer Naturforscher Horace-B^noit de Saus-
sure (1740-99) erfundenes Gerat, um die Intensitat der atmospharischen
Farbung zu messen.
S. 769,^ capitulatio perpetua: s. o. zu S. 361,26*. — 21 plexus Solaris:
Nervengefiecht in der Magengegend.
S. 110,32 Quaterne; s. o. zu S. 12,2. - 33 aurum potabile: Trinkgold.
Ein von den Alchimisten verwendetes Elixier, mit dem alle Krankheiten heil-
bar sein sollten, das aber in Wirklichkeit verheerende Giftwirkungen besaB.
S. 77*, J Quinterne: s. o. zu S. 12,2. — 7 Geronimo Cardano (1501-74):
it. Philosoph und Naturwissenschaftler, gab 1546 und 1575 in 2 Tin. eine
Autobiographic: »de vita propria** heraus, die von J. P. exzerpiert wurde. -
1 3 Terne: s. o. zu S. 12,2. - 18 aurum fulminans ; leuchtendes Gold, Gold-
stiicke.
SL ii2.,2 0 fiinf guldne Mause: s. o. zu S. 652,^.
S. 773, 2 Schloier: s. o. zu S. 462, 1 1, Er bekampfte in seinem»Briefwechsel«
aufs heftigste die Staatslotterie. - 27 Danaiden-Milchgefdfie: s. o. zu S.
259,27. Die Anspielung wirkt ein wenig gezwungen. - 33 durstig: Die
Originalausgabe schreibt wohl versehentlich »diirftig«.
S. 114,12 Lagrimoso: musik. Ausdrucksbezeichnung fur »wehklagend«.
S. 775,2/ Poularderie: Masthuhnerzucht. — 33 pauvre honteux: s. o. zu
S. 715,14-
S. 776,5 Furieriettel: Quartierschein. — i5 Soxietatsinsetn : s. o. zu S.
569,2 o. - 13 Musik von Graun; Der Opernkomponist Karl Heinr. Graun
(1701-59) lebte seit 1740 als Kapellmeister am Berliner Hof. Als sein Haupt-
werk gilt die Passionskantate : »Der Tod Jesu« nach einem Text von Ram-
ler, die 1760 zuerst aufgefiihrt wurde.
S. 111,23 wie Sokrates und Archimedes: Sokrates pflegte bekanntlich
seine philosophischen Gesprache auf offener StraBe zu fiihren, bei Archi-
medes ist wohl an die Anekdote von seinem Tod zu denken, als ihn ein
ANMERKUNGEN 1 203
rom. Legionar versehentlich erschlug, weil er in mathematische Berech-
nungen vertieft auf der StraBe stehen geblieben war. -31 Maupertuis*
lateiniscke Stadt: s. o. zu S. 247,5.
S. 778, 12 Walchische Kirchen- und Ketierhistorie : Der ev. Kirchenhisto-
riker Christian Wilh. Walch (1726-84) gab in seinem Hauptwerk (1762-85,
unvollst. in 11 Tin.) einen »Entwurf einer vollstandigen Historic der Ket-
zereien, Spaltungen und Religionsstreitigkeiten bis auf die Zeiten der Re-
formation". — 20 wie Xenophoh und Caesar; Xenophon beschrieb in seiner
»Anabasis« den Feldzug des Kyros, an dem er selbst als Feldherr teil-
genommen hatte, Caesar verfaBte die beiden bekannten Kommentare zu
seinen eigenen Kriegen. — 23 wie Bahrdt; s. o. zu S. 382,jz. - 29 Tyburn
Chronicle : Verzeichnis der in Tyburn hingerichteten Verbrecher. - 33 Bu-
sching: s. o. zu S. 156,24. Seine »Wochentlichen Nachrichten von neuen
Landkarten, geographischen, statistischen und historischen Buchern und
Sachen« erschienen 1773-87. — 34 Jung: Gemeint ist nach Berend Joh.
Andr. v. Junk.
S. 779, <? wie Ritter Michaelis: s. o. zu S. 144,25. Er veroffentlichte in
Frankfurt am Main »Fragen an eine Gesellschaft gelehrter Manner, die auf
Befehl S.M. des Konigs von Danemark nach Orient reisten«. - 22 Ephe-
meriden: Tagebucher. - 23 Monboddo: s. o. zu S. 654,2^. — 24 Dionysius
von Halikarnafi: griechischer Geschichtsschreiber der augusteischen Zeit,
der »Antiquitates Romanae« in 20 Bdn. verfaBt hat.
S. 780,26" spanische Stiefel: Werkzeug, urn dem Gefangenen in der Fol-
ter die Beine zu zerquetschen. - 28 tratto di corda: Seilzug, mit dem in
Italien bei der Folterung die Glieder zerdehnt wurden. - 32 Herodes-
Purpurmantel; wohl Anspielung auf die Verspottung Christi, vgl. jedoch
Luk. 23,8-12. - 32 San$culotten-S%epter : So verspottete man wahrend der
franz. Revolution haufig gefangene Aufstandische.
S. 781,: z die 40 Ahademiker: Die Academie franchise und die Academie
des inscriptions haben je 40 Mitglieder. - ly Jacques Le Long (1665-1721):
franz. Geschichtsschreiber. Er fuhrte die Namen in seinem Hauptwerk an,
der »Bibliotheque historique de la France, contenant la catalogue de tous
les ouvrages, qui traitend'de l'histoire de ce royaume« (1719, spater mehr-
fach erweitert). — 29 Nouvelles a. la main: Han dgeschrie bene Zeitungen
waren schon friih iiblich und besonders im i8.Jahrh. weit verbreitet, zum
Teil bedingt durch die strenge Zensur. Am beruhmtesten ist Melchior
Grimms »Correspondence lrteraire, philosophique et critique" (1753—73),
an der Diderot hervorragenden Anteil hatte. Auch J. P. hatte sich friiher
einmal an einem »Vierzehn-Tage-Blatt« versucht.
S. 782,^5 Herschel: s. o. zu S. 461,5. - 18 Univers'ttatsroman: Gemeint
ist der o. zu S. 72,27 erwahnte »Akademische Roman« von Happel.
S. 784,2 russisches Kriegsfeuer in Taurien: In den Jahren 1787-90 fuhrte
RuBland mit der Tiirkei um den Besitz der Krim einen heftigen Krieg. -
13 Labarum: s. o. zu S. 210,25.
1204 ANMERKUNGEN
S. 785,^ Pankratium: Ringl&mpf. — 5 Hexenpantoffelcken des P. Fulgen-
tius: Unter einem Hexenpantoffel versteht man einen kleinen, aus Holz
geschnitzten Schuh, der eingepflockt wird und gegen die Verwiinschungen
von Hexen helfen soil. — 33 Utopien: s. o. zu S. 569,2/.
S. 786, 3 Alonia Lorenzo von Toboso: Don Quixotes Geliebte, auf die hier
angespielt wird, heiBt eigtl. Aldonza Lorenzo. - 4 Lorenzo von Calais:
Sterne berichtet in der »Empfindsamen Reise« von dem Monch Lorenzo,
der dem Helden Yorick in Calais begegnet. Als Yorick den Monch sehr
beleidigt hat, bietet ihm dieser gutmiitig Tabak an, ohne der Beleidigung
zu achten. Yorick tauscht daraufhin seine Tabaksdose gegen die des Mon-
ches, um sich seiner heilsam zu erinnern, und wird Lorenzos Freund. —
j Furstenbund he/fender Freundsckaft : vgl. das 12. Kap. im »Siebenkas«
(Bd. 2 unserer Ausg., S. 374,7 Sff.). - 34 Temper amentsblatt : vgl. o. S.
S. 787,^ Pugilistin: Faustkampferin. - i5 ad valvas templi: Im alten
Rom wurden die Gesetze an die Turflugel der Tempel angeschlagen.
S. 789,2 Stackelschweinmensch ; Dieser kuriose Mensch befand sich nach
J.P.s Exzerpten langere Zeit in den Diensten des Tierhandlers Brooks in
London. — 13 sechieknkaratig : J. P. vertauscht hier scherzhaft »sechzehn-
lotig« bei Silber und »vierundzwanzigkaratig« bei Gold. — 19 Vellejus
Paterculus: rom. Geschichtsschreiber des i.Jahrh. n. Chr. — 23 Mandel:
s. o. zu S. 5I2,J*.
790,2 in Nordamerika: Anspielung auf den Soldatenhandel Friedrichs II.
von Hessen-Kassel, der 1776-77 fur den amerikanischen Krieg 12000 Sol-
daten nach England verkauft hatte, - 8 album graecum; getrockneterHunde-
kot, der friaher als Heilmittel verwendet wurde. — 9 offi^inell; arzneilich,
heilsam.
S* 79I?J Marco Alvise Pitteri (1702-86): venezianischer Kupferstecher
und Radierer. — 27 nach Buffbns System : im ersten Buch seiner »Histoire
naturelle«. Ober Buffon s. o. zu S. 25,29. - 34 wie Klopstocks Sonne: vgl.
Messias 1,622 ff.
S. 792,6" Quimbus-Flestrum : richtig Quinbus Flestrin; vgl. Gullivers
Reisen, 1. Tl., 2. Kap. — 29 physiognomische Reisen: s. o. zu S. 175,^0. —
S. 794,26' Louis-Sebastian Mercier (1740-18 14): franz. Schriftsteller,
schrieb den von Lenz ubersetzten »Essay sur l'art dramatique« (1767) und
die damals verbreiteten »Tableaux de Paris** (10 Tie. 1781—90), denen ver-
mutlich die Bemerkung mittelbar entnommen ist.
S. 795,2,9 Turm von Cleobis und Biton usw.: Aussichtspunkte im Park
des Schlosses Fantaisie bei Bayreuth (Cleobis und Biton spannten sich
bekanntlich vor den Wagen ihrer Mutter, der Junopriesterin Cydippe und
wurden darauf im Tempel in ewigen Schlaf versenkt). Berend verweist auf
H. Zschokkes Beschreibung des Schlosses im »Archiv der Zeit und ihres Ge-
schmackes« (1795), II, S. 258-69.
S. 798,2? Miltons arbeitendes Chaos: vgl. Paradise Lost, I, 59ff.
ANMERKUNGEN 1205
S. $02,23 feuriger Busch: vgl. 2 Mose 3,1-6. — 2y Donatschnit^er : s. o.
zu S. 1 29, 1 4. - 2 8 Schulpforte : 1553 gegriindete Fiirstenschule in Sachsen. -
29 Dokimastihum : Priifungsarbeit.
S. 803, 2 3 bambergische Wiesen: die zum Hochstift Bamberg gehdrige
Gemarkung Wiesenthal.
S* 804,^ Mosheim: s. u. zu S. 8ii,j5. - 33 Walch: s. o. zu S. 778, 2 2. -
3S Baireuth und Ansbach: Die beiden Fiirstentiimer fielen 1791 durch
Erbschaft an PreuBen.
S. 805,7 menses papales: Papst- oder Romermonate, die ungeraden
Monate im Jahr, deren Steuern ursprunglich der romischen Kurie zugute
kamen. — 30 Antihypochondriacus : »A. oder Etwas zur Erschiitterung des
Zwerchfells und zur Beforderung der Verdauung«. Titel einer mehrbandigen
Sammlung von Anekdoten und Witzen, die G. A. Kayser in den Jahren
1782-96 herausgab.
S. 806,74 Inkubus: hier svw. Nachtmahr. - 22 frere servant: s. o. zu
S. 230, j/.- 36 Knallgold (dtoch. Platzgold): ein Praparat aus Goldlack, das
beim Erwarmen mit Knallen auffliegt
S. 807,7 mein ^weispdnnlger Psychens-Wagen: s. o. zu S. 143,4. — 2$
Hofrat Meusel: s. o. zu S. 75, 2#. Er lebte seit 1780 in Erlangen. - 33 Mor-
danten: Pralltriller.
S. 808,/ 1 anquicken: anfreunden. — tS anastomosieren : zusammenmun-
den, verwachsen. — 22 Gletscherathos .* Der griechische Bildhauer und Archi-
tekt Deinokrates legte Alexander dem GroBen einmal den phantastischen
Plan vor, denRerg Athos in eine Kolossalstatue desKonigs zu verwandeln. -
31 horror naturalis: wohl Anspielung auf den alten, schon von Rabelais
(vgl. Gargantua und Pantagruel 1,5) verspotteten Lehrsatz der alteren
Physik; »Horror vacui motus fit«, mit dem sie den luftleeren Raum in der
Natur zu erklaren suchte. - 3S Kartesianische Tiermaschinen : vgl. o. S.
780,^6$". - 3$ Mumien: Aus den zerschabten Gliedern von Mumien wur-
den friiher Arzneien und ein sehr dunkler Farbstoff gewonnen,
S. 809^6 krepieren: argern, verdrieBen. - 19 Jos. Immanuel Baggesen
(1764-1826} : dan. Dichter. Das Zitatbezieht sich nachBerend auf "Baggesen
oder Das Labyrinth** 5, St. (1795), S. 332,ff. - 23 in margine: am Rand.
S. 810, 7 3 Hysteronproteron: s. o. zu S. 239,5. - 16 Oubliette: Gefangnis;
s. audi o. zu S. 34,7 6". — 19 Jenenser und Hallenser: In Halle und Jena
waren die beiden Zentren der Kantischen Schule. - 24 Bienenvater Wildau:
Aus Sigauds »Dictionnaire des merveilles de la nature** hatte sich J. P.
notiert: »Wildau lieB Bienen an seinem Arm einen Muff bilden, am
Gesicht eine Larve — muBten auf seinen Befehl hin- und hergehen —
machte es mit jeder Biene, Wespe, Fliege so und in fiinf Minuten zahm«. -
34 kritische Asthetiker: die beiden Briider Schlegel.
S. 81 1, 1 Jupiter Xenius: Goethe als Verfasser der Xenien. — 4 peccata
splendida: s. o. zu S. 235,74. — 30 Bellarmin: s. o. zu S. 641,76". -
30 Johannes Gerhardus (1582-1637): ev. Theologe und Professor in Jena,
1206 ANMERKUNGEN
stellte in den 9 Bdn. seiner »Loci communes theologici« (Jena i6ioff.) das
grundlegende Theologiesystem fur die protestantische Kirche des 17. Jahrh.
auf. - 3S Mosheim: Berend stellt das Zitat richtig; es muB heifien:
»I4. Jahrh.«. Vgl. Joh. Lorenz v. Mosheims (1694-1755) Kirchenge-
schichre, hrsg. von Einem, 4. Bd. (i772), Anh. S. 55. Ober Pedro d' Alva
y Astorga vgl. o. zu S. 435,7 z.
S. 8 1 2, 8 Newton : Er litt im Alter an zunehmendem Gedachtnisschwund. -
22 Stahls System: Der beriihrnte Arzt und Chemiker Georg Ernst Stakl
(1660-1734) vertrat in der Medizin die Lehre des Animismus, wonach die
Seele alle Teile des Korpers zusammenbindet und durchfuhlt. — 23 Pro-
sektor: s. o. zu S. 95,^2.
S. 813,5) Gebeine des Elisa: vgl. 2. Kon. 13,20-21. — ij asopisckes Gebre-
chen; Der Fabeldichter Asop war bucklig.
S. 8 1 4, .2 .2 Baumannshohle: s. o. zu S. 91,25.
S. 824,27 Judenschut^: s. o. zu S. 5i7,JJ-
S. 825,5? Buch Rasiel: Nach der Kabbala brachte der Engel Rasiel dem
Adam ein Buch uber die hohere Erkenntnis, das ihm Gott nach dem Siin-
denfall wieder entzog. Das Werk wurde jedoch angeblich von Raphael
zuruckgebracht -und seither geheim gehalten. 1701 verorTentlichte Isaak
Ben Abraham das angebliche Buch Rasiel, das neben Zauberformeln
auch die Namen der Engel und eine Beschreibung Gottes und des Himmels
enthielt.
S. 8 26, 2 3 Schnurrjude: Betteljude. — 23 nackt, abet schuldenfrei : vgl.
Hiob 1,21. Der Satz ist versehentlich in der Fassung der Erstausgabe stehen
geblieben und hat darum nicht die Frageform.
S. 827,27 nach Volkmann: vgl. Historisch-Kritische Nathrichten, Bd. 2,
S. 22. — 29 Proserpinens-Garten: An dem Ort, wo Hades die Proserpina
entfuhren wollte, liefi er einen prachtigen Blumengarten entstehen, um die
Geliebte von ihren Begleiterinnen fortzulocken. — 32 Matthias Seutter
(1678-1757): beriihmter Kupferstecher und Kartograph, der von zahl-
reichen Stadten Risse mit beigegebenen StraCenregi stern anfertigte.
S. 828, 2 3 Laufertor: richtig Laufertor. - 24 Kundschaft: svw. Ausweis-
papier. - 2S Mittelwdchter : Dazu fuhrt Berend aus Miillers "Beschreibung
von Nurnberg" (1793, S. 148) die folgende Stelle an; »Es miissen alle an-
gehenden Burger . . . auch Wachten unter den Toren versehen, oder solche
durch andere, die man Mittelwachter nennt, versehen lassen.«
S, 829,5 papstliche Rota: Die »Rota Romana« (das rom. Rad) ist der
hochste Gerichtshof der rbm. Kurie. — 24 Mufiteil: vgl. die Anmerkung
zum Titel des »Quintus Fix lei n«. -30 Altdorf: So verbessert die Kritische
Ausgabe an Hand der Vorarbeitendasfalsche »Altona« imText der Original-
ausgabe.
S. 830, 2 3 Antikentempel : durch Karl v. Gontard 1765 fur die kleine
Antikensammlung Friedrichs II. errichteter Pavilion im Park von Sanssouci. -
32 neunte Kur. s. o. zu S. 606,28.
ANMERKUNGEN 1207
S. 831,35 Louisium: Gemeintist wohl das 1785-90 in der spateren Form
umgestaltete SchloB im Park in Dessau.
S. 832, 1 2 wie im Mhtelalter geschah : Solche »Himmelsbriefe«, die angeb-
lich unmittelbar von Gott oder der Heiligen aus dem Himmel kamen,
standen beim einfachen Voik noch fast bis zur Gegenwart in hohem Ansehn.
S. 834,70 der Minister Seckendorf: wohl der 1781 verstorbene Ansbachi-
sche Minister dieses Namens.
S. 835,23 Zaspel: ein groBes Garnmafi von je 20 Strangen.
S. 836,5) Reyhlein: kleine Gassen in Niirnberg, die in einen Hof fuhrten.
S. 838,3 Nolle Klopstocks: vgl. Messias II,26of. - 3 Herkules: Nach der
Sage lieB Jupiter die Dauer der Liebesnacht verdoppeln, in der er mit
Alkmene den Herkules zeugte. — 13 Pfennigs- Post: »Penny-Post« wurde
zuerst die Londoner Stadtpost genannt. — 3S Reichskleinodien : Sie kamen
1424 wahrend der Hussitenumtriebe nach Niirnberg und wurden erst 1797
vor den franz. Revolutionsheeren nach Wien ausgelagert.
S. 839,7 3 Dreierleiche: Grabtragung mit drei Kaplanen. Als Quelle diente
wohlNicolais»Reisebeschreibung«Bd. 1 (3. Aufl. 1795), S. 238 ff. — i4patres
purpurati: Name fur die seit dem Pontifikat Pauls II. mit dem Purpur beklei-
deten Kurienkardinale. - 19 Zylinder-Hut.-Berend verweistdarauf,daB diese
Bezeichnung, die sich erst ein halbes Jahrhundert spater durchzusetzen be-
gann, offenbar von J. P. fiirden damals eben aufkommenden Hut gepragt
wurde. - 19 Sokkus-Schuh : s. o. zu S. 279,3. - 23 Badine: Spazierstocke.
S. 840,4 Mouchard: Spitzel.
S. 841, 9 Konjunktion und Gedritterschein: s. u. zu S. 956,4.- 11 steif-
schettem: ungelenk, unbehilflich.
S. 842, 12 Plafond des japanischen Tempels %u Sanssouci: in dem 1755
von Biiring errichteten chinesischen Pavilion ist eine aus Girlanden und
Tierbildern gebildete Dekoration gemalt.
S. 843, 1 Semler s. o. zu S. 87,7.9. - 30 Lavater: s. o. zu S. i86,^J.
S. 844,77 Adonis vernalis: Wortspiel mit Adonis vernalis (Fruhlings-
adonis) und dem Adonis der Sage.
S. 845,72 Elias-Wagen: s. o. zu S. 31,3.
S. 846,3 Garatis: die letzte Stunde vor TorschluB, die durch das Lauten
derGlocken verkundet wurde. - gSbo^o; RiB, Zeichnung. — gKatastrum:
Flurbuch, Grundstiicksverzeichnis. - 18 Reverberier-Spiegel: s. o. zu S.
96,33. - 29 kalitnieren: verbrennen.
S. 847,2 1 Bergschwaden und Arsenikkonig: gefahrliches Gas, das in Berg-
werksstollen auftritt. - 14 Pembrokisches Kabinett: die groBe Gemalde-
sammlung von Philipp Herbert, Earl of Pembroke (1 584-1650), dem Gon-
ner van Dyks. Sie beflndet sich in den Raumen des von ihm neu gebauten
Wilton House. - 19 Callots ver^errtes Blatt: Gemeint ist die beriihmte
Darstellung der Versuchung des hi. Antonius von der Hand des elsassischen
Kupferstechers Jacques C allot (1592-1635), auf der zahllose Teufel eine
weite Landschaft iibersaen.
1208 ANMERKUNGEN
S. 848,25? Joh. Christ. JVagenseil (1633-1705): Polyhistor und Musiker.
Das erwahnte Werk diente s pater auch E. T. A. Hoffmann und Richard
Wagner als Grundlage fur die Schilderung des Meistersingerwesens.
S. 849,7 tnfibulieren: einhefteln. — 12 grd^isierende Poeten: vgl. zu dieser
Satire o. S. 8io,j^ und die Anmerkung. Im besonderen wendet sich J. P.
gegen die kritischen Friihschriften Friedrich Schlegels, aber auch gegen
Schillers »Briefe uber die asthetische Erziehung des Menschen«. - 1 6 Kalli-
krates: beriihmter griechischer Meister der Mikrotechnik. Das angefiihrte
Kunststiick wird von Plutarch und Galen erwahnt. — 2 1 Borussias: s. o. zu
S. 525,25. - 34Akiessit: s. o. zu S. 441, 31. - j<$Pasquier :wohl der franz.
Juriskonsult und Dieter Etienne Pasqiiier (1529-1615); doch konnte ich
weder unter seinem Namen, noch unter dem von J. P. angegebenen Titel
eine solche Sammlung finden.
S. 850,5 Orpheus: vgl. auch Metamorph. X, 8ff.
S. 854,5 Argus und sein Weidetier: Io, die Geliebte Jupiters wurde von
Hera in eine Kuh verwandelt und von dem hundertaugigen Riesen Argus
bewacht.
S. 859, 3 Nailer: s. o. zu S. 32,27. - $ Hamen: Fischreuse. - 14 und:
Danach ist vermutlich »in« zu erganzen, das wohl der Autor aus Nachlassig-
keit vergessen hat.
S. 863,y'7ajjo .• Er wurde 1579-86 in einem Kloster als geisteskrank ge-
fangen gehalten. Ober seine Entbehrungen lief bald eine groBe Zahl von
Geriichten um. In einem Gedicht bedankt er sich bei einer Katze, da!3 ihre
Augen ihm in der Nacht des Kerkers Licht zum Schreiben gegeben hatten.
S. 864, 2 j Drurylane: altes, nach 1691 neuerrichtetes Schauspielhaus in
London. — 28 Ziti (richtig: chintz): bedrucktes Baumwollgewebe.
S. 865,^0 Emanuel v. Swedenborg (1688-1772): schwed. Physiker und
Theosoph, der sich gottlicher Offenbarungen riihmte. - 13 BerenicensHaar:
Das Haar, das diese agyptische Konigin der Aphrodite fur die gliickliche
Riickkehr ihres Gemahls Ptolemaus Energetes geweiht hatte, verschwand
aus dem Tempel und wurde in ein Sternbild (nahe dem Lowen) verwandelt. -
28 Bremer Bleikeller: Der Keller unter der Domkirche gehorte zu den
beruhmtesten Sehenswiirdigkeiten der Stadt.
S. 866, 3 Fettmannchen: geringe kolnische Scheidemiinze. - 5 Chr. Lud-
wig Liscow (1697-1760): satirischer Dichter, der zu seinen Lebzeiten sehr
hoch geschatzt, nach seinem Tode zu Unrecht vollig vergessen wurde. J. P.
versuchte verschiedentlich, auf seine Bedeutung hinzuweisen. - 16 vier
letite Dlnge: Tod, Gericht, Holle und Himmel. - 29 Tiirkensteuer : Abgabe
der Reichsstande zur Bekampfung der Tiirkengefahr.
S. 867,7 Janus tempel: Seine Tore wurden nur zu Friedenszeiten geschlos-
sen. - 25 in Hessenkassel: Der Landgraf Friedrich II. von Hessen-Kassel lie!3
1 788 die veraltete Mode des Zopfes in seinen Besitzungen wieder einfuhren.
S. 868,i 5 IVurstschlitten: s. o. zu S. 474, 33. — 21 rotes Haus in Frankfurt:
ehemals beriihmter Gasthof in Frankfurt am Main. - 23 Brockenbuch : Auf dem
ANMERKUNGEN 1209
Brocken lag ein Buch aus, in welches die Reisenden ihren Namen und meist
noch einen Vers oder eine Bemerkung einschrieben. Alle diese Ergiisse
wurden 1791 unter dem folgenden Titel veroffentlicht: »Jahrbucher des
Brockens von 1753 bis 1790, oder Namenkunde aller Personen, welche in
diesem Zeitraum sich in die Originalstammbiicher dieses beriihmten Berges
eingezeichnet haben, nebst ihren hinzugefiigten Beischriften, physikalischen
Beobachtungen und Nachrichten, Gedichten und teils witzigen und launigen,
teils possierlichen und schnackischen Einfallen.« — z 3 Beigangsches Museum :
s. o. zuS. 670,5. — 26 auf hundert Kan{eln: Lavater pflegte seinen Namen
an die Kanzeln zu schreiben, auf denen er gepredigt hatte.
S. 869,35 Gorani: s. o. zu S. 158,55.
S. 870, 23 ca.sa santa; s. o, zu S. 71,28. — zy Samuel Foote (1719-77):
engl. Schauspieler und Lustspieldichter, der als Person durch seine zahl-
losen Streiche beriihmter war denn als Autor.
S. 871,2 Reichs-Palladien: s. o. zu S. 838,55. - 5 kleiner Rat: Es gab in
der alten Verfassung von Bern einen »kleinen Rat«. Hier ist jedoch nicht
der »kleine Rat«, sondern der sog. »auBere Stand« gemeint, wie Berend
nachweist. Vgl. Karl Grosser »Die Schweiz« (1791), 2. Bd., S. 163 und
J. J. Rousseau: "Considerations sur le gouvernement de Pologne« (171 3)
IV. - 23 KirsMern: vgl. o. S. 632,2*^". und die Anmerkung zu S. 95, 34. -
29 ein vollstandiger Rahmen: Nach J. P.s Exzerpten war es verboten, ein
ganzes Gemalde aus der Dresdner Galerie zu kopieren. — 30 derfiinfteMdr^:
Die Dresdner Galerie wurde 1798 am 5. Marz fiir die jahrlichen Ausstel-
lungen geoffnet.
S. 872,5 don gratuit: s. o. zu S. 9, 5. - 5 wie der Kaiser Joseph : Joseph II.
hatte 1777 auf seiner Frankreichreise auch Voltaires Refugium Ferney be-
sucht, ohne jedoch mit dem Dichter zusammenzutrefTen. - 19 Kammer-
lieler: s. o. zu S. 167,5. - 36 Literaturieitung: s. o. zu S. 28,*.
S. 873,26" usus epanorthoticus : erbaulicher Brauch. - 1 8 Proviniial:
Landesvorsteher eines Ordens. — 34 Wolf. Lect. memorab.: Das genaue
Zitat lautet: Johannes Wolfii »Lectiones memorabiles et conditae« (1600).
S. 874,2^ Krasnui Kaback: richtig »Krasna-Kabbak«.
S. 875,70 Raffaels Grab: Er wurde nach seinem Tode im Pantheon in
Rom begraben. - 13 das papstliche Miserere: Das aus dem i6.Jahrh. stam-
mende »Miserere« von Gregorio Allegri durfte nur bei feierlichen Anlassen
in der Sixtinischen Kapelle aufgefiihrt werden. - 35 Siebenkds: vgl. dort
Kap. 21 (in Bd. 2 unserer Ausgabe, S.fiffT.).
S. 876,6" mikroskopische Belustigungen: s. o. zu S. 11,50. - 13 Utrechter
Frieden: der erste Fried ensschluB zwischen Frankreich und Deutschland
im spanischen Erbfolgekrieg von 1713. - 29 Wetilar: seit 1689 Sitz des
Reichskammergerichts.
S. 877,2/ Zorndorf: Hier hatte am 25. Aug. 1758 Friedrich II. die ver-
einigten Armeen der Osterreicher und Russen unter dem Grafen Fermor
geschlagen. - 33 Narrenschiff: s. o, zu S. 41 3,/ 8.
I2IO ANMERKUNGEN
S. 878, 5 Faut; altere Form fur »Vogt«. -11 hetrurische Gotterstatuen : Berend
verweist als Quelle auf Lessings »CoIlectanae«, Ar.t. Pulvinar. — iS Klrcke
in St. Cloud: Bei diesem Schlofl vor den Toren von Paris war Heinrich III.
1590 ermordet worden. — 22 Go^ens Kabinett von Eingeweidewiirmern : Der
schon erwahnte Theologe und Naturforscher Joh. Aug. Ephraim Goeze
-' (I73I~93) SaD 1782 den »Versuch einer Naturgeschichte der Eingeweide-
wiirmer tierischer Korper« heraus. — 24 Pestkordon: von Militar gezogener
Absperrgiirtel um ein von Pest verseuchtes Gebiet.
S. 880,2 Refraktionstabellen : Lichtbrechungstabellen. — 13 Neunund-
neuniiger: Neben dem in der Anmerkung gegebenen Sinn des Wortes
schwingt bewuBt die andere Bedeutung mit, nach der »Neunundneunziger«
ein Schimpfwort fur die Apothekef ist (weil diese immer nur 99% ab-
messen). — 19 missi regit: konigliche Sendboten. — 36 Anmerkung: Der
erste Rastatter Frieden wurde 171 4 zur Bestatigung des Utrechter Vertrages
geschlossen, 1797-99, also zur Zeit der Niederschrift dieses Buches, ver-
handelten in Rastatt die Vertreter des Reiches mit den aufrlihrerischen
Franzosen.
S. 882,2 der selige Liscow: Sein Todesdatum (1760) war damals nicht
bekannt. — 1 5 Titan : vgl. o. zu S. 20, 1 y \x. 6. — 2 y wie Emanuel, Viktor,
Klotilde: die Hauptfiguren aus dem »Hesperus«.
S. 883,25 sakularische Spiele: s. o. zu S. 758, 3.
S. 885,25 Amors Fackel: freie Anspielung auf die Geschichte von Amor
und Psyche. Nach ihr versuchte Psyche gegen sein Verbot den schlafen-
den Amor anzuschauen. Sie erschrak iiber seine Schonheit so, dafi das
Wachs ihres Lichtes auf sein Gesicht fiel und sie verriet.
S. 887,22 Ewigkeitsschlange: s. o. zu S. 177, 2 8.
S. 891,4 Peters-Insel: kleine Insel im Bieler See, die als Refugium Rous-
seaus beriihmt wurde.
S. 892,76" die beruhmten Gemalde in der Kaiserstube: Gedacht ist wohl
an die Wandgemalde in »des Kaisers Schlafgemach« um dem i6.Jahrh. -
30 Strulbrugs (richtig Struldbrugs) : vgl. Gullivers Reisen, 3. TL, Kap. 7.
S. 893,3 Pfenninger: s. o. S. 1040,77 und die Anmerkung. - 24jude:
Die Juden durften in Nurnberg nur in Begleitung das Ghetto verlassen. -
25 loxodromisch : krummlinig.
S. 894,74 Warnungstafel: Der folgende Vers ist Wagenseils o. zu S.
848,251 erwahntem Buch entnommen, vgl. dort S. 61. - 29 Realterrition :
tatliche Androhung der Folter. - 30 frere terrible: »Schrecklicher Bruder«
wird in den Freimaurerlogen der Bruder genannt, der die Adepten durch
Schrecknisse zu priifen hat.
S. 896,20 und 34 Siebenkees: In Altdorf Iehrten zwei Professoren dieses
Namens, von denen der Orientalist Joh. Ph. Siebenkees (1759-1796) einen
»Versuch einer Geschichte der Venetianischen Staats-Inquisition« 179 1 ver-
faflt hat, wahrend der Jurist Joh. Chr. Siebenkees (175 3-1 841) im Jahre
1790 eine »Kleine Chronik der Reichstadt Niirnberg« veroffentlichte. Beide
ANMERKUNGEN I2II
sind hier vielleicht scherzhaft zu einer Person zusammengezogen. - 33
Special: hier in der Bedeutung: »Freund«.
S. 897,7 Friedrich II: Anspielung auf Wielands Rezension des schon
mehrfach zitierten Gedichts: »Borussias« von D. Jenisch, die im »Teutschen
Merkur« von 1792 erschienen war, vgl. dort Bd. 2, S. 428. - 1 3 cimmerische
Thomasnacht: Nacht vom 21. auf den 22. Dezember. Die Cimmerier lebten
nach der antiken Auffassung am Rande der Welt in ewiger Nacht. - 24
Anekdote: Henry Macken^ies (1745 bis 183 1) Roman: »Tke Man of Feelings
erschien 1771 in London. -31 Lavater: vgl. Physiognomische Fragmente,
Bd. 2, S. 179.
S. 898,4 Jonathans-Brust : svw. Freundesbrust. - lywie Memnons Statue :
Die riesige Figur des Memnon, der als Bruder des Tithons verehrt wurde
und bei Alexandria stand, wurde im Altertum viel beschrieben. - 23 Wolfs-
monat: Dezember.
S. 900, 3 der gute eingefrorene Siegwart:. der Held in Joh. Martin Millers
Klosterroman stirbt iiber dem Grab seiner geliebten Mariane. - 14 eine
gzwlsse Mariane : die bekannte Gestalt aus»WilhelmMeister«. Berend fiihrt
aus den Tagebuchern Karl Morgensterns, der den Dichter zu Ostern 1798
besucht hatte, folgende Stelle an: »Er tadelte an Goethes Meister, . . . dafi
Mariane sterbe. Sie hatte miissen leben bleiben. Sie sterben lassen, heiGe
den Knoten zerhauen,« — 24 Schufiwasser : Wundwasser, um das Blut zu
stillen. - 34 wie Terray: Gemeint ist Joseph-Marie Terray (1715-78), der
ebenso bewunderte wie verhafite Generalkontrolleur der Finanzen unter
Ludwig XV. Nach dem Tod seines Herrn net Terray in Ungnade und das
Volk forderte seinen Tod, indem es sein Bild auf den StraBen durchbohrte.
S. 90 1, 3 Grofipolen: Anspielung auf die dritte polnische Teilung. -
28 Insel Barataria; s. o. zu S. 633,2^
S. 902, 1 8 Konig von England: Anspielung auf Karl II. von England und
das von ihm als Marionetten-Regierung eingesetzte und iiber 7 Jahre fort-
bestehende Lange Parlament. — 30 Krunif( En\yklopadie : s. o. zu S. 272,^30.
S. 903,5 Schlffund Geschirr: tautologischer Ausdruck fur das Gesamt der
Haushaltsgegenstande.
S* 904 / 5 Algeber: svw. Algebra. - 3S Modejournal: das von Bertuch
und Kraus edierte "Journal des Luxus und der Moden« 1786 ff.
S. 905, 3 Jaques Renaudin (1745— 1809): frz. Mechaniker, der als Vorlaufer
Malzels einen Zeitmesser erfunden hat. — 4 Vaucanson: s. o. zu S. 724, 1 1.
Er erfand 1738 einen automatischen Flotenspieler und beschrieb diesen
Apparat in einer kleinen Schrift aus dem gleichen Jahr. — 5 Pierre-Jacquet
Droi (1724-95): frz. Mechaniker, der zusammen mit seinem Sohn Henri-
Lou is- Jacquet eine Reihe von automatischen Holzfiguren konstruierte.
S. 906,7 Claude Lorraine: s. o. zu S. 571,/. - 2 4 papinianischer Topf: s. O.
zu S. 17,28.- 28 Hundestalle von Vulkan: Im Palast des Aietes hielten nach
Homer goldene und silberne Hunde Wache, die von Vulkan geschmiedet
waren; vgl. Odyssee VI, 92.-28 Taubenhauser von Archytas: Der helleni-
I 212 ANMERKUNGEN
stische Bildhauer Archytas beschaftigte sich als erster mit beweglichen Pla-
stiken. Vgl. Plin. H. N. VIII, 25.
S. 907,4 natura naturans: So nannten die Scholastiker Gott als schopfe-
rische Natur im Gegensatz zur »natura naturata«, der geschafTenen Welt. -
20 Fohlsmus: Die alte chinesische Lehre des Fohi lehrte die Umwandlung
aller Dinge und ihre gegenseitige Aufhebung. Daraus resultierte die ethi-
sche Forderung nach einem leidenschaftslosen und weltabge wand ten Leben.
Doch besitzen alle diese BegrifTe fur J, P. keine historische Wertigkeit,
sondern bezeichnen philosophische Haltungen und Lagen.
S. 908,^4 Lavater: s. o. zu S. 1 86,^5. J. P. hatte auf einen Brief Lavaters
vom Marz 1797 noch nicht geantwortet.
S. 910,5 Mosisdecke: s. o. zu S. 421, z 1
S. 9ii,5 wie Moses /vgl. 4. Mose 13, 4-1 1. - 6 Tasso: Er starb am Tag,
ehe er in Rom zum Dichter gekront werden soil.
S* 913>3z Dreielnigkeitsring: Ringe aus drei ineinandergewundenen
Schlangen, die in Niirnberg hergestellt wurden.
S. 915,/ 1 Wetterverstandiger : s. o. zu S. 255,-24. — 21 wie Hersckel: s. o.
zu S. 461,5. — 35 Mondsfieckcn: s. o. zu S. 370,4.
S. 920,5 Lustschiff: Josef Miiller verbessert hier die Lesung der Original-
ausgabe in »Luftschiff«, die Kritische Ausgabe ist jedoch mit Recht dieser
Anderung nicht gefolgt.
Briefe und bevorstehender Lebenslauf
Noch einmal Iiefi sich Jean Paul aus Gefalligkeit gegen den mit ihm bekann-
ten Buchhandler Feind in Leipzig bewegen, nach der Vollendung des ersten
Bandes des »Titan« die Arbeit an seinem Hauptwerk ein Ietztes Mai zu
unterbrechen und die Wintermonate 1798-99 einem kleineren Werke zu
widmen. Er begann dem »Vaterblatt« zufolge am 27. Sept. 1798 mit
der Niederschrift und konnte bereits am 2. Okt. seinem Freund Chri-
stian Otto schreiben, er sei mit hochstem Feuer iiber seinem neuen Buch.
Als Jean Paul dann Ende Okt. nach Weimar iibersiedelte, brach er
wegen argerlicher finanzieller Reibereien die Beziehungen zu seinem Ver-
leger ab und bot das Biichlein dem Geraer Buchhandler Heinsius zum Ver-
lag an, der schon die »Palingenesien« herausgegeben hatte. Am 28. Januar
1799 konnte der Dichter den groBeren Teil seines Manuskriptes in Druck
geben, das letzte Drittel mit der »Konjektural-Biographie« folgte einen
Monat spater, am 27. Februar, nach. Das Bandchen wurde diesmal nicht
bei Breitkopf und Hartel, sondern bei Burmester in Leipzig gedruckt. Ob-
gleich sich aber Jean Paul mit der Ausstattung sehr zufrieden erklarte, fiel
der Druck, als die »Briefe« schliefllich im Mai erschienen, doch ziemlich
liederlich und unschon aus. - Das Werk wurde vom Publikum und der
Kritik mit Beifall aufgenommen, doch ist wie bei den meisten anderen
ANMERKUNGEN 1213
Stiicken unseres Bandes eine zweite Auflage zu Lebzeiten des Dichters nicht
erschienen.
S. 927,7 Morhof: s. o. zu S. 88,25. — i5 dieses neapolitanische ubel der
Schweii: Anspielung auf die von J. P. lebhaft verurteilte Eroberung der
Schweiz durchdie franz. Revolutionsarmeen 1795 (neapolitanischesObel:
Lustseuche). — 28 Semler: s. o. zu S. 87,^,9.
S. 928,2/ Moses: vgl. 5. Mose 33,1-8. — 26 Kranium; Stirnknochen. —
28 Fastnacht: Am 5. Februar 1799.
S. 929,^32 Hippokrene: s. o. zu S. 72, 14.
S. 931, 6 Eidechse; Gasthaus in Kuhschnappel, in dem der scheintote
Siebenkas zu Ende des Romans Wohnung nimmt, vgl. Siebenkas, 25. Kap.
(Bd. 2 unserer Ausgabe, S. 5*56,//). - 8 Nikolas Berghem (1624-83): holl.
Landschaftsmaler aus Antwerpen, der allerdings kaum Seestiicke gemalt hat. -
12 Herschelsche Schwester: Der bedeutende Astronom (s. o. zu S. 461,5)
wurde bei seinen Untersuchungen durch die aufopfernde Mitarbeit seiner
Schwester Lukrezia Karolina unterstiitzt. — 21 Schwabenspiegel : das alte
schwabische Landrecht, das nach dem Vorbild des Sachsenspiegels im
13. Jahrh. aufgezeichnet wurde.
S. 933, 14 der goldene Spiegel: Wieland schrieb 1774 einen Staatsroman
gleichen Titels. — 29 Leseesel: s. o. zu S. 732,27.
S. 935,2 ersten: Verbesserung der Kritischen Ausgabe, das »erstern« der
Originalausgabe beruht vermutlich auf einem Druck- oder Schreibfehler.
S. 936,/ z Johannis: von J. P. mehrfach als Nominativ gebraucht! Das
erwahnte Bild: »Der hi. Johannes der Taufer« gait nach seiner Entdeckung
als ein spates Bild Raffaels, vgl. Stolbergs »Reise durch Deutschland usw.«,
Bd. 1 (1792), S. 13 und W. Heinses "Beschreibung einiger Gemalde aus
der Diisseldorfer Galerie«, die 1776 in Wielands »Teutschem Merkur« er-
schienen war. Das Bild ist heute als romisches Schulbild identifiziert und
in den Depots der Miinchener Alten Pinakothek vergraben. - 14 Maire:
Biirgermeister. - 14 orbis pictus: s. o. zu S. 21, 12. — 19 Claude Lorraine:
s. o. zu S. 571, 1.
S. 938,25 Mittelspit^: vgl.o. S. 1027 ff. Auf den 21. Marz fiel J.P.s Ge-
burtstag.
S. 939,20 Hesperidengarten: s. o. zu S. 92, z 2. — 24 floreal und brumaire:
der Blutenmonat (20. April-19. Mai) und der Nebelmonat (22. Okt. bis
20. Nov.) im franz. Revolutionskalender.
S. 942, 1 2 Latmus-Berg: Auf diesem Berg in Karien bei Milet kiiBte nach
der Sage Luna den Endymion. Man zeigte noch spater seine Ruhestatte in
einer Hohle des Berges.
S. 943,' o Paullini: Gedacht ist dabei wohl an Chr. Fr. Paullinis »Heil-
same Dreckapotheke« (1696). - i5 Reichsanieiger : Der »kaiserlich-privi-
legierte Reichsanzeiger« erschien bis 1802 unter diesem Titel. - 18 Benefit
komodie: Schauspielauffiihrung zugunsten eines Mitwirkenden. - 24 Pli-
I 214 ANMERKUNGEN
nius: Seine aus zahlreichen Werken faBlich zusammengedrangte Darstellung
der Naturgeschichte wurde darum die »Bibliothek der Armen« genannt.
S. 945,2/ Rabensteln: Galgenhiigel.
S. 946,77 Gottfried W. Rabener (1717-71): viel gelesener, satirischer
Dichter, der zu J. P.s Zeit hauflg sogar mit Horaz verglichen wurde, dann
aber sehr rasch in Vergessenheit geriet.
S. 947^0 detur ad pyxidem: Man gebe es als Arznei!. — ty Weibel:
Polizeiwachtmeister. — / 7 der bekannte Landschreiber Borstal : vgl. Siebenkas
3. Kap. (Bd. 2 unserer Ausg., S. 494,2 iff,).
S. 948,70 jenem: Die Originalausgabe schreibt falschlich »jenem«. -
2 j a la .The usw.: Haartrachten der Zeit.
S. 949,6" infulieren: (mit dem Bischofshut) kronen. - 19 Modejournal:
s. o. zu S. 903,^5. In ihm erschien, wie Berend nachweist, im Juli 1788
(vgl. dort S. 252) ein Beitrag, der unter der Oberschrift: »Auflerliche Hof-
lichkeit im sudwestlichen Teutsch!and« berichtete, »wie sich in einer Stadt
300 Leute durch Unterschrift verpflichtet hatten, einander das Hutabziehen
zu erlassen; aber schon nach wenigen Wochen sei man zum alten GriiGen
zuriickgekehrt, da das, was als eine Befreiung vom Zwang gedacht war, nun
ein eigener Zwang geworden sei«. — 34 in unserer frechen Lileratur: J. P.
zielt hier auf die grobe Respektlosigkeit der Romantiker gegen altere Auto-
ren wie Wieland oder Klopstock. — j5 nicht Alte, sondern Junge vom Berge:
s. o. zu S. 422,*?.
S. 950,7 Pythagoras: Er iibersiedelte in seinem vierzigsten Lebensjahr
nach Kroton und griindete dort einen geheimen Bund, der sich zu einem
groBen Teil auf bejahrte und reife Manner von Stand stiitzte. — 21 Renun-
tiationsakte : Verzichterklarung, im besonderen die Erklarung Philipps V.
von Spanien, mit der er auf die franz. Erbfolge verzichtete. — 34 curator
absentis: s. o. zu S. 21, 28.
S. 951,2^ Fechser: aufgepropfter RebenschoBling. - 34 comedie larmoy-
ante: J. P. will hier offenbar der »weinerlichen Komodie«, in der die Riih-
rung sich in Lachen auflost, das eigentlich Komische als eine »Iachende
Tragodie« entgegensetzen, bei der das Lachen einen Grundton des Ernstes
nicht iibertonen kann. Doch ist der Gegensatz nur in dem Wortspiel greif-
bar, wahrend Idee und Absicht der Comedie larmoyante J. P.s Vorstellung
vom Komischen nicht eigentlich widersprechen.
S. 952,7 Schlegel (entweder mein Tauf-Namensvetter oder der andere oder
beide): J. P. war nicht sicher, welchem der beiden Briider er die heftige Ver-
urteilung seines Werkes im »Athenaum« (1798, 2. Stuck) zuschreiben sollte.
S. 953,76" Johannistag: Emanuels Todestag im »Hesperus« (vgl. 38.
Hundsposttag, Bd. 1 unserer Ausg., S. ii25ff.).
S. 954,2.? Deukalion: vgl. Ovids »Metamorphosen« 1,125-415.
S. 9 5 5, 2 offiiinell: arzneilich. - 7 Robespierrens Schweif: s. o. zu S. 3 1 9, 2 8. -
28 criniere de Paris: Periicke.
S. 956,-/ Opposition, Konjunktion usw.: Ausdrucke aus der Astrologie,
ANMERKUNGEN I2IJ
Konjunktion und Gedritterschein nennt man die Begegnung zweier oder
mehrerer Planeten im gleichen Tierkreiszeichen, Opposition das feindliche
Auseinanderstehen zweier. Gestirne.
S. 957,*4 der Riese Og: sagenhafter Konig aus einem Riesengeschlecht
im A.T. (vgl. etwa 4. Mose 21, 33; 5. Mose 3, 1 ff.). Seine Gestalt und sein
Tod wurden spater stark marchenhaft ausgeschmuckt. Im Kampf mit den
Israeliten hob er demzufolge einen Berg von drei Meilen Umfang, um seine
Gegner zu zerschmettern, doch fraBen Ameisen ein Loch in die Erdmasse
und diese fiel um den Hals des Riesen, daB er sich nicht mehr daraus be-
freien konnte. Er wurde von Moses mit einer Axt am Knochel verletzt und
verblutete.
S. 959,5 freres terribles; s. o. zu S. 894,30,
S. ^66^33 sckoner Jungling vom Kapitol: der beriihmte Dornauszieher
im Kapitolinischen Museum.
S. 968, 1 7 Jean de La Bruyere (1645—96): franz. Schriftsteller, dessen
Hauptwerk: »Les caracteres ou les moeurs de ce siecle« (1688) zu den klas-
sischen Biichern des iy.Jahrh. zahlt. - 28 Jlamen dialis: ein Priester des
Jupiter. Er durfte sich bei keinem bewaffneten Heer einfinden. — 30 Zim-
mermann: s. o. zu S. 213,6*.
S. 969,5 Henri de la Tour d*Auvergne, Graf von Turenne (1611-75):
der bedeutendste Feldherr Ludwigs XIV. - 13 wie Lessing: vgl, dessen
»Theatralischen NachlaB«, Bd. 1 (1784), S. XV.
S. 971,25 in Westen: in Frankreich. — 30 vingt-quatre : das aus 24 Mu-
sikern bestehende Hoforchester Ludwig XIV.
S. 972, 10 Archimedesse: s. u. zu S. 1106,5. — 24 Addison: (s. o. zu S.
357,2.) Die Bemerkung steht im »Spectator«, Nr. 597. - 36 Johannes
Hevelius, eigtl. Hewelcke (161 1-87): bedeutender deutscher Astronom, der
1647 erstmals ausfuhrlich die Mondoberflache beschrieb.
S. 973,* 2 im Hesperus: vgl. Bd. 1 unserer Ausg., S. 1104,50^! - 12 Kor-
dial: herzstarkendes Mittel. - 28 Hallet: vgl. dessen »GrundriB der Physio-
logie«, §580.-50 gehorsamern: So die Originalausgabe, die Kritische Aus-
gabe, verbessert in »gehorsamen«.
S. 974,6" Raffaels Schlafgemach : Im Alkoven von Raffaels Geburtszimmer
befindet sich noch heute von der Hand seines Vaters ein Madonnenbild,
durch dessen Anblick sich das bildnerische Talent des kleinen Raffael ent-
wickelt haben soil.
S. 975, 1 1 Pendiile: svw. Pendel. - 18 Homers-Schlaf: nach dem bekann-
ten Wort des Horaz in seiner Epistel : »De arte poetica« (V. 357Q* »et
idem / indignor, quandoque bonus dormitat Homerus.« (Und ebenso ver-
drieBt es mich, wenn einmal der treffliche Homer schlaft.) - 34 Emanuel:
s. o. zu S. 882,25.
S. 976, / 8 James Beattie (173 5-1803) : schott. Philosoph und Asthetiker. -
24 nach Herders schbner Bemerkung: s. o. S. 202,2 und die Anmerkung. -
26 Fufitritte in dem Felsen der Erinnerung: s. o. zu S. 19,5).
I2l6 ANMERKUNGEN
S. 977, 10 bei der Geschickte: Die Anekdote stammt nach Berend aus
Sulzers (s. o. zu S. 103, 9) »Vermischren Schriften« (1773), S. 205. — 29 der
Heilige eines hohern Or dens: Das ist vermutlich die S telle, an der Jean Paul
das Bei wort »der franzosische Gottmensch« auf GeheiB der Zensur uman-
dern muBte.
S. 978,5 revenant: wiederkehrender Geist, Gespenst. - 9 Jakobis tiefes
Wort: vgl. Fr. G. Jacobis »David Hume uber den Glauben, oder Idealis-
mus und Realismus« (1787), S. I36ff. - 23 Boerkaave: s. o. zu S. 181,34.
S. 979,-2 Scenes detachees: fliichtig andeutende Szenen, dramatische Ge-
legenheitsarbeiten.
S. 980,6* edler Antonin: s. o. zu S. 469,26". — 18 Palingenesien : s. o. zu
S. j<)$,i$ff. — 23 asthenische Kranhe: s. u. zu S. 1077,; p. — 31 Browne: Ver-
mutlich hat J. P. den engl. Theologen und Dichter John Brown (1715-66)
im Auge, auf den die Charakteristik allein zutrifft. - 32 Arnobius:
Der griechische Rhetor Arnobius d.A. (urn 300 n. Chr.) wandelte sich
durch ein Traumgesicht aus einem Gegner zu einem bliihenden Apologeten
des Christentums.
S. 981,/ Endymion: Er erbat sich von den Gottern die Gabe ewigen
Schlafes. — 1 4 rikoschetleren : s. o. zu S. 396, 28. — 36 Volkmanns Reis. Br. 32:
Das Zitat ist falsch, Volkmanns »Historisch Kritische Nachrichten« sind
nicht in Briefe eingeteilt. Nach Berend entnahm der Dichter die Anekdote
tiber Giuseppe Tartinis (1692-1770) Teufelstriller-Sonate aus Carl Bernays*
»Tagebuch einer musikalischen Reise durch Frankreich und Italien« (1772),
S. 87 f.
S. 982,4 Schackmaschine: Der komplizierte Mechanismus des beruhmten
Schachautomaten v. Kempelens (s. o. zu S. 758,7,9) verdeckte nur einen
in ihm verborgenen Zwerg, der die Bewegungen ausfuhrte. — 7 6 Alexander:
s. o. zu S. 87,75.
S. 983,74 testimonium paupertatis : Armutszeugnis. — zS Hiibners Lexi-
kon: s. o. zu S. 328,32. - 77 Manipel, Sektores etc.: So lauteten die Ober-
schriften in der 1. Auflagedes»Siebenkas«und inder»UnsichtbarenLoge«.-
24 Raffaels Tapete: Nach 15 16 entwarf Raffael fur die Amsterdamer
Manufaktur einen Zyklus von Gobelins.
S. 984,5 Sorites: s. o. zu S. 579,27. — 18 Katharer (die Reinen): eine
manichaische Sekte.
S* 987,35 Essigaale: Infusionstierchen, die vorzugsweise in Essig auf-
treten.
S. 988,7 Go^e: s. o. zu S. 365,7 und zu S. 878,22. — 14 Setfhase:
junger Hase. - 2 1 hysterische Kugel (globulus hystericus) : nervose Zwangs-
vorstellung, als ob eine Kugel die Luft im Hals abschnurte.
S. 989,70 Neger: s. o. zu S. 232,35. - 21 Gaetano Appolino Baldassare
Vestris (1728-1808): der bedeutendste Tanzer des 18. Jahrh. an der Pariser
Oper. Er wurde als »Gott des Tanzes« gepriesen und erkannte selbst nur
Voltaire und Friedrich II. als gleichbedeutend neben sich an. Ein Ballett:
ANMERKUNGEN 1217
»Amor und Psyche« ist mir aus J. P.s Zeit in Frankreich nicht bekannt. —
26 Sanskulotte: s. o. zu S. 660,/ 2. — 31 Riplenstimmen : Fullstimmen.
S. 990, 2 1 Ehre: Die Originalausgabe schreibt falschlich »Ehe«.
S. 99 1, J deine Rennwochen : vgl. Hesperus, 23. Hundsposttag (Bd. 1 un-
serer Ausgabe, S. 844 ff.).
S. 992, 8 legio fulminatrix : Donnerlegion, Name einer zum grofien Teil
aus Christen bestehenden Legion Marc Aurels. Nach der Legende erflehten
die christlichen Soldaten bei einer groBen Wassernot ein Gewitter vom Him-
mel und bekehrten durch dieses Wunder den Kaiser zum Christentum. — 33
desertio malhiosa: bosliche Verlassung der Ehefrau, gait als Scheidungs-
grund.
S. 993,5^ bureau d1 esprit; s. o. zu S. 71, j5.
S. 994,-2 Akiessit: s. o. zu S. 441,^37. — 33 Xenie: s. o. zu S. 811,*.
S. 995,5 Lokusta: Heuschreckenart. — 6 moralischer Krieg: J. P. denkt
an den Streit um die homerische Frage, den 1785 Fr. Aug. Wolf durch
seine "Prolegomena ad Homerum« entfesselt hatte, vgl. auch u. zu S.
1127,2*. — 10 asteriscus: Anmerkungszeichen, ein Sternchen im Text. —
3$ das gan^e angebotene linke Rheinufer; Auf den Rastatter Friedensver-
handlungen wurde eben damals liber die Abtretung des linken Rheinufers
an Frankreich verhandelt.
S. 996,75 Dresdner grunes Gewolbe: s. o. zu S. 95, 34. — 2$ Lavater;
s. o. zu S. 1 86, 25. - 2$ Meusels gelehrtes Deutschland: s. o. zu S. 75, 2<?.
S. 997,2 1 Quito: ehemals bluhende spanische Kolonie im heutigen
Ecuador. - 2j Pechkugeln: Daniel wirft im A.T. dem babylonischen Dra-
chen »Pechkuchlein« in den Rachen, an denen das Untier zugrunde geht.
Vgl. Daniel 14,23-27. — 36 gibt: Davor ist wohl »mehr« zu erganzen.
S. 999, 10 Scibile: Wissensstoff. — 29 aber alte: im Gegensatz zu den
neuen kritischen Scholastikern, vgl. auch o. S. 8io,j^.
S. 1 000, j 5 Schrnaufi: s. o. zu S. 122,2.
S. 1001,7 Schuldrama von Elisa und den gefressenen Kindern: vgl.
2. Kon. 2,23 ff. - 3$ Anmerkung: In Wirklichkeit war es sein groBer Gegner
CafTarelli, nicht Senesino, der bei einem gemeinsamen Auftreten in London
dem bedeutenden Sanger Carlo Broschi, gen. Farinelli (1705-82) um den
Hals fiel.
S. 1002,22 Cypselus-Kasten: Von Kypselos, der sich spater zum Herrscher
von Korinth aufschwang, erzahlt Herodot (V, 92), er set als Kind von seiner
Mutter in einem kunstvoll verzierten Kasten verborgen worden, als ihn
seine vom Orakel in Delphi gewarnten Verwandten toten wollten. Der
Kasten wurde lange in Korinth aufbewahrt und schlieClich dem Orakel in
Delphi geweiht.
S. 1003,; 5 Zirknit^er See: Der Wasserspiegel dieses Sees im ehemals
osterr. Illyrien senkt sich bisweilen so stark, daB Teile des Landes aus dem
Wasser auftauchen.
S. 1004, 1 Narrenschijf: s. o. zu S. 413,* <?. — 16 selige Kalypsos-Jnsel:
I2l8 ANMERKUNGEN
die paradiesische Insel, auf der Odysseus viele Jahre als Gast der Zauberin
Kalypso lebte. t)ber »selige Insel« vgl. o. zu S. 569, 1 /. - 2j Plongierbad:
Sturzbad.
S. 1005 y8 noachitische : Die Originalaiisgabe hat den Druckfehler »noach-
tische«, die Kritische Ausgabe verandert in »noachische«.
S. 1006,6 Scenes a tiroir oder Moralitaten: mittelalterliche Theaterstiicke
liber Texte aus der Bibel. - j5 Adams- Krups: svw. Adamsapfel.
S. 1008, 10 Psepkisma; ein durch Stimmenmehrheit erzielter Volksbe-
schluB. — 23 nach dem elektrischen Funken tan^ende Puppe: Damit ist ein
physikalisches Spielzeug gemeint, bei dem kleine Figuren aus Papier zwi-
schen zwei elektrisch aufgeladenen Metal Ischeiben bewegt werden. —
29 Hesperiden-Stettiner : s. o. zu S. 92, 1 2. — 33 Cypris: Beiname der Venus.
S. 1009, 1 3 der weise Salomon aus Norden: So nannte Voltaire Friedrich II.
S. ion, jo mix vomica; Krcihenauge oder Brechnufl
S. 1013,^ Danaidengej'afie : s. o. zu S. 259,77, — 16 Philanthropisten-
waldchen: ein kleines Waldstuck, das zum Dessauischen Philantropin (s. o.
zu S. 228,^0) gehorte.
S. 1015,7 3 Baumannshohle: s. o. zu S. 91,25. — 34 Hiero- Astronomic:
Berend vermutet darunter einen Hinweis auf Chr. E. Wiinschs Schrift : »Ho-
rus« (1783).
S. 1016, 18 wie Kant die Irrtumer benennt: insofern jeder Irrtum von
einer formal in sich stimmigen, aber nicht kontrollierten Wahrheit ausgeht. -
19 Bayle: s. o. zu S. 126,5. - 29 fides implicita; eingeborener Glauben,
durch den (nach der alteren Theologie) die Patriarchen des A. T. vor der
Verdammnis gerettet wurden.
S. 1017, # Garrick: s. o. zu S. 572,4. - 8 Pierre-Louis Dubus, gen.
Preville (1721-99)/ beruhmter franz. Schauspieler. — 26 Korrelationssaal:
Versammlungssaal des groBen Rates auf dem Regensburger Reichstag. -
28 Buff on: s. o. zu S. 25,2,9.
S. 1018,^ papinanischer Topf: s. o. zu S. 17,28. - 18 wie Suiter: s. o. zu
S. 29,6". — 20 fuga pleni; analog zu- »horror vacui« (s. o. zu S. 808, jj)
gebildet. - 22 der selige Finanipachter Helvei: Der franz. Philosoph
Helvetius (s. o. zu S. 194,75) bekleidete voriibergehend das Arm eines
Finanzpachters in der franz. Regie rung. —25 Funfer-Direktorat : An der Spitze
der franz. Revolutionsregierung stand damals bereits ein Direktorium aus
fiinf Ministern. — 28 Hume: Die gleiche Behauptung wird an anderer Stelle
Platner zugeschrieben. — 35 nach Kant: vgl. Kritik der reinen Vernunft,
I, 1. Abt., 2. Buch, Anmerkung gegen Ende des vierten A^schnitts: » Durch
die Wirklichkeit eines Dings setze ich freilich mehr als die Moglichkeit,
aber nicht in dem Dinge; denn das kann niemals mehr in der Wirklichkeit
enthalten, als was in dessen vollstandiger Moglichkeit enthalten war.«
S. 1019, 18 Peter Schnaur: Hier vermischt J. P. die beiden Figuren des
»Tom Schnauz« und des »Peter Squenz« aus Shakespeares »Sommernachts-
traum«.
ANMERKUNGEN 121^
S. 1021,2 Ramifikationen : Verastelungen. — ig Pegasus-Schaum : Von
mehreren Malern wird berichtet, sie hatten nach mehreren vergeblichen
Versuchen, ein schaumendes Pferd treffend zu malen, argerlich den Pinsel
fortgeworfen, und dieser habe zufallig die rechte Wirkung getan. — 3 5 ein
grofier Philosoph: Fichte. J. P. hat dessen Abhandlung: »Von dem ^iund
unsers Glaubens an eine Gottliche Weltregierung« im Auge, die 1798 in
Niethammers »Philosophischem Journal" erschienen war.
S. 1022,2.9 Helm des Mambrin: der zauberkraftige Helm eines beriihmten
Zauberers. Don Quixote erobert von einem Barbier dessen Becken in der
Meinung, diesen Zauberhelm gewonnen zu haben. Vgl. Tiecks Obersetzung
des "Don Quixote«, 1. Tl., 3. Buch, Kap. 7. - 36 Tabor: s. o. zu S. 19, #.
S. 1023,25 ablaktieren: aufpfropfen. — 24 jene prophetische Gestalt: vgl.
Ezechiel 1.
S. 1027,4 Bottcherwoche: 23.-29. Sept. 1798. - ij lettre toute prete:
Leihschein.
S. 1028,2.9 Jakobs Stein: vgl. 1. Mose 28,11. - 34 Vigesimo-Herzen:
svw. verkummerte oder Schrumpfherzen. — 36 Momus: der griechische
Gott des Spottes. Die Geschichte wird verschiedentlich aus dem Altertum
berichtet und auch von Rabelais (in der Vorrede zum 3. Buch von »Gargan-
tua und Pantagruel«) erzahlt.
S. 1029, 27 Patavinitdt: s. o. zu S. 235,24.
S. 1030,2 Merkur: Quecksilber. - 18 Guido: Guido Reni.
S. 1031,27 a parte ante: s. o. zu S. 5 97, 2 8.
S. 1032,2 Hammerherr: svw. Hammer-Meister, Besitzer eines Eisen-
werkes, der das Recht besaB, seiner Ware ein eigenes Zeichen einzupragen. -
8 Ephorie: Aufsichtsbehorde, vgl. o. zu S. 468,5.
S. 1033, 2 j konstantinische Schenkung: der Kirchenstaat. - 26 Lohbeet:
s. o. zu S. 574, 30. — 31 Ehe^arter: Ehevertrag.
S. 1034, j fruchtbringende Gesellschaft : Dichterorden des 17. Jahrh. -
16 Alkahest: ein von Paracelsus so benanntes Auflosemittel, das angeblich
alle Stoffe miteinander vertauschen konme. ~ 20 septembrisieren : s. o. zu
S. I07,£. - 34 idiopathisch : gleichfiihlend. — 3S sakularische Spiele: s. o. zu
S. 758,J-
S. 1035,4 Strohkranirede : s. o. zu S. 353,3. — 28 Rugendas: s. o. zu S.
1 2, 2 5.
S. 1036,2 Labarum: s. o. zuS. 210, 25. -3 Reffeikrautpulver : Heilmittel
aus Reffelkraut, einer wasserbenedikten Art. - 6 Cimmerier: s. o. zu S.
897,* J- - 13 Aderlafimdnnchen: Bis in die neueste Zeit wurde in Volks-
kalendern gern ein nackter Mann abgebildet, bei dem alle Punkte angezeigt
waren, an denen man sich mit Vorteil zur Ader lassen konnte.
S. 1037,22 Isolatorium: s. o. zu S. 197,4.
S. 1038,7 eiliges Atalantas-Bestreifen: Anspielung auf die Sage von der
Gefahrtin der Artemis, Atalante, die sich nur dem zum Manne geben wollte,
der sie im Wettlauf besiegte.
1220 ANMERKUNGEN
S. 1039,-20 Klopstocks Gedicht an eine kiinftige Geliebte: Diese haufig
nachgeahmte Ode erschien zuerst 1748. - 32 Luise: Hauptfigur aus Vossens
gleichnamiger Idylle von 1780.
S. 1040,77 eiserne Maske: Unter ihr verbarg sich ein sagenumwobener
Gefangener Ludwigs XIV. in der Bastille. Nach Voltaires Bericht sollte es
sich dabei urn den Zwillingsbruder des frz. Konigs gehandelt haben. -
20 drei Gesichter: Im Herbst 1797 hatte der Maler Pfenninger von J. P. ein
Gemalde angefertigt, das er nachher zweimal in Kupfer stach, und das den
Dichter, wie er selbst bemerkte, nur wenig gliicklich getroffen hatte.
S. 1 04 1, 25 Violenluft: vielleicht Druckfehler fur »Violenduft«.
S. 1042,20 Messwoche: 30. September bis 6. Oktober 1798. — 27 Joh.
Albrecht Bengel{\ 687—1 752): ev. Theologe, der zwei biblisch-prophetische
Werke iiber das Ende der Welt schrieb. »Erklarte Offenbarung Johannis«
(1740) und »Sechzig erbauliche Reden iiber die Offenbarung Johannis«
(1747). Darin stelk er die Behauptung auf, das Tausendjahrige Reich nehme
im Jahre 1836 seinen Anfang.
S. 1043, jo wie ein verwundeter Adonis: vgl. Ovids »Metamorphosen« X,
345 ff.
S. 1044,76" Ichor: das Blut der Gotter. - 34 Pfingsttage: vgl. Hesperus,
32.-36. Hundsposttag.
S. 1047,27 salomonischer Ring: S. O. zu S. 424, j*.
S. 1048,77 Eisen-Jungfrau: lange Zeit in der Niirnberger Folterkammer
aufbewahrte Hohlfigur, an deren Innenseite lange Nagel angebracht waren,
die den Gefolterten durchbohren sollten.
S. 1049,2,? pile mele: Allerlei, Mischmasch. - 36 »Neuhaus« und »Hof-
eck«: Ausflugsziele in der engsten Umgebung von Hof.
S. 105 1,£ Brandenbourg-house: beruhmtes Hotel in London, doch gab
es auch in Hof ein en »Brandenburgischen Hof«. — 8 Louisium : s. o. zu
S. 831,^5. — 13 eine solche konigliche Bagatelle: s. o. zu S. 365, 2#.
S. 1 05 6, 3 Zahlwoche: 8.- 14. Oktober 1798. - 9 Augusta: Nach Berend
hatte im Herbst 1798 Graf Adam von Moltke mit seiner Gattin Auguste
den Dichter in Leipzig besucht.
S. 1057,4 Hyblahonig: s. o. zu S. 569,^9. — 6 Buffon vgl. o. S. 25,2,9 und
die Anmerkungen. — 34 vidimierte Kopie: beglaubigte Abschrift.
S. 1058,7 drilben: Die Originalausgabe schreibt falschlich »driiber«. —
34 im November : Erinnerung an die Todesvision vom 15. Nov. 1790.
S. 1059, 2 3 Teriien^eiger : s. o. zu S. 31,50.
S. 1062, 3 3 aufier noch einem: wohl dem ahgeredeten Christian Otto
selbst.
S. 1064,2.? alexandrinische Bibliothek: Sie barg bis zu ihrer Zerstorung
durch Casar die groBten Bucherschatze des Hellenismus.
S. 1067,2 o Erysichthon: Er verging sich an einem Heiligtum der Demeter
und wurde dafur mit ewigem Hunger bestraft. Seine Tochter Mnestra, die
sich in alle Gestalten verwandeln konnte, verkaufte sich jeden Tag als
ANMERKUNGEN 1221
Sklavin, um ihrem Vater den Unterhalt zu beschaffen, und kehrte nachts
in ihre eigene Gestalt zuriick. - z6 Vendemiaire: Weinmonat im frz. Revo-
lutionskalender (vom 22. Sept. bis 22. Okt,). - 23 .■ Nach den
Vorarbeiten furchtete J. P., in der Erfindung der Charaktere nachzulassen. —
jo gefinerische Idyllen: s. o. zu S. 199,5.
S. \o6%,i6 Statuere, quis sit sapiens usw.: »Einen anderen fur weise zu
erklaren, scheint wohl am meisten weise zu sein.« Der Satz stammt aus
Ciceros »Academiae« II, 9.
S. 1070,3 die beiden - Skaliger: Man erwartet »Schlegel«.
S. 1072,2 vergofine: Die Originalausgabe schreibt falschlich »vergesne«.
S. 1073,33 Plainer; vgl. Philosophische Aphorismen, § 1075.
S. 1075, 1 y ein guter Jungling; J. P.s Jugendfreund Paul Amil Thieriot. —
29 Weifie: s. o. zu S. 13,4.
S. 1077,25 John Brown (1735-88): engl. Arzt. Er hatte die vielbeachtete
These entwickelt, die menschliche Gesundheit und das Leben hange von
der Reizbarkeit des Menschen durch Luft, Schlaf usw. ab. Er versuchte
daher alle Krankheiten auf Cberreizung (sthenische Krankheiten) und feh-
lende Reizbarkeit (asthenische Krankheiten) zuruckzufuhren und durch ent-
sprechende Stimulantien zu bekampfen. — 21 eine Familie von elterlicher
und kindlicher Liebe: Damit ist nach Berend die Familie des Freiherrn v.
Hardenberg in WeiBenfels gemeint, bei der J. P. auf seiner Reise von Leip-
zig nach Weimar die Nacht vom 24. 25. auf Okt. verbrachte.
S. 1078,2 1 Swift: Gemeint sind die schon erwahnten Struldbrugs, s. o.
zu S. 892,30.
S. 1080,26" Wieland: Die letzte Nacht auf der Fahrt nach Weimar be-
suchte J. P. den greisen Wieland auf seinem Gut in OBmannstadt. Berend
weist zurecht darauf hin, daB dieses Lob Wielands »in geflissentlichem
Gegensatz« zu den damaligen Angriffen der Romantiker steht.
Das heimliche Klaglied und die wunderbare
Gesellschaft in der Neujahrsnacht
Die beiden kleinen Erzahlungen entstanden kurz nacheinander als gelegent-
liche Beitrage fur Zeitschriften, in denen sie dann durch ungiinstige Um-
stande nicht erscheinen konnten: das wHeimliche Klaglied« fur die Zeit-
schrift : »Ruhestunden fur Frohsinn und hausliches Gliick« des Bremer Ver-
legers Wilmanns, die » Wunderbare Gesellschaft in der Neujahrsnacht« fur
das Jacobische »Taschenbuch auf i8oi«. Nach dem »Vaterblatt« ware die
Niederschrift der ersten Erzahlung im Juni 1800 erfolgt, die der zweiten
vom 19.-31.Juli des gleichen Jahres. Doch weist Berend nach, daB das
»Heimliche Klaglied« erst nach Jean Pauls Berlinreise entstanden sein kann,
von der er erst am 28. Juni zuriickkehrte. Als Wilmanns dem Dichter mit-
teilte, dafi die »Ruhestunden« vorubergehend ihr Erscheinen einstellen mliB-
1222 ANMERKUNGEN
ten und ihm einen gesonderten Druck vorschlug, entschloB sich Jean Paul,
die Erzahlung umzuarbeiten und mit der Vision zu einem schmalen Band-
chen zu vereinigen. Am io*Januar 1801 schickte er das abgeschlossene
Manuskript an Wilmanns, und bereits im April lag das schmale Bandchen
fertig vor. - Die erste Erzahlung wurde vom breiten Publikum sehr giinstig
bewertet, die zweite hingegen kaum gewiirdigt. Eine zweite Auflage ist
nicht erschienen.
S. 1083,5 1 kanonische Horen: die den Geistlichen vorgeschriebenen Ge-
betsubungen. — 2y wie Lessing die Vorrede definiert: vgl. seine Vorrede zu
den »Fabeln« (1759).
S. 1089,* / Schliisse in Festino, Darapti, Barocko und Ferison: vier der
neunzehn moglichen SchluBfolgerungsarten in der Rhetorik. Vgl. auch zu
S. 513,2.
S. 1090,6" Leipiiger acta eruditorum: erste wissenschaftliche Zeitschrift
in Deutschland, die unter der Mitarbeit von Leibniz und Thomasius 1682
von Otto Mencke gegriindet wurde. In den mehr als hundert Banden der
Zeitschrift wurden die meisten der grundlegenden Abhandlungen von
Leibniz, Newton u. a. zuerst bekanntgemacht. — ,9 acta sanctorum: die von
den Bollandisten herausgegebenen Lebensbeschreibungen und Verzeich-
nisse der Heiligen. — 26 salisches Geset^: das im spaten 5. Jahrhundert auf-
gezeichnete Volksrecht der Franken. Das Zitat ist, wie J. P. bei anderer
Gelegenheit anfuhrt, aus Christoph Meiners' »Geschichte des weiblichen
Geschlechts«, 1. Teil (Hannover 1788), S. 240, entnommen.
S. 1091,70 orbis pictus: s. o. zu S. 21,22.
S. 1092,22 Hechtskopf: s. o. zu S. 127,2.
S. 1093,6" das /Compliment, die pas balances usw,; Tanzfiguren.
S. 1098, $> Augsburger Thesesbilder : groBe, oft liber einen Meter hohe
Kupferstiche, die in Bayern und besonders in Augsburg sehr verbreitet
waren. Mit ihnen illustrierten die Monche in verschlusselten Allegorien die
Thesen und Themen ihrer Schuldisputationen. Vgl. Nicolais »Beschreibung
einer Reise durch Deutschland und die Schweiz« (3. Aufl. 1788-96),
Bd. VIII, S. 85 ff. - 27 Ballenbilder : Kennzeichen auf den Warenballen, die
zum Versand gelangen. — 2j Raffaets schon ausgemaltes Schlafgemach : s. o.
zu S. 974,6".— 32 wie der Priester: Danach findetsich im Originaldruck ein
iiberflussiges zweites »sich«.
S. 1099, z# dissertatiunculae : kletne Abhandlungen. - 33 eine genie fleu-
rinnee: Das weibliche Genus ist-hier wohlmit Hinsicht auf Ninetta gewahlt.
S. 1100,2^ wie das Fannische Geset%: ein von dem Konsul C. Fannius
eingebrachtes Gesetz gegen den Aufwand bei Gastgelagen. — Das Zitat
in der Anmerkung muB nach Berend richtiggestelltwerden:Plin. H. N.,X, 33.
S. 1101,29 Jacques Delille (1738-1813) beriihmter franz. Dichter des
iS.Jahrh. Er ubersetzte 1769 die »Georgica« des Vergil, die ihn beriihmt
machte und verbffentlichte eben damals (1800) sein grofies Lehrgedicht:
ANMERKUNGEN 1 223
»L*homme de champs ou les georgiques francaises«. — 31 Linne: Der grofie
Naturwissenschaftler litt im Alter an zunehmendem Gedachtnisschwund,
der ihm schlieBlich geistige Anstrengung beinahe unmoglich machte.
S. 1102,4 enfants perdus: »Verlorene Kinder« nannte man das nur mit
Arkebusen bewaflfnete Ful3volk, das beim Sturm vorauslief und darum als
verloren gait.
S. 1 103, 2 3 Epopt: s. o. zu S. 538, 18.
S. 1104,5 Hundejunge und Schwen^el: Ausdriicke aus der Bergmanns-
sprache; der Hundejunge fordert dasErz mit dem »Hund« (einem kleinen
Wagen) im Forderkorb zu Tage, Schwenzel oder Schwemmsel nennt man
das ausgeschwemmte Erz, das den geringsten Metallgehalt besitzt. — 14
Fdustel: s. o. zu S. 404,^0. — 28 steht; vielleicht Druckfehler fur »sieht«.
S. 1105,// Brunnenbelustigungen: s. o. zu S. 11,31. — 28 Schneufivogel :
Lockvogel, auch Vogel, der in die Schlinge gegangen ist.
S. 1 106,3 undeinen Archimedes da%u: Anspielung auf die bekannte Anek-
dote vom Tod des Archimedes, der erschlagen wurde, als er mathematische
Figuren in den Sand zeichnete.
S. noj,z8 malt: Die Originalausgabe setzt dafur falschlich »malte«.
S. 1111,29 Libation: im alten Rom Trankopfer fur die Hausgotter.
S. 11 12,^,9 Rousseaus Air a trois notes: Sie ist in der Sammlung: »Les
consolations des miseres de ma vie« von 178 1 enthalten und war ein Lieb-
lingsstiick J.P.s. Die angefuhrte Obersetzung Fr. W. Gotters (1735— 1802)
findet sich in der Sammlung seiner Gedichte (1787) Bd. 1, S. 235.
S. 1114,10 Tempe: s. o. zu S. 30, 30. - 19 Angelikas-Ring : unsichtbar
machender Ring, den in Ariosts "Orlando furioso« die weibliche Haupt-
figur des Werkes besitzt. J. P. kannte nach Berend wohl A. W. v. Schlegels
Obersetzung des betreffenden 11. Gesangs aus dem 2. St. des »Athenaums«
<I799)> S- 247ff.
S. 1117,32 Mithridates: Konig von Pontus. Er gewohnte sich daran,
Gift zu nehmen, bis er schlieBlich beinahe gegen alle Arten von Gift immun
war.
S. iii8,j25 Eubulides von Milet: Sophist aus der Schule von Megara und
Gegner des Aristoteles, der die groBte Zeit seiner Studien rhetorischen
Kunstfragen widmete.
S. Iii9,j5 Ugolinos-Turm: s. o. zu S. 450,/.
S. H24,z 2 mein Schlofilein \u Mittelspit^: vgl. o. S. i027rT.— i3Hermine:
s. o. zu S. 741,31. — 23 lanternisieren: an die Laterne hangen. Der Ausdruck
wurde zuerst in der franz. Revolution gepragt.
S. 1125,25 Liane: weibliche Hauptfigur aus dem »Titan«. — 29 Schweden-
kopf: glatte, kurzgeschnittene Haartracht, eine revolutionare Mode der Zeit.
S. ii26,2oRene le Bossu (1631-80): franz. Philosoph und Asthetiker. -
27 deiembrisieren: analog zu »septembrisieren« (s. o. zu S. 107, 8) gebildet.
S. 1127,2/ ein kiinf tiger Wolf: Die 1782 erschienenen "Prolegomena in
Homerum« von Fr. Aug. Wolf versuchten den Nachweis, daB die »IIias«
1224 ANMERKUNGEN
und die »Odyssee« nicht den gleichen Verfasser haben, sondern eine spatere
Redaktion aus mehreren rhapsodischen Liedern bildeten. — 32 Amiiisten-
orden: eine im zweiten Drittel des i8.Jahrh. weit verbreitete Studenten-
vereinigung, deren Treiben in den beiden 1799 erschienenen Btichern:
»Guido von Tauf kirchen« und »>Der Moselaner- oder Amizistenorden« (von
Lauckhard) ausfiihrlich dargestellt wurde.
S. 1129,2 Enikels Chronik: eine im volkstumlichen Mittelhochdeutsch
abgefaCte »Weltchronik« des Wieners Jans Enenkel (gest. urn 1280). -
3 Otfrieds Evangelium: eines der bedeutendsten Dokumente der althoch-
deutschen Literatur, das von Adelung und seiner Schule als Zeugnis ver-
derbter volkstiimlicher Spraclie angesehen wurde. — 8 Hermes Trismegistus :
sagenhafte Gestalt der agyptischen Urzeit, der als Erfinder der Alchimie
und Magie gait, auch als Vater der Freimaurerbewegung angesehen wurde.
Unter seinem Namen werden zahlreiche Schriften alchimistischen Inhalts
uberliefert.
S. 1130,28 maillots usw.: Es handelt sich dabei naturlich um gleich-
zeitige Moden.
S. 1131,27 wie der Redner Gorglas: Er riihmte sich, alle Wissenschaften,
Kunste und handwerklichen Fertigkeiten zu beherrschen.
S. 1132,^2 Ter^ie: s. o. zu S. 31,50.
S. 1133,25 nach Euler: s. o. zu S. 371,2/.
S. 1 135, j 6" bluhende, beseelte: erg. Gestalt.
S. 1136,7,3 Nicolai: s. o. zu S. 280,26". Er hatte in einem Vortrag, der
1799 m ^er »Neuen Berlinischen Monatsschrift« erschienen war, von einem
»Beispiel einer Erscheinung mehrerer Phantasmen« berichtet, woiin er dar-
tat, wie er sich von Halluzinationen, die ihn langere Zeit gequalt hatten,
durch das Ansetzen von Blutigeln kuriert habe. — 39 da Vincis Christus
im Tempel; Gemeint ist Bernardo Luinis Gemalde: "Christus unter den
Schriftgelehrten« (heute im Britischen Museum), das damals als ein Werk
Leonardos in der Sammlung Aldobrandini in Rom auf bewahrt wurde. J. P.
scheint eine Kopie des Bildes von seinem Freunde Fr. Bury in seinem Zimmer
gehabt zu haben.
S. 1137,74 nach dem Marcfyen: Als Quelle gibt J. P. an anderer Stelle
einmal die fingierte Reisebeschreibung des engl. Arztes John de Mandeville
(1300-72?) an, doch stammt die Geschichte nicht aus ihr, sondern aus
Plutarchs »Moralischen Schriften«. J. P. hatte sich die Stelle aus der dt.
Obersetzung von Kaltwasser in seinen Exzerpten notiert, vgl. dort Bd. 1,
1783, S. 156. Das gleiche Motiv begegnet auch bei Rabelais (Gargantua
und Pantagruel IV, 55 u. 56) und kehrt bekanntlich auch in den Liigenge-
schichten des Barons von Munchhausen wieder.
SCHLUSSBEMERKUNG
Der vierte Band der Werke Jean Pauls enthalt alle kleineren erzahlenden
Schriften des Dichters aus dem Zeitraum von 1796 bis 1801, die sich zwi-
schen das Erscheineh des »Hesperus« und den AbschluB des »Titan« ein-
schieben. Alle diese Erzahlungen sind vielfaltig mit den Themen, Figuren,
Begebenheiten und Schauplatzen der groBen Romane verkniipft und bilderi
mit diesen zusammen eine in sich geschlossene, dichterische Welt voll
offener und verdeckter Beziiglichkeiten, auf die der Dichter immer wieder
anspielt. Dem Charakter der vorliegenden Ausgabe entsprechend wurde
diese Einheit auch durch keinerlei Striche oder Kurzungen innerhalb der
Texte beeintrachtigt, wie sie die unterschiedliche Qualitat der einzelnen
Werke und Passagen, bisweilen auch die lockere Zusammenfugung zweier
Erzahlungen nahezulegen scheinen. So konnten hier zum erstenmal aufier-
halb der Kritischen Ausgabe wieder die »Biographischen Belustigungen«,
das »Kampaner Tal«, die »Palingenesien«, »Jean Pauls Briefe und bevor-
stehender Lebenslauf«, »Das heimliche Klaglied und die wunderbare Ge-
sellschaft in der Neujahrsnacht« ungekiirzt im Rahmen einer Jean Paul-
Ausgabe veroffentlicht werden.
Die Stiicke unseres Bandes sind in der Kritischen Ausgabe im funften,
siebenten und neunten Band der ersten Abteilung enthalten, die alle von
Eduard Berend in den Jahren 1930-33 herausgegeben wurden. Auf seine
Textredaktion stutzt sich unsere Ausgabe in erster Lime, doch wurden die
Originalausgaben sorgsam verglichen. Fur die Einrichtung des Textes im
einzelnen und fur die Gestaltung des Anmerkungsteiles gelten auch sonst
durchweg die Richtlinien und Grundsatze, die im ersten Band unserer Aus-
gabe (vgl. dort S. 1239^ und S. 13376°.) ausfuhrlich dargestellt und erlautert
worden sind; doch war beim vorliegenden Band, urn ein Anschwellen des
Anhangs zu vermeiden, eine noch starkere Beschrankung auf die unmittel-
bar zum Verstandnis des Textes notwendigen Angaben geboten. Fiir die
Arbeit an diesen Anmerkungen war wiederum der Kommentar der Kriti-
schen Ausgabe von unschatzbarem Nutzen, zumal fur die meisten Stiicke
des Bandes andere Vorarbeiten fehlten.
Der Herausgeber dankt herzlich Fraulein Adelheid Weinert, die das Mit-
lesen der Korrekturen unter ungewohnlich erschwerten Bedingungen
mustergultig besorgte, und er dankt besonders herzlich Herrn Professor
Dr. Eduard Berend fur seine unermudliche Hilfsbereitschaft.
Norbert Miller
Nachwort
I
Dieser Band enthalt die kleineren erzahlenden Schriften aus Jean
Pauls mittlerer Schaffenszeit. Sie waren ihm zu einem guten Teil
ein Obungsfeld fiir seine Romane und seine beiden groBen theo-
retischen Schriften zur Poetik und zur Erziehlehre, und so finden
wir alle Moglichkeiten des Autors in diesem Band ausprobiert
und ausgepragt. Der Jean Paul der Traume und Visionen er-
scheint zum Beispiel im »Mul3teil fiir Madchen« und gegen Ende
des »Fixlein«, der Autor der idyllischen Kleinmalerei im »Fixlein«
und im »Jubelsenior«; aber auch der ganz friihe Jean Paul der
satirischen Essigfabrik wird erkennbar, in den eingestreuten Sati-
ren, die in den »Palingenesien« dem Erstlingswerk »Aus des Teufels
Papieren« entnommen sind, wahrend das »Kampaner Tal« und das
»Heimliche KIaglied« auf den spateren Stil Jean Pauls vordeuten.
Seine asthetische Theorie wird in der »Geschichte meiner Vorrede
zur zweiten Auflage des Quintus Fixlein« kritisch-polemisch ins
Werk gesetzt und in vielerlei Exkursen eingekreist. Die philo-
sophischen Oberlegungen des »Kampaner Tals« ergeben ein po-
sitives Gegenstiick zur satirischen »CIavis Fichtiana«. Der be-
geisterte Jean Paul des »Hesperus«, der realistische des »Sieben-
kas« und der vom Geist Weimars beeinfiuBte des »Titan« tauchen
in schnell wechselnden Beleuchtungen beim Lesen dieses vierten
Bandes unserer Ausgabe auf. An manchen entscheidenden Stellen
wird der in den »Flegeljahren« sparer giiltig gestaltete Antago-
nismus im poetischen Ich, das kommende Zwiegesprach zwischen
Walt und Vult, bereits erkennbar.
Zahlreich sind die direkten Anspielungen und die Anklange
an friihere und spatere Werke: Der Kunstrat Fraischdorfer des
»Titan« tritt in der Fixlein- Vorrede zum erstenmal auf* das
NACHWORT 1227
kleinlich-intrigante »Haarhaar« wird in einer Anmerkung kom-
mentiert: »So heiBet bekanntlich das Furstentum, in welchem die
Geschtchte, die ich nun bald unter dem Namen >Titan< ediere,
vorfallt. Daher kenn* ich den KunstratFraischdorfer recht gut, er
aber mkh gar nicht.« - Wenige Seiten weiter zwinkert der Autor
seiner geplanten»Vorschule zur Asthetik« zu : »ich werde einmal in
einem kritischen Werkchen geschickt dartun, da8 . . . er [der
Humor] nichts Regelloses und Willkiirliches vornehme, weil er
sonst niemand ergotzen konne als seinen Inhaber . . .« Wiederum
sieben Seiten weiter oben bemerkt der Prolegomenon-Autor eini-
ges iiber Tochter-Bildung und verkiindet: »Ich Iasse iiber diese
Materie ein Werk aus meiner Feder hofFen«, - eine Hoffnung, die er
spater mit der »Levana« einlost. Das unmittelbar bevorstehende
Erscheinen des bereits fertiggestellten »Hesperus« wird anlaBlich
eines Gespraches mit dem Fiirsten von Flachsenfingen im »Fix-
lein« angekundigt (in diesem Band S. 123, Anm.), und der Autor,
der in die Fixlein-Handlung am Ende ebenso eingreift wie in die
Handlung des >Hesperus<, verweist auf seinen Rang, der in den
»Hundsposttagen« verifiziert erscheine (S. 161).
Das Zusammenstricken der einzelnen Werke durch immer
wieder auftauchende Motive und Personen wird oft, vor allem in
den »PaIingenesien«, als KunstgrifFgehandhabt: »DerGelehrten-
welt, das ist Dir bekannt, hab' ich in der Biographie unsers ge-
liebten Siebenkas es aufgedeckt, daB und unter welchen Lagen
er das anonyme Buch >Die Auswahl aus des Teufels Papieren<
geschrieben habe.« ■- Der Schulrat Stiefel und Leibgeber aus dem
»Siebenkas« tauchen denn auch am Ende der »Palingenesien« auf,
um den Ich-Erzahler aus seiner miBlichen Lage in Nurnberg zu
befreien. Der Druckfehlerverzeichnisse herstellende Fixlein wird
dem Druckfehlerjager Leibgeber untergeschoben (S. 727). -
Habermann ist mit Leibgeber identisch: »In der Vorrede nennt
Siebenkas einen Mitarheiter seines Buches Wolfgang Habermann,
von dem die erste Satire: >Habermanns groBe Tour und logi-
scher Kursus durch die Welt<, die ich eben neu edieren will, ver-
fasset worden. Dieser Habermann ist mein geliebter Leibgeber.«
Die Schrulle Jean Pauls, die sich dann als Architekturplan
1228 NACHWORT
erweist, auf solche Weise ein Prosastuck ins andere zu verhaken
und gleichsam auf einer fortlaufenden Rolle Papier weiterzu-
schreiben, bewirkt, daB dem passionierten Jean-Paul-Leser eine
ihm mehr und mehr vertraut werdende Civitas von Gestalten
erscheint, deren neu auftauchende Gesichter von altbekannten
begriiBt werden, und daB eine Motivwelt sich um ihn aufbaut,
die sich standig ausweitet und ihn, den geliebten Leser, mit
einzufangen sucht. Der eigenartige, unverwechselbare Hohlen-
charakter des jeanpaulischen Werkes wird dadurch einigermaBen
erklarbar. In seiner vielfaltigen Besonderheit wird er am besten
in einem Band erkenntlich, der die verschiedensten kleineren
Werke zusammenfaBt.
Daneben gibt es Ahnlichkeiten, die von Jean Paul nicht kom-
mentiert werden und die lediglich daher kommen, daB in einem
so voluminosen Werk die Einfalle nicht immer Schritt halten
konnen mit der Seitenzahl. Manches friiher schon einmal Durch-
probierte wird spater noch einmal, auf etwas andere Art, aufge-
fuhrt; um nur ein Beispiel zu nennen: die bibliothekarischen
Absonderlichkeiten des Wutz erscheinen nur variiert in denen
des Fixlein; oder: Sterbe-Ahnungen spielen in der Siebenkas-
wie in der Fixlein-Geschichte ihre Rolle. An den aufgegipfelten
Traum-Stellen kehren Bilder und Formulierungen wieder: die
»stumme leere Abendstunde eines erkalteten Schlachtfeldes«,
der »Engel der letzten Stunde« oder der »Engel des Endes«, der
»weinende Engel«, dessen »brennende Trane« wie eine Perle aus
der Muschel rollt, sind in der Phantasie iiber den »Tod eines
Engels« im »MuBteil fur Madchen« ebenso zu finden wie in dem
«Traum, daB alle Seelen eine Wonne vernichte« innerhalb des
»Hesperus«.
Die zeitliche Umgrenzung, namlich die Jahre 1795-1801, in
der die kleineren erzahlenden Schriften dieses Bandes entstanden
sind, wirkt sich auf die Variationsbreite des Buches aus; denn
in diesen Jahren lagen die wichtigsten Wandlungen des Autors.
Der »Fixlein« reicht in die idyllisch-enthusiastische »Hesperus«-
Zeit zuriick. Die Einschiebungen des »Freudel« und »Falbel«
stellen sogar noch Oberarbeitungen von Geschichten aus der
NACHW0RT 1229
Schwarzenbacher Zeit, 1790, kurz vor der Niederschrift des »Wutz«
und der »Unsichtbaren Loge«, dar. Vor Erscheinen des »Sieben-
kas« wurden die »Biographischen Belustigungen« geschrieben, im
Sommer und Herbst 1795 in Hof. In die Zeit nach dem ersten Be-
such in Weimar (10. Juni bis 2. Juli 1796) und damitin dieVorbe-
reitungszeit des »Titan« fallen die »Geschichte meiner Vorrede zur
zweiten Auflage des Fixlein«, »Der Jubelsenior« und »Das Kam-
paner Tal«. Wahrend der Arbeit am ersten Band des »Titan« wird
die Arbeitszeit fur die »Palingenesien« ausgespart, und wahrend des
dritten Weimarer Aufenthalts schreibt Jean Paul im Winter 1798
»Jean Pauls Briefe und bevorstehenden Lebenslauf«. Nach der
Auflosung seiner Verlobung mit Henriette von Feuchtersleben,
wodurch er sich Weimar entfremdete, und nicht vor seinem ersten
Berlin-Aufenthalt, der ihm den engeren Umgang mit der damali-
gen literarischen Moderne,mit den Romantikern, brachte, schrieb
er »Das heimliche Klaglied der jetzigen Manner« und wenig sp*a-
ter »Die wunderbare Gesellschaft in der Neujahrsnacht«. Beide
kleinen Schriften erschienen 1801 in Bremen, das Vorwort ist
aus Berlin datiert. Der Beginn der Arbeit an den »FIegeIjahren«
im Fruhjahr 1801 in Berlin und Jean Pauls Hochzeit mit der
Berlinerin Karoline Mayer am 27. Mai 1801 leiten eine andere
Schaffensperiode ein.
II
Kunst und Manier der Vorreden konnen in diesem Band verglei-
chend studiert werden. Die Vorrede vor allem verlotet das zu
erwartende Opus mit den bisherigen und den zu erhoffenden
Werken, festigt den Grund, auf dem der Erzahler stehen und vor
allem : auf dem er abschweifend sich bewegen kann und bezieht
den Leser als dazugehorig ins jeanpaulische Pandamonium ein.
Die Vorrede wird nicht selten umschrieben: z. B. als »Billett an
meine Freunde anstatt der Vorrede« vor dem »Fixlein«. Statt
ihrer selbst wird in der »Geschichte meiner Vorrede zur zweiten
Auflage des Quintus Fixlein« in geschicktester Weise ihre fin-
gierte, gestorte Entstehung geschildert: Durch mancherlei Hin-
I23O NACHWORT
dernisse und Begegnungen kann die Vorrede nicht geschrieben
werden, und indem dieses Verhangnis beschrieben wird, steht
dann doch die »verhinderte« Vorrede auf dem Papier. Reisebild
und Kunstgesprach, gespickt mit satirischen Einfallen und mit
Anspielungen auf Motive der Fixleinhandlung versetzen den Le-
ser in den Zustand, den Jean Paul fur die Lektiire der zu erwar-
tenden Geschichte fur richtig halt, zeigen ihm den dornenvollen
Weg des um ihn bemuhten Autors, nehmen kritische Einwande
vorweg und entscharfen sie, erklaren Absonderlichkeiten und
Schwachen als beabsichtigt und bringen schlieBlich sowohl aus
der id'yllischen wie aus der hohen Sphare dessen, was eingeleitet
wird, Kostproben. Der Vorspruch, so wie er hatte geschrieben
werden sollen, wird fragmentarisch in aphonstischen Einblen-
dungen vorgezeigt, und der Vorredner erreicht durch diese Me-
thode zweierlei: er unterhalt den Leser und teilt ihm doch von
seinen literarischen Grundsatzen das ihm notig Erscheinende mit,
ohne das Trocken-Lehrhafte von Vorreden iiberwiegen zu lassen.
In der Vision »Die Mondfinsternis«, die Jean Paul in diese seine
gegluckteste Quasi- Vorrede gegen Ende einschiebt, sucht er an
einem durchkomponierten Beispiel seine dem Kunstrat Fraisch-
dorfer entgegengesetzte Poetik-Auffassung vorzufiihren. Aber
auch dann beginnt die Fixlein-Geschichte noch nicht. Der Leser
hat erst noch zwei vorbereitendeProsaschriften, zusammengefaBt
im »MuBteil fur Madchen«, zu absolvieren, bis er sich an die Ge-
schichte selber herangepirscht hat; eine dieser Vorgeschichten
hat selber wiederum eine maskierte Vorrede, die »Dedikation an
meinePflegeschwester Philippines -In -der Vorrede zu den »Bio-
graphischen Belustigungen« wird die Vorreden-Manier selbst-
ironisch verspottet: »Ich schreibe sie bloB, damit man nicht das
erste Kapitel fur eine nimmt und nicht dieses uberhupft, sondern
diese Vorrede«. Sodann hat auch der satirische Appendix der
»Belustigungen« seine Vorrede. Diejenige des »Jubelsenior«
nennt sich »Prodromus Galeatus«, in ihr soil eine Definition des
Wortes Appendix gegeben werden, und hier uberschlagt sich
Jean Paul derart in der Verriicktheit - aus seiner Zeit, daB er
»Texturen« und »Muster« (diese Worter gebraucht er) von
NACHWORT 1 23 1
Appendices zu nennenden Romanen aufzeigt - wenn auch
grotesk-komisch. - Das »Kampaner Tal« hat einen Vorbericht,
der die beiden Teile des Buches erlautert; die »Holzschnitte«
haben wieder ihre eigene >>Historische Einleitung«, eine jean-
paulisch tollkopfige Reisespukbeschreibung, als deren Ergebnis
gelten kann, daB der Name des Holzschneiders gefunden
wird. Fur die Vorreden der »Palingenesien« gibt Jean Paul
das Wort an seine erfundenen Kauze ab oder redet sie wenigstens
an. Zuerst druckt er einen »OfTenen Brief an Leibgeber anstatt
der Vorrede« ab und entschuldigt sich beim Publikum, daB es an
seinem Privatbrief mitlesen und mitbezahlen solL Diese Freiheit
sei ihm nachzusehen, denn es »laufen im Briefe viele Dinge mit
unter, die ich dem Publikum ohnehin in derVorrede sagenwiirde,
wenn ich eine schriebe.« Diese Du-Berichts-Vorrede beniitzt die
intime Briefform, um den Leser fur Narrischkeiten einzunehmen
und ihm die Anleihen an den Teufelspapieren schmackhaft zu
machen. Die darauffolgende »Alte Vorrede von Siebenkas selber«
fiihrt dieses Unternehmen mit noch umstandlicheren Wendungen
welter und stellt Autor und Leser unter das Schutzpatronat von
Swift, Sterne und Butler. Nicht genug damit: das zweite Band-
chen der »Palingenesien« bringt der Vorrede dritten Teil in Ge-
stalt eines »Frachtbriefs vom Juden Mendel«, der in der ersten
Auflage an erster Stelle stand.
Die zu Weimar am Fastnachtstage 1799 geschriebene Vorrede
zu »Briefe und bevorstehender Lebenslauf« enthalt einen Brief
an einen »beruhmten Gelehrten dieser Zeit« iiber die »revolutio-
naren Schatten«, die die »jetzige Zeit« bewohnen : »Wohl ist die
Menschheit erwacht - ich weiB nicht, ob im Bette oder Grabe -;
aber sie liegt noch wie eine erweckte Leiche umgekehrt auf dem
Angesicht und blickt in die Erde.« Dieser Brief laBt den Autor
die Leitidee seines Buches formulieren: »Jeder verbessere und
revolutioniere nur vor alien Dingen statt der Zeit sein Ich.«
Spottisch nennt Jean Paul die Vorrede zum »Heimlichen Klag-
Hed« eine »Vorrede zu Vorreden«, und deflniert in ihr die Litera-
turgattung Vorrede als den »kostlichen SteiB am gebratnen Ka-
paun«, - weil sie erst als letztes geschrieben werde\ Die zusam-
I232 NACHWORT
menbindende und erhohende Macht der Vorrede aber versinn-
bildlicht er in einem typisch jeanpaulischen Vergleich: »Vorher,
am ersten Tage - im Buche - wird Licht geschaffen, am letzten -
in der Vorrede - der Mensch, der Autor; er kommt, wie der
romische Feldherr, im Triumph erst zuletzt selber gefahren und
geht (er sitzt bekranzt im Triumphwagen der Vorrede) zugleich
als Volk nebenher, das auf ihn schimpft, und steht (denn er muB
das alles allein spielen) auch als der Kerl hintenauf, der ihm un-
aufhorlich zuruft: gedenke, daB du ein Mensch bist; und so lasset
er uns wie jeder gute Historiker tief genug in die Schwachheiten
des menschlichen Herzens blicken, in seine Eitelkeit und Heu-
chelei.« —
Wie eine »Vorrede zu Vorreden«, so gibt es auch einen "Ap-
pendix des Appendix«, namlich am SchluB des »Jubelsenior«,
der selber als ein Appendix bezeichnet wird. Zunacbst sind
Jean Pauls Anhangsel oder Appendices nichts ahderes als
ehemalige Abschweifungen bzw. zu Abschweifungen ernannte
vorgepragte Eskapaden im Text, die dann doch lieber an den
SchluB gesetzt werden; im.TextverweisteineAnmerkungdarauf,
daB hierher der betreffende Exkurs gehore. Jean Paul hat aber die
zu Abschweifungen aufgeblahten Anmerkungen oder die zu Ap-
pendices verselbstandigten Abschweifungen so kultiviert, daB er
listig den Appendix schlieBlich als die zukiinftige Romanform
verteidigt. Er hatte damit nicht einmal so unrecht, wenn er sich
selbst auch das Eintreffen dieser Grotesk-Prophezeiung wohl
nicht traumen lieB: Paul Valery fordert, hundert Jahre spater?
den (einem Essay sich nahernden) »Roman einer Theorie« an
Stelle des Romans eines Helden; und James Joyce praktiziert,
unabhangig von Valerys »Monsieur Teste«, diesen appendixhaften
Roman einer Theorie im "Stephen Hero«. Textur und Muster
dafur sind von Jean Paul vorgepragt.
Jean Pauls komisch-verzweiflungsvoller Kampf gegen seine
Abschweifungsmanier, den er hinwiederum zum AnlaB von Ab-
schweifungen nahm, verwies ihn auf den Ausweg der >Anhange<.
Die sich iiberpurzelnden Einfalle wurden so aus dem Tex.t abge-
drangt und in den Appendices gleichsam kaserniert, mit mehr
NACHWORT I233
oder weniger Erfolg. Jeder neue Romanplan brachte eine neue
Feldordnung gegen die Rattenkonige der Abschweifungen mit
sich. Was sich im >Hesperus< noch ziigellos in Insertia ergieBen
konnte, wurde im >Titan<, nach einem >Vertrag< mit dem Leser,
in die Anhange verbannt, in den >Flegeljahren< zu aphoristischen
AuBerungen Vults verdichtet. Die kleineren erzahlenden Schrif-
ten probieren alle diese MogHchkeiten mit ihren Zwischenmog-
lichkeiten aus. Besonders systematisch geht Jean Paul im >Jubel-
senior< vor: Jedem erzahlenden Kapitel oder >offlzielIen Bericht<
folgt ein Hirten- und Zirkelbrief, in dem der Autor abschweifen
darf,sovielundwieer will. Das bedeutetAbschweifungin system-
gesicherter Ordnung, eine contradictio in adiecto also, Ausgeburt
der Pedanterie des Humoristen.
Die Abschweifungen im Text sind alles andere als nur krause
Disziplinlosigkeiten. Sie gehoren zum Erzahlstil des >progressive
digression*, des Fortschreitens im Abirren. Es wird dargetan, daB
die Welt mehr und anderes ist als ein iiberschaubarer Handlungs-
strang, aus Kausalitaten geflochten- und iibersichtlich vorzeigbar.
Auf Handlung wird nicht verzichtet, aber sie bleibt ein Behelf
fur den Erzahler, um die Figuren und Gangarten der von ihm
eingesehenen und geahnten Welt darzulegen. Er unterbricht die
Handlung, durchsetzt sie, verastelt sie, breitet sie aus, verkiirzt
sie abrupt, spielt ihr mit. In Abschweifungen und Einschiebseln
erzahlt der Erzahler, wie man erzahlt: und damit, wie und mit
welchen Schritten und Sprungen er das Unentdeckte entdeckt,
auf welche Weise er ins Nichterkannte Einsichten bahnt. In einer
komddiantischen Darlegung des Erzahlgangs zusammen mit der
dadurchimmerwiederinSchwunggebrachten Handlung baut Jean
Paul sich, den Erzahler, vor dem Leser auf, spinnt er in diesen
■ Geschichten Faden von seinem BewuBtsein in das des Lesers
hinein, so daB er im Erschaffen des Erzahlers seinen Leser mit-
erschafft. Dies geschieht aber nur, wenn sich der Leser den Ab-
schweifungen Jean Pauls anvertraut, und nicht, wenn er unge-
duldig den Erzahlstrang der Handlung herauszuschalen bemuht
ist, das ubrige aber als Ballast zu den Abfallen raumt. Sowohl die
Art und Weise des Abschweifens als auch die Themen der
1234 NACHWORT
Abschweifungen haben ihre Wirkung auf den Gang des gesam-
ten Textes; ihre Bewegung besagt mehr als die Materie der er-
zahlten Handlung. Eine von diesen >Abstrusitaten< >gereinigte<
Ausgabe ware zu vergleichen mit einem in Kolonnen aufgespieB-
ten, auf einige gangige Exemplare reduzierten Schmetterlings-
schwarm. i
Jean Paul lost die Erzahl-Materie auf, um sie in Bewegung zu
bringen. »Chemica non agunt nisi soluta (d. h. nur die Fliissigkeit
gibt die Freiheit zu neuer Gestaltung - oder: nur entbundne
Korper erschaffen neue).« Der Erzahler verteidigt unentwegt
dieses sein Verfahren, sogar in >Gerichtsakten<, wie in der >Vor-
rede zum satirischen Appendix < der >Biographischen Belustigun-
gen<, in der ein >Extrakt aus den Gerichtsakten des summarischen
Verfahrens in Sachen der Leser, Klagern, contra Jean Paul, Be-
klagten, Satiren, Abhandlungen und Digressionen des letztern
betreffend<, geboten wird. Vorgeschobene Unterhaltungen des
Erzahlers mit wichtigen Personen markieren Abzweigungen zur
Digression : »Was ich hieriiber zu einem Fiirsten gesagt habe, ist,
sowie das, was mir hieriiber ein Stadtsyndikus gesagt, zu merk-
wiirdig, um aus bloBer Furcht vor Ausschweifungen hier iiber-
gangen zu werden« (in >Quintus Fixlein<). Diese Markierung ist
weder ein ernsthaftes Kompositionsmittel noch ein Zufalls-Spiel.
Sie zeigt das Weltpalaver, das Hier- und das Dort-Reden, steht
also im Gesamtthema des >Fixlein< wie des endlosen Schreibe-
flusses Jean Pauls. Sie apostrophiert auf liebenswiirdige Art die
Jrrenanstalt der Erde<.
»Damit die Kunstrichter nicht glauben, sie gewohnen mir meine
Extrablatter ab, so will ich auf der Stelle folgende Bemerkung und
damit einkieines machen«, so unterbricht der Erzahler den»Sech-
sten Reiseanzeiger« der >Paiingenesien< mitten in einer sich auf
einen entscheidenden Punkt hinbewegenden Handlung: Der sich
im Dutzendteich spiegelnde Niirnberger Patrizier wird zum An-
lafi einer Digression iiber Spiegelungen. Jean Paul tut damit dar,
daB ihm an dem Niirnberger Patrizier, iiberhaupt an der Westen-
handlung nur wenig gelegen sei, an dem Spiegel- Vorgang jedoch
viel. Das begriffliche Resume dieser Abschweifung bekraftigt
NACHWORT I235
noch, was die Abschweifung schon allein durch ihre Existenz
ausdriickt, namlich die Forderung nach dem Abstandhalten vom
Ein^elfall: »Uberhaupt nimmt in unseren Tagen die Kurzsichtig-
keit so zu, daB die feinsten Leute nur die nachsten Gegenstande,
welches sie selber sind, erkennen und sich in Zimmern voll glan-
zender Westen bloB auf das nahe Gebiet ihres Ichs, auf ihre Glie-
der und Kleider einzuschranken genotigt sehen. So weit mein
Nebenblatt.«
Die Digressionen weiten sich aus zu se!bstandigenSatiren;die
>Teufelspapiere< werden auf solche Art zerteilt und verarbeitet.
So ist in den ersten Reiseanzeiger der >Palingenesien< die langere
Passage >Mein Protokoll und Nachtblatt der Schlafer< eingescho-
ben, eine aus Augenblickseindrucken, Gesprachsfetzen, Verglei-
chen gewobene Abschweifung, die allem Anschein nach den
>Nachtwachen des Bonaventura< Pate stand.. Innerhalb der Ab-
schweifung wimmelt es wiederum von kleineren Abschweifungen,
von gelehrten Bockspriingen, die das systematisch geord-
nete Wissen auseinandertreiben und ad absurdum fiihren. Auch
hier wird das; was die Abschweifung als Form darstellt, noch ein-
mal expressis verbis bekraftigt: die Gegnerschaft iur SystematiL
»Zwei Kantianer, ein Paar junge Leute, sahen aus einer Mansarde
disputierend heraus, hielten aber ihr Vesperturnier leise und sanft,
um sich nicht einander aufzuwecken. Es ist schon, daB der Mensch
gerade in den jungen wilden Jahren, wo er am wenigsten syste-
matisch handelt, am leichtesten neue Systeme, ohne sie zu ver-
andern und zu kastrieren, aufnimmt.« Indem Jean Paul diese
Feststellung mit Beispielen illustriert, gibt er sich den Anschein,
Belege fur ein System zu sammeln, greift aber in verschiedenste
Materialien-Schubladen, so daB nichts anderes zustandekommt
als ein Metaphern-Tanz gegen die Gelehrten-Ordnung: »so be-
merkt Sydenham, daB der Veitstanz, den er den Wiirmern bei-
misset, gerade Personen ergreife, die noch nicht mannbar sind;
so verwarf Belling, der Kommandeur der schwarzen Husaren,
Rekruten, die schon bartig waren; so muBten die Priesterin des
pythischen Orakels und die Sanger des sakularischen Jubelge-
sangs durchaus ordentliche wahre Kinder sein.« - Nicht das
I236 NACHWORT
Ausbreiten von Wissen, sondern das Erregen von Bewegung
durch das Haufen von auBerlich Ahnlichem, aber Disparatem
aus den entlegensten Wissensgebieten kennzeichnet diese Er-
zahlungen Jean Pauls. Das erklart auch, weshalb, wie Walther
Rehm feststellte, Jean Paul aus bedeutenden Werken, so aus
Winckelmanns >Geschichte der Kunst des Altertums*, nur das
>UnwesentHche< exzerpierte: er schrieb sich auf, nicht was als
These bewiesen wurde, so.ndern was als Einzelheit seine Erkennt-
nis vom Lauf der Welt, zusammen mit vielen anderen Einzel-
heiten von anderswoher, am sinnfalligsten illustrieren konnte.
Das waren die Materialien, die er brauchte, um seine Geschichten
so zu erzahlen, wie er sie fur notwendig hielt: nicht die Reise
eines Einzelnen nach Niirnberg, sondern die Fahrt des Erzahler-
Ich durch diese seltsame und nie zu Ende entdeckte Welt; nicht
nur Ehestand und Beforderung eines Dorfschullehrers namens
Fixlein, sondern die Lustbarkeiten im harmonischen Zusammen-
leben zweier Menschen und die Reibungen einer eingegrenzten
Person mit den engen Verhaltnissen eines Gemeinwesens. Was
hatte da eine geradlinige Handlung nutzen konnen. Zu diesem
Unternehmen waren alle die Hilfstruppen notig, von denen dem
Erzahler wtaglich ganze Karren mit Aktenstucken, Urkunden,
Attestaten usw. vor die Tur geschoben« wurden.
Das Inanspruchnehmen dieses Materials wurde aber Jean Paul
immer wieder angekreidet. Selbst Bewunderer Jean Pauls, wie
Oskar Loerke, sahen hier seine schwache Seite: »Ein Kanzlei-
verwalter schleppte verstaubte Akten und notierte, notierte, no-
tier te schnurrig wesenlose Hinterweltsraritaten. Geographische
medizinische, archaologische, philologische, astronomische, ma-
thematische, physikalische, meteorologische, chemische, botani-
sche, politische, militarische, konfessionelle, prozessuale, mer-
kantile, numismatische Merkwiirdigkeiten zu Zehntausenden,
durcheinandergeschiittelte Lexika und ganze Bibliotheken !« Ent-
schuldigend meint Loerke: »Es ist nicht Jean Paul, es ist nur sein
aufgediinstetes, gedunsenes Gespenst, das ihn verfolgt.« - Aber
daran ist nicht zu zweifeln, es ist Jean Paul. Erst dort, wo er sich
in fremde Zwangsjacken zu schniiren suchte oder aus Unlust
NACHWORT 1237
Zeilen haufte, nicht getrieben von seinem Entdeckungs-Elan,
entstanden Stauungen, Wiederholungen, geistreiche Albernhei-
ten. Zu Recht und mit, unerschutterlicher Insistenz macht er sich
iiber die guten Ratschlage seiner Kritiker lustig, mit der Ober-
zeugung dessen, der gibt, was er hat. Ironisch den Kritikern
gegeniiber, und nicht ohne Digression in dieser Anti-Digres-
sions-Beteuerung, schildert er sich in der Konjektural-Bio-
graphie als Jubelgreis: »Nach diesem Jubeljahr hofF ich, nicht
ohne alien Geschmack zu schreiben. Ich hatt' es fruher gekonnt,
wenn ich zur Apoplexie mich entschlossen, oder wenn ich, wie
Ludwig XIIL von Frankreich auf Befehl seines Arztes Bouvard,
in einem Jahr 215 Purganzen, 212 Lavements und 47 Aderoff-
nungen gegriffen hatte; ich ware dann kapabel geworden, so
ordentlich und niichtern zu schreiben wie ein verniinftiger Mann
im Reichsanzeiger.« Ernsthafter verteidigt er seinen Abschwei-
fungs-Stil in der >VorschuIe zur Asthetik*, indem er seine Griinde
aufzeigt, warum ihm das »Jammern iiber gestorten Nex« abwegig
erscheint.
Ill
Wenn sich dies nicht so verhielte, konnte sich in diesen Erzah-
lungen »der StofT«, das »angehaufte Wissen« nicht aufs engste
verbinden, amalgamieren mit den schwebenden Tr&umen. Nicht
»der verniihftige Mann« des »Reichsanzeigers« sammelte die Ex-
zerpten, sondern der kritisch-wache Traumer Jean Paul, dessen
Traumbilder die lastenden Details der Erdoberflache ebenso auf-
nahmen wie die Schwerelosigkeit des Flugs. Er lenkt, im >Billett
an meine Freunde<, das Augenmerk auf den Traumflug; er schil-
dert den Enthusiasten : »gleich dem Paradiesvogel schlaft er flie-
gend, und auf den ausgebreiteten Flugeln verschlummert er blind
in seiner Hohe die untern ErdstoBe und Brandungen des Lebens
im langen schonen Traume von seinem idealischen Mutterland«.
Aber dieser Vorstellung halt der Autor entgegen, dafi die weni-
gen, die diesen Traum traumen, »so oft von fliegenden Hunden«
geweckt werden, und im Digressions- und Lexikal-Stil versieht
I238 NACHWORT
er »fliegende Hunde« mit einer FuBnote: »So heiCen die Vam-
pyren«. Er empfiehlt den Wechsel des Paradiesvogel-Fluges mit
»Tisch und Bett der Erde«, und in den Traumbildern selber wer-
den auch die »Hundsgrotten und Stechdornen und Teufels-
mauern« der Fixlein- und Falbel-Welt gestreift.
Ebenfalls gleich zu Anfang dieses Buches, in der beruhmten
Geschichte der Vorrede zum >Fixlein<, stent, als Anti-Fraisch- '
dorfer-Digression, das Traumstuck >Die Mondfinsternis<. Es
beginnt mit schwebenden Metaphern, die einen Zustand malen,
der die Worte Liebe und Ruhe ineins setzt. Die Erde wird tief
unten im Abstand gesehen, von ihr kommt das Erinnern, und
die Bilder von Tau und Tranen treten auf, sobald von ihr die
Rede ist. Elemente des Erzahlerischen verbinden sich mit Alle-
gorischem. Die Schilderung einer kosmischen Idylle in der Art
einer Wolken- und Sternenlandschaft wird abgelost von Ein-
kleidungen unvorstellbarer, die Wahrnehmungsfahigkeit uber-
steigender Begriffe in iaberdimensionale Dinge und Personen:
der »Schattenzeiger der Ewigkeit« zeigt auf ein neues Jahrhun-
dert; der »Blitz eines heiBen Schmerzes« schlagt »durch die Brust
der Mutter der Menschen«; »die geliebten Tochter«, die noch
nicht auf der Erde waren, »ziehen aus dem Mond in ihre Korper«.
Der Gang der Jahrhunderte wird in einem groBen Bild vorge-
fuhrt. Das Entstehen der Frauen, die diesen Jahrhunderten ihr
Geprage geben, »aus dem Mond« gibt ein anderes, glanzend-
magisches Bild; die Erscheinung des »Versuchers der Menschen«
in der Gestalt einer Riesenschlange, die von der Erde an den
Mond reicht, ein drittes. In die anspruchsvollen, aufs Mythische
zielenden Bilder, die in ihrer Darstellung das Barock-Opernhafte
nicht verleugnen, schieben sich differenzierte, echt jeanpaulische
Zwischenvisionen, die gespeist sind von seiner Lexikographie,
die aber eindringlicher sind als die groBrlachigen Allegorien:
»Fern vom kleinen Auge steht der gestirnte, die Ewigkeiten um-
ziehende Plan des Unendlichen im Himmel als ein unaufloslicher
Nebelfleck«. Hier setzt der Traumschilderer eine FuBnote: »Ein
unaufloslicher Nebelfleck ist ein ganzer in unendliche Fernen
zuruckgeworfener Sternenhimmel, worin alle Glaser die Sonnen
NACHWORT I239
nicht mehr zeigen.« Was wie banaler Stilbruch sich auswirken
konnte, bleibt im richtigen Takt, fiihrt sogar zu einem Hohe-
punkt.
Die Verfuhrer-Schlange wiitet zwischen Erde und Mond. In
Farben, Tonen, Bewegungen wird der Traum zur Schreckens-
vision gesteigert: »eine Erderschiitterung auf unserer Kugel wir-
belte die laufenden Ringe und die bunten giftigen Safte wie ein
flussiges schillerndes Gewitter herauf.« — In alien seinen Traum-
texten versucht Jean Paul die sprachlichen Hohenfliige und Ver-
dichtungen, die Eigenbewegung der Bilder immer wieder zuruck-
zufuhren auf die vorgefaBten Motive, auf die >Geschichte< hin.
Die Technik dieser Traumbilder ist vergleichbar mit der Technik
seiner Erzahlungen, nur daB hier die Geschichte einen Haupt-
akzent beansprucht, wahrend sie dort zwischen den Gesichten
lediglich durchscheint. An solchen Stellen wird der Traumschil-
derer >faktisch<, es kommt, im Gegensatz zu den Digressions-
partien, hier nicht zu Hohepunkten. Vielmehr schleicht sich die
Tonart der Marchen-Imitation ein: »Ich will deine Tochter ver-
fiihren, deine weiBen Schmetterlinge will ich auf dem Morast
versammeln. Sehet, Schwestern, damit koder' ich euch alle. (Und
hier spiegelten , die Vipernaugen mannliche Gestalten nach, die
bunten Ringe Eheringe und die gelben Schuppen Goldstiicke.)
Und dafiir nehm ich euch den Mond und die Tugend ab . . .« Die
Welt des Nutzens wird gegen die idealische gestellt. Das ist eine
der predigenden, »verniinftigen« Partien in Jean Pauls Traum-
prosa.
Aus verschiedenen Mythologien werden nun die Bilder ver-
sammelt : der Giftbaum, der Seelenreigen, Maria und die »Mutter
der Menschen«, der Sonnenjungling mit Lilie, Lorbeer und Ro-
senknospen. Zwei eindrucksvolle, vom Jean Paul der Schauer-
empfindsamkeit gepragte Metaphernballungen iiberragen die De-
koration dieser Szene. Die eine Metaphernballung ist antagoni-
stisch aufgebaut und ist damit typisch fiir eine Art der Traum-
figurationen : »Und siehe, als das Ungeheuer die diinne, lange,
wie eine Hummerschere gespaltene Zunge uber den Mond hinschoB
und die Lilien entzweischnitt und, wenn es einen schwarzen
I24O NACHWORT
Mondfleck gemacht hatte, sagte: >Ich will sie verfuhren<: siehe,
da schlug spriihend hinter der Erde der erste Strahl der Sonne
herauf . . .« - Die zweite Ballung von Metaphern, die sich in die
Beschworung der Allegorien einschiebt, erhalt ihre Gestalt nicht
von Bewegung und Gegenbewegung, sondern von absoluter
Starrheit: »Die wallende Riesenschlange gerann vor ihm, und
versteinert stand sie auf der Erde und am Mond, ein Pulverturm
mit stillem schwarzem Tod gefiillt.« Bewegung und Starrheit,
zwei gegeneinander agierende Kunstprinzipien Jean Pauls, sind
in diesen beiden Bildgruppen vorgefubrt, die ahnlich an anderen
Traumstellen und auch sonst in seiner traumhaft gesteigerten
hohen Prosa wiederkehren.
Der Jean Paul der Tugendempfindsamkeit erfindet im An-
schluB daran das Gebet des Junglings, des »Genius der Religion",
an den Unendlichen, in dem er sich als Beschutzer der zur Erde
gleitenden Mondtochter ofFenbart. Mit einer Passage des Schwe-
bens und Zergehens findet diese Prophetie ihren Hohepunkt, im
Wellenstil jeanpaulischer Traumrhythmen, die sich freirhythmi-
schen Versen nahern: »wenn in der Sternennacht und vor dem
Abendrot euer Auge an einer unaussprechlichen Wonne zergeht,
und euer ganzes Wesen sich hebt und sich aufwarts drangt und
liebend und ruhig und unruhig und weinend und schmachtend
die Arme ausbreitet: dann bin ich in euern Herzen und geb' euch
das Zeichen, daB ich euch uniarme und daB ihr meine Schwestern
seid.« - Die daran anschlieBende Schilderung des Handlungs-
Fortgangs halt die Stilhohe dieser Traum-Predigt; sie miindet
in eines der Flugbilder Jean Pauls, in dem die Synasthesie, die
Komposition. verschiedenster Sinneswahrnehmungen zu einem
GuB, zum Hohepunkt fiihrt: »... - und wie sie der Erde ent-
gegenfiogen, dehnte sich ein melodisches Floten durch das Blau,
wie wenn Schwanen iiber Winternachte fiiegen und in den Luften
Tone statt der Wellen lassen.«
Der SchluB des Traumes verflicht Bild mit Gegenbild, ver-
schwistert die schwarze Magie mit derweiBen, stellt Verfiihrungs-
schauder und Tugend wonne in ihrer auf Erden wirkenden Pola-
ritat dar: Die Riesenschlange liegt als »ziindender Pechkranz«
NACHWORT 1 24 1
um die Erde, »und wie eine herumgebogene Wasserhose iiber
einem SchifTe zerbricht, so fiel sie iiber die Erde und flocht sich,
in tausend Schlingen und Knoten gerunzelt, erwiirgend und fan-
gend durch alle Volker der Welt.« Die Bilder des Schreckens
werden nicht gemildert, doch sie haben ihren Gegenpart im to-
nenden Flugbild: »Und das Richtschwert zuckte wieder, aber
das Nachtonen des durchflogenen Athers wahrte langer.-«
Die Analyse dieses einen Traumbildes zeigt Elemente und
Kompositionsart der meisten Traumbilder Jean Pauls. Es istaller-
dings eines der ausgewogensten. Die Akzente Hegen zuweilen
mehr auf den Schreckenspassagen : »Ich sah auf zum Himmel
nach Trost, aber droben hatte sich das rauchende Blut als Abend-
rot und Nordschein angelegt; Dorfer und Stadte zogen als lange
Aschenwolken pfeilschnell durch die Lufte, nur einige von einer
Mine aufgeschleuderte Gassen hingen mit ihren zerbrochenen
Menschen und Hausern im Himmel fest.« (>EinTraum von einem
Schlachtfelde< aus >Herbstblumine<). Oft jedoch sind auch die
Verschmelzungs-Bilder der Tugendempfindsamkeit noch mehr
gesteigert: »Die groBe Wonnetrane, aus uns alien gemacht,
schwimmt durchsichtiger und durchsichtiger in die Ewigkeit.
Endlich sagte leise der Engel des Endes: sie sind am suBesten
vergangen an ihren Geliebten. Und er zerdriickte weinend das
Wolkchen der Zeit« (>Traum, daB alle Seelen eine Wonne ver-
nkhte<, aus >Hesperus<).
Die Traumstellen als Konzentrationen im Werk Jean Pauls
sind oft gefeiert, seltener analysiert worden. Richard Benz nennt
sie »fast die Quintessenz« des Werkes; und Max Kommerell sieht
sie als die Grundfigur : »Die reine Form des romantischen Romans
ist das Marchen. Die reine Form des Jean-Paul-Romans ist der
Traum«. Jedenfalls treten bei einer Analyse der Traumprosa nicht
nur die Stilmittel der Ornamentik zutage, die sich mit ihrem
Wiederholungsprinzip auf Bildgestalt, auf Lautfolgen, musika-
lisch-rhythmischeSchwingungdes Satzes, Inhaltsbeschworungen
zugleich auswirken; nicht nur. die Komposition und Gegenkom-
position von Idyllisch-Rokokohaftem und GroBartig-Barockem,
Anmutig-Verspieltem und Grotesk-Widerwartigem wird greif-
1242 NACHWORT
bar; das Widerspiel von nachgezeichnetem Realen und darge-
stelltem Visionaren. Die Augenblicke der Existenzerfahrung
Jean Pauls geben diesen sprachlichen Erscheinungen Vehemenz
und Bestand. Enthusiasmus und Ornamentik wirken zusammen,
um die schopferische Zerrissenheit des Trimmers sichtbar zu
machen, seinen Blick in die Leere, seine Erstarrung vor Unab-
wendbarem, seine Begeisterung im Abwerfen der Last, im Schwe-
ben, seine Annaherung an die »unbekannte Realitat« : »Wir haben
etwas in uns, was unaufhaltbar einen ewigen Ernst, den GenuB
einer unbegreiflichen Vereinigung mit einer unbekannten Reali-
tat als das Letzte setzt.«
Traume oder traumahnliche Gesichte sind uber den gesamten
Erzahlungsband hin verteilt. >Der Tod eines Engels< und >Der
Mond, eine phantasierende Geschichte< im >MuBteil fiir Madchen<
zeigen alle Eigentiimlichkeiten jeanpaulischer Traume, schaurige
und idyllische. Oft drangen sich in diesen beiden Stiicken die
sentimentalen Bilder vor, gequalte Busen, Brustwunden, tranende
Seelen, Kinderbegrabnis. - Zu traumartigen Bilderfolgen steigert
sich der >Erste offlzielle Bericht< des >Jubelsenior< aus der Enge
der Idylle. Ein Traum von weifien Rosen mit weiBen Dornen
steht im >Sechsten Werk vor Niirnberg* in den >Palingenesien<;
auch er endet mit einem Schwebe-Bild: »dann schwangen sich
die Schmetterlinge verkettet nieder und wurden Blumengirlan-
den und legten sich verschlungen um uns und hoben uns, und
wir wurden verbunden aufgezogen - die Sterne glanzten heller -
die blaue Ebene wurde Ather und wallete uns nach -« - Zwei
Seiten vorher meditiert Jean Paul iiber den Unterschied von
Traumen bei Mannern und Frauen. In dem mannlichen Traum
Hnde man »wild garende Welten, Miltons arbeitendes Chaos und
Geister-Gefecht«. Dazu die FuBnote: »Wie wild miissen z. B. in
einem Callot, Dante, Cromwell, Robespierre etc. die Wolken
der Traume gegeneinander rennen!« Die weiblichen Traume aber
werden verglichen mit den »Bienen, die noch im Mondschein
umhertonen und die Lindenbliiten, zu deren Genusse der lange
Sommertag zu kurz geworden, noch in der Nacht ausschlurfen.«
- Kurz vor dem »Achten Reise-Anzeiger« der >Palingenesien<
NACHWORT 1243
nimmt Jean Paul einen Augenblick des Aufblickens zum aus-
losenden Moment der Vision: »so rauscht' es plotzlich durch den
ganzen Garten — ich blickte erschrocken auf — da schauete mich
der ganze Himmel mit alien seinen tausend ewigen stillen Augen
freundlich an - der halbe Mond stand wie ein glanzendes Stirn-
blatt in seiner Mine - der Stern der gesichelten Zeit, der Saturn,
war versenkt - ein Flug Zugvogel sank aus dem Blau in unseren
Friihling mit freudigen Lauten nieder - die Geisterstunde schlug
in den Tiirmen aus, und die ersten Minuten des Morgens und der
Hoffnung kamen an - der bewaffnete Komet der Angst zerging
an den ewigen Sonnen im Nebel, und ich hielt es fur Siinde, von
der Vorsehung so leicht zu erwarten, daB sie den hochsten
Schmerz iiber ein wundes Herz verhange « Im Moment des
Aufblickens wird auBere und innere Landschaft, Wahrnehmung
und Vorstellung zu einem weiten Bild vereinigt. — SchlieBlich
macht der Erzahler im Fiinften Brief von >Briefe und bevor-
stehender Lebenslauf< eine Abschweifung iiber das Traumen und
zahlt u. a. die Meinungen von Addison und Haller, von Hemster-
huis und Dionysius, vor allem seine eigenen auf,
Man kann Jean Pauls Traumprosa aus dem Context heraus-
gelost betrachten, sollte dabei aber nicht vergessen, daB sie zu-
meist in den umgebenden Text hineinkomponiert ist, so daB Be-
wegungen und Motive von ihr dorthin ausstrahlen und, umge-
kehrt, von dort in sie hineinreichen. So, wie die Traumprosa
selbst nicht durch blinde Assoziationsvorgange zustande kam,
sondern nach genau vorher festgelegter Gliederung geschrieben
wurde - das ist aus den Vorarbeiten ersichtlich -, so wurde sie
auch in die einzelnen Kapitel oder Vorreden hineingeplant. Ver-
flechtung wurde auch dann vom Autor herzustellen versucht,
wenn bereits friiher entstandene Traumstucke in spatere Zusam-
menhange aufgenommen wurden.
Das Traumstuck >Die Mondfinsternis< bezieht sich sowohl auf
den Text vorher wie auf den Text nachher. Es ist ein poetischer
Beleg- und Eroberungstext, der der Unterhaltung Jean Pauls mit
Fraischdorfer folgt: als ein Dokument fiir die Auffassung Jean
Pauls, als ein praktisches Probestiick, als Widerhaken gegen die
1244 NACHWORT
Theorien des »ausgeblasenen Lercheneis«. Insofern bezieht sich
der Traum zuriick. Noch mehr: mit seinen Motiven der Zernich-
tung der Jungfraulichkeit und weib lichen Eigenstandigkeit durch
die Manner kniipft er ebenfalls an Vorhergehendem an, bezieht
sich auf Pauline, die ihrem pedantischen Brautigam entgegen-
fahrt, und der Jean Paul schon vorher die abschreckende Moritat
einer Braut erzahlt hat, ;»die auf dem Kammerwagen von dem
sonst steilern Bindlocher Berg den Armen ihres Brautigams unter
einem Gewitter mit scheugewordenen Pferden entgegenfuhr,
unter die Rader gestiirzt und vor seinen gemarterten Augen den
getauschten hoffenden Geist aufgegeben habe.« Eben dieser Pau-
line wird die »kleine Dichtung« »unter dem groBen Himmel der
Nacht« iibergeben. - Aber beides, die dem Ehestand zusteuernde
Pauline und das Traumstuck, das die Bedrohungen des Jungfern-
standes umspielt, deutet voraus auf die Geschichte vom Fixlein,
in der eine Heiratsgeschichte, wenn auch eine gliickliche, mit
ihren versteckten Fahrnissen geschildert wird. Das Gewebe der
typisch jeanpaulischen Erzahlkunst wird sichtbar mit seinen in-
und iibereinander verlaufenden Faden.
Die Traumpassagen der Fixlein-Handlung nehmen ihrerseits
die Faden des Mondfinsternis-Textes wieder auf. An das Gelob-
nis des Sonnenjiinglings, des Genius der Religion: mit der Ge-
stalt ihres Geliebten wolle er seine Gestalt verschonern, erinnert
die Liebesvision der beiden Verlobten am Ende des Fiinften
Zettelkastens : der Mond »schien ein entriickter kleinerer Friih-
ling zu sein und ein aus Menschenliebe lachelnder Christuskopf«.
Die wFriihlinge der Erde«, die in dem Traumstuck »in glanzenden
Traumen voriiberziehn«, wiederholen sich in der Friihlingsvision
am Beginn des Eilften Zettelkastens. Im Todesschauer-Traum
im vierzehnten Zettelkasten wiederholt sich der »Schattenzeiger
der Ewigkeit« aus der >Mondfinsternis< in dem gespenstischen
Bild der Uhren-Maschinerie: »aber eine ausgebrochene Eisen-
zacke lieB die Gewichter in einem fort rollen und den Glocken-
hammer fortschlagen...«.
Die Idylle vom Quintus steigert sich am Ende zu dem beruhm-
ten Gang Jean Pauls durch die Nacht: eine einzige Druckseite
NACHWORT I24J
nur, aber ein Meisterstuck jeanpaulischer Prosa (S. 191): »Und
ich ging ohne Ziel durch Walder, durch Taler und uber Bache
und durch schlafende Dorfer, urn die groBe Nacht zu genieBen
wie einen Tag...« Schauerempfindsamkeit und groBe Hymne
verschwistern sich hier wie selten und fuhren miteinander die
Mondfinsternis- Vision der Vorrede zu ihrem rechten Ende,
indem sie das Hier und Heute mit der Anrufung des Gestirns
verkniipfen: »Ach, blutiger Krieg, weiche wie der rotliche Mars,
und, stiller Friede, komme wie der milde zerteilte Mond!«-
IV
Die Geschichte vom Quintus Fixlein 1st eine Idylle, gespickt mit
einzelnen satirischen Einfallen, an einigen Stellen in den hohen
Stil erhoben. Ein Hinweis darauf steht bereits in einem Brief an
Otto vom 24. Juli 1793; Jean Paul erwahnt dort ein neues Werk
der »niederlandischen Gruppe«. Zuruckdeutende Anklange an
den >Wutz<, vordeutende an >Siebenkas< sind unverkennbar. Die
Wurzeln zum >Fixlein< scheinen in einem fragmentarischen Ju-
gendwerk zu liegen, einer Burleske in Ich-Form, in der ein Sub-
quintus die fixe Idee hat, bereits gestorben zu sein. - Im Juni
1794 wird die Niederschrift begonnen, im Mai 1795 ist sie fertig-
gestellt.
Der Verlauf der Handlung kann in wenigen Satzen wieder-
gegeben werden: Ein Schulmeister, der von dem Aberglauben
erfullt ist, an einem bestimmten Tag zu sterben, wird zum Kon-
rektor befordert, verlobt sich mit einem armen Edelfraulein und
kommt durch grotesken Zufall zu der ersehnten Pfarrstelle in
seinem Heimatdorf. Heirat, erste Predigt, Investitur, Geburt
eines Sohnes bilden die Hohepunkte des Handlungsablaufes.
Schliefilich tritt der Erzahler mit Namen Jean Paul selbst auf,
beginnt in der Handlung mitzuspielen, wird Taufpate, schreibt
die Lebensgeschichte des Fixlein. Unterdessen glaubte der Idyl-
lenheld, das gefahrlich drohende Todesdatum uberlebt zu haben,
Aber das erweist sich als unrichtig, als ein Betrug seiner Mutter.
124^ NACHWORT
Er wird krank und droht tatsachlich zu sterben. Jean Paul heilt
seine Hypochondrie unter merkwurdigen Umstanden und ver-
laBt dann das Dorf.
Dies alles ist kunstvoll durch Vorreden vorbereitet, durch
Theorien gestiitzt, in Idyllen-Details und mit Nebenumstanden
ausgemalt, mit Extrablattern durchsetzt, mit witzigen Einfallen
bewegt und, wie wir sahen, in Traumprosastellen verdichtet und
zusammengefaBt.
Wie die anspruchslose Handlung sich in eine Versammlung
von Einzelattraktionen ausweitet, kann der Leser von Station zu
Station beobachten: Jede ist in sich abgerundet ausgefiihrt und
der vorhergehenden angereiht, verbunden durch >den Erzahlen,
der gleichsam einen Teppich aus einzelnen Flecken zusammen-
fugt. Garterihaus- und Kiichenidylle, Erzahlung vom Hiihnerhof
des Universitatsprofessors, Abendessen, abendlicher Blumen-
dampf im Garten, Nachtlufte, Krankenbesuch, absonderliche
Fixleinsche Werke: Sammlung von Druckfehlern, Philologie
auf statistisch-numerischer Basis (schon von Fixlein als revolu-
tion^ geplant, schon von Jean Paul als biedermeierlich durch-
schaut), eine Anmerkung iaber Gebetradlein, Winter mit Eis-
blumen am Fenster (»er konnte nun Pechholz in den Ofen und
Mohrenkaffee in den Magen nachlegen«): »Fixlein« wird ein
Hohepunkt der idyllischen Gattung im Gesamtwerk Jean Pauls.
Der Humor, als das umgekehrt Erhabene, vernichtet nicht das
einzelne, sondern das Endliche »durch den Kontrast mit der
Idee«. Das Endliche wird tiberfuhrt durch eine Unsumme von
Einzelheiten. Sachen werden nicht ^mmal, sondern mehrmals
benannt: mit ausgefallensten Zusammensetzungen, mit Fremd-
worten. Die Bedeutung der Worter wird iiberfrachtet. Durch
diese Entleerung hindurch ist der Blick auf das Ganze angestrebt,
auf anderem Weg allerdings als durch Abstand und Flug. Der
personlich eingreifende Erzahler will dazu verhelfen. Ein gewis-
ses Vielwissen sei zuzumuten; denn »zuletzt mufi die Erde ein
Land werden«. Durch die zerstorende Wirkung des Vielwissens
miisse es einen Zugang zum wganzen Wissen« geben; durch die
des Vielliebens einen Weg zur wganzen Liebe«. Auf die Grotesk-
NACHWORT 1247
gebilde der Komik sucht der Erzahler EinfluB zu nehmen, indem
er durch ein Moment der Sympathie die Disharmonien zwar nicht
aufhebt, sie aber fur seinen Versuch, das »vollschlagende Herz«
auf idyllischen Umwegen zu offenbaren, dienstbar macht. Von
einer Magie der Idylle verspricht sich Jean Paul in dem Anhang
zum >Fixlein<; >Ober die natiirliche Magie der Einbildungskraft*
Erfolg, nicht von einer Abschilderung des Milieus. »Die Teile
miissen wirklich, aber das Ganze idealisch sein. Die richtigste
Beschreibung einer Gegend gehoret darum noch in keinen Mu-
senalmanach, sondern mehr in ein Flurbuch - ein Protokoll ist
darum noch keine Szene aus einem Lustspiel - die Nachahmung
der Natur ist noch keine Dichtkunst«, lautet sein anti-naturalisti-
sches Programm.
Betrachtet man im >Fixlein< die Ehe-Idylle, also einen kon-
kreten Realitatsfall, und vergleicht ihn mit den mannigfachen
Variationen desselben Themas in den benachbarten Schriften
Jean Pauls, so bemerkt man die Unsicherheit und Problematik in
seiner Idyllen-Theorie. In der Vorrede wird die Verkehrung der
Liebe in Niitzlichkeit angeprangert. »Wenn dann nun die reichste
beste Seele . . . mit den ungesattigten verschmahten Anlagen ein-
gesenket wird ins ubermauerte Burgverlies der Ehe - . . . , ihre
Sonne schleicht ungesehen iiber ihren bewolkten und unterirdi-
schen Lebenstag von einem Grade zum andern, und unter Schmer-
zen und PfHchten kommt die Dunkle an dem Abend ihres kleinen
Daseins an - und sie hat es nie erfahren, wessen sie wiirdig war,
und im Alter hat sie alles vergessen, was sie sonst in der Morgen-
rote etwarr haben wollte . . .« In der Idylle selbst kann (soil die Ehe
nicht satirisch oder tragisch beleuchtet und damit die Gesetzlich-
keit der Idylle verletzt werden) ein solcher Gedankengang gegen
das Niitzlichkeitsprinzip nicht ausgefuhrt werden. Er kann nicht
einmal als Gegenspiel, als unterstreichendes, Glaubhaftigkeit for-
derndes Moment in einer posidven Darstellung verwendet wer-
den; die Tonart der Idylle vertragt es nicht. - Im darauf folgen-
den >Siebenkas< wird die GesetzmaBigkeit der reinen Idylle ver-
lassen, die Ehe Lenettens mit Siebenkas erscheint in satirischer
Beleuchtung. Doch fallt Jean Paul nicht in die Einstrahnigkeit
I248 NACHWORT
seiner friiheren Satiren zuriick, ebensowenig wie in die Simplizi-
tat der Idylle. Wohl erscheihen einzelne Ziige dieses Burgver-
Heses »Ehe« im >Siebenkas< in satirischer Zeichnung, nicht aber
geraten die beiden Ehepartner selbst in satirische Verzerrung:
fiir beide, fiir Lenette sowohl wie fiir den Eheherrn, bewahrt der
Erzahler die Sympathie des Humors. Aus den festgelegten Gat-
tungen des achtzehnten Jahrhunderts weiB sich Jean Paul durch
differenziertere Darstellungen herauszuziehen. Er entgeht, vom
»Fixlein< bis zu den >Flegeljahren<, mehr und mehr den literari-
schen Modellen, den idyllischen und satirischen Schwarz-WeiB-
Figuren, und findet, einerseits, in dieser kurzen Periode zu der
seinem Impuls entsprechenden Schreibweise hin.
Einerseits; aber die Ansatze zu einer eingrenzenden, Wunsch-
bildern statt Erfahrungen nachhangenden Idylle waren damit
nicht abgeschnitten. In der >Konjektural-Biographie<, geschrie-
ben im Winter 1798 in Weimar, gedruckt 1799, entwirft Jean
Paul ein Bild seiner zukiinftigen Ehe: er schildert seine Haus-
vaterschaft, das Kinderkonzert, die sanfte Hausfrau, den idyllisch-
magischen Heiratsbund. Die Konjektural-Biographie erscheint
ein Jahr vor seiner Werbung. Am 27. Mai 1801 heiratet Jean Paul,
38jahrig, nach mannigfachen Liebeswirren, in Berlin Karoline
Mayer. Seine hochgespannte HofTnung auf Verwirklichung einer
Idylle der gehobenen Art konnte nur enttauscht werden. Diese
Ehe vor dem Hintergrund einer schriftstellerischen Konzeption
zu betrachten, ware kein auBenseiterisches, abgelegenes Unter-
fangen. Ein Gespenst der Feme, der Ungeniige, der Masken-
haftigkeit, der Leere scheint sich mehr und mehr zwischen
die Ehegatten geschoben zu haben, die mit den besten Vor-
satzen und nach den Gesetzen der Idylle ihren Weg zusammen
antraten.
Diesen Jahren gin gen stiirmische Zeiten von Jean Pauls »Samm-
oder Zugleich-, auch Simultan- oder Tuttiliebe« voran, die ihn,
NACHWORT 1249
bei rasch wechselnden Freundschaften und zugleich harter Arbeit
am Schreibtisch, mehr und mehr in seine Einzelposition hinein-
trieben, ihm das Gefuhl der Isolierung gaben. 1796, das Jahr
der ersten Teile des >Siebenkas<, Beginn des >Jubelsenior<,
brachte die Annaherung an Charlotte von Kalb : »Sie ist ein Weib
wiekeines, mit einem allmachtigen Herzen, mit einem Felsen-Ich,
eine Woldemarin...« - 1796/97, die Zeit, in der >Das Kampaner
Tal< entsteht, zeigt Jean Paul in der Nahe der Julie von Krudner:
»Sie kamen wie ein'Traum; Sie flohen wie ein Traum, und ich
lebe noch wie in einem Traum«. - 1798, das Jahr der >Palin-
genesien< und der >Konjekturalbiographie<, bindet ihn voruber-
gehend an Emilie von Berlepsch: »Ich habe nun im Leben Einer
Woche mit ihr zum erstenmal erfahren, dafi es eine reine einfache
bestimmte weibliche Seele gibt, die einen bessernden GenuB,
ohne Eine Ecke gewahrt und aus der ich nichts wegverlangte:
diese Emilie hat mich erhoben und ich sie. Lieber Oertel, dringe
starker in ihre Geschichte und Seele und du findest, was ich zum
erstenmal fand: so viele kiihle Besonnenheit und Unsinnlichkeit
bei einer idealischen Phantasie . . .«
In allem diesem Auf und Ab versuchte Jean Paul seinen poeti-
schen Flug logisch zu begriinden und ihn mit seinen philosophi-
schen Oberlegungen in Einklang zu bringen. >Das Kampaner Tal
oder iiber die Unsterblichkeit der Seele< ist, neben der >Vorrede
zur zweiten Auflage des Fixlehu, dafiir das Hauptdokument. Von
einer enthusiastischen Schilderung des Pyrenaen-Tals ausgehend,
begibt sich der Erzahler in philosophische Diskussionen mit
Anhangern von Kant und Fichte, verteidigt, in Anlehnung an
Jacobis Romane >AUwill< und >Woldemar<, den »Sinn« innerhalb
der »Sinnlosigkeit«, in kosmischem Schmerz und menschlicher
Nichtigkeit; denn »das innere Universum, das noch herrlicher ist
als das auBere, braucht einen andern Himmel als den iiber uns,
und eine hohere Welt, als sich an einer Sonne warmt.« Das Medi-
tieren iiber eine fremde, nicht erkannte Welt, die an die von
Menschen bewohnte »Geisterinsel« Erde grenzt, beherrscht das
Denken Jean Pauls; hier Hegt die Verbindung seiner Traum-
visionen samt ihrer spannungsgeladenen Metaphorik mit seinen
I25O NACHWORT
philosophischen Theorien. »Der Mensch wohnt hier auf einer
Geisterinsek, heiCt es dazu in der >VorschuIe zur Asthetik<,
»nichts ist leblos und unbedeutend, Stimmen ohne Gestalten, Ge-
stalten, welche schweigen, gehoren vielleicht zusammen, und wir
sollen ahnen; denn alles zeigt iiber die Geisterinsel himiber, in ein
fremdes Meer hinaus.« Dieser Spannung zwischen Bekannt und
Fremd, Geist und Natur »verdanken wir nicht allein Gott, son-
dern auch die kleine poetische Blume, die Metapher.« Zusammen-
hange zwischen Jean Pauls Poetik und Religiositat treten zutage.
Etwas vollig Anderes, Nicht-Menschliches stehe dem Reich der
menschlichen Erkenntnis gegenuber: »Daher sagt man mit Recht
nicht die zweite Erde oder Weltkugel, sondern die zweite Welt,
d. h. eine andere jenseits des Universums.«
Gegen Fichtes Philosophic setzt er im >Kampaner Tal< die
Satze: »Auf die Zeit, auf ein ewiges Ich in uns, auf ein ewiges Du
iiber uns miissen wir hoffen ... so sei uns die Vernunft oder das
lichte Ich keine selbstschaffende ziehende Sonne, sondern nur
eine lichte Ritze und Fuge am irdischen Klostergewolbe, durch
welche der feme ausgebrekete Feuerhimmel in einem sanften und
vollendeten Kreise bricht und brennt.«
Mit einem Traum-Flugbild beschlieBt er diese Schrift, ein Bild,
das die >Klage ohne Trost<, die an die >Rede des toten Christus<
erinnert, an Spannkraft ubertrifFt. Jean Pauls Ausblick durch das
»irdische Klostergewolbe« hind urchgeht so weit, als sein»Sprach-
gewolbe« dariiber hinreicht. Noch in der einzelnen Metapher ist
dieSonanz dieses Gewolbes zu erkennen, ein Zeichen fiir Stil. In
seinen Erzahlungen fiihrte er mit Gluck seine »drei« Wege vor,
auf denen er Scheitel und Sohle des Gewolbes, Traumweite und
Idyllennahe auszumessen und damit »gliicklicher zu werden« an-
getreten war. Er skizziert sie im >Billett an meine Freunde* gleich
zu Beginn dieses Bandes und praktiziert sie, naher besehen, auf
alien darnach folgenden Seiten: >>Ich konnte nie mehr als drei
Wege, gliicklicher (nicht glucklich) zu werden, auskundschaften.
Der erste, der in die Hohe geht, ist : so weit iiber das Gewolke des
Lebens hinauszudringen, daB man die ganze auBere Welt mit
ihren Wolfsgruben, Beinhausern und Gewitterableitern von wei-
NACHWORT 125 1
tern unter seinen FuBen nur wie ein eingeschrumpftes Kinder-
gartchen liegen sieht. - Der zweite ist: - gerade herabzufallen
ins Gartchen und da sich so einheimisch in eine Furche einzu-
nisten, daB, wenn man aus seinem warmen Lerchennest hinaus-
sieht, man ebenfalls keine Wolfsgruben, Beinhauser und Stangen,
sondern nur Ahren erblickt, deren jede fur den Nestvogel ein
Baum und ein Sonnen-Regenschirm ist. — Der dritte endlich —
den kh fur den schwersten und kliigsten hake - ist der, mit den
beiden andern zu wechseln.«
Walter Hollerer
INHALT
QUINTUS FIXLEIN
BUlett an meine Freunde, anstatt der Vorrede \ 9
Geschichte meiner Vorrede zur zweiten Auflage des Quintus
Fixlein 15
Die Mondfinsternis 38
I. MUSSTEIL FUR MXDCHEN
i . Der Tod etnes Engels 45
2. Der Mond. Phantasierende Geschichte 50
II. Des Quintus Fixlein Leben bis auf unsere Zeiten
Erster Zettelkasten
Hundstagsferien - Visiten - eine Hausarme von Adel 65
Zweiter Zettelkasten
Frau von Aufhammer-Kindheits-Resonanz - Schriftstellerei 78
D ritter Zettelkasten
Weihnachts-Chiliasmus — neuer Zufall 87
Vierter Zettelkasten
Amter-VerschleiB - Entdeckung des versprochenen Geheim-
nisses - Hans von Fiichslein 92
Funfter Zettelkasten
Der Kantatesonntag — zwei Testamente — Pontak — Blut — Liebe 102
Sechster Zettelkasten
Amter-Impost - eine der wichtigsten Suppliken . . ; 117
Siebenter Zettelkasten
Predigt - Schulaktus - prachtiger Irrtum 1 26
Achter Zettelkasten
Einzug in die Pfarre 137
1254 INHALT
Neunter Zettelhasten
Hochzeit 145
Zehnter Zettelkasten
Der Thomas- und Geburtstag 151
Eilfter Zettelkasten
Friihling -Investitur — und Niederkunft 158
Zwolfter Zettelkasten
Turmknopf-Aszension — das Scbrankchen 171
Drei^ehnter Zettelkasten
Tauftag 173
Vier^ehnter Zettelkasten 177
Let^tes Kapitel .' 181
III. ElNIGE JUS DE TABLETTE FUR MaNNSPERSONEN
i. t)ber die natiirliche Magie der Einbildungskraft 195
2. Des Amts-Vogts Josuah Freudel Klaglibell gegen seinen
verfluchten Damon 206
3. Es gibt weder eine eigenniitzige Liebe noch eine Selbstliebe,
sondern nur eigenniitzige Handlungen 219
4. Des Rektors Florian Falbels und seiner Primaner Reise nach
dem Fichtelberg 226
5. Postskript 258
BIOGRAPHISCHE BELUSTIGUNGEN
Vorrede 265
Biographische Belustigungen
Erste biographische Belustigung
Die bleierne Jungfer Europa - das Schlachtfeld - die Melan-
cholie - der Friihling : 269
Zwelte biographische Belustigung
Die Jungfer Europa - Baurede 29 1
INHALT 1255
Dr'ttte biographische Belustigung
Anfang der Historic — die magnetische Hand - das miitterliche
Gesprach - das Echo bei Genetay 297
Vierte biographische Belustigung
Der Tod 315
Fiinfte biographische Belustigung
Trauer einer guten Tochter- Neujahrstag - Derbystoner- Vase -
Zweck der Ehe - Argwohn 319
Sechste biographische Belustigung
Der Vor-Friihling - Echo-Dreiklang - der Honig-Essig der
Widerspruche der Li,ebe - unsre Armut an Liebe 331
Satirischer Appendix
Vorrede zum satirischen Appendix,
oder Extrakt aus den Gerichtsakten des summarischen Ver-
fahrens in Sachen der Leser, Klagern, contra Jean Paul, Beklag-
ten, Satiren, Abhandlungen und Digressionen des letztern
betreffend 347
Erster Appendix
Die Salatkirchweih in Obersees, oder fremde Eitelkeit und
eigne Bescheidenheit 363
DER JUBELSENIOR
Prodromus galeatus 411
Erster offi{ieller Bericht
Der Konsistoriaft ote - Fraulein von Sackenbach - der Ring
und Star - empfindsame Reiseroute - Beitrag zumTitel de con-
tractibus bilateralibus 416
Erster Hirten- und Zirkelbrief
Ober Briefforrn - Verjahrung des Verdienstes - ehelichen HaI3
- und iiber das Kinderspiel des Lebens 43 1
I256 INHALT
Z welter offiiieller Bericht
Der Spitzbubenstreich - Noten - der Rest der Rezension - die
Clairvoyante aus dem KafFee 439
Z welter Hirten- und Zirkelbrief
Gravamina der deutschen Schauspielergesellschaften, die mor-
derischen Naqhstellungen der deutschen Tragiker betreffend . 446
D rater offiiieller Bericht
Deus ex machina - und dessen schone SuppHk 458
Dritter Hirten- oder Zirkelbrief
Ober den Egoismus 467
Vierter offiiieller Bericht
Ober die griine Schote welker Kerne - Ankunft - Lob des Pet-
schafts — Hollenangst vor einem magnetischen Wels und vor
einem Vexierbild - Auflosung des Knotens 473
Vierter Hirten- oder Zirkelbrief
worin die drei versprochenen Ausschweifungen gemacht wer-
den 498
Fiinfter offiiieller Bericht
Morgenmilch der Freude - Kirchgang - die funfzehn Strophen
oder Stufen der Himmelsleiter — Weissagungen - Predigten -
die Landkarten - der Buchdrucker - uber das Schnupfen der
Weiber — Goldschleien — neuer Akteur - Ende mit Schrecken
und Freude 502
Appendix des Appendix oder meine Chrlstnacht 545
DAS KAMPANER TAL
Vorbericht 563
Das Kampaner Tal
So i. Station
Das Allerlei des Lebens - das Trauergedicht als billet doux -
die Hohle — die Oberraschung '. 571
INHALT 1257
502. Station
Der donnernde Morgen - die kleine Tour nach der groBen -
die Kanapeepolster '. 580
503. Station
Pasquill auf den Kaplan - Lobrede auf ihn - der Diamant -
Einwurfe gegen die Unsterblichkeit — Eden-Scherze 587
50 4. Station
Blumen-Tandeleien 592
50 5. Station
Die Epherriere - uber die relativen Schliisse - Zweifel gegen die
Lange der Wesenleiter - der Warzenfresser - die Kur 594
50 6. Station
Einwurfe gegen die Unsterblichkeit - die Einkindschaft des
auBern und innern Menschen 600
Soy. Station
Der Diebstahl des Souvenirs - Antworten auf vorige Stationen
- uber die Auswanderung der Toten in fremde Planeten - die
dreifache Welt im Menschen - die Klage ohne Trost - Siegel ,
der Unsterblichkeit - das LustschloB - die Montgolfieren -
Entzuckungen 605
Erklarung der Holzschnitte
Historische Einleitung
Die Offiziere - der Taufengel - der Kirschkern - das Konterfei 629
/. Holiplatte des ersten Gebots
Speziflscher Unterschied zwischen Amtsinhabern und Amts-
verwesern - Ouvertiire des kiinftigen Konzerts - Mastanstalten
fiir Monche 637
IL Holiplatte des ^weiten Gebots
Der Steinhagel - der Stab des heiligen Rochus 645
///. Holiplatte des dritten Gebots
Paritat der Religionen in der Kleidung .- Spitzbiibinnenstreiche 650
I258 INHALT
IV, Holiplatte des vie r ten Gebots
Der schlafende Cicero und clairvoyant - harmonia praestabilita 656
V. Holiplfltte des fiinften Gebots
Beschreibung der gegenwartigen Platte - Bestimmung der
Biicherverbote , 660
VI. Hol^platte des sechsten Gebots
Das FuBwaschen am griinen Donnerstag - der Gesang im
Bade — Tadel der Ausleger, der Zweideutigkeiten und Thum-
mels — Lob der Reginen, der Ehebriiche und des Erdballes . . 664
VII. Hol% plane des siebenten Gebots
Gluck iiber Gluck - Zenturien und Departements der Diebe -
Nachteile der Volksarmut 675
VIII. Holiplatte des achten Gebots
Aktenauszug des Injurienprozesses, Prugel betreffend - Land-
stande in partibus infidelium - poetischer Geist der preuBischen
Kopisten 683
IX. Holiplatte des neunten Gebots
Lowe der Justiz - schwache Seite des Revisors 691
X. Holiplatte des lehnten Gebots
Vokationen - Erkennungen 695
; XL Erster Freudenstock
Erklarung desselben - Brief eines Mannes von Welt 700
XII. Zweiter und letter Freudenstock
Die chymische Verwandtschaft des Traums, des Geburtstages,
des Sterbetages und des Finis 705
PALINGENESIEN
(FATA UND WERKE VOR UND IN NORNBERG)
Erstes Bandchen
OfFner Brief an Leibgeber anstatt der Vorrede 721
Alte Vorrede von Siebenkas selber 732
INHALT 12-59
Erster Reise-An^eiger
Fata:, meine Werthers Freuden in der Ehe - meine Werthers
Leiden - das gefahrliche Beriihren meiner brieflichen Bundes-
lade - der 21. Marz voll scharfem Marzstaub - der Vorsatz . . . 740
Werke: mein Protokoll und Nachtblatt der Schlafer 755
Zweiter Reise- An%eiger
Fata: der Hornrichter StuB - Mr. le Comte Sebaud de Barail-
lon — warme Kalte des Herzens - die Lust auf Lustreisen - der
Lazarus an der Mutterbrust - Baireuther billet doux und poeti-
sche Episteln aus Blech 762
IVerke: mens Sana in corpore insano 764
Rekommendationsschreiben fur Lottos 770
Statuten der historischen Gesellschaften in Baireuth, Hof etc. 777
Die Sponsalien im Muff 783
Dritter Reise- An^eiger
Fata: mein Traum - und ein fremder - der Brief 788
IVerke: ob nicht dem Mangel an Selbstrezensionen der Ablauf
der empfindsamen Kraftdekade schuld zu geben? 789
Vierter Reise- An^eiger
Fata: Kleider-Simultaneum - mein consilium abeundi in Er-
lang - mein innerer Landsturm gegen Kellner und Kantianer -
die schone Nacht in der schonen Nacht 802
Werke: warum der Kantianer andere leichter bekehren und
verstehen kann als sich 812
ZWEITES BXNDCHEN
Frachtbrief vom Juden Mendel 823
Funfter Reise- An^eiger
Fata: Grenzrezesse - der PaB des Grafen - die Feierlichkeiten
bei meinem Einzug - Jagd nach Georgetten und Briefen 827
Werke: Brief des Herrn Hans von Hansmann uber seine 365
Gevattern 834 -
Sechster Reise-An^eiger
Fata: die Monatswesten - das Haussuchen nach Georgetten -
ll6o INHALT
der Elegant und roue von Niirnberg - der schone Sonntag auf
dem Dutzendteich — NUrnbergs Beleuchtung — der Meister-
sanger — und seine Werkstatt — meine Not mit meiner Tochter 836
Werke: syrisches Schreiben uber den Wanderungstrieb der
Edelleute 858
Siebenter Reise-An^eiger
Fata: die epistolarische Expektantenbank - der Geburtstag
und die Versohnung 861
Werke: Habermanns logischer und geographischer Kursus
durch Europa, von ihm selber ganz summarisch dem Erbprin-
zen der MilchstraBe vorgetragen 865
Achter Reise-An^eiger
Fata: meine Todesangst vor dem ReichsschuItheiB -peinliches
Interrogatorium - zwei Siebenkase — zwei J.P's 891
Werke: Avertissement meiner Rettungsanstalten auf dem
Buchbinderblatte, ftir romantische Scheintote 899
Personalien vom Bedienten- und Maschinenmann 901
Fabel vom zepterfahigen Baren 908
Ausziige aus Briefen 908
Neunter Reise-An^eiger
Fata: der Irrgarten - der Gethsemane-Garten - das Paradies-
Gartlein 913
Werke (der Liebe, nicht der Not): siehe Fata
BRIEFE UND BEVORSTEHENDER LEBENSLAUF
Vorrede 927
Erster Brief. An Frau Speiialin Zeitmann
Einladung zum dejeuner dansant - iiber das Lesen der Mad-
chen 931
Postskript: Privilegiertes Testament fur meine Tochter 933
Zweiter Brief. An Marietta Zeitmann
Der Stumme mit den Blumen - der eiserne Blumengarten . . . 939
Postskript: Luna am Tage 940
INHALT I26l
Dritter Brief. An Doktor Viktor
StraBenbettler und StraBen - meine neuen Bekanntschaften —
Hut-Orden - heutige Achtung fur das Alter - Gemeinwesen
von Kuhschnappel - nahere Berichte worn Gremser Pickenick 942
Postskript: Bittschrift an die deutsche Hut- Union 954
Vierter Brief. An Benigna
Uber die Geduld der Madchen und der Frauen 958
Postskripte : Der doppelte Schwur der Besserung 960
Die Neujahrsnacht eines Ungliicklichen . . . . ; 965
Fiinfter Brief An den Korrespondent Fisch
Ober das Zeitungslesen 967
Postskripte: 1. Die wandelnde Aurora 970
2. Ober das Traumen 971
Sechster Brief An Doktor Viktor
Visiten-Ouvertiire der Kuhschnappler - das Feuerwerk am Tag
— Tanz-Hemmschuhe - Eifersucht — Kartoffeln - jetzige Hof-
lichkeit der Literatur - der geistige Markzieher - Kuhschnapp-
ler Tischreden - Schauspieler - Schuldramen - Kirschernte -
Wetter und Wetterprophezeiung - biblisches Personale - Ende
vom Klaglied 983
Postskript: Brief uber die Philosophie 10 14
KONJEKTURAL-Bl OGRAPHIE
Erste poetische Epistel
Mein Giitlein Mittelspitz 1027
Zweite poetische Epistel
Zank mit den Hagestolzen - elektrische Liebeserklarung — die
Urne - EinschluB an Rosinetten 103 1
Dritte poetische Epistel
Mein Brautigamsstand - heiliger Abend vor dem Hochzeitfest 1042
Vierte poetische Epistel
Der italienische Tag , i°47
1262 INHALT
Funfte poetlsche Epistel
Meine Hausvaterschaft - das Kinderkonzert • 1056
Sechste poetlsche Epistel
Ich als literarischer Jubilar - und als Greis 1064
Siebente poetlsche Epistel
Das Ende 1075
DAS HEIMLICHE KLAGLIED UND DIE WUNDERBARE
GESELLSCHAFT
Vorrede zu Vorreden 1083
I. Das heimliche Klaglied der jetzigen Manner
Erste Ruhestunde
Rasonierender Katalog der handelnden Personen — der April-
narr 1089
Zweite Ruhestunde
Mondscheinblatt - Niquille - kosmetische Hungerkur - Vater-
martern 1097
Drltte Ruhestunde
Betrachtungen uber das Klaglied - fernere Strophen desselben
- das edle Bergwesen - Wolfgang - Cara 1 101
Vlerte Ruhestunde
Der Leder-Arm - air a trois notes - Enthullungen aller Art -
Verhullung 1 108
II. Die wunderbare Gesellschaft in der Neujahrsnacht 1 121
ANHANG
Anmerkungen zum Quintus Fixlein 1 141
Anmerkungen zu den Biographischen Belustigungen 1 163
r
INHALT I263
Anmerkungen zum Jubelsenior 1 173
Anmerkungen zum Kampaner Tal 1 185
Anmerkungen zu den Palingenesien 11 97
Anmerkungen zu den Briefen und bevorstehendem Lebenslauf 121 2
Anmerkungen zum Heimlichen Klaglied 1221
Nachwort 1226
1
Dieses Buch, einschliefilich Vorsatzpapier und
Schutzurnschlag, wurde auf Recyclingpapier gedruckt,
das zu 100% aus Altpapier besteht.
Das Eiiibandleinen, das Kapitalband und das Leseband sind
aus 100% ungefarbter und ungebleichter Baumwolle.